0^7 ^ 0010000()532603 k-»i-ro^. Lrs Diodor's von Sicilien historische Bibliothek, übersetzt von Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar zu Blaubeure». Erste Abtheilung, Stuttgart, Verlag der I. B. Metzlet"scheu Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mör.schner und Zusperrn Wien. i 8 5 i. Griechische Prosaiker in neuen Übersetzungen. Herausgegeben von G. L. F> Tafel, Professor zu Tübingen, C.N. Osiander und G. Schwab, Professoren zu Stuttgart. Zwanzigstes Bandchen. Stuttgart, Verlagl-er I. B. Metzler'schen Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Jasper in Wien. 18,7. 2 ^ >»> Diodor' s von Sicilien übersetzt von Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar zu Blaubeuren. Erstes Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'scheu Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Jaspev in Wien. > L » 7. Einleitung. Diodor war, nach seiner eigenen Angabe (l. 4,), aus Agyrium (oder Argyrium, jetzt S. Filippo d'Argirone), einer Stadt in Sicilien, gebürtig. Er lebte zur Zeit des Julius Cäsar und Augustus. Ausser dem, was er (a. a. O.) selbst erzählt, ist von seinen Lebcnsumständen Nichts bekannt. Das Werk, das er unrer dem Titel „historische, Bibliothek" in vierzig Büchern verfaßt hat, ist eine Universalgeschichte, aber fieikich nicht in dem bei uns gewöhnlichen Sinne. Diodor wollte die in verschiedenen Schriften zerstreuten Nachrichten über die Begebenheiten einzelner Völker und Zeiten in ein Ganzes vereinigen, indem er aus der großen Masse des Stoffs das Wichtigste aushob. Was ihm aber das Wichtigste war, erhellt daraus, daß er den Werth von dem Studium der Geschichte hauptsächlich nach dem Einflüsse schäzt, den dasselbe auf die Bildung des sittlichen Charakters hat. Indessen kann sein Zweck keineswegs blos der gewesen seyn, eine Sammlung von lehrreichen Beispielen zu liefern; sondern man sieht 6 Ei nleit rrng. aus manchen Stellen deutlich genug, daß er namentlich solche Begebenheiten auswählen wollte, die für die Geschichte der Völker und Staaten wichtige Folgen hatten, und zugleich sicher beglaubigt waren. Wie wenig er geneigt war, unstchern Nachrichten zu trauen, und sie als glaubwürdige Geschichte hinzustellen, kann mau daraus schließen, daß er es sehr häufig schon durch die Form seiner Erzählung bemerk- lich macht, er spreche nicht in seinem eigenen Namen, sondern gebe blos fremde Berichte wieder, die er nicht verbürgen wolle. Wie weit nun solche Berichte zu- verläßig sind, könne» wir freilich gar nicht beurtheilen, da er in den wenigsten Fällen die Quellen nennt, aus welchen er geschöpft hat. Indessen ist so viel gewiß, daß er manche ausgezeichnete Geschichtschreiber benützt hat, deren Werke verloren gegangen sind (z. B. den Agatharchides, Ephvrus, Theopompns). Um so mehr ist es zu bedauern, daß auch Diodor's Geschichte nicht vollständig auf unsere Zeiten gekommen ist. Von 40 Büchern sind nur »och i5 übrig, nämlich die 5 ersten, und dann die 10 Bücher vom rrten bis zum Lösten; aus den andern haben sich nur wenige Bruchstücke erhalte». Diodor theilt selbst (1-4.) seine Geschichte in drei Zeiträume; der erste geht bis zum trojani- 7 Einleitung. schen Krieg (Buch l — VI.), der zweite bis auf Alexander (B. VII — XVII.), der dritte bis auf Julius Cäsar (B. XVIII — XI..). Von der ersten (der mythischen) Periode.fehlt uns also nur ein Buch; von der zweiten haben wir noch die Geschichte von Zkerxes an bis auf Alexanders Tod; von der dritten aber nur den Anfang; denn das Löste Buch geht nicht weiter als bis zum Schlüsse des vierten Jahrhunderts vor Christo. Diodor's Schreibart ist ernst und würdig, aber ohne rednerischen Schmuck. Uebrigens sind die Ausdrücke sorgfältig gewählt, und die Sätze oftj künstlich gebaut. Seine Darstellung wird manchmal weitläufig, weil er den Zweck der Belehrung hauptsächlich im Auge hat. Zuweilen faßt er aber auch kurz zusammen, was man weiter entwickelt zu sehen wünschte. Bei der Uebersetzung ist größtentheils der Text der Messeling'schen Ausgabe (Amsterdam 1745.) zum Grunde gelegt, auch ist die noch unvollendete Ausgabe von Eichstädt (Halle 1800. 1802.) benutzt worden. Was in Klammern f ) eingeschlossen ist, sind Zusätze oder Erläuterungen, die nicht im Texte stehen. Inhalt des ersten Buchs. Vorerinnerungen. Cap. i — 5. Entstehung der Welt Cap. 6 . 7 . Erste Menschen. Cap. 8 . Aeltefle Völker. Cap. g. Aegypten. Die ersten Menschen sollen dort gelebt haben. Cap. 10 . Götter der Aegppter. Osiris und Isis als Sonne und Mond. Fünf Elemente. Cap. 11. 12. Irdische Götter als Könige. Cap. i3. Osiris und JsiS; Hermes. Ihre Verdienste und Entdeckungen. Cap. 14 —16. Zug des Osiris. Cap. 17 — 20. Sein Tod. Cap. 21. 22. Osiris als Dionysos. Cap. 23 . Hercules. Cap. 24 . Isis; Horus. Cap. 28 . Zeitrechnung der alten Ae- gypter. Giganten. Cap. 26. Denksäulen von Osiris und Isis. Cap. 27. Solonien der Aegypter. Cap. 28. 2g. Lage und Größe von Aegypten. Cap. 3o. 3i. Der Nil. Katarakten. Cap. 3a. Meroe. Mündungen des Nils. Cap. 33. Delta. Gewächse in Aegypten. Cap. 34. Dar Crocvdil und das Nilpferd. Cap. 35, Uebcrschweinmungen des Nils. Cap. 36. Quellen des Nils. Verschiedene Meinungen von der Ursache der Uebcrschweinmungen. Cap. 37 — 41 . Uebersicht des Bisherigen. Cap. 42. Lebensart der alten Aegypter. Cap. 43 . Kdnige von Aegypten. Cap. 44- Meuas. Busiris, der Erbauer von Thebä. Cap. 45., Denkmäler von Thebä. Cap. 46 . Grabmal des OsymandyaS. Cap 47 — 4g. Uchorens, der Erbauer von Memphis. Cap. 5o. Aegyptus. Möris. Cap 51.5a. Sesoosis. Cap. 53 . 54 . Seine Eroberungen. Cap. 55. Seine übrigen Thaten und Schicksale. Cap. 56—53. Sein Sohn. Cap. 5g. Amasis. Aktisanes von Aethiopien. Die Stadt Rhinokolura.Cap. 60 . Mendes, Erbauer des Labyrinths. Cap. 61 . Proteus. Rem- phis. Cap- 62. Nileus. Chembes baut die erste Pyramide. C. 63.; Kephren die zweite; MycerinuS die dritte. Cap. 64 . Boccho- ris. Sabaco von Aethiopien. Cap. 65. Die Dodekarchie, Psam- metich. Cap. 66. 67. Apries. Amasis, Cap. 68 . 9 Diodor's historische Bibliothek. Sitten und Gesetze der Aegypter. Erfindungen. Cap. 6g. Geschäfte der Kdnigc. Eap. 70. 71. Trauer und Gericht über die verstorbenen Könige. Cap. 72. Eintheilung von Aegyptcn. Priester. Wchrstand. Eap. 7Z. "Ackerleute. Hirten und Handwerker. Eap. 7ä. Rechtspflege. Eap. 72. 76. Gesetze. Eap. 77 — 60. Wissenschaften und Künste. Cap.8>. 82. Heilige Thiere. Sap. 85 . 8 ä. Der Apis. Cap. 85 . Ursprung des Thierdienstes; weitere Beschreibung desselben. Cap. 86 — gc>. Leichcngebräuche und Todtcnge- richte. Cap. gi — ga. Gesetzgeber der Aegypter. Cap. g-, g 5 . Reisen der Griechen nach Acgyptcn. g6 — g8. Erstes Buch. Erster Abschnitt. Cap. 1. Den Schriftstellern, welche die allgemeine Geschichte bearbeitet haben, sollten billig alle Menschen sehr dankbar sey», weil sie den edeln Zweck hatten, durch ihre Bemühungen das allgemeine Beste zu fordern. Durch ihre Erzählung theilen sie nämlich ihren Lesern die trefflichsten Erfah- rnngslehren mit, indem sie ihnen auf einem gefahrlosen Wege zeigen, was ihnen gut ist. Denn das Lernen aus eigener Erfahrung führt yrst durch viel Mühe und Gefahr zur Unterscheidung alles Dessen, was heilsam ist; (darum hat auch der erfahrungsreichste der Helden *) unter sehr unglücklichen Schicksalen „Vieler Menschen Städte geseh'n und Sitte gclernet;") hingegen durch die Geschichte gelangen wir ohne widrige Erfahrungen zu einer lehrreichen Kenntniß von fremden, miß- Ddyffcus. Vergl. Hom. Obyss, I. 5 , 10 Dl'odor'ö histvrischi Bibliothek. lungenen sowohl als glücklichen Bestrebungen. Ferner haben sie die Menschen alle als Glieder einer und derselben Gesellschaft, die einander durch Verwandtschaft nahe, wenn gleich durch Raum und Zeit getrennt sind, dargestellt, und insofern zu den Zwecken der göttlichen Vorsehung rühmlich mitgewirkt. Denn so wie diese die Ordnung der Gestirne, soweitssie sichtbar sind, und die Verhältnisse der Menschcnnatur unter ein allgemeines Gesetz gestellt hat, und auf diese Art stets die ganze Welt im Kreisläufe erhält, indem sie jedem 'Wesen zutheilt, was ihm vom Schicksal bestimmt ist; so gewähren jene Schriftsteller, welche die allgemeine Weltgeschichte als Geschichte Eines Staats erzählt haben, in ihren Werken den Lesern einen allgemeinen Ueberblick über den Zusammenhang und die Entwicklung der vergangenen Begebenheiten. Denn es ist gnt, wenn man Beispiele von Fehlern Anderer benüpen kann, um selbst richtiger zu handeln, und wenn man bei verwickelten Fällen im Leben nicht erst suchen darf, was man zu thun hat, sondern nur nachthun, was schon glücklich vollendet ist. Man gibt ja überall Denen, die im Alter am weitesten vorgerückt sind, auch bei Berathungen den Vorzug vor den Jüngeren, wegen der Erfahrung , die sie in der langen Zeit gesammelt haben; nun muß aber die Schule der Geschichte einen »m so viel höhern Werth haben als diese Erfahrung, um wie viel größer die Zahl der Thatsachen ist, welche sie kennen lehrt. Darum darf man wohl behaupten, es gibt für alle Umstände des Lebens nichts Nützlicheres zu lernen, als Geschichte. Denn dadurch gewinnen Jüngere die Klugheit des Alters, und Aeltere eine Bereicherung ihrer eigenen Erfahrung. Privatleute macht die Geschichtskunde zu 1t Erstes Buch. Staatsämtern tüchtig, und Staatsmänner ermuntert sie durch die Hoffnung auf Unsterblichkeit des Namens zu den herrlichsten Unternehmungen. Ueberdieff macht sie die Krieger durch den Reiz des Nachruhms entschlossener, für das Vaterland in Todesgefahr zu gehen, und schlechte Menschen hält fle vom Hange zur Feigheit ab durch die Vorstellung ewiger Schmach. 2. Ueberhaupt ist es der Wunsch, in der Geschichte mit Ruhm annt zu werden, was für Einige der Beweggrund wurde, Staaten zu gründen, für Andere, Gcsehe einzuführen, welche dem gesellschaftlichen Leben Sicherheit gewähren, und was so Viele nach der Ehre streben hieß, durch die Erfindung von Wissenschaften und Künsten die Wohlthäter des Menschengeschlechts zu werden. Wenn nun das Alles zusammen die Glückseligkeit ausmacht, so gebührt dafür das höchste Lob der Geschichte, welche jenes größtcntheils gestiftet hat. Denn sie ist zu betrachten als Wächterin über die Tugend der Edeln, als Zeugin von der Schlechtigkeit der Lasterhaften, und als Wohlthäterin der gesammten Menschheit. Wenn schon die Mythologie, deren Gegenstand doch erdichtet ist, durch ihre Sage» von der Unterwelt bei den Menschen so viel zur Beförderung der Frömmigkeit und Rechtlichkeit beiträgt; wie viel mehr darf man erwarten, daß die Geschichte, die Predigen» der Wahrheit, (so zu sagen) die Mutter aller Philosophie, die Bildung des Eharacters zur Rechtschaffenheit in höherem Grade befördern könne? Jeder Mensch lebt, zufolge der Schwäche seiner Natur nur einen sehr kleinen Theil der gesammten Weltdauer, und die ganze folgende Zeit gehört er dem Gebiete der Todten an; und mit Dem, der im Leben nichts Großes gethan hat, stirbt bei dem Tode des »2 Dlodor's historische Bibliothek. Körpers zugleich alles Andere ab, was er in der Wett hatte; Der aber, welcher sich den Ruhm der Tugend erworben hat, lebt in dem Gedächtniß seiner Thaten durch alle Zeiten fort, weil sie verkündigt werden durch die laute Gottesstimme der Geschichte. Wünschenswerth muß es aber für den Vernünftigen seyn, mit vergänglicher Mühe unvergängliches Lob zu erkaufen. Hercules hat, nach der allgemeinen Sage, während seiner ganzen Lebenszeit unter den Menschen großen und fortdauernden Mühen und Gefahren sich freiwillig unterzogen, um durch Beglückung des Menschengeschlechts die Unsterblichkeit zu erlangen; andere edle Männer hat man zum Theil als Heroen, zum Theil auch göttlich verehrt; Allen aber sind die verdienten Lobpreisungen geworden, indem die Geschichte ihre Tugenden verewigte. Denn andere Denkmäler dauern eine kurze Zeit, und gehen durch mancherlei Zufälle unter; die Geschichte aber, deren Macht sich über den gan- -zcn Erdkreis erstreckt, macht gerade die sonst Alles zerstörende Zeit zur Trägerin der ewigen Kunde für die Nachwelt. Sie fördert endlich auch die Macht der Rede; und einen höheren Vorzug als die Rede wird nicht leicht Jemand nennen können. -Denn dadurch stehen die Griechen über den andern Völkern, und die Gebildeten über den Ungebildeten; zudem ist es dadurch allein möglich, daß Einer über Viele die Herrschaft gewinnt; überhaupt aber erscheint jeder Gegenstand nur so, wie ihn die Macht des Redners darstellt. Wir sagen auch von edeln Männern, sie sind der Rede werth, um anzudeuten, daß Diese das Höchste in der Tugend errungen haben. Vergleichen wir aber die verschiedenen Zweige der Rede, so schafft die Dichtkunst mehr Ver- Erstes Buch. iZ gnügen als Nutzen, und die Gesetzgebung kaun strafen, aber nicht lehren; ebenso tragen auch die übrigen Zweige'entweder gar Nichts zur Glückseligkeit bei, oder ihre heilsamen Wirkungen sind mit schädlichen vermischt, und zum Theil verkehren sie die Wahrheit in Lüge; die Geschichte ist es allein, in welcher die Reden mit den Thaten zusammenstimmen, und Alles, was man sonst Nützliches findet, umfaßt'und aufgezeichnet wird. Denn es ist offenbar, wie sie znr Tugend ermuntert, die Schlechten anklagt, die Guten belobt, und überhaupt die reichste Erfahrung ihren Freunden verschafft. L. So habe denn auch ich, da ich sah, daß die Schriftsteller dieser Gattung die verdiente Anerkennung finden, mich berufen gefühlt, eine ähnliche Arbeit zu unternehmen. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die Schriften meiner Vorgänger, und, so sehr ich anch ihrer guten Absicht Beifall gab, so fand ich doch ihre Werke nicht so zweckmäßig ausgearbeitet, als es möglich gewesen wäre. Denn, was dem Leser nützlich wird, ist eine Sammlung sehr vieler und verschiedener Begebenheiten; nun haben aber die Meisten nur die in sich selbst beendeten Kriege eines Volks oder einer einzelnen Stadt erzählt, und blos Wenige haben es versucht, die allgemeine Geschichte zu beschreiben von der Urzeit an bis auf ihre Zeit herab. Diese haben aber zum Theil die Zeitbestimmungen für jede Begebenheit nicht beigefügt, zum Theil die Geschichte der Ausländer Übergänge». Ferner haben fle entweder die alten Sagen der Mythologie wegen der Schwierigkeit ihrer Behandlung weggelassen, oder den Weg, welchen ste sich vorgezeichnet hatten, nicht vollendet, weil sie in der Mitte der Lebensbahn vom Schicksal abgerufen wurden; und >4 Diodor's historische Bibliothek. vou Allen, die eine Arbeit dieser Art unternommen, hat Keiner die Geschichte weiter herab, als bis zu den Macedvnischen Zeiten fortgeführt. Denn die Erzählung schließt sich bei Einigen mit Philipps, bei Andern mit Alexanders Regierung, zuweilen auch mit der Geschichte seiner Nachfolger oder ihrer Söhne. Die zahlreichen und wichtigen Begebenheiten aber, welche von da an bis auf unser Zeitalter noch übrig sind, hat kein Geschichtschreiber in Einer umfassenden Bearbeitung zusammenzustellen unternommen, wegen der aveiten Ausdehnung dieses Feldes. Daher wird es auch so schwer, von den in mehreren Werken und bei verschiedenen Schriftstellern zerstreuten Zeit- und Geschichtsangaben sich Kenntniß zu verschaffen und sie im Gedächtniß zu behalten. Nachdem ich nun die Beschaffenheit aller dieser Schriften untersucht hatte, so entschloß ich mich, ein solches geschichtliches Werk zu bearbeiten, das am meisten Nutzen gewähren könnte, und den Lesern am wenigsten Mühe verursachte. Denn, Wer die Nachrichten von den Begebenheiten der ganzen Wett, gleichsam als die Geschichte Eines Staats, so vollständig als möglich von der frühesten bis auf seine Zeit, aufzeichnen will, der muß sich natürlich vieler Mühe unterziehen, aber er wird das allerzweckmäßigste Werk für Bücherfreunde liefern. Denn in demselben findet Jeder schon bereit, was ihm für seinen besondern Zweck dienlich ist, und er kann nach Gefallen aus der reichen' Quelle schöpfen. Wenn man die Werke so vieler Geschichtschreiber alle durchgehen will, so ist es für's erste nicht leicht, die Bücher, die man bedarf, sich zu verschaffe», und dann wird durch die Ungleichheit und die Menge der Schriften auch die Auffassung der Thatsachen äußerst erschwert. Erstes Buch. i5 Sind hingegen die geschichtlichen Nachrichten in Einer Darstellung an einander gereiht, so ist nicht nur für die Bequemlichkeit des Lesers gesorgt, sondern ebcndadurch zugleich das Auffassen sehr gefördert. Ueberhauxt ist aber der Vorzug einer solchen Geschichte vor jeder andern um so entschiedener, je gewisser das Ganze mehr Nahen schafft als der Theil, das Zusammenhängende mehr als das Zerstückelte, und besonders eine genaue Zeitbestimmung mehr als Berichte, die nicht angeben, wann Etwas geschehen ist. 4- Mit einer solchen Arbeit nun, die nach meiner Ueberzeugung so nützlich ist, aber auch viel Zeit und Mühe erfordert, habe ich mich dreißig Jahre lang beschäftigt, und unter vielen Beschwerden und Gefahren einen großen Theil von Asien und Europa bereist, um die wichtigsten Gegenden meistens^aus eigener Anfleht kennen zu lernen. Denn durch Unkunde^der Ortsoerhältniffe sind manche Fehler nicht nur bei den gewöhnlichen, sondern auch bei einigen der berühmtesten Geschichtschreiber entstanden. Die Veranlassung zu diesem Unternehmen gab mir hauptsächlich die Liebe zu einer solchen Arbeit (sie hilft ja allen Menschen das unmöglich Scheinende vollbringen), und dann auch die Leichtigkeit, womit ichimir in Rom die Hülfsmittel zu meinem Zweck verschaffen konnte. Dazu bot mir nämlich diese Stadt, in welcher ich mich längere Zeit aufhielt, durch ihre bis an die, Grenzen des Erdkreises sich ausdehnende Obergewalt sehr - bequeme und vielfache Gelegenheiten dar. Denn gebürtig bin ich aus Agyrium in Sicilien; aber durch den Umgang mit den Römern auf der Insel habe ich mir eine große Fertigkeit inlihrer Sprache erworben, und dadurch eine genaue ,6 Diodor's historische Bibliothek. Keuntniß von der ganzen Geschichte des Römischen Staats aus den Denkschriften gesammelt, welche sich unter diesem Volk seit langer Zeit erhalten haben. Ich habe die Geschichte mit den Sagen der Griechischen und der Ausländischen Mythologie angefangen, indem ich die Berichte aus der Urzeit jedes einzelnen Volks so sorgfältig als möglich prüfte. Da die Arbeit beendigt, aber die Bücher bis jetzt noch nicht ausgegeben sind, so will ich die Haupttheile des Werks vorher kurz bezeichnen. Die ersten 6 Bücher umfassen die Begebenheiten und Mythen vor dem Trojanischen Krieg; und zwar die 5 vorangehenden die Urgeschichte der Ausländer, die L andern aber beinahe allein die der Griechen. In den nächsten n Büchern habe ich die allgemeine Geschichte vom Trojanischen Krieg bis zu Aler anders Tod beschrieben. In den übrigen -5 Büchern sind alle folgenden Begebenheiten zusammengestellt, bis zum Anfang des zwischen den Römern und den Galliern entstandenen Krieges, welchen Cajus Julius Cäsar (er wurde wegen seiner Thaten vergöttert) so glücklich führte, daß er die meisten und streitbarsten Völkerschaften der Gallier bezwäng, und die Grenzen der Römischen Herrschaft bis zu den Brittischen Inseln vorrückte. Seine ersten Thaten sind geschehen im ersten Jahre der hundert und achtzigsten Olympiade, als in Athen Hero- des Archon war.