kIV>00000»SS1322 ß at E L I E von litzl'I'tt !^I,»l'^880I' ^ ^ .lolu Ol'ttlli. E ^Ssxs^sxs'^s-^s^s-^s- -^SXS^S'^G-LÄ^ Mustersammlung der Deredsamkeit. Für die Schule und das Leben.. Herausgegeben von Or. Friedrich Haupt, erstem Lehrer, und Stellvertreter des Directvrs am Schull-ehrerseminar des Kanrvns Zürich. ^larau, im Verlag bei H. R. Sauerländcr. 18 3 8 ^ Ätttt G 1 r .- - ^ '/'N;) rr^. -r k- 7 ?r r Dem hohen Erziehnngsrnthe des Cantons Zürich, dem in edlen Bestrebungen für Volksbildung ti II e r m ü d li ch thätige n, aus Pankdarkcit und Hochachtung e b r c r b i c t i g st >1 c >v i d m e t. L rr- Z >'.r /j d «L > > >7»: ^ > 'r. i^-r- Lch.':^'!r^ i<--:r' Z L Vorwort Mustersammlung / welche wir hiermit dem Publikum übergeben/ hat folgende Entstehungsgeschichte. Noch vor einem Jahr an der Kantonschnle zu Aarau als Lehrer der deutschen Sprache und Literatur in Wirksamkeit/ legte mir mein Amt die Verpflichtung auf/ Rhetorik vorzutragen/ mit der besondern Aufgabe/ den oratorischen Theil derselben alS Vorbereitung für den spätern staatsbürgerlichen Wirkungskreis der Zöglinge vorzugsweise zu berücksichtigen. Ich bekenne/ daß ich mich dadurch in keine geringe Verlegenheit versetzt sah. Die Langeweile und der Widerwille/ die mir selbst in meinen Schul- und Universitätsjahren durch den vorher mit so reger Erwartung ersehnten Unterricht in der Rhetorik verursacht worden/ konnte mir weder für mich/ noch für meine Schüler als eine sonderlich reizende Aussicht erscheinen. Und doch überzeugte ich mich leicht/ daß jenes Mißbehagen weniger jenen meinen zum Theil trefflichen Lehrern/ noch auch hauptsächlich dem wissenschaftlichen Gehalt der Lehrbücher/ sondern vor Allem dem Umstände zugeschrieben werden müsse/ daß uns keine Muster in die Hand gegeben waren/ an welchen das todte Negelnwerk zu einer lebendigen/ organischen Gestalt sich hätte verkörpern mögen/ durch deren Betrachtung das jugendliche Gemüth mit Bewunderung/ Liebe/ Hingebung erfüllt worden wäre. Ich zweifelte daher keinen Augenblick/ daß es mir gelingen mäße/ die bezeichnete Klippe zu umschiffe»/ wenn ich nur im Stande wäre/ meinen Zöglingen wahre rednerische Kunstwerke zur ernsten / liebevollen Beschauung in die Hände zu geben. Da begegnete ich aber nun der merkwürdigen Erscheinung/ daß während jede Messe uns mit einer Fluth poetischer Blumenlesen gleichsam überschüttet/ rhetorische Chrestomathien wett seltener sind/ der oratorische Theil derselben aber wo nicht ganz leer ausgeht/ doch so ärmlich bedacht ist/ daß er vom Studium der Beredsamkeit weit eher abzuschrecken/ als zu ihm hinzuziehe» geeignet erscheint. Hier trifft man auf ein in der That noch unbebautes Feld in unsrer pädagogischen Literatur.*) Ich theilte mehreren befreundeten College»/ die in dem gleichen Fache zu unterrichten hatten/ meine Ansichten und Wünsche mit/ und sah diese auf das lebhafteste getheilt und bestätigt. Nun beschloß ich nicht langer zu zögern/ und statt cS dem Zufall zu überlassen/ ob früher oder später irgendwoher diesem Bedürfniß wolle abgeholfen werde»/ selbst Hand anS Werk zu legen/ und ich hoffte mir dadurch den Dank unsrer Jugend und mehr alö Eines Lehrers zu gewinnen. Denn ich fühlte mich davon überzeugt/ daß über kurz oder lang auf sämmtlichen höheren Schnlanstalten diesem UnterrichtSgegenftand ein innigeres Interesse müsse zugewandt werde»/ als dermalen noch mehrfach der Fall zu sei» scheint. Ist cS nehmlich Aufgabe der Schule/ Vorbereitung fürS Leben zu sein; so kann sie die Forderung nicht länger abweise»/ unsre Jünglinge znr Uebung in freien/ öffentlichen Vortrügen anzuhalten. Urtheile man über Werth und Bedeutung der dermaligcn politischen Zustände/ wie man wolle: die Thatsache liegt vor/ daß der Staatsbürger zu einer hier freier»/ dort *) Nur cincm, freilich weniger von dem pädagogischen Standpunkt ausgehenden/ lilcrarischcn Unternehmen der Art aus neuerer Zeit sind wir begegnet/ das aber/ wie es scheint/ vorzüglich durch die allerdings nicht glückliche Auswahl der Neben verunglückt ist: „Bibliothek parlamentarischer Beredsamkeit/ oder die politischen Redner aller Zeiten und Völker. 8» zeitgemäßer Auswahl. Leipzig 1833; bei Otto Wigand.« Die Herausgeber sind nicht genannt; nur zwei dünne Hcftlein sind erschienen. Aus früherer Zeit können wir die Titel noch folgender Werke anführen/ von denen wir freilich bedauern müssen/ daß wir keines derselben auf den uns zugänglich gewesenen Bibliotheken vorfände«/ und/ wenn auch nur der Curiositül wegen/ vergleichen konnten. 1) Johann Christian LünigS Reden großer Herr«/ vornehmer Minister und berühmter Männer. Leipzig 1707. 12 Thle. 8. 2 ) (Johann Heinrich StußenS) Sammlung auserlesener Reden. Nordhausen 1727. und 173V. 2 Thle. 3) Johann Christoph GtockhausenS Muster der StaatSbcrcd- samkcit i» Briefen und Reden. Berlin i7c,7. 8. ä) l'arm von Vei-'>o. ä. 5) Veit Ludwig von Gcckcndorf/ deutsche Reden. Leipzig ie>86. 8. o) Joh. Christ. Gottschad/ gesammelte Reden. Leipzig 1750. s. - Vll beschränktem Theilnahme an der Leitung deS StaatslebenS gelangt ist; ohne Fertigkeit im freie»/ münölichen Vertrag aber/ wie sollte eine erfolgreiche Theilnahme möglich sein? Der VolkSreprasentant strikt ohne die Gabe der Beredsamkeit mehr oder weniger zur bedeutungslosen Nulle herab.") *) Der würdige Pölitz sagt in seinem lesenSwerthen Schriftchcn „Andeutungen über politische/ besonders parlamentarischeBeredsamkeit " unter Anderm : „Wer aber als Mitglied ständischer Versammlungen/ in deren Mitte die Oeffentlichkeit der Verhandlungen grundgcsetzlich besteht/ bald von der Rednerbühne herab/ bald vom Sitze anS/ die politische Beredsamkeit praktisch üben will/ der muß darin bereits tüchtige Vorübungen gemacht/ und die allgemeinsten Grundsätze der Theorie der Beredsamkeit steh angeeignet haben/ wenn er nicht zwischen der traurigen Alternative wählen will: entweder Bloßen zu geben/ wodurch er stch lächerlich macht/ und andre ermüdet/ oder seine Diäten blos als Statist in der Kammer abzuverdienen. Was würde man von einem Tonkünstler halten / der in einer großen Stadt ein Concert auf dem Pianoforte ankündigte/ ohne die Noten/ die Aplicatur/ und die musikalische Grammatik/ den Contra- punkt zu verstehen? was von einer UniversitätScuratel/ die einen Mann zum Astronomen ernennen wollte/ der nie ein Fernrohr in der Hand gehabt/ und höchstens eine Doppclbrille getragen hätte? was von einem Prediger/ der angestellt würde/ ohne irgend vorher die Kanzel betreten zu haben? — Und doch scheinen Manche zu meinen/ mit der politischen Beredsamkeit sei es etwas ganz anders; da werde sich wohl das alte Sprichwort bewähren: Wem Gott ein Amt gibt/ dem gibt er auch Verstand. Allein schwerlich dürfte dieser Waidspruch sich bewähren. Mögen immerhin nur Wenige durch Natur/ hohe Bildung und eigenthümliche geistige Kraft berufen und befähigt sei»/ „mit feurigen Zungen" zu sprechen/ so gehört doch schon dazu äusser- ordentlich viel/ selbst in einem beschränkter» Sinne das zu leisten/ was ein ständischer Abgeordneter — als politischer Red ner — leisten muß / wenn er die auf ihn gefallene Wahl rechtfertige»/ wenn er seinen hohen Beruf ausfülle»/ und seinem Eide auf die Verfassung und als eintretender Deputirter gcnü. gen soll. Wo Oeffentlichkeit der Sitzungen besteht: wo also der Abgeordnete des Volks im Namen und gleichsam in Gegenwart des gcsammten Volkes zu sprechen berufen und verpstichtct ist; da reicht keineswegs die angeeignete Gewandtheit in der ConversationSsprache des gewöhnlichen Lebens aus; da wird ein bestimmtes/ lückenloses/ und den ganzen Zusammenhang des Gegenstands umschließendes Bemächtigen des darzustellen den StoffS/ und gleichmäßig eine stpltstische Form der Rede erfordert/ welche durch Reinheit und Klarheit der Sprache, Das Gerichtswesen wird immer mehr dem Gnmdsgy der Oeffentlichkcit und Mündlichkcit des Verfahrens huldige» - und nach dem rühmlichen Vorgänge Preußens * *) dürften über kurz oder lang auch die übrigen Staaten Deutschlands sich genöthigt sehe»/ diesen wesentlichen Verbesserungen des Gerichtswesens bereitwillige Hand zu bieten. **) WaS soll uns aber dieser Fortschritt helfen, wenn wir unü nicht zuvor die Gabe freier Rede angeeignet haben? Die Verwaltung des Gemeinden) esenü ist theils in die Hände der Gesammtgemeine, theils des Gemeindcrathö gelegt; welches Bild bieten uns aber nicht gewöhnlich diese Berathungen dar, weil bisher so wenig, so gar nichts für Uebung im mündlichen Vortrag geschehen? Von der Leitung des Schul- und Kirche »Wesens ist ganz das Gleiche zu sagen. Kurz unser öffentliches Leben hat gegen früher einen völligen Umschwung erfahren; neue Bedürfnisse sind rege geworden. Hieße es klug gehandelt, dieselben vornehm zu ignoriren, oder schnöde abzuweisen? ES scheint daher unverkennbar: Unsre Hähern Schulanstalten müßen neben ihren allgemein menschlichen, wissenschaftlichen und technischen Zwecken sich noch die Aufgabe stellen, zur Bildung deü künftigen StaatSbürgcrS mitzuwir- durch logische Durchführung der einzelnen Theile des Stoffs, und durch unfehlbare Wirksamkeit auf den Willen und den Beschluß der Zuhörer sich ankündigt; noch völlig abgesehen von der damit in Verbindung gebrachten gemessenen und würdevollen Dcclaination und Gestikulation." *) H. Nicm cy cr „über Anleitung zu deutscher Beredsamkeit auf Gymnasien" sagt: „WaS die Rechtsgelchrten betrifft, so werden wir nun gleichfalls in unserm Staate im weiteren Umfange, wo auch in den GerichtSsälen das lebendige, beredte Wort an die Stelle der stummen Feder treten soll, es erfahren, wie schwer die vernachläßigtc Redekunst sich an vielen rächen wird. Aber auch seither hat man schon wahrnehmen muffen, wie Richter aus Ungeschick und Unbeholfenheit in der Rede sich den Parthcicn nicht deutlich machen, geschweige denn auf hartnäckige, verstockte Verbrecher, oder auf irrige Ansichten und leidenschaftliche Verblendung der Prozcffirendcn heilsam einwirken konnten." Ganz neuerdings hat auch die Würtcmbcrgische Ständever sammlung in .schönem Einklang mit der Staatsregieruug Oeffentlichkeit und Mündlichkeit im Gerichtsverfahren beschlossen. IX kcii, insbesondere haben sie die Gabe des freien/ mündlichen Vertrags über Gegenstände deö bürgerlichen Lebens möglichst zu üben und heranzubilden. Wahr sagte schon 1^2 der geniale HanS Georg Nä- geli: „Die Sprachwissenschaft mnß in den Zöglingen zur Sprach!unft erhoben werde»/ damit sie in ihrer Muttersprache fürö Leben der Wohlredenheit vermittelst der wissenschaftlichen Redekunst Meister werden. Im Leben / zumal in einem Repräsentativ.Staat/ ist die Beredsamkeit die Tugend der Tugend. Für jedes öffentliche Amt wird der Bürger nur mündig durch den Mund. Jeder soll eS werden/ weil Jeder zu einem Amte gelangen kann/ oder auch als bloßer Gemeindöbürger sich für Recht und Wahrheit auSzusprechen Anlaß und Pflicht hat." Man entgegne nicht/ daß bisher auf unsern Gvmnasicn für diesen Zweck schon hinlänglich gesorgt gewesen/ indem ja die Redner dcS Alterthums Gegenstand langejähriger Studien seyen. Wer weiß nicht/ wie Wenigen nur eS gelingt/ bei den oft sehr bedeutenden Schwierigkeiten/ welche die äußere Form darbietet/ die Rede als ein Ganzes aufzufassen/ in ihre Einheit und künstlerische Vollendung einzudringen/ und überhaupt den erhebenden Genuß aus ihr zu schöpfe»/ welchen der empfindet/ der in ungehemmtem Flusse eine Rede liest und in sich aufnimmt?*) Selbst aber auch'wenn dies bei einer größer» Zahl der Fall wäre/ als unsre Wahrnehmungen uns gezeigt haben: sollte eS nicht großen Gewinn/ die vielseitigste Anregung und Belebung bieten/ wenn die Schüler im Stande sind/ mit den Meisterwerken des Alterthums auch solche neuerer Redner zu vergleichen? müßte eine solche Lectüre nicht nach beiden Seiten hin besseres Verständniß bewirken? UeberdicS hat man eS ja alö äußerst nachtheilige Befangenheit und Einseitigkeit erkannt/ unsre Jugend blos mit den Ideen und Werken einer längst vergangenen Zeit bekannt zu machen / und *) „Eine Dichtung (oder Rede) muß als Ganzes/ als Kunst- ganzes'/ worin Alles wesentlich ist/ alle Bestandtheile organisch in einander greife»/ vorgetragen werden/ um einen harmonische»/ tiefen und zugleich lebendigen Eindruck zu machen. Sie muß nicht blos dem Denkvermögen, sondern dem ganzen Menschest/ dessen Wesen nicht allein im Denken, sondern zugleich im Schauen und Fühlen beikht, dargeboten; sie muß zu diesem Behuf schön dargestellt, sie muß declamirt werden." H. G. Nägeli. der Gegenwart sie völlig zu entziehen. Äewiß aber gibt eö kaum ein schöneres/ Vergangenheit und Gegenwart umschliiu gendeS Band/ als ein Blumen- und Fruchtgewinde auö den Werken der größten Genien der gesammten Menschheit. Daß aber unsern Industrie-/ Gewerb- und Realschulen ein äußerst zweckmäßiger / ja nothwendiger Lehrgegen- stand hier dargeboten werde/ mag wohl Niemand verkennen/ der überzeugt ist/ wie sehr gerade in diesen Anstalten ein ideales Element als Gegengewicht gegen die materielle Tendenz der meiste» UnterrichtSgegettstände wohl angebracht ist. Unser Werk vereinigt gleichsam in sich beide Principien: eö handelt von den praktischen Beziehungen deS Lebens in der bürgerlichen Gesellschaft; und eö stellt diese zugleich unter ihren idealen Gesichtspunkt/ soweit dieser von den denkendsten Geistern ihrer Zeit erkannt worden ist. Daß aber auch für unsre gehobenen Lehrerscminarten diese Sammlung von dem wohlthätigsten Nutzen sein könne/ dürfte wohl Niemand in Abrede stellen wollen. Sollen unsre VolkSlehrcr nicht den künftigen Staatsbürger heranbilden? Dürfen ihnen darum Frage«/ wie die hier abgehandelten/ fremd bleiben? Soll ihnen nicht ebenfalls Gelegenheit gegeben werde»/ auS dem Kreise der engen Beschränkung ihres Dorfes herauszutreten/ und von einem höher« Standpunkt aus Staat und Leben zu erblicken? 'Wird nicht sogar unsre Volksschule selbst (heiße sie nun Sekundär-/ Fortbildungsoder Nepetirschule) die Forderungen des bürgerlichen Lebens noch schärfer inö Auge fassen müßen ? Wo werden die Gemeindebcamtcn der meisten Landgcmeinen gebildet? — In wie weit aber die Volksschule selbst für Uebung und Bildung in freiem Vortrage thätig sein solle und könne/ darüber gedenken wir unS an einem andern Orte auözusprechen. „Abcr/< so hören wir uns von einigen Seiten her ein> werfen/ „wieder also einen neuen Unterrichtögegenstand/ und schon ist die Zahl der vorhandenen so groß/ daß Lehrer und Schüler sich keinen Rath mehr wissen." Hierauf antworten wir ganz kurz/ was Aristipp/ da er gefragt worden/ was Jünglinge lernen müßten; worauf er erwiderte: „Alles/ was Männer gebrauchen können." Ist die Zahl der Unter- richtSgegenstände zu groß/ so beschneide man an dem weniger Nothwendige»/ und schließe das Wesentliche darum nicht aus. Auch scheint die Frage noch gar nicht hinlänglich geprüft/ ob nicht hier und da durch zweckmäßigere Methode in weil kürzerer Zeit das Gleiche geleistet werden könne? UebrigenS glauben wir/ daß eS kaum für unsern Gegenstand neuer Unterrichtsstunden bedürft/ sondern daß es nur aus zweckmäßige Benutzung der für deutsche Sprache / Deklamation/ stylistische Uebungen, Geschichte und Philosophie (wo diese eingeführt ist) bestimmten Stunden ankomme. Das häusliche Studium deö Jünglings wird auch hier das Beßre thun. Ein anderer Einwand könnte unö vielleicht von solcher Seite her gemacht werde»/ mit der wir am wenigsten gerne uns in Widerspruch erblicken «lochten. Man wird unö vielleicht entgegnen: „sämmtliche hier mitgetheilte Reden stnd StaatSredcit/ also politischen Inhalts. ES scheint unS aber verderblich/ die Jugend schon in politische DiScnssionen.hereinzuziehen. Reiner und ungetrübter wird sich ihr Inneres entfalten/ wenn sie in die der menschlichen Leidenschaft weniger zugänglichen Gebiete der Kunst und Wissenschaft eingeführt wird. Schlimm genug/ daß sie schon im elterlichen Hanse durch Zeitungen/ und waö sie sonst im bürgerlichen Leben wahrnehmen/ in das Gezänke der Partheien mit hineingezogen/ und zu einer politischen Leidenschaft entflammt werden/ die um so widriger ist/ weil sie mehr den Personen/ alS den Sachen gilt." Ein ungemcin wahres Wort! Aber eben weil cS nicht immer in unsrer Macht steht/ die Jugend von der Theilnahme an politischen Ideen und Bestrebungen zurückzuhalten/ das Herz rein vor dem Gifte politischen Hasses zu bewahren: so ist eS die Pflicht der Schule/ das jugendliche Gemüth von einer gemeinen Wirklichkeit ab/ auf die Erhabenheit der Idee hinzulenken; durch gründliche Wissenschaft die Oberflächlichkeit deö MtagSräsonnementS zu paralpstren/ und mit einem reineren Feuer deö Jünglings Brust zu entflammen/ aiö die Verunglimpfungen politischer Tageblätter zu verleihen vermögen. WaS aber wäre hierzu geeigneter/ alö eine Sammlung von Auösprüchen und Erörterungen auS dem Munde der größten Heroen der Menschheit; alS dieser Reflex der ewigen Wahrheit im Spiegel von mehr als 20 Jahrhunderten? Beruht die echte Liebe für Freiheit/ Vaterland und Recht am Ende doch vorzugsweise auf der ideellen Richtung und Ausbildung deö innern Menschen; so ist auch einleuchtend, daß das sicherste Verwahrniittcl gegen ein oberflächliches / leidenschaftliches Ab urtheilen und Eintreten in politische DiScnsstonen lediglich XII durch die besonnene, echt wissenschaftliche, an der Hand der Geschichte gehende Behandlung solcher Fragen gewonnen wird?) Um dem gefürchteten Uebelsiand durchaus zu entgehen, haben wir, wenn schon oft mit innern» Widerstreben und schmerzlichem Bedauern, nur eine ganz geringe Zahl von neueren vaterländischen Reden aufgenommen, und vielmehr uns dem AuSland, und einer zum Theil schon entlegenen» Zeit zugewandt; so daß, dünkt uns, eine ziemlich ungeschickte Hand dazu gehören muß, um dem oben bemerkten Nebclstand durch vorliegende Reden etwelche»» Vorschub zu leisten. Gewiß ist wenigstens das, daß, wenn Rhetorik fernerhin Unterrichtögegcnstand unsrer Schulanstalten bleiben und von der auf ihr ruhenden Geringschätzung**) befreit werden soll, *) Obiges war schon geschrieben, als uns nachstehende interessante Mittheilung über die von der gemeinnützigen Gesellschaft am 28. Jan. »888 in Zürich abgehaltene Zusammenkunft gemacht wurde. Gegenstand der Verhandlung war nehmlich die Frage, ob und wie weit Politik auch in der Volksschule gelehrt werden solle? Man sagte: Wie für den Eintritt ins kirchliche Leben ein besonderer Unterricht die Jugend befähige, so müße dies auch für das staatsbürgerliche Leben der Fall sein. Nur so könne man hoffen, daß ein gebildetes, kräftiges Staatsbürgerthum) wie es die Verfassung wolle, in dem heranwachsenden Geschlecht begründet werde. Ob durch einen besondern Katechismus', oder nur nebenbei beim Geschichtsunterricht dieser Zweck zu erreichen sei, darüber allein schien einige Meinungsverschiedenheit obzuwalten; nicht aber darüber, ob es wünschbar und nothwendig sei, schon in der Schule den Grund zu echter politischer Bildung zu legen. Ferner wurde bemerkt: auf dem W*gc, wie jetzt die jungen Leute zuerst mit der Politik bekannt würden, kämen sie zugleich auch zu der stxcn Vorstellung, die Politik gehöre ins Reich der Leidenschaften; e§ könne daher nur wohlthätig sein, wenn die jungen Bürger gewöhnt würden, ruhig und verständig, wie es' dem Lehrer zukomme, von Politik sprechen zu hören und selbst zu sprechen. Es steht nun zu erwarten, welcher Beschluß in der allgemeinen Versammlung werde gefaßt werden. ") „Unter allen Intentionen des menschlichen Geistes ist die Rhetorik die abgeschmackteste, besonders wenn sie, wie in Deutschland, nur einen schulmeisterlichen Charakter, aber keinen öffentlichen an sich trägt. Die Bildung der Völker befindet sich auf einer Stufe des' Bewußtseins, wo man sich nicht mehr durch stylistischc Figuren und s. g. Redekünste bereden, überzeugen sind imponiren lassen kau», sondern nur durch die Sache selbst und ibre gcdankcngcmäße Vcranschaulichung. Die Redekunst XIII wir den bisher vorzugsweise eingeschlagenen Weg verlassen müßen. Und in der That ist diese Wissenschaft etwas Edleres / als Kant ihr zugestehen wollte, wenn er in ihr (s. Kritik der Urtheilvkraft S. uiu) nichts weiter erblickt, als „die Kunst, durch den schönen Schein zu hintergehen, und sich der Schwa chen der Menschen zu seinen Absichten zu bedienen." Um wie viel wahrer ist nicht die Antwort No u sse au'S, die er jenen Jesuiten gab, als sie ihn nm daS Geheimniß-seines StylS und das Wesen der Beredsamkeit überhaupt befragten: »Ich zweifle," sagte er, »verehrte Vater, ob es Ihnen von Nutzen sein könne, dies Geheimniß zu wissen; eö besteht nehmlich darin, daß man Alles sagt, was man denkt. * *)" Und gewiß ist jener AuSspruch KantS nur dann verständlich, wenn man sich erinnert, nach welchen Grundsätze» die meisten Lehrbücher der Rhetorik in frühern Zeiten abgefaßt waren, und zum Theil noch sind, und daß dieser Unterricht am stärksten gerade von Jesuiten cultt- virt worden.**) Unsre Mustersammlung wird zeigen, daß die ist heut zu Tage in die Auffassung übergegangen, und selbst die öffentliche Debatte, wo ste wirksam ist, ficht, statt mit der Rhetorik der Forme», mit der Diplomatik des Gedankens. — Die rhetorische Schönheit unsrer Prosa hat steh überlebt; kein höher begabter Schriftsteller wird mehr darnach trachten; kein inhaltreicher Geist kann eine Freude daran haben, sich mit Franzen und Treffen zu behänge».Th. Mundt, die Kunst der deutschen Prosa. *) Das altrömischc: ;>6ctu8 68t, «jnost stchorto? t'noit. ") Die Tendenz solcher Lehrbücher stellt ein geistreicher Franzose treffend mit folgenden Worten dar, die er einem griechischen Rhetor im Gespräch mit seinem Lehrling in den Mund legt: ,- le vgch V0N8 Np;>t'6»tlr6 n zicixiinclor, 668t n ilire, n nvoir rni8o», «junnd roii8 »von lort. Vnu8 zinrloro/. >>onr on contra, «'onwniant Iichn. l.68 »rnnrle-i 6>,0868 von-. Ia8 rnl>ni886re/.; In« z,alit68 von» los köre/, ^rnnÜ68. .lo vo>i8 tonrnirni >Ii>8 ;>r6nv68, Uns nr^ninen8 ot äe» r6>>!Ig»68. Von nn>iit6nr8 ont tl(>8 ^>n88Ion8 : >6 V0N8 stirni i68>^nell68 ; V08 jn^68 ont Ü68 inil)lo8808, V0U8 an 8NU66/. ln cnrte. ÜNN8 068 tiroii'8, >itr68, von8 tronvaro/. nninernt668, 6tiN88668 Ü68 8oIulioN8 z>onr toN8 >68 6N8 Z>088iI>Ie,8; ici >Io In innrnla , I>ln8 loin ilo In eoldro , nill6iii8 üe In >>ilie. t^nnnst il knustrn v«»8 krn;>;>«r In c»i886 sloniur lrrir,'. . .. inelchnn- lo.8 <>666t, 6t 6xcitnt nnclitorain , ,lit (^nintilian), «o lrnz»>>66 l6«l ch,6Ül8 8»>,>>lo8io, ,Ii> (licöron) jnnrni 80 IN Ü6 nul6r 66tt6 niinichn«' «I« 1'6lo<;N6N66. Or, 660 Ilt 6 /.-INoi ! Die schönste Persiflage dieser rhetorischen Uebungen hat unstreitig Thümmcl in seinen „Reisen ins mittägige Frank- XIV größten Redner gewöhnlich auch die edelsten Menschen waren. , und daß nur in der Wahrheit und Reinheit der Absichten eine Ueberzeugnngskraft liegt/ die auch über die Aufwallungen einer ersten Rührung hinausdauert. Es liegt darum jedem/ der nach wahrer Beredsamkeit trachtet/ der Wink sehr nahe/ daß er nicht durch Künsteleien und Schmuck der äußern Rede, sondern durch die Kraft des Gedankens/ durch die Reinheit der Gesinnung und die Würde der Darstellung sich jenen Ein fluß auf die Gemüther wird verschaffen können/ den die wahr- haft großen Redner aller Zeiten sich errungen haben. Aber nicht blos, daß wir einen mit Unrecht vcrnachläßig tcn/ oder einseitig berriebnen Unterrichtsgcgenstand durch vorliegende Mustersammlung wieder zu Ehren zu bringen hoffen: auch nach andern Seiten hin möchte sich ihr Gebrauch für unsere Lehranstalten wohlthätig erweisen. Das Fachsystem hat sich auf allen höher» Schulen jetzt Geltung verschafft, und gewiß mit Recht; daß aber auch Uebelständc durch diese Jso lrrung der einzelnen Fächer unvermeidlich sind, ist eben so anerkannt. Einer der fühlbarsten wird von dem Lehrer Verdeutschen Sprache bei den s. g. Stylnbungcn wahrgenommen. Form ohne Inhalt ist ein Nichts. In welcher Verlegenheit sieht sich aber nicht oft der Lehrer bei Stellung von Thematen gerade in Bezug auf den Stoff; und wie unerguick- lich und selbst zur Qual werden nicht oft diese Stylübuugcn den Schülern, eben weil sie in sich noch keinen hinreichenden Vorrath von Ideen und Kenntnissen haben, die nöthigen äußern Hülfsmittel aber nur selten sich in den Händen einer ganzen Classe finden werden! Diesem Mangel ist hier abgeholfen. Welche Menge von Uebungen läßt sich nicht an die hier gegebenen Reden anknüpfen; bald wird der Lehrer die Disposition einer Rede aufsuchen lassen, mit sorgfältiger Bemerkung der oratorischen Uebergänge; bald wird er eine Vergleichung zweier Reden über den gleichen Gegenstand, oder zweier in einer gewissen Beziehung zu einander stehender Redner zur Aufgabe machen; bald auch eine ähnliche, oder eine die entgegengesetzte Ansicht vertheidigende Rede; bald eine untersuchende Abhandlung über erneu Begriff, oder eine moralische oder po Mische Wahrheit; bald eine briefliche Darstellung über die reich-' gegeben. Dem kundigen Leser brauchen wir die Stelle nrcht näher zu bezeichnen. XV parlamentarische Behandlung eines Gegenstandes; bald auch (wo das Talent dazu vorbanden ist) eine poetische Darstellung der durch eine Rede und die Persönlichkeit des Redners angeregten Gedanken und Gefühle. Doch waS brauche ich hier aufzuzählen/ waS jeder kundige Lehrer schon hinlänglich sich selbst zu sagen weiß. Bei all diesen Ausgaben wird daö Sachregister gute Dienste leisten. Auch den Uebungen im mündlichen Vertrag öffnet sich hier ein neues Feld; und namentlich bei Versuchen in freie«/ extcmporirten Reden wird diese Sammlung förderlich sein. Aber auch der Lehrer der Geschichte wird unser Werk mit nicht geringem Vortheil benutzen. Denn wer sieht nicht ei»/ daß es nicht leicht eine authentischere Form gibt/ in welcher sich der öffentliche Geist eines Volks / ja eines ganzen Zeitraums auSspricht/ als die Vortrage der verantwortlichen Wortführer in der gesetzgebenden Versammlung? und daß mau ohne sie zwar ein Ereigniß kennen lernen kann/ aber als bloßes Factnni/ wobei man von dessen innern Triebfedern/ von dessen politischen oder konstitutionellen Gesichtspunkte/ wie derselbe von den handelnden Personen aufgefaßt wurde / keine vollkommene Vorstellung erhält? In welches Licht tritt dagegen der PatriotiSmuö eines DemostheneS/ die reine Tugcndgröße eines Kato/ wenn man die mitgetheilten Reden in den GeschichtS- vortrag zu verweben weiß; in welchen kühn hervortretenden Zügen mahlen unS die Reden eines Mirabeau die ursprünglich reinen Tendenzen der Revolution / die eines Brougha,»/ Okon- nell den Kampf der britischen Nation in neuester Zeit.' Naturrecht und vaterländische StaatSeinrich- tnngen sind ebenfalls auf vielen Lehranstalten Gegenstand des Umerrichtö; und wo sie'ü nicht sind/ da werden sie'S werden. WaS kann nun da dem Lehrer erwünschter kommen/ als die einzelnen Lehrsätze dieser Wissenschaften-durch den Mund der größten Geister aller Zeiten und Völker besprochen und erwogen zu sehen; wodurch darf er hoffe»/ die Herzen seiner Zöglinge mit innigerer Begeisterung zu erfüllen/ alS dürch die Darstellung derselben von der Hand der größten Meister? Dies also über den Gebrauch unsers Buchs in der Schule; aber wir glauben dasselbe noch für eine» viel weiteren Kreis geeignet. Ganz abgesehen von dem Genuß und Interesse / das eine Sammlung derartiger Kunstwerke für jeden literarifch ' gebildeten Geist haben »inst / hoffen wir/ daß dieselbe nicht minder unfern Staatsmännern/ VolkSrednern/ Richtern und überhaupt Allen/ welche in einem öffentlichen/ staatsbürgerlichen Berufe zu wirken beauftragt sind/ willkommen sein werde. Selbst Meister ihres Faches lieben eS/ an den Ansichten großer Männer sich je zuweilen zu erheben. Aber nicht alle wollen sich zu den Meistern zählen. Wie oft sind wir nicht schon der Klage begegnet/ daß man in früherem Unterricht in der Beziehung so ganz leer ausgegangen/ und jetzt doch so häufig genöthigt fei/ öffentlich aufzutreten und zu sprechen. Wie sehr wünschte da nicht jeder/ noch in reifern Jahren einigermaßen nachholen zu können/ waS in der Jugend versäumt ward. Und wahrlich mit einem todten Negelnkram wäre solchen Männern wenig geholfen; das lebendige Beispiel aber belehrt/ erweckt und bildet. Und wodurch anders dürfen wir hoffe«/ der Engherzigkeit so mancher Ansichten/ lokalen Vor- urthcilen und LicblingSbegriffen mit Erfolg entgegen zu arbeiten/ wenn nicht durch den Reiz solcher Vorbilder/ die durch ihre Aussprüche auch noch auf die ferne Nachwelt den Zauber üben werde»/ der stets den Werken deS Genies eigenthümlich ist? Ja wir stehen nicht ail/ die Hoffnung auSzusprechcn/ es werden sich für Uebung in der Beredsamkeit auch bei uns unter den bildungSbegierigcn jungen Männern Clubö oder Vereine bilden/ wie sie einst im alten Rom bestanden (s. S. 32) und noch heute iu England (S. 69) von den ausgezeichnetsten Männern besucht werden. Dies ungefähr sind die Hoffnungen/ die wir von der Wirksamkeit dieser Sammlung hegen/ und die als warme Wünsche dieselbe bei ihrem ersten öffentlichen Auftreten begleiten. Sind diese Erwartungen groß/ und beziehen sie stch auf die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens; so möchte wohl auch vorausgesetzt werden/ daß die Ausführung deS Unternehmens eine denselben entsprechende sein werde. Da fühle ich freilich/ wie sehr ich eine nachsichtige Beurtheilung in Anspruch nehmen muß; und wie Vieles Viele vielleicht anders wünschen werden. Hierbei bitte ich nur Folgendes nicht über- sehen zu wollen: 1) ist diese Sammlung/ so viel ich weiß / die erste ihrer Art; ich war ohne Vorgänger / die ich hätte benutzen können; und eS ist kaum zu sage»/ mit welchen Schwierigkeiten ich zu x vn kämpfen hatte, um nur des nöthigen Stoffs Meister zu wer- den; und doch sind mir noch einige angelegentliche Wünsche unbefriedigt geblieben. 2) Der größere Theil der Reden sind Uebersetzirngen. Wer weiß aber nicht/ wie selten Uebersetzirngen sind/ die als ein vollkommner Abdruck des Originals betrachtet werden können; wie/ um eine solche zu liefern/ ein Genie erfordert wird/ wohl kaum geringer/ als das/ welches das Original selbst hervorgebracht hat? Begreiflich habe ich mich nur in den wenigsten Fällen/ und wo die Nothwendigkeit zwang/ selbst an diese schwierige Ausgabe gewagt; die meisten Ausgaben sind aus schon gedruckten und mit Beifall aufgenommenen Werken entlehnt. Demungeachtet wird man oft genug die classische Form des Originals vermisse»/ Härten und Unebenheiten des StnlS/ vielleicht selbst ausländischen Wendungen und Formen noch hier und da begegnen. Ich habe nachgebessert/ soweit ich konnte. Ein künftiger Arbeiter wird eS auch hier leichter haben. n) Auch die Biographien und erläuternden Anmerkungen verursachten nicht geringe Mühe/ indem namentlich die letzter» einen Vorrath von literarischen Hülfsmitteln voraussetzten / wie er mir nur zu häufig nicht zu Gebote stand. Schon vorhandene Biographien nahm ich/ wenn sie von einer Meisterhand herrührte«/ am liebsten unverändert auf/ soweit dies der Raum gestattet. Leider konnte dies jedoch nur bei einer einzigen der Fall sei«/ was ich um so mehr bedaure/ als gerade die Persönlichkeit des Redners zur Würdigung seiner Wirksamkeit von Bedeutung ist; das Bild derselben aber nur von einem Augenzeugen gegeben werden kann. Mein air- gelegcntlicheS Bestreben war eö/ die Biographien so abzufas- seil/ daß in ihnen ein Sporn zur Nachciferung für jede edle JünglingSsecle läge. Möchte dieses mein Bemühen nicht erfolglos geblieben sein. Auch die historischen Uebersichten über die Beredsamkeit unter den einzelnen Völkern sind hoffentlich unsern Lesern willkommen. Möge nun das Ganze eine wohlwollende Ausnahme finden/ und all das Gute stiften/ für daö wirksam zu sein mir Ermu- thigung und Trost gewesen bei der mühsamen Arbeit/ die zum größeren Theil in die kummervollste Zeit meines Lebens fällt/ und nur unter vielfachen äußern und innern Störungen vollbracht werden konnte. 1 xvm Allen meinen Freunden für ihre bereitwillige Unterstützung und freundlichen Rath den herzlichsten Dank; insbesondere fühle ich mich denselben gegen Herrn Professor Caspar von Orelli in Zürich/ und Herrn Heinrich Zschokke in Aarau öffent- lieh auSzusprechcn verpflichtet. Findet das Buch Beifall/ so würde noch eine Sammlung von GerichtS- unh Gelegenheitsrcden / Aufrufen/ akademischen Reden rc. rc. alö zweiter Band nachfolgen. Hinwcifungen auf den im Manuscript vollendet vorliegenden finden sich an inch- rern Stellen dieses Werks. Ungleichheiten in der Orthographie bitte ich zu übersehen. Zum Theil absichtlich ließ ich die verschiedene Schreibart bestehen. So lange unsre Orthographie selbst noch kein sichreres Fundament erhalten hat / bleibt das Streben nach Conscqnenz ohne größeren Werth. Zum Schluß habe ich noch die Werke anzugeben/ die ich bei dieser Sammlung benutzt habe. Ich werde nur die wich, tigften anführen; dre/ denen ich nur einzelne Notizen entnommen habe/ sowie die/ welche mir keine Ausbeute gclie- - fett/ bleiben unerwähnt. Die Zahl von Bände»/ die ich theils mit Mühe zu durchlesen/ theils wenigstens durchlaufen habe/ muß sich auf mehr als 200 belaufen. Zoh. Gottfried Eichhorn ^ Geschichte der Literatur/ von ihrem Anfang bis auf die neueste Zeit/ 6 Bde. in 10 Abtheilungen. Göttingen < 811 . Friedrich Bouterwcck/ Geschichte der Poesie und Beredsamkeit seit dem Ende des 13. Jahrhunderts/ 12 Bde. Göttingcn 1819. Geschichte der griechischen Literatur von Scholl/ r Bde. 1828 . Geschichte der römischen Literatur von Bähr/ Heidelberg 1836. Wcstcrmann/ Geschichte der Beredsamkeit unter den Griechen/ Leipzig 1832. Wcstcrmann/ Geschichte der Beredsamkeit unter den Römern/ Lcip zig I83ä. Hcgewisch/ Geschichte der engt. ParlamentSbercdsamkcit/ < 80 l. Ito I'el»«>u(!irco z>uliligud l!i c>i»ilaive8 ol ivz>rö/>cin.',us/;^z>ar l^annonlia, i»^>ö>ilv»v i> i'eeräo >,<>Ix1<-i:I>ni^»e. I^aria 1819. Allgemeine Geschichte von K- von Notteck/ s Thle. Freiburg 1835. Encyclopädie von Ersch und Grubcr. Negl-Encyc/opädic von Brockhaus. 1831. „ „ „ Neue Folge. <835. Zeitgenossen. Biographien und Charakteristiken/ 10 Bde. Leipzig 1836. Annalen der britischen Geschichte von K. W. von Archcnholz. in Bde. Mannheim 1798. XIX England nnd Italien von K. W. von Archcnholz. 5 Thle. Leipzig <787. Minerva/ ein völkisches Journal von Demselben. Dcmosthcnes Staatsreden, übersetzt von Becker. SallustS Werke, übersetzt und herausgegeben von Tafel und Ollander. Girtanners historische Nachrichten über die französische Revolution, <7 Bände. Europäische Annalen von Nr. E. L. Poffelt, von <7v5 an. Tübingen. Politische Annalen von Murhard, von < 82 l an. Allgemeine politische Annalen von Notteck, von <830 an. Die AugSburgcr Allgemeine Zeitung, von <830 an. Das Ausland, München bei Cotta, von <820 an. Englisches Lehrbuch von Jdclcr und Nolte, Berlin bei Humblot. tleuvreü üo glr.. Oi^enxrx »>r nziiiii.v»« rlv gliraiienx, zireevüe« (l'xxo nxor< «lizeours ziroxunees üanx le jiarlemext Iiritk>»i>i zieullaxl < 825 . William I>1eoclies ix e Iiuuse xt Exinixnx!,. 3 V^ull. I.»x- <8 >7. L>IixI,„r-rI> Iteviavv. killixIixiAll <830 — 33. Johannes Müller, Gchwcizcrgeschichte. Der Schweizerische Republikaner, von <708 an. Die Verhandlungen mehrerer deutscher Ständckammcrn. Kiiiiuach am Zürichfte im Chrigmonat <837. Dr. Friedrich Haupt. r -.- lL, -7>L 7ML >'" '7' .1 »tt^Zmr . ' :??^--i ^7' 7-/7'^ E S)HM«»«-»iir '<».«;--nW - . , / '.. . < :77-^^'k , ,iM»K2 L^;.7. .7 , vNÄUü'^M,- rfi'i ii^N'SN' Ittichrr^b^' .d'ttNttüiiiÄ < ^ ^ .iS-E ?'s'- - s . . ./irchEü^»^ ,^-i/.'M-My?. 7 E -- -^, , -sE-irs-r'UH^ '-W/HZ-s'^Mw »)!«««§ v7s!»iii»P . , ,..H/I.>.'°..t L^k .. «ijj»«M>DlÜi!'.'-l, -j^xriüMS '/' ' . ^ "7» <7!^ l!!N!'x-7 -,'- 7 1l^ i!>!üM > 7!"- ^ 7 -' .i«147Mich 7>-kjLL>.Ni»^«str»!»» N , «r-- .>^ >jk' -/t, -ä» / -i« § L .p.<-«1-/t,ii ' ' - -^-Iv,j -lli>> . i;- L»i; >, v!'i'"7 -ä ' < -t>r.,,: "<-''1 ''// ' ,.di.-A Ntzü. N)<7..< . ' .7.. > , »?rx>i,!»«k« 2-, ^ " ^r,:.s^».^ ^ -rj''L>»rk,«,it«^ >-?> !>: li? jHSst ,. ^" 7 '^>77 ^ > "- '.- !-.->- '. ^ 7' ^ " / ' ' ' ^7i:d"l .-- '' .xe — »M <»^-kb>'«f«il^M-^'^,'«i' ' ' '-->'" 'r^' '- -Ek>ö»^„ . ' --L li-E!^ 7sP^YsAi4ftd1'S» :'7>!>-.V>m Mtz>iU.l«ls«nK ri'K ^ ^ ^ ^ >7. ' ' '' ' ^ .5 .. ' . ,^ , ' - - - ^ 7.7>- -' '> ! Ni!-.-L>.^.-'4'w> ' rchl. 'V-^ 7A 1» . 7 '7 ' 74777, i "''777 :»7 / I ri h a l t s v e r z e i ch n i ß, Scttc Vorwort.. I. Griechische Redner. Geschichte der Beredsamkeit unter den Griechen . 1—7 Demosthenes/ Leben und Charakter . . . 7 —t» „ dritte philippische Rede . . 10 — 24 II. Römische Redner. Geschichte der Beredsamkeit unter den Römern . 27 — 33 M- Tüll ins Cicero/ Charakteristik ... 33 C. Julius Casar/Charakteristik . ... 34 M. Pore ius Catv/Leben und Charakter . . 34 — 37 Cüsars Rede über die Catilinarische Verschwörung 38 — 42 Cato's Rede über die Catilinarische Verschwörung 42 — 44 Hl. Englische Redner. Geschichte der englischen Parlamentsbcrcdsamkeit . 47 —4g Cromwell/ Leben und Charakter .... so Cromwell's Rede im langen Parlament ... si William Pikt/ Lord Chatam/ Leben und Charakter si —53 Pitt's Rede gegen das Ministerium Walpolc . . 55 — 57 Horazio Wal pole gegen Pitt . . . . 53 — 55 Pitt's Rede über die Ausstoßung Wilkc'S aus dem Unterhaus . . ' . . 7 . . . 57-«7 Edmund Burke/ Leben und Charakter . . 67 — 72 Burke's Streitrede gegen Fox über die französische Revolution . ..72—77 Charles James Fox/ Leben und Charakter . 78 — 80 Rede Fox'S sür das freie Versammlungsrecht . . 80 — 86 George Canning / Leben und Charakter . - 86 — 8» Canning'S Rede für Aufrechterhaltung des konstitutionellen Princips in Portugal . . . . 89 —101 Henry Brougham/ Leben und Charakter . . lot — ioz Charakteristik seiner Beredsamkeit . . . W3—107 Brougham'S Rede für die Verbesserung des Gerichtswesens .107 — 110 Probe der Ironie Brougham'S gegen Lord Stanhope iio— i >2 Brougham'S Rede für Emancipation der Juden . 112 — 115 Das Geschichtliche der ParkamentSrcform . 115 —ii? Daniel O'Connell/Leben und Charakter . . 117—tlg O'Conncll'S Rede für die Parlamentsrcform . . 119—124 XXII Jnhaltsver zeichn, ß. Se>>e Macauley/ Charakteristik seiner Beredsamkeit . 12t Macaulcy'S Rede für die Parlamcntsreform . . 125—128 Shicl/Charakteristik seiner Beredsamkeit . . 128 — 129 Robert Peel/Leben und Charakter . . . 120 — 132 Shicl'S Rede über Armengesetze .... 132—13z „ „ für Aufhebung der Union Irlands und Großbritanniens.13-l—l/,o Peel's Rede gegen Aufhebung der Union . . i4o —143. Das englische Unterhaus von 1831 geschildert 144 — 154 IV. Französische Redner. Geschichte der Staatsbcredsamkcit unter den Franzosen .157-158 Honorü Gabriel Victor Riquetti/ Gras von Mirabeau/ Leben und Charakter . . 158—161 Mirabcau'S Rede für Religionsfreiheit . . 161—162 „ „ ,, über den Nameu und die Berechtigung der National-Versammlung . . . ^162 — 165 Mirabcau'S Rede über FranklinS Tod . . . ivv LazareNicolauSMarguerileCarnot/ Leben und Charakter ....... IKti—170 Rede Carnot'S über die Erhebung Napoleons auf den Kaiserthron ..i7o —176 Jacques Antoi ne Manu el/ Leben und Charakter 176—173 Ausstoßung Manuels aus der Kammer . . . 178—ist Mangels Rede über den Krcuzzug Frankreichs gegen das liberale Princip m Spanien 1823 . . 178 — 182 Royer Collard'S Rede über den Antrag auf Ausschließung Manuels.184 — 188 Akt der Ausschließung.189—194 M a x i m i l i a n S e b a st i a n F 0 y / Leben u. Charakter 194—106 Foy's Rede gegen das, zum Besten der Emigration in Vorschlag gebrachte Entschädigungsgcsetz . 196—208 Maximilian Lamarquc/ Leben und Charakter 209—213 Lamarque'S Rede über die Verhältnisse Frankreichs zum Ausland vom 15. Jan. 1831 ... 213-213 Lamarque'S Rede über den gleichen Gegenstand vom 13. April 1831 .. 218 — 224 Lamarque'S Rede für Beisetzung der Asche Napoleons unter der Vcndomesäulc. 224—227 Lamarque'S Rede für Setzung eines Nalionaldcnk- mals zu Ehren Ney'S . . . . . 227 — 229 Benjamin Constant de Rcbecque, Leben und Charakter.229 — 232 ConstantS Rede über das Büdget 1822 . . . 232 — 24o „ Rede gegen das Ministerium Villele . 24o—244 „ Rede über Prcßfrciheit .... 244—253 Alphonsc dc Lamartine/ Leben «nd Charakter 253 —25 i Lamarrine's Rcde über den Orient . . - 254—264 ^ Inhaltsverzeichnis. XXIII V. Deutsche Redner. Geschichte der Beredsamkeit unter den Deutschen Friedrich Barbarossa/ Leben und Charakter Rede der römischen Gesandten .... Rede Friedrichs' ....... Saatfeld/ Abgeordneter der hannovrischen Volkskammer . Saatfeld s Rede über octroyirte und vertragsmäßig entstandene Verfassungen. Saatfeld s Rede für die Osteroder Gefangenen Jaup/ Abgeordneter der hessischen Volkskammer/ Leben und Charakter . . . . Zaup'S Rede über NechrSgcsehgebung VI. Schweizerische Redner. Geschichte der Beredsamkeit unter den Schweizern Graf Rudolf von Werdcnberg's Rede gegen die Herzoge von Oesterreich. Holzach'S Rede für die Gefangenen von Greiffensec Meister Felix H cMmerlin's VertheidigUttgSrede Reden für und gegen den Söldncrdicnst Niki aus von der Flüe für Eintracht . BcrnhardKuhn'S Eröffnungsrede im großen Rath der helvetischen Republik. Bernhard Hubcr's Ringrcde . . . Paul Usteri'S Leben und Charakter . Usteri'S Rede für Preßfrcihcit .... VII. Naturvölker. Ueber ihre Beredsamkeit. Rede TekumsaH'S / eines' nordamerikanischcn Häuptlings ....... Rede Occola'S . Rede der Häuptlinge des Micmacsta m m c S Rede eines T o n g a Häuptlings' .... Eine Parlamentssitzung in Ötatzetti . Seite 267 — 268 26S —270 270—271 271 — 272 272 — 273 273 — 376 276 — 280 280 — 282 282—302 305 —307 307 — 308 308—309 309 — 312 312 — 313 313—314 315 — 317 317 — 320 320 321—330 333 334— 336 336 336 — 337 337 — 340 340 — 350 IÄ' M ' ^ ^ ^'Mr W 6 »ch? 1 n > 7>iL.' . 1»/-,^:-'^: ivr «»8 >>u' «)i 7 vi.'»r^> k, tz- - 7 L^.-- - v'^-. ' - - ü^Ar,^i'> n^' »M'N nS ,c'>s'-'.<' -LiE :-^?.-r^ V'"! > 7 -, 7 ^, 1 ')^. 7 r-/j!»/,H 7 7 L ,?7 . . ^ . . 7 !!l: - , 7N, ,.',7»bSttzVM-^ürk-7,.-'.. q!>P<>,.^ ''!. ' - - '' ' »K7,pt«riI, 7 ,»>j!-k-,' .^«Mi -'. ,ox>kcki^w /l ^ -!u -n'r ,.'.!. ^ E P ! >,.' ^',"<5 Ms—^asr: ' „.- . > - - r'ii: ' -'.: ^ ' 7' -»ch-r'^ 1 )??,r 7 ,a Hrh»." '^'/ch.-,,4-. -r )'.-D>-r-> 7--: ':>s,-7?. kr?M'r^?'rLs:..-r>'»» v*^u..'>:''r ' -W /. .'. . ' '-7 -!,rtz»c: .in MU'N?- - - p«,r. >7 7 -> dÄ' 7 , 1 ^ :!'7'°>x1 < '>°Äofk7^/- .' '« » j . 7 !!. I i » üi '» E:-^ »-.--,,„7 - ,:) 7 ..!: 7^ 7i.».-.5«^/.^ , . ' . . . ^irchrq, ^ ' 1. ' M>',- i.»krci. ^ Ni.Ü- ..,.' 4ÄI! 7'Mrt r"'»7!>Äs; r.«»7r ' .. . - 7s. !i" ' 7 , ^ ^ .7 .^-.,7,. -,. 7,)7> ^ .7,7-7 » ?r !k':l ^ W S r i e eh i s eh e Redner -LUAchKL' -V?: c^'^S'^ Geschichte der Beredsamkeit unter den Griechen. .^ic wahre Beredsamkeit/ welche zu dem Herzen und zu den Leidenschaften der Menschen spricht/ und in gleichem Mafic hinzureisen/ wie zu überzeugen strebt/ besteht nur bei politischer Freiheit. Daher stellt uns' keine Zeit und kein Staat solche Muster der Beredsamkeit auf/ wie Athen in der Zeit seiner höchsten politischen/ wissenschaftlichen und künstlerischen Blüthe — im Anfang des vierten Jahrhunderts vor Christo. Die andern griechischen Staaten können nicht daneben genannt werden/ weil ihnen entweder die politische Freiheit und Größe./ oder die Bildung durch Kunst und Wissenschaft abging. Die ersten Anfänge der Beredsamkeit gehen bis in die Zeiten SolouS zurück. Einfache Kunstlosigkeit war ihr Charakter. Zufolge eines Solonischcn Gesetzes forderte ein Herold bei wichtigen Volksversammlungen jeden fünfzigjährigen Bürger zum Reden auf. Also waren nur die Männer berechtigt/ das Wohl des Staats zu erörtern/ welche den größten Theil ihres Lebens verwandt hatten/ die Verfassung und die Gesetze des Vaterlands zu studircn/ und seine Bedürfnisse kennen zu lernen. Für solche an Erfahrung reiche Männer brauchte es keiner Vorbereitung/ um über die Gegenstände zu sprechen / die in der Volksversammlung vorgetragen wurden; es war nicht zu befürchten/ daß die Leidenschaft ste hinreißen würde; ste konnten ohne Gefahr sich dem Eindruck überlassen / welchen ein Vorschlag auf ste machte. Die Beredsamkeit war damals keine Kunst; sie war der natürliche Ausdruck des Gefühls. Solche Redner waren ThemistoklcS/ Cimon/ AlcibiadeS/ ThucydidcS und ganz vornchmlich PcriklcS/ welcher seit CimonS Tode die Gemüther der Athener durch die natürliche Kraft seiner Rede ohne Nebenbuhler beherrschte/ und nach seinem Willen leitete. Seitdem aber die Geschichtschreiber die Reden der Staatsmänner in ihre Werke einschalteten/ erkannten die öffentlichen Redner die Nothwendigkeit/ sich auf ihre Vortrüge sorgfältig vorzubereiten uud sie selbst schriftlich abzufassen. So bildete sich nun zu Athen eine neue Kunst/ für welche Sicilicn bereits Lehrer hatte/ d. h. Männer / welche die Gesetze der Beredsamkeit in Regeln aufgefaßt hatten/ und Schriften/ die in dem östlichen Griechenland noch unbekannt waren. Den erste» rhetorischen Unterricht gab 450 v. Chr. der Sieilicr Korap/ und nach ihm seine Schüler TistaS und Empc 4 Geschichte der Beredsamkeit doclcS. Des Letztem berühmter Schüler war der Lcontincr Gorgias. „Während des pcloponnesischen Kriegs" (so wird erzählt in der Reift Des jungen AnacharstS) „kam ein Sizilier nach Athen/ welcher in ganz Griechenland Bewunderung nnd Erstaunen erregte. Dies war GorgiaS/ aus seiner Vaterstadt Lcontium zu uns gesandt/ um unsern Beistand zu erbitten. Er trat bor dem Volke auf und hielt eine Rede/ worin die kühnsten Bilder und die pomphaftesten Ausdrücke Schlag auf Schlag folgten. Die Perioden waren dabei bald nach einerlei Sylbcnmaß. geordnet/ bald durch einerlei Schlufi- fall ausgezeichnet; und wenn in diesen Perioden nun jene nichtigen Zicrrathen dem Volke cntgcgcnfnnkcltcn/ so bewirkten sie einen solchen Schimmer/ daß die geblendeten Athener den Leontinern so gleich Hülfe zusagten und leisteten; baß sie den Redner zwangen/ sich bei ihnen niederzulassen/ und stromweift zu ihm eilten/ um Unterricht in der Redekunst von ihm zu empfangen." Nach den beiden noch auf uns gekommenen Reden zu urtheilen/ war Gorgias doch nur ein frostiger Schriftsteller/ der durch Pracht und Volltönigkeit der Ausdrücke oft die Dürftigkeit der Gedanken zu verbergen strebte. Doch ist die Verirrung seines Geschmacks zu merkwürdig/ als dasi wir nicht noch Einiges über ihn bemerken sollten. Jedem Satzthcikc gab er eine gleiche Anzahl von Sylben/ und gleiche Länge für die Hebung und die Senkung der Stimme; dann bildete er Antithesen/ bald solche/ die in der Sache/ bal? solche/ die nur im Ausdruck lagen; ein andermal stellte er an den Anfang jedes SatztheilcS entweder ganz gleiche/ oder doch ähnlich lautende Wörter; dann gab er wieder den letzten Sylben, des Satzes gleichen Schlußfall und gleiche AuSgänge/ und was solcher Künsteleien mehr waren. Doch konnte nicht einmal der große Haufen von dieser Unnatur lange gefesselt werden; es bildete sich vielmehr in Athen eine Redekunst/ welche sich höhere Zwecke/ als ein GorgiaS setzte/ und so verwerfliche und geschmacklose Mittel anzuwenden verschmähte. Die späteren Kunstrichter in Alcxandricn haben einen Kanon der Klassiker aufgestellt/ und ordnen nun die unter dem Namen der „zehn attischen Redner" bekannten kreislichen Männer zusammen/ in folgender Reihe: l) Antiphon/ 2) AndocideS/ 3) LysiaS/ ä) JftkratcS/ 5) JsauS/ 6) AcschineS/ 7) LykurguS/ 8) HypcrideS/ 9) DiuarchuS/ in) DcmosthencS. Zur Charakteristik dieser an den glänzendsten Geistern so reichen Periode werden wir über die genannten Redner noch Einzelnes bemerken. l) Antiphon wandte zuerst die Regeln der Rhetorik auf StaasS- und GerichtSreden an/ und wird deßhalb im Alterthum geradezu der Erßndcr der politischen Beredsamkeit genannt. Er eröffnete eine rhetorische Schule. Ueber dem Eingang seines Hauses hatte er die Inschrift angebracht: „Hier werden die Unglücklichen getröstet." Er verfertigte nämlich gegen Bezahlung gerichtliche Reden für Beklagte/ welche dieselben auswendig lernten. Die Alten urtheilten sehr günstig über seine Reden/ von denen l5 auf uns gekommen sind. unter den Griechen. 5 „Er ist klar in Auseinandersetzung des Gegenstands/" sagt Hcrmo- geneS/ „wahr in Schilderung der Gefühle/ treu der Natur/ und eben deßwegen überredend; jedoch besitzt er diese Vorzüge nicht/ wie die spätern Redner. Sein Ausdruck ist oft großartig und dabei gefeilt. Kraft und Lebhaftigkeit des Ausdrucks aber fehlen ihm." 3) LysiaS scheint selten öffentlich geredet/ sondern meist für andre gearbeitet zu haben. Von seinen 230 Reden sind nur 3t in sehr verderbtem Zustand auf uns gekommen. Er war der erste attische Redner/ welcher Reinheit der Sprache und Anmuth der Darstellung mit attischer Feinheit und Eleganz des Ausdrucks verband. Cicero ertheilt ihm das Lob/ !er habe das Ideal eines vollkommncn Redners fast erreicht/ nur fehle ihm das Feuer des DemosthcneS. 4) ZsokrateS/ Schüler des GorgiaS/ ProdikuS und TisiaS. Da er wegen einer ihm angcbornen Schüchternheit und seiner schwache» Stimme nicht öffentlich aufzutreten wagte/ so eröffnete er eine Redncrschule/ aus der die berühmtesten griechischen Redner/ Jsäus / LykurguS/ Hyperidcs'/ DcmostheneS hervorgegangen sind. Die hohe Achtung/ in der er stand/ offenbart sich in der engen Verbindung/ in welcher seine Schüler/ die sich zu den höchsten StaatS- würden heraufgcschwungcn hatten/ stets mit ihm zu bleiben sich bemühten/ sowie nicht weniger in den von benachbarten Fürsten und Großen sehr häufig an ihn gestellten Gesuchen um RathSerthcilung. Den Todestag der im Treffen bei Chäronca untergegangncn Freiheit seines heißgeliebten Vaterlands wollte er nicht überleben. Er wählte/ 98 Jahre alt/ freiwillig den Hungertod. Seine Rede»/ bei denen man oft Wärme und Kraft vermißt/ unterscheiden sich eben so vorrhcilhaft durch die Wichtigkeit und Gemeinnützigkeit ihrc-S Inhalts'/ als in Rücksicht ihrer kunstmäßigen/ zierlichen/ bis zur hoch sten Glätte getriebenen Ausarbeitung. Sein Ausdruck ist rci» und lieblich/ rührend und schmeichelnd. So lange er die Zuhörer blos belehren will/ ist seine Sprache einfach; sie wird erhaben/ großartig/ reich und geschmückt/ wenn er einen Gegenstand hervorheben und in seiner Wichtigkeit darstellen will; dann häuft er wohl die rhetorischen Figuren/ welche seit GorgiaS Erscheinung zur Mode geworden waren/ vorzüglich Antithesen und Consonanzen. Sein Periodcnbau hat vollendete Rundung. Aber aus zu großer Sorgfalt für den Wohlklaug vergißt er nicht selten/ daß eine zweckmäßige und lichtvolle Kürze das Hauptverdicnst einer Rede ist; er wird alsdann weitschweifig und opfert Kraft und Lebhaftigkeit auf. Auch bemerkt man an seinen Reden zn sehr die mühevolle Anstrengung und den großen Zeitaufwand/ welche er darauf verwandt. Auf Abfassung und Aus feilung seines Meisterwerks'/ des' so hoch gefeierten „PancgyrikuS" soll er zehn Jahre verwandt habe». ES ist die-S nämlich eine bei der Feier der olympischen Spiele zum Lobe der Athener vorgetragne Festrede/ mit der patriotischen Absicht/ ihnen den Vorrang vor den Spartaner»/ und die Hegemonie über Griechenland zuzuweisen/ und nicht minder zum allgemeinen Krieg gegen die Perser zu ermuntern. Ausser diesem PanegyrikuS besitzen wir noch 20 Reden von ihm. V) AcschincS/ nach DcmostheneS der berühmteste unter den k Geschichte der Beredsamkeit griechischen Rednern. In Armuth und Niedrigkeit geboren half er als Jüngling seinem Vater bei seinen Schulgeschäftcn/ betrat dann die tragische Bühne/ und ward darauf Schreiber. Wahrscheinlich genoß er keinen rhetorischen Unterricht/ sondern verdankte Alles seiner glücklichen/ rcichbcgabtcn Natur/ die sich auch aus den ungünstigsten Verhältnissen empor zu arbeiten verstand. Erst inzi einließ vorgerücktem Alter trat er als StaatSredner auf/ gewann aber durch sein ausgezeichnetes Talent in Kurzem großen Einfluß. Bei der Gesandtschaft an König Philipp entzweite er sich mit DemosthencS/ und wurde von dem an sein unversöhnlichster Gegner. Von dem Verdacht/ daß er sich durch makedonisches Gold habe gewinnen lassen/ konnte er sich nicht reinigen. In dem Prozeß gegen Ktesipho (s. das Leben des DemosthencS) unterlag er/ und mußte nach gesetzlicher Bestimmung/ weil nicht wenigstens von einem Fünftel der Richter seine Anklage war begründet gefunden worden/ sein Vaterland verlassen. Auf RhoduS errichtete er eine Ncdncrschulc; im Jahr 3l7 vor Chr. starb er auf SamoS. Die Beredsamkeit zeichnet sich aus durch glückliche Wahl der Worte/ durch Reichthum und Klarheit der Gedanke»/ und durch eine große Leichtigkeit. Es fehlt ihm nicht an Kraftfülle/ obgleich er sie nicht in solchem Maße besitzt/ wie DcmostheneS. Wir besitzen von ihm nur 3 Reden / die man in dem Alterthum schon mit dem Namen „die Grazien dc-S AeschineS« beehrte. Die berühmteste unter diesen ist die gegen DcmostheneS/ dem Namen nach gegen Ktesipho gerichtete. io) Ueber DcmostheneS/ die Krone asicr Redner/.siehe weiter unten. Außer diesen zehn ausgezeichnetsten der attischen Redner/ gab es noch eine große Menge in der Redekunst geübte Bürger/ welche an den Staatsgcschäftcn Antheil genommen/ und zum Theil vortreffliche Reden gehalten haben. Leider sind diese alle verloren gegangen. Einige Namen nur wollen wir anmerken: KritiaS/ einer der 30 Tyrannen; JphikrateS/ nicht minder groß als Feldherr; KallistratuS/ durch dessen Reden das Talent des jungen DcmostheneS entzündet wurde; CephisodoruS/ des JsokrateS Freund und Vertheidiger gegen die Angriffe des Aristoteles; EubuluS/ gleich groß als Redner und Staatsmann/ Liebling des athenischen Volks'/ heftiger Gegner des DemosthencS; DcmochareS/ Schwcstersohn und eifriger Anhänger des DemosthencS. Mit der Freiheit Griechenlands war auch seine Beredsamkeit dahin. Sie fand keinen ihrer Verherrlichung würdigen Gegenstand mehr vor/ und so verließ sie den Schauplatz der Welt/ und flüchtete sich in die Schulen der Nhetoren. Athen/ zur Municipalstadt hcrabgesunkcn/ wußte kaum mehr von der Kunst/ die ihr einst so unsterblichen Glanz verliehen. Die attische Beredsamkeit war der verweichlichten asiatischen gewichen; man hatte noch Nhetoren/ aber keine Redner. ES beschränkte sich jetzt Alles darauf/ daß styli- stische Ncdeübungen über theils erdichtete/ theils historische Gegenstände gehalten wurden; oft wurden auch die berühmtesten Rechtshänder / welche die ausgezeichnetsten Redner des Alterthums geführt 7 unter den Griechen. hatten, vor unbärtigcn Areopagitcn von Neuem verhandelt. Der Zweck dieser Redeübungcn war nun kein anderer mehr, als unter Mitschülern zu glänzen, und den Beifall von Zuhörern zu gewinnen, die blos unterhalten sein, blos die Zeit todten wollten. Begreiflich ward jetzt jene schlichte, edle Einfachheit der alten Meister von einer mit Künsteleien und Prunk überladnen Schreibart verdrängt. Kaum daß noch hier und da ein edleres Talent hervorragt. Die griechische Nation sank immer tiefer, und fiel der rächenden Nemesis anheim. Mit Wchmuth und Bedauern wenden wir unsre Blicke ab von den Trümmern dieses einst herrlichsten Volkes des Erdkreises. D e m o st h e n e s. Demosthcnes, der größte und berühmteste Redner des Alterthums, war der Sohn eines Waffenschmieds in Päanium in Attika, und wurde geboren in der «8. Olympiade d. h. 385 v. Chr In seinem 7. Jahre verlor er seinen Vater; drei seiner nächsten Verwandten, zu Vormündern eingesetzt, bestahlcn ihn um einen großen Theil seines bedeutenden Vermögens, und vcrnachläßigten überdies seine Erziehung gänzlich. Entschlossen, die treulosen Vormünder einmal zur Rechenschaft zu ziehen, besuchte er die Schule des Plato und des Megarcrs EuklidcS. Da er den theuren Unterricht des Jso» kratcs nicht bezahlen konnte, so begnügte er steh mit einer von einem Freunde entliehenen Handschrift der Rhetorik desselben. Nach erlangter Volljährigkeit nahm er den JsüuS in sein Haus, und übte sich unter seiner Leitung vier Jahre lang in der Redekunst. Durch einen, von KallistratuS, dem berühmtesten Redner seiner Zeit, vor dem versammelten Volk gehaltncn Vortrag wurde er fest bestimmt, eine Laufbahn zu betreten, die ihn zur Unsterblichkeit führen sollte. In seinem «7. Jahre zog er seine Vormünder vor Gericht, hielt dabei fünf, jetzt noch vorhandne, Reden, an welche wahrscheinlich IMS die bessernde Hand angelegt, und gewann den Prozeß. Hierdurch ermuthigt, wagte er eS bald, vor dem versammelten Volke als Redner aufzutreten. Seine beiden ersten Versuche liefen jedoch höchst unglücklich ab. Wegen seiner schwachen Stimme, und seines kurzen Athems, der ihn oft zwang, zusammengehörende Worte zu trennen, wegen seines ungefälligen Gcbärdenspicls und wegen seiner schlecht gebauten Perioden wurde er laut verspottet und auSgcpfiffcn. Außer fich vor Zorn und Schaam cjlt er nach Haus, wirft fich trostlos auf ein Polster nieder. Da tritt sein Freund herein, der Schauspieler SatyruS, und fragt voll Erstaunen, was ihm fehle. Da erzählt ihm Demosthcnes sein Unglück, liest ihm die gehaltn«: Rede vor, und fragt, ob fic eine solche Behandlung von der unwissenden Menge verdient habe? Der Freund heißt ihn eine Stelle aus derselben vortragen, läßt ihn hierauf schweigen, und declamirt ihm eine Scene aus des Sophokles Antigonc mit solcher Wahrheit und so hinreißendem Ausdruck, daß ihm Demosthcnes mit Thränen 8 Staatsreben. um den Hals fällt/ und bekennt/ er sehe jetzt ein/ daß er in der Kunst noch völlig Neuling fei. Sein Entschluß ist jetzt gefaßt. Er läßt steh die Haare abschccrcn/ verschließt steh fünf Monate lang in ein unterirdisches Gemach/ und beschäftigt sich blos mit rhetorischen Uebungen/ schreibt die Geschichtsbücher des ThucydideS ab/ um steh dessen Styl anzueignen/ hält auf alle möglichen Fälle Reden/ und vertieft steh in die ernstesten Forschungen und Meditationen. Um seine Brust zu stärken/ ging er öfter zur Brandung des Meers und bemühte sich durch das Getöse noch seine Stimme vernehmbar zu machen. Er sprach laut/ Berg auf gehend/ nahm Kieselsteine in den Mund/ um seine Zunge geläufiger zu machen; auf Mimik und Aktion verwandte er die höchste Sorgfalt — und seinen Anstrengungen lohnte der herrlichste Erfolg. Fünf und zwanzig Jahre war er alt/ da er wieder zum erstenmal öffentlich auftrat/ und er ärntetc allgemeine Bewunderung. Er konnte seinen höheren Beruf nicht verkennen/ und widmete sich den StaatSgeschäftcn. Das athenische Volk ging offenbar einer Krise entgegen. Schwindelnd in seiner demokratischen Größe überließ es sich seinem Leichtsinn und seiner Sorglosigkeit; schon hatte es den Weg betrete«/ der von Zügcllosigkeit zur Sklaverei" führt; die Gesetze hatten Kraft und Ansehen verloren ; Weichlichkeit/ Trägheit und Käuflichkeit waren an die Stelle der alten Sittenstrenge/ der Thätigkeit und Rechtlichkeit getreten; die Käuflichkeit erzeugte Verräiherci/ welche Griechenlands Untergang beschleunigte. Von den Tugenden ihrer Vätcr blieb den Athenern nichts'/ als eine bis zur Begeisterung gesteigerte Anhänglichkeit für ihren heimathlichen Boden/ der sich bei der geringsten Veranlassung offenbarte/ und sie ermuthigtc/ die Freiheit mit den größten Anstrengungen zu vertheidigen. Niemand verstand besser/ als DcmostheneS die Kunst/ diese Begeisterung zu entflammen und zu unterhalten. Sein Scharfblick erkannte gleich in Philipps ersten Schritten dessen ehrgeizige Absichten auf Athens und Griechenlands Unterjochung. Von diesem Augenblick an beschloß er ihn zu bekämpfe» : Krieg mit Philipp war von nun an sein Losungswort. Vierzehn Jahre lang trat er jeder Unternehmung des schlaue» Eroberers entgegen/ dem kein Versuch gelingen wollte/ den feurigen Redner durch Gold zu gewinnen. Und doch ist sein öffefitlicher Charakter nicht ganz fleckenlos. Als Krieger bewies er wenig Muth in der Schlacht bei Chärone«/ als Gesandter am macedontschcu Hof wenig Würde und Geistesgegenwart. Er wurde überführt/ von dem Perserkönig Gold angenommen zu haben/ obschon nicht um sein Vaterland zu verrathen/ »der gegen seine Ueberzeugungen zu handeln; denn der Perserkönig war damals der natürliche Verbündete der Athener. DcmostheneS unterlag im Kampf gegen den Feind der griechischen Unabhängigkeit; doch erkannte ihm Athen eine Bürgcrkrone z»/ die schönste Belohnung für einen tugendhaften Krieger. ÄcschineS suchte sie ihm streitig zu machen. Der Kampf der Beredsamkeit/ welcher sich zwischen den beiden berühmtesten Gegnern erhob/ setzte ganz Griechenland iu Bewegung. Eine Menge Neugieriger kam Demosthenes. 9 nach Alben. Demosthenes triumphiere; seinen Gegner traf die gesetzliche Strafe, (s. oben) Kurz nach diesem schönen Sieg wurde Demosthenes für schuldig erklärt / von HarpoluS/ einem von Alexander vertriebenen makedonischen Statthalter/ der für sich und seinen Raub den Schuh der Republik zu erschleichen suchte/ besiochcn worden zu sein. Da er die angesetzte Strafe von 50 Talenten («O/OOO Thlr.) nicht bezahlte/ wurde er ins' Gefängniß gesetzt. Er entfloh/ und nun betheuerte er seine Unschuld; und wirklich darf man die Gerechtigkeit jenes UrthcilSspruchS in Zweifel ziehen. Nach Alexanders Tod riefen ihn die Athener ehrenvoll zurück. Er ward nun die Seele des sich gegen Maeedonien aufs neue bildenden Bundes der griechischen Staaten. Als aber Antipater den Bund auflöste/ und auf des Redners' Auslieferung bestand / ergriff Demosthenes' die Flucht und wandte sich nach der Insel Calauria/ an der Küste von ArgoliS. Aber auch hier von den Leibwächtern des' Antipater verfolgt/ gab er/ der mehr denn sechSzigjährige Greis'/ sich selbst den Tod durch Gift. Die Reden des Demosthenes selbst geben das sprechendste Bild seiner Beredsamkeit. Ihr Eindruck auf das Gemüth ist mächtig und gewaltsam: sein Ursprung läßt sich in dreifacher Beziehung nachweisen: — einmal in der rein ethischen Tendenz/ welche in jedem Gedanken den Freund des Vaterlandes'/ der Tugend/ der Wahrheit und des AnstandS kund gibt/ jedoch/ wie es im gerechten Kampf Brauch und Sitte ist/ nicht ohne die Blöße des Gegners zu benutzen/ und zur rechten Zeit eine Finte zu schlagen/— dann in der geistigen Ueberlcgcnhcit/ welche selbst die verwickcltste Sache durch weise Anordnung des' Stoffes und zeitgemäße Einreibung schlagender Gründe/ wie ein Gemälde durch sorgfältige Vcrtheilung von Licht und Schatten/ klar und deutlich hinstellt/ ja selbst dem möglichen Zweifel im voraus begegnet/ und so ruhig und unüberwindlich zum sichern Ziele fortschreitet; — endlich in der Zaubcrgcwalt der Sprache/ die großartig und schlicht/ reich und doch nicht überlade,,/ fremdartig und doch befreundet/ festlich und doch ungcziert/ ernst und doch gefällig/ gedrängt und doch fließend/ lieblich und doch eindringlich / ein treuer Ausdruck des Innern/ und doch auch Andre tief ergreifend/ das Gemüth unaufhaltsam mit sich fortreißt. Wir haben noch unter seinem Namen 6t Reden und 6Z Eingänge und Entwürfe. Ueber die Veranlassung zu nachstehender Rede/ der dritten phi- lippischc»/ ist zu bemerken: Der maccdonische König Philippos hatte schon früher den mit den Athenern geschlossenen Frieden gebrochen / indem er namentlich ihre Städte im Chersoncs wegnahm und die Kardianer gegen den athenischen Feldherrn DiopcitheS unterstützte. Der Beschwerden des Demosthenes und aller gut gesinnten Athener ungeachtet/ setzte er auch jetzt noch (Ol. tos. 3. oder 3k2 v. Chr.) seine Eroberungen gegen die Besitzungen der Athener in Thrakien fort/ bedrohte den Propontis und Hellcs'pont/ und vergrößerte durch seine Söldner uvd sein Gold mit jedem Tage Maccdoniens Macht und Einfluß auf Griechenland; mit jedem Tage wurden des Königs feindselige Absich- 10 Staatsreden. tcn auf Athen und ganz Hellas offenkundiger. — Da fordert Dem. in der folgenden Rede zum Krieg auf gegen den Unterdrücker/ bekämpft den Unmuth/ die Schlaffheit und die kleinlichen Rücksichten seiner Mitbürger/ zieht besonders gegen die Bestechlichkeit und Schmeichelei der Aftcrredner zu Felde/ und räth vor allen Dingen/ den HclleSpont zu schützen / Byzantion gegen die eroberungssüchtigen Plane des makedonischen Königs zu vertheidigen / und sich des Ruhmes der Vorfahren würdig zu zeigen. Rede. Wohl wird, Männer AthcnS, fast in jeder Volksversammlung weitläufig über die Unbilden gesprochen, die Philippos, ungeachtet des Friedens, nicht nur gegen Euch, sondern auch gegen alle übrigen Griechen sich erlaubt; wohl müssen, glaub' ich, Alle cinge- stehcn, obschon sie cS nicht thun, dasi Wort und That nöthig sind, seinem turannischcn Ucbermuthe ein Ziel zu sehen und ihn zu züchtigen: und dennoch muß ich sehen, wie all' unsre Staatsangelegenheiten so herunter gekommen und zerrüttet sind, daß ich fast fürchte zu sagen, — was schimpflich, aber wahr ist, — eS könnte nicht schlimmer als jetzt um den Staat stehen, wenn auch sämmtliche Redner die verderblichsten Rathschläge gäben, ja nicht schlimmer, wenn Ihr sogar dafür stimmen wolltet. Vieles mag diesen Zustand herbeigeführt haben, nicht ein oder zwei Unfälle brachten uns so weit. Die größte Schuld aber, wenn Ihr cS recht überlegt, tragen die, welche mehr nach Eurem Wunsche, als für Euer Bestes sprechen. Denn während Einige von diesen, Ihr Männer Athens, wohl für die Erhaltung ihrer eignen Ehre und ihres eignen Einflusses, keineswegs jedoch für die Zukunft Sorge tragen und deßhalb auch Euch davon abzuziehen suchen, bewirken Andre durch Anklage und Verleumdung derer, welche die Staatö- geschäfte leiten, daß der Staat sich ewig selbst bestraft, Philippos dagegen schalten und walten kann nach Willkür. So ist Eure Staatsverwaltung, an die Ihr leider! schon gewöhnt seid! Sie ist der Grund all' des Unheils. — Wenn ich aber mit Freimüthigkeit die Wahrheit sage, so wünsche ich, Ihr Männer AthcnS, deßhalb nicht Euren Zorn auf mich zu laden. Erwäget vielmehr, daß Ihr die Redefreiheit bei andern Gelegenheiten als ein sämmtlichen Bewohnern der Stadt gemeinsames Recht betrachtet, von welchem Ihr sogar Fremdlinge und Sklaven nicht ausgeschlossen habt, ja daß Knechte bei Euch ihre Ansichten mit größerer Freiheit aussprcchen dürfen, als Bürger in DewostbeneS. 1t manchen andern Staaten. Und dieses Recht habt Ihr aus Euren Verathschlagungen verbannt?! Daher ist es natürlich gekommen, daß Ihr während der Versammlungen in Schmeicheleien schwelgt, und immer nur schöne Worte hört, während Ihr nach Innen und Außen schon in der höchsten Gefahr schwebt. Leidet Ihr auch jetzt noch an diesem Uebel, so habe ich nichts zu sagen; wollt Ihr aber, was dem Staate frommt, ohne Schmeichclworte vernehmen, so bin ich bereit zu sprechen. Denn wiewohl die Sachen sehr mißlich stehen, und Manches versehen worden ist, so ist es doch noch möglich, falls Ihr das Nöthige zuthun entschlossen seid, dieß Alles wieder gut zu machen. Ja, — es möchte sonderbar erscheinen, was ich sagen will, aber es ist wahr — ja, was das Schlimmste in der Vergangenheit war, es wird für die Zukunft das Beste. Was meine ich wohl damit? So höret! Eure jetzige Lage ist deßhalb so unglücklich, weil Ihr auch nicht das Geringste gethan habt, was Ihr thun solltet; hättet Ihr aber Alles gethan, was die Pflicht forderte, und eS ginge dennoch so schlimm, so wäre nicht einmal Hoffnung zu einem bessern Zustände vorhanden. Zwar hat PhilippoS mit Eurem Leichtsinn und Eurer sorglosen Geduld einen vorthcilhaftcn Kampf gekämpft, noch aber die Stadt nicht erkämpft; nicht überwältigt sind wir, nein! noch nicht einmal erschüttert! — Wenn wir also sämmtlich darüber einig wären, daß PhilippoS mit schlauer Berechnung den Krieg auf unser Gebiet tragen will, und aus diesem Grunde den Frieden bricht, so brauchte der Redner auf nichts Andres aufmerksam zu machen, als auf die Mittel der sichersten und leichtesten Gegenwehr. Da aber Einige unverständig genug sind, die häufig in den Versammlungen gehörte Aeußerung, die Urheber des Krieges befänden sich unter uns, ruhig mit anzuhören, wahrend jener doch Städte wegnimmt, Vieles von Eurem Bcsitz- thume sich angeeignet hat und die Rechte der ganzen Menschheit kränkt: so müssen wir uns zuvörderst gegen diese Meinung wahren und dieselbe berichtigen. Außerdem steht zu befürchten, daß man durch schriftlichen Antrag oder mündlichen Rath zur Vertheidigung, die Beschuldigung, den Krieg veranlaßt zu haben, auf sich lade. Ich muß daher vor allen Dingen erörtern und die Frage feststellen, ob es überhaupt in unsrer Macht stehe, zwischen Krieg und Frieden zu wählen? Ist der Friede mit der Ehre der Stadt vereinbar und steht er in unserer Gewalt, — um hiermit anzufangen, so behaupte ich, wir müssen ihn halten, fcrdre aber auch, daß, wer dieß sagt, Vorschläge mache und handle, ohne uns zu 12 Staatöreden. hintergehen; wenn indes; Jemand, mit den Waffen in der Hand und von einer großen Macht umgeben, sich hinter den Namen des Friedens versteckt, in der That aber KriegSopcrationen vornimmt, was bleibt gegen einen solchen dann übrig, als Gegenwehr? Wollt Ihr jedoch vorgeben, den Frieden so zu halten, wie jener, so habe ich nichts dagegen. Wer freilich daS Frieden nennt, daß Philipp nach Wegnahme aller unsrer auswärtigen Besitzungen endlich gegen, uns selbst vorrückt, der ist aberwitzig und spricht damit aus, daß jener wohl vor Euch, Ihr aber nicht vor ihm Frieden habt. Dieß ist eS ja, warum Philipp all' seine Schätze aufbietet: den Vortheil will er sich erkaufen, Euch zu bekriegen, ohne von Euch bekriegt zu werden. lind wahrlich! warten wir so lange, bis er uns den Krieg ankündigt, so sind wir die einfältigsten Menschen von der Welt; denn wenn er auf Attika und den Piräeus selbst loSginge, würde er noch sagen, daß er keinen Krieg führe, wie man aus seinem Verfahren gegen die Andern schließen muß. So erklärte er den Olvnthicrn, als er nur noch 10 Stadien * **) von ihrer Stadt entfernt war, daß nur zwischen zwei Wegen die Wahl gegeben sei, entweder müßten sie aus Olvnth weichen, oder er aus Makedonien, und doch ereiferte er sich sonst jedesmal, wenn ihm Veschul^gungen der Art gemacht wurden, und schickte Gesandte zu seiner Rechtfertigung; so zog er zu den Phokecrn, wie zu Verbündeten, und Gesandte der Phokccr waren es, die ihn auf seinem Zuge begleiteten. Doch wollten bei uns Viele behaupten, sein Einmarsch werde den Thebäcrn kein Heil bringen, lind — sollte man'S glauben? — auch Phcrä***) nahm er vor Kurzem weg, ungeachtet er ganz als Freund und Bundesgenosse in Thessalien einrückte, und noch zuletzt ließ er den unglücklichen Orciten sagen, er habe ihnen Soldaten zum Besuch geschickt, aus lauter Freundschaft, weil er erfahren habe, daß sie an Unruhen krank darnieder lägen, und in solchen Umständen es doch Psticht wahrer Bundesgenossen und Freunde sei, sich thätig zu zeigen. — Glaubet Ihr nun noch, daß ein Mann, der es vorzog, lieber durch List, als durch einen erklärten Krieg Leute zu unterjochen, welche ihm durchaus kein Unrecht zugefügt, sondern sich vielleicht nur gegen srcm- ») Der Piräeus ist einer und zwar der berühmteste der Z Häfen Athens; die beiden andern waren Munychla und Phaleron. **) D. i. etwa eine deutsche Meile, denn ein Stadion ist blw griechische oder «25 römische Fuß; daher mache» 10 Stadien eine deutsche oder geographische Meile. ***) Phcrä, Stadt -n Thessalien in der Landschaft Pclasgiotis. des Unrecht halten schützen können, — daß er gerade Euch den Krieg ankündigen werde, wenn er zumal sieht, daß Ihr Euch selbst'täuscht? Laßt Euch das nicht einfallen. Denn da Ihr selbst ihn keines Unrechts gegen Euch beschuldigt, sondern vielmehr Euch einander seinetwegen anklagt, so müßte er ja der thörichtste Mensch von der Welt sein, wenn er Eurem gegenseitigen Hader und Zwist ein Ende machen und diesen gegen sich selbst kehren, wenn er endlich seinen hier bezahlten Leuten dadurch den Verwand, als führe er keinen Krieg mit unserer Stadt, rauben wollte, den Verwand, mit welchem sie Euch immer hinzuhalten wissen! Aber wer in aller Welt wird bei gesundem Verstände lieber aus Worten, als anS Thaten erkennen wollen, ob Jemand Krieg führt, oder Frieden hält? Gewiß Niemand. Zinn frage ich Euch, wenn Philippos, gleich darauf, als der Friede zu Stande gekommen, als Diopeithcs ") noch nicht Heerführer und das jetzt im Ehersones stehende Heer noch nicht abgeschickt war, wenn er damals Serrion und DoriSkos wegnahm, und die Besatzung aus Scr- rion-Tcichos und Hieronoros ** ***) ) herauswarf, welche Euer Feldherr hineingelegt hatte: was that er denn eigentlich durch dergleichen Maaßregeln? Den Frieden hatte er freilich beschworen. — Doch tuende mir Niemand ein, wozu dieß? oder was kümmert das die Stadt? Denn ob dieß Kleinigkeiten sind, und ob Ihr Euch deßhalb darum nicht bekümmert, das ist eine andre Frage; ob Neligions- und Rechtsverletzungen aber in unbedeutenden oder in wichtigern Dingen Statt finden, das ist einerlei, wenn es überhaupt Neligions- und Rechtsverletzungen .sind. Wenn er ferner in den ChersoncS, welchen der Perserkönig und alle Griechen als Euer Eigenthum anerkennen, Söldner schickt, Hülfe verspricht, und dieß hierher berichtet, sagt an, was ist dabei seine Absicht? Freilich wird er noch nicht sagen, daß er Krieg führe; aber weit entfernt, ihm nach solchen Handlungen einzuräumen, daß er Frieden mit Euch halte, behaupte ich vielmehr, daß er durch seinen Einfall in Megara, durch die Einsetzung einer Zyrannenhcrrschaft in Euböa*"), durch den jetzigen Einmarsch in Thrakien, durch *) Diovcikhcs, Feldherr der Athener an der Spitze des nach dem ChersoncS zu Schutz und Trutz geschickte» Vcobachtuiigshccrs. **) Dies> smd unbedeutende Orte, deren Verlust kaum der Rede werth zu sein schien; doch bemerkt Dcmosthcnes in dem Folgende» dagegen, daß es sich hier nicht um größere oder geringere Bedeutsamkeit der weggenommenen Platze , sondern überhaupt um das Recht oder unrecht handle, mit dem sie weggenommen worden seien. ***) Wenn Philipp Megara erobert, Böoticn eingenommen hatte und Euböa Staaksrrden. 1't seine Umtriebe in dem Pclcponncs und durch alle übrigen mit seiner Macht ausgeführten Unternehmungen den Frieden breche und Euch befehde; — Ihr müßtet denn gar sagen wollen, daß auch die, welche das VclagerungSzcug aufstellen, so lange Frieden hielten, bis sie es an die Ringmauer selbst schon heranrücken. Doch das werdet Ihr nicht sagen. Denn wer Alles unternimmt und ausführt, um mich zu fangen, der führt Krieg mit mir, wenn er auch nicht Speer und Pfeil nach mir wirft. Welche Gefahren drohen Euch also, wenn PhilippoS unterdessen größere Fortschritte machen sollte? Daß der HelleSpont Euch entrissen, Euer Feind Herr von Mcgara und Euböa wird, nnd daß die Pelopon- ncsicr seine Partei nehmen. Soll ich auch dann noch sagen, daß der, welcher dergleichen Operationen gegen die Stadt unternimmt, Frieden mit Euch halte? Durchaus nicht. Vielmehr behaupte ich, daß er von dem Tage an, als er die Phokeer unterdrückte, die Feindseligkeiten gegen Euch begonnen habe. Wenn Ihr ihn jetzt noch abwehrt, so handelt Ihr weise, das ist meine Meinung; schiebt Ihr es aber auf, so wird cS Euch, auch wenn Ihr später wolltet, nicht mehr möglich sein. Deßhalb weit entfernt von der Meinung der übrigen Rathgeber, Ihr Männer Athens, scheint es mir nicht einmal an der Zeit, unS jetzt mit der Frage über den Chersones oder Byzantion zu beschäftigen, sondern diesen wohl Hülfe zu schaffen, sie gegen jedes Unrecht zu schützen und den dort befindlichen Soldaten all' das Nöthige zu schicken, am meisten aber über das gesammte Griechenland uns zu berathen, da dieses in der äußersten Gefahr schwebt. Darum will ich Euch zeigen, warum ich für unsre Angelegenheiten so sehr fürchte, damit Ihr, wenn ich gute Gründe habe, dieselben mit mir beherzigt, und wenn auch nicht für die allgemeine, doch für Eure eigne Wohlfahrt Sorge tragt, damit Ihr aber, sollte ich als ein unnützer Schwätzer und als ein Aberwitziger erscheinen, nur weder jetzt, noch in Zukunft, wie einem vernünftigen Menschen Eure Aufmerksamkeit schenkt. — Daß nun also PhilippoS aus seiner anfänglichen Dunkelheit und Niedrigkeit sich zu dieser Macht geschwungen, daß die Griechen unter sich selbst mißtrauisch und uneinig sind, und daß es vielmehr zu verwundern ist, daß er überhaupt zu solcher Höhe von jenem so unbedeutenden Anfange schon gestiegen ist, als wenn er jetzt nach so vielen errungenen Vortheilen auch das Ucbrige noch seinem Willen unterwirft, dieß und Achnliches, so viel ich noch durch seine Söldner beherrschte, so war Athen von seiner Macht ganz eingeschlossen. v Demosthenes. 15 anführen könnte, will ich übergehen. Aber leider! sehe ich, daß alle Welt, und vor Allen Ihr, ihm etwas zugesteht, worüber in früheren Zeiten alle hellenischen Kriege entstanden sind. Und was ist dieß wohl? es ist die Macht, willkürlich zu schalten, die Hellenen einzeln zu stürzen und auszuplündern, die Städte zu überfallen und zu unterjochen. Zwar standet ihr 73, die Lakcdämonier 29 Jahre an der Spitze der Hellenen, und auch die Thcbäer besaßen einige Macht in den lctztverflossenen Zeiten nach der Schlacht bei Leuktra*), doch wurde weder Euch, noch den Thebäcrn, noch den Lakedämoniern von den Hellenen die Macht zugestanden, willkürlich zu schalten; nichts weniger, als dieß. Im Gegentheile, wenn Ihr, oder vielmehr die damaligen Athenäer, Euch gegen den Einen oder den Andern übermüthig zu betragen schient, hielten es Alle, auch die, welche keine Anklage gegen Euch erheben konnten, für ihre Pflicht, in Gemeinschaft mit den Beleidigten gegen Euch zu Felde zu ziehen. Ebenso erhoben sich gegen die Lakcdämonier, welche damals an der Spitze standen und die Obergewalt hatten, wie Ihr, Alle zum Kriege, auch die, welche keinen Grund zur Anklage gegen sie hatten, als sie ihre Macht zu mißbrauchen sich erkühnten, und die bestehende Ordnung der Dinge über die Maßen erschütterten. Doch wozu Andre anführen? Wir selbst glaubten uns, ob wir gleich ursprünglich keine gegenseitige Beleidigung als Grund hätten anführen können, bloß deßhalb zum Kriege verpflichtet, weil wir Andre beleidigt sahen. Doch alle diese Vergchungcn, sowohl der Lakcdämonier in jenen 30 Jahren, als Eurer Vorfahren ln den 70, sind Kleinigkeiten gegen die Schandthaten, welche sich Philippos in nicht ganz 13 Jahren, während welcher er sich gehoben, gegen die Hellenen erlaubt hat, nein! jene sind nicht der geringste Theil von diesen. Dieß kann leicht mit ein Paar Worten bewiesen werden. — Olynthos, Mcthone und Appollonia und 32 Städte in Thrakien, welche er sämmtlich so grausam zerstörte, daß der Wanderer kaum noch die Stätte von Menschenwohnungen wieder erkennt, übergehe ich mit Stillschweigen; auch die Unterdrückung des mächtigen Volks der Phckcer lasse ich unerwähnt. Steht eS mit Thessalien etwa besser? Hat er nicht die Verfassungen der genannten *) 371 vor Chr. Diese Schlacht, welche von den Thel-äern dnrch die vortreffliche Taktik ihres Feldherrn Evaminondas gegen die Spartaner gewonnen wurde, endigte die Obergewalt (Hegemonie) der Letztem und verschaffte ffe den Thebaern. 16 StaatSreden. Staaten vernichtet und Letrarchien*) gegründet, um nicht nur einzelne Städte, sondern ganze Völker zu Sklaven zu machen? Und die Städte auf Euböa, haben sie nicht schon ihre Tyrannen? Städte einer Insel, die Theben und Athen so nahe liegt ! Schreibt er nicht ausdrücklich in seinen Briefen: ich halte Frieden mit denen, die sich meinem Willen beugen wollen? Und dieß schreibt er nicht bloß, ohne es durch die That zu bekräftigen, sondern rückt gegen den HclleSpont vor, kam zuerst nach Ambrakia, hat EliS, eine so bedeutende Stadt im Peloponncs, in seiner Gewalt, machte jüngst Versuche auf Megara; wahrlich! weder Hellas noch das Ausland kann die Habsucht dieses Menschen sättigen. Und dieß sehen und hören wir Hellenen alle, ohne uns einander deßhalb Gesandte zu schicken und ihm unsern Zorn fühlen zn lassen: und dennoch ist unsere Lage so schlimm, Stadt von Stadt so abgeschnitten, daß wir bis auf den heutigen Tag nichts, was heilsam ist, nichts, was Noth thut, zu ergreifen, nicht uns enger zu verbünden, nicht zu gemeinsamer Hülfe und Freundschaft einander die Hände zu bieten vermochten, sondern daß wir der wachsenden Macht des Menschen müßig zusehen, und ein Jeder, wie mich dünkt, den Zeitpunkt als gewonnen für sich betrachtet, in welchem ein Andrer zu Grunde geht, ohne für die Rettung der Hellenen bekümmert und thätig zu sein. Indessen ist es hier, wie mit dem periodischen Anfall eines Fiebers oder einer andern Krankheit; die Reihe kommt auch an den, der jetzt sehr weit von demselben entfernt zu sein glaubt. Das weiß, denk' ich, Jedermann. Auch das wißt Ihr, daß die Hellenen alle Unbilden, die sie von den Lakcdämcnicrn und Euch zu erleiden hatten, wenigstens von echten Söhnen Griechenlands erlitten, und man möchte dieß eben so beurtheilen, als wenn ein ächter Sohn mit einem großen Vermögen, das er besitzt, nicht ordentlich und haushälterisch umgeht, so daß er darum wohl Tadel und Zurechtweisung verdient; doch muß man immer sagen, daß er als Verwandter und Erbe so gehandelt. Wenn aber ein Sklav oder Bastard fremdes Eigenthum vergeuden oder schmälern wollte, beim Herakles! um wie viel niederträchtige? und empörender würden das Alle finden! Aber bei Philippcs und seinen Thaten finden sie cS nicht so, bei einem Menschen, der nicht nur kein Hellene ist, auch nichts mit Hellenen gemein hat, nein! der nicht einmal Barbar aus einem mit Ehren ) Eine Regierung, du aus 4 Statthaltern oder Virekönige» bestand. Demosthenes. 17 genannten Lande ist, sondern ein Scheusal Makedoniens, woher rnan sonst keinen tauglichen Sklaven kaufen konnte. — Doch was fehlt noch bis zur vollkommenen Tyrannei? Abgesehen davon. Laß er die Städte zerstört hat, leitet er nicht auch die pythischen Spiele, das gemeinsame Fest der Griechen? lind sendet er uns nicht, wenn er nicht selbst zugegen sein sollte, seine Sklaven, um die Kampsspiele zu ordnen? Ist er nicht Herr von Pylä und der Pässe am Eingänge nach Griechenland? und hält er Liese Plätze nicht mit Wachen seiner Söldner besetzt? hat er nicht auch die Vorfrage bei dem Orakel *) sich angemaßt, und uns, die Thessalicr, die Dorcr und die übrigen Amphiktyonen aus diesem Rechte verdrängt, das nicht einmal allen Griechen zu Theil wird? Schreibt er nicht den Thessalicrn die Art ihrer Verfassung vor? Schickt er nicht Söldner theils nach PorthmoS **), um das Volk der Erctrier daraus zu vertreiben, theils nach OrcoS***), um einen Tyrannen, Namens PhilistidcS, dort einzusetzen? — Nichts desto weniger gewinnen eS die Griechen über sich, diesem Unwesen müßig zuzusehen, wie man etwa dem Hagel zuschaut; und obgleich Jeder wünscht, das Ungemach möge ihn nicht treffen, so thut doch Niemand etwas dagegen. Doch nicht allein diejenigen Beleidigungen, durch welche er ganz Griechenland kränkte, blieben ungcrochcn, sondern sogar auch die, welche er sich gegen jeden Einzelnen persönlich erlaubt. Das ist schon das Letzte! Zog er nicht gegen das Korinthische Ambrakia und LcukaS? Schwur er nicht, das Achäische NaupaktoS den Aetolern zu übergeben? Nahm er den Thebciern nicht EchinoS weg? Und inarschirt er nicht jetzt gegen die Vyzanticr, unsre Bundesgenossen? Hat er nicht auch unsre Besitzung, — um vorn klebrigen zu schweigen — die bedeutendste Stadt des Ehersones, Kardia, inne? In dieser verzweifelten Lage zaudern wir noch, brüten in dumpfer Unthätigkcit hin und blicken immer auf unsre Nachbarn, mißtrauisch gegen uns selbst, nicht gegen den, der unser Aller Rechte mit Füßen tritt. Doch wie glaubt Ihr wohl wird der, welcher gegen Alle so despotisch auftritt, gegen die Einzelnen verfahren, deren Herr er würde? *) Die Vorfrage bei dem Orakel war ein Recht mcbeer amphiktvonischrli Städte; Andre, die dieses Recht nicht besaßen, wurden nur nach dem Voose iwrgelassen. **) PorthmoS, Burg von Erctria auf Euböa / der Landschaft Attika gegen, über an der Meerenge gelegen. Sreos oder Srocn , Stadt i» Euböa/ ehedem Histiäa genannt/ lag an der Meerenge Sirtemision. 2 18 S t a a t S r e d e n. Was ist nun daran Schuld? denn nicht ohne Grund und gerechte Ursache waren die Hellenen damals so empfänglich für die Freiheit, wie sie es seht für die Knechtschaft sind. Es lebte damals Etwas, wahrlich! Ihr Männer Athens, es lebte Etwas in den Gemüthern des Volks, was seht entwichen ist; dieses Etwas siegte über Persicns Schätze, schützte die Freiheit von Hellas, und unterlag in keinem Kampfe zur See und zu Lande; nun es ersterben ist, ist Alles zurückgegangen und in Verwirrung. Worin bestand dieß? Es war nichts Schwieriges oder was tiefe Einsicht erforderte, sondern, — daß ein allgemeiner Haß die traf, welche Gold von den herrschsüchtigcn und hinterlistigen Feinden Griechenlands nahmen, und daß es kein schwereres Verbrechen gab, als der Bestechung überwiesen zu werden, daß einem solchen Verbrecher die härteste Strafe ward, keine Gnade, keine Barmherzigkeit! Der günstige AuSgang einer jeden Unternehmung also, welchen das Schicksal oft lieber den Sorglosen als Achtsamen, lieber denen, die nichts unternehmen wollen, als denen, die ihre Pflichten vollkommen erfüllen, verleiht, war nicht von den Rednern oder Feldherrn zu erkaufen, ebenso wenig, als innere Eintracht, als das Mißtrauen gegen die Tyrannen und Barbaren, überhaupt nichts diesem AehnlichcS. Jetzt aber wird Alles dieß wie vcm Markte weg verkauft, und dafür das eingetauscht, was der Quell des Verderbens ist für Hellas. Was mag ich damit meinen? Neid, wenn Einer Geld bekommen hat, Gelächter, wenn cS dieser gesteht, Nachsicht gegen die Ueberführten, Haß, wenn Jemand dieß Verfahren tadelt, kurz Alles, was mit der Bestechung zusammenhängt. Haben wir doch Kriegsschiffe, zahlreiche Mannschaft, Geldquellen, Fülle der Vorräthe und Alles, was sonst noch zum Schuhe der Staaten gehört, in viel größcrm und reichlichen» Maaße, als unsre Vorfahren; leider! ist nur Alles dieß unbrauchbar, ohne Erfolg und unnütz geworden, dadurch, daß man cS feilbietet! Daß unser Zustand wirklich so ist, seht Ihr ohne Zweifel selbst, und bedürft zum Beweise dafür meines Zeugnisses nicht; daß in der Vorzeit aber gerade das Gegentheil sich zeigte, werde ich nicht durch meine eignen Worte, sondern durch den Ausspruch Eurer Vorfahren beweisen, welchen sie in eine auf der AkropoliS aufgestellte eherne Tafel eingrubcn, nicht zu ihrem eignen Frommen, denn auch ohne solche Inschriften waren sie auf ihre Pflicht bedacht, sondern zum Gedächtniß und Vorbild für Euch, wie man in solchen Fällen handeln müsse. Was sagt nun die Inschrift? Arthmios, heißt cS, der Sohn des Pythona.r aus Zclcia, sei ehr- Demostbene«. 19 los und ein Feind des Volks der Athener und ihrer Verbündeten, er und sein Geschlecht. Nun wird die Ursache angegeben, weßhalb dies geschah: weil er daS Gold der Meder nach dem Peloponnes gebracht hat. So lautet die Inschrift. Bedenket nun, um der Götter willen, und überleget bei Euch selbst, wie edel die Gesinnung der damaligen Athener gewesen sein muß, welche also handeln konnten, wie mächtig ihr Einfluß! Sie erklärten durch eine Inschrift einen Zelitcn Arthmios, einen Sklaven des Perserkönigs (denn Zcleia liegt in Asien), weil er im Dienste seines Herrn Geld in den PeloponneS gebracht, für ihren und ihrer Verbündeten Feind, ihn und sein Geschlecht für ehrlos. Doch war dieß nicht, was man gewöhnlich unter Ehrlosigkeit* **) ) versteht; denn was kümmert es den Zcliten, von Athens gemeinsamen Rechten ausgc- schlopen zu bleiben? Das ist auch damit nicht gemeint, sondern in den Blutgesetzcn heißt es in Betreff derjenigen Fälle, welche keine Verantwortlichkeit wegen des Mordes nach sich ziehen, in denen derselbe vielmehr erlaubt ist, unter Andern: „und der Ehrlose soll sterben." Also ist mit jenen Worten gemeint, wer Einen von diesen umbringt, sei rein von Blutschuld. So glaubten sie für das Wohl aller Hellenen sorgen zu müssen; außerdem hätte rS ihnen ja gleichgültig sein können, ob Jemand in dem Peloponnes Leute erkaufte und bestach, wenn sie nur selbst anderer Gesinnung waren; allein sie bestraften und ahndeten die Bestechlichkeit, an wem sie dieselbe bemerkten, dergestalt, daß sie ihr sogar Schand- säulen errichteten. Das war offenbar der Grund, weßhalb der Name der Hellenen dem Ausländer furchtbar war, nicht der des Ausländers den Hellenen. Jetzt freilich ist's leider anders! Denn weder in diesen, noch in andern Fällen sind Eure Gesinnungen noch dieselben. Wie sonst aber? wird Jemand fragen. Doch das wißt Ihr selbst; was soll ich mich auch ewig über Euch beklagen, da alle übrigen Hellenen ähnlich und um nichts besser gesinnt sind? Deßhalb behaupte ich, daß unsre gegenwärtige Lage viel Ernst und guten Rath erheischt. Soll ich sagen welchen? Erlaubt Ihr es, und werdet Ihr nicht zürnen? (Der Schreiber liest die Vorschläge vor*). *) Ehrlosigkeit, Atimla, bestand gewöhnlich, in dem Verluste des Bürger rechts; bei größer» Verbrechen jedoch wurde dieselbe so weit gesteigert daß der damit Belegte vogelfrci war. **) Der Schreiber, der dem Redner zur Seite stand, mußte, wenn es die, scr verlangte, Beschlüsse, Gesetze, Zeugnisse u. dergl, zur Bestätigung des von dem Redner Gesagten vorlese». Sein Amt brachte es daher auch mit stch, daß er alle jene Dokumente und Akten im Staatsarchiv aufbewahren mußte. 20 Staatsreden. Es ist nun eine sehr beschränkte Ansicht, wenn Leute znr Bc- rnhignng der Stadt behaupten, PhilippoS sei noch nicht so mächtig, wie damals die Lakedämonier, welche Herren zu Land und Wasser ivarcn, den Perserkönig zum Verbündeten hatten, und mit denen cS Niemand aufnahm,' und dennoch hätte unser Staat sich sogar gegen diese vertheidigt und gehalten. Ich glaube dagegen, dasi, während Alles einen bedeutenden Zuwachs erhalten hat, und die jetzigen Verhältnisse den frühern nicht mehr ähnlich sehen, nichts so sehr, als das Kriegswesen gefördert und erweitert worden ist. Denn früher blieben die Lakedämonier und die übrigen Griechen, wie ich höre, nur 4 bis Monate während des Frühlings im Felde, und zogen, nachdem sie vielleicht diese Zeit hindurch in Feindeä Land eingefallen waren, und dasselbe verheert hatten, mit ihren Schwerbewaffneten und Bürgcrhecren wieder heim, so ehrlich, nach alter Sitte, oder vielmehr patriotisch waren sie gesinnt, dasi sie um Geld von .Keinem etwas erkauften, sondern rechtlich und offen den Krieg führten. Jetzt müßt Ihr freilich sehen, wie Ver- räthcr den Staat -in's Verderben gestürzt haben, wie nichts vom offenen Kampfe und von der Schlacht abhängt, müßt hören, wie Philippos nicht mit seiner Phalanp *) von Schwerbewaffneten sich seinen Weg bahnt, sondern mit einem aus Leichtbewaffneten, Reitern, Bogenschützen und Söldnern zusammengerafften erbärmlichen Heere! Mit diesem rückt er in den mit sich selbst zerfallenen Staaten ein, und wenn aus Mißtrauen Niemand zur Vertheidigung sich zeigt, so stellt er seine BelagcrungSmaschincn auf und beginnt die Belagerung. Dabei will ich nicht einmal erwähnen, dasi ihm Sommer und Winter einerlei sind, und keine Jahreszeit ihn veranlassen kann, den Krieg auszusetzen. Da Ihr dieß wißt und überlegen könnt, so ist es auch Eure Pflicht, den Krieg nicht in das Land zu lassen, oder in: Vertrauen auf jene gutmüthige Kriegführung der Lakedämonier Eurem Untergänge entgegen zu gehen, sondern schon zum Voraus wachsam zu sciu und Euch wohl zu rüsten, mit ihn in seinem Lande zu beschäftigen, doch Euch ja nicht in einer offenen Schlacht mit ihn, zu messen. Denn zu einem Kriege mit ihm sind uns von der Natur wohl manche Vortheile dargeboten, wenn wir nur, Ihr Männer von Athen, wenn wir nur handeln wollten, wie es sich ziemt, so namentlich die Beschaffenheit seines Landes, das wir an *) Die makedonische Plmkanr wurde von Plulivv nicht ciacntlich erfunden, sondern nur verbessert. Diele Schlachkreibe bessand acmcini.Uich aus Mann, „nd zwar 200 M. in der Brctw, in !S (gliedern in der Tiefe. DemostheneS. 2t vielen Stellen verheeren und verwüsten und sonst beunruhigen können, und tausend andre Begünstigungen; aber zum offenem Kampfe ist jener besser geübt, als wir. Doch diese Einsicht allein genügt nicht, ebenso wenig, als der thätige Widerstand im Kriege, sondern Ihr müßt auch seine Für- sprecher hier im Grund Eurer Seele hassen, und wohl bedenken, daß es nicht eher möglich ist, die äußern Feinde der Stadt zu besiegen, ehe Ihr die innern unschädlich gemacht habt, die ihm sklavisch dienen. Aber bci'm Zeus und allen Göttern, dieß könnt, dieß wollt Ihr nicht thun! Vielmehr ist es so weit gekommen mit Eurer Thorheit, mit Eurem Wahnsinn und — doch ich weiß keinen Ausdruck dakür (denn oft wandelt mich die Furcht an, als treibe Euch ein finstrer Geist dazu), daß Ihr aus Liebe zu Schmäh- rcden, zu neidischen Verkleinerungen, zu Spöttereien und aus irgend welcher andern Ursache eS zugebt, daß bestochene Subjecte, von denen Einige nicht einmal leugnen, daß sie es sind, die Rednerbühne betreten, und lachet, wenn Der oder Jener recht geschmäht wird. Doch das ist noch nicht das Aergste, wenn cS schon arg genug ist; Ihr habt diesem Volke sogar mit größerer Zuversicht die Staatsgeschäfte anvertraut, als denen, welche zu Euren Gunsten sprechen. Doch setzet selbst, wie viel Unglück eS bringt, Leuten dieses Gelichters willig sein Qhr zu leihen*). Was war aber der Grund, hör' ich Euch verwundert fragen, daß die Olvnthier, Cretrier und Oreiten sich denen günstiger bewiesen, welche Philippos Sache, als denen, welche die ihrige in Schutz nahmen? Derselbe, der sich auch bei Euch zeigte, daß es den Sprechern, für das Wohl des Vaterlandes, auch wenn si^ es wünsch-^ ten-, bisweilen nicht möglich ist, nach Wunsch zu reden. Denn nur Rettung des Staates ist eS, die jetzt den Vaterlandssreund beschäftigen muß; Jene dagegen.arbeiten durch ihre schönen Worte dem Philippos gerade in die Hände. Diese fordern freilich Kriegö- steucrn, Jene meinten, man bedürfe ihrer nicht; Diese drangen auf Krieg und Vorsicht, Jene auf Frieden, bis sie in die Falle gingen; und so war eS auch, glaub' ich, im klebrigen, um nicht Alles einzeln anzuführen; kurz, Jene sagten das, wodurch sie sick^ *) Hier haben wie eine ganze Stelle (in Nckkcrs Ausgabe §. 56 — 6Z.) weggelassen, in welcher Dcmosth. an die Neisviele anderer Siaaren Griechenlands, namentlich der Olvnthier, Erctricr und Oreiten erinnert, welche durch ihr Vertrauen aus die heimlichen und erkauften Anhänger Philipps sich in's Unglück gestürzt hatten. Wir glaubten, dies; thun zu müssen, weil diese Partie zu sehr in's Einzelne geht und weil die Auslassung derselbe» den Zusammenhang der ganzen Rede nicht im mindesten stört. 22 S t a a t - » e d , n. angenehm machten, und kein Wasser trübten, Diese, was Rettung bringen sollte, und Unwillen erzeugte. Daher ließ auch endlich das Volk Manches geschehen, nicht so sehr aus Nachgiebigkeit oder Unwissenheit, als auL Muthlosigkeit, weil sie der Ge- sammtmasse zu unterliegen meinten. So fürchte ich, bei'm Zeus und Apollen, ergeht es auch Euch, wenn Ihr zu der Einsicht kommt, daß Euch ein kluger Rath nicht mehr helfen kann. Möge es, Ihr Männer Athens, nie so weit kommen; denn besser, tausendmal sterben, als aus Schmeichelei auch das Geringste für PhlippoS thun und einen von den Männern, die für Euer Bestes sprechen, ihm aufopfern. Wahrlich, einen schönen Lohn hat jetzt das Volk der Oreiten davon, daß sie sich den Freunden Philippos anschlössen, und den Euphräos verstießen, einen schonen Lohn das Volk der Eretrier, daß eS Eure Gesandten fortjagte und dem Kleitarchos sich anvertraute; dafür werden sie jetzt als Sklaven mit Geißel und Folter entschädigt; o, wie schön schonte er die Olynthier, welche den LasthoneS zum Anführer der Reiterei ausgerufen, den Apollonides dagegen verbannt hatten! Thorheit und Feigheit ist es, ungeachtet wir so Übel berathen sind, und unsre Pflicht nicht thun wollen, ungeachtet wir nur auf den Rath derer hören, die zu Gunsten der Feinde sprechen, doch noch die sanguinische Hoffnung zu hegen, daß die Stadt, die wir bewohnen, wegen ihrer Größe und Macht auch nicht von der geringsten Gefahr heimgesucht werden könne. Und fürwahr, nicht minder erbärmlich ist es, hinterdrein, vielleicht nach einem unglücklichen Ereignis;, zu sagen: Wer hätte das wohl glauben können? Vci'nr Zeus, man hätte freilich das oder jenes thun, LaS oder jenes lassen sollen! ES ist wahr. Manches könnten jetzt die Olynthier anführen, was sie hätten voraussehen sollen, um ihren Fall zu vermeiden, Manches die Oreiten, Manches die Phokeer, Manches die übrigen Unterdrückten. Aber was nützt ihnen das jetzt? So lange daS Schiff, sei es groß oder klein, noch über dem Wasser erhalten werden kann, so lange muß der Schiffer, der Steuermann und sämmtliche Mannschaft guten Muthes sein und darüber wachen, daß es Niemand mit oder ohne Absicht umstürze; geht freilich das Meer schon darüber, dann ist der Eifer umsonst. Nun frag' ich Euch: so lange wir, Männer Athens, noch über den Fluthen uns erhalten, im Besitze der mächtigsten Stadt, zahlreicher HülfSquellen und eines glänzenden Ruhms, was wollen wir thun? Mancher hier Anwesende hat sicher schon auf diese Frage gewartet. Ich meines Theils «erde darauf antworten und DemostheneS. 23 »reimn Antrag stellen; an Euch ist es dann, wenn Ihr es für gut befindet, dafür zu stimmen. Zuvörderst müssen wir uns selbst in VerthcidigungSstand setzen und rüsten mit Schiffen, Geld und Streitern; und mögen alle Andere in die Knechtschaft willigen, so laßt uns doch kämpfen für die Freiheit! Stehen wir nun selbst so gerüstet da, und haben wir dadurch die Aufmerksamkeit auf uns gezogen, dann ist es Zeit, auch an die Ucbrigcn einen Aufruf zu erlassen, und zu diesein Ende Gesandte nach allen Gegenden hin auszusenden, nach dem Pcloponnes, nach Rhodos, Chtos, ja ich behaupte sogar zum Perscrkönig (denn auch in seinem Interesse liegt es, daß man der Zerstörungswuth Philipps Einhalt thut), um, wenn Ihr sie durch Ucberredung gewinnt, Theilnchmer an Gefahren und an dem nöthigen Kostenaufwand zu haben, wo nicht, wenigstens Zeit zu gewinnen. Denn da der Krieg gegen einen einzelnen Mann, nicht gegen die Gcsammtmacht eines Staates gerichtet ist, so wird auch dieß nicht ohne Nutzen sein, ebenso wenig als jene Gesandtschaften nach dem PeloponneS und Akarnanien, welche ich vor'm Jahr nebst dem trefflichen Polyeuktos, Hegefip- pos und den übrigen Gesandten unternahm, und in Folge deren wir sowohl Philipp's Einfall in Ambrakia, als auch sein Vordringen in den PeloponneS*) vereitelten. Indessen fordere ich keineswegs zu einem Aufruf an die andern Staaten auf, sobald Ihr nicht zu Eurer eignen Sicherheit entschlossen seid, die Waffen zu ergreifen; denn cS ist unklug, sich für fremdes Wohl besorgt zu zeigen, und das eigne aufzugeben. Andre wegen der Zukunft zu schrecken, und um die Gegenwart unbekümmert zu lassen. Das fordere ich wahrlich nicht, sondern behaupte nur, Laß es Eure Pflicht sei, dem im EhcrsoneS stehenden Heere Geld zu schicken und ihren sonstigen Wünschen Genüge zu leisten, Euch selbst aber vorher zu rüsten, dann die übrigen Hellenen zu Hülfe herbeizurufen, zu versammeln, mit dem Stande der Dinge bekannt zu machen, zu warnen; dieß ziemt einer Stadt von dem Ruhme der Einigen. Meint Ihr aber, daß die Chalkidicr oder Megarer schon Hellas befreien würden, ohne daß Ihr Euch der Gefahr unterzieht, so irrt Ihr Euch; denn diese Alle sind zufrieden, wenn sie nur sich selbst gerettet sehen. An uns ist es daher, diese Freiheit zu erkämpfen, uns haben die Ahnen dies hehre Geschenk mit vielen ) Nach der Schlacht bei Charonca drang Philivpos in den Pclovonnes ein, wohin ihn Freunde und Bundesgenossen schon längst gerufen hatten. 24 StaatSreden. Demosthcnes. und schweren Gefahren erworben und erhalten. Wenn aber Jeder daheim die Hände in den Schoß legen will, und dabei nur dein nachstrebt, was gerade nach seinem Willen ist, nur immer darauf sinnt, wie er sich den Beschwerden entziehen kann; so fürchte ich, daß entweder Niemand zum Handeln willig gefunden wird, oder daß wir gezwungen sind, Alles zu thun, was wir nicht wünschen. — Dieß also ist eS, was ich für meinen Theil Euch rathe, dieß, worauf ich antrage. And ich bin überzeugt, daß wenn diese meine Vorschläge in's Werk gesetzt werden, noch jetzt Zeit zur Rettung des Staats ist. Weiß aber Jemand etwas Besseres, so sage er es und theile seinen Rath mit. Was Ihr dann auch beschließen werdet, das möge, darum siehe ich zu Euch, Ihr Götter, einen glücklichen Erfolg haben? — n ömisrh c Redn c r. Geschichte der Beredsamkeit unter den Nömern. Man kann zugeben, daß im Gebiete der Poesie und Philosophie die Römer weit hinter den Griechen zurückgeblieben sind, ja daß sie gar nichts durch Originalität Hervorstechendes nach diesen Richtungen hin auszuweisen haben. Das aber ist'eben so unleugbar, daß im Felde der Beredsamkeit und Geschichte der römische Genius sich von einer so glänzenden Seite offenbaret hat, daß seine Leistungen in einzelnen Erscheinungen sogar über die der Meister Griechenlands gesetzt werden dürfen. Begreiflich; denn keine Wissenschaft oder Kunst entsprach mehr dem eigenthümlichen Charakter der Römer, als gerade Geschichte und Beredsamkeit. Während jene dem jungen Römer, dem Staatsmann und dem Feldherrn der Vorfahren hohe Thaten als Muster und Vorbild darstellte, und ihn zu einem gleich thatenreichen Leben befeuerte, sah er sich in der Beredsamkeit das Mittel dargeboten, durch das er den Willen des Volkes, sowie das Urtheil der Gerichte lenken, durch das allein er sich cntschiednen Einfluß auf die Staatsangelegenheiten verschaffen, zu Würden und Ehrenstellen gelangen konnte. Und in der That durchdrang Beredsamkeit so sehr das ganze politische und wissenschaftliche Leben der Römer, daß alle ihre Gcistcsprodukte diesen eigenthümlichen Charakter an sich tragen. Auch ihre Sprache schien nur für solche Dar- stcllungcn sich vorzüglich zu eignen. Aus wilder Ehe entsprossen, vom Norden gezeugt, vom Süden empfangen, war sie ohne väterliche Leitung und mütterliche Sorge in die Wildniß hinausgestoßen worden, und dort unter KricgcSlärm und Schwertergeklirr aufgewachsen zu jener Kräftigkcit und Gedrungenheit, die ihre Dauer, bis zur Ewigkeit befestigt hat. Nach dem bekannten Wort Buffon'S: „le !>t>le e'est l'homiuo« sehen wir denn auch die Sprache selbst mit der zunehmenden Bildung der Römer gleichen Schritt halten; und so trägt sie in der Periode ihrer höchsten Blüthe ganz jenes prakti- sche Gepräge, jene Würde, jenen Ernst, der den Römer selbst charak» raktcrisirt; in ihrer Struktur ganz jene logische Einfachheit und körnige Gedrungenheit, bei der sie, ungefügig für die bewegliche Phantasie des Dichters, und die abstrakten Spekulationen der Philosophen, den einfache» Bedürfnissen eines öffentlichen Lebens am angemessensten ist. Die Zeit der Könige konnte der Entwicklung der Beredsamkeit noch nicht sehr günstig seyn; anders ward'S mit de« Eintritt der 28 Geschichte der Beredsamkeit Consularregicrung. Mit dem Königthum waren zugleich auch die Fesseln abgeworfen/ welche das' freie Wort an die Zunge banden/ mit seiner Zcrnichtung zugleich die Bahnen geöffnet/ aufweichen hinanschrcitcud die Beredsamkeit Organ dcS öffentlichen Lebens in höchster Potenz werden sollte. Allein die Natur geht nach ewigen Gesehen mit eiserner Conscquen; ihren Weg; die Frucht reift darum noch nicht/ weil ste die Maisonne bcschcint; sie muß von der Blüthe bis zur Reife die einzelnen Stufen der Zeitigung betreten. Eben so stand auch die Beredsamkeit/ als ihr mit Entfesselung der Zunge der erste kräftige Anstoß gegeben war/ noch nicht gleich vollendet da; auch ste mußte nach einander alle die Bildungsstufen betrete»/ welche vom rohen Beginn zur höchsten Vollendung führen. Auf der untersten Stufe stand die römische Beredsamkeit/ als die Könige vertrieben wurden; auf der höchste»/ als die Fugen der Republik sichlös'- tcii/ und die ganze große Stufenfolge liegt also in dem 500jährigen Zeitraum vor/ in welchem Rom sich selbst regierte. Das ganze Gebiet zerfällt in drei Hauptabschnitte: i) Rom unter den Könige»/ die Zeit des Entstehens der Beredsamkeit/ bis zum Jahr 2 ii; 2 ) Rom als Freistaat/ Zeit der Entwicklung und Blüthe/ bis zum Jahr 734 n. E. N.; 3) Rom unter den Kaisern/ Zeit des Verfalls und der Entartung/ vom I. 3» v. Chr. bis 47« n. Chr. — Der Name des ältern Cato (Censorius) ragt unter den Rednern der älteren Zeit bedeutend hervor; Cicccv kannte noch mehr als 150 der von ihm gchaltnen Reden. Von rhetorischer und künstlerischer Bildung war bei denselben noch keine Rede; ste waren ganz der Ausdruck dcS ernsten/ strenge»/ unbeugsamen Charakters' seiner männlichen Seele. Aehnlich verhielt sechs mit den/ für uns bis auf höchst unbedeutende Fragmente verloren gegangncn/ Reden seiner Zeitgenossen. Dies änderte sich/ als die berühmte Philosophen-;csand tschaft im I. N. 598 nach Rom kam. Die Athener hatten nämlich den Platonikcr KarncadeS/ den Aristotclikcr KritolaoS/ und den Stoiker D i o - genes nach Rom gesandt/ um die Ermäßigung einer über sie verhängten Straksumme zu bewirken. Die Entscheidung verzögerte sich; mittlerweile begannen die Philosophen öffentliche Vortrüge zu halten; die Neuheit der Erscheinung lockte die Menge an; die Künstlichkcit des' VortragS fesselte sie; die Fülle neuer Ideen / wie sie namentlich Karneades mit unwiderstehlicher Kraft/ und dialektischer Gewandtheit ausströmte/ riß sie zur Bewunderung hin. Zu spät kam die eifernde Abmahnung deS achtzigjährigen Cato; der Zündstoff in den Gemüthern hatte Feuer gefangen/ und keine menschliche Gewalt vermochte dies zu dämpfen. ES wurden Schulen errichtet/ in welchen durch Rhctoren Redner (orotorc^) gebildet wurde»/ und Beredsamkeit war jetzt zur Sache des Studiums gewor- ' den. -Der jüngere Gcipio und sein Freund LäliuS/ die edlen Volksfreundc C. und Tib. GraechuS und besonders M. Acmi- liuS LepiduS/ Consul/ führten die Beredsamkeit schnell ihrer höheren Vollendung entgegen. Unter einer Menge ruhmvoller Redner hebt Cicero/ dem wir eine Geschichte der Beredsamkeit unter den Römern verdanke»/ die Namen eines M. AntoniuS/ mit dem 1 unter den Römern. 29 Beinamen 0>--nnl-, eines L. LieiniuS CrassuS/ und C. Julius Cäsar Strabo hervor. Da jedoch keine ihrer Reden auf uns gekommen ist/ so unterlassen wir cS/ auf ihre Eigenthümlichkeit näher einzugehen. Denn davon hat man ssch jetzt hinlänglich überzeugt/ daß die von römischen und griechischen Geschichtschreibern namentlich aus den älteren Zeiten gelieferten Reden nur. das Werk ihrer Erfindung find. Diese der Geschichte selbst gewiß nicht zum Vortheil gereichende Sitte läßt fich aus einer richtigen Beurtheilung jener Zeit erklären und entschuldigen. Im damaligen Leben war es ja selbst nicht anders'; Reden spielten die Hauptrolle in allen öffentlichen Angelegenheiten/ und nichts wurde unternommen/ bevor es nicht vorher lebhaft durchgesprochen war. Daher drama- tisirte man die Geschichte/ und führte die Helden redend ei»/ indem man dadurch zugleich sowohl die Individualität der Hauptcharaktere/ als auch die Motive ihrer Handlungen zu entwickeln und in lebendiger Wahrheit dem Leser vorzuführen suchte. Die Palme der Beredsamkeit unter den Römern haben errungen M. TulliuS Cicero und Q. HortensiuS Ortalus. Von letzterem/ als dem glücklichsten Nebenbuhler Ciceros in dieser großen Kunst) müssen wir hier einiges Nähere anführen. Q. HortensiuS OrtaluS/ geboren 639 n. R. E. / begann schon in seinem üi. Jahre seine rednerische Laufbahn/ die er durch alle Ehrcnstcllen hindurch unverdrossen verfolgte/ bis zum Consulate/ wo der Wendepunkt seines Ruhmes wirklich eintrat. Im Anfang nämlich bestand er glücklich im Kampf mit den älteren Redner«/ einem CrassuS/ AutoniuS/ Cato u. a.; und wurde nach der diesen verderblichen Gullanischen Metzelei unbedingt als der erste betrachtet. Nachdem er aber Consul geworden/ trat ein Stillstand in seinen rednerischen Bestrebungen ein / vielleicht durch ein Gefühl der Sicherheit/ vielleicht auch durch den Gedanken/ nun nach erlangter höchster Ehre auf seinen Lorbeer» auszuruhen/ und im Genuß seiner großen Reichthümer ein gemächliches Leben zu führen. Seine Beredsamkeit glich einem Gemälde/ dessen Farben nach und nach verbleichen; und bald konnte Niemand sich mehr verhehlen/ daß seine Blüthenpcriodc vorüber war; die Fugen seines sonst so imposanten Ausdrucks begannen fich zu lösen/ der Fluß seiner sonst so unerschöpflichen Rede zu stocken. Mittlerweile war ihm in seinem jüngeren Freunde Ciccro ein furchtbarer Nebenbuhler erwachsen; und wollte er fich die Palme nicht ganz entrissen sehe«/ so galt es'jetzt/ alle Kraft zusammen zu raffen. Und HortensiuS erwachte; er ergriff mit Feuer wieder die alte von Jugend auf geübte und geliebte Kunst; und so entspann fich ein Wettstreit/ welcher zwölf Jahre hindurch, nicht ganz ohne Groll/ doch im Ganzen mit einmüthigcm Streben geführt/ als der CnlminationSpunkt in der Geschichte der römischen Beredsamkeit betrachtet werden kann. Daher der tiefe Schmer;/ den Cicero bei der Nachricht von des HortensiuS Tode (702) empfand/ daher seine aus der Fülle des Herzens strömende Klage über den Verlust seines Mitstreiters' im edelsten Wettkämpfer Wenn nun aber HortensiuS den alten Ruhm in seinem ganzen Um- / 30 Geschichte der Beredsamkeit fange wieder zu erlangen vergeblich trachtete: so liegt der Grund davon sowohl in der Ucbcrlegenheit des Gegners, als in seiner eignen rednerischen Individualität. Ihm fehlte die philosophische Bildung und die Masse des Wissens, wie sie sich Cicero angeeignet hatte. Dann riß ihn sein feuriges Gemüth, in welchem die Phantasie die vorherrschende GeistcSthätigkeit war, frühzeitig zu der üppigen, glänzenden, Wort- und gedankenreichen asianischen Manier hin, worin er, selbst noch jugcndkräftig, den Aclteren und Bedäch- tigeren anstößig, die Jüngeren bczauberte; als aber jenes Jugend- feuer verflogen war, und die Würde seiner Stellung auch mehr Würde des VortragS erheischte, ging ihm das Ebenmaß zwischen Form und Inhalt in einer gewissen Mattigkeit des Ausdrucks »er- loren. Eben diese Lebendigkeit des Geistes war es auch, welche auf der cin-n Seite seiner sorgfältig studirtcn Aktion einen fast thea- tralischcn Anstrich gab, so daß selbst der berühmte Schauspieler RosciuS von ihr lernen zu können glaubte; auf der andern Seite aber ihn mehr dem cxtemporalcn Vortrag zuwandte, und der schrift- lichen Ausarbeitung entfremdete. Neben dieser Schattenseite ziemt es sich seine wahrhaft glänzende Lichtseite desto nachdrücklicher hervorzuheben; und hier ist es nächst der Eleganz seiner Darstellung namentlich die logische Schärfe seiner Anordnung, wodurch er, unterstützt von einem umfassenden Gedächtniß, und einer schnellen und glücklichen Gabe der Auffassung, alle Andern, selbst Cicero hinter sich zurückließ. Als historische Merkwürdigkeit müssen wir noch aufführen, daß seine Tochter Q. Hortensia uns ein Beispiel weiblicher Beredsamkeit — wenn gleich keineswegs daS einzige in der römischen Geschichte — darstellt; da nämlich im Jahr 7to die Frauen von den Triumvirn mit einer schweren Steuer belastet worden waren, und kein Mann ihre Sache übernehmen wollte, trat sie vor den Triumvirn auf, und führte ihre Angelegenheit mit solcher Gewandtheit, daß jene in der That den größcrn Theil der Steuer nachließen. Leider ist von HortcnsiuS Reden keine auf uns gekommen. Die wichtigsten Umstände aus Ciceros Leben dürfen wir wohl als bekannt voraussetzen: hier nur Einiges über ihn als Redner. Von seinen vielen Reden sind 56, und von andern noch Bruchstücke auf uns gekommen; diese sind theils StaatS- theils GcrichtS- rcden. Den Ruhm einer außerordentlichen Beredsamkeit hat ihm keine Zeit streitig gemacht. Sie bildete den Mittelpunkt aller seiner Bestrebungen; ihr dienten alle seine übrigen Studien, die poetischen, juristischen, philologischen, historischen zur Folie, so daß alle seine Schriften, was ihnen freilich nicht immer zum Vortheil gereicht, ein rhetorisches Gepräge an sich tragen. Eine vorzügliche Aufmerksamkeit wandte er der Sprache zu, indem er nicht verkannte, welchen großen Einfluß Glanz, Wohllaut und Fülle des Ausdrucks selbst auf ein ungebildetes Ohr äußern. „Ciceronianischer Ausdruck" hat zu allen Zeiten als unübertroffnes Muster römischer Eleganz gegolten. Während also das Sprachliche unbedingt der Glanzpunkt unter den Römer 3 t seiner rednerischen Individualität ist*) , können wir über die Dar. stellung und Anordnung seiner Gedanken nicht ein gleich günstige- Urtheil fällen — der hauptsächlichste Grund/ warum die/ welche den Redner Cicero nur aus Uebcrsetzungen kennen gelernt haben, die Bewunderung der meisten Kenner des Originals so übertrieben finden. Denn wenn schon die Klarheit und Durchsichtigkeit seiner Darstellung/ seine Fülle von Ideen und nützlichen Kenntnissen/ das Geistvolle seiner Reflexionen und kräftigen Sentenzen/ die Mannich« faltigkeit der Wendungen/ der durch das Ganze wehende Hauch einer unnachahmlichen Urbanität/ die Lebendigkeit und Wahrheit seiner Schilderungen einen ausserordcntlichcn Eindruck im Gemüthe zurücklassen; so muß man doch zugestehen/ daß Cicero sich von dem Fehler eines oft grellen Haschens nach Effekt/ eines Mangels an bündiger Beweisführung/ der sich umsonst hinter glänzenden So. phismcn und Gemeinplätzen zu verbergen sucht/ einer oft nur zu sehr ins Breite sich verflachenden Redseligkeit/ und koketten Selbst, gefälligkeit nicht frei zu erhalten vermocht hat. Durch seine philosophischen Schriften hat er/ ob sie schon nicht Originalwerke genannt werden können/ für sein Volk sich grosses Verdienst erworben. Seine rhetorischen Schriften dürfen noch jetzt empfohlen werden. Als ausgezeichnete Redner sind noch zu merken: Cäsar/ der jüngere Cato**)/ M. Junius Brutus/ Asinius Polli0/ Pompcjus u. a. Mit dem Untergang der römischen Freiheit und des öffentlichen Lebens fand auch die Beredsamkeit ihr Grab. Ihrer wahren Bestimmung entrückt/ wanderte sie nun als Kunst in die Schulen der Rhctorcn. Hier verfertigte man UebungSredcn (stecl-iinatione«) über erdichtete Gegenstände. Man verlangte nicht mehr die Kraft der Wahrheit/ sondern poetischen Schmuck und Glanz/ anstatt der Einfachheit und Reinheit eine in pomphafte Phrasen eingekleidete Dar« stellungswcisc; orator und äocliunatui- waren jetzt gleichbedeutende Ausdrücke; und im Vortrag herrschte eine bis zur Ausschweifung theatralische Darstellung vor. Wie tief Geschmack und Sitte gesunken war / beweist am bcßtcn der bekannte PanegyrikuS (Dank-und Lobrede) des jüngern Plinius auf Trajan. Wenn dieser helle Kopf und auSgcbildcte Geist durch die Etikette und die politischen Verhältnisse dazu gebracht werden konnte/ ein so schales Machwerk zu liefern/ wie tief unter diesem müssen erst die Reden untergeordneter Köpfe gestanden haben! Wir wollen unsre Leser nicht bis zu dem Punkt führen/ wo jeder Funke wissenschaftlichen Geistes und sittlichen Ernstes erloschen *) Es war eine Zeit / wo man überzeugt war und mit Schwert und Lanze verfocht, daß man nur aus Cicero deutsch schreiben lernen könne. Tl>. Mundt in seiner geistvollen Schrift „die Kunst der deutsche» Prosa« sagt, daß die Nachahmung des Ciccronianischcn Styls der deutschen Prosa eben so nachihcilig, als die Nachahmung des Taciteischen ihr vorlheilhast gewesen. Eine gewiß wahre Bemerkung. ") Ueber beide unten das Ausführlichere. 32 Geschichte der Beredsamkeit schien/ und das an innerer Fäulniß zusammenbrechende Gebäude des einst so großartigen römische» Staates vor unsern Augen einsinkt/ um von wilden Sühnen der nordischen Wälder in verjüngter Gestalt wieder aufgerichtet zu werden; wir wollen lieber noch für einige Augenblicke zur Glanzperiode römischer Beredsamkeit zurückkehren/ um zu unsrer Belehrung uns mit dem Bildungsgang der ausgezeichnetsten Redner bekannt zu machen. Scheint ja doch auch bei nns die Ansicht nur zu verbreitet zu sein/ als ob Jeder/ der reden könne / auch schon ein Redner sei. Wie anders die großen Meister unter den Römern gedacht/ davon stellt uns Cicero in seinen rhetorischen Schriften ein schönes Bild auf. Selbst noch im reiferen Alter verschmähten es die nach einer echten rednerischen Bildung Strebenden nicht/ sich mancherlei Uebungen zu unterziehen/ besonders schriftlichen Versuchen in jeder Redegattung, selbst die Poesie nicht ausgenommen; diese waren vorzüglich darauf berechnet/ Gewandtheit und Eleganz in der Darstellung zu erwerben/ wurden aber auch zugleich als fvorübung zum cxtemporellen Ausdruck betrachtet. Den schriftlichen Ucbunge»/ deren Hauptzweck planmäßige Anordnung des Stoffs/ und Correcthcit des StylS war/ lagen theils willkührlich gewählte/ und historische Thcmatc/ theils Originale, an denen man sich durch Ueberfttzung, Erklärung, Verbesserung, Widerlegung u. dgl. m. versuchte, zu Grunde; doch trat man zuweilen den, künftigen, oder schon ergriffnen Berufe näher, und arbeitete beliebige und selbst schon geführte und artschiedne merkwürdige RechtSfälle nochmals und von vcrschiednen Seiten durch. Nicht minder wichtig aber waren die mündlichen Uebungen, durch welche ein gleich wesentliches Erforderniß, der rednerische Vor trag, erstrebt wurde, bestehend aus einer richtigen, durch Modulation der Stimme den auSzusprechenden Gefühlen gemäß nüancirtcn Aussprache, und aus einer ausdrucksvollen, doch nicht in§ Theatralische hinübcr- strcifcndcn, sondern streng in den Grenzen des Ernstes und der Würde sich haltenden Gestikulation und Mimik. *) Diese mit steter Rück- *) Diese Sammlung liefert u»§ die Beispiele, welche» ausgezeichnete» Fleiß jeder große Redner aus den äusser» Vortrug verwandt habe; man war überzeugt/ daß ohne diese» auch die gehaltvollste Rede ohne Wirkung bleiben könne Wir wollen hier an Mirabeau crinucrn. Er sprach einst über ei» Stcuergcsen, und stellte, im Falle dasselbe verworfen würde, einen Nakionalbankerott als wahrscheinliche Folge dar. Die Kraft, mit der er einen so alltäglichen Gegenstand behandelte, war bewundern-;, würdig, er steigerte ihn zur Erhabenheit; Alle, die seine Rede lwrrcn, werden sie nie vergessen; ste erregte jede Abstufung des Schreckens, und die Versammlung glaubte, „den gähnende» Abgrund», von dem der Redner ein wahrhaft Schauder erregendes Bild entwarf, und das Geheul der Opfer, die er verschlang, z„ sehen und Z» boren. Sein Triumph war vollkommen; nicht Ein Versuch zur Widerlegung wurde gemacht. Von diesem Tage an wurde Mirabeau alS höheres Wesen betrachtet; erhalte keinen Nebenbuhler. Der berühmte Schauspieler Molo war gegen- wärtig; die Kraft und die dramatische Wirkung von MirabcauS Bered, samkcit und das Erhabne seiner Sprache hatte den tiefsten Eindruck aus den berühmten Künstler gemacht, der sich mit sichtbarer Bewegung dem Redner näherte, um ihm seine Bewunderung auszudrücken: „Ach, Herr Gras,-- sagte er, „welch eine Rede! mit welchem Ausdruck haben Sie unter den Römern. 33 licht auf den künftigen Rcdncrberuf getriebenen Studien und Ucbun- gen bildeten/ verbunden mit fleißigem Besuch der öffentlichen Der» Handlungen und aufmerksamer Beobachtung und Nachahmung der vollendetsten Muster, die schönste Vorschule; aus ihr trat der junge Römer frühzeitig und wohl ausgerüstet in das wirre Geschäftsstellen, nicht wie in ein fremdes Land, sondern in die wohlbekannten Räume des Forums ein; in sie kehrte er oft in froher Erinnerung an die alten Studien, und zu neuer Belehrung und Kräftigung zurück. Nachdem nun gegen das Ende der Republik eine außerordentliche Keit, welche stets das Genie zu seiner Entwicklung bedarf, eingetreten war: so mußten so ausgezeichnete Redner aus diesen Verhältnissen hervorgehen, als welche wir die oben genannten noch heut zu Tage bewundern. M. Tullius Cicero. ES dürfte vielleicht die meisten unsrer Leser befremden, daß sie hier keine Rede des beredtesten unter allen Römern mit aufgenommen finden. Es geschah dies vielmehr aus Hochachtung gegen diesen Heros der Beredsamkeit, als aus Nichtachtung gegen denselben. Wir bekennen nämlich offen, daß wir noch keiner Uebersetzung begegne! sind, welche nur einigermaßen die Kraftfülle und Würde des Originals wiedergegeben hätte. Wir konnten es aber nicht über uns gewinnen, die Zierde Roms in einer so verkümmerten Gestalt den Blicken unsrer Leser vorzuführen, daß er von keinem Kenner des > Alterthums wieder erkannt werden könne. Wir entschlossen uns um so leichter die anfangs in Aussicht genommene erste Catilinari- sche Rede hier nicht abdrucken zu lassen, weil jeder, der durch dieselbe mit Cicero etwelche nähere Bekanntschaft anzuknüpfen wünscht, für den äußerst geringen Preis von vier Groschen das 12. Bündchen der von Osiandcr übersetzten Reden Ciceros (Stuttgart, Metzlcr, 1835) sich verschaffen kann; und dieser Uebersetzung dürfen wir in der That vieles Lob ertheilen. , Wir haben dafür zwei Reden aufgenommen, die zu übersetzen weit mindere Schwierigkeit darbot, und die unsern Lesern kein ganz unwürdiges Bild römischer Beredsamkeit vermitteln dürften. Die erste wurde von Cäsar, die zweite von Cato im Senat gehalten. Obgleich sie uns schwerlich in ihrer ursprünglichen Form von Sallust wiedergegeben werden konnte», so ist doch in ihnen die vcrsehiednc Individualität beider Redner sehr gut ausgeprägt, und gewiß müssen sie für für einen Beleg echt römischer Beredsamkeit angesehen werden. gesprochen! Sie hake» Ihren wahren Beruf verfehl!!-- Mol-i muhte lächeln/ als er hei kühlerem Blute sein seltsames Eomplimcut, zu deut sein künstlerischer Enthusiasmus thu hingerissen hatte, erwog; Mirabeau dagegen, die Sache von einem höhere» Standpunkt betrachtend, fand sich sehr dadurch geschmeichelt. 3 C. Julius Cäsar. Wir glauben uns der Nothwendigkeit entbunden/ die Lebens- schicksale dieses durch seine liebenswürdige Persönlichkeit/ und durch die ausgezeichnetsten Talente nicht minder/ als durch seinen tragischen Ausgang unserm Herzen so nahe gerückten Mannes hier besonders darstellen zu müssen. Hede allgemeine Geschichte/ die wir ja in der Hand unsrer Leser voraussehen dürfen/ gibt über ihn den hinlänglichen Aufschluß. Nur über den Redner müssen wir Einiges bemerke». ES ist kein Zweifel / daß/ Hütten Cäsar'S umfassende Plane, die Vielgcstaltigkcit seines politischen Thuns, und die Wirrsaale zahlloser kriegerischer Unternehmungen") seine Thätigkeit nicht zersplittert/ und von den rein geistigen Interessen abgezogen, Cicero an ihm einen furchtbaren und siegreichen Nebenbuhler seines rednerischen Ruhmes gehabt haben würde. Die Fragmente seiner Reden sind zu unbedeutend, als daß sich daraus ein anschauliches Bild von seiner Beredsamkeit zusammensetzen ließe. Doch aus den Andeutungen der Alten geht so viel mit Sicher- hcit hervor, daß diese nicht nach seinen uns noch vorliegenden Ge- schichtSwcrken "") beurtheilt werden dürfe, sondern daß er, wie das Wesen der Geschichte, so auch das Wesen der Beredsamkeit in den Tiefen ihrer Eigenthümlichkeit erfaßte. Wie er also als Gc- schichtschreiber einfach, klar, schmucklos, ja fast gleichgültig war; so war er als Redner kräftig, würdevoll und elegant. Namentlich der letzte Punkt, Eleganz des römischen Ausdrucks, im wahren Sinne des Worts, nicht angewöhnte, sondern im eifrigen Studium erstrebte und mit Bewußtsein ausgebildete, zeichnet ihn rühmlichst vor den gleichzeitigen Rednern aus, und beweist die geistige Ueber- lcgcnhcit, welche ihn, wie überall, auch hier über seine Zeit erhob. W»r fügen diesem sogleich Einiges über den genannten zwei- tcn Redner M. Porcius Cato, mit dem Beinamen der jüngere, oder von Utika, hier an. Im Jahr 93 v. Chr. geboren, ward er nach dem Tode seiner Eltern in dem Hause seines Oheims erzogen. Er zeigte früh Ernst und Tiefe des Gemüths, Reife des Urtheils und Festigkeit des Charakters. Als er einst in dem Hause des Sulla die Häupter mehrerer auf Befehl desselben Ermordeter erblickte, forderte er, der vierzehn- jährige Jüngling, von seinem Lehrer ein Schwert, um den Tyrannen zu durchbohren, und das Vaterland aus der Knechtschaft zu befreien. Nur mit Mühe gelang cS dem Lehrer den jungen ,Feuerkopf aus den gefährlichen Räumen wegzuführen , bevor er die Aufmerksamkeit des WütherichS auf sich gezogen. Unter den damals herrschenden ") Svk> Schlachte» hatte er gewonnen, und 1900 Städte crodcrt **) Dies sind eine Stet von Memoiren «der seine Kriege mit den Gallier» (c-niine-l-iii ge lalln tz.UIii-») lind mit Poinpelus (a- liüllo -ivi'li). unter den RLmern. 55 philosophischen Schulen vermochte einen solchen Charakter nur eine zu fesseln, die stoische, deren ernsten, würdevollen Grundsätzen er bis an sein Lebensende treu blieb, tzn dem bekannten Sklavcnkrieg zeichnete er sich so aus, daß er einer öffentlichen Auszeichnung für würdig erklärt wurde. Die Quästur (Schatzmcisteramt) begleitete er mit so uneigennütziger Rcchtschaffenhcit, mit so kräftigem Ernst gegen die öffentlichen Beamten, baß er am Tage seiner Abdankung von der ganzen Volksversammlung unter den lebhaftesten Beweisen dankbarer Bewunderung und Liebe nach Hause begleitet wurde. Die zwischen PompcjuS und Cäsar bestehende offene und geheime Zwic. tracht gestattete ihm nicht, wie er gewünscht hatte, der Ruhe des Privatlebens sich hinzugeben; er, Cicero und CatuluS waren noch die einzigen Pfeiler der Republik, und standen an der Spitze des SenatS. Um diese Zeit brach die Verschwörung des Catilina aus, wobei Cato den Cicero mit aller ihm zu Gebot stehenden Macht unterstützte. Er gab demselben zuerst den Namen eines Vaters des Vaterlands, und drang (in der unten mitgetheilten Rede) auf Be. strafung der Schuldigen. Da er den Vorschlägen Cäsars widersprach, erregte dieser einen Aufruhr gegen ihn, wobei er fast ums Leben gekommen wäre. Cäsar, der eS nicht ertragen konnte, in der ^uS. führung seiner ehrgeizigen Plane durch Catos Wachsamkeit sich stets gehindert zu sehen, wagte den gewaltsamen Schritt, ihn gefangen setzen zu lassen; durch das laute Murren des Volks wurde er aber gezwungen, ihn alsbald wieder frei zu geben. Als später Craffus die gleiche Gewaltthätigkeit sich gegen Cato erlaubte, folgte das ganze Volk ihm zum Gefängniß, und seine Gegner waren abermals genöthigt, ihn frei zu geben. Cato wurde Prätor, und als der lange drohende Bürgerkrieg zwischen Cäsar und PompcjuS endlich aus« brach, schlug er sich auf die Seite des Letzter». Noch hoffte er, den Krieg durch Verhandlungen zu hindern; da eS ihm mißlang, legte er zum Zeichen seines Kummers Trauerkleider an. Nach dem unglücklichen Ausgang der pharsalischen Schlacht setzte er mit seinen Truppen nach Cyrene in Afrika über, zog dann in einem höchst mühsamen Marsch nach Mika in Mauretanien, wo er sich mit dem Heere des Scipio, des Schwiegervaters des Pompejus, vereinigte. Die Soldaten wünschten ihn zum Oberbefehlshaber; er aber überließ diese Stelle dem Scipio, und übernahm den Befehl in der Stadt Mika, während Scipio mit dem Heere gegen Cäsar aufbrach. Obschon Cato gerathen hatte, den Krieg in die Länge zu ziehen, so war doch die Kampflust zu groß; die Schlacht wurde gewagt und das Heer fast ganz vernichtet, worauf Afrika dem Sieger Preis gegeben war. Cato hatte anfangs die Absicht, sich mit den in der Stadt befindlichen Senatoren bis auf den Tod zu vertheidigen; allein er änderte seinen Entschluß, entließ Alle, die ihn zu verlassen wünschten, und wählte für sich einen freiwilligen Tod- Am Vorabend des zur Ausführung bestimmten Tages speiste er ruhig, unterhielt sich über verschiedene philosophische Gegenstände und laS dann in seinem Zimmer PlatoS Phädon (das letzte Gespräch des SocrateS mit seinen Schülern über die Unsterblichkeit der Seele). Seinen 36 Geschichte der Beredsamkeit Vorsah ahnend hatte man sein Schwert weggenommen. Als er es nicht fand, rief er seine Sklaven, und forderte es mit anscheinender Gleichgültigkeit; aber als man es ihm dennoch nicht brachte, gcricth er in Zorn. Seinem Sohn, der ihn von seinem Vorsah abzubringen suchte, machte er anfangs Vorwürfe wegen Ungehor. sams, dann aber bat er denselben, sowie die herbeigeeilt,:» Freunde mit ruhigem Tone, sich dem Cäsar zu unterwerfen, und ihn zu verlassen. Auch die ihm befreundeten Philosophen Demctrius und Apollo- nides waren zugegen; als er sie überfragte, ob sie ein Mittel wüßten, wie er fortan leben könne, ohne seinen Grundsätzen untreu zu werden, schwiegen sie, und verließen ihn weinend. Seht empfing er sein Schwert mit großer Freude, laS darauf wiederholt den „Phädon", schlief dann ein, und schickte, als er erwacht war, in den Hafen, um zu hören, ob Alle abgereist wären. Seufzend vernahm er, daß das Meer stürme; doch bald darauf meldete man ihm, daß es ruhiger werde und Alles im Hafen still sei. Er verschloß seine Thüre, zog das Schwert unter dem Polster hervor, prüfte seine Schärfe, und durchbohrte sich mit demselben. Die Diener sprengten weinend die Thüre, und fanden ihn in seinem Blute liegen. Einen während seiner Ohnmacht ihm angelegten Verband riß er, da er wieder zu sich gekommen, ab und verblutete so. Gewiß ein großer Mann, wennschon ihm die höhere beruhigende Weltansicht abging, welche erst die tiefern Forschungen dtr neuern Wissen- schaft und das Christenthum als tröstender 'Leitstern an unsern Himmel gepflanzt haben. Cato starb äl v. Chr. Die Bewohner von Mika bestatteten ihn prachtvoll und errichteten ihm eine Statue. Als Cäsar die Nachricht von seinem Tod erhielt, rief er auS: „Ich beneide dich um deinen Tod, weil du mir den Ruhm genommen hast, dir das Leben zu retten." Wir schließen diesen Lcbcnsabriß mit Nottccks schöner Charakteristik: „Unter dem allgemeinen Ruin der Sittlichkeit und Freiheitslicbc erscheint CatoS ehrwürdiges Bild als eine einsame, aus bessern Zeiten zurückgebliebene Gestalt. Nicht Geld wie Craffus, nicht Ruhm wie PompejuS, nicht Herrschaft wie Cäsar, nicht Genuß, wie die meisten Andern — Tugend, Gerechtigkeit und Freiheit verlangte Cato, und — nur sie, ohne Wanken, ohne Anstrengung — als welche den Widerstreit der Neigungen, oder getheilte Empfindung verräth—es war ihm nicht ge- geben, etwas Andres zu verlangen. Ein hohes Hchcal der strengsten Tugend und des erhabensten Bürgcrsinncs, ohne Nachsicht gegen sich, wie gegen Andre, und unfähig zum Vergleich mit den Bedürfnissen einer verderbten Zeit und mit der Schwäche der Menschen. Wahr ists, daß er hierdurch mehr scheue Ehrfurcht, als Nachahmung erweckte, — man verzweifelte ihm ähnlich zu werden — wahr ists auch, daß er wohlthätiger für Rom gewirkt hatte, wenn er biegsamer gewesen. Aber dann, nach dem Ausdruck eines großen Schrift- sicllcrS, dann würde ein Cato der Geschichte der Menschheit fehlen." Auf die von Plutarch gelieferte Lebensbeschreibung wollen wir hiermit die sür höhere Bestrebungen erwärmte Jugend nachdrücklichst aufmerksam gemacht haben. unter den Römern. Z7 CatoS Beredsamkeit war ganz der Abdruck seiner großen Seele. Leider bat ihm nur wenig Schriftliches abgerungen werde» können; aus Grundsatz svrach er nur selten/ und dann so wie es ihm der Augenblick eingab. Für das nähere Verständniß der zwei nachstehenden Reden be« merken wir Folgendes: GergiuS Catilina war ein vornehmer Patrizier/ ein Mann von den glänzendsten Talenten/ aber ein moralisches Ungeheuer.' Nachdem er sein Vermögen durch jede Art von Ausschweifung erschöpft/ seinen Credit durch Verbrechen eingebüßt hatte/ blieb ihm zur Herstellung des Glücks kein Mittel/ als Raub/ zur Erlangung des Ansehens keine Aussicht/ als die allgemeine Zertrümmerung übrig. Viele junge Leute befanden sich in der gleichen Lage/ und es gelang ihm/ sie in ein Complot hereinzuziehen/ das sich nichts anders zum Ziele setzte/ als an einem bestimmten Tage die Stadt Rom in Brand zu stecken / die Consuln und die Senatoren zu crmor- den / in allen Theilen Italiens den Aufruhr zu entzünden/ und dann / in der allgemeinen Verwirrung CatilinaS Herrschaft zu pro- clamircn. Cicero/ damals Consul/ erhielt Kunde von dem Plan und wußte durch weise Entschlossenheit den frechen Katilina zu bestimmen/ daß er augenblicklich Rom verließ. Jetzt that entschiedenes Handeln Noth. Ein Senatsbeschluß verlieh dem Consul unbeschränkte Vollmacht. Cicero ließ die Mitverschworncn greifen / brachte sie in Haft und zum Geständniß. Von diesen Verbrechern waren viele durch ihr Geschlecht und persönliches Ansehen als Consularcii/ Senatoren u. s. w. wichtig; und verschiedene Gesetze/ wornach jedem Verbrecher die Appellation an das Volk erlaubt/ und ausdrücklich verboten war/ ohne feierliches Verhör, vor diesem Volk irgend einen Bürger zum Tode zu führen/ schienen gegen ihre Vcrurtheilung » durch den Senat zu sprechen. Dennoch in Betracht der gebieterischen Umstände und der Schwere des erwies'ncn Verbrechens/ vorzüglich aber durch Ciceros und CatoS standhaften Eifer bewogen/ fällte der Senat nach einer sehr merkwürdigen Bcrathschlagung das Todesurthcil/ welches der Consul ohne Aufschub vollzog. Cäsar hatte mit dialektischer Feinheit dagegen gesprochen/ und in der ^That ruhte auf ihm der Verdacht einer geheimen Theilnahme an der Verschwörung: ein Flecken — wie ein geistvoller Historiker be- merkt — / welchen/ selbst wäre der Verdacht falsch gewesen/ zwanzig Siege nicht tilgen. Gegen Catilina selbst/ der in Etruricn einen Hcerhaufcn gesammelt/ zogen von zwei Seiten die Truppen der Republik. Bci Pistoja/ in einer erschrecklichen Schlacht gegen Pctre- juS/ des ConsulS AutoniliS Legaten / fielen die Seinen alle bei einander in gedrängten Gliedern nach einer so hcldenmüthigcn Gegen-, wehr / als hätten sie für die schönste Sache gestritten. / 38 SlaatSeeb «n. CäsarsNede. Allen Menschen, versammelte Vater! die über bedenkliche Fälle zu Rache gehen, geziemet frei zu sein von Haß, Freundschaft, Zorn und Mitleid. Nicht leicht erschaut der Geist die Wahrheit, wo diese im Wege sind, und Keiner hat wohl je der Leidenschaft und seinem Nutzen zugleich gehuldigt. Wo man den Verstand anstrengt, vermag er was; hat die Leidenschaft Besitz genommen, so herrscht Liese, der Geist vermag nichts. Viele Beispiele könnte ich herzählen, V. V. ,*) wie Königs und Völker von Zorn oder Mitleid hingerissen, sich übel berathen haben; doch lieber will ich gedenken, wie unsere Altvordern, gegen ihres Herzens leidenschaftliche Stimmung, recht und der Ordnung gemäß verfuhren. Im Makedonischen Kriege,**) den wir mit König Pcrscs geführt, hatte sich der große und angesehene Staat der Rhodier,'**) der durch den Beistand des Römischen Volkes emporgekommen war, treulos und feindselig gegen UnS bewiesen. Gleichwohl, als nach Beendigung des Kriegs über die Nhodicr zu Rathe gegangen ward, entließen unsere Altvordern sie ungestraft, auf Laß Niemand sagen möge, mehr ihrer Schätze als der erlittenen Kränkung halber sei der Krieg begonnen worden. Ferner in allen Punischcn Kriegen, wie oft auch die Earthagcr viel schändliche Gewaltthaten im Frieden sowohl als während des Waffenstillstandes verübt, haben sie selbst bei Gelegenheit nie ein Gleiches-gethan; sie trachteten mehr, ihre Würde zu behaupten, als Ihr Recht gegen Jene geltend zu machen. Gerade so müßt auch Ihr euch vorsehen, V. V., daß nicht das Verbrechen LeS Lentulus und seiner Genossen mehr über Euch vermöge als Eure Würde, und daß Ihr nicht Eurem Unwillen mehr Gehör schenket als den Forderungen der Ehre. Denn so cin'e ihrer Thaten würdige Strafe gefunden wird, o trete ich dem Antrag aus ein außerordentliches Verfahren bei; wofern aber die Größe des Verbrechens alles Fassungsvermögen *) I'. 0 . d. h. palrc, onicript!, versammelte Ääter. *") Es ist bier vom zweiten Makedonische» Kriege die Rede, der von, Jahr 58Z — 8t> der Stadt daucrrc und von AemiliuS Paulus durch die Schlacht von P»dna geendigt wnrdc. ' "*) RhodnS, heutzutage NbodiS in der Asxitischc» Türkei, berühmt vorzüg> lich durch seine Seemacht und die Rhodifthcn Schiffögesctze. Cäsar. LS übersteigt, so ist meine Ansicht, man solle in Anwendung bringen was durch die Gesetze verordnet ist. Die, Meisten, welche vor mir ihre Stimme gegeben, haben kunstreich und mit Rcdnerschmuck den Fall des StaatS bejammert; haben geschildert des Krieges Wuth und das Leos der Besiegten; da würden Jungfrauen und Knaben geraubt, weggerissen Kinder auS der Eltern Umarmung; Hausmütter müßten erdulden, was den Siegern gelüstete; Tempel und Häuser würden geplündert; Mord und Brand angerichtet; zuletzt Alles mit Waffen, Leichen, Blut und Jammer erfüllet werden. Aber bei den unsterblichen Göttern, wozu Liese Redensarten? Euch etwa gegen die Verschwörung zu erbittern? Freilich, Wen ein so großes, schreckliches Unternehmen nicht erschüttert hat, den wird eine Rede in Flammen setzen! Stein! so ist es nicht. Keinem Sterblichen dünkt erlittenes Unrecht gering; Viele haben es empfindlicher genommen, als gebührlich ist. Aber nicht Allen ist Alles erlaubt, V. V. I Wer in der Dunkelheit niedrigem Schosse sein Leben dahin lebt, mag sich im Jähzorns wohl einmal vergessen, — Wenige sind, die cS erfahren; sein Ruf und sein Glücksstand sind sich gleich. Wer aber, mit großer Herrschergewalt begabt auf des Lebens Höbe gestellt ist, dessen Thun wird allen Sterblichen kund. So ist auf des.Glückes höchster Stufe die mindeste Willkühr; da geziemt sich, weder Gunst noch Haß zu üben, am wenigsten zu zürnen. Was bei Anderen Zornmuth heißt, wird bet Machthabern Uebermuth und Grausamkeit genannt. Ich für meine Person, V. V., bin zwar des Dafürhaltens, daß für die Frevel jener Menschen keine Marter groß genug ist; aber die meisten Sterblichen haben nur für die jüngste Vergangenheit Gedächtniß, vergessen bei Missethätern das Verbrechen, und sprechen nur von der Strafe, falls sie. ein wenig zu strenge war. Was DeciuS Silanus, dieser tapfere isird gestrenge Mann sagte, hat er, wie ich gewiß weiß, aus Eifer für das Staatswohl gesagt, ohne in so hochwichtiger Sache Gunst oder Haß walten zu lassen. Solche Sinnesart, solche Mäßigung habe ich an dem Manne kennen gelernt. Auch scheint mir sein Antrag nicht gerade grausam, — denn was kann wohl Grausames gegen solche Menschen geschehen? — sondern nicht im Einklänge mit Unserer StaatSvcrfassung. Denn fürwahr entweder Furcht oder Erbitterung haben Dich, Silanus, zukünftiger Consul, hingerissen, auf eine neue Strafart anzutragen. Von Furcht kann die Rede nicht sein, da durch die allwaltcnde Sorgfalt Unseres erlauchten Eonsuls so viele Wachen unter den «1 StaatSrede o. Waffen sind. Wohl aber von der Strafe mag gesagt werden, was an der Sache ist: daß in Jammer und Elend der Tod Ruhe von Leiden sei, keine Qual; daß er alle Uebel der Sterblichen löse, daß jenseits für Kummer und Freude kein Raum mehr sei. Aber, bei den unsterblichen Göttern, warum hast du deinem Antrage nicht noch beigefügt, daß sie zuvor mit Ruthen gestrichen werden sollen? Etwa weil es das Porcische Gesetz*) verbietet? Allein andere Gesetze verordnen auch, verurtheilren Bürgern solle das Leben nicht genommen, sondern die Verbannung nachgelassen**) werden. Oder vielleicht, weil cS härter ist, gestäupt zu werdcw, als den Tod zu erleiden? Was kann aber zu streng oder allzuhart sein für Menschen, die solchen Frevels überführt sind? Oder etwa, weil eS gelinder ist? Wie reimt sich aber im geringeren Falle das Gesetz zu scheuen, wenn man es im größeren hintansetzt? Doch Wer wird tadeln wollen, was über Hochverräther verhängt wird? — Die Zeit, die Umstände, das Glück, dessen Laune das Schicksal der Völker lenkt. Jenen widerfährt mit Recht, was auch geschehen mag. Ihr aber, V. V., erwäget wohl, was Ihr gegen Andere beschließet. Allen bösen Beispielen liegt ein guter Vorgang zu Grunde. So aber die Regierung an unwissende und unrccht- liche Leute gelangt, wird das neue Beispiel von Solchen, die es verschuldet und verdient haben, auf Unschuldige und Unverdiente fortgepflanzt. Die Lacedämonier setzten nach erfochtenem Siege dreißig Männer über die Athener, die den Staat verwalten sollten. Diese begannen damit, die schlechtesten und allgemein verhaßten Bürger ohne Urtheil und Recht hinrichten zu lassen. Deß frcuete sich das Volk, und sagte, das geschehe mit Recht. Hernach, als allmählich die Willkühr wuchs, tödketcn nach Laune sie Gute wie Schlechte und schreckten die Anderen durch Furcht. So büßte in Knechtschaft versunken die Bürgerschaft mit schwerer Strafe ihre thörichte Freude. In unseren Tagen, als der Sieger Sulla den DaniasippuS ***) und Andere seines Schlags, die im öffentlichen Unheil aufgekommen waren, hinzurichten befahl, Wer lobte nicht sein Verfahren? Da hieß es, mit Recht seien die verruchten, partei- *) Dieses im Jahr ',5i voll dem Volkötribun nachzuahmen. Wehr und Waffen haben sie von den Samniten, die Zeichen der AmtSwürden meist von den TuSkcrn entlehnt; kurz, wo bei Bundesgenossen und Feinden etwas tauglich erschien, davon machten sie daheim mit größtem Eifer Gebrauch. Sie wollten lieber nachahmen, als das Gute mißgönnen. Doch zur nämlichen Zeit ahmten sie den Griechischen Brauch nach, Bürger mit Schlägen zu belegen, Verurtheilte am Leben zu strafen. Als nun der Staat heranwuchs und bei der Bürgermenge Parteien das Haupt erhuben, fing man an, Unschuldige zu bestricken und Anderes der Art sich zu erlauben. Da sind das Porcische und andere Gesetze geschaffen worden, wodurch den Verurtheilten Verbannung nachgelassen ward. Dieß, V. V., scheint mir der triftigste Beweggrund, keine außerordentliche Maßregel zu ergreifen. Wahrlich, mehr Thatkraft und Weisheit hat in Denen gewohnt, die aus keiner Macht ein so großes Reich schufen, als in uns, die wir das Wohlerworbene kaum behaupten! Mir beliebt also, sie der Haft zu entlassen, und das Heer des Eatiliua zu verstärken? Mit Nichten! sondern also stimme ich: „ihr Vermögen werde eingezogen; sie selbst sollen in den Muni- „ cipalstädtcn, welche die meisten Hülfsmittel besitzen, gefangen 42 StaatSk-dsn. „gehalten werden; Niemand dürfe fürder ihretwegen Etwas an „den Senat bringen, noch mit dein Volke verhandeln; Wer an- „ders thut, den wolle der Senat für einen Feind LeS Staats „und des Gemeinwohls erklären." Catos Rede. Ganz anderen Sinnes bin ich, V. V., wenn ich die Umstände und Unsere Gefahren betrachte, und wenn ich die Abstimmungen Etlicher bei mir erwäge. Diese haben, wie mir däucht, nur über die Bestrafung jener Menschen gesprochen, welche dem Vaterlande, den Eltern, ihren Altären und Hecrden Krieg bereiteten. Die Umstände aber gemahnen, Uns vor ihnen sicher zu stellen, nicht zu rathschlagen, was Wir gegen sie erkennen wollen. Denn andere Verbrechen mag man gerichtlich verfolgen, wenn sie verübt sind; hier muß der Ausführung gesteuert werden, sonst wird mau, wenn das Ereigniß da ist, vergebens die Gerichte anrufen. Ist die Stadt einmal in ihren Händen, so bleibt Nichts dem Besiegten übrig. Nun bei den unsterblichen Göttern, so rufe ich denn Euch auf, die Ihr Eure Paläste, Landhäuser, Bildwerke, Malereien von jeher höher gehalten habt, als den Staat. Wollt Ihr, Was es auch scvn mag, behalten, woran Euer Herz sich festgeklammert hat; wollt Ihr Euren Wollustgcnüssen Gemächlichkeit verschalten, auf denn so erwachet und haltet Euch zum Staate! Nicht von Abgaben ist die Rede, nicht von Kränkungen der Bundesgenossen. Freiheit und unser Leben stehen auf dem Spiel! Oft und viel, V. V., habe ich in Eurer Mitte mich hören lassen; oft habe ich über die Ueppigkeit und Habsucht unserer Mitbürger Klage geführt, und viele Menschen habe ich darnm zu Widersachern. Ich, der ich mir und meinem Herzen nie einen Fehltritt verzieh, habe auch nicht leicht fremder Leidenschaft eine Unthat nachgesehen. Obschon Ihr Euch wenig daran kehrtet, so blieb der Staat doch auf festem Grund und trotzte durch Wohlstand Eurer Sorglosigkeit. Nun aber ist nicht die Frage, ob die Sitten unserer Zeit gut oder schlecht sind; auch nicht wie groß oder wie glänzend die Herrschaft des Römischen Volks sey, sondern ob AU' Dieses, wie eS auch sehn mag, in seinem jetzigen Instand, unser bleiben, oder zugleich mit Unü dem Feinde zu Theil werden Zoll. Da spricht mir noch Einer von Milde und Erbarmen. Ist Uns doch längst schon der Dinge rechte Benennung verloren gegangen, denn fremdes Gut verschenken, heißt Freigebigkeit, frecher Muth zu Bubenstücken — Tapferkeit. Darum liegt der Staat in den letzten Zügen. Mögen sie, weil es denn doch Ton des TagcS ist, freigebig seyn mir den Glücksgütcrn der Bundesgenossen, mögen sie Barmherzigkeit üben gegen die Diebe der Schatzkammer; nur unser Blut sollen sie nicht an jene Menschen vcrspcndcn, und, indem sie einiger Bösewichtcr schonen, nicht alle Redlichen in'ö Verderben stürzen. C a t o. 4Z Gut und mit Rednerschmuck hat kurz vorhin Casus Cäsar in dieser Versammlung über Leben und Tod gesprochen, indem er, wie mir vorkam, für Mährchen achtet, was von der Unterwelt gelehrt wird: daß die Bösen auf anderem Pfad als die Guten, an gräßliche, öde, scheußliche und grannvolle Oerter zu wohnen kommen. Daher sein Antrag, man solle ihr Vermögen einziehen, sie selbst aber in den Municipalstädtcn gefangen halten; aus Besorg- niß nämlich, wenn sie zu Nom behalten würden, könnten sie von den Genossen der Verschwörung oder von einem gedungenen VclkL- haufen mit Gewalt befreit werden. Als gäbe es Schurken und Bcsewichter nur in der Stadt, und nicht ganz Italien hindurch; oder als ob nicht Keckheit dort mehr vermöchte, wo die Mittel zum Widerstände geringer sind. Darum ist sein Rath eitel, wenn er Gefahr von ihnen befürchtet; ist er aber in mitten der großen Bestürzung Aller der Einzige, der nicht fürchtet, desto mehr Grund für mich und für Euch, zu fürchten! Beschließt deßhalb immerhin über PnbliuS Lentulus und seine Genossen und seid "versichert, daß Ihr zugleich über Eatilina'S Heer und über alle Verschworene entscheidet. Je nachdrucksvoller Ihr Dieses betreibt, desto mehr wird ihnen der Muth sinken. Zeigt Ihr die mindeste Lästigkeit: alsbald werden alle die Trotzköpfe sich aufthun. Glaubt ja nicht, daß unsere Altvordern ihr kleines Gemeinwesen durch Wastengc- gewalt so groß gemacht. Wäre dem also, so müßte der jetzige Zustand weit herrlicher sein, sintemal uns an Bürgern und Bundesgenossen, zudem an Waffen und Rossen größere Fülle ist, als damals. Indeß es war etwas ganz Anderes, was Jene groß gemacht hat, und das gerade gchtUnS ab: daheim Thätigkeit, draußen gerechtes Regiment; freier Sinn bei der Berathung, keinem Laster, keiner Leidenschaft Unterthan. An deren Statt haben wir Schwcl- gcrei und Habsucht; Mangel in den öffentlichen Kasten, Ickcbcr- stuß in Privathäusern. Wir preisen den Reichthum und ergeben UNS der Trägheit; zwischen Guten und Bösen kein Unterschied; allen Lohn des Verdienstes nimmt Erschlcichung hinweg. Kein Wunder auch: da Ihr, Jeder für sich nur in eigenem Interesse Beschlüsse faßt, da Ihr zu Hause den Wollüsten, hier dem Geld oder der Gunst dienet. So kcmmffs, daß auf den verwaisten Staat losgestürmt wird. Doch zur Sache! Verschworen haben sich Bürger der edelsten Abkunft, die Vaterstadt in Brand zu stecken; das Volk der Gallier, Todfeinde des Römischen Namens, rufen sie zum Kriege herbei; schon schwebt der feindliche Führer mit dem Heer Uns über dem Haupte; und Ihr zögert noch, was Ihr mit den Feinden beginnen sollt, die innerhalb der Ringmauern ergriffen worden? Ich dächte: Ihr ließet Barmherzigkeit walten; es haben die jungen Herrchen aus Ehrsucht sich vergessen; gcbt ihnen die Freiheit und Masten dazu! O daß Euch diese Milde und Barmherzigkeit nicht in Jammer sich kehre, wenn sie die Waffen in Händen haben! Wahrlich die Lage ist höchstgefährlich, doch Ihr — fürchtet sie nicht. Doch wohl recht sehr; aber aus Trägheit und Wctchmü- 44 Staat-reden. thigkcit, wartend Einer auf den Andern, zögert Ihr voll Vertrauen» auf die unsterblichen Götter, welche diesen Staat in den größten Gefahren so oft erhalten haben. Nicht durch Gelübde, nicht durch weibisches Flehen gewinnt man der Götter Hülfe; wachet, handelt, schafft guten Rath, und Alles geht glücklich von Stalten! Wo man sich aber der Gedankenlosigkeit und Faulheit überläßt, lasse man ab, zu den Göttern zu flehen: — sie zürnen und grollen. Zu unserer Vater Zeit ließ AuluS ManliuS Torquatus im Gallischen Kriege seinen Sohn hinrichten, weil er sich dem Befehle zuwider mit dem Feind eingelassen hatte, und dieser treffliche junge Mann hat ungcmäßigte Tapferkeit niit dem Tode gebüßt. Ihr zögert noch, was Ihr gegen die grausamsten Vatcrlandsverräthcr beschließen sollt? Freilich, ihr sonstiges Leben steht mit diesen Verbrechen im Widersprüche! Nun — so schont denn der Würde des Lentulus, wenn er selbst der Scham, wenn er seines Rufe», wenn er Götter und Menschen je geschont hat! Verzeihet dem CetheguS um seiner Jugend willen, wenn er nicht schon zum andcrnmal dem Vaterlands Krieg bereitet hat. Denn was soll ich von GabininS, StatiliuS, Coepa- riu» sprechen, die, wäre ihnen je Etwa» heilig gewesen, solche Plane gegen den Staat nie gehegt hätten. Zuletzt, V. V., wenn noch zu einem Fehler Frist gestattet wäre, möchte ich Euch gerne gönnen, daß Ihr durch Thatsachen gewitzigt würdet, dieweil Ihr auf Worte doch nicht achtet. Aber überall her drängt uns Gefahr. Eatilina ist mit dem Heer uns auf dem Nacken; andere Feinde sind innerhalb der Mauern, im Schooße der Stadt. Nirgends kann Etwas heimlich vorgekehrt oder beschlossen werden; um so mehr muß man eilen. Darum geht mein Antrag dahin: „Da durch das schändliche Complot ruchloser Bürger der Staat „in die größte Gefahr gekommen, sie selbst aber durch die Anzeige „des TituS Volturciu» und der Gesandten der Allobrogcr über- „ wiesen und geständig sind, Mord und Brand und andere Gräucl- „thaten und Grausamkeiten gegen Mitbürger und Vaterland bereitet zu haben: so sollen die Schuldigen, als offenbar todeöwür- „dige Verbrecher, den Satzungen der Altvordern gemäß, vorn „Leben zurr» Tode gebracht werden." Engli s ch c Nedne r. WWW r-mWs, Ä ^ ^ 7^ ;;>^^ > Geschichte / der englischen Parlamenröbercdsainkcit. Erst unter der Königin Elisabeth fing die Parlamentsbered- samkcit an/ einige Aufmerksamkeit zu erregen. Jedoch waren fast alle Umstünde dem Entstehen und Aufkommen derselben nachtheilig. Dem Parlamente war nicht einmal vergönnt/ über die bedeutungs- vollsten Gegenstände zu berathen; und die Freiheit zu reden war so wenig ei» Vorrecht der Parlamentsglieder/ daß die Freimüthigkeit vielmehr als ein Verbrechen bestraft wurde. Unter Karl I aber vernichtete das Parlament alle Schranken/ die die Freiheit der Rede hemmten; es zog die wichtigsten Fragen / die eine Nation intcrcssiren können/ vor sein Forum/ um über sie zu berathen und zu entschei- den. ParlamcntSrcdcn wurden die Orakel der Nation; der Druck verbreitete ihre Reden weithin. Aber von einer andern Seite nahte fich der Beredsamkeit ein höchst verderblicher Einfluß/ und gab ihr einen widerlichen Charakter. Religiöse Schwärmerei/ finstere/ bigotte Frömmigkeit verbannte alles Schöne/ jeden wärmeren/ lebensvolleren Pulsschlag aus den öffentlichen Rede»/ und setzte eine biblische Phraseologie/ abgestorbne Formeln an ihre Stelle. Wer nicht zu dieser frommen Classe gehörte/ und ihrem fehlerhaften Geschmack nicht huldigen wollte/ mußte wenigstens AlleS/ was derselben anstößig war/ was ihr weltlich oder sündlich hieß/ vermeiden/ d. h. alle Kunst/ allen Schmuck. Daher sind denn die Reden aus jener Zeit entweder trocken und langweilig/ oder durch ihr vermeint frommes Geschwätz widerwärtig. Nach der Wiederherstellung der könig. lichcn Würde wollte das Parlament die Klippe vermeiden/ an der das' Nationalglück und die wahre Freiheit ihm gescheitert zu sein schienen; man scheute jede Art von Enthusiasmus; man wollte keine Leidenschaft mehr erregen; um immer besonnen zu bleiben/ blieb man kalt. In den ersten Zeiten/ die unter Karl II eintraten/ als die Nation schnell aus finstrer Religiosität zu einem Frohsinn/ der bei Manchem in Leichtsinn ausartete/ überging/ gab cS wohl Redner/ die durch Witz und Scherz gefallen wollten. Aber der von Natur ernsthafte Charakter der Nation behielt das Ucbcrgcwicht/ und seit' Wilhelm III waren die Reden blos simple Vortrüge; die Redner trachteten nach keinen andern Vorzüge» / als nach Deutlichkeit der Idee»/ Stärke der Beweise/ Zusammenhang und Ordnung. Ueberzeugung des Verstandes war ihr einziges Ziel; die Einbildungskraft durch lebhaftere Farben zu entzünde,,/ Empfindungen zu er- Geschieht« der Beredsamkeit wecken war nie, im Ganzen genommen, ihre Absicht. Einzelne Ausnahmen gab es von Zeit zu Zeit, bis endlich Pitt durch die ganz ungewohnte Art seiner Beredsamkeit Staunen erregte, und Alles zur Bewunderung fortriß. Die ersten rednerischen Versuche unter Elisabeth gleichen den ersten Bewegungen eines jungen Vogels, der seine kaum befiederten Schwingen übt. Pitts Beredsamkeit war der Flug des AarS in voller Kraft und, Majestät. Zwei Umstände waren es vorzüglich, die den neuen Aufschwung der Beredsamkeit förderten. Bisher war die englische Prosa noch zu unausgcbildet, als daß sich in derselben ein Redner in seiner ganzen Ucbcrlegciihcit hätte zeigen können. Erst nachdem die großen Prosaiker Addison, Pope, Swift der Sprache Biegsamkeit, Correcthcit und Eleganz verliehen hatten, konnten die Redner in ihr glänzen. Der zweite günstige Umstand war die erst seit <7ä2 eingeführte Veröffentlichung der Par- lamcntsredcn durch den Druck. Nach 1728 war in beiden Häusern das Verbot, ParlamcntSrchcn ohne besondre Genehmigung der Redner drucken zu lassen, erneuert worden. Jedoch verfehlte dasselbe seine Wirkung gänzlich. Die Nation verlangte nähere Kenntniß von den Reden seiner Vertreter, und die Zeitungsschreiber spotteten des Verbots, indem sie die parlamentarischen Debatten unter andern Titeln und Namen, z. B. als Ereignisse aus der alten griechischen und römischen Geschichte, oder gar unter komischen Einkleidungen bc- kannt machten. Nun hatte das Parlament keine Wahl mehr, als die Bekanntmachung selbst zu verfügen, und begreiflich inußte der Gedanke, die ganze Nation jetzt zum Auditorium zu haben, sehr wohlthätig auf die Beredsamkeit der Sprecher einwirken. Der große Chatham (W. Pitt) erwarb sich bald den Namen des englischen DcmosthencS. Das Aeußere betreffend überragte er diesen; Dcmosthenes erwarb sich Alles durch Kunst; bei Chatham hatte schon die Natur VcwundcrungSwürhi^es gethan. Wenn er auftrat, imponirte er schon durch sein«! schöne und edle Gestalt, seinen männ- lichen Anstand, und sein flammendes Auge. Das Feuer seiner Seele, die für Recht, Freiheit und Vaterland glühte, ging in seine Bewegungen über. Seine sonore Stimme drang in die Herzen ein, wenn er wie ein Begeisterter auS der Fülle des Herzens sprach; und wer seine Reden nur gelesen hat, vermag das ganze Gewicht seiner Beredsamkeit nur halb zu ermessen. Lord Camdcn, PittS Freund, und Lord Mansficld, sein Nebenbuhler, haben sich nicht geringen Ruhm als Redner erworben (s. ChathamS Reden); doch wurden sie verdunkelt durch daS leuchtende Meteor, das jetzt mit Edmund Burke an dem politischen Himmel aufstieg, dem schnell die außerordentlichen Erscheinungen eines Charles Fox, Gberidan und W. Pitt, Sohn, nachfolgten. Während über die beide» ersten die unten folgenden Reden verglichen werden können, ist über die beiden letzteren noch zu bemerken, daß GberidanS Beredsamkeit durch Eleganz, treffenden Witz und unmuthige Wendungen sich auszeichnete, während er mit seinem Freunde Fox unzertrennlich Schuhredner der Sache des Volks und der allgemeinen Freiheit blieb. W. Pitt erregte nicht blos als der Sohn des großen Chatham, son- unter den Engländern. /,4 dcrn in der That auch durch ausgezeichnetes Talent bald allgemeine Bewunderung/ und selbst auf Seite seiner Gegner Anerkennung desselben. Leider aber war sein Talent nur dem Interesse einer Aristokratie geweiht/ die sich nicht entblödete ihre Größe auf das durch einen fast unvermeidlichen StaatSbankerott herbeigeführte Verderben ihrer eignen Nation gründen zu wollen. CanningS Beredsamkeit bildete gleichsam den Uebergang zur neuesten Epoche britischer ParlamcntSbercdsamkcit; denn es ist kein Zweifel/ daß wie für das ganze StaatSlebeN/ so auch für die Beredsamkeit mit der ParlamcntSrcform eine neue Aera beginnt. Während nämlich bis zu diesem Zeitpunkt das Volk selbst fast gar nicht vertreten 'war/ und die Nedner fast nur aus den Reihen der Whigs und ToryS hervorgingen/ die mehr oder weniger den Grundsätzen der Stabilität huldigen/ und jeder Aenderung an dem überkommenen Zustand/ sei er auch noch so ungerecht und bedrückend/ sich entgegen stellen; mußte dadurch die Beredsamkeit selbst im Allgemeinen eine gewisse Kälte und Unfähigkeit/ warm schlagende Gemüther zu intcrcssireit/ annehmen. Man wagte/ oder gestattete eS nicht/ an das alterthümlichc Gebäude der Verfassung selbst prüfende Hand anzulegen; nur einen leisen Zweifel gegen ihre unübertreffliche Güte erheben/ hieß eine» Frevel begehen; und begreiflich kann in einem so beschränkten Jdccnkreise nichts Erhebendes und Begeisterndes liegen- Dies Alles hat sich jetzt schon bedeutend geändert/ und wird immer mehr sich ändern/ je volkSthümlicher die Repräsentation Großbritanniens und Irlands sich gestalten wird. Namentlich darf bei der herrlichen/ Phantasiereichen Natur des KrländerS von den Rednern dieses Volkes das Höchste erwartet werden/ und Shicl der Jrländcr glänzt schon jetzt als der erste Redner des Unterhauses. Wir enthalten uns um so mehr/ über die einzelnen Redner/ wie Brougham/ Okonncl/ Peel/ Maeauley/ Rüssel/ Grey/ Durham n. a. hier Näheres zu bemerke»/ als dies' unten bei den von ihnen mitgetheilten Reden selbst geschehen wird/ und da ohnedem dieser Abschnitt mit einer beurtheilenden Darstellung des gegenwärtigen Zustandes des englischen Unterhauses schließt/ wo wir aus der Feder eines geistvollen Augenzeugen des interessanten Details genug hören werden. Eine Vergleichung der englischen und französischen Beredsamkeit — die freilich immer nur die Gesammtheit der Erscheinungen berücksichtigen kann — möge denn diesen Abschnitt bcschlicssen. Die Engländer sprechen mehr mit dem Verstand/ wenn ich so sagen darf/ und zu dem Verstand; die Franzosen mehr mit der Einbildungskraft und zu der Einbildungskraft. Die Engländer sehen mehr auf die Stärke/ die Franzosen mehr auf djc geschickte Handhabung der Gründe. Der Engländer sicht mit schärfere,,/ der Franzose mit geputzteren Waffen; der Engländer will blos überzeugen/ der Franzose überreden/ gefallen. Der Engländer spricht oft kalt/ aber immer mit Nachdruck und Festigkeit; der /Franzose mit Lebhaftigkeit und Feuer. Manche französische Rede gleicht einem Blumenkränze/ manche englische einer Korngarbe/ manche auch einem Bündel Dornenzweige. , 1 50 Staatsrehen. Cromwcll. Oliver Cromwcll war geboren 159g. Anfangs wilder Stu. dcnt, dann kleiner Gutsbesitzer/ der aber sein Hauswesen ganz ver. . nachläßigte/ brachte er alle seine Zeit in den Versammlungen der Puritaner ;»/ in denen/ gewöhnlich unter seinem Vorsitz/ gebetet/ gesungen/ aus der Bibel und andern Erbauungsschriftcn vorgelesen und gepredigt wurde. Cromwcll war schon ein Mann von äo Jahren / als er von der Stadt Cambridge ioio zum Repräsentanten inS Parlament gewählt wurde.; Hier erregte er nicht die geringste Aufmerksamkeit; sein Vertrag war schlecht/ sein Acußcres abstoßend; auch war er meistens nur Zuhörer. Erst in'scinem äa. Jahre wurde er Officier bei der ParlamentSarmcc; nun entwickelte sich schnell sein militärisches Genie; aber nun erwachte auch seine unbegränzte Ehrsucht: es entwickelte sich sein schlauer Verstand. Er wurde General. Nun sprach er/ w,cnn er inS Parlament kam/ länger und öfter; zwar noch eben so dunkel und verworren/ als vorher. Er sing Perioden an und vollendete sie nicht; er stockte und sing aufs neue an. Um die Lücke»/ die ihm aus Mangel an eignen Gedanken entstanden/ auszufüllen/ citirte er Sprüche aus der Bibel/ wie sie ihm einfielen. Niemand verstand ihn; aber jetzt war es sein militärisches Verdienst/ was ihm Gehör verschaffte; und wenn er mit der Hand/ die das Schwert so glücklich zu führen wußte/ Bewegungen machte/ so waren cS diese Bewegungen/ die seinen Reden den wirksamsten Nachdruck gaben. Sowie Cromwcll höher stieg/ wurde er beredter/ d, h. er sprach öfter/ länger/ zuversichtlicher/ entscheidender. Die Reden/ die er als Protcctor gehalten/ haben einen sehr eigenthümlichen Charakter. ES ist/ als ob in ihnen zwei verschiedene Personen abwechselnd sprächen: bald ein Schwärmer oder Heuchler (denn/ was von beiden er gewesen/ ist schwer zn sagen), bald ein entschlossener Despot. Während der Heuchler oder Schwärmer am öftesten/ längsten und verworrensten redet/ spricht der Despot viel kürzer/ deutlicher/ ohne Umschweif/ mir Ste. ke und Nachdruck. — Nach außen vermehrte er durch glückliche Kriege Englands Macht bedeutend. Doch er selbst fühlte sich nicht glücklich. Gerne hätte er den Königstitel angenommen/ wenn er nicht Cäsars Schicksal gefürchtet hätte. Da er jetzt ohne Parlament regierte/ nannten ihn die Puritaner selbst einen schändlichen Tyrannen; und die Furcht vor ihren Verschwörungen folterte ihn beständig. Er ging nie ohne Wache auü; man wußte nie/ wohin er fahren wollte; er kehrte gewöhnlich auf einem andern Wege zurück/ trug unter seiner Kleidung einen Panzer/ und schlief selten zwei Nächte hinter einander in demselben Zimmer. Auf seinem Srcrbclager fragte er einen fanatischen Prediger/ ob cS wahr sei/ daß die AuScrwähltcn nie mehr fallen könnten. Und als jener dies betheuerte/ versetzte er: „So bin ich errettet; denn ich bin überzeugt/ daß ich mich einst im Zustand der Gnade befunden habe." Der Schatten des gemordeten Karl schien ihm oft vorzuschweben. Er starb am 3 . Scpt. <658/ und wurde in der Wcstminstcrabtei begrabe». C r o m w e l l. 51 Die Veranlassung zur nachfolgenden kurzen/ aber höchst merkwürdigen Rede war: Cromwell hatte den Plan gefaßt/ die monarchische Rcgicrungsform allmählig wieder herzustellen/ und in seiner Person die höchste Macht zu vereinigen. Das s. g. lange Parlament stellte sich seinen Absichten standhaft entgegen. Da klagte er osscn bei seinen Freunden über die Herrschsucht/ die Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit desselben. Durch den Beistand seiner Freunde ermuntert/ wagte er nun den entscheidenden Schritt/ und jagte dasselbe am 20. April 1653 „zur Ehre GotteS" mit 300 Soldaten aus einander. Bei diesem Anlaß begrüßte er die Volksvertreter mit folgenden Worten: Es ist hohe Zeit, daß ich Eurem Verweilen au diesem Platz ein Ende mache, den Ihr durch Eure Verachtung aller Tugend entehrt, und durch die Ausübung jedes Lasters geschändet habt. Ihr seid ein Pack feiler Schurken, und möchtet wie Esau Euer Vaterland um ein Linsengericht verkaufen, und wie Judas Euern Gott für ein Paar Silberlinge verrathen. Ist eine einzige Tugend unter Euch geblieben? Gibt es irgend ein Laster, das Euch nicht beflecke? — Ihr habt nicht mehr Religion, als mein Pferd. Gold ist Euer Gott, — wer von Euch hat nicht sein Gewissen Bestechungen aufgeopfert? Ist einer unter Euch, der sich auch nur im geringsten um das allgemeine Wohl bekümmerte? Ihr schmutzigen Auswürflinge, habt Ihr nicht diesen geheiligten Platz geschändet, und den Tempel des Herrn zu einer Diebeshöhle gemacht? Durch Eure schlimmen Grundsätze, und verderblichen Praktiken seid Ihr der ganzen Nation verhaßt geworden. Ihr, die Ihr von dem Volke hierher beschieden wurdet, seine Lasten zu erleichtern, habt Euch selbst in seine schwerste Last verwandelt. Euer Land schreit deßhalb zu mir, diesen Augiasstall zu schließen, indem ich Eurem ungerechten Verfahren ein Ende mache; und das will ich mit Gottes Hülfe und der Kraft, die er mir gegeben, jetzt thun. Ich befehle Euch daher, diesen Platz bei Todesstrafe sogleich zu räumen. Fort! hinaus! schnell! Ihr verkauften Sklaven! Macht, daß Ihr wegkommt! da, (zu seinem Gefolge) nehmt diese Narrcnspossen *) weg, und schließt die Thore! William Pitt/ Lord Chatham. William Pitt/ geboren de» 25. Nov. 1708 / erhielt von seinem Vater Robert Pitt/ Esc,./ eine gute Erziehung. Den Kriegsdienst verließ er bald wieder/ weil er fühlte/ daß ihn die Natur mehr zu ) Die Jusianien der Würde des Hauses. Staaksreden. den friedlichen Geschäften des Vaterlandes bestimmt habe. Durch den Flecken Old Sarum für das Unterhaus gewählt/ zog er bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich/ und erhielt wegen seines unbestechlichen Patriotismus von der vcrwittweten Herzogin von Marlborough ein Vermächtnis; von Pf. St. Unter diesen wurde sein zweiter Sohn William nachmals als Kanzler des Schatzamts so berühmt/ mehr jedoch durch seinen für England so verderblichen Laß gegen Frankreich/ als durch die edlere Geistesgröße seines Vaters'. — „Diejenigen/ welche von ChathamS Wunder bewirkender Beredsamkeit Zeuge gewesen/ welche auf die Mustk seiner Stimme mit Entzücken gehört/ oder vor ihrer Würde gezittert/ welche die einnehmende Anmuth seiner Aktion gesehen/ oder ihre Stärke gefühlt/ diejenigen/ welche die Flamme der Beredsamkeit aus seinem Auge/ jene erhabne Glorie von seiner Stirne leuchten gesehen haben/ diese werden sich der unwiderstehlichen Macht erinnern/ mit der er Ueberzeugung aufdrang.« Und selbst Wil k eS/ sein Gegner/ legt folgendes Zeugniß über ihn ab: „Von Natur besaß Pitt alles Aeußcrlichc/ das' Hochachtung/ sogar Ehrfurcht einflößen mußte; es' war eine männliche Figur; er hatte das Adlerauge/ das' man dem berühmten Condö beilegte; in dem Augenblick/ da er aufstand/ war Alles Aufmerksamkeit und Ehrerbietung; sein hoher Geist sprach schon aus seinen Augen / ehe noch eine Sylbe von seinen Lippen kam. ES lag etwas Bezauberndes in seinem Blicke/ wenn er umhersehaute. Die Beredtesten verstummten und bebten zurück/ wcun er/ um einen Ausdruck von Milton zu borge»/ un- löschbares Feuer gegen sie warf." I. Pitt war Opponent/ so oft er es für Patriotenpflicht hielt/ sich dem Ministerium zu widersetze»/ an dessen Spitze damals Walpole stand. ES scheint/ daß er wirklich nicht nur an die Schädlichkeit der Maßregeln des Ministeriums glaubte/ sondern daß er auch böse Absichten argwöhnte. In der schärfsten Sprache tadelt er darum dessen Acciscplan/ Finanzvcrwaltung und Führung der auswärtigen Geschäfte; er war einer der Eifrigsten von denen / die auf Walpolcs Abberufung/ und die Untersuchung seiner Verwaltung drangen. In späteren Zeiten hat er sich selbst wegen seiner Opposition in verschiedncn Punkten getadelt/ manche Walpolesche Maßregel gelobt/ ihn selbst einen weisen/ guten Minister genannt/ und seine ehemalige Opposition nur mit seiner Jugend und Uncrfahren- heit entschuldigt. Solche Geständnisse sind kein Beweis von Jnkon- 5/« Staatsreden. sequenz; sie zeugen nur von einem edlen / Recht und Wahrheit über alles setzenden Gemüthe. Wir können uns nicht enthalten aus dieser früheren Periode ein Bruchstück einer Rede mitzutheilen/ das wohl etwas dieses Uebermaß verräth/ das aber die oratorische Kraft und Fülle/ den ganzen Donner der Beredsamkeit des damals erst 32jährigen jungen Mannes uns ahnen läßt. Zum bessern Verständniß setzen wir die Rede des Bruders des Ministers/ Horatio Walpolk/ durch welche Pins Antwort hervorgerufen wurde/ um so lieber hierher/ als auch sie gar kein unwürdiger Beleg für englische Parlamentsbercdsamkcit ist. Im Jahr <7äo nämlich hatte das Ministerium einen Gesetzes- vorschlag in das Haus gebracht/ in dem sehr harte Maßregeln vorgeschlagen wurde»/ um Matrosen aufzusuchen/ und zum Dienst auf der königlichen Flotte in dem Kriege mit Spanien zu zwingen. Pitt war einer der heftigsten Opponenten. Den tiefen Eindruck/ den seine Rede gemacht/ suchte die Ministcrialparthci dadurch wieder zu schwäche»/ daß sie sich die Miene gab/ als verachte sie PittS neue Manier/ als das Bestreben eines jungen Deklamators/ der nur für den Augenblick bewundert sein wolle/ und der die Aufmerksamkeit ernster/ in StaatSsachen geübter Männer nicht verdiene. Horatio Walpole sprach/ indem er sich/ wie gewöhnlich an den Sprecher wandte: Sir, ich wollte den kauf der Debatte nicht gerne unterbrechen, so lange sie mit Kälte und Anstand fortgesetzt wurde; so lange Männer sprachen, die sich durch die Hitze des Streits nicht verleiten ließen, Ausdrücke zu brauchen, die mit der Würde dieser Versammlung nicht bestehen können. Ich habe bis jetzt aufgeschoben, dem Gentleman zu antworten, der mit einem solchen Strome von Beredsamkeit, mit so heftigen Gebehrdcn gegen die Bill dekla- mirt hat; der die Vertheidiger derselben beschuldigte, auf kein anderes Interesse Rücksicht zu nehmen, als auf ihr eigenes, und Gesetze zu machen, die blos auf dem Papier ständen; der ihnen weissagte, sie würden ihre Anhänger, sie würden ihren Ginfiusi verlieren; denn ihre Thorheit und Unwissenheit würden sich erst recht in dieser Bill verrathen. Sir, ich will diesen Gentleman, statt aller ändern Antwort blos erinnern, Laß mit Heftigkeit und mit muthwilligen Angriffen in dieser Versammlung nichts ausgerichtet wird; daß eine pompöse Sprache, und thcMralische Bewegungen nicht entscheiden, was wahr sei, und dem Wohlstand der Nation Festigkeit und Dauer verschaffen können. Rauschende Töne, wüthige Deklamationen, kecke Behauptungen und prächtige Perioden mögen von jungen Personen bewundert werden, und der Gentleman hat sich an diese seine Rhetorik vielleicht gewöhnt, weil er mehr mit solchen um- W a l p o l e. 55 geht, die gleichen Alters mit ihm sind, als mit solchen, die mehr Gelegenheit gehabt haben, sich Kenntnisse nnd zweckmäßigere Methoden in Mittheilung ihrer Gedanken zu erwcrbsn. Sir, wenn er, bei seinem feurigen Temperamente über sich erhalten könnte, Männern zuzuhören, die wegen ihres Alters, und ihrer langen Bekanntschaft mit den Geschäftei? mir Recht fordern dürfen, daß man Achtung und Ehrfurcht vor ihnen habe; so könnte er mit der Zeit lernen, daß eine gute Logik besser ist, als Deklamation, und wichtige Gründe und richtige Thatsackren besser, als klingende Beiwörter und Rednerblumcn, die die Einbildungskraft einen Augenblick reizen, aber keine bleibenden Eindrücke im Verstände hinterlassen. Er wird lernen, Sir, daß Beschuldigungen und Beweise zwei verschiedene Dinge sind) daß Tadel, den man nicht rechtfertigen kann, blos demjenigen selbst schadet, der andern damit schaden gewollt hat. Mit der Einbildungskraft auf den Flügeln der Rhetorik herumzuschwcifcn, kann an jungen Leuten entschuldigt werden, aber an keinen andern; und gewiß selbst zu dein Zwecke, den einige Gentleman bei ihren Reden haben, das Verfahren der Minister herabzusetzen, würde es viel dienlicher sein, das Nachtheilige und Ungerechte in dieser Bill zu beweisen, als mit noch so prächtigen Worten, mit noch so großem Scheine von Eifer, Rechtschaffcnheit und Mitleid, blos zu sagen, daß es eine ungerechte und nachtheilige Bill sei. War diese Rede beleidigend und tief verletzend für Talent und Charakter unsers Pitt/ so sehen wir ihn in einer Weise antworten, die eben nur in der Tücke des feindlichen Angriffs ihre Rechtfertigung findet. Pitt sprach: Sir, das abscheuliche Verbrechen, jung zu sein, dessen mich der höchst gelehrte Gentleman mit so viel Geist nnd so viel Lebensart beschuldigt, will ich weder zu entschuldigen suchen, noch leugnen; sondern mich blos mit dein Wunsche begnügen, daß ich einer von denen sein möge, deren Thorheiten mit ihrer Jugend aufhören, und keiner von denen, die alle ihre Erfahrung nicht klüger macht. Sir, ob einem seine Jugend zum gerechten Vorwurf gereichen könne, will ich mir nicht anmaßen zu entscheiden; aber sicherlich das Alter verdient Verachtung, das sich bei so viel Gelegenheiten, die cS hatte, -nicht besserte, nnd noch dem Laster fröh- nct, wenn die Leidenschaften sich schon gelegt haben. Der Elende, der die Folgen von tausend begangenen Fehlern sah, dennoch Fehler über Fehler zu machen fortfährt, mit den Jahren nicht klüger, 56 Staatsreden. aber wohl hartnäckiger wird, dieser Elende ist sicherlich ein Gegenstand der Verabscheuung oder der Verachtung, und ist nicht würdig, daß sein graues Haupt ihn vor Verspottung schütze. Noch mehr Abscheu, Sir, verdient derjenige, der so wie er in'S Alter fortrückt, immer mehr von der Tugend abweicht, und indeß die Versuchung abnimmt, an Laster zunimmt; der sich für Geld vorkaust, daä er nicht mehr genießen kann, und den Nest seiner Jahre im Ruin seines Vaterlandes verschwendet. Doch, Sir, Jugend ist nicht mein einziges Verbrechen; ich bin eines theatralischen Betragens beschuldigt worden. Unter einem theatralischen Betragen versteht man entweder gewisse äußerliche Bewegungen, oder den Vertrag, das Nachahmen fremder Meinungen und Gesinnungen, als wären sie unsre eignen. Sir, im ersten Sinne ist die Beschuldigung zu geringfügig, als daß sie einer Widerlegung bedürfte; man darf sie nur in diesem Sinn verstanden haben, und man wird sie verachten. Es steht mir so gut frei, wie jedem andern, auf meine eigne Art zu sprechen. Ich wäre vielleicht nicht gleichgültig gegen den Beifall dieses Gentlemans; aber um diesen Beifall zu erhalten werde ich mir nie den Zwang anthun, seine Sprache, seine Miene ängstlich nachzuahmen, so gereift sie auch durch das Alter, so vervollkommnet sie auch durch Erfahrung sein mögen. Sollte mich aber Jemand eines theatralischen Betragens in dein Sinne beschuldigen, daß ich Gesinnungen vorgäbe, die ich nicht wirklich hätte; so erkläre ich ihn für einen Verleumder, für einen Schurken, und keine Macht soll mich hindern, ihn so zu behandeln, wie er verdient. Bei solchen Anlassen werde ich ohne Bedenken alle Formen unter die Füße treten, hinter denen sich Stand und Reichthum verschanzen, und meine Ahndung soll durch uichts, als durch das Alter meines Gegners zurückgehalten werden. Dieses wichtige Privilegium bringt das Älter mit sich, daß der Stolz, womit cS auf Jüngere herabsieht, unbestraft bleibt. — Doch, Sir, in Ansehung derer, die ich durch meine Rede kränkte, bin ich der Meinung, daß ich, wenn ich eine erborgte Rolle hätte spielen wollen, ihre Mißbilligung leicht würde vermieden haben; meine Hitze, die sie kränkte, war die Hitze der Ueberzeugung, der Eifer für den Dienst meines Vaterlands. Weder Hoffnung noch Furcht sollen mich je vermögen, ihn zu unterdrücken. Ich will mich nicht ruhig hinsetzen, wenn «reine Freiheit angegriffen, noch stillschweigend zusehen, wenn der Staat geplündert wird. Sei die Gefahr, welche sie wolle, ich will alle meine Kräfte anwenden, die Angreifer zurückzutreiben, und den P i t t. 57 Dieb verö Gericht zu bringen, wer auch ihre Beschützer und Genossen ihres NaubeS sein mögen, lind wenn der höchst gelehrte Gentleman, — — — Hier wurde Pitt zur Ordnung gerufen. Er setzte sich. Heinrich Patham, damaliger ÄriegSsckretär wußte die entflammten Parthcicn in einer gewinnenden Rede zu versöhnen, so daß man gegenseitig die gebrauchten Ausdrücke als entschuldigt ansah. II. Wir geben nun noch eine von PittS spätern Reden. Dieselben sind vielleicht weniger schmuckvoll/ aber energischer / als die frühern. In diesen wird oft ein Gedanke in mehrern harmonischen Perioden ausgeführt; in jenen sind mehrere Gedanken in einen einzigen con- centrirt. Eine Periode von wenigen Worten ist oft ein wahrer Orakclspruch. Alle seine Neben sind voll solcher Züge/ die man mit elektrischen Schlägen vergleichen kann. Daher waren dieselben von fast wunderbarer Wirkung; ein Geist neuer/ erhabner Idee» / großartiger Entschlüsse schien von denselben auszuströmen / und zu gleicher Gesinnung unwiderstehlich zu begeistern. Die von uns hier ausgewählte Rede möchte besonders charakteristisch sein. Sie verstattet uns einen hellen Blick in ChathamS Ansichten über freie StaatSvcrfassungen im Allgemeinen/ und über die englische tnsbc sondere. Sie ist voll der Wärme/ die ihn beseelte/ so oft er über daS/ was er für Volksrecht hielt / das dem Volke ohne Tyrannei nicht genommen werden könne/ weder von einem König/ noch von einem Parlamente/ kämpfen zu müssen glaubte. Die Veranlassung zu nachstehender Rede war folgende: Die Grafschaft Middlcsex hatte einen gewissen W ilkc S zu ihrem Repräsentanten in das Unterhaus ernannt. Dieser WilkeS/ wegen seiner Unstttlichkeit übel berüchtigt/ mehr aber noch von dem tory- stischcn Ministerium wegen seiner geißelnden Pamphlets gehaßt/ wurde von dem feilen Untcrhause angeblich wegen eines skandalösen Pasquills ausgestoßen. Dies geschah am 24. Rov. <763. MS daS Parlament von dem König aufgelöst/ und deßhalb zu neuen Wahlen geschritten wurde/ wählte die Grafschaft Middlcsex aufs neue WilkeS zu ihrem Repräsentanten. Er wurde ohne Widerspruch zu- gelassen. Bald darauf aber wurde WilkeS wegen neuer Angriffe — in dem berüchtigten blssav on >V'ni»an — auch von diesem Parlamente ausgestoßen. Dieses begnügte sich aber damit nicht/ sondern erklärte auch/ waS bis dahin nie geschehen war/ daß WilkcS unfähig sein sollte/ in dem damaligen Parlamente einen Sitz je wieder zu bekommen. Dies Verfahren machte im ganzen Land außerordentliche Gensätion; und als die Grafschaft Midblescx statt des auSgcstoßenen WilkeS einen neuen Repräsentanten wählen sollte/ wählte sie mit großer Mehrheit/ mit 1G3 Stimmen gegen 296/ denselben WilkeS wieder / und der ministerielle Candidat Luttrcl siel durch. Da wiederholte daS Unterhaus seinen frühern Beschluß und Luttrel wurde 58 Staatsreden. als der rechtmäßig Erwählte angenommen. Diese Frage bewegte das ganze Land/ und Pitt hielt über dieselbe im OberhauS/ dem er als Lord Chatham angehörte/ eine Rede/ die er mit dem Antrag schloß/ in die Dankadresse eine Stelle einzurücken/ worin der König ersucht werden sollte / „das neulichc Verfahren des Unterhauses / nach welchem durch einseitigen Beschluß WilkeS für unfähig erklärt worden/ wieder im Parlament zu sshcii/ und durch den die Grafschaft Midd« lcscx ihres freien Wahlrechts beraubt worden / in ernstliche Erwägung zu ziehen." Lord Mann sfield bekämpfte diesen Antrag mit Gelehrsamkeit und Feinheit. 8hm erwiderte Chathmn: Mvlords, es ist eine ganz simple Marime, an die ich mich in meinem Leben unabwcichlich gehalten habe, bei jeder Frage, die meine Freiheit, oder mein Eigenthum betrifft, den gemeinen Menschenverstand um Rath zu fragen, und mich nach seinen Aussprüchen zu richten. Ich gestehe, Mvlords, ich habe einigen Hang zum Mißtrauen gegen große Gelehrsamkeit, weil ich oft gesehen habe, daß die geschicktesten und gelehrtesten Männer eben so leicht sich selbst täuschen, als andre irre führen. In der That, die Menschen würden zu beklagen sein, wenn sie, um in ihrem Urtheil und in ihrem Betragen nicht zu irren, große Gelehrsamkeit und große Talente, die nur das Loos Weniger sind, nicht entbehren konnten. Aber die Vorsehung hat zu unsrem Glück besser für uns gesorgt; sie hat uns an Lein simplen, gemeinen Menschenverstand eine Regel gegeben, bei der wir in unsrem Betragen sicher sein können, uns nie zu verirren. Ich gestehe, Mylords, bei dem Entwurf meines Vorschlag.» hatte ich keine andre Regel vor Augen und ehe ich die Meinung des edlen Lords hörte, der zuletzt sprach, fiel es mir nicht ein, daß es irgend wie möglich wäre, Laß selbst das größte menschliche Genie, der feinste Verstand, der schärfste Witz meine Meinung so seltsam mißdeuten, ihr einen so ganz andern Sinn unterlegen könnte, als den ich darin ausdrücken wollte, und den auch die eigentlichen Worte meines Vorschlages selbst klar und deutlich an Tag legen. Wenn sich in meinem Vorschlag der geringste Grund zu der Censur findet, die der edle Lord'über mich hat ergehen lassen; wenn ich darin nur etwas der Art, wie mir der edle Lord vorwirft, entweder ausdrücklich gesagt, oder auch nur auf die entfernteste Weise angedeutet habe: so weiset meinem Vorschlag auf immer ab; weiset ihn mit Verachtung ab. Mvlords, ich muß das Haus um Nachsicht bitten. Meine Gesundheit erlaubt mir nicht, dem gelehrten Lord in seinem Raisonnc- mcnt Schritt vor Schritt zu folgen; ich maße mir auch nicht an, I Pikt. 59 1 dazu die erforderliche Geschicklichkcit zu besitzen. Niemand ist besser mil seiner Gelehrsamkeit und seinen Talenten bekannt, als ich; Niemand schätzt sie höher. Ich habe das Vergnügen gehabt, mit ihm im andern Hause zu sitzen, und immer hörte 'ich ihn mit großer Aufmerksamkeit. Ich habe nie ein Wort von dem verloren, was er sagte; auch diesmal nicht. Ueber die gegenwärtige Frage stelle ich mich ihr ohne Furcht entgegen. Wahrheiten, die durch sich selbst einleuchten, bedürfen keiner Beweise; es bedarf keiner großen Talente, sie darzuthun; aber auch die größten Talente vermögen nicht, sie umzustoßen. Wenn in meinem Vorschlage ein einziges Wort ist, den Sinn zu rechtfertigen, den der edle Lord hineingedeutet hat: so gebe ich gleich den ganzen Vorschlag auf; er verantworte sich selbst; ich bitte, MvlordS, ihn vorlesen zulassen. (Der Vorschlag wird vorgelesen.) In welchem Punkt berührt der Vorschlag die Privilegien des Hauses der Gemeinen? wo bezweifelt er die Gerichtsbarkeit desselben? wo eignet er-diesem Hause die Befugnis; zu, einen Ausspruch der Gemeinen zu refor- mircn? Ich bin gewiß, jeder Lord, der mich hörte, wird mir bezeugen, daß ich kein Wort zum Lobe oder Tadel der Middlcseper Wahl gesagt habe; in meinem Vorschlag habe ich über die Wahl selbst so wenig meine eigne Meinung gesagt, daß ich auch in meinem mündlichen Vortrage nichts davon habe einstießen lassen. Ich habe weder gesagt, daß das Haus der Gemeinen Recht, noch daß es Unrecht gethan habe; sondern, da eS -Sr. Majestät gefallen hatte, uns Eintracht unter uns selbst zu empfehlen; so hielt ich cS für die Pflicht dieses Hauses, als des uralten großen Raths der Krone, Sr. Majestät den zerrütteten Zustand des Landes, und zugleich die Vorgänge vorzustellen, welche die Eintracht unter seinen Unterthanen zerstört haben. Diese Vorgänge aber MylordS führte ich blos als Thatsache an, ohne den geringsten Zusatz von Censur oder Meinung darüber. Thatsachen sind eS, MvlordS; ich bin 'nicht allein von ihrer Wahrheit überzeugt; ich bin auch gewiß, daß ihre Wahrheit nicht kann bestritten werden. Wer;. B. kann leugnen, daß in vielen Theilen Sr. Majestät Landen Unzufriedenheit herrsche, daß die Unzufriedenheit durch das Verfahren des Unterhauses, durch seine Unfähigkcitscrklärung dos Herrn Wil- kcs im Parlament zu sitzen verursacht sei? Unmöglich kann Jemand so notorische Thatsachen leugnen. Oder will Jemand leugnen, daß durch dieses Verfahren ein einziger Zweig der Gesetzgebung durch einen einseitigen Beschluß einem Unterthan sein Recht, das er mit allen Unterthanen gemein hat, verweigert habe? Ist StaatSreden. 50 cS nicht unwidcrsprechlich wahr, MvlordS, daß Herr WilkeL das nehmliche Recht hatte wie jeder andere Unterthan, und das! er cü blos durch den Beschluß des Unterhauses verloren hat? MylordS, ich babe mich gewiß gehütet, das Verfahren des Unterhauses nicht falsch vorzustellen. Ich habe seine Protokolle nachgesehen, und daraus die eigentlichen Worte seines Beschlusses selbst genonnnen. Sagt er uns nicht mit eben denselben Worten, daß Herr Wittes, da er auSgestoßen worden, dadurch unfähig gemacht sei, wieder in diesem Parlamente zu sitzen? Ist es nicht blos dieser ihr Beschluß, der ihm das Reckt verweigert, das er mit jedem Andern gemein hat? Mein Vorschlag sagt ferner, die Grafschaft Middleser sei dadurch ihres freien Wahlrechts beraubt worden. Ist dies eine unwahre Thatsache, MylordS? Oder habe ich sie in einem falschen Lichte vorgestellt? Wird Jemand behaupten wollen, Obrist Luttrel sei von den Wählern in Middlesep frei gewählt? Wir Alle nässen das Gegentheil. Wir Alle wissen, daß Herr Wittes — (ich will ihn weder loben noch tadeln) — der Günstling dieser Grafsckaft und durch eine sehr große zugestandene Majorität zum Repräsentanten crwäblt war. Wenn der edle Lord die Art und Weise, wie ich diese Thatsache in meinem Vorschlage anführe, mißbilligt; so werde ich mich glücklich schätzen, wenn er mich belehren will, wa-S ich darin ändern soll. An den Worten ist mir nicht so viel gelegen, wenn nur die Thatsachen gesagt werden; und eS sind Thatsachen, MylordS, die nie ihre Wichtigkeit verlieren können, man mag sie in Worte kleiden, wie man will. Nun, MylordS, da ich genöthigt worden bin, meinen Vorschlag zu erklären, der so deutlich war, daß Las scharfsinnigste Genie erfordert würde, etwas Dunkles darin zu finden; da ich, wie ich hoffe, mich selbst und meinen Vorschlag gegen die strengen Erinnerungen des edlen Lords vertheidigt habe, so muß ich Sie jetzt noch um etwas längere Geduld ersuchen. Die Konstitution dieses Landes ist offenbar und in der That verletzt; und mit Erstaunen und Schaudern habe ich gehört, daß man diese Verletzung aus Grundsätzen hat rechtfertigen wollen. Was ist denn diese gchcimnißvolle Macht, die in keinem Gesetz bestimmt ist? die kein Unterthan kennt? der wir uns gleichwohl nicht ohne Zittern nähern? von der wir nicht ohne Ehrfurcht sprechen dürfen? die kein Mensch bezweifeln darf? der jedermann sich unterwerfen muß? MylordS, ich glaubte, die sklavische Lehre von leidendem Gehorsam sei längst zum Gespött geworden; und seitdem unsere Könige verpflichtet seyen, selbst zu bekennen, daß ihr Recht zur Krone und ihre RegierungSbefug- Pikt. 6l iiiffc auf keinem andern Grunde berühren, als auf dem bekannten LandcSgcsetze, hätte ich nie erwartet zu hören, daß man irgend einem andern Zweige der Gesetzgebung ein göttliches Recht, oder eine göttliche Unfehlbarkeit beilegen würde. MvlordS, ich bitte, mich recht zu verstehen; Niemand achtet das Haus der Gemeinen höher, als ich; für die Aufrechthaltung seiner Rechte, und gesetzmäßigen Gewalt würde Niemand eifriger streiten als ich. Innerhalb der Grenzen, welche die Eonstitution vorschreibt, ist Liese Autorität zum Wohl des Volks nöthig; aber jenseits dieser Grenzen ist jede Gewalt- auSübung Willkühr, ist ungesetzmäßig; bedroht das Volk mit Tvran- nei und den Staat mit Untergang. Die menschliche Einbildungskraft kann sich nichts Verhaßteres, nichts VerabschenungSwürdigereS denken, als bloße Macht ohne Recht; sie ist nicht blos für diejenigen verderblich, die ihr unterworfen sind; sondern geht selbst auf ihre eigne Zerstörung aus. MvlordS, ich erkenne die rechtmäßige Gewalt an; ich achte die Eonstitution des Hauses der Gemeinen. Aber gerade um dieses Hauses selbst willen möchte ich gerne verhüten, daß eS sich einer Gewalt anmaße, die ihm die Eonstitution versagt hat, damit es nicht, indem es nach einer Autorität haschet, die ihm nicht zukommt, derjenigen verlustig werde, die ihm gesetzmäßig gebührt. MvlordS, ich behaupte, das Unterhaus hat seine Constituentcn verrathen, und die Eonstitution verletzt. Unter dem Verwände, einen Ausspruch nach dem Gesetze zu thun, haben sie erst selbst ein Gesetz gemacht, und den Gesetzgeber und Richter in Einer Person vereinigen wollen. Ich will suche», mich genau an die Lehre des edlen Lords zu halten; es ist unmöglich, sie zu mißverstehen; ich will, so viel mein Gedächtniß vermag, seine eignen Worte beibehalten. Das Haus, sagt man uns, habe eine höchste Gerichtsbarkeit, von der keine Appellation Statt finde, und so oft eS diese Jurisdiktion ausübe, müsse sein Ausspruch angenommen und befolgt werden, als LandeSgesetz. MvlordS, ich bin ein schlichter, simpler Mann, und bin in einer religiösen Verehrung gegen unsre ursprünglichen, simplen, englischen Gesetze erzogen — durch was für Sophisterei sie verdreht, durch was für Künste sie in Dunkelheit sind gehüllt worden, ist nicht meine Sache zu erklären ; die Grundsätze aber der englischen Gesetze sind klar genug; sie sind in der Vernunft gegründet, und ein Meisterstück des englischen Verstandes; aber es ist der Text, den ich zu Rathe ziehe, wenn mir eine Krage vorkommt, nicht die Eommcutare heutiger NechtSlehrcr. Der edle Lord versicherte uns, er kenne keinen Codep, der dem 62 'Staatsceden. , Parlament Vorschriften über sein Verfahren gebe; das Haus der Gemeinen habe, wenn es als Richter verfahre, kein anderes Gesetz, als seine eigne Weisheit; seine Entscheidungen wären Gesetz; und wenn es ungerecht entscheide, sei dem Unterthan nichts weiter übrig, als an den Himmel zu appelliren. Wenn das ist, MulordS, was helfen denn alle die edlen Aeusserungen unsrer Vorfahren? alle ihre herrlichen Kämpfe, durch die sie glaubten, für sich selbst und für ihre Nachkommen ein bekanntes und festes Gesetz zu erhallen? eine gewisse, eine bestimmte Regel, um sich darnach zu richten? was half es alles, wenn es dahin gekommen ist, daß wir uns, statt der willkührlichen Macht eines Königs der willkührlichcn Macht eines Hauses der Gemeine» unterwerfen müssen? Wenn dieses wahr sein sollte, was haben wir dann bei dem Tausch gewonnen? Tvrannci, Mylords, ist abscheulich in jeder Gestalt; aber nirgends so furchtbar, als wo eine Schaar von Tyrannen sich Tyrannen- gcwalt beilegt und ausübt. Aber, Mylords, die Thatsache verhält sich anders; die Konstitution lehrt das nicht; gibt dem Unterhausc diese Gewalt nicht. Wir haben ein Gesetz für das Parlament; einen Codec, in welchem jeder rechtschaffene Mann auch Gesetze für das Parlament finden wird. Wir haben die ina--na elmrta, wir haben das Sta- tutcnbuch, und die Uill ot I»,'--1>t5. Sollten Fälle sich ereignen, über welche diese grossen Autoritäten nichts bestimmen, so ist uns die simple, englische Vernunft übrig, die der Quell unsrer ganzen englischen Rechtswissenschaft ist. Diese Vernunft sagt uns, daß jeder Gerichtshof und jeder politische Körper mit denjenigen Gewalten und Befugnissen bekleidet sein muß, die ihm nöthig sind, um den Zweck zu erfüllen, für den er errichtet worden. Sie sagt uns aber auch, daß kein Gerichtshof eine Gewalt haben kann, die mit den anerkannten LandeSgesctzcn unverträglich, oder gar über sie erhoben wäre; sie sagt unS, dass das Volk, wenn es seine Repräsentanten wählt, nie den Willen haben kann, ihnen die Macht zu geben, seine eignen Rechte zu verletzen, um die Freiheiten derer, von welchen sie zu Repräsentanten erwählt worden, unter die Füße zu treten. Welche Sicherheit würde dem Volk für seine Rechte übrig bleiben, wenn es gestattete, dass ein Gerichtshof vorkommende Fragen nicht nach anerkannten Gesetzen, sondern nach seiner Willkühr, oder, wie der edle Lord eS zu nennen beliebte, nach seiner Weisheit, entschiede? Entscheidungen der Gerichtshöfe in Fällen, wo das Gesetz nicht klar spricht, sind nicht selbst Gesetze, sondern nur Er- / P i t t. 6Z klärungcn des Gesetzes, und können als solche nur Autorität bekommen, nenn sie auf Vernunftgründcn beruhen; wenn sie keinem ausdrücklichen Gesetz widersprechen; wenn das Volk keine Einwendungen dagegen erhebt; wenn die gesetzgebende Gewalt sie stillschweigend genehmiget; wenn sie in mehr Fällen, wo die Gerichte ohne fremden Einfluß unpartheiisch sprechen, eben so gegeben und dadurch zur Obscrvanz wurden; und wenn sie endlich, was Meines ErachtenS das Wichtigste ist, dem Geist der Constitulion nicht widersprechen. MylorLs, dies ist kein leeres Wort von unbestimmter Bedeutung; wir alle wissen, daß ihr erster Grundsatz ist, daß der Unterthan nicht der Willkühr irgend eines Mannes, oder irgend einer Zahl von Männern, wenn es nicht der gcsammtc Gesetz gebende Körper ist, sondern nur bestimmten Gesehen, zu denen er virtnalitei'*) seine Einwilligung gegeben, und die seiner eignen Prüfung offen liegen, unterworfen sein soll. Nun, MplordS, behaupte ich, und bin bereit darzuthun, daß die Entscheidung des Unterhauses über die Middleseper Wahl keine einzige dieser Bedingungen erfüllt, die ich für wesentlich nöthig halte, wenn cS eine rechtmäßige Entscheidung sein soll. Sie ist nicht auf Vernunft gegründet; sie beruht auf dein sich selbst widersprechenden Satze,, daß der Repräsentant Befugnisse habe, die nur sein Constituent haben kann. Man kann keinen einzigen Fall anführen, wodurch sie Obscrvanz geworden wäre. Die Entscheidung ist' ferner der i>Ii,u„a Lll-11'ta und der Uill ob u i ullls zuwider, in denen festgesetzt ist, daß kein Unterthan seine Bürgerrechte anders verlieren soll, als durch eine» gerichtlichen Urtheils sprach nach den Landesgesetzen; ferner daß die Wahlen zn Parlamentsmitgliedern frei sein sollen. Endlich daß diese Entscheidung die Beistimmung des Volkes haben sollte, daran fehlt so viel, daß vielmehr das Volk seine Mißbilligung durch die stärksten Maßregeln und durch die nachdrücklichsten Worte erklärt hat. Wie nun die Gesetzgebung die Entscheidung ansehen werde, wird von dem Beschluß, den Ew. Herrlichkeiten darüber fassen werden, abhängen. Daß sie aber den Geist der Konstitution verletzt, wird, denk' ich, Niemand bezweifeln, der die Debatten dieses Tags mit angehört hat, und dem die Freiheit seines Vaterlands am Herzen liegt. Gleichwohl, wenn wir dem edlen Lord glauben müssen, gibt es kein Mittel wider dieses große Unrecht, wider diese offenbare Verletzung der ersten Grundsätze der Eonstitution. Keine Genugthuung läßt sich mög- ) 'irlll-lilcr heißt hier durch seine Vertreter. 64 Staat Sre den. lichcr Weise erhalten, wenn wir nicht gleich an den Himmel appcl- lircn. Mhlords, ich habe bcßre Hoffnungen von der Constitution, uird inehr Vertrauen zu der Weisheit und conftituticnellen Autorität dieses Hauses. Euren Vorfahren, Mhlords, d"i Varonen Englands haben wir unsre Gesetze rurd unsre Constitution zu danken. Ihre Tugenden waren roh und uncultivirt, aber groß und echt. Ihr Verstand war so wenig verfeinert, als ihre Sitten; oberste hatten Herzen, Recht von Unrecht zu unterscheiden; sie hatten Sinn für die Wahrheit, Sinn für die Rechte der Menschheit, und Muth und Festigkeit, sie zu behaupten. Diese eisernen Baronen (so kann ich sie nennen in Verglcichung mit den seidenen Baronen neuerer Zeiten) waren die Beschützer des Volks. Aber sie wurden durch keine Frage von der Wichtigkeit, wie.die gegenwärtige, aufgefordert, ihren rechten Sinn für Recht und Wahrheit zu beweisen. Ein Bruch ist in die Constitution gemacht; die Vcr- schanzungen sind niedergeworfen; die Wälle sind erschüttert; beim ersten Sturm der auf die Constitution gewagt wird, wird sie fallen. Was bleibt uns also übrig, als uns in der Oeffnung voran zu stellen, sie auszufüllen, oder in ihr umzukommen? Alan hat siel> viel Mühe gegeben, uns mit den fürchterlichen Folgen zu schrecken, die ein Streit zwischen beiden Häusern veranlassen könnte. DaS HauS der Gemeinen, sagt man, würde sich für beleidigt halten, daß wir uns anmaßen wollten, von seinem Verfahren Kenntniß zu nehmen; würde beleidigt sein, daß wir uns unterstanden, der Krone darüber Rath zu geben; würde uns unser Bestreben, den Staat zu retten, nie verzeihen .... Mhlords, ich sehe wohl, daß wir uns in einer wichtigen, schweren und großen Krise befinden; in einem Augenblick, wie dieser, werden wir aufgefordert, unsre Pflicht zu thun, ohne jemand zu fürchten, er sei, wer er wolle. Müssen wir aber Besorgnissen Gehör geben, so laßt uns wohl erwägen, ob das KorpL der Repräsentanten, oder das gesainmle Volk mehr auf uns vermögen soll. Mhlords, fünfhundert Gentlemans sind nicht zehn Millionen, und müssen wir einen Kampf bestehen, so laßt uns suchen, daS englische Volk auf unsrer Seite zu haben. Bleibt diese Streitfrage uncrörtcrt, so sind die englischen Bürger schlechter daran, als die polnischen Bauern. Wenn sie selbst ihre eigne Sache verloren geben, so verdienen sie, Sklaven zu sein! Mhlords, so urtheilet mein kalter Verstand, aber so urtheilet auch mein Herz; meine Ausdrücke zeugen von dem, was ich fühle; cS ist mein Herz, das spricht. Ich weiß, Mhlords, ich spreche mit Wärme; aber all diese Wärme soll weder Pikt. 65 Ueberzeugung bei mir hindern, noch mich aus der Fassung bringen. Das Reich steht in Flammen. Als Mittler Zwischen dem König und dem Volke ist es unsre Pflicht, dem Könige die wahre Lage der Dinge und die Stimmung seiner Unterthanen vorzustellen. Keine Rücksicht, es sei auf was es wolle, muß uns abhalten, diese Pflicht zu erfüllen. Wenn dann Se. Majestät unsern Rath verlangt, wird es unsre Schuldigkeit sein, die Ursachen der gegenwärtigen Unzufriedenheit genauer zu untersuchen. Wenn es dann zu dieser Untersuchung kommt, so mache ich mich anheischig, dem Hause zu beweisen, daß, so lange das Haus der Gemeinen cpistirt, kein einziges Beispiel von einem solchen Verfahren, wie das neu- liche, zu finden ist. Mein edler und gelehrter Freund*) hat sich ebenfalls dem Hause verpflichtet, Beweise für diese Behauptung zu führen. Mvlords, man hat nicht wohl daran gethan, den Charakter und die Umstände deS Herrn Wilkcs in diese Frage zu mischen. Das hätte weder hier, noch da, wo man über ihn entschied, geschehen sollen. Ich meine im Haus der Gemeinen. Eine Par- thci macht ihn zu einem Patrioten von der ersten Größe, die andre zum niedrigsten Mcutcmachcr. Was mich betrifft, so sehe ich in ihm blos einen, in allen andern Hinsichten mir gleichgültigen englischen Unterthan, der gewisse Befugnisse hat, die ihm dir Gesetze geben, und die die Gesetze allein ihm nehmen können. Weder seine Privatlaster, noch seine etwaigen Verdienste kommen bei mir in Betrachtung. Wäre er der schlechteste aller Menschen, ich streite für seine Sache; es ist die Sache aller, die Sache auch der Beßtcn. Gott verhüte, Mvlords, daß jemals in diesem Lande eine Gewalt entstehe, die die Bürgerrechte eines Unterthanen nach seinem moralischen Charakter, oder nach irgend einer andern Regel, als nach den Gesetzen des Landes abmessen dürfe. Ich glaube, Mvlords, daß Niemand mich in Verdacht persönlicher Parteilichkeit für diesen unglücklichen Mann haben wird; ich bin in den fliegenden Blättern und Pamphlets wenig bewandert; aber nach Allem, was ich höre, und nach dem Wenigen, was ich selbst gelesen, habe ich auch meinen Antheil an den Complimenten bekommen, die dieser Mann und seine Genossen ausgetheilt haben. Ich muß bei dieser Gelegenheit etwas von den Insinuationen des edlen Herzogs**) erwähnen. Mau sprach von ehrgeizigen Dewcg- *) Lorr Camdcn, damals Lord Kanzler. **) Ancaster, der zuerst gewrockcn. 5 »6 Staatsreden. gründen. Ich glaube im Kabincte einmal so in Gunst gewesen zu sein, daß etwas ungeheuer Unvernünftiges in meinen Wünschen müßte gelegen haben, wenn ich nicht die Erfüllung eines jeden hätte erhalten sollen; und nun, nachdem ich diese Gelegenheit unbenutzt gelassen, will man mich verdächtig machen, als ob ich am Abend meines Lebens, ängstlich nach Reichthum und Macht jagte, von denen ich unmöglich jetzt noch Genuß haben kann. Mag es sein, eine Art von Ehrgeiz, will ich gestehen, mag ich nicht aufgeben, außer mit meinem Leben: den Ehrgeiz, meinen Nachkommen die Rechte und die Freiheit zu hinterlassen, die ich von meinen Vorfahren empfangen habe. Es ist nickt-die Sache eines einzelnen, es ist die Sache eines jeden englischen Bürgers, die ich vertheidige. Auf welche Weise dieses HauS constitutionSmäßig die nämliche Sache vertheidigen will, und auf was für eine Art das geschehene Unrecht wieder gut gemacht werden kaun, ist kein Gegenstand unsrer jetzigen Ueberlegung. Wird mein Vorschlag genehmigt, so wird er uns zu weitern Berathsehlagungen darüber führen. Vielleicht ergibt sich dann, daß eine ParlamcntSakte, solche Fälle betreffend, nöthig ist; vielleicht ergibt sich, daß wir eine Con- ferciH mit dem andern Hause verlangen müssen, dies letztere, sagt ein edler Lord, sei der einzige herkömmliche Weg. Ein andrer versichert, das Unterhaus werde sich nie dazu verstehen, oder die Konferenz in Unwillen abbrechen. Ich überlasse beiden Lords, darüber einig zu werden, und bemerke nur, daß wir, bevor wir untersuchen, nicht alle Umstände wissen, folglich zu einer Konferenz nicht vorbereitet sind. , Es ist möglich, daß eine Untersuchung uns darauf leite, Sr. Majestät die Auflösung des gegenwärtigen Parlaments anzurathcn. Ich zweifle keinen Augenblick, daß wir das Recht nicht haben sollten, dies zu rathen, wenn wir es für nöthig halten. Se. Majestät werden dann beschließen, ob Sie lieber den vereinigten Bitten des englischen Volks Gehör geben, oder das Haus der Gemeinen bei der Ausübung einer einseitigen Gesetzgebung unterstützen wollen, vermöge welcher jenes Haus einst daS Oberhaus und die königliche Würde zugleich abschaffte.") Gerne spreche ich das gegenwärtige Haus der Gemeinen von so abscheulichen Absichten frei. Aber seine jetzigen Mitglieder können nicht vorher sehen, wie weit ihre Nachfolger sich können hinreiße» lassen. Ich meiner ScitS möchte mich nicht gerne blos auf ihre eigne Mäßigung verlassen. ) Bei Karl I. Burke. 67 klnbeschränkte Gewalt verdirbt gar zu leicht dir Gemüther derer, die sie besitzen. Dies weiß ich, Mplvrds, wo das Gesetz ein Ende hat, da nimmt die Tyrannei ihren Anfang. Lord Chathains Vorschlag erhielt nicht die Majorität. In der Folge wurde noch viel über diese Angelegenheit gestritten. Als" im Jahr 177k der König das Parlament auflöste, und ein neues berief, wurde WilkcS von der Grafschaft Middlescx abermals gewählt, und jetzt wurde ihm sein Sitz im Unterhaus nicht verweigert. Einige Versuche, jenen Beschluß, durch welchen Wilkcs für unfähig erklärt worden war, aus den Protokollen des Hauses zu streichen, scheiterten stets an dem Widerstand der Mehrheit. Die Sache kam weiter nicht mehr zur Spräche. Edmund Burke. Ein höchst ausgezeichneter Mensch, Redner und Staatsmann, hätte er seiner Einbildungskraft nicht zu viele Herrschaft über sich verstattet. Er war der kühnste Schutzrcdner der für die Grundsätze bürgerlicher Freiheit sich erhebenden britischen Colonicn in Nordamerika, und verdammte mit fanatischem Hasse die auf das gleiche Ziel gerichteten Bestrebungen der französischen Nation im Jahr t'89. Dieser Zwiespalt seiner früheren und späteren Ansichten verbitterte das Ende seines Lebens. B. war am t. Januar 1730 in Dublin geboren. Sein Vater, ein Protestant, war geschickter Anwalt und ließ ihm eine gute Erziehung geben. Ausgezeichnete Anlagen, besonders ein glückliches Gedächtniß befähigten ihn zu den raschesten Fortschritten. 16 Jahre alt schrieb t." schon ein Schauspiel, dessen Mittelpunkt Alfred war, voll glühender Freiheitsidcen. Schon auf der Universität Dublin fand er Gelegenheit, seine Neigung für Politik auf eine sehr auffallende Weise zu äußern. 174g hatte ein Apotheker, Namens Lucäs, der mehr als gewöhnlich vom Hang politischer Kannegicßerci angesteckt war, in einer Flugschrift voll feuriger Exclamationcn die Regierung angegriffen, und erregte bedeutendes Aufsehen unter dem großen Haufen. Burke ließ in jugendlichem Ucbermuth Aufsätze drucken und verbreiten, in welchen Manier und Styl des politistrcnden Apothekers so genau nachgeahmt waren, daß ein großer Theil des Publikums glaubte, sie kämen aus LucaS Feder. B. hatte aus des letzteren Grundsätzen natürliche Schlußfolgert gezogen, deren Ungereimtheit jedem einleuchten mußte. Das Gelächter, wirksamer als alle Verbote, brachte den unberufnen Reformator schnell zum Schweigen. V. wollte sich dem akademischen Lehrfach widmen; er bewarb sich um die Professur der Logik an der Universität Glasgow. Doch im Rath der Vorsehung war es anders beschlossen. Die Stelle war schon vergeben; B. aber sollte einen glänzenderen und großartigeren Schauplatz seines Wirkens betreten. Er wandte sich 1753 nach London, um sich dort den RechtS- studicn zu widmen. Diese beschäftigten ihn jedoch keineswegs aus- 68 StaatSrcbcn. schließend; sein großer Geist haßte jede einseitige Beschränkung. Während er/ um seinen Unterhalt zu gewinnen/ für Zeitschriften Artikel über Theater/ Literatur und Politik/ die freilich schlecht genug bezahlt wurden/ schrieb/ durchflog sein strebsamer Geist in rastloser Thätigkeit das weite Reich des Wissens. Aber darum war er für gesellige Verhältnisse nichts weniger als verloren/ sein geistreiches/ einnehmendes/ von Witz und Kenntnissen überströmendes Wesen machte ihn bald zum Mittelpunkt jedes Cirkels/ in dem er auftrat. Am liebsten befand er steh damals in der Gesellschaft der Schauspielerin Waffington/ die durch ihr geistreiches/ liebenswürdiges Wesen alle Frauen Londons überstrahlte/ und einen Kreis der gebildetsten Männer um sich versammelt hatte; und gewiß trug dieser Umgang viel zur Erwerbung der Feinheit nnd Gewandtheit bei/ die unsern B. so vorthcilhaft auszeichnete. Doch den anhaltenden und übertriebenen litcrarischcn Anstrengungen drohte seine feste Natur zu erliegen; B. ward gefährlich krank. Eine wohlthätige Schickung führte ihn seinem Landsmann/ dem Or. Nugcnt zu. Dieser treffliche und gelehrte Mann/ der nicht blos den Ruf eines geschickten ArzteS/ sondern auch eines wahren Menschenfreundes genoß/ erkannte / daß Bs. Wohnung in der geräuschvollsten Straße dem Kranken nicht zusagen konnte. Zu dem liebenswürdigen Jüngling hingezogen/ bot er ihm/ bis zur Genesung/ sein eignes HauS an. Hier war B. wie im väterlichen Hause. Die ganze Familie des guten Arztes' wartete ihn. Diese Kur wurde höchst folgenreich für sein künftiges Leben. Miß Nugcnt/ die Tochter des Arztes/ widmete dem Kranken außerordentliche Sorgfalt. Beide erhielten Gelegenheit einander näher zu beobachten; beide vereinigten die edelste Gesinnung mit blühender Jngendfülle und Anmuth. Mit Bs. zunehmender Gesundheit wuchs auch sein Wunsch/ die liebe Wärterin auf immer zu besitzen. Er warb um ihre Hand; sie reichte sie ihm willig. Er zog mit dieser sanften/ stillthätigcn Seele das große Loos/ und die Tröstungen/ welche er sein ganzes stürmisches Leben hindurch an ihrer Seite empfand/ pries er über Alles. Er gestand seinen Freunden oft: „daß ungeachtet er auf seiner politischen Laufbahn viele angstvolle Stunden erlebt hätte/ doch jedesmal beim Eintritt in sein HauS alle Sorgen verschwunden wären/" Eine von ihm hcrausgcgebne Schrift „Rechtfertigung des Lebens im Naturzustände" fand nicht die Aufnahme/ die er erwartet hatte; sie war nämlich nur eine Parodie der von dem Freigeist Boling- broke aufgestellten Sätze. Der große Haufe aber nahm für baare Münze/ was nur feine versteckte Ironie war- Großes und gerechtes Aufsehen erregte dagegen seine Schrift „Philosophische Unter- suchung über den Ursprung der Ideen des Erhabnen und Schönen" (übcrs. von Garvc); sie brachte ihn mit den ausgezeichnetsten Geistern der Hauptstadt/ einem Johnson/ Goldsmith/ W. Joncs/ Lytt- leton/ Garrick und vielen andern in nahe Berührung/ und der als zweiter Aristarch geehrte Samuel Johnson gewann eine so hohe Meinung von Burkc/ daß er bei verschiedncn Gelegenheiten versicherte: „Ich kenne unter den Zeitgenossen keinen größcrn Mann Bücke. 6S als Burke." Ruf und Verbindungen waren jetzt begründet/ und B. warf sich ganz auf die Politik. Hainilton / litcrarischer Freund BS./ verschaffte ihm eine Stelle bei dem zum Statthalter von Irland gewühlten Lord Halifax/ mit einem Einkommen von Zoo Pf.; da jedoch Hamilton/ ein Mann von Stand und Reichthum/ Bs. Widerspruch in einem politischen Meinungsstreit ungernc ertrug/ so löste sich das Verhältniß wieder auf. Man erzählt/ daß Hamilton sich so weit vergessen/ daß er B. vorwarf: „nahm ich Sie nicht aus einem Dachstübchen?" Worauf dann B. mit gerechtem Selbstgefühl geantwortet: „aber eben dadurch gestehen Sie ja selbst/ daß ich aus freien Stücken mich herabließ/ Sie kennen zu lernen." B. gab voll Stolz die Pension zurück. Schon naht die Zeit/ wo wir ihn unter den Ersten erblicken werden. Der Marquis von Rockingham/ zum ersten Lord der Schatz, kammer/ d. h. zum Premierminister berufen/ nahm/ mit BS. ausgezeichnetem Talent näher bekannt gemacht/ diesen zu seinem Privar- sckretär an/ und verschaffte ihm zugleich für den Flecken Wendovcr einen Sitz im Parlament; und nun stand er auf der Stelle/ die allein seinen Talenten angemessen war. War gleich das Feld für ihn neu/ so bedurfte cS für seinen Feuereifer doch nur kurzer Zeit, um sich durch ganze Folianten von ParlamentSverhandluugcN/ Statuten :c. hindurch zu arbeiten. Um sich im öffentlichen Sprechen zu üben/ und sich von versuchten Rednern keine Bloße abgewinnen zu lassen/ besuchte er die Debattirgcsellschaft.Robinhard/ wo damals viele vorzügliche und gelehrte Männer/ vornehmlich aber bil- dungSbesiisseneJünglinge sich cinfandcn/ theils um selbst zu sprechen/ theils unz zuzuhören. B. that sich hier schnell hervor. Unter andern Gegnern hatte er es am meisten mit einem scharfsinnigen/ witzigen Bäcker zu thun/ der/ nach B§. eignem Gcständniß/ mit seinem gesunden HauSvcrstand ihm nicht selten zu rathen aufgab. Um auch in den äußer» Erfordernissen der Beredsamkeit nicht zurück zu blci- bcn/ ging er/ wider seine sonstige Gewohnheit/ oft ins Schauspiel/ und gab genau auf des großen Garrick Spiel Achtung/ von dem er AlleS/ was einer Verschmelzung mit seinen Zwecken und mit seiner Natur fähig war/,in sein Wesen hinüber nahm. Am meisten Vorschub für sein Auftreten als Redner leistete ihm aber seine bisherige Gewohnheit/ seine Gedanken niederzuschreiben/ und dabei auf Anordnung und Stellung der Worte, wie der Gedanken die höchste Sorgfalt zu verwenden. Vurke rechtfertigte bei seinem ersten Auftreten die allgemeine Erwartung; selbst der große Chatham ertheilte der Rede viel Lob. Da aber das Rockinghamsche Ministerium sich nicht halten konnte/ so mußte auch B. mit abtreten; aber er that es nicht/ wie cS sonst zu geschehen pflegt/ nachdem er sich in Besitz einer Pension/ Sinekure oder Anwartschaft gesetzt hatte/sondern arm/ wie er seine Stelle angetreten'hatte; nichts nahm er mit sich/ als die Ehre eins der rechtschaffensten Glieder der Administration gewesen zu sein. In der Jahrcssitzung von l7«8 galt B. allgemein für das Haupt der Nockinghamschen Parthei/ und 70 Staatereden. seine Reden nöthigten selbst denen Bewunderung ab/ welche in ihrer politischen Ansicht ganz von ihm abwichen. Um diese .Zeit ward Burkc eine Vergünstigung zu Theil/ die wohlthätig auf ihn einwirkte/ zugleich aber auch ihn in einem neuen erfreulichen Lichte zeigt, so daß wir sie nicht mit Stillschweigen übergehen können. Er erhielt nämlich, ohne Zweifel vom Marquis von Rockingham, sei es als Geschenk oder als Darlehen, 20,000 Pf., wofür er sich den Landsitz BeaconSficld kaufte; und hier an der Seite eines trefflichen Weibes, im Kreise seiner Familie, im Schooße einer reizenden Natur gewann er Heiterkeit und Erholung von den leidenschaftlichen Kämpfen des Lebens in der Hauptstadt. Er bewirthschaftete selbst einen Theil seines Guts, zog die Bedürfnisse für seine Tafel, die stets höchst einfach war. Er selbst trank nur Wasser; übrigens ward mit der biedersten Gastfreundlichkcit aufge- nommen, wer mit seiner Hausmannskost fürlieb mochte nehmen. Und in der That wunderbar überrascht fühlte sich, wer einmal im Haus der Gemeinen gesehen,, wie vor dem Feuer seiner Beredsam, keit Alles zu erbeben schien, und wie er hier der schlichte, unbefangne Land- und HauSwirth war. Doch ernste Vorgänge riefen B. auf die bewegte Bühne des öffentlichen Lebens zurück. Unter dem Ministerium North war 1770 der nordamerikanischc Krieg ausgebrochen, und B. schleuderte die Blitze einer donnernden Beredsamkeit gegen die ministeriellen, in der That verderblichen Ent. würfe. Dies war die Periode seines höchsten Glanzes; es kann bezweifelt werden, ob je im Parlament die Grundsätze der Freiheit und die Mcnschcnrcchtc einen feuriger» und großartigern Schutz- redner gefunden haben. Doch muß zugegeben werden, daß sich B. hierbei von seiner Einbildungskraft und von Parthcileidenschaft hinreißen ließ, indem in der That von ihm gesagt werden konnte, daß, wenn er veranlaßt wurde, etwas zu behaupten, sich seine Einbil- dungskraft so folgsam zeigte, daß er bald selbst für wahr und unumstößlich hielt, was auszusprcchen ihn anfangs nur die Hitze deS Streits hatte bewegen können. So allein läßt sich der Widerspruch erklären, in welchem Aeußerungen von ihm aus verschicdncn Zeiten, mit einander stehen, so ganz besonders nur der grüßte, in den er durch seine Reden über die französische Revolution mit seinem frühern Handeln trat. Seine im Jahr t 772 angetretne Reise nach Frankreich, auf der er mit all der Frivolität, Ausschweifung und Irreligiosität, die Frankreich den Greueln der Revolution entgegen führte, näher bekannt geworden, erfüllte ihn mit Empfindungen des Abscheues und der Verachtung; warnend vor den Götzen der Athcisterei sprach er diese in einer Rede im Parlament selbst aus. Und als nun endlich das von ihm gcahnete Ereigniß der Revolution ausbrach, da vermochte er in ihm nicht die Morgenröthe des über Europa hcranbrechcndcn Tags bürgerlicher Freiheit zu begrüßen; er sah nur in ihr die Ausgeburt finsterer Mächte, deren Gefolge nur Mord, Blut und Vertilgung alles Heiligen sein könne. Als nun gar nach Verlauf der ersten Jahre die Revolution die blutige, entsetzliche Gestalt annahm, da verhärtete sich Burke in seiner An- B u r k e. 7l ficht, und cr stand getrennt und isolirt da von seinen Freunden, die bisher ihn nur den Ideen des Rechts und der Freiheit hatten huldigen sehen. Wir tonnen in der That nur mit Schmerz diesem letzten Abschnitt seines Lebens folgen. Er verlor seinen ältesten Freund, den biederen Fpx, der in seinen Grundsätzen konsequent geblieben, und — was ihn ungleich tiefer schmerzte — er verlor die Ächtung seiner frühern Freunde. An einem sehr auffallenden Beispiel wollen wir zeigen, wozu B. steh in blinder Leidenschaftlichkeit konnte hinreißen lassen, so daß wir in der That ihn wie in einem Fiebcranfall handeln sehen. Hin Winter 17S2 kam er mit einem Dolch ins Unterhaus , den cr unter einer Rolle Papier verbarg. Er hielt eine Deklamation wider Frankreich, wo man in der Zeit sehr viel von „verbrüdern" und „brüderlichem Kuß" redete. B. verweilte länge bei dieser kemtor- ' und Iii'oUi<>el v Kil'k und bewies, daß es Dolchstiche wären. Nachdem cr die Leidenschaften seiner Zuhörer bis auf den höchsten Punkt gesteigert zu haben glaubte, und seine Rede das höchste Pathos erreicht hatte, zog cr den bloßen Dolch hervor, und rief schäumend und mit konvulsivischer Bewegung: „dies ist der Vrudcrkuß, auf diese Art wollen fie Euch zu Brudern machen!" schwang den Dolch in der Luft umher, und warf ihn dann nuf den Boden. Das Pathos verfehlte freilich feine Wirkung, denn das ganze HauS lachte, und- Sheridan sagte ihm einige Zeit nachher sehr gelassen, „daß die Redekunst ihm sehr verbunden sei, weil cr fie mit diesem praktischen Tropus bereichert habe." Am meisten Aufsehen, durch ganz Europa hin, erregten seine „Betrachtungen über die französische Revolution" (trefflich übersetzt von Gcntz). Mau darf sagen, daß diese das Signal gaben, auf welches sich die Briten in zwei feindlichen Lagern aufstellten, von dem an PittS bis zur Vertilgung feindselige (zuletzt aber England selbst am verderblichsten gcwordne) Plane gegen das in der Revolution aufgctretne demokratische Princip sich zu entwickeln begannen. Die Schrift gewann so des Königs Beifall, daß er Burtcn eine jährliche Pension von 3700 Pf. aus. setzte. Diese kam ihm sehr zu Statten, indem B. nie ein sonder, lichcr Haushältcr gewesen, und jetzt in der That so verschuldet war, daß er steh genöthigt sah, zwei Drittel dieser Pcnfion für eine an- sehnliche Geldsumme zu verkaufen, um mittels dieser seine Schul« den zu tilgen. Um diese Zeit ward cr von einem schweren Geschick heimgesucht. Er verlor I7yt seinen von ihm sehr geliebten Bruder Richarch, und im gleichen Jahr seinen einzigen hoffnungsvollen Sohn, der schon in das Mannesalter übergetreten wär, und im öffentlichen Dienst eine Stelle begleitete. B. hatte sich von den StaatSgeschäfccn zurück gezogen, um seiner Familie zu leben; um so härter traf ihn dieser Schlag. Er tonnte nie den Anblick des Kirchhofs ertragen, wo sein Sohn begraben lag, und machte, so oft er nach London fuhr, stets einen Umweg. Im Umgang mit seinen Freunden und in der Sorge für die Erziehung der Kinder französischer Emigrös suchte er Linderung für seinen Schmerz; doch zehrte der Gram sichtbar an ihm. Nochmals ergriff er die Feder, 72 StaatSreden. als 1797 die Regierung/ um den schätze« und menschenfreffenden Krieg mit Frankreich zu beendige«/ sich mit dem Direktorium in Unterhandlung einließ; seine Schrift war betitelt: »Gedanken über die Aussicht zum Frieden mit Königs»,ördcrn." Tendenz/ Ideen- fülle/ Kraft/ Uebertreibung Alles wie in seiner früheren Schrift. Doch sollte er dieselbe nicht vollenden; sein Tropfen Zeit war verronnen. Schon seit Jahren hatte er bedeutende Schwäche empfunden und zuweilen Blut ausgeworfen. Am 7. Juli redete man mit ihm von der französischen Revolution. Er versicherte/ „daß er sich freue/ nichts darüber gesagt oder geschrieben zu haben/ als was sein Gewissen billige; übrigens sei es ihm von Herzen leid/ wenn er dadurch seine ehemaligen Freunde beleidigt habe/ absichtlich sei es nicht geschehen; auch vergebe er Allen/ die ihn hätten kränken wollen." Am folgenden Tag ließ er sich noch etwas aus Addison vorlesen; als ihn nun einer seiner Freunde und sein Bediente in ' ein andres Zimmer tragen wollten/ rief er mit schwacher Stimme aus: „Gott segne Euchl" sank zurück/ und seine große Seele war entflohen.. In der Kirche zu BcaconSsicld ward er neben seinem Bruder und seinem Sohne beerdigt. Als Fox von seinem Tode im Parlament sprach/ sagte er unter Andern,: »Wenn ich AlleS/ was ich von Lehrern/ aus Büchern und aus dem Umgang gelernt habe/ in eine Wagschaale legen könnte/ und in die andre daS/ was ich an Kenntnissen meinem verewigten Freunde Burke schuldig bin: so würde Lctztres sehr das Ucbcrgcwicht haben." An Gelehrsamkeit der mannigfaltigsten Art ist er vielleicht nie von einem Redner übertreffen worden; Allem wußte er einen Anstrich von Neuheit zu geben. Eine der interessantesten Scenen bietet uns die Sitzung des Jahrs 1791 dar/ in'der sich bei Gelegenheit eines Ausfalls Vurkcs gegen die französische Revolution jener merkwürdige Streit zwischen Fox und Burke erhob/ der die Trennung beider ausgezeichneter Männer zur' Folge hatte. Dieser Vorgang verstattet uns zu tiefe Blicke in das Innere und in den Charakter beider Staatsmänner/ als daß wir nicht etwas länger bei demselben verweilen sollte»/ obgleich ich lebhaft beklage / daß mir dermalen keine ausführlicheren und specielleren Berichte zu Gebote standen/ als die sehr fragmentarischen von Archenholz. William Pitt/ der Minister/ brachte eine Bill wegen Aufstellung einer neuen Regi-crungsfor», für Canada inS Unterhaus. Sie war offenbar sehr fehlerhaft/ indem sie unter Andern, die Würden des höchstens CollcgiumS für erblich erklärte/ die Dauer der StaatS- ämter zu sehr ausdehnte/ der Geistlichkeit eine ungeheure Länder- massc anwies/ die Einwohner in zwei Classen unnatürlich trennte/ u. a. in. Fox rügte daS/ und zeigte/ wie namentlich die verführerische Nähe de-S durch die freicste Regierungsvcrfassung beherrschten nordamcrikanischen Freistaats dazu nöthige/ auch Canada die möglichste Freiheit einzuräumen/ weil dasselbe schwerlich mit Gewagt in seiner Verbindung mit England erhalten werden konnte. Burke erhob sich nun und sagte mit bitterer Ironie: Ducke. 7Z Aus einem benachbarten Lande hat man eins gewisse Lehre von Mcnschenrcchten in England eingeführt, die alle andern Rechte vernichtet. Mir scheint daher, daß das Unterhaus erst untersuchen müsse, ob es nur ein Recht habe, den Bewohnern von Eanada eine Constitution zu ertheilen. Am beßten würde es wohl sein, den Canadiern die freie Wahl zu lassen. Sollte aber demungeachtct daS britische Parlament eine solche ertheilen wollen, so kann eS die Constitution von Nordamerika, oder die von England, oder die von Frankreich als Muster sich vorhalten. Was die amerikanische RegierungSfcrm betrifft, so ist nicht zu vergessen, daß ein langer Krieg vorher ging, ehe sie zu Stande kam; in dem Laufe desselben lernten die Amerikaner durch militärische Disciplin-Ordnung, Unterwürfigkeit gegen ihre Befehlshaber und Hochachtung gegen große Männer. Sie lernten, wenn es mir erlaubt ist, in unsern so erleuchteten Zeiten das Alterthum anzuführen, was ein König von Sparta einst die große Wissenschaft seines Landes nannte: „zn befehlen und zu gehorchen." Man erzog sie zur Regierung durch den Krieg, nicht durch Komplotte und Mordthaten.*) Auch hatten sie die Bausteine zu einer Monarchie und zu einer Aristokratie nicht zur Hand; dennoch fiel ihnen der abgeschmackte Gedanke nicht ein, daß das Volk auch das Volk regieren sollte.*) Wie verhält sich denn nun die französische Constitution zur englischen? Aber wie kann ich nur beide mit einander vergleichen? Sie gehen von ganz entgegengesetzten Grundsätzen aus, und sind so verschieden von einander, als die Weisheit von der Thorheit, als die Tugend vom Laster, kurz als es nur immer die größten Gegensätze in der Natur sind. Laßt uns die auf die sogenannten Menscheurechte gegründete Constitution in ihren praktischen Folgen auf den westindischen Inseln betrachten. "Ungeachtet dreier schrecklichen Kriege waren diese friedlich, blühend, bis ihre Einwohner von den Mcnschcnrech- ten hörten. Kaum hatten sie die ersten Begriffe von diesem S'sstem, so schien die mit allen Uebeln der Sterblichen angefüllte Büchse der Pandora aufzuspringen; die Hölle selbst öffnete ihren Schlund, und jeder böse Dämon schien auf die Oberwelt empor zu steigen. Schwarze standen gegen Weiße, und Weiße gegen Schwarze mit Mordlust auf; die Unterwürfigkeit wurde vernichtet, die gesellschaftlichen Bande wurden zerrissen, und ein Jeder schien nur nach dem Blute seines Nachbarn zu dürsten. Das Mutterland, das so großmüthig seine kostbare Gabe der Menschcnrcchte über den Ocean ') Lautre Seitcnhicbc aus die Revolution und Constitution Frankreichs. 7» StaatSreden. gesandt halle, wollte jedoch nicht sein eigenes Bild in seinem Kinde sehen, und schickte daher ein mit Menschcnrechten ausgerüstetes Truppcnkorps nach den Znscln, um Ordnung und Gehorsam wieder herzustellen. Diese in der neuen NcgicrungSkunst unterrichteten Truppen nahmen gleich bei ihrer Ankunft Theil an der Rebellion, und nach dem Beispiel so vieler ihrer Bruder in Frankreich, fingen sie die Behauptung ihrer Rechte damit an, daß sie ihrem-General den Kopf abschlugen.') B. ließ sich nun von seiner stets wachsenden Leidenschaft immer ' weiter fortreißen/ und entwarf von der Constitution Frankreichs ein so beleidigendes Gemälde/ daß die Parlamentsglieder aller Par- theien dadurch empört wurden/ und selbst seine Freunde ihn zur Ordnung riefen. B. antwortete nur desto gereizter. Als daher Lord Shafficld den Antrag stellte- das Haus möge beschließen / daß Erörterungen über die französische Constitution und Erzählungen von Vorfällen in Frankreich nicht zur Bill von Canada gehörte»/ und daß deßhalb der Redner zur Ordnung zu verweisen sei/ unterstützte dies selbst Fox- BurkcS bisheriger Freund/ so sehr es ihn auch schmerzte - wider ihn stimmen zu müssen. Cr sagte dabei: Wenn ich nun gleich mit meinem Freunde über die Bill von Canada schwerlich vcrschicducr Ansicht sein dürfte: so sind wir doch in Bezug auf die französische Revolution so weit wie die beiden Pole von einander entfernt. Von dem, war ich über diese Revolution gesagt habe, werde ich nie eine Sylbe zurücknehme». Im Ganzen betrachte ich sie als eine der größten Begebenheiten in der Geschichte des Menschengeschlechts. Ich rede aber nur von der Revolution, nicht von der Constitution. Diese muß noch durch Er- *) In der That kann hier die französische Nationalversammlung nicht frei von Schuld gcsrrochcn werde». Alt- nämlich der Ruf der Freiheit, der von der Seine erklang, i„ den Insel» WesilndienS mächtig Widerwille, als die Nationalversammlung (15. Mai j?