*) 5. Von den Zeiträumen, welche dieses Werk umfaßt, bestimme ich den ersten, vor dem Trojanischen Krieg, *) Er sollte nach der richtigeren Zeitrechnung das dritte Jahr der i Loste» Olympiade, 58 ». Ehr. <3eb. genannt seyn. Erstes Buch. 17 nicht genau, weil sich hier an keinen gegebenen Punkt eine sichere Zeitrechnung anknüpfen läßt. Dom Trojanischen Krieg aber zähle ich, nach demlVorgang Apollo dor's, des Atheners, achtzig Jahrc^bis zur Rückkehr der Hera eliden; von da bis zur ersten Olympiade dreihundert acht und zwanzig (indem ich die Jahre nach den Lacedämonischen Königen rechne); und von der ersten Olympiade bis zum Anfang des Gallischen Kriegs (dem Grenzpunkt meiner Geschichte) siebenhundert und dreißig. *) Mithin umfaßt mein ganzes Werk, i» vierzig Büchern, eilfhnndert und acht und dreißig Jahre, ohne die Zeit, welche die Vor- trvjanischen Begebenheiten einnehmen. Diese genaue Bezeichnung des Inhalts habe ich vorangeschickt, theils, um den Lesern einen vorläufigen Begriff von dem Ganzen zu geben, theils um Denen, welche gern Bücher umarbeiten, das Verstümmeln fremder Werke zu wehren. Möge in meiner ganzen Geschichte das richtig Gesagte von hämischem Tadel frei bleiben, die Fehler der Unwissenheit aber von Kundigeren berichtigt werden. Nachdem ich nun durchgegangen habe, was ich voraus zu erinnern hatte, so will ich das versprochene Werk selbst beginnen. 6. Was für Begriffe von den Göttern die ersten Reli- gionsstifter hatten, und was in den Mythen vo» Jedem der Unsterblichen erzählt wird, das will ich vollständiger in einem besondern Werke darzustellen suchen, weil dieser Gegenstand Ausführlichkeit erfordert. So viel davon aber »ach meiner Ansicht mit der vorliegenden Geschichte in Beziehung steht, *) E« sollte heißen 717, und nachher -i-S (statt 11Z8.). Diodvr. i- Bdchn. 2 »8 Dlodor's historische Bibliothek. werde ich der Hauptsache nach anführen, damit man nichts Denkwürdiges vermisse. Bon dem Ursprünge des Menschengeschlechts und von den Begebenheiten in den bekannten Theilen der Welt werde ich, so weit es bei so alten Geschichten möglich ist, genaue Angaben liefern, von den frühesten Zeiten beginnend. Ueber die erste Entstehung der Menschen sind von den angesehensten Naturforschern und Geschichtschreibern zweierlei Meinungen aufgestellt. Diejenigen, die kein Werden und Vergehen der Welt annehmen, lassen auch das Menschengeschlecht von Ewigkeit vorhanden seyn, so daß die Erzeugung .desselben nie einen Anfang genommen hätte. Die Andern aber, welche die Welt für geworden und vergänglich halten, sehen anch die erste Entstehung der Menschen in gewisse bestimmte Zeiten. 7. „Im Anfang (so sagen Diese) da sich dasWelrall bildete, hatten Himmel und Erde einerlei Gestalt, weil sie ein gemischtes Wesen ausmachten; nachher aber, als das Einzelne sich von einander schied, entstand in der Welt der ganze Zusammenhang der sichtbaren Dinge, und in der Luft die immerwährende Bewegung. Das Feurige in der Luft sammelte sich in den höchsten Gegenden, weil solche leichte Körper ihrer Natur nach oben schweben; aus diesem Grunde wurde die Sonne und das Heer der übrigen Gestirne in den allgemeinen Wirbel mit hineingezogen. Das Schlammige und Trübe aber mit dem Gemisch der Feuchtigkeiten schlug sich als das Schwerere in Eine Masse nieder; durch den Umschwung nach Innen und das stete Zusammcnwirbeln, bildete sich dann aus den feuchten Theile» das Meer, und aus den festeren die Erde , noch lehmig und ganz weich. Bon dem Erstes Buch. iA Schein des Sonnenfeuers gewann sie zuerst mehr Festigkeit, und darauf, als ihre Oberfläche durch die Wärme in Währung gerieth, schwollen an vielen Stellen einige der feuchten Theile auf, und an denselben erzeugte sich Eiter, mit einer dünnen Haut umgeben. (An Sümpfen und seichte» Pläzen findet man noch jezt dieselbe Erscheinung, wenn der Boden kalt ist, die Luft auf einmal erwärmt wird, und der Witterungswechsel nicht allmählig eingetreten ist.) Nachdem auf diese Weise durch die Wärme die flüssigen Theile belebt waren, so empfiengen sie bei Nacht bereits ihre Nahrung aus dem ringsumher sich »iederseukcnden Dunst, und den Tag über wurden sie immer fester durch die Hitze. Zuletzt, als die Körper in den Eiern ihre völlige Ansbildung erhalten hatten, zerrissen die dnrchgebrannten Häute, und Thiergestalten aller Art kamen zum Vorschein. Diejenigen, denen am meisten Wärme mitgetheilt war, erhoben sich in die obern Gegenden, und wurden Vogel. Die mehr erdartige Bestandtheile enthielten, gehörte« in die Reihe der kriechenden und der übrigen Landthiere. Die aber von dem flüssigen Wesen am meisten angenommen hatten, sammelten sich in ihrem Element, und wurden Seethiere genannt. Die Erde wurde immer fester durch die Sonnenhitze sowohl als durch die Winde, und zuletzt konnte sie keines mehr von den größeren Thieren hervorbringe»; dagegen werden nun alle lebendige Wesen durch Begattung erzeugt." Mit dieser Vorstellung von der Entstehung aller Dinge scheint auch Euripides wohl übereinzustimmen, der eines Naturkundigen, des Anaragvras, Schüler war. Es heißt nämlich in seiner Melanippe: 2 * 20 Diodor's historische Bibliothek. »Da Erd' und Himmel Eiue Form »och bildete. Als aber in zwei Hälften sie sich losgetrennt. Erzeugten sie und brachten Aller an das Licht, Die Bäume. Vbgel. Thier', und war im Meere lebt. Und dar Geschlecht der Sterblichen." 8. Dieß ist es, was uns von dem ersten Ursprung der Welt überliefert ist. „Die Menschen, die im Anfang entstanden waren (sagt man), hatte» eine ungeregelte, thierische Lebensweise; sie liefen zerstreut hinaus auf die Waide, und holten sich die brauchbarsten Gewächse und wilde Baumfrüchte. Wenn sie von den Thieren angegriffen wurden, so standen sie einander bei, wie es das Bedürfniß sie lehrte, und da sie aus Furcht sich an Einem Orte zusammenfanden, lernten sie einander nach und nach von Gestalt kennen. Ihre Stimme war ein Gemisch von undeutlichen Tönen, die aber allmählig in articulirte Laute übergingen, und indem sie über bestimmte Zeichen für jeden Gegenstand sich vereinigten, fanden sie ein Mittel, sich gegenseitig über Alles verständlich auszudrücken. Weil solche Gescllschasren überall auf der Erde zerstreut waren, so hatten sie nicht alle eine gleichlautende Sprache; denn jede derselben sehte, wie es der Zufall gab, die Laute zusammen. Daher entstanden die vielerlei Arten von Sprachen, und jene ersten Gesellschaften machten die Ur- stämme aller Völker aus. Die ersten Menschen führten ein Mühseliges Leben, da zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse noch keine Erfindung gemacht war; sie waren unbekleidet, rannten weder Obdach noch Feuer, und hatten von zubereiteter Speise gar keinen Begriff. Auch das Einsammeln der rohen Nahrung »erstanden sie nicht; sie legten keinen Vor- Erstes Buch. -r rath von Früchten an für das künftige Bedürfniß. Darum kamen anch Viele im Winter um, vor Kälte sowohl als wegen Mangels an Nahrung. Später, als diese Erfahrung sie nach und nach klug machte, flüchteten sie sich im Winter in Höhlen, und legten von den Früchten solche, die sich aufbewahren ließen, zurück. Nachdem sie das Feuer und andere nützliche Dinge kennen gelernt hakten, wurden allmählig auch die Künste erfunden und das Uebrigc, was für das gesellschaftliche Leben brauchbar ist. Uebcrhaupt wurde die Noth für sich schon in allen Dinge» die Lehrerin der Menschen; sie konnte ein Wesen, das gute Anlagen und überall seine Hände zur Hülfe hatte, und Vernunft und Verstand, auf natürlichem Weg anleiten, Alles zu lernen." Ueber die erste Entstehung der Menschen und ihre anfängliche Lebensweise mag nun, da ich mir Gleichförmigkeit der Darstellung zum Ziel setze, genug gesagt seyn. g. Ich will nunmehr versuchen, die Begebenheiten in deir bekannten Theilen der Welt zn beschreiben, wovon die Geschichte Meldung thut. Wer die ersten Könige gewesen sind, kann ich nicht sagen, und eben so wenig den Geschichtschreibern beistimmen, welche versichern, sie zu kennen. Denn die Erfindung der Buchstabenschrift kann unmöglich so alt seyn, daß sie mit den ersten Königen gleichzeitig wäre. Wollte man Das aber auch zugeben, so sind doch die eigentlichen Geschichtschreiber offenbar erst sehr spät unter den Völkern ausgetreten. Ueber das Alter ihres Stammes sind nicht nur die Griechen unter sich im Streite, sondern auch viele der andern Völker, die sich Urlandcseingeborue nennen, und sich rühmen , unter allen Menschen seyen sie die ersten Erfinder der 22 Diodor's historische Bibliothek. Lebensbedürfnisse, und ihre Geschichte sey schon seit langer Zeit schriftlich aufgezeichnet. Ich wüßte das Alter der einzelnen Völker nicht genau zu bestimmen, und nicht zu entscheiden, welche der Zeit nach den andern vorgehen, und »m wie viele Jahre. Ich will aber ihre eigenen Berichte von ihrem Alter und ihrer frühesten Geschichte der Hauptsache nach angeben, und dabei Gleichförmigkeit beobachten. Zuerst will ich die ausländischen Völker durchgehen, nicht, als ob ich sie (wie Ephorus wollte) für älter hielte als die Griechen, sondern, weil ich Das, was von ihnen zu berichten ist, größtentheils voranschicken möchte, um die Geschichte deS Griechischen Alterthums, wenn ich sie einmal angefangen habe, durch keine fremdartige Erzählung unterbrechen zu müssen. Da nun Aegyptcn das Land ist, woher nach der Mythologie die Götter stammen, wo man auch die ältesten Beobachtungen der Gestirne gefunden haben will, und wo man übcrdieß viele merkwürdige Thaten von großen Männern erzählt, so machen wir den Anfang mit der Darstellung der Acgyp tischen Geschichte. »o. Die Aegypter behaupten, am Anfang, bei der Entstehung aller Dinge, seyen die ersten Menschen in Aegyptcn entstanden, sowohl wegen der klimatischen Vortheile des Landes, als wegen der Eigenthümlichkeit des Nil's. Denn dieser viel erzeugende Strom treibe wild wachsende Nahrungs- pslanzen hervor, wovon sich lebendige Wesen leicht erhalten können; in der Wurzel der Rohrgewächse und dem Lotos, *) auch in der Aegyptischen Bohne und dem sogenannten Cor- *) Vergl. »inten Cap. 2e> Erstes Buch. snn*) und vielen andern Gewächsen dieser Art sey den Menschen ihre Nahrung von selbst dargeboten. Das; von Anfang in ihrem Lande lebende Wesen erzeugt worden seyen, suchen sie aus der Erfahrung zu beweisen. Man müsse erstaunen, sa,en sie, wenn man sehe, wie viele und wie große Mäuse nach jetzt in Thebals zu gewissen Zeiten sich erzeugen. Einige derselben seyen nämlich bis a» die Brust und die Vorderfüße arsgebildet und können sich bewegen, aber der übrige Körper se> unauSgebildet, und habe »och das Wesen der Erdscholle beibehalte». Hieraus soll es einleuchtend seyn, daß bei der aifänglichen Bildung der Welt Aegypten, dessen Boden eine so gute Mischung von Erde enthalte, am meisten geeignet gewesen sey, Mensche» hervorzubringen; denn in diesem Lande allein sehe man gewisse lebendige Geschöpfe auf wunderbare Art entstehen, während jetzt an keinem andern Ort die Erde sswas Dergleichen erzeuge. Auf jeden Fall aber behaupten ke, wenn in der Wasserfluth zu Deukalions Zeit die meisten Thiere umgekommen wären, so würden natürlich diejenigen, >ie im Süden von Aegypten zu Hause sind, am gewissesten whalten worden seyn, weil diese Gegend meistens ohne Atzen sey; wenn aber (wie Einige erzählen) die lebenden We- en alle untergegangen wären, und die Erde wiederum neue Thiergestalten hervorgebracht hätte, so würde man doch auch inter dieser Voraussetzung die erste Entstehung der Lebcndi- ;en mit Recht in eben diesem Lande sich denke». Denn durch *) Wahrscheinlich die Wurzelknolle der Wasseraewächse, welche Seerosen oder Nyniphäa Lotn«, und Nyinphäa Eärulea heißen. 2 , Diodor's historische Bibliothek. Las Hinzutreten der Nässe aus andern Gegenden zu der sier herrschenden Hitze hätte gewiß die Luft die Temperatur erhalten, welche zur ersten Erzeugung aller lebendigen Wesen die tauglichste wäre. Noch zu unsern Zeiten nehme man j> in dem überschwemmten Aegypten deutlich wahr, wie bei der Abnahme des Gewässers belebte Geschöpfe sich erzeugen; nenn nämlich der Strom zurücktrete, und der Schlamm an der Sonne zu trocknen anfange, so entstehen Thiere, einige willkommen ausgebildet, andere halb entwickelt und noch mit der Erde zusammengewachsen. i,. Die alten Einwohner von Aegypten, sagt man, waren beim Anblick der Welt von Staunen über die ganze sta- tur und von Bewunderung ergriffen; darum nahmen sie zwei ewige und erste Götter an, die Sonne und den Mond; jcic nannten sie Osiris, diesen Isis. Beide Benennungen heben ihren Grund in der Bedeutung des Stammworts. Dein in unsere Sprache überseht heißt Osiris der Vieläugige. (Sehr schicklich. Ueberallhin seine Strahlen sendend Übersicht er ja gleichsam mit vielen Augen die ganze Erde und dis Meer. Auch der Dichter sagt, *) damit übereinstimmend: „Helios schaut auf Alles herab und höret auf Alles." Einige Griechische Mythologen nennen den Osiris auch Di>- nysos, und um des gleichen Lauts willen Sirius. Nah Enmolpus z. B. in den Bacchischen Gesängen : „Strahlet im Sternenglanz Dionysos feuriges Autliz." Und Orpheus sagt: „Darum nennen sie ihn den Leuchtenden und Dionysos." *) Hom. Ob. XII. Z-Z. 25 Erstes Buch. Auch seine Bekleidung mit dem RchfellM, wie Einige behaupten, ein Bild des Sternenschimmcrs, in welchen er gehüllt ist.) Isis aber heißt so viel als die Alte. Diese» Namen soll sie darum erhalten haben, weil ihre alte Entstehung sich immer wiederholt. Hörner werden ihr beigelegt wegen der Lichtgestalt, welche sie hat, so lange der Mond sichelförmig ist, und weil ihr bei den Aegyptern die Kuh geheiligt ist. Diese Gottheiten, glauben sie, regieren die ganze Welt, indem sie Alles ernähren und wachsen lassen innerhalb dreier Jahrszeiten, die durch ein unsichtbares Triebwerk ihren Kreislauf vollenden, des Frühlings, Sommers und Winters. Diese bilden, so sehr sie ihrem Wesen nach einander entgegengesetzt seyen, -och das vollständige Jahr im schönsten Einklang. Den Stoff zur Bildung aller Lebendigen liefern größtenteils diese Gottheiten, die Erste nämlich das Feurige und Geistige, die Andere das Feuchte und Trockene, und Beide zusammen das Luftige; und dadurch werde Alles erzeugt und erhalten. Darum enthalte auch der ganze Körper des Weltalls blos die oben genannten Bestandtheile der Sonne und des Mondes, Geist und Feuer, Trockenes und Feuchtes, und endlich Luftiges; wie man an dem menschlichen Leibe Haupt, Hände und Füße, »nd die übrigen Glieder unterscheide, ebenso sey aus jcneiHThcilen der ganze Körper der Welt zusammengesetzt. I-. Jedes dieser Wesen sey als Gottheit betrachtet, und von denjenigen Aegyptern, die zuerst eine articulirte Sprache geredet, mit einem seiner Eigenthümlichkeit entsprechende» Namen bezeichnet worden. Den Geist haben sie Zeus genannt, der Bedeutung des Worts gemäß, weil sie ihn als 26 Diodor'v historische Bibliothek. den Urheber der Lebenskraft beseelter Wesen gleichsam für einen Allvater hielten. Ju demselben Sinn nenne auch der ausgezeichnetste unter den Griechischen Dichtern *) diesen Gott den „Vater der Menschen und Götter." Das Feuer habe in ihrer Sprache Hephästos geheißen, und sey für eine mächtige Gottheit angesehen worden, die bei allen Dingen znr Entstehung und völligen Entwicklung viel beitrage. Die Erde haben sie Mutter genannt, indem sie dachten, sie trage alles Werdende in ihrem Schovs. Auch bei den Griechen führe sie einen ähnlichen Namen, Demeter; das Wort sey nämlich durch die Länge der Zeit ein wenig verändert, und habe ehemals Ge Meter Mutter Erdej geheiffcn; wofür auch die Worte des Orpheus zeugen: „Erde, du Mutter von Allen, du gabenreiche Demeter." Das Feuchte sollen die Alten Okeame genannt haben, was so viel heiße als Nährmutter. Eben Liese Bedeutung sey von einigen Griechen dem Oceanus untergelegt worden- davon rede der Dichter: **) „Ocean auch, die Quelle der Gbtter, und Tetkys, die Mutter." Die Aegyptcr verstehen unter dem Oceanus ihren Nilstrom, bei welchem sie auch die Götter entstehen lassen. Auf der ganze» Welt finde man ja nirgends als in Aegypten viele von den alte» Göttern gegründete Städte, z. B. von Zeus, Helios, Hermes, Apollon, Pan, Eileithvia, und mehreren Andern. Der Luft, behaupten sie, habe man auch einen bedeut- *) Hom. Jl. I. 54-. u. A. ") Hom. Jl.XIV. -01. 