öt) dc» Beschluß fahle, daß allen von freien Eltern „»dorne» farbigen Mensche» der Genuß aller Rechne französischer Bürger, insbesondere auch Klimme bei allen Volks- wählen verliehen sei: da war das Zeichen zur blutigsten Verwirrn»., gegeben. Die Colonistcu, bisher die Herrn, widersetzten sich gee.wczu der Ausführn»,, des Gesetzes- Die Mulatten machlc» mit den Negern gemeinsame Sache, und erhoben sich mlt diesen, «her die Vorcnlhallunq der ihnen jetzt selbst gesetzlich gebührenden Rechte ergrimme, und es begann dlc Zcistorung nnd der Mord und der VerthcidigungSkrieq. Die Weißen, erschreckt, gingen nun einen Vergleich ein. Da erscholl die Botschaft, daß die Nationalversammlung , vor dem Unheil der Empörung erbangend, ihr Dccrct von, lA. Mai widerrufen habe. Hierdurch erhielten die Weißen neuen Muth, die Schwane» vermehrten Grimm. Die Kriegsflammc loderte schrecklicher als zuvor über dem unglücklichen St. Domingo. Unter welchen Greueln, die aber in der That mehr den Weiße» als dc» Farbigen zur Host fallen, sich auch hier die junge Freiheit :mvor rang, bis sie in der Ncgcrrcvublik Halt» ruhige Gestaltung gewann, gehört nicht mehr hierher, und das Nähere mögen unsbc Leser >n einem Geschichtswerk nachlesen. / X. 8 o r. 75 fahrung verbessert und nach den Umstanden gemodelt werden. Das despotische System der alten Regierung ist vernichtet; die neue hat das Wohl des Volks zum Gegenstände; und dies ists, wovon ich bei meinen Aeußerungen ausgehe und ausgegangen bin. Ich wünsche jedoch, daß die Zeit kommen möge, wo diese Meinung durch Erfahrung geprüft, ein Gegenstand parlamentarischer Untersuchung würde. Wenn ich mit meinem Freunde über einen historischen Gegenstand nicht gleichförmig denke, muß denn derselbe im Unter- hause des britischen Parlaments erörtert werden? Wenn ich das Betragen des älteren Brutus lobe, und sage, daß die Vertreibung der Tarquinier eine edle, patriotische Handlung war, folgt denn daraus, daß ich eine consularische Regierung in England einzuführen wünschte? Wenn ich den beredten Beifall Ciceros zu Cäsars Ermordung bewundere, sollte mau denn daraus schließen, daß ich einen Dolch bei mir trage, um einen großen Mann zu ermorden? Laß diejenigen, die da sagen, Bewunderung sei ein Wunsch der Nachahmung, auftreten, und eine Achnlichkeit der Umstände anheben. Sie sollen uns zeigen, daß England in gleicher Lage wie Frankreich ist: zu Grunde gerichtet in seinen Finanzen, beraubt der bürgerlichen Freiheit, und zu Boden gedrückt durch die Ausschweifung und Fäulniß seiner Regierung; und dann bin ich bereit, zu erklären, daß die französische Revolution von uns nachgeahmt werden müsse. Ich will meine Grundsätze behaupten, selbst gegen die große Beredsamkeit meines FrckundeL, den ich stolz bin, meinen Lehrer zu nennen. Von ihm habe ich mehr gelernt, als auS allen gewöhnlichen Erkcnntnißgnellen. Ihm habe ich das, was ich von der Politik weiß, zn verdanken; dennoch stehe ich nicht einen Augenblick an, gegen ihn zu behaupten, daß die Rechte der Menschheit, die er lächerlich zu machen sucht, der Grundstein einer jeden vernünftigen Konstitution, ja selbst der britischen Konstitution sind. Sind diese Grundsätze gefährlich, so habe ich sie von meinem Freunde gelernt. Ja! ich habe von ihm gelernt, daß über die Irrthümer der Machthaber unsers Landes zu klagen kein Verbrechen ist; daß man die Thaten eines Washington bewundern, und über daS Schicksal eines für die Sache der Freiheit fallenden Montgomery *) trauern kann, ohne strafbar zusein; und *) ülme Zweifel ist Thier Gabriel Graf von Montgomcr» armeint, durch feine wunderbaren Schicksale nicht »linder, als durch feinen Hcldcnmnth berühmt. Als Hauvt der Hugenotten ward er, »ach der tapfersten Gegen, wehr, im Schloß Domsront gefangen genommen, und auf Befehl der grausamen Katharina von Mcdicis in Paris 1574 enthauvret. Er starb mit dem gleichen Heidcnmuth, mit dem er gelebt und gekamxft baue. 76 StaatSreden. daß nicht Ileberrednng, nicht Verführung, sondern allein eine mächtige Anrcizung von Seiten der Regierung ein ganze» Volk zur Rebellion bringen kenne. Von ihm habe ich gelernt, die Grundsätze der Freiheit zu lieben, ja zu verehren, mich über ihre Ausbreitung zu freuen, und wenn ihre Keime bei zu schwachen Bestrebungen erstickt wurden, darüber zu weinen. Diese Grundsätze sind in mein Herz gepflanzt; ich bin zu alt, sie zu ändern. Ich freue mich daher, die Tyrannei vernichtet, und eine auf die Rechte der Menschen gegründete Constitntion errichtet zu sehen. Diese Rede setzte den zornigen Burke vollends in Wuth. Er beklagte sich bitter über einen persönlichen Angriff von einem Freunde, mit dem er 22 Jahre lang in Vertraulichkeit gelebt habe, und daß nicht allein sein öffentliches Betragen, seine Erklärungen, seine Schriften zergliedert, sondern sogar vertraute Unterredungen und Privatmcinungen hier aufgedeckt worden wären, um seine In« consequen; zu beweisen. Er eiferte gegen diesen Bruch der Freundschaft, und fiel aufs neue über Frankreich her. Er fuhr fort: Diese Revolution hat mit der Sache der Freiheit nichts gemein, und kann mit ihr nichts gemein haben; im Gegentheil ist sie, und wird immer sein, die Sache der Tyrannei, der Unterdrückung, der Ungerechtigkeit, der Anarchie und der Verwirrung. Ich habe dagegen die britische Constitntion aufgestellt. Was war mein Lohn dafür? Ich habe hören müssen, wie man meine Fehler und Un- vollkommenheiten aufgedeckt hat, und ohne die Hoffnung, einen einzigen neuen Freund zn erwerben, habe ich meine alten Freunde verloren, die jetzt meine Feinde, ja wie cS scheint, meine boshaften Feinde geworden sind. Die Erfülluizg weiner Pflicht aber ist mir werther als Freundschaft und Ruhm. Mein Opponent hat sich als kluger Feldherr benommen; erst ließ er seine leichten Truppen vorrücken, nur mit mir unter dem Vorwand des wenig geordneten Vertrags, zu scharmuzircn; nachdem er nun nach allen Regeln der Kunst gefochten, und mich hinreichend ermüdet geglaubt hat, ist derselbe mit seiner Hauptmacht, und der ganzen schweren Artillerie seiner Einsichten, seiner Beredsamkeit und seiner Fähigkeiten auf mich eingestürmt, und um die Niederlage rettungslos zu machen, hat man das ganze Leben und die Meinungen eines Greises als tadelnöwcrth hingestellt. Der Redner, dem Alles in tiefster Stille zuhörte, redete nun feierlich seine ehemaligen Freunde Fox und Gheridan an, und beschwor sie, in dem Laufe ihres künftigen Lebens, gleich viel, ob sie in der politischen Atmosphäre als zwei flammende Meteore in entgegengesetzter Richtung glänzen, oder Haus in Hand als Vrüdcr wandeln würden, dennoch die britische Constitution zu erhalten, Burke. F o r. 77 zu ehren und gegen Neuerungen zu bewahren/ Und nun wandte sich Burke mit diesem Ausruf an die Gottheit: O Du, denr allein unaussprechliche Gewalt eigen ist! dessen Arm so leicht einen Cometcn au» seiner Laufbahn schleudert, als einen Strohhalm bewegt! Dir allein sind die Ansprüche auf unendliche Vollkommenheit überlassen, während daß wir arme, schwache Sterbliche keine sichre Negcl unsers Betragens haben, als die Erfahrung. Der tief gerührte Fox stand nun auf/ um zu reden / konnte aber eine Zeit lang kein Wort hervorbringen. Thränen flössen über seine Wangen. Das ganze Haus war bewegt. Endlich sagte er : Ungeachtet alles dessen, was mein Freund gesagt hat, muß ich ihn dennoch mit diesem theuern Namen nennen; denn meine Freundschaft ist nicht von der Art, um durch die Debatten eines TagcS vernichtet zu werden. Sie wurde in mein Herz gepflanzt, da ich noch ein Kind war ;" sie reifte und wuchs mit meinen Kenntnissen. Diese durch eine vertraute Verbindung und einen zwei- undzwanzigjährigen Umgang fest gekittete Freundschaft kann nicht Lurch die Hitze einiger Stunden in meinem Busen geschwächt, viel weniger ausgelöscht werden. Nachdem er nochmals umständlich seine Ansichten und Grundsätze gerechtfertigt/ schloß er mit den Worten: Man kann wohl Mißhandlungen von denen erdulden, die von uns Gunstbczcugungcn erhalten haben, und Alles, was sie besitzen, unsrer Güte schuldig sind. Dies ist ein Uebel, doch kann es noch erträglich sein; denn die Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der Menschen sind Gegenstände sehr alter Klagen. Aber von Jemanden übel behandelt zu werden, der durch Güte unsre ganze Seele gewonnen hat, dies ist ein Unglück, für welches ein dankbares Herz keinen Balsam hat. Burke blieb unbeweglich/ und sagte/ er habe keine Begriffe von solcher Freundschaft/ wobei man seinen Charakter und sein öffentliches Betragen angreife. Und nun stellte er nochmals alle dunkeln Zuge der französischen Revolution zusammen / und entwarf von ihr ein gräßliches Gemälde. Er schloß mit den Worten: Dies sogenannte erstaunenswürdige Gebäude menschlicher Weisheit betrachte ich wie ein Werk der Gothen und Wandalen, wo Alles außer seiner Ordnung und umgekehrt ist. Ich sehe diesen neuen Tempel, und weine. Dieser merkwürdige Streit dauerte bis nach Mitternacht; den ursprünglichen Gegenstand/ die kanadische Bill hatte man ganz außer Augen verloren. Allgemeine. Ermüdung schloß endlich die Sitzung. _ 78 S k a a k S r - d e n. Charles James Fox. ^ Dieser in den Annalen Großbritanniens unsterbliche Staatsmann/ geb. den 2«. Januar 174ß, war der zweite Sohn des Lord Holland/ und der Lady Carolinc Lcnox/ der Urenkelin König Karls II. Sein Vater gab ihm eine zwanglose Erziehung/ und gewöhnte ihn, offen seine Meinung über die Gegenstände der Unterhaltung zu sagen/ ' ' waS nicht nur zur Schärfung seiner Urtheilskraft, sondern auch ' zur Ausbildung des NcdnertalcntS beitrug/ durch welches Fox in der Folge glänzte. Einst warf er sogar den Aufsah einer StaatS- schrift seines Vaters mit den Worten, sie sei zu schwach, in das Feuer. Auf der Schule zu Eton wetteiferte er, kaum t3 Jahre alt, mit den geübtesten Schülern in lateinischen Versen. Er schrieb das Griechische, und sprach das Französische fast geläufiger, als seine Muttersprache. Bald unternahm er eine Reise durch die Haupt- ländcr Europas, und obgleich er sich allen Genüssen hifigab, zu dsncn die reizenden Gegenden des Südens die Briten im Taumel der Jugend locken, so erwarb er sich doch eine umfassende Kenntniß der natürlichen Beschaffenheit, der Sitten, Künste, Gesetze und NcgicrungSformcn der verschiedenen Ländcr, welche er gesehen. Schon im 20. Jahr trat Fox, von seinem Vater als Tory erzogen, ins Parlament ein. Während er nun hier, anfangs ein Vertheidiger der Regierung, mit Kraft und Einsicht in die öffentlichen Angelegenheiten cingriff, und rings Bewunderung ärntctc, unterhielt er zugleich eine genaue Verbindung mit wuchernden Gcldjuden. So theilte dieser ausserordcntlichc, junge Mann sein Leben zwischen den ernstesten Geschäften und der wildesten Ausgelassenheit. .Sein schon früher verstorbner Vater hatte ihm zu dem - nach dem Muster von Ciceros Villa Formia erbauten herrlichen Landgut, ein bedeutendes Vermögen hinterlassen; überdies war er bis 1774 Buchhalter der königlichen Schatzkammer. Alle diese bedeutenden Mittel waren in Kurzem erschöpft. Statt jedoch durch die jetzt auf ihn einstürmenden Ungcmächlichkcitcn niedergedrückt zu werden, entwickelte sich jetzt erst die ganze Stärke seines Geistes. Der eben beginnende Streit mit den nordamcrikanischcn Colonicn ergriff ihn so mächtig, daß er plötzlich als ein andrer Mensch auftrat. Er gesellte sich zu Burkc und ander» trefflichen Männern, welche die Ungerechtigkeit, womit die Colonicn behandelt wurden, laut auSsprachcn. Bald stand Fox zum Erstaunen Aller, gehoben durch die Kraft seiner Talente und Beredsamkeit, an der Spitze der Opposition. Nichts brachte er aus der vorigen wilden LebcnSperiode in die neue hinüber, als die Anmuth des Umgangs, die Offenherzigkeit des Gemüths, und die kühne Entschlossenheit des Mannes, der seiner Kraft sich bewußt ist. Vereint mit Burke bekämpfte er die Grundsätze des North'schcn MinistcriumS; beide widersetzten sich einem Kriege, den sie ungerecht und unpolitisch nannten. Später versöhnte sich Fox n it North, und bildete mit ihm ein neues Ministerium. Als beide die ostindifche Bill, durch welche die Regierung der ostindischen Gesellschaft fast ganz in die Hände des Ministeriums kam, inS Unterhaus F o x. 79 brachten, wußten die dabei Vetheiligten den König zu bestimmen, daß er durch den Grafen Templc erklären ließ, er würde den für seinen Feind halten, der für die Bill stimmte.") Die Minister mußten abdanken, und dem berühmten Pitt ihren Platz einräumen, 1783 . Fox, unbestechlich durch Geldsummen, Titel und Ehrcnstellcn, die der Minister für seine Zwecke vertheilte, bcstritt nun unab- läfiig seinen großen Gegner. Mehr als' einmal fühlte Pitt FoxcnS Ucbcrlcgcnhcit. Da er den Krieg gegen Rußland wegen Oczakow beginnen, da er ein andrcs'mal den Frieden mit Spanien brechen wollte, war es Fox, welcher beide Kriege verhinderte. Endlich ermüdete FoxcnS Ausdauer in dem unglücklichen Kamvfc gegen den mächtigen Pitt. Begleitet !von einer Mistriß Armstcad, die er nachher als seine Gattin anerkannte, machte er eine Reise nach Frankreich, der Schweiz und Italien. Die französische Revolution brach aus. Pitt und Fox billigten das Bestreben eines Volks, die Fesseln des Despotismus zu brechen. Als aber dasselbe in ein ChaoS beispielloser Verbrechen ausartete, änderten beide ihre Anstchten. Auch trennte stch damals' (12. Fcbr. 1791 ) Burke von Fox. Pitt wollte Krieg; Fox ricth, die gährcnde Nation ihrem Schicksal zu überlassen. AIS ein unerschütterlicher Vertheidiger der Rechte des' Volks, mußte Fox es sich gefallen lassen, daß politischer Fanatismus ihn einen Jakobiner schalt, und der König ihn aus der Liste der Ge- hcimcnräthc ausstrich. Hatte er auch Kraft, diese Kränkungen mit Glcichmuth zu ertragen, so war er es doch müde, die politischen Ansichten seines Gegners ohne Erfolg zu bekämpfen. Er hielt sich seit 1797 häufiger auf dem Lande auf. Hier leh.te er der Wissenschaft und der Dichtkunst; und eine freilich unvollendet gcbliebne, aber in jedem einzelnen Zuge die Meisterhand offenbarende Geschichte der Regierung Jak-bS II war die schöne Frucht dieser Beschäftigungen. Pitt verließ endlich, nachdem er 18 Jahre lang die größte Macht geübt halte, seinen hohen Posten; und Addington, unterstützt von Fox, schloß nun sogleich den so viel ersehnten Frieden mit Frankreich (AmieilS, 1802), um nur das Land von einem Kriege zu befreien, der, trotz mancher Siege, durch die in das Ungeheure angewachsene Staatsschuld England an den Rand des Verderbens gebracht hatte. „Hart ist dieser Friede!" rief Fox, „unzähliges Blut, unzählige Summen wären erspart, und der Friede ehrenvoller geschlossen worden vor 60 Jahren; aber beginnt den Krieg, und Ihr werdet künftig einen noch viel hcrbcrn Frieden schließen müssen." Seine Warnung war umsonst. Pitt, der dem Princip der Demokratie den Untergang geschworen hatte, übernahm abermals das StaatSrudcr, und stürzte England aufs neue in die Flammen des Kriegs. Doch sah er den AuSgang seines' Werks nicht; er starb, und — Fox trat als Staatssekretär an seine Stelle. Schon hatte er die ersten Einleitungen zu einem allgemeinen Frieden getroffen; schon hatte er alle Hindernisse zu heben gesucht, welche die Verschiedenheit der Religion der Vereinigung des englischen und des irländischen Interesses in den Weg stellte; schon hatte er das Par- 80 Staatsreden. lamcnt bewogen/ die Abschaffung des Sklavenhandels zu erklären — da raffte ihn mitten in seinem wohlthätigen Wirken der Tod hinweg. Er starb an der Wassersucht am 13. Scpt. I8»a. Die Nation trauerte um den Man»/ von dem einst Burke gesagt: „er war geboren, um geliebt zu werden." Seine Freunde errichteten 1816 auf dem Bloomsbury Squarc seine kolossale Bildsäule in Bronze, ein herrliches Meisterwerk von Mastmarkott. Fox, in konsularischer Tracht, hält mit halb ausgestrecktem Arm die cliam-,. Hcgcwisch fällt über ihn, als Redner, folgendes Urtheil: „Bei grossen Naturgaben, bei aufmerksamem Beobachtungsgciste, scharfem Urtheil und glücklichem Gedächtnis; fehlte ihm jene Einbildungskraft, die Muse des blühenden Redners, vielleicht auch jene Zartheit des Ohrs, ohne die es keinen angenehmen Deklamator gibt. Fox's Reden stnd blos die Früchte seines Verstandes, blos an den Verstand gerichtet, blos auf Ueberzeugung berechnet. Seine Reden stnd Ketten dicht an einander gereihter Schlüsse, ohne alle Verzierung, noch weniger mit Blumen überladen, wie die Burkcschcn. In Fox's Reden ist viel Feuer, aber es ist das Feuer eines für seine Behauptungen streitenden Verstandes — nicht erhitzter Einbildungskraft. Was manchen Stellen seiner Reden ein eigenthümliches Interesse gibt, ist die Herzlichkeit seiner Sprache, wenn er seiner Freunde erwähnen muss, bald sie zu vertheidigen, bald sse am rechten Ort zu loben, bald ihren Verlust zu beklagen, es sei, daß sie ihm durch den Tod, wie der Herzog von Bcdford, oder durch Abfall, wie Burke, geraubt worden seien. Eben so herzlich war seine Sprache, wenn er seine Liebe zu einer vernünftigen Freiheit, und zur britischen Verfassung unvcrholcn und mit einer an Begeisterung gränzenden Wärme gestand. Aber auch an solchen pathetischen Stellen, in diesen Augenblicken der Begeisterung war sein Ausdruck einfach und ungeschmückt. Er bediente sich überhaupt der gewöhnlichen Worte und Redensarten, die der gebildete Geschmack nicht verworfen hat. Er suchte nie durch Pracht des Ausdrucks Aufmerksamkeit zu erregen. Er verhält sich in dieser Hinsicht zu Burke, wie ein nackter, nervöser Ringer zu einem pomphaft gerüsteten Fechter, an dessen Hclm ein mächtiger Fcderbusch flattert, und dessen Schild, wie der Schild des Achilles, vom erstndsamstcn Künstler mit dem reichsten Schmuck bis zur tleberladung geziert ist. In Fox's Reden sind keine orakelmässigcn Maximen, keine Sentenzen, keine poetischen Bilder, keine ausgeführten Gleichnisse, keine ausgemalten Allegorien; Gründe und Schlüsse füllen ihren Inhalt aus. Ueber die Veranlassung der hier abgedruckten Rede ist Folgendes zu bemerken: Schleunige Beendigung des Kriegs mit Frankreich war der Wunsch der gcsammten Nation geworden. England, dessen Hauptpulsadcr Handel und Fabriken sind, bedarf, um nicht diese Hauptqucllc seines RcichrhumS und seiner Macht vertrocknen zu lassen, einer großen Zahl von Menschenhänden; dieser menschcn- mordendc Krieg hatte aber schon eine Unzahl der tüchtigsten Arbeiter verschlungen, so daß die Regierung sich genöthigt sah, deutschen F o 81 Fürsten ihre Unterthanen gegen ungeheure Summen abzukaufen, um sie dem blutigen Schwert des SchlachtengottcS überliefern zu können. Durch die von französischen Freibeutern angerichteten Verheerungen waren dem Handelsstande tiefe Wunden geschlagen, und höchst bedeutende Bankerotte verursacht worden. Die von Tag zu Tag steigenden Abgaben drückten die Nation; die Nationalschuld wuchs inö Unübersehbare; der Hunger mit allen seinen Schrecken stellte sich ein. Denn der ungeheure Aufwand von Lebcnsmitteln für die Flotten und Armeen, die Magazine, die nach Quiberon ausgeschifft wurden, die von den französischen Korsarcn hinweggcnom- mcnen Zufuhren, eine nicht sehr reiche Erndte und andre Umstünde hatten den Preis dc-S Getreides zu einer furchtbaren, dem Armen unerschwinglichen Höhe hinaufgetrieben. Als daher Georg III das Parlament auf den 2g. Okt. 1795 zusammen rief, und dabei erklärte, daß über Dinge von großer Wichtigkeit für Englands Wohl ver- handelt werden solle: da war eine allgemeine Bewegung unter dem Volke zu bemerken: Herstellung des Friedens war der Wunsch Aller. ES versammelte sich die corrcspondircnde Gesellschaft in London,-von mehr als 200,WO thcilnehmcnden Zuschauern umringt, und beschloß eine Adresse an den König, worin er um ParlamentS- rcform, Entlassung der bisherigen Minister, und schleunigen Frieden gebeten ward. „Wenn die britische Nation laut starke und entschiedene Maßregeln fordert" — so lautete der Schlüß — „so antworten wir kühn: Wir haben ein Leben, und sind bereit, dasselbe Einer für Alle, und Alle für Einen zur Rettung unsers Vaterlands zu wagen." Als nun der Tag der Parlamenkseröffnung gekommen war, und die Nachricht sich verbreitet hatte, des Volks Wünsche seien ungehört verhallt, da entbrannte der allgemeine Zorn, und entlud sich selbst gegen die unverletzliche Person des Monarchen. Als nämlich der König in seine Kutsche stieg, hielten zahllose VolkS- haufcn den Weg vom Palast bis zum Parlamente besetzt; man zischte, tobte; tausend Stimmen schrien: „keinen Pitt.' keinen Krieg.' Brod! Frieden! Brod! Frieden!" Einer wollte mit Gewalt die Thijrc des StaatSwagens, worin der König in Begleitung zweier Lords fuhr, öffnen. Nahe am ParlamentShauS ward ein Fenster der Kutsche zerschmettert; man glaubte, durch den Schuß aus einer Windbüchse, vielmehr aber durch einen Stcinwurf, wie sich später herausstellte. Der König hielt in tiefer Bestürzung seine Thron, rede. Die Rückfahrt war noch stürmischer. Die Volkshaufen hallten von tausendfach wiederholten Verwünschungen Wider; wer den Hut vor dem Monarchen abzuziehen wagte, ward mißhandelt; wetterst AuSbrüchen beugte die herbcisprengcndc Garde vor, die das Volk, das dem Wagen dcS KönigS in die Räder gefallen war, um ihn anzuhalten, mit Gewalt zurücktrieb. Am 4 . Novbr. erschien eine königliche Ordonnanz, durch welche die Beamten aufgefordert wurden, alle aufrührerischen, gesetzwidrigen Versammlungen zu hindern und zu unterdrücken. Nicht minder sollten die, welche aufrührerische Schriften verbreiteten, auf das strengste nach dem Gesetz bestraft werden. Eine königliche Ordonnanz konnte übrigens keine dauernde 6 82 StaatSreden. Veränderung in dem bisherigen NcchtSzustande Englands begründen; um ihre despotischen Absichten durchzusetzen, mußten die Minister die Beistimmung des Parlaments haben; und dieses schlug sich, gleich« sam um einen schlagenden Beweis von seiner tiefen Corruption abzulegen, gegen die Forderungen und das Heil der Nation, auf die Seite des Pitrschcn Ministeriums. Letzteres brachte nämlich zwei Bills ein, durch deren eine die strengsten Bestimmungen über Druckschriften und die härtesten Strafen (bei Wiederholung eines PrcsivergehenS Deportation nach Bvtany-Bay) aufgestellt, durch deren andere das Recht Versammlungen zu halten aufs äußerste beschränkt werden sollte. Es sollte nämlich, so oft eine etwas zahlreiche Versammlung zusammenkommen wollte, dem Magistrat davon Nachricht gegeben werden; dieser sollte das Recht haben, den Versammlungen beizuwohnen, und die Personen, welche etwas Auf rnhrerischcS vorbrächten, sogleich verhaften zu lassen; und, würde ihm Widerstand geleistet, die Versammlung sogleich aus einander zu treiben. Nachdem Pitt für diese Bill gesprochen, erhob sich Fox, und sprach: Ich würde errathen, wenn es von meiner Seite erst noch einer Erklärung bedürfte, daß der gegen den König verübte Frevel mich mit nicht mindcrm Einsitzen erfüllt hat, als irgend einen von denen, welche die dein Hause vorgelegte Bill in Antrag gebracht, begünstigt und unterstützt haben. Hierin stimme ich ganz mit dem Minister überein; aber auch nur hierin: denn ich würde das, was ich fühle, nur unvollkommen ausdrücken, wenn ich sagte, daß mein Unwille über jenen Frevel nicht den übersteigt, von welchem ich in dem jetzigen Augenblicke durchdrungen bin. Mich beruhigt keineswegs der Verwand von Nothwendigkeit, worauf der Minister sich zu stützen sucht, und ich glaube nicht, daß er einen Zusammenhang zwischen der Begebenheit die zu den Proklamationen Sr. Majestät Anlaß gab, und den zuvor gehaltenen Versammlungen wird beweisen können. Seit Jahrhunderten hat sich die Eon- stituticn, so wie sie ist, erhalten: und die schon vorhandenen Gesetze reichen vollkommen hin, um die öffentliche Ruhe zu sichern. Wenn Reden gehalten, wenn Zettel ausgestreut, wenn Entschlüsse gefaßt wurden, die so strafwürdige Wirkungen haben konnten, so mußten die Redner, AuStheiler, Bcrathschlagcr, vor dem Gesetze verfolgt, und durch das Gesetz bestraft werden. Es ist also ein elender Verwand, um die Annahme einer verhaßten Bill durchzusehen, wenn man ohne einen Schatten von Beweis und auf eine lächerliche Notorietcit hin, sich auf einen vorgeblichen Zusammenhang zwischen den Sr. Majestät widcrfahrncn Beleidigungen und den zuvor gehaltenen Versammlungen bezicht. Fox. 83 Daß das Haus der Wiederholung ähnlicher Beschimpfungen zuvorkommen müsse, wer kann daran zweifeln? Aber wenn nichts beweist, daß sie auch nur am dünnsten Faden mit jenen Versamm- lungcn zusammenhingen, wird man da Briten des Rechts berauben, ihre öffentlichen Interessen zu erörtern? Wird man da sich in kalten Untersuchungen über die Schwierigkeiten, das Recht der Petition zu erhalten, und doch zugleich dasselbe einzuschränken, herumtreiben? Hofft man auf diese Art die Nation zu vermögen, sich dem strengsten Despotismus zu unterwerfen? Wahrlich ja, es ist schwer, die Ausübung eines Vorrechts von dessen Mißbräu- chcn zu sondern: aber nie werde ich mir erlauben, eine wesentlich äbscheuliche Maßregel zu zergliedern. Leicht kann man einstimmen, daß die Versammlungen zur Verhandlung öffentlicher Gegenstände gesetzmäßig, daß sie mit dem Wesen unserer Constilution verwebt, die Quelle unserer Freiheit seien; leicht kann man uns sagen, „ daß man diese Versammlungen keineswegs hindern, daß man sie nur gewissen Regeln unterwerfen wolle." Ich kenne die Fesseln solcher Regeln; aber ich kenne auch die Rechte deL Menschen, die Rechte des Dritten.(Hört ihrs? hört ihrS? — scholl» bei dem Worte Mcnschenrechte*) auf der Ministerial-Seite). Glaubt ihr denn — fuhr Fop mit dem auffallendsten Accent des Unwillen» fort — der Mensch habe keine natürlichen Rechte? Wenn das ist, so hat auch der Brite keine. Die Rechte des Menschen sind klar, wie das Licht der Sonne: wer sie läugnen wollte, würde die Grundlage einer freien Regierung, würde das erste Princip der unscrigen mißkennen Bis auf diesen Tag hatte das Volk das Recht, die Gegenstände seiner Klagen zu untersuchen, Petitionen zu überreichen, sich an das Parlament oder an den König zu wenden; aber nun kann eS dies nicht mehr, ohne zuvor die öffentlichen Beamten davon benachrichtigt, ohne sie zu Zeugen aller seiner Schritte gemacht zu haben, ohne sein Urtheil ihren Meinungen zu unterwerfen; so daß, wenn sie nicht gleichen Dafürhaltens sind, wenn ihnen gut dünket, irgend etwas Aufrührerisches in irgend einer Rede zu finden, sie nicht nur den Redner verhaften zu lassen, sondern die ganze Versammlung nach ihrer Laune auseinander zu treiben befugt sind. Warum nicht lieber gerade zu sagen, daß eine freie Verfassung nicht mehr für uns paßt? daß sie in der fturmvollen Krise, worin Europa dermalen schwebt, zu gefährlich für uns ist? Daß wir *) Die Nationalversammlung in Frankreich hatte bekanntlich eine „Erklä< rnng der Menschenrcchtc" ihrer Constitutio» vorangestellt. 8-'t StaatSreden. weise handeln würden, wenn wir, wie Dänemarks Senat,') unserer Freiheit entsagten, und uns dein Despotismus unterwürfen? Wenigstens höhne man nicht den gesunden Menschensinn, indem man in die Welt hinauSruft, wir seien frei, während wir gezwungen sind, unsere Meinung in den Schpunkt eines Beamten zu verschieben, der, wenn er unsere Beschwerden grundlos, unsere Schritte unregelmäßig, den Ausdruck unsers Mißvergnügens entflammend für andere finden sollte, das Recht hat uns zu verhaften, und, wenn wir nicht gehorchen, als Aufrührer zu behandeln. Ist das noch ein freies Volk, daS auf diese Art sich versammelt? Ist cS möglich, daß man unter solchen Einschränkungen, frei seine Meinung äußert? Ist eine Nation frei, wenn sie Quälereien dieser Art preisgegeben ist? Allmächtiger Gott, wird man das englische Volk je überreden können, daß ein solches Projekt ihm nicht alles raubt, das jemals die Quelle seines Stolzes war? Und nicht genug, daß man ihm alle öffentliche Erörterung politischer Interessen verbietet, so erlaubt man ihm solche nickt einmal für sich. Man will nicht, daß cS sich über eine gewisse Zahl hinaus, die der Minister in seiner Bill sich zu bestimmen vorbehält, in einem Hanse ohne die ausdrückliche Erlaubniß einer obrigkeitlichen Person, versammeln könne. Wenn demnach die Nation glauben wird, daß sie sich zu beklagen habe, wenn sie den Drang fühlen wird, ihre Uebel bekannt zu machen, so wird sie sich gezwungen sehen, sich an eine obrigkeitliche Person zu wenden und zu erwarten, ob cS dieser gefällig sei, ihr die Erlaubniß, sich zn versammeln, zu ertheilen. (Nein, nein, rufen hier mehrere Stimmen.) jIch will hier nicht übertreiben — fährt Fcp fort — ich hab' es nicht nöthig. Also: Man muß die obrigkeitliche Person zuvor davon benachrichtigen, damit sie der Erörterung beiwohnen könne. Die obrigkeitliche Person kann, daS ist wahr, sich dem Zusammenruf der Versammlung nicht widersetzen. O weisheitvollcs Gesetz! Sie kann nicht hindern, daß man sick> versammle; aber sie kann hindern, daß man spreche, wenn sie glaubss, daß das Sprechen die Ruhe des Königreichs stören könne! Die' mich kennen, wissen, daß ich alles, was gewaltsam ist, verabsckeue; aber hier hoffe ick, daß diese Bill allgemeine Bestürzung verbreiten, daß, so lange man sich versammeln kann, das ' Volk sich versammeln, daß, st lang cS noch in seiner Gewalc *) Dies acschah U,S0 unter Friedrich »l. .»ach eine», „mniickiichen hrm, mit TNnvcden. Fox. 8ä Acht, es seine Rechte nicht aufopfern, sondern milchig voran- schrcitcn, sich Gerechtigkeit verschaffen, und laut seinen Abscheu gegen eine solche Maßregel an den Tag legen werde. Die sich anders betragen, werden Verrathet an ihrem Vatcrlande sein. Gott, welcher Wahnsinn hat die Urheber dieses ProjcctS ergriffen! Gerne will ich für einen Augenblick annehmen, ihr Zweck sei, eine Revolution zu hindern: aber wie ist cS, bei dieser Voraussetzung möglich, so wenig Achtung für die Freiheiten des Volks, für die ruhmvollen Bemühungen unserer Vorväter, für ihre Maximen, und ihre Grundsätze zu bezeigen, denen wir zu danken haben, was wir sind, oder vielmehr — wenn diese Bill angenommen wird — was wir waren. Ich habe Revolutionen gesehen; ich habe viel darüber gelesen, .viel darüber sprechen gehört. Was waren deren Ursachen? Etwa die Freiheil der VolkSincinungen? die Leichtigkeit sich zu versammeln? Nein, zuverlässig das Gegentheil. Geht in die Zeiten Karls I zurück: Wird man wohl sagen, daß die Freiheit der Debatten damals zu weiten Spielraum hatte? daß es zu sehr erlaubt war, zu sprechen? daß man zu sehr die PaSgnille verachtete, deren Urheber zu leicht bestrafte? Wir wissen alle, wa-S wir hierüber zu denken haben. Laßt uns' den Blick auf Frankreich werfen. Was hat hier die Revolution erzeugt? Sind es etwa die Volksversammlungen? die politischen Erörterungen? — Nein, die Iwltrvs lle c-acürct sind'S, und die andern Mittel, wodurch man das Volk hindern wollte, öffentlich seine Meinung über Staatsangelegenheiten zu äußern. Wollen wir die Unfälle dieser Revolution vermeiden, so laßt unS „leiden, was den Anlaß dazu gab. Einer der charakteristischen Vorzüge unserer Constitution ist, daß sie den Meinungen, oder wenn man will, den falschen Ideen, den Vcrurtheilcn, den bösen Säften des politischen Körpers mehrere Mittel zu verdunsten, darbeut. Sind die Beschwerden gegründet, so nimmt man Rücksicht auf sie; sind die Behauptungen falsch, so kann man den schlimmen Folgen einer allzu starren Anhänglichkeit an solche vorbeugen; aber entreißt ihr dem Volke die gesetzlichen Mittel, sein Mißvergnügen über das Betragen der Regierung zu äußern, so setzt ihr dasselbe in den schrecklichen Wechselsall einer sklavischen Unterwerfung, oder eines gewaltsamen Widerstands. Ich kenne den vollen Werth des Friedens und der Ruhe; aber da man diese hohen Güter nur in dem Maße genießen kann, als man frei ist, so hoffe ich, daß das brittische Volk den wahren Grundsätzen der Constitution anhänge», und hierüber frei seine 86 StaatSreden. Gesinnung ausdrücken wird, ohn« erst die Erlaubniß eines Beamten nachzusuchen. Ich meines Orts, werde mich der eingebrachten Bill bei jedem Schritte widersetzen, und fordre jedes Parlamentsglied auf, stets persönlich gegenwärtig zu sein. Des muthigstcn und ausdauerndsten Widerstandes der Opposition, der auf das nachdrücklichste ausgesprochncn Volkswünsche*) ungc- achtet, ging diese verhaßte Bill mit einer Mehrheit von 2«6 Stim- mcn gegen St durch, und erlangte Gesetzeskraft. , George Canning. Einer der schönsten Namen Großbritanniens. C. ward unter traurigen Verhältnissen geboren. Sein Geburtstag, der 17. April 1771, war auch der Todestag seines in Dürftigkeit hinausgestoßenen DatcrS. Dieser, George Canning, hatte nämlich gegen den Willen seines Vaters, eines Gutsbesitzers in der irischen Grafschaft Lon- donderry, ein liebenswürdiges und geistreiches, aber unbemitteltes Mädchen, eine Verwandtin ShcridanS, geheirathct, und sich dadurch den Haß seines Vaters in solchem Maße zugezogen, daß ihn dieser mit der kärglichen Unterstützung von ISO Pf. von sich stieß, und ihn in der Fremde sein Glück suchen hieß. Er studirte nun in London die Rechte, erhielt die Erlaubniß zur Gerichtspraxis, lebte aber vorzugsweise seiner Neigung für die Dichtkunst und politische Schriftstellern. Er erwarb sich Freunds, aber wenig Geld. Um sich und Frau aus seiner kümmerlichen Dürftigkeit zu retten, sing er einen Weinhandcl an; da auch dieser mißglückte, erlag er seinem Gram. Die verlassene Mutter sah sich genöthigt, um sich -nd ihren Säugling aus der hülflosen Lage zu retten, auf der Bühne aufzutreten. Hier hcirathcte sie später einen Schauspieler, und nach dessen Tod einen Lcinwandhändler. Canning hat ihr bis an sein Lebens- ende die treucstc Liebe bewiesen, und auf jede Weise ein sorgenloses Alter zu bereiten gesucht. Nach des Vaters Tode hatte sich die Familie des kleinen George sogleich angenommen, schickte ihn auf die Schule nach Eton. Hier gab er schon in seinem ts. Jahr unter dem angenommenen Namen Grcgory Griffin mit mehreren Freunden eine Zeitschrift: „Um Mcrocnsin« heraus, die sich zwar keines langen Bestehens erfreute, aber die ausgezeichneten Anlagen des jungen Mannes, seine Ge- wandtheit im Ausdruck, seinen leichten spielenden Witz, und namentlich sein tiefes Gefühl für Sittlichkeit beurkundete. Im Jahr 1787 ging er nach Oxford, wo er sich jene Bekanntschaft mit dem claffi- sehen Alterthum erwarb, die uns aus jeder seiner ParlamcntSrcdcn entgegen tritt. Burke, voll lebhafter Theilnahme an dem aufstrc- benden Talent, veranlaßte ihn, sich der administrativen Laufbahn *) Vgl. in SlbNiciluna III die bei der Volksversammlung >1 Wcstmilisler von For, Shertdan und Vedsord gehalinen Reden. Canning. 87 zu widmen/ und Pitt verhalf ihm 179Z zu einem ParlamentSsitz/ und erhob ihn drei Jahre später zum UntcrstaatSsckretär im Ministerium für die auswärtigen Angelegenheiten. Als solcher war er eine der Hauptstützen der Pittschcn Verwaltung/ ganz gegen die Erwartung seines Verwandten von mütterlicher, Seite/ ShcridaN/ und der an- dcrn Häupter der Opposition/ Vurke/ Fox/ Grey/ die auf Fort- erdung der in seiner Familie herrschenden liberalen Gesinnungen gehofft hatten. Aber auch außer dem Parlament unterstützte er PittS Parthei auf das energischste durch die Herausgabe des,,^nü-sis- <.-»I)in"/ eines satyrischen Wochenblatts/ in dem er mit der schärfsten Geisel die Glieder der Opposition/ und die Anhänger der Con« tinentalpolitik verfolgte/ vorzüglich aber die zahlreichen Zeitschriften/ die die Sache des RepublikaniSmuS vertheidigten. Auch Can- ning besaß bedeutendes poetisches Talent. Im Jahr 1799 hcirathete er eine Miß Jane Scott/ Tochter des Generals Scott/ der sein ungeheures Vermögen im Spiel erworben hatte. Nach mancherlei Wcchfclfällen im Ministerium/ und nach Fox Tod 1806 nahm Can« uing an dem neuen Ministerium als Staatssekretär für die auswärtigen Angelegenheiten Antheil. Seine Amtsführung ist durch das Bombardement von Kopenhagen/ die Wegnahme der dänischen Flotte/ und den Tractat zwischen Großbritannien und der im Na- inen Ferdinands VII regierenden spanischen Junta bezeichnet. In Folge eines Mißverständnisses schlug er sich mit seinem Collcgcn/ dem verrufenen Castlereagh/ auf Pistolen/ ward leicht verwundet/ und zog sich nachher ganz von diesem Ministcrinm zurück. Immer deutlicher trat nun der Widerwille der HochtoryS gegen den plebejischen Minister/ der sich immer mehr zu freisinnigen Ansichten hinneigte/ hervor/ und dieser Haß war cS/ der CanningS letzte LcbenS- tage verbitterte/ und ihm zum Theil unnbcrstcigbare Hindernisse während seiner letzten eben so glorreichen/ als kurzen Amtsführung in den Weg legte. Als Repräsentant von Livervool sprach er 1812 aufs entschiedenste für Emancipation der Katholiken. Im Jahr 1814 war er Gesandter in Lissabon/ 1819 bei der Tagsatzung. Im Jahr 1820 nach London zurückgekehrt/ genoß er eines ausscrordcntlichen Einflusses'/ als plötzlich Castlereagh seine England schändende Laufbahn und sein Leben durch Selbstmord endete (1822). Canning ward wieder Staatssekretär/ und 1827 am 17. Febr. sogar das Haupt des' MnistcriumS/ und durch ganz Europa hin jauchzten die Freunde der Freiheit. George Canning/ der Minister / ward der Abgott seines Volks. „Vernünftige Freiheit der ganzen Welt'" war sein Wahlspruch. Seine in Vorschlag gebrachte Gctreidebill/ seine Bemühungen für die Emancipation der Katholiken/ die von ihm eingeleitete allmähligc Beseitigung des ProhibitivsystemS/ die Anerkennung der Selbstständigkeit der spanisch-amerikanischen Colonien/ die Ordnung der Verhältnisse Brasiliens' und PortugalS/ vor allem aber/ die durch seine Hand vor gänzlicher Vernichtung gerettete Freiheit Europas haben bewirkt/ daß sein Name als Bezeichnung des guten Princips' gebraucht ward von den viclnamigcn Freunden des letzten. Der Haß der Herren und Knechte warf sich jetzt über ihn bis zum Tode. Seine Gesundheit unterlag endlich den vielfachen Angriffen und Stürmen. Er ward nach ChiSwik/ dem schönen Landsitz des Herzogs von Devonshirc/ unweit London/ gebracht. Während seiner Krankheit verlor er oft das Bewußtsein/ und dann hörte man von seinen Lippen die Worte: „Spanien / Portugal!" Seine Gattin pflegte ihn mit der zärtlichsten und unermüdctsten Sorgfalt. Sechs Tage war sie unauSgcklcidet an seinem Bette gc- blieben. Mit Gewalt mußte man sie am siebenten wegführen/ da die Aerzte erklärten/ es sci um ihren Verstand geschehen/ wenn ihr nicht eine Linderung durch Thränen zu Theil würde. Aber ihre Augen blieben auch nach der Trennung unbcnctzt; erst als sie ihren Sohn erblickte/ ward ihr der Balsam des Leidens. Während der Krankheit waren CanningS Züge sehr entstellt; seine körperlichen Leiden und seine politischen Sorgen hatten dazu zusammen gewirkt. Aber im Sarge hatte dieses schöne und sprechende Gesicht die Ruhe und Heiterkeit seiner glücklichsten Stunden wieder gewonnen. Er starb am 8. Aug. 1827/ in dem Zimmer/ das gerade oberhalb des kleinen/ dunklen sich befand/ in welchem 2 t Jahre früher Charles Fox seine große Seele ausgehaucht hatte. Er ward in der West- minstcrabtci beigesetzt/ neben Pitt. Durch eine sich auf mehr als 10/000 Pf. belaufende Nationalsubscription ward ihm ein prachtvolles Denkmal errichtet/ nämlich eine in Bronze gegossene Statue. Can- ning/ der allmächtige Minister/ starb arm. Das Parlament vcr» willigte seiner Familie eine jährliche Pension von Zooo Pf. Byron sagt von ihm: „Canning ist ein Genie/ ein Universal- genic/.cin Redner/ ein Humorist/ ein Dichter/ ein Staatsmann!" „und"/ fügt die Nachwelt hinzu/ „ein edler Mensch/ von tiefer Religiosität und wahrhaft sittlicher Würde." Als Redner zeichnete er sich durch Correctheit und classische Eleganz der Sprache/ durch Klarheit/ glückliche Wahl der Argumente/ die ihm stets in reicher Fülle zu Gebote standen/ aus; er war ein eben so großer Meister in der Handhabung der Ironie/ als im ernsten pathetischen Aus- drucke/ und stets wird er unter den glänzendsten Rednern seines Vaterlands einen ehrenvollen Platz einnehme»/ selbst wenn wir nicht von ihm sagen können / daß er begeistere und überwältige wie Burke/ imponirc und zermalme wie Pitt/ und mit sich fortreiße wie Fox. Die schönste Lobrede hielt ihm als Staatsmann Quiney AdamS/ Präsident der Nordamerikauischen Freistaaten/ im Congrcfi auf die Nachricht von seinem Tode. Wir bedauern/ unS den Abdruck einiger Stellen derselben versagen zu müssen. Die hier mitgetheilte Rede CanningS ist vielleicht seine bcrühm- teste/ weil er sich in derselben offen gegen die Principien der heili- gen Allianz erklärt/ und der englischen Politik eine entschieden liberale Stellung anweist. In England selbst wirkte sie wie ein elektrischer Schlag / und die Nation jauchzte Beifall ihrem Minister. In Portugal nehmlich war durch den Tod Johanns VI. eine wichtige Veränderung vorgegangen. Sein Sohn Pedro/ Kaiser von Brasilien/ durfte nicht zugleich König von Portugal sein; er trat dieses Königreich daher an seine Tochter Donna Maria daGlo. C a n n i n g. 89 ria mit der Bestimmung ab/ daß sie nach ihrer Volljährigkeit ihren Oheim Don Miguel hcirathcn solle; und zugleich ertheilte er Portugal eine in der That freisinnige Constitution. Miguel beschwor dieselbe/ ließ sich jedoch von einer durch seine Mutter/ die Schwester des Königs von Spanien / geworbene Parthci zum absoluten König ausrufen; das spanische Cabinct unterstützte ihn offen;^dic übrigen europäischen insgeheim. Da trat Canuing mit seinem hochherzigen/ die Freiheit schützenden Entwurf hervor / und sandte nach Portugal/ das bisher stets nur ein Schutzstaat Englands gewesen/ ein Heer von isooo Mann. Die Empörer flohen bestürzt zurück. Am 12. December 1827 erschien C. im Unterhaus und sagte: Ich kann das Haus versichern, daß nicht leicht jemand mehr als die Minister Sr. Majestät, und insbesondere derjenige, der sich in diesem Augenblick an das Hans wendet, von der tief eingreifenden Wichtigkeit des Friedens für diese» Land und für Europa, überzeugt sein kann. Ich erkläre, daß diese Empfindung mein Innere» so sehr durchdrängt, daß keine Rücksicht auf künftige Vortheile, keine Aussicht auf eine entfernte Gefahr mich veranlassen könnten, die Kammern zu bitten, sich in einen Krieg einzulassen; aber ich fühle hier da», was auch die besten Staatsmänner dieses Landes gefühlt haben. Ich fühle nämlich, daß e» zwei verschiedene Lagen giebt, in welchen man nicht anders handeln kann, als wir gegenwärtig verfahren; diese sind, wenn die Nationalehre und das öffentlich gegebene Wort kompromittirt sind. Die jetzt der Kammer vorliegende Frage berührt das eine und das andere dieser Interessen, sonst würde ich nicht mit so großem Vertrauen die Antwort der Kammer auf die Botschaft der Regierung erwarten. Zur klaren Verständigung dcä Gesichtspunkts, unter welchem das Parlament die Angelegenheit, die den Inhalt der Botschaft ausmacht, zu betrachten hat, werde ich kurz dasjenige auseinander setzen, was eben so sehr eine Frage des Recht» als eine Frage des Thatbestands ist. Das Parlament oder die Regierung kann unmöglich, nach umfassender Erwägung, diese Frage von einer Seite betrachten, die nicht das Völkerrecht bcträfe^ Unter allen Bündnissen, welche dieses Land, zu verschiedenen Zeiten, mit fremden Nationen geschlossen hat, ist keinS so alt, war kcins von so fester Dauer, enthält keinS so bestimmte Verpflichtungen, hängt kein» so sehr mit den glänzenden Epochen unserer Geschichte zusammen, als dies Vündniß zwischen Großbritannien und Portugal. Wenn wir auf die Vergangenheit zurückblicken, so finden wir, daß diese» Bündniß allen Konflikt der Ereignisse überlebt hat, und so > SO StaatS »eben. alt als der Zeitpunkt ist, wo das HauS Vraganza den Thron bestieg, und Portugal selbst ein unabhängiges Land wurde. Seit jener Zeit bis zum gegenwärtigen Augenblicke, wurde das Dündniß mitten unter den schwierigsten Umständen fest gehalten. Zu einer Zeit, wo die Treue anderer Nationen erschüttert wurde, wo selbst mehrere, trotz der bestehenden Verträge, England den Krieg erklärten, blieb Portugal standhaft, und theilte mit unö den Ruhm unserer Erfolge. Dieses Vündniß ist uns zuweilen lästig gewesen, und es entstand daraus öfter daS Ansinnen, England möge sich desselben entledigen, weil es, statt uns nützlich zu sein, vielmehr unsere Interessen beeinträchtige. Aber ein Gefühl von National-Sympathie und andere Rücksichten von geringerer Wichtigkeit stellten sich immer entgegen, daß England seine eigenen Interessen der Ehre und dem Ruhme vorziehen sollte, einem alten und treuen Verbündeten eine unerschütterliche Freundschaft zu bewahren. Zwischen unserm Lande und Portugal wurden zu verschiedenen Zeiten Verträge und Allianzen geschlossen. Der letzte Vertrag wurde damals geschlossen, als die europäischen Svuveraiue zu Wien versammelt waren, und der Staatsvcrtrag des neuern Europas gebildet wurde, der gegenwärtig das öffentliche Staatsrecht , begründet. Durch diesen Vertrag hat England seine früheren Verpflichtungen erneuert, und sich verbunden, Portugal bcizustchcn, seine Rechte, Privilegien und seine Unabhängigkeit zu vertheidigen. Die Freiheit unsers Verbündeten ist angegriffen; die Kammer mag urtheilen, ob wir in Folge der Bedingungen des Wiener Vertrags nicht gebieterisch verpflichtet sind, ihm zu Hülfe zu kommen. Ehe ich mich indessen in nähere Angaben über diesen Punkt einlasse, will ich der Kammer den dritten Artikel des am 22. Januar 1815, zu Wien unterzeichneten Vertrags vorlesen: „Der am is. Februar 181t) zu Rio- Jaueiro geschlossene Vertrag war nur provisorisch, und der Lage Spaniens entsprechend; dieser Vertrag wird hiermit ganz aufgehoben, ohne indessen dem Allianz- und Freundschaftstraktat, der so lange und glücklich zwischen den beiden kontrahirendcn Theilen bestanden hat, und noch besteht, Eintrag zu thun." Zur genaueren Verständigung über die Wirkungen dieses Traktats wird mir die Kammer erlauben, einige Erläuterungen'beizufügen. Im I. 1807, zur Zeit wo Bonaparte erklärte, das HauS Braganza habe aufgehört zu regieren, wu. rce im Vcetraq voreu§§cse!>c»c Zall. Staat-»eden. '.»4 (großer Beifall). Ich glaube demnach, daß man der Regierung keinen tadclnSwerthen Aufschub vorivcrfen kann. Andererseits aber, als diese so klare und so vcrpfiichtungSvollc Reklamation, die wegen ihrer möglichen Folgen so höchst wichtig ist, außer allen Zweifel gesetzt zu uns gelangte, war cS Pflicht der Regierung Sr. Majestät, nichts auf bloßes Hörensagen zu gewähren; während man die volle Kraft der Verpflichtung des Beistands zugestand, mußte man zugleich warten, bis der Augenblick zum Handeln gekommen war. Erlauben Sie mir noch die Bemerkung, daß wir in diesem Lande gegen viele Nachtheile in Beziehung auf die gegenwärtigen Vorfälle am äußersten Königreich Portugal zu kämpfen haben. Wir erhalten unsere Nachrichten über Madrid, wo die Ereignisse entstellt werden, um irgend einen politischen Zweck zu begünstigen, oder wir sind darin auf die französische Presse angewiesen, und jeder Gentleman, der ihre Früchte kennt, muß wissen, wie sie in der Absicht, die gesammte Wahrheit zu verbergen, die Thatsachen entstellt. Obgleich nun ihre Berichte einige 'Wahrheit zum Grunde haben können, so würde doch kein vernünftiger Mann wagen, den Angaben der französischen Journale geradezu Glauben beizu- messen. Wir befanden uns daher in der Nothwendigkeit, urkundliche Berichte abzuwarten, um im Stande zu sein, vor dem Parlamente mit Vertrauen erweckenden Dokumenten zu erstürmen. Als die Portugiesen in frühern Zeiten den Beistand dieses Landes verlangten, fand sich die regelmäßige und konstitutionelle Macht der Monarchie in dem Herzen des Souverains niedergelegt; der Ausdruck seines Willens war eine hinreichende Bürgschaft; seitdem aber die Konstitution modifizirt worden ist, war es Pflicht des englischen Ministeriums, sich zu unterrichten, ob das Verlangen nach Hülfe von den gesetzlichen und kompetenten Behörden käme. Ehe ich dulden konnte, daß ein einziger englischer Soldat den Fuß auf das portugiesische Gebiet setze, nmßte ich mich überzeugen, daß das von der vollziehenden Macht gestellte Begehren von den konstitutionellen Behörden sanktionirt worden sei. Erst diesen Morgen habe ich die Mittheilung der Sanktion der portugiesischen Kammern erhalten. Hätten die Minister früher Maßregeln getroffen, so würden sie voreilig gehandelt haben; sie haben alle Geneigtheit, Portugal beizustcheu, an den Tag gelegt, aber sie haben die gebührende Vorsicht dabei beobachtet, um dieses Land nicht dadurch zu kompromillircn, daß sie es in unnütze Maßregeln verwickelt oder seine Truppen einem schlechten Empfang in Lissabon ausgesetzt hätten. (Herr banning las hierauf einen AuSzug der Depeschen C a n n l n g. 95 des Sir W. A'Court vorn 29. November:) „Den Tag nach der Ankunft der Nachrichten von dem Einrücken der Rebellen in Portugal verlangte das Ministerium von den Kammern die Bewilligung einer Ausdehnung von Vollmachten für die vollziehende Gewalt, und die Erlaubniß, fremde Hülfe nachzusuchen. Die Kammern bewilligten diese Forderungen durch Akklamation. Alles legte bei dieser Gelegenheit die heißeste Hingebung an den Tag. Die PairSkammer erhob sich in Masse, und erklärte sich bereit, persönlich auszuziehen, um den Einfall zurückzuschlagen. Der Herzog von Eadoval, Präsident der Kammer, machte zuerst diese Erklärung, und der Minister, der mir die Vorgänge bei dieser Gelegenheit erzählt hat, sagte mir, dies sei eine Handlung, der schönen Tage Portugals würdig, gewesen." Nachdem nun die konstitutionelle Sanktion auf die Forderung von HülfStruppen erfolgt ist, so muß untersucht werden, ob der onsus koeckei-is statt findet. Es ist wcltkundig, daß bewaffnete portugiesische Banden , mit Allem, was zum Kriege gehört, ausgerüstet, die Gränze überschritten haben. Die Forderung um Beistand wurde durch den auf Villa-Viciosa gerichteten Angriff veranlaßt. Der auf die Provinz TraS oS Mon- tes gerichtete Angriff wurde erst diesen Morgen amtlich bekannt. Diese letztere Thatsache unterstützt die von den Ministern vorgeschlagenen Maßregeln ganz besonders; hätten bloß einige bewaffnete Banden die Gränze an einem einzigen Punkte überschritten, so hätte man mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen können, daß dies ohne den Willen von Spanien geschehe; wenn man aber sieht, daß ein allgemeiner und verabredeter Angriff auf Portugal in der ganzen Linie seiner Gränze erfolgt, so kann man nicht mehr daran zweifeln, daß dieser Angriff eine Handlung Spaniens sei. Wenn man sagt, Spanien habe nicht feindlich gegen Portugal gehandelt, weil keine Spanier unter den eingefallenen Truppen gewesen seien, so behauptet man damit eine bloße Spitzfindigkeit. Wahr ist, daß Spanien sich nicht auf seine eigene oder andere Soldaten gestützt hat, aber es hat die Soldaten von Portugal selbst zu seinen Absichten verwendet. Wir wünschen nicht, uns in die innern Angelegenheiten Portugals zu mischen, noch zwischen beiden Parteien einzuschreiten; cS hieße aber bei dieser Gelegenheit einer sehr schlaffen Moral daL Siegel aufdrücken, wenn man die Verpflichtung, unseren Verbündeten Beistand zu leisten, unter dem Verwände umgehen wollte, daß nur Portugiesen den Angriff gemacht haben; man würde damit zugeben, daß diese Flüchtlinge auf ihr Vaterland verzichten, um die Absichten einer andern Macht 96 StaakSreden. zu unterstützen, und daß sie alsdann wieder ihre Rechte als Bürger in Anspruch nehmen kennen, wenn dies ihren Entwürfen zusagt. (Herr Canning bemerkte hier, daß er glaube, der Kammer hinreichende Belege zur Beurtheilung der Frage gegeben zu haben, erwähnt aber, daß er noch etwas beizufügen habe, wozu er die volle Aufmerksamkeit der Kammer in Anspruch nehme.) Wenn ich, fährt derselbe fort, die Hülfe des Hauses und des Landes zu Gunsten Portugals in Anspruch nehme, so verstehe ich darunter nicht, daß mein Aufruf euren Krieg mit Spanien in sich fasse. Obschon ich das Betragen Spaniens für unnachbarlich, und allen göttlichen und menschlichen Gesetzen widersprechend halte, so will ich damit doch noch nicht behaupten, daß keine Ausgleichung, kein loous poonrtcntiao , keine Möglichkeit der Vergütung, keine Hoffnung eines Rückschritts von Seite dieser Nation mehr vorhanden sei. Ich sage nur, daß es unsere Pflicht ist, zu Portugals Hülfe herbeizueilen, wer auch immer der angreifende Theil sein mag. Ich komme nun zu der Frage, wer denn der Angreifende ist? Der gegenwärtige Zustand Portugals ist in der Geschichte der Nationen so ungewöhnlich, von so außerordentlichen Ereignissen herbeigeführt, daß hier der Ort sein dürfte, deut Hause, so kurz als möglich, einige Haupt-Thatsachen und ihre Wirkungen auf den gegenwärtigen Zustand -von Europa vorzulegen. Es ist allgemein bekannt, daß der König von Portugal ein eifriges Bestreben zeigte, Brasilien aus dem Zustande einer Kolonie in den einer.unabhängigen Macht zu versetzen, und daß nach der Zurückkunft des Königs nach Portugal diese Angelegenheit vollbracht, und beide Kronen von einander getrennt wurden. Der König von Portugal entschloß sich demnach, die Souverainetät von Brasilien auf seinen ältesten Sohn überzutragen. Dies war kaum geschehen, und die Tinte, mit der die Urkunde geschrieben war, kaum getrocknet, als der frühzeitige Tod des KönigS von Portugal beide Kronen wieder auf Einem Haupte vereinigte. Der Rath dieses Landes und einer andern mit Brasilien verbundenen Nation ward bei dieser Gelegenheit angeboten, aber erst, nachdem der König von Portugal'sich fest entschlossen hatte, die Krone Portugals zu Gunsten seiner ältesten Tochter abzutreten. Diese Abdankung erfolgte mit dem Anerbieten einer freien konstitutionellen Charte. Man hat behauptet, dies sei auf den Rath von Großbritannien geschehen, aber England hat keinen solchen Rath gegeben; das englische Ministerium war nicht befugt, in die innern Angelegenheiten dieses oder eines andern Landes einzuschreiten. (Beifall.) Sir Stuart war ge- C a n n i n g. 97 rade in Brasilien, und wurde von dem Könige von Portugal ersucht, die Charte bei seiner Rückkehr mitzunehmen. Sir Stuart brachte sie nach Portugal, und es haftet in dieser Beziehung nicht . der geringste Tadel auf diesem Gentleman. Er erhielt aber den Befehl, nach England zurückzukehren, um jeden Verdacht zu vermeiden, daß die Charte aus britischem Rath entstanden, und durch britische Agenten unterstützt worden sei. Ich fühle mich nicht berufen, meine Ansicht über die Charte auszusprechen, obschon ich meine bestimmte Ansicht davon habe; sondern Alles, was ich als englischer Minister darüber sagen kann, besteht in dem Wunsche: Möge der Himmel den Versuch zur Ausdehnung konstitutioneller Freiheit segnen, und möge die Nation, der sie gegeben worden ist, sich eben so fähig zeigen, sie anzunehmen und zu lieben, als die in derselben ausgedrückten Pflichten gegen andere Nationen von Europa auszuüben! (Beifall von allen Seiten des Hauses.) Wir können unmöglich unsere alten Verbündeten verlassen; aber andererseits könnten wir die Portugiesen auch unmöglich unterstützen, wenn ein Schisma unter den konstituirten Behörden statt fände. Wir gehen inzwischen nach Portugal, Kraft unserer Verträge; wir werden daselbst nichts erzwingen, aber zugleich genau darauf halten, daß nichts von Seite anderer Nationen geschieht, die Einführung einer freien Wirksamkeit der Konstitution zu verhindern. In die innern Verhältnisse dieses Landes wollen wir uns nicht mischen; äußere Gewalt soll aber gegen dasselbe nicht ausgeübt werden, so lange die britische Regierung Waffeir.zu seiner Vertheidigung anschaffen kann. Mag der leidige Einfall ein Fehler von Seite der Regierung gewesen, oder aus Fakiioncn und Fanatismus entsprungen sein, so hat einmal jedes Land, das die Ehre und das Glück hat, mit Großbritannien alliirt zu sein, Anspruch auf Schutz, und soll weder von Abtrünnigen, noch von irgend einem andern auswärtigen Feinde angegriffen werden. Die Frage ist nun, ob Spanien ein solches Betragen zur Last fällt? Es würde vielleicht unrecht von mir sein, zu sagen, es bestehe in Spanien ein unüberwindlicher Haß gegen freie Institutionen. So unglaublich auch diese Erscheinung in unserem Lande erscheinen mag, so bin ich doch überzeugt, daß die Mehrheit der spanischen Nation eine Vorliebe zu willkührlicher Gewalt und absoluter Regierung hat. Die freisinnigern Institutionen benachbarter Länder haben bis jetzt noch keinen Einfluß auf Spanien geübt. Ohne daß also die Regierung ein wirklicher Tadel träfe, könnte, die natürliche 7 08 S taatsre d e n. Antipathie zwischen zwei Nationen, — wovon die eine ihre Freiheit preist, die andere fest an ihrer Sklaverei hängt, — die gegenseitigen Einwanderungen, Herausforderungen und Angriffe veranlaßt haben, welche selbst das thätigste und wachsamste Ministerium nicht ganz hätte verhüten können. Ich bin in der That geneigt zu glauben, daß dies der Ursprung der Zwistigkcitcn zwischen Spanien und Portugal gewesen ist, daß diese alsdann im kaufe der Zeit weiter entwickelt, geordnet, und in eine Art von System gebracht worden sind, und zwar von irgend einer Behörde, in der sich mehr Einheit und mehr Macht vereinigt fand, als gewöhnlich in der Masse angetroffen wird. Der Ursprung war sicher eben so sehr in der wahren Nolksstimmung Spaniens, als in der Meinung der Regierung selbst. Wenn nun aber wirklich die spanische Regierung, obschon sie die Gefühle ihrer Nation theilte, niemals die Absicht hatte, diesen Gefühlen einen angreifenden Lauf zu lassen, wenn ihre Wachsamkeit überrascht, ihr Vertrauen getäuscht worden ist, wenn ihren Befehlen keine Folge geleistet wurde, wenn die wiederholte und schamlose Verletzung ihrer Verpflichtungen nicht mit ihrem eigenen Willen, sondern gegen ihre Verordnungen und Wünsche erfolgt ist, so bedürfen wir nur einiger Zeichen der Mißbilligung, einiger Aeusserungen der Reize, einiger Beweise von Maßregeln, welche ihren Kummer darüber mit Aufrichtigkeit darlegten. In diesem Falle wird die Botschaft, deren Inhalt ich bewilligt wünsche, blos eine Verlheidigungsmaßregel für Portugal, und nicht nothwendiger Weise auch eine Kriegsmaßregcl gegen Spanien darstellen. Mit diesen Erläuterungen und Bestimmungen wollen wir nun die Thatsachen selbst betrachten. Es haben große Desertionen von der portugiesischen Armee nach Spanien, und einige von der spanischen Armee nach Portugal statt gefunden. Auf unsere ernstlichen Wünsche und Ermahnungen schlug Portugal den Letzter» alle Unterstützung ab. Anfänglich waren die portugiesischen Behörden, mit wenigen Ausnahmen, darüber betroffen, so wie sie aber Gelegenheit hatten, sich von der Zweckmäßigkeit dieses Verfahrens zu überzeugen, so bemühten sie sich einstimmig, die Desertionen spanischer Soldaten abzurathen. Zwischen Spanien und Portugal bestehen Verträge zu gegenseitiger Auslieferung der Deserteurs,' Portugal hatte daher ein Recht, von Spanien zu verlangen, jeden Ueberläufcr zurückzuweisen. Portugal ergriff entweder aus eigenem Antrieb, oder auf unsern Rath, den weisen Mittelweg, Spanien zu erklären, es sei schon damit zufrieden, wenn Pferde, C a n n i n g. 99 Waffen und Equipirungcn zurückgeschickt, die Soldaten von ihren Offizieren getrennt, und beide in die innern Provinzen gebracht würden. Die spanische Regierung verpflichtete sich feierlich dazu, sowohl gegen Portugal, als gegen Frankreich und später gegen England. Dieser Beschluß wurde den einen Tag gefaßt, den andern wieder aufgegeben, und nicht etwa einmal, sondern wenigstens sechs oder siebenmal. Die Deserteure, statt zerstreut zu werden, wurden in DepotS zusammen gelegt, angeworben, in Regimenter getheilt, und zum Schlagen vorbereitet. In Rücksicht auf dieses Verfahren fand von irgend einer Seite Treulosigkeit statt, und die spanischen Behörden haben zu beweisen, daß dies nicht von ihrer Seite der Fall gewesen sei, daß ihre Anordnungen nicht erfüllt, ihre Absichten nicht vollzogen worden seien, daß der Fehler also nicht an ihnen liege, und sie bereit seien, jede Genugthuung, welche der gegebene Fall gestatte, für den Bruch des Vertrags zu geben. Ich habe schon bemerkt, daß solche vorläufige Aeusserungen gegen Portugal, Frankreich und Großbritannien gemacht worden sind; und ich würde ungerecht gegen Frankreich sein, wenn ich nicht hinzusetzte, daß die Vorstellungen dieser Regierung in diesem Punkte so dringend, aber auch leider, so fruchtlos wie die des britischen Ministeriums gewesen sind. Gleich nach dem ersten Einfall in das portugiesische Gebiet rief die französische Regierung, zum Beweise ihres Mißfallens, ihren Botschafter zurück, und trug ihrem Geschäftsträger auf, Sr. katholischen Majestät nicht nur zu erklären, daß Spanien von Frankreich in Rücksicht auf die Folgen dieses Angriffs keine Unterstützung zu erwarten hätte, sondern auch wiederholt eine Rückkehr von der bereits eingeschlagenen Bahn zu empfehlen. Ich muß der französischen Regierung die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie in dieser Beziehung das Aeusserstc gethan hat. Ich habe nicht die geringste Ursache, einen Zweifel in die Aufrichtigkeit der Bemühungen zu setzen, durch welche Frankreich das spanische Kabinct zur Beobachtung seiner Verpflichtungen anhalten wollte. Spanien mag nun sehen, welchen Pfad eS, nach' dem von Sr. Majestät gefaßten Entschlüsse, einzuschlagen hat. Ich hoffe und wünsche, es werde so handeln, daß die Folgen der vorliegenden Botschaft von ihm abgewendet werden. Auf diese Folgen erlaube ich mir nur eine Anspielung, in der Hoffnung, daß- eine nähere Entwickelung unnöthig sein dürfte. Mir scheinen alle Gründe dafür zu sein, so weit eS sich mit dem gegebenen Wort und der National-Ehre verträgt, alles zu thun, die Möglichkeit 100 StaatSreden. cineä gefährlichen Kriegs zu entfernen. Ich fürchte zwar einen Krieg in einer guten Sache nicht (und nie möge das Land sich in einen andern einlassen!) da ich nicht an der Kraft des Landes, ihn anzufangen, und an den HülfSquellen, ihn fortzuführen, zweifle. Ich fürchte ihn in diesem Fall in der That, aber aus ganz andern Gründen; ich fürchte ihn in dem Bewußtsein der ungeheuren Macht, die Großbritannien besitzt, die Feindseligkeiten, in die eL verwickelt werden kann, zu Folgen zu steigern, deren Betrachtung mir Schaudern erweckt. Ich habe vor einigen Jahren, bei Erörterung der Unterhandlungen mit Spanien darauf hingedeutet, daß die Lage dieses Landes für die Neutralität', nicht nur zwischen streitenden Nationen, sondern auch zwischen streitenden Grundsätzen, geeignet ist, und daß wir nur in der Stellung der Neutralität jenes Gleichgewicht erhalten können, dessen Aufrechthaltung, meiner Ansicht nach, für den Frieden und die Wohlfahrt der Welt so wesentlich ist. Eine vierthalbjährige Erfahrung hat diese Ansicht eher bestätigt als geändert. Ich fürchte, der nächste Krieg in Europa, wenn er sich über die engen Gränzen von Spanien und Portugal ausdehnen sollte, möchte ein Krieg von furchtbarem Charakter sein, ein Krieg nicht blos zwischen fechtenden Heeren, sondern zwischen fechtenden Meinungen. Ich weiß, daß, wenn das Land sich in Liesen Krieg einläßt (und wenn cL der Fall ist, so bin ich überzeugt, daß eS mit dem aufrichtigsten Wunsche geschieht, eher zu besänftigen als zu erbittern, und lieber mit den Waffen als mit der viel heilloscrn Artillerie der Volksaufwiegelung zu kämpfen), es unter seinem Panier alle unzufriedenen und unruhigen Geister des Zeitalters schlagfertig treffen wird, alle diejenigen, die über den gegenwärtigen Zustand ihrer Länder mißvergnügt sind. Die Kenntniß dieser Lage der Dinge läßt mich Alles fürchten. Sie beweist, daß hier eine Macht vorhanden ist, die unter Englands Führung vielleicht furchtbarer werden kann, als irgend eine in der frühern Weltgeschichte in den Kampf gebrachte Macht. Obschon es aber ' „herrlich sein mag, Riesenkraft zu besitzen," so möchte es auch „tyrannisch sein, sie wie ein Riese zu gebrauchen." Das Bewußtsein des Besitzes dieser Kraft macht unsere Sicherheit aus; und wir haben nicht nöthig, Gelegenheit zu suchen, sie zu entwickeln, sondern nur Lurch eine theilweise und entfernte Andeutung darauf fühlbar zu machen, daß Mäßigung im Interesse der Ultra'S von beiden Seiten liegen möchte. Die Lage dieses Landes mag mit der des Beherrschers der Winde verglichen werden, wie sie der Dichter schildert: 1 C a n n i n g. 10t lä'oltis «eilet -Veolu« arce Looptin tenen«; mollitguo niriinn« et temporär irss: Ri tüeint, Maria ac terra« cueiiungue prokanlluin tguippo sorant rapilli «eouiw, vorrairtrpie per ariraz.") Die Folge einer LoSlassung der gegenwärtig noch gebändigten und im Zaume gehaltenen Leidenschaften würde ein Schauspiel der Verwüstung hervorbringen, das kein Mann von Gefühl ohne Schaudern betrachten kann, und ich könnte mein Haupt nicht ruhig niederlegen, wenn ich mir verwerten müßte, die Sache auch nur einen Augenblick übereilt zu haben. AuS diesem Grunde — dem Gegentheil von Furcht und von Unvermögen — bin ich wegen der Wiederkehr eines KriegS besorgt. Mögen diejenigen, welche nach entgegengesetzten Grundsätzen bandeln, noch vor der Zeit des Gebrauchs unserer Macht, diesen Grund erwägen. Ich könnte Vieles und lange erdulden, und wollte mich bei Allem beruhigen, was nicht das Wort der Nation und ihre Ehre berührt, ehe ich mich entschließen würde, die KriegSfurien loszulassen, die wir noch gebunden in unsern Händen halten, da wir nicht wissen, wie weit sie sich verbreiten können, und wo das Ende ihrer Verheerungen sein wird (Großer Beifall). So groß ist die Vorliebe der britischen Regierung für den Frieden, und so groß ist die Pflicht für denselben, durch die Umstände der Welt aufgelegt. Wir wollen daher Portugal vertheidigen, wer dasselbe auch immer angegriffen haben mag, weil dies eine Sache der Pflicht ist, wir wollen aber auch da endigen, wo unsere Pflicht aufhört. Wir gehen nach Portugal, nicht um dort zu herrschen, zu regieren oder Gesetze vorzuschreiben, sondern Englands Panier daselbst aufzupflanzen, und seine Unabhängigkeit zu sichern. Wo auch die Flagge Englands erscheinen möge, da entfalte sie sich zum Schuhe des Rechtes und der Freiheit. Henry Vrvilqham, einer der ausgezeichnetsten öffentlichen Charaktere/ der uncrmüdetstc» Vorkämpfer für Licht und Recht in unsern Tagen. AuS einem alten und achtbaren Geschlechte abstammend/ ward er l77S in London geboren/ und erhielt seine erste Bildung in Edinburg unter den Augen seines mütterlichen OhcimS/ des berühmten Geschichtschreibers Robertson. Schon frühe zeigten sich deutliche Spuren des Talents, ») ... Wo dtcolnS thront in erhabener Feste, Schwinacnd den Hcrrschcrstab, den Zorn und die Lcidemchatt hemmend; That er es nicht, so würde die Windsbraut Himmel und Erde , Und die Gründe dcS MecrS fortreißen im Sturm durch die Lutte. PirgilS Ac neide. 102 Slaatsreden. das sich später so glänzend entwickelte. Unter den jungen Veiten/ die sich für StaatSämtcr bilden wollen/ besieht die Sitte/ Vereine unter sich zu stiften/ in denen sie sich durch die mannigfachsten Uebungen das zu erwerben suche»/ was auch die beßtc Schule nicht geben kann: Fertigkeit und Gewandtheit im öffentlichen Sprechen. Br. schloß sich bald dem durch seine Mitglieder berühmt gewordnen .-il.ecuIiNivu, cUlli näher aN/ und that sich unter seinen jugendlichen Mitbewerbern auf das glänzendste hervor. Neben diesen seine Einbildungskraft beschäftigenden Uebungen vermochte er in die ernstesten Abstraktionen der Mathematik sich zu vertiefen/ und in derselben so glückliche Fortschritte zu machen/ daß er als achtzehnjähriger Jüngling cS wagen konnte/ mit der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften in eine Correspondenz sich einzulassen/ aus der er die ausgezeichnetsten Lobsprüche davon trug/ ohne daß cS die gelehrten Männer geahnct hätten/ daß ihr Correspondcnt kaum die Schule verlassen. Nun machte er in Gesellschaft des Lords Stuart eine Ncisc durch das nördliche Europa. Die Frucht dieser Reise war seine erste schriftstellerische Arbeit: „über die Colonialpolitik der europäischen Mächte; London 180Z"/ welche durch vortreffliche Darstellung/ tief eindringende Untersuchung und die umfassendsten Kenntnisse allgemeines Aufsehen erregte. Seine literarische Thätigkeit widmete er nun vorzüglich dem „l^liiiliui !> h reviccv"/ einer bis in die neueste Zeit gleich ausgezeichneten Zeitschrift. Im I. 1810 ward er ins Parlament. gewählt. Der Nuhni/ den er bereits als Sachwalter durch kräftige Beredsamkeit und durch seine Schriften gewonnen hatte/ und sein bekanntes Talent im geselligen Verkehr erregten ungcmcine Erwartungen; aber es kam anders: Br. machte wenig Eindruck/ ohne Zweifel/ weil er mit dem neuen Terrain »och nicht bekannt genug war. Im I. 1812 begründete er seinen Ruf durch ein Meisterstück von ParlamentSbcrcdsamkcit/ und 1818 riß er durch seine Rede für Verbesserung der Armcncrzichung selbst seine heftigste» Gegner/ unter diesen Lord Castlereagh/ zu lauter Bewunderung fort. Von da an war sein Einfluß im Parlament entschieden/ und der Sieg schien an seine Fahne gefesselt. Br. erlangte europäische Berühmtheit als der ritterliche Sachwalter der in so unlauterer Absicht öffentlich angeklagten Königin Caroline. Er vertheidigte sie sv/ daß die Minister ihre Anklage/ freilich erst nachdem sie den höchsten Skandal erregt hatten/ wieder zurück zogen. Der König Georg IV wurde VrS. erbittertster Feind/ »nd würde gewiß nur schwer den Gedanken ertragen haben/ ihn einst an der Spitze der 'Staasvcrwaltung zu sehen. Und doch war Henry Vrougham/ als Wilhelm IV den Grafen Grcy mit der Bildung eines liberalen Ministeriums beauftragte/ diesem so unentbehrlich/ daß er zum Baron Vrougham and Vaux/ zum Mitglied des Oberhauses und zum StaatSkanzlcr erhoben wurde. Mit Grey und seinen Collegcn setzte er die Lebensfrage des neueren englischen StaatSlebenS/ die P ar la m eu ts re fo r m in dem auf das heftigste widerstrebenden Oberhaus siegreich durch. Nächstdem war der Verbesserung der VolkS- bildungsanstalten und der Rechtspflege seine thätigste Sorgfalt gc- Brougham. 10; widmet; er stiftete die erste Kleinkinderschule in London/ wo l2N/voo Kinder ohne allen Unterricht bisher aufgewachsen waren; er besuchte FellcnbcrgS Menschen veredelnde Anstalt in Hofwyl/ und die des bekannten Owen in Lanork; seine Schrift über Volksbildung erlebte rasch ts Auflagen; er war Mitstifter und Kanzler der Universität London. Seit 18ZZ hat er sich/ ermüdet/ von den Geschäften zurückgezogen. Sein Andenken bleibt im Segen. — Wir geben noch hier eine Schilderung von ihm als ParlamcntSrcdncr/ aus der Feder eines geistvollen Engländers um so lieber/ da sie/ selbst noch in der Ucbcrsetzung/ als Muster einer solchen Darstellung angesehen werden kann. „Auf der ersten Bank/ zur linken Seite des Sprechers/ sitzt eine Gestalt/ die so lange bei der Studirlampe gehockt zu haben scheint/ bis nicht blos die Blüthe des LebenS/ sondern die Lebenskraft selbst zu erloschen begonnen; und doch ist cS diese hülflose Gestalt/ die alle Augen des' Hauses auf sich zieht/ und die/ so wie sie sich in ihrer mechanischen/ automatischen Weise zum Aufstehen bemüht/ alle Schncllschrciber hinter uns in fluchende Bewegung setzt/ während alle Lücken auf der Gallcric/ als sei sie ein massives Stein- gebäude/ ausgefüllt werden/ und durch die beiden Seitcnthürcn noch das Gewicht der draußen stehenden Volksmenge herein drängt. Unten im Hause scheint sich ein gleiches Interesse kund zu geben; denn so wie jene Gestalt sich langsam in einer vertikalen Krümmung / oder vielmehr in einem vertikalen Zickzack steif zusammengefügter Linien/ aus' einander wickelt/ sind die paar Zeloten auf beiden Seiten / die sich schreiend cntgcgcndämmcn wollten/ schnell wieder auf ihre Säcke zurückgesunken/ als hätten sie eine verborgene Windbüchsc unter der Robe des' Sprechers bemerkt. Nach diesem vorbereitenden Geräusch und während der athem- losen Stille/ die darauf folgte/ hat sich Henry Brougham langsam und bedächtigen Schrittes dem Tische genähert/ und bleibt dort zusammengebückt stehen — die Schultern in die Höhe gezogen/ den Kopf vorwärts gebeugt/ seine Oberlippe und Nasenflügel in zitternder Bewegung/ als fürchte er ein Wort zu sprechen. Sein Aussehen/ sein Wesen gleicht fast einem jener Prediger/ die auf freiem Felde predigen — nicht einem modernen Manne dieser Art/ der die müßige Sonnrags'mcnge nach sich zieht/ sondern einem solchen Prediger aus alten Zeiten / der die Reinheit des Glaubens zu erhalten und in der Wildniß zu verbreiten suchte/ wenn sie aus der Stadt und selbst aus der Kirche verbannt war. Die Töne seiner Stimme sind voll und melodisch/ doch sie erheben sich langsam/ bedächtig und wie man zu glauben versucht ist/ auch sehr mühsam/ so daß man nicht weiß/ ob die geistige Macht des Mannes' unfähig ist/ den Gegenstand zu beherrschen/ oder ob seine physische Kraft unfähig ist/ den Gegenstand auszusprechen. Sein erster Satz / oder vielmehr die ersten Glieder scinc-S SaheS — denn man findet bald / daß bei ihm jeder Satz in Form uud Gehalt weiter reicht/ als die ganze Rede mancher anderen Leute — kommen sehr kalt und unsicher hervor/ 104 Staatsreden. und überhaupt so entfernt von der eigentlichen Streitfrage/ da» man nicht begreifen kann/ wie er sie darauf hinbiegen wird. Leder dieser Sätze/ freilich/ ist tief/ klar/ an und für sich selbst befriedigend/ sichtbar mit künstlicher Wahl aus den gewähltesten Materialien dcduzirt/ und mögen sie kommen aus welchem Fache des Wissens es immer sein mag/ so enthalten sie doch dessen reinste Essenz. Man fühlt/ daß sie alle nach einer bestimmten Richtung hin gebogen werden/ und zwar hingebogen mit einer starken Kraft; aber diese Kraft ist noch immer unsichtbar wie der Wind/ und wie von diesem / weiß man nicht woher sie kommt und wohin sie geht. Wenn aber eine hinreichende Anzahl von diesen Anfangssätzcn vorausgeschickt sind/ wenn jeder Hülfssatz/ den menschliche Wissenschaft zur Feststellung einer Schlußfolgc bieten kann/ in Dienst genommen worden/ wenn jeder Einspruch durch einen einzigen Stoß erfolgreich vorgeschoben ist/ wenn das ganze Heer politischer und moralischer Wahrheiten in Schlachtordnung steht — dann bewegt es sich vorwärts zur Entscheidung / fest zusammengeschlossen wie eine makedonische Phalanx/ und unwiderstehlich wie Holländer/ die mit gefälltem Bajonette eindringen. Ist ein Hauptsatz gewonnen mit dieser scheinbaren Schwäche und Unsicherheit/ wohinter sich aber eine wirkliche Kraft und Festung verborgen hielt/ dann erhebt sich der Redner sowohl körperlich als geistig/ und mit kühnerem und kürzerem Angriff erficht er einen zweiten Hauptsatz. Nach dem zweiten erkämpft er einen dritten/ nach dem dritten einen vierten u. s. w./ bis alle Principien und die ganze Philosophie der Streitfrage gleichsam erobert sind/ bis jeder im Hause/ der Obren zum Hören und ein Herz zum Fühlen hat/ von den Wahrheiten/ die er eben vernommen/ so unwiderstehlich/ wie von seiner eigenen Existenz/ überzeugt ist/ so daß Brougbam/ wollte er hier stehen bleiben/ schon unbedingt als der grüßte Logiker der St- Stcphanskapclle*) gelten könnte. Die geistigen HiilfS- qucllcn des Mannes sind wirklich bewunderungswürdig/ und erinnern fast an das altnordischeMährchcii/ wo einer immer die ersten Meister in jedem Fache des Wissens getödet hat und dadurch der Allcinerbc ihrer sämmtlichen Gcistcsfähigkciten geworden ist. Der Gegenstand mag' sein wie er will/ erhaben oder gemcinplätzig / abstruse oder praktisch/ so kennt ihn dennoch Heinrich Broughani/ und er kennt ihn ganz aus dem Grunde. Andre mögen mit ihm wetteifern/ ja einer oder der andre mag ihn sogar übertreffen in der Kenntniß äußerer Schönheiten der alten Literatur; aber niemand ist tiefer als er durchdrungen von der herrlichen und glühenden Philosophie/ die gewiß als ein kostbarster Edelstein hervorglänzt aus jenen Schmuckkästchen, die uns das Alterthum hinterlassen hat. Brougham gebraucht nicht die klare, fehlerfreie und dabei etwas hofmäßige Sprache des Cicero; eben so wenig sind seine Reden in der Form denen des Demosthcnes ähnlich, obgleich sie von dessen Farbe an sich tragen; aber ihm fehlen weder die streng logischen ) DaS SiyungShauS beö Parlaments; ist im I. tSst abgebrannt. Brougham. 1V5 Schlüsse des römischen Redners, noch die schrecklichen Zornworte des Griechen. Dazu kommt noch/ daß keiner besser als er es versteht/ das Wissen des LageS in seinen ParlamcntSrcden zu benutzen/ so daß diese zuweilen / abgesehen von ihrer völkischen Tendenz und Bedeutung/ schon als bloße Vorlesungen über Philosophie/ Literatur und Künste unsre Bewunderung verdienen würden. ES ist indessen gänzlich unmöglich / den Charakter dieses Mannes zu analystrcn/ während man ihn sprechen hört. Wenn er / wie schon oben erwähnt worden/ das Gebäude seiner Rede auf einen guten« philosophischen Boden und in der Tiefe der Vernunft gegründet hat; wenn er nochmals zu dieser Arbeit zurückgekehrt/ Senkblei und Richtmaß angelegt/ um zu untersuchen/ ob alles in Ordnung ist/ und mir einer Rtcscnhand zu prüfen scheint/ ob alles auch sicher zusammcnhält; wenn er die Gedanken aller Zuhörer mit Argumenten festgebunden/ wie mit Seilen/ die keiner zu zerreißen im Stande ist — dann springt er gewaltig auf das Gebäude/ das er sich gezimmert hat/ es erhebt sich seine Gestalt und sein Ton/ er beschwört die Leidenschaften aus ihren geheimsten Winkeln/ und überwältigt und erschüttert die maulaufsperrendcn ParlamentSgcnossen und das ganze dröhnende Haus. Jene Stimme/ die erst so leise und an- spruchloS war/ gleicht jetzt dem betäubenden Brausen und den unendlichen Wogen des Mccrc-S; jene Gestalt/ die vorher unter ihrem eigenen Gewichte zu sinken schien / sieht jetzt aus'/ als hätte sie Nerven von Stahl/ Sehnen von Kupfer/ ja als sei sie unsterblich und unveränderlich wie die Wahrheiten/ die sie eben ausgesprochen; jenes Gesicht/ welches'vorher blaß und kalt war wie ein Stein/ ist jetzt belebt und leuchtend/ als wäre der innere Geist noch mächtiger als die gesprochenen Worte;- und jene Augen / die uns anfänglich mit ihren blassen und stillen Kreisen so demüthig ansahen/ als wollten sie unsre Nachsicht und Verzeihung erbitten/ aus denselben Augen schießt jetzt ein meteorisches Feuer-/ das alle Herzen zur Bewunderung entzündet. So schließt der zweite/ der leidenschaftliche oder deklamatorische Theil der Rede. Wenn er das erreicht hat/ was man für den Gipfel der Beredsamkeit halte» möchte/ wenn er gleichsam umher blickt/ um die Bewunderung/ die er hervorgebracht/ mit Hohnlächeln zu betrachten; dann sinkt seine Gestalt wieder zusammen/ und auch seine; Stimme fällt herab bis zum sonderbarsten Flüstern/ das jemals aus der Brust eines Menschen heraus gekommen. Dieses seltsame Hcrab- stimmcn/ oder vielmehr Fallenlassen des Ausdrucks/ der Gcbcrde und der Stimme/ welches Brougham in einer Vollkommenheit besitzt/ wie es bei gar keinem andern Redner gefunden wird/ bringt eine sonderbare Wirkung hervor; und jene tiefen/ feierlichen/ fast hin- gcmurmclten Worte/ die jedoch bis auf den Anhauch jeder einzelnen Sylbe vollkommen vernehmbar sind/ tragen in sich eine Zauber- gewalt/ der man nicht widerstehen kann/ selbst wenn man sie zum ersten Male hört und ihre eigentliche Bedeutung und Wirkung noch nicht kennen gelernt hat. Man glaube nur nicht etwa / der Redner oder die Rede sei erschöpft- Diese gemilderten Blicke/ diese gc- 106 Staatsreden. dampften Töne bedeuten nichts weniger als den Anfang einer Per- orazio*)/ womit der Redner/ als ob er fühle/ daß er etwas zu weit gegangen/ feine Gegner wieder besänftigen will. Im Gegentheil/ dieses Zusammenkrümmen des Leibes ist kein Zeichen von Schwäche/ und dieses Fallenlassen der Stimme ist kein Vorspiel von Furcht und Unterwürfigkeit; cS ist das lost/ hängende Vorbeugen des Leibes bei einem Ringer/ der die Gelegenheit erspäht/ wo er seinen Gegner desto gewaltsamer umwinden kau»/ es ist das Zurückspringen des Tigers/ der gleich darauf mit desto sicherern Krallen auf seine Beute losstürzt/ eS ist das Zeichen/ daß Heinrich Brougham seine ganze Rüstung anlegt/ und seine mächtigste Waffe ergreift. In seinen Argumenten war er klar und überzeugend; in seiner Beschwörung der Leidenschaften war er zwar etwas bochmüthig/ doch auch mächtig und siegreich; jetzt aber legt er den letzten/ ungeheuersten Pfeil auf seinen Bogen — er wird fürchterlich in seinen Znvcctivcn. Wehe dem Manne/ dem jenes Auge/ das vorher so ruhig und blau war/ jetzt cntgcgenflammt aus dem gehcimnißvollcn Dunkel dieser zusammengezogenen Braunen Wehe dem Wicht/ dem diese halbgeflüstcrten Worte ein Vorzeichen sind von dem Unheil/ das über ihn hcranschwebt. Wer als ein Fremder heute zum erstenmal die Gallerte des Parlaments besucht/ weiß nicht/ was jetzt kommen wird. Er steht blos einen Mann/ der ihn mit seinen Argumenten überzeugt/ mit seiner Leidenschaft erwärmt hat/ und jetzt mit seinem sonderbaren Flüstern eine» sehr lahmen/ schwächlichen Schluß anzubringen scheint. O Fremdling/ wärest du bekannt mit den Erscheinungen dieses Hau- scö/ und auf einem Sitze/ wo du alle Parlamentsglieder übersehen könntest; so würdest du bald merken/ daß diese in Betreff eines solchen lahmen/ schwächlichen Schlusses durchaus nicht deiner Meinung stnd. Du würdest manchen bemerken/ den Parthcisucht oder Anmaßung in dieses stürmische Meer/ ohne gehörigen Ballast und das nöthige Steuerruder/ hinein getrieben hat/ und der nun so furchtsam und ängstlich umherblickt/ wie ein Schiffer auf dem chinesischen Meer/ wenn er an einer Seite des Horizontes jene dunkle Ruhe entdeckt/ die ein stchercS Vorzeichen ist/ daß von der andern Sz'itt/^he eine Minute vergebt/ der Typhon heranwcht mit seinem verderblichen Hauche; — du würdest irgend einen kleinen Mann bemerken/ der fast greinen möchte/ und an Leib und Seele schaudert wie ein kleines Dögclchei,/ das in die Zaubernähc einer Klapperschlange gerathen ist/ seine Gefahr entsetzlich fühlt und sich doch nicht helfen kann/ und mit jämmerlich närrischer Miene dem Untergänge stch darbietet; — du würdest einen langen Antagonistcn bemerken/ der sich mit schlotternden Beinen an der Bank festklammert/ damit der heranziehende Sturm ihn nicht fortfegt; — oder du bemerkst sogar einen stattliche»/ wohlbeleibten Repräsentanten irgend einer fetten Grafschaft / der beide Fäuste in das Kiffen seiner Bank ') Dieser Austeilet beicichnct i» der Rhetorik dc» Theil tcr Ncdc, wo am Schluü sammliichc Grunde »och»,als zusammengefaßt werde». Brougbam. 107 hinein gräbt/ völlig entschlossen/ im Fall ein Mann von seiner Wichtigkeit aus dem Hause geschleudert würde/ dennoch seinen Sitz zu bewahren und unter sich von danncn zu führen. Und nun kommt c§: — die Worte/ welche so tief geflüstert und gemurmelt wurden/ schwellen an so laut/ daß stc selbst den Jubclruf der eignen Parthci übertönen/ und nachdem irgend ein unglückseliger Gegner bis auf die Knochen geschunden/ und seine verstümmelten Glieder durch alle Rcdcstguren durchgestamvft worden / dann ist der Leib des Redners wie nicdergcbrochcn und zerschlagen von der Kraft seines eignen Geistes; er stnkt auf seinen Sitz zurück/ und der Bcifalllärm der Versammlung kann jetzt unaufhaltsam hervorbrechend Wir geben keine der Brougham'schcn Reden in ihrer ganzen Ausdehnung; und hoffentlich wisscn's die Leser uns Dank. Denn ich wenigstens begreife nicht/ wie Jemand es über stch gewinnen könnte/ eine Rede zu lesen/ die/ wie z. B. die folgende erste/ den Zeitraum von sechs Stunden erforderte/ um nur gesprochen zu werden. Wir hoffen vielmehr durch die gegebenen Proben aus drei verschiedenen Reden die Vielfältigkeit und Größe unsers Redners in ein helleres und ansprechenderes Licht zu stellen/ als wenn wir eine vollständige Rede über nur Einen Gegenstand gegeben hätten. Das erste Bruchstück ist der Schluß einer Rede für Verbesserung des englischen Gerichtswesens. In feiner früheren Stellung als RechtSanwalt/ und nachher als StaatSkanzlcr hatte er alle Gelegenheit/ die zahllosen/ zum Theil tief empörenden Miß- bräuche des englischen Gerichtswesens kennen zu lerne»/ und in seinem glänzenden Vertrag weist er alle diese Gebrechen durch Urkunden und Thatsachen nach. Das wesentlichste Mittel zur Abhülfe findet er in der Einsetzung von Lokalgcrichtshöfen unter der Beauf- fichtigung der drei Obergerichtc in Wcstminster/ und nicht minder in der Einführung von FriedenSgcrichtcn/ vor welchen die Partheien ohne Zulassung von Anwälten gehört werden sollen. Seinen Antrag auf Reform der Justiz schloß er nun mit folgenden Worten: Ich will das Haus der Gemcincn von England also anreden: Ihr könnt Euren Namen auf die Nachwelt bringen durch ein Werk der Gerechtigkeit und des Segens, wie eS sich niemals irgend einem Parlamente innerhalb dieser Mauern dargeboten hat. Ihr wäret Zeitgenossen des grössten Eroberers unsers Jahrhunderts, der Italien eroberte, Deutschland und die Welt erschütterte; gedenkt, daß er alle seine Siege gering achtete gegen ein Werk *), ähnlich dem, Das unter dem Name» bekannte Werk umsaßt S Gesetz, buchen 0-- -i", rn.Ic«): das bürgerliche Gesetzbuch/ oder das angcmcine Landrccht, das Handelsrecht/ das Strafgesetzbuch/ die bürgerliche und die Criminal, Prozeßordnung. Wie man auch von dem absolulcn Werth dieser Gesetzbücher urtheilen möge/ sie bleiben eins der schätzbarsten Denkmäler der kaiserlichen Regierung. Sie sind aus dem Geist der Zeit und des Volks hervorgegangen; in sind der Schlußstein der Revolution/ in- welches wir jetzt beginnen und vollenden sollen. Ihr habt eü erlebt, wie er, von dein Wankelmntbe des (Glucks ermüdet, zuletzt nur Eine Art des Ruhmes probchaltig fand: „Mit meinem Gesetzliche in der Hand," rief er aus, „werde ich auf die Nachwelt übergehen." (Hort, hört!)* * **) ***) ) Im offnen Felde habt Ihr diesen Mann überwunden; nun ist cS an Euch, ihn in den Künsten des Friedens zu übertreffen. ( Hört, hört! ) Den schimmernden Ruhm der Zeiten des Prinz-Regenten Georg, soll nun der milde und dauerhafte Glanz der königlichen Regierung Georg des Vierten") noch überstrahlen. (Großer und langanhaltender Beifall). Mögen die Schmeichler unserer Eduarde und Heinriche"*), sie als die Iustiniane ihrer Zeitalter gepriesen haben; die aufrichtigsten und weisesten Freunde der Wahrheit, werden mit ganz anderer Berechtigung diesen Lobspruch einem Monarchen ertheilen, unter dessen oberster Leitung das von mir, in viel zu schwachen Worten empfohlene Werk, mit Bcipstichtung seiner Minister und Bestätigung seines dem sie befestign, was in den Bestrebungen derselbe» Vernunftgemäßes war, aber auch zugleich ausstoßc», was die Schranken des Naturgemäßen und Ausführbaren „derschriit; stc baden eine Ordnung, .Klarheit und Sicherheit in das Gerichtsverfahren gebracht, wie f,e leider so vielen deutschen Ländern noch sehlen, *) Das englische Ur-r in»,: die bekannte varlamcntarische Maknung zur Auf, ^ mcrksauikcit. Ich wurde «der s,c Vier kein Wort zu verliere» baden, wenn »ich! die Bedeutung derselbe» durch die Abgeschmacktheit einiger deutscher e-chrisiftcllcr in etwas verdunkelt worden wäre. .Diese, ohne Zweifel im Bewußtsein, welche Wirkung ihre Darstellung auf den Leser hervorbringe» müsse, suche» diesen zuweilen bei ihnen wichtiger dünkenden Stelle» durch ein bedeutungsvolles: l.r-r bim! aus dem Schlummer zu werken. Im englischen Parlament hingegen hat diese Sitte ihre» guten Grund. Bcarcisljch kann auch das unermüdlichste Parlamentsglied nicht in jedem Augenblick und für. jede Sache volle Aufmerksamkeit aufwenden; auch ists in einen, Saal, den mehr als bül) Personen füllen, manchmal begreiflicher Weise so belebt, daß der Redner kaum von sc,ncc nächsten Umqebung verstanden wibd Da ists denn wohl an seinem Plag, auf auf eine gefallene gute Bemerkung durch ein vernehmliches: i>°-, m-! die allgemeine Aufmerksamkeit zu lenke» und Stille zu crwerkcn. **) Der Prinz Regent war 58 Jahre alt, als er t82i> als Georg iv den Thron bestieg. Er hatte also den Wjährigcn Krieg gegen Frankreich, dessen Ende allerdings ausserordcnilichcn Glanz auf Großbritannien warf, mir erlebt, und als Regem (von >8l t an) mit geleitet. Eine feinere und edlere Schmeichelei konnte wohl nicht leicht dem Ädnig gesagt werde». ***) Heinrich , cvon ,1l)v—-ttää) gab der Nation den s. g. Frciheitsbricf, und ließ die alten Gesetze der Sachsen und Angeln sammeln. Heinrich il (lt72) erwarb V>ch »n, die Gesetzgebung Verdienste durch die Confti>uiivn von Clarendon Heinrich ui ,,gu») s„atc der Maqna Charta einen Frei. briet von .1/ Artikeln bei, welche die eigentliche Grundlage des englischen StaakSrechts bilden. Eduard , (l2,'2) ordnete das Rechjswesen und die beiden Lauvkgucllen desselben; die <:a,,.>«»» l -v». oder die Freien, aus der Praris und Gewohnheit hervvrgcgangncn Rechissvruche, und die tzu-t»,- i,.v>. , welche durst« die verschiednen Freibriefe und Gesetze begrün, det wurden. Er beißt vorzugsweise der Jusiinian der Engländer. Parlaments, vollbracht werben wird. Möchten die Minister rüstig an diese Arbeit schreiten, und sie standhaft znin Ziele führen; Kronen und Scepter gewähren, in meinen Augen, keine schöneren Vortheile, als daß sie ihre Jnliaber und Träger für Werke der Erhaltung, für Werke einer mächtigen und wcitgrcifcnden Liebe ausrüsten; daß sie daS Her; für die öffentliche Wohlfahrt, statt für Eroberungen und Gewaltthaten bewaffnen. Es war der Ruhm des AugustuS, und es warf einen Lichtstrahl durch die Wolken von Tyrannei und Treulosigkeit, die seine Regierung verdunkelten, — daß er Rom in Ziegeln gefunden, und in Marmor hinterlassen hatte. Welch andrer Ruhm erwartet unsern König, wenn das große Werk zu Stande kommt, und es von ihm heißen wird: daß er das Recht als eine theure Waare vorgefunden und wohlfeil hinterlassen hat; (hört, hört!g daß das Gesetz ein versiegeltes Buch war, und durch ihn eine Schrift des Lebens geworden ist; (hört, hört!) daß er es als ein Privilegium des Reichen vorgefunden, und als ein Erbe des Armen hinterlassen hat; (hört, hört!) daß es ein zweischneidiges Schwert in der Hand der List und der Unterdrückung war, und durch ihn ein Stab für die Tugend, ein Schild für die wehrlose Unschuld geworden ist. (Lauter Beifall). Mir, der ich oft über diesen Gegenstand nachgedacht, hat immer geschienen, daß es kein Verdienst gibt, welches der Bewerbung und des Ehrgeizes eines rechtschaffenen Mannes würdiger, und überhaupt wünschcnswerther wäre, als das, die Aufmerksamkeit der brittischen Gesetzgebung, wenn auch von der demüthigsten Stellung aus, auf diese großen Gegenstände gerichtet zu haben. Dieses Bewußtsein würde ich weit höher schätzen, als eine Stelle im Ministerium, deren Einfluß mir beschwerlich fallen würde, und deren Emclu- mente für mich leinen Werth haben, da ich mich mit meinen übrigen gcwerbstcißigen Landsleutcn gern bei dem Brode begnüge, welches mir die Arbeit meiner Hände gewährt. Was die Macht betrifft, mit welcher eine hohe Stelle ihren Inhaber bekleidet, und die ihn nichts desto weniger, wie man sich richtig ausgedrückt hat, „zu einem dreifachen Sklaven macht," so habe ich beinahe ein halbes Jahrhundert gelebt, und mich hinreichend davon überzeugt, daß der wesentliche Werth dieser Macht auch nur in der Gelegenheit besteht, die sie darbietet, unsern Mitbürgern zum Genusse dessen zu verhelfen, was ihnen von Gottes und Rechts wegen zukommt. Diese Art der Macht besitze ich aber schon, den Beschwerden meiner Landslcute abzuhelfen, vermag ich ohnedies, sei es als ihr Fürsprecher in diesem Hause, sei es als ihr Anwalt außer den Staaksreden. litt Mauern desselben; diese Macht kann nur keine Stelle iin Ministerium ertheilen, und kein Ministcrwechsel *) nehmen. (Lang anhaltender Beifall). Ich bitte daher um die Erlaubniß, antragen zu dürfen, „ daß Sr. Majestät eine ehrfurchtsvolle Adresse überreicht werde, mit dem Ansuchen, daß die Anordnung einer Kommission zur Untersuchung der Mangel, welche sich mit der Zeit oder auf andern Wegen in die Gesetze des Reichs und in die Gerichtshöfe des gemeinen Rechts Angeschlichen haben mögen, und der dagegen anzuwendenden Maaßregeln, — beliebt werden möchte." II. ES ist unleugbar/ daß die schonungslose Weift/ mit der Broug- ham seine geistige Uebcrlcgcnhcit in dem Oberhauft geltend zu machen pflegte, nicht selten dazu beigetragen hat, seine Gegner zu reizen, und den erbittertsten Widerstand gegen seine Vorschläge aufzurufen. Wir geben iir der folgenden DiScussion eine Probe seiner Ironie und seines beißenden SareaSmuS. Am to. Dcc. t830 hatte Lord Napier bei Ucbcrrcichung einer Petition gegen die Negersklaven den allerdings crwaS sonderbaren Vorschlag gemacht, es sollte sich eine Comirtcc des Hauses nach Wcstindien begeben, um sich durch eignen Anblick von dem Zustand der Dinge zu überzeugen. Er wolle gerne selbst Mitglied dieser Comittee werden, und er sei überzeugt, manche edle LordS würden beweisen, wie willig sie Alles für die Sache thäten, die sie so oft mit Reden vertheidigt hätten. Hierauf erhob sich Graf Stanhopc, ein Gegner der Reform, und machte in den folgenden Worten noch einen Zusah zu dem Antrag NapierS, was reglemcntSwidrig ist, da ein Antrag erst dreimal zur Abstimmung über seine Erheblichkeit muß gebracht worden sein, bevor auf das Einzelne, sowie auf Zusätze näher eingetreten werden kann. Stanhope sprach: Ich möchte diesem Vorschlag die Bemerkung beifügen, daß wenn die erwähnte Comittee ernannt würde, der edle und gelehrte Lord auf dem Wollsack (Brcugham) gewiß vor allen Andern die geeignetste Person wäre, als ihr Vorsitzer mit ausgesendet zu werden. (Gelächter.) Ich mache diesen Vorschlag, weil der edle und gelehrte Lord in der ersten Rede, die er in diesem Hause hielt"), äußerst feierlich erklärte, eine der beiden Fragen, die er für höchst *) E>nc beachtenswertste Feinheit des Ausdrucks. Es ist nnvarlamentarisch, sogar uneonstunttoneu, i» einer beschrankte» Monarchie den Namen des Monarchen mit in die Debatten z„ ziehe», da dir aanze Verantwortlichkeit aus deut Minister ruht, und kein Erlast des Fürsten ohne die tzontrastgnatur des Ministers «rast oder Gültigkeit hat. Der Gedanke: ..diese Macht kaun mir kein Monarch nehmen«, jg daher in olngcr Weise sehr gut ausgedruckt. ") S'.ac»dc,n er als Mitglied des Greyschen Ministeriums mit der Würde eines pordkanzlcrs und somit des VorstycrS im Sberhause bekleidet worden war. Brougham. IN wichtig halte, sei die Abschaffung der Sklaverei. ES ist daher nicht unwahrscheinlich, daß der edle und gelehrte Lord eine Fahrt nach Westindicn zu den höchsten Pflichten seines AinteS zähle. Ich will hiebet die Wahrheit jenes paradoxen Satzes nicht näher untersuchen, sondern blos bemerken, daß es gerade so viel ist, als wenn man sagte, man müsse, wenn das eigene Haus in Flammen stehe, es sür seine höchste Pflicht halten, nach andern entfernten Häusern zu laufen, um das Feuer zu löschen, daS daselbst auSbrechen könnte. (Hört! hört!) Der Lordkanzlcr erwiderte: Mylcrds, ich würde, da ich das Unpassende des Abschwcifens der Diskussion fühle, gewiß in diesem Augenblick nicht das Wort ergreifen, wenn mich nicht der edle Graf dazu nöthigte. Nichts, nicht einmal der Zauber seiner Beredsamkeit, oder der Mangel an Artigkeit von Seite deL edlen Grafen, hätte mich veranlassen können, die gewöhnliche Geschäftsordnung, die von Allen beobachtet werden sollte, zu verlassen, wäre ich nicht aus eine so persönliche Weise aufgefordert worden, daß dies mich entschuldigen wird, wenn ich einen Augenblick von der gewöhnlichen Bahn abweiche. Der edle Graf beschuldigt mich, paradoxe Dinge behauptet zu haben. (Hört! hört! von Graf Stanhope.) O ja, gewiß, der edle Graf wird für jeden Ausdruck stehen, den er einmal gebraucht hat, so absurd er auch sein mag. Ich schmeichle mir nicht, daß er irgend eine Sache früher aufgibt, als bis schon lange Jedermann sonst von Leren Absurdität überzeugt ist. (Hört!) Ich sehe mich aufgefordert, etwas zu vertheidigen, was der edle Graf ein Paradoxon nennt, und er scheint zu glauben, daß ein paradoxer Satz ein Ding ist, gegen das ein Ehrenmann nothwendig zu Felde ziehen müsse. Als ein solches Paradoxon wirst mir der edle Graf die Ansicht vor, die ich über die westindische Frage ausdrückte, indem ich sagte, sie sei von höchster Wichtigkeit, und er meint, ich hielte eS, wenn das Feuer uns üben» Kopf brennt, für klug, nach fernen Gebieten des Reichs zu wandern, um Elend aufzusuchen. Ich mag in dem Ausdruck, den ich wählte, unglücklich gewesen sein; ich mag vielleicht in einer etwas übertriebenen Weise gesprochen haben z dies ist ein Unglück, das allen Leuten begegnet, die mir der Ueberzeugung, von der sie durchdrungen sind, auch das Gefühl ihrer Zuhörer erwärmen möchten. Was ich unter dem Ausdruck „höchste Wichtigkeit" verstand, ist, daß es, unsre Noth zu Hause mag sein wie sie will, unabweisliche Pflicht einer weisen und guten Regierung ist, Gerechtigkeit zu üben. Dies nenne ich 112 Staaesreden. eine Pflicht von vor höchsten Wichtigkeit. Der edle Graf meint, ich sollte die westindische Eomittee begleiten, von der ich nicht weiß, ob noch andre Minister, von den Exministcrn*) oder den gegenwärtigen, mitgehen würden. Ob es zum Vortheil derer wäre, deren Prozesse vor dem Kanzleihofe anhängig sind, und von denen sich manche wo nicht in Feuers- doch in HungcrSnolh befinden, ob cS zum Vortheil dieser Personen wäre, wenn ich die Pflichten meines Amtes verliesse, um mit der Eomittee nach Wcstindicn zu fahren, davon hat der edle Graf kein Wort gesagt; wenn er mich aber fragt, ob ich Lust habe, mit dieser westindischen Eomitte abzusegeln, so muß ich zuerst wissen, ob ich in Gesellschaft mit ihm ginge (Gelächter), und ob ich auf der Fahrt wie hier in England das Vergnügen hätte, von ihm alle Tage vier Reden über al?e möglichen Dinge zu hören. Wenn ich einige Bürgschaft habe, daß ich von ihm auf dem ganzen Wege dieselben Reden hören werde — denn darauf muß ich mich verlassen können — wenn der edle Graf mir diesen unaussprechlichen Genuß verschaffen, und mit mir in dasselbe Schiff, ich will nicht sagen in dieselbe Kammer gehen, wenn er in seinen Beweisen dieselbe Kraft und dieselbe angenehme Wiederholung zeigen will, kurz, wenn die Schwäche seines TonS und die Stärke seiner Argumente mich begleiten werden auf der langen Fahrt; wenn ich, sage ich, über alles dies Gewißheit habe; dann will ich ihm, als guter Richter, sagen, ob ich gehe oder nicht; denn ehe ich eine vollkommene Kenntniß von dem Thatbestand besitze, kann ich mit gutem Gewissen kein Urtheil.darübcr abgeben. Diese Rede, die Brougham mit seiner gewohnten Lebendigkeit vortrug, ward von den Lords mit lautem Beifall und Gelächter aufgenommen. Graf Stanhope blieb stumm. III. Unter den mehrfachen EmancipationSfragen, welche die neuere Zeit zu lösen sich zur Ausgabe gestellt hat, ist die Emancipation der Juden keine der unwichtigsten. Wie die Religion schon gar häufig den vcrabschcuungSwürdigstcn Greueln ihren Namen leihen mußte, so diente sie auch einem Verfahren zum Schild und Deckmantel, durch das eine Nation von mehreren Millionen der allgemeinen Etaatsbürgerrcchle, wo nicht gar heiliger Mcnschenrechte für unwürdig erklärt wurde, ohne fie darum jedoch von Bürger« und Mcnschcnpflichten frei zu sprechen. Während das christliche Europa Thränen des Mitgefühls weinte für die griechische Nation, die hauptsächlich um der Verschiedenheit ihres Glaubens willen von den Tür« ") Smnhopc qebörle z» diesen. Brougham. 113 ken mit. der bekannten Barbarei behandelt wurde/ stand cS nicht an, aus den gleichen Gründen — religiöser Intoleranz — da§ arme Judcnvolk in den Stand des rechtsloscstcn Hclotismus hinauszu- stoßen. Alle edleren Menschen vereinigten schon längst ihre Bemü. hungen dahin, diesen Flecken aus' der Geschichte unsrer Zeit zu tilgen; und Gott sei Dkink, nicht ohne Erfolg. In dem englischen Parlament freilich, wo neben der in Vor- urtheilen eingerosteten Aristokratie noch eine in weltlicher Hoheit und übermüthiger Herrschsucht vcrsunkne Staatskirche ihre Zustimmung zu ertheilen hatte, war im Jahr t8ZZ noch kein günstiger Erfolg zu erwarten. Zahlreichen Petitionen der ausgezeichnetsten Städte, der beredten Stimme eines Brougham, Melbourne, Haw- ben, Go-sford ungeachtet, drang der Einfluß des Herzogs von Wellington und des Grafen Winchelsca, des Erzbischoss von Canter« buri und des Bischofs von London durch, und der Vorschlag zur -weiten Verlesung einer im Oberhaus eingebrachten Bill für Emancipation der Juden, d. h.-für ihre bürgerliche Gleichstellung mit den Christen, wie in den Pflichten so auch in ihren Rechten, fiel durch mit 104 Stimmen gegen 54. Es ist kein Zweifel, daß auch das Oberhaus einer Reform entgegen sieht; wird dieses wichtige Ercigniß eingetreten sein, so darf sich dann gewiß auch diese Frage einer besseren Aufnahme erfreuen. Die DiSeussion übrigens zeigte, daß, was man auch anderwärts bemerken kann, gerade die Männer sich zu den eifrigsten Vertheidigern der, ihrem Vorgeben nach in Gefahr gebrachten Religion auswarfen, die durch Sitten und Grundsätze sie am meisten zu verleugnen gewohnt waren, die aber darum noch an einen Werth der Religion und Kirche glauben, weil ihnen diese ein Mittel mehr zu sein scheint, das freie Aufstreben des Volks- gcistes darnieder zu halten. So äußerte Graf Win eh cl sea: „das Princip der vorliegenden Bill sei so ruchlos und gotteslästerlich, daß sie schon beim erste» Verlesen mit Verachtung hätte zurückge- wiesen werden sollen. Denn die Juden seien Verächter und Krcu- zigcr des Heilandes. Das jüdische Volk stehe auf Erden da als ein Denkmal der strafenden Gerechtigkeit Gottes. Warum? weil sie Gott verleugnet hätten. Ihre Herrlichkeiten möchten darum ihrem Lande und ihrem Gott (!) zeigen, welchen hohen Werth sie auf ihre Religion setzen, indem sie die vorliegende Bill verwürfen." Der Herzog von Gloecster (im Mannsstamm von königlichem Gcblüte) erklärte, daß er die Frage so, gestellt betrachte: ob nämlich das Haus der Pairs das Christenthum im Namen der Nation verleugnen wolle, oder nicht? und ob das Christenthum die Religion der Nation bleiben solle, oder nicht? Brougham erbob sich, und nachdem er die an ihn gerichtete Frage, ob die Juden sich in gleicher Lage, wie die -Katholiken politisch und rechtlich befunden hätten, aus der Geschichte und den Gesetzen bejahend beantwortet hatte, sprach er: Es ist ein in der StaatSweiSheit allgemein zugestandener Grundsatz, daß Niemand um seines religiösen Glaubens willen von dem 8 Staatsxeden. tt4 Genusse irgend eines bürgerlichen NechtS ausgeschlossen werden dürfe. Nur wenn nicht anders als durch temporäre Suspension der natürlichen Rechte der Unterthanen die Konstitution des Landes gerettet werden kann, ist die oberste Gewalt berechtigt, dies für eine beschränkte Zeit zu thun. Ist aber die Gefahr vorüber, so muß auch die Beschränkung aufhören. Läßt man sie fortbestehen, so ist eine der schlimmsten moralischen Folgen die, daß gewissenhafte, redliche Männer ausgeschlossen, Heuchler und Gewissenlose aber eingelassen werden. Wir schließen die Juden aus, weil sie nicht an den Sohn glauben, aber wir öffnen die Thore denen, die weder an den Sohn noch an den Vater glauben. Mit asten unsern Gesetzen erreichen wir weder die Leisten, welche die Schrift venoerfen, noch die Atheisten, welche alle Religion verwerfen. Die frivolsten NeligionSspötter fanden Zutritt nicht blos zu beiden Häusern des Parlaments, sondern auch zu dem Hause des Königs und m den höchsten Staatsstcllcn. Lord ShasteSbury und Lord Volingbroke *) schwuren den Eid „nach dem wahren Glauben eines Christen," obgleich alle Welt wußte, daß sie so wenig als die Juden an die erhabenen Lehren des Christenthums glaubten. WilkcS**), obgleich von einem unsrer Gerichtshöfe der Gotteslästerung schuldig befunden, fand doch in diesem Urtheile kein Hinderniß seines EintrittS in das HauS der Gemeinen. Seine Wähler sendeten ihn wieder inS Parlament, und er schwur „auf den wahren Glauben eines Christen," — ein Benehmen, dessen sich ein gewissenhafter Jude gewiß enthalten haben würde. Die Engländer thun sich vor allen andern Völkern viel auf ihre Religion und ihre Gewissenhaftigkeit zu gut, gewiß aber ist nur, daß sie, wenn nicht das moralischste Volk sind, hoch am meisten Selbstzufriedenheit mit ihrer Moralität besitzen. (Gelächter.) Als Gesetzgeber sollten wir eine solche Frage mit Ruhe und Mäßigung beurtheilen, statt nach dem Handbuche der Inquisition zu greifen, und in dem Geiste zu verfahren, der alle Theile jenes vcrabschcuungSwerthcn Verfolgungokodcp durchdrängt. Es ist immer das alte Lied, jeden Glauben, der von dem unsrigcn abweicht, als gotteslästerlich zu verschreien; alles, waS wir *) Volingbroke, einer der geistreichsten Sckrislsieklcr und Staatsmänner Englands, halte heftige Angriff- ant das Chrlstcnrhum gemacht; diese seine Schrift wurde von der großen 2urv von Wcssminstcr als der Rc> ligion, den Sitten, dem Staarc und der öffentliche» Nutze gleich gefährlich verdammt. Sei» Zeitgenosse war Graf StzattcSbur» (starb 17I.D, gilt noch sich einen der englischen Klassiker; auch er war Anhänger der s. g. natürlichen Religion. ") Ueber Wiltks s. dt« Einleitung zur zweiten Rede Pitl«. Brougham. 115 glauben, scheint uns die Wahrheit, während wir den Glauben der Andern für nothwendig falsch halten. Auf diesen Grundsatz ist die ganze Phraseologie gegründet, die man heute über den Vorschlag ausgießt, der aus unserm Gesctzbuche die letzten aus religiösen Gründen getroffenen Ausschließungs - und Strafbcstimmungcn verschwinden lassen mochte. Reden über die Pablameritürefornr. ES gab eine Zeit, w» man, durch Montesquieu verleitet, die Constilution Großbritanniens als das höchste Ideal einer Staats« Verfassung, das der menschliche Geist zu entwerfen im Stande sei, feierte. Freilich hat^c die Sache viel Blendendes, zumal für ein Geschlecht, das über Staat und StaatSeinrichtungen nachzudenken erst anfing. Die künstliche Dcrtheilung der drei Gew.altcn, die eigen« thümliche Stellung des Adels zwischen Polk und Thron, der hohe Grad persönlicher Freiheit neben dem Glanz eines wahrhaft großartigen Reichthums', und einer durch die Alleinherrschaft zur See erworbenen riesenhaften Nationalmacht: dies Alles konnte wohl, aus gehöriger Entfernung angesehen, einen imponirend-.n Eindruck im Beschauer zurücklassen. Die seit dem Juli 1830 mit erneuter Energie erstrebte, und durch der Nation energische Mitwirkung stcgreich erkämpfte Reform des Unterhauses hat den mystischen Schleier gelüftet, und uns ein Staatsgebäude enthüllt, das auf morschem Fundamente ruhte und dem nahen Zusammensturz entgegen ging, wenn nicht zeitig die von Grund, aus bessernde Hand angelegt wurde. Diese ParlamcntSrcform war im Laufe der letzten 50 Jahren 25 mal, aber stets' vergeblich beantragt worden, unter Andern drei« mal durch Pitt, dreimal durch Grey, viermal durch FranciS Bürdet, fünfmal durch I. Ruffel. Endlich ward fie unter dem glor« reichen Ministerium Grcy'S, dem Wellington hatte weichen müssen, durchgesetzt, vorerst nur für das Unterhaus'; aber eS ist kein Zweifel, daß das' Oberhaus und die hohe Geistlichkeit den gerechten Forderungen der Zeit nicht länger mehr werden Widerstand leisten können; denn die Mißbräuchc find hier wo möglich noch empörender, als dieselben in dem Unterhaus gewesen. Drei Hauptgcbrechen sind es vorzüglich, denen durch die Reform des Unterhauses abgeholfen werden sollte: . 1) die fehlerhafte Eintheilung der Wahlbc« zirke, 2 ) die Ungleichheit des Wahlrechts', 3) die schaamlosesten Bestechungen bei den Wahlen selbst. Das Fehlerhafte bei der Eintheilung der Wahlbezirke lag darin, daß jede Grafschaft — eine uralte politische Abtheilung — eine gleiche Anzahl von Abgeordneten zu wählen hatte, während doch die Staatsreden. tltz Bcvölkerungsvcrhältnisse im Lauf der Zeit sich ausscrordentlich ge. ändert hatten; so hatte die Grafschaft Rutland 20,000 Einwohner; Nork mehr als eine Million, also das Fünffache. Die Ungleich» heit des Wahlrechts machte sich noch fühlbarer und war der Hauptgrund der Korruption des Parlaments. In den meisten Grafschaften nämlich haben die reichen Adelsfamilicn das Ernennungsrecht. Oft theilen zwei Familien sich in den Besitz einer Graf- schaft, dann ist die Wahl gewöhnlich das Ergebniß ihrer Verabredung. Auf diese Weise werden 150 Dcputirte von beiläufig 20 Familien fürs Parlament ernannt. Die Herzoge von Norfolk, Devonshirc, Newkastle und Portland erwählen jeder zehn Mit- glicder, andre zwölf, einige sogar fünfzehn. Verfallne Flecken (rntten Koron^i/i), die einst Städte oder Burgen waren, jetzt aber auf die Trümmer eines einzigen, nur noch des Wahlrechts wegen untcrhaltnen Hauses herabgcsunken sind, wie z. B. Gallon und Old Sarum, schicken ihre.Dcputirtcn ins Unterhaus, während die erst später aufgeblühten herrlichsten Handelsstädte, von mehreren Hundcrttauscndcn bewohnt, ohne jeden Vertreter sind. Don den äo Grafschaften stehen kaum 10 unabhängig da: das entehrendste Gewerbe des Handels mit den Stimmen treibt hier wie in Schott- land sein Wesen; und dieses System der s chaamlo festen Be- stechung haben wir nun noch zu schildern. Will eine reiche Äor« poration, oder sonst irgend ein Verein sich ein Gewinn bringendes Monopol, oder eine andre Vergünstigung verschaffen, so kauft sie sich nur eine Anzahl von Stimmen, und setzt mit ihnen im Parlament Maßregeln durch, die nur zur Befriedigung ihrer Selbstsucht dienen, das Nationalintcresse oft tödtlich verletzen. Jahre lang zuvor bemüht man sich, in den verfaulten Flecken, oder an den Orten, wo wenige Wahlberechtigte sind, um die Gunst der Wähler, und kein Nang, noch Ehrgefühl hält die Käufer ab, den Gemeinsten zu schmeicheln, und sie zu bestechen. Kommt die Zeit der Wahl, so verwandelt sich das ganze Land in einen Markt, wo oft gegen große Summen die Hülfsmittel zur Unterdrückung der Masse des Volks und die Waffen des schändlichsten Eigennutzes feil geboten werden. Eigene Stimmcnmäckler durchziehen die Orte, versichern sich der Voten, und bieten nun die Parlamentssitze einzelnen Liebhabern, oder der Regierung an, die sie dann entweder für einträgliche Aemter im Tauschhandel, oder gegen baare Bezahlung ersteht. Hierbei nimmt man oft zn den lächerlichsten Aushülfen seine Zuflucht, um die Gesetze gegen Bestechungen zu umgehen; die ganze Lächerlichkeit und die sinnlose Pedanterie der englischen Gesetze kommt zum Vorschein. So kauft man z. B. von den Stimmhabern ganz unbedeutende Dinge um enorme Summen, und es ward oft erlebt, daß ein dürrer Hammel, eine Katze, oder ein Stachelbeerstrauch mit 2 — 3000 Pf. bezahlt wurde. Die Behörde hatte keine Macht, solchen Käufen zu wehre»; denn es steht nirgends geschrieben, daß man eine Katze nicht um 3000 Pf. fcil bieten oder kaufen dürfe; und ist gleich Alles überzeugt, daß die Katze das bloße Mittel der schändlichsten Gesetzesumgehung ist, so wird doch der Buchstabe des Ge- L'C onn ell 417 setze; gehandhabt: es darf eine Katze um jeden Preis verkauft werden. Machr nun der Verkäufer dem Käufer mit seiner Stimme ein freiwilliges Geschenk/ so ist das wiederum nicht verboten. Line der grellsten derartigen Erscheinungen bot eine der letzten Wahlen in der großen Stadt Liverpool dar. ES ward nämlich in der Nähe des HustingS (Ort der Wahlversammlung) eine Mauer errichtet/ mit zwei kleinen runden Ocffnungcn/ über denen ein II und cinv standen. Sobald ein Wähler seine Stimme gegeben hatte/ ging er zur Mauer und steckte seine Hand durch eine der Ocffnungcn/ durch L, wenn er für Ewart/ durch l)/ wenn er für Dennison stimmte/ und empfing von unfichtbarcr Hand die bedungene Summe. Denn es gibt kein Gesetz/ das verbietet/ eine Hand durch eine Ocffnung in eine Mauer zu stecke»/ oder Geld in diese Hand zu legen/ und da der Geber und der Empfänger schwören können/ daß sie einander nicht gesehen/ noch gesprochen habe»/ so können sie nicht vcrurtheilt werden. Diese Wahl EwartS hatte über SO/OOV Pf. gekostet/ die theuerste nach der Wahl des Lord Milton in Vorkshire 1807/ die auf 130/000 Pf. gekommen war. Wer könnte sich nun noch wunder»/ wenn ein durch solche Mittel zusammengebrachtes Parlament oft die heiligsten Nationalinteresscn schaamloS verrieth/ wer/ daß eine Schuldenlast dem armen Volke aufgebürdet wurde/ die nur in einen übersichtlichen Begriff zu fasse»/ menschliche Kraft schon übersteigt/ und deren Abtragung durch Alles auf der Erde vorhandne Geld nicht möglich wäre,? Wer sollte nicht begreifen/ daß das Gefühl seines Elends mit jedem Tag lebhafter und brausender in dem Volke wurde/ bis es sich endlich in dem HoffnungS- und Verzweiflungsruf: »Rc- form/ Reform!" Luft machte; und als eine große Wohlthat der Vorsehung ist's anzusehen/ daß sie das Herz des Königs stark machte gegen die Einflüsterungen und ReaktionSplanc der Königin und der Aristokratie/ so daß Grey/ unterstützt von Broughai»/ Ruffel und allen Freisinnigen das schöne Werk zu Stande brachte/ und dadurch dem Ausbruch einer Revolution vorbeugte/ die an furchtbaren Schrecken noch die erste französische überboten haben würde. Wir können hier den Gang der durch das Jahr 1831 und 1832 sich hindurchziehenden ParlamcntSverhandlungcn nicht weiter verfolge«/ und begnügen uns hier mit den zum Verständniß der drei nachfolgenden Reden nothwendigen Bemerkungen; wer aber über den so interessanten Vorgang nähere Belehrung sucht/ den verweisen wir auf die Supplemcnthefte No. II und III des Jahrs 1831 von der „Geschichte unsrer Tage"/ Stuttgart 1832 — ein wohlfeiles und gut geschriebenes Büchlein. Unsre erste Rede sei die des großen Agitator Daniel O'Corrnell. Dieser wunderbare Mann/ gleich vergöttert von seiner Parthci/ wie gehaßt und geschmäht von der seiner Gegner/ hat sich einen Einfluß auf das Schicksal Irlands'/ ja Großbritanniens selbst zu verschaffen gewußt/ und zwar blos durch die Kraft seines Geistes und die Energie seines Charakters, wie ihn kein Minister, man 11» Staat-reben. darf sagen der König selbst nicht besitzt. Denn von der Liebe des Volks erhoben/ von seinem Vertrauen getragen herrscht er über die Herzen seiner Iren mit einer solchen Allgewalt/ dasi es in der That in seiner Hand ruht/ ob Krieg oder Friede/ ob Unterwerfung oder blutiger Aufstand das Losungswort dieses JnsclvolkS sein solle. Trotz aller Schmähungen »hat der große Mann seine Mäßigung bewährt/ und es ist nicht,zu bezweifeln/ daß es ihm auf friedlichem Weg gelingen wird/ den gerechten Forderungen seiner so tief miß« handelten Nation Gehör zu verschaffen. Daniel O'Conncll war 1774 von katholischen Eltern in der Grafschaft Kerry/ in Irland/ gc, boren. Genealogen bringen seine Familie mit einem alten irländischen Fürstenstamme in Verbindung. Zum geistlichen Stande bestimmt/ widmete er sich in der Zesuitcnschule zu St. Omcr dem Studium der Theologie. Doch er war zu Größerem bestimmt/ und wandte sich zur Jurisprudenz. Seit 1798 Sachwalter in Dublin erlangte er bald den Ruf eines vorzüglichen Redners und Vertheidigers vor Gericht. Die schmähliche Behandlung und Zurücksetzung/ die das katholische Irland von England erfuhr/ beleidigte sein National- gefühl/ und entstammte ihn zu den energischsten Schritten. Er suchte in Vereinen die Aufhebung der Union Irlands und Englands/ sowie der dem Katholicismus feindseligen Gesetzgebung zu erwirken. Hier geschah es/ daß er von einem Verfechter der protestantischen Sache äuf öffentlicher Straße in Dublin tief beleidigt/ denselben forderte/ und im Zwcikampf erschoß. Dieser Vorfall wirkte so erschütternd auf ihn/ daß er von da an keine Herausforderung mehr annahm/ zu denen es an Veranlassung in ssinem politischen Leben niemals gefehlt hat. Als Wellington und Pecl 1828 ins Ministerium traten/ da stellte sich O. mit seinem Freunde Shicl an die Spitze des Vereins für die Emancipation der Katholiken; und ihrer Be- mühung vorzüglich war der Sieg in dieser Angelegenheit 1829 zuzuschreiben; und jetzt eröffnete sich für O./ inS Parlament gewählt/ seine eigentliche/ welthistorische Laufbahn. Im Anfang zwar stets in der Minorität/ sogar noch bei dem reformirtcn Parlament/ wuchs doch sein Ansehen von Tag zu Tag/ und jetzt wagt das Ministerium Melbourne keinen entscheidenden Schritt mehr ohne seine Zustimmung. Seine Volksberedsamkeit ist unwiderstehlich; seinen Parla« mcntSrcdcn fehlt zu sehr die Feile/ und weit wird er hier von seinem Freunde Schiel überstrahlt. Seine ganze Persönlichkeit mahlt sich am lebendigsten in seinen eignen VolkSredcn; auf sie verweisen wir daher/ statt weitere Schilderungen zu geben/ unsre Leser. Sie werden in denselben leicht die bedeutendsten Züge eines großen Mannes entdecken. O./ als Redner/ beurtheilt der/ als Schriftsteller nicht minder/ denn als liberaler ParlamcntSredner rühmlich bekannte Bulwcr in folgenden Worten: „Die Jrländer sind ein Volk/ unter dem bei seiner Lcbhaftig- . keit und feurigen Einbildungskraft die Kunst echter Beredsamkeit dereinst in ihrem höchsten Glänze sich zeigen durfte; das heißt nämlich/ sobald einmal die politische Uebcrrcizung in jenem unglücklichen Lande sich etwas gelegt haben wird. Wir können schon bei O'Conneü O'L o n n e l l. IIS sehen / wie wellig er von der Blumcnübcrfülle und Schwülstigkeit an sich hat/ die die Redekunst seiner LaudSlcutc so eigenthümlich zu bezeichnen pflegt. Seine Hauptkunst liegt darin/ „eine Frage fest. zustellen." Er bringt sie auf den uneinnehmbarsten Boden hin/ den er ausfindig machen kann/ und die Eiscnstärkc seines Verstandes verbirgt sich nur selten unter Fcsttagskränzen. Ungleich Stanley verdankt er die Wirkung seiner Redekunst seinem anscheinenden oder auch wirklichen Mitempfinden aller edlen und großen Gcfühlserre- gungen. Wenn er sich ihnen überläßt/ wie leuchtet da sein Auge/ wie scheint da die ticfcMusik seiner unvergleichlichen Stimme zu stocken/ unsicher zu werden. Es mag dies ein Ergebniß seiner Kunst sein; denn er ist ein hocherfahrncr Meister in seinem Fache/ allein immerhin scheint es Natur. Nie vielleicht brachte er eine siegreichere Wirkung auf seine Zuhörer hervor/ als einmal/ wo er in seiner Erwiderung auf die Rede Stanleys über die irländische Zwangsbill/ von dem Strome heftiger Zornworte/ in den er sich/ wie man nach dem von ihm bisher Gesagten hätte erwarten sollen/ nun ergießen würde/ plötzlich selbst zurückhielt: „Allein der höchst ehrenwerthc -Herr/" sagte er mit verändertem und gcsänftigtcm Tone/ „hat ja erklärt/ daß Irland ihm theuer sei. Ich danke ihm für diese Versicherung. Ich widerruft/ was immer ich Hartes gesagt haben mag; ich unterdrücke/ was immer von noch zornigerer Gefühlsregung mir auf den Lippen geschwebt haben mag. Der Mann/ der mir gesagt hat/ Irland sei ihm theuer / hört auf/ mein Feind zu sein!" Durch die ganze feindliche Mehrheit zuckte eine schmerzliche Bewegung: kaum Einer war unter ihr/ der nicht gerührt schien." Am 7. März 183 t hielt O. nachstehende Rede/ in der er seine Opposition gegen das Ministerium gänzlich bei Seite setzte/ und welche bei allen Gliedern des Hauses den Eindruck tiefer Rührung zurückließ. O. sprach: Die gegenwärtige Verwaltung handelte unklug, ja willkürlich gegen Irland; Holle ich daher bei der Leidenschaft Rath oder liehe dem Vorurthcil mein Ohr, so würde ich manche Gegengründe gegen die von den Ministern vorgelegte Maßregel auffinden können. Der Gewinn aber, den sie dem englischen Volke bringt, gebietet in diesem Augenblicke allen andern Rücksichten Schweißen. Sie legt LaS Gartenmesser an alle verdorbenen Zweige der Konstitution, mit schonungsloser Meisterhand es gegen alle kranken Auswüchse führend, aber alle gesunden Theile unberührt und unverletzt lassend. Die RottenboroughS waren eine offene Verletzung des ersten Prinzips der Konstitution — des Repräsentativprinzips. Wenn daher die Herren sagen, die Maßregel gebe dem Lande, eine neue Konstitution, so möchte ich sie zuerst fragen, ob sie auch wissen, was die alte Konstitution war. Wollte Englands alte Konstitution, daß der Wall von Old-Sarum, oder der Park von (statten oder die Mauerblcnden von Midhurst repräsentirt werden sollten im Hause 120 Etaatsreden. der Gemeinen? Die Gentleman auf der Gegenseite drohen und erheben laute Klage, als ob man unverletzbare Wahlrechte rauben wolle. Ich habe aber nie gehört, daß irgend einem Edelmanne das Recht verliehen worden wäre, Mitglieder in das Hans der Gemeinen zu ernennen, wohl aber hörte ich, daß solche Rechte einst dem Volke verliehen worden, und weiß, daß man dem Volk seine Rechte raubte. 'Wer dein König seine Thronrcchte streitig machen will, wird als Hochverräther behandelt, und als hoher Verbrecher würde angesehen, wer an die Gewalten des Hauses der Lords tastete; ist es aber ein geringeres Verbrechen, die Freiheiten des Volks zu verletzen und die Privilegien des HauseS der Gemeinen zn vernichten? DaS Volk sagt zu den Borougheigenthümern: ihr habt uns unsre Rechte genommen, unsre Freiheiten an euch gerissen, unser Eigenthum geraubt, aber macht was ihr wollt, ihr müßt cS wieder herausgeben. Ich bin anderer Meinung als der ehrenwerthe und gelehrte Repräsentant von Boroughbridge (Wcthcrcll), aber ich ehre ihn als einen Mann von der höchsten Redlichkeit, und dem festesten Charakter, und ich frage ihn, ob er als gewissenhafter Mensch dieses System der Korruption, der Bestechung und des McineidS vertheidigen kann. Die Wahrheit ist, daß das alte System entstellt und verdorben wurde von Denen, die sich jetzt die Miene geben als verehrten sie cö, während die Regierung sich bestrebt, das alte und einfache Gebäude der Eon- ftituticn wieder herzustellen. Die Gentleman auf der Gegenseite haben da und dort einzelne Theile des Gebäudes bis auf die Grundlagen zerstört, wo sie aber auch nur d,ic Trümmer übrig ließen, sollen nun die Bruchstücke wieder aufgebaut werden, die den gesetzlosen Händen der Zerstörer entgingen. Man hat die Bill einen Korporationsraub genannt. Da ich ein NechtSanwalt bin, und etwas von der Ncugicr dieses Standes besitze, so ging ich die Liste der BoroughS, die ihr Wahlrecht verlieren sollen, durch, um zu sehen, wie viele von ihnen denn Korporationen sind oder waren, und da fand ich, daß von den 80 bloß 16 Korporationen waren, unter welch letzteren aber sich keineswegs Boroughbridge befand. Eben so beklagte man sich, daß die Bill willkürlich Wahlrechte aufhebe. Es würde mich freuen zu hören, daß die Gentleman, die diese Sprache führen, mich in meinen Bemühungen zur Zurücknahme der Union") unterstützen wollten (hört! hört! und Gelächter), denn wenn sie glauben, daß die Lcgis- *) Nämlich der 1800 gewaltsam erzwungenen Vereinigung zwischen Irland und Großbritannien durch Aufhebung des irischen Parlament». O'C o n n e l l. 121 lalur nicht das Recht habe, Wahlrechte aufzuheben, was denken sie dann davon, Laß in Irland zweihundert BoroughS durch eine einzige Parlamentsakte ihrer Wahlrechte beraubt wurden? Ließ geschah durch die Union! Nachdem O'Conncll noch nachgewiesen hatte/ wie durch die letzte ParlamcntSbill (bei der Emancipation)/ wodurch die so Schilling« freilassen ihres Wahlrechts beraubt wurden/ die Wcihlcrzahl Irlands beinahe bis zur Wählcrzahl Schottlands rcducnt sei/ fuhr er fort: Es wäre thöricht, von einer Lcgislativunion zwischen Großbritannien und Irland zu sprechen, wenn nicht für letzteres Land noch etwas mehr gethan würde, als hier vorgeschlagen wird. Indessen wird die Bill selbst in ihrer gegenwärtigen Abfassung von unendlichem Gewinn für Irland so gut wie für jeden andern Theil des Reiches sein. Sie wird die geschlossenen korrupten BoroughS öffnen, wie Portarlington, das förmlich auf der Börse verkauft wurde. Lord Portarlington mußte nämlich ein Kapital von 40,000 bis 60,000 Pf. St. aufnehmen, zu einem Zins, der höher war, als das Gesetz erlaubt. Der verstorbene Ricardo (der berühmte Schriftsteller über StaatSökonomie) lieh ihm die Summe, und kam dann in dieses HauS als der chronwerthe Repräsentant von Portarling- tcn. .. Man hat behauptet, eine Wirkung dieser Bill werde sein, daß in Irland der politische Einfluß der Katholiken sehr vermehrt, der der Protestanten aber ganz vernichtet würde. Ich hatte nicht erwartet, daß man auch dießmal wieder zu diesen Waffen greifen werde. Glaubt irgend Jemand, daß man in den geschlossenen BoroughS sich viel um die Religion des Kandidaten bekümmere? Fragte mein vortrefflicher Freund, Sir E. Denny, nach der Religion des Lords des Schatzes, dem er seinen Borough verkaufte? (Gelächter.) Hätte er ihn nicht auch an mich verkauft, wenn ich den gewöhnlichen Preis dafür geboten hätte? Soll denn jede Verbesserung in Irland mit diesem Religionsgcschrci empfangen werden? Wie lange wurde nicht die katholische Emanzipation dadurch verzögert? Wollen wir vor das irländische Volk treten und ihm sagen, daß die protestantische Religion, die zuerst zum Werkzeug gegen die religiöse Freiheit der Jrländer gebraucht wurde, nun auch gegen ihre bürgerlichen Rechte gekehrt werden soll? wollen wir ihnen sagen, daß sie fortfahren müssen, die Zehnten zu entrichten, und eine Kirche zu erhalten, die sie von den Rechten ihrer Mitbürger ausschließt? Die Zeit ist vorüber, wo eine so thörichte Potitik verfolgt werden kann. Die vortreffliche Bill wird ein langbefestigtcS Monopol niederreißen, sie wird eine Gewalt brechen, die mit Erom- 122 Staaksrederi. wcll und seiner Partei in Irland begann, und durch welche unter Karl II die Kinder der Anhänger Karls I in jenem Lande mit Füßen getreten wurden. Alle Boroughs in Irland wurden in die Hände geschlossener Korporationen gegeben. An Einem Tage schuf Jakob 1 40 solcher Boroughs, um seine Absichten auf zwei Provinzen zu sichern, die er zu vertheilen wünschte, zu welchem Ende des Königs Diener für diese 40 Boroughs gewählt wurden... Ich kann nicht umhin zn bemerken, daß die ausgezeichnetsten der Redner für die verfallenen Flecken nicht die bei der Frage unin- teressirtesten sind, sie kämpfen nicht für ihre Privilegien als freie Männer, sondern für ihr Eigenthum als Krämer. Durch ihr Benehmen beweisen sie am deutlieststen das Dasein der Uebel, über die das Volk sich beklagt. Statt dem Beispiele mehrerer edlen LordS und ehrenwertster Gentlemen zu folgen, bestreiken die Re- präsentanteu von Galten und Olv-Sarum eine für das Volk gewinnbringende Maßregel, weil für sie Gatten und Old-Sarum Gewinn bringt. Es war für mich ein schmerzlicher Eindruck, den Repräsentanten der Universität Opford (Sir R. JngliS) als ersten Gegner gegen die Maßregel zu erblicken. Die Verbindung, die zwischen der Kirche und dem Staate besteht, sollte nur die Beförderung der Freiheiten des Volks zum Ziele haben, und übel ziemte es dem Repräsentanten der ersten protestantischen Universität der Welt, als Vorkämpfer der Korruption, als erster Gegner der Volks- rechte aufzutreten^ Man hat gesagt, durch jene geschlossenen Boroughs kämen die tüchtigsten Männer inS Parlament, und ein sehr chrcnwerther Ba- ronct (Pcel) zeigte uns, eine lange JahreSrcihe zusammenfassend, eine ganze Milchstraße von Boroughkrämcrsruhin. Wohlan, wenn alle diese großen Männer, die durch die schmutzige Taufe des Vo- roughkrämersvstems gingen, nie einen Schritt in den Umfang dieser Mauern gesetzt hätten, würde es deßwegen mit dein Lande im Ganzen um kein Haar schlechter stehen. Einer dieser Männer war Can- ning, der, während er die katholische Emanzipation unterstützte, die Rechte der protestantischen DissentcrS bekämpfte und jeden Gedanken einer Reform verhöhnte. Auch Burke wurde erwähnt, Edmund Burkc, dieser Hochrory wie es nur je einen gab, der Repräsentant von Denen die glauben, das Volk müsse zufrieden sein, wenn die Reichen sich behaglich und glücklich fühlen. Was wollte oder wußte das Volk von Hrn. Edmund Burkc? Noch bezahlt es feige Pension, und sicherlich, wenn man dem Volke diese abnimmt, wird es uns eine Quittung für den ganzen Ruhm seiner Verdienste O'§ o n n « l l. 12Z ausstellen. Er ist es, auf den lange vor seinem Tode die Grab- schrist gemacht wurde: „Hier liegt unser guter Edmund, der nicht genug gepriesen, nicht genug getadelt werden kann; er, der seinen Geist, für eine Welt geboren, verschrumpscn ließ, und an eine Partei verschleuderte, was für die Menschheit bestimmt war." DaS Voroughkrämcrsystem würde, seinen Vertheidigern zufolge, ein herrliches Thor sein, um lauter Männer von Talent und Geist in dieses HauS zu lassen; sendet es aber nicht auch eine große Zahl stumpfsinniger, schläfriger, einfältiger Mitglieder, die weder Talent der Debatte, noch Rücksichten für die Interessen des Landes haben, und nur in dem Verhältniß sich heben, als das Land sinkt ? Sie alle freilich verschwinden, wenn man auf ein ganzes Jahrhundert zurückblickt, wo nur da und dort ein höherer Mensch emporragt, als wäre er der einzige der gelebt hätte, wie auf den Winkcltheatern nur Hamlet und Ophelia erscheinen, Polonius aber und alle andern vergessen sind. Der letzte Grund endlich ist, daß man sagt, trotz aller Mangel habe das System sich in seinen Wirkungen als ein gutes und wohlthätiges erwiesen. Welches sind eure Beweise? Etwa dieFeuers- brünste, die die Grafschaften verwüsten? oder die Menschen, welche, dem Hungcrtcdc nahe, auszogen, die Maschinen zerstörten und nun die Kerker des Landes füllen? , oder die Wildgcsctze? Hat dieses Haus auf die Klagen des Volkes gehört? Ich will Ihnen Beweise vorlegen, wie das Boroughkrämcrsvstem wirkte. Aus den Nachweisungcn über die im Jahre 1822 in Betreff der großen Er- sparnißfragcn stattgcfundcnen Abstimmungen ergibt sich, daß von 19 Repräsentanten von Doroughs unter 500 Seelen alle gegen Ersparniß stimmten; von 45 Repräsentanten von VoroughS über 800 und unter 1000 Seelen stimmten 33 gegen Ersparniß; von 61 Repräsentanten von Borcughs unter 4000 Seelen stimmten 44 gegen Ersparniß, und von 113 Repräsentanten von Boroughs über 5000 Seelen stimmten 66 gegen Ersparniß. Das Borough- kränn'.-Parlament ist eS, das Großbritannien mit einer Nationalschuld von neunhundert Mill. Pfd. St. belastete. Wenn das Land dennoch glücklich und groß wurde, so wurde cS dieß nicht durch jenes System, sondern trotz desselben, durch die großen LebcnSquellcn des Volkes. Ist ein Herz in einem treuen briltischen Busen, das nicht höher schlägt beim Namen Polen, und seinen tapfern großherzigen Söhnen nicht Glück und Sieg wünscht?. Und doch, wenn der russische Despot mit seinen Barbaren sie in Staub tritt, kann England sich einmischen? Nein! es kann nicht, seine Staatsschuld verbietet es, und diese Schuld verdanken wir eurem herrlich wir- 124 GtaatSreden. kcnden Systernc. Die Aristokratie und ihre Diener haben sich gemästet von dem öffentlichen Raube; die Folge aber- dieses SvstcmS der Mißherrschast, der Bestechung und Plünderung war, daß alle Gemüther in Unmuth sich erheben, und es kein anderes Mittel gibt, die Konstitution Alt-Englands zu retten, als das gesammte Volk von England als Schutzwache für sie aufzurufen. Ihr, die ihr so triumphircnd versichert, euer System habe gut gewirkt, blickt auf mein Vaterland, auf das grüne, fruchtbare Irland, in dem ihr seit 30 Jahren eure Experimente anstellt und das ihr zu einem der elendesten Länder der Welt gemacht habt, in dem Noth und Hunger und Jammer herrschen. Bei dem Gott der Liebe, dessen Odem in Ihrer Brust lebt, beschwöre ich Sie, thun Sie diesen großen Akr der Gerechtigkeit gegen Irland, zu Englands und Schottlands Heil, und sichern Sie uns so vor einer Revolution, deren Folgen kein menschliches Auge absehen könn.». Macaul e y. Am 2 . März I83l ergriff Macaulcy für die Neform das Wort. So merkwürdig der Mann ist/ so vermochten wir doch über seine Lcbcnsumstände nichts Genaueres aufzufinden. Unsre Leser mögen sich also mit nachfolgenden Andeutungen über ihn als Redner be- gütigen: Macaulcy/ sich mit seiner ganzen gewaltigen Streitkraft auf die Grundsätze des gegenüber stehenden Heeres stets werfend/ läßt sich selten herbei/ irgend einen einzelnen Krieger zu beachten / und seltner noch/ ihn anzufallen; hin rollt die Flugschncllc und glitzernde Hecrfolge seiner heißen Worte/ seiner weit angelegten/ aber bisweilen unhaltbaren Meinungen/ und überstimmt/ überwältigt die Sache seiner Gcgenkämpfer/ scheint aber die Gegcnkämpfcr selbst verachtend zu übersehen. Das istS/ was ihn im Ncdehaltcu siegreich über alle seine Amtsgcnoffcu emporhebt/ ihn aber zum Ningkampf mit kurzem Schwert/ und zum Streit/ Mann gegen Mann im Wortgefecht untauglich macht. Er kann sich nicht bewege»/ ohne ciu Heer von Worten kinter seiner Beweisführung nachzuziehen. Einem Einzclkämpfer gegenüber den Stoß ZU partrcn und selbst nachzustoßen / liebt er/ weiß er nicht; er ist wundervoll in der allgemeinen Fcldschlacht/ im Zwcikampf dagegen verhältnißmäsiig un- bchülflich. Dieser merkwürdige Mann besitzt vielleicht im Ganzen genommen größeres Rcdncrvcrmögen/ als irgend ein Engländer seiner Zeit. Er kommt jener Beredsamkeit/ die wirklich zu den Lei- denschaftcn spricht/ nahe — er treibt an — er regt auf — er entflammt/ während er spricht. Allein der Fehler ist, daß der Eindruck wieder vorübergeht. Er überzeugt uns eher von dem leidcnschafl- liehen Feuer seiner geistigen Natur/ als von der festen Stärke seiner M a c a u l « y. 125 Grundsätze, und man kann sich des Zweifels nicht erwehren, ob er denn eine bestimmt gezogne Norm für seine Grundsätze habe; man möchte fast glauben, er sei zu sehr Einer von der „Pricstcrschaft des für den Augenblick helfenden Gottes.'" Doch mag es Macauley wohl noch vorbehalten sein, allen den Mängeln seines großen Get« stes abzuhelfen. Die von ihm hier mitgetheilte Rede ärntete rauschenden Beifall- M- sprach: Wenn der Fremde zu mir käme, von dem der edle Lord (Rüssel) sprach, so würde ich ihn in die große Stadt führen, die nördlich von der Opfordstraße und westlich von Nussellsquare liegt. Ich würde ihm da eine Stadt zeigen, die an Größe die Hauptstädte mancher Königreiche weit übertrifft, und an Thätigkeit und Bildung auf der weiten Oberfläche der Welt ihres Gleichen sucht. Ich würde ihm die langen Linien endloser Straßen zeigen, voll prachtvoller Häuser, von reichen, zum Theil von den ersten Bürgern des StaatS bewohnt. Ich würde ihn zu den Pallästcu führen zu beiden Seiten des Regentspark, ich würde ihm sagen, daß die Rente dieser Häuser und Palläste die Rente von ganz Schottland zur Zeit der Union übersteigt, daß aber all dieser Reichthum, diese Bildung, diese Thätigkeit keinen Repräsentanten hat im Parlamente Großbritanniens. Dann brauche ich ihn nicht mehr nach Birmingham, LeedS, Manchester oder MaccleSficld zu führen, ich brauche ihm nicht zu sagen, daß Schottland bloß den Schatten einer Repräsentation hat. . . Unsre Regierung ist nur auf einige Fragmente des Eigenthums gegründet, ohne daß irgend ein Prinzip bei deren Bildung den Vorsitz geführt hätte. Das ehreirwerthe Mitglied für Oxford (Sir R. Jng- liS) sagt zwar, es sei nie besser gewesen, wir haben aber nicht zu untersuchen, was war, sondern was sein soll. Wir sind keine Nl- terthumssorscher; wir sind Gesetzgeber. Die Konstitution mag in frühern Zeiten ganz gut gewesen sein, aber sie entspricht in der vorliegenden Beziehung nicht mehr dem gegenwärtigen Zustande des Landes. Während sie still stand, schritten Bevölkerung und Intelligenz ununterbrochen fort, und auf unsre Zeiten müssen wir blicken, nicht auf die Jahrhunderte, die vorüber sind. Unmöglich können wir ;. D. denken, daß der Sitz der Regierung nach Port verlegt werden, und London blos die zweite Stadt des Reichs bilden sollte, weil Dort einst zu Ecnstantiuö ChloruS Zeit die Hauptstadt LcS Landes war. Sollen wir jetzt noch die Repräsentation beibehalten, wie sie im dreizehnten Jahrhundert gebildet wurde, als die Bevölkerung, für die sie bestimmt war, blos zwei Millionen betrug? Neues Eigenthum entstand, die ganze Gestalt der Gesell- 126 StaatSreden. schaft änderte sich, und unendlich viel von Reichthum und Bildung, was früher unbekannt war, ist jetzt unrepräscntirt. Städre sanken zu Dörfern herab, während manche Dörfer zu Städten sich erhoben, die so groß sind als London zur Zeit der Plantagenetc. Die Gesellschaft lkuchS und schritt fort, die Formen der Regierung blieben stehen; es ist Zeit sie zu erneuern, und in Einklang zu bringen mit dem Geiste, der zuletzt immer über die Formen gebietet. Wenn man uns sagt, wir sollten die Institutionen nicht ändern, weil sie von unsern Voreltern gegründet worden, so antworte ich: bedenken wir, waS unsre Voreltern ii« unsrer Lage gethan hätten. Man nennt die Maßregel rcvolutionair. Wahrlich, wenn Reform und Wiedergeburt Revolution ist, so befinden sich Staaten und Völker in steter Revolution. Wir können die Blätter der Weltgeschichte nicht öffnen, ohne überall zu sehen, wie stets neue Interessen inL Leben treten, die Anfangs schwach sind und verachtet werden, aber immer stärker und stärker anwachsen, bis sie die überragen, die in blindem Stolze kaum erst wähnten, sie mit Füßen treten zu können. Bietet man ihnen, wenn sie i,r ihrer Größe vor uns stehen, die schützende Hand entgegen — gut; wo nicht, beginnt der Kampf. So war der Kampf zwischen den Plebejern und Patriziern Roms, so zwischen den Städten und Edlen Italiens, so zwischen den nordamcrikanischcn Kolonien und dem brit- ttschcn Mutterlande, so in Irland zwischen den Katholiken und Protestanten, so auch ist der Kampf, der jetzt in Iamaica beginnt, zwischen den freien Farbigen und der Aristokratie der weißen Haut, während in England die Aristokraten, die sich keineswegs durch Talent und Genie auszeichnen, dem Reichthums und der Intelligenz der Mittelklassen ihren gebührenden Theil an der Repräsentation ihres Landes vorenthalten. Es ist die Theorie der Konstitution, daß das Eigenthum rcpräscntirt werde ; warum die Praxis nicht in Einklang mit der Theorie sehen? Das Volk vergißt nicht, was cL dem Könige und den PairS schuldig ist; nicht ihnen will es die Rechte schmälern, sondern gegen daü Haus der Gemeinen, gegen uns erhebt es seine Stimme, gegen die corruptio ozitimi pessima.*) Mit Recht nannte Burke daS HauS der Gemeinen das Gegengewicht, izicht gegen, sondern für das Volk. Viele Andere sind gegen, dieses soll für dasselbe sein. Wenn aber das Salz taub geworden ist, womit soll man salzen? Wenn das Gegengewicht des Volks verdorben ist, womit soll dann den andern Gewichten die Wage gehalten werden? *) D. h. die schlimmste Verschlechtern»-! deS Beßren. M a c a u l « y. 127 Man hat gesagt, Liese Meinung im Volke sei blos vorübergehend, blos die Folge der Revolution irr Belgien und Frankreich. Wenn dies der Fall ist, so kenne ich unsre Geschichte schlecht. Diese Unzufriedenheit ist keine Geburt des Tages; sie hat alle Symptome einer tiefsitzcnden Krankheit. Sie geht schon durch zwei Generationen. Die Legislatur versuchte jedes in ihrer Gewalt stehende drittel, ihr ein Ende zu machen. Sie führte neue Gesetze ein, und was that sie nicht Alles ? Welches Heilmittel konnte Vurke'S Feinheit und Wyndham'S Scharfsinn entgehen? Welche Art von Zwang versuchte Lord Londonderry nicht? Und blieb das Uebel nicht dennoch bestehen, und wuchs cS nicht von Tag zu Tag? Welche weitere Palliative haben Sie? Keiner. Deswegen wünsche ich dem Ministerium Glück zu seinem Vorschlag, mäg es mit ihm stehen oder fallen. Das ehrenwerthe Mitglied fürOpford sagt uns, ein reformir- tcs Haus der Gemeinen könnte nicht zehn Jahre bestehen, ohne den Thron niederzureißen und das Haus der Lords zu zernichten, das heißt mit andern Worten, der Reichthum und die Intelligenz der Mittelklassen könnten nicht nach billigem Maßstab repräscntirt werden, ohne die Majestät des Thrones und den Glanz der Aristokratie erbleichen zu machen. Ich glaube dies auf keine Weise) wenn es aber wirklich wahr wäre, so spräche dieses einzige Wort lauter gegen Monarchie und Aristokratie, als ganze Bände voll republikanischer Lehren, lauter als Alles, was Thomas Palme') je gesagt hat. Wenn — was ich nicht glaube — der billige Antheil, den die Mittelklassen an der Regierung erhielten, wirklich den Thron und die Aristokraten vernichtete, so würde dies nichts beweisen, als daß beide dem Wohl des Volkes und den Interessen des Landes entgegen wären. Endlich beruft man sich auf die großen Männer, die durch die Boroughs ins Parlament kamen. Der Despotismus ist ein vcrabschcuüngswcrtheS Rcgicrungssystem, und dennoch hat er oft zufällig einige gute Seiten; mochten Sie sich deswegen einem Herrn unterwerfen wollen, dessen Laune Sie jeden Augenblick vernichten kann? Ist für einen großen Mann ein verdorbenes Wahlsystem der einzige Weg ins Parlament? In Pcrsien *) Th. Panne, Sohn eines Schnurbrnstniackers in England, schrieb in Philadelphia 177t, eine Schrift „der gesunde Menschenverstand", in der er Englands UNjftrcchtigkcitcn gegen Nordamerika unter allgemeinem Bei. fall bekämpfte. Nach England zurückgekehrt, schrieb er ,, die Menschen, rechte«, gegen Burke's Schrift, »nd erregte dadurch den grimmigsten Hast aller Aristokraten. Er ging nach Frankreich, das ihn dankbar zum Repräsentanten wählte. Staattreden. 128 entschied einst das Wiehern eines Rosses, wer König sein sollte, und vielleicht wollte manchmal der Zufall, Laß so ein guter König gewählt wurde. In Athen fiel die Wahl des LooseS einmal auf SokrateS, und sehte ihn in Stand, einem ungerechten Gesetze zu widerstehen. Aber nicht nach solchen Zufälligkeiten, sondern nach den allgemeinen Tendenzen müssen wir ein System beurtheilen. Kein Mann ist unumgänglich nothwendig; eine große Nation darf nicht auf einem Einzelnen ruhen; man gebe dem Lande gute Irr» stitutionen, so darf cS sicher sein, gute und große Männer zu ' finden. Blicken Sie um sich; jetzt, wo cS Verrücktheit wäre, einen Kampf aufzurufen mit dem Geiste des Jahrhunderts, der eben erst Europa's stolzeste Krone niederschlug und den vertriebenen Erben von vierzig Königen in den Palästen Englands ein unrühmliches Asyl suchen ließ, jetzt, wo Alles um uns schwankt und dröhnt, das Her; Englands aber noch gesund ist, was bald, nur zu bald, vorübergehen könnte, jetzt ist der Tag der Rettung, der verheißene Augenblick, wo die große Schuld der Aristokratie an das Volk bezahlt werden soll, um dcö Volkes Glück zu sichern, und nie vergessen zu werden in seinem dankbaren Herzen? Werden aber die Zeichen der Zeit verkannt, und scheitert die Maßregel, so bitte ich Gott, daß ihre Gegner nie gezwungen sein möchten, ihr Benehmen zu bereuen, zu bereuen, daß sie nicht die Mittel anwandten, die in ihre Hände gelegt waren, die Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung zu verhindern. (Lmiganhaltender Beifall.) S h i e l. Auch über Sbicl ist uns hier nur Einiges in Betreff seiner Beredsamkeit zu bemerken vergönnt. Von O'Connell durchaus verschieden, unterscheidet sich Shicl doch in einer Hinsicht wesentlich von den irländischen Rednern im Allgemeinen; er ist, und darin wird er O'Connell wieder gleich, lo zisch. Mit all dem Glühenden und Schimmernden einer Diction, die sich indessen von dem überfließenden Redeschmnck zu läutern bc. ginnt, vereinigt er eine bemerkenswerthc Klarheit des Urtheils und der Schlußfolgerung; und gerade seine Vorliebe für die Antithese in Worten führt zu jener Antithese im Beweisen, die an sich schon ein Syllogismus ist. Diese Kraft der bündigen Beweisführung würde vielleicht deutlicher hervortreten, wenn.seine Vortragsweise weniger heftig, und sein Gcbcrdcnspicl freier von jenen überraschen und rastlosen Absprüngcn wäre, die seinen Zuhörern als etwas Stu- dirtcS, auf bloße Deklamation Berechnetes vorkommen müssen. Er würde mehr Wirkung hervorbringen, wenn er weniger daran dächte, Perl. 129 i Wirkung hervorzubringen; und mit weniger Wärme würde er Engländern (die Kälte für Aufrichtigkeit halten) aufrichtiger erscheinen. Doch vielleicht kein Sprecher wird im Hause so gerne gehört, wie er, und das weniger wegen des seltnen Reichthums seines Geistes, seiner strengen Logik, seines durchdringenden und festen, tausenderlei Einzeliiheilcn umfassenden Wissens, als wegen der Kraft seines bittern Spottes, wegen seiner beißenden und doch ergötzlichen Ironie, wegen seiner unvergleichlichen Kunst, den Mangel an Folgerichtigkeit, die Schwäche oder die Unredlichkeit seines Gegners mitten im anscheinend schmeichelnden Hervorheben seiner Vorzüge darzulegen. Mit dieser Schilderung verbinden wir die des großen Gegners der Reformer, des HochtoryS Sir Robert Peel. Er ist der älteste Sohn eines im Jahr 1800 zur Varonetwürde erhobenen Fabrikbesitzers, der l5,ooo Arbeiter gewöhnlich beschäftigte, und bei seinem Tode ein Vermögen von 2,500,000 Pf. St. hinterließ. Im Jahr 1788 geboren und gleichzeitig mit Lord Byron auf der Schule zu Harrow und später auf der Universität Oxford gebildet, erhielt er schon 1800 durch den Einfluß seines Vaters einen Sitz im Parlament. Seine persönlichen Ansichten und die politi- schcn Verbindungen seines Vaters machten ihn zu einem Schüler PittS (des Sohns), unter welchem Namen die englische Parthei- sprache die Anhänger der Grundsätze der Hochtorics*) bezeichnet. *) Die bekannten Parthcinamc» Tori es und Whigs mögen hier ihre Erklärung finden, der wir nur die Bemerkung vorausschicke» , das, unter den Whigs wie unter den Tories wieder Zraetionen Statt finden/ und daß die Hochtorics die Männer der extremsten Grundlage ihrer Parthci find. Der erste Ursprung dieser Name» ist schon unter Jakob i zu suchen, der von dem Erbrechte der Könige und ihrer Gewalt etwas allzustrcnge Begriffe hatte, und dadurch mit seinem Volke in Mighelligkeir gericth, während es nicht an Schmeichler» und Höflingen feblte, die feine Grundsätze billigten, unter Carl i fräst das Gift des götiuchcn Rechts weiter. In den, Kriege, der zwischen dem Thron und Parlament auobrach, nann. tcn die Anhänger des Parlaments die Königlichgefinntcn Tories, im Irländische» Räuber, indem fie hiemit aus den Umstand zielten, daß der König die damals in Irland entstandene Empörung, also Rebellen und Räuber, begünstige. Die Königlichen hießen dagegen ihre Gegner Whigs, »n Schottischen »kleiner Hut,« indem fie damit auf ihre Verbindung mit den Schotlländern zielten, besonders auf die Puritaner, die solche- Hüte trugen, und schon gegen Jakob i die Waffen ergriffen hatten. Erst unter Carl u indeß bekamen die beiden Partheicn eine Bedeutung bei Gelegenheit der Verschwörung gegen den König, deren die Katholiken beschuldigt wurden. Diejenigen, welche die Verschwörung sur bloße Erdichtung, wurden Tories, die sie für wahr hielten, Whigs genannt. Natürlich wirkte die Verschiedenheit in der Gesinnung auf die Beurtheilung der Wahrscheinlichkeit dieser Sache. Die Verschiedenheit ihrer Grund, sälzc in Absicht auf die Kirche besteht darin: daß die Tories die Nothwendigkeit des bischöflichen Kirchcnrcgiments behaupten, ihre englische Kirche für die alleinseligmachende hallen, von andern Protestanten sehr lieblos denken, und selbst den Kaiholiken vor ihnen den Vorzug geben, wogegen die Wighs Gleichheit aller und jeder Kirchendiener behaupten, einen unauslöschlichen Haß gegen alles Päpstliche hegen, und di« andern Protestanten für Glaubensgenossen erkennen. 2» Ansehung des Sraats 9 S k a a t s « « d e n. 18g Durch dir auf ihn (>817) gefallene Wahl der Universität Oxford zum Repräsentanten ward er noch mehr an die Interessen der Aristokratie und der anglikanischen Kirche gefesselt, Im I. 1822 ward er Minister des Innern/ wo er sich namentlich der Emancipation der Katholiken aufs hartnäckigste widersetzte. Doch erwarb er sich nicht unbedeutendes Verdienst um die Verbesserung der englischen Rechtspflege und der Strafgesehgcbung so dass z. V. über 200 ältere Gesetze in neue zusammengedrängt und so vereinfacht wurden/ dafi/ wie man berechnet hat/ 12/162 Zeilen auf 2877 gebracht wurden. Als Canninq durch die laute Stimme der öffentlichen Meinung zum Chef des Ministeriums berufen wurde/ trat er zurück/ hielt sich jedoch von der unwürdigen Leidenschaftlichkeit frei / mit welcher die Toryparthei Canning bis zu seinem Tode verfolgte. Im Jahr 1828 übernahm er mit Wellington wieder das Ministerium ; er blieb standhafter Gegner der Emancipationsfrage/ bis die drohenden Ercig. Nisse in Irland die Minister in immer größeres Gedränge brachten/ und Pecl im Fcbr. 1829 zu „dem schmerzlichen Opfer"/ wie er es nannte/ sich entschloß/ der Universität Oxford die Vollmacht zurückzugeben/ die er seinem Widerstand gegen die Forderungen der Katholiken verdankt habe; und so schlug er am 5. März dem Parlament vor/ zu gewähren/ was er 20 Jahre lang/ als dem Interesse des Staats verderblich/ abgewehrt hatte. Die Tones waren hierüber so aufgebracht/ daß sie Pecl und Wellington ihre Unterstützung entzogen/ und beide abtreten mußten/ um dem durch den Sieg der Reformfrage unvergeßlichen Ministerium Grey Platz zu machen. Diese Maßregel hatte P. auf das heftigste bekämpft/ und als im Nov. 18?4 das Ministerium Melbourne durch Hofintrigucn plötzlich entlassen wurde/ trat wieder Pecl mit Wellington an die Spitze. Die kräftig ausgesprochnc Entrüstung der ganzen Nation/ der cnt- schlvßne Widerstand des Parlaments nöthigte jedoch die Minister/ nach kurzer Dauer ihre Stellen wieder niederzulegen/ und Mel- bourne ergriff wieder das Ruder. P. zog sich nun zurück; nur bei besonders wichtigen Fragen erschien er wieder im Parlament. Peel besitzt eine gründliche Kenntniß der Verhältnisse seines Vaterlands/ reife Gcschichtscrfahrung/ und wo ihn nicht Partheisucht befangen macht/ patriotische Gesinnung. Gewiß ist er das bedeutendste Talent der rcformfcindlichcn Parthei. Als Redner steht er in der ersten legen die TocicL dem Koma eine von Kokt ausgehende Gewalt und ein unwidcrsprcchiichcS Erbrecht bei, und verlangen von dem liniern,anen vassivcn, absolute» Gehorsam. Hingegen stndcn die WhigS die töniglichc Gewalt nur in der Vrwillignna des Volks gegründet, und e§ für erlaubt, den König, wen» er solche mißbraucht/ abzusehen oder „ach Umstanden seiner Familie das Erbsolgcrecht zu entziehen. Die Zeit har die Gegen, sa,,c «m Vieles gemildert; ste rreien aber jedesmal wieder,,, ihrer aa„;cii Schroffheit hervor, wen» eine Frage verhandelt wird, die ihre Interessen besonders berührt, wie die Reformsragc. Die Vergleich»,ig mir unsern Absolutisten und Liberalen paßt nicht ganz, da die ToricS zwar volltom, nien unsere Absolnlistcn ssno, Whigs aber großeniheils eine aristokratische Parthei sind, die mir den Liberale» des Volks nur biS auf einen gewissen Grad zusammenstimmt. P - « l. iri Reihe; seine Sprache ist klar und rein; sein Styl gebildet. Das Nähere über ihn s. in der am Schluß gegebenen Schilderung des englischen Parlaments. Die drei zunächst folgenden Reden haben alle einen gemeinsamen Gegenstand: die unglückliche Lage Irlands. Wir schicken einiges Nähere hierüber denselben voraus. Ick zwölften Jahrhundert war Irland durch Heinrich II crorbert worden; später in die Kämpfe der beiden Rosen verwickelt/ lud es durch sein Festhalten am Katholicismus die Rache der Tudors auf sich. Verrath/ Gewalt und Confiscationen brachten unter Heinrich VIII das Eigenthum der Häuptlinge und Fürsten des Landes/ so wie fast den ganzen Grund, besitz in die Hände englischer Familien / Saxons Imrons, sächsische Baronen noch jetzt von. den Jrländern genannt. Alle Gesetze der Willkühr und Gewalt/ die der Eroberer einem unterjochten Lande vorschreibt/ erfuhr Irland; KOO/Ovc» Fremdlinge theilten sich in den Besitz der höchsten Gewalt und sämmtlicher Ländereien. Nur gegen fast unerschwinglichen Pacht tritt der reiche Bischof oder Baron dem Unglücklichen/ Besitzlosen eine Hufe Landes ab/ von der dieser kümmerlich so viel Kartoffeln gewinnt/ um den Fluch seines Daseins fortzusetzen. Beliebt es dem Gutsherrn/ den weniger einträglichen Acker in ein gcwinnreichereS WieSland umzuwandeln/ so wird der Pächter ohne Erbarmen hinausgestoßen/ der jetzt/ ohne Obdach/ ohne eine Scholle Land/ dem Hungertod überantwortet/ gewöhnlich kein andres Rcttungsmittel vor sich sieht/ als Räuber zu werden. Tausende sind schon Hungers gestorben; taufende verlassen jedes Jahr unter Thränen den dennoch geliebten Boden des Vaterlandes. Einer der verderblichsten Ucbelstände ist ferner der s. g. AbscntismuS/ d. h. die Gewohnheit der reichen Grundbesitzer (von 20 gewöhnlich ts)/ in die Hauptstädte des Auslands zu reisen/ und dort ihr Einkommen zu verprassen/ wodurch in jedem Jahr die Summe von 7 Millionen Pf. (77 Mill. Gulden) dem Umlauf im Lande entzogen wird. Seit Elisabeth fingen Vereine an/ sich zu bilden / welche die Befreiung des Landes bezweckten; Mord / Brand und Blut waren nicht selten die Spuren der Wirksamkeit der zur Verzweiflung Getriebnen. Mit der französischen Revolution wurden ihre Bemühungen angestrengter/ und sie blieben nicht ganz ohne Erfolg. Die katholischen Iren durften jetzt in ihr Parlament in Dublin wählen; aber wählbar waren nur die protestantischen Sprößlinge des sächsischen Bluts.' Ein solches antinationales Parlament zu bestechen war leicht; und so ward cS t80t aufgehoben/ und Irland mir Großbritannien förmlich vereinigt/ so jedoch/ daß die Iren gleich PariaS oder Heloten von allen höheren Staatsämtern ausgeschlossen blieben / dafür aber einen schwelgerischen Adel und eine schmachwürdigc nichtkatholische Geistlichkeit (ihr Einkommen betrug über 3 Mill. Pf. St.!) zu mästen hatten. Das ist nun O'ConncllS unsterbliches Verdienst/ daß er den Vereinen eine gesetzliche unblutige Richtung gab; der Erfolg hat herrlich seinen Bemühungen gelohnt. Die Emancipation der Katholiken/ d. h. die bürgerliche Gleichstellung der Katholiken mit den Protestanten mußte sogar ein StaatSce den. tZ2 Wellington aussprechen. Da aber noch äußerst viele gesetzliche Nebel- stände — ganz vorzüglich aber dic durch daS Verhältniß zur anglikanischen Kirche verbängten — auf Irland laste«/ so war das einstimmige Feldgeschrci der Iren: Aufhebung der Union! ein eignes Parlament in Dublin! Erst jetzt/ wo durch das reformirte Parlament Irland auf Gerechtigkeit hofft/ hat O'Connell wenigstens diese Frage zurückgestellt. Sollte jedoch das irische Volk nicht bald gesetzliche Abstellung aller Mißbrauche erringen — was wir jedoch fest hoffen — so würde eine legislative Trennung schwerlich aufzuhalten sein. Das hier Gesagte wird hinreichend sein/ um die zweite Rede ShielS und die Entgegnung PcclS gehörig zu würdigen. ES war im April l8,ki ein Antrag auf Untersuchung der Wirkungen der Union gestellt worden. Fast alle Nicht-Iren verwarfen ihn jedoch. Dic erste Rede Ehiels galt einer in Irland einzuführenden Armcnsteucr/ um der ungeheuren Noth des großen Haufens zu Hülfe zu kommen/ und namentlich die Abscntisten gehörig herbeizuziehen. I. Shicl sprach: In der Anwendung der Armeugcsetze auf große Städte und Agrikulturdistrikte liegt eine große Verschiedenheit. In einer Stadt wie Dublin werden sich die Uebel einer Land-Armentare kaum zeigen, und die Wirkung auf den Arbeitslohn würde kaum fühlbar werden. Dic Umlage kann gezwungen, aber die Unterstützung willkührlich sein; das Minimum des für den Lebensunterhalt Nöthigen müßte das Mapimum der Unterstützung werden, und diese wird dadurch kein Anreiz zur Trägheit werden. Wenn übrigens das E/periment fehlschlägt, so kann die Legislatur leicht die Fortschritte des Uebels hemmen. Dublin hat eine Petition eingereicht, um die Armen gegen den Mangel und dic Wohlthätigen gegen dic Last ausschließlicher Hülflcistung zu schützen. Einem Systeme muß ein Ende gemacht werden, wobei die Mildthätigkeit ausgesogen wird, und der reiche Geiz nichts gibt, um so mehr, da die Mildtüätigkeit nicht mehr im Stande ist, dic Last allein zu tragen. Erlaubt man der Stadt Dublin nicht, eine regelmäßige Armcnta.re umzulegen, so werden 4000 Arme brcdlcs, und alle auS dem Vettel und dem Müßiggänge hervorgehenden Uebel fallen der Gesellschaft zur Last. WaS die allgemeine Frage betrifft, so bcdaurc ich, daß dic zur Untersuchung des Zustandes der Armen in Irland eingesetzte .Kommission nicht den eigentlichen Hern der Frage untersucht hat. Arthur Poung hat vor !!0 und Malrhus vor 5 Jahren bemerkt, daß der Adel in Irland mit den Armen kein Mitleiden hat. Das Gesetz, das aus der einen Kaste Sklaven und auS der andern Tprannen S b I « l. 1ZZ macht, hat beide demoralisirt. Das Volk ist in den Abgrund des Elends versunken, und der Reichthum hat das Herz der Aristokratie verhärtet. Abgesehen von dieser Hartherzigkeit, die durch ein lange andauerndes grundfalsches RegierungSshstcm erzeugt wurde, leben auch noch die meisten Güterbcsitzcr aus Irland entfernt, dem das LebcnSblut entzogen wird. Millionen Morgen Landes gießen ihren reichen Segen in englische Häfen, aber nicht eine -lehre dieser goldenen -lernte kehrt zurück zu dem arbeitsamen Landmanne, der im Schweiße seines Angesichts das Feld baut, aber nicht Brod ißt. Die großen Lords von England besitzen Fürstenthümcr in Irland, und sahen sie nie. Eine noch schlimmere Klasse von Grundbesitzern ist aber der kleine irländische Adel selbst, dessen Glieder lieber in London eine unbedeutende, in Frankreich oder Italien eine verächtliche Rolle spielen, als in Dublin itützlichc und ehrcnwcrthe Bürger sein wollen. Wenn ein Armengesetz den stolzen Sachsen, der das Land vernachlässigt, oder den elenden Jrländcr erreichen könnte, der es verachtet und wieder von ihm verachtet zu werden verdient, so wäre es eine Wohlthat. Dem Werke des Adels hat die Legislatur die Krone ausgesetzt. DaS „Clearing Svstem" gleicht einem Wagen, an dessen Räder zwei Schwerter befestigt Fnd, um das Volk niederzumähen. Ich will nicht die abstrakte Frage untersuchen, ob geschlossene Güter getheilt werden sollen oder nicht, aber jeder Menschenfreund muß eS beklagen, daß man keine Maßregeln ergriffen hat, um den zerstörenden Wirkungen vorzubeugen; daß man keinen Ausweg, nicht einmal durch Auswanderung, in Vcrcirschaft hielt für die unglücklichen Bauern, die man von dem Stück Feld verjagte, wo sie geboren waren und zu sterben hofften, ohne auch nur eine Zuflucht in den Wäldern von Canada oder in den Einöden Australiens ihnen zu verschaffen. (Hört! hört!) Die Bill, welche die Nierzig- Shitting-FrecholderS ihres Stimmrechts beraubte, hat Tausende und aber Tausende jeder Unterkunft beraubt; keine Sprache kann das Elend schildern. Dieses furchtbare Unglück hat aber doch wenigstens, dies muß man hinzufügen, die gute Folge gehabt, Laß es die Augen und Herzen der Menschen öffnete. Man gab zu, daß etwas geschehen müsse, nin dies schreckliche Elend zu mildern; alle Gründe verstummten vor dem Schrei einer Nation, die ihre Hand nach Brod ausstreckte. 13» Staatsreden. II. ShiclS Rede über Aufhebung der Union. Ich habe meinen chrenwcrthen Freund") schon oft über irische Angelegenheiten sprechen hören, aber ohne daß ihm nur halb so viel Beifall zu Theil geworden wiche, als ihm heute Abend ent- gegenhallte. Bei einer Gelegenheit sogar ist ihm, und zwar in etwas hohem Grade, etwas Menschliches begegnet, indem er sagte, wenn Irland in Betreff der Zehnten kein Recht erhalte, so werde auch er ein Rcpealer (Anhänger des Widerrufs der Union). Mein ehrenwcrther Freund macht eine Bewegung, als ob er sich nichts erinnerte, aber ich müßte mich ganz irren, wenn er nicht gesagt hätte, daß wenn in der Sache der irischen Kirche nicht Gerechtigkeit geübt werde, würden alle Jrländer in Rcpealer umgewandelt werden. DicS wäre wohl praktisch dasselbe. Heute redet mein ehrenwcrther Freund anders darüber. Nicht in der Sprache der Aufregung, sondern nur als leichte Erinnerung frage ich ihn, ob er glaube, die von ihm gebrauchten Ausdrücke seien in einem Geiste gewählt, der die Erbitterung mildern oder entfernen werde. Ich gehöre zu denen, die beklagen, daß eine ähnliche Sprache gegen meinen chrenwerthcn Freund außer dem Hguse geführt wurde. Aber wenn er deswegen fordert, daß man seinem so aufgeregten Gefühl etwas zu gute halte, so möge er nicht vergessen, daß Andere dieselbe Forderung machen dürften. Mein ehrenwcrther Freund hat den O'Conncll-Tribut erwähnt. Ich bitte ihn, diesen Tribut in die eine Schale, und seine eigene, durch die Bemühungen jenes Mannes erlangte Freiheit, die Freiheit des katholischen Irlands, in die andere Wagschale zu thun, und dann uns zu sagen, welche fällt, welche steigt. Mein ehrenwcrther Freund selbst erkennt die außerordentlichen Verdienste des chrenwerthcn Repräsentanten von Dublin") an. Wo wäre der Mann, der wagte, sie zu läugncn? Und sollten diese Verdienste, sollten die Opfer, die er gebracht, ohne ihren Lohn bleiben? War das Aufgeben einer milden außerordentlichsten Einkünften verbundenen Stelle nichts? Fast vierzig Jahre lang hat O'Conncll in ununterbrochenen Mühen und Be- schwerden gekämpft für seines Vaterlandes Ehre und Sclbststän- digkeit. Jahr für Jahr, Session für Session besuchte er London in Verfolgung jenes Zweckes, und als er endlich erreicht war, *) Lambcrt, welcher gegen den Antrag gesprochen hatte, ob er gleich selbst Jrländer ist. **) LkoiutcllS. wählte ihn sein Vaterland, um fast fortwährend hier zu bleiben. Ilntcr solchen Umständen war der Tribut nicht mehr als die Abtragung einer Schuld, erkauft durch unermeßliche Opfer. (Beifall von einem Theile der irischen Mitglieder.) Hr. Grattan erhielt 50,000 Pf. St. für seine Dienste. Was hatte er gethan? Er gab Irland jenes Parlament, auf das man so viel Tadel und Hohn gehäuft hat. Warum sollte Irland nicht eine entsprechende Belohnung dem Manne gewähren, der den Versuch macht, ihm eine bessere Legislatur zu geben?*) . . . Die vor deikl Hause liegende Frage ist, ob eine Untersuchung anzustellen sei über die Wirkungen der Union, oder ob tvir eine Adresse an Se. Maj. votiren sollen, nicht nur, daß die Union unverrüekt festzuhalten sei, sondern auch, daß sie und das vereinigte Parlament bisher sich aufs wohlthätigste für Irland erwiesen haben. Das Haus soll also erklären, daß die Behandlung Irlands seit der Union weise und gut war. Wenn im Jahr 1827, als Eanning Premierminister, und so viele gegenwärtige Mitglieder des KabinetS seine Kollegen waren, der edle Armcezahlmcistcr**) die ParlamcntSrcform- frage vorgebracht hätte, so würde Eanning,' der erklärt hatte, sich der Reform bis zum letzten Hauche seines Lebens zu widersetzen, den Vorschlag bekämpft haben. Die TorrieL hätten ihn unterstützt, und. die gegenwärtige Adresse hätte, mit einigen unbedeutenden Veränderungen, eine vortreffliche Ldonservativ-Adrcsse über die Par- lamentSreform abgegeben. Die Argumente gegen die Reform waren ganz dieselben, wie sie jetzt gegen den Widerruf der Union vorgebracht werden. Dort sagte man, die Reform werde nothwendig die Lords und Gemeinen in unheilbares Zerwürfnis) bringen; hier sagt man, der Widerruf führe zu einem Bruch zwischen dem englischen und dem irischen Parlamente. Dort sagte man, die Konstitution würde vernichtet, die Krone in Staub getreten werden; jetzt prcphezciht man dasselbe von dem Widerruf. Müßig und eitel sind diese Versicherungen in beiden Fällen. Man sagt, ein unabhängiges irisches Parlament würde zur Rebellion führen. Ich s age, ob vor der Union irgend ein Theil des irischen Parlaments einem Aufruhr günstig war? Gab cL je eine lovalere Körper- schaft? Selbst bei jener furchtbaren Insurrektion, als Frankreich mit Gewißheit die LoSreißung Irlands von England erwartete, *) Zur moralischen Sillälwua dieser Apologie ist es vielleicht nicht »»inte. rcssant , zu erinnern, daß ü'Cvmicl dafür a>U , als blicke er mit Eifer, sucht aus Sbiel, der UM den Ruhm streitig macht, Jrlauds größter Redner zu sei». ") Lord John Russell, der bekanntlich die Rcsermbill vorlegte. Staat-reden. 1»S waren die Mitglieder des irischen Parlaments ohne Ausnahme die gctrcucsten Unterthanen des Reichs. . . . Man sagt, wenn die Union aufgehoben würde, verlöre England den freien Handel mit Irland. Sind Sie dessen so gewiß? Ist nicht Irland der beste, der nächste, der sicherste Markt Englands? Ruft nicht das englische Volk laut um freien Handel mir Frankreich, lind diesem Volke wolltet ihr den Handel mit Irland schließen? Indessen heißt es, eben um die Union zu erhalten, gestattet man jetzt Irland den ausschließlichen Markt von England. Wie lange wird dies noch dauern? Will etwa das Parlament sich verpflichten, die Korngesctze unverletzlich zu erhalten? Wird der englische Manufakturist eine solche Verpflichtung anerkennen, und wenn nicht, was wird dann aus jenem Argument? An diesen Laiben Brod hängt die Sicherheit des Reichs, daher wenig Zweifel bestehen kann, wohin die Zunge der Wage sich in Kurzem neigen wird. Indem Shiel im Verfolg seiner Nede auf eine Schilderung des gegenwärtigen Zustandes von Irland überging, berührte er besonders das alte Uebel, den sogenannten Absentismus, o. h. die mehr und mehr Angerissene Gewohnheit, daß die vornehmsten irischen Gutsbesitzer fast alle in England, oder auf dem Kontinente leben, und so die Einkünfte eines großen Theils von Irland außerhalb des Landes verzehrt werden. So vicleMittel, Strafanordnungen z. B., auch schon dagegen vorgeschlagen wurden, so stießen doch alle Vorschläge auf unübcrstcigliche Schwierigkeiten. Die Anhänger deS Widerrufs der Union behaupten, wenn Irland eine sclbststäudige Verwaltung, und namentlich ein eigenes Parlament bekäme, so würde ein guter Theil jenes Uebels aufhören. Shiel führte einen 1822 von Herrn Spring-Rice selbst im Unterhause erstatteten Bericht an, worin gesagt war, vor der Union hätten, außer vielen andern Herren von hohem Range und Vermögen, S8 irische PairS in Dublin gewohnt, jetzt (d. h. 1822) nur noch 12. Und jetzt, im Jahre 1834, seien es gar nur noch 2. Aehnliche Auszüge aus frühern Par« lamcntsberichten, namentlich von Herrn Spring-Rice und Lord Plunkett erstattet, theilte Herr Shiel noch mehrere mit, um zu beweisen, wie ein großer Theil der jetzigen Ministeriellen früher mit den lebhaftesten Farben die seit Jahrhunderten dauernden Ungerechtigkeiten Englands gegen Irland geschildert haben. Man sagt (fuhr Shiel fort) alles Vorgebrachte bilde keinen Grund, eine Untersuchungs - Eommirtec zu ernennen. Wie? und doch hielt der ehrenwerthe Sekretär der Schatzkammer (Spring- Rice) für nöthig, eine Nede von der tödtlichen Länge von sieben Stunden darüber zu halten? Wir diskutiern seit vier Nächten, und es soll nicht nöthig sein, eine Eommittee einzusetzen, um zu urtheilen, wer Recht und wer Unrecht hat? Der sehr ehrenwerthe S h r«l. 137 StaatSsckrctair der Kolonien, der kürzlich noch StaatSsekretair von Irland war (Stanken), gab neulich ein treffliches Beispiel. Das kanadische Parlament suhlte sich durch eine Depesche des Staatssekretärs verletzt. Dieser antwortete, er habe in derselben blos seine Pflicht erfüllt. Sie entgegneten; sie hätten Beschwerden, fortwährend unabgestellte Beschwerden. Dann erwiederte der sehr ehrcnwcrthe Staatssekretair, er habe nichts dagegen, daß sie ihre Klagen vorbringen und untersuchen ließen. Wenn nun dies den Canadiern gesagt wurde, so frage ich ob wir, die Jrländer, keine Klagen haben? Während der ehrenwcrthe Schatzkammersekretair sprach, konnte ich mich deS Gedankens nicht erwehren, daß der sehr ehrenwerthe Gentleman der einzige Jrländer in der gegenwärtigen Regierung ist, und daß er, obgleich ein Jrländer, kein Repräsentant eines irischen Boroughs oder einer irischen Grafschaft ist. (Hier bemerkte Hr. Spring-Rice, daß der gegenwärtige Lordlieutenant, der höchste Kronbcamtc in Irland, Marquis v. Wcl- leslen, ein Jrländer sei, ebenso der Graf v. Belfast, dcrVieekam- mcrherr des königlichen Hauses, und Hr. Fitzgibbon, der Lord- lieutenant von Limcriek, nebst mehrcrn Andern, deren Namen auf der Gallcrie nicht hörbar waren.) Was ich meine, ist, daß unter den 105 Mitgliedern, die Irland in dieses Haus sendet, kein einziger sich befindet, der den mindesten offiziellen Einfluß hätte. Als Belgien seine Unabhängigkeit vindicirte, war da nicht eine seiner Hauptbeschwcrden der unbillige Vorzug, der in allen höher» Anstellungen den Holländern gegeben ward? (Ein Mitglied fragt, ob etwa Engländer jetzt alte wichtigen Stellen in Irland einnähmen?) Ich wiederhole, daß Irland 105 Repräsentanten in diesem Hause hat, und daß nicht Einem von ihnen die geringste ministerielle Gunst zu Theil ward. Ich bin, wie Sie wissen, vollkommen uneigennützig in dieser Bemerkung. Ich hatte noch nie den Wunsch, noch nie die Absicht, ein Amt anzunehmen; aber vielleicht führt die eben gemachte Bemerkung zu einer kleinen Berichtigung dessen, waL blos ein Versehen sein mag. Ich zweifle wirklich nicht, daß man nach dem eben Gesagten dieses oder jenes irische Mitglied zu irgend einem höhern Amte befördern wird, wäre es auch nur, um den Freunden deS Widerrufs die Gelegenheit zu nehmen, diesen stumpfen Pfeil, dies telnm imllolle mne iotu auf die Regierung abzuschießen. Es ist dies, gegen das Ganze gehalten, freilich nur eine Feder, aber sie zeigt, wie der Wind weht in Dew- ningstrcet (den MinisterhotclS) . . . Der sehr ehrenwerthe Schatz- kammersekrctair hat laut die Wohlfahrt, das Glück Irlands gc- rühmt. Die Wohlfahrt Irlands! wo ist sie? Oh dasi ich den elwcn- wcrlhen Herrn auf die Kais von Limcrick stellen könnte, auf daß er die Zahlreichen Schiffe sähe, die täglich von dort, gefüllt mit den Erzeugnissen dcü irischen Bodens, absegeln, während deffen Einwohner vor Hunger, Krankheit und Seuchen dahin sterben! Ich bin überzeugt, könnte der sehr ehrenwerthe (Gentleman auf der einen Seite seine Augen auf die vollen Schiffsladungen werfen, die täglich von Irland absegeln, und auf der andern Seite die endlose Mannigfaltigkeit von Leiden erblicken, mit denen die Bevölkerung in den Hütten wie in den Häusern kämpft, gewiß er würde nie wieder von dem Glücke und der Wohlhabenheit Irlands reden. Wohlhabenheit und Glück! Großer Gott, wenn ich fragen würde, wo man sie in Irland finde, würden die Echos seiner Berge wiederhatten: wo? Die Wahrheit ist — und ich gestehe sie mit Schmerz und Demüthigung — daß die Bevölkerung Irlands sich in schlechterer Lage befindet, als die niedrigsten Bauern in irgend einem andern Lande Europ'S. Sie haben schlechtere Wohnungen, sind schlechter gekleidet, und genießen schlechtere Nahrung. Sie sind in Behausungen zusammengedrängt, in die man in andern europäischen Ländern kaum Schweine sperren würde. Sie sind mit Lumpen bedeckt, welche in England scder Bettler mit Unwillen von sich warst; und im Schweiße ihres Angesichts, die Herzen krampfhaft zusammengezogen, mähen sie die Ernten, an die zu rühren ihnen nicht gestattet ist, die sie sehen und hungern müffen. Das englische Nolk weiß cS: zu der Zeit, als der Iammcrruf der Irländcr herüber tönte über den Kanal, als er zu den Ohren, und, zu -ihrer Eürc seu'ö gesagt, zu den Herzen der Engländer- drang, da brachen fast die irischen Kornspeicher unter der Fülle der Früchte, die sie einschlössen. Dies würde in jedem Lande schrecklich sein, aber eS ist doppelt schrecklich in einem Lande, das von der Borschung fast mehr als irgend ein anderes mit Fruchtbarkeit gesegnet, von der unseligen Politik der Menschen aber mit Unfruchtbarkeit geschlagen, und doch nicht ganz vernichtet worden. Shiel ging hieraus zur Frage der Armengesche über; er tadelt/ daß man sie Irland vorenthalte/ wo sie doch am nöthigsten wären/ und in England beibehalte/ was beweise / daß man das Prinzip derselben für gut erkenne. Bis zum November lk.ao habe Herr Spring- Ricc Alles/ was in Irland geschehen/ im düstersten Lichte/ nachher Alles rosenfarben gesehen. Ich will Ihnen (fuhr er fort) einige Stellen der Reden dcS clwenwerthcn (Gentleman vorlesen, und frage dann, ob cS in den Annalen der Beredsamkeit etwas so Widersprechendes geben kann, als seine Gesinnungen von heute und die von damals. Bei einer Rede deS Hrn. Spring-Rice am 22. April 1822 finden wir folgende Stelle: „WaS war der erste Tribut, den das Parlament des Reichs vom Jahre 18«1l Irland bot, als erste Maaßregel nach der Union? Das irische Martialgesetz! (Hort!) Wenn wir,die Geschichte der irischen Gesetzgebung verfolgen, sowohl vor als nach der Union, so kommt cS einem vor, als flössen zwei Ströme durch den Kanal dcS Parlaments. In einem stießen drückende Finanz- edikte und gleich drückende Zwangsgesetzc, Heide'»nick,tig und in verheerender Strömung. In dem andern Kanale ward ein Kampf, aber ein vergeblicher versucht, um eine Untersuchung über den Zustand und die Lage des Volkes herbeizuführen, in der Hoffnung, irgend ein Heilmittel für dessen Leiden zu entdecken, und zur Anwendung zu bringen." Wird der ehrenwcrthe Gentleman uns jetzt eine Commilee zu diesem Zweck verwilligen? (Hört!) Doch hören wir, wie er weiter forrfuhr: „Es ist seltsam zu bemerken, mit welch ununterbrochen gleichförmiger Strömung der Strom des Zwangs floß, wahrend der der Untersuchung fortwährend eingedämmt und gehindert wurde.,, (Großer Beifall.) Das Haus hörte dies, und jetzt hört es die Ansichten deL ehrcnwcrthcn Gentleman im Jahre 1831. Man sieht, die politische Atmosphäre hat sich aufgeklärt, die Wolken, die über Irland hicngcn, haben sich zertheilt, oder sind in eitel Schimmer und Gold verwandelt. Ich aber kann die jetzigen Ansichten des ehrenwcrthen Herrn nicht mit den Thatsachen vereinigen... Alan sagt uns, Grattan, der stets gegen die Union war, habe später seinen Sinn geändert. Ich will zeigen, daß Lord Greh dies gleichfalls gethan, lind doch war er damals kein sehr junger Mann mehr. Er hatte ungefähr das Alter des sehr ehrenwcrthen Staatssckretairs der Kolonien, das Aller der Besonnenheit. (Gelächter.) Er war schon herausgetreten aus den Jahren, in denen der Mensch durch Begeisterung geleitet, und der Kopf durch die raschen Schläge des Herzens zum Schweigen gebracht wird. Was sagte Lord Grcy damals? Er sagte, die Vereinigung werde eine Trennung werden. Er könnte die Freude haben, in seinem hohen Alter diese Prophezeiung in Erfüllung gehen zu sehen. Erinnern sie sich, daß im Jahre 1815, als die Union zwischen Holland und Belgien statt fand, die auf jene Maßregel gegründeten Voraussagungen eine auffallende Analogie mit dem gegenwärtigen Falle boten. . . Der ehrenwerthe Repräsentant von Paislcy sprach von der schottischen Union. War diese Union dieselbe wie die irische? Errichtete sie ein anglikanisches Episkopat, ein Pontifikat über ein kalvinistisckwS Volk? Hätte England einen Versuch gemacht, eine solche Union in Schottland einzuführen, so würden sich alle Schotten wie Ein Mann erhoben haben, das Land mit Blut überschwemmend, und wäre es England gelungen, seine anglikanischen Altäre dort aufzuschlagen, so würdc.Schottland ihm als Wüste geblieben sein. In Irland dagegen stehen sieben Millionen Katholiken auf der einen Seite, eine halbe Millionen Protestanten auf der andern, und diese letzter» haben eine herrschende Kirche mit ungeheuren Einkünften, bezahlt von den Katholiken; die Minderzahl wird erhalten durch das Geld der Mehrzahl. Irland aber verlangt, daß „ran ihm Gerechtigkeit gewähre, daß es werde, was es sein sollte, ein unabhängiger Theil des baltischen Reichs.. . Bleiben Regierung und Parlament von England taub gegen jede Ermahnung, so dürften sie darauf gefaßt sein, daß in wenigen Jahren die Protestanten von Irland mit der un- Staatsreden. UM geheuren Müsse ihrer katholischen Landsleule vereint die Trennung fordern, und welchen Widerstand können Sie dann dieser Forderung bieten? Ich habe keinen Grund, die Gefahren zu übertreiben; ich spreche auch nicht in der Sprache der Drohung, sondern der Ermahnung, der Warnung. Wenn ganz Irland nur Einen Wunsch hegt, und England einmal in Krieg mit Frankreich käme — dessen Freundschaft so schwankend sein dürfte, als seine Dvnastie — so möchte es dann Grund haben zu wünschen, daß eine unabhängige Legislatur in Irland bestände." Der Redner nahm unter dem lauten Beifall der WiderrufS- partci seinen Sitz wieder ein. m. Peelö Rede gegen die Aufhebung der Union. Ich wünsche (begann er), daß ein entscheidender Fortschritt in dieser Debatte geschehe. Sie bat seht vier Tage gedauert, aber auch wenn sie noch vier Tage dauerte, und wenn die gegen die Motion vorgebrachten mächtigen Beweise noch zehnfach vermehrt, alle Gründe noch zehnfach verstärkt würden, so könnte sie die Ueberzeugung der großen Mehrzahl dieses Hauses nicht vermehren — eine Ueberzeugung, die tiefer liegt als jedes Argument — daß wir nicht einwilligen werden in die Zerstückelung des brittischen Reichs. sPlötzliclier betäubender Beifall.) Auf diese Ueberzeugung hat das Gefühl so viel Einfluß als das Raisonncment des Verstandes. Solche Ueberzeugungen entstehen wie von selbst in der Brust; sie bedürfen keines Arguments, nur sie hervorzurufen, keiner Beweisführung, um sie zu rechtfertigen. Als man Ili-. Johnstone aufforderte, die Gründe gegen die Epistenz der Materie zu widerlegen, stampfte er mit dem Fuß auf den Boden, und sagte: „So widerlege ich sie." Als Eauuiilg zum erstenmale von dem Widerrufe der Union hörte — zu derselben Zeit, wie ich — rief er unwillig: „DieUnion lösen! So stellt die Heptarchie*) wieder her!" (Beifall.) Man braucht von der Union nur zu sprechen, nur mit Einem Schlage in unsrer Seele das Bewußtsein zu entflammen, daß wir verpflichtet sind, die Sicherheit des Reichs zu erhalten, die von der Ansrcchthaltung dieser Union abhängt, das Bewußtsein, daß ohne sie England zu einer Macht vierten Ranges in Europa her- absänke, und Irland zur öden Wildnis! würde. (Fort und fort ausbrechcnder Beifall.) Nach meiner Anzieht, nach jeder Quelle, aus welcher Ueberzeugung geschöpft werden kann, nach Gefühl und Urtheil, nach Argumenten und Thatsachen, nach der Erfahrung der Geschichte und den, Borausblick des Geistes in die Zukunft, nach dieser meiner ganzen ungetheiltcn Ueberzeugung, gegen die ich vergeblich ankämpfen würde, darf das brittische Reich nicht getheilt werden. Blicken wir auf die Karte Europa's, auf die geographische Lage dieser Inseln, auf ihre Stellung zu Portugal und ') Nach der Emwandenma der Angeln, Sachsen lind Jäten wurde E»g- land, damals Britannien genannt, in 7 Ävnigreiche euigclheM, dies die Heviarchic. P - e l. 14 t Spanien, zu Frankreich, und zu jener großen auf der andern Seite des atlantischen Meeres empor steigenden Macht — blicken wir anf Alles dies, ist eS dann möglich, daß irgend jemand die Unthunlichkeit, nein den Wahnsinn eines solchen Vorschlags nicht einsehe? (Beifall/) Ich wende mich an euch, die ihr die Lösung der Union verlangt, könnt ihr diesem Beweise widerstehen? Seht ihr nicht, daß die Natur selbst die Thorheit eures Planes verkündigt? Matura opposult*), ist die erste Antwort, die ich euch gebe." Der chrenwerthe und gelehrte Gentleman (Slnel) hat heute, wie schon öfters, mit freundlichen Worten der Opfer erwähnt, die ich nun Zwecke der katholischen Emanzipation gebracht habe. Ich gründe keinen 'Anspruch anf diese Opfer. Als Rathgebcr der Krone hielt ich eS für meine Pflicht, ihr jene Bahn anzurathen. Aber wenn ich damals Opfer gebracht hätte, so würden sie zehnfach vermehrt, wenn ich fände, daß jede Hoffnung, jede Prophezeihung, die man auf jene Maßregel gegründet hatte, getäuscht wird, wenn ich fände, Laß jenes Zugeständnis; blos größere Forderungen von Seite der katholischen Bevölkerung Irlands erzeugte. Im Ja tue 1825, wurde der chrenwerthe und gelehrte Gentleman selbst vor einer ParlamcntSkouüssion als einer der wichtigsten Zeugen abgehört. Damals ward folgende Frage an ihn gestellt: „Glauben Sie, daß, falls die katholische Emanzipation vom Parlamente gewährt würde, dann noch Jemand in Irland einflußreich genug wäre, öffentliche Versammlungen zusammen zu rufen und kombi- nirte Plane durchzuführen?" Seine Antwort, die Antwort des Hrn. Richard Lalor Shiel war: „Ich bin überzeugt, daß eS dann nicht mehr in der Macht irgend eines Mannes stände — so groß sein Einfluß, so verkehrt seine Ehrsuchr sein möchte — große Versammlungen in Irland zu hallen. Blos das Gefühl des auf Allen lastenden Unrechts machte jene systematischen Umtriebe möglich, durch welche im ganzen Lande die dvemütber so entflammt wurden." (Großer Beifall.) Der chrenwerthe Gentleman begnügte sich mit dieser Erklärung noch nicht, sondern fügte unaufgefordert Folgendes bei: „Lasten Sie mich z. B. die Frage der Union anführen. Es gibt Manche, die glauben, sei die katholische Frage befriedigend gelöst, so werde man die Union in Frage stellen. Ich bin aber überzeugt, wenn die katholische Emanzipation gewährt ist, wird eilt großer Theil der irischen Bevölkerung, weit entfernt, unzufrieden über die Union zu sein, theils ganz zufrieden mit ihr, gleichgültig über sie sein. Wenn je in einer Versammlung von Katholiken von den Uebeln der Union gesprochen wird, so geschieht eS blos zum Zwecke rhetorischer Aufregung (schallendes Gelächter und Beifall) und nicht in irgend einer ernstlich gemeinten Absicht des Redners, die Union zu irennen, die nach meiner unmaßgeblichen Ansicht zn trennen ganz unmöglich ist." (Langer wiederholter Beifall.) Und nun wende ich mich an das elwcnwerthe und gelehrte Mitglied und frage eS, warum es einen Grundsatz von sich stößt, den es im *) Die Nattw l,ot es nicht gewollt. Jahre 1825 so entschieden in Schutz genommen hatte. Sie waren damals ein ausgeschlossener Katholik, leidend unter dem, was Sie eine allgemeine Ungerechtigkeit nannten, und doch erklärten Sie selbst damals, daß das briktische Reich nicht zerstückelt werden dürfe, daß die Union ganz unlösbar sei. LLaS ist seitdem geschehen, das eine Aenderung Ihrer Meinung bewirken konnte? Seit jener Zeit wurde die Unfähigkeit der Katholiken entfernt, und in diesem Augenblicke sehen wir hier dreißig katholische Repräsentanten- die in diesen Mauern die Gesinnungen der .katholischen Bevölkerung Irlands aussprechen. War damals die Union unauflöslich, gewiß, so ist sie es jetzt, wo Gerechtigkeit geübt wird, noch weil mehr. Der Redner ging hierauf alle Hauptfragen durch / die sich bei einer Aufhebung der Union ergeben würden; er suchte zu zeigen / wie die drückendsten Nebel JrlandS — die Armuth der untern Klasse«/ die geringe Manufakturindustrie/ der Mangel an Kapital/ der Abscn- NSmuS /.die Ungleichheit der Gütcrvcrthcilung rc. — durch eine solche Trennung keineswegs geheilt/ sondern eher vermehrt werden würden; daß Heilung für diese Uebel blos einerseits in einer gerechten Verwaltung im Vereine mit dem an HülfSquellen aller Art so reichen England/ andcrcrscirS im Aufhören der systematischen Aufwiegelungen und der die englische Industrie und das englische Kapital fernhaltenden, beunruhigenden Dcmagogcnkünste liege. Dann beleuchtete Pecl auch die historische Seite. Er erinnerte unter Andcrm/ daß ein Statut Heinrichs VIII in Kraft gewesen'/ wonach ein lo j»eo König von Irland sein sollte/ wie aber dessen ungeachtet, als Wilhelm III >lo 15l.no König von England geworden, Irland Jakob ll gewählt habe. Zuletzt ging der Redner auf die ältere Geschichte JrlandS zurück, auf den Kampf der vielen kleinen Könige, von denen er die ergötzlichsten Dinge erzählte. Da- bet wußte er jene alten Sagen stets in lustige Verbindung mit der Gegenwart zu bringen, indem er Andeutungen gab, wie dieses oder jenes irische Mitglied mit diesem oder jenem alten Könige von Lein- ster oder Connaught re. verwandt zu sein scheine, und daher Kron- crbansprüchc erheben und abermals eine Trennung der Union zwischen Leinstcr und Cannaughc fordern könnte. Doch ist cS unmög- lich in so kurzem AuSzugc eine genügende Anschauung des ganzen . Reichthums von Geist, Laune, Gelehrsamkeit, Feinheit und Takt zu geben, der m einer einzige» solchen ParlamentSrcde enthalten ist. — Wir eilen zum Schlüsse, indem wir die letzten Worte PeclS , anführen: Blicken wir auf die Union mit Schottland, auf dessen Empor- blühcn im Vereine mit England. Ich appcllira an das Haus, ob es bei diesem Anblicke wagt, die Union mit Irland aufzuheben, eine Union, die seit 83 Jahren dauert, in welcher Zeit die Ereignisse von Jahrhunderten an uns vorübergingen. In diesem kurzen Zeiträume fand eine Reihe der furchtbarsten Kämpfe statt, von 1803 bis 1811 dauernd. Fast jode europäische Nation ward von feindlichen Heeren heimgesucht, fast jede Hauptstadt, von Lissabon Perl. t'.Z bis Moskau, sah fremde Fahnen auf ihren Zinnen. Sechsmal- hunderttausend Franzosen überschwemmten weithin die europäischen Länder, und trugen ihre Waffen bis Syrien und Aegvplcn. Die briltischen Inseln aber, England, Irland und Schottland, sahen keinen fremden Feind, nicht Einer wagte den Fuß auf ihren Boden zu setzen. Während dieser Zeit standen Iren, Schotten und Engländer, eS stand die brittische Armee vereinigt unter einem Pakcu- bam und Ponsonby, ohne Unterschied der drei Reiche, sich schmückend mit dem gemeinsamen Siege. Während dieser Zeit lagen die Zügel der Regierung in den Händen eines Caftlcrcagh und eines Pitt, und man sah, wie ein Grattan sich einem Fop anschloß in den Diskussionen der Legislatur des Reichs. Während dieser Zeit stand die brittische Armee unter dem Kommando eines Wellington, der, an die See und den Felsen von Lissabon sich lehnend, über ganz Europa das Loos geworfen, und dessen Freiheiten mit Füßen getreten sah, aber nicht ruhte von seinen glorreichen Arbeiten, bis der ganze Kontinent wieder sich selbst zurückgegeben war. Nachdem der Frieden geschlossen war durch einen Jrländer (Gastlereagh), jener Friede, der Preis der Siege eines andern Jrländers (Wellington), wurde die auf die Religion begründete Ungleichheit der bürgerlichen Rechte entfernt, und allen Klassen vollkommene Gleichheit gewährt. Und jetzt, nachdem die Union mit Irland durch ein solches Gottesgericht gegangen, jetzt frage ich, ob das Parlament, unter dem Eindrucke einer Rede der Zwietracht, die Zerstückelung des Reiches auSsprechen wird. Neue Bande wurden geflochten seit der Inkorporation der beiden Länder; die katholische Emanzipation und die Parlamentsreform haben neue Elemente geboren. Trennen wir jetzt die Union, und richten wir in Irland ein besonderes Parlament auf, was müssen wir dann von der triumphirendcn Bitterkeit des Religionshasses erwarten? Es wäre eine vollständige Auflösung der Gesellschaft. Wer könnte da Gränzen setzen, wer könnte die Kraft der sich entgegen kämpfenden Gewaltet! in den ordnenden Bahnen leiten, wer könnte, wenn icy so sagen darf, die Eentrifugalkrast hindern, auszuströmen in ein EhaoS^gesetzloser Agitation, in eine uferlose See der Revolution? Dies vermöchte Menschenkraft nicht. Dazu bedürfte es jener allmächtigen Gewalt, die das Licht schied von der Finsterniß, und den Gestirnen droben die Bahn vorschrieb, durch die des Himmels prachtvolle Harmonie sich erhält." (Großer Beifall.) — Das englische Unterhaus. 144 Zum Schluß dicscr Abtheilung politischer Reden geben wir noch aus dem roviarv eine Schilderung des englischen Unterhauses nach seinem Bestand im Jahr 1831 - Diese geistvolle Darstellung bedarf keiner besondern Anpreisung »och Erläuterung; sie spricht für sich selbst/ und gewiß seht sie unsre Leser in Stand/ die gelieferten ParlamentSrcden richtiger zu beurtheilen/ und Gang/ Haltung und Eigenthümlichkeit der englischen Debatten schärfer aufzufassen. _ Wenn Jemand/ der nie ein Mitglied des Unterhauses war/ von Zeit zu Zeit den Verhandlungen einer oder der andern Sitzung desselben beiwohnte — wenn er von der Galerie aus einen Blick in den engen / düstern Saal hinabwarf/ und dort eine unbeschäftigte zischelnde und unaufmerksame Versammlung sah — noch mehr/ wenn er die besten Redner und die geschicktesten Dialektiker/ die diese Vcrsainmlung besitzt/ in Augenblicken hörte/ wo nicht eine besondere Gelegenheit die volle Kraft ihrer Beredsamkeit in die Schranken rief — ctidlich wenn er versuchte/ den gewöhnlichen bunten Redncrschwarm zu hören; so läßt sich Zehn gegen Eins wette»/ daß besagter Jemand eine sehr schwache Meinung von den Talenten und politischen Kenntnissen der Kammer geschöpft haben wird. Aber gesetzt/ derselbe Jemand wäre durch Zufall/ Geld oder Verdienst ein Mitglied dicscr Kammer geworden/ so läßt sich gleichfalls Zehn gegen Eins wetten/ daß er noch vor Ablauf eines MvnatS seine Meinung über die der ganzen Versammlung ungehörige Weisheit bedeutend und zwar zum Vortheil des Hauses geändert haben wird. Canning pflegte zu sagen/ daß der gute Geschmack des Hauseü der Gemeinen bei Weitem den eines jeden Mitgliedes übertreffe/ wenn es auch für daS geistreichste unter seinen Collcgcn gelte. Auch herrscht wirklich ein Scharfblick/ ein Takt und eine Richtigkeit des Urtheils in den Ansichten und Meinungen des Unterhauses/ die in Erstaunen setzen/ und da ein geläuterter Geschmack die vorherrschende Eigenschaft des- selben ist/ so ist dieser auch Jedem/ der sich auszeichnen will/ unentbehrlich. Das ist vielleicht ein Unglück/ aber die Sache ist so. Der in der Kammer herrschende Ton ist überhaupt der eines Gentleman / und har die Fehler wie die Verdienste desselben. Die Kammer zeigt sich sehr nachsichtig gegen Unerfahrenheit/ aber auch sehr entrüstet gegen Anmaßung. Guter Anstand/ Haltung/ eine züchtige Beredsamkeit/ Anmuth des Ausdruckes verschaffen hier mehr Nachdruck als in einer andern englischen Versammlung — das Oberhaus kaum auSg-nommcn. Stets schenkt man dort dem Charakter mehr Rücksicht/ selbst wenn er ohne Talente ist, als dem Talente ohne Charakter. Oft hört man außer dem Unterhause Leute sagen: „Dicscr oder Jener wird bei dem Parlamente wenig Kredit finden/ er deklamirt DaS englische Unterhaus. 145 zu viel." Nun würde man aber sehr Unrecht haben/ wenn man glauben wollte/ daß die Kammer die Deklamation haßt. In einer zahlreichen und stürmischen Sitzung wirkt Deklamation unvcrgleich- lieh besser als das beste Raisonnemcnt; nur in einer Sitzung/ der wenige Mitglieder beiwohnen/ oder wo es stch blos um administrative Fragen handelt/ empört stch der richtige Geschmack/ von dem oben die Rede war/ augenblicklich gegen jede Art unnöthigen Prunkes'/ und gegen jede nicht am rechten Ort angebrachte Emphase. „Behalten Sie/" sagte ein altes' Mitglied dcS Unterhauses zu einem jungen Mann/ der große Hoffnungen gab/ stets den Charakter der Versammlung im Auge/ der darin besteht/ daß ste aas Männern zusammengesetzt ist/ die viel gesehen und wenig gelesen haben. Sprechen Sie zu ihnen nicht wie zu tiefen Denkern/ nicht wie zu spitzfindigen Beobachtern/ nicht wie zu genialen Theoretikern/ nicht wie zu warmen Politikern/ sondern wie zu Männern von Welt" — und hierin liegt eine der wichtigsten Ursachen/ daß parlamentarische Erfolge nur die Frucht der Zeit find. Um Männern von Welt zu gefallen/ muß man selbst Einer sein/ und der junge Staatsmann/ der ganz frisch zugeschliffen von der Universität oder von Reisen kommt/ braucht einige Jahre/ um eS zu werden. Angestrengte Studien geben eine ganz andere Art von Kenntniß/ die Erfahrung allein kann Weltkenntnis; geben. Man wiederholt oft außerhalb der Kammer: „Ein großes Wissen ist dcS Erfolges sicher." Großes Wisse»/ selbst wenn es von der höchsten und mannigfaltigsten Art ist/ erfordert die zarteste und wohlbedachteste Geschicklichkcit/ um es gehörig anzubringen. Nichts verzeiht das Haus weniger als das Gepränge mit einer größer» geistigen Ucbcrlcgenheit/ als die Umstände erheischen. Nichts' verachtet es mehr als neue und scharfsinnig auSgcdachtc Wahrheiten/ gegen Philosophie zumal hat es eine wahre Antipathie. Weit lieber hört es einen kühnen Gcnicinplatz/ wenn er geschickt angebracht ist/ jene anmuthigen (Trivialwahrhcitcn)/ die ein Mann von großer Gelehrsamkeit verachten würde. Man erhält von ihm eher Verzeihung/ wenn man unter die Intelligenz des HauseS her- abstnkt/ als wenn man sich über sie erhebt. Als eines Tages die berühmte tragische Schauspielerin SiddonS mit der größten Wärme eine der schönsten Stellen MiltonS einem entzückten Auditorium vortrug/ fing ein Lakay an zu gähnen und sagte: „Was nur die alte Frau wieder hall" Dasselbe Gefühl/ fast dieselben Lakayen- worte/ kann ein Redner hervorrufen/ der sich einmal als zu groß bei kleine» Nebensachen ausgesprochen hat. Das' vollendetste Muster von den,/ was theoretisch genommen die Rede eines Staatsmannes' bei einer wichtigen Gelegenheit sein soll/ war die von Sir ZameS Makinlosh bei der zweiten Verlesung der Reformbill: gehalten/ lichtvoll/ sorgfältig bearbeitet/ gedankenreich — aber doch wirkungslos.. Einige Reden dieser Art würden die Reihen des HauseS mit mehr Erfolg lichten als die Cholera. Der beliebteste Ton parlamentarischer Beredsamkeit ist der Con- versarionSton. Die Kammer liebt «ngcniciN/ was aus dem Stegreif w Das englisch« gesprochen wird/ und bat eine unüberwindliche Abneigung gegen vorbereitete Reden; wiewohl dies eine allzu jugendliche Vorliebe ist/ die dem Lebendigen und Muntern auf Kosten des Tiefgcdachten und Legislativen den Vorzug gibt. Mühsam errungenes Wissen/ licht voll geordnet und logisch vorgetragen/ kann vielleicht nicht mit Leichtigkeit Ausfälle machen und persönliche Angriffe zurückweisen; allein es spricht weit vortZcilhafkcr zu Gunsten der Talente deck Redners'/ es ist unendlich ehrenvoller für den Charakter einer bcra- thendcu Versammlung/ und vor Allem unendlich nützlicher für das Land. — ES besteht im Unterhause eine große Vorliebe für Männer/ die nicht sowohl ihre eigne Meinung als die einer besondern Klasse der Bevölkerung auSzusprechen scheinen. So war man/ als Hunt in'S Unterhaus kam „als der Repräsentant der nicht repräsentieren Klaffe/" «»gemein gespannt/ ihn als Redner/ als unmittelbares Organ des untersten Volkes' — „des Mod" — zu hören. Nur aus diesem Grund allein hätte er mit einer bessern Erziehung und etwas mehr Gewandtheit im Hause eine» ausgezeichneten Rang einnehme» können. Doch Hunt ist die Hohlheit selbst / nie gab es einen erbärmlicheren Schwätzer. Und dennoch betrachtet man seine Rede» blos wegen seiner Geschicklichkeit/ Lachen zu errege«/ und eine ernste und trockene Verhandlung durch ein Altweibergeträtschc über die Times oder seine Jugend/ von der Magd seiner Frau oder von seiner Spazierfahrt über die Londonerbrnckc in einem Einspänner zu würzen / als eine Art Erholung von allzu tiefem Denken; und was man als Possenrcifferei verachtet/ ist als Abwechselung willkommen. Als eine der merkwürdigsten Erscheinungen im Unterhaus»' fällt einem neuen Mitglicde der große Unterschied zwischen dem Rufe auf/ den ein Mitglied in der Kammer/ und den es außer der Kammer genießt. Einige Mitglieder werden von der Versammlung aufmerk- sani/ ja gewissermaßen ehrfurchtsvoll angehört/ während sie im Publikum nicht im mindesten gewürdigt werden oder gar völlig unbekannt sind. Ein neues Mitglied erstaunt über die Komplimente/ die an einen Herrn Varing verschwendet werde»/ über die Hochachtung/ die einem Herrn Wynne zu Theil wird/ über die Lobsprüche/ mit denen man einen Herrn Attwvod überhäuft: er würde noch mehr erstaunen/ wenn er diese Redner zum erstenmal hörte und bevor er noch selbst von dem Geiste des Hauses durchdrungen ist. Allein nicht eine einzelne Rede ist eS/ sondern der allgemeine Charakter einer Reihe von Reden / die diesen Mitgliedern eine so dauerhafte Achtung verschafft haben; eine Kenntniß der DetailS/ eine geschickt angebrachte Schärfe der Replik/ und besonders ein eigenthümlicher Anschein von Treuherzigkeit — dies sind die Mittel/ die wiederholt angewandt unmerklich ein Ansehen schaffe»/ das von dem Publikum nicht begriffen werden kann/ weil es cjn Mitglied des -Unterhauses nur nach einigen/ oft schlecht vorgetragene»/ und eben deßhalb von den Journalen oft mangelhaft wiedergegcbcnen Reden beurtheilt. Das merkwürdigste Beispiel von diesem Unterschiede zwischen der Parlaments- und LaudeS-Rcputation bietet uns Sir Robert Pecl. Unbestritten hat kein Mitglied so wie er das Unter- Unterhaus. 147 Haus in seiner Gewalt. Er erhebt sich — Aller schweigt. Er be. ginnt, indem er sich der Gewohnheit zufolge mit den Worten: „lilr. 8,,k!!,Icer* an den Sprecher wendet, und gleich bei dem ersten Satze fühlt man, daß man einen Meister hört. In der That läßt sich kein so vollendeter, so durch und durch ausgebildeter Dialektiker denken als er. Seine Beredsamkeit ist unvergleichlich klar und be» stimmt: seine Töne der Ueberrcdung, des aufrichtigen Geständnisses oder des ernsten Angriffes würden selbst auf der Bühne von crgrei« fcndcr Wirkung sein. Seine Art Etwas heimzugehen, seine Kunst sich auf der schwachen Seite der Argumentation seines Gegners ein. zubohren, Details gegen Prinzipien ins Feuer zu führen, und Prln- zipien gegen Details, seine Gewohnheit, eine Wahrheit aufzustellen mit dem Anschein, als wolle er darauf seinen Vortrag stützen, und die Gcschicklichkeit, mit der er dann aus dieser Wahrheit die scharf, sinnigsten und gcistrcichiMr Sophismen abzuspinnen weiß — dies sind die wahrhaft vollkommenen Eigenschaften parlamentarischer Gewandtheit, die außer dem Parlamente nie errungen werden kön- ncn, und Sir Robert Pccl ist einer von den wenigen Rednern, die sich große Mühe gegeben haben, sie zu erlangen. Wenn nicht Alles, doch das Meiste, was an ihm bewundert wird, ist das Resultat erstaunliche^. Uebung und ernsten Studiums. Seine Aktion, der Tonwechscl seiner Stimme, sein Lächeln, seine Handbewegung sind durchaus die Frucht der Vorbereitung, so gut wie die eines Schauspielers in Frankreich selbst, wo die Aktion so gut eine Wissenschaft wie eine Kunst ist. Er ist nie theatralisch, aber stets dramatisch. Was Noung auf der Bühne ist, ist Robert Peel im Parlament. Nur wenige Mitglieder des Unterhauses verlegen sich wahrhaft auf parlamentarische Redekunst; theils weil, wie gesagt, der Con- versationston von so großer Wirkung auf die Kammer ist, theils aus Furcht sich lächerlich zu machen, theils auch, weil die meisten in einem schon so vorgerückte» Alter erst gewählt werden, daß sie nicht wieder zu lernen anfangen mögen. So kommt es, daß die Repräsentanten GroßbrittanienS überhaupt sich begnügen, ihre Meinung auf die, wie sie glauben, einfachste Weise auszusprechcn, die jedoch nicht selten bis zum Gemeinen herabsinkt. Sie sprechen mehr für ihre Konstituenten als für ihren Ruhm, und dann wird die Ausbildung der Redekunst auch dadurch gehindert, daß die Gabe flüssig zu sprechen eine der gewöhnlichsten ist. Männer von einer gewissen Stellung im Leben, von einem gewissen Alter und von einigen Kenntnissen des fraglichen Gegenstandes sind selten um Worte verlegen. So spricht Jedermann im Unterhaus,: geläusig, und deßhalb gibt sich auch Niemand die Mühe, mehr als geläufig zu sein. Du sie finden, daß sie ihre Gedanken ohne Anstoß vortragen, so glauben sie auch, es sei nicht möglich dieselben besser auszudrücken. Jeden Tag hört man Klagen über den Mängel an Genauigkeit . in den Journalen, welche über die Sitzungen Bericht erstatten, und in der That findet man auch einen sehr großen Unterschied zwischen den Reden, die gehalten worden sind und wie sie im Druck erscheinen. Indeß liegt die Schuld hicvon mehr an den Rednern als an Das englisch« 148 den Stenographen; denn nur wenig von der Stimme gelangt bis zu den Bänken der Galerie hinauf. Es bedarf einer gewissen Langsamkeit des Vertrages/ einer sehr deutlichen Aussprache und der langen Gewohnheit/ seine Stimme gehörig steigen und fallen zu lassen/ wenn man den Ton bis in die entferntesten Winkel eines für Zuhörer sehr schlecht gebauten Saales gelangen lassen will: deßhalb stnd cS meist auch die ältesten Redner/ die am deutlichsten sprechen. Die jiingern Mitglieder/ so vollkräftig und wohltöncpd auch ihre Stimme sein mag/ werden selten auf den Galerien gut verstanden. Jeden,/ der einer Untcrhaussttzung beigewohnt hat/ ist gewiß die eigenthümliche Höhe der Stimme und das scharfe Abstoßen der letzten Worte eines SavcS bei dem Vortrage alter Mitglieder aufgefallen. Diesen Fehler/ der in der Nähe unangenehm ins Obr fallen mag/ hat man steh angewöhnt/ um den noch größer,, zu vermeiden/ nicht in der Ferne verstanden zu werden. Die meisten jün- gern Redner lassen am Ende einer Periode die Stimme sinken; so hört der Stenograph zwar die ersten Worte/ die letzten aber bleiben ihm völlig «„vernehmlich. Einige Mitglieder des Hauses machten steh als Redner berühmt/ andere von geringere», Ehrgeiz beseelt/ trachten nach keiner andern Rolle/ als der der „ (Ulmn-o,-.>>"*) / und zeichnen steh dmch die Bereitwilligkeit aUtz/ mit'der sie ihren Beifall spenden — der nämliche Schlag Mensche» / der in der französischen Kammer mit der Strahlenkrone des ewigen lirnvo und tees-Inon das Haupt der Redner vor- goldet. In den letzten Sitzungen des Unterhauses insbesondere nahm man eines solchen würdigen Mannes wahr/ dessen „Cheers" etwas Unnachahmliches hatten. ES war ein Tvry/ dessen Haus bei den letzten Volksversammlungen etwas gelitten hatte. Sein aristokratischer Aergcr/ der nicht die Gabe besaß/ sich durch Worte Luft zu machen/ entschädigte sich durch Explosionen der langgehaltenstei,/ wohlklingendsten und unbändigsten ChccrS/ deren eine menschliche Stimme fähig ist. Gewöhnlich erschallt der Beifall nur von Seite der Opposition; eine ministerielle Majorität ist mcistcntheils kalt. Rede»/ die der unterliegenden Parthci einen Donner von Beifall entlockt haben würden/ scheinen tauben Ohren gepredigt/ und sterbe» iu dumpfem Schweigen aufgenommen dabin. Auf der ministeriellen Seite betrachtet überdies Jeder seinen Nachbar als einen Nebenbuhler/ der ihm im Goldregen der Ministcrguust im Wege steht; und deßhalb ist er ihm wegen rednerischer Erfolge durchaus nicht hold/ weil er sie als auf seine Kosten errungen betrachtet. Ein Theil der Opposition wenigstens ist hingegen frei von dieser kleinlichen Eifersucht persönlicher Interesse»/ und man kann steh daher leichter einen Namen auf den Bänken links von dem Sprecher des Hauses/ als auf denen rechts erwerben. „Ich will mich nur"/ hörte man einst Fox sage»/ „dem Etzeer eines irländischen Mitgliedes' empfohlen sein . lassen." Und in der That liegt in dem irländischen Beifall eine so 1 Erominci'rr. Unterhaus. 149 cdclmüthige Wärme/ eine so herzliche Celbstvcrgcsscnheit/ die leicht zu unterscheiden ist von dem kalte»/ halb auSgcstoßcnen, halb unterdrückten Cheer des Engländers. Auch ist der Jrländcr bereitwilliger, Verdienste eines jungen Mitgliedes anzuerkennen und dessen Fehlern Nachsicht zu schenken. Der jungfräuliche Redner (AlaiüLu-Orator, wie man das Mitglied bezeichnet/ das seine erste Rede — lll-iisten- — im Unterhause hält) möge nur Diejenigen zähle» / die sich lächelnd nähern/ um ihm die Hand zu schütteln und irgend eine Artigkeit über seinen ersten Vertrag zu sagen; sicherlich findet er darunter zwei Jrländcr für einen Engländer. Man hat schon oft und besonders in den lchrvergangencn zwei Jahren bemerkt/ daß in den Sitzungen der MoutagS-Nächte, wo gewöhnlich die irländischen Angelegenheiten verhandelt werden/ und die Reihen der englischen Mitglieder sehr gelichtet sind/ der Beifall weit lauter/ der Enthusiasmus viel kühner/ die Gefühle weit hochherziger und die Reden weit freimüthiger geworden sind/ als in den übrigen Nächten der Woche. Der Jrländcr läßt sein Herz in Allem mitspielen/ was er vornimmt/ und heutzutage/ wo Intelligenz so leicht erworben werden kann/ ist die Energie zu handeln eine gewichtigere Eigenschaft als das Denken. „Zu unsern Zeiten/" sagte Friedrich der Große/ „richtet Unwissenheit größeres Unheil an als das Laster." Und in unsern Tagen dürfen wir sagen/ ist weniger die Unwissenheit als Gleichgültigkeit und Mangel an Thatkraft anzuklagen. Nur selten sieht man im Untcrhause Gelehrte sich eines Erfolgs erfreuen; die Hauptursache davon ist außer andern ihre allzu bedacht- same Geziertheit. Diejenigen/ welche ihr ganzes Leben hindurch die Schönheiten der Sprache studirt habe»/ scheuen es ungcmciN/ » sich in den kühnen Strom einer Stegreifrede zu stürze»/ mit der Gefahr/ einen Satz unvollendet zu lassen, sich gegen die Grammatik zu verstoßen/ oder eine abgenutzte Redensart den Lippen entschlüpfen zu lassen/ was nicht selten den besten Parlamcntsrednern zu widerfahren pflegt. Eine andere Ursache/ warum Männer von Gelehrsamkeit so selten den Beifall des Hauses zu erringen vermögen, ist ihre oft allzu große Subtilität in ihren Argumenten. Ein erfahrner Redner, der bei einer besondern Grelle Beifall wünscht, wird sich absichtlich auf einen Gemeinplatz herabfallen lassen, den er im Her» zen verachtet. Der gelehrte Denker, der stolze Philosoph Würdesich Lurch einen solchen Kunstgriff erniedrigt wähnen, und selten wird man daher von ihm auf der einen Seite „die abscheuliche Borough- mäklerci" anklagen oder auf der andern „den Untergang unsrer Institutionen" bejammern hören. Der größte Stein des Anstoßes, der den gelehrten Rednern auf ihrer Bahn zum parlamentarischen Ruhm im Wege liegt, ist ihre allzugroße Empfindlichkeit, wenn sie einmal durchfallcn. „Ist dies nicht eine große Rede?" sagte ein Unterhausmitglicd zu Fox, als ein Lord seine Antrittsrede gehalten hatte. „Ich kann noch nicht über den Redner urtheilen," erwidertcFox, „bis ich ihn einmal habe durchfallcn sehen." Ueberhaupt wird gelehrten Männern, die im stillen Hain der Musen aufgewachsen, eher als allen Andern eine Laufbahn verleidet, wo man nothwendiger Weise so manchen Groß erleiden muß. Der Eine gibt sie in Verzweiflung, der Andere iy Mißmuth auf; einem Dritten versetzt ein Gelächter den Athem, ein Vierter wird auf immer mit Stummhcit geschlagen, wenn er einen seiner Verstöße unter dem Schein großer Lobeserhebungen vor der Welt zum Gespötte machen hört. Die gelehrten Männer haben auch einen großen Gegner an ihrem schon erworbenen Ruhme. Man erwartet stets allzuviel von ihrer ersten Rede. Wer weiß aber nicht, daß die Gabe öffentlich zu sprechen von allen Talenten dasjenige ist, das die meiste Vorbereitung und die längste Uebung bedarf. Mit Ausnahme von äußerst wenigen waren fortwährend große Redner fast nie gleich im Anfange ihrer parlamentarischen Laufbahn aus- gezeichnet. Nur wenige Gelehrte hatten vor ihrem Eintritt in's Unterhaus Uebung im öffentlichen Sprechen; die tausend Kunstgriff« und Handwerksvortheile der Redner sind ihnen noch ein Geheimniß; ihre Reden sind von der Art, daß sie im Munde eines unbekannten Mitgliedes ausgezeichnet sein würden, aber aus bloßer Unsicherheit, ans bloßem Ungeschick im Vortrage für sie eine völlige Niederlage werden; und eben diese Niederlage, durch die sie eigentlich zu neuer Energie angefeuert werden sollten, bringt sie in Verzweiflung. Ein gewandter Mann hingegen mag wiederholt durchfallen, weiß er sich nur den festen Muth zu erhalten, so darf er eines endlichen Er. folges gewiß sein; kaum ein Beispiel vom Gegentheil ist uns bekannt. Eine glückliche Thatsache glücklich an Mann gebracht, eine große Ansicht, ein edler Gedanke, ja sogar ein glücklicher Aus. druck macht mit einem Schlage alle Niederlagen wieder gut und fesselt die Aufmerksamkeit des Hauses; und geht auch eine Gelegen- heit hiezu verloren, so finden Leute von wirklichem Talent und ent. schlossenem Muth immer wieder eine neue. Das Unglück ist, daß Genie und große Dreistigkeit selten so vereint sind, wie sie es sein sollten. ES ist ein bcmerkenswerther Zug des Unterhauses, der jeden angehenden Redner ermuthigen muß, daß eine Rede einen Ruhm begründen, eine Niederlage ihn aber nie verlieren machen kann. Wenigstens sechsmal muß man durchgefallen sein, bis ein günstiger Erfolg verwischt wird. Die elendesten Reden in Geschmack, Takt, und selbst gesundem Menschenverstand, die je im Unterhause gehal. ten wurden, sind einige der Reden Brougham's. Keiner von allen Gelehrten drang so siegreich durch alle Hin. derniffe wie Maeauley. Mit seinem großen Rufe, der ihm voran- ging, in's Unterhaus gewählt, und noch bei einer besonders wich- tigen Gelegenheit, zugleich aber auch als der Vorkämpfer einer Parthei bezeichnet, erregte er die gespannteste Erwartung, und zwar so sehr, daß er keine Nachsicht hoffen durfte. Seine ersten Reden wurden zwar mit Beifall aufgenommen und gepriesen, am nächsten Tage aber fing man an sie zu bekritteln. Die Einen nannten sie Versuche, die Andern Deklamationen; Diesen schienen sie ein leeres Wortgepräng, Jenen zu sehr überarbeitet. Erst in den letzten Monaten und blos durch seine Reden über die Reform erkämpfte er sich den lang verweigerten hohen Rang, den sein glänzendes Genie, Unterhaus. 15 l seine tiefen und vielseitigen Kenntnisse/ seine edlen und hochherzi- gen Ansichten/ seine derbe praktische Kraft des gesunden Menschenverstandes von Anfang an für ihn forderten. Allein Macauley war auch nicht blos Gelehrter/ er war ein durchaus geübter und durch lange Erfahrung gebildeter Redner/ bevor er in das Unterhaus trat. ES ist ein charakteristischer Zug von Männern/ die zugleich Redner und Schriftsteller sein wollen./ daß sie ihre Worte zu gut wählen/ was ihnen — so sonderbar cS auch denen scheinen mag/ die mit dem Ton des Unterhauses nicht bekannt sind — ungemein hinderlich ist/ einen Erfolg zu erringen. Der „Mob" der Kammer nimmt daraus sogleich den sehr willkommenen Anlaß von PedantiS- muS und langer Vorbereitung zu sprechen. So war es der Fall mit dem Lord Advokaten Icffrcy/ von dessen erster Rede man sagte/ sie sei die Frucht von wenigstens einem Monat. Wer aber diesen ausgezeichneten Schriftsteller genauer kennt/ weiß/ daß er in seinem ganzen Leben noch an keiner Rede so lange gearbeitet hat. Jeffrey ist im Stande/ vom Teller weg eine Rede zu halte» / nicht allein in derselben klassischen Sprache/ sondern auch in der logischen Ordnung/ die Geistern untergeordneten Ranges nur durch langes Feilen und Ausbessern möglich wird. Der Lord Advokat hat seitdem seine da- malige Niederlage wieder auf glanzvolle Weise gut gemacht. ES wäre noch manches Wort über Shicl zu sagen. Dieser Mann hat cS in seiner Gewalt/ ein prachtvoller Redner zu werden/ und was noch mehr ist/ ein sehr einflußreiches Parlamentsglied; allein er muß seinen gegenwärtigen Styl aufgeben; unter fünfzig Gelegenheiten ist nicht eine/ wo er dem Hause zusagt. Deklamation jeder Art macht Eindruck/ sie mag nun ernst/ heftig oder leidenschaftlich sein — nur die blumenreiche verfehlt ihren Zweck. Der Mann/ der die auf der Pcncnden-Haidc gesprochene oder nicht gesprochene Rede schreiben konnte/ besitzt wahre und dauerhafte Elemente zur Größe/ und es liegt nur an ihni/ sie zu erringen. Von allen Arten der Beredsamkeit wird auf die Länge hinaus die vermittelnde mit dem glücklichsten Erfolge gekrönt. Im Kampf der Parthcianfregung mag der heftige Redner im Sturm des Augenblicks mit Enthusiasmus begrüßt werden; allein das ehrende Beiwort „.<>tk>t<>.?i,ir>n litze" — eines Staatsmanns würdig — erhält nur die gemäßigte Beredsamkeit. Das Haus vergißt selten lange/ daß es eine Versammlung von Männern von guter Erziehung ist/ und Höflichkeit kann versichert sei,,/ daß sie in diesem öffentlichen Kreise eben so ihren Weg machen wird / wie im häuslichen. Hätte Brougham die Leitung des Unterhauses gehabt/ statt Lord Alt- horpe'S/ so wäre darauf zu zählen gewesen/ daß die Reformbill wenigstens sechs Wochen länger im Cvmitte geblieben sein würde. Zuverlässig würden dann alle Abende schönere Reden gehört worden sein; es würde nicht an herrlichen Bitterkeiten und Ausfällen und zermalmenden Ironien gefehlt haben/ und die Reformer würden stolzer zu Bette gegangen sein und die Zeitungen am folgenden Tage voll LobeScrgicßungen „über den Alles vor sich her niederwerfenden Angriff Lord BroughamS" gesprochen habe». Aber wenn die 152 DaS englische Rcformbtll wieder in'S Eomitle gebracht worden wäre/ würde es von Seiten der Antireformcr neue AmcndementS/ neuen Tadel/ neue Rede,,/ neue Verzögerung gesetzt haben. Durch einen großen Redner hätten sie zu einer äußerst halsstarrigen Opposttion gebracht werden können; durch einen sanften gutmüthigen Mann von Geist wurden ste buchstäblich genommen bis zur Bescheidenheit schamroth gemacht. Dies mag vielleicht außerhalb des Unterhauses ein Räthsel sein / jedes Parlamentsglied von Erfahrung aber wird es leicht be» greiflich finden. Diesen Geist der Vermittlung/ diese Redekunst der Mäßigung besaß in ausgezeichnetem Grade Lord Castiereag h. Durch ste beherrschte er trotz seiner fehlerhaften NaisonnemcntS und seiner grammatikalischen Verstöße/ die Lord Byron so bitrer geißelte/ daS Parlament; durch ste war er unbestritten einer der gewandtesten und bewunderungswürdigsten Redner/ die je das Unterhaus leitete». Ueber den Werth dieses Talentes der Leitung können das Publikum und das Parlament nie einverstanden sein. Das Publikum kann seine Repräsentanten nur nach den äußern und sichtbaren Zeichen von Verstand / Kenntnissen und Beredsamkeit beurtheilen. Die feine und fast unmcrklichc Kunst/ dem Hause eine Richtung zu geben und die Interessen einer Parthci mit denen der andern in Einklang zu bringen/ kann nur im Unterhause selbst und hier nur von einem Theil desselben gewürdigt werden. Hirn» liegt ein Hauptgrund/ warum Publikum und Repräsentanten so oft in ihrer Meinung von dem Werthe eines Parlamentsmitgliedes von einander abweichen. Nur wenige große Redner haben das Talent der Leitung. Beredsamkeit/ so kostbar ste im Angriff ist/ wird in der Vertheidigung oft gefährlich. Von Seite der Opposttion besteht das Talent darin/ seinen Gegner bloSzustellcn/ auf Seite der Regierung ist man mit der Gefahr bedroht/ stch selbst bloSzustellcn. Das Leben eines seiner Pflicht getreuen Untcrhausmitgliedes ist nicht auf Rosen gebettet. Auf den ersten Blick gibt cS vielleicht kein Mühsal beladencreS Geschöpf als ein UntcrhauSmitglicd. Nach halb vier Uhr nimmt er seinen Sitz auf den kalten einsamen Bänken; mit den Petitionen wird der Anfang gemacht; lange / nicht zur Frage gehörige Reden werden gehalten; zuletzt wird der Gegenstand bis in den Winkel eines Details hinein verfolgt/ hier festgehalten/ bis auf den Knochen abgrnagt und gekaut/ plötzlich aber entwischt er/ um bei der nächste» besten Gelegenheit wieder gehetzt zu werden. Um sieben Uhr vielleicht entrinnt unser fest genagelter Senator/ um in den oberen Räumen des Hauses etwas Kaltes und ein Glas Likör mit Wasser vermischt zu stch zu nehmen; eine halbe Stunde später sitzt er schon wieder auf seiner Bank bis zwei oder drei Uhr in der Frühe. Und vielleicht spricht der so dienstbeflissene Mann nie eine Sylbe/ hat an der abgehandelten Frage nicht das mindeste Interesse/ weder einen Ehrgeiz zu befriedigen/ noch eine Antwort zu gebcn- Vielleicht erwarten ihn außer der St. Stcphanskapclle alle Freuden und Genüsse des Lebens: angenehme Gesellschaft/ Musik/ Bücher/ Wein/ Liebe/ Alles waS Reichthum gewähren und Jugend genießen kann. Und was verleitet ihn/ freiwillig ein so schweres Kreuz auf Unterbaue. 15Z sich zu laden? Der Himmel weiß es! Und in der That/ je dornichter die Bahn des angehenden Parlamentsmitgliedes Anfangs erscheint/ desto reizvoller wird sie gegen daS Ende. Geschäfte wachsen dem Menschen mehr über den Kopf/ als Vergnügungen; von allen Beschäftigungen aber bemächtigt sich keine des menschlichen Geistes so ausschließlich mit tyrannischer Gewalt/ als der Eifer öffentlich zu sprechen. Die Mitglieder eines NcdncrklubbcS auf der Universität beschäftigen sich mit nichts mehr als mit dem Klubb; auf gleiche Weise sieht man stets' Schauspieler beisammen / deren Gespräche sich um nichts als ihre Kunst und die Bühne drehen. Ein Gleiches ist mit den Mitgliedern des Parlaments der Fall. Wenn eine Gesellschaft derselben zu einem Mittagmahle sich vereinigt/ um was bewegt sich ihre Unterhaltung? „Um die interessante Diskussion deS Herrn Stanley — des Sir Charles' Wcthercll — um die Zuckerraffincricn und die ewige Reformbill!" — Dies macht die UnterhauSmitglicder für hie profane Welt außer der St. Stephanskapelle und insbesondere den Frauen völlig ungenießbar. Nur wenige englische Damen / so ehrgeizig sie auch im Allgemeinen sind/ bleiben lauge Zeit in Sympathie mit dem parlamentarischen Ehrgeiz ihrer Männer / und hierin offenbart sich recht eigentlich der Unterschied zwischen den englischen und französischen Frauen. Die Vortheile / welche gesellschaftliche Auszeichnungen in Frankreich verleihen/ sind bei weitem verführerischer als in England/ und dennoch schätzen die franzosi- scheu Frauen die politische Ehre Höher als' die Ehre des Salons'. Da wir hier einmal auf Frankreich zu reden gekommen sind, so muß bemerkt werden, daß in den Nationalversammlungen, vorzüglich die Verschiedenheit der Charaktere beider Völker offenbar werde. Die Franzosen sind vor Kurzem erst zu tieferem Denken geführt worden, und gefallen sich daher in der Entwicklung großer und allgemeiner Wahrheiten; die Aufmerksamkeit der Engländer stets durch ihre Nationalschuld und die ungeheure» Auflagen an materielle Interessen gefesselt, beschäftigt sich gern mit arithmetischen Kleinigkeiten und geringfügigen Vortheilen des' Details. Frau von Stack bemerkt irgendwo, daß eine der Ursachen von den Ausschweifungen der französischen Revolution die Zulassung der Fremden zu den Berathungen der Nationalversammlung war. Die Redner opferten aus Gefallsucht die Wahrheit den glänzenden Redensarten. Bald machte nur daS Gewaltsame noch Wirkung, und endlich opferten die Redner statt der Wahrheit — Menschen. Diese furchtbaren Folgen der Eitelkeit würden in England nie statt sinken können. Das englische Volk läßt sein Unterhaus durch eigens dazu bestellte Repräsentanten — die Stenographen beobachten, und doch findet man unter zehn Rednern nicht Einen, der während eines VortrageS an die Stenographen denkt. ES ist bcmerkcnSwerth zu scheu, wie selten nur ein Redner sich den Galerien zuwendet. Der Oberst Silt- horpe und Hunt schienen uns die Einzigen, die besorgt waren, daß am nächsten Morgen ihre parlamentarische Weisheit unverkürzt in s Publikum gelange. Es ist eine tiefe und wahre Bemerkung, die ein noch lebender 154 Das englisch« UneerbauS. großer Redner gemacht haben soll/ „daß das Unterhaus/ das so mangelhaft die öffentliche Meinung auSspricht/ unmöglich so lange Zeit Bestand gehabt haben würde/ wenn es nicht so trefflich den Charakter des englischen Volkes ausspräche." Dies erwarb zu ver. schicdenen Epochen dem Nnterhause den Namen „der bewunderungswürdigen Versammlung" — wie Lord John Ruffel es ohne Zweifel irrig nannte/ wenn er diese Eigenschaft allzuweit ausgedehnt wissen will. DaS aber wird Englands glücklichste Stunde sein/ wenn in seiner Nationalversammlung sein Charakter und seine Meinung zugleich ausgesprochen werden wird. Wenn diese Zeit kommen und die Schwierigkeiten des englischen Finanzsystems nicht mehr den Genius einer tiefen und geistvollen Nation in Fesseln halten werden/ so wird vielleicht den herrlichen und großen Wahrheiten des mensch- lichcn Geschlechts in dem Unterhaus/ wo sie bis seht so wenig Zu- tritt fanden/ die gebührende Aufnahme zu Theil. Staatsmänner mögen dann vielleicht aufstehen / die Anfangs die Ungeduld ihrer Zuhörer erregen/ am Ende aber ihre Herzen fesseln werden. Die Wissenschaft der Gesetzgebung wird dann an die Stelle der Debatten- kunst trettcn/ und was jetzt Folge des Talentes ist / wird dann der Tugend gelingen. Noch stellt sich uns die Frage entgegen: welchem Einfluß wird die Reform — die so lange hinausgeschobene und deßhalb nur desto gewissere Reform — auf den Charakter des Unterhauses haben? Wie wird das Parlament von 1834 beschaffen sein? Seine Grundzügc werden in diesem Betracht dieselben bleiben/ wenigstens eben so lange als England selbst groß und blühend sein wird. Auf die Besorgnis Einiger/ das Volk werde seine Repräsentanten auS den untern Ständen wählen/ läßt steh mit Macchiavcl antworten: „Das römische Volk erhielt das Recht Plebejer zu wählen/ und es wählte Patrizier" — und dies wird immer der Fall sei»/ so lange Menschen vor denjenigen Verehrung empfinden werden/ die hoch über ihnen stehen/ und Eifersucht gegen die/ welche nur zunächst über ihnen stehen. DaS englische Parlament wird stets — selbst wenn die englische Monarchie sich in ciwc Republik verwandeln würde — so lange der Handel Englands die Welt durchzieht/ und seine Künste/ seine Wissenschaften/ fein Reichthum bestehe»/ eine Versammlung aus Männern von Geburt und Erziehung bilden. ES wird denselben äußern Anstand/ denselben guten Geschmack/ dieselben aristokrati- scheu Manieren/ aber nicht dieselben aristokratischen Prinzipien haben. Das Volk wird seine Repräsentanten auS den höheren und reicheren Ständen wählen; aber es wird diese Repräsentanten zwingen/ Verwahre Ausdruck der Volksmeinung zu sein. Es wird verlangen/ daß man seine Orakel höre/ aber um der Stimme dieser Orakel mehr Feierlichkeit und Gewicht zu geben / wird cS sie / wie bei dem Orakel von Dodona nur von den höchsten Bäumen ertönen lassen. IV. Fran ) ösis ch e Nrdn c r. Geschichte der Staatöberedsamkcit unter den Franzosen. Zur StaatSbercdsamkeit war in dem guten Jahrhundert vor der Revolution kein Raum in Frankreich. Bis auf Richelieu usurpirte zwar das Pariser Parlcment einen Einfluß auf StaatSangclegen- hcitcn; es wurden bis dahin von Zeit zu Zeit die Rcichsflünde und Notabcln zusammen gerufen/ um über wichtige RcichSangelegenhci« tcn zu berathen; und in diesen Versammlungen wurde der Grund zu einer französischen StaatSbcrcdsamkcit gelegt/ deren Anfang aller Beachtung würdig ist. Denn noch sind einige Reden des Kanzlers Hospital bei Eröffnung einiger Versammlungen der Rcichsflünde vorhanden / welche die beßtcn Proben der Beredsamkeit aus dem tk. Jahrhundert sind; schon weniger glücklich ist die rednerische Form der ParlemcntSdebattcn aus' der crflen Hülste des t7. Jahrhunderts/ die der Kardinal von Reh seinen Memoiren einverleibt hat; sie sind ohne Spuren höherer Bildung/ von schlechtem Geschmack/ breit und ermüdend. Dies Alles würde zur Zeit des bessern Geschmacks leicht vermieden worden sei» / wenn die StaatSbcrcdsamkcit bis in dieselbe fortgedauert Hütte; aber ehe sich noch die Sprache zum freien Gebrauch des Redners ausgebildet hatte- und ein besserer Ton und Geist in die Debatten solcher Verhandlungen gekommen war/ die sich mit ernsteren Gcgenstünden des öffentlichen Wohls zu bcschüfti« gen hatten/ waren den politischen Rednern von dem Despotismus ihre Tribünen verschlossen; Richelieu gestattete den Parlemcntcn keinen Einfluß weiter in Staatssachen/ sondern setzte sie auf ihre ursprüngliche Bestimmung bloßer Gerichtshöfe herab; Ludwig XIV ließ keine Versammlung der Rcichsstündc und Notabel» mehr zusam- menberufen/ und wo er Provinzialversammlungen- wie in Langucdoc und Bretagne/ nicht hindern konnte/ da wurde wenigstens das freie Sprechen nnd Debattiern verhindert/ indem die/ welche als Redner darin auftreten wollten/ erst um die Erlaubniß zu rede»/ beim König nachsuchen mußten.'! Wie Hütte unter dem Druck einer solchen Knechtschaft der Gcistesaufschwung sich entwickeln könne»/ in welchem allein wahre Beredsamkeit zu wurzeln vermag? Und da derselbe Druck unter Ludwig XV fortdauerte- so sind die einzelnen Reden- in welchen sich der edle und große Charakter d'Aguesscau'S/ des GencralprokuratorS des ParlcmcnrS/ «»verholen üußcrtc- desto höherer Achtung werth. Erst die Revolution unter Ludwig XVI öffnete der französischen StaatSbercdsamkeit das ihr nöthige freie Feld- und Staatereden. 158 voll Erstaunen lauschte Europa den Tönen des Donners, die wie vor dem Ausbruche des Gewitters an dem Himmel herauf grollten; die bisher nie gehörten Töne der Freiheit und Menschenwürde er. griffen die Hermen mit Schauern des Entzückens; und Mirabeau's Name flammte in dem Kranze der ersten Redner. Seine keineswegs zu verachtenden parlamentarischen Gegner waren der AbbeMaury und CazalcS; undVcrgniauds glühende Begeisterung erhob sich oft auf gleiche Höhe mit Mirabeau's bewunderten Reden. Doch im Allgemeinen war diese Zeit nur von kurzer Dauer; Mirabcau starb, und die sich drängenden fürchterlichen Ereignisse und neuen Umwäl- zungen verhinderten jede fortschreitende Bildung. Der hohe Redner, schwung ließ nach, und an seine Stelle trat niedrige Kriecherei; nur CarnotS männliche Seele enthüllt uns nochmals republikanische Größe. Erst als nach Napoleons Sturz die BourbonS eine Verfassung dem Volk brachten, und damit das Nepräsentativsystem; da war der Raum gegeben, wo sich die Beredsamkeit wieder aufs neue entfalten konnte. Freilich waren anfangs die Verhältnisse ungün- stig, die Redefreiheit beschränkt, der Fortschritt hierarchischer und aristokratischer Reaktion mit jedem Tage fühlbarer, und die Uebung in freiem Vortrage noch so selten, daß fast alle bedeutenden Reden vorher aufgeschrieben und dann abgelesen wurden. Schadete dies dem augenblicklichen Effekt, so gewann doch das lesende Publikum dabei, und offenbar ist dies auch der einzige Weg, auf dem das Talent zu seiner wahren Höhe sich ausbilden kann. Gerade in die- sein Umstand erblicken wir einen Vorzug der Reden französischer Redner vor denen englischer; sie sind gewöhnlich Reden im höheren Sinn des Worts, d. h. durch die Einheit des Gedankens zusammengehalten, und mit oratorischcr Kunst angelegt und ausgearbeitet. Die Namen eines Fo y, Bcnj. Constant, La M/rquc, glänzen hier als Sterne erster Größe, denen Manuel, l.uizot, Thiers, Düpin, Odillon Barrot, Mauguin u. a. sich anschließen. Ueber das Unterscheidende der Beredsamkeit von der englischen vergleiche dir Geschichte der letzteren. Mirabca u. Das bekannte Wort: „man muß bewundern, aber bedauern und verdammen" findet auf die außerordentliche Erscheinung dieses . Mannes seine vollcsic Anwendung. Freilich wohl darf man ihn, will man gerecht bleiben, nur historisch betrachten und würdigen wollen; und mau muß sagen, daß er, wie er in den bessern Zeiten Roms ein zweiter GracchuS geworden sein würde, so in einer sinkenden Monarchie, in einer lasicrhaften Zeit, einem durchaus verderbten Stunde angchörig, werden mußte, was er geworden ist — ein durch seine Laster und Ausschweifungen nicht minder als durch die glänzendste politische Thätigkeit ausgezeichneter Charakter. Doch darf man wohl sagen, daß, wenn es möglich ist, frühere Vcrhöh. nungcn aller göttlichen und bürgerlichen Gesetze durch spätere Thaten Mirabeau. 15S wieder vergessen zu mache»/ Mirabeau durch seinen zur höchsten Bewunderung hinreißenden Kampf für die Ideen der Freiheit und der Volks rechte das' schönste Sühnopfer für sein vergangenes Leben gebracht hat. Honorä Gabriel Victor Riquetti/ Graf von Mirabeau/ war geboren am 9. Mär; 1749 auf dem Schlosse Vignon bei Nemours'/ und stammte aus einer alten Familie. Sein Vater war trotz dcS RufS/ den er um seines' Buchs „l'ami Itrc>.<> > z>ri»«il« «l'etiil^ 2 Bde./ sowie in dem früheren er seinen berühmten »ar le äc,-i,>oU!iint). Dieser wußte MS. Talente besser zu schätze»/ und Aix und Marseille wählten ihn; somit war ihm der welthistorische Schauplatz geöffnet. Kaum einigemal halte er in der Versammlung zu Versailles gesprochen/ als er schnell das Ueber- gcwicht und die Herrschaft erlangte/ welche das Genie stch stets zu erringe«/ der Mann von Grundsätzen aber nur zu behaupten weiß. Mit den mannichfachstcn/ auSgcbrcitctstcii Kenntnissen vereinigte er daF cntschiedcnstcRcdnertalcnt. In gefährlichen Umständen beherrschte er die Gemüther; in verwickelten Diskussionen schienen aus seiner Rede Ströme des Lichts auszugehen/ und allen die nothwendige Bahn vorzuzcichnen; im .Kampf der Debatte schlug er oft/ wie mit Einem Worte/ seinen Gegner zu Boden. Daher war/ so lange man an die Reinheit seiner Absichten glaubte/ seine Popularität unermeßlich. Wie wunderbar/ wie eleklristrcnd seine Reden gewirkt/ muß man in Memoiren aus jener Zeit lesen. Doch war M. nicht Republikaner. Er verlangte Beschränkung der königlichen Gewalt/ Abschaffung aller Vorrechte der Aristokratie und Hierarchie; aber reine Demokratie war ihm zuwider. Er wollte ein konstitutionelles Königthum. Der Hof sah etwas spät ei»/ wie unklug er gehandelt/ indem er M-/ da-S größte Talent der Nationalversammlung/ stets feindselig vo» sich gestoßen. Marie Antoinctte selbst suchte ihn dem Interesse des Hofs zu gewinnen. Wer möchte ihm einen Vor- wurf daraus machen/ daß er es unternahm/ dem König und dem Lande gleichzeitig zu dienen? ihr beiderseitiges Interesse knüpfte sie M i r a b e a u. 16 t an einander. Aber das muß aufs höchste mißbilligt und als Ver- käuflichkcit bezeichnet werden, daß er den Hof seine bedeutenden Schulden bezahlen ließ, und monatlich «ooo Fr. erhielt. „Mrabcau, der große Vcrräther!" dieser Ruf erscholl jetzt durch die Straßen von PariS, und um seine Popularität wärS gethan. Da starb er plötzlich — ohne Zweifel in Folge übertriebener Anstrengungen, und seiner früheren Lebensweise, zur rechten Zeit jedoch noch, um allgc- mein auf das tiefste betrauert zu werden. ES schien Allen die Na» tionalversammlung ihren Leiter, ihre Stütze verloren zu haben; und allerdings kann die Frage aufgeworfen werden, ob, hätte er länger gelebt, die Revolution keinen andern Gang genommen haben würde. Am e. April 1791 wurde seine Leiche von mehr als 100,000 Menschen geleitet, im Pantheon beigesetzt. Eine schöne Ausgabe seiner Werke ist: „Oeuvre« st«! jZlirntzeuu, ;>ar jlkerilliou, I'sri« 1834.« 1 ^ In der Sitzung vom 13. April 1790 ward der Vorschlag gemacht, zu beschließen, daß die römisch-katholische Religion für immer als StaatSreligion anerkannt werden solle. La Rochcfoucault erhob sich dagegen mir folgendem Antrag: „Die Nationalversammlung, in Erwägung, daß sie über Gc. wissen und religiöse Ueberzeugung weder Macht hat, noch haben kann; daß die Heiligkeit der Religion und die ihr schuldige Ehrfurcht gar nicht gestatten, sie zu einem Gegenstände politischer Diskussion zu machen; in Erwägung, daß die Anhänglichkeit, der Nationalversammlung an den römisch-katholischen Cultus in dem Augenblick am wenigsten in Zweifel gezogen werden kann, wo durch sie dieser Cultus ausschließend in die erste Klaffe der StaatSauSgaben gesetzt werden wird, und wo sie durch einhelligen Ausdruck ihrer Gefühle,, auf die einzige Weise, die dem Charakter der Nationalversammlung zukommen konnte, ihre Achtung gegen denselben ausgedrückt hat; hat beschlossen und beschließt: daß sie über den gestellten Antrag nicht eintreten kann, noch darf, und daß.sie zur Tagesordnung übergeht." Dieser Antrag ward von mehreren Gliedern der rechten Seite mit Heftigkeit bekämpft. D Estourmel beruft sich auf einen Artikel der Capitulation von Cambresis mit Ludwig XIV, in welchem der König sich verpflichtete, niemals einer andern Religion, als der römisch-katholischen Duldung zu gewähren. Mirabcau erhebt sich: Ick) will dem Redner vor mir bemerken, daß eS ganz unzweifelhaft ist, daß unter einer Regierung, die sich durch die Aufhebung des Edikts von NanteS*) gezeichnet hat, und die ich nicht *> Der edle Heinrich iv, früher fclhst Protestant, aal- durch das Edikt von Nantes 1378 den bisher fo grausam verfolgte» Hugonotte» volle Religionsfreiheit, Zutritt zu alle» Aemtern, lind mchrcre Sichcrhcitsplätzc, namentlich die Feste Röchelte. > 1l l 16 L Staatsreden. näher charakterisircn werde, jede Art von Intoleranz zum Gesetz erhoben werden konnte. Ich will ihm weiter bemerken, daß die Erinnerung an das, was Despoten gethan haben, wenig geeignet sein kann, den Vertretern eines Volkes, das frei sein will, zum Vorbild zu dienen. Aber weil man es sich erlaubt hat, in der Frage, die uns beschäftigt, sich auf die Geschichte zu berufen, so will auch ich es thun; jedoch nur auf eine Thatsache. Erinnern Sie sich, meine Herren, daß ich von hier, von dieser Stelle selbst, von der ich rede, das Fenster des Palastes sehe, in welchem eine fanatische Fakcion, ihr zeitliches Interesse mit dein geheiligten der Religion vereinend, in die Hand eines schwachen KönigS der Franzosen das verhängnißvolle Feuerrohr legte, welches das Zeichen zum Blutbad der Bartholomäusnacht') gab. — Ich habe gesprochen; und ich schließe, indem ich den Antrag des Herrn von La Rochefoucauld unterstütze. Der Antrag wurde angenommen. II. ts. April I7VY. Die Funktionci- einiger Abgeordneten waren zu Ende gegangen, weil ihre Vollmacht nur auf ein Jahr lautete. Der Constitutiono- auSschuß schlug vor zu beschließen: l) daß die Nationalversammlung nicht solle erneuert werden können, bis die Verfassung vollendet wo» *) Am 24. Aug. 1572. Die lasterhafte Katharina van McdiciS, rille Mcssaline, die ihre Sohne durch absichtlich schlechte Erziehung verdarb, stand wahrend der Minderjährigkeit Karls ix mit dem Herzog von Guise an der Spihe des furchtbaren Compiokks, das stch zur Ausrot. tung der Hugenotte» im Verborgenen gebildet hatte. Bei der Vermählung des Prinzen von Navarra mir Margaretha von Valois — dem scheinbaren Unterpfand der Versöhnung der Partheicn — brach es aus. Beim Lauten der Fruhmetie wurden die arglos schlummernde» Gäste — die angesehen, sten Hugonokten — von den gedungenen Mörder» überfalle». Der edle, -reise Coligu» war ihr erstes Opfer. Dann. begann das Morden in den Häuser» der übrigen Hugenotten. Ein weißes Band am Arm und ein weißes Kreuz am Hut untcrschicd die Katholiken von den Ketzern! Fackel» vor allen Fenstern erleuchtete» die Mordnacht. Auch im Schloß, in allen Gemächern und Winkeln floß Blut. Der König, das Mord- gcwehr in der Hand, rief seinem protestantischen Schwager Heinrich von Vavarra wüthend;,,: „Lob, Messe oder Bastillc! » Diesen rettete »ur das, daß er seinen Glauben abschwur. Aus einem Fenster des Louvre schoß dann der Tyrann, wie man sagt, auf feine stiebenden Unterthanen. Wenigstens weidete er in dc» Straßen von PariS an den folgenden Tagen herumgehend, seine Blicke a» den blutenden Opfern, und da war es auch, wo man, als von Cvlignys verwesender Leiche die Höflinge stch abwandten, das Wort des Vitellius aus des Königs Mund vernahm: „ein todter Feind riecht immer gut!» Auch die Königin Mutter mit ihren Hosfraucn wandelte frohlockend umher, selbst geilen Muthwillc» übend an nackten Mänucrlcicben. Drei Tage währte das Morde»; in andern Städten die gleichen Greuel, ueber löst,Ollst Hugonotten fiele» als dnS blutige Opfer des unmenschlichsten Fanatismus. M i r a b e o ». tS! den sein würde; 2) daß die beschränkenden Vollmachten ohne Wirksamkeit sein sollten während der Dauer der gegenwärtigen Sitzung. Dieser Vorschlag wurde vom Abbe Maury heftig bekämpft/ indem er behauptete/ daß die Glieder der Nationalversammlung ihre Vollmacht nicht überschreiten könnten. Mirabeau sprach: Ich kann mich eines tiefen Unwillens nicht erwehren, wen» ich höre, wie übelwollende Redner beständig die Nation der Nationalversammlung gegenüberstellen, und bemüht sind, eine Art von Eifersucht zwischen beiden anzuregen, als ob nicht die Nationalversammlung es wäre, durch welche die Nation ihre Rechte kennen gelernt und wieder erlangt hat; als ob nicht durch die Nationalversammlung die Franzosen, die bisher einen verfassungSlosen Haufen getrennter Völkerschaften ausmachten, in der That eine Nation geworden wären; als ob wir, umgeben von den Denkmälern unserer Anstrengungen, unserer Gefahren und unserer Dienste, dein Volke verdächtig und-seiner Freiheit gefährlich werden könnten; als ob die auf Euch gehefteten Blicke zweier Welten, die hochherzige Begeisterung für eine große Revolution, die Größe Eures Ruhms, die Anerkennung so vieler Millionen, der Stolz selbst auf ein cdlcS Bewußtsein, das crröthcn müßte, in irgend etwas sich seiner unwürdig zu beweisen, nicht genügende Bürgschaft für Eure Treue, Eure Vaterlandsliebe, Eure Tugenden wären. Ein Redner vor mir, mit großer Gewandtheit das System des Ausschusses bekämpfend, hat den National-Eonvent eine in ihren Stellvertretern versammelte Nation geheißen, die sich ihre Verfassung gäbe. Diese Erklärung ist offenbar sehr ungenau oder sehr unvollständig. Ei, warum sollte eine Nation, die einen Konvent bilden kann, um sich eine Regierung zu geben, dies nicht auch können, um sie zu ändern, zu beschränken, zu verbessern? Gewiß läugnet Abbe Maury nicht, daß die in ihrem Eonvent versammelten Franzosen befugt wären, die königlichen Vorrechte zu vermehren. Derselbe Redner hat die Frage aufgeworfen: Wie aus schlichten VczirkSabgcordneten wir uns auf ein Mal zu einer Nationalversammlung haben umgestalten können? Ich antworte: Am Tage, als wir den Saal, der uns aufnehmen sollte, geschlossen, von Bajonetten umstellt und entweiht fanden, da .eilten wir an den ersten, besten Ort, der uns vereinigen konnte und schwuren, eher zu sterben, als eine solche Ordnung der Dinge zu dulden. *) Wenn *) Ueber diese» merkwürdigen Tag (20. Juni 1750) so wie über die Ent. sicbung des durch den Abbe Sie» es in Vorschlag gebrgchicn Namen > Nationalversammlung« liehe die schone Darstellung in Noitcckg Well, aeschichte. StaatSrcden. 164 wir an jenem Tage nickn die Nationalversammlung waren, so sind wir cö jetzt: Die Abgeordneten des Volkes haben die Nationalversammlung gebildet, als durch eine Handlung wahrhaft verbrecherischer Anmasiung die DeSpotie sie hat hindern wollen, ihre heilige Aufgabe zu erfüllen; sie haben eine Nationalversammlung gebildet, uln die Willkühr zu zerstören und mit allem Nachdruck die Rechte der Nation zu vertheidigen. Sie sehen meine Herren, ich verschmähe die Spitzfindigkeiten und verachte die Kniffe; nicht mit metaphysischen Erörterungen bekämpfe ich einzeln abgelegte, unbesonnene oder frevelhafte Eide, über welche die Nationalversammlung nicht richten will, Eide, über die sie nicht erkennen kann. Ich bediene mich nicht einmal aller meiner Vortheile, frage nicht, ob wir, als zur Eutwerfung einer Eonstitution berufene Stellvertreter nicht auch das Recht erhalten haben, alles Nöthige zu ihrer Vollendung, Einführung und Befestigung zu thun. Ich frage nicht, ob die Vollmachten, durch welche man unö mit der Wiedergeburt Frankreichs beauftragt hat, unS nicht auch unbeschrankte Vollmacht über diesen (Gegenstand einräumen; ob nicht der König selbst das Wort „Wiedergeburt" ausgesprochen, und damit alle Folgen desselben anerkannt hat; ob , in unruhvollen Zeiten, wie wir sie erlebten, wir bei unseren Wählern anfragen, unter klcinmüthigen Berathungen die Zeit zum Handeln verlieren und der aufkeimenden Freiheit den Todesstoß versetzen lassen konnten, oder sollten, um den Bcdcnklichkeiten zahlreicher Anhänger der bestehenden Gewalt nicht zu nahe zu treten? Ich behaupte, daß, welches auch unsere Vollmachten gewesen seien, als wir, von einer gesetzlichen Behörde berufen, unS versammelte», dieselben seit dem 20. Juni ihrem Wesen nach völlig geändert worden sind, weil dies zum Heil des Vaterlandes nothwendig ward; daß, bedurften dieselben größerer Ausdehnung, sie diese an dem denkwürdigen Tage erhalten haben, an dem wir, in unserer Würde, in unsern Rechten, in unsern Pflichten beleidigt, uns in Rücksicht auf das Wohl des Vaterlandes eidlich verbunden haben, nicht früher auseinander zu gehen, als bis die Verfassung begründet und befestigt sein würde. Der Frevel des DeSpctiSmuS, die Gefahren, die wir beschworen, die Gewaltthätigkeiten, die wir unterdrückt haben, sie sind unsere Rechtstitel; der Erfolg hat sie geweiht, die so oftmals wiederholte Zustimmung auS allen Theilen dcS Reichs hat sie für gültig erklärt und geheiligt. Mögen nun jene, die uns den seltsamen Vorwurf gemacht, Mirabeau. 165 wir haben uns neuer Worte bedient, um neue Gedanken und Grundsätze, neue Begriffe und Einrichtungen zu bezeichnen, indem schalen Wortregister der Publizisten die Erklärung des Wortes „Nationalversammlung" suchen. Hervorgerufen durch den Sturm unüberwindlicher Nothwendigkeit steht unsere Versammlung erhaben über jeder Nachbildung und jeder 'Autorität da: sie ist nur sich selbst Rechenschaft schuldig; nur die Nachwelt kann sie richten. Meine Herren, Sie kennen alle die Geschichte jenes Römers, der, um sein Vaterland au-S den Gefahren einer großen Verschwörung zu retten, gezwungen war, die Befugnisse, welche ihm das Gesetz eingeräumt hatte, zu überschreiten. Ein feindseliger Tribun forderte von ihm den Eid, dasi er denselben stets treu geblieben. Er glaubte durch diese hinterlistige Forderung den Konsul in die Alternative eines MeineidS oder eines Ihn verwickelnden Geständnisses zu setzen. „Ich schwöre," antwortete der große Mann, „daß ich die Republik gerettet!" Meine Herren, ich schwöre, daß Sie den Staat gerettet haben. Mirabeau ward mit dem lebaftesten Beifallrufen empfangen/ und der Entwurf der Kommission angenommen. IN. Die Nachricht von Franklius Tod war eingetroffen. Am ti. tzuni t79U trat Mirabeau in der Nationalversammlung auf/ nachdem er wegen heftiger Atlgenschmerzcn mehrere Tage abwesend gewesen, und sprach: Meine Herren, Franklin ist nicht mehr.... Er ist heimgegangen zu Gott; dew erleuchtete Geist, der Amerika befreit, und Ströme von Licht über Europa ergossen. Der Weise, auf den zwei Welten Anspruch machen, der Mann, u»t den die Geschichte der Wissenschaften und die der Staaten sich streiten, nahm ohne Zweifel einen hohen Rang unter den Sterblichen ein. Lange genug haben die Kabinete der Fürsten den Tod Solcher verkündet, die niemals groß waren, außer in der ihnen gehaltenen Leichenrede. Lange genug hat die Hofsitte heuchlerische Trauer geboten ; Nationen sollen nur um ihre Wohlthäter trauern; der Nationen Stellvertreter sollen nur die Heroen der Menschheit der Verehrung derselben empfehlen. Der Kongreß hat in den vierzehn vereinigten Staaten eine zweimonatliche Trauer um Franklin verkündet und Amerika bezahlt zu dieser Stunde einem der Värer seiner Verfassung den Tribut der Liebe und Ehrfurcht. 