27 Erstes Buch. fameii Namen, Athene, gegeben, und diese als Tochter des Zeus und als Jungfrau sich vorgestellt, weil die Luft ihrem Wesen nach unverletzt bleibe, und weil sie die oberste Stelle im ganzen Weltall einnehme; daher nämlich komme die Fabel vom Ursprung der Athene aus dem Haupt des Zeus. Trito- genia heisse sie darum, weil die Beschaffenheit der Luft jährlich dreimal wechsle, im Frühling, Sommer und Winter. Man nenne sie auch die Blauäugige, nicht, wie einige Griechen meinten, weil sie blaue Augen habe (denn das wäre abgeschmackt), sondern, weil die Luft dem Ansehen nach blau sey. Diese fünf Götter nun sollen auf der ganzen Welt um- herwandeln, und den Menschen erscheinen in der Gestalt heiliger Thiere, zuweilen auch in menschliche und andere Forme» sich hüllen. Und das sey nichts Fabelhaftes, sondern etwas sehr wohl Mögliches, wenn es iu der That diese Wesen seyen, die Alles erzeugen. Auch der Dichter, dem auf seiner Reise in Aegypten die Priester solche Lehren mitgetheilt haben, erzähle irgendwo*) eben Das als Thatsache: „Denn auch selige Götter, in wandernder Fremdlinge Bildung, Manche Gestalt nachahmend, durchgcbn oft Länder und Städte, Daß sie der Sterblichen Frevel sowohl /als Frömmigkeit anschau'n." So viel berichten die Aegyptcr über die göttlichen und von Ewigkeit vorhandenen Wesen im Himmel. iä. Aus Diesen sind aber nach ihrer Meinung Andere auf Erde» entstanden, die zwar sterblich waren, aber wegen ihrer Weisheit und ihrer Verdienste um die ganze Menschheit ) Hom. vd. XVU. /,35. ff. s8 Diodor's historische Bibliothek. der Unsterblichkeit theilhaftig wurden. „Einige Derselben (so erzählen Jene) waren Könige in Aegypten. Der Bedeutung nach sind ihre Namen zum Theil einerlei mit denen der Himmlischen, zum Theil haben sie eigene Benennungen. Es ist Helios, Cronos und Rhea, ferner Zeus, der von Einigen Ammon genannt wird. Dazu kommt noch Hera und Hephä- stvs, auch Hestia, und endlich Hermes. Zuerst regierte in Aegypten Helios) er hatte nämlich denselben Namen wie die Sonne am Himmel." Nach der Aussage anderer Priester aber war der erste König Hephästos. „Er war der Erfinder des Feuers, und gelangte wegen dieses Verdienstes zur Oberherrschaft. Es wurde einmal auf dem Gebirge ein Baum vom Blitz getroffen, und der nahe Wald gerieth in Brand; da lief Hephästos hinzu, und freute sich sehr über die Wärme (es war zur Winterszeit); als das Fener erlösche» wollte, legte er immer wieder Holz zu, und so erhielt er es brennend; uun rief er die andern Leute herbei, daß sie auch benutzten, was er gefunden hatte. Später herrschte Cronos; er vermählte sich mit seiner Schwester Rhea, und zeugte, nach einigen Mythologen, den Osiris und die Isis, oder, wie die Meisten behaupten, den Zeus und die Hera. Diese wurden, wegen ihrer Verdienste, die Beherrscher der ganzen Welt. Ihre Kinder waren fünf Gottheiten, von welchen Jede an einem der fünf Schalttage der Aegypter geboren wurde. Die Namen derselben sind Osiris und Isis, dann Typhon, Apollo» und Aphrodite. Osiris bedeutet so viel als Dionysos, und Isis beinahe dasselbe wie Demeter. Osiris vermählte sich mit Isis; er wurde Thronfolger, und machte viele wohlthätige Einrichtungen für das gesellschaftliche Leben." Erstes Buch. 29 ii. „Er schaffte -zuerst die Sitte, Meuschenfleisch zu esse», ab, nachdem Isis den Waizen und die Gerste entdeckt Hatte (diese Früchte wuchsen im Lande wild unter andern Pflanzen, ohn« Laß die Menschen sie kannten); nnd daOsiris die Behandlungsart dieser Früchte erfand, so gewöhnten sich Alle gern an eine andere Nahrung, weil sie die ncnen Speisen angenehm fanden, und weil sie wohl einsahen, es wäre besser, jene unmenschliche Sitte aufzugeben." Für die Entdeckung jener Früchte soll ein Gebrauch zeugen, der sich in Aegypten aus der alten Zeit erhalten habe. „Noch jetzt rufen die Einwohner in der Ernte die Isis an, indem sie die ersten geschnittenen Aehren niederlegen, nnd neben der Garbe stehend sich an die Brust schlagen. So wollen sie der Göttin zu eben der Jahrszeit, da sie zuerst die Entdeckung machte, ihre Verehrung dafür bezeugen. In einigen Städten trägt man bei dem Aufzug am Jstsfcst unter andern auch Stengel von Waizen und Gerste herum, zum Andenken an die erste Entdeckung der Früchte durch die kunstreiche Göttin. Auch Gesetze hat Isis gegeben, damit die Menschen einander Recht widerfahren ließen, nnd der gesetzlosen Willkühr nnd Gewalt durch die Furcht vor der Strafe gesteuert würde. Darum heißt auch bei den alten Griechen Demcter die Gesetzgeberin, weil von ihr die ersten Rcchtsbestimmnngen herkommen.-' >5. Unter Osiris soll in der Aegyptischen Landschaft Theba-s eine Stadt mit roo Thoren erbaut worden seyn, welche zuerst nach dem Namen seiner Mutter, von den Spätern aber Diospolis sStadt des Zcnsj, von Einigen auch Thebä genannt wurde. Ueber die Gründung dieser Stadt sind übrigens nicht blos die Geschichtschreiber, sondern auch 5o Diodor's historische Bibliothek. die Aegyptischen Priester selbst ungewiß. Denn Viele berichten, Thebä sey nicht unter Osiris, sondern viel später von einem andern König erbaut, dessen Geschichte wir an ihrem ^ Ort im Einzelnen beschreiben werden. „Sie bauten (so erzählt man weiter von Osiris und Isis) für ihre Eltern, Zeus und Hera, einen Tempel, der durch seine Größe und seine prächtige Ausstattung merkwürdig war, auch zwei heilige Gemächer von Gold für Zeus, das größere für den himmlischen, das kleinere für ihren Vater, den König, welchen Ei- ^ »ige Ammon nennen. Auch den andern oben genannten Göt- ' tern errichteten sie goldene Heiligthümer, und ließen die Verehrung jedes Einzelnen durch aufgestellte Priester besorgen. ^ Vorzüglich geachtet waren bei Osiris und Isis die Erfinder ^ von Künste» und von nützlichen Arbeiten. Daher ließen fle j in Tbeba-s, wo man Kupfer- und Goldbcrgwerke eröffnet hatte, nicht nur Waffen zur Jagd und Werkzeuge für den Ackerbau verfertigen, in der rühmlichen Absicht, das Land zn ! entwildern, sondern auch Bildsäulen der Götter und Pracht- ^ volle goldene Tempel errichten. Oslris war selbst ein Freund ^ des Feldbaues; er war im glückliche» Arabien erzogen, in ° Nysa, nicht weit von Aegypten; darum erhielt er bei den Griechen die aus dem Namen seines Vaters Zeus und dem ^ dieses Orts zusammengesetzte Benennung Dionysos. Nysa erwähnt auch der Dichter in den Hymnen, *) und er setzt es ^ in die Gegend von Aegypten, wenn er sagt: ^ „Nysa liegt auf hohem Gebirge mit blühender Waldung, Von Phdnicien fern, doch nah' dem Aegyptischen Strome." *) Hom. Hymn. 26, 8, f. Erstes Buch. 3r Osiris entdeckte bei Nysa den Wcinstock, und erfand dann auch die Behandlung dieses Gewächses; er war der Erste,, welcher Wein trank, und die andern Menschen den Weinbau lehrte und den Gebrauch des Weins, wie auch die Bereitung und Aufbewahrung desselben. Am höchsten unter Allen ehrte er den Hermes, der mit einer besondern Gabe ;n Erfindungen, welche der menschlichen Gesellschaft nützen konnten, ausgerüstet war." -S. „Durch Hermes erhielt nämlich die allgemeine Sprache ihre erste Ausbildung, und Vieles was vorher nicht bezeichnet war, seine Benennung. Don ihm kommt die Erfindung der Buchstabenschrift und die Anordnung des Götterdienstes und der Opfer her. Er war der Erste, welcher die Stellung der Gestirne und die Harmonie und das Wesen der Töne beobachtete. Er erfand die Fechtkunst, und lehrte die taktmäfiige Bewegung und die Bildung des Körpers zu gefälligem Anstaube. Die Leier, welche er machte, hatte drei Saiten, um die drei Jahrszeiteu anzudeuten. Denn er nahm drei Töne an, einen hohen, tiefen und mittleren; der hohe entspricht dem Sommer, der tiefe dem Winter, der mittlere dem Frühling. Anch die Griechen belehrte er über den Ausdruck in der Sprache fHermeneiaf; daher sein Name Hermes. Ueberhaupt gebrauchte ihn Oslris als Tcmpelkanzler;*) mit ihm besprach man sich über Alles, und handelte meistens nach seinem Rath. Auch der Oehlbau ist von ihm erfunden, nicht von Athene, wie die Griechen behaupten." *) Hierogrammateu«, b. i. Verfasser und Bewahrer der heiligen Urkunden. 32 Diodor's historische Bibliothek. 17. „Da Osiris ruhmbegierig und wohlthätig war, brachte er ein großes Heer zusammen, in der Absicht, die ganze Welt zu durchwandern, und alle Menschen die Wein- pflanzung und den Bau des Waizens und der Gerste zu lehren. Denn er hoffte, wenn er der Verwilderung der Menschen ein Ende machte, und sie an eine mildere Lebensweise gewohnte, so würde ihm um dieses wichtigen Verdienstes willen göttliche Ehre zu Theil werden. Und so geschah es auch. Nicht blos seine Zeitgenossen, welchen die Gabe zu gut kam, sondern auch alle späteren Geschlechter vcrehrten^Dieje- nigen, welche so angenehme Nahrungsmittel entdeckt und eingerührt hatten, als die ruhmwnrdigsten Götter. Nachdem Osiris in Aegypten die nöthigen Einrichtungen gemacht, übergab er seiner Gemahlin Isis die oberste Gewalt, und stellte ihr als Rathgeber den Hermes zur Seite, weil unter allen seinen Freunden Dieser durch Klugheit sich auszeichnete. Als Oberfeldherrn im ganzen Reich ließ er den Hercules zurück, Einen seiner Verwandte», der wegen seiner Tapferkeit und Körpcrstärke bewundert war. Zu Statthalters bestellte er in den gegen Phönicier» und am Meere gelegenen Ländern den Busiris, und in den an Aethiopie» und Libyen grenzenden den Antäus. Nun brach er von Aegypten auf mit seinem Heer; er nahm auf seinem Zuge auch seinen Bruder mit sich, welchen die Griechen Apollo nennen. Dieser war ebenfalls der Entdecker eines Gewächses, nämlich des Lorbeers, den man überall diesem Gott namentlich zueignet. Die Entdeckung des Epheu's hingegen wird in Aegypten dem Osiris zugeschrieben; er ist diesem Gott auch geheiligt, wie bei den Grieche» dem Dionysos, und in der Sprache der Aegypter Erstes Buch. 35 heißt der Ephen das Gewächs des Ostris. Zum heiligen Gebrauch wählte man ihn lieber als den Weinstock, weil dieser die Blätter verliert, jener aber das ganze Jakr immer grün bleibt. Dieselbe Bestimmung gaben die Alten auch andern fortgrünenden Pflanzen, der Aphrodite weißten sie die Myrthe, dem Apollo den Lorbeer, der Athene den Oehlzweig." >8. „Den Ostris begleiteten auf seinem Heereszuge zwei Söhne, Au »bis und Maccdo. Sie thaten sich durch Tapferkeit hervor, und schon ihre Rüstung hatte etwas Aus- serordenkliches; sie war von zwei Thieren genommen, die als Sinnbilder ihres Muthes gelten konnten. Anubis hatte das Fell eines Hundes, und Maeedo eine Wolfsbaut über sich geworfen. Deßwegen wurden auch diese Thiere in Aegypten verehrt. Ferner nahm Ostris auf dem Zuge den Pan mit steh, der in Aegypten vorzüglich verebrt wird. Die Einwohner haben ihm nickt nur in jedem Tempel Bildsäulen gesetzt, sondern sogar eine Stadt in Theba-S erbaut, die seine» Namen führt; ste wird von den Eingcbornen Chemmo genannt, d. h. Pan'S Stadt. Auch des Feldbau's kundige Männer waren im Gefolge des Ostris, Mars, welcher den Weinban, und Triptolemus, der die Anpflanzung und die gesammte Besorgung des Getreides verstand. Als Alles gerüstet war, trat Ostris die Wanderung durch Acthiopien an, nachdem er den Göttern gelobt hatte, das Haupthaar wachsen zu lasten, bis er nach Aegypten zurückkäme. Aus diesem Grunde war noch bis auf die neuere Zeit in Aegypten die Sitte herrschend, daß man, wenn man eine Reise machte, das Haar nicht bescher, bis man nach Hause zurückkehrte. Während er in Aethiopien war, wurden ihm die Satynm vorgeführt, eine Diodsr. >r Bdchn. 3 34 Diodor's historische Bibliothek. Völkerschaft, die an den Hüften behaart seyn soll; denn Osiris lachte gern und war ein Freund der Tonkunst und des Tanzes. Darum hatte er auch eine Gesellschaft von Musikern um sich, und darunter nenn Jungfrauen, welche gute Sängerinnen und auch sonst gebildet waren, Dieselben, die bei den Griechen die Musen beisscn. Ihr Vorsteher war Apollo, welcher daher den Namen Mu saget es hat. Die Satyrn nun, die sich zu Tanz und Gesang, wie zu jeder Art von Spiel und Belustigung eigneten, wurden auf die Wanderung mitgenommen. Denn Osiris war nicht kriegslustig und wollte Niemand in Schlachten und Gefahren treiben; er wurde ja als Wohlthäter von jedem Volke wie ein Gott aufgenommen. In Aethivpien machte er die Einwohner mit dem Ackerbau bekannt, gründete bedeutende Städte, und ließ dann Statthalter und Einnehmer der Abgaben im Lande zurück." ig. „Während man damit beschäftigt war, geschah es, daß der Nil, um die Zeit, da der Stern Sirius mit der Synne aufgeht (wo gewöhnlich der Strom am stärksten anwächst), durchbrach und einen großen Theil von Aegypte» überschwemmte; den hauptsächlich, über welchen Prometheus die Aufsicht hatte, so daß in dieser Gegend beinahe Alles umkam. Aus Betrübniß wollte sich Prometheus schon das Leben nehmen. (Wegen der Geschwindigkeit und Gewalt, womit sich der Strom ergoß, nannte man ihn den Adler.) Der unternehmende Hercules aber, voll Entschlossenheit und Eifer, verstopfte schnell die durchgebrochene Oeffnunq , und leitete den Fluß in sein voriges Bert zurück. Diese Begebenheit haben Griechische Dichter in die Fabel eingekleidet. 35 Erstes Buch. l Hercules habe den Adler getödtet, der an der Leber deS > Prometheus fraß. Der älteste Name des Flusses war Okeame, - so viel als Ocean im Griechischen; darauf hieß man ihn den e Adler, wegen des Durchbruchs; später wurde er Aegyptus d genannt, nach einem König des Landes. Dafür zeugen die c Worte des Dichters: e „Stellt' ich im Strom Aegyptus die zwiefach rudernden t Schiffe." *) - Der Ort nämlich, wo sich der Fluß in's Meer ergießt, ist der z alte Stapelplaz von Aegyptcu, Thonis genannt. Zuletzt er- e hielt der Fluß die Benennung, die er noch hat, von einem - König Nileus. Osiris zog noch bis an die Grenzen von t Aethiopien; sodann ließ er den Strom auf beiden Seiten einst dämmen, daß er zur Zeit des AuschwelleuS das Land nicht e mehr stärker, als es zuträglich wäre, überschwemmen, daß aber doch durch die zu diesem Zwecke erbauten Schleusen ge- rabe so viel Wasser als nöthig ist, langsam hereingelassen r werden konnte. Hierauf sehte er seine Wanderung fort, - durch Arabien, am'rothen Meere hin, bis zu den Indern >, und an die Grenze der Welt. Er gründete auch in Indien s viele Städte; eine darunter nannte er Nysa, um ein An- s denken an die in der Gegend Aegyptens gelegene Stadt, in s welcher er erzogen war, zurückzulassen. In dem Indischen t, Nysa pflanzte er Epheu, und dieses Gewächs findet man noch ,) dort, aber sonst nirgends in ganz Indien und den benachbar- , ten Ländern. Er hat in jener Gegend noch viele andere d Spuren seines Aufenthalts zurückgelassen, welche die spätern *) Hom. Od. XIV. 258 . 3 * 36 Diodvr's historische Bibliothek. Inder veranlaßten, Zweifel über die Abkunft des Gottes zu erregen, und zu behaupten, er stamme aus Indien." ,o. „Auch mir der Elephantenjagd beschäftigte er sich. Ueberall ließ er Säulen zum Gedächtniß seines Zuges errichten. Er durchwanderte noch die übrigen Länder in Asien, und fuhr dann über den Hellespont nach Europa herüber. In Thrakien tödtete er den Lykurg, den König eines Nichtgrie- chischen Volks, der sich seinen Unternehmungen widersetzte. Den Maro, der schon im hohen Alter stand, ließ er als Aufseher über die Pflanzungen in diesem Lande zurück, und hieß ihn eine Stadt erbauen, die er nach seinem Namen Marone« nannte. Sein Sohn Macedv mußte als König in dem nach ihm benannten Lande Macedonien bleiben, und Triptvlemus die Aussicht über den Landban i.i Attika führen. So hatte Osiris endlich die ganze Welt durchwandert, und sich »m die Menschheit durch die Mittheilung der mildesten Früchte verdient gemacht. Wen» in einem Lande der Weinstock nicht fortkam, so lehrte er ein Getränk aus Gerste bereiten, das an Wohlgeruch und Stärke dem Weine beinahe gleich kommt. Bei seiner Zurückkunft nach Aegypten brachte er überallher die herrlichsten Geschenke mit, und mit allgemeiner Uebereinstimmung wurde dem edcln Wohlthäter die Unsterblichkeit und gleiche Ehre mit den Himmlischen zuerkannt. Nachdem er dann von den Menschen zu den Götter» hinübergegangen war, so wurden ihm von Isis und Hermes Opfer gebracht, und was sonst zur Verehrung der erhabensten Götter gehört. Sie verbanden mit seinem Dienst« geheime Weihen, und führten viele heilige Gebräuche ein, um die Macht dieses Gottes zu verherrlichen." Erstes Buch. 5? Vom Tode des Osiris durften die Priester, durch eine alte Ueberlieferung gebunden, nichts aussagen. Allein im Lause der Zeit geschah es einmal, daß Einige das Ge- , heimniß unter das Volk brachten. ,,Oslris (so erzäklt man), , der rechtmäßige Beherrscher von Aegypten, wurde von seinem , Bruder Typhon, einem gewallrhärigen, ruchlosen Menschen, - ermordet. Dieser zerstückle den Leichnam in 26 Theile, und . gab Jedem der Mitschuldigen ein Stück; denn er wollte sle . Alle des Gräuels theilhaftig machen, weil er hoffte, sie wür- ß den um so standhafter für ihn kämpfen und ihm die Herr- - schaff sichern. Ins aber, des Ostris Schwester und Gemahlin, n rächte den Mord mit Hülfe ihres Soknes Horns. Sie d todtere den Typbon und seine Genossen, und wurde Königin von Aeayvten. Die Schlacht fiel am Ufer des Flusse« vor, t, in der Nähe eines Dorfs, welches jent Antäns heißt; es e- liegt gegen Arabien zu, und hat seinen Namen von dem durch er Hercules überwundenen Antäns, einem Zeitgenossen des Öftre ris. Isis fand nun alle Theile des Leichnams auf, außer den he Gelchlechrsrheilen. Das Begräbnis; ibres Gemahls wollte sie te geheim halten, und doch unter asten Einwohnern von Aegyp- e- ten feiern lassen; und diesen Zweck erreichte sie auf folgende sie Weise. Um jeden der Theile ließ sie einen ganzen Menschcn- r- törper aus Wachs und wohlriechenden Kräutern bilden, an ru Größe dem Osiris gleich. Dann berief sie di» Priester je es nach ikren Zünften, und ließ sie Aste schwören, Niemand zu eu offenbaren, was ihnen »nvertrant würde; jeder einzelnen me Zunft derselbe» aber sagte sie insbesondere, ihnen allein pff werde die Bestattung des Leichnams übergeben; sie erinnerte sie an die Wohlthaten des Osiris, und forderte sie auf, seinen. 33 Diodor's historische Bibliothek. Leichnam in ihrer Heimath zu begraben, und ihn als Gott zu verehren; auch sollten sie ein bei ihnen einheimisches Thier, welches sie wollten, heiligen, und das, so lang es lebte, ehren, wie sie zuvor den Osiris geehrt, nach seinem Tode aber eben so feierlich, «wie ihn, bestatten. Damit die Priester schon um ihres Vorteils willen die verlangte Gottcsvereh- rnng besorgten, gab ihnen Isis den dritten Theil des Landes zum Dienste der Götter und zu den heiligen Gebräuche». Aus Rücksicht auf Osiris Verdienste und aus Gefälligkeit gegen die Bitten der Isis, überdies; »och durch die Schenkung gewonnen, thaten die Priester Alles, wie sie es angeordnet hatte. Daher kommt es, daß noch jetzt jedes Priester- geschlecht glaubt, bei ihnen sey Osiris begraben, nud seine besonderen von Anfang an geheiligten Thiere verehrt, und bei ihrem Tode über den Gräbern die Klage um Osiris erneuert. Die heiligen Stiere aber, Apis »nd MneviS genannt, sind dem Osiris geweiht, und ihre göttliche Verehrung ist allgemein eingeführt in ganz Aegypten. Denn diese Thiere sind es, die den Erfindern des Ackerbaues am meisten Hülfe leisteten bei der Aussaat sowohl als bei der Benützung der Fcldfrnchte zum allgemeinen Gebrauch." „Isis schwor nach dem Tode des Osiris, keine Ehe mehr einzugehen; sie blieb Königin ihre ganze Lebenszeit, und ihre Regierung war höchst gerecht, und für die Unterthanen wohlthätig wie keine andere. Auch der Isis wurde, nachdem sie dem Kreise der Menschen entrückt war, göttliche Verehrung zu Theil. Begraben wurde sie in Memphis, wo man noch gegenwärtig ihr Grabmal zeigt, im heiligen Haine des HephästvS." Andere behaupten, nicht in Mem- Erstes Buch. 39 phis liegen die Leichname dieser Gottheiten, sondern an der Grenze ron Aethiopien nnd Aegypte», anf der Insel des Nil's, anf welcher Philä liegt, und die ebendaher den Namen des heiligen Feldes haben soll. Denkzeichen weisr man noch jetzt anf dieser Insel vor, nämlich das für Ostris erbaute Grab, das von den Aegyptischen Priestern insgesammt verehrt wird, nnd die um das Grab her liegenden ästo Opser- schaalen. Diese müssen, sagt man, die dazu bestellten Priester jeden Tag mit Milch füllen, nnd unter Wehklagen die Namen der Gottheiten anrufen. Deßwegen sey die Insel auch für Niemand zugänglich, als für die Priester; und die Leute in Thebais (die ältesten Einwohner von Aegypte») sehen alle das als den heiligsten Eid an, wenn man bei dem in Philä ruhend-n Ostris schwöre. Ant die oben beschriebene Weise sollen diejenigen Glieder des Ostris, die man auffinden konnte, bestattet worden sey»; die Gsschlechtsrheile aber, behauptet man, habe Typhon in den Fluß geworfen, weil keiner seiner Genossen sse annehmen wollte. Isis habe sle übrigens ebensowohl, als die Andern, göttlicher Ehre gewürdigt, indem sie in den Tempeln ein Bild davon aufstellen ließ, das sie zu verehren befahl; es werde auch dieses Glied bei den Weihen und Opfern für den Gott Ostris als das wichtigste betrachtet, und ihm die tiefste Ehrfurcht gewidmer. Darum werde es ebenfalls vcm den Griechen, welche aus Aegypte» die Orgien und Bacchnsfeste erhalten haben, bei den geheimen Weihen (Mysterien) und bei dem diesem Gott geheiligten Opfcrdicnste unter dem Namen PhalloS verehrt. -5. Von Osiris und Isis bis auf Alcrander's Regierung, der in Aegypte» die nach ihm benannte Stadt t /jü Dl'odor's historische Bibliothek. gründete, sollen es über 10,000 Jahre seyn, nach einigen Schriftstellern nahe an -Z,ooo. Die Nachricht, daß jener Gott zu Thebä in Böotien geboren und ein Sohn des Zeus und der Semele sey, erklären die Aegypter für grundlos. „Orpheus hatte nämlich (so erzählen sie) bei seinem Aufenthalt in Aegypten die Weihe empfangen und an den Bacchi- schen Mysterien Theil genommen; nun versetzte er aus Gefälligkeit gegen die Cadmeer, bei denen er beliebt und geehrt war, die Geburt des Gottes in ihr Land. Das Volk nahm gerne die Gebräuche und Mysterien an, zum Theil aus Unwissenheit, zum Theil, weil sie wünschten, daß der Gott für einen Griechen gälte. Die Gelegenheit, welche sich dem Orpheus darbot, die Geburt und die Verehrung des Gottes zu verlegen, war diese. Cadmus, *) aus dem Aegyptischen Thebä gebürtig, hatte mehrere Kinder. Eine seiner Töchter, Semele, wurde von einem Unbekannten verführt und schwanger, nach Verfloß von sieben Monaten gebar sie ein Kind von der Gestalt, wie sich die Aegypter den Ostris vorstellen. Solche Kinder kommen gewöhnlich nicht lebendig zur Welt, sey es nun, weil dieß wider den Willen der Götter, oder weil es gegen die Ordnung der Natur ist. Als Cadmus erfuhr, was geschehen war, so ließ er, eines Orakels eingedenk, das ihn die Gebräuche der Väter bewahren hieß, das Kind in Gold einfassen, und, als ob in ihm Ostris unter den Menschen erschienen wäre, die ihm gebührenden Opfer darbringen. Als Vater gab er den Zeus an, sowohl um den ->) Er hatte in das Böotische Thebä «ach der gewöhnlichen Sage eine Phbnicische, nicht eine Aegvptische Eolvnie geführt. Erstes Buch. 4r Osiris zu verherrlichen, als von der verführten Tochter die Beschimpfung abzuwenden. Daher verbreitere sich auch unter den Griechen die Sage, des Cannus Tvchrer, Scmele, habe dem Zeus den Osiris geboren. In der Folgezeit kam Orpheus, durch seinen Gesang und seine Kenntniß von Reli- gionsaebräuchen und Lehren unter den Griechen hochbernhmt, als Gast zu den Cadmcern nach Theben, wo ihm ausgezeichnete Ehre widerfuhr. Mit der Ägyptischen Gölterlehre vertraut, setzte er die Geburt des alten Ouris in eine spätere Zeit, und führte, den Cadmecrn zu Gefallen, neue Mysterien ein, bei welchen man die Eingeweihten lehrte, Dionysos sey ein Sohn des Zeus und der Semelc. Die Leute hielten sich an diese Gebräuche, weil sie sich theils aus Unwissenheit täuschten, theils durch den Rath des Orpheus in solchen Dingen vertrauensvoll leiten, hauptsächlich aber, weil sie, wie gesagt, den neuen Gort gerne für eine» Griechen gelten ließe». Außer den Myihographen trug auch die Zunft der Dichter, die jene Lehre häufig auf die Schaubühne brachten, das Ihrige bei, daß sie fester, unveränderlicher Glaube bei der Nachwelt wurde. Ueberhaupt eignen die Griechen die gefeiertsten Heroen und Götter, wie auch die Colvnien der Ägypter, gerne sich zu." -t. „Auch Hercules, der Held, der einen große» Theil der Welt durchwanderte und die Säule in Libyen setzte, ist ein Ägypter von Geburt. Die Beweise dafür können wir (sagen die Ägypter) von den Griechen selbst entlehnen. Es ist ja allgemein anerkannt, daß Hercules den Olympischen Göttern im Kriege wider die Giganten Hülfe geleistet hat; nun ist es durchaus nicht wahrscheinlich, daß die Erde zu der Zeit 42 Diodor's historische Bibliothek. die Giganten hervorgebracht haben sollte, in welcher nach den Berichten der Griechen Hercules lebte, ein Menschenalter vor dem Trojanischen Kriege; sondern viel glaublicher ist unsere Behauptung, es sey geschehen bei der anfänglichen Entstehung der Menschen; von da an zählt man nämlich in Aegypte» mehr als 10,00», vom Trojanischen Krieg hingegen weniger als 1200 Jahre. Ebenso schickt sich die Keule und die Löwenhaut mir für den ältern Hercules; denn in der frühern Zeit wehrte man sich mit Mitteln gegen die Feinde, weil noch keine Waffen erfunden waren, und gebrauchte Thierfelle zur Bedeckung. Für einen Sohn des Zeus halten auch wir den Hercules; aber, Wer seine Mutter war, wissen wir nicht. Der Sohn der Alkmene aber ist über 10,000 Jahre jünger; er hieß anfänglich Alcäus, und erhielt erst später den Beinamen Heracles, nicht, wie Matris behauptet, weil er durch die Hera sCteosj Ruhm erlangte, sondern weil er, demselben Ziele, wie der alte Hercules, nachstrebend, Erbe seines Ruhms und seines Namens wurde. Mit unserer Angabe stimmt ferner die unter den Griechen seit langer Zeit erhaltene Sage überein, Hercules habe die Erde von wilden Thieren gereinigt. Dieß ist von Dem, welcher kurz vor der Trojanischen Zeit gelebt, nicht wohl zu glauben; denn damals sah es in den meisten Gegenden der Welt schon freundlicher aus, da bereits Land und Städte gebaut wurden und die Bevölkerung überall zahlreich war. Besser schickt sich die Entwildcrung der Erde für den andern Hercules, welcher der ältesten Zeit angehört, da die Menschen noch durch die Menge der Thiere überwältigt wurden, zumal in der Gegend von Aegypte», wo noch jetzt das höher liegende Land eine menschenleere Wildniß Erstes Buch. 43 n ist. Natürlich sorgte Hercules für dieses sein Vaterland, und >r säuberte es von wilden Thieren, um dem Ackerbau vorzuar- -e Leiten; wegen dieses Verdienstes wurde ihm dann göttliche !g Ehre zu Theil. Auch Perseus war ein Aegypter. Isis n wird von den Griechen ebenfalls in ein anderes Vaterland, :r nach Arges, verseht, durch die Fabel von der Verwandlung i- der I o in eine Kuh." n -5. Die Nachrichten von diesen Gottheiten lauten über- il Haupt sehr verschieden. Dieselbe Göttin nennt man bald Isis, le bald Demeter, bald Gesetzgeberin, bald Mondgvttin, bald ir Hera, bald mit allen diesen Namen zugleich. Den Osiris hat t. man als Eins bald mit Sarapis, bald mit Dionysos, mit Pluto, mit Ammon, zuweilen mit Zeus, häufig mit Pan bc- i« trachtet. Sarapis, sagen Einige, sey Derselbe, derchei den ch Griechen Pluto heiffe. Von der Isis berichte» die Aegypter, n sie sey die Erfinderin vieler Arzneimittel, und in der Heil- ls künde sehr erfahren gewesen; daher sey es noch jetzt, nachdem p- sie unsterblich geworden, ihre größte Freude, die Menschen ;e gesund zu machen, nnd den Bittenden gebe sie Heilmittel an j, im Traum, indem sie ihre Gegenwart und ihren Willen, jedem Hülfsbcdürftigcn wohl zu thun, deutlich offenbare. Was si, sie dafür als Beleg anführen, seyen nicht, wie bei den Grie- >§ chen, Fabelgeschichten, sondern Thatsachen, die vor Augen ,g liegen. Beinahe die ganze Welt zeuge ja dafür durch den >g Eifer, womit man diese Göttin überall wegen ihrer heilbrin- jt senken Erscheinungen verehre; denn im Traume sich offenbare rend gebe sie den Kranken Mittel an gegen ihre Leiden, und, >0 die ihrem Rathe folgen, werden unverhofft gesund. Manche g Kranke, die von den Aerzten als unheilbar aufgegeben seyen. 44 Diodor's historische Bibliothek. werden von der Isis gerettet, und Viele, welche des Gesichts oder des Gebrauchs anderer Sinne und Glieder ganz beraubt gewesen, erlangen wieder völlig, was sie verloren, wenn sie zu dieser Göttin ihre Zuflucht nehmen. Sie habe auch das Mittel der Unsterblichkeit erfunden, wodurch sie thren Sohn Horns, der von den Titanen verfolgt, und im Wasser rodt gefunden war, nicht nur wieder in's Leben erweckr, sondern wirklich der Unsterblichkeit theilhaftig gemacht habe. D cftr König, der Nachfolger seines VarerS Osiris nach dessen Ab- schied von der Welt, scheint der Letzte gewesen zu sevn, der vergöttert wurde. Seinen Namen Horns hält man für gleichbedeutend mit Apollo, und er soll die Arzney und Wahrsagerknnst von seiner Mutter Isis gelernt, und sich durch Orakeliprüche und Krankenheilungen um die Menschheit verdient gemacht haben. - 6 . Die Aegyptischen Priester rechnen von der Regierung des Sonnengottes bis auf Alexanders Zug nach Asien ungefähr -Z,ooo Jahre. Nach ihrer Mythologie hatten die ältesten Götter über i-oo, und die spätern wenigstens Zoo Jahre regiert. Dä diese Zahl von Jahren unglaublich schien, so haben Einige die Bekauptung aufgestellt, im Alterthum, da die Bewegung der Sonne noch nicht genau bekannt war, habe man einen Umlauf des Mondes für ein Jahr ge. rechnet; wenn nun das Jahr blos Zo Tage gehabt, so wäre es nichts Unmögliches, daß l^miqe !-oo Jahre gelebt hätten; auch jetzt noch gebe es ja Manche, die über 100 Jahre alt werden, während man >r Monate auf ein Jahr rechne. Auf eine ähnliche Art sucht man die Nachricht zu erklären, daß die spätern Könige Zoo Jahre regiert haben sollen. Zu Erstes Buch. 45 !s ihrer Zeit nämlich habe das Jahr -Z Monate gedauert, mithin st so lang, als jede der 5 Jahrszeitcn, Frühling, Sommer, ke Winter svgl. Cap. n.j; aus diesem Grunde nenne man auch >s bei den Griechen zuweilen die Jahre Hören *1, und die m Jahrbücher Holographien. Zur Zeit der Isis gab es nach dt der Mythologie der Aeaypter Wesen mit vielfachen Leibern, n welche bei den Griechen Giganten heiffen, bei ihnen aber er in den Tempeln abgebildet sind als abenteuerliche Gestalten, b» die von den Osirisbildern geschlagen werden. Einige behaup- er ten, diese Wesen seyen aus der Erde geboren, da die Erde ir damals jüngst noch lebendige Geschöpfe hervorgebracht habe. rd Andere glauben, zu der Fabel daß sie vielfache Leiber gehabt, ch habe der Umstand Anlag gegeben, daß sie durch Leivesstärke h- sich ausgezeichnet und viele Thaten vollbracht haben. Darin solle» die meisten Nachrichten übereinstimmen, daß sie in c- dem Krieg, welchen sie mit Zeus, Osiris und den andern ch Göttern angefangen, Alle umgekommen seyen. :n -7. Man sagt, es sey in Aegypte» gesetzlich geworden, ls was der Sitte aller andern Völker zuwider ist, daß man die ch Schwester heirathen darf, weil Isis in einer solchen Ver'bin- r- düng so glücklich war. Sie war ja, wie man erzählt, die at Gemahlin ihres Bruders Osiris, und nach seinem Tode e. schwor sie, in keine Ehe mehr zu treten, rächte den Mord re ihres Gatten, regierte bis an ihr Ende höchst gerecht, und t, stiftete sehr viel Gutes, das für die ganze Menschheit äusserst re wichtig ist. Deßwegen soll die Sitte eingeführt seyn, daß n, *) Horoi, weil Horai der Griechische Name der Jahrs» M reiten ist. 46 Diodor's historische Bibliothek. die Königin größere Gewc.lt hat und höher geehrt ist, als der König, und daß auch unter dem Volk das Weib über den Mann herrscht, welcher sich durch den Eheoertrag schriftlich verbindet, ihr in Allem zu gehorchen. Ich weiß wohl, daß einige Schriftsteller angeben, die Gräber jener Gottheiten seyen zu Nysa in Arabien, woher auch Dionysos der Nysäische heiffe. Dort seyen auch den beiden Gottheiten Denkfaulen gesetzt, auf welchen he.lige Schriftzüge eingegraben seyen. Die Inschrift auf der Säule der Isis laute also: „Ich Isis biu die Königin aller Länder, mein Lehrer war Hermes, und, was ich zum Gesetz erhoben, kaun Niemand auflösen. Ich bin des jüngsten Gottes Cro- nos älteste Tochter. Ich bin die Gemahlin und Schwester des Königs Ostris. Ich bin die erste Erfinderin der Frucht, welche die Menschen nährt. Ich bin die Mutter des Königs Horns. Ich bin's, die im Gestirn des Hundes aufgeht. Mir ist die Stadt Bubastus erbaut. Heil, Heil dir, Acgyp- ten, mein Mutterland!" Anf der Säule des Ostris soll die Inschrift so heiffen: „Mein Vater ist Cronos, der jüngste unter allen Göttern. Ich aber bin der König Ostris, der alle Länder durchzogen hat, bis zu den unbewohnten Gebieten der Inder, und den Gegenden des Nordens, bis zu den Quellen des Jsterflnsses, und wiederum auf der andern Seite bis zum Ocean. Ich bin des Cronos ältester Sohn, entsprossen aus gutem und edlem Stamm, von Geburt dem Tage verwandt. Kein Ort ist in der Welt, wohin ich nicht gekommen wäre, um meine Wohlthaten überall auszutheilen." So viel soll von der Inschrift auf den Säulen lesbar, das Uebrige aber (denn cS geht noch weiter) durch die Länge der Zeit Erstes Buch. 47 s verdorben seyn. Die Sagen von der Bestattung jener Götter r widersprechen einander größrcntheils, weil die Priester, wcl- - chen Stillschweigen über den eigentlichen Hergang der Sache auferlegt ist, die Wahrheit nicht öffentlich kund werden las- e sen wollen, in der Meinung, das; Denen Gefahren drohen, r welche die geheimen Nachrichten über die Götter unter dem a Volk aussagen. e -8. Die Aegyptcr behaupten, eS seyen sehr viele Colo- e nien von Aegypten in alle Gegenden der Welt ausgegangen- „Nach Babylon (sagen sie) führte Belus, den man für , einen Sohn des Poseidon und der Libya hält, eine Coloxie. - Er ließ sich an dem Flnsse Enphrat nieder, und stellte Pric- r ster an, die, wie die Aegyvtische», von Abgaben und allen öffentlichen Leistungen befreit sind; bei den Babyloniern - heissen sie Ch a ldäer. Sie sind es, welche die Gestirne bc- i. obachten, auf dieselbe Weise, wie die Aegyptischen Priester, - Naturkundigcn und Sterndeuter. Aus Aegypten kamen fer- e Ner die Fremdlinge, mit welchen Danaus die Stadt Ar- e gos, beinahe die älteste in Griechenland, bevölkern half. p Von dorther wanderten ebenso die Stammvater des Colchi- ,r fchen Volks am Pontns und des Jüdischen zwischen „ Arabien und Syrien ein. Darum ist bei diesen Stämmen c von Alters her die aus Aegypten mitgebrachte Sitte einge- führt, die neugebornen Knaben zu beschneiden. Die Athe- e ner sind Abkömmlinge Aegyplischer Ansiedler aus Sais; ^ daß dort ihre Heimatb ist, dafür könne» wir folgende Be- 0 weise geben. Keine sichere Statt in Griechenland, als ^ Athen, heißt Asty, und diele Benennung ist von unserer it (der Aegyptischen) Stadt Asty entlehnt. Ferner ist die Ord- §8 Diodor'S historische Bibliothek. nuug und Eintheilung der Bürger in Alken dieselbe, wie in Aegypren, wo sie in drei Stände geschieden sind. Den erste» Stand bilden die so genannten Edel», die durch wis- senschafrfichc Bildung sowohl als durch den Aussen, Rang ausgezeichnet sind, ebenso wie die Priester in Acgyptcn. Die zweite Elasse ist die der Lanlleure, welche Waffe» tragen und für das Vaterland kämpfen müssen, wie in Aegypren Diejenigen, welche Landbanern hcisse», auch die streitbare Mannschaft liefern. Zum dritten Stand endlich werden die Arbeiter gerechnet, welche ei» Handwerk treiben und die nothwendigsten Frohndienstc leiste»; und dieselbe Bestimmung hat diese Elasse auch in Aegypren. Auch einige Fürsten in Athen waren Aegypier. PereS, der Vater des Menestheus, welcher Letztere den Z»g nach Troja mitmachte, *) war r:n- längbar aus Aegypte», und erlangte dann in Athen nicht nur das Bürgerrecht, sondern die Köuigswiude. Warum er ein Doppelwesen war, davon konnten die Athener, nach ihrer einseitige» Ansicht, den wahren Grund nicht auffinde», während es doch am Tage liegt, daß er als Bürger von zweierlei Staaten, einem griechischen »nd einem fremde», ein Dop- pelwesen genannt wurde, halb Thier, halb Mensch." -g. „Ebenso war ein anderer König von Athen, Erech- thens, aus Aegypten gebürtig; Das beweisen wir auf kol, gende Art. Bekanntlich entstand eine große Dürre beinahe in der ganze» Welt, nur in Aegypten nicht, wegen der Eigenthümlichkeit des Landes; die Früchte rerdarben, und viele ") Hier scheint eine Lücke im Texte zu sey»; das Folgen»« paßt nur auf Eecrop», «inen ältern Kdnig von Arhen. Erstes Buch. 49 Menschen kamen um; nun brachte Erecktbens aus Aegypten, weil er dort zn Hause war, eine Menge Getreide nach Athen, und die dankbaren Einwohner machten ihre» Wohlthäter zum König. Nachdem er die Regierung angetreten, führte er die Weihen der Dcmeter in Elcnsls ein und ordnete die Mysterien an; die Gebräuche derselben halte er aus Aegypten mitgebracht. Die Ankunft dieser Göttin in Attika seht die Ueberlieferung mit gutem Grund in diese Zeit, weil nämlich damals die Früchte, die ihren Namen führen, nach Athen gebracht wurden, und daher jetzt erst wieder entdeckt, und von Demeter mitgetheilt zu seyn schienen. Auch die Athener stimmen damit übereilt, daß gerade unter der Regierung des Ercchthens, nachdem zuvor die Früchte durch die Dürre zn Grunde gegangen, Demeter zu ihnen gekommen sey, und die Gabe des Weizens gebracht habe, und daß ferner eben damals die Weihen und Mysterien dieser Göttin in Eleusls eingeführt worden seyen. Auch bei den Opfern und andern alten Gebräuchen wird es in Athen wie in Aegypten gehalten. So kommen die Eumolpiden sdie Elensinischcn Priesters von den Acgyptischen Priestern, und die sOpfer-s Herolde von den Nischenträgern her. Die Athener sind die einzigen Griechen, die bei der Isis schwören. In ihren Vorstellungen und Sitten sind sie den Aegyptern sehr ähnlich." Mir diesen und vielen andern ähnlichen Gründen streiten die ehrgeizigen Aegypter, aber nach meiner Ueberzeugung nicht mit Recht, »m eine so berühmte Pflanzstadt. Uebcrhaupt wissen sie von sehr viele» Colonien zu sagen, welche ihre Vorälter» in verschiedene Gegenden der Welt ausgesanbt haben sollen,, weil die Macht ihrer Könige 0 groß, und ihr Land mir Diodor. iS Bdchn. 