16 Ü SeaatSrrden. Meine Herren, sollte eS unserer nickt würdig sein, uns an Liesen religiösen Akt anzuschließen und an der Huldigung Theil zu nehmen, die im Angeflehte der Welt den Menschcnrechten sowohl, als einem Philosophen dargebracht wird, der sür ihre Anerkennung aus der ganzen Erde am kräftigsten gewirkt hat? Altäre hätten die Alten errichtet, diesem großen, durchdringenden (leiste, der zum Segen der Menschheit Himmel und Erde mit seinem Geiste umfaßte; der zu bändigen wußte, das Feuer des Himmels wie die Tyrannen der Erde. Frankreich, das freie und erlcucheete Frankreich, ist wenigstens das Zeugniß der Erinnerung und des Schmerzes einem der größten Männer schuldig, die je im Dienste der Philosophie und Freiheit gelebt haben. Ich schlage vor, daß die Nationalversammlung drei Tage Trauer anlege um Benjamin Franklin. Diese Rede wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen, der Vorschlag genehmigt, und die Trauer begann Montags den 14. Lazare Nikolas Marguerile Carnot. Wenn Revolutionen vorzüglich dazu geeignet sind, das auSge. zeichnete Talent hervorzuziehen und zur Entwicklung zu bringen, so geschieht dies doch selten zum Heile des Volks und der Mensche hcit. Ehr, . iz, Herrschsucht, Selbstsucht stud Flecken gerade in den großartigsten Erscheinungen der Geschichte. Den Ruhm eines tugendhaften NamctiS haben nur Wenige aus dem Kampfe der Leiden- schaftcn sich zu retten gewußt; unter diesen Wenigen sieht Car no t oben an — vielleicht der reinste Charakter aus den Zeiten der ersten französischen Revolution. Er war geboren zu Nolay, im ehemaligen Burgund, am «3. Mai 1753. Sein Vater, Advokat und vorzüglich geachteter Mann, verwandte besondern Fleiß auf die Erziehung seines EohucS, dessen Vorliebe für mathematische Wissenschaften Veranlassung war, ihn dem Gcnicwcscn zu widmen. Im Jahr l'83 zum Hauptmann vorgerückt, erhielt er aus der Hand des berühmten Condö den für die beßte Lob- und Denkschrift auf Dauban, den ersten Ingenieur seiner Zeit, ausgesetzten Preis. Merkwürdig ist um seines späteren Schicksals willen, daß der bei dieser PreiSvcrthcilung gegenwärtige Prinz Heinrich von Preußen, Friedrichs II Bruder, von Car- notS ausgezeichneten Leistungen angezogen, ihn für Preußen zu gewinnen suchte, was jedoch der für sein Vaterland glühende junge Mann ablehnte. Die nähere Bckanntschäft mit Bau bans fast wunderbaren, alles bis dahin Vorhandene übertreffenden Schöpfungen, sowie mit dessen großartigem, echt antiken Charakter mußte auf Carnot von um so größerem Einstuß sein, als gewisse Verhält- »iffe ihn auf das widrigste berührten. Zu eben der Zeit nämlich, E a r n o k.' 167 da in Frankreich ein Condorcct/ Mirabeau, Bailly u. a. Vernunft/ Freiheit/ HcrrfcherwciSbcit und Bürgerrechte lehrten/ da in Vcr. saillcS der auf diesen Grundsätzen basirte nordamcrikanische Freistaat anerkannt wurde/ erließ der Minister Scgür eine Verordnung/ durch welche/ früheren Bestimmungen entgegen/ nun befohlen wurde/ daß kein Offizier/ der nicht vier Ahnen nachweisen konnte/ zum Hauptmannsrangc sollte gelangen können/ und daß die Offiziere bürgerlichen Standes überall nicht weiter vorrücken sollten/ mit Ausnahme solcher/ deren Vätcr Inhaber des LudwigsordcnS gcwc- scn. Welchen unauslöschlichen Eindruck diese Einrichtungen auf den jungen, von regem Ehrgefühl durchdrungenen Carnst machten/ be- weist sein ganzes folgendes Leben. Nachdem er t79t die Tochter eines angesehenen Bürgers in seiner Garnisonstadt St. Omcr gcheirathct hatte/ ward er daselbst zum Mitglicde der gesetzgebenden Versammlung gewählt/ und so sehen wir ivn denn aus der Zurückgczogcnhcir des Garnisvndienstes und der einsamen Studien in die wild aufgeregte Welt des RcvolutionS« strudelS eintreten/ »m ihn bald in der Reihe der entschiedensten Freunde der Freiheit/ und der Gegner jedes Vorrechts zu entdecken. So mannichfach erlittene Unbill trieb ihn zum Ertrcm und zur Theilnahme an manchen schneidenden Beschlüssen/ so auch an dem der Dernrthcilung des Königs. Als Mitglied des ConvcntS suchte er nach Kräften die Zahl der RevolutionSopfcr zu vermindern/ sowie er überhaupt von unmittelbarer Theilnabmc an Blutschuld sich frei erhielt. I» den Jahren t793 und l'9ä entwickelte Carnot als Mit- glied des Wohlfahrtsausschusses sein bewunderungswürdiges Talent * für das Kriegswesen/ indem die Leitung der wie durch einen Zauber« schlag hervorgerufenen Heere nur von ihm ausging. Seine auf diesem Wege um Frankreich erworbenen Verdienste waren so groß/ daß selbst in der GchrcckenSpcriode die berüchtigtsten RevolutionS- männcr ihn als unentbehrlich in seinem Wirkungskreise ließen/ un- erachtet seiner offenkundigen Mäßigung/ wel^-c damals für Verrath am Vaterlande galt/ und härter verfolgt wurde/ als AristokratiS« m»S und RoyalismuS. Sein Verdienst erscheint um so größer/ wenn man weiß/ wie damals im Innern Frankreichs allgemeine Auflösung und Gcsetzlostgkeit, bei dem Heere Zwietracht unter den Sol« datcn und Anführern/ und der drückendste Mangel an den Bedürf« Nissen des .Kriegs herrschte. Wurde er gleich in seinen Anordnungen dadurch »ngemcin unterstützt/ daß seit Jahrhunderten von keiner Armee das KricgSrheatcr mit so vieler Gründlichkeit und Beharr« lietzkeit untersucht und wissenschaftlich behandelt worden, als von der franzöfischcn, und daß er in den Archiven des KriegSministcriumS Operationsplanc für alle Gränzen des Reich» / für jeden wahrscheinlichen Angriff/ selbst für die Vertheidigung der Hauptstadt / schon seit Ludwigs XI V Zeiten entworfen, vorfand; so konnte doch nur sein unerschöpfliches Genie, gepaart mit seinem festen Sinn, Frankreich vor seinen zahlreichen Gegnern retten. Nach Nobespicrrc'S Sturz wurde er zum Mitglicde des VolkzichuugSdirektoriuniS erwählt; und ihm vorzüglich bleibt das Verdienst, Bonaparte erkannt 168 StaatSreden. und an die Spitze der italienischen Armee gestellt zu haben. Er wurde jedoch das Opfer einer Intrigue seines durch den jungen Kriegs- Helden Bonapartc unterstützten College» Barr aS; durch die Flucht nur entzog er sich der Deportation nach Caycnne/ und deckte nun von seinem Asyle/ Augsburg/ aus die ganze Nichtswürdigkeit des Direktoriums auf. Nachdem Bonapartc am tu. Brumaire die Re« volution beendigt/ und unter Aufstellung einer vierten Constitution sich zum ersten Consul gemacht hatte/ rief er Carnot zurück/ und übergab ihm daS ÄricgSministcrium. Ohne Zweifel war es ihm mehr darum zu thun gewesen/ durch den Glanz dieses populären Namens die Freunde der VolkSfrciheit für sich zu gewinnen. ES ist nicht ganz aufgehellt/ wie es kau,/ daß C. noch in demselben Jahr seine Stelle wieder aufgab/ und sich nach St. Omer zurückzog/ wo er in den Armen seiner Familie den Wissenschaften und Künsten lebte/ und zwar in auffallender Kälte und Zurückhaltung gegen den ersten Consul. Im Jahr 1802 trat er erst wieder in Paris auf dem großen Schauplatz der sich rasch entwickelnden Staatsangelegenheiten in der Würde eines Tribuns auf durch folgende Veranlassung: Mit der Errichtung der Consularregicrung war zwischen den consulari- sehen StaatSrath und die gesetzgebende Versammlung der National- repräsentanten das Tribunal gestellt/ als Wächter der National« freiheit. Die Versuche/ welche Bonapartc machte/ wie weit er auf die Willfährigkeit dieser Behörden rechnen dürfe/ fielen sehr ungünstig auS; offenbarer Widerstand und »»verhüllte Bitterkeit traten ihm entgegen. Bonapartc ließ durch seinen Staatsrath 20 Tribunen „ climiniren." Um nun die lebhafte Unzufriedenheit Vieler wieder etwas zu beschwichtigen/ wurde Carnot zu», Mitgliede des Tribunals berufen. Hier fand er bald genug Gelegenheit/ Vonaparte's rasch vor« schreitenden Despotismus in der Nähe zu, betrachten; und die Ge- lcgcnhcit/ da er gegen denselben seine Stimme erheben konnte / ließ nicht lange auf sich warten. Schon im Maimonat 1802 wojjtc sich Donaparte zum Consul auf Lebenszeit ernannt wisse»/ und die Re« gistcr wurden eröffnet/ in welchen jeder französische Bürger seine Stimme hierüber abgeben sollte. Die Tribunen/ in kriechender Schmeichelei/ waren die erste,,/ welche ihren Namen dem Vorschlage beisetzten/ ihn zu unterstützen. Carnot/ der einzige unter seinen College»/ stimmte dagegen/ mit dem Zusatz: „ich unterzeichne meine Proskription." Carnot konnte des Despoten Plane voraussehe»/ aber nicht hindern. In, Mai I80i zeigte sich die folgerechte Fort- führung dieses Planes „„verhüllt: die Einführung des erblichen KaiscrthumS in der Familie Bonapartc ward in Vorschlag gebracht. In dem Tribunale erhob sich „ur eine Stimme dagegen: es war die unsers Carnot. Die von ihm gehaltene Rede ist der vollendete Abdruck des klarsten Verstandes/ klassischer Bildung/^>es reinsten Patriotismus und der edelsten Mäßigung / und sie hielten wir würdig/ sie als nachahmungSwürdigcö Muster hier mitzutheilen. CarnotS Stimme verhallte/ und wir können seine» Schmerz uns wohl vorstellen / wenn er nun auch den Namen der Republik vcr- / Carnot. schwindc.i sah. Doch entzog cr sich scincm Vaterlande nicht. Er blieb in dem Tribunale/ das' freilich iinmcr mehr von seiner Bedeutung verlor/ bis' es 18V7 von Napoleon leicht aufgehoben wurde. C. kehrte in den Privatsiand zurück/ lebte deu Wissenschaften/ und nicht minder der süßen Trösterin Poesie; er stand in enger Verbindung mit dem Nationalinsiitut und der polytechnischen Schule. k8v9 erschien sein berühmtes Werk „über Angriffe und Ver th cidi- gung feste r P l st tz c." Der Kriegsminister K l a r k e wirkte .ihm in Folge dessen bei dem Kaiser einen HahreSgchalr von lO/OOO Fr. aus. Carnot dankte dem Kaiser persönlich/ lehnte aber entschieden jedes Anerbieten / in des Kaisers Dienst zu trete»/ ab. Erstmals der Kaiser in Rußland den feindlichen Elemente»/ in Deutschland der sich mächtig erhebenden Volkskraft erlag/ als Frankreich die drohenden Heere der Feinde/ nach der Völkerschlacht bei Leipzig/ heranziehen sah/ fühlte Carnot in sich neue Thatkraft; er schrieb dem Kaiser am 2 l. Januar i8t-i: „Ich trug Bedenken / Ihnen vielleicht nicht angenehme Dienste anzutragen/ so lange der Sieg Ihre Unternehmungen krönte. Hetzt wird vom Mißgeschicke Ihr Muth auf harte Proben gestellt: darum zögere ich nicht/ Ihnen den Rest meiner Kräfte anzubieten. Wie gering auch die Leistungen eines Sechzigjährigcn sein mögen: sie werden/ da er ein durch Vaterlandsliebe bewährter Soldat ist/ alle noch Unentschlossenen unter Ihren Fahnen vereinigen. — Noch können Sie/ Sir/ einen rühmlichen Frieden und die Liebe eines großen Volks wieder gewinnen. " Als der Kaiser dies -gelesen/ sagte cr: „Ich darf mich auf Carnot verlassen / da er mir selbst seine Dienste anbietet; ich gebe ihm das Gouvernement von Antwerpen." Dieses war für den Augenblick die wichtigste Grenzfestung/ deren Erhaltung von Norden her die Hauptstadt deckte. C. trat seinen Posten a»/ und erfüllte die nicht starke Besatzung mit Begeisterung. Zur eigentlichen Belagerung kam'ü nicht. Der Kronprinz von Schweden soll ihm zehn Millionen Franken für die Uebergabe Antwerpens angeboten/ C. sie/ wie wir nicht anders erwarten können/ mit Verachtung zurückgewiesen haben. Und doch wollte dieser Kronprinz seinen Hcercszug in den Niederlanden durch irgend eine That verherrlichen: ihm schien die Eroberung Antwerpens die paßlichstc/ und der Weg der Unterhandlung mit C. der leichteste; darum beschwor cr den letzter» in einer Zuschrift / bei der alte»/ zwischen ihnen bestehenden Freundschaft/ den Einladungen zur Uebergabe der Festung Gehör zu schenken. C. antwortete: „Ich war der Freund des französischen Generals Bernadotte; aber ich bin der Feind eines auswärtigen Fürsten/ der die Waffen gegen mein Da- tcrland führt." Als endlich die für CarnotS Gefühl überaus schmerzliche Nachricht von ^»cm Einzug der Verbündeten und der Wiederherstellung der VourbonS eintraf/ wußte cr bei seiner Besatzung Unruhen und Ausständen vorzubeugen/ und suchte durch Wort und That die Soldaten für eine gehorsame Anerkennung des' Königs zu gewinnen: „Denn/" sagte er/ „der Stand der Krieger darf nicht über die StaatSvcrhältniffe berathschlagen; er muß gehorchen. Die Staatsreden. 17s> Nation hat sich bereits entschieden für die Dynasiie der BourbonS erklärt." Die BourbonS mochten ihn nicht; sie schoben ihn mit einem schmalen Jahrgcld in den Privatsiand zurück. Napoleon kam wieder und die BourbonS flüchteten. C. entzog sich abermals dem Vaterlande nicht/ und wirkte als Minister des Innern auf eine würdige Weise. Als Napoleon abermals abgedankt Karte/ und vorzüglich durch Fouchös Intrigue den Engländern in die Hände gespielt worden war/ und als bald darauf Foucho in der interimistischen Re- gicrungskommission für Frankreich höchst entehrende Vorschläge vorbrachte/ widersetzte sich lehtcrm C. mit gewohnter Festigkeit. Da Fouchü meinte/ sie alle setzten sich ja der Lebensgefahr auS/ rief Carnot: „Was ist an Deinem/ wie an meinem Leben gelegen / wo es das Heil Frankreichs gilt? — Du bist nur ein Feiger/ ein Ver- räthcr!" Fouchö setzte dafür den Edlen auf die ProscriptionSliste/ und C. hat sein Vaterland nicht wieder gesehen. Er mußte in Magdeburg seinen Wohnsitz nehmen. Mit so inniger Sehnsucht er of^ nach dem theuren Vaterlands blickte/ er konnte sich nicht entschließen/ von den BourbonS die Erlaubniß zu seiner Rückkehr als Geschenk der Gnade anzunehmen. In stiller Zurückgczogenheit lebte er den Wissenschaften und der Erziehung seiner Söhne. So hatte er sein Lebensjahr angetreten/ als seine Gesundheit Noth zu leiden anfing. Am 2. August 1823 / AbendS/ starb er still und kampflos in den Armen seines ältesten Sohnes. DonCarnot stnd erschienen: Poesien/ historisch politische Schriften/ und mathematisch militärische Werke. Letztere haben so großes Aufsehen gemacht/ daß erstere fast übersehen wurden. Doch zeichnen sich seine Gedichte durch Lieblichkeit/ Reinheit und Zartgefühl aus. Die politischen Schriften enthalten wichtige Beiträge und Aufschlüsse zur Geschichte Frankreichs. Seine öffentlichen Reden und Berichte haben im Acußcrn wie im Kerne etwas Ungleichartiges: nicht selten trifft man dort schnellen Wechsel energischer/ sarkastischer Kürze mit didaktischer Breite; immer köstlich redet er / wenn er von seiner Gesinnung Rechenschaft gibt. Unsere Rede selbst betreffend/ so bedarf sie nicht vieler einleitenden Bemerkungen. In ihrer Würde und Einfachheit erklärt sie sich selbst am beßten. Aus ihr möge die Jugend lernen/ wie der charakterfeste Mann anch dem Mächtigsten gegenüber seine Ueberzeugung nie verleugnet/ sondern für sie mit der vollen Kraft der für sie sprechenden Gründe steht/ wie derselbe aber auch durch die höchste Abneigung gegen eine Maßregel nicht verleitet wird/ das Außerordentliche und Geniale in der Natur seines Gegners'/ so wie seine ausgezeichneten Verdienste um die Nation zu verkennen. Die Jugend überzeuge sich / daß eS nicht feige Wendung / sondern Ueberzeugung des echten Patrioten ist/ wenn C. versichert/ daß/ wenn er gleich den,gemachten Vorschlag bestreike/ er doch der erste sein werde/ der mit allen seinen Handlungen sich „ach demselben richte/ sobald dieser die Bcistimmung der Masse der Bürger werde erkalten haben. Nur Eines Irrthums hat sich der Edle schuldig gemacht/ wenn er der La rn ot I7l Ansicht huldigt / als ob die kurze Dauer der verschiedenen republikanischen Constirutioncn Frankreichs ihren Grund nur in der Mangel- haftigkcit derselben habe; nein- Zeit und Volk waren für die Republik noch gar nicht reif/ und blos äußere Formen- und seien es die bcßten/ die menschliches Genie zu ersinnen vermag- werden nie einem Volke daS Glück verschaffen- welches nur dem zu Theil wird- bci welchem Bildung und Würde des innern Volklebcns mit den äußere» Formen in entsprechendem Einklang sich finden. Bürger Tribunen! Unter den Rednern, welche vor mir gesprochen, und welche insgesammt den vorliegenden Antrag unsers Kollegen unterstützt, haben mehrere im Voraus die Einwendungen, welche sich dagegen machen ließen, zu widerlegen, und auf denselben mit eben so viel Geist als Humanität zu antworten gesucht. Ich werde mich bemühen, dem von ihnen gegebenen Beispiel von Mäßigung nachzuahmen, indem ich einige Bemerkungen, die ihnen meines Dafürhaltens entgangen sind, aufstelle. Sollten einige deshalb, weil ich ihre Meinung bcstreite, mir persönliche, und des Charakters eine» seinem Vatcrlande gänzlich ergebnen Mannes unwürdige Beweggründe zuschreiben; so fordere ich sie statt aller Antwort zu genauer Prüfung meines politischen Betragens seit dem Anfang der Revolution, so wie meines Privatlebens auf. Ich bin weit davon entfernt, die dem ersten Eonsul beigelegten Lobsprüche verringern zu wollen: verdankten wir ihm nichts, als das bürgerliche Gesetzbuch; so verdiente schon darum sein Name auf die Nachwelt überzugehen. Aber welche Dienste auch ein Bürger seinem Vaterlande habe leisten können, so gibt es doch Gränzen, welche die Vernunft der Nationaldanrbarkeit vorschreibt. Hat der genannte Bürger die öffentliche Freiheit wieder hergestellt, hat er das Wohl seines Landes gesichert: ist es wohl eine schickliche Belohnung, ihm dafür das Opfer eben dieser Freiheit anzubieten? Von dem Augenblick an, da die Frage über das lebenslängliche Cousulat dem französischen Volke zur Abstimmung vorgelegt wurde, konnte Jedermann leicht wahrnehmen, daß noch eine Idee im Hintergründe lag, und daß ein weiterer Zweck vorschwebte. In der That sah man rasch eine Menge offenbar monarchischer Einrichtungen auf einander folgen; aber bei jeder eilte man, die über das Schicksal der Freiheit besorgten Gemüther zu beruhigen, indem man ihnen betheuerte, daß diese Einrichtungen zu keinem andern Ende auSgcdacht würden, als um der Freiheit den höchsten wünschbaren Grad von Schutz zu verschaffen. Heute enthüllt sich endlich auf bestimmte Weste der Zweck so vieler vorläufigen Maßregeln. Wir werden über den 172 Staotsrcden. förmlichen, Vorschlag, das monarchische System wieder herzustellen, und dem ersten Eonsnl die erbliche Kaiscrwürde zu ertheilen, zur Erklärung aufgefordert. Ich votirte zu. seiner Zeit gegen das lebenslängliche Consulat: ich werde ebenso gegen die Wiederherstellung der Monarchie stimmen, wie mich meiner Ueberzeugung nach meine Eigenschaft als Tribun dazu verpflichtet. Aber immer werde ich dabei die nöthige Schonung beobachten, um nicht den Parthcigeist aufzuwecken; ich werde cS ohne Persönlichkeiten, ohne andere Leidenschaft, als für das gemeine Bcßte thun; ich werde bei der Vertheidigung der Sache des Volks stets mit mir selbst eins bleiben. Immer sah ich cS für meine Pflicht an, mich den bestehenden Gesehen zu unterwerfen, selbst wenn sie mir im höchsten Grade mißfielen; mehr als einmal wurde ich ein Opfer meines Gehorsams gegen sie, und ich werde heute nicht anfangen, einen andern Gang zu befolgen. Ich erkläre also gleich im Voraus, daß, wenn ich gleich den gemachten Vorschlag bestreike, ich doch von dem Augenblick an, da er die Bcistimmung der Masse der Bürger erhalten haben wird, der erste sein werde, mich in allen meinen Handlungen darnach zu richten, und der obersten Autorität alle Zeichen der Ehrerbietung, welche die consiitutionclle Hierarchie fordern wird, zu beweisen. Möge jedes Glied der großen Gesellschaft eine eben so aufrichtige und eben so uneigennützige Stimme ablegen, wie ich. Ich werde mich nicht über den Vorzug, welchen im Allgemeinen dieses oder jenes RcgicrungSshstcin vor dem andern haben mag, in eine Erörterung einlassen; darüber haben wir Schriften ohne Zahl. Ich werde mich vielmehr darauf beschränken, mit wenigen Worten und in den einfachsten Ausdrücken den besondern Fall, in den uns die Umstände versetzt haben, zu untersuchen. Alle Gründe, welche man bis heute für die Wiederherstellung der Monarchie in Frankreich vorgebracht hat, laufen darauf hinaus, daß man sagt: ohne die Monarchie sei kein Mittel vorhanden, die Festigkeit der Regierung und die öffentliche Ruhe zu sichern, der innern Zwietracht zu entgehen, und sich gegen die auswärtigen Feinde zu vereinigen; man habe das republikanische Svstein vergeblich auf alle mögliche Weise versucht; auü allen Anstrengungen sei nichts hervorgegangen, als Anarchie, eine verlängerte, oder immer wiederkehrende Revolution, die unaufhörliche Furcht vor neuen Unruhen, und demzufolge ein allgemein und tief gefühltes Verlangen, die alte erbliche Regierung wieder hergestellt zu sehen, C a r n o t. , ^73 und nur dic Dynastie zu wechseln. Dies ist es, worauf ich zu antworten habe. Zuvörderst muß ich bemerken, daß dic Regierung eines Einzigen nichts weniger, als ein sicheres Pfand für Festigkeit und Ruhe ist: Die Dauer dcS römischen KaiscrthumS war nicht langer, als .die der Republik. Die innern Unruhen waren nur noch größer, die Verbrechen häufiger; an dic Stelle des republikanischen Stolzes, des HeldcnmuthS, der republikanischen Tugenden traten: der lächerlichste Hochmuth, die niederträchtigste Schmeichelei, die zügelloseste Habsucht, die unbeschränkteste Gleichgültigkeit gegen das Nationalwohl. Wozu hätte die Erblichkeit dcS Thrones geholfen? War nicht ein Domitian Sohn des Vespasian, ein Ealigula Sohn des GermanikuS, ein CommoduS Sohn des Marc Aurel? In Frankreich hat sich zwar die letzte Dynastie achthundert Jahre lang erhalten; abox war das Volk darum minder geplagt? Wie viel innerliche Zwietracht, wie viel auswärts unternommene Kriege wegen solcher Ansprüche, und Erbfolgerechte, dic aus den Bündnissen dieser Dvnastie mit den auswärtigen Mächten entstanden! Von dem Augenblick an, wo eine ganze Nation sich dem Interesse einer Familie hingibt, ist sie genöthigt, sich in eine Menge von Ereignissen zu mischen, die ihr ohne daS im höchsten Grade gleichgültig geblieben wären. Es ist wahr, wir vermochten noch nicht, eine republikanische Regierungsfcrm unter unS einzuführen, ob wir cS gleich unter verschiedenen mehr oder minder demokratischen Formen versuchten; indessen ist zu bemerken, daß unter allen diesen nach einander fruchtlos versuchten Eonstitutionen sich nicht eine einzige befindet, die nicht im Schooß der Faktionrn geboren, und das Werk dringender, aber vorübergehender Umstände gewesen wäre. Darum mußten sie insgesammt fehlerhaft sein. Aber seit dem 18. Brümairc') war unS ein, vielleicht in den Annalen der Welt, beispielloser Zeitraum vergönnt, in dem wir, vor Stürmen geschützt, nachdenken und die Freiheit auf festen, durch Erfahrung und Vernunft an die Hand gegebenen Grundlagen aufbauen konnten. Stach dem Frieden von AmienS *) **) konnte Bcnapartc zwischen *) Am ?wv. (18. Dni»>.) t7w> ,'„reimte Navvlcv» den in Sr Eland versammelten Nach der Al,«n und „er Fiinchnndert mit seine» Grenadieren ansciitander, bat' das aiMemcill verachtete Direkte»-,,,,,, ant und aal' eine neue (die Vierte) Evnltilntian. Er mit Hiceics »nd Nvjicr Diiclvs trat als Sdcrkensul an die SV»?c. *') Am 2t,. Alan 1802 war endlich ein Friede mit Grasibritannien ,u Stande gckvmmen. StaatSreden. 174 dem republikanischen und dein monarchischen Systeme wählen; er konnte Alles thun, was er wollte; er hätte nicht den leisesten Widerstand erfahren. Das Unterpfand der Freiheit war ihm anvertraut; hätte er die Erwartung der Nation erfüllt, welche ihn allein für fähig hielt, das große Problem der öffentlichen Freiheit in Staaten von weitem Umfang zu lösen, so hätte er sich mit unvergänglichem Ruhme bedeckt. Es ist sehr wahr, vor dem 18 . Brümaire zerfiel der Staat in Auflösung, und die unbeschränkte Gewalt zog ihn aus dem Abgrund; aber was läsit sich daraus schließen? Was alle Welt weiß, daß die Staaten ebenfalls Krankheiten unterworfen sind, die sich nur durch gewaltsame Mittel heilen lassen; daß eine kürzere Dictatur zuweilen, um die Freiheit zu retten, nöthig ist. Die Römer, welche auf dieselbe so eifersüchtig waren, sahen koch die Nothwendigkeit einer je zuweilen eintretenden unbeschränkten Gewalt ein. Aber soll man darum, weil ein gewaltsames Mittel einen Kranken gerettet hat, es ihm alle Tage eingeben? Die Fabicr, die Eineinnatc, die Eamille retteten die römische Freiheit durch die unumschränkte Gewalt; aber dies geschah nur, indem sie diese Gewalt ablegten, sobald sie konnten; hätten sie dieselbe behalten, so hätten sie die Freiheit eben hierdurch selbst gemordet. Cäsar war der erste, der sie behaupten wollte; er fiel als Schlachtopfcr, aber die Freiheit war auf immer vernichtet. Also beweist Alles, was bis jetzt über die unumschränkte Gewalt gesagt wurde, weiter nichts, als die Nothwendigkeit einer augenblicklichen Dietatur in den Erisen des Staats, aber keineswegs die Nothwendigkeit einer immer fortdauernden und uneittsctzbarcn Gewalt. Nicht durch die Natur ihrer Regierung fehlt eS den großen Republiken an Bestand, sondern weil sie im Schooße der Stürme zur Welt kommen, und weil daher stets Aufregung bei ihrer Gründung vorwaltet. Eine einzige war das Werk der Philosophie, und in der Ruhe organisirt; und diese Republik besteht voll Weisheit und Kraft. Es sind die nordamcrikanischen Staaten, welche diese Erscheinung darbieten, und jeden Tag gewinnt ihr Wohlstand einen Zuwachs, der die andern Nationen in Erstaunen seht. So war es also der neuen Welt vorbehalten, die alte zu belehren, daß man unter der Herrschaft der Freiheit und Gleichheit ruhig leben kann. Ich, ich wage es, die.Ansicht auszusprcchen, daß, wenn man eine Ordnung der Dinge einrichten kann, ohne den Einfluß der Fakticnen fürchten zu müssen, wie eS der erste Eonsul nach dem Frieden von AmienS konnte, und wie er es noch heute kann, es leichter ist, eine Republik ohne Anarchie, als eine Mo- narchie ohne Despotismus zu gründen. Denn wie läßt sich eine nicht illusorische Beschränkung einer Regierung Lenken, Leren Ober» Haupt die ganze Vollziehungsgewalt in Händen, und alle Stellen zu vergeben hat? Man hat von Einrichtungen gesprochen, welche zur Hervorbringung dieser Wirkung geschickt sein sollen; hätte man aber nicht, ehe man die Aufstellung eines Monarchen vorschlägt, sich zuvor dessen versichern, und auch denen, welche über diese Frage abzustimmen haben, beweisen sollen, daß solche Einrichtungen unter die möglichen Dinge gehören; daß sie nicht metaphysische Abstraktionen sind, die man unaufhörlich dem entgegengesetzten System vorwirft? Bis jetzt hat man zur Mäßigung der obersten Gewalt noch nichts erfunden, als die sogenannten Zwischen- oder privi- legirten Korps. Aber ist das Mittel nicht schlimmer, als das Uebel ? Denn die unumschränkte Gewalt raubt nur die Freiheit; die Einrichtung der privilegirtcn KorpS hingegen zugleich die Freiheit und die Gleichheit. Und wären auch, wie in den ersten Zeiten, die Würden nur persönlich, so weiß man zur Genüge, daß sie, wie vormals die großen Lehen, am Ende doch erblich werden. Ohne Zweifel werden wir über die Wahl des erblichen Oberhaupts nicht in Zweifel stehen, sobgld nur erst die Nothwendigkeit dargcthan ist, sich eins zu geben. ES wäre unsinnig, mit dem ersten Consul die Prätendenten aus einer in gerechte Verachtung versunkenen Familie, deren rachsüchtige und blutgierige Stimmung nur zu bekannt ist, in Parallele stellen zu wollen. Die Zurück- rufung des Bourbonischen Hauses würde die abscheulichen Ncvo- lutionSsccnen erneuern, und die Aechtuug würde sich unfehlbar über die Güter und Personen fast aller Bürger erstrecken. Allein die Ausschließung dieser Dynastie zieht nicht die Nothwendigkeit einer neuen nach sich. Hofft man durch Erhebung dieser neuen Dynastie die glückliche Epoche des allgemeinen Friedens zu beschleunigen? Würde sie nicht vielmehr ein neues Hinderniß abgeben? Hat man den Anfang damit gemacht, daß man sich der Einwilligung der andern großen europäischen Mächte zu diesem Titel versichert hat? Und wenn sie ihn nicht anerkennen, wird man die Waffen ergreifen, um sie dazu zu zwingen? oder wird man, nachdem man den Titel eines Eonsuls unter den eines Kaisers herabgesetzt hat, sich damit begnügen, für die auswärtigen Mächte bloß Eonsul, für die Franzosen allein aber Kaiser zu seyn? Man sagt, die Nation verlange die Erblichkeit^der monarchischen Gewalt. Ist denn die Meinung der öffentlichen Beamten die freie Stimme der Nation? Wäre der Ausspruch einer entgegengesetzten 176 Staaksreden. Meinung etwa nicht mit (Gefahr verknüpft? Ist selbst Preßfrcihcit nicht dergestalt beengt, das; die ehrfurchtsvollsten Proklamationen nicht mehr in öffentlichen Blättern erscheinen dürfen? Ach, wurde denn die Freiheit nur dam dem Menschen gezeigt, ihn zu belehren, daß er ihrer nie genießen könne? Wurde sie unaufhörlich seinen Wünschen dargeboten, wie eine Frucht, nach der er nicht die Hand ausstrecken darf, ohne des Todes zu sein? Also hätte die Natur, die diese Freiheit uns zu einem so dringenden Bedürfniß gemacht, uns als Stiefmutter behandelt? Nein, ich kann mich nicht entschließen, dieses so allgemein allen andern vorgezogene Gut, ohne welches alle andern Güter nichts sind, für ein bloßes Hirngespinst zu halten. Mein Her; sagt mir, daß die Freiheit möglich ist, daß eine freie Verfassung etwas Leichtes und dauerhafter ist, als jede auf Willkühr gegründete Regierung. Unterdessen, ich wiederhole es, ich bin stets bereit, meine theuersten Neigungen dem Nutzen des gemeinsamen Vaterlandes aufzuopfern; ich bin zufrieden, noch dieses Mal die Sprache eines freien Geistes geführt zu haben, und meine Ehrerbietung für daS Gesetz wird um so unzweifelhafter sein, da sie daS Resultat einer langen Reihe von UnglüekSfällcn, und derjenigen Vernunft ist, welche uns heute gebieterisch befiehlt, nnS gegen den unversöhnlichen Feind*) von nnS Allen aufs engste zu vereinigen, gegen jenen Feind, der stets bereit ist, Zwietracht anzufachen, und dem alle Mittel gleich willkommen sind, falls er nur seinen Zweck der allgemeinen Unterdrückung- und Beherrschung aller Meere erreicht. — Ich stimme gegen den Antrag. Jacques Antoine Manuel. , Geboren* den tl>. Dcc. 177S zu Barcclonette/ im Departement der Nicdcralpen. Sein Vater, ein nicht unbemittelter Notar, brachte ihn auf die hohe Schule zu NismeS. Wegen des hier ausbrcchen- den Bürgerkriegs zwischen den Katholiken und den Protestanten, sah M. sich genöthigt, NismeS.wieder zu verlassen, und widmete sich nun dem Handels,randc. In, Krieg gegen Sardinien ward er gezwungen , in der Nationalgardc zu dienen. Im Jahr t7->l! ward er Offizier in der Linie, zeichnete sich dann in den italienischen Feld- zügen aus', und stieg bis zu», Capitän der Cavallerie. Einer Krank- ') C. meint die englische Aristokratie, die auch i„ der That nicht früher vom Kamme abliest, als bis ste in der.revolutionären Hauvtstadt dem Prinzip der Legitimität vollkommene Sicherung gebracht, und das Haupt der durch das demokratische Prinzip erhobenen Dvnastic aus den, Felsen von St. Helena angeschmiedet haue. Manuel. 177 -- heit wegen nahm er den Abschied/ und ergriff jetzt das Geschäft eines Sachwalters/ in Aix. Seine Rechtschaffenhcit bei vorzüg- lichcm Talent/ seine unbescholtenen Sitten und sein-sanfter Charakter erwarben ihm die allgemeine Achtung. In den hundert Tagen zum Deputieren von drei Orten zugleich gewählt/ hatte er anfangs aus Bescheidenheit dies Amt ablehnen zu müssen geglaubt/ nahm es darauf jedoch an/ und in den durch die Abdankung Napoleons herbeigeführten Krisen war seine Stimme oft von bedeutendem Gewicht. Man bewunderte schon jetzt an ihm das seltene Talent/ mit welchem er die Gegenstände der Erörterung / mitten im Sturm des RednerkampfeS/ geordnet und klar entwickelte; er hatte die Erklärung der Kammer an das französische Volk abzufassen. Nach ihrer Auslosung ließ sich M. in Paris selbst als Advokat nieder/ wo er bald eine gewisse Berühmtheit erlangte. Im Jahr 1818 wollte ihn das Wahlkollcgium von Paris zum Deputirten ernenne«/ als die Nachricht eintraf/ daß er von zwei Departement»/ von Fi- uisterre und von der Dcndee dcreitS gewählt worden sei. Er entschied sich für die letztere/ und erschien nun als einer der ersten Redner der linken*) Seite auf der Tribüne/ mochte er nun unvorbereitet reden / oder seine Reden/ von denen mehrere auf Verlangen der Kammern gedruckt wurden/ niedergeschrieben haben. Um so hef- tigcr regte sich gegen ihn der Haß der volksfeindlichen Parthci/ und man verschwor sich zu seinem Untergang. Er/ der kühne Schutz- redner der Prcßfreihcit/ des GcschworncngcrichtS/ der Nationalgardc/ eines nationalen UnterrichtSsystemS/ einer vor dem Gesetz bestehenden Verantwortlichkeit der obersten Beamte»/ einer geregelteren Verwaltung durch alle Zweige des StaatSwesenS/ er sollte unschädlich gemacht werden — durch Ausstoßung aus der Volkskammer. Lange vermochte man ihm nichts anzuhaben/ so sehr man auch über seine Aeußerung/ daß Frankreich die BourbonS nur mit Widerstreben (avc-c Iaufgenommen habe/ mit allem Grimme Her- siel. Kein Redner ward so oft durch Murren von der rechte» Seite her unterbrochen; nicht selten brachte er sie aber durch die treffendsten Antworten zum Schweigen. Den Abbü Gregoire als unwürdig aus der Kammer auszuschließen/ war der Aristokratenparthci nicht gelungen. Da konnte sie sich nicht mehr zurückhalten / und am 26 . Fcbr. 1823 in einer Sitzung/ die als eine der merkwürdigsten in der Geschichte parlamentarischer Begebenheiten dasteht/ sollte er als Opfer ihrer Wuth fallen. In Spanien nämlich hatte man die auf einer lediglich demokratischen Basis errichtete Coustitution von 1812 wieder hergestellt; die Pfaffenparthci widerstand nur noch mit wenigen fanatisirten Haufen. Da ward von der heiligen Allianz der große Cougrcß nach Verona ausgeschrieben/ und hier der Beschluß gefaßt/ zum Heil der Völker EuropaS/ die spanische Consti- lution mit ihren verderblichen Grundsätzen umzustürzen/ und das *) 2» der französische» Kammer bat sich der Gebrauch gebildet/ daß die dcnwkrarische Partei zur Linke»/ die aristrkratifchc zur Rechte»/ die mi«,.. siiriclle im Ccutrum ihre» PlaS nimmt. Begreiflich zerfallen diese drei Hauprgruoren wieder i» mehrere Schattirungc». 12 StaatSred e n. 17« absolute Königthum/ Inquisition und Nechtungcii im Gefolge, wie der einzuführen; und Frankreich war cS, das mit dem Antrag, dies inS Werk zu sehen/ beehrt ward. Begreiflich/ daß die NeaktiouS- parthci diesen Krieg für eben so gerecht und segensreich hielt/ als die VolkSfrcunde ihn für einen die Nation entehrenden / die Grundsätze dcS Rechts und der Freiheit schändenden ansahen. Manuel*)/ Lasittc, Foy/ Casimir Perrier/ Noyer Collard u. a. sprachen gegen denselben mit allem Feuer der Beredsamkeit. Ueber eine Phrase Manuels/ noch bevor er sie ausgesprochen/ siel nun die aristokratische Parthci her/ setzte durch ein unerhörtes Verfahre» seine Ausschließung durch**)/ und dekrelirtc jetzt/ nachdem die linke Seite sich ganz zurückgezogen hatte/ ohne alle Diskussion oder Widerspruch die von der Legierung für den Krieg gegen Spanien verlangte» hundert Millionen. Diese Auftritte/ ohne Zweifel ganz einzig in dem parlamentarischen Leben haben wir hier in ziemlicher Vollständigkeit mit den wichtigsten dabei gehaltene» Reden mitgetheilt. Unter den hier auftretende» Rednern ist noch Royer Collard besonders auszuzeichnen/ als Begründer der neuern Philosophie in Frankreich/ sowie als gemäßigter Noyalist und edler Mensch. Wir treten nun dem großartigen Schauspiel näher. Manuel spricht von der Tribüne herab: Man hat so viel von moralischer Ansteckung gesprochen, -aß eS der Mühe werth ist, über diesen Begriff feste Ansichten aufzustellen. Die spanische Revolution, so sagt man uns, sei gefährlich, wegen der Art der Verfassung, welche sie erzeugt hat. Aber ich frage.- was hat denn diese Verfassung so erschreckendes für Ihre Zukunft? (Murren rechts.) Es scheint mir, daß sie genügsame bedeutende Zeugnisse für sich hat — die Anerkennung aller Regierungen Europa's, selbst der unumschränktesten. Diese allgemeine Zustimmung geschah nicht durch bloße Duldung, sondern auf eine feierliche und förmliche Weise; die spanische Verfassung wurde sogar andern Völkern als Muster aufgestellt. Als mau Italien gegen seinen (damaligen) Souverän (Napoleon) in Aufstand setzen wollte, forderte man cö auf — Sie werden sich alle dessen noch wohl entsinnen — dem Beispiele Spaniens zu folgen, und, wie dieses, sscinc National- Unabhängigkeit Z" erkämpfen. (Tiefer Eindruck.) In einem neuern Zeitpunkt endlich hat die französische Regierung selbst die spanische Verfassung anerkannt, und dem Monarchen Glück gewünscht, sie beschworen zu haben. *) Die Franzose», überbauet stark in Calcmbours, n,„ae» stst> damals mit solacudcm. dl-st--»- i,j,n u a-,t -- (H- mi,, b-iri! a- i.-iUl- (Vastttc zoa au» einem vaudaiite stvciu van ausae. zcieimeier Qualität), Nr- n«i>u«'l, v aj.nti-r t", . <> / ei,-« ('.»on,,»,, **) Ncrstl. das stau; ähnliche Verfahren der clialiscbe» Aristokratie aeac» Wil> kcs; f. Pitts zweite Siede. l Manuel. 179 Aber — wendet man ein — diese Verfassung leistet der öffentlichen Ruhe nicht hinlängliche Bürgschaften, sie giebt dem revolutionären Geist zu vielen Spielraum. Die Revolution ist es, die man in Spanien bekämpfen muß, sie zu vernichten, muß man die Pvrenäen überschreiten. Dadurch also, meine Herren! daß Sie Ihre Waffen in die Halbinsel tragen, gedenken Sie den revolutionären Geist zu unterdrücken. Allerdings ist der revolutionäre Geist gefährlich. Ist aber der gegenrevolutionäre Geist weniger gefährlich? (Murren rechts.) Ist nicht die Gegenrevolution die schlimmste, die gefährlichste aller Revolutionen? Die Revolutionen, die vorwärts schreiten, können zwar Ausschweifungen, sie können manches Unglück im Gefolge haben. Wenn man aber vorwärts schreitet, so kommt man wenigstens zuletzt ans Ziel . . . (Geräusch rechts.) . . . Die Schwierigkeiten werden am Ende überwunden, man gelangt zu Resultaten. Diese Wahrheit wird zum mindesten in Frankreich nicht besteckten werden, in dem Frankreich, wo eine Revolution Statt gehabt, wo deren Ergebnisse durch die gegenwärtige Regierung geheiligt worden sind. Eine Gegenrevolution aberzieht ganz andere Uebel und Gefahren nach sich. Diese muß vernichten, was die Revolution geschaffen hat, und die Nation in die Lage zurückversetzen, in der sie sich befand, als ihr die Revolution als das einzige Hülfsmittel gegen ihre Uebel erschien. Den Uebeln endlich, welche die Revolution mit sich geführt hat, muß man jene Uebel beifügen, die zu ihrer Vernichtung erforderlich sind, und dadurch werden die Uebel einer neuen Revolution vorbereitet. (Anhaltender Beifall links.) 'Meine Herren! Soll ich diesen Gedanken durch ein Beispiel fühlbarer machen? Welche Regierungsform gedenken wir Spanien aufzulegen? (Rechts: Keine!) Man hatte anfangs geglaubt (und LaS Ministerium war geschickt genug, es glauben zu lassen), daß nicht davon die Rede sei, in Spanien- die unumschränkte Gewalt wiedereinzuführen, sondern der spanizchen Nation eine Art gemischtcr Verfassung zu geben — die französische Charte zum Beispiel, die Spanien mehr oder minder positive Bürgschaften dargeboten hätte. Je nun! dieser Vorwand, diese Täuschung, die sehr geschickt erfunden war, — das Ministerium selbst hat sie verrathen. Innerer Zwist hat es gezwungen, sich frei zu erklären. Man hat die Minister gefragt, mit welchem Rechte wir in Spanien die französische Charte einführen und es hindern wollen, zu bleiben, was es vor der Revolution war. Die Minister haben erwidert, daß dieß nicht ihre Absicht sei. WaS folgt nun daraus? Nichts ande- 180 StaatSreden. reS, als dieß: Ihr wollt in Spannn dir unumschränkte Gewalt wiederherstellen und aufs neue dieses Land in die Hände der Inquisition und der Jesuiten liefern. Die Freunde einer mit ihrem Blut erkauften Freiheit müssen also der Verbannung, der Folter, des Henkerbeils gewärtig sein. Dieß ist das goldene Zeitalter, daS Ihr Spanien versprecht. And Ihr schmeichelt euch, daß Ihr nur euch zeigen dürft, um dem spanischen Volke das Joch aufzulegen! Nickt die ganze Macht Frankreichs wird dieß vermögen. Ich will die günstigsten Kombinationen annehmen. Ich gebe Ihnen Alles zu; ich betrachte Spanien als völlig besiegt und besetzt; die Spanier sollen in einem Nu ihres ganzen Stolzes, ihres früheren Ruhms vergessen, sie sollen alle Mittel der Vertheidigung vernachlässigen, die ihnen die Natur ihres Bodens darbietet. Alle diese abgeschmackten Vxraussetzungen will ich zugeben. Nu» sind Sie also Sieger und haben Spanien unter sich. Aber ewig werden Sie doch nicht dort bleiben, und wenn Sie einmal gehen, wer wird eine neue Revolution verhindern? Fragen Sie doch die Geschichte, meine Herren! Finden Sie denn, daß jemals eine Revolution, welche die Freiheit zum Zweck hatte, besiegt worden ist? Eine Zeitlang konnte man sie wohl niederdrücken, weiter vermochte man aber nichts. Wollen Sie Beispiele dafür? Sehen Sie, wie die helvetischen Landlcute daS Joch Oesterreichs abschütteln, wie eine geringe Zahl batavischcr Strandbcwcyncr über die ganze Macht Spaniens siegt, wie eine Handvoll Amerikaner England widersteht, wie endlich Frankreich ganz Europa besiegt. Dieß mag zur Antwort dienen auf alle jene Voraussetzungen. (Beifall links.) Und wer sind diejenigen, denen Ihr znmuthet, in Spanien die unumschränkte Gewalt wiederherzustellen? Wir, französische Bürger, wir sollen unsere Heere und Schätze opfern, um in Spanien nicht die Ruhe herzustellen, sondern einen Krieg ohne Ende anzufachen! Und bemerken Sie wohl, nie wurde eine Revolution mit geringerem Kraftaufwand bewirkt, noch von weniger Ausschweifungen begleitet, als die spanische. (Murren rechts.) Hätte sie aber auch Uebel mit sich geführt — diejenigen, die Ihr Spanien bereitet, sind tausendmal schrecklicher. Was wird der Erfolg Eures Einfalls sein? Welche Regierungsform wollt Ihr an die Stelle der Verfassung der Korkes setzen? Wer wird Spanien eine Konstitution geben? Etwa Ferdinand? Aber man weiß ja, wie anderwärts den Völkern die ihnen gegebenen Versprechungen gehalten wurden. Alle diese Versprechen gesckahen öffentlich, und wo sind die versprochenen Verfassungen? Der König von Spanien hat aber Manuel- 181 gar nichts versprochen, und er hat jetzt Rache zu nehmen. Seine (frühere) Regierung war schrecklich, sie war gräßlich ...... (Geschrei rechts. Unterbrechung. — Links: Gräßlich! Ja! gräßlich war sie! — Hr. Fov: Gräßlich! das ist der wahre Ausdruck! — Heftiger Ruf zur Ordnung! von der rechten Seite. — Der Herr Präsident erklärt, daß kein Grund vorhanden sei, den Redner zur Ordnung zu rufen, da der Ausdruck nicht gegen die Person, sondern gegen die Regierung des KönigS Ferdinand gerichtet worden.) . Die Bemerkung des Herrn Präsidenten erspart mir jede andere Rechtfertigung. Hätte die Mehrheit die Entwickelung meines Gedankens abgewartet, so würde sie gefunden haben, daß meine Phrase nicht gegen die Person des Königs, sondern gegen seine Räthe gerichtet war. Lobe ich denn nicht die jetzige Regierung von Spanien, und gleichwohl steht der nämliche König Ferdinand an deren Spitze? (Links: Gut gesagt!) Ich hatte daher Recht zu sagen, daß die Regierung Ferdinands VII. im Jahr 18 l5 gräßlich war. (Schweigen rechts.) Wie wird sie denn alsdann sein, wenn er persönliche Beleidigungen zu rächen hat? Wird er Herr seiner eigenen Leidenschaften werden,-wcun die Männer ihn leiten, die ihre Verbannung, ihren gekränkten Ehrgeiz zu rächen haben? dieß ist die Zukunft, die Ihr Spanien bereitet. Fragt Euer eigenes Gewissen, ob ich nicht wahr rede. Die Nothwendigkeit, die Revolution zu unterdrücken, wird demnach kein Grund für uns sein, die Mittel zu einem spanischen Kriege zu bewilligen. Aber, fügt man hinzu, die Spanier schlachten sich unter einander. Sollen wir nun -ruhige Zuschauer bleiben? Welche rohe Neutralität! — Es wäre in der That eine ganz besondere Weise, die Uebel des Bürgerkriegs zu mindern, indem man ihnen einen auswärtigen Krieg beifügt! Der Bürgerkrieg ist allerdings ein Unglück, zum mindesten aber endet er mit der Vesicgung des einen Theils. Was bewirkt Ihr nun durch Eure Einmischung? Ihr verleihet der besiegten Parthci neue Kräfte und entzündet aufs neue einen Krieg, der am Erlöschen war. Die Quelle des Blutvergießens war beinahe verstopft, Ihr öffnet sie aufs neue; und als :b eS nicht genug wäre an Lein spanischen Blute, das fließt, Ihr wollt auch französisches Blut in Spanien vergießen. (Beifall links.) Ist das Eure Liebe zur Ordnung, ist das Eure so gepriesene Menschlichkeit? Man behauptet, Ferdinand sei Gefangener, und man müsse mit der Einmischung eilen, nm sein Leben gegen die Volkswuth sicher zu stellen. — Meine Herren! dieser Beweggrund ist aller- X 182 , Stoatsreden. dingS wichtig, aber er nimmt Ihre ganze Klugheit in Anspruch. Sie wollen vaS Leben Ferdinands VII. retten! Erneuern Sie daher nicht die Umstände, welche diejenigen auf das Blutgerüst geführt haben, denen Sie in diesem Augenblick eine so lebhafte Theilnahme .(Geräusch rechts).eine so lebhafte — und um meinen ganzen Gedanken auSzusprechen, füge ich hinzu — eine so legitime Theilnahme weihen. (RechtS: So lassen wir eS unü gefallen!) Und, meine Herren! haben Sie denn vergessen, daß die StuartS vom Thron gestürzt wurden, weil sie im Auslande Beistand suchten (tiefer Eindruck), daß Ludwig XVI. die Krone verlor, weil die auswärtigen Mächte sich in Frankreichs innere Angelegenheiten mischten.(Große Bewegung rechts. Unterbrechung. — Hr. von ScSmaisons k Nur ,zu! vertheidigen Sie den Königsmord!). Meine Herren! wenn man nicht ganz unbewandert ist in der Geschichte, muß man wissen, daß gerade der heimliche Beistand Frankreichs den Sturz der StuartS verursacht hat. Gerade dieser Beistand hat die öffentliche Meinung gegen sie empört und Unglücksfälle herbeigeführt, die vermieden worden wären, wenn sie in der Nation eine Stütze gesucht hätten. Haben Sie denn vergessen, daß von dem Augenblick an, wo die fremden Mächte auf das französische Gebiet einfielen, das revolutionäre Frankreich, sich durch neue Kräfte zu vertheidigen, durch eine neue Energie.(Heftiger Ausbruch rechts: Zur Ordnung! Zur Ordnung! Das ist abscheulich! empörend! Vertheidigung des KönigSmordS! — Links: Wartet doch das Ende der Phrase ab! Die rechte Seite läßt den Redner nicht mehr zum Wort kommen.) Der Präsident, sich gleichfalls erhebend, sagt: ES ist augenschein. lich, daß die Art und Weise, wie sich der Redner ausdrückte, gänzlich außer der Tagesordnung liegt. Das Ercigniß, das die Thränen Frankreichs fließen machte, und der Gegenstand einer ewigen Trauer sein wird, wird mit „Energie" betitelt .... ES entsteht nun eine allgemeine Verwirrung — die Linke versucht umsonst, gegen diese Anklagen zu rcklamiren, umsonst, den Redner wieder zum Wort kommen zu lassen. Die ganize Rechte verläßt ihre Plätze, treibt sich im Saale umher, 'und schreit über Köuigsmord. Hr. Hydc de Ncuville stürzt auf den Nedncrstuhl, stellt sich mit den heftigsten Gestikulationen „eben Hrn. Manuel, und versucht einige Worte zu sprechen, die aber alle in dem Tumult verloren gehen. Hr. Manuel, der mit stets gleicher Ruhe auf der Tribune stehen bleibt, blickt ihn lächelnd an, und behält die ganze Scene hindurch die unzerstörbarste Ruhe und Haltung. Die Linke bemüht sich abermals, das Reglement geltend zu machen, und verlangt die Rechtfertigung des Redners selbst — aber Alles vergebens; der Präsident greift, um die Ruhe wieder herzustellen, zu dem Mittel, sich zu bedecken — auch Manuel. 18 Z dieß ist umsonst. Die Rechte vcrlangt*dcn Schluß der Sitzung — sie wird von dem Präsidenten auf eine Stunde bewilligt/ und erstere verläßt den Saal; die Linke/ die keinen Augenblick Theil ander Unordnung genommen/ bleibt auf ihren Plätzen — Hr. Manuel zieht sich ebenfalls zu dem scinigcn zurück und beschäftigt sich damit/ an den Präsidenten zu schreiben. Nach Vcrfluß der Stunde füllt sich der Saal wieder — Hr Manuel zeigt sich von Neuem auf dem Red- ncrstuhl/ allein die Scene wiederholt sich. Man hört das Geschrei: „herunter! herunter! zur Thüre hinaus!" Der Tumult hat den höchsten Gipfel erreicht — die Linke indeß und ihr CcntruM/ so wie das Centrum der Rechte»/ verhalten sich schweigend. Hr. Forbin des ZssartS eilt auf den Rednerstuhl und trägt unter dem Beifallsgeschrei der Rechten auf die Ausschließung des Hrn. Manuel an. Der Präsident zeigt/ daß keine Diskussion über diesen Vorschlag stattfinden könne/ weil er nicht nach den Formen des Reglements gemacht worden sei/ und sagt/ er habe inzwischen einen Brief von Hrn. Manuel erhalten. Dieses von Hrn. Manuel dem Präsidenten überreichte Billet enthielt die von ihm mittlerweile zu Papier gebrachte Ergänzung der Phrase/ die er wegen des allgemeinen TumultS der Mtraparthci nicht zu beendigen vermocht hatte. Sie war also abgefaßt: „Hätten Sie vergessen/ daß das revolutionäre Frankreich/ fühlend/ daß cS zu seiner Vertheidigung neuer Kräfte/ neuer Energie bedurfte; — alle Massen in Bewegung setzte/ alle Volksleidenschaftcn entflammte/ und auf diese Art furchtbare Ausschweifungen/ und eine traurige Katastrophe mitten unter einem edcln Widerstände herbeiführte?" Die Ultvaparthci ließ den Präsidenten nicht zur Mittheilung des Inhalts von Hrn. Manuel'S Billet kommen. Sie verlangte sofort schreiend eine Abstimmung/ die Ausstoßung Hrn. Manuel'S betreffend. Der Präsident sagte: „Ich bin zu eifersüchtig auf Ihre Achtung/ um über einen regelwidrigen Antrag votiern zu lassen/" und hob die Sitzung auf. — „Das ist alles/ was wir für heute wollten! rief die rechte Seite; den Rest für morgen! Es lebe der . König! — Die VourbonS! Alle BourbonS! Er wird nicht mehr auf der Tribüne erscheinen/ der Apologist des KönigSmordes!" — Die linke Seite und das linke Centrum beobachteten während des LärmenS eine feste Haltung; auch die Gruppen um Hrn. Lainä/ im rechten Centrum/ schwiegen in stillem Ernste. Hr. Manuel hatte bis gegen das Ende die Tribüne nicht verlasse»/ von wo er mit ge- kreuzten Armen ruhig die tobende Rechte überschaute. Am folgenden Tag/ (27. Fcbr.) stellte Hr. v. Labourdonnaye den Antrag/ Hrn. Manuel wegen seiner gestern gehaltenen Rede aus der Kammer auszuschließen. Trotz des kräftigsten Widerspruchs und der ernstesten Warnung wurde eine Kommission niedergesetzt/ und diese war schaamloö genug/ den Ankläger selbst zugleich zum Berichterstatter zu ernennen. Am 3. März ward die Diskussion eröffnet/ und jeder edlere De- putirte/ selbst wcnn^r früher Manuels politische Ansichten bekämpft hatte/ fühlte sich von Indignation ergriffen; Nopalistcn/ wie Sr. 18 » StaatSrrden. Aulaire, Noycr Collard u. a. sprachen gegen riefen Antrag. N. Collard'S Rede theilen wir hiermit: Meine Herrcnl ich werde mich nicht bei dem Beweise aufhalten, daß die Kammer nicht das Recht hat, eines oder mehrere ihrer Mitglieder aus ihrem Echcoßc, oder rein Rcdnerstuhlc, für immer oder für eine gewisse Zeit, auszuschließen. Jedermann und der Herr Berichterstatter selbst muß anerkennen, daß kein Recht dieser Art vorliegt, und daß die Kammer, wenn sie sich ein solches beilegt, sich auf kein vorhandenes Gesetz stützen kann. Woher leitet sie cS also? Man ist genöthigt, zu einer, ich weiß nicht welcher? OkergerichtSbarkeit seine Zuflucht zu nehmen,' aber diese ist den Gesetzen so unbekannt als uns,, sie ist eine Erfindung der letzten Tage, eine reine Erdichtung, die keine ernstliche Widerlegung verdient. Ein bekannter Wcltweiser sagte: Ich hasse schlechte Grundsätze mehr noch als schlechte Handlungen. So weiß auch ich etwas Strafbareres, als die Verletzung der Gesetze, nämlich das, dieser Verletzung einen schönen Namen geben, um sie zu rechtfertigen und Sophistereien der Gewalt zu Hülfe rufen. (Links: vortrefflich!) Die Revolution hat dieses Aergerniß nur zu oft gegeben. Trete die Gewalt nnvcrschlciert hervor, wir werden in manchen Fällen zu schwach sein, sie in ihrem Beginnen zu hindern; aber wir zwingen sie doch, ihren Namen und Ihren Charakter nicht zu verleugnen, damit sie zu seiner Zeit darüber Rechenschaft gebe. (Lebhafter Beifall links. Bewegung im rechten Centrum.) Ich sage cS frei, die Maßregel, die man Ihnen vorschlägt, da sie nicht in den Gesetzen Grund hat, im Gegentheil die Charte und alle Gesetze, durch welche die Kammer besteht, Hinstürzt, ist ein Gewaltsschritt, und unter diesem Gesichtspunkt will ich sie beleuchten. klcbcrdenkcnd die verschiedenen zwingenden Verhältnisse' deS menschlichen Lebens, wage ich nicht unbedingt zu behaupten, daß die Anwendung der Gewalt in allen Fällen vermieden werden könne; sie nimmt einen bedeutenden Platz in der Geschichte ein und erhält je nach ihrem Ursprung verschiedene Namen. Geht sie von der Regierung aus, so nennt man sie Staatsstreich; geht sie von den Völkern aus, Empörung; ist cS ein Staat, der sie gegen einen andern Staat in Anwendung bringt, so heißt sie Einschreitung. Diese drei Fälle sind von gleicher Beschaffenheit, der gegenwärtige ist ein Staatsstreich, und ein solcher ist es, der gcgcir Hrn. Manuel versucht wird. (Große Bewegung links und im rechten Centrum.) Royer . Lollard. t85 l Staatsstreiche, mcinc''Herren, können nicht nach positiven Gesehen bemessen werden, denn ihre Richtung ist gerade gegen sie unter dem Verwand, daß letztere unzureichend oder ohnmächtig sind; aber, wie die Gesetze selbst, stehen sie unter der allgemeinen Gerichtsbarkeit der Vernunft. Da ein Staatsstreich auch in dem Falle, wo er etwas Gutes beabsichtigt, immer ein großes Uebel ist, so schreibt ihm die Vernunft gewisse Bedingungen vor, und diese sind, daß er nothwendig und daß er einzig in seiner Art sei, d. h. daß er sich nie oder nur in sthr>seltenen Fällen wiederholen lasse. Die erste Frage ist nun: ist der Staatsstreich, den man Ihnen vorschlägt, nothwendig? Ja, sagt man, die Kammer ist genöthigt, sich über die Gesetze zu erheben, weil der Fall von der Art ist, daß er nicht in den Gesehen vorgesehen wurde; der KönigSmord wurde auf dem Rednerstuhl von Hrn. Manuel vertheidigt. Der KönigSmord auf dem Redncrstuhl vertheidigt! Wenn das wahr wäre, so würde mir der Ihnen gemachte Antrag begreiflich scheinen, und ich würde darüber nachsinnen; aber je schwerer die Beschuldigung ist, desto bündiger muß sie erwiesen werden. Ich habe nicht nöthig, mich hier in eine künstliche Begeisterung zu setzen; mein Gewissen — kein leeres Wort in meinen Augen — ist über diesen Punkt so zart, wie irgend eines Andern, und doch kann ich nicht begreifen, auf welche Art Hr. Manuel den KönigSmord sollte gerechtfertigt haben. Als Geschworene, sagen die Mitglieder der Komiirission, erklären wir, daß er das gethan hat. Als Geschworener, d. h. als Zeuge wie sie, ohne Gunst noch Abgunst, erkläre ich, daß er cö nicht gethan hat. Dadurch allein schon, daß man seine Worte nicht anführt, daß man sie nicht als Bestimmungsgründe des Urtheilspruches geltend macht, spricht man ihn frei. Allein, behauptet man, nicht in den Worten, sondern in der Tendenz derselben liegt LaS Verbrechen. In der Tendenz? das wäre also die Absicht, der geheime Gedanke des Redners. Nun denn, die Absicht — er dcSavouirt sie; der Gedanke — er längnet ihn; wer weiß hierüber besser Bescheid zu geben, als er selbst? Hr. Manuel hat den KönigSmord nicht wirklich gerechtfertigt, man giebt dieß von der Gegner Seite zu; er wird nur beschuldigt, eS gewollt zu haben, und gerade dieß ihm zu beweisen, ist eine Unmöglichkeit, so lange er das Gegentheil versichert. Der Grund der Ausschließung hat demnach keine Nealirät, und der Staatsstreich ermangelt der ersten Bedingung seiner Zulässigkeit — der Nothwendigkeit. Was bleibt also von der Rede übrig? Die Sprache 186 Staatsreden. » des Redners. Wenn ich diese Sprache nicht billige, wenn ich sie sogar verwerfe, so folgt daraus nur, daß ich verschieden vom Rcd- ^ner denke, keineswegs aber, daß ich sein Richter bin. Allein der Staatsstreich ist nicht nur nicht nothwendig, sondern hat nicht einmal das Verdienst, einzig zu sein. Die Gelegenheit, ihn zu wiederholen, kommt so oft, daß, einmal der Anfang gemacht, die Ausnahme zur Regel werden wird. Die Deputieren werden einsehbar sein, wie die VerwaltungS-Beamten, mit dem Unterschiede, daß diese durch dle Gewalt, die sie ernannt hat und der sie untergeordnet sind, abgesetzt werden, während die Deputieren der Minorität durch die Majorität, die zu bekämpfen sie von ihren Vollmachtgebern berufen worden sind, entsetzt werden können. Ich würde mich schämen über diesen Punkt mehr zu sagen; der gesunde Menschenverstand sagt Ihnen hierüber mehr, als ich könnte. (Bravo! links.) Nach allein diesem hat die Ausschließung des Herrn Manuel, als Staatsstreich betrachtet, keine der Bedingungen an sich, die diesen Titel rechtfertigen. Sie ist nicht nothwendig, weil die Thatsache, auf die man sich stützt, nicht bewiesen und der Natur der Sache nach nicht beweisbar ist; sie ist nicht einzig, denn sie trifft alle Dcputirte in diesem Einen und zieht dadurch den Untergang der stellvertretenden Regierung nach sich. Aber soll man denn gar nichts thun? Ich bitte die Herren, die so fragen, mir zu sagen, ob sie die Vergangenheit oder die Zukunft meinen? WaS das Vergangene betrifft, da ist nichts zuthun, denn Vernunft und Gerechtigkeit sind dagegen; die Äammcr hat das Maß ihrer Gerichtsbarkeit erfüllt und darf ihre Geschäftsordnung nicht überschreiten. Handelt cS sich aber von dem, was in Zukunft zu thun wäre, so erlauben Sie mir einige Betrachtungen. Seit drei Jahren beschwert man sich über den Mißbrauch der Worte und die Zügcllosigkeit dcSRedncrstuh ls. Ich bin nicht der Vertheidiger der Zngellosigkcit: jede Art von Ausschweifung ist mir zuwider: aber doch habe ich bemerkt, daß in diesen Beschwerden viele Uebertreibung, Ungerechtigkeit und wenig Rücksicht auf den Geist und die Bedürfnisse einer stellvertretenden Verfassung ist. Bedenke man wohl, unbegränzte Freiheit der Berathungen und Unantastbarkcit der Worte sind die Grundbedingungen derselben. Die Wahrheit ist gegenwärtig Gcincinsachc geworden; aber so eingestanden sie in der Theorie ist, so ungern unterzieht man sich ihren Folgen in der Praxis. Ich könnte wohl sagen, warum; aber cL ist nicht die Zeit und der Ort dazu. Mit zwei Worten: Royer-Collard. <87 die repräsentative Regierung ist nicht zwar unsern Bedürfnissen, aber unsern Sitten vorangceilt. Wir fällten durch Erfahrung gelernt haben, daß der größte Theil der Gefahren, die uns aus der stellvertretenden Verfassung zu drohen scheinen, in der Einbildung besteht. Dennoch trägt unsere Regierung die ungeheure Last der Furcht, die sie verbreitet und nicht selten selbst empfindet. Es lastet auf ihr noch ein anderes "Uebel, dessen Gewicht wir heute schmerzlich fühlen. Wir alle, meine Herren! treten aus einer Revolution heraus, die ziemlich lange gedauert hat und tief genug eindrang, um überall Spuren zu hinterlassen. Diese Revolution stützte sich auf Gerechtigkeit; ihre Grundsätze waren darnach geregelt; und doch zeigte sie sich unsittlich iu ihren Handlungen und nicht allein unsittlich, sondern triumphirend über ihre Ausartung; sie wurde cvnisch, und dieß war ihr schlimmster Eharakter. Dieser EvnismnS drückte sich in der Sprache ab; er verderbt sie noch heute. Daher die dürre und oft unehrerbictigc Art, womit man von Menschen und Dingen, die heilig sein sollten, spricht. Mancher Ausdruck, ich weiß es, ist nicht vorbedacht; die Meinungen sind besser als die Sprache, und noch besser sind die Gesinnungen. Die Zeit wird diesen Rost der Vergangenheit abschleifen, damit Ehrbarkeit in die Sprache wiederkehre, wie Ordnung in die Gesellschaft zurückgekehrt ist. Ich komme auf die Frage zurück, von der ich einen Augenblick abschweifte. Was ist in Zukunft zu thun? Sie stehen, meine Herren, zwischen der unbegränzten Freiheit, welche das Leben der r stellvertretenden Regierung, und der Beschränkung derselben, die ihr Grab ist. — Wählen Sie. Nur Ein Zweifel könnte sich erheben: ob nämlich die Unverletzbarkeit königlicher Majestät einige Beschränkung der Redefreiheit nöthig mache? Die Minister des Königs sind die natürlichen Wächter dieses höchsten Interesse; sie wohnen unsern Debatten bei; sie müssen wissen, ob der Thron noch einer andern Bürgschaft bedarf, als unserer Ehrfurcht und Liebe. Glauben sie es, so mögen sie ein Gesetz vorschlagen. Es ist nicht meine Sache, anzuführen, was es enthalten und welche Ver- gehungen es als strafbgr bezeichnen solle; aber auf jeden Fall müssen diese Vcrgchungcn äufs genaueste bestimmt und so abgegrenzt sein, daß, wenn die Majorität eine Faktion ist, die Minorität ihr dieß jeden Tag sagen darf, und, um dieß zu können, ist es unumgänglich nöthig, daß nie der Fall eintrete, wo die Mehrheit Richtcrin der Minderheit ist. Mit einem Worte, andern Tage, wo es Verbrechen des Rcd- / <88 StaotSreden, nerstuhls giebt, wie Verbrechen des HochverrathS, ist man den Deputirtcn Bürgschaften schuldig. Würde dieses Gesetz zuvor noch gegeben, so könnte Hr. Manuel dann immerhin von der Mehrheit dieser Kammer angeklagt werden; aber er würde vor unparthci- lichcren Richtern Gerechtigkeit finden. Ich stimme gegen den Antrag. Der Präsident las nun Hrn. Hnde'S Vorschlag, der dahin ging, „Hrn. Manuel nur für diese Session auszuschließen", und gab Hrn. Manuel das Wort dagegen. Hr. Manuel sagte mit ruhiger und starker Stimme: Meine Pflicht ist es, der Würde eines Deputirtcn Ehre zu machen ... Als solcher erkenne ich Niemanden hier das Recht zu, mich anzuklagen oder zu verurthcilen... . Ich suche Richter und finde nur Ankläger; von diesen erwarte ich keine Handlung der Gerechtigkeit, sondern der Rache.... Ob die Klugheit rathe, sich ihr zu unterwerfen, weiß ich nicht; aber ich weiß, daß da, wo der Widerstand ein Recht ist, er zur Pflicht wird. Meine Pflicht ist, mich der Wahl meiner Kommittenlen würdig zu zeigen; Lurch ihren gesetzlichen Willen bin ich in diese Kammer getreten; ich darf sie nur verlassen durch die Gewaltthätigkeit derjenigen, die kein Recht haben mich auszuschließen. Sollte dieser Entschluß mich Gefahren aussetzen, so sage ich mir, daß das Feld der Freiheit öfter durch cfilcs Blut gedüngt worden ist! Mehrere AmcndeiuenS, welche die linke Seite zu Gunsten dcS Herrn Mannel macht, werden beseitigt. General Dcmarl»i>) — Einmiithigcr Ruf links. Unterbrechung. — Hr. Girardin (mit Heftigkeit): DaS ist falsch. Hr. Manuel ist mit uns hercingcgangcn. Präsident: Ich erzähle die Thatsache/ wie sie mir von den Huissiers bezeugt worden ist. Ich fordere Herrn Manuel auf/ sich zu entfernen. Hr. Manuel (mit Ruhe und Wurde): Herr Präsident! ich habe gestern angekündigt/ daß ich nur der Gewalt weichen werde. Heute nun halte ich mein Wort. Präsident: Ich schlage der Kammer vor/ ihre Sitzung auf eine Stunde zu suspcndircn und sich in die Bureaux zurückzuziehen. In dieser Zwischenzeit wird der Präsident die nöthigen Befehle ertheilen. Die rechte Seite erhebt sich und verläßt den Saal; mit ihr der Präsident. Die linke Seite und das linke Centrum bleiben unbeweglich auf ihren Sitzen. Hier die Namen dieser Mitglieder: Casimir Pcrrier/ Dcmareay, Labbey de PomvicreS/ Foy/ Gcrard/ Caumartin/ Sebastiani/ Clerc- Lasallc/ Sappcy/ LaiSne dc VilleveSque/ ChauvcliN/ Dupont (de l'Eurc)/ Gcvaudan/ Manuel/ Teyffeyre/ Tronctzon/ Lamcth/ Gi- rardin/ Jobez / Lasitte/ d'Anthouard/ Huinblot-'Kontc/ St. Aulaire/ Eticnne/ Pavöe dc Dandöuvrc/ DaiiS-Renand/ Ponrrat/ Zouvcn- cclle/ Busson/ Jode;/ Noyer-Collard/ Ganilh/ Boudy/ Dcleffcrt, Soubrcbost/ Rodicre/ Turkhcim/ Sagliv/ Fabre/ Lecarlier/ General Vucquet/ Robert/ Welche/ Moizy»/ Clement/ Harlcy/ Ramo- linv/ Hcrnoux/ Lavoype/ Gilbcrt de VoisinS/ Latour-DupiN/ La- pomcraye/ Alex. Pericr/ Lavaux/ d'Argcnson/ Louis de St. Aignan/ August de Ct. Aignan/ Lafayctte/ Beausejour/ Aubry/ Georges Lafaycttc/ Köchlin/ Thiard/ Bignon/ Destutt-Tracy/ Cabonon/ Lcseigneur/ Fontaine / Alex. Labvrde / VillemaiN/ Nourisso»/ Pou- geard du Limbert/ Burcllc/ Bouchard/ DcScarucaux/ Lefevre-Gi- nau/ CaffaignolcS/ M^>>»/ Savoyc-Rollin/ Dclestre/ la Noche- foucault/ Vernier/ Bodin/ Gautrct/ Pilastre/ LouiS/ Paillard- Duclcrct/ Sallero»/Saultticr/ Francais dc NanteS/ GaSpard Got/ Kßratry/ Basterr.-che/ Rauliii/ ,Fallacieux/ Champy/ Darrieux/ Laruclle/ Dclaroche. (Herr H u m a n n ist von Paris abwesend. Die HH. Ternaux und LambrechtS sind krank.) Eine Stunde verläuft. Kein Mitglied der Opposition weicht von seinem Platze. Um 3 Uhr öffnen sich die Pforten. Dex Chef der HuissicrS/ gefolgt von allen HuissicrS der Kammer/ tritt in den Saal ein und schreitet gegen Herrn Manuel vor/ der in .der Mitte der zweiten Bank der äußersten linken Seite sitzt. Der Chef der HuissicrS/ mit entblößtem Haupt/ tritt Hrn. Manuel gegenüber/ und liest/ mit sehr gerührter Stimme/ folgenden Befehl ab: „In Gemäßheit des Artikels vt der Geschäftsordnung der Kammer der Deputirtcn/ enthaltend u. s. w.; in Betreff des gestern von der Kammer gefaßten Beschlusses/ welcher verordnet/ daß Herr Manuel/ während der Dauer dieser Sitzung/ von den Sitzungen der Kammer ausgeschlossen ist/ befiehlt der Präsident der Kammer der Deputirtcn den HuissierS der besagten Kammer/ den Herrn Manuel aus dem SitzungS-Saal hinausgehen zu machen/ und ihn zu hindern/ wieder in denselben hineinzukommen; zu dessen Vollzug sie sich/ wofernc es nöthig/ von der/ zur Vollziehung des Beschlusses der Kammer requirirtcn/ bewaffneten Macht werden Beistand leisten lassen. Gegeben im Palast, der Kammer/ den 4. März l 82 Z. Unterzeichnet Ravez. Herr Manuel erwidert mit Ruhe: „Mein Herr! ich habe bereits zweimal erklärt/ daß ich nur der Gewalt weichen werde. Man muß mich von diesem Platze wegreiße». Gehen Sie hin und holen Sie die bewaffnete Macht." Der Chef der HuissierS: „Im Fall einer Weigerung von Ihrer Seite habe ich Befehl/ die bewaffnete Macht,eintreten zu lassen." Herr Manuel: Vollziehen Sie Ihren Befehl. Die HuissierS entfernen sich; in der Versammlung herrscht das tiefste Stillschweigen. Einige Minuten nachher öffnen sich die Flügelthüren/ und die bewaffnete Macht tritt in den Saal. ES sind zwei Abtheilungen der Nationalgarde und der Veteranen: sie bestehen aus etwa 4o Manns an ihrer Spitze ein Kapitän der Nationalgarde und ein Chef des Bataillons der Veteranen. Die Truppen stellen sich in den Zwischcngängcn/ den Bänken der Dcputirten zur Seite/ und bis in die Nähe des Rednerstuhls auf. Bei dem Anblick der Nationalgarde erhebt sich in plötzlicher Bewegung die ganze linke Seite und ruft: „Wie! die Nationalgarde! die Nationalgarde wählt man- um das Hciligthum der Nationalrcpräsentation zu verletzen! die Nationalgarde soll sich an der Person eines Deputirtcn vergreifen! man will sie erniedrigen/ entehren!" Mitten unter dieser Bewegung und diesen kräftigen Anreden/ in denen man die Stimme des Herrn Lafayctte unterscheidet/ bleiben alle Soldaten unbeweglich und von Ehrfurcht ergriffen stehen; die höchste Bewegung malt sich auf ihren Gesichtern. Nach einiger Zögerung nähert sich Hr. Düchet/ Chef des Bataillons der Veteranen/ der ersten Bank der linken Seite/ und ehrfurchtsvoll die Hand an seinen Tschako legend/ theilt er wiederholt die Befehle des Präsidenten mit/ unter dem Beifügen/ daß er im Fall eines Widerstands genöthigt sein würde/ Gewalt zu brauchen. General Fvy wendet sich mit Wärme an den Offizier und macht ihm einige Vorstellungen/ die er aufmerksam anhört. Er geht hinaus/ um zum zweitenmal die Befehle des Präsidenten zu vernehmen. Einige Augenblicke nachher zeigt er sich wieder-/ und erklärt/ daß/ da der Präsident ihm wiederholt den förmlichen Befehl gegeben/ Hrn. Manuel mit Gewalt zum Herausgehen zu zwinge»/ es seine Pflicht sei/ ih„ r» Vollzug zu setzen. (Bewegung der Indignation links.) Herr 192 SkaakSrcdcn. Girardin zu dcn Soldaten: Wer von Euch wird es wagen/ Hand an einen Dcputirtcn zu legen?! Der Offizier der Veteranen nähert sich nach einer dreimaligen Aufforderung dem Offizier der Nationalgardc/ und dringt in ihn/ seinen Soldaten Ordre zu geben/ Hrn. Manuel zu greifen. Der Offizier gibt die Ordre. In einer schnellen und ciustiminigen Bewegung aber zeigen der Sergeant und die Soldaten der Nationalgardc durch die ausdrucksvollsten Geberdcn/ daß sie dieselbe nicht vollziehen wollen. Der lauteste Beifall / die Bravo'S/ der Nuf: „Es lebe die Nationalgarde!k" ertönte auf den öffentlichen Tribunen wie in dem Saale. Die Veteranen bleiben unbeweglich. Dieses Schauspiel bringt den tiefsten Eindruck in der Versammlung hervor. Hier verläßt der Offizier der Veteranen plötzlich den Saal/ und kaum bat er die Thüre hinter sich/ so sieht man eine Abtheilung der Gensd'armes (aus den Gensd'armes ju Pferd genommen) bewaffnet mit Säbel und Karabinern eintreten/ an ihrer Spitze Hrn. Foucault/ Oberst der Gcnüd'armcrie/ und drei andere Offiziere. Sie stellen sich vor der Nationalgardc und den Veteranen auf. Die linke Seite bleibt kalt und unbewegt. Der Oberst der' Gcnsd'armerie nähert sich den Dcputirtcn. „Wir haben Ordre/" sagte er/ Hrn. Manuel aus dem Saale zu bringen. Wir würden untröstlich sein/ Gewalt gegen einen Deputirten anwenden zu müssen; aber wir werde»/ wenn er in seiner Weigerung beharrt/ dazu genöthigt sein. Die Gcnsd'armerie ist nur hicher gekommen/ um die Nationalgardc zu unterstützen..,.. (Neue Indignation links.) Eine Menge von Stimmen: Das ist falsch! Die Nationalgardc will nicht Mitsehul- dige an diesem Verbrechen sein! Entehrt sie nicht! Hr. Lafayctte: Laßt ihr ihren Ruhm! „Meine Herren/" sagt der Oberst/ „ich werde dreimal dcn Befehl des Hrn. Präsidenten wiederholen/ und ich sage Ihnen vorher/ daß ich alsdann Gewalt brauchen muß!" Auf diese Drohung antwortete Herr Manuel nur durch eine noch festere Haltung und eine unerschütterliche Kaltblütigkeit. Der Herr Vicomte v. Foucault wendet sich gegen die Gensd'armes/ und ruft ihnen/ auf dcn chrcnwerthcn Dcputirtcn deutend zu: Greift Hrn. Manuel! (h'.»ij>»i--nc>/.-m<>L M. Manual!!) Die ganze linke Seite sich erhebend: „Wir Alle/ Alle sind Manuel!!!" Die Sol baten stürzen sich auf die Bänke/ den Oberst au der Spitze/ und der erste ergreift die Hand des chrenwcrthen Deputirten. Hr. Manuel/ der aufgestanden ist/ stößt ihn zurück und leistet nach Kräften Widerstand. Alle Mitglieder der linken Seite drängen sich um ihren Kollegen und bedecken ih,, mit ihren Körpern. Die Soldaten und die Deputirten bleiben eine Zeit lang dicht »nrer sich vermischt/ und verlassen dann wie in einem Knaul dcn Saal; Herr Manuel wird mitten darin fortgezogen/ und verliert selbst in diesem Augenblick seine Ruhe nicht; er gibt seinen chrenwcrthen Freunden ein Zeiche»/ nichts mehr zu versuche»/ indem alle Mittel erschöpft seien. Man hört mehrere Mitglieder den Gensd'armes zurufen: „Sehet zu / was Ihr thut! Es ist ein Dcputirter/ ein Repräsentant der Nation! Ihr haftet uns mit Eurem Kopf für ihn!" Manuel. 1SZ Hcrr Latour-Düpin war der erste Dcputirte der linken Seite/ der Hrn. Manuel folgte; Gcnsd'armcS wollten steh zwischen stc werfen/ um ihre Kollegen an einer weiteren Begleitung zu verhindern. Hr. Latour-Düpin wird durch zwei Gcnsd armes festgehalten. Er ruft dem Oberst zu: „Oberst! zwei Ihrer Gensd armcS haben Hand an mich gelegt — ich verlange Genugthuung über diese Beschimpfung des Dcputirtcnklcids." Der Oberst vcrstchert/ daß er diese Leute kenne/ und daß er sie bestrafen würde. Alle Dcpulirtcn der linken Seite in ihrer AmtStracht begleiten Herrn Manuel/ der noch die Dcputirtcn-Kleidung trägt/ durch den FriedcnSsaal hindurch / und führen ihn an den Wagen/ den er mit den HH. Dupont de l'Eure und Gcvaudan besteigt. Alle ihre Collcgcn folgen ihnen nach/ sobald stc ihr Kostüm abgelegt haben. Nach dieser Scene nimmt der Präsident feinen Sessel wieder ein. Die Bänke der rechten Seite und des rechten Centrums füllen sich. Einige Mitglieder des linken Centrums haben ihre Plätze noch inne. Die HH. Sebastiani und St. Aulairc sitzen hier. Die Minister der Finanzen / des Innern/ des KriegS/ der Justiz und der Marine treten in den Saal. Der Minister der auswärtigen An- gclegenheiten kommt erst nach Verlesung und Annahme des Protokolls. An der Tagesordnung ist die Fortsetzung der Berathung über die Kredit-Bewilligung. Hr. Ricard hat dgS Wort. Er äußert: Seit der Restauration sei keine so wichtige Frage zur Sprache gekommen/ als die vorliegende; der König mache zum erstenmal von seiner Prärogative in Absicht auf das KriegS- und FriedcnSrccht Gebrauch. Das Recht der Kammer/ dieser Prärogative mittelbar durch Verweigerung von Menschen und Geld Hindernisse in den Weg zu legen / sei in der Absicht verliehen worden / um die Nation bor den Wirkungen des Erobcrungsgcistes und des Ehrgeizes eines kriegslustigen Fürsten zu bewahren. In dem Krieg gegen Spanien sei solches nicht der Fall; dieser werde nicht aus ErobcrungSlust/ sondern zur eignen Erhaltung geführt. Die Einschrcitung in die Angelegenheiten der Halbinsel sei nothwendig. Der Redner führt die Erklärung des Kongresses von Verona an/ um zu beweisen/ daß alle Mächte des Festlandes derselben Meinung hinsichtlich Spaniens seien. Er sucht ferner darzuthun/ daß zwischen dem gegenwärtigen und dem von Napoleon geführten spanischen Krieg gar keine Achn- lichkcit statt finde. Er läugnct/ daß die Invasion der Halbinsel in der Absicht geschehe/ die unumschränkte Herrschaft und die Inquisition wieder herzustellen; daher könne er auch (setzt er hinzu) den Krieg weder für ungerecht in seinem Prinzip / noch für verderblich in seinen Folgen halten. Hr. Ricard schließt mit der Versicherung/ daß dieser Krieg nothwendig sei/ weil die Politik erfordere/ ein festes Band der Allianz zwischen Frankreich und Spanien herzustellen/ was bei dem dcrmaligcn Zustand der Dinge/ wo die Revolutionärs alle Gewalt über die spanische Regierung ausübten/ nicht möglich sein würde. Hr. Sebastiani wird auf dcn Rcdncrstnhl gerufen. (Bewegung der Ncugicrde.) Meine Herren/ sagt der General/ mein Schmerz 13 194 StaatSr« den. ist zu tief, mein Unwille zu groß/ um in diese», Augenblick über eine wichtige und inhaltsschwere Frage vor einer Kammer sprechen zu können/ die sich eiNe Frevelthat erlaubt hat.... (Ausbruch rechts. Viele Stimmen: Zur Ordnung! Zur Ordnung!) Präsident: Ich muß dem Redner bemerken/ daß es nicht erlaubt ist/ eine Hand« lung der Kammer so zu benennen. (Rechts: Zur Ordnung! Zur . Ordnung!) Hr. Geb äst i ani: Hch habe nichts mehr zu sagen. (Verläßt den Ncdnerstuhl.) Eine Stimme: Er vcrgißr, was er unter Vonapartc für Dienste gethan hat. Hr. S ebast, ani: Ich verachte ein solches Geschwätz viel zu sehr/ um darauf zu antworten. Herr Sebastiani verläßt den Saal. Hr. Hu mblo t - C ontä hat das Wort. Was in dieser Kammer geschehen ist/ hat mir so sehr alle Fassung benommen/ daß ich unmöglich über den Gegenstand der Bc- rathung sprechen kann. Ich habe den Ncdnerstuhl blos in der Absicht betrete»/ um diese Erklärung zu thu,, / und aus dem Grunde.... NechtS: Den Schluß! den Schluß! Der Präsident ruft Herrn Lese vre-Chineau auf den Rednerstuhl; er ist abwesend; sodann Herrn Sappcy; er ist ebenfalls abwesend. Einige Stimmen rechts: Den Schluß! Andere Stimmen: Herr Sappe» ist im Konferenz- Saale. Der Präsident befiehlt einem Huissier/ ihn zu rufen. Bald darauf tritt Herr Sappe» ein. Er sagt mit sehr bewegter Stimme: Nach dem / was geschehen ist / ist eS mir unmöglich / jetzt zu spreche». ' (Stillschweigen.) Präsident: „Die Liste der eingeschriebenen Redner ist zu Ende/ da die einen und die ander» auf das Wort verzichten." Stimmen im linken Centrum: Aufmorgen! NechtS: Nein! Nein! Präsident: „Man verlangt/ daß die Diseussion morgen fortgesetzt werde; ich will diesen Antrag zur Abstimmung bringen." Die wenigen Mitglieder/ die noch auf dem linken Centrum sitze,,/ das rechte Centrum und ein Theil der rechten Seite erheben sich für den Antrag; die äußerste Rechte dagegen. Die Sitzung wird auf den morgenden Tag hinausgeschoben. Die Kammer geht stillschweigend aus einander. Maximilian Sebastian Foy, Gciieee.UicmeliaM, und Vermieter i» der semiiöüxlicu Kammer. Seit Mirabeau .waren auf der Nationaltribüne nicht mehr so männliche Worte erklungen; und wie stieg die Bewunderung/ wenn man in dem großen Redner den berühmten Krieger erkannte; wenn man auf jenem Antlitz/ das von Begeisterung strahlte/ die Spuren des feindlichen Eisens gewahrte; wenn man im großen Bürger alle PrivattugcndeN/ alle edlen und zarten Gesinnungen einer schönen Seele glänzen sah! Nie war das Genie mit mehr HcrzciiSgüte gepaart/ und hätte man einen Augenblick die erhabenen Talente/ womit eine gütige Vorsehung ihn ausgestattet/ vergessen können: so würde man noch in ihm den beßtc,,/ den edelmütbigstcn der Menschen haben lieben müssen. !? o y. 105 Er war geboren zu Hamm, den 3. Fcbr. 1775. In der Kriegsschule la Ferc gebildet, schloß er sich 1791 den Freiwilligen an, die an die Grenzen eilten. In der Schlacht von tzemappes erhielt er seine erste Wunde, in der bei Waterloo die fünfzehnte. Im Jahr 179k wurde der junge Artilleriekapitän von dem berüchtigten Labon, Commissär des Convcnts, verhaftet; nur der Sturz des letztere» rettete ihm das Leben. Bei dem Rhcinübcrgang der Armee bei Diershcim erwarb er sich außerordentliches Verdienst und ward Mo- rcau's persönlicher Freund. Im I. 1803 beim Wicdcrausbruch des Kriegs mit England übertrug ihm Napoleon den Oberbefehl über die schwimmenden Batterien, welche die Küsten des Kanals vertheidigten. Und damit es auch seiner kriegerischen Laufbahn an Originalität nicht fehle, mußte er es sein, welcher mit 1200 Artilleristen von Napoleon in die Türkei geschickt wurde, um dem Sultan Sclim gegen Russen und Engländer bcizustehcn. Zwar mußten die 1200 nach Sclims Sturz wieder zurückkehren; er jedoch blieb zurück, und half unter des französischen Botschafters Scbastiani Leitung die Vertheidigung Konstantinopcls und der Dardanellen so kräftig orga- nisircn, daß der englische Admiral, der durch die dortige Meerenge eingebrochen war, sich mit großem Verlust wieder zurückziehen mußte. In den Jahren 1808 bis 1812 kommandirtc er als General Abthei- langen des Heeres in Portugal. Nach Jourdans Niederlage trug er I8l3 einen entscheidenden Sieg über den linken Flügel des spanischen Heeres davon, verstärkte die Besatzung von St. Sebastian, und zog sich ohne Verlust über die Bidassoa zurück. Die Rückkehr der Bourbons blieb ohne nachthciligen Einfluß aufseilte militärische Stellung, und 1819 wurde er zum Dcputirtcn erwählt. Auf diesem Kampfplatz, wo es die Erringung der höchsten Güter des Staatsbürgers gilt, und wo kein vergossenes Blut die Siegcsfrcudc vergällt, hier sollte er seinen schönsten Lorbeer gewinnen: er wurde vorzugsweise der Mann der Nation; in welchem Grade — davon legte sei» Leichenbegängnis den rührendsten Beweis ab. Seine glänzende Beredsamkeit, durch hervorragendes Talent und umfassende Kenntnisse gehoben, verschaffte ihm den Ruf eines ersten Redners der Kammer. Insbesondere hat er das alte Wahlgesetz, das Nekru- tirungsgesetz und jede andere Bürgschaft der Nationalfrcihcit mit Geist und Feuer vertheidigt; und was ihn besonders auszeichnet, ist, daß er nie, wie die meisten andern Redner, seine Reden ablas, sondern gewöhnlich aus dem Stegreif sprach. Wie glücklich, wie scharf und bestimmt stets sein Ausdruck war, zeigt überraschend ein Vorgang im Februar 1821. Ein Royalist warf gegen ihn die Frage auf: „t)u'est ee glie c'est gue l'sristnci-ntie ?" Foy antwortete: „llo vnis vcnis le cliie. l. aristocratie nn dixiienvieme siecle c'est In liAiio, c'est In cunlitian p- >>1 >5, eiivaknr Ions le« Iioiiueuis saus Ixz nvoir merkte», vccujier tont.es les züreces »an» sttre en sttst , St ä u d c r." '») Svoliatwn heißt die Aneignung eines fremden Eigenthums auf unrecht, ttche Weife. 198 SkaatSreden. Franzosen blieb sie unbekannt. Der Verkäufer konnte nicht dem ersten Käufer, noch dieser dem nachfolgenden etwas mit Recht übertragen, was er selbst nicht anL rechtmäßigem Titel besaß; der Kontrakt ging von Hand zu Hand mit den Flecken seines unreinen Ursprungs; der gegenwärtige Besitzer, wie Alle, die ihm vorhergingen, ist und war nie etwas Anderes, als ein Besitzer malao liäoi.") Nun, meine Herren! das Schicksal eines Besitzers malae tläoi steht in Ihren Gesetzen geschrieben. Welche Verbesserungen er auch immer mit dem Boocn vorgenommen, er hat nie ein gesetzliches Recht darauf begründen können; er hat nie die Früchte dieses BodenS und seiner Arbeit sein nennen können; er ist verpflichtet, die Produkte samt der Sache, dem Eigenthümer zurückzustellen; und mit Recht anS dem Besitze »»rechtlich erworbener, und unrechtlich vorenthaltener Güter vertrieben, bleibt ihm nichts übrig, als sich der Züchtigung zu unterwerfen, welche den Mitschuldigen einer verbrecherischen Spoliation vorbehalten ist. (Tiefer und langer Eindruck). So würde das Recht in der ministeriellen Hvpothcse sprechen. So würde cS urtheilen, sollte auch die Gesellschaft bis,in ihre Grundfesten erschüttert werden. Allein mögen die Freunde der Ordnung sich beruhigen! Das Recht hat gesprochen, und seine Sprache ist eine andere, als die Sprache der Emigrirtcn und der Minister; das Recht ist in die Augen springend, ist handgreiflich; eS verweiset die Ansprüche der außer Besitz gesetzten Eigenthümer in das Nichts. Der Verkäufer hat wohl verkauft; der Käufer hat gesetzlich gekauft; er hat zu einem Preise gekauft, den man für übertrieben halten wird, wenn man alle die Beschädigungen und Uuglücksfällc in Rechnung bringt, die er seit 32 Jahren bestanden hat. (Lebhafte Unterbrechung rechts.) Ja, meine Herren! er ist nicht nur Besitzer donae.- ticken, sondern unbestreitbarer Eigenthümer geworden. In der Thal, was ist das Recht? ES ist, für die Handlungen der Regierung wie für die der Privatpersonen, die Uebereinstimmung mit den positiven Gesetzen und mit jenen Grundsätzen der ewigen Vernunft, welche die Grundlagen der Gesetze aller Völker sind. Diese Gesetze — und ich spreche hier nur von den alten Gesetzen der Monarchie — hat man auf der Tribune citirt, und ihnen will ich zwei Fragen zur Lösung vorlegen: Ein Bescher n,»I«? il>U! ist derjenige/ welcher, vl> er schon wußte, des, der Verkäufer nicht rechtlicher EuunU,unter sei, doch von il>m gekauft lull; ei» Bescher l«.n^ tnM der, welcher in der Ucrcrzcuguilg von» recht, müßigen Besä- dcS Verkäufers von thu» gekauft Hai. Ioy 19S „War die Emigration freiwillig oder gezwungen?" „Was verlangten die Ausgewanderten vom Auslande?" Auf die erste Frage werden Letztere antworten, daß die große Emigration von 1790 und 1791, die allein der ganzen Auswanderung bildet, freiwillig war. Sie werden cü sagen, weil es die Wahrheit ist, und weil, die Auswanderung für gezwungen erklären, ihrer Sache das Verdienst des Opfers rauben hieße. (Zustimmung rechts.) Auf die zweite Frage: „Was verlangten die Ausgewanderten von den Fremden?" werden sie antworten: „den Krieg!" Den Krieg, im Gefolge der Feinde Frankreichs! Den Krieg unter Anführern und mit Soldaten, deren Ehrgeiz und Zorn nach dein Siege zu mäßigen, sie außer Stande gewesen wären! (Bewegung.) Gerne lege ich cdelmüthige Beweggründe den meisten Handlungen der Hingebung und Begeisterung unter; allein auch die Nationen haben ihren Instinkt und die Pflicht ihrer Selbsterhak- tung! Alle wollen an ihre ewige Dauer glauben; alle bekämpften von jeher und bekämpfen noch die Auswanderung zum Feinde mit den schwersten Strafen. So will cS das Gesetz der Natur, das Gesetz der Nothwendigkeit. Wenn dieses Gesetz aller Gesetze noch nicht bestände, so müßte man eL an dem Tage erfinden, wo das Vaterland in Gefahr gcräth; eine Nation, welche auf ihre Selbst- erhaltung und Dauer verzichten könnte, wäre keine Nation mehr; sie würde ihrer Unabhängigkeit entsagen, Schmach dafür eintauschen, und an sich selbst den verabscheuungswürdigstcn Selbstmord verüben! (Lange Bewegung.) Unter den auf die Auswanderung gesetzten Strafen ist die furchtbarste die Konfiskation; grausame Strafe, ganz im Geiste der Feu- Lalität, die, im Staate nichts als Familien sehen wollend, sie bald übermäßig vergrößert und bereichert, zum Andenken der Dienste eines Individuums, bald die Unschuld der Kinder zur Sühne des Verbrechens des Vaters bestraft. Die Konfiskation lag im gemeinen Rechte Frankreichs, und nicht blos die durch gerichtliche Urtheile ausgesprochene, sondern auch die durch politische Akte auf ganze Massen der Franzosen geschleuderte. Die ersten Familien des Reichs, die LuvncS, die BeauvillicrS u. a., verehrte Magistrats wie die Lctcllier, die Lamcignon, hohe Kirchcnprälaten, wie der Kardinal Polignac, hielten eS sich nicht zur Unchre, die den Vcr- urtheilkcn und Geächteten abgenommenen Güter mit ihren großen Besitzungen zu vereinigen. Eben so haben die Nationalversammlungen gehandelt. Zwar wendet man ein, die KonfiiLkation sei 1790 aufgehoben worden. Diese Thatsache ist richtig, absehen di 20« StaatSreden. Aufhebung nicht Lurch ein königl. Edikt, wie der königl. Kommissär letzthin behauptete, sondern durch ein Dekret der konstituircnden Versammlung erfolgte. Allein ein anderes Dekret der gesetzgebenden Versammlung stieß jenes Dekret um; die Konfiskation wurde 1792 wieder eingeführt, und in Hinsicht auf Legalität war die Macht dieser beiden Versammlungen von einer und derselben Art. Würde diese Macht angegriffen, würde jenen Versammlungen das Recht abgesprochen, ein altes und verderbliches Gesetz des König- reicks auf die Fälle anzuwenden, welche dies Gesetz voraussah und bezeichnete, so steht die Charte von l811 da, welche alle Gesetze, die Frankreich am Tage ihrer Bekanntmachung regierten, bei Kräften erhält; die Gesetze, welche die Emigration außer Besitz gesetzt hatten, wie die übrigen, und zwar so gewiß, daß es Ordonnanzen und späterer Gesetze bedurfte, um die Emigrirtcu wieder in das gemeine Recht einzusetzen, und ihnen die Güter zurückzugeben, über welche der Staat noch nicht verfügt hatte. Die Charte hat dem Adel seine Titel, seine Rangordnungen, seine Ehren wieder verliehen, aber sie gab ihm seine aufgehobenen nutzbaren Rechte, seine ausgelöschten Privilegien, seine konfiszirten Güter nicht zurück. Noch mehr; sie hat in ihrem Z. S. alle möglichen Ansprüche der alten Eigenthümer auf das, wa-S einst ihr Eigenthum war, mit dem Anathcm belegt; sie hat sie damit belegt, ohne ihnen auch nur die Hoffnung einer eventuellen Entschädigung zu gestatten. Und UM sie zu hindern die Wohlthat des 10.*) anzusprechen, welcher Entschädigung allen denen zusichert, deren Eigenthum öffentlichen NuzenS wegen genommen wird, hat sie sogar ausdrücklich erklärt, daß diese Entschädigung immer vorhergehend sein müsse; wie wollte man aber der Charte gemäß und vorhergehend eine Entschädigung nennen, die heute für ein seit 30 Jahren vollbrachtes Opfer bewilligt würde? Aus dieser Darstellung unserer Gesetzgebung und der Thatsachen geht hervor, daß die Emigration nicht die Gläubigern: Frankreichs ist. Gleichwohl fordert sie, in Ermanglung einer direkten Schuldklage gegen das Land, bald das Königthum auf, eine Privatschuld abzutragen, die sie als den Lohn ihrer Treue und Ergebenheit hartnäckig verlangt, gleichsam als wäre cS diese Er- Die anactührten §§. der Chane laute»: „§. 2. Alles Eigenthum, das welches mau Nationalciacinhum nennt, nicht ansaciwmme», ist nnvce. lcvlich, da daS Gcscs zwischen beide» keinen Unterschied macht. §. lü. T'ce Senat kaun die Sldtrcinna eines Eigenthums f»e ein gesetzlich eewic. scncS StaatSinteresse verlangen, sedvch nur nach vvrauöscgangencr Ent ,'chadigung.» 8 o y. 201 gebenhcit und diese Treue, die den König in den Pallast seiner Ahnen zurückgeführt! bald vergleicht sie ihre Rechte denen des Thrones, erhebt Altar gegen Altar, Legitimität gegen Legitimität; und habe ich sie nicht auf dieser Tribune im Namen irgend einer, was weiß ich welcher, Souvcrainctät von Grundeigcnthümern sprechen, und gegen die königliche Macht und den Wunsch Frankreichs pro- tcstircn gehört? Sie werden, meine Herren! diese, die Monarchie und die Charte umstürzenden Lehren zurückweisen; Sie werden nicht gestatten, daß faktiose Ansprüche Gleichheit und Solidarität *) zwischen der Familie unserer Könige und andern Familien herstellen! DaS ist das Grunddogma der Erbmonarchie, daß der Thron der Nation gehört; daß er mit ihr verschmolzen, ideytifizirt ist; daß er wegen ihr und zu ihrem Besten allein von dieser Dynastie und keiner andern, von diesem Fürsten und keinem andern, besessen sei. Privatbesitzungen laufen von Hand zu Hand, werden verkauft und zertrümmert, um einer größern Anzahl Genuß zu verschaffen; doch mitten in dieser glücklichen Bewegung bleibt der Thron allein unthcilbar und unbeweglich, zur Sicherheit und Ruhe aller. Wenn einst ein außerordentlicher Sturm den Monarchen von der Monarchie loSriß, so ist der Sturm vorüber; der Fürst ist dem Lande wieder gegeben, und Jene würden die königliche Majestät verläumdcn, die sie zur HülfSmacht Einer Meinung oder Einer Parthei herabwürdigen, und den König von Frankreich anderswohin stellen wollten, als an die Spitze der Zuneigungen und der Notabilitäten der Gesammtheit des französischen Volkes. (Beifall von verschiedenen Seiten.) Maßregeln, wie die vorgeschlagenen, müssen demnach den allgemeinen Interessen, dem öffentlichen Frieden, dem Nationalwohlwollen sich empfehlen, wenn sie sich mit Vortheil zeigen wollen. Die Vergütung, ganz ein Werk der Großmuth, des Patriotismus, müßte von der Nation erbeten., nicht ihr aufgelegt werden von denjenigen, welche Richter und Partei in ihrer eigenen Sache sind. Sie müßte weislich nach den Hülfsguellen der Nation abgemessen werden; sie müßte sich auf alle Gattungen des UilglückS erstrecken, und in jeder Gattung vorzugsweise diejenigen aufsuchen, welche die Unglücklichsten waren und noch sind. Sie müßte den Ent- gütcrten, seine Söhne, seine Enkel, vielleicht auch seine Vrüder und Schwestern trösten; allein sie dürfte nicht entfernte Seitenvcr- *) Heisst die gemeinschaftliche Nervsticheung zu Leistungen wo Einer für ANe und Ane nie Einen zu haften hlweu. 202 Staat-reden. wandte oder unbekannte Legatare*) zur Empfangnahmr eines Erbes berufen, auf das sie nicht gewählt. Sie müßte sich darin gefallen gemäßigte Glücksgüter wieder herzustellen, die zu gleicher Zeit die Wohlhabenheit vermehren, und eine gewisse örtliche Notabilität verleihen; sie müßte aber den individuellen Bewilligungen, hinsichtlich des Betrages, Schranken setzen, und sich hüten, Reichthum und Größe wiederzugeben. Sie müßte sich vorzüglich hüten,- die Gehässigkeiten der Vergangenheit wieder aufzuscharren; sie dürfte nicht fragen, ob die Schiffbrüchigen sich freiwillig zwischen die Klippen gewagt, ob sie den Sturm herbeigerufen und erregt haben, oder ob der Sturm sie überfallen und zertrümmert hat; mit einem Worte: eS müßte ein Gesetz der „Eintracht und des VcrgesscnS" sein! Von diesen Ansichten ausgehend, prüfe ich das Gesetz, das Ihnen vorgelegt ist. Wir wolle;: sehn, inwiefern cS den Bedingungen eines Gesetzes der Vergütung genügt. Höchstens 200 Millionen hat das republikanische Frankreich aus dem Verkaufe der Güter der Ausgewanderten gezogen; und man verlangt gleich Anfangs vom rovalistischcn Frankreich eine Milliard **)... . Eine Milliard, meine Herren!... Das ist zwanzigmal so viel, als der Betrag des Defizits, das die Revolution zum Ausbruch brachte; das ist um ^ mehr, als das Kriegslöftgcld von 750 Millionen, wozu unL 18t5 das siegreiche Aue-land vcrurttzcilte; das ist mehr alä erforderlich wäre, um zu gleicher Zelt unsere königlichen und Te- partcmcntal-Straßen wieder herzustellen, unsere Kanäle zu vollenden, unsere Gefängnisse neu aufzubauen, und die Festungen anzulegen, die zum Schutz unsers Gebietes fehlen. bind die sünfJahrc hindurch, während welcher die Vcrtheilung der Milliard lausen soll, wird unser Kredit wie gefesselt sein; wir werden auswärts weder sprechen noch handeln können; unser Platz in Europa wird erledigt bleiben, gleichsam als wäre Frankreich zum drittenmal erobert! Diese Milliard, wem kommt sie zu gute? Einem einzigen Unglück, einer einzigen Klasse von 20 oder 30,000 Familien. Und unter diesen 30,000 neuerdings privilegirten Familien, wie viel glauben Sie, daß sie Familien trifft, die in den *) Legatar ist der durch ein Vermächtnis, »um Erden Eingcschte. ") !üv» Millionen. Um einen Begriff von dem Ungeheuer» dieser Summe zu geben, vergleiche s,e die ^»otidiennc mit der Zahl der Minuten, welche von dem -Anfang der christlichen Zeitrechnung an bis 182, vcr. flösse» waren. Wenn, sagt stc, mit dem Schlage jeder Minute während dieses so langen Zeitraums ein Hrgnkcnstnck ist die Kasse des Staats- schahes gefalle» wäre, so würde man noch keine Milliard haben, sondern nur l-S8,6l>st,stl»l! um die Milliard voll zu machen, brauchte man „och 78 Jahr« und 7 Monate. F o Y> 20Z Dcpartcuicutü ansäßig sind, und einst in liegenden Gütern ein Vermögen von 100 bis 500,000 Fr. besaßen? Wie viel glauben Sie? ... Nicht das Viertel, nicht das Fünftel, vielleicht nicht das Zehntel der Gesamtbcwilligung. Alles wird dem hohen Adel, dem Hofe, Paris zufließen. Da zahlt man die SchadloShaltung nach Millionen, nach 10 Millionen, nach 15 Millionen, was weiß ich? denn die Gefälligkeit, welche verschwendet, ist unerschöpflich in ihrer Ile- berströmung. Da wird sich fast die ganze Milliard in den Schlund einer unproduktiven Vcrzehrung verlieren, und diejenigen, welche sie verschlingen werden, sind schon bei.weitem die Reichsten, die am meisten Belohnten. Und nicht allein die Nationalen, die Bewohner des Reichs werden Theil an diesem reichlichen Jäger-Rechte nehmen, auch die Auswärtigen werden in gewissen Fällen berufen werden, an die Stelle französischer Familien zu treten; Männer, vormals Franzosen, die aber durch die Wechselfälle der Auswanderung auf fremdem Boden natnralisirt wurden; östreichische und russische Generale, die schon ihren Antheil an der über Frankreich gemachten Beute erhielten! ... Wird die Milliard genügen? — Wir treten erst in die Bahn der Entschädigungen, und schon eilen beim Klänge einer. Milliard die Gläubiger der Ausgewanderten herbei, und die Rentiers, denen der Staat Bankrott machte; die Ehrenlegion* **) ), deren Rückstände man zum Hohn der Charte und der Gesetze konsiSzirte; die durch das Mapimum") zu Grunde gerichteten Kaufleute; die Pflanzer von St. Domingo***); die übel liguidirten Lieferanten; die Eigen-« thümcr der Stellen, der Patronate, der Wegzclle, der herrschaftlichen Rechtes); Die, deren Häuser in der Vcndee oder zu Lyon sch) *) Die Ehrenlegion war eine Stiftung Napoleons, ein Adelsinstitut, wenn schon nicht erblich, lind nur für persönliches, hauptsächlich militärisches, Verdunst eingesetzt. Die Ehrenlegion sollte aus 15 Cohortcn, jede Co- horec aus einer Zahl von Grossofstzicrcn, Commandanren, Ssstzicrcn und Legionärs bestehen. Für jede Cohorie waren 208,VOU Frks. Einkünfte aus Nativnalgüiern bestimmt. Die Charte von 1814 garantiere die Pensionen. **) Im Jahr 17?5 war durch die verwüstenden Kämpfe, die sowohl gegen äußere, als gegen innere Feinde (Vcndee) geführt werden mußten, der Preis der Lebensrnittel, und k-gdurch die Noth der unteren Dolksklassen so ins ungeheure gestiegen, daß der Nationalconvcnt sich gezwungen sah, ei» Dekret zu erlassen, durch welches ein Map im um des Preises der LebenS- Mittel festgesetzt wurde, auf dessen Ucbcrschrcitung die Todesstrafe stand. *") Zweckwidrige Gesetze und Verfügungen der Nationalversammlung hauen alle Leidenschaften auf St. Domingo entfesselt, und den blutigsten Krieg angezündet, der mit Vertilgung aller Weißen endete. 's) Welches Alles sie durch die Revolution pFloren hatten. 11) Der Bürgerkrieg in der Vcndee und die grausame Zerstörung Lyons durch Callot d'Hcrbois sl7Sä) sind bekannt genug. 204 Staa tSrrden. zerstört wurden. Später werden, aber mit neueren Ansprüchen, die Bewohner der nördlichen und östlichen Dcpartcmcnte kommen, die durch die Einfälle von 1811 und 1815 verwüstet wurden, und unter welchen Ein einziges, das Meinige* **) ), einen amtlich erwiesenen Verlust von 71 Millionen 262,58» Fr. ausweist. Es werden so viele und so ungeheure Forderungen kommen, daß das ganze bewegliche und unbewegliche Vermögen Frankreichs nicht hinreichen würde, sie zu befriedigen. Ich gebe zu, daß Sie dieselben durch die Tagesordnung beseitigen werden; ich gebe zn, daß die Geistlichkeit nicht sogleich ihre SchadloShaltung oder die Dotation"), die an deren Stelle treten soll, von Ihnen verlangen wird; ich gebe zu, daß Sie für jetzt nur mit der Emigration zu rechnen haben werden; glauben Sie aber, daß eine Milliard ihr genügen wird? Die würden auf das menschliche Her; und unsre Lage sich schlecht versteh», welche die Frage bejahen wollten. Am daü Gegentheil darzuthun, will ich mich nicht auf das berufen, was in und außerhalb dieser Mauern gesagt worden; ich will blos den Gesetzes-Entwurf fragen, wie und in welcher Münze er die Milliard bezahlen wird? Papier ist eS, was man geben will, und Papier, das auf die Börse wandern muß. Wie viel glauben Sie, wird davon auf dein furchtbaren grünen Teppich bleiben? Wie viele nach und nach liguidirte Antheile werden nur erscheinen, um zu verschwinden? Sie aber werden daö furchtbar ausdrucksvolle Wort „Entschädigung" ausgesprochen haben! und dieses Wort wird Ihr Gesetz zu einem provisorischen machen. Jeder der Entschädigten, mit dem Zettel seines Guthabens vor den Augen, sieht schon jetzt das, was er im Laufe der fünf Jahre erhalten soll, nur als eine Abschlagszahlung der Schuld an, zu der Sie sich selbst gegen ihn bekannt; er wird sich in seinen Ansichten um so mehr bestärkt fühlen, wenn jene Abschlagszahlung verbraucht ist. Die Milliard von 1825 ist nur die Vorläufern, der Milliarden, die man von den Nachfolgern der gegenwärtigen Minister fordern wird. — Und diese Milliard, und die andern Milliarden, wo wird man sie hernehmen? Schon sehe ich den ersten Fond der Emigrationü- kasse genommen von dem Solde der zweihundert Generale*"), welche *) Das Dcvarttmcnt bcr Aisne. **) Die Kircheugiitcr wäre» durch die Revolution ebenfalls eingezogen worden, wofür denn der Staat die Besoldn»-, der KcilUichc» nbcrnglini. In der Tbat traten lebt schon viele cycif,liebe auf und verlangte» wieder die alte Dotation durch Grundeigcnkbinn. '") Aus NavolconS Schule und Siegiernngszeit. F o y. 2N5 Frankreichs Ehre waren, und die man entließ, ob sie gleich noch lange und rühmliche Dienste leisten konnten! Ich sehe die StaatS- gläubiger, gegen ihren Willen, in jene Kasse einen Theil des Kapitals schütten, dessen man sie beraubt haben wird, um es den Besitzern der 3 Prozents*) zuzuwenden. Ich sehe endlich, daß diese Ausgabe vom Grundeigcnthum, von den Kapitalien und von der Industrie erhoben, und ohne Unterschied von den Freunden wie von den Feinden der Revolution, von denen, die sie bereicherte, wie von denen, die sie zu Grunde richtete, bezahlt werden wird. — Will man vielleicht sagen, cS gebe soviel Reichthum im Lande, daß eine Milliard, mehr oder weniger, unbemerkt und so zu sagen wie ersauft in der großen Masse der dem Volke auferlegten Opfer vorübergehen wird? — Hier, zu Paris, erheben sich freilich Straßen, Quartiere, Städte, wie durch Zauberei, und Niemand bekümmert sich darum, ob nicht, bei dem leichtesten Wölkchen, das am Horizont erscheint, das ganze Schaugcrüste zusammenstürzt wie ein Kartenschloß. Die Einbildungskraft berauscht sich in der Thätigkeit der Industrie und dcs LuruS, welche die Aufhäufung und der Kreislauf der Kapitalien in der -Nachbarschaft des PallasteS der Börse hervorbringt. Alles das gilt von Paris. Allein in den Dc- partemcntcn! Sie langen von daher an, meine Herren! Sagen Sie ob unsere Küstenbcwohner nicht Zeugen sind, wie unsere Kauffahrten zur See sich jährlich vermindern, unser auswärtiger Handel abnimmt, und unsere Häfen, mit Ausnahme eines einzigen, leer und verlassen stehen, fast wie zur Zeit der englischen Vlokadc? Sagen Sie, ob die Industrie unsrer Fabriken, so sehr sie auf gewissen Punkten zunimmt, nicht Besorgnisse schöpft, wenn sie die Thätigkeit der Erzeugung mit der Kleinheit des MarktcS vergleicht, auf den sie beschränkt ist; des Marktes, der durch die subalterne Politik unsers Kabinettes jeden Tag sich mehr verengt? Sagen Sie, ob der Ackerbau, dieser Nährvatcr der Völker, nicht kcidct, ob seine Produkte, zu niedrigen Preisen auf den Märkten ausgebotcn, auch immer sicher sind Käufer zu finden; ob die kleinen Eigenthümer behaglich vom Ertrage ihrer Ländereicn leben; ob die Pächter im ») Schon in, Jahr <824 hatte die Regierung eine» Gcsctzcsvorschlag i» hie Kammer gebracht, durch welchen die Zinsen der Staatsschuld herabgesetzt werde» seilte»; die Dcputirtcnlammcr hakte ihn angenommen, die Pairs. kamnicr verwerfen. lL 2 Z seilte die Regierung ihren Plan mit unbedeutenden Abänderungen durch. Die Zinsen wurden dem Namen nach von aus lt/g, in der That aber auf 40 ;, herabgesetzt. Die durch diese an und k'nr sich nur lobcnswerthc Rcntcnreduetion — die wir von den ineisicn Regicrnngcn seit der Zeit angewandt sahen — gewonnene Summe sollte znr Entschädigung der Emigranten verwandt werden. 206 StaatSreden. Großen Geld genug finden, ihren Pachtzins zu bezahlen? . . . Und schon lastet eine andere Milliard mit ihrer ganzen Schwere aus dein Eigenthum, dem Einkommen, den Besoldungen. Nach zehn FriedenSjahrcn zahlen wir noch Steuern, ditz blos des Krieges wegen erfunden wurden, und noch davon den Namen tragen. Mehrere Departemente sind die Opfer gemcinschädlicher Monopole, und trotz der fortwährenden Protcstation der Religion und der Moral finden sich unsere Budgets noch jährlich mit den Erträgnissen der Lotterie und anderen Tributen der Unrcchtlichkeit besudelt ! Wie beschränkt oder ausgedehnt aber auch unsere Hülfsquellcn sein mögen, sie könnten nicht besser angewendet werden, als zur Herstellung der Gleichförmigkeit auf dem Boden Frankreichs, und zur Zurückführung der Eintracht unter allen Franzosen. Die letzte Wunde der Revolution, so wie die erste der Eontrercvolution, ist die bürgerliche Zwietracht; aber diese immer noch offene, immer noch blutende Wunde werden Sie durch die Annahme des vorgeschlagenen Gesetzes noch mehr entzünden; dieses Gesetzes des Truges wie je eines; denn eS verheißt prahlerisch eine wahrhafte Entschädigung, und es wird den Betheiligten nicht das Drittel, nicht das Viertel von dein geben, was es ihnen verspricht, und cS wird - sie in einer veränderlichen Münze bezahlen, wo 60 gleich 100 sind, unter dem Vorbehalt ein wenig mehr oder viel weniger als 75 zu gelten, je nachdem die Wechsel des Spieles ausschlagcn; — dieses Gesetzes der Agiotage, denn es wird zu Börse-Spielern Männer umwandeln, die geboren sind mit einem Abscheu vor den Quälereien der Börse; und schon jetzt dient cü zur Weide für jenen Schwärm von GeschäftSagentcn, welche auf die Ungläubigkeit und die Ungeduld zu spckulireu glühen; — dieses Gesetzes der Scr- vilität, denn die Vcrtheilung der Gelder wird von RegierungS- kommissioncn geschehen, im Dunkeln, ohne Berufung auf die Gerichtshöfe; und dir Hähern Klassen der Gesellschaft werden sich dem guten Willen des Ministeriums der Wahlen von 1821 preisgegeben sehen, des Ministeriums der Ertödlung des GemcingcisteS, dcS Ministeriums, das den Grundsatz auSsprach, daß Parteilichkeit und Bestechung Negicrungshebel sind; — dieses Gesetzes der politischen Ab- tödtung, denn in dem Augenblicke, wo die Lebens-Interessen der Völker auf der Weltbühne sich bekämpfen, wird Frankreich, seines Kredites beraubt, in innern Zwistigkeiten seine Schätze und seine Stärke aufzehren; — dieses Gesetzes der Beleidigung für das französische Volk, denn indem es erklärt, daß 30,000, die fortgingen, Z » y 207 ihre Schuldigkeit gethan, klagt cS an und verurthcilk es die 30 Millionen, die geblieben; dieses Gesetzes der Aufreizung und des Hasses, denn es öffnet die Emigrantcnliste wieder, es wird die Familien spalten, die Gerichtshöfe mit endlosen Prozessen überschwemmen; es wird diejenigen nicht befriedigen, zu Leren Gunsten es gegeben ist, und ihnen die Verwünschungen der Rentiers, die man plündert, und so vieler Unglücklichen zuziehen, die, mit ihren eigenen Forderungen abgewiesen, nicht nur nicht entschädigt werden, sondern auch noch auf ihre Kosten das privilegirte Unglück entschädigen sollen; — dieses Gesetzes der Drohung endlich für die Käufer der Nationalgüter — und hier, meine Herren! liegt der Hauptfehler der Maßregel! . . . Die Käufer folgen Schritt vor Schritt dem Gange der herrschenden Partei; sie ermessen den Weg, den sie seit 1820 zurückgelegt, und den Weg, den sie noch zurückzulegen hat; sie lesen die Schriften, die man an Sie vertheilt, die Bittschriften, die man an Sie richtet; sie hören mit Beklem. mung Ihren Erörterungen zu. Was haben sie bisher daraus entnommen? Jene unter Ihnen, die durch Einschreibung unter die Redner für das Gesetz die Verpflichtung tchernommen zu haben schienen, die finanziellen und moralischen Gränzen^ die der Entwurf gezogen, nicht zu überschreiten, sind gerade diejenigen, welche die Käufer am erbittertsten schmähen und brandmarken; welche die EigenthumStitel derselben, und dem verstorbenen Könige das Recht, das er in Ertheiluug der Charte geübt, bcstrcitcn; welche verlangen, daß man die Güter in Natura den Käufern abnehme, daß man sie mit außerordentlichen Abgaben belege! Der Minister- Präsident wies letzter» Vorschlag zurück, aber wie? Donnerte er mit seiner Beredsamkeit gegen die, die Charte verletzenden Lehren? Schwor er den Grundsatz des angeblichen Rechtes auf Entschädigung ab, den er aufgestellt hat, und aus dem die Ausgewanderten noch nicht alle strenge Folgen gezogen? Sehte er die Käufer in ihre Ehre (Murren rechts), in ihre gesellschaftliche Stellung wieder ein? Selbst wenn das Ministerium Schutz und Wohlwollen versprochen hätte, was gelten heute die Versprechungen des Ministeriums? Steht es in seiner Macht, sie zu erfüllen? Wem in Frankreich ist es unbekannt, um welchen Preis, um welche Zugeständnisse das Ministerium die Verlängerung seines hinfälligen Daseins erhält? . . . Wenn die den Emigrirten zu bewilligende Summe nichts als eine Unterstützung wäre, so bliebe, da eine Unterstützung dem Ge- « ber keine Verpflichtung, und dem Nehmer kein Recht einräumt, 208 Staatsreden. die Lage der Käufer wie vorher; mit dem Unterschiede blos, daß sie häufigern Neckereien von Seite der alten Eigenthümer ausgesetzt wären. Aber die Bewilligung ist nicht eine Unterstützung, ist nicht eine Gnade, die man erweisen, sondern eine Gerechtigkeit, die man angedcihen lassen will, wie der Darleger der Beweggründe des Gesetzes und der Berichterstatter der Kommission es gesagt. Das Gesetz, das uns vorliegt, wird den Ausgewanderten ein Recht schaffen; es wird sie zu Gläubigern des Landes für den Werth ihrer verkauftet Güter machen. Nun aber ist es einleuchtend, daß dieser Werth in der jetzt mit ihnen eröffneten Abrechnung bei Weitem nicht vollständig heimgezahlt wird; sie erhalten blos eine Abschlagszahlung; Niemand ist demnach befugt, von ihnen eine Quittung fürs Ganze zu verlangen, weil dieses von ihnen das Opfer eines anerkannten Rechtes fordern hieße, lind man sage ja nicht, daß die Forderung des Rechtes vor der Unmöglichkeit innehalten müsse. Wer kann, besonders bei Finanz-Angelegenheiten, den Punkt bezeichnen, wo die Unmöglichkeit beginnt? Und kann das, was heute unmöglich, morgen nicht möglich werden? Die Forderung der Ausgewanderten auf die Differenz zwischen der erhaltenen Entschädigung und dem wirklichen Werthe ihrer Güter wird, wo nicht immer cinklagbar, doch immer drohend bleiben, und zwar um so drohender, als diese Gläubiger auf den Höhen der Gesellschaft und in den Posten der Macht verschanzt sind. Nun, meine Herren, wo liegt die natürliche Hypothek jener Forderung anders als in den Gütern selbst, welche die stehende Ursache der Forderung sind? Welcher Eigenthümer wird aber, ich frage Sie, unter der Last einer solchen Hypothek, und solchen Gläubigern gegenüber, in Frieder!, schlafen? Wo wird sich Jemand finden, der ihm Dienstbarkcitcn und Qualen abkaufen wollte?... So wird denn die große Maßregel der Entschädigung dem Staate eine ungeheure Last aufbürden, und doch keinen der Vortheile gewähren, welche der Geist der Versöhnung davon erwartete; ich sehe nur Unordnung in der Gegenwart, und Unruhe in der Zukunft; ich gewiß werde mich diesem Werke des Unglücks nicht beigesellen. Ich stimme gegen den GesctzeScntwurf! L a m a r q u e. Selten erlitt Frankreich durch den Tod eines einzigen Mannes so viele empfindliche Verluste zugleich/ als durch das Hinscheiden des Generals Lamarque/ an dessen Grabe Paris ein so blutiges Todesopfer brachte. Die Armee verlor einen ihrer besten Feldherren/ die Freiheit einen ihrer muthigsten Vertheidiger/ die Nationaltri- bünc einen ihrer feurigsten und glanzvollsten Redner/ und sehr gelichtet stehen die Reihen jener Männer/ die wie Manuel/ Foy/ Benjamin Constant unter der Republik und dem Kaiserreiche herangebildet/ unbeugsame Begeisterung für Freiheit und Vaterland von jener / und soldatischen Muth und Liebe des Ruhmes von diesem in sich vereinigten. ES ist eine bemcrkcnSwcrthc Erscheinung / daß die parlamentarischen Kämpfe Frankreich fast eben so viele ausgezeichnete Männer kostete»/ als cS aus fremden Schlachtfeldern begrub; es ist kein Zweifel/ daß Foy/ Manuel/ Benjamin Constant u. a. m. in den vielen heißen Schlachttagen der Kammcrvcrhandlungen/ von Anstrengungen erschöpft/ ein allzu frühzeitiges Ende fanden. Auch entging cS seit dem Beginn der letzten Sitzungen den Freunden La- marquc'S nicht/ daß seine Gesundheit bedeutend gelitten. Man erinnert sich / mit welchem Feuer der Beredsamkeit er gegen das Gesetz über die »Fremden/ die auf Frankreichs Boden eine Zuflucht gesucht/ in die Schranken trat / und nach der stürmischen Sitzung vom 9. April war cS / wo er die ersten Anfälle der furchtbaren Krankheit verspürte/ die damals in Paris wüthete/ und der er endlich am t. JuniuS erlegen ist. Maximilian Lamarquc war zu Saint-Scvrc im Jahre 1772 geboren. Sein Vater war Mitglied jener konstituircndcn Versammlung/ die für Frankreich eine neue Aera begann. In einem Alter/ wo noch die wenigsten jungen Leute sich Grundsätze und bestimmte Ansichten gebildet haben/ hielt bereits der junge Lamarque als das unver- rücktc Ziel seiner Zukunft die Liebe für Freiheit und Vaterland im Auge. Erst zwanzig Jahre alt eilte er/ als der erste Trompetenstoß des Krieges Frankreichs Söhne zu den Waffen rief/ der einzige Sohn einer reichen und angesehenen Familie/ sich als gemeiner Soldat in die Reihen des' französischen HccreS zu stellen. Bald zeichnete er sich so sehr auS/ daß ihn seine Waffengcfährtcn zum Kapitän jener tapfern Schaar ernannten / an deren Spitze der erste Grenader Frankreichs/ Latour d'Auvcrgnc/ stand- Mit 200 Mann sah man ihn am 17. Pluvivsc des Jahres 2 eine spanische Kolonne aufhalten/ die den linken Flügel des französischen Heeres umgehen wollte; und bald darauf/ kaum von zwei Wunden genese»/ die er in jenem ungleichen Kampf empfangen hatte/ ging er über die Bidassoa/ erstürmte die Rcdoutcn / welche die Stadt Fuentarabia beherrschten/ warf sich in die Gräben dieser Festung/ sprengte die Zugbrücke auS ihren Ketten/ und nöthigte/ obgleich »ur noch von 7S Mann umgeben/ die Besatzung zur Ucbcrgabe. isoo Gefangene und so Feucrschlündc waren die Frucht dieser kühnen That. Der Convent erklärte damals durch einen feierlichen Beschluß: „daß der Kapitän Lamarquc/ der , 11 Staatsreden. 2lg noch nicht volljährig, sich wohl um das Vaterland verdient gemacht." Mündig erklärt durch den Ruhm, wurde er bald darauf zum Adjutant General ernannt, und kämpfte als solcher in den Schlachten von Hohenlindcn und Austerlitz. Noch großem Ruhm aber erwarb er sich in Italien durch die Eroberung der Insel Capri, aus der die Engländer ein zweites Gibraltar gemacht hatten. „Ich fand die Franzosen dort, schrieb der Minister Salicetti an König Murat, allein ich konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen sind." Die militärische Laufbahn Lamarquc'S ist von mehreren solchen Beispielen unerschütterlichen Muthes und großer taktischer Kenntnisse bezeichnet. Mit sechs Bataillonen erstürmte er das verschanzte Lager der Ocstcrrcicher bei Laibach, nahm ihnen «5 Kanonen und sonn Gefangene. Zweimal brach er in den Schlachten von Engcndorf und Wagram an der Spitze seiner Division in die österreichische Linie ein. Auch in den blutigen Schlachten auf der pyrenäischen Halbinsel wurde sein Name ruhmvoll genannt. Erst im Jahre i 8 tä kehrte er von dort nach Frankreich zurück und blieb unter der ersten Restau- ration ohne Anstellung. Nachdem Napoleon von der Insel Elba zurückgekehrt war, übertrug ihm der Kaiser nach einander die Kom- mandantcnstcllc von Paris, und einer Division an der belgischen Gränze. Im Monat Mai ernannte er ihn zum General cn Chef der Dcndcc-Armee. Ein einziges Treffen reichte hin, das royalistische Heer zu zerstreuen, und der Besonnenheit und Energie Lamarque'S gelang eS, durch die am 2«. JuniuS t 8 i 5 geschlossene Convention von Cholct, den Feindseligkeiten, die einen Monat hindurch das Land zerrüttet hatten, ein Ende zu machen. Damals schrieb er nach seinem Siege an die Häupter des royalistische» Heeres die schönen Worte: „Ich erröthc nicht, Sie um Frieden zu bitten, denn in einem Bürgerkriege besteht der einzige Ruhm darin, ihm ein Ende zu machen." In den Augen der Bourboncn konnte sein Verdienst, Bürger- blut geschont zu haben, ihm nur zum Verbrechen angerechnet werden. Der unglückliche AuSganq der Schlacht bei Waterloo entfesselte abermals die Leidenschaften der rachesüchtigen und haßerfüllten Gemüther, und Lamarque'S Name erschien auf den Proscriptions- listcn des 24 . Julius I 8 i'>. Erst nach dreijähriger Verbannung wurde ihm erlaubt, den heimischen Boden wieder zu betreten. Lamarquc gab nach seiner Rückkehr eine Schrift heraus: »l'i»ö(! >>l>>'iii!>i>ri:ic>," worin eben so viel Höhe des Gedankens, als Erfahrung und Kenntnisse vorherrschen. Don dieser Zeit an weihte er seine Feder den Interessen Frankreichs, und die liberalen Journale enthielten von seiner Hand eine Menge merkwürdiger Artikel, vorzüglich über die auswärtige Politik. Seine Vaterstadt berief ihn endlich im Jahre 182« in die Dcputirtenkammcr, wo seine großen Eigenschaften erst im vollen Glanz erschienen. Hier verfocht er an der Seite seines alten Waffengcfährtcn Foy mit nicht minderer Beredsamkeit als er, und mit gleichem Muth und gleicher Hingebung die heilige Sache des Vaterlands und der Freiheit in den Reihen jener kleinen Schaar von Männern, die damals Frankreichs Stolz Lamarque. 