4 5o Diodor's historische Biblisches. Menschen überfüllt war. Da sie aber dafür keinen gültigen Beweis vorbringen, »nd kein angeieksner Schriftsteller daiür zeugt, so halten wir ihre Berichte nicht der Aufzeichnung werth. So viel ist es, was wir von der Ägyptischen Götterlehre zu sagen haben. Von dem Lande selbst, von dem Nil und von andern Merkwürdigkeiten wolle» wir nun der Ordnung nach eine allgemeine Beschreibung geben. Zo. Aegypten zieht sich großtentheils gegen Silken hin, und durch seine natürliche Befestigung und die Trefflichkeit des Dvdens, scheint es vor andern zu einem Reiche abgegrenzten Landschaften nicht unbedeutende Vorzüge zu haben. Denn gegen Westen ist es durch die Libysche Wüste geschützt, die voll wilder Thiere ist; sie bildet weithin das Grenzland, und wegen des Mangels au Wasser und an allen Nahrungsmitteln ist ein Zug durch dieselbe nicht nur mit Mühe, sondern auch wirklich mit Gefahr verbunden. An der südlichen Grenze sind die Wasserfalle des Nil's unk die daran stoßenden Gebirge. Denn vom Troglodytenland und der Aethiopischen Grenze an kann mau ane eine Strecke von 5,5oo Stadien den Fluß nicht wohl befahren, und auch zu Lande nicht fortkommen, wenn man nickt königlich ausgerüstet oder überhaupt reichlich vei sehen ist. Die östliche» Gegenden sind zum Theil durch den pcluß geschützt, zum Theil von einer Wüste eingeschlossen und von sumpfigen Gefilden, den iogenannten Abgründen. In der Mitte nämlich zwischen Cölesirien und Aegypten ist ein See , Serbonis genannt, der Breitenach ganz schmal, aber außerordentlich rief, und 200 Stadien lang. Wer bieder kommt, ohne die Gegend zu kenne», ist unvermutbeten Gefahren ansgeicht. Denn, da 5i Erstes Buch. sich der See wie ein schmaler Bandstreif zwischen weiten Sandedenen hinsieht, so wird bei anhaltenden Südwinden eine Menge Sand darüber hergeweht, der dann die Oberflache des Wassers unkenntlich macht, so daß man an der Stelle des Sees fortlaufenden festen Boden sieht, an welchem sich gar Nichts unterscheiden läßt. Daher haben Viele, die der örtlichen Eigenthümlichkeit unkundig waren, hier mit ganzen Heeren ihren Untergang gefunden, wenn sie den rechten Weg verfehlten. Wenn man auftritt, so gibt der Sand allmählig nach, und täuscht die Wanderer lange, wie mit absichtlicher Bosheit, bis sie merken, woran sie sind, »nd einander zn Hülfe kommen; aber da ist kein Entrinnen mehr und keine Rettung; denn, wer in den Sumpf einsinkt, kann nicht schwimmen, weil der Schlamm die Bewegung des Körpers erschwert, und doch auch nicht gehend sich herausarbeiten, weil er unter sich keinen festen Grund hat. Da nämlich Sand und Wasser sich vermengt, nnd daher Beides seine natürliche Beschaffenheit verloren hat, so ist die Folge, daß an einer solchen Stelle das Gehen und Schwimmen gleich unmöglich ist. Wer sich also in diese Gegenden wagt, hat durchaus keine Hülfe zu erwarten, wenn er in die Tiefe sinkt, da zugleich auch der Sand von beiden Ufern herunter strömt. Wegen dieses eigenen Umstandcs nun haben jene Gefilde den Namen Abgründe sBarathrass erhalten, Zi. Nachdem wir angegeben, wie Aegypten von den drei Seiten, da es an festes Land grenzt, beschützt ist, so vollenden wir die angefangene Beschreibung. Die vierte Seite bildet ein beinahe ganz hafenloscs Seeufer; sie ist gedeckt durch das Aegyptische Meer, auf dem man zwar weit und 4 * 52 Diodor's historische Bibliothek. breit vorbeifahren, aber nur mit großer Mühe sich dem Gestade nähern und anlanden kann. Denn von Parätvninm in Libyen bis nach Joppe in Cölesyrien, also auf eine Strecke von fast 5 ooo Stadien, findet der Vorüberfahrende keinen sichern Hafen außer Pharns. Ueberdieß zieht sich beinahe längs der ganzen Küste von Aegypten eine Sandbank hin, die für den Unkundigen bei'm Anfahren nicht sichtbar ist. Wenn man daher den Gefahren der See entgangen zu seyn meint, und fröhlich dem Lande zusteuert, ohne es zu kennen, so stoßt das Schiff plötzlich an, und scheitert nnvermuthet. Zuweilen auch, wenn man das Land wegen des niedrigen Ufers nicht aus der Ferne sehen kann, geräth man bei'm Landen, man weiß nicht wie, in eine sumpfige und feuchte Gegend, oder in eine Wüste. Auf diese Weise ist Aegypten von allen Seiten durch die Natur befestigt. Es hat eine längliche Gestalt, und während es an der Seescite -ooo Stadien breit ist, erstreckt es sich Landeinwärts fast auf 6000 Stadien. Die Bevölkerung war in Aegypten ehemals viel stärker als in allen bekannten Gegenden der Welt, und noch gegenwärtig scheint es darin keinem andern Lande nachzustehen. In den alten Zeiten hatte es mehr als 18000 Städte und ansehnliche Dörfer, die man in den heiligen Verzeichnissen namentlich aufgeführt findet; unter Ptolemäus, Lagns Sohn, wurden über Looo gezählt, und so viel sind es auch geblieben bis auf unsere Zeiten. Die ganze Einwohnerzahl soll ehemals 7 Millionen ausgemacht haben, und auch noch jetzt nicht geringer seyn als r Millionen.*) Darum, sagt man, waren- *) Nach einer andern Lesart hieße es blos: nicht geringer seyn (nämlich als 7 Mill.) und im vorherg. Satz Zo,ooo statt Zooo. 53 Erstes Buch. auch die alten Könige von Aegypten im Stande, die große«, bewundernswürdigen Werke, wozu so viele Hände nöthig waren, diese unvergänglichen Denkstläler ihres Ruhmes, aufzuführen. Hicvon werden wir übrigens bald das Nähere erzählen. Jetzt kommen wir an die Beschaffenheit des Flusses und die Eigenthümlichkeiten des Landes. 5 -. Der Nil fließt von Süden gegen Norden. Seine Quellen sind an einem unbekannten Ort auf der äussersten Grenze von Aethivpien gegen die Wüste hin, in einer Gegend, die wegen der übermäßigen Hitze unzugänglich ist. Er ist unter allen Strömen der größte, und durchläuft den längsten Weg, indem er weite Krümmungen bildet, und bald ostwärts gegen Arabien sich wendet, bald westwärts ausweicht gegen Libyen. Sein Weg von den Äthiopischen Gebirgen bis zu seinem Ausfluß in's Meer beträgt ungefähr 12,000 Stadien, seine Krümmungen mit eingerechnet. In den niedrigeren Gegenden wird sein Wogenschwall geringer, weil sich der Strom immer mehr zertheilt gegen die beiden Welttheilc hin, die er von einander scheidet. Von den Armen in die der Fluß sich trennt, verliert sich der eine, der sich gegen Libyen wendet, in dem unglaublich tiefen Sande; der andere hingegen, welcher Arabien zufließt, läuft in weit verbreitete Sümpfe und große Seen aus, an welchen verschiedene Völker wohnen. Bei seinem Eintritt nimmt der Nil bald 10 Stadien ein, bald auch einen schmäleren Raum, weil er nicht gerade fortläuft, sondern mancherlei Krümmungen macht. Das Eincmal dreht er sich nämlich gegen Osten, das Anderemal gegen Westen, zuweilen auch gegen Süden, und fließt wieder rückwärts. Denn auf beiden Seiten des Stroms ziehen sich über einen 54 Diodor's historische Bibliothek. großen Theil des Uferlandes Bergketten hin, die durch Felsenschluchten und tiefe Engpässe durchschnitten sind; zwischen Liesen drängt sich das Wasser durch, ergießt sich rückwärts durch die Ebene, und nachdem es gegen Süden eine ziemliche Strecke geflossen, lenkt es wieder um in seine natürliche Richtung. Dieser in jeder Rücksicht ausgezeichnete Strom ist zugleich der einzige, der ohne reisseude Gewalt und stürmische Wellen dahinfließt, die sogenannten Cataracten sWasserfälles ausgenommen- Es ist nämlich eine Stelle, wo es etwa 10 Stadien weit Berg ab geht zwischen steilen Anhöhen in einer engen Schlucht, voller Steins und Klüfte; hier stehen viele Felsen, gleich hohen Klippen; an diesen bricht sich das herabströmende Wasser, und wird mit Gemalt auseinander und mehrmals nach entgegengesetzten Richtungen getrieben; so entstehen mächtige Wirbel, die ein bewundernswürdiges Schauspiel gewähren, da die Gegenströmung in der Mitte Alles mit Schaum erfüllt, und der Fluß an dieser Stelle mit solcher Gewalt und Schnelligkeit herabstürzt, daß man einen Pseilschuß zu sehen meint. Zur Zeit, da der Nil sich füllt, wenn bei dem hohen Wasserstand die Klippen überschwemmt sind und der steinigte Grund ganz bedeckt ist, schifft man zuweilen den Wasserfall herunter, bei entgegengesetztem Winde. Aber hinauf kann man durchaus nicht schiffen; denn die Gewalt des Stroms ist stärker als alle menschliche Kunst. Solcher Wasserfalle sind es mehrere; der größte aber ist der auf der Grenze zwischen Aethiopien und Aegypten. LZ. Der Fluß schließt mehrere Inseln ein, in Aethiopien unter andern eine ziemlich große, Namens Meroö. Anf dieser Insel liegt eine bedeutende Stadt gleiches Namens, 55 Erstes Buch. - die von Cambyies erbaut und nach seiner Mutter Meroö so n genannt ist. Die Insel soll an Gestalt einem Schilde ähnlich s und weit die größte unter alle» in dieser Gegend seyn. Ihre e Lange geben Einige zu 3ooo Stadien an, und die Breite zn 1000. Sie enthalte, erzählt man, nicht wenige Städte; st darunter sey die ansehnlichste Meroe; längs des ganzen Ufers le der Insel ziehen sich auf der Seite gegen Libyen Gestade mit einer ungeheuern Masse Sand, und gegen Arabien jähe Ab- a hänge hm; es gebe daselbst auch Gold-, Silber-, Eisen- und n Kupferbergwerke, ferner Ebenholz in Menge und Edelsteine n aller Art. Uebcrhaupt aber soll der Fluß so viele Inseln s bilden, daß man den Berichten darüber kaum glauben kann, Den» außer den vom Wasser umschlossenen Theilen des soge- nannten Delta rechnet man noch über 700 andere Inseln. Einige derselben, heißt es, werden von den Aethivpiern bete wässert und mit Hirse bepflanzt; andere seyen voll von Schlan- gen und Assen und mancherlei andern Thieren, und darum >„ für Menschen unzugänglich. 2 » Aegypten theilt sich der Nil t, in mehrere Arme, und bildet so den Landstrich, der von seilt ner Gestalt den Namen sdes Griechischen Buchstaben Delja bat. Die Seiten desselben sind durch die äussersten e. Flußarme bezeichnet, und die Grundlinie durch das Ufer des e- Meers, welches die Ausflüsse des Stromes aufnimmt. Er er- t- gießt sich ins Meer durch sieben Mündungen. Die erste von Osten >,f her heißt die Pelusische, die zweite die Tanitische; dann folgt die Mendcsische, die Phatmische, die Sebennytischc, die Bol- 0, bitinische, und zuletzt die Canobische, von Einigen die Hcrakleo- nf tische genannt. Es gibt auch noch andere, durch Kunst geschaf- s, fene, welche zu beschreiben nicht nöthig ist. An jeder Mündung 56 Dkodor'ö historische Bibliothek. ist eine feste Stadt erbaut, die durch den Fluß getheilt, uud auf beiden Seiten desselben mit zweckmäßigen Vertheidigungsanstalten an den Brücken versehen ist. Von dem Pelusischeu Ausfluß führt ein künstlicher Canal in den Arabischen Busen und das rothe Meer. Den ersten Versuch, denselben anzulegen, machte Necho, Psammetich's Sohn; nach ihm führte der Perser Darins Las Werk fort bis auf einen gewissen Punkt, ließ es aber am Ende unvollendet, weil man ihm sagte, das Durchstechen der Erdenge würde eine Ueberschwem- mung von ganz Aegypten zur Folge haben; man bewies ihm nämlich, das rotbe Meer sey höher als Aegypten. Später vollendete Ptolemäus ll. den Canal, und ließ an der tauglichsten Stelle eine mit vieler Kunst gebaute Schleuse anbringen. Diese ließ er zur Durchfahrt jedesmal offnen und schnell wieder verschließen; so daß man nie länger, als es gerade nöthig war, offen ließ. Nach dem Erbauer des'Concils heißt der durchfließende Strom Ptolemäus, und am Ausflusse liegt eine Stadt, Namens Ar sinne. Zä. Das Delta hat eine ähnliche Gestalt wie Sicilien. Von den Seiten beträgt jede 760, und die Grundlinie, die sich an der See hinzieht, >Zoo Stadien. Diese Insel ist von vielen Concilen durchschnitten, und enthält eie herrlichste Gegend von Aegypten. Denn vom Fluß herangeschwemmt und durchströmt, erzeugt der Boden viele Früchte aller Art, da durch das Austreten des Stromes jedes Jahr neuer Schlamm hergeführt wird, und man das ganze Land leicht bewässern kann vermittelst einer Maschine, welche Archimedes von Sy- racus erfunden hat, und die man ihrer Gestalt wegen ^ Cochlias sSchneckejj nennt. Weit der Nil so ruhig hinfließt, Erstes Buch. k>7 und weil er viel Erde von mancherlei Art mit sich führt, so bleibt in den Vertiefungen das Wasser stehen, und daraus werden sehr fruchtbare Teiche. Es wachsen darin Wurzeln von verschiedenem Geschmack, und eigenthümliche Arten von Früchten und Kräutern, die für Arme und Kranke sehr dienlich und für ihr Bedürfniß hinreichend sind. Denn sle gewähren nicht nur vielerlei Nahrungsmittel, und Jedem steht es frei, sich so viel davon zu nehmen, als er immer nöthig hat; sondern man kann auch noch manchen andern Gebrauch im täglichen Leben davon machen. Lotos.wächst in Menge, woraus man in Acgypten Brod bereitet, welches das natürliche Bedürfniß der Nahrung völlig befriedigen kann. Das Kiborion, welches die Aegyptische Bohne enthält, ist im Uebcrfluß vorhanden. Es gibt auch mehrere Gattungen Bäume. Eine darunter, deren Frucht sich durch Süßigkeit auszeichnet, heißt man Persia, weil sie von Persern aus Aethiopien gebracht worden ist, zur Zeit, da Cambyses über diese Länder herrschte. Die Sycaminen haben entweder Maulbeere oder Feigenartige Früchte; da sie das ganze Jahr Frucht tragen, so finden die Armen darin eine Aushülse, wodurch sie vor Mangel geschützt sind. Die Pflanmenart, die man Myrarien nennt, wird um die Zeit, da der Strom zurücktritt, eingesammelt, und ihrer Süßigkeit wegen zum Nachtische genossen. Ans Gerste bereiten die Aegypter ein Getränk, das dem Wein an Geschmack nicht weit nachsteht; man nennt es Bier. Statt des Brennöhls gießen sie den Saft eines Gewächses, welches Kiki sWunderbaun^ heißt, in die Lampen. Noch manche andere Gewächse, die für die Bedürfnisse des Lebens brauchbar sind, bringt Ae- 58 Diodor's historische Bibliothek. gypten in reicher Fülle hervor, und die Beschreibung würde zu weit führen. 55. Viele Thiere von sonderbarer Gestalt halten sich im Nil auf; zwei aber zeichnen sich aus, das Crocodil und das sogenannte sNil-f Pferd. Das Crocodil wird sehr groß, so klein es anfangs ist; denn die Eier dieses Thiers sind den Gänseeicrn ähnlich, und doch wächst es bis auf >6 Ellen. Es lebt lang, in Vergleichnng mit dem Menschen. Eine Zunge hat es nicht. Sein Körper ist wunderbar von der Natur verwahrt. Denn seine Haut ist durchaus geschuppt und äusserst hart. Zähne hat es viele auf beiden Seiten, darunter zwei Hauzähnc, die viel größer sind als die andern. Es ist ein fleischfressendes Thier, das nicht nur Menschen, sondern auch andere, ausser dem Wasser lebende Geschöpfe anfällt, wenn sie dem Flusse nahen. Es beißt tief und gefährlich, und zerfleischt schrecklich mit den Klanen; die Wunden, die es gerissen hat, sind ganz unheilbar. Man fieng diese Thiere in Aegypten ehemals mit Angeln, an welchen Schweinefleisch als Lockspeise hing; später wurden sie entweder in starken Netzen, wie gewisse Fische, gefangen, oder von den Kähnen aus mit eisernen Kolben durch wiederholte Schläge auf den Kopf gelobtet. Man findet sie in zahlloser Menge sowohl im Fluß als in den benachbarten Seen, weil sie sich stark vermehren und selten von Menschen umgebracht werden. Denn unter den Einheimischen wird meistens nach alter Sitte das Crocodil göttlich verehrt; die Ausländer aber haben keinen Nutzen davon, wenn sie es fangen, weil das Fleisch nicht genießbar ist. Indessen hat die Natur selbst die Menschen gegen die Vermehrung desselben durch ein wirksames Mittel Erstes Buch. 5g geschützt. Ein Thier nämlich, Ichneumon genannt, das einem kleinen Hunde gleicht, sucht am Fluß herum, wo das Crocodil seine Eier legt, und zerbricht sie, und zwar, was das Wunderbarste ist, ohne sie zu fressen oder sonst zu benutzen, blos, damit ein zum Besten der Menschen nothwendiger Zweck der Natur immerfort erreicht wird. Das vierfü- ßige Thier, das man sNil-j Pferd heißt, ist wenigstens 5 Ellen lang, und hat gespaltene Klauen wie das Rindvieh, und L Hauzähne auf jeder Seite, größer als bei den wilden Schweinen; die Ohre» aber, den Schwanz und die Stimme hat es von einem Pferd; dem ganzen Körperbau nach ist es einem Elephanten nicht unähnlich. Unter alleu Thieren beinahe hat es das stärkste Fell. Denn es lebt im Fluß sowohl als auf dein Lande; bei Tag hält es sich im Wasser auf, und tummelt sich wo es am tiefsten ist; bei Nacht aber weidet es die Kornfelder und die Wiesen ab. Wenn daher dieses Thier viele Junge wärfc und jedes Jahr, so würde es den Feldbau in Aegypten gänzlich zerstören. Auch das Nilpferd wird nur durch vereinigte Bemühung vieler Leute gefangen, welche es mit eisernen Harpunen zu treffen suchen. Wo es sich nämlich zeigt, rudert mau in Fahrzeugen darauf zu, umstellt es, und verwundet es durch eine Art von einschneidender Wurfwaffe mit eisernen Widerhaken; an einen der Haken, die gefaßt haben, knüpft man dann das Ende eines Seiles, welches man nicht anzieht, bis das Thier sich verblutet hat und ganz entkräftet ist. Das Fleisch ist hart und schwer verdaulich. Dom Inwendigen ist Nichts genießbar, weder Eingeweide, noch Gedärme. 6o Diodor's historische Bibliothek. 56. Ausser den genannten Thieren gibt es im Nil allerlei Gattungen Fische in unglaublicher Menge. Nicht nur die frisch gefangenen gewähren den Einwohnern eine» reichlichen Genuß,^sondern sie behalten noch einen unerschöpflichen Verrath zum Einpöckeln übrig. Es gibt überhaupt keinen Fluß in der Welt, der den Menschen so viel Nutzen schaffte als der Nil. Um die Sommer-Sonnenwende beginnt er anzuschwellen, und wächst dann bis zur Herbst-Nachtgleiche. Er führt immer neuen Schlamm her, und beschüttet damit so- wohssdas Brachfeld als das besäete und bepflanzte, gerade so lang, als die Landlente es verlangen. Denn da das Wasser so ruhig fließt, so halten sie es ohne Mühe ab durch kleine Dämme, und leiten es eben so leicht wieder herein, je nachdem sie das Eine oder das Andere für zuträglich halten. So leicht wird ihnen überhaupt durch das Wasser ihre Arbeit und so groß ihr Gewinn, daß die Meisten, wenn sie das kaum abtrocknende Feld sogleich eingesäet, und das Vieh Hingetrieben haben, nm es fest zu rreteu, nach vier bis fünf Monaten schon die Ernte beginnen, und Andere, die mit leichten Pflügen die Oberfläche des getränkten Bodens ein wenig überfahren, noch größere Kornhaufen einsammeln, ohne viel Kosten und Anstrengung. Bei andern Völkern ist jede Art des Feldban's mit großem Aufwand und vielen Beschwerden verbunden; die Aegypter allein gewinnen ihre Ernte äußerst wohlfeil und mühelos. Die Weinberge werden ebenso bewässert, und gewähren den Einwohnern einen reichen Ertrag. Wenn man das überschwemmte Feld »»gebaut liegen läßt und als Schaafwaide benützt, so hat man bei dem Uebcrfluß an Futter den Vortheil, daß die Schaafc zweimal werfen, 6i Erstes Buch. und das; man sie zweimal scheeren kann. Das Steigen des Nil's ist eine Erscheinung, die den Augenzeugen in Erstaunen setzt, und für Den, der nur davon erzählen hört, ganz unglaublich ist. Denn wahrend alle andern Flüsse um die Sommer-Sonnenwende abnehmen, und in der zunächst darauf folgenden Zeit immer seicktcr werden, fängt dieser Strom allein dann gerade an sich zu füllen, und nimmt täglich so stark zu, daß er am Ende beinahe ganz Aegypten überschwemmt. Auf dieselbe Weise geht in eben so viel Zeit die umgekehrte Veränderung vor sich, indem er jeden Tag um Etwas fällt, bis er auf den vorigen Stand zurückgekommen ist. Da das Land flach ist, und die Städte und Dörfer, auch die Bauernhöfe auf Hügeln liegen, die durch Knust gebaut sind, so sehen sie szur Zeit der Ueberschwcmmungj aus, wie die Cycladischcn Inseln. Die wilden Landthicre werden größtenteils von dem Strom überrascht nnd ertrinken; einige retten sich d»rch die Flucht in die höher» Gegenden. Das Vieh wird während des hohen Wasserstandes in den Dörfern und den Bauerhöfen gefüttert, wo man zuvor für dieses Bedürfniß gesorgt hat. Der Pöbel geht diese ganze Zeit über müßig, und überläßt sich dem Wohlleben, unter fortwährendem Schmausen und dem unbeschränkten Genuß aller Arten von Vergnügungen. Weil man aber doch über das Steigen des Flusses besorgt seyn mußte, so ist von den Könige» in Memphis ein Nilmesser errichtet, an welchem man den Wasserstand genau beobachtet; es sind dazu eigene Leute aufgestellt, welche durch Briefe, die sie in die Städte ausschicken, bekannt machen, um wie viel Ellen oder Zolle der Fluß gestiegen ist, und wann er angefangen hat wieder zu 62 Divdor's historische Bibliothek. falle». Durch diese Anstalt wird das ganze Volk der Besorg- niß entledigt, weil eö Nachricht erhält, ob der Strom noch wächst oder wieder abnimmt; auch kann Jedermann sogleich voraus erkennen, wie der Ertrag der Ernte ausfallen wird, weil seit langer Zeit diese Beobachtungen in Aegypten aufgezeichnet sind. Z?. Schwer ist das Anschwelle» des Nil's zu erklären, und viele Philosophen und Geschichtschreiber haben sich bemüht, die Ursachen davon nachzuweisen. Wir wollen ihre Meinungen kurz angeben, um in keine zu weite Abschweifung zu gerathen, und doch eine für Jedermann wichtige Frage nicht unberührt zu lassen. Ueber das Steigen des Nil's und seine Quellen, auch über seinen Ausfluß in's Meer und das Uebrige, wodurch sich dieser größte Strom der Welt von andern Flüssen unterscheidet, haben einige Schriftsteller sich gar nicht einmal zu äußern gewagt, während sie sonst zuweilen bei einem unbedeutenden Bach sieb lange aufhalten. Andere haben sich auf die Untersuchung wirklich eingelassen, aber das Rechte bei Weitem nicht getroffen. Geschichtschreiber wie Hellanicus und Cadmus, auch Hecatäus, und alle Ihresgleichen aus der alten Zeit, sind auf fabelhafte Erklärungen gerathen. Herodot aber, der eifrige Forscher und erfahrene Kenner der Geschichte, wie kaum ein Anderer war, geht da, wo er von dieser Erscheinung Rechenschaft zu geben sucht, wie man leicht findet, von bestrittenen Voraussetzungen aus. Xenvphon und Thncydides, als glaubwürdige Geschichtschreiber berühmt, haben über die Gegend von Aegypten gar keine Nachrichten gegeben. Ephvrns und Theopompus u. A., die auf diesen Gegenstand den größten Fleiß gewendet, haben doch 63 Erstes Buch. das Wahre am wenigsten getroffen. Bei ihnen Allen fehlte es nicht an Genauigkeit, sondern an der Kenntniß der besondern Ortsverhältnisse. Denn in der frühern Zeit bis auf Ptolemäus Philadelphus hat nie ein Grieche die Grenzen von Aegypten erreicht, geschweige daß sie bis nach Aethiopien hinüber gekommen wären. So nnwirkhbar war diese ganze Gegend und in der That gefährlich zn bereisen. Der eben genannte König aber unternahm zuerst mit einem Griechischen Heer einen Feldzug nach Aethiopien, und seit dieser Zeit hat man das Land genauer kennen gelernt. Dieß ist der Grund von der Unknndc der ältern Schriftsteller. Die Quellen des Nil's übrigens und den Ort, wo er entspringt, hat noch bis auf die Zeit der Abfassung dieser Geschichte Niemand gesehen zu haben behauptet; auch durch Andere ist noch nie ein Bericht von einem Augenzeugen darüber mitgetheilt worden. Es kommt also hier Alles auf Vermuthungen und Wahrscheinlichkeiten zurück. Wenn die Aegypkischen Priester behaupten, der Nil nehme seinen Ursprung aus dem die Welt umströmenden Oceanus, so ist diese Meinung nicht zulässig; sie lösen ein Räthsel durch das andere, und geben einen Erklärungsgrund, welcher selbst der Begründung noch sehr bedarf. Nach der Aussage der sogenannten Molgicr, eines Stammes der Trvglodyten, der aus den obern Gegenden der Hitze wegen ausgewandert ist, gibt es in jenen Gegenden gewisse Kennzeichen , woraus man schließen könnte, der Nil entstände aus dem Zusammenfluß vieler Quellen auf Einem Punkte; darum wäre er denn auch der fruchtbarste unter allen bekannten Strömen. Am ehesten dürfte man den Leuten in der Nachbarschaft der Insel Meroä Glauben schenken, die weit entfernt 6/, Diodor's historische Bibliothek. sind, Berichte nach Wahrscheinlichkeit zu erdichten, und den Orten, von welchen die Frage ist, am nächsten wohnen; wie wenig sie sich aber auf eine genaue Angabe darüber einlassen, erhellt daraus, daß der Fluß bei ihnen Astapns heißt, das ist, in unsere Sprache übersetzt: „Wasser aus der Finsterniß." Mit diesem Namen, den sie dem Nil gegeben, haben sie die Unsichtbarkeit seines Ursprungs und ihre eigene Unwissenheit treffend bezeichnet. Uns scheint die richtigste Meinung die, welche sich am weitesten von dem Scheine der Erdichtung entfernt. Ich weiß übrigens wohl, daß Herodot sU- 5-. f.s, wenn er Libyen östlich und westlich von diesem Fluß unterscheidet, den Nasamonen, einer Libyschen Völkerschaft, eine genaue Kenntniß von dem Lauf desselben zuschreibt, und den Nil aus einem See seinen Ursprung nehme», und durch eine unermeßliche Strecke in Aethiopien fließen läßt. Indessen darf man das Zeugniß der Libyer nicht ohne Weiteres annehmen, wenn sie anders dieß in der That behauptet haben, und eben so wenig das des Geschichtschreibers, wenn er keinen Beweis beibringt. ä8. Nachdem wir von den Quellen und dem Lauf des Nil's geredet, wollen wir versuchen, die Ursachen des Anschwellend nachzuweisen. Thales, einer der sogenannten sieben Weisen, behauptet, die Etesischen Winde sregelmäßige Winde im Sommers, welche den Ausflüssen des Stromes entgegen wehen, halten ihn auf, daß er nicht bis in's Meer fortlaufe, und darum fülle er sich und überschwemme das ohnehin niedrige und flache Aegypten. Diese Meinung, so annehmbar sie auch scheint, läßt sich doch leicht widerlege». Denn, wenn sie richtig wäre, o müßten alle Flüsse, die an 65 Erstes Buch. der Mündung eine den Etesischen Winden entgegengesetzte Richtung haben, auf dieselbe Weise steigen. Dieß ist aber nirgends in der Welt der Fall; also muß man eine andere, richtigere Erklärung von dem Anschwellen aufsuchen. Anara- goras, der Naturforscher, fand die Ursache im Schmelzen des Schnees in Aethivpicn. Ihm folgte sein Schüler, der Dichter Euripides. Er sagt: „Vom schönsten Fluß. der aus der Erde quillt, hinweg. Bom Nil, dem Aethiopicn, das Mohrenland, Sein Bette füllet, wenn der Schnee geschmolzen ist." Auch diese Anficht bedarf keines langen Gegenbeweises; es fällt ja in die Augen, daß in einem so außerordentlich heißen Lande, wie Aethiopien, unmöglich Schnee fallen kann. Uc- berhaupt gibt es in diesen Gegenden weder Eis noch Kälte, und gar keine Spur von einem Winter, am wenigsten um die Zeit, da der Nil^steigt. Wollte man aber auch zugeben, daß jenseits Aethiopien viel Schnee seyn könnte, so ließe sich dennoch beweisen, daß jene Erklärung falsch ist. Denn jeder Fluß, welcher Schneewaffer mit sich führt, verursacht bekanntlich kühle Winde und dichte Nebel. Der Nil hingegen ist der einzige Fluß, über dem sich keine Wolken lagern, und an dem man weder eine kühle noch eine neblichte Luft findet. He- rodot sagt sll. -ä, s.j, die natürliche Größe des Nils sey diejenige, die er bei'm Anschwellen erreicht; im Winter aber, wenn die Sonne über Libyen hin ihren Lauf nehme, ziehe sle viele Feuchtigkeit aus dem Nil an sich, und darum werde der Fluß um diese Zeit klein; wenn aber der Sommer komme, und sich die Sonne gegen Norden wende, so bewirke sie ein Verdunsten und Fallen der Flüsse in Griechenland und den Diobor. is Bbchn. 5 66 Diodor's historische Bibliothek. andern ähnlich gelegenen Ländern; daher sey jene Veränderung bei dem Nil nichts Außerordentliches; denn es finde kein Zunehmen in der heißen Jahrszeit statt, sondern ein Abnehmen im Winter, aus der angeführten Ursache. Auch gegen diese Anficht ist einzuwenden, daß die Sonne ebenso, wie sie aus dem Nil die Feuchtigkeit an sich zöge zur Winterszeit, auch den andern Flüssen in Libyen etwas von ihrer Wasser- menge entziehen müßte, so daß auch diese niedriger stehen würden. Da man nun nirgends in Libyen eine solche Veränderung wahrnimmt, so muß offenbar die Anficht des Geschichtschreibers grundlos seyn. Auch hat die Erscheinung, daß in Griechenland die Flüsse im Winter größer find, ihren Grund nicht in der wettern Entfernung der Sonne, sonder» in dem häufigen Regen. Zg. Democrit von Abdera hält den Schnee für die Ursache, den er aber nicht, wie Euripides und Anaragoras, in den südlichen Gegenden sucht, sondern da, wo er vor Augen liegt, in den nördlichen Ländern. Die dort aufgehäufte Schneemaffe bleibe um die Zeit der Sonnenwende noch gefroren, und wenn sie dann von der Sommerhitze schmelze, so gebe es einen starken Eisgang; dabei steigen Dünste in Menge auf, welche in den Hökern Gegenden zahlreiche dichte Wolken bilden; diese werden von den Etefischen Winden fortgetrieben, bis sie sich an den Aethiopische» Gebirgen stoßen, welche die größten in der Welt seyn sollen; durch das gewaltsame Anprallen der Wolken an den hohen Bergen entstehen nun heftige Regengüsse, und darum fülle sich der Nil gerade, wenn die Ecesien weben. Leicht ,st auch diese Meinung zu widerlegen, wenn man die Zeit des Anschwellend genau beachtet. Erstes Buch. 67 Demi die Ucberschwcmmung des Nils beginnt um die Sommer-Sonnenwende, so lang noch keine Etesien wehen, und hört auf nach der Herbst-Nacktgleiche, wenn sie sich schon lange wieder gelegt haben. Wenn nun eine genaue Beobachtung mehr gilt als eine wahrscheinliche Vermuthung, so kann man Democrit's Behauptungen keinen Glauben schenken, so wenig man auch seinen Scharfsinn verkennt. Ich will nichts davon sagen, daß die Etesifthen Winde, wie die Erfahrung lehrt, eben so wohl von Westen als von Norden herkommen; nämlich nicht blos die NordNordost- und die eigentlichen Nordwinde, sondern auch die Nordwestwinde, die von der Gegend her wehen, wo die Sonne im Sommer untergeht, führen den gemeinschaftlichen Namen Etesien. Auch das ist nicht erweislich, daß gerade in Aethiopien die größten Berge seyn müssen, und eben so wenig kann man sich durch den Augenschein davon überzeugen. Die neueste Erklärung, von Ephorus, empfiehlt sich zwar durch sehr scheinbare Gründe, kann aber keineswegs als gelungen betrachtet werden. Er behauptet, Aegypten habe einen ganz vom Wasser herge- schwemmten, lockeren Boden, von Tuffsteinähnlicher Beschaffenheit, und mit großen, untereinander verbundenen Löchern, Lurch die er eine Menge Feuchtigkeit in sich aufnehme; diese bleibe den Winter über im Boden beisammen, im Sommer aber schwitze sie aus und dringe überall aus der Erde hervor, und davon fülle sich der Fluß. Dieser Schriftsteller hat offenbar die Beschaffenheit des Landes nicht nur nicht aus eigener Anschauung kennen gelernt, sondern nicht einmal sorgfältig bei Leuten, die der Gegend von Aegypten kundig waren, nachgefragt. Denn für's Erste würde der Nil, wenn er 5 * 68 Diodor's historische Bibliothek. seinen Zufluß erst aus Aegypten erhielte, in den obern Gegenden, wo er über steinigten und festen Boden fließt, gar nicht anschwellen) nun bringt er aber die Wasserfülle auf seinem Wege durch Aethivpien über 6000 Stadien weit mit, ehe er Aegypten erreicht. Ferner, wenn der Wasserspiegel des Nil's niedriger wäre als die Spalten in dem durch den Fluß angeschwemmten Boden, müßten es Vertiefungen an der Oberfläche seyn, wo unmöglich so viel Wasser stehen bleiben könnte; stände aber der Fluß höher als die Löcher, so könnte sich das Gewässer nicht von tieferen Höhlungen aus auf der höheren Oberfläche sammeln. Wer aber wird es überhaupt für möglich halten, daß Wasser, welches aus unterirdischen Höhlen ausschwitzt, den Flug so sehr anschwellen könnte, daß beinahe ganz Aegypten dadurch überschwemmt würde? Ich übergehe die irrige Voraussetzung von Wasserbehältern in einem zusammengeschwemmten Boden, da sie durch die Erfahrung widerlegt wird. Denn der Fluß Mäander hat in Asien vieles Land erst durch Anspülen gebildet, und doch bemerkt man dort durchaus keine ähnliche Erscheinung, wie das Austrete» des Nil's) ebenso hat in Acarnanien der Achelous, und in Böotien der Ccphisus von Phocis her ein beträchtliches Stück Landes angeschwemmt! und auch bei diesen beiden Flüssen zeigt sich deutlich, daß der Schluß des Schriftstellers falsch ist. Allein man darf auch keine durchgängige Genauigkeit bei Ephorus erwarten, wenn man sieht, wie wenig er sich oft um die Wahrheit bekümmert. z». Philosophen in Memphis haben eine Erklärung von dem Anschwellen aufgebracht, die sich nicht widerlegen und doch nicht glaublich machen läßt, die übrigens vielen Bestall I! t, le it r- m r- iel er o» n. ss- uß Allsten i>er le» che i» oo» nti der uch en» rt. »o» und kalt Erstes Buch. 69 gefunden Hut. Sie theilen die Erde in drei Theile; einer davon, sagen sie, mache unsere Welt aus, in einem andern seyen die Jahrszeiten den unsrigen entgegengesetzt, und der dritte sey zwischen beiden gelegen und wegen der Hitze unbewohnbar. Wenn nun der Nil im Winter stiege, so müßte er natürlich aus unserem Vrdgürtel seinen Zufluß erhalten, weil um diese Zeit bei uns am meisten Regenwetter eintrete; da er aber gerade im Sommer sich fülle, so sey es wahrscheinlich, daß alsdann in den gegenüber liegenden Ländern die Winterregen fallen, und das überflüssige Gewässer von dort aus in unsere Welt herüber sich ergieße. Darum könne auch Niemand bis zu den Quellen des Nil's gelangen, weil er aus dem entgegen gesetzten Erdgürtel durch unbewohnbares Land herflicße. Ein Beweis dafür sey auch das, daß der .Nil aufferordentlich süßes Wasser habe. Aus dem Wege durch ein brennend heißes Land werde er ausgekocht, und deßwegen gebe es sonst kein so süßes Flußwaffer; das Feurige habe ja die natürliche Wirkung, alles Flüssige süß zu machen. Gegen diese Ansicht kann man die sehr nahe liegende Einwendung geltend machen, daß das Herüberfließen eines Stromes aus der entgegen gesetzten Welt in die unsrige etwas durchaus Unmögliches scheint, besonders, wenn man sich die Erde als kugelförmig vorstellt. Denn, wollte man auch, dem Augenschein zum Trotz, einen Beweis dafür erzwingen, so wird doch die Natur der Sache jene Erklärung nimmermehr gestatten. Man meint allerdings bei einer Voraussetzung, deren Falschheit sich nicht nachweisen läßt, weil man ein unbewohnbares Land zwischen eiuschiebt, einer strengeren Beurtheilung sich entziehen zu können. Allein, Wer eine Behaup- 7« Diodor's historische Bibliothek. tung aufstellt, der sollte entweder das Zeugniß des Augenscheins für sich habe», oder seine» Beweis aus allgemein zugestandenen Sätzen führen. Warum sollte denn allein der Nil aus jenen Ländern in unsere Welt hcrüberfiießen? Natürlich mußte es auch dort, wie bei uns, noch andere Ströme geben. Der Schluß uns dem süßen Geschmack des Wassers ist ganz falsch. Wäre der Fluß durch das Auskochen von der Hitze süß geworden, so könnte er nicht so viel erzeugen, daß man so vielerlei Arten von Fischen und von andern Thieren darin fände. Denn sobald das Wasser durch die Einwirkung des Feuers eine Veränderung erlitten hat, so erzeugt sich durchaus nichts Lebendiges mehr darin. Da folglich mit der Voraussetzung des Auskochens die Beschaffenheit des Nil's im völligen Widersprüche steht, so muß man die angeführte Erklärung von der Wafferfülle für irrig halten. z.,. Oenopides von Chios sagt, zur Sommerszeit sey das Wasser in der Erde kalt, im Winter dagegen warm; man nehme das deutlich wahr an tiefen Brunnen; in diesen sey das Wasser am wenigsten kalt auch im strengsten Winter, und bei der größten Hiße hole man dort den kühlsten Trunk. So ziehe sich denn der Nil im Winter in ein schmales Bett zusammen aus dem natürlichen Grunde, weil die Wärme im Boden einen großen Theil der Flüssigkeit auflöse, und weil in Aegvpten kein Regen falle; im Sommer aber, wenn in der Erde keine Auflösung des tiefer stehenden Wassers mehr Statt finde, behalte er seine natürliche Wasserfülle ungeschmälert. Gegen diese Vorstellung ist wieder einzuwenden, daß es viele Flüsse in Libyen gibt, deren Mündungen eben so gelegen sind, und die auch sonst in ihrem Lauf die nämliche 7 » Erstes Buch. Richtung haben, und doch nicht iu demselben Verhältniß anschwellen, wie der Nil. Vielmehr füllen sie sich im Winter, und versiegen im Sommer; ein Beweis, daß es ein vergeblicher Versuch ist, wenn man durch Vermuthungen die Wahrheit erringen will. Am nächsten ist der Wahrheit Aga- tharchides von Cnidos gekommen. Er behauptet, es falle jedes Jahr auf den Aekhiopuchen Gebirgen anhaltendes Regenwetter ein von der Sommer-Sonnenwende bis zur Herbst- Nachtgleiche. Nn» sey leicht zu schließen, daß der Nil im Winter, wo er kleiner ist, nur so viel Wasser habe, als seine Quellen liefern, im Sommer aber durch die Regengüsse seinen Zufluß erhalte. Wenn bisher noch Niemand habe angeben können, woraus jene Regen entstehen, so dürfe man darum seiner Versicherung nicht mißtrauen. Denn Manches sey im Laufe der Natur verkehrt, ohne daß die Menschen im Stande seyen, die Ursachen genau zu erforschen. Belege für diese Behauptung geben einzelne Erscheinungen in gewissen Gegenden von Asien. Auf der Grenze von Scythicn z. B., wo es an das Caucasische Gebirge stößt, falle jedes Jahr, wenn der Winter schon vorüber sey, aufferordentlich viel Schnee; es schneie viele Tage lang ununterbrochen. Im nördliche» Theil von Indien hagle es zu bestimmten Zeiten, und es sey unglaublich, wie große und wie viele Schlossen herunterstürzen. Am Flusse Hydaspes trete mit dem Anfang des Sommers beständiges Regeuwctter ein, und ebenso in Ae- thiopicu einige Tage später. Und diese stürmische Witterung ziehe im Kreis herum immer weiter in die benachbaiten Länder. Es sey also nichts Besonderes, wenn es auch in Ae- thiopien, das jenseits von Aegyptcn liege, anhaltende Regen- 72 Diodor's historische Bibliothek. güffe gebe, u»d dadurch der Nil im Sommer sich fülle; und es werde ja wirklich von Augenzeugen, nämlich von den Bewohnern jener Gegenden versichert. Wenn es den Naturbeobachtungen, die man bei uns mache, zuwiderlaufe, so sey es darum noch nicht unglaublich. Denn so bringe auch der Südwind bei uns stürmische, in Aethiopien hingegen heitere Witterung; und die Nordwinde, die in Europa so heftig seyen, wehen in jenem Lande gelind und sauft, und haben ihre Stärke ganz verloren. Wir könnten gegen alle die Erklärungen vom Anschwellen des Nil's noch Mancherlei einwenden; allein es mag an dem Bisherigen genug seyn, damit wir Las Maß, das wir uns von Anfang gesetzt, nicht überschreiten. Wir wollen dieses Buch seines Umfangs wegen in zwei Theile trennen, um die Gleichförmigkeit zu erhalten, und daher den ersten Theil der Geschichte hier beschließen. Das Weitere von der Aegyptischen Geschichte werden wir danu im zweiten erzählen, indem wir mit den Nachrichten von den Königen der Aegypter und von der frühesten Lebensart der Einwohner beginnen. Zweiter Abschnitt. L-. Diodor's erstes Buch ist des Umfangs wegen in zwei Abtheilungen getrennt. Die erste Abtheilung enthält die Einleitung zum ganzen Werk sCap. i—5.j, und die Berichte der Aegypter von der Entstehung der Welt und der anfänglichen Bildung des Alls sC. 6. 