2l1 waren. Sechs Jahre lang behauptete er ohne Unterbrechung seinen Sitz in der Deputirtcnkammcr, und keiner von den Abgeordneten des Landes kann sich rühmen / während dieser Zeit wichtigere Fragen beleuchtet und heftigere Stürme bestanden zu haben. Lamarque war als Redner erhaben / voll Leben , Kraft und Farbe , reich an Bildern und von einem edlen Schwünge. Seine Reden gaben Zeugniß von dem Reichthnme seiner gründlichen und mannichsaltigcn Kenntnisse/ und Geschichte und Alterthum boten ihm die Quelle»/ aus denen er große Gedanken und hochherzige Anstchten schöpfte. Seine seltenen militärischen Talente/ seine ausgebreiteten Kenntnisse/ seine sorgfältigen Studien über alle Frage» / die stch an Politik knüpften/ gaben ihm in den parlamentarischen Diskussionen ein großes Ucbergcwicht / und seine Reden wurden von allen Seiten der Kammer nicht minder mit allgemeiner Aufmerksamkeit angehört, als außer ihr von allen Klassen der Bevölkerung mit Eifer gelesen. Nach den drei Juliustagen erhielt General Lamarque das Kommando in den DcparremcntS des Weste»/ und er war dort nicht sobald erschienen, als dieses Land/ voll von innerer Währung und einem neuen Bürgerkriege nahe, zur Ordnung und Ruhe zurückkehrte/ und Niemand zweifelt/ daß dem AuSbruchc der später dort erfolgten Verwirrungen vorgebeugt worden wäre/ wenn Lamarque seine Stelle beibehalten hätte. Aber die JuliuSbegeistcrung kühlte stch bald in dem lammfrommen Bürgcrkönigthum ab / das statt des Reichsapfels und des Schwertes Gcldsack und Regenschirm in der Hand, Geistern wie Lamarque wenig zusagen konnte; Jntrike, gehässige Einflüsterungen begannen ihr unwürdiges Spiel, und Lamarque verlor seine Stelle, wie General Bachelu das Kommando über die Diviston von Lyon, wie General Lafaycttc das der Nationalgarde des Königreichs. Die blutigen Tage voik Lyon und Grenoblc, die Räuberbanden in der Dendöc, die Ermuthigung der Karlisten und die Entmuthiguilg der Vertheidiger der Revolution sind die bittern Früchte, die dieses Werk politischen Undankes getragen haben. Doch Frankreich verlor hiedurch nicht einen seiner kräftigsten Vertheidiger. Wie er zuerst gegen die für Frankreich wenig ehrenvollen Schwcizcrkapitulationcn Ludwigs XVIII, und gegen ihre Einführung, als einen Schandfleck der französischen Nation, stch erhoben hatte, so sprach er jetzt mit eben so viel Nachdruck zu Gunsten der in den hundert Tagen ernannten Mitglieder der Ehrenlegion und die damals vorgenommenen Beförderungen; für die Aufhebung der Salzsteucr; für die Abschaffung der Erblichkeit der Pairic; für die Mobilistrung der Nationalgarde. Unvergeßlich, wie die Reden über diese Fragen in der Geschichte der französischen Kammcrvcr- Handlungen bleiben werden, sind es auch jene Philippiken, die er gegen Frankreichs Erniedrigung durch fremde Gewalt, mit einer des Alterthums würdigen Beredsamkeit hielt. Noch auf dem Todbette, mitten unter schweren Leiden, verließ ihn der Gedanke an Frankreich keinen Augenblick, und mit sterbender Hand unterzeichnete er den Compte rcndu der OpposttionSmitgliedcr. Als er die Nachricht erhielt, daß Wellington wieder anS Ruder gekommen, entfuhren dem Stcr- 212 Staatsredcn. bciidcn die Worte: „Dieser Wellington! Ich bin gewiß / daß ich ihn geschlagen haben würde! " Nicht das erste Mal indeß sprach er die, scn Gedanken aus, er hatte den Sieger von Waterlo» studirt, und wünschte seit der Juliusrevolution nichts lieber, als sich mit ihm einmal messen zu können. In einem der Anfälle seiner schmerzhaften Krankheit ließ er sich den Ehrcndegcn bringen, den ihm im vergangenen Jahre die dankbaren Offiziere der hundert Tage überreicht hatten. „Meine guten, meine treuen Offiziere der hundert Tage haben mir ihn gegeben," sagte er, indem er ihn gerührt an seine Brust drückte, „ ach, ich werde mich seiner nicht mehr bedienen können!" Der Schmerz, Frankreich nicht mehr dienen zu können, trübte allein seine letzten Augenblicke. „Mein guter LiSfranc," sagte er zu seinem Arzte, „Sie wissen, daß ich den Tod nicht fürchte; allein ich nehme den Kummer mit inS Grab, nicht genug für mein Vaterland gethan zu haben; ich fühlte mich noch kraftvoll genug ihm Dienste zu leisten; ich bin überzeugt, daß ich ihm hätte nützlich sein können: das Schicksal will es anders!" Dieselben Gedanken sprach er gegen den Gefährten seiner Verbannung, Hrn. Du- moulin, aus: „Ich scheide, und ich scheide mit dem Schmerz, die für Frankreich so schmachvollen Verträge von 1814 und 1815 nicht gerächt zu haben ! " Lamarque starb am 2. Juni 1832. Seine Bestattung hat eine traurige Berühmtheit erlangt. Gegen 200,00» Menschen folgten dem geliebten Todten, dessen Leichenwagen von iso Gtudircndcn, Juliuskämpfcrn und Invaliden, den Waffcngefährtcn Lamarquc'S, gezogen wurde. Flüchtlinge aus Polen, Portugal, Spanien, Italien schlössen dem Zuge mit ihren umflorten Nationalbanncrn sich an, und Clauzcl, Lafaycttc, Mauguin und Lelewcl ehrten sein Andenken in Trauerreden. Die ihrer größcrn Mehrzahl nach reMiblikanisch gesinnte Jugend von Paris äußerte ihr Mitgefühl an dem großen Verlust durch Verwünschungen gegen die Regierung. Die Polizei, schritt unkluger, oder wahrscheinlicher, durch die aufgestellte bedeutende Waffenmacht gedeckt, muthwilligcr Weise mit rohen Thätlichkeiten ein; da brach der allgemeine Unwille los, und das Gemetzel begann in den Straßen von Paris. Der durch den Willen der.Nation auf einen „ mit republikanischen Institutionen umgebenen " Thron erhobene Bürgcrkönig ließ mit Kanonen auf die mit bewundernswürdigem Heldenmut!, fechtenden jungen Republikaner feuern, und am Abend des 2. Tags, dem «. Juni, war die letzte Barrikade, das letzte verrammelte Haus von der militärischen Ucbermacht genommen. Lamarque hatte ein Todtcnopfcr an seinem Grabhügel erhalten, das für seine große Seele gewiß ein Schmerzen bringendes' war. Wir freuen uns vier Reden dieses ausgezeichneten Mannes unsern Lesern mittheilen zu können. Wer kann sie lesen, ohne den geistvollen, bieder» Redner, den Staatsmann und Krieger ohne Furcht und Tadel zu lieben? Wie von prophetischem Geiste ergriffen , sehen wir ihn in der ersten Rede über die Zukunft Europas sich äußern, und die Geschicke der Völker beurtheilen. Diese auf Veranlassung einer Petition, in welcher Wünsche für die Vereinigung Lamarque 213 BclgienS mit Frankreich ausgesprochen wurden / gehaltene Rede unterwirft das Betragen der Minister in Bezug auf Frankreichs Verhältniß zu den auswärtigen Staaten einer unwiderstehlichen Kritik. Der Aufstand PolcnS, die LoSrcißung Belgiens von Holland, die Unruhen in Italien stnd unsern Lesern zu bekannte Ereignisse, als daß wir erst umständlicher an dieselben erinnern müßten. Diese erste Nede hielt Lamarquc am 15. Januar 1831, zu einer Zeit, da noch Niemand es für möglich gehalten hatte, daß der König die Grund» sähe, die ihn auf den Thron erhoben hatten, feil verrathen könne. Der Ton derselben ist daher noch milde. Ganz anders redet schon Lamarquc in der Sitzung vom 13. April, wo schon das treulose Ministerium Pcricr seinen Charakter offen enthüllt hatte. Das Herz des Patrioten wallt über, der Scharfblick des Taktikers und Ingenieurs weist die wehrlose Stellung Frankreichs nach. Vergebens. Die Völker mußten verbluten, damit Eine Dynastie steh Toleranz und Billigung erkaufe. Die dritte am ia. September gehaltene Rede galt der Verwirklichung des Nationalwunsches, daß die Asche Napoleons von Helena zurückgebracht, und unter der Vcndomcsäulc beigesetzt werden möchte; die vierte vom 12. November sprach dafür, daß die Asche des von Wellington und den vereinigten Mächten 1815 gemordeten Ncy inS Pantheon gebracht, und ihm ein National- denkmal errichtet werden möchte. I. Meine Herren, wenn in einer der letzten Sitzungen ein Minister, mir dem Vertrauen Karls X ausgestattet, auf dieser Tribüne erschienen wäre und uns gesagt hätte: „Einige spanische Rebellen haben ihr Vaterland wieder erobern wollen, aus dem sie französische Intervention vertrieben hatte, wir haben sie aber von den Gränzen entfernt und Gendarmen bewachen ihre Chefs; Belgien hat die Bande zerrissen, die eS an Holland ketteten; als ein ge- * waltsam von unserm gesellschaftlichen Stamme abgerissener Zweig möchte es sich wieder demselben anschließen; cS bot uns den Gürtel von Festungen an, welche die heilige Allianz um uns her angelegt hat; wir haben aber dessen Ancrbictungen verworfen, und selbst die so glänzenden Namen von F-leuruS und JcmappcS vergessen. Das großherzige Polen ist endlich der Regierung der Knute müde. Es spricht die auf dem Wiener Kongresse so feierlich versprochene und von allen Mächten garantirte Nationalität an; es streckt seine flehenden Arme gegen Frankreich, sein altes verbündetes Frankreich aus; aber wir wollen unsere thcilnehmendcu Gefühle ersticken, wir wollen unsern historischen Erinnerungen, und den Wellen der Elster Stillschweigen auslegen, die noch den Namen Poniatowski murmeln; es hatte gerufen: Freiheit oder Tod! und wir wollen ihm antworten: Stirb! Praga und Warschau sollen StaatSreden. 21 ^» Suwarcw wieder sehen." Bei diesen Worten würde rauschender Beifall sich plötzlich von jener Seite der Kammer erhoben haben, die bei diesem nncrmesilichcn Todtencpfer der Freunde der Freiheit gejauchzt hätte. Aber wir würden in unserem Verstummen, in unserer Verzweiflung anerkannt haben, daß dieses Ministerium Karls X seinen Vorgängern treu, mit den Grundsätzen seiner Regierung, mit seinen Interessen und seinen Gefühlen konsequent geblieben sev. Meine Herren, ist denn in Frankreich seit 1829 nichts vorgefallen? Herrscht die Koalition noch unter dem Namen des Prinzen, der sie uns aufgedrungen hatte? Hat das Volk seine Rechte nicht wieder erfaßt, und in drei Tagen fünfzehn Jahre der Schmach und der Unterdrückung getilgt? . . . Warum ändert sich denn, wenn Alles um uns her verändert ist, die Sprache der Regierung nicht? Warum werden die politischen Grundsätze, die das Betragen der Minister Karls X leiteten, noch von den Ministern Philipps befolgt? Weit entfernt sei von mir der Gedanke ihren Patriotismus anzutasten, und auch nur den leisesten Zweifel über ihre Absichten zu erheben. Wie wir, so wollen auch sie, daß Frankreich frei und glücklich im Innern, mächtig und angesehen nach Außen sei; wie wir, möchten sie die Spuren seines Unglücks vertilgt. Zu spät aber zur Staatsgewalt gelangt, wagen sie es nicht, den StaatSwagen aus dem unseligen Geleise zu lenken, in das ihn seine Vorgänger geschoben hatten; und diese Vorgänger hatten gehandelt, wie wenn sie die natürlichen Nachfolger ihrer Vorgänger gewesen wären, wie wenn das Prinzip unserer Regierung nicht völlig geändert wäre; schwach und vertrauend glaubten sie, daß einige eigenhändige Zeilen die Souverainc binden möchten, und daß in ihren Augen Philipp aufhören würde ein Usurpator, und unsere Revolution eine Rebellion zu sein. Sie haben geglaubt, daß wir durch PrciSgcbung der Völker unsere Sachen in den Augen der Könige legilimiren würden, und nicht gesehen, daß dieser engherzige Egoismus, der uns hinderte die Gegenwart zu benutzen, eine gewitterschwangcre Zukunft bereitete. Allerdings ist der Friede ein kostbares Geschenk; aber ohne den Aufstand der Belgier, ohne die Insurrektion von Polen, das unsere Revolution für das Zeichen der Befreiung der Völker hielt, wurden Sie bereits den Krieg haben! Haben Sie die Drohungen Preußens und die Zusammcn- zichung seiner Truppen; die anmaßende Sprache des nordischen Selbstherrschers und den Marsch seiner Heere vergessen? Hat man in den Kanzleien Polens und hauptsächlich in dessen Festungen nicht unwidersprcchliche Beweist der feindlichen Absichten dieser Mächte Lamarqu«. 215 gefunden? Wollen Sie ihre geheimen Gedanken wissen? Hören Sie, was der Botschafter Frankreichs am 26. Oktober 1811 dem Wiener Kongresse sagte: „Der Kampf besteht zwischen zwei Prinzipien: so lange ei-nc einzige revolutionäre Dvnastie eristircn wird, dürfte auch die Revolution noch nicht geendigt sein; das Prinzip der Legitimität muß demnach ohne Einschränkung siegen. Ohne dieß gibt es keinen Frieden, sondern nur einen Waffenstillstand!" Ja, einen Waffenstillstand! Dieses ist Alles, was Sie durch Aufopferung Ihrer Freunde, Ihrer Interessen und unserer Würde erhalten werden! Und was diesen Waffenstillstand betrifft, so werden Ihre Feinde das Ende desselben bestimmen! Wenn der öffentliche Geist ganz unter uns erloschen sein wird; wenn der Boden, den plötzliche und übereinstimmende HcrzenSübcrströmungen unter unsern Schritten erbeben machten, wieder zur festen Ruhe gekommen sein würd, dann werden jene Mächte sich mit'dem Gewicht ihrer materiellen Kraft einstellen, und ihr werdet ihnen dann keine moralische Kraft mehr entgegen zu stellen haben; denn die Völker, über euer grausames Preisgeben entrüstet, werden dem Aufrufe, den ihr an sie erlassen möchtet, nicht mehr entsprechen, und zu spät werdet ihr euch die Schuld beimessen müssen, die flüchtigen Umstände nickt benutzt zu haben, die die Vorsehung den Nationen wie den Individuen vergönnt, und die sich nicht wieder einstellen, wenn man sie das erste Mal nicht zu ergreifen gewußt hat. Aber, werden mir die Minister sagen, die Könige werden durch ihre Traktate gekettet, durch ihre Versprechungen gebunden sein. Durch ihre Versprechungen! Als Napoleon, durch die Elemente überwunden, über den Rhein zurückgegangen war, was proklamir- tcn im Angesicht der Welt die fremden Mächte? Sie wollten, sagten sie, daß Frankreich groß und stark sei; Lies sei für das Gleichgewicht von Europa nothwendig; cS müßte so sein, um den Sieg durch Gerechtigkeit und Mäßigung zu ehren. Als aber die getäuschte Nation ihre Sache von der Napoleons getrennt hatte, entwickelte sich schonungslos der Geist der Koalition; Fürst Mcttcrnich bestand darauf, daß man unsere offensive Stellung in eine defensive umändere; daß das den Deutschen überlieferte Landau sie für die Zerstörung PhilippSburgS entschädige; daß das allzu drohende Straßburg auf seine Citadelle beschränkt würde. Der Minister der Niederlande, vielleicht dessen Organ, ging noch weiter, und sagte, die Präscription sei ein bürgerliches und nickt ein natürliches Recht; man könnte, man müßte uns vom Rhein entfernen, < 216 S t a a t S. r e d e n. und uns Elsaß nehmen, das keine ssranzösische Provinz sei. Ohne Rußland würde dieses befremdliche Argument den Vorrang erhalten haben, und so drang man uns, nach so vielen Versprechungen, jenen Frieden auf, der unser Gebiet verstümmelte, der uns unsere Festungen entzog, und den Zugang zu unserer Hauptstadt eröffnete, jenen schmachvollen Frieden, den ich den Fürsten gegenüber, die ihn unterzeichnet hatten, und unbekümmert um ihren Zorn, ein Steckenbleiben im Kothc zu nennen wagte. Sollten wir, um noch länger bei diesem traurigen »tatus czuo zu beharren, die Belgier zurückweisen, unsere Ohren vor diesen Polen verschließen, deren Gebeine sich mit den unscrigen auf so vielen Schlachtfeldern gemischt hatten! Sollte für diesen st-itns >;uc> unser Minister der auswärtigen Angelegenheiten die befremdliche Sprache geführt haben, die ihm die belgischen Abgesandten zuschreiben, und die ich hier nur anführe, um ihn: eine feierliche Gelegenheit an die Hand zu geben, ihr zu widersprechen! Nein, er hat nicht gesagt, „daß wir Belgien ablehnten, weil England nicht darein willigen würde." (Hr. Duvcrgier de Hau ranne: Sie wälzen Frankreich um!) General Lamarquc: Wir für unsern Theil sehen gern zu, daß es durch die an uns und an Holland gemachte Beute reich sei, daß es hundert Millionen Jndicr unterdrücke, daß es ohne Rivale im mittelländischen Meere gebiete, daß es die wichtigsten Punkte der Erdballs besetzt halte, von den nördlichen Meeren bis zu den Meeren von China (Stimme im Centrum: Wir können es nicht daran hindern), und eS sollte nicht einwilligen wollen, uns aus der eisernen Schranke treten zu sehen, die die Koalition um uns gezogen hat! Aber die Sturmglocke von Notre-Dame hat am 29. Julius die Stunde unserer Befreiung geschlagen ; die Kanonen von Paris haben die Kanonen von Watcrloo zum Schweigen gebracht. (Bravo'S Links.) Was sage ich! Die Bande der Lchenspsiichtigkeit waren bereits zerrissen; denn jener Minister, der nun im Gefängniß seine Frevel gegen die Freiheiten abbüßt, hatte doch einigen Patriotismus, und er hatte ohne Englands Einwilligung, und mit Stolz den Drohungen des Kabincts von St. James Trotz bietend, die Eroberung von Algier durchgeführt, und seine Eroberung festgehalten. Suchen wir daher andere Beweggründe für unser politisches Betragen, und sehen wir, ob die vorgeschlagenen Kombinationen Frankreich für die Weigerung, die man in dessen Namen gemacht, entschädigen werden. Ich nehme keinen Anstand zu sagen, daß sie unsere Lage noch verschlimmern. In der That, als Belgien noch an Holland ge- Lamarque. 217 kettet war, hatten wir immer die Hoffnung, diese schlecht berechnete Verbindung, diese gezwungene Hcirath, wo die Unverträglichkeit der Stimmung eine fortdauernde Ursache zur Scheidung war, zerreißen zu sehen. Jetzt aber wirft man uns um mehr als ein Jahrhundert zurück, indem man Belgien einem deutschen Prinzen gibt. Es liegt wenig daran, ob er Otto oder Leopold heißt! Nachdem der deutsche Bund den Rhein überschritten, soll er auch noch die Maas überschreiten; er soll auf uns mit dem ganzen Gewichte Deutschlands lasten; und Bauern, jener alte Verbündete, den wir so oft beschützt haben, Bauern, das Napoleon zum Königreich erhoben, soll nun auch noch Besatzungen in Namur, MonS, Tour- nap haben, wie es bereits Landau besetzt hält! Noch ist aber nicht Alles enthüllt: England und Fürst Met- ternich sind damit noch nicht ganz zufrieden, daß sie einen Neffen des Kaisers von Oesterreich auf den belgischen Thron beriefen, und das Projekt eines Austausches der Niederlande, das im Jahre 1778 Friedrich den Großen rasch zu den Waffen greifen ließ, ist vielleicht von dein Wiener Hofe nicht vergessen, der, wie der römische, seinen Ueberlieferungen treu, immer das will, was er früher gewollt hatte. Sie sehen, meine Herren, daß alle zur Beibehaltung des Friedens gemachten Opfer fruchtbare Keime zu langen und schrecklichen Kriegen werden dürften, und daß wir unsern Nachkommen ein blutiges Erbthcil hinterlassen werden. Allein nicht blos für Frankreich möchte die schüchterne Umsicht unsers Ministeriums verhängnißvolt sein; sie ist eS auch noch mehr für den Monarchen, den wir so glücklich gewesen sind, auf den Thron erhoben zn haben. Die Nation hat den VourbonS niemals die Traktate von 1814 und 1815 verziehen, und einige Tage der Freiheit haben sie nicht über die Verstümmelung unsers Gebiets getröstet. Indem sie auf dem Throne einen Fürsten sah, der bei Jemappcs gekämpft hatte, der, die Emigration fliehend, auf fremdem Boden Franzose geblieben war, glaubte sie und mußte sie glauben, daß er sich allen ihren Gesinnungen beigesellen werde. Der Ruhm ist ein so kräftiger Magnet, er umgibt einen Thron mit einer so glänzenden Strahlenkrone; er läßt eine neue Dvnastie so tiefe Wurzel treiben, daß es vielleicht politisch sein dürfte, ihn ohne Beweggrund aufzusuchen; aber ihn zurückstoßen, wenn die Menschlichkeit ihn anfleht, wenn das StaatSinteresse ihn anruft, wenn die Gerechtigkeit ihn fordert, dies ist ein Umstand, den ich niemals mit meiner Vernunft fassen kann. Jener Wilhelm, der die stupiden StuartS verjagte, und der sich in einer durchaus ahn- 2l8 StaalSreden. lichen Bahn mit der unsers Philipp befand, suhlte den ganzen Werth desselben. Auch ergriff er den ersten Anlast, zu den Waffen zu eilen, und indem er alle Partheicn erstickte, die milden Revolutionen sich erheben, sicherten die Schlacht an der Boync, und sein Krieg mit Ludwig XlV seinen Thron mehr, als eigenhändige Briefe und diplomatische Versprechungen gethan haben würden. Meine Herren, meine Aeußerungen dürften Ihnen streng, und meine VoranSsehungcn lästig erscheinen. Auch bestieg ich diese Tribüne nur, übermannt von einer tiefen Ueberzeugung, und einer mächtigern Pflicht als meinem bloßen Willen gehorchend. Es ist nicht, Sie dürfen dies wohl glauben, ein von neuen Wcchselfällcn hingerissener Militair, der zu Ihnen spricht; öffentliches Ungemach und Privatlciden haben eitle Illusionen nur zu sehr zerstört; sondern eS ist ein von den Gefahren, die uns bedrohen, durchdrungener Bürger. Mögen daher die Minister ihre Augen von denselben nicht abwenden; mögen sie an die unermeßliche auf ihnen lastende Verantwortlichkeit denken, und daran, daß ein einziger Verlorner Tag das Vaterland zn Grunde richten kann; und wir, die wir zwar durch einige Meinungen gespalten sind, aber in denselben Gesinnungen uns vereinigen, wir wollen sie mit allen unsern Bestrebungen unterstützen; wir wollen sie auffordern, das Prinzip unserer Revolution nicht zu vergessen, und ihnen sagen, daß sie sich auf die .Kraft von ganz Frankreich verlassen können, und daß dieses Frankreich zu allen Opfern bereit ist, seine Freiheit, seine Unabhängigkeit zu sichern, und den Rang wieder einzunehmen, der ihm unter den Nationen gebührt. Ich stimme für die Zuweisung. H. Meine Herrn, dem hartnäckigen Stillschweigen unsers Ministers der auswärtigen Angelegenheiten folgten Erklärungen und Geständnisse, die uns dieses Stillschweigen bedauern lassen. Ich werde kurz darauf antworten. Denn diese diplomatischen Erörterungen, die so vielen Reiz für unsre überseeischen Nachbarn haben, machen Ihnen Langeweile. Dies wird noch so lange dauern, bis Sie endlich einmal, und ich hoffe bald, die Minister zwingen werden, wie in England, die amtlichen Urkunden anf den Tisch zu legen. Dann wird die Repräsentativregierung aufhören eine bittere und kostlpiclige Täuschung zu sein. Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten hat gestern auf dieser Tribüne seine Rolle gänzlich verfehlt. Großsprecherische Aeußerungen des Zorns Lamarque. 219 schicken sich nicht für den Minister eine» großen Königs, das Organ einer großen Nation. Die Blitze, die er schleuderte, haben auch nur ins Blaue getroffen. Nicht ein Haufe von Brauseköpfen protcstirt in Belgien gegen die Londoner Protokolle, und will, daß man das linke Ufer der SchclLe und Lupcmburg nicht von Belgien trenne; sondern die ganze belgische Station verlangt die Vollziehung der feierlichen in einer Depesche unsrer Regierung enthaltenen Versprechungen; sie weiß, daß die Holländer im Besitze der Schleusen nach Belieben Flandern austrocknen oder überschwemmen Könnten; sie weiß, daß von Lurcmbnrg vormals ihre alten Beherrscher ausgingen, und daß Angriffe, die auf diesen Punkt erfolgen möchten, alle Verthcidigungsmittcl an der Scheide und an der Maaß lahmen würden. Es ist unmöglich, meine Herren, daß die Belgier Lnrcmburg aufgeben. Ehe der gesellschaftliche Vertrag dies weihte, hatten die gegenseitigen Interessen, Verbindungen, fünfzehnjährige Angewöhnung eine und dieselbe Nation daraus gemacht. Der König von Holland hat dies selbst anerkannt, indem er allcDcputir- tcn von Lupemburg nach Brüssel zurückschickte, die Offiziere und Soldaten dieser Provinz aus den Reihen der holländischen Armee treten ließ, und sie dadurch veranlaßte, sich den belgischen Truppen anzuschließen. Seine Privatansprüche auf Lurcmburg belaufen sich nur auf 180,000 Gulden Renken. Nun, die Belgier, „dieser Haufe von Brauseköpfen", um mich der Ausdrücke der heil. Allianz zu bedienen, die unser Minister der auswärtigen Angelegenheiten wieder aufgefrischt hat, bieten sich an, das Kapital dieser Summe sogleich zu bezahlen; und dies ist gewiß mehr, als ihnen ein armes, mit Sümpfen und Wäldern bedecktes Land, an das sie aber Ehre und Pflicht knüpfen, einträgt. Was die Festung Lurcmburg betrifft, so verlangen sie die Belgier nicht. Sie wissen, daß 1828 der König Wilhelm vergeblich das Recht ansprach, eine Besatzung darein zu legen; dieses Recht gebührt in der That nur Preußen, das den 6000 Mann, die es bereits daselbst hat, noch "000 andere beifügte. Man behauptete, cS seien 2500 Belgier darin. Diese Zahl ist etwas übertrieben; denn in der That sind nur zwei Belgier in der Festung, ein Faktor und ein Thürhüter. Was liegt aber daran! werden unS untre Minister sagen. Preußen wünscht den Frieden; es hegt die freundschaftlichsten Gesinnungen! Ja, so lange ihm der heldcnmäßige Widerstand Polens Besorgnisse für sein Großhcrzogthum Posen einflößt. Es will den Frieden! Ja, mit Beibehaltung der Tribute, die es euch 1815 abtrotzte, mit Behauptung unsrer Festungen, mit Beibehaltung der Departements, 220 StaatSred en. die es uns entrissen, kurz, wenn es gegen uns in der stolzen Sie- geShaltung bleiben darf, und wir die Stellung eines überwundenen Volks fortwährend behaupten. Seine wohlwollenden Gesinnungen betreffend, so sind uns diese aus der Vergangenheit bekannt, und Sie haben ohne Zweifel nicht vergessen, welche Mühe cS sich 1815 gegeben, daß unser Metz, Lcngwv und Thionville in seinen Besitz kommen möchten, und die französischen Reisenden werden Ihnen von der Behandlung erzählen, die sie gegenwärtig in jenem Lande erdulden müssen, und von der Achtung, in der dort unser Botschafter steht. Ihre Diplomatie, meine Herren, hatte ein sicheres Mittel, die wahren Gesinnungen der Mächte kennen zu lernen; sie mußte ihnen erklären, wir könnten nicht mehr unter dem erniedrigenden Joche der Traktate von 1815 bleiben, jener Traktate, deren Unterzeichnung (wie uns unser Minister der auswärtigen Angelegenheiten gesagt) unser Botschafter in London vormals verweigert hatte, und die er jetzt als „ein Denkmal von Gerechtigkeit und von europäischem Gleichgewicht" anpreis't; sie mußte zu den Mächten sagen: „Ihr wollt den Frieden; wohlan, gebt uns sogleich die alten Festungen heraus, die Vauban gebaut hatte, und die seit mehr als hundert Jahren unser Crbthcil sind; gebt uns die Theile von Savopcn (das ChablaiS und das Fau- cignv) heraus, die zur Vertheidigung von Lyon, jener südöstlichen Hauptstadt von Frankreich unerläßlich sind; gebt uns Weißcnburg und Landau heraus, die das Elsaß decken. Gebt Luxemburg in befreundete Hände; denn der Paß der Ardennen ist nicht mehr von jenem düstern und undurchdringlichen Walde vertheidigt, den Cäsar beschrieb, und wir köi^ien nicht länger das Schicksal von Paris von dem Loose einer einzigen Schlacht abhängen lassen." Alsdann würdet Ihr gesehen haben, ob sie wirklich den Frieden gewollt, jene Könige, die sich durch ihre Versprechungen so wenig gebündelt halten; alsdann würde Frankreich seine Stirn wieder aufgerichtet und gesehen haben, daß man sich wirklich mit ihm beschäftige, und daß der jüngere Zweig der BourbonS das Unglück und die Schmach, die der ältere auf uns gehäuft, wieder gut machen wolle. Ich habe von unsrer Hauptstadt gesprochen, und vorzüglich in militärischer Beziehung ist die Centralisation schädlich, die man beizubehalten sucht. In der Vorzeit hatte ihre Besetzung nur geringen Einfluß auf das übrige Frankreich. Karl VII, Heinrich III, Heinrich IV hörten deswegen, daß sie nicht über Paris regierten, noch nicht auf über Frankreich zu regieren, aber zwei Lamarque. 221 neuere Beispiele haben uns bewiesen, daß diese große Hauptstadt, deren Thore durch Intrigue und Verrath geöffnet werden können, das Geschick alter unserer Departements nach sich zieht. Dies ist vielleicht das vollständigste Lob, das man jenen Associationen beilegen kann, die überall ein Prinzip des Lebens und ein Mittel des Widerstandes aufstellen, die die Bürger daran erinnern, daß sie Pflichten zu erfüllen haben, selbst wenn die Regierungen die Interessen des Vaterlandes vergessen oder verrathen haben, und dies ist die stärkste Verurtheilung der Maßregeln eines Ministeriums, das nur furchtbar zu sein glaubt, wenn es den öffentlichen Geist lähmt, und einen Monarchen, der eine Dynastie beginnt, auf das weiche und thatenlose Polster der Prinzen, die die Dynastien endigen, verseht. Aus der Wichtigkeit von Paris folgt die Nothwendigkeit es zu vertheidigen, und aus dieser Nothwendigkeit die Verpflichtung, die Belgier in ihren gerechten Ansprüchen auf Luxemburg zu unterstützen. Wollte man diese starke Stellung Preußen preisgeben, so wäre dies ein Fehler, den die Zukunft dem gegenwärtigen Zeitalter nicht verzeihen würde. Was die Erfolge des heldcnmüthigen Polens betrifft, die die Russen in große Verlegenheit setzen, so setzen sie unser Kabinet und die europäische Diplomatie in noch größere Verlegenheit. Man hatte sich in London und Paris schon vorbereitet, die Menschlich- keitsrollc zu spielen, und würde sich glücklich geschätzt haben, den Traktat von 181.', wieder aus Licht zu bringen, und so den Polen, denen man vielleicht eine Amnestie angeboten hätte, ein Mittel darzubieten, ohne allzngroße Schande unter das Joch des Selbstherrschers zurückzukehren; aber der Sieg, der Sohn des Patriotismus, hat auf eine andere Art entschieden, die Polen wissen nichts von dem juste inilieu. Sie begnügen sich nicht mit einer halben Freiheit, mit einer Quast-Unabhängigkeit, sie wollen eine Nation sein; sie werden es sein, und das große russische Reich ist vielleicht näher daran unter ihren Streichen zusammenzustürzen, als Polen daran ist, dessen Ketten wieder anzulegen. Helden- mäßigcS Beispiel, das nicht für das Menschengeschlecht verloren gehen wird! und wir, eine Nation von 32 Millionen Seelen, nachdem wir die Welt durch die Großthaten des Julius in Erstaunen gesetzt, wir setzen sie jetzt durch unsere Wortbrüchigkeit in Erstaunen! (Unterbrechung durch die Centrums. Ruf von daher: Zur Ordnung!) General Lamarguc: Wir setzen sie in Erstaunen durch das Preisgeben unsrer Freunde, durch unser mitschuldiges Anschließen 222 S e a a k s r e d c n. an die heilige Allianz, die uns unterdrückte, durch unsre Resignation, uns den schmachvollen Traktaten von 1814 und 1815 zu unterwerfen, gegen die alle Völker protestiren. Meine Herren, cS ist mir allzu schmerzhaft Ihnen von Italien zu sprechen, das uns ein so bedaucrnSwertheS Schauspiel darbietet; Sie wissen, welchen glänzenden Ruf die französische Armee daselbst zurückgelassen, und wie sehr die Wunder Napoleons uns in den Augen jenes zum Aufschwung der Phantasie so geneigten Volkes erhöht hatten; wohlan, die Politik unsrer Minister hat diese glorreichen Erinnerungen verwischt! Punischc Treue und französische Treue sind synonym. (Im Centrum: Zur Ordnung! Mehrere Stimmen daraus: Sie verläumden Frankreich! Wir dürfen eine selche Unverschämtheit nicht dulden.) Hätten Sie mich meine Phrase vollenden lassen, so würden Sie gefunden haben, daß ich diese Aeußerung nicht in den Mund eines Franzosen legte. Ich nahm an, daß sie im Munde irgend eines Unglücklichen in den Gefängnissen von Modena sein möchte. Jenseits der Alpen, unter dem Beile von Henkern, auf den Apenninen umherirrend, fern von ihren Familien und ihrem Vaterlandc, das sie durch uns verloren, fluchen uns die italienischen Patrioten, und die Verwünschungen des Unglücks hört der Himmel! Möchten sie nur die wahren Schuldigen treffen! (Rechtes Centrum: Zur Ordnung.) Hr. v. Cor- ccllcs: Wenn Hr. Lamarguc von punischcr Treue sprach, so sprach er nur von der des Ministeriums! Der Präsident: General, Sie haben Frankreich der punischcn Treue beschuldigt; Sie haben Frankreich insultirt; ich rufe Sie zur Ordnung. General L a m a r - quc: Ich würde diesen Aorwurf mit Schmerz annehmen, wenn er verdient wäre; aber ich wiederhole, daß ich die Anschuldigungen, über die man sich beschwert, den Opfern des italienischen Einfalls gestattet glaubte. Sie dürfen inzwischen nicht zweifeln, daß man so große Schmach durch einige diplomatische Ausflüchte zu verwischen suchen wird. Man wird in Rom einen Kongreß versammeln; man wird erörtern, unterhandeln, und gleichfalls Protokolle aufsetzen; die Oestrcicher werden sich bitten und bezahlen lassen, und dann den Kirchenstaat, den sie nicht behalten wollen, räumen; und unser Ministerium würd sich mit Stolz dieses zum Voraus verabredeten Triumphs rühmen; eines Triumphs, der nur eine Niederlage ist: denn die liberalen Ideen werden erlöschen, die Patrioten geopfert, Italien wird unterworfen, der östreichische Einfluß neu befestigt, und Frankreich dem Höhne Europas überliefert sein. Diese so grausam von Frankreich preisgegebenen Italiener haben Lamarque. 22Z allerdings nicht den Heldcnmuth der Polen bewiesen; daran sind aber wir schuld; wir haben ihnen Ruhm und Freiheit zugleich geraubt. Wollen Sie wissen, was ihren Abgesandten unser Minister der auswärtigen Angelegenheiten geantwortet? „Unterwerft euch den Oestreichern; Frankreich wird ihnen den Krieg nicht erklären, um euch zu vertheidigen." Und diese Aeußerungen wurden durch unsern Botschafter den Vorposten bei Forli wiederholt: „Warum wollt ihr euch schlagen? sagte ihnen Hr. v. St. Aulaire; Frankreich wird euch nicht unterstützen, und meine Instruktionen sind ganz dem Betragen der Oestrcichcr gemäß." Dies brachte Entrinn higung in alle Gemüther; dies machte, daß die Waffen den Händen der Patrioten entfielen, dies überlieferte Ancona an die Oestreichcr! Wie glücklich sind die Polen zu preisen, daß sie weit genug entfernt waren, um die Rathschläge unsrer Minister nicht zu hören! Meine Herren, diese Minister sind gewiß sehr strafbar, und doch will ich ihre Absichten nicht anklagen, denn ich bin weit entfernt, die Empfindungen zu vcrläugncn, die mich an mehrere derselben knüpfen; aber, von der Gewohnheit fortgerissen, von frühern Vorgängen beherrscht, mehr Fiuanzmänner als Staatsmänner, glaubten sie und glauben noch, daß das' materielle Wohl Allem vorgehe; daß wenn sie den Kredit sichern, die Renten wieder zum Steigen bringen, den Handel beleben, die Industrie aufzumuntern suchen, sie allen Bedürfnissen genügen und alle Wünsche befriedigen werden. Sie sahen nicht, daß diese großherzige und von dem Gefühl ihrer Würde durchdrungene Nation etwas Anderes bedurfte; daß das, was einer sklavischen Nation genügen möcküe, einem freien Volke nicht zureichen dürfte, das bei seiner hohen Civilisation über und vor Allem Ansehen, Achtung und Liebe von Seite anderer Nationen nöthig hat. Diese Gesinnungen, die in unsern Herzen leben, waren auch die Gesinnungen unsrer Vätcr. Die d'Aiguillon, Fleurv, Mau- repaS, die auch FricdenSfürstcn waren, haben Frankreich mehr Nachtheil zugezogen als die kriegslustigsten Minister. Die PrciS- gebung PclcnS entehrte Ludwig XV; die PreiSgcbung Hollands ließ den amerikanischen Krieg vergessen, und führte rasch zu der Revolution von 1789. Möchten unsre Minister mehr an Frankreich, mehr an den Monarchen, der sie gewählt, als an ihre ephemere Existenz auf jener Bank denken, wo man nie lange festsitzt, und mögen sie bedenken, daß das Unglück eines auswärtigen KckicgS vielleicht nicht dasjenige ist, was wir am meisten zu fürchten haben! Sind sie aber entschlossen, den Krieg um jeden Preis zu vermci- 224 StaatSreden. den; willigen sie ein, sich den Traktaten von 1811 und 1815 zu unterwerfen, Italien den Oestreichern preiszugeben, Lurcmburg dem deutschen Bunde zu überlassen, den tapfern Polen nur Beifall oder Thränen zu zollen, dann sehe ich nicht ein, warum man so viele Opfer, so viele Auflagen, so viele Aushebungen von uns verlangt; warum man die Flinten so theuer in England kaufte, warum man die Pferde über dem Rhcine holt, warum man die Rüstungen so beschleunigt? Wäre es nicht besser uns von dieser Tribüne aus zu sagen: „Wir schließen unS der heiligen Allianz an, wir theilen ihre Doktrinen, die Könige wollen dann unsre neue Dynastie anerkennen und den Männern des Julius verzeihen, so wie wir denn selbst auch geneigt sind ihnen zu verzeihen." Dann wird wieder Vertrauen eintreten, die Fonds werden steigen und Jedermann wird zufrieden sein. Jedermann, außer etwa einige kummervolle Gemüther, die Ihr als FaktionSmänncr behandeln dürftet, und die mit gesenkter Stirne und Verzweiflung im Herzen das Wort Franz I umkehren, und still vor sich hin murren werden: „Alles ist gerettet, außer der Ehre.^ (Heftiges Murren im Centrum. Links Beifall.) Der Kriegsminister: „Nicht ohne Erstaunen und selbst nicht ohne Schmerz höre ich einen französischen General, dessen politischen Charakter ich achte, hier eine Sprache führen, die nicht französisch ist. Worin sieht er denn Wortbrüchigkeit? Hat man vergossen, was wir sind, was wir waren, was wir immer sein werden? Der ehrenwcrlhe General verkennt sich selbst. Hat er vergessen, was er gethan hat, und was er noch zu thun fähig ist! Der Redner hat gesagt, Alles sei gerettet, außer die Ehre." General Lamargue: „Dies habe ich nicht gesagt. Ich wünsche nicht, daß der Kriegsminister eine Chimäre verfolge. Ich habe gesagt, wir würden sagen können: Alles ist gerettet, außer die Ehre, wenn dies oder jenes geschähe." Der Kriegsminister: „Ich nehme diese Erläuterung an, und antworte, daß alsdann meine Bemerkung nur bedingt war. . III. Der Wunsch, den Ihnen der Bittsteller ausdrückt, ist der der unermeßlichen Mehrheit der Franzosen. Das Unglück Napoleons hat sein Unrecht gesühnt, und der lange TodeSkampf, den ihm der Zorn der Könige zugezogen, hat ihm die Liebe der Völker wieder gewonnen. Diese wissen jetzt, daß er kein Feind der Civilisation und kein Feind ihrer Wohlfahrt war, der Mann, der überall, wo er gewesen, den Stempel seines Genies zurückgelassen hat; Lamarqae. 225 der Mann, der Straßen baute, Kanäle grub, zwischen den Nationen neue Kommunikationen eröffnete, und, um dies zu Staude zu bringen, die Hindernisse der Natur bezähmte. Man hat ihm seine Bestrebungen zur Unterdrückung der Freiheit, vorgeworfen; aber uian verschweigt die Umstände, in denen sich Frankreich damals befand. Nach Außen hatte der Sieg unsre Fahnen verlassen, und in unserm Heere herrschte völlige Auflösung. Nach Innen hatte Verrath und Ungeschicklichkeit die Staatsgewalt in Händen: der Staat verfiel in Auflösung, und die Nothwendigkeit, die Rettung des Vaterlandes erheischte eine Diktatur! Napoleon entsprach dem öffentlichen Wunsche. Dürfte man wohl die Wunder des Konsulats vergessen, vergessen, wie Europa überwunden ward, die Parteien erstickt wurden, der Kredit sich neu befestigte, die Industrie aufgemuntert wurde, wie Redner sich hcrbeidrängten, den Helden des Jahrhunderts zn preisen und Priester den Himmel mit Gebeten für den neuen ChruS belästigten, (verschiedenartige Bewegungen in den CentrumS. — Bei den beiden Sektionen der Linken und der Rechten: Ja, recht gut! ) wie ganz Frankreich von Glück und Ruhm berauscht war? Wie hätte er so vielen Huldigungen, so vielen Verführungen widerstehen könne», der Mann, den die frei ausgedrückten Wünsche von fünf Millionen Menschen zum Throne beriefen? Wir, das heißt Frankreich, sind die Schuldigen: das Ariom der Jahrhunderte ist vollbracht. Die Anarchie erzeugte den Despotismus; aber dieser Despotismus, der in seiner mächtigen Hand ein Mittel und nicht ein Zweck war, rettete Frankreich und die Freiheit, ja, die Freiheit! Wäre Frankreich unter dem Direktorium, unter jener durch ihre Anfälle eben so sehr wie durch Verachtung in Mißkredit versunkenen Regierung überfallen worden, glauben Sie dann wohl, man würde die Integrität unsers Gebiets geachtet, glauben Sie wohl, man würde uns eine konstitutionelle Charte bewilligt haben? Nein, der Traktat von Pillnitz würde erfüllt worden sein; die Koalition würde an unL die erste Theilung PolcnS versucht haben, und Frankreich, seiner reichsten Provinzen beraubt und verstümmelt, Frankreich auf den Zustand unter Karl VII zurückversetzt, würde Ludwig XVIII übergeben worden sein, um es unter dem Joche der absoluten Gewalt zu halten, und die Patrioten, vom Hasse verfolgt, von der Rache decimirl, würden als Sühnopfcr gedient haben. (Links: Sehr wahr! Sehr gut!) CS war der zerbrochene Degen Napoleons, der uns noch vertheidigte; das Andenken unsrer Siege schüchterte Europa ein; Austcrlitz, Jena, Wagram geboten Preußen und Oestreich Mäßigung; der 15 226 Staatsreden. Ruhm sicherte unsre Unabhängigkeit, und diente der Freiheit als Schild. Was die ewigen Kriege betrifft, die man Napoleon unaufhörlich vorwirft, so übernimmt es England in diesem Augenblicke, das was Napoleon in seinen Denkschriften sagte, „Laß er sich blos vertheidigt habe," zu bestätigen. Man lese die Debatten des englischen Parlaments und die Schrecken, die das Einrücken unserer Bataillone in Belgien erweckte, so werden die stolzen Drohungen, die man sich zu erlauben wagt, Ihnen hinreichend sagen, ob man je einen aufrichtigen Frieden mit demjenigen zu schließen gesonnen sein konnte, der zu Antwerpen Schiffswerfle, Schiff-becken, Arsenale geschaffen, und daraus schon ein Ehatam der Scheide gemacht hatte? So verkleinert sich und verschwindet vor einer reifern Prüfung und den Enthüllungen der Zeit das Unrecht, das man Napoleon vorwirft. Stößt man ihn denn wirklich auch blos wegen seiner Fehler zurück? Geschieht dies nicht vielmehr wegen Alles dessen, was er Großes gethan hat? Wegen Alles dessen, was ihn dem Andenken des Volks zurückruft? Wegen Alles dessen, was Demüthigendes in der Vergleichung dessen, was er vollbracht hat und dessen liegt, was die auf ihn gefolgtcn Regierungen gethan haben? Die rückhaltölose Aufrichtigkeit meiner Aeußerungen beweist Ihnen ohne Zweifel, daß kein Nebengedanke in meiner Seele verborgen blieb, denn strafbare Hoffnungen schweigen oder halten sich im Verborgenen. Die abgesetzte Regierung proskribirte die Bilder Napoleons, und schickte diejenigen, die seinen Namen aussprachen, ins Gefängniß. Hat sie dadurch die Zahl seiner Anhänger verhindert? Nein, die Folge mußte ihr zeigen, daß Verfolgung eine Sache nur vergrößert und daß Märtyrer die Religionen gründen. Die Regierung des Julius, gewandter und weniger schüchtepn, hat alle diese Verbote aufgehoben; das so dramatische Leben des Mannes, der von dem höchsten Gipfel des menschlichen Glücks bis zur tiefsten Stufe des Unglücks gefallen ist, hat seit sechs Monaten die Schaubühne beschäftigt. Was ist Schlimmes daraus erfolgt? Nichts. Nur zurückgcdrämzte Gesinnungen bringen Explosionen hervor! Mögen sich daher die Minister nicht von jener Bahn abwenden, die der Kraft gebührt, und nachdem sie die Statue des großen Feldherrn auf der unvcrtilgbaren Säule aufgestellt, dessen Asche zurückfordern. England dürste wohl gern ein Unterpfand zurückgeben, das ihm die verletzte Gastfreundschaft und die Schmach feiner Minister ins Gedächtniß zurückruft. (Bravo! Einstimmiger Lamarque. 227 Beifall.) Ich weiß meine Nation zu sehr zu würdigen, und glaube zu sehr au die Fortschritte der Aufklärung und der öffentlichen Vernunft, als das; ich die Besorgnis; hegen sollte, daß ein Name, ein Andenken, irgend ein Mensch in der Folge für dasselbe der Gegenstand von Unruhe und Störung sein könnte. Durch die Ausübung der Freiheit lernt es täglich, daß es sich an die Institutionen und nicht an die Menschen zu halten hat. Beeilen wir uns also, diese zu vervollkommnen; geben wir ihr alle mit der Ordnung verträgliche Freiheit, alles Glück, das sie verdient, alle Größe, nach der sie strebt; und alsdann dürfte, wie kürzlich einer meiner Kollegen sagte, selbst der Sohn Napoleons ohne Gefahr hierher kommen, um am Grabe seines NaterS zu weinen, und der Abkömmling des Verbannten von Holyrood die Wälder durch- zichn, wo sein Großvater gesagt hat. Ich stimme für Verweisung an das Ministerkonseil, und erkläre mich aufs Kräftigste gegen die hintansetzende Tagesordnung, die Tausende von Tapfern schmerzen und uns zu Mitschuldigen der Verfolger eines großen Manne» machen würde, lind welche Verfolgungen wären diejenigen, die man gegen ein Grab ausübt! Die Verweisung, die ich im Namen der Nationalehre, im Namen Frankreichs verlange, das Napoleon mit so vielem Ruhme fünfzehn Jahre lang regiert hat, ist ohne Gefahr, ohne Nachtheil; denn die Regierung wird in ihrer Weisheit immer im Stande sein, den geschickten Augenblick zur Vollziehung der verlangten Handlung zu wählen. IV. Sie haben Alle, meine Herren, den Kirchhof von Pore La- chaise besucht, jene Ruhestätte, die Paris beherrscht, und Sie werden neben den Denkmälern, die an die Tugenden und erhabenen Thaten großer Bürger erinnern, die das Vaterland beweint, ohne Zweifel einen viereckigen Rasen bemerkt haben, der von einem eisernen Gitter umschlossen ist. Keine Statue, kein Marmor, keine Inschrift! ES ist ein stilles Grab, das noch vor Kurzem den Namen nicht zu sagen wagte, den jeder Mund wiederholt, und den das gegenwärtige Zeitalter mit Stolz der Nachwelt vermachen wird. Hier ruhen die Reste Ney's, MarschallL von Frankreich, Herzogs von Elchingen, Fürsten von der Moskwa! Keiner hätte mehr als er ein ruhmvolles Ende auf dem Schlachtfelde verdient, und in unsern Tagen des Unglücks und der Schmach fiel er von französischen Kugeln getroffen, und von einem Tribunale verurtheilt, dem die Fremden ihre Beschlusse diktirtcn. Vergeblich willigte der Marschall, 228 StaatSreden. den Bitten einer tiefgebeugten Gattin sich fügend, ein, sich auf den I2ten Artikel der Kapitulation von Paris zu berufen, der die Personen und ihr Eigenthum garantirtc. Als O>-gan seiner Regierung antwortete ihm der Engländer, „dasi die von Militairs abgeschlossene Kapitulation keine politische Wirkung haben, und die bürgerliche Staatsgewalt nicht binden könne." Diese Antwort hatte in der That I6 t8 ein Tribunal gegeben, das von Ercmwetl gewählt ward, um Jakob, Herzog von Hamilton und Grafen v. Eam- bridge, zu richten, der sich nach dem Tage von Presto» ergeben hatte. Wünschen wir der Menschheit Glück, daß die Unredlichkeit nach einer so langen Zwischenzeit keine neue Formeln finden konnte. Alle Könige von Europa hatten sich gegen Napoleon verbündet, der noch auf dem ersten Throne der Welt saß, und alle diese Könige, ja, alle diese Könige waren für den Tod eines gefangenen Mannes verschworen; aber dieser Mann hatte sich auf hundert Schlachtfeldern glänzend ausgezeichnet; sein Name war hinreichend, Schrecken in ihren Heeren zu verbreiten; er war der Ajar der Franzosen, der furchtbarste Arm, den je das mächtigste aller Genie's angewandt! Nichts mangelt seinem Ruhme, denn er gewann den Haß der Feinde seines Landes, das Vertrauen der Armee, die Liebe und das Bedauern von ganz Frankreich. Als seine Richter, uneingcdenk der heiligsten ihrer Pflichten, seinen Vertheidigern Stillschweigen auflegten, wovon einer in dieser Versammlung glänzt, rief der Marschall mit jener Stimme, die die Bataillone mitten im Kanonendonner mit sich fortriß, aus: „Ich appcllirc an die Nachwelt! . . ." Die Nachwelt ist für ihn gekommen, und ich möchte in seinem Namen die Nationaldankbar- kcit für denjenigen ansprechen, den man unter so vielen Tapfern als den Tapfersten bezeichnete; aber ich verlange lm Namen der Gerechtigkeit eine Sühnung, ein feierliches Dekret, das ihm die Thore des Pantheons öffne, und Frankreich von einem ungerechten Urtheil frei spreche. Ich verlange, daß er hier mitten unter den Freunden der Freiheit an der Seite der Märtvrer ruhe, die sie mit ihrem Blute besiegelten, und neben den Rednern, die sie mit so viel Glanz und Muth auf dieser Tribüne vertheidigten. Meine Herren, zu Neapel befindet sich in einer Kirche auf dein Platze Medina ein Grab mit folgender Aufschrift: „Dem Lautrec durch Gonzalva, seinen Feind;" wir wollen auf das Grab des unglücklichen Marschalls Nev setzen: „Dem Ney, der, als die Feinde in Paris kommandirten, gerichtlich ermordet ward," und dieses Grab wird dann zugleich eine Lehre und eine ewige Züchti- Constant. 22S gimg sein. Ich stimme für die Verweisung an das Ministcrkon- scil, das ohne Zweifel nicht vergessen wird, daß die Namen Labc- dovüre, Chartran, Mouton-Dnvcriicy dem des Marschalls Zieh beigesellt werden müssen. Benjamin Constant -e Rebecque. ConstantS Großvater hatte im Jahr 1 K 05 Frankreich/ als Protestant/ verlasse»/ und steh in Genf niedergelassen. Dessen Soh»/ unsers Benjamin Vater/ ging in holländische Kriegsdienste/ wurde General/ und kehrte nach der Revolution 1791 nach Frankreich zurück/ wo er wieder naturalissrt wurde. Benjamin wurde geboren in Lausanne 1767 *). Auf dem trefflichen Carolinum in Braunschwcig gebildet/ widmete er sich der Rechtswissenschaft/ trat später in Hof- dienste/ die ihn jedoch so wenig banden/ daß er bald in PariS/ bald im Waatlandc lebte/ bis er steh an Frankreich ganz anschloß. Mit deutscher Sprache und deutscher Gelehrsamkeit war er vertraut geworden/ so daß deren Einfluß in seiner großartigen Erscheinung als Mensch/ Redner und Schriftsteller nicht verkannt werden kann. Mitglied des corrla e»„.-uiiaii»i>i>el erregte er 1797 Aufsehen durch das Feuer seiner Reden/ und sah ssch bald/ wie später Carnot/ zum Tribunen ernannt. Doch tonnte er bei seiner entschicdncn/ man möchte fast sagen idealen Frcistnnigkeit den Beifall des Alles immer mehr ssch unterordnenden ersten Consuls/ unmöglich gewinnen. Es war ihm gelungen/ die Verwerfung zweier Gcschesentwürfe durchzusehen. Damals hatte der erste Consul einen jener Wuthanfälle, die sich seiner später so oft bemächtigte,,/ und mit den Sticfelsporen den Teppich/ auf den er trat/ zerreißend/ rief er auS: „Es sind da unten im Trillunat 12—15 Mctaphysiker/ zu nichts gut/ als um sie ins Wasser zu werfen. Das ist das Ungeziefer/ das sich in meine Kleider einnistete; aber ich werde es abschütteln. Sie dürfen nicht glauben / daß ich mich angreifen lasse/ wie Ludwig XVI." Constant wurde 1802 seines Tribunats wieder entledigt. Er mußte sogar PariS verlassen/ und bereiste nun mit der geistvollen/ aber auch unruhigen und intriguantcn Frau von Staöl mehrere Staaten Europas — ebenfalls keine Empfehlung für ihn bei dem nun mit Purpur und Krone bekleideten Napoleon. In Göttingcn lebte er der Literatur und wissenschaftlicher Beschäftigung. Mit dem Kronprinzen von Schweden ging er 18-I „ach Paris/-wo er auf das kräktigste für Wicdercinsehung der Bourbons thätig war Ihre zahllosen Mißgriffe mochten ihn von ihrer Unfähigkeit/ Frankreich zu beherrschen / überzeugt haben/ so daß er sich bei Napoleons Rückkehr dic- *) Tü'sc seine Gcburtsvcrhältniuc haben wir abstchtlicb etwas ausführlicher dargestellt/ weil die den furchtbaren Gegner scheuende -Aristokratie ihn im Jahr ,822 durch Aufbietung aller Kunstgriffe und Sovhismen von der Dcvutirtcntammer auszuschließc,, bcnlüht war/ angeblich als Fremden; jedoch vergebens. 230 Staaksreden. sein anschloß und von ihm, der dadurch, daß er liberale Männer um sich versammelte, das Volk sich zu gewinnen suchte, zum SlaatS- rath ernannt wurde. Bei der zweiten Rückkehr der BourbonS zog er sich nach Brüssel zurück, erhielt jedoch im Jahr l 8 t« die Erlaub« niß, wieder nach Frankreich zu kommen, und sah sich I 8 ly zum Deputirten gewählt. Nun war ihm der Schauplatz geöffnet, da er bald die Bewunderung aller Bessern sich gewinnen mußte. Sein Muth, seine Ausdauer, seine Talente machten ihn zu einem Mittelpunkt für alle Vorfechter des Lichts und der echt konstitutionellen Grundsätze gegen die Derfiiistcrungswuth der Aristokratie. Mit der bewundernswürdigsten Klarheit und Gründlichkeit der Darstellung verband er eine Schärfe der Dialektik, eine Feinheit des Ausdrucks, eine zarte Ironie, und einen glänzenden Styl, daß er in all diesen Beziehungen als Muster genannt werden muß. So oft er sich erhob, ging ein feierliches Schweigen durch die Versammlung, und seine Gegner erbebten. Nur Schade, daß er von seinem Organ nicht hinlänglich unterstützt ward; seine Sprache war etwas undeutlich und zu schnell. Auch ging ihm die erschütternde, Alles mit sich fortreißende Gewalt des Zornes ab, die, indem sie den Gegner zermalmt, ihre höchsten Triumphe feiert. Vorzüglich hat man ihn bewundert in seinem parlamentarischen Kampfe gegen die AuSnahmSgcsetzc, gegen die Abänderungen dc§ Wahl- und des PrcßgcsctzcS. Schon war die Restauration mit großen Schritten auf jene NnglückSbahn übergetreten, die sie zum Verderben führte, und t 5 Jahre lang stand C. vor ihr, mit erhabnem Finger, mit Schmerz auf den Abgrund deutend, dem sie blind entgegen eilte. Mit dein wachsenden Einflüsse der Reaktion wurde er bitterer und rauher, stimmte in Mehreren Sitzungen nebst seine» Freunden gar nicht mit. Auch blieb sein Bemühen nicht ohne die reifende Frucht. Die große Revolu- tion der Julitage ist vorzüglich mit sein Werk. Seine Reden erzogen die jetzige Generation, und erweckten den Enthusiasmus der Jugend; sein Beispiel erhielt den sinkenden Muth der Getreuen, als im Jahr 1822 nur sechs Oppositionsmänncr auf der linken Seite saßen; seine Ausdauer ermüdete den Widerstand, und trug zu den Associationen gewaltig bei, welche die Vorläufer der Begebenheit des Juli 1880 waren. Seine Sache triumpbirtc; die von ihm vertheidigten Maximen, welche ihm so oft die Beschuldigung zugezogen hatten, sein Element sei Aufwieglung und Revolutionen, wurden StaatSgrundsätzc — und dennoch blieb er in sei- ncr untergeordneten Stellung, ohne Antheil an der obersten Leitung der StaatSgeschäftc. Die Regierung wies ihn zurück: der „unabänderliche Gedanke? in ihr zielte »ach einer ganz andern Richtung, als die war, welche ihn auf den Thron gesetzt hatte; sogar die Akademie ließ sich durch politische Einflüsse leiten, und versagte einem der tiefsten Denker, der feinsten Dialektiker und edelsten Männer seiner Zeit den Sitz in ihrer Mitte, den sie einem Viennet, einem Pygmäen jenem Niesen gegenüber, zu ertheilen Niedrig genug dachte. So manche» schmerzliche Verrechnen auf die Schläge einer zu schnellen Freude, so manche bittere Täuschung, wo er das Schiff C o n st a n l. 2Z1 des EtaateS im Hafen gesichert geglaubt/ wirkten erschütternd auf feine Gesundheit ein. Er sank auf das Krankenlager; Irrereden trat ein. Seine letzten Worte/ indem er seinen Arm und die Hand des Herrn Pag!-.-, erhob/ waren: „Nach zwölf Jahren einer redlich erworbenen Popularität/ ja einer redlich erworbenen...." und er war nicht mehr. Vier Tage später/ am 13. Dccbr. 1830/ ward er beerdigt. Man hatte einige hundert Nationalgardisicn beordert; rO/Ooo fanden sich ein. Seit 10 Uhr strömte das Volk nach dem Hause des Verstorbenen. Um 12 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung/ der eine Wegstrecke von einer halben Meile einnahm. Nicht leicht sah mau je einen einfacheren Zug; nur die Fahnen gaben ihm Farbe; aber von ergreifender Wirkung war der Zug der Hun- derttauscnde/ die in feierlichster Stille sich hin bewegten. Weder die einbrechende Nacht/ noch der beschwerliche Weg/ noch der Koth der Straßen konnte die begleitende Menge von der Pflicht abwendig machen / die sie ihr Herz gegen einen verehrten Todten erfülle» hicfi. Bei mattem Fackelschein ward der Sarg in die Erde gesenkt/ neben den Manuels und Foy'S. „Legen wir aufsein Grab ein Lob/ ein Gebet/ ein Versprechen." Berühmt sind unter seinen ziemlich zahlreichen Schriften auch im ganzen civilisirteu Europa geworden: 1 )e I-, vcli^i»», eoiiüi- «ISiva n <>»„l ca, «<>,>> kovilto.-i ei «e.'i I«>i>»ei»eii>;, 1824. 2 vol. >Io In zrolitiizuc, 1815. Ikeklexluilx .<,»>' Ie« eo»- Liitnliaii.',, In >1rih»lic>n clex zioicvoii^, 1814. Ich füge noch folgende Schilderung des Redners anS der Feder eines geistvollen Augenzeugen bei: „Jmmittcn dieser täglichen Kämpfe/ dieser Reisen / dieser zahllosen Zwischcnfälle fand B. Constant noch Muße genug/ Flugschriften zu machen/ selbst langwierige Werke/ wie den CursuS über konstitutionelle Politik; polemische Artikel in mehrere Tagblättcr zu schreiben/ und ttcbcrblickc voll Interesse und Wisscnschaftlichkeit in mchrcrn litcrarischen Journalen mitzutheilen. Nachts nahm er Noten aus/ häufte Materialien zusammen/ und Morgens hatte er, ehe er sich in die Kammer begab/ bereits die Feder seines Sekretärs ermüdet/ dem er ohne Unterbrechung Artikel und Reden diktirte. Diese GcistcSthätigkeit »ahm nicht einen Augenblick ab/ selbst nicht in seinen letzten Jahre»/ als Alter und andre Schwächen bereits seine hohe Gestalt gebeugt hakten. Man sah ihn stets kurz vor Beginn der Sitzung in der Kammer ankommen / in seiner silbergcstick- tcn Dcputirtcnuniform/ um immer bereit zu sein/ die Tribüne zu besteige,,/ was man damals nur in diesem Kostüme durfte; sein graublondcS Haar/ mit einem alten runden Hut bedeckt/ und unter dem Arm den Ucbcrrock/ das Budget/ seine Krücke/ nebst Büchern/ Manuskripten und Corrckturbogcn haltend. So wie er sich dieses Gepäcks entledigt/ und sich ruf seine Bank/ auf der äußersten Linken gesetzt hatte/ begann er zu schreibe»/ und eine unglaubliche Zahl von Briefen und Billetcn zu cxpedircii/ welche alle HuissicrS der / Kammern auf den Beinen hielten. Dann/ oder vielmehr zu gleicher Zeit/ korrigirtc er die Probcbogcn seines neuen BuchS/ nahm Noten StaatLreben. 2Z2 auf, um dem auf der Tribüne befindlichen Redner zu folgen, antwortete auf alle Fragen derer, die sich um ihn drängte», um ibn über die verschiedensten Dinge zu fragen, fuhr auf, um das Wort zu verlangen; und kam die Reihe an ihn, schien er auf gut Glück mitten aus dem ihn umgebenden Papicrwustc einige Stücke zu nehmen, und näherte steh langsam der Tribüne. War er einmal dort, konnte man sich nicht mehr mit den Einzclnheiten des Mannes beschäftigen. Sein bleiches Gesteht, ünd seine lange puritanische Gestalt belebten sich schwer, und seine langsamen, anfangs ganz monotonen Worte setzten Jeden in Erstaunen, den sein hoher Redner- ruhm in die Kammer gezogen hatte. Aber allmählig erhob sich seine Stimme, wurde lebhaft und wohlklingend, seine groficn, blauen Augen erhellten sich mit unvcrmuthetcm Glänze, und umfunkcltcn in vollem überschwcllcndcm Strome die klarsten RaisonnemcntS, die beißendste Ironie voll Geist und Kenntniß, gepaart mit den glücklichsten Citationen. Ganze Stunden lang konnte man ihn sprechen höron, ohne in der Aufmerksamkeit müde zu werden; eS war eine Freude zu sehen, wie er mit aller Ruhe die Leidenschaften seiner Gegner aufregte, und wie er, als spielte er mit ihnen, den Wutb- ausbrüchcn der Bänke der Rechten nur eine trockne, kalte Höflich, keil entgegen sehte, die ihren Grimm »och vermehrte. Man fuhr ihn mit Insolenz an, behandelte ihn als Aufrührer, Revolutionär, rief ihn mit großem Geschrei zur Ordnung; er aber ließ fich nicht irre machen; seine Rede, als wäre es im ruhigsten Salon, fortsetzend, warf er manchmal eine» geistvollen Scherz unter seine Gegner, der sie entwaffnete, indem er ihre Heiterkeit erregte. Be- sonders über die Frage der Presse, die so lebhaftes Interesse erregte, zeigte fich C. stets neu, unerschöpflich und warm." Wir theilen drei Reden ConstantS mit, die uns ein deutliches Bild von dem ausgezeichneten Talent des Trefflichen geben werden. Die erste hielt er am l3. Mär; 1822. Die royalistischc Parthci hatte im November des vorigen Jahrs ein Ministerium zum Abtreten gezwungen, das ihr immer noch zu gemäßigt verfuhr. Ein Ultra- royalistischcS, bestehend aus dem Herrn von Dillcle, dem Grafen Corbicrc, Pcyronnct, Vicomte de Montmorcncy, Herzog von Vclluno, und MarguiS de Clcrmont Tonncrre, war an seine Stelle getreten, und im Sturmschritt suchte man jetzt jedes freie Streben zu unter- drücken und bis auf die Wurzel zu vernichten. Die Untersuchung aller Preßvergchen wurde den Gcschworncngcrichten entzogen; Missionäre fanatisirtcn den Süden, und verwirrten das Reich. An den Lehranstalten wurden alle Vorlesungen über neuere Geschichte, Na- turrccht und Philosophie verboten, libcralgcsinnte Lehrer abgesetzt. Der Geist des Scrvilismus verbreitete fich durch die ganze Beamten- Hierarchie; denn wer nicht mit den Ministern stimmte, war seiner Entlassung gewiß. Die wenigen Patrioten, die nach dem ausS äußerste corrumpirtcn Wahlgesetz „och in die Kammer gelangt waren, wurden stets überstimmt und häufig zur Ordnung gerufen, so daß sie sich entschlossen, gar nicht mehr z» stimmen, zum Zeugniß, daß das Vaterland ganz in den Händen der Parthci sei. Als nun C o n 1i a n t. 213 das Budget der Ausgaben in der Kammer zur Diskussion kam, hielt B. Constant folgende merkwürdige Rede, in der er seine Mißbilligung der Grundsätze des Ministeriums auf das stärkste/ obschon in ganz konstitutioneller Weise aussprach. I. Die Hoffnung, die Vorschläge zur Sparsamkeit beherzigt, die nöthigen Aufklärungen von den Ministern gegeben zu sehen, ist auch bei den eben geschlossenen Verhandlungen über die Rechnungen von 1820 wieder getäuscht worden. Herr von Villele hat uns erklärt, daß die Minister nur den Mitgliedern der Kommissionen die zur Kenntniß eines Gegenstandes nöthigen Nachwcisun- gen ertheilen wurden. Die Mitglieder dieser Kommissionen selbst verweigern ihren Kollegen diese Nachweisungen. Der Rechnungshof erklärt, ihm sei untersagt, uns irgend ein Aktenstück mitzutheilen. Selbst die untergeordnetsten Beamten bei dieser Stelle behandeln in ihren Dürcaup die Stellvertreter der Nation so, wie eben diese Stellvertreter auf den Straßen von den GcnSdarmcn behandelt werden. So sind denn die Finanzen Frankreichs die Beute einer Partei geworden, welche dieselbe» nach Willkühr benutzt. So sind es denn 0 Minister und 18 Mitglieder der Finanz- kommission, unter denen noch dazu zwei Minister Platz nehmen, welche nach freier Willkühr über das Vermögen des Staats schalten können. Indessen hat auch dieses Verfahren sein Gutes. Finanzielles Unglück gibt eine treffliche politische Lehre. ES ist den Nationen nützlich zu lernen, wie man mit ihrer Börse umgehe, sobald sie erlaubten, daß man ihnen ihre Freiheit nimmt. Wenn ich das Budget im Allgemeinen überblicke, so glaube ich ein großes Schlachtfeld zu sehen, wo die Besiegten dem Sieger ihre Habe als Tribut zu Füßen legen.... Wenn ich in das Einzelne gehe, so muß ich zuerst bemerken, daß das jetzige Negicrungs- svstem die Zahl der StaatSminister unendlich vermehrt. Die jetzigen Minister sind aus der Mitte einer Partei genommen, nicht aus der Masse der Nation. Diese Partei sieht die Minister nur für ihre Geschäftsführer an, mit denen sie in die Länge nie zufrieden ist, weil die Bedürfnisse der Partei selbst unersättlich sind. Je weniger zahlreich diese Partei ist, desto häufiger wird der Wechsel der Minister sein, die man nachher alle als StaatSminister pen- sionircn muß. Ich widersetze mich daher mit aller Kraft diesen Pcnsionirungen. Da die jetzigen Minister doch einmal nicht im Geist der Nation gewählt sind, so ist es mehr als genug, daß die Nation die Gegenwart trage, sie hat nicht nöthig, auch noch die Staatsreden. 21-1 Vergangenheit zu bezahlen: und wenn es sich nur um Ränke handelt, so sind mir orientalische Ränke lieber; sie sind wohlseiler. Dem neucrnannten Großwessier kommt es nicht in den Sinn, seinem Vorgänger eine Pension zu ertheilen. WaS die Ausgabe von 631,500 Fr. für den StaatSrath betrifft, so muß ich das, waö viele Andere schon hundertmal bewiesen haben, aufs Neue wiederholen, daß nämlich ein solcher Staatsrath in einer verfassungsmäßigen Regierungsform keine Stelle finden kann, weil er nicht verantwortlich, weil er entlaßbar und abhängig ist. Wahr ist es, seit 1814 hat dieser StaatSrath allen Versuchen, wodurch die früher erworbenen Rechte bedroht worden sind, Widerstand geleistet, und hat vorzüglich die Käufer von Nationalgütcrn geschützt. Dafür hat man aber auch, erst in diesem Jahre, die erfahrensten, unbestechlichsten, muthigsten Mitglieder des StaatS- rathcS aus diesem entfernt.-« Der Justizministcr hat gesagt, die Unkosten der Kriminaljustiz nehmen jährlich ab; dieses aber ist nicht wahr. Für das Jahr 1819 sind diese Ausgaben nach den im Jahr 1820 vorgelegten Rechnungen auf 2,517,017 Fr. angegeben worden; nach den im Jahr 1821 vorgelegten Rechnungen dagegen auf 3,123,528 Fr. Der Minister hat hier entweder das eine oder das anderemal unwahr gesprochen. In jedem Falle kann ich übrigens bei meiner Behauptung beharren, daß die Unkosten für die Kriminaljustiz jährlich zunehmen. Diese Unkosten werden durch Privatpersonen und durch politische Vergehen verursacht. Für die Bestrafung der ersten bewillige ich die nöthigen Summen gerne; was die zweiten betrifft, so muß ich zuvor wissen, was der Minister unter politischen Vergehen versteht. Ich muß dieses wissen, weil ich argwöhne, daß man die Bekanntmachung sehr gesetzmäßiger Schriften zu politischen Vergehen stempelt; weil ich, nach den Drohungen des Ministers, nach dem Wortschwall, mit dem er uns von den Verschwörungen gesprochen hat, die er bewachen, verfolgen, bestrafen werde, nach seinem erst kürzlich erfolgten Begehren, daß 28 TodeSurtheilc gefällt werden sollen, welche jedoch ein erhabener Gerichtshof ihm sämmtlich verweigerte, ein Mißtrauen in sein Urtheil setze; weil ich befürchte, daß unter seinen BewachungSmittcln auch das verstanden ist, daß er zu gewissen zu leichtgläubigen oder zu überspannten Menschen einige jener rechtschaffenen Agenten schickt, welche so oft von Ministern benutzt werden, die ihren ganzen Kredit auf die Entdeckung von Verschwörungen gründen. Ich muß wissen, was ich für gerichtliche Verfolgung der politischen C o n st a n t. Vergehen zu einer Zcit votire, wo vpn allen Seiten sogenannte Verschwörungen auSb rech eng wo die Verhaftungen in allen Theilen Frankreichs zunehmen; wo, wenn man den Ministern glauben darf, dieses Frankreich beunruhigter ist, mehr Besorgnisse erregt, mehr LeSorganisirt ist, als je zuvor. Dieses freilich, wenn cS wahr ist, müßte uns eine traurige Vorstellung von dein jetzigen Ministerium geben. Bei seiner Ernennung war Alles, wenn nicht frei, doch ruhig; jetzt ist, nach seiner eigenen Aeußerung, Alles in einer Gährung, in einer Unordnung, in einer fortwährenden Verschwörung, welche entweder das Mißtrauen das dieses Ministerium einflößt, oder seine Unfähigkeit in das Licht setzt. Bei dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten muß ich fragen, was haben uns die 7,130,000 Fr., die wir jährlich für Gesandtschaften verwenden, genützt? Hat man uns gefragt, als Italien mit fremden Heeren überzogen wurde? Befragt man uns, wenn davon die Rede ist, ob Griechenland unterstützt oder preisgegeben werden soll? ES ist möglich, daß daS türkische Reich zerstückelt wird, und, was mich betrifft, so wird mir Alles Freude machen, was zu Griechenlands Befreiung beiträgt. ES war aber doch einmal unser ältester Verbündeter, und wir erwarten jetzt ruhig, was von den drei großen Mächten über dieses Reich entschieden wird. So sehr sind wir, ich weiß nicht, wie cS kam, eine kleine Macht geworden. Wenn wir in diesem Saale von der europäischen Politik zu sprechen tragen, so werden unsere Minister aus ihren Bänken unruhig und zittern. Man sollte glauben, unsere Verträge auf dieser Rednerbühne unterliegen der Eensnr der auswärtigen Regierungen, unsere Minister seien die bloßen Bevollmächtigten dieser Regierungen, um uns zur Ordnung zu rufen. — Allerdings sprechen auch sie uns manchmal von Europa. Stur ist dann nie von der Stelle die Rede, die wir in Europa einnehmen, sondern von dem Uebel, welches daßclbe uns zufügen kaun. Nie unterhalten sie uns von ihren auswärtigen Verhältnissen, von ihrer Sorge für die französische Würde; nein, sie kommen im Namen Europa'S, um uns die Prcßfrciheit zu entreißen, um eine will- kührlichc Macht über den Gedanken der Franzosen zu begründen. Für eine so untergeordnete Rolle eine solche Summe, wie die oben erwähnte, Zu bezahlen, scheint mir sehr theuer zu sein. Frage ich aber, ob nicht wenigstens wir, die wir ein konstitutionelles Reich sind, oder wenigstens sein sollten, bei unserer Uu- macht gegen den Bund der unumschränkten Reicht, HülfSgucllcn, Verbündete, Freunde unter den konstitutionellen Regierungen ha- 2Z6 Staatsrcden. bcn, so sehe ich im Gegentheile, daß alle unsere Verhältnisse zu Letzteren, wenn nicht förmlich feindlich, doch übelwollend sind. (v. Marcellus: Es bedarf keiner Verbindung mit Empörern.') Ich sehe die Ministerialblätter mit übermüthigen Angriffen gegen ein benachbartes Volk (Spanien) erfüllt, welches im Jahr 1820 eben das begehrte, was auch wir im Jahr 1789 begehrt haben. Ich sehe, wie He Behörden dieses Volks, wie der Präsident seiner Nationalvcrtretung, unwürdig von bezahlten PaSguillanten beleidigt werden. Ich sehe, wie dieses Volk uns im Verdacht hat, daß wir Unruhen und Zwietracht in seinem Lande verbreiten, wie es einem Theil der Agenten, welche auch von jenen sieben Millionen bezahlt werden, die Aufstände, die Versuche des Bürgerkrieges zur Last legt, die es in seiner Mitte gewahrt. Ich sehe, daß wir, lange Zeit durch, an seinen Pforten ein neues Koblenz*) unterhielten, vergessend, welch' traurigen Platz das alte Koblenz in der (beschichte dcS unglücklichen XVI. Ludwigs einnimmt... (Lärmen rechtü: „Der König war dort! Zur Ordnung! Das ist ein Gräuel!" Hr. v. Girardin: der König war ja in Paris, oder erkennt Ihr nicht Ludwig XVI. als König?)... Ich gehe weiter; ich frage, ob das Geld, das wir so freigebig zur Aufrcchthaltung der Nationalwürde auswärts und im Innern, und zur Unterhaltung vortheilhafter Verhältnisse mit andern Völkern bewilligen — ob eS je zu diesem Zwecke verwendet wurde? — Um zur Lösung dieser Frage zu gelangen, will ich den Gang, den unsere Minister eingeschlagen haben, mit dem vergleichen, den sie hätten einschlagen sollen. Zur Zeit der Restauration boten sich zwei Wcchsclfälle dem menschlichen Geschlechte, und uns selbst zwei Wege dar. Konstitutionen waren aller Orten versprochen worden; mehrere wurden wirklich gegeben. Frankreich mußte sich an die Spitze der konstitutionellen Regierungen stellen; so und nur so hätte es seinen europäischen Einfluß wieder erobert. Es. hätte dies thun können, wenn seine Minister, statt im Stillen gegen die Charte sich zn verschwören, der Welk das schöne Schauspiel eines mit seinem Könige auf den leichten Pfaden der Freiheit in Einigkeit wandelnden Volkes gegeben hätten. Die Ligue der unumschränkten Regierungen hatte ihre Häupter, und Frankreich fand darunter weniger als den zweiten *) D Bonald, v. Villele, v. Eorbiere, v. Cornet-d'Jncourt — lauter uncrmüdote Kämpfer für die Freiheit der öffentlichen Blätter. (Langes Gelächter). Seit dieser Zeit nun ist Frankreich ruhig geworden, die Verschwörungen, wahr oder falsch sind verschwunden, die Persönlichkeiten sind beruhigt, die Industrie hat Wunder gethan — sie hat Eure Fehler gut gemacht. Ihr seid nun Minister seit fünf Jahren. Wenn die Censur, die Ihr unmittelbar nach zwei feindlichen Einfällen und einer Art bürgerlichen Kriegs, mitten in der Gährung und dem öffentlichen Unbehagen für überflüssig erklärt habt; wenn diese Censur nun heute nothwendig ist, so müßt Ihr sehr übel und ungeschickt regiert haben. Entweder ist Frankreich in Gefahr, oder nicht. Ist Letzteres der Fall, warum alsdann die Censur? Ist aber Frankreich in Gefahr — so habt Ihr es darein gesetzt! Oder verlangt Ihr etwa die Censur blos als einen Maulkorb, um ihn dem Volke an- 24/t 1 Staatsreden. zulegen? Wir werden, sagt Ihr, die Censur nur dann einführen, wenn sie nothwendig geworden ist. Wer wird aber über ihre Nothwendigkeit Urtheilen? Ihr, ohne Zweifel. Darf ich wohl fragen, welche Bürgschaft Ihr uns für die Richtigkeit Eures Urtheils geben könnet? Habt Ihr nicht ebenfalls geurtheilt, daß für den spanischen Krieg Alles hinlänglich vorbereitet sei? Dieses Urtheil ist Frankreich theuer zu stehen gekommen. Habt Ihr nicht geurtheilt, daß Hr. Ouvrad eine magische Macht sei, und Spanien durch einen Schlag seines ZauberstabeS mit Leben-mitteln versorgen könne? Das Ergebniß dieses Urtheils war ein unermeßlicher Verlust und eine Versetzung in Anklagestand. Habt Ihr nicht geurtheilt, daß sich Hayti in Eure Formen schmiegen werde? Dieses Urtheil hat die Krone den unschicklichsten Angriffen ausgesetzt. Habt Ihr nicht geurtheilt, daß der Zinsfuß zu 4 Prozent stehe? Dieses Urtheil hat den öffentlichen Wohlstand untergraben und den Kredit erschüttert. Ihr habt Euch in Allem getäuscht --- die Ereignisse haben stets Encrn Voraussagungen widersprochen. Ihr wollt demnach die Censur blos für Euch — Ihr wollt sie, damit keine Stimme sich erhebe gegen Eure und Eurer Untergebenen Handlungen. Einem Ministerium aber, das keines seiner Versprechungen gehalten hat, dessen Politik falsch, dessen Staatsverwaltung kraftlos ist, kann ich das Geld der Steuerpflichtigen nicht bewilligen, um damit ein solches System aufrecht zu erhalten; ich stimme gegen das Budget. — III. Das Ministerium Villelc schlug in der Sitzung von 1827 ein Preßgcsetz vor/ das durch seine Strenge jedes freie Wort unmöglich gemacht haben würde/ um dann desto sicherer die finstern Plane der Selbstsucht ausführen zu können. B. Constant erhob sich gegen diesen Entwurf am 13. Febr. mit einer Rede/ die an Geist und sarkastischer Ironie Alles übertrifft/ was noch über den wichtigen Gegenstand der Prcßfreiheit gesagt worden ist. Nachdem er sich im Eingang seiner Rede gegen den Vorwnrf verwahrt hatte/ als wolle er Straflosigkeit wirklicher Prcßvcrgchcn/ fuhr er fort: Das Ministerium hat uns eine Antwort darüber verweigert, ob eS in die Amcudemens Ihrer Kommission eingehe. Dadurch hat es uns auf das Gebiet des ministeriellen Entwurfs zurückgedrängt, und wir dürfen uns demnach nicht mit den ohne Zweifel aus guter Absicht vorgeschlagenen Verbesserungen beschäftigen, die, übrigens mehr scheinbar als wirklich, doch, so schwach und unzureichend sie sind, die Duldung der Gewalt nicht gewinnen konnten. C anstank- AS Der ursprüngliche Entwurf der Minister beharrt bei allen seinen Grundlagen der Unterdrückung, der Feindseligkeit gegen die Gedanken, der Verheerung für Frankreich, und bei jenem rohen und wilden Gepräge eines Despotismus, der über eine Civilisation aufgebracht ist, die ihm widersteht und beschwerlich fällt. Der Wunsch der Kommission, über diesen Versuch gegen die Rechte und geistigen Kräfte des Menschengeschlechts einen Schleier zu werfen, war zwar löblich; vergleiche ich aber ihren Entwurf mit dem der Minister, so hinterläßt er mir, mit Ausnahme des einzigen, den Stempel betreffenden Artikels, dieselbe widrige Empfindung. Dadurch aber, daß sich das Ministerium jeder Veränderung in seinem ursprünglichen Vorschlage widersetzte, hat es unsere Aufgabe nur um so leichter gemacht; wir sind die Organe der einstimmigen Verwerfung, die von einem Ende von Europa bis zum andern gegen diesen Entwurf erfolgt ist. Wir dürfen überzeugt sein, daß alle, nicht blos aufgeklärte, sondern selbst nur dem gesunden Menschenverstände huldigenden Geister, alle edle Herzen, alle Seelen, nicht etwa von höherem Aufschwung, sondern die nur des Mitleids für Volksklassen fähig sind, denen man ihren Unterhalt raubt, und die dadurch zum Hungcrtode vernrthcilt werden, unsern Bestrebungen gegen diese Eingriffe Beifall zollen werden. Sie dürften diese Bestrebungen vielleicht nur etwas zu mild finden; vorzüglich in England, — das man uns immer anführt, wenn man einige Mißbräuche aushebert, einige Sophismen mit falschem Glänze darstellen will, — wird sich wohl kaum ein Mensch finden, der nicht darüber erstaunen sollte, daß es außer dem sklavischen Asien oder dem rohen Afrika noch ein Land gibt, wo solche Entwürfe auögedacht werden können. Diese Verhandlung bietet inzwischen eine Schwierigkeit dar. Die Grundsätze auf denen die Preßfrcihcit beruht, sind weltbekannt und zugestanden. Man weiß, daß die Presse nichts anders, als die weiter ausgedehnte, umfassendere Sprache ist; daß dieselben Verbrechen und Vergehen ebenso durch die Presse wie durch die Sprache begangen werden können; daß beide nur dann eine Schuld auf sich wälzen, wenn sie an einer strafbaren Handlung Theil nehmen, und daß die Minister, die in Frankreich die gesetzmäßige Prcßfrciheit beschränken möchten, sich in nichts von dem rohen Despoten unterscheiden würden, der in Konstantinopcl gegen die Sprache wüthet, weil die Sprache in Konstantinopcl das ist, was die Presse in Frankreich darstellt. Diese Minister würden sich durch Staatsreden. 246 nichts von dem Tyrannen in Bvzan; unterscheiden, als etwa dadurch, daß sie sich überdies noch in offenem Kriege gegen ihr Jahrhundert, in Feindseligkeit gegen ihre Nation, im Treubruch gegen die Gesetze des Landes befänden. Auch ist bekannt, daß die Preß- freihcit nicht für die Schriftsteller, sondern als Sprache der Bürger aus allen Klassen nothwendig ist. So wie diese der Sprache sich bedienen, um nach Hülfe zu rufen, wenn man sie auf der Heerstraße anfällt, oder bei Nacht in ihr Haus bricht, so bedürfen sie der Presse gegen die sie bedrückende Willkühr und Beraubung. Die Presse dient den Rentiers, wenn ihnen Bankerott droht; den Unschuldigen, wenn man sie festsetzt, oder sie gefesselt in entfernte Gefängnisse schickt; den Handelsleuten, wenn man sie durch eine falsche und beklagenswcrthe Politik zu Grunde richtet; den Protestanten, wenn man die Ausübung ihres Gottesdienstes unter eitlen Verwänden suSpendirt; den Angestellten, wenn man sie unter Verläumdungen absetzt; allen Franzosen endlich, wenn man die Nationalwürde den Fremden vor die Füße schleppt, und sich noch darauf etwas einbildet, an dem Uebermuthe Theil zu nehmen, der unsern Ruhm insultirt, nachdem man vierzehn Jahre sich mit der Ehre gcbrüstet hat, die Ketten zu theilen, die wir mit Ungeduld trugen. Frankreich weiß dies Alles, und ich würde die Kammer dadurch nur ermüden. Daher zeichnete ich mir eine andere Bahn vor, und fragte mich, was ich wohl thun würde, wenn ich den Plan gefaßt hatte, die Prcßftciheit zu vernichten. Das Beste, was ich für einen solchcnmiacchiavelliftischcn, unterdrückenden Plan auüdenken konnte, besteht nun in folgendem: Ich würde damit anfangen, gegen diese Freiheit Besorgnisse und Privatinteresscn aufzuhetzen, und wenn ich mich einer Kammer gegenüber gestellt fände, sie als blos der Verunglimpfung frchncnd darzustellen. Ich würde nicht jedesmal sagen, daß die Autorität diese Verunglimpfungen verfolgen wolle, die Justiz sie vcrurtheilt habe, sondern ich würde lieber die Magistratur rück- sichtlos beschuldigen, und allen Thatsachen zum Trotz angeben, die Schmähschriflsteller seien nicht bestraft worden. Vorzüglich würde ich die sie umgebende Verachtung, den Eckel, den ihre Schriften einstoßen, die ephemere Dauer derselben, die Nullität ihres Einflusses, und hauptsächlich die Schmach verschweigen, mit welcher das Publikum selbst solche Verfasser behandelt. Ich würde ihre Zahl vergrößern, die Wirkung ihrer Schriften übertreiben, damit der durch Privat-Mißbrauch verursachte Schrecken auf die Preß- frcihcit selbst um so kräftiger zurückfiele. Wären die Gemüther C o n st a » t. 247 einmal dadurch vorbereitet, so würde ich mit derselben Uebertreibung die Gefahren der Presse in andern Beziehungen schildern. Ich würde den Glauben zu verbreiten suchen, daß nur irreligiöse, aufrührerische oder sittenlose Werke erscheinen, und mich wohl hüten, zu bemerken, daß Werke der letztem Art von einer ganz andern Epoche herrühren, - wo noch keine Prcßfrciheit bestand, und gerade die Abwesenheit derselben zur Frechheit reizte. Aufrührerische Schriften betreffend, so würde ich meinen Zuhörern die wichtige, die entscheidende Thatsache verbergen, daß Frankreich zur Zeit der Eensur alle Jahre mit zwei oder drei, wahren oder falschen, Verschwörungen beunruhigt wurde, lieber diesen Punkt würde ich hinwegeilcn, weil, wenn diese Verschwörungen falsch wären, die Behörde überzeugt werden könnte, sie habe gegen eingebildete Komplotte gewüthet, und wenn sie wahr wären, dadurch der Beweis offen läge, daß Preßdruck die Gemüther aufreizt, gesetzliche Freiheit aber sie beruhigt. Ich würde der Ruhe nicht erwähnen, die Frankreich, seil eS die Preßfreihcit besitzt, genießt, denn was könnte ich, wenn ich diesen Punkt zugestände, dafür anführen, daß ich die Presse todten wollte? Ich müßte im Gegentheil mein Vaterland vor ganz Europa als einen'Aufenthalt von ruchlosen Menschen, Vcrläumdern und Verschwörern schildern, die nicht fähig sind, irgend eine Freiheit zu genießen, ohne sich in die empörendsten und schauderhaftesten Ausschweifungen zu stürzen. Alsdann erst würde ich einen umfassenden Plan auszuhecken suchen, um die Freiheit der Presse in allen ihren Theilen, von dem Folianten an bis zu den Formaten von 32 , von den Werken an, die Arbeit, tiefes Nachsinnen, unermüdetcs Forschen erheischen, bis zu den ephemeren Erzeugnissen, die nur auf eine augenblickliche Wirkung rechnen, zu tödten. Wenn ich mich scheute, dabei das gehässiig gewordene Wort der Censur auSzusprechen, so würde ich irgend ein neues Mittel suchen, um unter einem neuen Namen zu demselben Resultate zu gelangen. Die Idee der Hinterlegung würde ich travestiren. Da das alte Gesetz, nach der förmlichen und wiederholten Erklärung seiner Stifter, nur deswegen gegeben wurde, um damit ein bestimmtes Datum für die sechs Monate zu haben, während welcher die Belangung gesetzlich ist, so würde ich ihm den Zweck unterlegen, die Werke vorläufig zu prüfen. Würde man mir den Einwurf machen, die vorläufige Prüfung sei die Censur, so würde ich antworten, die Censur hindere die Publikation, während die vorläufige Prüfung blos die Wegnahme des ersten von dem Drucker kommende» Epemplars 248 Staatsreden. sichere, waS der Publikation durchaus nichts schade, wenn neinlich nur kein einziges Epcmplar ausgegeben werde. (Allgemeines Gelächter.) Hätte ich somit die ernsthafteren Werke mit einem tödt- lichern Schlage als durch die Censur getroffen, weil sich hier zu den vielen bekannten Nachtheilen der Censur noch der mögliche Fall bedeutender Kosten auf reinen Verlust hin, und auf Verfolgung, ohne Publizität, gesellte, so würde ich mich damit doch nicht begnügen; ich würde die Besorgnis) hegen, es möchten sich kürzere Schriften durch unschuldige Titel, oder durch eine möglicher Weise nicht hinreichende Strenge der prüfenden Person in das Publikum schleichen. Hauptsächlich würde ich in Betracht ziehen, daß, wenn ein Unterdrückter bei der Presse seine Zuflucht sucht, oder ein guter Bürger gegen einen tyrannischen Entwurf warnt, solche zur eigenen Vertheidigung oder im Interesse des Landes verfaßte Schriften selten einige Bogen überschreiten. Daher würde ich solche Erzeugnisse mit den größten Auflagen treffen. Der durch irgend eine ungesetzliche Handlung zu Grunde Gerichtete müßte vor Allem tausend Franken bezahlen, um tausend Epemplarc von einigen Seiten mit der Darstellung seiner Beraubung ausgeben zu können; der durch eine mit Verläumdung begleitete Absetzung ins Elend versetzte Beamte müßte die doppelte Summe des ärmlichen ihm entzogenen Gehalts auffinden, um seine Geschichte erzählen zu können. Ich würde also an das Unglück das Recht der Beschwerde, an die Unschuld das Recht der eigenen Rechtfertigung verkaufen, und aus diesem Rechte ein Monopol für solche Leute machen, die dessen am seltensten bedürfen; die unter der Last des F-iskuS er-' drückte Presse hätte keine weitem Waffen gegen die Ungerechtigkeiten oder Irrthümer der Gewalt, und dieser Irrthum oder diese Ungerechtigkeit würden in der Stille ihre Herrschaft üben. Diese Maaßregel würde mir noch einen andern Vortheil gewähren; jene zahlreiche Klasse, die bei mäßigem Wohlstände einen unbequemen Geist der Forschung besitzt, kostbare Werke aber nicht kaufen kann, würde dadurch von jedem Zutritt der Belehrung ausgeschlossen sein. Diese Klasse kauft keine sittenlosen Bücher; ihr Leben ist bescheiden, ihre Sitten sind rein; sie affektirt nicht, wie die gute Gesellschaft der alten Regierung, die Eleganz der Jrrcligion; und wenn sie manchmal vor dieser oder jener religiösen Form zurückzutreten scheint, so ist dies nur dann der Fall, wenn ei» anstößiger Fanatismus sie mit seinen Anmaßungen plagt, die Familien veruneinigt, die Gatten verfeindet, Kinder verführt und das Eigenthum gefährdet. Auch von Aufruf zu Aufruhr will sie nicht» C o n ü a n t. 249 hören. Sic liebt die Ordnung, welche ihren Besitz verbürgt. Diese Klasse ist aber vielleicht wegen dieser schätzbaren Eigenschaften die gefährlichste für eine Behörde, die gegen die bestehenden Gesetze regieren will. Sic ist unabhängig, weil ihr Reichthum in ihrer Arbeit besteht; sie ist aufgeklärt, weil sie liest und denkt; sie liebt die Gerechtigkeit, weil ihre Interessen mit dieser im Einklang sind. Diese Mittelklasse muß man dumm machen oder zerstören; sie zu zerstören ist aber schwer, ohne sie zuvor dumm gemacht zu haben. Wir müssen sie hindern, zu lesen, dann vergißt sie vielleicht ihre Rechte. So hätte ich, mit meinen geschickten Händen ein umfassendes Netz geflochten, das die Presse in allen ihren Theilen umschlänge, weder dem Nachdenken eine Beschäftigung mit allgemeinen Fragen, noch der Kenntniß bestimmter Thatsachen die Behandlung unmittelbarer Interessen, noch der Klage des Unterdrückten einen Hülfü- ruf gestattete. Dann würde ich aber auch noch den letzten Feind, der zu besiegen übrig bliebe, die durch das Bedürfniß zur Gewohnheit gewordenen täglichen Blätter, angreifen. Sie sind das Organ verschiedener Meinungen; sie bilden ein intellektuelles Band zwischen den Bürgern, die sich zu diesen verschiedenen Meinungen bekennen, und dienen zu gegenseitiger Verständigung. Nun sollen sich aber die Bürger nicht verstehen. Kein Band soll zwischen ihnen statt finden: der Despotismus kann alsdann über diesen isolirten Atomen, wie über dem Staube fortrollen. Dies hat Mahmud bei seinen Muselmännern eingesehen. Die Kaffeehäuser waren zu Konstan- tinopcl ein materieller Punkt der Zusammenkunft; er hat sie geschlossen. In Paris sind die Journale ein Punkt der Vereinigung, der geistigen Sympathie: zerstören wir daher die Journale. Allein eS würde gefährlich sein, sie von der Fronte anzugreifen. Ich würde daher einen kleinen Umweg einschlagen, und meiner Tyrannei mit Kunstgriffen zu Hülfe kommen. Die Journale »mißten mir einer unausführbaren Organisation unterworfen werden, und diese Organisation müßte überdies keine Garantie haben. Selbst bei Erfüllung der schwierigsten und vielfachsten Verpflichtungen müßte die untcrgcordiretstc Behörde bei dem geringsten Zweifel sie willkührlich suspcndiren können. Auf solche unaufhörlich durch meine Agenten zu wiederholende Unterbrechungen würde ich rechnen, um sowohl die Geduld der Verfasser als das Vertrauen der Leser zu ermüden, und mittelst einer Vcrkehruiig aller rechtlichen Begriffe müßte die Strafe der, wenn auch falschen, Anklage folgen, und dem Urtheil vorangehen. Ich würde aber noch weiter gehen, die Kontrakte vernichten, den Betrug herbeirufen und be- 250 SlaatSreden. lohnen, mir alle niedrigen Leidenschaften zur Hülfe beigesellen, und erst dann gesiegt zu hüben glauben, wenn ich den Diebstahl crmuthigt, die Sicherheit zerstört, die den Gesetzen widerstrebende Rückwirkung eingeführt, oder (eine Sache, deren Verdienst ich mir unter allen Gesetzgebern der Welt allein zueignen konnte) meinen Gesetzen selbst diese Schmach aufgedrückt hätte. Aus diesem Ocean von Koth würde man alsdann meine besoldeten Journale auftauchen sehen, als Organe serviler Lehren und Schmähungen, anS Hunger dazu verurtheilt, meine Ungerechtigkeiten zu rechtfertigen, meine Laune zu preisen. Bei dem geringsten Zeichen von Rene oder Schamgefühl würde ich sie zur Strafe für ihre Bedcnklich- keiten sterben lassen. Da endlich die Presse daS nothwendige Werkzeug für die Preß- freiheit ist, so würde ich die Art an den Stamm des Baums legen, wohl wissend, daß bei dem gegenwärtigen Zustande des Buchhandels kein Drucker die bei ihm gedruckten Schriften, selbst abgesehen von den zur Dcurtheiluifg derselben erforderlichen Kenntnissen, durchgehen kann. Ich würde den Drucker für jede bei ihm gedruckte Zeile verantwortlich machen, so daß der berühmteste unserer Drucker, aus dessen Pressen in einem Jahre 4600 Bände hervorgegangen sind, in einem Jahre in 4600 Prozesse verfallen könnte. So, meine Herren, würde ich handeln, wenn ich die Preßfrciheit durchaus zerstören wollte, und ich schmeichle mir, daß bei genauer Untersuchung meines Werkes nichts Fehlerhaftes daran gefunden werden dürfte. (Man lacht.) Wir wollen nun sehen, was das Ministerium vorschlägt. Verlängert es nicht die Hinterlegung? Motivirt eö nicht diese Verlängerung durch die Nothwendigkeit einer vorläufigen Prüfung? Sagt es nicht, diese Prüfung, welche die Hinwegnahme des ersten Exemplars bestimme, sei keine Censur, da sie die Publizität nicht verhindern werde? Die Publizität von was? Von dem Werke, dessen erstes Exemplar an der Thüre der Druckerei von der grauen Patrouille hinwcggenominen werden wird, die gegen dasselbe einschreiten muß? (Man lacht.) Wem soll ferner die vorläufige Prüfung anvertraut werden? Können in einem Lande, wo ein einziger Drucker der Hauptstadt 4600 Bande druckt, diese von dem öffentlichen Ministerium gelesen werden? Gewiß nicht. Man wird also die vormaligen Censoren wieder herbeirufen, und vielleicht noch tiefer hcrabsinken, bis zu den herausfordernden Agenten, zu den Spionen, vielleicht zu den Verfassern der Schmähschriften, die jetzt als Norwand des Gesetzes C o n st a n t. 25 t Villen. Mehrere derselben, aus den Hehlen der Polizei hervorgegangen, um Skandal zu verbreiten, haben sich wenigstens wieder dahin zurückgezogen, um ungestraft zu bleiben. Der literarische Ruhm Frankreichs soll also von dem niedrigsten Ausschuß der Polizei beurtheilt werden, und ein von den Galeeren Entwischter Dürfte noch über Montesquieu sein Urtheil fallen, und gegen Bürger, die er bedroht, in Schutz genommen werden. Warum belegt ihr Schriften von fünf Bogen mit einem unmäßigen Stempel? Ihr sagt, um ihre Verbreitung zu hindern. Ihr wollt also allen blos wohlhabenden Franzosen das Lesen derselben untersagen? Ihr macht die Aufklärung zum Monopol der Reichen, und weil ein bloßer Zufall euch in neuern Zeiten in diese Klasse gestellt hat, so wollt ihr der ganzen Nation einen Vortheil und einen Genuß entziehen, dessen ihr vor Kurzem noch durch euer Gesetz selbst beraubt gewesen wäret! Sind denn alle solche Schriften verderblich? Soll sich das Volk nicht unterrichten? bind doch klagt der Kriegsminister, daß er nicht genug unterrichtete Unteroffiziere finde. Ihr legt aber dem gegenseitigen Unterricht Hindernisse in den Weg, ihr setzt die Professoren ab, ihr plagt die Schüler, ihr werft die Schulen um. Euer Entwurf ist ferner in Beziehung auf die Journale unausführbar. Dies hat man euch bewiesen, und doch beharrt ihr dabei! Ihr wollt keine unabhängigen Journale mehr. Wenn alle geschwiegen haben, dann sollen die sklavischen Journale euer Werk ohne Mühe vollbringen. Ihr habt mit Hohn die Bittschrift der Drucker u. s. w. beantwortet: solche Petitionen seien ein abgenütztes Mittel. Mir scheint aber, daß sich der Hunger nicht abnütze. Ihr sprecht von Religion, von Moral! Die Religion, die Moral fordern euch auf, eure Mitbürger nicht zu Grunde zu richten, sie durch Elend nicht zum Verbrechen zu treiben. Auch ich liebe die Religion, und glaube an eine Vorsehung, die das Werk der Menschen würdigen wird; und wenn das durch solche Gesetze vorbereitete Elend Diebstahl und Verbrechen erzeugen wird, so hoffe ich, daß diese Vorsehung, gerechter und hellsehender als die menschliche Gerechtigkeit, mit ihrer Rache die wahren Urheber dieser Uebel treffen wird. Ihr sagt, man könne mit der Prcßfrcihcit nicht regieren. Allerdings nicht, so wie ihr regiert. So kann man weder mit der Freiheit der Presse regieren, ohne sie zu knebeln, noch mit den konstitutionellen Institutionen, ohne sie zu verdrehen, noch mit der Pairie, ohne sie, durch Travestirung der königlichen Prärogative 252 Staatsceden. in ein Werkzeug der Faktion, zu vcrläugncn, und auf dieser Tribune zu iusultircn; noch sogar, so befremdend es auch erscheinen möchte, mit der Deputirtcnkammer. Sehen Sie selbst, in welchem Zustande sich diese Kammer befindet: in unzählige Faktioucn getheilt, selbst nicht wissend, welche Bahn sie einschlagen soll, welche Bahn die ministerielle ist, da diese sich durch Widersprüche verhüllt. Unsere Minister beschuldigen sich sogar gegenseitig lügnerischer Deklamationen., So hat uns einer der Hrn. Minister gesagt, der häusliche Herd sei kein Asvl mehr; der Friede der Familien sei gestört; es sei keine Achtung mehr für Religion, Wahrheit und Tugend zu finden; wir seien traurige Zeugen aller dieser Ausschweifungen; die Gerechtigkeit müsse dabei stumm bleiben, die Gesetze beschützten in ihrer Ohnmacht weder mehr die öffentliche Ordnung noch die Bürger, und wir sollten eilen, einer so traurigen Lage Einhalt zu thun. Vor drei Tagen kommt- ein anderer Minister, und spricht von unserer glücklichen Lage. Er versichert, mit Ausnahme einiger müßigen Leute genieße die ganze Bevölkerung mit Ruhe die Wohlthaten des Friedens; er drückt sich am Ende streng gegen diejenigen aus, welche Frankreich von einer andern Seite schildern, und wünscht sich Glück, daß das Land solche lügenhafte Deklamationen mit Gleichgültigkeit anhöre. Ich frage, wem hat hier der Hr. Finanziniiiifter anders geantwortet, als seinem Kollegen? — Der Großsicgelbewahrcr mit ruhigem Ton: Ich habe dies nicht gesagt; cS ist übertrieben. Hr. Düpont (de l'Eure) bringt Hrn. Constant die Stelle, die lautet: „Es ist ein großes Unglück, meine Herren, wenn die Gesetze ohnmächtig sind, und weder die öffentliche Ordnung noch die Bürger mehr hinreichend beschützen, man kann sich dann nicht genug beeilen, einer so traurigen Lage Einhalt zu thun...." Der Großsiegcl- gclbcwahrer: Lesen Sie weiter. Hr. Constant: „Zu dem Ende hat uns der König beauftragt, Ihnen den Gesetzes-Entwurf zu bringen, und seine Verfügungen zu entwickeln." (Allgemeines Gelächter.) Und Sie sollten noch ferner an Ministern hängen, die sich selbst nicht mehr verständigen! Sie sollten dem einen die Freiheiten der Franzosen ausliefern, weil er Ihnen Frankreichs Lage als traurig schildert, und dem andern das Geld der Franzosen bewilligen, weil er von unserer glücklichen Lage spricht! Dcputirte von Frankreich, sollen wir auf dieser düstern, schlangeuförmigen Laufbahn beharren? Solltet Ihr euer» Kommittenten sagen, ihr habt blos darum eure Vollmachten auf sieben Jahre verlängern lassen, um jedes Jahr einen Theil der Charte zu vernichten? Was C o n st a n t 25Z wird uns Frankreich bei unserer Rückkehr in das Privatleben durch die Bewilligung eines solchen Gesetzes für ein Schauspiel darbieten? Die aufgeklarte Klasse zum Stillschweigen verurthcilt, die arbeitende Klasse der Entblößung hingegeben, und wenn Las Ministerium uns angreift, so wird uns selbst jedes Mittel der Vertheidigung fehlen, wir werden zerbrochene Werkzeuge sein, weil wir gelehrig waren. Ich vottre die Verwerfung eines Entwurfs, der keiner civilisirten Versammlung hätte vorgelegt werden sollen. Von den Amendemcns der Kommission ist nur eines, den Stempel betreffend, zulässig. Alle andern werde ich bekämpfen, weil sie alle Fehler des Gesetzes-Entwurfs an sich haben. Alphonse de Lamartine/ berühmt unter den ersten Dichtern des neuern Frankreichs/ glänzt auch als polnischer Redner. Er wurde zu Maeon 1792 geboren. Das außerordentliche Unglück/ das seine Eltern durch die Revolution betraf/ und ihn mit/ gab seinem Gemüthe schon frühe jene ernste/ schwcrmüthigc Richtung/ die ihn zu einer so interessanten Erscheinung unter den französischen Dichtern macht; legte aber auch den Grund zu seinem fast schwärmerischen RoyalismuS/ den er bis auf die neueste Zeit hin beurkundet hat. Nachdem er das College zu Bellay verlassen/ lebte er bald zu Lyon/ bald zu PariS/ und bereiste zweimal Italic». Zm Z. 181L nahm er in der neu errichteten königlichen Leibwache Dienste/ trat aber / als diese durch Napoleons Rückkehr aufgelöst worden/ nicht wieder ein. Er bildete sich viel nach ChatcaubriandS und Bernardins de St. Pierre Schriften; und seine 1820 erschienenen „AI<-<1ic-liiun^ waren größten- theils ernst-religiösen Inhalts. Ein schöner Beweis für die große Veränderung/ die in dem Charakter der Franzosen vorgegangen ist/ ist der allgemeine Beifall/ mit dem diese Poesien aufgenommen wurden/ der sich noch bedeutend verstärkte/ als L. denselben eine neue Folge »nouvollc« ineüiintions poLtigne«" nachschickte. Aehnliche Gedichte/ auch Dramen (In mort üe Zoeinin) erschienen/ und befestigten seinen Ruhm. Er trat in die politische Laufbahn über/ und ward 1820 GcsandschaftSsekretär in Neapel/ dann in London/ und 1825 in Florenz. Nachdem er den Staatsdienst wieder aufgegeben/ lebte er bis zur Revolution abwechselnd in PariS/ und auf seinem Schlosse Pierrepoint. Im I. <831 wurde er zum Deputir- tcn gewählt. Eine Vrochüre von ihm „8nr I-, poliriguo rsuioic- ueile" erregte Aufsehen. Doch entzog er sich bald dem politischen Parthcikampf/ und machte 1832 eine Reise nach Konstantinopel/ Syrien und Acgypten, der wir jene Reiscbcschrcibung/ die Zierde der französischen Literatur/ verdanken. Auch in politischer Hinsicht hat sie Cclcbrität erlangt/ weil sie Lamartincn zu jener Rede über den Orient begeisterte/ die in ihrer Art unübertroffen in den Wer- kcn parlamentarischer Beredsamkeit dasteht. In den glänzendsten Farben wird uns ein Gemälde von einem Land entworfen, das nun schon so lange unter der Geisel des Despotismus schmachtet; in dem kühnsten Gcdankenschwung wird uns das Ideal einer Politik aufgc- stellt, wie stc freilich bisher noch nicht auf den Congreffen geherrscht, die aber geeignet wäre, Völkerglück und allen Segen echter Humanität in weiteren Kreisen und großartigeren Wirkungen, als es die Geschichte in irgend einem Zeitraum auszuweisen im Stande ist, auszubreiten. Doch das Kunstwerk redet durch stch selbst. Wir bemerken nur noch, daß diese Rede am 8. Januar <83i, unter den Zeichen der wachsenden Bewunderung aller Parthcicn gehalten worden ist. Lamartine sprach: Ich wende mich an die hohe Weisheit der Gesetzgeber, die ihre Blicke nicht nur auf einelr Punkt von Europa, für heute und morgen zu werfen pflegen, ich ersuche Sie um einige Aufmerksamkeit. Der chrcnwerthe Herr Bignon, dessen Erfahrung und hohe Superioritat in diplomatischen Dingen ich mit Ihnen achte, hat gestern die Frage des OricnlS mit den ihn auszeichnenden richtigen Ansichten und tiefer Vernunft abgehandelt. Ich stimme fast allen seinen Ideen bei, und weihe, wie er, Polen Thränen und Wünsche. Er hat aber «reine Ansicht nicht richtig verstanden, und ' vielleicht meine ersten Erwägungen falsch ausgelegt. Ich weiß, wie er, welche Klugheit, Schonung und weises Zögern die auswärtige Politik erfordert; auch konnte mir nicht einfallen, die französische Regierung, wie Hr. Bignon glauben mochte, auffordern zu wollen, allein in die Bahn einer neuen Politik in Bezug auf die Türkei einzugehen, sondern ich wollte zuerst die Aufmerksamkeit und das Nachdenken von'Europa über diesen so nahe bevorstehenden Wechselfall in Anspruch nehmen. Indem er dem von mir ausgedrückten Wunsche znr Verwirklichung dieser Politik der Menschlichkeit Beifall zollte, schien er ihn doch noch auf lange in das Gebiet der großherzigen Illusionen zu verweiln. Ich bin erstaunt, meine Herren, daß ein Staatsmann, der seit fünfzehn Jahren auf den Bänken einer gemäßigten und praktischen Opposition sitzt, der jedes Jahr der Regierung Ansichten und politische Systeme vorlegte, ohne daß die Staatsgewalt der betreffenden Zeit sie angenommen hätte; ich bin erstaunt, sage ich, daß ein solcher Mann sich jetzt der Regierung anschließt, um ein zwar kühnes, aber leichtes und nothwendiges System als unmöglich zu bezeichnen, und es eine politische Illusion zu nennen. Wir muffen, meine Herren, gegen diesen Widerstandsgeist der Regierungen, für welche besonders Gewohnheit eine Natur ist, auf der Hut sein. Die gerechtesten Forderungen der Menschlichkeit werden auf diese Lamartine. 255 Art als Chimäre behandelt. War etwa die Einführung des Christenthums auch ein solcher Traum? Waren die Emanzipation des Menschen, die Abschaffung der Sklaverei, die Kolonisirung von Amerika, die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, die Wic- dcrcrstehung Griechenlands, die Abschaffung des Negcrhandels auch Träume? bind doch wurden alle diese, so lange von den Regierungen bekämpften Resultate durchgesetzt. So wird eS auch mit dem Entwürfe gehen, den ich die Ehre habe, Ihnen vorzulegen. Meine Herren, wir haben eine Mapime unserer französischen Philosophie, die mit Recht sagt, daß unsere großen Gedanken aus dem Herzen kommen; man kann, mit noch mehr Recht, sie umkehren, und sagen, daß in der Politik die großen Gedanken von dem Volke kommen. Das Volk ist das Herz der Menschheit, der brennende und schaffende Herd, aus welchem die neuen und fruchtbaren Ideen entspringen und sich durch eine Art von allgemeinem Instinkt noch lange, bevor die Regierungen sie annehmen, fortpflanzen. Ich wende mich daher vorzugsweise an Sie, meine Herren, als Repräsentanten dieser Instinkte und dieser Großherzigkeit des Volks, indem ich auf ein neues politisches System in Bezug auf den Orient antrage. Ich werde mich naher erklären, meine Herren: ich will nicht, daß die Türkei untergehe, daß ein großes Reich in Las Nichts, oder in die Wüsten von Asien zurückgeworfen werde. Ich will nicht, daß ein neuer Kreuzzug, ein civilisi- rendcr Fanatismus der Civilisation durch den Säbel Platz mache. Gott behüte! Denn alsdann würden wir Barbaren sein. Ich schätze und liebe die Türken; ein Gefühl, das alle diejenigen zurückbringen, die, wie ich, Gelegenheit hatten, unter diesem großmüthigen Volke zu leben. Wenn ich aber der Wahrheit und Dankbarkeit schuldig bin, diesem Menschenstammc als Individuen, als menschlicher Familie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so bin ich auch der Menschheit schuldig, zn erklären, daß als Regierung, hauptsächlich aber als Verwaltung, er als die absoluteste Negation jeder möglichen geselligen Vereinigung, als Barbarei in ihrer ganzen brutalen Wahrheit, als permanenter und organisirter Selbstmord der menschlichen Gattung anzusehen ist. Da es sich hier von einem wirklichen Zustande, von einem Verhältnisse von Thatsachen handelt, so erlauben Sie mir, mich auf Bemerkungen zu bezichtn, die ich für Sie vorbereitet habe. Wenn Sie, meine Herren, von einem Reiche, von einem unermeßlichen Staate sprechen hören, der die schönsten Theile von Europa und Asien mit seinem Namen bedeckt, und mehr als die 25ü Skaaksreden. Hälfte des Gestades des mittelländischen Meeres umfaßt, so geben Ihnen natürlich die Worte Nation und Reich die Idee von etwas Aehnlichcm von dem, was wir so nennen. Sie stellen sich sogleich ein Vaterland, eine Familie, ein Eigenthum, einen durch Menschenhand bebauten und verschönerten Boden vor; Sie sehen da bleibende Stätten, wo die Familie sich vermehrt und der Familie folgt; eine Konsanguinität des Menschen und des Bodens, wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf; und daher dieses Gefühl des Eigenthums, die zweite Natur des gesellschaftlichen Menschen, woraus alsdann jenes andere Gefühl des kollektiven Eigenthums entsteht, das wir Patriotismus nennen. Doch Sie irren sich sehr, meine Herren, von allem diesem ist nichts vorhanden. Einige auf dem Boden umherwandcrnde Horden, die nie Wurzel darauf fassen, wie dies bei den Bevölkerungen des OccidcntS der Fall ist; Völker dem Namen nach, aber verschieden in Namen, Ursprung, Religion und Sitten, die einen in die Wüsten von Arabien oder von Aegypten, die andern auf die unzugänglichen Höhen des Libanons oder des Taurus geworfen; jene in die Orden des innern SprienS, nach Aleppo oder DamaSkuS, jene zwei großen Kara- vanseraien, an den Gränzen der Wüste von Bagdad, für die Ka- ravanen von Indien; diese in die fruchtbaren Thäler von Mace- donien und Thracieu sich ergießend. Griechen, Armenier, Bulgaren, Juden, Marcniten, Drusen, Matualis, Serben leben da und dort, wo der Wind des Schicksals sie hingedrängt hat, ohne Gedanken, ohne Anhänglichkeit, ohne Sitten, ohne Gesetze, ohne Religion, ohnr gemeinschaftliches Vaterland, heute unterworfen, morgen in Empörung gegen die Paschas, welche Konstantinopcl abschickt, um Qualen zu erdulden oder aufzulegen, ohne eine andere Bestimmung, als diesen Völkerschaften die prekäre Hülfe zu entreißen, die ihre angestrengte Arbeit anhäufen mochte, und die Wüste um sie her wieder zu bereiten; undisziplinirte Banden durchziehen unter dem Namen von Armeen Provinzen, deren Bewohner bei ibrcr Annäherung entfliehen; umherirrende Völkerschaften, die heute hier, morgen dort sind, damit die Tyrannei nicht erfahre, wo sie zu fassen sind. Ebenen ohne Pflüge, Meere ohne Schiffe, Flüsse ohne Brücken, Ländercien ohne Besitzer, Dörfer aus Lehm und Schilf, eine Hauptstadt aus Holz gebaut; Trümmer und Verheerung auf allen Seiten, dies ist das ottomanische Reich. Inmitten dieser Ruinen, dieser Verheerung, die sie gemacht und unaufhöriich wieder machen, stellen in jeder Provinz einige tausend Türken, die alle in Städten konzcntrirt'sind, schläfrig, Lamartine. 257 entmuthigt, nie arbeitend, erbärmlich von dem an der Arbeit der christlichen und arbeitsamen Race gemachten gesetzlichen Raube lebend, die wahren Einwohner und die Gebieter dieses Reichs dar. Und dieses Reich, meine Herren, wiegt für sich allein ganz Europa aus; sein Himmel ist schöner, sein Boden fruchtbarer; seine Häfen sind größer und sicherer, seine Erzeugnisse kostbarer und mannichfaltiger; es umfaßt 60,000 Quadratmcilen. Wollen Sie nun die gegenwärtige militairische und politischeLage kennen lernen? Sie ist folgende: Die Walachei und Moldau erkennen nur dem Namen nach seine Souverainctät an, und sind in der That unter der Garantie Rußlands fast unabhängig. Serbien, das für sich allein wenigstens den dritten Theil der europäischen Türkei ausmacht, mehrmals sich empört hatte und ganz christlich ist, hat definitiv seine Trennung und seine Unabhängigkeit unter der Regierung des Fürsten Milosch, eines gewandten und muthigen Patrioten, der würdig ist, ein Volk zu befreien und zu civilisiren, ausgesprochen. Die Bulgaren, welche die beiden Seilen der Balkans mit ihren großen und zahlreichen Dörfern bedecken, und sich bis in die Gegend von Adrianopel erstrecken, eine zahlreiche, redliche, arbeitsame Nation, gestatten nur wenigen Türken in ihrer Mitte den Zutritt, und trachten darnach, sie ganz auszustoßcn. . Die Gebirge von Macedonicn sind mit griechischen, albanesischcn, arnautischen Stämmen bevölkert, die meistens ebenfalls christlich sind und bei jeder günstigen Gelegenheit aufstehen, um jene sturmvolle Freiheit zu erobern, wovon ihnen Mcrea das Beispiel darbietet. Morea, Negropontc haben sich schon völlig unter dem Schutze der europäischen Mächte frei gemacht; die Ebenen von ALrianopcl bis Konstantinopcl sind gänzlich entvölkert; man stößt nur in der Entfernung von einer Zugreife auf einige verlassene Khans, oder einige zertrümmerte Flecken, von Türken und Griechen bewohnt. Nur die Griechen bebauen einige Felder, die man ihnen um diese Trümmer her anweist. Die Inseln des Archipels betreffend, so besitzen die Engländer die sieben ionischen Inseln, die Griechen begreifen unter ihrer Unabhängigkeit die an ihrer Küste gelegenen Inseln. Von den zwei schönsten, Eandia und Cypern, gehört Eandia dem Pascha von Aegypten. Cvpern gehört noch den Türken, aber diese Besitzung, 80 Stunden lang und 20 bis 25 breit, die ganz zum Anbaue taugt, in tropischen Erzeugnissen höchst fruchtbar ist, nährt nur noch eine Bevölkerung von 20 bis 30,000 cypriotischen Griechen, die unter der Herrschaft von einigen hundert Türken stehen. Auf dieser Insel brechen 17 25« Ttaatsreden. läufig Aufstünde aus, und es hindert sie nichts, ihre Unabhängig. , keit auszurufen, als der Mangel an Garantie, sie zu behalten. , Rhcdus ist in demselben Falle; Stanchis, Mitylene, Chios, alle von Griechen bevölkert, sind nur unter den bittersten Gefühlen und bedingt unter die Herrschaft der Pforte zurückgekehrt; SamoS widersteht noch allein den Flotten des Großherrn. Der Hauptthcil von Kleinasien, wovon blos die Ufer bewohnt sind, dieses uncrmcsilichc Earamanien, das sonst mehrere Königreiche umfaßte, enthält jetzt nur noch Wüsten. Und doch findet man hier noch von der milhamedanischen Bevölkerung die größten Massen. Mit Ausnahme von Brussa, Smvrna, Konva und Kiu- tahia, vier großen Städten, wo die türkische Bevölkerung vorherrscht, steht das klebrige unter der Gewalt der Turkomanen, eines wilden und nomadisirenden Volkstammes, welcher die Seiten des TaurusgebirgS bedeckt, sich daselbst gegen die Tyrannei der Pascha's vertheidigt und in die Thäler herabkommt, um seine Hcerden nach den Ebenen zu führen, oder sie, wenn man sich widersetzt zu verheeren. Sie können sich einen Begriff von der Stärke des NationalbandeS machen, das diese Länder und diese Städte an die Hauptstadt knüpft, wenn ich Ihnen sage, daß im kaufe deS letzten KricgS zwei Offiziere, die auf 50 Stunden Entfernung von Ibrahim Pascha nach Smvrna geschickt -wurden, dessen Autorität in dieser Stadt von itU>,0«n Seelen anerkennen machten, und daß alle Völkerschaften von Earamanien nicht Einen Soldaten gegen ihn stellten. Syrien, dieser Garten der Welt, ist noch der schönste und fruchtbarste Theil des OricntS. Umherirrende Araber, landbauende Araber, Drusen, MatualiS, Maro- nitcn und Muselmänner, syrische Griechen leben daselbst und theilen sich in daS Land; die Türken machen kaum den zwanzigsten Theil seiner Bevölkerung au§. Die Städte am Secufer, Alepan- drette, Latakia, Tripoli, Bavruth^Saide, Jaffa und Gaza, enthalten viele Ehristcn. Fast der ganze Libanon ist in der Gewalt der Maroniten, einer arabischen und katholischen Nation von zwei Millionen Seelen, die durch ihren Muth und ihre Tugenden eine faktische Unabhängigkeit errungen hat, die Besitz hat, anbaut, die den Handel und Civilisation achtet, und, wie ich glaube, der Keim zu einem wakcrn, in diesem Theile der Welt herrschenden Stamme sein dürfte. Sie erkennt die Autorität des großen Emirs der Drusen, deS Emir Beschir an, eines politischen und kriegerischen Greises, den die Türken und die Acgvptier gleichmäßig geschont haben, der durch einen Bcfebl, 50,000 Streiter aushcben kann, vor dem bald Lamantin«, 25S Aleppo, bald Damaskus, Jerusalem und die Küsten zittern, und der dann wieder in seinen Pallast von Pleden oder Dachet el Ka- mar, das Her; seines HerrschergebictS, eine auf hundert Stunden umher unzugängliche Festung, zurückkehrt. Er gehorcht den Türken nur so wie Vasallenmächte des MittelalrerS ihrem ilehnsherrn gehorchten. Damaskus erhebt sich, groß und isolirt, inmitten der Wüste. Seine Bevölkerung ist türkisch, aber sie umfaßt 100,000 christliche Armenier und viele Juden. Das übrige Gebiet ist mehr die Beute als der Besitz arabischer Stämme, unabhängiger Familien in der großen musclmännischen Bevölkerung, die bald aus Raubsuchl bald aus Lauue von einer Herrschaft zur andern übergehen. Jerusalem erhebt sich an der Gränze von Syrien zwischen dem steinigen Arabien und den Wüsten AegvptcnS, als eine neutrale, arme, unmächtige, an jedes Joch gewöhnte Stadt, ein gemeinschaftlicher Mittelpunkt aller christlichen Vereine, und auch für die Muselmänner, welche die Moschee Osmanns auf den Grund des Salomonischen Tempels gebaut haben, eine heilige Stadt. Hier geht in diesem Augenblicke einer der wunderbarsten Austritte jener flüchtigen Dramen des Orients, vor. Sie kennen die Empörung Mehcmed AlllS und den Ruhm seines Sohnes Ibrahim, die beide, der Vater durch seine Politik, der Sohn durch seinen Degen, große Männer sind. Ich war Zeuge seiner Triumphe; ich sah ihn jene Mauern von St. Jean L'Acre überwältigen, die selbst Napoleon nicht harte erschüttern können, als Eroberer ganz Syrien durchziehen, Damaskus 'und Aleppo unterwerfen, zweimal mit Kraft und Kühnheit die zwei, letzten Heere des Sultans zerstreuen, den Großwessier gefangen nehmen, und nur einige Tagc- märsche von Konstantinopel vor einem Briese eines europäischen Botschafters still halten. , Er würde daselbst ohne Hinderniß eingerückt sein; er würde selbst die Hauptstadt des Reichs besiegt, und trotz des Widerspruchs der Gesetze und der Sitten eine neue Dynastie gegründet haben. Der ganze Orient verstummte vor ihm, ' wie vor Alexander dem Großen; aber ein Wort des OccidentS hält ihn auf, er weicht zurück und läßt sein Werk der Macht und des Ruhms unvcllbracht. Dieser einzige Zug, „leine Herren, zeigt Ihnen die Herrschaft der Eivilftation über die Barbarei; selbst die siegende Barbarei hat das Bewußtsein ihrer Schwäche. Daraus geht hervor, was Europa thun kann, wenn es Einsicht und Gefühl seiner Mission hat! Ibrahim, meine Herren, civilisirt nicht, er erobert; erringt Siege; er unterwirft durch ftln Genie und seine Kühnheit zitternde Völkerschaften, denen am Namen ihres Unter- 260 Staatsceden. drückers wenig liegt! Er beschäftigt sich nur mit seinen Soldaten; er hat nur für seine Armee eine Verwaltung: Alles bleibt in Aegnpten und in Svricn auf demselben Fuße der Barbarei, wie vor seiner Eroberung; er ist ein Meteor, das glänzt und vergeht, daS verheert und nicht gründet, und das bei seinem Tode nur das Geräusch und die Betäubung eines Meteors hinterlassen wird! Seine Eroberungen erklären Ihnen die Alcrandcrs des Großen, in Ländern, wo cS weder Nationalität noch Eigenthum, noch Vaterland gibt; der Eroberer findet nur Sklaven, und der Sieg wird immer begrüßt! Sie sehen aus dieser kurzen Schilderung, meine Herren, daß das ottomanischc Reich kein Reich, sondern nur eine unförmliche Zusaininenftigung verschiedener Racen, ohne Gleichförmigkeit der Sprache, der Gesetze, der Religion, der Sitten, und ohne Einheit und Festigkeit der Staatsgewalt ist! ,Sic sehen, daß dies die um- fassendst konstituiere Monarchie ist, wovon je politische Phänomene ein Muster dargeboten haben. Sie sehen, daß der Lebenshauch, der es beseelte, der religiöse Fanatismus, erloschen ist; Sie sehen, daß seine jämmerliche und blinde Verwaltung selbst den Stamm der Sieger verzehrt hat, und daß die Türkei aus Mangel an Türken zu Grunde geht! Im Mittelpunkte dieser ungeheuren Anarchie crlrebt sich die Hauptstadt des Islamismus, mit einem Fuße auf Europa, mit dem andern auf Asien. Der Sultan Mahmud, ein im Unglück aufgewachsener Fürst, der den Verfall des Reichs fühlt, und ihn nicht verhindern kann, scheint endlich an seinem Throne und seinem Volke verzweifelt zu sein, und verlangt vou der russischen Macht, die er vergebens zu bekämpfen versucht hatte, einen Rest der Regierung, einen Schein der Kraft und der Herrschaft. Rußland allein, meine Herren, hat daS Zusammenstürzen dieses Throns, die definitive Zerstücklung dieses Schattens von Souveränctät verhindert. Noch einige Tage — und der Sultan war nicht mehr, und Kcnstantinopcl sah die Araber eindringen. Zieht Rußland seine eigennützige, aber beschützende Hand zurück, so wird noch jetzt das Reich* zusammenstürzen. Und selbst unter diesem demüthigenden Schutze seines Feindes zittert die Pforte und hat der Sultan keinen ruhigen Schlaf. Er war eines TagS ein großer Mann gewesen, an dem Tage, wo er durch Verstellung, persönlichen Muth und kühnen Geist die erbliche Herrschaft der Ianitscharen zerstört hatte. Es gibt aber Staaten, deren LcbcnSprinzip in ihrer fehlerhaften Einrichtung liegt, und die eine Reform tödtet, statt ihre Wiedergeburt zu bewirken! So verhielt eS sich mit dem otto- manischcn Reiche. Der militairische Geist, der nur der Volksfana- tiSnnlS war, verschwand mit den Ianitscharen. Es gibt dort keine Armee mehr, die Nationalsittcn können sich nicht unter weichlich und blind aufrecht gehaltene Reformen schmiegen! Was soll nun jetzt Europa thun, wenn es eines Tags erfährt, daß dieser letzte Schatten der Souveränctät verschwunden ist? Soll es ewig sich selbst gegenüber bewaffnet bleiben und zuschauen, wie die letzten und langsamen Zuckungen des orientalischen Reichs ein- Lamartine. 