7. lo.j, ferner Nachrichten von Göttern, durch welche in Aegypten Städte gegründet sind, die den Namen der Erbauer erhalten haben j§. -2. -5. 18.7, Erstes Buch. 73 von den ersten Menschen und ihrer frühesten Lebensweise sC. 8 —-o.s>, von der Verehrung der Unsterblichen und der Erbauung der Tempel sC.ag.s; sodann die Beschreibung der Lage von Aegypten sC. Zo. Zi.s und der sonderbaren Erscheinungen am Nil sC. Z- —56.s, und die Behauptungen der Geschichtschreiber und Philosophen über die Ursachen von dem Anschwellen dieses Stroms, auch die Einwendungen gegen die einzelnen Erklärungen sE.L?— »i.s. In dieser zweiten Abtheilung nun liefern wir die Fortsetzung. Wir fangen mit der Geschichte der ersten Könige von Aegypten an, und erzählen ihre Thaten im Einzelnen bis auf den König Amasis, nachdem wir zuvor die Lebensart der ältesten Aegypter im Allgemeinen beschrieben haben. äZ. Die allererste Nahrung der alten Aegypter sollen Kräuter gewesen seyn, auch Stengel und Wurzeln von den Pflanzen, die in den Teichen wachsen, die sie aber vorher kosteten, um sie kennen zu lernen. Was sie zuerst und am häufigsten gegessen, sey das sogenannte Feldgras gewesen, das besonders süß sey, und hinreichende Nahrung für den menschlichen Körper gewähre. Es sey nämlich auch für das Vieh zuträglich, und man sehe deutlich, wie schnell es die Mästung befördere. Wie nützlich dieses Gewächs einst gewesen sey, daran erinnere die noch fortdauernde Gewohnheit, daß man eine solche Pflanze in die Hand nehme, wenn man zu den Göttern nahe, um zu beten. Die Aegypter glauben nämlich, der Mensch sey ein den Teichen und Sümpfen ungehöriges Wesen; sie schließen das aus der Glätre und der natürlichen Beschaffenheit des Körpers, auch daraus, daß er mehr flüssiger als fester Nahrung bedarf. Die zweite Kost, sagt man, 74 Diodor's historische Bibliothek. welche die Aegypter gewählt, habe in Fischen bestanden, die ihnen der Strom im Ueberfluß zuführt, besonders, wenn er nach der Usbcrschwemmung zurücktritt und das Land abtrocknet. So haben sie auch das Fleisch von einigen Thieren gegessen, und die Häute derselben zur Kleidung gebraucht. Ihre Wohnungen haben sie von Rohr gebaut. Spuren davon seyen noch bei den Hirten in Aegypten übrig, die bis auf unsere Zeiten durchaus keine andern Wohnungen haben als von Rohr, und diese hinreichend finden. Nachdem sie diese Lebensart lange Zeit fortgesetzt, seyen sie endlich auf Speisen, die aus Früchten bereitet werden, übergegangen, zu denen auch das Lotosbrod gehöre. Die Entdeckung dieser Früchte schreiben Einige der Isis zu, Andere einem der alten Könige, Namens Menas. Nach den Fabeln der Priester sind die Wissenschaften und Künste von Hermes, und, was man für das Leben bedarf, von den Königen erfunden. Darum soll in der alten Zeit die Königswürde nicht erblich gewesen, sondern Dem, der die meisten und die größten Verdienste um das Volk hatte, verliehen worden seyn; sey es nun, daß die Einwohner durch diese Sage die Könige ihres Zeitalters aufmuntern wollten, für das allgemeine Beste zu wirken, oder, daß sie jene Einrichtung wirklich in ihren heiligen Büchern beschrieben fanden. 44. Nach einer ihrer fabelhaften Sagen regierten in Aegypten zuerst Götter und Heroen, nicht viel weniger als i 8 ooc> Jahre lang, lind der letzte Gott unter den Königen war Horns, der Isis Sohn; Menschen aber waren die Könige von Möris an, die zusammen beinahe Sooo Jahre regierten, bis zur hundert und achtzigsten Olympiade gerechnet, Erstes Buch. 72 in welcher ich nach Aegypten gekommen bin, unter der Regierung des Ptolemäus, *) der sich den neuen Dionysos nennt. „Während dieses Zeitraums (so berichten die Aegyp- ter) waren die Könige größtentheils Eingebvrne; nur kurze Zeit regierten Aethivpier, Perser und Macedonier. Aethio- pischc Könige waren es vier, welche Z 6 Jahre lang herrschten, nicht unmittelbar, sondern in Zwischenräumen nacheinander. Perser regierten, nach der Eroberung des Landes Lurch den König Cambyses, ,ä5 Jahre, die Zeiten der Empörung mitgerechnet; die Aegyptcr lehnten sich nämlich auf, weil ihnen das harte Joch und die ruchlose Behandlung der vaterländischen Götter unerträglich war. Zuletzt führten Macedonier und ihre Abkömmlinge dieHerrschaft-^SJahre. Die ganze übrige Zeit stand das Land unter einheimischen Königen; es waren ihrer 47 «, Männer und 5 Frauen." Von ihnen Allen hatten die Priester in ihren heiligen Büchern Beschreibungen, die von Alters her immer den Nachfolgern überliefert wurden, und von der Leibesgröße jedes Königs, von seinen Eigenschaften und den Thaten eines Jeden nach der Zeitfolge Nachrichten gaben. Wenn wir die einzelnen Berichte von jedem König wiedergeben wollten, so wäre das zu weitläufig und zwecklos, da der Inhalt großtentheils unbedeutend ist; daher ist unsere Absicht, nur das Wichtigste von den Denkwürdigkeiten kurz zu erzählen. 45. „Der erste König von Aegypten (heißt es) »ach den Göttern war Mcnas. Er machte das Volk mit der Vereh- *) Der Zwölfte dieses Namens, sonst Auletes genannt, Vater der Cleopatra. ^6 Diodor's historische Bibliothek. rung der Götter und dem Opferdienst bekannt; auch ließ er für sie Tische und Bänke mit kostbaren Polstern ausstellen; überhaupt führte er eine üppige und verschwenderische Lebensweise ein. Ein König, der viele Menschenalter später lebte, Tnephachthns, der Vater des weisen Bocchoris, mußte einmal auf einem Feldzuge nach Arabien, wo ihm in der unwegsamen Wüste sein Verrath zu Ende ging, einen ganzen Tag^Mangel leiden, und sich dann mit einer sehr einfachen Kost, wie er sie bei gemeinen Leuten gerade antraf, begnügen. Sie schmeckte ihm aber vortrefflich, und er verdammte die Ueppigkeit und verfluchte den König, der zuerst einen größeren Aufwand eingeführt. So herzlich froh war er über den Tausch beim Essen und Trinken und Schlafen, daß er den Fluch mit heiligen Schriftzügen an dem Tempel des Zeus in Thebä ein- grabeu ließ." (Dieß scheint der Hauptgrund zu seyn, warum Menas in spätern Zeiten nicht mehr so berühmt und so hoch geehrt war.) „Auf den König Menas folgte eine Reihe seiner Abkömmlinge, zusammen Z-, welche über -ioo Jahre regierten." Es geschah unter ihnen nichts, das der Aufzeichnung werth wäre. ,,Darauf wurde Bnsiris König, und dann 6 seiner Nachkommen; der Letzte von ihnen, der denselben Namen führte wie der Erste, erbaute die große Stadt des Zeus, wie sie die Aegypter nennen, die bei den Griechen Thebä heißt. Er legte sie in einem Umkreise von -ioSta- dien an, und verschaffte ihr durch große Gebäude, herrliche Tempel und andere Kunstwerke einen wunderbaren Glanz. Selbst die Häuser der Bürger ließ er theils zu vier, theils zu fünf Stockwerken bauen. Ueberhaupt wurde diese Stadt die blühendste nicht nur von Aegypten, sondern von der 77 Erstes Buch. ganzen Welt. Weil die Kunde von ihrem ausserordentlichen Reichthum und ihrer Macht sich überall verbreitet hat, so erwähnt sie auch der Dichter,*) wenn er sagt: — - — — „ober war Thebä Hegt in Aegypten, wo reich die Wohnungen sind an Be- siythuni; Hundert hat sie der Thor', und es zieh'» zweihundert aus jedem. Rüstige Männer zum Streit, mit Rossen daher und Geschirren." Einige behaupten übrigens, die Stadt Habs nicht hundert Thore gehabt, aber viele und große Vorhallen an den Tempeln, und daher sey sie die hundertthorige, das heißt, die vielthorige, genannt worden. Das aber sey wahr, daß aus dieser Stadt -0,000 Streitwagen gegen den Feind zogen. Denn es habe in der Gegend am Fluß hinauf von Mcmphis bis zu dem Libyschen Thebä hundert Pferdeställe gegeben, wovon jeder gegen -00 Pferde fassen konnte, lind noch jetzt zeige man die Trümmer davon. tS. Aber nicht von diesem König allein, sondern auch von vielen der spätern wird uns berichtet, sie haben sich eifrig bemüht, die Stadt empor zu bringen. Durch zahlreiche und kostbare Kunstwerke von Silber und Gold, auch von Elfenbein, durch eine Menge colossaler Bildsäulen, auch durch Obelisken aus Einem Stein gebaut sey diese Stadt verherrlicht gewesen wie keine andere unter der Sonne. Unter vier Tempeln von bewundernswürdiger Schönheit und Größe habe einer,.der älteste, ,3 Stadien im Umfang und eine Höhe von *) Hom. Jl. IX. Z8,. ff. y8 Diodor's historische Bibliothek. ^5 Ellen, und die Mauern seyen Fuß breit. Der Größe von aussen entspreche die Pracht der Weihgescheuke im Innern, die von sehr hohem Werth und mit ansgezeichncccr Kunst gearbeitet gewesen seyen. Die Gebändc seyen bis auf die neuesten Zeiten stehen geblieben; das Silber und Gold aber und das kostbare Elfenbein und Gestein sey von den Persern geraubt worden, zu der Zeit, da Cambyses die Ae- gyptischen"Tempel verbrannte. Eben damals haben die Perser, weil Z sie diesen 'Schatz nach Asien mitgenommen und auch Künstler aus Aegypten berufen haben, jene berühmten Paläste in Persepolis und Susa und in Medien gebaut. So groß aber soll um diese Zeit der Reichthum von Aegypten gewesen seyn, daß man, nachdem die Ueberreste nach der Plünderung verbrannt waren, doch davon noch allmählig über Zoo Talente Goldes und beinahe 2,Zoo Talente Silbers zusammenbrachte. Es sollen dort fin Thebäj ferner Gräber der alten Könige seyn, die an Pracht zu übertreffen den Spätern bei ähnlichen Werken unmöglich habe gelingen können. Die Priester behaupteten, in ihren Beschreibungen fänden sie 47 Königsgräber, aber bis auf Ptolemäus, Lagns Sohn, wären nur 17 übrig geblieben; diese waren zu der Zeit, da ich in jene Gegenden kam, in der hundert und achtzigsten Olympiade, größtentheils zerstört. Uebrigens erzählen das nicht blos die Aegyptischen Priester aus ihren Urkunden, sondern auch viele Griechische Reisende, die unter Ptolemäus, Lagus Sohn, nach Thebä gekommen sind, und dann die Geschichte von Aegypten beschrieben haben, namentlich Hecatäns, stimmen mit ihren Berichten überein. 79 Erstes Buch. „Von den ersten Gräbern (so erzählt man nämlich), in welchen die Kebswciber des Zens beigesetzt seyn sollen, ist 10 Stadien entfernt das Grabmal eines Königs, mit Namen Osymandyas. Am Eingänge desselben ist ein Thurm-Sän- lenthor*) von bunten Steinen gebaut» -oo Fuß lang und 45 Ellen hoch. Von da kommt man in eine steinerne viereckige Säulenhalle, deren jede Seite 4vc> Fuß lang ist. Statt der Säule» wird sie von Gestalten lebender Wesen getragen, welche >6 Ellen hoch, aus Einem Stein gehauen und nach alterthümlicher Weise gebildet sind. Die ganze Decke besteht auf eine Breite von -- Fuß aus Einem Steine, und ist mit Sternen auf blauem Grunde besäet. Auf diese Halle folgt wieder ein anderer Eingang, und ein Vorhof, der im klebrigen dem vorigen gleich ist, aber durch mancherlei eingcgra- bcne Bilder sich auszeichnet. Neben dem Eingang stehen drei Bildsäulen, von Steinen aus Syene, ganz ans Einem Stück gehauen. Die eine derselben, die in sitzender Stellung, ist die größte unter allen Bildsäulen in Aegypten; das Fußgc- flcll allein mißt über 7 Ellen. Die beiden andern, kleiner als die vorige, knieen, die eine zur Rechten, die andere zur Linken, die Tochter und die Mutter. Dieses Werk ist nicht nur wegen seiner Große merkwürdig, sondern auch mit be- wnndernswerthcr Kunst gearbeitet und von einer ausgezeichneten Steinart; denn bei der ungeheuern Größe bemerkt man doch daran durchaus keinen Riß und keinen Flecken. Es *) Ein solcher Pylon, Portal, bestand aus zwei hohen, abgekürzte«, viereckigen Pyramiden, zwischen welchen die Pforte war. 8o Divdor'ö historische Bibliothek. steht darauf die Inschrift: „Ich bin Osymandyas, der König der Könige. Will aber Jemand wissen, wie groß ich bin, und wo ich liege, der siege über eines meiner Werke." Von seiner Mutter ist noch ein anderes Bild da, welches abgesondert steht, -o Ellen hoch, aus Einem Stein, mit drei Kronen auf dem Haupte, zum Zeichen, daß sie die Tochter, die Gemahlin und die Mutter eines Königs war. Auf dieses Sänlenthor folgt ein Sänlenhof, der noch merkwürdiger ist als der vorige. Es sind darin mancherlei Darstellungen aus dem Krieg ein- gegraben, welchen jener König gegen die abgefallenen Bac- trier führte. Er zog gegen sie ans mit goo,ooo Mann Fußvolk und -0,000 Reitern; das ganze Heer bestand aus vier Abtheilungen, die alle von Söhnen des Königs befehligt waren." zg. „An der ersten Wand ist der König vorgestellt, wie er eine von einem Strom umfloffene Mauer stürmt, und sich einer feindlichen Schaar gegenüber, voran wagt, mit einem furchtbaren Löwen, der ihm streiten hilft." (Dieß erklärten Einige so, der König habe wirklich einen z-hmen Löwen gehegt, der sich mit ihm in die Schlachten wagte, und stark genug war, um die Feinde in die Flucht zu jagen. Andere erzählten, er sey außerordentlich tapfer und stolz gewesen, und habe, um sich selbst zu loben, durch das Bild des Löwen seine Geistesgröße bezeichnen wollen.) „An der zweiten Wand sind die Gefangenen, die der König mit sich führt, abgebildet, ohne männliche Glieder und ohne Hände. Das soll, wie es scheint, andeuten, daß sie keinen männlichen Muth hatten, und, wo es einen schweren Kampf galt, keine Hand rührten. Die dritte Wand enthält Bildhauerarbeiten aller 6 , Erstes Blich. Art, auch treffliche Gemälde; man fleht hier den König Stiere opfern und seinen Triumph halten nach dem Krieg. In der Mitte des Säulenkofs ist ein Altar unter freiem Himmel, aus dem schönsten Stein gebaut, äusserst künstlich und von wunderbarer Größe. Vor der letzten Wand sind zwei sitzende Bildsäulen von -7 Ellen, aus Einem Stein. Neben denselben sind drei Ausgänge aus dem Säulenhof angebracht. Sie führen zu einem auf Säulen ruhenden Gebäude, das die Gestalt eines Odeums sConcertsaalsf hat, und von welchem jede Seite -00 Fuß lang ist. Darin sind hölzerne Bildsäulen in Menge, welche Leute vorstellen, die einen Rechtsstreit haben und auf die Richter hinsehen. Diese sind an einer Wand in halberhabner Arbeit dargestellt, dreißig an der Zahl, und in ihrer Mitte der Oberlichter; an dessen Halse hängt ein Bild der Wabrheit mit geschlossenen Augen, und neben ihm liegt eine Menge von Büchern. Diese Figuren zeigen durch ihre Stellung an, daß die Richter kein Geschenk annehmen dürfen, und daß der Oberrichter nur auf die Wahrheit sehen soll." zz. „Darauf folgt ein Platz, von mancherlei Gebäude» umgeben, an denen Eßwaaren aller Art, und zwar die wohlschmeckendsten, abgebildet sind. Ausser andern eingegrabenen Bildern findet man da den König, mit lebhaften Farben gemalt, wie er der Gottheit Gold und Silber darbringt, was ihm nämlich in einem Jahre aus ganz Aegypten von den Silber- und Goldbergwerken geliefert wurde. Die Summe, die unten beigesetzt ist, beträgt nach dem Silberwerth, Zr Millionen Minen. Run folgt die heilige Bücherfammlung, welche die Aufschrift hat: „Heilanstalt für die Seele." Zunächst an Diobor. is Bdch». 6 3s Diodor's historische Bibliothek. derselben sind Bilder von allen Aegyptischen Göttern, wo wiederum der König Jedem die Geschenke bringt, die ihm gebühren; als ob er dem Oslris und den andern Todtenrichtern beweisen wollte, daß er in seinem Leben fromm und gerecht gegen Menschen und Götter gehandelt. An die Büchersammlung stößt ein vortrefflich gebauter, für zwanzig Gäste eingerichteter Saal, mit Bildern des Zeus und der Hera und auch des Königs; dort ist, wie es scheint, der König begraben. Rings umher ist eine Menge von Zimmern gebaut, welche Gemälde von allen heiligen Thieren der Aegyptcr enthalte». Durch diese Zimmer führen Stufen bis oben auf das Grab. Kommt man hinauf, so findet man auf dem Denkmal einen goldenen Kreis von 565 Ellen im Umfang und i Elle in der Dicke. Auf den einzelne» Ellen, nach welchen er eingetheilt ist, sind die Tage des Jahrs eingeschrieben; dabei ist auch der natürliche smit dem Auf- oder Untergang der Sonne gleichzeitige) Auf- und Untergang der Sterne bemerkt, und die Bedeutung und Wirkung dieser Erscheinungen nach der Aegyptischen Astrologie." Von diesem Kreis erzählte man« er sey von Eambyses und den Persern geraubt worden bei der Ervberuug von Aegypten. Nach dieser Beschreibung, die man von dem Grabmal des Königs Osymandyas gibt, scheint sich dasselbe nicht nur durch verschwenderische Pracht, sondern auch durch seinen Kunstwerth von den übrigen Werken weit auszuzeichnen. 