26 t treten? oder wird cS selbst den Krieg beginnen, Hinzu verhindern, daß die Zerstückelungen des ottomanischen Reichs nicht einer oder der andern der Mächte, die cS ausmachen, zufallen? Wird es sich jemals durch Armeen und Schätze dahin verständigen, diese furchtbare Lücke, die eine wahrscheinliche Revolution im Oriente vorbereitet, auszufüllen, und wird es sonach diesen schönen Theil von Europa und von Asien zu einem ewigen Wittwcnstand, zu einer Unfruchtbarkeit und zu einer Wüste vcrurthcilcn? Nein, meine Herren, dies würde noch barbarischer als die Barbarei selbst, es würde sogar nicht mehr möglich sein. Rußland, im Besitze der Herrschaft des schwarzen Meeres und der Pforte des Bosporus, vorgeschobene Schildwache über die Gränze des Orients, durch die Nordwinde begünstigt, die drei Vierteljahre im Jahre in diesem Meere vorherrschen, wird immer zuerst an den Gestaden anlangen, wohin sein Geschick und sein Ehrgcitz cS rufen, und überdies wird ihm die Sympathie der Religion bei der unermeßlichen griechischen Bevölkerung dieser Weltftreeke beständig in dem Nationalgeist ein Element des Sieges an die Hand geben, das wir nie bekämpfen könnten. WaS ist also zu thun? Folgendes, meine Herren. Die Zukunft ist oft in die Vergangenheit mit Zeichen eingeschrieben, die wir nicht verstehen, die sich aber durch die Ereignisse und die Zeit erklären und enthüllen. Europa wird das thun, was vormals geschehen ist, das, was in einem andern EroberungS- geistc jenes römische Reich gethan hatte, das es jetzt ersetzt. Es wird den orlffs i-oinanus herstellen, diese römische Welt, deren Spuren cS bei allen Trümmern jener römischen Städte wiederfindet, die sich sonst an allen Gestaden von Kleinasien erhoben. Es wird diese alte Welt herstellen, diese allgemeine Herrschaft, aber nicht mehr durch die Gewalt der Waffen und durch eine unfruchtbare Ruhmsucht, sondern durch daö bloße und natürliche Vorherrschen seiner Aufklärung, und durch einen Geist der Großherzigkeit und der Philanthropie. ES wird dies ohne Hinderniß, ohne Kampf, ohne Vcrgicßung eines menschlichen Blutstropfens thun, da Menschenblut ihm einen andern Werth hat als dem heidnischen Alterthum. Wie wird cS dazu gelangen? Mit Einem Worte, meine Herren, dadurch, daß es seinen souverainen Willen feststellt und promulgirt! Die Kanonenschüsse von Navarin hatten einen laugen Wiederhast im Oriente. Selbst die Träume der großen Unterdrücker deS OricntS verirren sich nicht bis zu einem Kampfe mit Europa. Und Sie haben gesehen, wie der Eroberer selbst in der vollen Trunkenheit seiner Siege, Ibrahim, stillhielt, und auf die bloße Notifikation der Mächte, die ihm in sein Lager von Koniah durch einen Tartaren überbracht ward, in seine Wüsten zurückkehrte. Dies sagt Ihnen, was erst dann geschehen würde, wenn Europa seine mächtige Stimme im Einklang erheben sollte. UebrigenS täuschen Sie sie sich ja nicht! ES ruft Sie eine unermeßliche Sympathie dazu auf, die christliche Bevölkerung bietet Ihnen offene Arme dar, der Islamismus selbst wartet und ist resignirt, und der Fanatismus spricht diesmal wie die Vernunft. Alles hat den In- 262 StaatSccden. stinkt dessen, was kommen soll. Es gibt, meine Herren, zwei Rechte, welche die Jahrhunderte abwechselnd auf der Erde geltend gemacht sahen. Das Recht der Gewalt und der Eroberung, ein rohes und barbarisches Recht, das ich niemals anrufen werde, ein brutales Recht, gegen das jede Civilisation gegründet ward und sich entwickelt. Es gibt noch ein anderes, nicht minder beherrschendes, nicht minder unfehlbares, aber bei weitem mehr moralisches und göttliches Recht, das ich anrufe, das die Welt ohne ihr Wissen anerkennt, ncmlich das Recht der Civilisation, LaS Sie ohne Kampf und ohne Hinderniß siegen lassen wird. Ich werde Ihnen nicht sagen: stürzt das cttomanische Reich zusammen! Macht der Civilisation durch den Säbel Platz! Verfahrt mit Gewalt gegen bestehende Rechte, gegen Nationalitäten, gegen Sitten, gegen Gesetze, gegen alte Religionen! Gott behüte mich, meine Herren; ich vertraue zu sehr der Vorsehung, ich achte zu sehr das Geschick; ich weiß zu gut, wie oft der Mensch seine schwache Vernunft an die Stelle der höchsten Vernunft der Dinge setzt. Aber ich werde Ihnen sagen: Seht zu! Bereitet euch vor! Berathet euch, und haltet euch an eine fruchtbare, civilisircndc Idee, die früher oder später ihre Anwendung finden wird! Gründet die heilige Allianz und die Civilisation! Dies, meine Herren, scheinen mir die Mächte von Europa mehr oder minder bald zu verwirklichen berufen; diesen Gedanken habe ich von Ort und Stelle zurückgebracht, wo er in allen Gemüthern, in allem Volksinstinkte liegt, und diesen möchte ich nun von Ihnen, meine Herren, als dem großen Konseil von Frankreich, und dein Hanptherde der politischen Gedanken von Europa getheilt sehen. Wenn das ottomanischc Reich unter seiner eigenen LebcuSunmacht erliegt, so werden die Mächte einen Kongreß eröffnen, und Frankreich wird dabei, im Vereine mit seinen Verbündeten als Prinzip festsetzen: 1) daß keine isolirte Macht bei den Ereignissen des Orients, die unmittelbar auf den Sturz des RcichS folgen würden, interveniren dürfe; 2) daß ein allgemeines und kollektives Protektorat deS Westens über den Osten als Grundlage eines neuen europäischen politischen Systems zugelassen werden solle; 3) daß die ersten Bedingungen dieses neuen öffentlichen Rechts die Unverletzlichkeit der Religionen, der Sitten und der Rechte der bestehenden, in diesen Ländern früher vorhanden gewesenen partiellen Svuvcrainctäten sein sollten, da Gewalt niemals auf Religionen einwirken dürfe, die nur durch Gewissen und Aufklärung modisizirt und erleuchtet werden können; I) daß zu gehöriger Anordnung dieses allgemeinen und kollektiven Protektorats die europäische und die asiatische Türkei, so wie die davon abhängenden Meere, Jnstln und Häfen in partielle Protektorate oder in Provinzen, die jenen afrikanischen und asiatischen Provinzen ähnlich waren, wohin die Römer ihre Bevölkerungen und ihre Kolonien schickten, abgetheilt, und daß diese Protektorate, in Gc- mäßheit nachfolgender Konventionen den verschiedenen europäischen Mächten zugewiesen werden sollen; 5) daß im Falle eines KriegS zwischen den europäischen Mächten, welche Schutzmächte dieser Pro- Lamartine. 26Z vinzcn sind, die Protektorate des OrientS in einer vollständigen und beständigen Neutralität bleiben würden. Auf diese Prälimi- nargrundlagcn würde sich diese» umfassende System friedlicher Herrschaft festsetzen, das einen Theil des Erdballs wieder bevölkern und, civilisiren, und im Laufe der Zeit, in einer gemeinschaftlichen Verwandtschaft der Racen, der Religionen, der Sitten, der Industrien und der Aufklärung Europa mit Asien verschmelzen würde. Ich will mich nicht über die materiellen Resultate einer solchen politischen Organisation verbreiten. Sie sind zahllos; sie erklären sich von selbst. Noch weniger will ich mich über die Territorial - Eintheilung und die größere oder geringere Ausdehnung der jeder Mackit zugewiesenen Protektorate verbreiten. Dies ist das Werk der Kongresse, dies ist die Frucht der Erörterung der verschiedenen Interessen und Konvenienzen. Hier würde sich dann auch die Frage der Ausgleichungen für diejenigen Mächte von Europa eröffnen, die bei der Theilung dieser Protektorate weniger begünstigt sein sollten, und hier könnten dann auch die Grundlagen einiger Nationalitäten von Europa nach den Sympathien der Sitten oder den Erfordernissen der Gränzen mehr erweitert werden. Ist einmal ein großes und nützliches System zugestanden, so befruchtet cS alle andern Svstemc. Eine politische Wahrheit erzeugt unvermeidlich andere Wahrheiten; eine breite und gerade Bahn führt zu allen glücklichen und unerwarteten Resultaten. Dies sind die Ideen, die ich in dieser Erörterung aussäen,, und noch ganz warm von den örtlichen Eindrücken und Wahrheiten, der Weisheit Ihrer Berathschlagungen vorlegen wollte. Ich habe Sie in einer der letzten Sitzungen von den unermeßlichen und wohlthätigen Resultaten, unterhalten, die eine solche Politik auf das Gedeihen des Menschengeschlechts und auf die moralische und religiöse Civilisation der Welt haben würde. Sie sehen jetzt ein, welche Resultate dieselbe Politik für Europa selbst haben würde, und welche neue umfassende und gesetzmäßige Bahn sie dem rivali- sircnden Ehrgeitze der Nationen des Westens, dein Leben, dem Handel, der Industrie, der ungeduldigen Regsamkeit ihrer Bevölkerungen eröffnen würde. Sehen Sie nm sich, meine Herren: inmitten ihrer wunderbaren Fortschritte seufzt und klagt die Bevölkerung; es fehlt ihr etwas, das sie blind von der Politik, vom Kriege, von der Arbeit verlangt, und das Sie ihr nicht geben können! Ihre zunehmende Civilisation, ihre vervielfachten Kenntnisse, ihre mehr in die Tiefe herabgedrungene Belehrung, ihre durch neue Leidenschaften erweckte Thätigkeit haben ihr auch neue Bedürfnisse, unermeßliche Bedürfnisse geschaffen, denen ihr gegenwärtiger Zustand nicht Genüge leisten kann. Sie bedarf zweierlei Dinge: eine Moral, die ihr die Aufklärung gewähren wird; Sie arbeiten jetzt schon, und werden noch mehr daran arbeiten, das erste Bedürfniß der Völker zu befriedigen. Noch ist ein zweites nöthig: eine umfassendere und den Kräften und dem Ehrgeitze, welche der Unterricht bei ihr entwickelt und immer mehr entwickeln wird, angemessenere Sphäre der Thätigkeit, eine Nahrung für ihre 264 SlaalSreden. Lamartine. unermüdliche Regsamkeit und ihren Durst nach Arbeit und Reichthum: Kolonien. Mauken Sie, daß wenn Rom nicht die Well besessen hätte; wenn es nicht unaufhörlich auf das römische Universum, wie ein allzu angefüllter Bienenstock, seinen Ucbcrfluß an Kraft, beben und Thätigkeit ausgebreitet hätte; wenn cü nicht seinen Demagogen Provinzen zu geben gehabt hätte, um sie zu regieren; wenn cS keine Ländercicn, um sie an seine Veteranen zu vertheilen, gehabt hatte, glauben Sie, daß es dann nicht hundertmal zu Grunde gegangen, von seinen eigenen Händen zerrissen, von seinem eigenen Lebens- und Encrgic-Uebcrfiuß erstickt worden wäre? Es fühlte dies, meine Herren, und sein Instinkt war die Eroberung. Das neuere Europa ist das, was Rom war. Sein Instinkt ist die Arbeit und Civilisation; ein erhabener Instinkt, der eben so sehr über den von Rom erhaben ist, wie unsere Moral der Religion und der Liebe über die Sklaverei, dem öffentlichen Rechte der Barbarei erhaben ist. Wohlan! meine Herren, möge Europa sich selbst verstehen; möge es Asien und Afrika kolonisiren; möge es sich an diesen öden Gestaden mit dem Ueberfluß seiner Thätigkeit, mit seinen edlen Leidenschaften, mit seiner fortschreitenden Civilisation und Religion verbreiten; möge es in diese verlassenen Regionen eindringen, die eine eifersüchtige und selbstmörderische Politik ihm auf immer verschließen möchte; und Sie, meine Herren, stellen Sie sich an die Spitze dieses heiligen KrcuzzngL der Menschheit, indem Sie die Idee, die bereits in dem ganzen'Oriente keimt, und die ich nur die Ehre hatte Ihnen zuerst vorzutragen, genehmigen. Zum Schlüsse, meine Herren, noch eine einzige Erwägung. Sie haben das Meer mit Ihren Kriegsschiffen bedeckt, Sie haben sich, wie alle europäischen Nationen, der Demüthigung, des Vi- silationSrcchtS unterworfen, Sie haben fast alle Ihre Kolonien geopfert, von jenem allmächtigen Instinkte Menschlichkeit, der stärker als selbst die Interessen ist, angetrieben, und alles dies, um den Handel mit einigen elenden Negern zu hindern, die durch die Habsucht an die Tnrannci verkauft wurden, und wenn es sich davon handelt, eine Hälfte der Welt frei zu machen, selbst die Outsider Sklaverei auf immer zu vertrocknen, und das Menschengeschlecht an Gestaden, die es verzehren, zu vervielfachen, sollten Sie da wohl Bedenken tragen? Und sollte ein solches Resultat nicht einiger großherzigen Bemühungen werth sein? 't 4 'tt ^7 'K§' -"s^ . ' 7.'..' -"' - - ^.-- V -' --< ^ L' ' ' » ' >/'-" 5-rch?^'^- .He-" Kr^^üLrM»' «^-^rsrLLÄL^^Äi .1 ' MD W»««» ÄMEKM -r >. E- Geschichte der politischen Beredsamkeit unter den Deutschen. Der selige Eichhorn sagt in seiner 1807 erschienenen Liter«» turgcschichtc: „In Deutschland stand bischer und steht noch jetzt Staats- und Gerichtsverfassung einer Beredsamkeit entgegen / wie sie die Alten geübt hatten/ und Britannien gegenwärtig noch besitzt. Aller Unterricht in ihr ist daher eine bloße Schulübung/ die nicht den Zweck hat/ künftige Redner zu bilden/ sondern den Geist im Denken und in der Fertigkeit des Ausdrucks zu üben/ und die Einbildungskraft zu entwickeln und zu stärken. Und die dadurch erworbenen GcisteSfcrtigkciten haben seit -der Entstehung einer schönen Literatur in Deutschland dem prosaischen Vortrag überhaupt/ nicht aber der Beredsamkeit (im engern Sinn des Worts) aufgeholfen. Wie selten sind Gelegenheiten / bei denen sich ein deutscher Redner zeigen könnte! ES gab allerdings von jeher feierliche Tage/ an denen ein Redner auftreten mußte/ wie bei Gesandtschaften/ bei StaatS- und bürgerlichen Feierlichkeiten: aber für deutsche Beredsamkeit war an denselben kein Raum! Häufig war er dabei auf die französische Sprache eingeschränkt: und wenn dieses auch der Fall nicht war/ doch nur auf ein bloßes Compliment/ in welchem alle Worte mußten aufs genaueste abgemessen werden/ um Niemanden von Titel und Rang etwas zu vergeben: ein politischer PedantiS- mus/ der jedem Gedanken und Ausdruck lähmende Fesseln anlegte. Die Redner selbst schämten sich der ihnen dabei znr Pflicht gemachten schwerfälligen Phrasen/ so daß sich in neueren Zeiten kein solcher politischer Redner dem Hohn der Bekanntmachung Preis geben mochte.« Wie merkwürdig hat sich das Alles in dem kurzen Zeitraum von so Jahren geändert! Zwar nicht so/ als ob die gegenwärtigen Verhältnisse eine nach allen Richtungen freie Entwicklung der politischen Beredsamkeit besonders begünstigten; aber welche hoffnungs- volle Blüthen sahen wir nicht in dem kurzen Zeitraum von zwei Jahren vor uns aufgehen/ und durch welche schöne Belege trefflicher Anlagen und grosisinnigcn Talentes zu deutscher Beredsamkeit ist unsere Literatur nicht bereichert worden! Was wir aber noch höher anschlagen/ ist/ daß der Geist der Verfassungen der meisten deutschen Länder die Ausbildung des ehrendsten Abzeichens des Mannes/ der Beredsamkeit bedingt/ ja voraussetzt. Die auf das Rcpräsentativsystcm begründeten Kammern/ fordern — mögen sie 268 StaatSrrdcn. auch in andern Beziehungen gerechten Erwartungen nicht entsprechen — Uebung und Fertigkeit im scharfen/ bündigen und schönen mündlichen Ausdruck; die Oeffcntlichkeit und Müudlichkeit des Gerichtsverfahrens/ durch dessen allgemeine Einführung Preußen so rühmlich voran leuchtet/ gewinnt immer breiteren Boden; die Administration des Schul-/ Kirchen- und ArmenwesenS/ vor Allem aber die des GemcindehauShaltS ist dem Bürger mehr oder weniger zurückgegeben und übertragen; lauter Mittel und Veranlassungen/ die für allgemeinere Verbreitung wenn auch nicht der Beredsamkeit selbst/ doch wenigstens der nothwendigen Vorschule für dieselbe/ der Uebung in zusammenhängenden/ öffentlichen Verträgen/ die schönste Gelegenheit bieten. ES ist wahr/ wir könne»/ was politische Beredsamkeit betrifft/ nicht mit Engländern und Franzosen uns meffen; und die nach vorliegender Mustersammlung zu ziehende Parallele müßte um so ungünstiger ausfallen/ als wir vielleicht gerade einige der bcßtcn Reden aus bekannten Gründen hier nicht mit aufführen; aber daß wir seiner Zeit auch hierin nicht zurückbleiben werde»/ dafür diene zum Beleg/ was wir in der akademischen und geistlichen Beredsamkeit Ausgezeichnetes auszuweisen haben/ und wovon wir in dem „Anhang" einige Proben geben. Wir sind der Zeit glücklich entronnen/ wo man/ außer dem Felde der Kanzel, beredsamkcit/ in dem weiten Gebiet unsrer Literatur keinen andern Beleg für die Beredsamkeit der Deutschen beizubringen wußte/ als — Engels Lobrede auf Friedrich II; und mancher von unsern Lesern erinnert steh vielleicht noch/ welche Anstrengung und Hinauf- schraubung unsers ganzen Wesens uns zugeinukhct wurde/ um eine Rede als Meisterwerk bewundern zu können/ in deren Klingprosa durch tönende Stellung der Wörter/ und kostbare Wendungen der Mangel au Gedanken gleichsam übertäubt wurde. Der höhere Ernst unsrer Zeit hat auch unsrer Beredsamkeit eine höhere/ würdigere Richtung gegeben; obschvn der ihrer Uebung günstige Zeitpunkt ein viel zu kurzer war/ als daß sie zu einem bestimmten Gepräge sich hätte ausbilden können. Im Allgemeinen muß man darum sage»/ daß die einzelnen Reden noch sehr an den Hauptberuf der Redner (als deren vorzüglichste stch in der Regel die Lehrer an Hochschulen/ oder RcchtSanwälte herausgestellt haben) erinnern; daß ste darum/ während ihnen noch die parlamentarische Leichtigkeit und Beweglichkeit/ kurz das eigentlich rednerische Gepräge abgeht/ durch Gründlichkeit in der Beweisführung/ durch logische Ordnung/ Präciston des Ausdrucks/ und wissenschaftliche Gediegenheit gewiß den Vorzug vor den meisten oft so glänzenden rednerischen Ergüssen unsrer belebteren Nachbarn behaupten. i Barbarossa. 269 Friedrich Barbarossa. Wir eröffnen die Reihe unsrer Redner mit einer der schönsten Erinnerungen aus unsrer Geschichte/ mit der an die Blüthe und Hoheit des deutschen Reichs unter dem kräftigsten und glücklichste» der Hohenstaufeii/ Friedrich I. Zwar rührt die vorliegende Rede zunächst nur von seinem Geschichtschreiber/ dem bekannten Bischof/ Otto von Frcistngcil/ her; doch beurkundet die Geschichte/ daß Friedrich/ wie er fast alle große.Eigenschaften eines Regenten in sich vereinigte/ Scharfblick/ Tapferkeit/ hohe Bildung / Freigebigkeit/ Milde/ und Würde im Glück/ wie im Unglück — auch in der Beredsamkeit des Herrschers Meister war. Eben so erfahren wir, daß er/ wie die meisten unter den wahrhaft großen Rednern/ den Musen opferte/ und unter den auf uns gekommenen Minncliedern des schwäbischen Zeitalters nehmen die seinen einen ehrenvollen Rang ein. Auch ist bekannt/ mit welcher Gewandtheit er den bei seinem Zug nach Italien ihm ihre Huldigung darbringenden provencalischsn Troubadours in einem improvisieren LaiS (Gedicht) zur Harfe antwortete. Seine Geschichte wäre die Geschichte des großen deutsch- römischen Reichs in jener Zeit. Hier müssen wir uns auf kurze Andeutungen beschränken und unsern Lesern überlassen/ in dem geistvoll und anziehend geschriebenen Raum er'sehen Gcschichts- werk „die Hohcnstaufcn" das Nähere nachzulesen. Friedrich/ der zweite Hohcnstauft/ folgte seinem Oheim/ Konrad III/ 1152 in der deutschen Königswürdc nach. Er zog nach Rom/ und ward dort von dem Papst Hadrian zum deutschen und römischen Kaiser gc- krönt. Nach einem glücklichen Krieg mit Boleslav/ König von Polen/ erhob er Böhmen zum Königreich. Sein Hauptaugenmerk war jedoch auf Italien gerichtet — ein unglücklicher LieblingSgc- dankc aller kräftigeren deutschen Fürsten — um dort seine Macht zu erweitern und zu befestigen. Sechs Züge mußte er dahin unternehmen/ und oft mit blutiger Härte verfechten; denn der stolze FrcihcitSsinn der herrlich aufgeblühten lombardischcn Städte widerstand seinen Planen von der Würde und Ausdehnung eines' deutsch- römischen KaiscrthumS mit einer Ausdauer und Tapferkeit/ die eines bessern Erfolgs würdig gewesen wäre. Die Entwürfe der römischen Hierarchie stießen bald mit denen des Kaisers feindselig zusammen/ Alexander III floh nach Frankreich und sprach den Bann über ihn auS; es bildete sich der lombardischc Städtcbund/ und Friedrich mußte ihnen selbstständige Verwaltung zugestehen/ wo- gegen sie die kaiserliche Obcrhcrrlichkcit anerkannten. Auf die Nachricht/ daß Saladdin den Christen Jerusalem wieder entrissen hatte/ mußte sich Fr./ durch den Papst bewöge,,/ noch z» einem Kreuzzuge entschließen. An der Spitze von isvMo Mann brach er auf/ erreichte aber das heilige Land nicht. Bei Selaucia in Syrien ertrank er im KalykadnuS/ den er mit seinem Pferd durchschwimmen wollte. Ueber die Veranlassung zu den nachstehenden Reden bemerken wir »och kurz: 270 Skaatsreden. Friedrich / von den feindseligen Gesinnungen der Römer unter- richtet/ zog sogleich/ nachdem er zum deutschen König gekrönt »vor- den/ mit einem Heer nach Italic,,/ um in Rom die Kaiserkrone zu empfangen. Durch Odcritalicn kam er diesmal ohne Aufschub/ und war schon bei Sutri/ eine Tagreise von Rom angelangt. Da glaubten die Römer (ob sie gleich unzufrieden waren/ daß Friedrich ihnen seine Erhebung zum deutschen Könige nicht einmal gemeldet, und sich gegen Arnold von Brescia feindlich bezeigt hatte) keineswegs langer zögern zu dürfen/ und schickten ihm sorgsame Männer entgegen/ welche seinen Sinn erforschen/ die Verhältnisse entwickeln und ihre Wünsche vortragen lollten. Nach erhaltenem sichere» Geleite trafen sie den König zwischen Sutri und Nepi/ und sprachen vorgeführt also: Möchtest du, o trefflicher König, günstig und mit unbefangenem Sinne das anhören, was dir Nom, die hehre Gebieterin der Welt, durch unsern Mund verkündet. Ich freue mich, so redet sie dich an, wenn du in Frieden kommst; oder vielmehr, ich freue mich, weil ich voraussetze, daß du so kommst. Du trachtest nach der Herrschaft über den Erdkreis, o siehe, ich stehe gern auf, dir die Krone zu reichen, sa ich trage sie dir selbst freudig entgegen. Denn warum sollte der, welcher sein Volk besucht, nicht als ein FricdcnSbringer kommen? Warum sollte er nicht mit edler Dankbarkeit auf das Volk Hinblicken, welches die thörichten Anmaßungen der Geistlichen (sie wollten irdische und überirdische Macht zugleich besitzen, zugleich Schwert und Kelch führen! ) zu seinem Besten gebrochen hat? Nun werden/ daS hoffe ich, die alten Zeiten, nun werden, und das erbitte ich, die alten Rechte und Freiheiten der herrlichen Stadt zurückkehren. Anker diese»! Fürsten wird Rom wiederum den Zügel der Welt ergreifen, unter diese»! Kaiser dcS Erdkreises Zügcllosigkeit gebändigt, und zu dem Namen des AugustuS auch dessen Macht und Ruh»! gesellt werden. Du weißt, wie Rom durch die Weisheit der senatorischcn Würden, durch die Tugend und Zucht des ritterlichen Standes seine Hände von Meer zu Meer ausstreckte, und seine Herrschaft nicht blos bis an die Grenzen des Erdkreises erweiterte, sondern auch Inseln, welche darüber hinaus lagen, mit diesem Erdkreise verband, und die Zweige seiner Hoheit selbst bis dahin verzweigte. Nicht die stürmischen Fluchen der Meere, nicht die unersteig- lichen Felsrücken der Alpen gewährten Schutz: Alles bezwäng die unbezwingliche Tapferkeit der Römer. Lange schlummerten durch die Abwesenheit unserer Fürsten und die Vernachlässigung des » Senats diese unversiegbaren Kräfte Roms, bis in unsern Tagen wieder hergestellt wurden der Senat und die Ritter, die Tribunen Barbarossa. 27t und LaS Kapilcl. Du aber, scheinen dir nicht solche Gesinnungen und Thaten alle» Lobes und Dankes würdig? Erfreust du dich nicht LeS Glanzes, welcher hiedurch auf deine Person zurückstrahlt? Höre nun noch, o Fürst, milde und gnädig das Wenige, was ich dir von deinen und meinen Rechten zu sagen habe; zuerst jedoch von den deinigen, denn es heisit ja: mit Jupiter der Anfang! Du warst ein Gast, ich machte dich zum Bürger; du warst ein Fremdling aus übcralpischen Ländern, ich erhob dich zum Fürsten; und Rechte, die mein waren, habe ich dir gegeben. Dafür mußt du meine alten Gewohnheiten und neuen Einrichtungen anerkennen; du mußt eine Sicherheit stellen, daß Barbareuwuth keines meiner Rechte verletze; du zahlst meinen Beamten, die dir auf dem Kapitel zujauchzen werden, 5000 Pfund Silber; du stellst mir hierüber feierliche Arkunden aus; du beschwörst Alles zur Beseitigung von Zweifeln und Verdacht! ^ Als der König diese Rede hört«/ die nach römischer Sitte noch weit ausgesponncn werden sollte, stand er zornig auf und rief, jene unterbrechend: Ich kann mich nicht genug wundern, daß eure Reden so gar nichts von der gepriesenen altrömischen Weisheit enthalten, daß sie nur angefüllt sind mit dem abgeschmackten Schwulste thörichter Anmaßung. Vergeblich erhebt ihr die ehemalige Würde und Herrlichkeit Roms; Leim nur zu wahr sagte schon jener alte Römer: „auch aus diesem Staate ist die Tugend gewichen, auch er vermochte nicht dem Wechsel der Zeiten zu widerstehen." Wollt ihr erkennen, wo Norns weiser Senat, seine tapfere Ritterschaft, sein tüchtiges Volk anzutreffen sei, so seht unseren Staat an. Nicht blos die Herrschaft ist übergegangen auf die Deutschen, sondern auch die Tugenden. Bei uns ist Zucht und Gehorsam, ausharrender Muth, rujige Aeberlegung, Treue und Redlichkeit; bei euch nur Ungehorsam und Willkühr, Hochmuth und Wankelmuth, unbesonnene Tollkühnheit und leeres Spiel mit Worten, und Eiden. Darum regieren euch deutsche Könige, darum rathschlagcn für euch deutsche Fürsten, darum kämpfen für euch deutsche Ritter. — Ihr hattet mich gerufen, um von eurer Gnade Bürgerrecht und Krone zu empfangen?' Wer erstaunt nicht über so unerhörte grundlose Rede! Doch ja, ich komme gerufen: aber nicht um von euch zu empfangen, sondern um euch zu retten von innerem und äußerem Zwiste. Ich komme wie ein Glücklicher zu Elenden, ein Starker zu den Schwachen, ein Wüthiger zu Entnervten, ein Sicherer zu Geängsteten. Ihr fordert mich auf zur Gerechtigkeit und zum 272 StaatSredcn. Schutze Roms. Sind eure Forderungen ungerecht, so werden keine Worte mich täuschen; sind sie gerecht, so bedarf eS keiner belehrenden Weisungen; denn ich schütze den Geringsten, wie vielmehr die Hauptstadt meines Reiches. Ihr verlangt die Bestätigung eurer Gesetze und Freiheiten: wo bestanden aber Gesetze verbindlich für euch, die nicht von den Deutschen herrührten, und seit wann gäbe das Volk dem Fürsten und nicht der Fürst dem Volke die nöthigen Gesetze? Ihr fordert weiter mit eigennütziger Begier, daß ich mein Eigenthum erkaufe; bin ich denn etwa euer Gefangener, bin ich in euren Banden, daß ich mich mit Gelde löse? Wollt ihr mich zwingen zu zahlen, statt freiwillig zu spenden? Nur die pflege ich königlich zu belohnen, welche sich um mich verdient machen; wer aber Ungerechtes ertrotzen will, dem wird mit Recht selbst Billiges verweigert. Ihr verlangt endlich, mit unbegreiflicher Verwirrung aller Begriffe: der König, dem alle Eide geleistet werden, solle euch, den Unterthanen, unzählige Einrichtungen, Gesetze, Begünstigungen u. s. w. beschwören. Wahrlich mein Wille ist unwandelbarer, als eure Gesetze, und mein einfaches Wort ist mehr, als eure Eide. So sprach Friedrich nicht ohne lebhafte Bewegung; einige der Umstehenden fragten die römischen Gesandten / ob sie noch MchrereS vorzutragen Hätten? Diese/ erschreckt/ daß ihre Worte solchen Eindruck gemacht hatte»/ erwiderten : „sie müßten das Gehörte erst den Bürgern hinterbringen/ und würden zurückkehren/ sobald man weitere Beschlüsse gefaßt hätte." Auf den Rath des Papstes Hadrian schickte Friedrich imo Auserlesene ab / ließ durch sse die Peterskirchc und die Ironische Burg bei Nacht besehen/ worauf denn er selbst mit Tagesanbruch/ vom Papst/ den Cardinälen und vielen Geistlichen begleitet/ zum goldncn Thore einzog; gleichzeitig nahte das Heer trefflich geordnet und geschmückt. Das Hochamt wurde gehalten/ und die Krönung feierlich vollzogen. Die Römer erfuhren zugleich mit der Ankunft Friedrichs/ auch die Vollziehung seiner Krönung. Sie schäumten vor Wuth/ und machten derselben durch einen blutigen Ausfall Luft. S a a l f e l d. Kaum war wohl eins unter den deutsche» Ländern im Jahr lsno und t83t durchgreifender Reform in der Gesetzgebung und Verwaltung bedürftiger / als das Königreich Hannover / beherrscht von dem Könige Großbritanniens und Irlands. Darum äußerten sich auch dort die Reformbcstrcbungen etwas gewaltsamer/ als in andern Gegenden; namentlich kam es in der Stadt Osterode und im Harz/ später in Göttingcn selbst zu nicht unbedeutenden Unruhen. Die Saatfeld- 27Z tlandstände traten zusammen und erhoben kräftiger ihre Stimmen für Reform und Fortschreiten. Saatfeld/ Christiani/ Freu- dcnthal u. m. a. waren die kräftigsten und freisinnigsten Sprecher/ und Saalfeld glänzte besonders durch ein ausgezeichnetes Redner- talent. Er ist noch' jetzt Professor der Geschichte an der Universität zu Göttingcn und dem Geschichtsfreunde hinlänglich durch seine freilich sehr das Gepräge einer noch in der Gegenwart befangenen Zeit an sich tragende „Geschichte der neuesten Zeit" und seine Geschichte Napoleons bekannt. Wir bedauern/ daß über seine LebenS- umständc uns keine näheren Mittheilungen zu Gebote gestanden haben. Wir theilen zwei seiner im Jahr 1832 iu der Ständekammcr zu Hannover gehaltenen Reden mit; die erste verbreitet sich über octroyirte/ d. h. durch die Gnade des Fürsten gegebene/ und über auf dem Weg des Vertrags entstandne Verfassungen. Diese Rede erklärt sich selbst/ und bedarf keiner weiter» Einleitung. Die zweite Rede galt dem wahrhaft beklagenswürdigen Schicksale zweier RcchtS- anwalte aus Osterode/ des Nr. König und des vr. Freitag/ welche durch feurig geschriebene Aufsähe die Aufregung in den Harzgegenden befördert hatten/ denen aber die allgemeine Stimme keine anderen/ als redliche / der Gesetzlichkeit und dem Gemeinwohl geltende Absichten zuschrieb. Diese befanden sich damals schon l^ Jahre in strenger Untersuchungshaft. Beweise von Schuld lagen gegen sie noch immer nicht vor; und doch hatte man zu fürchten / daß dieselben — wie auch leider geschah — noch Jahre lang in diesem Untersuchungshaft würden zu schmachten haben/ von ihren Familien getrennt/ ihrem diese nährenden Berufe entzogen. Diesem entsetzlichen Gange der Justiz wünschte die Kammer Einhalt zu thun/ und übersandte dem König eine Petition um Gnade für diese Gc- fangenen. Bet dieser Gelegenheit hielt Saalfcld die hier mitgetheilte zweite Rede. i. Während die älteren Verfassungen hauptsächlich auf Gewohnheit und Herkommen/ und nur auf einzelnen wenigen positiv gesetzlichen Bestimmungen beruhen, hat man in neueren Zeiten angefangen, vollständige Verfassungsurkunden und geschriebene Grundgesetze zu entwerfen. Und allerdings haben diese in mehrfacher Rücksicht ihren guten Nutzen^ theils indem sie die Ungewißheiten und Unbestimmtheiten in den Wechsclvcrhältnissen zwischen Regenten und Unterthanen entfernen, theils indem sie dazu dienen, das Interesse des Volkes an der Verfassung zu vermehren; ungleich leichter wird so das Volk die Verfassung kennen lernen, und man muß kennen, wofür man sich intercssiren soll. Allerdings läßt sich durch eine solche Urkunde allein keine neue Verfassung schaffen; ihre Bestimmungen müssen begründet sein auf dem bisher Bestandenen. Nur veredeln und vervollkommnen mögen sie dasselbe 18 274 SkaatSred e n. nichts vollkommen Neues schaffen. Indem man das Letzte nicht selten durch solche Urkunden zu erreichen hoffte, hat man denn nicht ohne Grund über die papierenen Verfassungen geklagt. Damit aber soll keineswegs gesagt werden, als solle das Bestehende unverändert beibehalten werden, vielmehr sind die wesentlichsten und durchgreifendsten Veränderungen damit gar wohl vereinbar. Mit der Zeit ändern sich ja die Bedürfnisse, und so werden sich auch die Bestimmungen der Verfassung ändern müssen. — Je wichtiger aber ein solches Grundgesetz ist, um so nöthiger ist dabei allerdings ruhige Prüfung und Uebcrlegung! — Was soll überhaubt dadurch bezweckt werden? — Reform! — Gleichmäßig sollen die beiden Eptreme vermieden werden, weder die Revolution soll dadurch begünstigt werden, noch die Reaktion. Damit aber der Zweck der Reform wahrhaft erreicht werde, müssen nothwendig die, welche die Verfassung binden soll, darüber einverstanden sein, und dies wird am leichtesten und am sichersten erreicht werden, wenn beide Theile darüber verhandelt haben und förmlich übereingekommen sind, wenn die Verfassung auf vertragsmäßigem Wege zu Stande gekommen ist. Auch oktroyiere Verfassungen, solche, welche der Regent als Ausfluß seiner Machtvollkommenheit einseitig ertheilt, können zwar allerdings ebenfalls den Zweck einer Verfassung erfüllen, und Bestand behalten, sobald sie mit klarer Einsicht in den Geist und die Bedürfnisse des Volks erlassen sind; allein je seltener es ist, daß da, wo der eine Theil nicht gehört worden, die Interessen beider Theile gleichmäßig berücksichtigt werden, um so bedenklicher sind dergleichen oktrohirte Verfassungen, und um so seltener haben sie Dauer und Bestand. Nur dann mag nehmlich eine Verfassung Bestand behalten, wenn die Meinung des Volkes sich für sie erklärt, wenn sie übergegangen ist in den Geist und in das Leben der Nation. Das wird aber nur dann der Fall sein, wenn sie den Bedürfnissen und den Wünschen des Volkes entspricht, also regelmäßig nur dann, wenn sie mit Zuziehung desselben zu Stande gekommen ist. Eine andere Bedingung ihres Fortbestehens ist die, daß sie die Möglichkeit der Entwickelung, des Fortschreitcns nicht ausschließt. Allerdings ist zu große Veränderlichkeit derselben zu vermeiden, nur zu leicht wird dann wohl leichtsinnig verändert — eben so ist aber auch zu große Stabilität zu vermeiden; das zu starre Festhalten an dem Veralteten führt eben sowohl zu Umwälzungen, als das zu leichtsinnige Verändern. Die Reaktion taugt so wenig, als die Revolution; die Reform allein taugt, sie liegt in der Mitte. Da- S a a l f « l d. 275 der soll auch eine Verfassung nur die allgemeinen Regeln und Normen enthalten, keine spezielle Bestimmungen — diese sollen speziellen Gesehen vorbehalten bleiben. Je mehr die Verfassung spczialistrt, um desto häufiger wird sie veralten; denn eben in den Details werden am leichtesten und am häufigsten Umänderungen nothwendig. — Betrachte ich jetzt den vorliegenden Entwurf eines Staatsgrund- gesetzcs, so finde ich hier der Sache nach nur eine oktrovirte Verfassung. Das Rcskript von Windsor Kastle vorn 12. Mai entscheidet bereits in den wichtigsten und den durchgreifendsten Punkten so unbedingt, daß ich nicht begreife, wie hier noch eine wahrhafte Diskussion möglich ist; nur über Nebönpunkte ist hier fast allein noch zu diskutiren erlaubt. Nicht auf vertragsmäßigem, dem wahrhaft natürlichen Wege, kommt diese Verfassung zu Staude, in den Hauptpunkten ist sie eine okrroyirte. Schwerlich wird die öffentliche Meinung,, und diese allein mag sie aufrecht halten, sie für etwas anderes erkennen. So sind manche wahre Lebensfragen hier einseitig im Voraus entschieden, ;. V. über die Finanzen und die Komposition und die Rechte der Kammern. Ze mehr aber diese Verfassung als eine oktroyirte erscheint, um so wichtiger wird die Untersuchuztg, ob denn wirklich die Rechte des Volkes dadurch erweitert werden oder nicht; denn im ersteren Falle wäre es wohl ziemlich gleichgültig, wie sie entstanden wäre. Allein das scheint mir nicht der Fall zu sein; die Rechte des Volkes erscheinen dadurch vielmehr vermindert, als vermehrt. Denn wenn gleich manche Rechte des Volkes in unserm Vaterlands durch langen Nichtgebrauch vergessen worden sind und verkannt, so sind sie dennoch nichts desto weniger vorhanden — politische Rechte verjähren nicht — und' wahrlich, was darüber das neue Grundgesetz bestimmt, mag nicht immer als ein Gewinn angesehen werden. Das scheint unter andern namentlich der Fall zu sein bei den Bestimmungen über die Verantwortlichkeit der Minister und über die Rechte des Königs auf das Justizwesen. Allerdings soll eine jede Verfassung auf dem Bestehenden beruhen, darum aber sollen jedoch nicht solche Einrichtungen und Institutionen beibehalten werden, deren Unzweck- mäßigkcit die Zeit außer allem Zweifel gesetzt hat. Allein auch davon finden sich Beispiele in dem Entwürfe des Staatsgrundgcsctzcs; ich erinnere nur an die Bestimmungen über die Provinzial-Landschaften und über die Beibehaltung des LchenSwcsens. Endlich scheint dasselbe auch zu viel Detail zu enthalten, — nur allgemeine Grundsätze soll cS enthalten, das klebrige soll besondern 276 StaatSrcden. Gesetzen unterworfen bleiben, welche ungleich leichter Lein Bedürfnis! gemäß modifizier und verändert werden können, als das Grundgesetz selbst. Von andern Fehlern, die hauptsächlich die Form betreffen, z. B. der unlogischen Ordnung, dem Durcheinanderwcr- fen und Zerreißen der Materien, z. B. bei den Landständen, den unbestimmten schwankenden Ausdrücken in einem Gesetze, wo vor; Allem die höchste Bestimmtheit auch im Ausdrucke erforderlich ist, will ich gar nicht einmal reden. Einem solchen Grundgesetze, wie dem vorliegenden, wenn eS nicht die wesentlichsten durchgreifendsten Veränderungen erleidet, werde ich nie meine Zustimmung ertheilen können; ich werde für die Verwerfung desselben stimmen, überzeugt, daß es ein ungleich geringeres Uebel für unser Land sein wird, noch einige Zeit lang eines Grundgesetzes zu entbehren, als durch ein so mangelhaftes und unvollständiges, als das vorliegende ist, gebunden zu werden. II. Auch ich trete dem Antrage des geehrten Dcputirten für Münden bei, und stimme für die Anordnung einer Kommission. Abgesehen davon, was Gesetzlichkeit und Menschlichkeit gebietet, glaube ich, daß wir schon deshalb diese Maßregeln ergreifen müssen, um dem Volke zu zeigen, daß das Schicksal jener Unglücklichen uns interessier. Das Volk intercssirt sich dafür allgemein. Es thut es, weil es jene Männer in ihrem Privatleben als rechtliche Männer kennt, weil es sie, wie ich schon neulich erwähnte, als die ersten Urheber und Veranlasser aller jener Reformen und Verbesserungen ansieht, welche seit jenen Bewegungen, jetzt seit anderthalb Jahren, wenigstens versprochen worden sind. Es ist neulich geäußert worden von der andern Seite dieses Hauses, man würde ungleich weiter fortgeschritten sein aus der Bahn der Reformen und Verbesserungen, wären jene unglücklichen Bewegungen nicht gewesen. Davon möchten sich wohl schwerlich Diejenigen überzeugen, welche sich noch erinnern an jenes Zirkular vorn 2 ". Januar 1831, worin das Ministerium laut erklärte, daß die Wünsche, die Bedürfnisse und die Ansprüche des Volks den obern Behörden bislang gutcntheils gänzlich unbekannt geblieben; davon möchten sich wohl schwerlich Diejenigen überzeugen, welche wissen, wie sehr dem Volk alle Mittel und Wege abgeschnitten waren, seine Klagen laut werden zu lassen, und Abhülfe zu erlangen. Die Stände waren tief in der öffentlichen Meinung gesunken, theils durch die Schuld der Regierung, welche bei einzelnen Anlässen sie unwürdig behandelte, Saatfeld. 277 — ich brauche nur an Das zu erinnern, was im Jahr 1821 geschah, — theils durch ihre eigne Schuld, indem sie eS nicht verstanden, dergleichen Unwürdigkciten nachdrücklich und kräftig zurückzuweisen; Prcßfreihcit war nicht da, so wie sie noch jetzt nicht besteht; das PckitionSrccht war verkannt und sein Gebrauch erschwert. Herrschte doch allgemein der von den Behörden sorgfältig unterhaltene Glaube, als sei es verboten und gefahrbringend, sich mit seinen Klagen und Beschwerden unmittelbar an die Person des Königs zu wenden; zu Göttingcn namentlich waren wiederholt Petitionen unterdrückt und hintertrieben. Und wohl mag man sich darüber um so weniger wundern, als ja auch in der neuesten Zeit, seit den Göttinger Unruhen, zum Theil die wunderlichsten Ansichten über das Petiticnsrecht geäußert werden, und man zum Theil petitioniren für gleichbedeutend mit Unruhen anstiften genommen hat. So mag man wohl jene Männer nicht in eine Klasse setzen mit gewöhnlichen Verbrechern. Die öffentliche Meinung thut eS nicht! Mögen auch immer Einzelne jener Ansicht sein: die öffentliche Meinung ist es nicht. Man begreift, daß eS so fehlerhafte StaatLeinrichtnngen geben kann, daß ihre Veränderung allgemein als das dringendste Bedürfniß erscheint, daß aber auch vielleicht durch die bestehende Ordnung der Dinge mehr oder weniger jeder Weg abgeschnitten sein kann, diesem unerträglich gewordenen Gebrechen auf ordnungsmäßige Weise abzuhelfen; ist eS dahin gekommen, dann wird man vergebens der Masse leidenden Gehorsam predigen. Daher werden alsdann auch Diejenigen, welche, wenn gleich im Widersprüche mit der bestehenden Ordnung, solchen Gebrechen abzuhelfen versuchten, wenn sie in dem Versuche unterlagen, war übrigens ihr Streben nur uneigennützig und rein, ungleich häufiger beklagt als verdammt. Da» soll man nicht eine gefährliche Theorie schelten; es ist bei Gott keine Theorie, es ist die Erfahrung der Jahrhunderte und nicht durch Sophistereien wird sie widerlegt! Als Märtyrer werden daher auch jene Männer von unserm Volke betrachtet. Da mochte man wohl fragen, ob es räthlich und zweckmäßig sei, eine Untersuchung fortzusetzen, die nur dazu dienen kann, die öffentliche Meinung zu beleidigen? — und doch soll man diese öffentliche Meinung nicht gering achten, — sie ist es, von der einer der ersten Staats» Männer unsrer Zeit geurtheilt hat, er kenne Etwas, was mehr Macht habe, als Napoleon in seiner Herrlichkeit, und mehr Verstand, als alle Ministerien der Welt, nehmlich die öffentliche Meinung! — Da möchte man wohl fragen, ob es zweckmäßig sei, 278 StaatSreben. eine Untersuchung fortzusetzen, die nur dazu dienen kann, die Aufregung zu unterhalten und zu vermehren. Daß die Aufregung abgenommen habe, daß die Sache vergessen sei, das ist nicht wahr! Der Antheil des Volkes wächst, je länger die Untersuchung dauert, je ungeheurer ihr Umfang geworden, von 60,000 Seiten hat man gesprochen, wozu die Untcrsuchungsaktcn angeschwollen — je mehr sich Gerüchte und Angaben verbreiten von schmählicher Behandlung, welche einzelne Gefangene erlitten — wir haben neulich hier selbst ihre Klagen gehört — je weniger man das Ende dieser Untersuchung absehen mag — jetzt ist sogar der muthige Vertheidiger der Angeklagten von der Prapis suSpendirt! Nur auf der Gnade deS Königs beruht die allgemeine Hoffnung. Allgemein spricht sich die Ueberzeugung aus, das AbolitionSgesuch das der Vertheidiger der Angeklagten bei Sr. Majestät eingereicht, würde nicht zurückgewiesen worden sein, wäre dem Könige die Sache dargestellt aus dem wahren Lichte, und wohl möchte eine solche Ansicht nicht ganz unbegreiflich Denjenigen erscheinen, denen jenes Abolitions- gesuch nicht unbekannt geblieben. Möchte es diesem Hause gelingen, dazu beizutragen, daß eine Untersuchung beendigt werde, die nur zu lange gedauert, daß die Beruhigung hergestellt werde und das Vertrauen zwischen Volk und Regierung, das durch diese Untersuchung nur zu sehr getrübt worden! Noch wenige Worte habe ich hinzuzufügen über Einiges, was von der andern Seite dieses Hauses geäußert worden. Der geehrte Deputirte für die Universität Göttingen (Hofrath Dahlmann) hat uns eben ein schauderhaftes Bild von jenen Bewegungen zu Gelingen und den schrecklichen Folgen, welche ihr Gelingen haben würde, entworfen. So als ganz unbezweifelt gewiß hinzustellen, was doch nur unter gewissen Voraussetzungen, in gewissen Fällen, möglicher Weise hätte eintreffen können, das ist indessen sehr gewagt. Der geehrte Redner scheint nicht wohl bedacht zu haben, was er behauptet, sonst würde seine Geschäftskenntniß ihm gesagt haben, daß nicht immer dergleichen Bewegungen mit einer gänzlichen Auflösung der Gesellschaft begleitet gewesen; — hat er es denn ganz vergessen, auf welche Weise das Haus Hannover auf den englischen Thron kam? und obendrein scheint der geehrte Herr gegen Windmühlen zu kämpfen. Wer hat denn hier daran gedacht, Revolutionen zu vertheidigen und zu lobpreisen? Das ist bei Gott Niemanden in den Sinn gekommen. Was wird denn verlangt? Gnade verlangt man für Unglückliche, keine Triumphpforten und keine Ehrenkränze. — Saatfeld. 279 Kürzlich muß ich noch eine mich unmittelbar selbst betreffende Aeußerung des geehrten Herrn berühren. Er hat einen kürzlich von mir geschehenen Antrag (wegen Nichtgcbranch des königlichen Namens bei den Verhandlungen) als verfassungswidrig getadelt; und verlangt, daß derselbe nicht zur Diskussion kommen solle. Ich weiß nicht, ob es der Gebrauch dieses Hauses gestattet über Fragen zu entscheiden, noch ehe sie zur Berathung gekommen — möge der geachtete Herr seinen Tadel bis zur Diskussion «ersparen, dann werde ich ihm zu antworten wissen. — Es ist geäußert worden, die Regierung dürfe nicht eingreifen in den Gang der Justiz. Wohl darf sie es da, wo die Justiz an groben Fehlern und Gebrechen leidet; wo das der Fall ist, da muß allerdings nachgeholfen werden durch Begnadigungen und Abolitionen. Wiederholt haben Männer aller Parteien im englischen Parlamente geäußert, deshalb müsse so oft in England begnadigt werden, weil die Gesetze nichts taugten; — hier taugt Beides nicht, weder die Gesetze, noch das Verfahren. In England bittet man um Gnade gegen den Spruch, hier muß man um Gnade bitten gegen die Untersuchung. Oder will man vielleicht die groben Gebrechen unsrer Justizpstege verkennen? Giebt nicht der vorliegende Fall davon den überzeugendsten Beweis? — Nach anderthalbjähriger blntersuchung schmachten noch immer die Angeklagten im Kerker, wiewohl ihre Schuld noch durchaus nicht erwiesen und erkannt worden. — Auf der andern Seite dieses Hauses hat man freilich neulich von Nichtswür- digen gesprochen — jetzt nimmt man obendrein den Unglücklichen ihren Vertheidiger, das ist konsequent — aber guter Gott, welche Konsequenz! Auf die Prapis, auf das gesetzliche Herkommen hat man sich berufen, daß man die Angeklagten ihrem natürlichen Richter, der Justizkanzlci zu Göttingcn, entzogen und der Justiz- kanzlei zu Celte überlassen hat. Das mag man immerhin thun; die öffentliche Meinung, der gerade gesunde Sinn des Volks, der kennt solche Spitzfündigkeiten nicht, der nennt ein solches Verfahren Kabinctsjustiz, unbekümmert um PrapiS und Herkommen, bind gerade in Untersuchungen wegen politischer Vergehen, da, wo der Staat Partei ist, da sollte man doch sorgfältig Alles vermeiden, was den Schein der Parteilichkeit veranlassen, was Mißtrauen und Argwohn aufregen kann. Man möchte vielleicht einwenden, solche Aeußerungen, die erregten erst das Mißtrauen! — Schlimm, sehr schlimm wäre es, wäre eö dahin gekommen, daß der ehrliche Mann, der nach seiner Ueberzeugung die Wahrheit ausspricht, in den Verdacht gerathen könnte, als wolle er Argwohn erregen und Miß- 280 Staatsreben trauen. Nicht an denen wahrhaftig liegt die Schuld, die auf die Fehler und Gebrechen hinweisen, sondern sie liegt an den fehlerhaften und mangelhaften Gesetzen und Einrichtungen und Institutionen selbst, und an Denen, welche diese Gesetze und Einrichtungen und Institutionen auch denn noch zu halten bemüht sind, wenn ihre Verderbtheit schon längst zur allgemeinen Ueberzeugung geworden ist. Ich stimme für alsbaldige Niedersetzung einer Kommission. I a u p. Wir entlehnen die biographische Schilderung dieses ausgezeichneten Staatsmanns und Patrioten der unter Bülau's Redaktion erschienenen Zeitschrift „das Vaterland"/ wo eS-von ihm heißt: „Viele haben schon diesen Abgeordneten den hessischen Wangen- hcim genannt/ und allerdings hätte ein moderner Plutarch Grund zu einer vergleichenden Lebensbeschreibung, Der Sohn eines geachteten Rechtslehrcrs/ des Professors Jaup in Gießen/ widmete er sich frühe der Rechtswissenschaft. Fast noch Jüngling wurde er/ ein College GrolmannS/ Lehrer des öffentlichen Rechts auf der LandcS- univcrsität. Mehrmals einen ehrenvollen Ruf/ z. B. nach Göttin- geii/ an Lcist'S Stelle/ ablehnend/ zog er es vor/ sich in seiner hessischen Hcimath einen Wirkungskreis zu ziehen/ in dem er unmittelbar für das gemeine Wesen thätig sein könnte. Durch das persönliche Vertrauen seines Fürsten / Ludwig 1/ trat er im Jahr t8lZ in das Staatsministcrium. Als die Staatsregierung/ außer Stand/ der Erfüllung des Artikels 13 der Bnndesakte länger Anstand zu geben/ im März 1819 ihren Entschluß/ die Stände im Mai 1820 zusammen zu berufen/ und eine umfassende Con stitutio nsurkun de vor diesem Zeitraum bekannt zu machen/ zur öffentlichen Kenntniß brachte/ übernahm Jaup die Entwerfung des StaatSgrundgesetzcs. Bald darauf trat ZaupS ehemaliger College/ Grolmann/ an die Spitze des StaatSministeriums. Letzterer war es/ der dem Carlsbadcr Congrcß beiwohnte. Kaum zu seinem Lehnsessel zurückgekehrt/ machte er das Vcrfaffungswerk zu seiner unmittelbaren Arbeit. Die politischen Constcllationcn schienen ihm bedeutend genug/ um die Nichtbeachtung des eben erst gegebenen Versprechens/ der Berufung der Stände eine umfassende VerfassungSurkundc vorangehen zu lassen/ zu rechtfertigen; und so trat statt dieser/ jenes Edikt vom 18. Mai 1820 ans Licht/ ganz gegen den Rath und die Zustimmung Jnup's/ welcher die Meinung aussprach, die einzige Politik/ welcher Gehör zu geben sei/ wäre ehrlich zu sein/ und zu geben/ waS/ in Anerkennung ernster Pflichte»/ dem Volke versprochen worden sei. Sich aller Vertheidigung jenes von den Ständen mit entschiedener Energie zurückgewiesenen ConstitutionsediktS/ als einer bloßen Schcinvcrfaffung/ enthaltend/ beschränkte sich Jaup auf Entwerfung von Gcsetzesvor- I a u p. 28 l schlügen, darauf berechnet/ dem konstitutionellen System die Grundlagen zu bereiten. Vorzugsweise beschäftigte er steh mit der Ent- wcrfung einer Gcmcindeordnung/ eines WerkS/ dem er/ die volle Bedeutung des Gegenstandes erkennend/ alle seine Kräfte zuwendete. ES glückte ihm/ dasselbe/ zwar nicht in seiner frcistnnigcn Fassung/ aber doch in ziemlicher Integrität durch die Ministerialconferenz zu leiten. Die staatSgrundgcsetzlich garantirte Emancipation der Gemeinden ist das Denkmal/ das er sich errichtet hat. Fortwährend saß der Mann/ welcher durch sein Werk den Boden gelockert hatte/ auf dem der Baum des konstitutionellen Systems gepflanzt wurde/ damit er durch kräftige Wurzeln die Früchte be- reite/ an der grünen Tafel/ an welcher Männer/ wie Grolmann/ v. Gruber u. s. w. regierte»/ wachsam/ gleich dem treuen Eckart/ welcher den VcnuSberg beobachtet. Erst um das Jahr i82l sah man ihn den Rücken kehren/ und noch ist der Schleier nicht ganz gelüftet/ welcher die Erscheinung verhüllt/ von der man ihn sich mit bangem und düsterm Blick wegwenden sah. Zuerst an die Spitze der Gesetzgebungskommission gestellt/ vertauschte Jaup später diese Stelle mit dem Präsidium des CassationShofcS für die Provinz Rheinhcssen. ESsist bekannt/ daß er in dieser Stellung einen Grundsatz vertheidigen half/ der nicht im Sinne der StaatSregierung sein konnte: den/ daß der Richter berufen sei/ zu untersuchen/ ob das Gesetz/ das er anwenden solle/ verfassungsmäßig erlassen sei. Die Auflösung des Gerichtshofs/ dessen Funktionen mit denen des obersten Gerichtshofes für die älteren Provinzen des GroßherzogthumS/ des Obcrappella- tivnsgerichtS in Darmstadt/ vereinigt wurden/ führte stillschweigend die faktische Entlassung JaupS aus dem Staatsdienste herbei. Fast in demselben Augenblick berief ihn ein hoher SouveraiN/ die öffentliche Meinung/ zum schönsten Dienste für das'gemeine Wesen. -Die Wahlmänner der Stadt Fricdberg, die zufällig zuerst für den nahen Landtag zur Wahlurne traten/ gaben sich und dem Lande die Genugthuung/ ihn zum Abgeordneten zu wählen. Obgleich unter den Candidaten des PräsidentcnstuhlS/ und von der öffentlichen Meinung dazu gleichsam berufen/ so überging ihn die StaatSregierung doch. Dennoch fällt der Blick des eintretenden Zuhörers unwillkührlich auf den schlichten/ durch keine Acußcrlichkcit hervorstechenden Mann des Volks; und dem Entfernten zeigt sich ein Bild/ umgeben von manchem Kranze, und geschmückt mit der Krone, die das Andenken an seine edelschöne, thätigste Theilnahme au dem Schicksal der unglücklichen Streiter des Ostens ihm geflochten hat." Wir wollen hier die von ihm gestellten Anträge und gehaltenen Reden nicht aufzählen; sie alle gelten den Prinzipien des Rechts, und eines freisinnigen Fortschritts. Eine seiner schönsten Arbeiten war sein Vortrag über den Zustand der Gesetzgebung und Rechtsprechung im Großhcrzogthum Hessen. Aus ihm werden wir den größeren Theil unten mittheilen. Die StaatSregierung hat Jaup zu keinem der spätern Landtage den Urlaub ertheilt, ob er gleich 282 StaatSreden. keinem Amt dadurch entzogen worden wäre. Er lebt jetzt im stillen Kreis' seiner Familie. Der nachstehende Vertrag, ein Muster von Klarheit, logischer Ordnung, Anmuth und Anspruchlosigkcit des Ausdrucks, und von dem gründlichsten Wissen, bedarf keiner weiteren Erläuterung; er spricht durch sich selbst. Nur das werde bemerkt, daß es steh um Erfüllung des Artikels los der VcrfassungSurkunde handelte, der da bestimmte, daß für das ganze Großhcrzogthum eine gemeinsame Justizgesetzgebung eingeführt werden sollte; in der Provinz Rhein- Hessen bestand noch, und war durch den Großherzog bei der Besitznahme der Provinz ausdrücklich garantirt, die durch Napoleon ei-n« geführte französische Gesetzgebung; in den Provinzen Starkcnburg und Oberhcsscn bestanden, wie nachgewiesen worden, nahe an 300 verschiedene Land- und Lokalrcchte. Noch das muß bemerkt werden, daß das Ministerium Jaup geradezu beschuldigte, er sei daran Schuld, daß dieser Artikel der VcrfassungSurkunde noch nicht in Erfüllung gebracht worden. Jaup rechtfertigte sich vollkommen gegen diesen Vorwucf. Hier folgt seine Rede: Die hohe Wichtigkeit der vorliegenden Berathung und die Eröffnungen des Herrn RcgierungLkommissärS werden es entschuldigen, wenn ich Ihnen, meine Herrn, über mehrere hiermit in Verbin- dcng stehende oder in Verbindung gebrachte Gegenstände einige Bemerkungen vortrage. Vergönnen Sie mir zuerst einige allgemeine Betrachtungen über die zweckmäßigsten Mittel, zu einer neuen Gesetzgebung überhaupt zu gelangen. 1) Soll man die Entwerfung eines neuen Gesetzbuchs einem einzelnen Manne übertragen oder einer C o m m issio n? , Ein Gesetzbuch zu entwerfen ist wahrlich ein sehr bedeutendes, ein mit Schwierigkeiten verbundenes, ein bei der Möglichkeit ungünstigen Erfolgs großer Verantwortlichkeit ausgesetztes Unternehmen. Es fordert nicht nur ganz umfassende Kenntnisse desjenigen Haupttheiles der NcchtSgclchrsamkeit, welcher bearbeitet werden soll, sondern auch, da kein Theil unserer Jurisprudenz ein streng abgesondertes Ganze bildet, wenigstens genaue Bekanntschaft mit den verwandten Hauptthcilcn des Rechts; es fordert außerdem ein tiefes Studium der GcschgebungSpolitik; os fordert praktische Bekanntschaft mit der Anwendung des bisherigen Rechts, welches einem neuen weichen oder beibehalten werden soll; es fordert endlich die Gabe einer consegucntcn, deutlichen und dennoch gedrängten Darstellung. Wenn auch mitunter die schöpferische Kraft der Natur einen Solo n erzeugt, der freilich vor Dritthalbtausend Jahren I a u p. 28 Z vicl einfachere Verhältnisse zu ordnen vorfand, so werden doch höchst selten einzelne Männer im Stande sein, solchen hochgestellten, aber unabweisbaren Forderungen zu genügen. Ein übel gerathenes Gesetzbuch verbreitet aber unendlich viel Ungemach, welches zum Theil gar nicht, zum Theil, für die Zukunft nämlich, nur schwer wieder gut zu machen ist. Darum dürfte eL bei richtiger Einsicht von dem Wesen der Rechtsgcsctzgcbung eine eben so unabweisbare Forderung sein, daß man ein solches Werk, eine solche Verantwortlichkeit nicht einem Manne auftrage. Denn es wird wahrlich der Einzelne nicht leicht gefunden, der den Ansprüchen zu genügen vermöchte, welche man heut zu Tage an ein neues Gesetzbuch macht, und machen muß. Könnte man aber ausnahmsweise einmal einen neuen Solon finden, so muß, sobald er erkrankt, oder nachlässig wird, oder gar von bösem Willen beseelt ist, hierunter das Ganze augenblicklich und wesentlich leiden. Wo daher redlicher und ernstlicher Wille vorhanden ist, solchen Zweck zu erreichen, da muß man nach meiner innigsten und von jeher gehegten Ueberzeugung eine Commission bilden, deren Mitglieder sich nach Vereinbarung über wesentliche, durchgreifende Principien in die Bearbeitung der einzelnen Abschnitte theilen, über die bearbeiteten Theile berathen, und die definitive, in Einem Sinne, in Einem Gusse zu fertigende Redaction des Ganzen einen; dazu beauftragten Mitglicde überlassen. In dieser Weise, aber auch nur in dieser, kann man den Forderungen genügen, welche in solcher Hinsicht die Völker heut zu Tage mit Recht an ihre Regierungen stellen. Als von selbst sich verstehend betrachte ich hierbei zwei Regeln. Wer nur theoretisch gebildete Juristen in solche Commissionen beruft, handelt nicht sachgemäß. Auch Praktiker gehören dazu, welche berathend oder entscheidend aus eigener Erfahrung kennen gelernt haben, was im Fache der Gesetzgebung dem Volke Noth thut. (So bestand die Commission zur Entwcrfung der Vaierischen Civilprozeßordnung von 1825 aus einem Ministerialrath, aus einem Advokaten, aus zwei Coltegialrichtcrn und aus drei Landrichtern.) Wenn man aber eine Commission zur Entwerfung neuer Gesetzbücher aus Angestellten bildet,"ohne sie, und zwar sämmtlich ohne Ausnahme, von allen gewohnten Berufsarbeiten zu dispensiren, so.will man den Schein, seiner Pflicht entsprochen zu haben; nicht aber will man den Zweck. Denn zu solchen Arbeiten gehört un- widersprechlich eine ununterbrochene Muße, nicht gestört durch Geschäfte, welche die gewöhnliche Arbeitszeit füllen. Fragen wir, wie es in anderen Staaten in den bekanntesten Fallen dieser Art gehalten worden, so finden wir Folgendes: In Preußen hatte Friedrich der Große durch eine CabinetS- erdre vom 1t. April 1780 die Reform der Gesetzgebung dem Grcßkanzlcr von Carmcr aufgetragen. Der König sagte in dieser CabinetSordre: „Wie nun die Ausführung einer so wichtigen Sache nicht das Werk eines einzigen Mannes ist, so müßt Ihr die geschicktesten und redlichsten Leute, die Ihr ausforschen könnt, aufsticken; die verschiedenen Arten der Ausarbeitungen unter sie vertheilen; sie sodann in ein Ccllegium zusammenziehen, und alles mit gemeinschaftlichem Rath regulircn." Demgemäß wurde eine Commission von vier Hauptarbeitern und von drei Hülfsarbeitern ernannt. Unter jenen befand sich Suarez, der durch die Redaction des ersten Entwurfs sowohl, als des definitiven zum allgemeinen Landrccht, welches bekanntlich auch das Strafrccht enthält, sich unsterbliche Verdienste um Preußens und Europas Gesetzgebung erworben; jedoch stets an die Mitwirkung der meistens aus vier Mitgliedern bestandenen Commission gebunden war. In ähnlicher Weise wurde bei Entstehung der allgemeinen Gerichts-^ ordnung gehandelt. — In Oesterreich entstand das jetzige bürgerliche und Strafgesetzuch durch eine Commission, in welcher für jenes v. Martini, für dieses v. Haan als Redacteure rühmlichst glänzten. — Die französischen Gesetzbücher sind sämmtlich in dem Schooße von Commissionen, aus 4 oder 5 Mitgliedern zusammengesetzt, entstanden; und namentlich wurde unter den vier zur Bearbeitung des (Ho civil berufenen RcchtSgelehrtcn der CassationSrath Malcville zum Redacteur bestimmt. — Noch am 29. August des laufenden Jahres sagte der König von England bei der Vertagung des Parlaments: „In dieser Absicht habe ich eine Commission ernannt, um alle Criminalgcsctze in einen Locke zu vereinigen, und um zu untersuchen, in wie weit und durch welche Mittel dasselbe bei den andern Zweigen unserer Jurisprudenz geschehen könne." — Wo hingegen ein entgegengesetzter Weg eingeschlagen wurde, wo man Gesetzbücher publicirte, mit deren Entwerfung man die Verantwortlichkeit eines Einzelnen belastet hatte, da hat die Erfahrung sehr bald auf den richtigeren Weg hingeleitet. Im Jahr 1813 entstand das Strafgesetzbuch für Baicrn, und, obgleich verfaßt von einem der größten deutschen Criminalisten und Philosophen, mußte cS dennoch sehr bald durch eine große Menge- von sogenannten Novellen, daß heißt von erläuternden, ergänzenden, abändernden Gesetzen ausführbarer gc- I a u p. 28 ', macht werden. Dennoch wurde LaS Bedürfniß einer vollständigen Revision sehr bald so allgemein gefühlt, daß diese Revision nach der ersten Ständeversammlung ( 1819 ) einer Commission übertragen wurde, wel^e eine von Grund aus neue Arbeit zu liefern nöthig fand. — In Württemberg war das umfassende Edikt über die Rechtspflege in den unteren Instanzen meines Wissens auch nur von Einem, von einem sehr hoch stehenden Justizmann entworfen, 1819 publicirt worden; und in Folge des Landtagsabschieds von 1821 mußten schon im Jahre 1822 mehrere wesentliche, neue Bestimmungen getroffen werden. Erinnern darf ich wohl daran, daß in unserm Lande, als die Organisationsedikte von 1803 eine GesetzgcbungSkommission errichtet hatten, dasjenige Mitglied derselben, welches zugleich Professor der Rechte war, zum Redacteur ernannt wurde; und wie die 1816 gebildete Commission zusammen gesetzt war, ist Ihnen vollständig bekannt. 2) Jsst die En.twerfung ganz neuer Gesetzbücher zweckmäßiger, oder daß man sich wesentlich anschließe an eine bereits bestehende und erprobte Gesetzgebung? Wer es weiß, wie schwierig es ist, aus einer seit Jahrhunderten bestehenden, wenn auch höchst mangelhaften Gesetzgebung in eine neue überzugehen; wer es weiß, mit welchen Bedcnklichkeiten die Entwcrfung ganz neuer Gesetzbücher verbunden ist; wer eS weiß, wie hart die Völker es zu büßen haben, wenn die Gesetzgeber in der Wahl der richtigen Mittel sich vergreifen, der wird sicherlich über die Beantwortung der aufgeworfenen Frage keinen Augenblick zweifeln können. Die größten Rechtsgelchrten und Philosophen stellen cS daher als eine unbedingte Forderung der Ge- sctzgebungspolitik auf, erprobte Gesetzgebungen nicht ohne dringende Noth zu verlassen. Garve, der stets unter den würdigsten Philosophen Deutschlands eine Stelle einnehmen wird, sagte: ,-Wie unendlich viele Mängel werden die Richter nicht in jedem Gesetzbuch gewahr, welche dein scharfsichtigsten Gesetzgeber entgicngen; und wie oft muß man nicht von dem, was die Vernunft vorzuschreiben schien, auf das zurückkommen, was die Erfahrung gelehrt hatte?" Portalis, den Frankreich mit Stolz nennt, wenn von Gesetzgebung die Rede ist, versicherte: „neue Theorien sind nur Systeme einiger Individuen; die alten Mapimen sind der Geist der Jahrhunderte." — Der berühmte Niederländer Meyer drückt sich hierüber folgendermaßen aus: „Jedes neue System muß durch die Zeit modificirt, berichtiget, consclidirt werden. 286 StaatSreden. und nur nach einer oft sehr beträchtlichen Reihe von Jahren kann man seine Wirkungen beurtheilen." Und Montesquieu, der stets allen gebildeten Nationen angehören wird, warnt vor ganz neuer Gesetzgebung mit folgenden Worten: „der Mensch vom gemeinsten Verstände kann die Übeln Folgen einsehen, welche ein bereits bestehendes Gesetz nach sich zieht; aber der durchdringendste Verstand vermag nicht diejenigen vorauszusehen, welche aus einem neuen entspringen werden." In solchem Sinne sind auch die neuen großen Gesetzgebungen Europas entstanden. Schon bei der ersten Grundlage zur jetzigen Oesterreichischen Gesetzgebung verfügte die weise Fürstin Maria Theresia in der von ihr selbst verfaßten Instruktion: daß „die Commission, so viel möglich, das bisher übliche Recht beibehalten soll." — Der Wille Friedrichs des Großen ging in seiner berühmten Cabinctsordre von 1789, welche bekanntlich als die Grundlage der neuen preußischen Gesetzgebung in formeller und in materieller Beziehung betrachtet wird, nicht sowohl dahin, der Materie nach ein neues Gesetzbuch zu entwerfen, als vielmehr das bis dahin geltende Recht in einer neuen Fern» der damaligen Verfassung und den Sitten der Nation anzupassen. Die preußischen Staaten sollten ein gereinigtes und ergänztes cnrpn» juris, systematisch und deutsch abgefaßt, als subsidiäres Gesetzbuch erhalten. — Frankreichs neue Gesetzgebung huldigte demselben Prinzip, soweit die Verwerflichkeit der früheren Strafgesetze und Straf- einrichtungen dies möglich machte. In Bezug auf den 6o<1e civil hat der Ausschußbericht Ihnen dieses bereits erwähnt, und noch in höherem Grade fand ganz dasselbe, wie unten angeführt werden wird, bei dem Gesetzbuch über den Civilprozeß Statt. Haben nun selbst große Monarchien, die zu den Staaten des ersten Ranges gehören, die mithin vermöge ihrer Ausdehnung darauf rechnen konnten, viele der Gesetzgebung kundige Männer in ihrer Mitte zu finden, den Grundsatz anerkannt, daß man einer bestehenden und erprobten Gesetzgebung möglichst treu bleiben solle, — wie viel größer ist die Aufforderung dazu in kleineren Staaten, welche natürlich eine weit kleinere Anzahl ausgezeichneter Gesetzgeber werden ausweisen können? Ist nun in einem solchen Staate die durchgreifende Reform unabweisbar nothwendig; stehen in den verschiedenen Theilen desselben zwei, in ihren Grundlagen wesentlich abweichende Gesetzgebungen neben einander; ist es sodann anerkannt, daß die Gesetzgebung gleichförmig werden soll und muß, und daß ihre Grundlagen in den älteren Provinzen durchaus unhaltbar sind, während die jüngere Schwesterprovinz mit ihrer Gesetzgebung fast unbedingt zufrieden ist und den Verlust derselben als ein großes Landesunglück betrachten würde, — — wer kann alsdann über das, was zu thun sei, noch Zweifel hegen? Dazu kommt in dem vorliegenden Fall, daß die Gesetzgebung RheinhcssenS mehr oder weniger eine in Europa weit verbreitete ist, und daß ein kleinerer Staat, der nicht als europäische Macht, nicht mit selbstständigen europäischen Institutionen auftreten kann, immer sehr wohl daran thut, irgend einer größeren Rechtsgcsetz- gebung sich möglichst anzuschließen. Denn eine jede Gesetzgebung, die auf einen engen Kreis beschränkt ist, entbehrt aller eigentlicher Fortbildung, und demjenigen, was der Abgeordnete von Breuberg hierüber so richtig gesagt hat, füge ich nur eine Bemerkung hinzu. Der Zweck der Gesetzgebung ist Rechtssicherheit; und dazu gehört vorzugsweise, daß Jedermann zum Voraus möglichst wissen könne, was in einem gegebenen Fall Rechtens sei. Keine Gesetzgebung der Erde aber, und wenn auch Solon und Lykurg vom Himmel Herabstiegen, ist im Stande, alle möglichen Fälle zum Voraus mit Bestimmtheit zu regeln. Die Erfahrung, also die nachfolgende Rechtsprechung oder die nachträgliche Gesetzgebung, muß daher aushelfen; sie muß diejenige Rechtssicherheit allmählig ergänzen, welche zum Voraus nicht in unbedingter Allgemeinheit begründet werden kann. (Darum ist in Preußen diese nachträgliche Gesetzgebung fast stets in Bewegung, und die Ergänzungen des allgemeinen Landrechts füllen bereits mehrere Bande. Darum erhält Frankreich ungeachtet der klaren Einfachheit seiner seit 30 Jahren fast unverändert bestehenden Gesetzgebung noch immer erläuternde Normen in den Aussprüchcn seines Cassationshofcs, eines Instituts, welches zur Aufrcchthaltung der Einheit des Rechts und zur Fortbildung desselben unter allen Gesetzgebungen gewiß als unübertroffenes Muster dasteht.) Je größer nun das Gebiet einer Gesetzgebung ist, um so früher werden unbestimmt scheinende Rechtsverhältnisse durch die nachfolgende Jurisprudenz oder durch die nachfolgende Gesetzgebung gleichförmig geregelt werden; je kleiner das Gebiet, desto länger wird die erwähnte Rechtssicherheit vermißt werden. Darum wird es durch einen der wichtigsten Staats- zwccke dringend empfohlen, sich im Zweifel an eine bestehende, weit verbreitete Gesetzgebung anzuschließen. — Müßte die Absicht, ganz neue Gesetzbücher zu entwerfen, noch weiter bekämpft werden, so würde ich mir die Bemerkung erlauben, daß auf diese Weise eine schleunige Erfüllung des seit 1 L Jahren unerfüllt 288 Staatsreden. gebliebene» Artikels 103 unserer Vcrfassungsurkunde wahrlich nicht zu erwarten ist. 3) In wesentlicher Verbindung hiermit steht die weitere Frage: Soll nicht, ehe man über die neue Gesetzgebung definitiv beschließt, das Volk gehört werden? Unter dem Vclke verstehe ich hier die Gebildeten in einer jeden Klasse der Staatsangehörigen, und scheue mich nicht, diese Frage zu bejahen. Auch hier wird die Geschichte, die Erfahrung die beste Lehrerin sein. Als das allgemeine Gesetzbuch für die Preußischen Staaten entworfen war, erfolgte 1784 eine öffentliche Aufforderung an philosophische Rechtsgelehrte und praktische Juristen, den Entwurf zu prüfen und ihre Erinnerungen einzusenden; und es wurden als Prämien der gründlichsten Prüfung Preismedaillen bestimmt, (deren eine, wie ich hier wohl anführen darf, dem damaligen Negierungsadvokatcn Schneider in Darmstadt zu Theil wurde.) Der Großkanzler v. Earmcr schickte Exemplare des Entwurfes an damals berühmte praktische und theoretische Juristen, (worunter zwei Gicser Professoren, Schlcttwcm und Höpfner;) auch an andere Gelehrte, an nicht-juristische Sachverständige. Sodann wurde den Preußischen Gerichtshöfen und den Provinzialständen eine Begutachtung (meistens binnen Jahresfrist) anbefohlen, und nachher erst, nach sorgfältiger Prüfung der eingegangenen Gutachten, erfolgte die Berathung eines weiteren Entwurfes. Franz I., der selbst unter den gefahrvollsten politischen Ereignissen seine eifrige Aufmerksamkeit der Justizgesetzgcbung nicht entzog, befahl nach Vorlegung des Entwurfs zum bürgerlichen Gesetzbuch, daß in allen deutschen Provinzen der österreichischen Monarchie eigene Prüfungskommissionen zusammen zu setzen seien aus Mitgliedern der Regierungsbehörden, der Gerichtsbehörden und der Provinzialstände; daß die juristischen Fakultäten ihre Beurtheilung einsenden sollten, und daß der Entwurf durch den Druck bekannt gemacht werde, „damit jeder Sachverständige im In- oder Auslande seine Meinung hierüber eröffnen könne." Nachher erst mußte die Hofkommission in Gesctzsachen die definitive Redaction fertigen und zur Prüfung des Staatsraths vorlegen. — Wie Frankreich in ähnlicher Weise bei Bildung seiner neuen Gesetzgebung verfahren, hat der Ausschuß erwähnt. — In den Niederlanden wurde der Entwurf eines neuen Strafgesetzbuchs 1804 publicirt, und erst am Schlüsse des Jahrs 1808 sanetionirt. Eine Umarbeitung des seit 1811 daselbst eingeführten Coüe ziönal wurde im Jahre 1818 entworfen, und erst 1827 den Generalstaaten vorgelegt. Die öf- I a u p. 28d fentliche Meinung hatte mittlerweile Zeit sich zu bestimmen und, wie auch geschah, sich dagegen zu erklären. — Die Königlich - Baierische Staatsregierung hat ebenfalls sehr weise seit 12 Jahren mehrere entworfene Gesetzbücher dem Publikum mitgetheilt, und verdankt den dadurch vielfach entstandenen Prüfungen gar manches, namentlich zum großen Theile, daß die ersten Entwürfe einer neuen Civilprozcßordnung durch neue Redactionen verbessert wurden. — Die Vadische Staatsregierung hatte die im Jahre 1831 den Ständen vorgelegte Civilprozeßordnung vorher nicht nur dem Oberhofgerichte und den Hofgerichten mitgetheilt, sondern auch der Publicität übergeben; — und noch am 27. August des laufenden Jahres hat der Vorstand des Königlich-WürteMber- gi sehen Justizministeriums in der zweiten Kammer zu Stuttgart erklärt, daß man das Gutachten aller Württembergischen Gerichtshöfe über die Grundlagen einer neuen Strafgerichtsordnung eingefordert habe. Daraus folgere ich, daß man Unrecht hat, ja, daß es Ver- messenheit wäre, neue Gesetzbücher einführen zu wollen, ohne sie vorher dem großen sachverständigen Publikum und darunter vorzugsweise den Gerichtshöfen zur Prüfung vorgelegt zu haben. Den Einwand, daß die Regierung eines konstitutionellen StaatS nnr die Prüfung der Stände zu fordern habe, weise ich zurück sowohl mit den gegebenen Beispielen, da diese theils aus Ländern mit repräsentativen Verfassungen stammen, als auch mit folgenden Worten des geistreichen, viel erfahrnen Nehberg in seinen „konstitutionellen Phantasien eines alten Steuermannes im Sturm des Jahres 1832", Seite 105. „Zu der Beurtheilung eines- jeden einzelnen Gesetzes gehört so viel Kenntniß des Gegenstandes, und oft so viele Erfahrung, daß in jeder zahlreichen Versammlung immer nur wenige sich ein eigenes Urtheil zutrauen können. Nicht einmal über den Inhalt, noch viel weniger aber über die Abfassung, in welcher auf einzelne Worte und Ausdrücke so viel ankommt. — — „Für das Interesse des ganzen Volks ist es daher weit nothwendiger, die Gesetzgebung gegen entscheidende Mehrheiten seiner Vertreter zu sichern, als sie biegen anzuvertrauen. Hierzu giebt es aber nur ein einziges Mittel: Ein konstitutioneller Grundsatz, Laß kein Gesetz zur Diskussion kommen könne, bevor es eine Zeitlang der allgemeinen öffentlichen freien Prüfung ausgesetzt gewesen. In einer solchen konstitutionellen Bestimmung dürften die Räthe und Diener des Fürsten so wenig wie die Abgeordneten des 290 Staatsceden. Volks, eine Herabsetzung oder den Ausdruck eines Mißtrauens finden. Vielmehr fühlen alle Männer von wahrer Überlegenheit des Geistes immer, wie sehr die Beschränktheit aller menschlichen Kräfte der Hülfe bedarf: und sogar auch schon Staatsbeamte, die sich hochmüthig über das Urtheil Aller, die niedriger stehen, wegsetzen möchten, werden Widerspruch und Einreden, denen alle äußere Autorität fehlt, noch eher ertragen, als den Tadel bestellter Kritiker. „Die preußische Regierung hat dieses wohl erkannt, da sie den Entwurf eines neuen Landrechts fünf Jahre lang der öffentlichen Prüfung unterwarf, und sogar zu dieser aufforderte, ehe ihm Gesetzeskraft ertheilt ward. „Das allmächtige englische Parlament hat sich selbst ebenfalls beschränkt, indem es die Ordnung einführte, daß jeder Antrag zu einem Gesetze, welcher Art es sei, zum voraus angekündigt und erst an dem bestimmten Tage zur Berathung kommen könne, damit die Konstituenten, die kein Recht haben, Instruktionen zu ertheilen, in der Form von Bittschriften ihr Urtheil geltend machen können: und welchen Einfluß nicht allein solche Petitionen, sondern auch sogar einzelne Aufsätze in den Zeitungen auf die Beschlüsse haben, beweiset jeder Bericht über die Parlaments-Verhandlungen. „Es bedarf wohl kaum erwähnt zu werden, daß jene allgemeine Vorschrift, nach welcher kein Gesetz beschlossen und erlassen werden soll, ohne vorher die Feuerprobe einer allgemeinen völlig freien öffentlichen Prüfung bestanden zu haben, eine unbedingte Censurfreiheit voraussetzt. Welches Zutrauen könnte wohl zu einer Prüfung gefaßt werden, die nur unter höherer Erlaubniß angestellt worden? Auch die mildeste Censur würde nie dem Verdachte entgehen, sie habe unterdrückt, was der Regierung zu sehr mißfallen. Eben der bitterste, der empfindlichste Tadel, wenn er nur die Sache und nicht die Personen der Urheber trifft, ist aber der heilsamste: sogar wenn er ungegründet befunden würde, und vielleicht alsdann am meisten." So weit Nehberg^und Sie sehen hieraus, meine Herrn, wie auch hier wieder die verfassungswidrige Censur hindernd in den Weg tritt, und wie sehr auch in solcher Beziehung zu wünschen wäre, daß endlich einmal der Fürst nicht mehr durch die Minister abgehalten würde, die heilige Zusage gesetzlicher Preßfreiheit zu erfüllen. Ist es demnach unumgänglich erforderlich, bei neuen Gesetzbüchern, ehe sie den Ständen zur definitiven Genehmigung vorge- « I a u p. 29 t legt werden, auch den sachverständigen Männern im Volke eine Zeit zur Prüfung zu gestalten, so ist solche Prüfung um so leichter, sie ist mithin sowohl gründlicher als auch in kürzerer Zeit zu erwarten, wenn die Grundlagen einer bereits bestehenden und erprobten Gesetzgebung angenommen werden) und noch mehr, wenn diese Gesetzgebung sogar in einem bedeutenden Theile des Groß- herzogthumS schon seit fast einem Mcnschenalter allbekannt ist, und eben hierdurch in ihren Vorzügen und in ihren Mängcln um so leichter beurtheilt werden kann. Die Folgerung ergicbt sich von selbst. 4) Können zweckmäßiger Weise die verschiedenen Gesetzbücher vereinzelt entworfen werden von einzelnen Männern, die nicht mit einander in Verbindung stehen? Keinem Sachkundigen wird es entgehen, daß die drei in der VerfassungS-Urkunde zugesagten Gesetzbücher innig mit einander zusammen hängen. Zahlreiche Fäden verknüpfen das bürgerliche Gesetzbuch mit demjeingen Theile des Gesetzbuchs über das Verfahren in Rechtssachen, welcher den Civilprozeß betrifft) und kein Theil der neuen Gesetzgebung wird ohne umfassende Rücksicht auf Gerichtsverfassung erschöpfend bearbeitet werden können. Darum ist es sehr recht, daß die Gesetzbücher thunlichst gleichzeitig bearbeitet werden; aber eben darum können sie nicht ohne harmonische Zusammenbildung entstehen, und es müssen daher die damit Beauftragten unter einander in Verbindung stehen. Ist dieses der Fall, und will man ernstlich sowohl eine neue Gesetzgebung, als auch zur wesentlichen Grundlage die rheinhessische, so theile ich allerdings die von dem Abgeordneten des Bezirks Vreubcrg am Schlüsse seiner Rede ausgesprochene Ansicht, daß bis zum nächsten ' Landtage alle Vorbereitungen getroffen sein können. — In der vorhin bereits angeführten Sitzung der würtembergischen zweiten Kammer klagte zuerst der Domdechant v. Jaumann darüber, Laß Gesetze aus fremden, todten Sprachen, Laß Gesetze aus fremden Zeiten herrschten. Nachdem sich sodann mehrere Mitglieder theils für den Golle Uapoloon als Grundlage, theils für unbedingte Oeffentlichkeit der Rechtspflege, wie auch dafür ausgesprochen hatten, daß man den Entwurf eines Gesetzbuchs dem Publikum übergeben müsse, so stellte der Präsident die vorzüglich von dem hochverehrten Abgeordneten Schott veranlaßte Frage: „Soll die Regierung gebeten werden, mittelst Niedersetzung einer Commission innerhalb der nächsten drei Jahre den Entwurf eines Civil- und 2S2 Staatsreden. Handel»-Gesetzbuchs, einer bürgerlichen und peinlichen Gerichtsordnung einzubringen?" und diese Frage wurde von sämmtlichen 85 anwesenden Mitgliedern mit vollständiger Einstimmigkeit bejaht. Nach VorauSsendung dieser allgemeinen Betrachtungen muß ich, ehe ich zu einzelnen Bemerkungen über die Eröffnungen des Herrn NegicrungSkommissärS übergehe, Zweitens um Erlaubniß bitten, einige Worte eigner Art an Sie zu richten. Zaup rechtfertigt sich hier gegen mehrere Beschuldigungen/ die wir hier, als zu lokal, übergehen, und fährt dann fort: Drittens wende ich mich zu einem mindestens interessanteren Gegenstände, zu den Erklärungen des Herrn NegierungskommissärS über einzelne Gegenstände der Gesetzgebung. Ob sie aber erfreulicher sind, bezweifle ich sehr. 1) Das rheinhessische Civilprozcßbuch, das freilich mit mehreren Institutionen in wesentlicher Verbindung steht, ist bekanntlich nichts anderes, als eine systematische Zusammenstellung dessen, was in Frankreich durch die auch in dem Ausschußberichte angeführte königliche Ordonnanz von 1667 und durch einzelne spätere Anordnungen eingeführt war. Diese Grundform des Civil- vexfahrenS hat über ein Jahrhundert unter Frankreichs Königen bestanden; sie wurde unter der Republik verworfen, aber, als Frankreich eine Monarchie geworden, sehr bald wieder hergestellt. Es gibt kein Civilprozcßgesctzbuch in Europa, das in einem großem GebietSumsang Gültigkeit hätte; die Länder, welche es besitzen, namentlich unsere Nachbarn in Rheinbaicrn und in Rheinpreußen sind damit zufrieden; warum es nicht für uns gcneralisiren? 2) Die Ocffentlichkcit und Mündlichkeit des Verfahrens soll nach den Erklärungen des Herrn RcgierungSkom- missärs eine halbe werden, gemischt mit heimlichem und schriftlichem Verfahren. Ich, meine Herrn, hatte fest gehofft, daß nach demjenigen, was in andern Staaten vorangegangen, nachdem namentlich Baierns Staatsregicrung schon im LandlagSabschiede von 1819 die Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Verfahrens zugesagt hatte, nachdem die badische Staatsregicrung 1831 dasselbe in den Entwurf der CivilprozcßorLnung aufgenommen hatte, auch unsre Staatsregierung diesen Grundsatz als einen unbedingt durchzuführenden schon längst angenommen hätte. Ich weiß über diesen Gegenstand nichts besseres zu sagen als die Worte, welche der jetzige Ministcrialrath Bekk in Karlsruhe auf dem vorigen Land- I a u p. 20Z tage dort in der zweiten Kammer sprach (I3tes Beilagehcft Seite 32 und 67): „Alle, welche den Fortschritten der Wissenschaft und den Erfahrungen fremder Länder nicht fremd sind, stimmen darin übcrein, daß vor allem die Ocffcntlichkeit des Verfahrens die Justiz von möglichen Abwegen zurückzuhalten vermöge, und daß auf bestimmtem Standpunkte der Civilisation allein und nur durch die Oeffcntlichkcit noch das Vertrauen auf die Gerechtigkeit der Gerichte erhalten werden kann. — Die Oeffentlichkeit schützt vor Fehltritten des Gerichts, erhalt das Vertrauen auf die Urtheilssprüche und macht die Rechtspflege besser." In der ersten badischcn Kammer drückte der CcmmissionS- bcricht sich folgendermaßen (19. Dec. 1831) aus: (Beilagcband 5, Seite 34) „Die Oeffentlichkeit wird die Controle für den verfassungsmäßig unabhängigen Richter und die Schutzwchr der Parteien gegen richterliche Willkühr sein. So wie die Gesetzgebung und Verwaltung in einem konstitutionellen Staat dem öffentlichen Urtheil unterliegt, so darf auch die Verwaltung der Gerechtigkeit kein Geheimniß haben. Sie muß öffentlich vor den Augen des Publikums handeln; sie muß ihm die Ueberzeugung gewähren, daß sie die Parteien hinreichend gehört, die Gründe ihrer Rechtsansprüche und ihre Vertheidigung vollständig gewürdigt, daß keine Gründe ihre Entscheidung motivirtcn, welche das öffentliche Urtheil zu scheuen haben." Daß aber eine gemischte Prozeßordnung, halb öffentlich und halb mündlich, auch setzt noch die Freunde beider Prinzipien befriedigen werde, kann ich nimmermehr glauben. Meint man, daß die Schriftlichkeit eine gute Basis des Prozesses gebe-- so bilde man diese immerhin aus. Will man jedoch die Münd- lichkeit, so gebe man diese rein, nach Mustern, die sich erprobt habt». Ergreift man aber halbe Maßregeln, so macht man kostspielige Experimente: man verbindet mit einander die Nachtheile dieser zwei verschiedenen Verfahren; von keinem derselben aber gewinnt man die Vortheile. 3) Collcgialische Einrichtung der Civilgerichte erster Instanz. ES ist nicht zu läugnen, daß über diesen Gegenstand die Ansichten sehr verschieden sein können, und eS fehlt nicht an vorzüglichen Schriftstellern, welche das Institut der Einzelrichtcr noch setze in Schutz nehmen. Ich nenne Hcfftcr in Halle, v. Dresch in München, und vor allen den berühmten Engländer Beut Hain; während Meyer sich zweifelhaft ausspricht. Allein dessen ungeachtet scheint immer mehr die entgegengesetzte Ansicht gebilligt zu 294 SkaatSreden. werden; und welche größere Autoritäten dafür in Deutschland könnte ich nennen als v. Feuert»ach") und MittermaierL Erlauben Sie mir, ganz nach einer Abhandlung des Letzten:**) Ihnen möglichst gedrängt die beiderseitigen Gründe auszuziehen. Für den Einzelpichtcr führt man an: i) Er bürge mehr für gründliche und treue Rechtsverwaltung, weil er sclbstständig verantwortlich dastehe, und nicht mit des CollegiuinS Ansicht sich entschuldigen könne; und weil unter mehreren Collegialmitglicdcrn leichter ein schwächeres Individuum zu gewinnen sei. 2) Er sei, da er den ganzen Prozeß instruirt habe, besser vorbereitet, gründlich zu urtheilen. 3) Die Parteien könnten viel leichter, bequemer und wohlfeiler den Richter finden, zumal da sie dort ohne Advokaten handeln könnten. 4) Er könne eher Vergleiche stiften, während durch Eollegien die Appellationen namentlich durch die Advokaten vermehrt würden. Allein dagegen spricht folgendes: 1) lleberall kennt in Deutschland die zweite Instanz kollegialische Einrichtung; offenbar weil man sie für geeigneter hielt, die Fehler der ersten Instanz zu verbessern. Lieber also auch in erster Instanz die bessere Einrichtung, um die Rechtsmittel entbehrlicher zu machen. 2) Der Staat erreicht durch die Justizverwaltung seinen Zweck nur, wo der Bürger auf die Gerechtigkeit der Urtheile vertrauet. Solches Vertrauen kann nur bestehen, wo das Urtheil die Frucht gründlicher Berathung und der Uebereinstimmung Mehrerer ist. I) Eine gewisse Gleichförmigkeit der Entscheidungen und Ausbildung fester RechtSansichten ist unbedingt nothwendig zur Rechtssicherheit; sie wird nur bei Eollegien Statt finden, nicht bei wechselnden Einzelrichtern. 4) Eollegien geben Bürgschaft höherer Intelligenz, weil nur hier Austauschen der Ansichten, Abwägen aller Gründe möglich ist. Sie geben zugleich Bürgschaft größerer moralischer Unabhängigkeit, da ein Richter leichter zu gewinnen ist, als mehrere in einem Colleg, die hier wiederum von ihren Collcgen controlirt werden; was auch von Einfluß der Macht, von Furcht vor der Ungnade einer mächtigen Partei und von andern ähnlichen Versuchungen gilt. Selbst die gedrohte Ungnade des Mächtigen schreckt weniger, wenn man gewiß ist, daß man sie mit Andern zu theilen hat. Sorge man für einen ausgezeichneten Vorstand, „rechne man dann," sagt Mittermaier wörtlich, „auf die Oeffentlichkeit und vorzüglich aufdie Preßfreiheit, welche ») Ueber Oeffcittl-chleit und Miindlichkeit, Band 1, S. 264. *') Archiv für die ewilist. iprarik, Bd. 14, S- -SS. Auch Bd. S, S, 4l« und Bd. II, S> 210. I a u p. 295 die Justizverwaltung controlirt und frei und offen Mißbräuche rügt, so kann die Collegialjustiz nur wohlthätig wirken." S) Nur bei Collegialjustiz kann ein Verfahren eingeführt werden, welches den Grundfordcrungen der Mündlichkeit und Oeffentlichkeit entspricht, da bei dem Einzclrichter ein lebendiger Antheil des Publikums nicht vorhanden ist, und die Mündlichkeit, wo die Parteien selbst handeln, in würdigem Sinne nicht durchzuführen ist. 6) Eine geregelte Procedur, die durch Advokaten geführt wird, hat überwiegende Vortheile, und oft beginnt, wo die Parteien vor Cinzclrichtern in erster Instanz erscheinen, der Prozeß erst wahrhaft in der zweiten; während Aussprüche von Collegial- gerichten eher für begründet gehalten, mithin weniger durch Rechtsmittel angefochten werden; und während Appellation gegen zwei von Kollegien ausgesprochene Urtheile eher vom Gesetze ausgeschlossen werden kann. — So weit dieser Auszug aus einer Abhandlung von Mittcrmaier, der an einem andern Orte versicherte, daß im bäurischen Rheinkreis verhältnißmäßig weit weniger Appellationen von den Bezirksgerichten an die Appellgorichte vorkämen, als in den alten baicrischen Provinzen bei Einzelrichtern in erster Instanz. Derselbe Gegenstand ist in der vorigen badischen Stände- versammlüng gelegentlich der von der Staatsrcgierung vorgelegten neuen Civilprozcßordnung auf das umständlichste, und gründlichste geprüft worden. Die Majorität der Commission (neun Mitglieder) trug an auf Collcgialgerichte erster Instanz, und daß nur bestimmte Gattungen von Rechtsstreiten und nebstdem Gegenstände von geringerem Belang durch Einzelrichter in erster Instanz entschieden werden sollten. Die Minorität (nur zwei Mitglieder) wollte in allen Gegenständen Einzelrichter in erster Instanz wie bisher, doch mit dem Rechte der Parteien, in. Strcitjachen, in welchen das ' Rechtsmittel der Appellation zulässig, den Einzelrichtrr zu umgehen, und unmittelbar das Gericht zweiter Instanz entscheiden zu lassen. Die zweite Kammer entschied sich für den Antrag der Majorität, nach umständlicher Diskussion, worin Mittermayer, v. Rotteck, Duttlinger, Welcker, v. Jtzstein sich diesem Antrag anschlössen, der Letzte mit den Worten: „ Bei meiner häufigen Anwesenheit in Ländern, wo die Collcgialgerichte in erster Instanz und die Oeffentlichkeit eingeführt sind, habe ich mir zur Pflicht gemacht, die Gerichtsverhandlungen oft zu besuchen, und wie der Abgeordnete Mittcrmaier mit Freuden gesehen, wie dort Punkte, worüber bei uns neue Prozesse entstehen würden, in einer i 296 SkaatSreden. Viertelstunde erledigt werden sind, wo alles, was Gegenstand des Streites war, so klar dargelegt wurde, daß kaum mehr ein Zweifel obwalten konnte." Der RegicrungSkommissär, StaatLralh Nebe- nius, vertheidigte den Vorschlag der Regierung, nämlich dieCollc- gialverfassung in erster Instanz, mit folgenden Gründen : „Sie sichert die Gesetzmäßigkeit und Gleichförmigkeit des Verfahrens; denn ein gleichförmiger GerichtSgebrauch wird sich nie bei Aemtern bilden, die blos von Einzelrichtern verwaltet werden, indem in dieser Beziehung schon der Wechsel der Personen nachtheilig wird. Der zweite Vortheil ist der, daß die Errichtung von Collegialgerichten die nothwendige Bedingung der zweckmäßigsten Art LeS Verfahrens ist, d. h. eines öffentlichen und mündlichen Verfahrens. Der dritte und Hauptvortheil ist, daß die Collegialverfassung der Gerichte eine größere Bürgschaft gewährt für die Gesetzlichkeit der Richtersprüche und gegen den Mißbrauch der Gewalt, gegen die Parteilichkeit und gegen Irrthum;" — und die zweite Kaminrr entschied sich für den Antrag der Staatsregicrung mit einer Majorität gegen nur 11 Stimmen. 4) Im Strafverfahren das Geschwornengericht. Der Herr Regierungskommissär versichert, die im Jahr 1817 bestandene Commission habe für rathsam gehalten, vorerst den V ergänz anderer Staaten abzuwarten. In dieser Beziehung könnte man anführen, daß, um nur bei monarchischen Staaten stehen zu bleiben, Frankreich die Kompetenz der Geschwornengerichte erweitert hat, daß Belgien diese Gerichte eingeführt hat, daß VaiernS neuester Entwurf eines Gesetzbuchs sie einführen will, und daß in Baden und Kurhessen Regierungskommissär» und landständische Kammern sich dafür ausgesprochen haben; während nirgends seitdem meines Wissens ein Kriminalgesetzbuch ohne Geschworne eingeführt worden ist. Die StaatSregierung scheint aber damals die erwähnte Ansicht, vorerst den Vorgang anderer Staaten abzuwarten, nicht gehabt zu haben; denn die Bekanntmachung vom 1. Dezember 1817 sagt; „die peinlichen Straffälle gehören in den jenseitigen Landestheilen an den Kriminalgerichtshof, der aus Mitgliedern des Mainzer HofgerichtS und aus den Geschwornen gebildet wird; in den diesseitigen Landestheilen dagegen sollen diese Fälle von den vereinigten Abtheilungen der Hofgerichte behandelt werden, bis die allgemeiner verbreitete Bekanntschaft mit der Gesetzgebung und eine auf längere Erfahrung gegründete Prüfung es erlauben wird, auch hierin Gleichförmigkeit einzuführen." Nicht also der I a u p. 297 Vorgang anderer Staaten, sondern allgemeiner verbreitete Bekanntschaft mit der Gesetzgebung und auf längere Erfahrung gegründete Prüfung sollte über die Art der Gleichförmigkeit entscheiden. Nach 15 Jahren dürfte endlich sicherlich der Zeitpunkt eingetreten sein, entweder die Gcschwornengcrichte in Rheinhessen aufzuheben oder auch bei uns sie einzuführen. Wie darüber der Mann, der in der Erklärung des Herrn Regierungskommissärs vorzugsweise als Antragsteller in der im Jahr 1817 bestandenen Commission genannt wird, von Grolman, schon im Jahr 1818 gedacht hat, möge folgende Stelle in der dritten Auflage seiner Criminal - Rechtswissenschaft K. 512 beweisen. „Solche Gründe sind es, welche in manchen Staaten das Institut der Geschwornen (Jury) herbeigeführt haben, das höchst wahrscheinlich auch in Deutschland sich immer weiter verbreiten wird. Richtigere Urtheile über Schuld und Unschuld wird man zwar iin Allgemeinen durch die Geschwornen nicht erhalten, ob man gleich da, wo die Juristen über diesen Punkt anders als andere gebildete Männer urtheilen, geneigt sein möchte, das Urtheil der Letzteren vorzuziehen, weil dem Angeschuldigten bei seiner Handlung wohl nur dieses, und nicht das der Juristen vorschweben konnte. Dagegen gewährt das Institut der Geschwornen unter Voraussetzung einer bestimmten Bildung der Nation sehr große politische Vortheile. Es begründet in der Meinung des Volks größeres Zutrauen zu der Rechtsprechung; es erhebt die Liebe des Volks zu einer Regierung, welche ihm Lurch die Zuziehung zu der Justizerthcilung ihr Vertrauen und ihr ehrendes Urtheil über seine Mündigkeit bekundet; eS befestigt in dem Volke die Achtung vor dem Gesetze und das Interesse an dem Gemeinwesen; es belebt in dem Bürger das Gefühl des eigenen Berthes, und es wirkt Vortheilhaft auf die öffentliche Sitte, weil da, wo es nicht gleichgültig ist zu den Notabeln zu gehören, auch ein Interesse entstehen muß, sich dieses Namens würdig darzustellen- Diese politische Seite hatte ich früher nicht ausgeführt, und es ist mir daher eine wichtige Angelegenheit, meine frühere Meinung als einen früheren Irrthum zurückzunehmen." Die preußische Jmmediatjustizkom- mission hat sich bekanntlich unbedingt für die Gcschwornengerichte ausgesprochen; und wie der Inhalt des Ausschußberichts nachweiset, verbreitet sich immer mehr die Ansicht von der Zweckmäßigkeit derselben. Einen glänzenderen Beleg dazu kann man schwerlich finden, als daß der mit Recht so hochverehrte Mittermaier, der noch 18?7 (das deutsche Strafverfahren 1. Auflage §. 40) 2S8 StaatSceden. gegen Geschwornengerichte gesprochen, im Jahr 183 t, wie der Aiisschußbericht nachgewiesen, dafür sich erklärt hat. Er hat dies seitdem wiederholt gethan im 12. Band des neuen Archivs des Criminalrechts Seite 500 und 501, indem er sagt: „ Es liegt in dem ganzen bürgerlichen Verhältnisse, daß daS Volk nicht ohne Besorgnisse auf jeden Schritt der Staatsregierung und der Machthaber sieht, durch welchen die bürgerliche Freiheit gefährdet werden kann. Nur zu leicht betrachtet nun das Volk alle Beamten, weil sie von der Regierung angestellt sind, als abhängig von derselben und daher nicht als unparteiisch, und das Mißtrauen steigt, je wichtiger die Frage ist, deren Entscheidung in die Hände der Beamten gelegt ist. Da nun der Strafprozeß von jeher ein Werkzeug gewesen ist, durch welches vorzüglich in Zeiten der Aufregung Machthaber, welche dem Volke feindlich gegenüberstanden, die bürgerliche Freiheit bedrohten, indem sie den rechtlichsten, patriotisch gesinnten, aber zu kühnen Bürger einer Anklage unterwarfen, so ist die Besorgnis! des Volkes, die Entscheidung über die Anklage gegen einzelne Bürger von der Regierung abhängigen Beamten zu überlassen, sehr gesteigert, und ain meisten da, wo blos vom Ermessen einiger Beamten, wie dieses bei dem Jndicicn- beweise der Fall ist, die Vcrurtheilung eines Angeklagten abhängig gemacht werden soll. Wir beklagen eS, wenn eine solche Ansicht herrscht, nach welcher ein unseliges Mißtrauen alle Veamtcn verfolgt, wenn man den Beamten Vaterlandsliebe und Pflichtgefühl abspricht, und insbesondere bei dem Richter die unabhängige Stellung desselben und die Gewissenhaftigkeit, mit welcher er seinen Eid hält, nicht in Anschlag bringt, und jene Beispiele aus allen Staaten vergißt, in welchen die Gerichtshöfe gegen die mächtigsten Versuchungen kämpften und die Rechte des Volks vertheidigten. Allein die Ansicht findet sich doch einmal häufig, und da, wo sie vorkommt und vielleicht durch die Gebrechen der gerichtlichen Organisation einige Rechtfertigung bekommt, wird es begreiflich, wie dem Geschwopncngcrichte der Vorzug vor der UrthcilsfinLung durch rechtSgclchrte Richter gegeben werden kann und muß, weil unter der Herrschaft der zuvor angeführten Ansicht die von den Richtcrkottcgicn, insbesondere da, wo auf Jndicicn Jemand ver- urtheilt worden ist, ausgegangenen Urtheile nicht der Zustimmung der öffentlichen Meinung und des allgemeinen Vertrauens sich erfreuen; wo aber dies Vertrauen fehlt, ist auch die Eriminaljustiz unwirksam, in repräsentativen Staaten aber, wo das Volk an allen politischen Verhandlungen Theil nimmt, wo es sich bald an die I a u p. 229 Ansicht gewöhnt, nur jenen, die Freiheit des Volks auch nur mittelbar betreffenden Aussprachen der Regierung, gern und vertrauensvoll sich zu unterwerfen, zu welchen das Volk auch durch seine Repräsentanten mitgewirkt hat, liegt auch die Meinung nahe, daß da, wo ein Bürger angeklagt wird, wo der AuSgang der Anklage den Verlust der höchsten Güter dieses Bürgers nach sich ziehen kann und wo die Wahrheit der Anklage nur von dem Gewissen bestimmter Personen abhängig gemacht, daher das Schicksal eines Angeklagten in die Hände einiger Personen gelegt werden soll, das Volk auch nur jene Verurtheilung als eine gerechte betrachtet, die auf den Grund des AuSsprucheS ehrenwerthcr, vom Volke gewählter, als seine Repräsentanten erscheinender Personen sich stützt." Im 13 . Band, Seite 109 und 110 sagt Mittermaicr: „Drehe und wende man sich so viel man wolle: eS bleibt nur ein Ausweg, der: Geschwornengerichtc einzuführen. — Der Verfasser dieses Aufsatzes war seit 20 Zähren Gegner dieser Gerichte; aber erst, seit ihn Bcrufsgeschäfte verpflichtet haben, den Entwurf einer Criminalprozeßordnung zu bearbeiten, seit er gesehen hat, daß alle Versuche, eine gesetzliche Beweistheorie zu bearbeiten oder eine blos negative Beweistheorie durchzuführen, scheitern, seit er die Gefahren erkannt hat, auch rechtSgclehrtcn angestellten Richtern das Recht einzuräumen, jede Strafe auch auf künstlichen Beweis zu erkennen, ist er überzeugt, daß nur durch Geschwornengerichte geholfen werden kann; im Interesse der bürgerlichen Gesellschaft, selbst im Interesse, daß so viele Schuldige nicht der Strafe entgehen, in der Ueberzeugung, daß jede gesetzliche Beweis- theorie den Richter nöthiget, gegen so viele Schuldige blos das non Hquet auszusprechen, fordert er die Einrichtung." Und noch neuerdings, am 19 . August des laufenden Jahres als Berichterstatter in der Badischen zweiten Kammer in Bezug auf Prcßfrcihcit sagte dieser würdige Mann: „Daher kann auch Ihre Commission den Ausspruch der Ueberzeugung nicht unterdrücken, daß die Wirksamkeit des PrcßgesetzeS sich erst dann recht bewähren wird, wenn Geschworne über Preßvergehen urtheilen würden; wir halten es immer für eine halbe Maßregel, wenn den aus Nechts- gelehrten angestellten Richtern das Urtheil in Preßsachen überlassen wird. Wir sind weit entfernt, der Ehre der Badischen Gerichtshöfe zu nahe zutreten; es kommt aber, wie 1831 bereits gesagt worden ist, nicht darauf an, ob die angestellten Richter das Vertrauen eben so oder noch im höheren Grade als die Geschwornen verdienen, sondern nur darauf ob sie dasselbe wirklich besitzen; und X 300 StaatSreden. es liegt hier so nahe, daß in Fällen, wo die Staatsregierung selbst Partei ist, weil sie sich für beleidigt ansieht und dem Angeklagten sich gegenüber stellt, wo sie auch Interesse und Mittel hat, daß durch das Strafurtheil die angestellte Untersuchung gerechtfertigt erscheine, bei den Bürgern Besorgnisse entstehen, daß das Gemüth des Richters entweder aus übertriebener Angst, oder aus dem Wunsche, die Regierung gegen Angriffe ausrecht zu erhalten, sich un- willkührlich und oft unbewußt zur Strenge neige, und eine Ver- urthcilung aussprcchc, welche die Geschwornen, die gleichfalls Interesse an bürgerlicher Ordnung und Achtung des Gesetzes haben, aber in beständiger Berührung mit ihren Mitbürgern die Lebensverhältnisse richtiger auffassen, und- die Wichtigkeit der staatsbürgerlichen Rechte fühlen, nicht erkannt haben würden. „Sind auch nur bei einem großen Theile des Volkes solche Besorgnisse rege, so werden die von den angestellten Richtern gefällten Strafurtheile nie auf die Zustimmung des Volkes rechnen können, deren die Strafurtheile der Geschwornen sich erfreuet haben würden. Wenn dazu noch die geheime Verhandlung vor Gericht komm.,- so wächst begreiflich das Mißtrauen gegen die gefällten Strafurtheile, und die Erfahrung im Königreich der Niederlande in den Jahren 1820 und 1830 hat leider es bestätigt, daß die StaatSregierung, da, wo RechtSgclchrte Richter nach geheimen Verhandlungen Urtheile in Preßvergehen fällten, aller Vortheile entbehrt, welche sonst der Ernst und die unnachsichtlichc Strenge gegen den Verbrecher, der die Presse mißbrauchte, Hervorgebracht haben würde. Nur wo Ocffentlichkeit der Verhandlungen das Vertrauen des Volkes zu den gefällten Strafurtheilcn begründet, wo die Ueberzeugung von der Gerechtigkeit der gefällten Strafurtheile lebendig im Volke ist; wird der niedrige Nerläumdcr, der freche Unruhestifter, welcher die Bande der Ordnung durch aufregende Schriften zu zcrreisscn sucht, einen unerbittlichen Richter an allen verständigen Bürgern haben, welche sein Benehmen mißbilligen,' eine Zeitung, die mit solchen Artikeln angefüllt ist, wird bald untergehen, weil der Beifall der Bürger ihr fehlt. Unter solchen Voraussetzungen ist die Ocffentlichkeit der Verhandlungen ein Haupt- mittel für die Staatsregierung, die repressive Kraft der Strafgesetze in Prcßsachen zu verstärken. Wann werden endlich die Gegner der Oesscntlichkcit einsehen, Laß alles Verhüllen und die Ge- hcimnißkrämerci ihnen am meisten schadet?" Die deutsche VundcSakte, meine Herrn, bezeichnet bezüglich der Rechtsverhältnisse der St^ndeshcrrn die Königlich-Baieri- I a u p. 30 l sehe Deklaration von 1807 als „Basis und Norm" für die andern deutschen Staaten. In derselben ist für die StandeShcrrn das Recht ausgesprochen, in peinlichen Fällen Lurch Richter ihres Standes gerichtet zu werden, und das Großherzcglichc standeS- hcrrliche Edikt hat dies auf sämmtliche Mitglieder der standeShcrr- lichcn Familien ausgedehnt. Sechs StandeShcrrn sitzen zu Gericht unter dem Vorsitz der OberappellationSgerichtSpräsidcntcn, und auf den Vertrag zweier NechtSgelchrtcn ohne Stimmrecht; ein wahres Geschwornengcricht. Und Laß unsere Kriegsgerichte im Wesentlichen dasselbe, mindestens sehr ähnlich denselben sind, ist bereits anderswo bemerkt worden. Können Offiziere über einzelne Vergehen und Verbrechen der Militärpcrsonen urtheilen, warum sollten nicht auSerwählte Staatsbürger über andere strafbare Handlungen entscheiden können? Der Herr Regierungskommissär hat von nachteiligen Erfahrungen über die Wirkungen dieses Instituts gesprochen. Allerdings wird mitunter ein Angeklagter, der vielleicht schuldig ist, freigesprochen. Aber kann dies bei uns nicht ebenfalls geschehen? und hat eS z. B. den Thron Louis Philipp's erschüttert, daß Chateaubriand, sollte er strafbar gewesen sein, freigesprochen wurde? Hat man aber an die neueste Landauer Assise gedacht, so hat ja der Präsident des Gerichts durch seine EntlassungSrede an die Geschwornen, und eben so gut der Gerichtshof, der einen Theil der Angeklagten im Contumazialverfahrcn freisprach, bewiesen, daß die Gesetzgebung an Unbestimmtheit leide, — wenn cS nicht wahr sein sollte, daß man die Frage von direkter Aufreizung als einen Recbtsbegriff hätte betrachten und nicht den Richtern der Thatsache zur Entscheidung hätte vorlegen sotten. Ich glaube daher, meine Herrn, man möge dem in der Molion ausgedrückten Wunsche nach Kollcgialgcrichten, nach Oeffcnt- lichkcit und Mündlichkeit, nach Geschwornengerichtcn vollkommen beistimmen) ungeachtet der Erklärung des Herrn RegiernngScom- missärs. Sollte diese Erklärung realisirt werden, so bliebe der tlollv civil, gesondert von GcrichtSorganisation und sonstigen dieser Gesetzgebung eigenthümlichen Instituten, eine Schale ohne Kern; so verschwände in Rhcinhesscn das Notariat, die Kollegialität der Gerichte erster Instanz, ein sehr großer Theil der Oeffcntlichkcit und Mündlichkeit des Verfahrens, und es würde das Geschwornengericht nicht in seiner Integrität stehen bleiben. Konnte dieses ge- Slaatsredcn. Janp. Z02 sckiehcn, könnte jemals diese Kammer hierzu einstimmen, so verschwände sicherlich in Rheinhessen alle dicke und" Anhänglichkeit für Fürst und Vaterland. Denn in dem Wesentlichen dieser Institute sieht der Nhcinhefsc die wesentliche Vorbedingung für sein Glück und für seinen gcsammtcn Rechtszustand; diese ihm zu entziehen, dazu werde ich niemals mitstimmen. Wie sehr a u ch die matcriellen Interessen durch diese Institute gefördert werden, darüber nur einige Worte. Nach officiellen sta- ^ listischen Berechnungen kamen auf 100 Haushaltungen in Rhein- preußen 21 Prozesse, in den übrigen Provinzen dieses Königreichs 52. Im Regierungsbezirk Koblenz kamen auf iooo Seelen bci'm schriftlichen Verfahren auf der rechten Rhcinscitc 58 Prozesse, bei'm mündlichen auf der linken in demselben Regierungsbezirk nur 23. In Rheinpreuficn braucht man nur den dritten oder vierten Theil des Iustizpcrsonals, das man in Altpreußcn braucht. In der Bayerischen zweiten Kammer von 1319 hat der Abgeordnete Kurz eine umständliche Berechnung vorgelegt, wonach durch Einführung der Rhcinbaverischen Institutionen in Altbauern bereits im ersten Jahre eine Ersparniß von mehr als 700,000 Gulden für die Staatskasse eintreten würde, welche Ersparniß durch allmähligcS Aufhören der im Anfang nothwendigen Pensionen über 1 Million steigen werde. Bei uns würde dadurch sicherlich die zum Theil sehr lästige Stempcltape bedeutend gemindert werden können. Aus den Eröffnungen des Herrn Regierungskommissärs geht hervor, daß ich im Jahre 1816 oder 1817 nicht über alle diese Punkte eben so gedacht habe. Ich gestehe ein, nicht zu denjenigen zu gehören, die in 15 Jahren nichts gelernt und nichts vergessen haben. Daß ich aber gerade in diesen Beziehungen viel gelernt habe, verdanke ich der genaueren Kenntniß von den unendlichen Vorzügen der Rheinhcssischen Gesetzgebung und Justizverfassung, welche Kenntniß mein vierjähriges Amt als Mitglied des Kassationshofs mi» verschafft hat. Ich bin daher der innigsten Ueberzeugung, daß wir unsere Liebe zum Fürsten, daß wir unsere Treue und Anhänglichkeit an die StaatSvcrfassung nicht besser bethätigen können, als wenn wir aus allen Kräften dahin wirken, daß die altgermanischen Einrichtungen, welche Rheinhessen für seine wohlthätigsten Institutionen erkennt, in wclchcit der Engländer, der Franzose, der Rheinbaier, der Rheinpreuße das Palladium seiner bürgerlichen Freiheit, den festesten Damm gegen alle Eingriffe in seine Rechtssphäre erblickt, unsern Nheinhessischen Mitbürgern erhalten und uns gegeben werden. Nur auf diese Welse können wir darauf rechnen, daß nach und nach immer mehr wieder ein gemeinsames geistiges Band mit deutschen Brudern uns umschlinge. s cl) wel) krlsche Redn c r. '» «- ^ -Ls«--- G e s ch i ch t e der Beredsamkeit unter den Schweizern. Wenn die hier mitgetheilten Gtaaksredcn ebenfalls keine Ver- glcichung mit denen der Engländer und Franzosen aushalten, so bitten wir unsere Leser Folgendes zu bedenken: t) Die für das Gedeihen wahrer Beredsamkeit unentbehrliche Lebenslust — politische Freiheit — war, wie die Geschichte lehrt, trotz des täuschenden Namens einer Republik, keineswegs immer hier zu finden. Der Zeitraum der helvetischen Geschichte, welcher durch seinen firahlcndcn Glanz nur zu oft auch auf die dunkleren Stellen der späteren Geschichte noch sein blendendes Licht auSgofi, kennt im Ganzen nur Heldenthaten des Schlachtfelds. Die politischen Verhältnisse selbst waren noch so einfach und uiikünstlich, daß für Bildung eigentlicher Beredsamkeit noch kein Raum Statt fand, wenn es schon an öffentlichen Gelegenheiten, seine Anficht auszu- sprccheu, nicht fehlte. Man sagte einfach und schlicht, was man dachte; viele Worte waren ungebräuchlich, kunstvolle Anlage unbekannt; das Gebiet der Spekulation und philosophisch-politischen RaisonncmcntS dem ganzen damaligen Zeitalter fremd; nur ein enger Kreis nicht langcjährigcr Erfahrung und der gesunde Menschenverstand waren die Topik, aus der man seine Beweisgründe schöpfte. Kaum war nun durch die Thaten eines bewundcrungS- würdigen Heldenmuths die politische Freiheit nach Außen sicher gestellt, so begann auch schon, von dem Stanzer Verkommniß kä8t an, die Unterdrückung nach Innen. Durch Gewaltthat und Kauf bildeten fiel, immer mehr s- g- Untcrthanenlande, und die Städter machten sich bald zu unumschränkten Herrn über die Bewohner des Landes. Das durch die Reformation proklamirtc Prinzip der Freiheit des Geistes in seinen höchsten Gütern gewann keinen Einfluß auf freiere Ausübung politischer Rechte; und das Schwcizcrvolk blieb so bis zum Ausbruch der französischen Revolution in trauriger Abhängigkeit von wenigen Aristokratenfamilien. Als nun die Grundsätze politischer Freiheit jedes Staatsbürgers, und allgemeiner Gleichheit, wie der Pflichten so auch der Rechte lebhaften Anklang fanden, als durch französische Gewalt die eine und untheilbare helvetische Republik an die Stelle des alten sich überlebt habenden Staats- gebäudcS gesetzt wurde; da sahen wir in dem helvetischen Senat und großen Rath auch eine der neueren Gestaltung würdigere Beredsamkeit sich zeigen; doch war dieser Zeitraum theils zu kurz, so Staatsrcden. 7.06 theils die Verhältnisse zu stürmisch/ als daß man zu etwas Doll- kommnercm hätte gelangen können. In de< Napoleonischen Zeit konnte/ selbst wenn die oberste Bundesbehördc volkSthümlicher orga. nisirt gewesen wäre/ schon darum keine wahre Beredsamkeit aufkom. mcn/ weil der Napoleonische Scepter mit eiserner Schwere jede freiere geistige Bewegung darnieder hielt. Mit der Restauration t8ts war begreiflicher Weise kein günstigerer Zeitpunkt eingetreten; und wenn gleich 183t fast alle Kantone Reformen eingeführt habe»/ die in einzelnen schon anfangen herrliche Früchte zu tragen/ so ist doch nicht zu vergessen/ daß die allgemeine Bundesverfassung vom Jahr I8l5 bestehen blieb/ und daß in der Tagsatzung als der obersten BundcSbehörde fast nie ein Rednertalent sich wird geltend machen können/ indem in Folge der Souveränetät der einzelnen Kantone ihre Abgeordneten immer an die ihnen auferlegten Voten gebunden sind / die vielleicht mit ihrer eignen Ueberzeugung in direktem Wider, spruch stehen/ und bei denen jede DiScusflon so zu sagen völlig über. flüssig wäre/ weil ja auch die bündigste Beweisführung ganz ohne Einfluß auf ein schon im Voraus unabänderlich festgestelltes Votum bleiben muß. Letzterer Grund fällt nun bei den Verhandlungen im großen Rath der einzelnen Kantone allerdings weg; und man dürfte also erwarten/ daß hier wenigstens seit I83t die vorhandnen Rednertalente sich geltend gemacht hätten. Und dies führt uns auf unsre zweite Bemerkung. Wo etwas Großes geschehen soll/ da muß auch der Schauplatz ein großer sein; man muß die Mitwelt als Zuschauerin/ und die Nachwelt als Richterin vor sich sehen. Zciqt nicht bei den englischen und französischen großen Rednern die ganze Kunstvollendung ihrer Reden/ daß sie dieselbe mit der Ueberzeugung, sie sprechen darin zu aller Welt/ schrieben und hielten? Wäre von diesen glänzenden Schöpfungen der Redekunst eine nach der andern innerhalb der Wände des StändesaalS zu Grabe gegangen/ so wäre die Begeisterung dieser großen Redner/ da sie sich nicht hätte ander feurigen Bewunderung ihrer Mitbürger nähren können/ bald erloschen. Dieser Mangel an großen Verhältnissen/ an großen Kreisen, in denen und für die man spricht/ oft sogar an großen/ allgemein interessirendcn Gegenständen ist nun in den schweizerischen großen Räthen als ein HaupthinderungSgrund des Erstchcns einer durchaus vollendeten Beredsamkeit zu betrachten; so sehr auf der andern Seite zugestanden werden muß/ daß Sprechfcrtigkcit in einzelnen Kantonen wenigstens/ schon in trefflichem Maße und bei zahlreichen Individuen sich sindet. Wir stoßen noch auf einen dritten Umstand. ES ist bekannt / daß in dem englischen Parlament jeder der bedeutenderen Zeitungsnntcrnchmcr/ acht bis zwölf Schnellschrciber hält, durch welche dann die Reden mit fast diplomatischer Genauigkeit wiedergegeben-werde». Bei uns ist kaum ein Schnellschrciber thätig/ und es ist leicht zu begreife»/ in welcher verstümmelten, sich selbst ganz unähnlichen Gestalt die Reden oft anS Licht gefördert werde«/ so daß in der That manche treffliche Rede es aufbort zu sei»/ sobald ste in den Zeitungen gelesen wird. ES ließe sich wghl noch mehr als eine Bemerkung hinzufügen; doch werden die gegebnen schon hinreichend fein/ um ern billiges Urtheil zu veranlassen. Fehlt nun in der Tagsatzung volle Freiheit und die nöthige Ungcbundenheit bei der DiScussivN/ in den großen Nöthen aber Grosse des Gegenstands/ sowie des theilnchmenden Publikums; so hat sich die schweizerische Beredsamkeit an einen dritten Ort geflüchtet/ wo sie sowohl Freiheit des Gedankens und der eignen Ueberzeugung findet/ als das ganze Vaterland und zwar in seinen würdigficn Vertretern zum crnficn Zuhörer hat. Dies ist der schöne Verein der helvetischen Gesellschaft/ die zur Wiedergeburt der Schweiz unstreitig viel beigetragen hat/ und von deren Neben wir unten in der dritten Abtheilung mehrere liefern werden. Den Namen von Rednern haben sich in der Schweiz erworben: Paul Usteri/ Escher von der Linth/ Zschokkc/ Troxler/ Cas. Pfyffek/ Fellcnbcrg/ Ncuhaus/ Hirzel/ Keller/ Born- hauscr/ Henne/ Baumgartner/ Monnard u. a. Wenn wir den mitgetheilten Reden sechs aus Joh. Müllers Schweizergcschichtc vorausgeschickt haben/ so wollen wir damit gar nicht die Ansicht verbreiten/ als ob sie wirklich von den Männern/ denen ssc zugeschrieben werden/ gehalten worden waren. ES verhält sich mit diesen Reden vielmehr gerade so/ wie mit denen bei LivinS/ Sallust und andern alten Historikern (s. die Einleitung zur römischen Beredsamkeit). Die alten Chronikschreiber aber/ Tschudi/ Bullingcr und später selbst Müller / haben in dieser Gewohnheit nur dem alten Livius nachgeahmt. Immerhin müssen diese Reden als Belege schweizc- rischcr Eloquenz angesehen werden/ und ihr innerer Werth entreißt sie der Vergessenheit. I. Graf Rudolf von Werdendere;. Gras Rudolf von Werdcnbcrg wurde im Jahr täol von Ocster. reich aus Stadt und Schloß vertrieben. Er wandte sich an das Land Appcnzcll/ und nachdem eine LandSgemcinde sich versammelt hatte/ trat er vor sie hin/ und bot ihnen seinen Arm und Muth zum Beistand. Müller legt ihm bei dieser Gelegenheit die unten mitgetheilte Rede in den Mund. Die Appcnzellee kannten ihn wohl für einen muthigen und klugen Ritter; das aber konnten sie kaum glauben / dass ihre einfältige LandcSart ihm gefallen würde; hicvon redeten sie mit ihm frei und freundlich. Da sie aber sahen / wie fest sein Sinn darauf stand/ gaben sie ihm die Hand/ und sie schwuren einander. Von dem an legte der Graf seine Rüstung und seine Herrenklcider von sich/ und ging vor ihnen aus und ein in einem Kittel von Landtuch/ wie einer der Hirten. Da sie sahen/ wie er ihre Sitten ehrte/ faßten sie eine herzliche Liebe zu ihm; und so viele der Männer lebten in dem Gebirg / so viele Freunde hatte er. Je vertrauter sie ihn kannten/ desto mehr ehrten sie ihn; Tugend ver- liert nie durch Mittheilung; daher machten sie ihn zum obersten Hauptmann ihres Kriegs. Es ist euch wohl bekannt, biderbe Männer, wer ick bin, der hier zu euch redet; geboren von Montfort, welcher Stamm an Adel und Alter keinem nachgiebt. Aber was ist adelig, als in der Freiheit leben und sie zu behaupten wissen! DaS Unglück voriger Zeiten hat einen Unterschied unter den Menschen aufgebracht; eure streitbare Hand verbessert, was der Wcltlauf böse gemacht; so treten die Menschen in die natürlichen Rechte zurück, und brave Männer sind Bruder, wie ihr und ich. Dort ennert jener Felsen ist Werdenberg, das Erb meiner Vater; dort im Thal unter jenen Höhen, im Rhcinthal, ihr wißt eS, haben Meine Altvordern ge- herrscht; noch mein Vater, und ich selbst. Alles ist mir und meinem Bruder, nach ihrer unersättlichen Ländergier, von den Oest- reichischcn Herzogen entrissen; zum Lohn der allzu viele Jahre geleisteten Dienste; wer sucht Dankbarkeit bei den Fürsten, und Recht, wo Gewalt Alles thut! Ich kenne die Herzoge, die Beschützer des Adels. Dem, der blindlings ihren Krieg thut, und auf Landtagen schweigt, und nichts Höheres kennt, als ihren Dienst, gönnen sie die Ehre, ihr Diener zu sein, den echten alten Adel, dem die Freiheit so lieb ist, wie ihnen die Macht, den hassen sie; unsere Burgen müssen Raubschlösser sein, und aus Liebe zur Ordnung nehmen sie sie ein und behalten sie für sich. So darf bald Niemand reden zu der Gewalt, unter welche Niemand vermag; fraget eure Nachbarn unter Oestreich, haben sie es desto besser? sind sie zufrieden? Es ist mir zu Ohren gekommen, daß der Herzog im Tirol sich aufmacht wider euch zu streiten. Biderbe Männer, meine Brüdcr, Bedrängte sollen bcisammcnhaltcn! das ist recht vor Gott und Menschen. Trauet mir; Montfort hat nie die Treue gebrochen. Lasset mich sein, wie einer aus euch, ein freier Landmann zu Appcnzell. Einige Kenntniß von des Feindes Manier, meiner Vcrältern Muth, mein Schwert und mein Blut, (mehr nicht hat mir die ungerechte Gewalt gelassen), das ist euer, eure Sache sei mein; laßt mich leben und.streiten, wie Einer aus euch! II. H o l z a ch, Haupt mann derer von Mcnziiigen am Zuaerberq. Wer kennt nicht den Mord von Greiffensec, diesen dunkleir Flecken in der Geschichte, dergleichen übrigens die alle Leidenschaften aufweckenden Bürgerkriege nur zu häufig bieten? Es ist bekannt, daß 1-U2 Zürich, seiner ewigen Bünde vergessend, zu Oesterreich schwur. Die Eidgenossen voll Unwillen, griffen endlich zum Schwert. Don Klotcn aus zogen sie vor Greiffcnsec, in welchem WildhanS H o l z a ch. 302 von Landenberg mit 80 Zürchcrn lag. Die Belagerung dauerte 26 Tage. Die Besatzung ergab sich/ nach Bullinger auf Gnade/ nach Tschndi unter jeder Bedingung; es waren 72 Mann. Am 28. Mai tääi wurde auf der Wiese zu Nänikon Gemeinde über sie gehaltet). Vergebens ließ der menschlicherfühlcnde Hauptmann Holzach seit Stimme für ein mildes Urtheil erschallen. Der grimme Rcding un> seine Genossen erhoben die Hand zum Tode. Der Scharfrichter mußte/ selbst widerstrebend/ sechzigcn, darunter zwölfen in schau- rigcr von Fackelschein erhellter Nacht/ den Kopf abschlagen. Nur zehn rettete das allgemeine Grausen/ sowie Ermüdung und Sättigung der Hartgesinntestcn. Die Leichen wurden zu Uster begraben. Holzachs Rede: Eidgenossen, biderbe Männer! fürchtet Gott, schonet unschuldiges Blut. Ja wohl ist HannS von Landenberg, wenn schon kein zu Zürich gcborner Bürger, doch ein der Stadt mit Bürger- eid verwandter Herr. Konnte er, ohne Entehrung seines Namens, dem Ruf der Obrigkeit in Waffen der Selbstvertheidigung nicht gehorchen?,Wenn Einer Nichts für Ehre fühlte, so bedenke der, daß es dem Landenberg auch sein Vermögen gekostet hätte. Bei ihm sind Knechte, die ihn als Dienstherr» viele Jahre verehrt und geliebt: konnten wir fordern, daß, als KriegSnoth ihn ergriff, sie ihn verlassen sollten! Arme, mit Weibern und Kindern bcla- dene Männer, denen bei dem Stillstand alles Landbaus und aller Gewerbe kein anderes Mittel zur Ernährung der Ihrigen übrig war, als mit Lebensgefahr durch Kriegsdienste Brod kümmerlich zu gewinnen, das sind die Söldner; wollt ihr sie todten? Wollt ihr auch die todten, welche auf eigenem Grund und Boden für Obrigkeit und Eigenthum stritten? Eidgenossen, fürchtet Gott, gedenket eurer selbst! * III. Meister Felix Heriimerlin. Felix Hemmerlin stammte aus einem alten angesehenen Bürger- geschlechte von Zürich; rastlos in Erwerbung einer Summe von Kenntnissen, die allezeit ungcmein, damals bewunderungswürdig war; gewohnt, was die Kirche ihm gab, als Mittel hierzu/ und die Gelehrsamkeit als Mittel der Zurückrufung aller Stände zum Gefühl ihrer Bestimmung zu benutzen, war er in seinem Leben un- tadclhaft, gleich scharf gegen den Mißbrauch des Reichthums, wie gegen Arme mildthätig und gut. Der römische Hof machte ihn zum Probst am großen Münster in Zürich. Da H. für nothwendig hielt, daß die Richter der Sitten der Welt über jeden Vorwurf eigner Unanständigkeit erhaben wären, so trat er gegen Pflichtversäumniffc und ordnungswidrige Sitten seiner Stiftsbrüder so eifrig auf, daß sie seine Feinde wurden, und er einst auf der Landstraße mcuchcl- Staatsreden. Z10 mörderisch eine Wunde erhielt. Herzog Albrecht suchte ihn zu ge- winncn. Hcmmerlin begegnete aber hier/ was schon Manchen wider, fahren ist/ die mehr mit Büchern als mit Menschen umgehen/ und was zu Zeiten heftiger Partheiung schwer zu vermeiden ist / er ergriff/ da er wahrend des bekannten ZürichcrkricgS politische Schriften ab- faßte/ den ihm vorschwebenden Gesichtspunkt mit einem Feuereifer/ der ihm alle übrigen Seiten des Gegenstands verdunkelte/ und ihn auch nachmals zu übertriebenen Aeußerungen verleitete. So erklärte er unter Anderm/ es sei nöthig/ die ganze schweizerische Nation zu dcpgrtiren oder auszurotten/ und er zweifle kaun,/ daß Gott das ganze Volk samt Reding und andern Vorstehern/ und die geringsten Slclptcr den ewigen höllischen Flammen zuerkannt habe. Da geschah eS/ daß/ nachdem jener traurige Bürgerkrieg geendigt war/ im Jahr 1454 zur FastnachtSbclustigung sich nahe an andcrthalbtausend schwei- zerische Jünglinge von Schwy;/ Unterwalden/ Luzerii/ Zug und GlaruS in Zürich zu gemeinsamer Freude und Brüderschaft einsän- den. Heimtückische Bosheit mißbrauchte diesen Frcudentag zum Verderben der Unschuld. Während die Becher schneller im Kreise herumgingen/ der Jubel lauter und ungestümer ward/ und man der Versöhnung sich freute/ rief Einer/ indem er trank: „die Eid- genossen sollen hoch leben!" und fügte halblaut hinzu: „und sterben ihre Feinde!" Als die Jünglinge näher nach dem „Wer?" und „Wo?" fragten/ wurde der Name Meister HemmcrlinS genannt. Die erhitzten Gemüther faßten Feuer/ und beschlossen/ um sich nicht dem kirchlichen Bann auszusetzen/ ihn nicht zu tödten/ sondern ihn dem ihm feindseligen Gcneralvikar auszuliefern/ und cS dann den Geistlichen zu überlasten/ ihm das Leben sauer zu machen. Der alte Man» saß in seiner Studirstube/ in seine Bücher vertieft/ als die stürmende Rotte hereinbrach. Er wurde hinweggeführt/ und am Abend/ auf sein Pferd gebunden/ nach einem Schlosse dc§ Bischofs von Constanz abgeführt/ wo er <5 Tage in einem sinstern/ unreinen Kerker »»verhört zubringen mußte. Die Fürworte Albrechts und SlgmundS/ der Herzoge von Oesterreich/ bewirkten einige Linderung/ nicht LoSlassung noch Beschleunigung des Verhörs. Den»/ bemerkt Müller sehr gut/ die Rache beleidigter Gottheit/ d. h. der Geist, liehen/ ist wie die Rache beleidigter Majestät einer Nation oder eines Fürsten/ d. h. der Demagogen oder der Minister/ schrankenlos/ weil vorgeblicher Eifer alles Recht und Menschengcfühl niederschlägt. Räch vier Monaten wurde Meister Hcmmerlin von dem hohen Thun»/ wo er in Gesellschaft eines aussätzigen Mörders in Ketten lag/ vor den Gcneralvikar gebracht/ wo man ihm heftig vorhielt/ wie frech von seinen Ober«/ dem Papst und Bischof/ wie ärgerlich von Pfar. rcrn und Religiösen/ wie bitter von den alten Eidgenossen seiner Vaterstadt er geschrieben. H. gab die unten stehende kräftige Ver. theidigung. Zum Widerruf war er nicht zu vermögen. Er wurde feiner Stelle beraubt/ und den Bettclmönchcn zu Luzern/ seinen ergrimmten Feinden/ mit dem Auftrag der übelsten Behandlung übergeben. Diese erschöpften an dem in einen Thurm eingesperrten Greis ihre Bosheit/ bis ngch mehreren Monaten der Bischof befahl/ Meister Felix Hemmerlin. ZU ihn menschlicher zu behandeln. Er erhielt einen Theil seiner Bücher wieder. Endlich (vor dem Jahr lisL) enteilte seine geprüfte Seele der Welt seiner Hasser an den von ihm und den Bcßtcn erwarteten Ort gerechter Ordnung der Dinge. Eigentlich ist jedes Wort meiner Entschuldigung unnütz: der Prozeß hat mit der Verdammung angefangen, unter deren Folgen mein fünfundscchzigjähriges Alter bereits fast erlegen ist. Allein, ihr habt klüglich gethan: eure Leidenschaft mußte vor dem Verhör befriediget werden,' denn das Verhör wird meine Unschuld darlegen. Das Gericht, welches ihr führet im Namen von Obern, die ich gelästert haben soll, könnte ich ablehnen. Wenn aber ihr nicht selbst unanständig fühlet, in gleicher Sache Richter und Kläger zu sein, so komme vor eurer Gewalt mir die Geduld zu gut, womit ich auch dieses dulde. Zum Glück wird diese Dahingcbung mir leicht: sollte Etwas üt meinen Schriften den Bischof, unsern Herrn, beleidiget haben, so wird es wohl nicht diese Diözese, sondern die Pflege des Hochstifts Chur, die uns fremdeist, betreffen; von Seite des Pabstes möchte eher meine Mäßigung Lob und Dank verdienen. Ohne zu gedenken, was von Kaisern und Königen, Fürsten und Städten, was auf Konzilien, was von freien biedern Schriftstellern von Alters her weit heftiger vorgetragen worden, fordere ich euch selbst auf, zu urtheilen, ob möglich, ob zu wünschen sei, daß Pflicht und Empfindung vor den Schrecknissen der Macht ganz verstummen? ob die Ergießung warnender Klage, oder ob ein endlich Alles unaufhaltbar umstürzender Ausbruch des lang peinlich gepreßten Gefühls, den Obern furchtbarer sei? Nicht einschläfernde Schmeichler sind ihre Freunde; sondern die welche sie hindern, zu vergessen, wer sie sind. Den Spiegel der Wahrheit zerbrechen wollen, zeigt schlechte Meinung von sich. Der müßte wenig Verdienst um seine Untergebenen haben, der durch falsche Zulagen so leicht um Ehrfurcht und Liebe zu bringen wäre. Allein ich rede zu Richtern, die, wenn ich gefehlt habe, Mitschuldige sind. Verschiedene meiner Schriften habt ihr veranlasset, alle vor deren Herausgabe gelesen; einige sind verbessert, in so viel Jahren ist keine widerlegt worden. Was ich für das unvergeßliche Vaterland, welchem ich Dasein, Erziehung, mein vornehmstes Einkommen, vierjährige Ehre und meine besten Freunde zn danken habe, in Kriegszciten, im Gefühl seiner Leiden, schrieb, ist i» der Amnestie des Friedens. Zu viel, und fast als wäre mir an den Verlornen Glücksgütern gelogen, oder meine Ehre in fremder Gewalt, habe ich über die Anklage gesprochen. Der gebeugte, von den Fesseln 312 Staatsreben. zernagte, zitternde Greis, der Lebensarbeit müde, begehrt Nichts, als seinen Abend in einer stillen Zelle unter guten Religiösen ruhig zu beschließen. IV. und V. Ludwig Xl/ König von Frankreich, fürchtete die cln'geijigen Plane Karls des Kübnen, HcrzogS von Burgund. Der Schultheiß von Bern, Niklaus von Dießbach, ließ sich bestimmen, im Namen der Eidgenossen ganz insgeheim mit Ludwig einen Bund abzuschließen, zufolge dessen demselben eine Anzahl Söldnertruppcn um fünfthald Gulden monatlich zugesichert wurden, wogegen er der Schweiz zum Beweis seiner Liebe (en temoisiia^e sie 8-1 cliarite) jährliche 20,000 Franken, und in KricgSzciten außerdem vierteljährlich eben so viele Gulden versprach. Die Gründe, die in damaligen Verhältnissen für und gegen diesen Bluthandel vorgebracht wurde», hat nun Müller in der Form von Reden schön und kräftig zusammengestellt, und sie, die uns in das Jahr 1474 zurückversetzen, mögen hier ihre Stelle finden. Gegen den Bunt. Unser biederes, mannhaftes Volk, arm und gastfrei, mit Weichlichkeit unbekannt, seinem Vaterland ohne Gehalt ehrsam dienend, wollen wir um Geld in des Königs Verbindlichkeit bringen? Welches Königs? Der nicht ist wie sein Vater, weise und gut; sondern der Feind seiner Fürsten, Zerstörer der Ordnungen seines Reichs, und wo nicht Brudermörder, doch der Tyrannei Urheber, welchem Wort und Recht Nichts, Volk und Geld Alles ist, aller leichtfertigen Leute Freund, Urheber der Verderbniß! Wozu seinen Packeseln unser Alpgebirg öffnen? Dazu, um die Schmach zu tragen, daß freie ^Eidgenossen die Freiheit Frankreichs unter sein Joch beugen helfen. WSzu das Geld? Womit haben unsere Vater den fürstlichen Bau des Münsters vollendet; Banner von Reisigen gehalten, Oberland, Jselgau, Aargau erobert? Doch, sie wohnten klein, und nur das Vaterland ward groß; sie aßen mit ihren Freunden, was Feld und Heerde bot; werden wir aus dem Blutgeld der Könige auch so froh schwelgen? b. Für den Bund. Unsere Mannheit, unsere Treu macht ein großer König zur Hauptgrundfeste der innern Ordnung und äußern Sicherheit eines Reichs, das von dem an auch unsere Schuhwehre wird. Wer, wie wir, die Waffen führt, wird nie knechtisch dienen. Wer nothwendig wird, dem wird Achtung nie mangeln, und fremder Reichthum steuerbar sein. Der Grund von Allem ist in unserer Tugend. Weil wir ein freies, ein kriegerisches, ein kraftvolles und Niklaus von der Flue. Zis ein biederes Volk vor allen andern sind, buhlen Kaiser und Könige, der Pabst und die Kommunen um Schweizer. Irret euch nichr. Sollte je Kramerei, sollten Gewerbe, Reichthum, heilloses Stadt- leben, und ängstliche scheue Verwaltung uns verweichlichen, unsere Hand öfter den Griffel oder die Feder, als die Hallbarde und SchlachNchwcrtcr führen, die Natur in Stuben sich verkrüppeln, und unser gerades Wesen »erkünstelt werden, sofort wird Jedermann lins zu theuer finden. Dann werden die Pensionen von selbst aufhören; alle Freiheit, Würde Sicherheit, Ruhm, warum nicht auch das Geld, warum nicht auch der Lebensgenuß, beruhet auf unserm Werth. Unsinn wäre, ihn sinken lassen; Thorheit, seiner nicht genießen. Alle Welt ist des militärischen Manns, für ihn alle Herzen der Menschen, wenn seine Redlichkeit offenbar ist wie sein Muth. VI. Niklaus von der Flüe. Der Wunsch/ die im Burgundcrkricg gemachte Beute zu thci- lenz die Aufnahme von Solothurn und Freiburg in die Eidgenossenschaft/ und einiges Andere veranlaßte im I. ti8t eine Tagjatzung in Stanz/ dem Hauptflccken UnterwaldcnS. Die Leidenschaften cnt- brannte", über diese Angelegenheiten so heftig/ daß/ was Oesterreich und Burgund nicht gelungen/ jetzt zu erfolgen drohte: die Auflösung der Eidgenossenschaft. Voll Schrecken eilte der Pfarrer in Stanz zu seinem Freunde dem Bruder Klaus'/ Einsiedler im Ranft/ oh der Welch. Dieser/ mit seinem vollen Namen Niklaus Laucn- brugger/ aus Saxcln/ hatte in den ersten fünfzig Jahren seines Lebens alle gemeinen Pflichten wohl erfüllt. Seine Jugend war untadclhaft; in seinem Ehestand hatte er zehn Kinder gezeugt/ bei Raga; und in dem Thurgauer Krieg Tapferkeit mit Menschlichkeit verbunden/ und als Landrath eine eigne Gcschicklichkcit bewiesen/ vorkommende Angelegenheiten zu gutem Ende zu führen. ES lag aber in diesem Mann ein außerordentlich eigenes Gefühl für das Ewige/ durch kein Buch (er konnte nicht lesen) und/ so viel man weiß/ durch keinen Umgang entzündet/ sondern hervorgegangen aus dem inwohncndcn Gott; nicht finster (cS gab wenig abzubüßen in so schuldlosem Leben)/ und weit entfernt von verachtendem Stolz (seine Religion bestand in Gehorsam und Liebe). Mit Zustimmung seiner Frau hatte er sich in die Wildniß zurückgezogen/ der Betrachtung des Göttlichen ungestört zu leben. Jh,„ brachte der Pfarrer jene Trauerbotschaft. „ Bruder Klaus erschien am nächsten Tag in der Versammlung/ ein ungcmcin hochgewachsener/ wohlgeflalter/ vom Alter nicht gcbrochner Mann; aber nur Knochen wurden von der kastanienbraunen Haut bedeckt; sein langes glattes / schwarzgraucs Haar; sein in zwei Spitzen mäßig herabhängender Bart; seines Blicks außerordentliche Klarheit/ Ausdruck vonxLicbe und Ernst iu Gtaatsreden. Allem; sein einfacher, branngrauer Noch, sein Stab ; baarhauptund baarfuß, wie immer " Als der Mann, fröhlich in der Kraft seines Golfes, in die Versammlung trat, und nach seiner Art mit lang. samcn Worten und männlicher Stimme sie grüßte, standen alle Tag- herrn von ihren Stühlen auf, und neigten steh. Da sprach er die Worte, die uns Müller nach den Berichten von Tschudi, Witwylcr, Pater Hugo, und Balthasar zusammengestellt hat, und die unten folgen. Tschudi'S Chronik sagt: „Gott gab Gnad zu den Worten des heiligen Einsiedlers, daß in Einer Stunde Alles verglichen ward; und die Freude war so groß, daß aus dem Hauptffcckcn Stanz hinauf in den Golthart, hinunter bis Zürich und bis nach Rhäticn und in den Jura allgemeines Freudengeläutc war, wie nach der Schlacht bei Murtcn." Mit Recht; es hatten die Eidgekrossen sich selbst überwunden. Liebe Herren, treue Eidgenossen, hier komme ich alter schwacher Mann, von meinem besten Vater und Freund aus der Einöde gerufen, zu euch zu reden vom Vaterland. Kunst und Wissenschaft habe ich nicht: ich bin ein ungelehrter Mann; was ich habe, das gebe ich Euch; von dem Gott, welcher Eure Vater gerettet in Landesnöthcn, und Sieg auch Euch gegeben hat an Tagen der Schlacht, von dem habe, von dem gebe ichs Euch. Eidgenossen, warum habt ihr Kriege geführt? Weil cü anders nicht hat sein können. Wodurch die Siege? Durch die Kraft vereinter Arme. Jetzt wollt Ihr euch trennen um der Beute willen? Ein solches, o Eidgenossen, laßt nicht von Euch gesagt werden in den umliegenden Landen! In guten Treuen rathe ich, dringendst bitte ich, Ihr von Städten, daß Ihr Bürgerrechte löset, welche euern alten Eidgenossen schmerzlich sind; Ihr von den Ländern, daß Ihr bedenkt, wie Svlothurn und Freiburg neben Euch gestritten haben, und sie in den Bund nehmt. Alle Eidgenossen, in Mißverständnis;, das unter Brüdcrn wohl kommen mag, bleibt, gemäß der Billigkeit, bei der alten Art gleicher Sätze von jeder Partei. In Kriegen werde Erobertes nach den Orten, Erbeutetes nach den Leuten vertheilt. Ferner erweitert nicht zu sehr den Euch umschließenden Zaun: meidet fremde Händel: siid fricdsame Nachbarn; und wer Euch unterdrücken wollte, der finde Männer. Fern von Euch, daß Einer um das Vaterland Geld nehme; vor Par- Iciung hütet Euch, sie würde Euch zerstören. Liebet Euch untereinander, o Eidgenossen, und der Allmächtige walte über Euch, gütig wie bisher! B. K ii b n. l "i Er öf f n u n g des großen Raths der helvetischen Republik durch Berri h ard K u h n. Seit der französischen Revolution breitete sich der Geist der Frei« heil auch in den Schweizerischen Landen immer mehr auS; überall forderte man eine zeitgemäße Verfassung/ gebaut auf Gleichheit der Rechte. Französische Agenten ermunterten/ befeuerten/ unterstützten die allgemeine Bewegung. Da erkannten einige Regierungen die Nothwendigkeit der Willfahrung/ andre heuchelten wenigstens die Willfährigkeit. 8» Basel kam die Revolution ohne einen Tropfen Blutes zu Stande. Das Landvolk erhielt gleiche Rechte mit den Stadtbürgern. Aehnliches geschah in andern Kantonen. Nur Bern widersetzte sich hartnäckig der Neuerung. Nun ward von Seile Frankreichs dem eidgenössischen Direktorium in Zürich ein ConstitutionSentwurf vorgelegt/ wonach ganz Helveticn einen einzigen demokratischen Repräscntativstaat/ in 22 Kantone getheilt/ bilden/ und nach dem Muster Frankreichs die vollziehende Gewalt einem Direktorium von fünf Glieder»/ die gesetzgebende aber einem Senat und großen Rath übergeben werden sollte. Die Freunde der Freiheit/ die erkannt hatten/ wie die bisherige Zersplitterung der Grund der Schwäche und des tiefen Verfalls der Eidgenossenschaft gewesen/ jubelten; sie sahen schon im Geiste das Glück des Vaterlandes auf sichern Grundpfeilern sich erheben. Nur Schade/ daß aufgedrungene Wohlthaten es zu sein aufhören/ und daß die Blut- taufe/ durch welche die neue Ordnung der Dinge hindurch gehen sollte/ nicht geeignet war/ ihr im Herzen des Volks feste Wurzel zu geben. Brunc zog von der italienischen/ Schaucnburg von der deutschen Seite in der Schweiz ein; Frciburg/ Solothur»/ Bern wurden im Sturm genommen; gegen 15/00N Menschen / die meisten auf der Seite der Schweizer harten geblutet. 'Die Annahme der Rcrfassung wurde nochmals geboten; und so geschah es'/ daß aus den größcrn Kantonen sich Abgeordnete in Aarau am 12. April l7»8 zusammenfanden. Am gleichen Tag wurde von Bürger Ochs von Basel/ alS Präsidenten des Raths der Alten/ „die eine und un- theilbarc helvetische Republik" proklamirt; am folgenden Tag hielt Bernhard Kühn bei Eröffnung des großen Raths folgende Rede: Eine gewaltsame Veränderung hat in den letzten Tagen unser Vaterland betroffen. Wir haben die Schrecknisse LeS Krieges, die wir seit Jahrhunderten nur aus den Leiden anderer Völker kannten, in der Nähe gesehen. Die Formen unserer politischen Verfassungen sind zerbrochen: die bisherige Ordnung der Dinge ist umgestürzt. Der Sturm der im fürchterlichsten Kampfe liegenden Meinungen und Leidenschaften zerreißt das helvetische Volk. Nur die Uebcrmacht der militärischen Gewalt hat uns vor einer allgemeinen Auflösung der geselligen Ordnung, der Bande des Friedens und der Eintracht, vor dem Hinstürzen in den Abgrund der schrecklichsten Anarchie bewahrt, wohin ein unbezwinglicheS Vcr- yängniß uns zu führen schien. Aber dem Blicke des Menschenfreundes öffnen sich schon frohere Aussichten. Die verschiedenen, durch ungleichartige Interessen bis dahin geleiteten, Völkerschaften Helveticas haben bereits größtcn- theils Las Prinzip der gänzlichen Vereinigung zu einer einzigen Nation, unter eine einzige Regierungsform, unter dieselbe gesetzgebende und erckutive Gewalt anerkannt. Wir sind als seine frei- gewählten Repräsentanten zusammengetreten, um über das Wohl der Nation zu rathschlagen, und durch neue auf die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit und eines einzigen nnthcilbaren Gemeinwesen» gegründete Gesetze LaS Band unsers Vereins zu knüpfen, das Glück des Volkes zu begründen und zu befestigen, und die tiefen Wunden des Vaterlandes zu heilen. DaS Zutrauen unserer Mitbürger legt uns große, heilige Pflichten auf. Ihre Erfüllung erheischt von uns einen ausdauernden Muth, die äußerste Anstrengung unsrer Kräfte, einen uncr- müdcten Fleiß und einen den Prinzipien unsrer neuen Staatsverfassung durchaus untergeordneten unerschütterlichen Willen. Wir sollen allen Vorurthcilcn der Erziehung des Standes, der Religion und der Heiinath entsagen, alle Privatintercssen, alle Leidenschaften bei uns unterdrücken. Nie muß der individuelle Vortheil einer einzelnen Gegend des nun vereinten HelvctienS unsre Meinung leiten. Sie darf nie anders als durch das Wohl des ganzen Staates bestimmt werden, weil von diesem einzig das Wohl jedes einzelnen untergeordneten Theiles ausgeht. Wir sind nicht die Repräsentanten unsrer Heimalh, unsers Distrikts oder dcS Kantons, der uns gewählt hat. Wir sind die Stellvertreter der ganzen helvetischen Nation, und gehören ihr ausschließlich an. Das Glück oder Unglück des Vaterlands liegt in unsrer Hand. Wir haben eine große Verantwortlichkeit auf uns. Nicht blos das höchste Wesen, nicht blos unser eigen Gewissen wird uns richten, sondern auch unser biedres Volk, unsre Zeitgenossen und die ganze Nachwelt. Die allgemeine Erwartung ist gespannt, die Augen unsrer H u t> e r. 3t7 Mitbürger sind auf uns gerichtet. Wir werden uns ihre Liebe, ihr Zutrauen und ihren Dank, wir werden uns die Lichtung.von ganz Europa verdienen, wenn wir unablässig auf dem Wege unsrer Pflichten fortschreiten. Ihr Haß, ihre Verachtung wird uns treffen, wenn wir uns von demselben entfernen. Die Geschichte wird dereinst unsre Handlungen mit unpartheii- schem Ernste prüfen, ihre Triebfedern aufdecken, und jeden Beweggrund unsers öffentlichen Betragens mit unbestechlicher Gerechtigkeit wägen; seine Sittlichkeit wird der Maßstab eines strengen Artheils sein, das die gesunde und aufgeklärte Vernunft über uns fällen wird. Laßt uns also mit warmer Anhänglichkeit an die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit, an alles, was gerecht ist, mit einem glühenden Eifer für das Veßte des Vaterlandes, und mit einem Herzen voll brüderlicher Eintracht das große Werk beginnen, zu dessen Vollendung uns das Vertrauen unserer Mitbürger berufen hat. Bernhard Hubers Ringrede. Eine französische Armee hatte ihr Hauptquartier in Bern aufgeschlagen; R>,'pinaz hieß der von dem Direktorium in Paris be. stcll-c Regierungsskommiffär. In einem am 25. Florcal 17S8 batikten Schreiben an das Vollziehungsdircktorium der helvetischen Rc- vublik nimmt derselbe mehrere Gewaltthätigkeiten des französischen Kommissärs Nouhik-re in sehr übermüthiger Sprache in Schutz, und fügt mit unerhörter In,Älen; hinzu: „den Direktoren könne es nicht zustehen, der Ausführung von Maßregeln französischer Behörden Hindernisse in den Weg zu logen; ihre Amtsv 0 llmacht erstrccke sich nur auf die innere Verwaltung der helvetischen Republik; obschon ihnen .das Recht, Vorstellungen gegen jene zu erheben, nicht benommen sein solle." Diesen Grundsätzen entsprechend habe er die Siegel, welche das helvetische Direktorium auf die in Bern bcsindlichcn Kassen und öffentlichen Fonds habe legen lassen, „als von dem Eigenthum der französischen Republik abreißen lassen." Das Direktorium antwortete auf diese Frechheit wie cS Männern geziemt, die nicht gesonnen sind, mit, den heiligsten Gütern eines Volkes spielen zu lassen, und übersandten dies bedeutungsvolle Aktenstück sogleich dem versammelten großen Rath und dem Senat. In dem großen Rath war das Erstau.'rcn und die Ucber- raschung so groß, daß Keiner sich äußern wollte, und der Präsident Kühn nur auf den Druck desselben antrug. Am nächsten Tag (<7. Mai) nach Verlesung des Protokolls erhebt sich B. Hub er von Basel und spricht in Fcucrwortcn das allgemeine Gefühl der höchsten Indignation aus. Der mit nichts weniger als ansehnlichem Acußern begabte Redner war so von seinem Gegenstände fortgerissen, daß er in einem Augenblicke glücklicher tzmprovisation mit leuchten- den Blicken seinen mir der Devise: „frei leben, oder sterben. t 78 v" geschmückten Ring vom Finger zog und in feierlicher Gcbchrdc sich und die Versammlung dem Tode fürs Vaterland weihetc. Die Wirkung war wie ein elektrischer Schlag. Seit dem Schwur auf dem Grütli hatte steh in keiner Versammlung schweizerischer Ab- geordneter eine gleich erhabene Stimmung kund gegeben. Die unvergeßliche Rede — von da an Ningrede genannt — lautete: Als gestern der Brief des französischen Eommissärs an das helvetische Direktorium vorgelesen wurde, da erfolgte Stille des Grabes in der Versammlung; sie war eine Wirkung des Erstaunens und Unwillens. Ein einziges Mitglied begehrte das Wort und verlangte die Einrückung des Briefs in das Amtsblatt des großen Raths. Ohne Zweifel glaubte dasselbe, die Bekanntmachung dieses Briefes werde hinreichend sein, um der ganzen Nation die Empfindungen mitzutheilen, die dessen Anhörung bei seinen Stellvertretern bewirkt hatte. Auch ich habe Erstaunen und Unwillen mit euch getheilt. Ich habe die letztere Empfindung unterdrückt, um ruhig über den Inhalt des Briefes nachdenken zu können. Ucbcrall fand ich Widersprüche und Verwechslung von Begriffen in demselben; aber doch konnte ich mir nicht verhehlen, der Inhalt sowohl als die Ausdrücke des Schreibens seien so beschaffen, dass sie bei der helvetischen Nation Besorgnisse erwecken und einen gerechten Verdacht erregen müssen, ihre Unabhängigkeit stehe in Gefahr. — Fern sei von uns der Gedanke, das französische Direktorium hege solche Gesinnungen — dies ist unmöglich! — denn eö wäre ganz den Grundsätzen und der Verfassung der großen Nation zuwider; zuwider ihren Vortheilen, zuwider ihren Absichten. Wie? die Glieder dieser Regierung, die seit der Morgenröthe der Revolution die unversöhnlichsten Feinde der Tvramici und Anarchie waren, die eifrigsten Beförderer der Republik, die unerschütterlichsten Schützer der auf die wahren Rechte der Menschen gegründeten Verfassung, sie, welche vor ganz Europa in Gegenwart aller Heere der gegen sie verbündeten Monarchie die Unabhängigkeit der Völker erklärten; sie, welche die tapfern Vertheidiger der Freiheit über den Jura gesandt haben, um uns dem Joche der aristokratischen Tyrannei zu entziehen; sie, die um unsre Vereinigung und Unabhängigkeit zu beschleunigen, uns zum Vereinigungspunkte eine Verfassung an die Hand gaben, welche ungeachtet ihrer Unvollkom- menheiten alle Grundsätze der Freiheit und Gleichheit, der Ein- heil der Nation, und der repräsentativen Demokratie enthält, die wir einmüthig angenommen haben? Wie? diese Retter ihres Vaterlandes, diese Helden der Menschheit könnten auch nur den Schatten eines solchen Gedankens haben, der unserer Unabhängigkeit zu nahe treten würde? — WaS sind wir denn, Helveticr? Entweder sind wir ein Theil der freien Nation, oder wir sind Unterthanen, oder wir bilden selbst ein freies unabhängiges Volk! Welcher Republik sind wir denn einverleibt? — Sklaven sollen und wollen wir noch weniger sein! Seit Monaten haben wir unsre Fesseln zerbrochen! Dank dem edclmüthigcn Beistand deS großmüthigen Volks, die helvetische Nation hat ihre Souveränität wieder erworben: das Volk hat sie in ihren Versammlungen ausgeübt, indem es die neue Verfassung angenommen, seine Gewalt uns übertragen und uns hieher gesandt hat, seine Stelle zu vertreten! Was war hier unsre erste Handlung? War es nicht die feierliche Erklärung der Unabhängigkeit der helvetischen Nation! Wer waren die ersten Zeugen dieser Handlung? Waren cS nicht unsre Brüder und Beschützer, die Franken? Und die erste Stimme, die sich hier im Tempel des Vaterlandes erhob, war es nicht die cinmüthige Stimme des wärmsten und aufrichtigsten Dankes gegen unsre Befreier? — Ich verlange daher, Bürger Repräsentanten, daß ihr den Beschluß fasset, das helvetische Direktorium einzuladen, eine öffentliche und freundschaftliche Erklärung über die besorglichcn Ausdrücke, welche der Brief des französischen Commissär enthält, zu begehren. — Die Antwort kann nicht anders als unsrer Erwartung gemäß, das heißt, beruhigend ausfallen. — Wäre das Gegentheil möglich? ja dann! sehet Brüder diesen Ring!*) auf ihm ist der Denkspruch cinge- graben: „ Frei leben oder sterben!" Dieser Ring ist von meinem Finger nicht gekommen seit dem Jahr 1789 — seit dem Zeitpunkt, in welchem der schone Denkspruch Wahlspruch aller guten Franken wurde. — Der Wahlspruch ist eben so wenig von dieser Zeit an, einen Augenblick aus eucrn Herzen gewichen, dessen bin ich überzeugt. Wohlan dann, Brüder, liebe theure Brüder! Hort noch ein Wort; ein Wort aus der Tiefe des Herzens gesprochen! Sollte es je geschehen, daß Gewalt einigen Eingriff in unsre Unabhängigkeit wagte; sollte es je geschehen können, daß Uebermacbt unsre Freiheit hemmte; dann! — wenn ich noch den Vorsitz bei euck führte — würde ich das Stimmenmchr aufnehmen: Sterben Hüter zog hierbei einen Ring von seinem Finger. 320 Ekaarsreden. wir? ja oder nein: ich, stimmte dann zum Tode für» Vaterland! ES lebe die Freiheit „„d Unabhängigkeit der helvetischen Nation! überleben müsse sie von unö.keiner! — Die ganze Versammlung stimmte in diesen Aufruf ein, und alle klatschten ihrem Präsidenten Beifall zu. Paul Usteri. Dieser in den Herzen seiner zahlreichen Verehrer noch unvergessene ausgezeichnete Staatsmann und Patriot/ war der Sohn des um das' Schulwesen des Kantons Zürich hochverdienten Chorherrn und Professors Lconhard Usteri; er war geboren am li. Fcbr. 1768. Für die Arznciwissenschaft fühlte er den meisten Beruf in sich / und empfing den ersten Unterricht am medizinischen Institut in Zürich. Darauf bezog er die Güttingcr Hochschule/ erhielt dort 1788 die ärztliche Doktorwürde/ und besuchte die Spitäler zu Wien und Bcr« lin. In seine Vaterstadt zurückgekehrt wirkte er als praktischer Arzt und Lehrer am medizinisch-chirurgischen Institute/ und ward zum Aufseher des botanischen Gartens ernannt. Seit 1797 Mitglied des großen Rathes war er/ bei den leicht vorausgesehenen Folgen der französischen Revolution für die Schweiz/ in Verbindung mit wenigen gleich gesinnten Freunden fruchtlos bemüht gewesen / Anrc- guugen für solche Reformen in dem eidgenössischen Bunde hervorzurufen/ die das morsche Staatsgcbüudc gegen die Stürme von außen her schützen/ und in die abgelebten Formen neuen Geist bringen konnten. Aber das' Geschick/ das über dasselbe hereinbrach/ war durch die Kraft und Tugend einiger weniger Männer nicht mehr zurückzuhalten. Bei diesem Wechsel der StaatSform ward Usteri als Abgeordneter des Kantons Zürich in den Senat der helvetische» Regierung gewählt. An dieser Stelle wirkte er drei Jahre lang in vollkommncm Einvcrständniß mit seinem Freunde/ Esther von der Linth. Mit diesem gemeinsam gab er von 1798 bis 1803 dcn^schwei- zcrischen Republikaner"/ ein politisches Tagblatt heraus/ welches als das reichhaltigste und trcucstc Archiv für die Geschichte der Schweiz in jener Periode anzusehen ist. Als Bonaparte 1802 das Vermittlungsgeschäft zwischen den verschiedenen Partheien der Schweiz annahm / ging Usteri als Abgeordneter zu der Consulta nach Paris. Während der Mediationsvcrfaffung bekleidete er die Stelle eines Mitglieds des kleinen RathS/ und seit der Konstitution von 18 G die eines Staatsraths. Im I. 1830 und 1831 war er die Seele der Reformparthci/ und allgemein galt er für die Stütze des schönen neuen VersassungSwcrkS. Da traf am 9. April 1831 alle Freunde der neuen Ordnung der Dinge wie ein Donnerschlag die Nachricht/ Usteri sei nicht mehr. Er unterlag den großen und vielseitigen Anstrengungen seines Geistes. Die Trauer um ihn war allgemein/ nicht anders/ als ob ein theurer Vater aus dem Kreise u st e r I. 32 t seiner Familie hinwcggcnommcn worden. Er war einer der geistvollsten und freisinnigsten Mitarbeiter an den „Europäischen Anna- lcn" der „Allgemeinen Zeitung"/ war besonders für die „Neue Zürcher Zeitung" thätig/ mit welcher bis 1833 ein kritisches Journal „ Schweizer.Litcraturblättcr" verbunden war/ das von U. fast ganz allein geschrieben wurde. Durch sein „Schweizerisches StaatS- recht"/ 2 Bde./ erwarb er sich ein bleibendes Verdienst um schweizerische Geschichte/ Statistik und Rechtswissenschaft. Seine „Kleinen gesammelten Schriften"/ Aarau 1832 / enthalten die von ihm gehal. tcnen Vortrüge und Berichte. Wir theilen hier die von ihm am 19 . Juni 1828 über Preßfrci- hcit im großen Rath zu Zürich gehaltene Rede mit. Sie war anS dem Stegreif gesprochen; später erst schrieb er sie nieder/ weil sie in damaliger an freien Worten und Gedanken so armen Zeit mit der größten Begierde verlangt wurde. Es war nämlich von der in ihren RcaktionSplancn immer weiter fortschreitenden Tagsatzung ein Antrag auf noch stärkere Beschränkung der Presse gestellt worden; U. bekämpft nun diesen/ und bewirkt seine Zurückweisung als einen unbefugten Eingriff in die innern Kantonsangclegcnhciten. U. sprach: Ehegestern haben Sie, Herr Amtsbürgcrmeister, hochgeachtete Herren und Obere, jenen Artikel der Instruktion für die Tagsatzung berathen, welcher die Fortdauer und Bestätigung des Eonclu- sums für die Aufsicht der Presse hinsichtlich von Angelegenheiten des Auslandes betrifft. Die Meinungen über Thunlichkeit eines längern Fortbestandes desselben sind getheilt gewesen, man hat die Sache bedenklich und wichtig genannt. Wie gar ungleich viel wichtiger und bedenklicher muß nun aber der heute eröffnete Rathschlag über die angetragene Beschränkung der Presse und der Oeffent- lichkeit in eigenen und innern Angelegenheiten der Schweiz erscheinen. Alan kann, was heute verhandelt wird, die zweite Hälfte von dem ehegestern Verhandelten nennen; doch ist einleuchtend, wie man dazu kommen konnte, sie von einander zu trennen, und die beiden Hälften bieten in der That der Kontraste ungleich mehr dar, als der Ähnlichkeiten. Mir war in dein frühern Rathschlage angelegen, aufmerksam zu machen, wie im Jahr 1823 , als das Conclusum zu Bcauf- sichtung der Druckcrprcsse hinsichtlich auswärtiger Angelegenheiten gefaßt wurde*), die Ueberzeugung geherrscht hat, und in dem Bc- *) Das Conclus,»» von, 14. Juli 1823 lautet also: Die c ids g c» o ssi sch e Taai'ahung, — nach angehörte»: Berichte des Vororts und nach den Aeusserungen der Siaudcsgcsandlschasir», ,jrs Überzeugt von der Nothwen- du,Wir, in Würdigung und Behauptung der Stellung des schweizerischen FreissaatS i»> Europäischen Staarenvcrcin, und in sorgfältiger Beachtung seiner rraktatsmaßigcn Verhältnisse zu de,»seiden, — in dein gegcnwar, 21 322 StaakSreden. richt der darüber eigens bestellten TagsatzungSkommission auch unzweideutig ausgesprochen ward, daß jede gesetzliche Vorschrift, so wie alle Vollziehung in dieser Sache, als souveraine Angelegenheiten, Attribute der Kantone seien, und darum vou der Tagsatzung keine Verordnung erlassen werden solle, sondern einzig nur eine Empfehlung an die hohen Stände für Anwendung einer außerordentlichen Maßregel, die, durch Umstände hervorgebracht, eben deshalb nicht als bleibend zu betrachten sei, sondern temporär nur sein soll. Im Jahr 1823 also ward eine Einladung an die Kantone beschlossen, in einer Sache, worüber ihre SouverainitätSrechte anerkannt waren, und man darf es einen Mißbrauch der Worte nennen, wenn diese Einladung seither unter die Eonclusa der Tagsatzung ist gereihet worden, worunter eigentlich doch nur jene Verordnungen verstanden werden, welche die Tagsatzung ihren bundeSmässigcn Befugnissen entsprechend zu fassen im Falle ist. Am Namen mag indeß wenig gelegen sein, wenn unwidersprochen bleibt, daß im Jahr 1823 die Nichtbefugniß der Tagsatzung zu Verordnungen über die Presse anerkannt und von ihr selbst auch ausgesprochen worden ist. Wie kömmt es nun, daß im Jahr 1828 völlig abweichende Grundsätze geltend gemacht nnd im vorörtlichen Ausschreiben an die Stände eine Verordnung über Prcßbeschränkung zu erlassen angetragen wird, die für alle Kantone Vorschrift und Gesetz sein soll, und die, wie in diesem wichtigsten, so in allen andern Momenten von jener Einladung im Jahr 1823 völlig abweichend erscheint. Diese war durch gebieterische Umstände und Zumuthun- gen der verbündeten europäischen Mächte veranlaßt, jene geht aus eigener Bewegung und aus dem Wunsche, der Ocffcntlichkeit über vaterländische Angelegenheiten möglichst enge Schranken zu fetzen hervor; die eine hieß eine ausserordentliche, die andere soll eine ordentliche Maßnahme heißen; die eine sollte temporär sein und mit den Umständen, die sie herbeiriefen, wieder aufhören, die an- tigcn schwierigen und wichtigen Zeitpunkt, Segen den Mißbrauch der Presse schützende Maßregel» eintreten zu lassen; und in vflichtmäßigcr Serge sur tue Sicherheit der Eidsgcnosscnschaft — bar mit Eiumuthigkcit beschlossen: Es sollen ane Stände aus das Nachdrücklichste eingeladen werden, die erforderlichen ernsten und genügenden Maßregeln auf geeignetem Wege zu ergreife»: t) Daß in den Zeitungen, Tagblättcrn, Flug- und Zeitschriften, bei Berührung auswärtiger Angelegenheiten, alles dasjenige sorgfältig auSgcwichcn werde, was die schuldige Achtung gegen befreundete Mächte verletzen, oder denselben Veranlassung zu begründeten Beschwerde» geben konnte. 2) Daß bei diesen Vorkehrungen nicht allein auf Bestrafung von Widerhandlunge», sondern pornchmlich auf Verhütung derselben hingezielt werde. u st e r t. 32Z dere soll eine sürdauernde Vcropdnung sein, und mit der Gegenwart und der Zukunft so weit möglich selbst auch noch die Vergangenheit umfassen; die eine beschränkte sich auf LaS Verlangen sorgsamer Vermeidung alles dessen, was die Achtung gegen befreundete Mächte verletzen, oder ihnen zu begründeter Beschwerde Anlaß geben könnte, die andere gebietet unbedingtes Stillschweigen und sie ordnet undurchdringliches Geheimniß an über je die wichtigsten und über ungefähr alle bedeutsamen Angelegenheiten des eidsgenössischen VundeSstaatcs, so wie seiner einzelnen Republiken. Zwischen dem federleichten und dem zentnerschweren Gewichte mag der Unterschied nicht größer gefunden werden! Wenn ich nun, hochgeachtete Herren, weiter gehe und einstweilen die mangelnde Bcfugniß der Tagsatzung für Erlassung einer gesetzlichen Verordnung, wie ihr eine solche angetragen wird, bei Seite lasse, um den Antrag selbst zu würdigen, so halte ich dafür, dem an die Stände gebrachten Entwürfe mangeln alle Eigenschaften und Erfordernisse eines guten und zweckmäßigen, oder selbst auch schon diejenigen eines erträglichen und anwendbaren Gesetzes. Diese Erfordernisse sind, wie ich glaube, zunächst Klarheit und Bestimmtheit, welche durch keine schwankenden Ausdrücke das Gesetz willkührlichen Auslegungen preisgebe; hernach diejenige Vollständigkeit, die zu seiner Vollziehung unentbehrlich ist; weiterhin sollen die Gesetze für alle von ihnen Betroffenen gleich sein, und endlich sollen sie in den Schranken verbleiben, die der Gesetzgebung jede» Landes, mit seiner Souverainität gleichmäßig, durch völkerrechtliches Verhältniß gezeichnet sind. Von diesen Erfordernissen allen ist kein einziges in dem den Ständen übcrwiescncn Antrag erfüllt anzutreffen. Schwankend und jeglicher willkührlichen Ausdehnung preisgegeben oder auch vollends ihr rufend, ist wohl die Aufzählung alles dessen, was geheim bleiben soll und worüber jede öffentliche Erörterung untersagt ist: Diplomatische Akten und Verhandlungen mit dem Ausland, ganz oder theilweisc; Tagsatzungsvcrhandlungcn und Kantonalbcrathungcn über eben dieselben, und nicht blos diese alle und die AuSzüge davon, sondern Aufsätze jeglicher Art über alles was diese Verhandlungen betrifft, bis zu ihrem endlichen Abschluß, dürfen eben so wenig in der Schweiz als im Ausland bekannt gemacht werden, ohne speziell dafür eingeholte und erhaltene Bewilligung der Tagsatzung, des Vororts, oder der bei den Verhandlungen betroffenen Regierungen; eine Einwilligung, die, im Vorbeigehen gesagt, nie wird verlangt und nie wird gegeben wer- den, weil kein verständiger Mensch bei einer Behörde eine Bewilligung nachsuchen mag, die diese, nachdem sie an Erlassung eines solchen Gesetzes Theil genommen hat, allzeit abzuschlagen geneigt und bewogen sein müßte. Warum, statt der breiten und langen Aufzählung der geheim zn haltenden Dinge, sagte man nicht lieber mit viel kürzern Worten: „über alle Verhältnisse der Schweiz zum Ausland soll kein Schweizer, ohne dafür von den höchsten Behörden erhaltene ausdrückliche Bewilligung, sei eS in derHeimath, sei cS im Auslande, irgend ein Wort durch den Druck bekannt machen dürfen." Damit hätte man sich alsdann klar ausgesprochen und dasjenige gesagt, was aus den schwankenden Bestimmungen, welche vorgezogen wurden, durch einfache Auslegung gefolgert werden kann. Hätte die angetragene Verordnung bereits bestanden, so ist klar, daß in der jüngsten Zeit weder von den ViS- thumSverhandlungen, noch von dem auswärtigen Dienst und den Kapitulationen mit Neapel, noch über HanLelsvcrhältnisse mit den Nachbarn und dem entfernter» Ausland, noch über eine Menge anderer Dinge mehr, irgend etwas geschrieben und gedruckt werden durfte. Da mit den Akten auch die AuSzüge verboten sind, so ist einleuchtend, daß überall nicht von jenen gesprochen werden kann, denn was immer davon gesagt würde, müßte mindestens ihren Inhalt bezeichnen, und jede Bezeichnung deL Inhalts ist auch ein Auszug. Wenn alles, was auf die Verhandlungen mit dem Auslande Bezug hat, nicht besprochen werden darf, so ist die Folgerung leicht daraus zu ziehen, daß über eine Menge Gegenstände der innern Verwaltung der Schleier des Geheimnisses gleichmäßig gezogen wird, weil in der That die Finanz- und Abgaben-Einrichtungen, die Gewerbspolizei und viel anderes mehr noch von solcher Art ist, daß sein Zusammenhang mit auswärtigen Verhandlungen und sein Einfluß auf dieselben unschwer nachgewiesen werden mag. Da das Geheimniß auch bis zum endlichen Abschluß der Verhandlungen andauern soll, so denke man sich darunter nicht etwa Wochen und Monate; die eidgenössischen Verhandlungen dauern Jahre und Jahrzehente an, und sie dehnen sich leicht über ein halbes und ganzes Menschenleben aus, wie unsere Tag- satzungSabscheide dies vielfältig nachweisen. Also im Umfang der Zeit wie der betroffenen Gegenstände ist dem Geheiumisse jede beliebige und w.iükührlich größte Ausdehnung durch die Ausdrücke des Gesetzentwürfs eingeräumt. Ein gutes Gesetz soll nicht nur klar, sondern zweitens auch vollständig sein, das will sagen, eS soll alle Bestimmungen wirklich u «i e r l. 325 enthalten, die für seine Anwendung unentbehrlich sind, und eS gehören dazu wesentlich die Strafbestiminungen, welche die Zuwiderhandelnden treffen sollen. Diese nun aber mangeln dem Entwurf der Tagsatzungsverordnung, und am Schlüsse desselben werden die Regierungen der Kantone aufgefordert, die Pönalbestim- mungen hinzufügen. Zwei Gesetzgeber sollen sich also in die Arbeit theilen: der eine spricht das Verbot aus, dem andern soll obliegen, die Strafbestiminungen beizufügen. Und während die Tagsatzung für alle zweiundzwanzig Stände der Eidsgenossenschaft LaS allgemeine Verbot ausspricht, sollen nun zweiundzwanzig oder vicr- undzwanzig verschiedene Strafbestiminungen demselben angehängt werden und seine Handhabung sichern! Wie könnte hiermit das dritte Reguisit eines guten Gesetzes bestehen, daß cS nämlich für alle davon Betroffenen gleich sei! Während die einen Regierungen sehr strenge und harte Strafen festsetzen, werden andere nur leichte und milde anordnen, und ein dritter Theil der Kantone wird sich vermuthlich überall der Mühe entheben, die verlangten Strafen auözusprechcn. Muß damit nicht statt gleicher Wirksamkeit die ungleichartigste bei der beabsichtigten eidögenössischen Verordnung eintreten? Und wenn dann endlich der Gesetzentwurf, die Grenzen der eigenen Landesgebiete überschreitend, neben den einheimischen Pressen, Zeitungen und Zeitschriften, auch LaS ganze Ausland befaßt, und was in auswärtige Blätter oder Journale von schweizerischen Angelegenheiten einzusenden verboten sein soll, anordnet, sind damit nicht die Schranken aller Gesetzgebung eines Landes überschritten, und werden damit nicht Verbote ausgesprochen, die man zu handhaben auf keine ehrliche Weise die Kraft und das Vermögen besitzt? Ich glaube Ihnen, hochgeachtete Herren, dargethan zu haben, daß dem Entwürfe die ersten Eigenschaften eines guten, oder auch nur erträglichen und haltbaren Gesetzes mangeln. Ich will nun weiter zeigen, daß seine Begründung eben so fehlerhaft und sein Geist eben so verwerflich ist, wie seine Formen es sind. Zum Wesen des Freistaates gehört die Oeffentlichkcit, und in stellvertretenden Verfassungen ist der Bürger berechtigt, was seine Stellvertreter thun und verhandeln, zu kennen. Was diese Stellvertreter der Nation, was die Behörden im republikanischen Staate verwalten und verhandeln, das ist nicht ihr Eigenthum, eö ist Eigenthum der Gesammtheit, der sie darüber Rechenschaft schuldig sind. Das Wesen des Freistaates erheischt die Theilnahme der Bürger an den öffentlichen Angelegenheiten, durch diese Theilnahme allein Z26 Staatsreden. mir mögen Kraft und Wohlstand, mögen Ehre und Ansehen der Republik erzielt und erhalten werden; ohne die Theilnahme der Bürger, und wo diesen des Vaterlandes Angelegenheiten und Verhältnisse gleichgültig sind, geht dieses zu Grund. Wie könnte aber jene Theilnahme beim Geheimnis! je über alle wichtigen Angelegenheiten des Staates möglich sein, wie wäre sie denkbar ohne Oeffentlichkeit? In dem Verhältnisse zum Ausland alsdann mag dem kleinen und freien Lande, gegenüber den Nachbarn und den größcrn oder kleinern Staaten, nichts vorthcilhafter sein, als die Oeffentlichkeit, und kaum etwas mag ihm mehr Nachtheil, Unehre und Verachtung bringen, als die Gehcimthuerci. Diese kaun allerdings demjenigen frommen, der seinem Nachbar Unrecht thun will; wer hingegen für sich anders nichts verlangt, als was er mit gutem Recht fordern kann, der bedarf dazu keines Geheimnisses, wohl aber wird die Oeffentlichkeit, mit Freimüthigkeit gepaart, seine kräftigste Waffe sein; und durch einen umsichtigen Gebrauch derselben kann er sich in der öffentlichen Meinung selbst desjenigen Auslandes, das sonst minder freundlich oder auch wohl feindselig gegen sein Land gestimmt sein möchte, eine Stütze und nicht un- bedeutsame Verbündete erwerben. Durch Verzichtung auf die Öffentlichkeit aber beraubt der Areistaat sich selbst seiner besten Waffe, und er überliefert sich mit gebundenen Händen dem, welcher davon gegen ihn Mißbrauch machen und ihn mißhandeln will. Was könnte dem Ausland, was könnte denen, die vielleicht unsern Wohlstand und unsere Freiheit beneiden oder dieselben beeinträchtigen möchten, erwünschter kommen, als eine Verordnung, wie sie der Tagsatzung angetragen wird? Ich scheue mich nicht, eS in Ihrer Mitte auSzusprechen, meine hochgeachteten Herren und Obere: wenn ein Preis ausgesetzt wäre demjenigen, welcher den der Schweiz verderblichsten Beschluß über Verhandlungen der EidSgcnossen mit dein Auslande vorschlagen würde, er müßte dem Urheber des hier besprochenen zu Theil werden. Es soll, heißt es, über alle Verhandlungen mit dem Ausland in öffentlichen Schriften nichts erörtert werden mögen, bis zu ihrem endlichen Abschluß. Der gesunde Menschenverstand sagt aber vielmehr umgekehrt, daß mit ihrem endlichen Abschluß die Erörterungen aufhören müssen, weil sie nun unnütz und zwecklos geworden sind, oder etwa auch anders nichts als zu späte Reue veranlassen können. Gerne wird zugegeben, daß aus der wohlthätigen Publizität auch Schaden erwachsen kann, und daß Mißgriffe beim Gebrauch u st « r I. 327 derselben begangen werden können; daß deren wirklich stall gefunden haben und ohne Zweifel auch in der Folge statt finden werden. Wo ist aber irgend etwas Gutes, Großes, Wahres, Schönes und Heiliges sogar, das nicht mißbraucht würde und woraus nicht mehr oder weniger auch Schaden erwachsen wäre? Wenn der gewisse und unzweideutige Vortheil einer guten Sache unendlich viel größer und allgemeiner ist, denn der Schaden, der aus einzelnem Mißbrauch oder Mißgriff entstehen kann, wird man darum die gute Sache verwerfen? lind bleibt nicht in den meisten Fällen, wo Schaden nachgewiesen werden kann (cS sind dieselben jedoch so zahlreich eben nicht), das öfters nochmals durch die Publizität selbst auch dargebotene Mittel übrig, den Schaden wieder gut zu machen, oder den, welcher den Mißbrauch verschuldet hat, wofern sattsamcr Grund dazu vorhanden ist, zur Abschreckung für die Zukunft zu bestrafen? Wie viel größer, und meist eben so unwiederbringlich als überall nicht bestrafbar, ist der Schaden, der bei Unterhandlungen mit dem Ausland aus Mißgriffen, Uebereilungen und Fahrlässigkeiten der Behörden und cidsgcnössischer Kommissa- ricn entstanden ist! Wird man aber um einzelner Sünden, Schwächen und Blößen willen ihre viel zahlreicheren und überwiegenden guten Dienste verkennen? Wenn von Dingen die Rede sein soll, welche der Schweiz geheim zu behalten oder dem Ausland unbekannt zu lassen erwünscht sein müßte, so wird man bei einigem Nachdenken sich bald überzeugen, daß derselben Kundwerdung für die, welche nach ihrer Kenntniß am begierigsten sind, auf ganz andern Wegen, als auf dem der öffentlichen Blätter statt findet. Sie kennen, meine hochgeachteten Herren, vollkommen gut, und mindestens so gut wie ich, die Stellung und Verhältnisse des diplomatischen KorpS bei der EidSgenosscnschast, welchem vermuthlich durch Interdikte der öffentlichen Blätter nur wenig Abbruch für die Berichte gethan würde, die seine Mitglieder aus dem Lande, wo sie als Stellvertreter ihrer erlauchten Gebieter verweilen, zu geben im Falle sind. Es wären geheime und vertraute, der Oeffcntlichkcit wie dem Lichte zuweilen sehr abholde Träger der Nachrichten, und offiziöse Mittheilet- von richtigen oder unrichtigen Anzeigen, die inL Auge gefaßt werden müßten, wenn von gefährlichen Mittheilungen oder von Handlungen, die verrälherischc heißen könnten, hier die Rede sein würde. Dieser Klasse von Menschen aber kann durch Verbote der Oeffcntlichkcit, welche das Licht und die Wahrheit liebt, nur 328 StaotSreden. nochmals ein Dienst geleistet und dadurch ihr mit Licht und Wahrheit unverträgliches Gewerbe um so besser gesichert werden. Ich habe nun, meine hochgeachteten Herren, Geist und Sinn wie zuvor Form und Fassung dcS befremdlichen an die hohen Stände gelangten Antrages betrachtet. Beide tragen den Karakter der Verwerflichkeit an sich, so daß, wenn, was Gott verhüte, die gesetzliche Verordnung dem Entwurf gemäß erlassen werden sollte, sie unmöglich lange bestehen könnte, eben so wenig als ihre geistesverwandten Dekrete der spanischen Camarilla oder das berüchtigte Pevronnet'sche Gesetz der Liebe und Gerechtigkeit. Der feindselige Angriff auf die Publizität, welchen ich bekämpfe, wird vergeblich sein. Wer solchen Angriff unternimmt, der verkennt die Zeit und ihre Bedürfnissei er verkennt auch die Schweiz und was in ihr seit einigen Jahrzehnten geschehen ist. Die Publizität hat unter uns große und solche Fortschritte gemacht, aus denen eine aufgeklärte öffentliche Meinung hervorgegangen ist, die sich mit jeden; Jahre mehr und weiter ausbildet. Was in der Eröffnungsrede unserer gegenwärtigen Versammlung vor ein paar Tagen von ihrem hohen Vorstände, hinsichtlich einer andern großen und der Menschheit heiligen Angelegenheit, ist gesagt worden, „Komme was da wolle, die Freiheit Griechenlands ist gerettet": das sage ich hinwieder auch von der Angelegenheit, die uns gegenwärtig beschäftigt: „Komme was da wolle, die Publizität in der Schweiz mag nicht wieder zu Grunde gehen." Sie kann für eine Weile gehemmt werden, man kann Gewaltthätigkeiten üben, zu Dekalierten, AuSspähereien und inquisitorischen Plackereien Zuflucht nehmen; man kaun irgend einen Magistraten unsers oder eines andern Kantons verfolgen, ihn den Gerichten überliefern, um unhaltbare oder verschollene Strafgesetze auf ihn anzuwenden, oder man kann auf noch kürzerm Wege administrativ gegen ihn einschreiten, ihn strafen, kasflren oder mit ihm anfangen was man will. Manches Opfer der Wahrheit und der Freimüthigkeit ist schon in älterer und neuerer Zeit gefallen, es werden ihrer auch in der Zukunft noch andere fallen. Aber jedes hat seinen Rächer gefunden, und die gute Sackte, die sie vertheidigten, hat nach ihrem Sturze einen neuen Schwung erhalten. Man will auch die Pressen des Auslandes beherrschen und man hat gedroht, die „Allgemeine Zeitung" den unbescheiden genannten Mittheilungen aus der Schweiz zu vcrschliesscn. Wenn heute die Allgemeine Zeitung ihnen verschlossen wird, so dürfte vermuthlich morgen eine Allgemeinere Zeitung denselben ihre Blätter u st e r i. Z29 öffnen, und wenn alle Blätter verstummen solllcn, — so würden alsdann die Steine sprechen. Es ist Zeit einzulenken, und ich erkläre mich dahin: daß ich der angetragenen Instruktion an die Tagsatzung nicht zustimme, obgleich dieselbe allerdings schon mehrere Beschränkungen des vor- örtlichen Antrages enthält, dennoch aber durch das, was sie zugibt, und durch die Unbestimmtheit ihrer Ausdrücke es auch wieder leicht macht, den ganzen vorörtlichcn Antrag nochmals in dieselbe hinüber zu tragen. Mein Borschlag zur Instruktion hingegen geht einfach und bestimmt dahin: Unsere Ehrengesandtschaft möge erklären, an der Erlassung einer Tagsatzungs-Verordnung über Oeffentlichkeit eidgenössischer Angelegenheiten nicht Theil nehmen zu können, weil der souverainen Gesetzgebung der Kantone darüber zu verfügen einzig nur zusteht. Sie solle hingegen darauf antragen, daß, wo in einzelnen Fällen die Tagsatzung für Akten, welche ihr vorgelegt sind oder von ihr ausgehen, so wie auch für einzelne ihrer eigenen Verhandlungen das Geheimniß erforderlich achtet, da möge sie solches aussprechen und gebieten, vermöge des ihr zustehenden Polizeirechtes über ihre geschlossenen Sitzungen. Herr Bürgermeister, hochgeachtete Herren! Wem Ehre, Achtung und Ansehen nicht des gemeinsamen Vaterlandes nur, sondern vorzüglich auch der höchsten Bundcsbehörde, am Herzen liegen, der soll, glaub' ich, alles vermeiden, was, wenn gleich in wohlgemeinten Absichten, sie über den Kreis ihrer durch den Bundes- ücrtrag bezeichneten Befugnisse hinausführen und in die sonveraine Gesetzgebung der Kantone Eingriffe zu machen verleiten könnte, welche etwas früher oder später erkannt, die nachtheiligsten Rückwirkungen herbeiführen, die Ehre, das Ansetzen und die Achtung der hohen Tagsatzung gefährden und beeinträchtigen müßten. Auch die hohe Tagsatzung vermag fürdcrhin nur durch Ocffent- lichkcit ihrer Verhandlungen die Achtung, Ehrfurcht und das Zutrauen der Nation sich zu erkalten; die Kraft und die Würde ihrer Verhandlungen, ihre Wirksamkeit in allen dem Vaterland nützlichen Dingen, werden im Verhältnisse mit der Offenkundigkeit ihrer weisen Rathschläge wachsen und zunehmen, mit der Geheimhaltung derselben sich mindern. Sollte nun aber mein Antrag, sollten meine Ansichten nicht diejenigen der Mehrheit der hohen Versammlung sein, zu welcher ich spreche, dann werde ich zwar, meine hochgeachteten Herren, für Ihren anderweitigen Beschluß, welcher er auch sei, diejenige Ehrfurcht tragen, welche den Beschlüssen der höchsten Behörde meines ZZV SkaatSrcden. Usteri. KantonS gebührt; zugleich jedoch werde ich mir gegen Ihren Beschluß RccurS zu nehmen erlauben. Sie fragen: an wen will er Recurs nehmen, von der höchsten Behörde des Landes? Einige aus Ihnen lächeln und denken wohl, ich werde an die öffentliche Meinung appcllircn, womit ich dann aber billig abgewiesen werden müsse, weil die öffentliche Meinung mit der Publizität nicht etwa nur in geheimem, sondern in offenem Bunde steht, und weil sie weder als legitimer noch als unparteisamcr Richter anerkannt werden könne. Es ist aber keineswegs die öffentliche Meinung, an die ich RccurS nehme, ob schon ich allerdings dafür halte, daß eine erleuchtete öffentliche Meinung über allen Behörden eines Landes stehe und von allen auf ziemende Weise beachtet werden solle, wenn sie gleich ihrer Natur nach keine Staatsbehörde bilden, noch als eine solche anerkannt werden kann. Die höchste Macht aber, an die ich nöthigcnfalls Recurs zu nehmen gedenke, wird von uns allen anerkannt und Niemand bezweifelt ihre Befugniß; sie steht über uns, wie die Zukunft über der Gegenwart. Von dem Großen Rathe des KantonS Zürich im Jahr 1828 nehme ich RccurS an den Großen Rath des Kantons Zürich vom Jahr 1838. Ich selbst werde höchst wahrscheinlich demselben nicht mehr angehören, manche aus Ihnen, meine hochgeachteten Herren, auch nicht; die mehrern aber von Ihnen werden übrig sein, und neben Ihnen sitzen alsdann unsere Nachfolger, Mitbürger aus der konnnenden Geschlechtsfolge. In zehn Jahren wird die Sache der Oeffentlichkcit vaterländischer Verhandlungen keine solche Allgriffe mehr zu bestehen haben, wie heutzutage. Wenn denn also heute und vielleicht alsbald nachdem ich gesprochen habe, etwa harte und bittere Worte mich treffen sollten, dieselben werden mich nicht kränken, sondern cü wird mir die Aussicht auf eine nicht ferne Zukunft dafür Ersatz bieten, wo alsdann, in diesem Saale selbst, wenn was heute Bitteres oder Hartes gegen mich geredet werden mag längst vergessen ist, sich mehr als einer von denen, welche heute zugegen sind, wohlwollend dessen erinnern wird, der, wie er seit dreißig Jahren mit vaterländischem Sinn und Herz die Beförderung der Publizität in vaterländischen Angelegenheiten zu einer der Bestrebungen seines Lebens gemacht hat, nun auch heute für dieselbe sprach, und in dieser Bestrebung nicht müde werden wird, so lange ihm zu wirken vergönnt ist uird bis an seinen Tod. u a t u r v ö l k c r. ' M»--« ^^ ' '7^' ), das freilich von den Engländern nur so lange gehalten wurde/ als es ihr Vortheil for- dertc. General Practon wollte von Moldon abziehen / ohne sich mit dem Feinde gemessen zu haben/ und wollte somit die Indianer ihrem Schicksal und dem Grimm eines gereizten Gegners überlassen. Tckumsal) erfuhr dies und trat nun vor ihn/ und sprach mit der wunderbaren Kraft/ die sein ganzes' Wesen durchströmte/ wenn er für die Sache indianischer Unabhängigkeit sprach. Der ganze Ausdruck seiner hohen kräftigen Gestalt/ die tiefe Bewegung seiner Seele enthüllte sich; jede Stellung/ jede Bewegung hatte ihre Bedeutung/ und die Sprache floß glühend und rasch aus der heißen Quelle seines Gemüths: „Vater, höre auf Deine Kinder; Du hast sie alle vor Dir.*) Im Kriege vor diesem**) gab unser britischer Vater seinen rothen Kindern die Axt in die Hand, als unsre alten Häuptlinge noch lebten; sie sind jetzt todt, In jenem Kriege wurde unser Vater von den Amerikanern niedergeworfen, und er gab ihnen die Hand ohne unser Wissen. Wir fürchten, er wird diesmal wieder so handeln. Höre! als der Krieg erklärt war, stand unser Vater aus, gab uns den Tomahawk***), und sagte uns, er wäre bereit, die Amerikaner zu schlagen; er bedürfe unsrer Hülfe, und wolle uns gewiß das Land zurückgeben, welches die Amerikaner uns entrissen hätten. Höre! als wir kürzlich bei den Schnellströmungen (rapiäs) waren, gaben wir Euch, es ist wahr, wenig Hülfe; es ist schwer gegen Leute zu fechten, welche wie Murmclthicre leben, j ) Vater, höre! die Flotte ist ausgegangen; wir wissen, daß sie- gefochten hat; wir haben die großen Gewehre gehört; aber wir wissen nicht, was aus unsern: Vater mit den: einen Arin (Kommodore Barclay) geworden ist. Unsre Schiffe sind den einen Weg gegangen, und wir sind erstaunt, daß unser Vater Alles zusammenbindet, und sich rüstet, aus dem andern Weg fortzueilen, ohne seine rothen Kinder seine Absichten wissen zu lassen. Ihr sagt uns immer, Ihr würdet keinen Fuß breit vom britischen Boden weichen. Jetzt, Vater, sehen wir, daß Du Dich zurückziehst; und es thut-uns leid, Laß unser Vater dies thut, ohne den Feind gesehen zu haben. Wir müssen unsers Vaters Benehmen dem eines fetten Hunds vergleichen, welcher den Schweif auf dem Rücken trägt; wenn er aber erschreckt wird, so zieht er ihn zwischen die Beine und rennt davon. Vater, höre! Die Amerikaner haben uns noch nicht zu Land geschlagen; und wir sind noch nicht gewiß, ob sie uns zu Wasser besiegt haben. Wir wünschen deshalb hier zu bleiben und zu fech- *) Dies die Art, wie indianische Dcvutativnen ihren repräsentative» Cha> raktcr bezeichnen. **) E§ ist der nordamerikanische Befreiungskrieg gemeint. ***) Das furchtbare indianische SchlachtbeN, znm Wurf, Schlag und Scal- riren. b) Die Amerikaner hatten sich i» dem Fort Mcig verschanzt. ZZ6 StaatSreden. ten; wenn sie uns schlagen, dann wollen wir mit unserm Vater uns zurückziehen. Vater! Ihr habt die Waffen und die Munition erhalten, welche unser grosser Vater*) seinen rothen Kindern sandte. Wenn Ihr den Gedanken habt, wegzugehen, so gebt sie uns. Dann mögt Ihr gehen; wir wollen bleiben. Unser Leben liegt in der Hand des grossen Geistes. Wir sind entschlossen, unser Land zu vertheidigen; und wenn es sein Wille ist, so wollen wir darauf sterben." II. In der neuesten Zeit ist abermals ein blutiger Kampf gegen die Indianer in Florida auSgebrochcn. Jetzt sollten sie über den Misst« sippi sich zurückziehen. Voll Zorn sprach ihr Häuptling Occola: „Wir wurden von den klaren Wassern, den Eichenwäldern und den grünen Jagdplätzcn unserer Vater vertrieben durch die bleichen Gesichter. Sie möchten uns vollends unser Land stehlen und unser Blut trinken. Sie verkaufen uns geistige Getränke, um uns zu vergiften. Aber die Seminolcn-Krieger haben den rothen Tomahawk wieder ausgegraben, und «vollen ihn färben in tieferem Dunkclroth. Manitulin, der grosse Geist des rothen Meeres, wird ihn stark machen in der Schlacht. Die bleichen Gesichter werden fallen vor ihm. Die Kinder des Waldes werden fechten, und wenn der grosse Geist es will, fallen bei den Gebeinen ihrer Vater. Der weisse Mann soll fallen wie die Blätter des Waldes." III. Die Häuptlinge des Jndianerstammes Micmae auf der Prinz Edwards- oder St. JohnS-Jnsel (im Lorcnz-Busen), Alguiman und Thomas, haben an den Gouverneur, Obrist Sir I. Harvey, eine Adresse eingegeben, worin sie sich über die Beeinträchtigung der Rechte ihres Stammes beschweren. Sie seien arm geworden, heisst es darin, als sie aber um «in Stück Landes gebeten, um das« selbe, wie die weißen Männer, zu bebauen, habe „der große Rath, der sich jährlich versammelt" (das Kolonialparlamcnt) geantwortet, er könne kein Land hergeben, da Alles seinen weißen Brüdcrn gehöre. Grosser Häuptling, heißt es dann weiter, das Land war unser, wir verkauften es nie, unsere wessen Bruder zahlten uns nichts dafür; es war zu hart, uns ein wenig von dem Land unserer Väter zu verweigern; aber es ist wahr, denn sie verlangen noch eine kleine Insel von uns, wo wir ein Haus und eine Kapelle gebaut; sie wollen uns nicht einen Zoll breit lassen, einen Wigwam darauf zu bauen, ) Der König von England. Indianer. ZZ7 und sie streiten unter sich, das Ganze unter sich zu theilen. Das ist nicht gerecht! Großer Häuptling, unsere heiligen Vater, die Priester (die französischen Missionare, zur Zeit, als Canada noch französisch war) lehrten unsere heidnischen Vorväter den großen Geist kennen und luden. Sie machten ihnen Bücher, um ihre Kinder Gutes zu lehren. Die Priester sind verbrannt und todt, und Keiner blieb, der unsere Sprache verstand; unsere Bücher sind zerrissen, und die alten Männer, die mit den Priestern, unseren Vatern sprachen, sind todt, und wir fürchten bald zu vergessen, was sie uns lehrten. Großer Häuptling, man hat uns gesagt, daß die weißen Männer das Schreiben besser verstehen, als wir, daß sie tausend Bücher machen können, ebe wir Eines, und daß sie nie vergessen, was sie einmal gelernt. Wir waren erfreut. Wir baten den großen Rath um Geld, um Bücher zu machen, wie die ihrigen. Sie gaben uns fünfzig Stücke, und vertrauten uns Männern an, denen nicht gefällt, was die Priester, unsere Vater, uns lehrten. Sie verlangten, wir sollen ihre Bücher nehmen, das wollten wir nicht, denn wir wünschten die Bücher, die unsere heiligen Näter uns gelassen hatten; die aber bekamen wir nicht. Großer Häuptling, wir hören, der König, unser Vater, ist gut gegen alle seine Kinder und liebt sie; wir wissen, daß er uns nicht mißhandeln lassen wird, wenn er es erfährt. Unsere Freunde sagen, du seiest gut, das freut uns. Blicke auf unser Elend; sprich zu dem Könige, unserem Vater über dem großen Wasser, für uns; er wird sich unser erbarmen. Unsere Rede ist lang; du bist müde. Wir wünschen dir Gesundheit; wir grüßen dich mit einem Kusse." Diese kindlich rührende, naive Beschwerde gegen die Aristokratie der Raren und die Bekehrungssucht der englischen Missionaire bedarf keines Kommentars. Rede eines Tongahauptlings. In dem großen australischen Archipel findet sich eine Inselgruppe/ die Tongainseln genannt. Noch wenig sind sie näher bekannt geworden. Einem Engländer/ der bis zum Jahre tstü sich auf Wawav/ einer der größte»/ aufgehalten hatte/ verdankt man folgende Aufschlüsse. FinaU/ König der Insel HapaU voll feuriger Ehrsucht/ hatte sich die ganze Gruppe durch die Gewalt des Schwertes unterworfen. Viel Blut war geflossen; aber Finau'S Ehrgeiz noch nicht befriedigt. „Ach/" rief er öfter auS/ „warum haben mich die Götter nicht zum König von England gemacht! Jede Insel in der ganzen Welt/ so klein sie auch wäre, würde meiner Macht unter. worfeu worden sei». Der Tod hciniiitc plötzlich die Entwürfe sei neö unruhigen Geistes'. Er hinterließ einen GobN/ der nichts von dein Ehrgeize seines Vaters besaß. Dieser sah ein/ daß der Besttz sämmtlicher Inseln nur durch eben das Mittel behauptet werden könne/ durch das' er erworben worden/ — durch die Schärfe des SchwerteS/ und Daß er dann dcinungcachtct noch sehr ungewiß sei. Unter den, Beirath seines weisen OheimS Finau Fi-sschi entwarf er daher den Plan eines ganz neuen Regicrungs'systemS. Er cnt sagte seinen Rechten auf die Hapa,-Inseln, und erklärte sich damit zufrieden/ über die Inselgruppe Hafnlu Hu zu regieren. Nun vcr sammelte er seine Unterthanen bei dem Grabmal (Mala>) seines VaterS/ und hielt folgende Rede/ die in der That ein merkwürdiges Gegenstück zu einer europäischen Thronrede genannt werden muß. ' „Hört mich, Häuptlinge und Krieger! Wenn Jeniand unter Euch unzufrieden ist über den gegenwärtigen Zustand der Angelegenheiten von Wawao, so ist eS der rechte Au genblick, nachHapa'i zugehen. Denn Niemand wird zu Hafnlu Hu mit unzufriedenem und nach andern Drtcn gerichtetem Sinne bleiben. Mein Herz ist betrübt, wenn es die Verwüstungen sieht, welche durch die fortwährenden Kriege deS Häuptlings verursacht worden sind, dessen Leichnam jetzt auf dem Malai ruht. Wir haben allerdings viel gethan, aber was ist die Folge-davon? DaS Land ist entvölkert, der Boden mit Unkraut überwuchert und eS fehlen die Hände zum Anbaue. Wenn wir im Frieden geblieben wären, würde eS noch bevölkert sein. Die angesehensten Häuptlinge und Krieger sind nicht mehr und wir müssen uns mit der Gesellschaft der niedrigern Classen begnügen. Welcher Unsinn ! Ist das Leben nicht schon so kurz! . . . Ist eS nicht ein Beweis von edlem Charakter eines Mannes, Frieden zu halten und mit seiner Lage zufrieden zu sein? Ist eS deshalb nicht eine Thorheit, das noch abzukürzen, was leider schon zu kurz ist? Wer unter uns kann sagen: „ich wünsche den Tod, ich bin des Lebens überdrüssig." Seht! Haben wir nicht gehandelt wie Unsinnige? Wir haben etwas gesucht, das uns alles raubte, was uns wirklich nothwendig war. Doch will ich Euch nicht sagen: gebt jeden Wunsch zu kämpfen auf. Die Stirn des KriegcS möge sich unserm Lande nahen, der Feind »löge kommen, um unsere Besitzungen zu verwüsten, wir werden Rede eines TongahuiiptlingS. 339 ilun mit um so größerer Tapferkeit widerstehen, als unsere Pflanzungen an Ausdehnung gewonnen haben. Beschäftigen wir uns also mit dem Anbaue des Landes, tveil dieser allein unser Vaterland retten kann. Warum sollten wir nach einer Vergrößerung unseres Gebiets streben? Ist das unsrige nicht groß genug, unS unsern Unterhalt zu geben? Wir werden nie alles verzehren können, was es hervorbringt... Aber vielleicht spreche ich zu Euch nicht mit gehöriger Weisheit. Die alten Mata BulaiS sitzen neben mir; ich bitte sie zu sagen, ob ich Unrecht habe. Ich bin nur ein junger Mann, ich weiß eS, und ich würde nicht mit Weisheit handeln, wenn ich nach dem Anspiele des verstorbenen Häuptlings nach »icincn eigenen Gedanken regieren wollte und ohne den Rath der Erfahrenen zn hören. Empfangt meinen Dank für die Liebe und Treue, welche ihr für ihn gefühlt üabt. F-inau Fidschi und die hier gegenwärtigen Mata BulaiS wissen, wie sehr ich mich bemüht habe, mich von dem zu unterrichten, was unserm Lande nützlich sein könnte. Sagt nicht zu Euch selbst: „warum hören wir das Geschwätz eines Knaben an?" Erinnert Euch, wenn Ihr so sprecht, daß meine Stimme der Widerhall der Ansichten Tu, Umu's lind Ulu Waln'S und Afu'L und F-utu's und Ulo'ü und aller Häuptlinge und Mata BulaiS von Wawao ist. Hört mich! Ich wiederhole es, hält cS Jemand unter Euch mit einem andern Lande, ist Jemand unzufrieden mit dem gegenwärtigen Zustande der Angelegenheiten, so hat er jetzt die einzige Gelegenheit, die Insel zu verlassen, denn nach diesem Augenblicke werden wir keine Verbindung mehr mit Hapai haben. Wählt also den Ort Eures Aufenthalts — Fidschi, Hamoa, Hapai , F-atuna und Lotuma. Diejenigen, deren Wuiych cininüthig ist, diejenigen, welche in einem fortdauernden Frieden leben wollen, werden allein Zu Hafnln Hu bleiben können. Indeß ich will keineswegs die Begeisterung eines kriegerischen Herzen ganz unterdrücken. Seht! die Länder von Tonga und F-idschi sind fortwährend im .Kriege mit einander. Wählt dasjenige, wohin ihr geben wollt, um Euere-Tapferkeit sehen ;i> Offen. Tine Parlamentssitzung in Taheiti. Z'iO > Erhebt Ellch! Ein jeder begebe sich in seine Wohnung und deute ernstlich über die Abfahrt der Piroguen nach, welche morgen nach Havai rudern werden. Eine Parlamentssitzung in Taheiti.*) Indem wir das Protokoll einer jener merkwürdigen Schlingen des tabeitischen ArcopagS getreulich aufzeichnen/ in welcher eine der wichtigsten Fragen für die gesellschaftliche,,Ordnung abgehandelt wurde/ eine Frage/ die seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die höchsten Intelligenzen Europa s beschäftigt hat/ kann es unsere Absicht nicht sei»/ unsere eigenen Gesetzgeber dadurch belehren zu wollen; wir geben vielmehr dieses ncnc anziehende Gemälde nur als ein merkwürdiges/ und in seiner Arr seltenes Beispiel jener zunch- inenden geistigen Entwicklung/ welche in unsrem Jahrhunderte bei allen Völkern die Oberhand gewinnt. Die Abschaffung der Todes strafe/ von allen Philanthropen so eifrig verlangt/ ist auch in Ta- hciti ein Gegenstand des Nachdenkens und der Berathung der weisesten Männer dieser Insel gewesen. Man wird von den Rednern PolyncstenS jene gedrängte und eindringliche Logik nicht erwarte»/ welche die großen Männer unserer europäischen Parlamente auSzcich nct; doch wenn man auf den Stand der Civilisation jenes Volles zurückgeht/ kann man nicht umhin/ in den aufrichtigen und naiven Ausdrücken ihrer Beredsamkeit viele Feinheit des Geistes und ein sehr gesundes Urtheil wahrzunehmen. Welche Jdcencntwickluiig läßt sich übrigens von einem Volke erwarte«/ das gleilsam erst gestern aus den Armen der Natur erwachte/ und noch keinen andern Führer kennt/ als die Bibel/ worin der größere Theil kaum zu buch- stabircn versteht. Die höchste GeistcSsähigkeit dieser gutmüthigen Insulaner beschränkt sich darauf/ die heil. Schrift gcläustg zu lese»/ und ihre Lehren und Geböte/ so wie den Unterschied zwischen dem alten »nd dem neuen Gesetze einiger Maßen zu begreifen. Eine große Lehre geben jedoch diese Kinder der Natur/ bei ihren ersten Schritten zur Civilisation/ dem alten Europa/ das Anfangs aus dem Evangelium nur eine blutgcfürbtc Begeisterung zu schöpfen wußte. Als gewissenhafte Geschichtschreiber/ wollen wir mit der Ve schroibung des Ortes beginnen/ wo sich die gesetzgebende Versamm- ») Der Kapitän Koyebue hat schon im Jahre 182Z, in seinen sehr innres sauten Berichten iider die Sitte» der Einwohner der Ireundschasrsinscl» , und namentlich über icnc von Taheiti (Taiti, Ataiti) von her Absicht dieser Insulaner gesprochen, sich mit der Redaktion einer konstitutionellen Charte zu beschäftigen, welche nach der Krönung des Konias Poniare li proiniilairt werde» sollte. Gracnwärciaer Aufsatz ist aus dem Nciscraa, buche des Lieutenants Ridalen entlehnt, welcher diese Inseln >»> Jahre 1827 besuchte. lung vereinigte. Nichts ist malerischer und bezaubernder als der Anblick jenes' Gebäudes, daS zugleich Kirche und Parlamentshaus ist. ES erhebt steh am äußersten Südende der Stadt Taheiti, wie ein anmuthiger Kiosk unter grünen Bvgenlaubcn von Bananen und KokoSbäumcn, deren üvpigeS Laub das geweihte Haus zu beschirmen scheint. Diese reizende Lage erinnert an den Tempel der Nymphe Egeria, in welchem NuniaS erhabene Begeisterungen erwachten. Der weißliche Schimmer der äußeren Wände, und der wanne Far bcnton der Bedachung, bilden einen wundervollen Kontrast mit dem dunklen Grün der umstehenden Bäume. Das ganze ist aus Holz gezimmert, und schien uns ein Achteck zn bilden, dessen Dach aus einem Gestechte von Banancnblättcrn und Bambusstauden so dicht verwebt ist, daß kein Regen eindringen kann. Acht große Fenster, ohne Scheiben, erhellen den innern Raum des Saales, in welchem keine Art Verzierung angebracht ist Der EingaugStbüre gegenüber branden stch die Kanzel und ein Pult, die zugleich auch als Sitz des Prästdenkcn und als Ncdnerbübnc dienen Wer in Europa den Sitzungen unserer Kammern beiwohnte, wird stch schwer eine Vorstellung von dem Anblicke machen, welchen das Parlament in Ta heiti gewährt. Man denke stch eine Vereinigung von 120 Personen, zum Theil in einzelne Kleidungsstücke europäischer Tracht gleichsam eingezwängt, zum Theil in baumwollene Decken gehüllt; den Kopf mit Straußen-Pfauenfedern geschmückt, oder mit alten, abgelegten englischen Militärhütcn bedeckt, und man wird stch einen schwachen Begriff von dem sonderbaren Anblick dieser grotesken Versammlung machen, welche man eher für eine verdächtige Zusammenkunft von Bettlern und Marktschreiern zn halten geneigt wäre, als für eine Vereinigung ehrenwcrther Gesetzgeber. Dabei muß man aber sagen, daß die wichtige Miene, und die ernste und stolze Haltung dieser Patrizier, mit der Armseligkeit ihres Anzuges eine» großen Gegensatz bilden 8 m Allgemeinen haben die Insulaner von Tahciti keinen Begriff von der Lächerlichkeit ihrer seltsamen Bekleidung; ste glauben vielmehr, durch Annahme der europäischen Tracht (wenn auch nur in einzelnen Stücken) stch den gebildeteren Nationen näher zu stellen. Ncberhaupt gilt in dem Bereiche ihrer Ideen eine mehr oder minder komplett Ausstattung von Kleidern nach europäischem Schnitte, als Zeichen einer größeren oder geringeren Entwicklung ihrer CivilisationSgrundsätzc. Die tiefste Stille wird in dem Säle beobachtet, wo nur die Stimme des Redners allein hörbar ist, ohne daß ste je durch ein Geflüster, oder durch irgend eine Störung anderer Art, unterbrochen würde. Jeder ist mit gespannter Aufmerksamkeit bei der Sache: »m-ecli» auNInu; aüskaut. Nicht minderes Lob verdient das Betragen der Redner. Nie setzen ste die Ehrerbietung aus den Augen, welche ste der Versammlung schuldig stnd; und wenn ste die Meinung eines früheren Redners bekämpfen, herrscht in ihrer ganze» Polemik so viel besänftigende Ruhe, daß der reizbarste Mensch keinen Vorwand linden könnte, das Wort wegen anstößiger Persönlichkeiten zu verlangen. Diese Urbanität steht in großem Kontraste mit den Formen unserer europäischen Polemik, welche täglich mehr in Grobheit und Reizbarkeit ausartet. Die Sprache der tahcitischen Redner ist einfach und wahr/ und dabei von einem außerordentlichen Lakonismus. Ucberhaupt gibt eS keine politische Versammlung in Europa/ welche einer nnzcitigcn Diskussion weniger Worte opferte, und hauptsächlich die parlamentarischen Formen mit einer so gewissenhaften Wohlanständigkcit zu ehren wüßte/ als die Senatoren von Tahciti. Nachdem man uns in den Saal eingeführt hatte, erhob sich ein ehrwürdiger Greis, welcher der Versammlung ankündigte, cS werde über die Frage debaltirt werden: ob ein Mörder künftighin zur Todesstrafe, oder zur ewigen Verbannung vernrtheilt werde» solle. Tiefe Stille herrschte nach dieser kurzen Anrede des Präsidenten. Obgleich man schon mehrere Tage vorher den Gegenstand der Diskussion kannte, hatte steh doch kein Redner vormerken lassen; cS scheint, dafi diese Sitte in Tahciti noch nicht üblich ist. Hildes sen wendeten sich alle Augen fast zugleich auf eine» der Häuptlinge, einen Mann von Verstand und großem Rufe, welcher sogleich dem still geäußerten Wunsche der Versammlung entsprach, indem er sich von seinem Sitze erhob, und mit festem Schritte die Nednerbülme bestieg. ES war Hitoti, ein eifriger Beförderer der religiösen Reform, und Chef des Stammes der Pachten. Ich würde, als Historiograph dieser Sitzung, einen Fehler begehen, die Beschrci düng seines Kostümes mit Stillschweigen zu übergehen: er trug die Uniform eines Schiffsfähndriehs; ein schottisches Nöckeheu von der Hüfte bis zum Knie; Halbstiefeln und einen runden Hut. „Ich zweifle nicht," sagte er, nachdem er den Präsidenten lind die Versammlung begrüßt hatte, „daß es ratissam sein möchte, besonders in unseren Tagen, wo wir ein regenerirtes Volk geworden sind, eine Modifikation unserer alten Gesetze, in Betreff der Bestrafung des Mordes, eintreten zu lassen. Seitdem diese große Frage besprochen wird, habe ich reiflich darüber nachgedacht, und da die Versau»»! nag den Wunsch zn äußern schien, »leine Meinung über diesen hochwichtigen Gegenstand zu hören, will ich dieselbe in wenigen Worten hier ausspreehen: Sollten die Gesetze von Großbritannien, eines Landes, aus welchem so viel Gutes zu uns gekommen ist, nicht zweckmäßig sein? Jene Gesetze strafen den Mörder mit dem Tode ; ich glaube also, daß wie eS in England geschieht, eö auch bei uns geschehen könne. Dieses ist meine Meinung." Die tiefe Stille, welche auf die Worte des Redners erfolgte, wurde endlich durch Utami unterbrochen, welcher sich erhob, und nachdem er eine» Bück auf die Versammlung geworfen, um zu se Heu, ob nicht vielleicht ein Anderer das Wort nehmen wollte, die Ncdncrbühne bestieg, und sich in folgenden Worten ausdrückte: „Der Ehef der Papiten hat der Wahrheit ein glänzendes Zeug »iß gegeben, als er von den Wohlthaten sprach, welche uns von Eine Parlamentssitzung in Taheiti. Zgz dem christlichen Volke Großbritanniens zugekommen sind. — Wir verdanlcn ihin das Evangelium! — Doch scheint Hiloli viel -zu weit gegangen zu sein, indem er die englischen (besetze auf uns übertragen will. Seitdem uns da-S Evangelium leitet, bedürfen wir seiner Ersehe nicht, denn wir finden in diesem Buche alle kehren und Vorschriften für unser Verhallen. Verhängt etwa das Evangelium die Todesstrafe über Den, welcher verstohlener Weise in ein fremdes HanS einfchleicht? oder ül'er Jemand, welcher einen falschen Namen unterzeichnet? oder über den Dieb, welcher in einem Pferche Schafe stiehlt? — Ich frage: Wer unter Euch möchte einen Menschen wegen ähnlicher Vergeben zum Tode verurtheileii? Und Doch sprechen die englischen Gesetze in solchen Fällen diese Strafe aus. — Nein, lassen wir jenem grasten Volke seine Ersetze, welche seiner eigenen Civilisation vielleicht zusagen mögen, jedoch für uns zu grausam sind. — Das Evangelium allein sei unser Führer. — Das ist meine Meinung." Nach einigen Augenblicken des Schweigens / erhob sich ll p n - paru / welcher den Beinamen: „die große Eidechse" führt/ und wegen seiner Beredsamkeit sowohl/ als wegen des hohen AnstandeS seiner Manieren/ den Ruf eines ausgezeichneten Mannes genießt. Nachd'cm er die früheren Redner/ üblicher Weift/ belobt hatte/ drückte er steh aus'/ wie folgt: „Obgleich ich mit dem Schlüsse dcr Rede meines Bruders Hitoti einverstanden bin, so kann ich es mit seinen Beweggründen doch nicht sein. Utami hat uns sehr gut und klar dargethan, daß cS nicht die englischen Ersetze sind (und wären sie noch so vortrefflich), welche uns leiten sollen. Aus uns selbst, und mit Hülfe unseres erhabenen Buches, müssen die Ersetze entstehen, welche unserer geselligen Ordnung zur Richtschnur dienen sollen. Oeffnet dieses Buch, Freunde die ihr schon im Stande seid, nützliche kehren aus demselben zu Ziehen, und ihr werdet darin folgende Stelle finden: „Wer Mcnschenblut vergießt, des; Blut soll auch durch Menschen vergossen werden." Diese Worte sind klar und bedeutungsvollz sie lassen keine zweideutige Auslegung zu. — Ehe ich jedoch meine Meinung hier auSsprechen wollte, habe ich die Missionärs befragt, und insbesondere mit Mitti Truttu, dem Pelikan (Namen, welchen die Ein- geboruen einem englischen Missionär gegeben) mehrere Unterredungen gehabt. Dieser sagte mir, dasi jene Stelle aus der heiligen Schrift auch den englischen Gesetzgebern zur Richtschnur gedient habe. Ich wiederhole cS: Nein! nicht darum, weil die englischen Ersetze den Mörder zum Tode verurtheilen, stimme ich für die Annahme dieser Maßregel, sondern weil es die Bidel befiehlt, daß das Blut des Mörders vergossen werden solle." (Lauter und einhelliger Beifall). Upuparu'S Rede, mir fester und männlicher Stimme gesporchon, machte großen Eindruck auf die Versammlung/ besonders da der Redner seine Meinung nicht auf die Existenz der englischen Gesetze, sondern auf die Autorität der Bibel gestutzt hatte. Es vereinigten steh gleich darauf mehrere belebte Gruppen in Privatiinterredungcn / und aus allen Theilen des SaalcS wurden Zeichen der Zustimmung und des Einverständnisses gewechselt. Schon fieng ein summendes Gcmurmel abgebrochener Gutturaltöne auf eine/ für unsere «nein- geweihten Ohren ziemlich unangenehme Weise überlaut zu werden an/ als der Präsident die Ruhe herstellte, um der Versammluug anzuzeigen/ daß ein Mitglied um das Wort gebeten habe. ES trat sogleich allgemeine Stille ein, und wir sahen einen Mann die Rcd- ncrbiihne besteigen/ welcher durch seine Erscheinung alle vorhcrgc gangcncn Redner vergessen machte. Alle Blicke waren nach ihm gerichtet/ und eine unverkennbare Gemüthsbewegung zeigte auf jedem Gesichte die gespannte Erwartung der Zuhörer. Dieser Mann war Tati/-cine Hauptstütze des Staates, und einer der fähigsten Rath- geber der Krone. Der hohe Wuchs seiner muskulösen und kraftvol le» Gestalt zeigte sich sehr vorthcilhaft unter einer ziemlich glücklich drapirtcn banmwollcnen Decke. Der harte Ausdruck seiner Ge- sichtSzügc und der sprühende Funke seines Blickes schienen,unter dem Schatten seines reichen Kopfputzes von Straußenfedern etwas gemildert. Er trug ein Halsband von blauen und weißen Muscheln, als Jnsignien der hohen Funktionen/ die ihm «»vertraut waren; seine nackten Arme waren mit zwei kupfernen Armbändern geziert/ und um den Gürtel trug er eine Schürze aus' Faserngcwebe von Banancnblättcrn/ mit vielerlei buntfarbigen Federn untermengt. Mit einem Worte / seine ausgezeichneten Formen / die Ungezwungen hcit seines AnstandeS, seine kühne Haltung, und seine originelle Bekleidung, zeigten uns Tati als eine jener schönen idealen Erscheinungen/ wie sie aus der Einbildungskraft der Künstler in s Leben zu treten pflegen. In jedem Falle war sein Anzug viel passender gewählt, als jener der meisten seiner Kollegen, welche sich auf eine höchst sonderbare Weise in die unvollständigen Ucbcrrcste eines londoner TrödelkrameS getheilt, und eingepreßt hatten. WcnigstcnS hatte er diese lächerliche Unbequemlichkeit vermieden. Nach den ge- bräuchlichcn Lobsprüchcn an die früheren Redner und an die Versammlung, sprach Tati: „Ihr habt Euch ohne Zweifel gewundert, daß eines der ersten Häupter von Taheiti, ein Verwandter des königlichen Hauses, noch keinen Antheil an dieser Berathung genommen hat. Ich wollte aber vorher die Ansichten jener weisen Männer kenne» lernen, welche vor mir gesprochen haben, und wünsche mir (Äüek, daß ich cS gethan, denn ihre Worte haben mich aus Hiedankcn geführt, welche ich wahr- Eine Parlamentssitzung in Tatzeit i. Z/,5 sckieinlich, ohne diese Dctzatteii, nicht gesunden llätte. Weit entfernt eine der vorhergegangenen Reden tadeln zu wollen, kann ich doch mit der Meinung Upuparu'S und mit jener seines Bruders Hitoti nicht einverstanden sein. Wenn wir die Gesetze Englands nicht in allen Fällen annehmen können (wie Uiami sehr klug tzemerktc), ohne uns in nachtheilige Schwierigkeiten zu verwickeln, so muß ich glauben, daß der Antrag Upuparu'S gerade dieses nämliche Resultat zur Folge haben würde. Die Bibel, so spricht er, ist unsere sicherste Fnhrerin. — Dieß ist unläugbar; aber vor Allein müssen wir den wahren Sinn ihrer Worte auffassen. „Wer Menschcnblut vergießt, deß Blut soll auch durch Menschen vergossen werden." — Wollten wir uns buchstäblich an diese Vorschrift halten, würden wir unvermeidlich auf eine falsche Bahn gerathen, aus welcher wir uns schwer wieder herausfinden dürften. Hört mich an: Ich bin Richter; Jllr wißt es. Gesetzt, es würde ein Mensch, des TodtschlagcS geständig oder überwiesen, durch mich zum Tode vcrurtheilt, so hätte ich sein Blut vergossen oder vergießen lassen. Wohlan! Müßte man mich deßwegen ebenfalls zum Tode verdammen? . . . Ihr fühlt, ollne Zweifel, wie barbarisch und unausführbar eine solche Auslegung sein würde; auch darf der Sinn jener heiligen Worte keineswegs also gedeutet werden. UebrigenS sind unter den Lehren des alten Testaments einige durch unsern Herrn und Erlöser Jesus Christus abgeändert worden; wäre es nicht möglich, daß auch diese darunter begriffen sein könnte? (Zeichen des Erstaunens in der Versammlung). Ich will darüber nicht mit Gewißheit sprechen, weil ich selbst den ganzen Inhalt der heiligen Schrift noch zu wenig kenne; vielleicht aber könnte uns ein anderes Mitglied der Versammlung diesen Zweifel durch einen gegründeten Beweis lösen. Dem sei nun, wie ihm wolle, und wenn auch diese Vorschrift in dem neuen Testamente wörtlich enthalten wäre, so glaube ich dennoch, daß wir Uwe Deutung nicht auf eine absolute Weise auslegen dürfen, weil sie mit dem Geiste unserer neuen Religion, welche Sanftmuth und Verzeihung der Beleidigungen lehrt, in offenbarem Widersprüche stellen würde." Diese kühne Widerlegung und Berufung auf das' Evangelium aus dem Munde eines' Mannes'/ welcher in den ParlamcntSdebatten einen bedeutenden Einfluß übte/ machte tiefen Eindruck auf die Versammlung. ES drängten sich mehrere Gruppen um den Redner/ welche ihm ibrc Glückwünsche darbrachten/ als' eine Stimme im Saale laut ertönte/ um zu verkünden/ daß Patii/ der Großrichter von Eimev/ das' Wort begehre. Er war ehemals Oberprieflcr gc Wesen/ und der Erste/ welcher mit Gefahr seines Lebens den Götzen 346 Eine Parlamentssitzung i» Taheiti. dienst abgeschworen hatte. *) Ordnung und Ruhe stellte» steh sogleich wieder her/ und wir sahen einen Greis/ auf einen jungen Mann gestutzt/ welcher der älteste unter seinen t» Kindern war/ langsamen und unstchcrn Schrittes gegen die Rcdnerbnhne hinschrci- Icn. Dieser Anblick brachte eine allgemeine Rührung in der Versammlung hervor/ welche durch ein dreimaliges Beifallklatschen ihre Freude kund gab/ den ehrwürdigen Mann in ihrer Mitte auftreten zu sehen. „Wie groß ist meine Freude," hob er an, „die ausgezeichnetsten Häupter unserer Mation hier im GotteSbause vereint zu seilen, um über eine für unsere aufkeimende Civilisation so wichtige Reform zu berathen. Ihr wißt, daß ich seit langer Zeit an Euren Sitzungen keinen Antheil nehmen konnte, aber henke will ich mein hohes Alter und meine Gebrechlichkeit vergessen, unreiner Berathung beizuwohnen, deren Resultat einen so bedeutenden Einfluß auf unser Schicksal haben wird. Der Großrichter Tati hat eine Frage an die Versammlung gerichtet, aus welche ich im Stande bin zu antworten; weßwe- gcn ich Euch den schwachen Tribut meiner Einsicht und meiner alten Erfahrung nicht vorenthalten null. Er behauptete nämlich, unser Herr, Jesus Christus, habe einige Vorschriften des alten Testaments abgeändert. Dieß ist wahr. Ich kenne in dem neuen Gesetze mehrere Stellen, welche das Todten verbieten; doch ist mir keine bekannt, welche dieses Verbot zu Gunsten eines Mörders ausdehnte. Aber warum wollen wir UNS bei diesen EiiiZeliihoiten aufhalten? Betrachten wir vielmehr die Gesammtheit des Geistes unserer neuen Religion, und wir werden finden, daß uns bei allen Gelegenheiten befohlen wird, unsern Nächsten zu lieben, Andern kein Leides zuzufügen, und mit den Strafbaren Nachsicht zu haben. Wollten wir also fortfahren den Mörder mir dem Tode zu strafen, und ferner über ein beben verfügen das uns nicht angehört, so würden wir einen irrigen Glauben über die wahre Religion erheben. (Ausdruck der Verwunderung.) *) Patii / Sberpricstcr des Tempels i» Papetoai auf Hnahcinc, dem Di striktt/ wo die erste» englische» Missionare sich niedergelassen stakten/ war der erste ans der Insel/ der »ach mcstrcrc» Unterredungen mit den christlichen Predigern sei» Herz von dein Gönenthume adwcndctc. Im Jahre 1813 trug er eines Tags die Golzcnbilder aus dem grossen National- inarae oder Tempel aus Sccgcstadc/ zunoerc dort einen Schcnerhauscu a„/ entkleidete die Gölten ihres Schmuckes/ warf zuerst diesen und dann lic selbst hinein/ zu grostcm Schrecken der Einwohner/ die wie versteinert einem solchen Frevel zusahen / und jeden Augenblick der Strgse gewärtig wäre»/ die eine solche Gottlosigkeit/ wie sie glaubte» / treffen muffe. Sein kühnes Beispiel war pon der grollten Wirkung aus seine vandslcutc und fand in Taheiti und Eimco Nachfolge. Auch dort wurde» nicht bloss bald daraus Götzenbilder peri-raunt/ sondern auch die Pja- raes niedergerissen. (imi-s» v-sivue,,-»- »eie-i-i---. i. n. — ,,k>.) Eine Parlamentssitzung In Taheiti. Zt,7 Hört mich an: ich behaupte nicht, der Mörder solle unbestraft im Kreise des geselligen Vereines länger geduldet werden; Dieß sei ferne von mir. Der Mensch welcher seiner so wenig mächtig war, solchen Frevel zu verüben, muß meines EraelitenS von der Gesellschaft ausgeschieden werden; denn wo bliebe die Sicherheit, wenn die Guten keinen Schutz gegen die Bösen fänden? Das Oberhaupt der Nation bat die Pflicht, den Verbrecher zu strafen, und zu verhindern, daß sich sein böses Beispiel fortpflanze. So lange wir Götzendiener waren, glaubten wir das sicherste Mittel dafür in dcrTöd- tung der Strafbaren gefunden zu haben. Unglückliche Verblendung, welche nur bejammernswerthe Folgen nach sich zog! — ES ist wahr, Hitoti bat unS gesagt, die englischen Gesetze verurtheilteu den Mörder zum Tode, und wir dürsten ohne Gefahr dem Beispiele dieses großen Volkes folgen. Aber er wußte sicher nicht, daß fast jeder Einwohner dieses Landes große Reichthümer, schöne Kleider, Häuser, Vieh u. s. w. besitzt, und daß die Todesstrafe meistens auf solche fällt, welche sich mit dem Gute ihrer Ncbenmenschen bereichern wollen; daß man dort tausend Mittel und Schleichwege zu benützen versteht, um den sichern Untergang eines erlernen Opfers zu bewerkstelligen, und sich selbst dem strafenden Gesetze zu entziehen; während bei uns — Ihr wißt cS selbst — keinem einfallen wird einen Mord zu begehen, um sich daS Boot, den Pfeil, oder den Angelhacken seines Nachbars anzueignen; oder um ihn seines Hauses und seiner ParadicSseigen zu berauben. Diese Bedürfnisse verschafft sich ein Jeder mit zu leichter Mühe, als daß sie jemals Gegenstände des Neides und der Habsucht werden könnten. Im Allgemeinen wird dieses Verbrechen bei uns in Folge von Streitigkeiten verübt, entweder um einen unversöhnlichen Haß zu kühlen, oder Rache an persönlichen Feinden zu nehmen. Diese Leidenschaften sind zu heftig, als daß die Furcht vor dem Tode Denjenigen aufhalten könnte, welcher sich von ihnen hinreißen ließ. In diesem Falle, wie in der Schlacht, schlagt man leicht sein Leben in die Schanze, denn nicht immer kehrt der angreifende Theil von seiner sträflichen Unternehmung als Sieger zurück. In England sucht der Mörder die Früchte seines Verbrechens zu genießen; in Taheiti begnügt er sich mit der Tliat selbst. Welches soll demnach die Strafe sein, die wir dem Schuldigen auferlegen? werdet Ihr fragen .... Sie sei folgende: Derjenige, welcher sich künftig eines Mordes schuldig macht, werde auf immer von seiner Familie, von seiner Frau, von seinen Kindern getrennt; er werde nach ftmn unbewohnten und entfernten Inseln verwiesen, wo die unergiebige und schwierige Fischerei, und Z?,8 Eine Parlamentssitzung in Taheiti. die unfruchtbare Erde, nur im größten Schweifte dcü Angesichts den Lebensunterhalt möglich machen. Dort wird er wenigstens keine neuen Verbrechen begeben können, (glaubt Ihr nicht, das? der Gedanke an.diese einsame und verlassene Existenz, die Hand des Mörders mächtiger zurückhalten werde, als die Furcht vor einem schnellen Tode? Wenn diese vorgeschlagene Maßregel durchgehen sollte, wo wäre noch ein Bewohner TaheitiS, welcher nicht abstünde, von dem verbrecherischen Vorhaben einer Mordtbat, bei dem Gedanken an jene plötzliche Trennung von den Seinigcn, an jene ewige fürchterliche Absonderung, wo er, weit von der lhcurcn Heimatb, aller häuslichen Genüsse entbehren muß; wo ihn, bei der Heimkehr von der Jagd oder von der Fischerei, die entgegenkommende Gattin, iir Begleitung seiner geliebten Kinder, nicht mehr begrüßt; wo, bei dem Eintrittc in seine öde Hütte, der Kuß seines alten Vaters ibn nicht mehr erfreut; und wo, nach der Stunde des Abendgebetes, seine Einsamkeit durch nichts gestört sein wird, als durch die Erinnerung seines Verbrechens, und durch seine Gewissensbisse! . . . O! glaubet mir, diese Maßregel wird die heilsamsten Folgen haben, und die Menschheit wird Euch dafür segnen . . . ." Diese wahre und rührende Darstellung aus dem Leben hatte das crgcne Gemüth des' Redners erschüttert; Thränen stoßen über seine Wangen / und seine bewegte Brust verhielt nur mit Mühe das Schluchze»/ welches uns seine letzten Worte »»vernehmlich/ und kaum hörbar machte. Eine ähnliche Gcmüthsstiinmung hatte steh in der ganzen Versammlung verbreitet/ und als sein Sohn steh nahte/ um ihm von der Redncrbühnc herabstcigcn zu helfen, traten die bejahrtesten unter seinen Kollegen hervor/ ihm ihre Glückwünsche darzubringen; und während diese einander umarmten/ machte der jüngere Theil der Versammlung/ durch lautes und wiederholtes Vivatrufcn seinen HcrzcnScrgicßungcn Luft. Für Patii war dieser Moment ein wahrer Triumph / denn seine Worte hatten alle Zweifel gehoben/ alle Stimmen vereinigt. Nach dieser Folge von beredten Erörterungen schien uns die Diskussion erschöpft zu sei»/ als ein Taata-rii (DistriktSehcf) um das Wort bat. Der Präsident nahm Anstand es ihm zu verleihe»/ denn er hatte bereits seine Gedanken gesammelt/ um die Debatten zu reassumircn; allein da die Versammlung geneigt schien ihn anzuhören/ müssen wir die eigenen Worte des Taata-rii hier noch anfügen. „Unsere ausgezeichnetsten und erhabensten Männer haben bereits ihre Meinungen ausgesprochen, dock dünkt es mich, als hätten sie einen wichtigen Punkt vergessen, weswegen ich mich glücklich preise, diese Lücke'in den Debatten ausfüllen zu können. 2» England (so sagte mir ein Missionär) werden alle jene, welche das Leben ver- Eine Parlamentssitzung in Tatzeit!. Z/,9 wirkten, dennoch nicht immer mit dem Tode bestraft. Man verbannt sie häufig nach entfernten Inseln, wo sie ihre Schuld abbüsien. Ich glaube also, wie es Hitoti zu Anfang der Debatten sagte, und wie ich nun gleichfalls aus der bcwundcrungswcrlhcn Rede des Groß- richterS von Eimeo zu entnehmen Gelegenheit hatte, daß wir wohl thun werden, dem Beispiele des christlichen Volkes von Großbrila- nien zu folgen. Nur das hatte ich zu sagen." Diese bündige Erklärung/ welche mit einer treffenden Anspielung endete/ schien der Versammlung zu gefallen/ und warf über das' Ganze der Diskussion ei» nützliches Licht. Hierauf erlaubten sich noch einzelne Mitglieder einige Bemerkungen/ und stellten ihre Anträge theils auf ewige Verbannung/ theils auf das Abhauen Vorrechten Hand/ oder auf daS Ausstichen der Augen des Verbrechers; allein ihre Worte konnten keinen Eindruck machen/ nachdem die Gemüther durch PatiiS rührende Beredsamkeit so tief erschüttert worden waren. Die Umfrage des Präsidenten / ob es der Versäum,- lung beliebe/ die Debatten zu schließen/ wurde bejahend beantwortet/ worauf er ankündigte/ daß man sich in der gegenwärtigen Sitzung darauf beschränken werde/ zu entscheiden/ ob die Todesstrafe durch jene der ewigen Verbannung ersetzt werden solle; „denn — fügte er hinzu — e§ dünkt mich/ alle Redner hatten die Frage ,n diesem Sinne aufgefaßt/ und aus dem nämlichen Gesichtspunkt beleuchtet." Nach dieser Erklärung nahm Tati noch einmal das Wort um die Bemerkung zu äußern/ daß heute nur über die Gesammtheit der Maßregel abzustimmen sein dürfte/ indem die Ncben- fragcn in den folgenden Sitzungen abgehandelt werden könnten. Hierauf verlas der Präsident das neue Gesetz/ allein seine Stimme war so schwach/ daß wir den Inhalt unmöglich mit Genauigkeit wiedergeben können. Ucberdicß war der Text desselben mit den bizarrsten technischen Alisdrücken so überlade»/ daß es uns sowohl an Zeit als an den nöthigen Sprachkenutniffen gebrach / um einen getreuen Kommentar davon zu liefern. Nun erhob sich ein jedes Mitglied nach der Reihe/ und trat zu dem Präsidenten hin/ wo es mit erhobener Hand die Worte sprach: „Ich sage ja/" oder „ich sage nein;" je nachdem es dafür oder dawider stimmte. Die Ersteren stellten sich sodann zur Rechte»,/ die Letzteren zur Linken des Präsidenten. Unter t 2 ü Mitgliedern hatten sv dafür/ 7 dagegen gestimmt/ und die Uebrigcn gar keinen Antheil an der Abstimmung genommen. *) *) Eine schweizerische Zeitung stellt in nachfolgenden Werten, die gegen die Todesstrafe svrcchcnden Gründe gedrängt zusammen. „ In nächster Woche wird in unserm großen Stath entschieden werden, ob abermals ein unS durch den Larakicr der Menschheit (der auch im Verbrecher nicht inner, gelit,) verschwistcrlcs Mitwcse» durch die Hand seiner Bruder der Gerechtigkeit z» Ebren sterdeii soll. — Wird der Verbrecher dadurch gebessert? Wird der menschlichen Gesellschaft dadurch, daß man U,r ein Glied wegschneidet, anstatt es zu steilen, geholfen? Werden Andere von, Blutvergießen abgehalten, wenn der Staat selbst kaltblütig und Eine Parlamentssitzung in Tatzeit i. Z',N Es erleuchteten noch die letzten Strahlen der untergehenden Sonne den Saal/ als der Präsident die Sitzung für geschlossen erklärte/ und die nächste Vereinigung auf den folgenden Tag festsetzte. Wir eilten hinaus, um wo möglich diese unvergleichlichen Gesetzgeber, bet ihrem Austritte aus dem Hause, näher betrachten zu können. Hier hatten sich eine Menge Frauen und Kinder einge- futtdcn, welche ihren Männern oder ihren Vätcrn entgegengegangen waren, und dieselben mit jubelnden Aeußerungen der Freude bewill- kommten/ indem sie ihnen zugleich Fruchte und erfrischende Getränke darreichten. Bald zertheilte sich die Menge in cinzeln^klcinc Häuflein, welche nach den verschiedenen Quartieren der Stadt ihren Weg einschlugen, und später vernahmen wir noch das Echo der «ob- gesängc, welche zu Ehren Gottes in dem Kresse dieser Patrizicrfa- milicn gesungen wurden. feierlich eines rcumüthigen, wehrlosen Bürgers Blut vergießt? Wird die Menschlichkeit »ich daS Gerechtigkeitsgefühl genährt, wen» die Ge< / rechtigkeit einen Menschen aller ihm von, Echövfcr selbst verliehenen Rechte dcrauht und als ein rechtloses Ding auS der Welt hinausstößt? Darf ich den betrügen, der andere betrügt, darf ich den besteigen, der Andere bestichst, darf ich den todte», der einen Andern geiödtct bat? En-lich ist es nicht ein Eingriff in den Plan Gottes, einem Wesen das Leben zu ncbmcn, das er so lange fortscgen so», bis es Gott selbst gesaut, ihn davon abzurufen? Uebcrlcgt diese Fragen, ihr Vater des Volkes! Sagt Euch Einer: Es wäre Unrecht gegen die Gerichteten, wenn man Gattikcr begnadigen wollte, so glaubt das nicht, denn cS ist nicht wahr; sonst könnte die Menschheit nie fortschreiten. Einmal muß man mit dem Veffcen ansangen. Die Todten find nicht mehr da, ihnen geschieht kein Recht und kein Unrecht mehr. Dieß trifft nur die hebende». An diese» soll man gut mache», >vaS ma» an den Todte» geseblt oder geirrt hat. Als mau die Folter abschaffte, liest man sich da»,als durch den Einwand irre machen: dieß wäre ein Unrecht gegen die früher Gefolterten?» — Namen- und Sachregister (Die Ziffern zeigen A. Absentismus irischer Großen, 131. Akt der Ausschh'eßung Manuels 18S. AeschincS, 5. d'Agucsseau, 157. Allianz, die heilige, und Frankreich, 215. Althergebrachte Institutionen, ihre Bedeutung, 125 u. 123. Antiphon, 1 Slntrag auf Ausschließung Manuels, bestritten von SkoverCollard, 181. Aristokratie, die, des I9tcn Jahrhunderts, was sie sei, 195. Manische Manier der spätern Redner Roms, 3(1. Asiatische Beredsamkeit, 6. Attische Beredsamkeit, 6. Attische Redner, die zehn, 1. Aufrechterhaltung des konstitutionellen Princips in Portugal, CanningS Rede dafür, 89. Auslegung, buchstäbliche, der einzelnen Gesetze, 117. Ausstoßung Manuels aus der Kammer, 178. Auswanderung in fremdes Land, staatsrechtlich gewürdigt, 199. B. Barbarossa, Friedrich, Leben und Charakter, 269. Barone, die alt englischen Begründer der Constitution, 61. Bartholomäusnacht, 162. Bedeutung des CostümS eines französischen Deputirte», 192. Bedeutung des Rechts ständischer Kammern, die Gelder zur Führung eines Kiiegs zu verwil- ligcn, 193. die Seitenzahl an.) Begnadigungsrecht, seine Bedeutung und Nothwendigkeit, 279. Belgien und Holland, 219. Bestechlichkeit, ihre verderblichen Folgen, 18. Beredsamkeit, ihre Geschichte unter den Deutschen, 267. Beredsamkeit, ihre Geschichte unter den Engländern, 17. Beredsamkeit, ihre Geschichte unter den Franzosen, 157. Beredsamkeit der Engländer und Franzosen verglichen, 19. Beredsamkeit, ihre Geschichte unter den Griechen, 3. Beredsamkeit, ihre Geschichte unter den Naturvölkern, 333. Beredsamkeit, die natürliche, ihr Werth und ihre Entstehung, 333. Beredsamkeit, ihre Geschichte unter den Römern, 27. Beredsamkeit, ihr- Geschichte unter den Schweizern, 305. Bischöfliche Kirche in Irland, 139. Dolingbroke, 111. Braganza, Kö'nigsfamilie, wandert nach Brasilien aus, 90. Brougham, sein Leben, 101. . „ als Parlamentsredner, 103. Brougham, Vertheidiger der Königin Earoline, 102. Budget, über das, Rede von Benjamin Eonstant 1822, 232. Bulwcr, 118. Bürger, der einzelne, gegenüber den Gesetzen des Vaterlandes, 170 und 172. Vurke's, Edmund, Leben und Charakteristik, 67. Burke's Betrachtungen über die französische Revolution, 71. 352 Namen- und Sachregister. Burke's schönes Familienleben, 68 und 70. Burke's und For's Beredsamkeit verglichen, 80. Burke's und Fox's rührender Streit, 77. Burke's praktischer Redetropus ,71. Byron, Lord, 88. C. Cäsar'« Charakteristik, 34. Canning, Georg, Leben und Charakter, 86. Canning's Rebe über die Angelegenheit der Pyrenäen - Halbinsel, 89. Canning, Retter der europäischen Freiheit, 87. Carnot, Lazare Nikolaus Marguc- ritc, Leben u. Charakteristik, 166. Castlereagh, 87. Castlereagh als Parlamentsredner, 1.52. Cato Ccnsorius, als Redner, 28. Catilinarische Verschwörung, 32. Catilinarische Verschwörung, Cäsars Rede über dieselbe, 2,3: Cato's Rede über dieselbe, 42. Cato von Utika Leben und Charakter, 31. CazaleS, 158. Censur, ihre Bedeutung und Folgen, 210. Censur, ihre Nachtheile in Bezug auf Verhältnisse zum Ausland, 321. Censur, ihre Unverträglichkeit mit der republikanischen Verfassung, 325. Christenthum, das, in Gefahr, 113. Cicero's Charakteristik, 30 u. 33. Civilgerichte, csllegialische Einrichtung derselben, 293. Civilprozeßbuch, das französische, seine Entstehung, 292. Code Napoleon, 107. Colonial-Politik Englands gegen Irland, 136. ColonicnNomS, ihreDcdeutung,261. Colonisationssystem, ein großartigere«, 26 l. Constant, Benjamin, Leben und Charakter, 229. Constitution Englands, ihr Ruhm und ihre Mangel, 111. Criminaljustiz nnd politische Untersuchungen, 231. Cromwell's Leben u. Charakter, 50. „ „ Rede im langen Parlament, 51. D. Debattirgesellschaft, Robinharb, 69. Declamation, ihre Wirkung auf das englische Unterhaus, 111. Dictatur, ihre Nothwendigkeit und ihr Werth, 171. Demosthenes, Leben und Charakteristik, 7. Demosthenes als Redner, 9. Don Miguel, 89. E. Ehrenlegion, französische, 205. Ehrlosigkeit, ihr juristischer Begriff bei den Athenern, 19. Eichhorn, über deutsche Beredsamkeit, 267. Einfluß der Sprache auf die Beredsamkeit, 18. Einfluß der Oeffentlichkeit der Verhandlungen auf die Beredsamkeit, 18. Einschreitung (Intervention), ihr staatsrechtlicher Begriff, 181. Eintracht, Rede über dieselbe von Nikolaus von der Flüe, 313. Emancipation der Juden, eine Red« Brougham's für dieselbe, 112. Empörung, ihr staatsrechtlicher Begriff, 181. Engel'S Lobrede auf Friedrich II, 268. Englische Beredsamkeit unter Elisabeth, Karl!, Wilhelm Ili, 4 7. EntschädigungSgcsetz, zum Besten der französischen Emigration, eine Rede Foy's dagegen, 196. Erhabenheit des Gegenstandes und Größe und Würde der Versammlung, Grundbedingungen für Entstehung einer großartigen Beredsamkeit, 306. Erhebung Napoleons auf den Kaiser- thron, eine Rede gegen dieselbe von Earnot, 170. Eröffnungsrede im großen Rath der helvetischen Republik von Bernhard Kühn, 316. Europa, das civilisirte, seine Bedeutung für die »och uncivilisir- ten Erdtheile, 261. Europa's Protectorat über andre Erdtheile, 262. F- Ferdinand VII Regierung, 18 l. Fauche, 170. Fox, Charles James, Leben und Charakter, 78. Fox, über die Menschenreckte, 73. Foy, Maximilian, Leben und Charakteristik, 191. Franklins Tod, in der Nationalversammlung in Paris gefeiert, 165. Frankreich als Haupt öer konstitutionellen Staaten des Festlandes, 236. Frankreich, über sein Verhältniß zum Ausland, eine Rede Lamar- gue's vom 15. Jan. 1831, 213. Ueber denselben Gegenstand eine Rede Lamarque'ö vom ,3. April 1831, 218. Französische Reden, cinVorzugderselben vor den englischen, 158. Französische Staatsberedsamkeit,warum vor der Revolution nicht vorhanden, 152. Freies Versammlungsrecht, eine Rede von Fox über dasselbe, 80. Freimüthige Aeußerungen, ob sie im Stande Unzufriedenheit zu erregen, 279. Friedrich des Großen Sorge für ein verbessertes Gesetzbuch, 281. Friedrichs I. Rede, 271. G. Garrick, Schauspieler, 69. Garve, 285. Gefangenen, die, von Greifensee, Holzach's Redefür dieselben, 308. Gefangenen, die, von Osterodc, Rede Saalfeld's für dieselben, 276. Geheime Gerichtsverhandlungen, ihre Wirkung für die Regierungen, 300. Gelehrsamkeit und gesunder Menschenverstand in Opposition, 58. Gelehrte, selten Redner von bedeutenderem Erfolge, warum? 119 . Gemeinplätze, ihr rhetorischcrWerth, 115. Georg III in Lebensgefahr, 81. Gerichtshöfe, woran ihre Entscheidung gebunden, 62. Gerichtsverfahren, öffentliches und geheimes gewürdigt, in Bezug auf die Menge der Prozesse, 302. Gerichtsverfahren, öffentliches und geheimes gewürdigt, in Bezug auf die Kostbarkeit und Menge des -Personals, 302. Gesandschaften an den fremden Höfen, ihr Nutzen und ihre Aufgabe, 233. Gesandten, Rede der römischen, 270. Geschwornengerichte für Preßver- gehcn, 299. Geschwornengerichte im Strafverfahren, 296- Gesetzbücher, daß sämmtliche in einer organischen Perbindung mit einander stehen müssen, 291. Gesetzbücher, ob durch einen einzelnen oder mehrere zu entwerfen? 282. Gesetzbücher, ob zweckmäßiger sei, neue zu entwerfen, oder an bereits bestehende und erprobte sich anzuschließen? 288. Gesetzbücher, Preußens und Oesterreichs Verfahren bei ihrer Ent- werfung, 288. Gesetzgebungscommission, aus was Namen. und Sachregister. ZLi für Mitgliedern eine solche zusammengesetzt sein müsse? 263. Gesetz, nothwendige Eigenschaften eines solchen, 323 Glaubensfreiheit, ein politisches Recht, 111. Gorgias, 1. Grev, l l7. Griechenland und Frankreich 1827, 212 . Grolmann, hessischer Staatsminister, 280. Grolmann, über Geschwornenge- richte, 29 7. H. Häuptlinge des Micmacstammes, ihre Neben, 338. Henv ssirn! 108 . Helvetische Gesellschaft, 307. Helvetische Republik, 315. Heptarchie, 110. Hortensia, ein weiblicher Redner, 3( HortensiusOrtaluS, alsRedner, 21 Hospital, Kanzler, seine Reden, 157 Hubcr, Bernhard, 317. Hungcrsnoth in England, 81. Hunt, als Parlamentsredncr, l-Ik Jnstizgesetzgcbung, 282. Justizreform, Erougham'ü Rede für, 107. K. Käufer Iionao krilci und nmlae lulei, i»8. Kleinkinderschule Londons, 103. KönigSwürde, die englische, beruht nicht auf göttlichem Recht, sondern aus dem Staatsgrundge- fttz, 61. Ktessp-Hon, 6. ^ Kühn, Bernhard, 315. L. Lamarque, Maximilian, Leben und Charakter, 209. Lamartine, Alfonse de, Leben und Charak^r, 253. Landcnberg, Wildhans von, 309. Lateinische Sprache, Ursprung und ,. Ausbildung, 27. >. Lob des Kriegsruhms, 312. . Ludwig Philipps Politik gegen das Ausland, 211, 217, 220, 222. Lysias, 5. ^ M. I. Macaulcy, als Redner, 121 und Jaup, hessischer Mgeordnctcr, Le- 150. ben und Charakteristik, 280. Maeauleh's Rede für die Parla- Jcffrey, alsParlamcntöredner, 151. mentöreform, 125. Intervention, was sie sei? 97. Macht der Civilisation über Bar- Johnson, Samuel, 68. barei, 259. Irlands Eroberung und Unterdrük- Mahmud, Sultan, sein Charak- , kung, 131. ter, 260. Irländische Redner, ihr Charak- Manuel, Jacques Autoine, Leben ter, 119. und Charakrcr, 176. Ironie Brougham's, 1 >0. Manuel's Rede über den Krcuzzug Jsokrates, 5. Frankreichs gegen das liberale Italische Großen, ihre Anmaßung, Princip in Spanien 1823, 178. 271. Maurv, Abbü, 158. Italiens Jnsurrection 1831 , 222. Mehmed Ali, Pascha von Aegvp- Jtzstein, über Collegialität der Ge- tcn und sein Sohn Ibrahim, 259. richte, 295. Milliarde, ihre Größe verdeutlicht, Jugend, die französische, ihre po- 202. litische Verkennung und Miß- Mirabcau, Honorü, Gabriel Nictor Handlung, 237. Riquetti, Graf von, Leben und JliniuSaiisstand in Paris, 212. Charakter, 158. Namen, und Sachregister. 355 Mirabeau'S äußere Beredsamkeit, 32. Mittermaier, über Collegialität der Gerichte, 2!»«. Mittermaier, über Geschwornenge- richte, 298. Montesquieu, 296. Mühsale eines englischen Parlamentsgliedes, 152. Mündlicher Vertrag, seine Wichtigkeit und Wirkung, 32. Mundt, Th , über deutsche Prosa, 31. Muth und Festigkeit eines französischen Deputirteu, 192. N. Napoleon, über die Beisetzung seiner Ascke unter der Vendome- säule, eine Rede Lamargue's, 221. Nationalgacde und Polizeisoldatcn, 191. Nationalversammlung, über den Namen und die Berechtigung derselben, 163. Neu, Setzung eines Nationaldenk- rnals ihm zu Ehren, eine Rede Lamarque'S, 227. NomadisirendeS Jägerleben u. Ackerbau, ihr Verhältniß zur Civilisation, 331. Nordamerikanischc Indianer von den Weißen verdrängt, 331. North, Ministerium, 7t). Novellen des baierischen Strafgesetzbuches, 281. O. Occola'S Rede, 336. O'Coniiell, Daniel, sein Leben, 117. „ „ als Redner, 119. O'Eonnell'S Rede für die Parla- mentSreform, 119. O'Eonnell'S Verdienst um Beruhigung Irlands, 131. O'Eonnell'S Tribut, 13 l. Oeffentliche Meinung, ihre Macht, 277. Oessentlichkeit und Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens > 292. Oesterreich, die Herzoge von, Rede gegen dieselben von Rudolph, Graf von Werdenberg, 307. Orient, Rede Lamartine'S über den, 251. P. Paneghrikus des Jsokrateö, 5. PanegyrikuS des Pliniuö auf Tra- jan, 30. Parlamentsberedsamkeit, die französische und englische mit einander verglichen, 153. Parlamentarische Inkonsequenzen, 138 u. 111. ParlamentSreform in England, 115. Parlamentsreform, ihr Einfluß auf die englische Beredsamkeit, 19. Parlament, das lange, 51. Parlamentssitzung in Otaheiti, 3-10. Payne, Thomas, 127. Peel's, Robert, Biographie, 129. „ „ Rede gegen die Aufhebung der Union, 110. Perl als Parlamentsredner, 116. Pensionirung der Minister, 233. Perioden der römischen Beredsamkeit, 28. Pflicht der Minister, die speciellen Belege des Budgets den Kammer» vorzulegen, 233. Phalanx, macedonische, 20. Philosophengesandtschaft inRom, 28. Philipp von Macedonien, 8. Pyilippische Rede, die dritte des DemostheneS, 10. Pitt, W. (Chatham), Leben und Charakter, 51. Pitt, W., Sohn, 18. „ „ „ Ministerium, 79. Pitt'S Rede gegen das Ministerium Walpole, 55. Pitt gegen die Preßfreiheit, 52. Politische und religiöse Verfolgung, ihre nothwendigen Folgen, 226. Politische Freiheit, ihr Einfluß aus Beredsamkeit, 305. Pclitische Rechte, ob sie verjähren? 275. ' 356 , Namen- und Sachregister. Politische Tagblättcr, ihre Wichtigkeit und Mittel zu ihrer Unterdrückung, 219. Polizei, geheime, gewürdigt, 238. Portugiesische Pairskammer, ihre patriotische Erhebung, 95. Preßedict der Tagsatzung 1829, 32 t. Preßfreiheit, mögliche Einwendungen gegen dieselbe, 326. Preßfreiheit, über, Rede von B. Constant, 215. Preßfreiheit, Mittel zu ihrer Vernichtung, 216. Preßfreiheit, ihr Werth für fremde Gesandte, 327. Preßfreiheit, Rede Usteri's für dieselbe, 321. R. Nchberg's konstitutionelle Phanta- steen eines alten Steuermanns, 289. Rechtfertigung Napoleons wegen Annahme der Kaiserwürde, 225. Rechtfertigung Napoleons wegen seiner beständigen Krieg«, L2». NechtSgcsetzgedung, eine Rede Jaup'ö über dieselbe, 282. Rechtssicherheit, wodurch zu erzielen, 287. Nedefertigkeit, eine Ursache des niedern Standpunkts der Beredsamkeit im englische» Unterhaus, 117. Reden der römischen Historiker gewürdigt, 29. Reden können, und Redner sein nicht gleichbedeutend, 32. Reden Tschudi's, Bullingcrs, Müllers ic.'.c. 307. Religionsfreiheit, Rede Mirabeau'ö über dieselbe, 161. Revolution und Reaktion, wodurch zu vermeiden, 271. Revolution und Reform in ihrem Ursprung, >26. Revolution, die, von 1789, moralische Folgen derselben, 187. Rhetorcn, 1 u. 6. Rhetorcn unter den Römern und ihre Schulen, 31. Ringrede, Bernhard Hubers, 317. Roms Verhältniß zu den Wissenschaften, 27. Nottenbrough, 116. Roher Collard, 178. Ruhm, erste Hauptstütze einer neuen Dynastie, 217. S. Saalfeld's Leben u. Charakter, 272. Schnellschrciber im englischen Parlament, 306. Schweizerischer Beobachter über die Todesstrafe, 319. Sheridan, als Redner, 18. Shiel's Charakteristik, 128. „ Rede für Aufhebung der Uunion Irlands und Großbritanniens, 131. Shiel's Rede für die Armensteuer, 132. Shiel als Parlamentsredner, l5l. Söldnerdicnst der Schweizer in Frankreich, 312. Gpaniens Angriff auf das consti- tutionrlle Portugal, 95. Spanische Constitution von 1812, 178. Staatsgrundgesetz, .Zweck desselben und wie zu erreichen, 271 Staatsgrundgesetz, was in dasselbe gehöre und was nicht, 275. Staatsstreich, erklärt und gewürdigt, 181. StandeShcrrn, durch Geschworne gerichtet, 300. Stanhope, 110. Stanzer Tagsatzung, 311. Stempel auf politische .Zeitungen, seine Wirkung, 251. Steuerverweigerungsrecht, .Zweck und Bedeutung desselben, 210. Streitrede Burke's und Fox'ö über die französische Nevolu-on, 72. Suspension natürlicher Rechte un- temporär zulässig, 111. Syrien geschildert, 258- t , Namen- und Sachregister. 357 T. Taheitische Beredsamkeit, 340. TaheitischeS Parlamentshaus, 31t- Taheitische Parlamentstracht, 341. Tekumsah, uordamerikanischcr Häuptling, 334. Thronrede eines Tongahauptlings, 338. Todesstrafe, für und wider von Tahcitischen Rednern, 342. Tones, englische, 429. Tribunal, das, unter Napoleon, 168. Türkei, Desorganisation dieses Reiches, 256. Türken, ihr Charakter als Menschen und Bürger, 258. Tyrannei, wenn sie eintritt? 62. U. Uebungen für Bildung der Beredsamkeit unter den Römern, 32. Unterhaus, das englische, geschildert, 441. Unwesen der Misstonaire in Frankreich, 238. Ursprung der Revolution, 85. usteri, Paul, Leben und Charakter, 320. V. Verbesserung des Gerichtswesens, eine Rede Brougham'S über dieselbe, 107. Verfassungen, octroyirte und vertragsmäßig entstandene, cineRede Saalfelds, 273. Verona, der Congreß zu, 177. Verschiedenheit der Bravo's, 148. Vertheidigungsredc von Meister Felix Hemmcrlin, 309. Verträge Englands und Portugals, 92. Villele, das Ministerium, B. Con- stantS Rede dagegen, 240. Vorfrage bei dem Orakel zu Delphi, 17: Vortheile des freiern Versammlungsrechtes, 85. W. Waffington, Schauspielerin, 68. Walpole'S Ministerium, 53. Wahlbestcchungen in England, 116. Wahlrecht in England, seine Ungleichheit, 416. Wellington opfert Ney auf, 228. Westindische Inseln Frankreichs re- volutionirt, 73. Whigs, englische, 129. Wilkes, der Gegenstand der heftigsten Kämpfe im Parlament, 57. Im Verlag bei H. R. Sauerländer in Aarau sind folgende neue Werke und neue Auflagen in diesem Jahr und dem vorhergehenden erschienen, und in allen Buchhandlungen um die beigesetzten Preise zu erhalten: t.'o/'/,!<' sn,. Contos »urte.<; >n,i>ie!>, ziun 41 e. , ;>iotes- seue :> I'uris. »i. iic-12. Leeuucle eclct. 1 /I. 30 Icr. — 1 Tlclr. Hrp/c0/r?rcrr>e, uou ven», ecuii;>Iet, fpiciierli.s-iclleiuuiccl et a!Iei»uiceai!>, zuir sslrs. et Uiiron üe .htn^se/iec/ek. «r. iu-12. 2 il. — 1 8 ur. Fries/ G., vollständige Anleitung zur französsschcn und deutschen Co n v er sa ti o n. I'I»r>.<>euI(>>-ie keiiuesise et iilleumiulv, Dritte viclvcrbcffcrtc und vermehrte Auflage. 8. 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