5o. Die Thebäcr behaupten, unter allen Menschen sey ihr Stamm der älteste, und bei ihnen sey zuerst die Philosophie und eine genaue Astrologie aufgekommen. Schon die Beschaffenheit ihres Himmelsstrichs mußt? ihnen bei einer Erstes Buch. 85 sorgfältigere» Beobachtung des Auf- und Unterganges der Gestirne zu statten kommen. Sie haben eine eigenthümliche Einrichtung der Monate und Jahre. Sie zählen nämlich die Tage nicht nach dem Monde, sondern nach der Sonne; ihre Monate haben 5o Tage, und nach den i- Monaten setzen fle noch 5'/i Tage hinzu, und auf diese Art erhalten sie ein ganz vollständiges Jahr. Sie schalten keine Monate ein, und ziehen auch s bei den Monate» s nicht einzelne Tage ab, wie die Griechen meistens thun. Die Sonnen- und Mondsfinstcr- nissc scheinen sie genau beobachtet zu haben; sie sagen diese Erscheinungen auch voraus, und geben alle einzelnen, welche vorkommen werden, ohne Fehler an. Don den Nachkommen dieses Königs hieß der achte, sei- nem Vater nach, Uchorens; er erbaute Memphis, die berühmteste Stadt von Aegypten. Er wählte dazu den tauglichsten Plaz im ganzen Lande, wo sich der Nil in mehrere Arme theilt und den Landstrich bildet, der wegen seiner Gestalt das Delta heißt. Daher liegt die Stadt auch sehr bequem zu Schleusen, und beherrscht die Schiffahrt in die obere Gegend. Er gab der Stadt einen Umfang von -So Stadien, und eine außerordentliche Festigkeit erhielt sie durch folgende geschickte Einrichtung. Da der Nil an der Stadt vorbeifließt und wenn er steigt, die Gegend überschwemmt, so ließ der König gegen Mittag einen sehr großen Wall auswerfen, der als Schntzwehr gegen den anschwellenden Strom und zugleich gegen Feinde, die zu Land herkämen, als Bollwerk dienen sollte. Auf den andern Seiten ließ er rings umher ein weites und tiefes Bett für einen See graben, der den Ueberstnß des Stromes aufnahm und den ganzen Umkreis der Stadt 6 * 84 Diodor's historische Bibliothek. ausser dem Theil, wo der Wall aufgeführt war, ausfüllte; wodurch sie dann äusserst fest wurde. So glücklich hatte der Erbauer die Lage der Stadt gewählt, daß die folgenden Könige Thebä verließen, und beinahe Alle den Sitz der Regierung und ihre Wohnung dorthin verlegte». Daher fleug auch Thebä von da an zu sinken; Memphis dagegen erhob sich, bis auf die Zeit Alexanders von Macedonien. Nachdem Dieser nämlich die Stadt am Meer, die seinen Namen führt, erbaut hatte, so waren die folgenden Beherrscher von Aegyvten Alle darauf bedacht, sie empor zu bringen. Sie haben ihr, Einige durch herrliche Tempel, Andere durch Schiffszenghäu- ser und Seehäfen, Andere durch sonstige Prachtwerke und sehenswerthe Einrichtungen, einen solchen Glanz verliehen, daß man sie meistens als die erste oder die zweite Stadt der Welt betrachtet. Eine ausführliche Beschreibung derselben werden wir übrigens erst geben, wenn wir in der Zeitordnung darauf kommen. 5>. Nachdem der Erbauer von Memphis den Wall und den See angelegt, errichtete er auch Paläste, welche zwar denen in andern Ländern nicht nachstehen, aber doch nicht an die erhabene und schöne Bauart der frühern Aegyptischen Könige reichen. Die Einwohner achten nämlich das zeitliche Leben ganz gering; hingegen auf das Fortleben nach dem Tod in rühmlichem Andenken legen sie den höchsten Werth. Die Wohnungen der Lebenden heiffen sie Herbergen, um anzuzeigen , daß wir uns nur eine kurze Zeit darin aufhalten; die Gräber der Verstorbenen aber nennen sie ewige Häuser, weil sie eine grenzenlose Fortdauer derselben in der Unterwelt annehmen. Daher wenden sie auf den Bau der Häuser weniger 85 Erstes Buch. Fleiß; »m so eifriger sorgen sie aber für eine unübertreffliche Ausstattnng der Gräber. Die Stadt Memphis, behaupten Einige, sey nach der Tochter des Erbauers so genannt. Dieser soll, wie eine Fabel erzählt, der Flußgott Nil in der Gestalt eines Stiers genaht, und mit ihr den Aegypius gezeugt haben, der von den Einwohnern wegen seiner Verdienste gerühmt wird. Von ihm habe das ganze Land den Namen erhalten. Die Regierung sey nämlich auf ihn übergegangen, und als König habe er menschenfreundlich, gerecht und wirklich tugendhaft in Allem gehandelt; weil er sich nun durch seine Güte bei Jedermann sehr beliebt gemacht, so sey ihm jene Ehre zu Theil geworden. Zwölf Menschenalter später als der vorhin genannte König sUchoreuss regierte Möris in Aegypten. Er erbaute in Memphis die nördlichen Vorhallen, welche die übrigen an Pracht weit übertreffen. Zehn Scheinen*) oberhalb der Stadt legte er einen See an, ein äusserst zweckmäßiges Werk, aber von ungeheurer Ausdehnung. Denn der Umfang des Sees soll 56oo Stadien betragen, und die Tiefe an den meisten Stellen 5o Klafter. Mit Recht fragt man, um sich von -der Größe der Arbeit einen Begriff zu machen, wie viele tausend Menschen und wie viele Jahre Zeit dazu erforderlich gewesen seyn mögen. Man kaun in der Tkat die Weisheit des Königs nicht genug rühmen, dem die Einwohner von Aegypten eine für das allgemeine Beste so nützliche Anstalt verdanken. *) Ein Aegyptisches Längenmaß, dessen Größe verschieden angegeben wirb. Nach Herodot sll. 6.) betrug ein SchoinoS 6c> Sradien. 86 Diodor's historische Bibliothek. 5-. Weil der Nil nicht immer auf eine bestimmte Höbe stieg, die Fruchtbarkeit des Bodens aber nach dem Verhältniß dieser Höhe sich richtete, so sollte jener See den Ueber- fluß des Stromes aufnehmen, damit nicht bei einer größer» Wasserfülle die Ueberschwcmmung zu stark würde »nd Sümpfe und Teiche entständen, und doch auch dann, wenn der Zufluß nicht hinreichte, die Früchte nicht durch Wassermangel Schaden litten. Von dem Fluß bis zuni See führte der König einen Graben, So Stadien lang und Zoo Fuß breit; nun konnte man den Strom bald herein, bald hinweg leiten, so daß man für den Feldban gerade das rechte Maß von Wasser erhielt. Uebrigens erforderte das Auf- und Zuschließen eine sehr künstliche und kostspielige Einrichtung. Nicht weniger als 5o Talente kostete es, wenn man dieses Werk öffnen oder schließen wollte. Auch gegenwärtig noch gewährt der See den Aegyptern denselben Vortheil. Er heißt noch jetzt, zum Andenken an den König, der ihn angelegt, der See Möris. Bei dem Ausgrabc» des Bett's ließ der König in der Mitte einen Platz übrig, wo er dann ein Grabmal und zwei Pyramiden erbauen ließ, die eine für sich, die andere für seine Gemahlin, jede ein Stadium hoch; darauf stellte er steinerne Bildsäulen, auf Thronen sitzend. Denn er glaubte, durch diese Werke würde sein rühmliches Andenken unvergänglich fortdauern. Den Ertrag der Fischerei aus dem See überließ er seiner Gemahlin znr Anschaffung von Salb- öhl und sonstigem Pntzwcrk. Jeden Tag bclief sich der Erlös auf ein Silbertalent. Denn es gebe, sagt man, in dem See -2 Gattungen von Fischen, und man fange eine solche Menge, daß man, wenn gleich eine große Zahl von Menschen immer- Erstes Buch. 67 fort mit Einpöckeln beschäftigt sey, doch kaum damit fertig wer« den könne. Dieß ist es, was die Aegyptcr von Möris erzählen. 5 ;. Sieben Menschenalter jünger ist nach ihrer Angabe der König Sesoosis sSesostriss, welcher größere und herrlichere Thaten, als die frühern Alle, verrichtet haben soll. Ueber diesen König lauten übrigens nicht nur die Nachrichten der Griechischen Geschichtschreiber verschieden, sondern auch Das stimmt nicht iibercin, was in Aegypten selbst die Priester von ihm erzählen, und Die, welche ihn in Gesängen preisen,. Wir werden daher nur Das wieder geben, was am glaublich' sten ist und den noch im Lande vorhandenen Denkmälern am besten entspricht. Bei der Geburt des Sesoosis faßte sein Vater einen edeln, wahrhaft königlichen Entschluß. Er ließ die an demselben Tage gebvrnen Knaben aus ganz Aegypten zusammenbringen, stellte Wärter und Aufseher au, und bestimmte für Alle dieselbe Erziehung und denselben Unterricht. Denn er glaubte, wenn sie durch die vertrauteste Gemeinschaft von Jugend auf einander gleichgestellt wären, so würden sie die besten Freunde und im Kriege die tapfersten Kampfgenossen werden. Er sparte keine Kosten, um die Knaben durch beständige Leibesübung und durch Abhärtung zu bilden. Es durfte Keiner Speise zu sich nehmen, ehe er 180 Stadien weit gelaufen war. So in den edelsten Beschäftigungen erzogen, hatten sie dann als Männer sämmtlich die Körperstärke des Fechters und die Geisteskraft und Beharrlichkeit des Herrschers sich zu eigen gemacht. Zuerst wurde Sesoosis von seinem Vater mit einem Heere nach Arabien geschickt, wohin auch seine Jugendfreunde mit ihm zogen; er übte sich durch die Jagd und gewöhnte sich an Wassermangel und kärgliche Nah- 88 Diodor's historische Bibliothek. rung; und nun unterwarf er diese ganze Völkerschaft, die bis auf jene Zeit unbezwinglich geblieben war. Darauf wurde er in die westlichen Gegenden gesandt, und brachte den größten Theil von Libyen iu seine Gewalt, während er noch im ersten Jünglingsalter stand. Nach seines Vaters Tod übernahm er die Regierung, und stolz auf die Thaten, die er schon vollbracht, nahm er sich vor, die Welt zu erobern. Einige behaupten, Las Streben nach der Allherrschaft sey durch seine Tochter in ihm geweckt worden. Diese härte nach der Einen Nachricht so ausgezeichnete Einsichten gehabt, daß sie ihrem Vater beweisen konnte, das Unternehmen würde leicht gelingen; nach den Andern wäre ihr dabei die Wahrsagerkunst zu statten gekommen, indem sie die Zukunft aus den Opfern und aus nächtlichen Gesichten im Tempel, auch aus Zeichen am Himmel erkannt hätte. Einige Schriftsteller führen als Erklärungsgrund einen Traum an, den bei der Geburt des Sesoosis dessen Vater gehabt; Diesem soll Hephä- stos erschienen seyn und ihm gesagt haben, das ncugeborne Kind würbe die ganze Welt bezwingen. Deßwegen hätte nun der Vater die Knaben von gleichem Alter holen und ihnen eine königliche Erziehung geben lassen, um sogleich für die Eroberung der Welt die erste Vorbereirung zu treffen. Der Sohn hätte dann, so bald er erwachsen war, im Vertrauen auf die Dorhersagung eines Gottes jenen Heereszng begonnen. 5z. Um seinen Zweck zu erreichen, suchte er sich zuerst die Zuneigung aller Aegvptcr zu erwerben; denn er mußte, wenn sein Unternehmen ausgeführt werden sollte, versichert seyn, daß Die, welche mit ihm zögen, für ihre Anführer zu sterben bereit wären, und Die im Vaterlands zurückbliebcn, Erstes Buch. 3g keine Unruhen anfangen wurden. Daher wollte er Alle auf jede mögliche Art verbinden; Einige gewann er durch Geschenke an Geld, Andere durch Ausrheilung von Lände,eien, Andere durch Vrlassung von Strafen; Alle aber zog er durch seine Leutseligkeit und freundliche Begegnung an sich. Die wegen eines Vergehens gegen den König Angeklagte» ließ er sämmtlich ungestraft, und den wegen Geldforderungen Verhafteten, deren eine große Zahl in den Gefängnissen war, schenkte er die Schuld. Das ganze Land theilte er in 56 Bezirke, welche die Aegypter Nomen nennen; über jeden derselben setzte er einen Nomarchen, der die Erhebung der Staatseinkünfte und die ganze Verwaltung in seinem Bezirk Zu besorgen hakte. Auch unter diesen Männern wählte er sich die Stärksten aus, und brachte ein Heer zusammen, das seinem großen Zwecke angemessen war. Es bestand aus 600,000 Mann Zu Fuß, 24,000 Reitern und -7,000 Streitwagen. Zu Anführern der einzelnen Schnarrn machte er seine Jugendfreunde, die bereits im Krieg bewährten Kämpfer, die an ein edles Streben von Kindheit an gewöhnt, und durch brüderliche Liebe mit dem König und untereinander selbst verbunden waren; es waren zusammen über >700. Unter alle die bisher Genannten vertheilte er Ländereicn in der besten Gegend, damit sie ein hinreichendes Einkommen und dlirchaus keinen Mangel hätten, und daher um so eifriger dem Kriege sich widmeten. 55 . Nachdem die Heeresmacht gerüstet war, zog er zuerst südwärts gegen die Aekhiopier. Er eroberte das Land und zwang das Volk zu einer Abgabe in Ebenholz, Gold und Elfenbein. Darauf ließ er in das rothe Meer eine Flotte 9« Diodor's historische Bibliothek. von -oo Schaffen auskaufen» die ersten größeren Fahrzeuge, die in Aegypken gebaut waren. Er nabm die Inseln i» jenen Gegenden, und unterwarf sich die Küstenländer bis gegen Indien. Er selbst machte mit seinem Heere den Zug zu Lande» und bezwäng ganz Asien. Denn er besetzte nicht blos die Länder, welche später Alexander von Macedonien inue hatte, sondern auch die Gebiete einiger Völker, bis zu welchen Dieser nicht vordrang. Er ging über den Fluß Ganges, und nahm ganz Indien in Besitz bis an den Ocean, und die Scyrhischen Gcbiere bis zum Fluß Tanais sDonj, welcher Europa von Anen scheidet. Dort, sagt man, seyen einige Aegypter am Mäorischen See zurückgeblieben, von welche» das Volk der Solcher herkomme. Daß nämlich dieß eiu Aegypti'cher Stamm sey, beweise die Sitte der Bcschneiduug, welche ste mit den Aegyptrrn gemein haben, und die sich unter diesem Pilanzvolke ebenso, wie bei den Juden, erhalte» habe. Auch das übrige Asien brachte Sesooffs auf gleicht Weise ganz unter seine Herrschaft, wie auch die meiste» der Cycladischen In,eln. Nun ging er nach Europa hinüber, und durchzog ganz Thracier,; dort wäre aber bei dem Mangel an Lebensrnitteln und bei der ungünstigen Beschaffenheit der Gegend sein Heer beinahe aufgerieben worden. Daher setzte er semem Zug in Thracier» eine Grenze. In den eroberten Ländern ließ er an vielen Orten Deuksäuleu errichten, worauf mit den sogenannten heiligen Buchstaben der Aegypter geschrieben war: „Dieses Land hat mit seinen Waffen bezwungen der König der Könige und Herr der Herren, Sesvosis." Auf den Säulen ließ er bei streitbaren Völkern das männliche, bei schwachen und feigen aber das weid- Erstes Buch. 9 * liebe Glied abbilden; die unterscheidenden Theile des Körpers, glaubte er, würden für die Nachwelt das deutlichste Kenn,eichen der geistigen Eigenthümlichkeit seyn. An einigen Orten stellte er auch sein eigenes Bild auf, aus Stein gehauen, mit Bogen und Lanze, vier Handbreiten über 4 Ellen doch, so groß war er nämlich selbst. Die Ueberwundenen behandelte er alle mit Milde. Nachdem er seinen Zug in neun Jahren vollendet, sehte er den Völkern nach dem Maß ihrer Kräfte die Abgabe» an, welche sie jährlich nach Aegypten liefern sollten; dann kehrte er mit den Gefangenen und der Beute, wovon er eine unermeßliche Menge beisammen hatte, in's Vaterland zurück. Er hatte größere Thaten als alle seine Vorgänger gethan. Die sämmtlichen Tempel in Aegypten schmückte er mit prächtigen Weihgescheuken und Siegeszeichen. Die Soldaten, die sich hervorgethan hatten, erhielten Ehren- belohnunge» nach Verdienst. Uebrigens hatte sich auf diesem Zuge nicht blos das Heer, das sich so tapfer gehalten hatte und mit Ruhm bedeckt heimkehrte, große Reichthümer erworben, sondern für ganz Aegypten gingen daraus vielfache wohlthätige Folgen hervor. 56. Scsoosis vergönnte nun dem Volk Erholung von den Kriegsarbeiten, und ließ seine tapfern Mitstreiter die erworbenen Güter in Ruhe genießen. Unterdessen führte der ehrbegierige, nach ewigem Ruhme strebende Mann große Werke aus, an welchen die Kunst so sehr als die Pracht zu bewundern war; während er sich selbst dadurch einen unsterblichen Namen machte, schaffte er den Aegyptcrn für alle Zeiten Sicherheit und Ruhe. Zuerst baute er (denn bei den Göttern wollte er anfangen) in jeder Stadt von Aegypten 92 Diodor's historische Bibliothek. einen Tempel für den Gott, welcher da gerade vorzüglich verehrt wurde. Zu den Arbeiten gebrauchte er aber keine» Asgypter, sondern Alles brachte er blos durch die Gefangenen zu Stande. Daher ließ er an alle Tempel anschreibe», es habe kein Eingeborner daran gearbrilet. Von den Gefangenen, die der König aus Babylonien mitgebracht, erzählt man, sie haben sich empört, weil sie die Beschwerden jener Arbeiten nicht ertragen konnten, und sich dann eines festen Platzes am Fluß bemächtigt, gegen die Aegypter sich gewehrt, und die umliegende Gegend verwüstet; endlich, nachdem man ihnen Straflosigkeit gewährt, haben sie sich dort angesiedelt, lind den Ort nach ihrer Vaterstadt Babylon genannt. A»f ähnliche Weise erklärt man den Ursprung und die Benennung der noch jetzt vorhandenen Stadt Troja am Nil. Mene- laus, sagt man, habe auf der Rückfahrt von Zlios mit viele» Gefangenen in Aegypten gelandet, wo sich dann die Trojer gegen ihn aufgelehnt, und von einem Play aus, wo sie sich festgesetzt, so lange gewehrt haben, bis ihnen Freiheit zugestand-» worden sey , daß chic eine Stadt erbauen konnten, der sie nun den Namen ihrer Vaterstadt gaben. Ich weiß wohl, daß von der Entstehung dieser Städte Ktesias von Cuidos eine andere Nachricht gibt, nach welcher die Erbauer derselbe» mit Semiramis nach Aegypten gekommen wären, die Benennungen übrigens auch von ihren heimischen Städten entlehnt hätten. Indessen ist bei solchen Dingen nicht leicht die Wahrheit sicher ausznmitteln; aber die widersprechenden Berichte der Schriftsteller aufzuzeichnen darf man nicht versäumen, damit dem Leser die eigene zuvcrläßige Entscheidung unbenommen bleibt. Erstes Bnch. 57. Sesoosis ließ ferner viele große Hügel auswerft, auf welche.er dann die Städte, die nicht von Anfang Kon auf einem erhöhten Grand erbaut waren, verpflanzte, damit bei den Ueberschwemmunge» Menschen und Vieh sichere Zufluchtsörter hätten. In der ganzen Gegend vo-i Mewphis bis an's Meer führte er vom Flusse aus zahlreiche Canäle, damit die Früchte schneller und leichter hergeführt werden könnten, und damit durch wechselseitigen Verkehr an allen Orten der Wohlstand der Einwohner erhöht, und Genusse jeder Art i» reichem Maße bereitet würden. Der wichtigste Gewinn ist aber der Schutz gegen feindliche Einfälle, denen dadurch ein Hinderniß in den Weg gelegt ist. Statt daß nämlich früher die herrlichste Gegend von Acgypten jedem Angriff von Rossen und Wagen beinahe ganz blosgestcllt war, ist von jener Zeit an durch die Menge der mit dem Fluß verbundenen Canäle das Eindringen sehr erschwert. Die östliche Seite von Aegypecn schützte der König gegen die Einfälle von Syrien und Arabien her durch eine Mauer, die er von Pelustum bis Heliopolis, durch die Wüste, führte, i 5 oo Stadien laug. Er ließ ein Fahrzeug aus Cederuholz bauen, - 8 o Ellen lang, an der äussern Obe> fläche vergoldet und innen versilbert; er weihte es dem Gott, welcher in Thebä vorzüglich verehrt wird. Auf zwei Obelisken aus hartem Stein, welche Ellen hoch waren, setzte er eine Inschrift, worin die Größe seines Gebiets, die Summe der Einkünfte und die Zahl der überwundenen Völker angegeben war. Im Tempel des Hephästos zu Mempkis stellte er aus Einem Stein gehauene 5 o Ellen hohe Bildsäulen von sich und seiner Gemahlin und -0 Ellen hohe von seinen Kindern Divdvr'ö historische Bibliothek. a«, zum Andenken an folgende Begebenheit. Da Sesvosis, von großen Zuge nach Aegypten zurückkehrend, sich i» Pelust»---, aufhielt, lud sein Bruder, der ihm nach dem Lebe» trachtete, ihn mit seiner Gemahlin und seinen Kindern zu einem Gastmal. Bei Nacht, als sie Alle trunken waren und schliefen, häufte er rings um das Zelt dürres Schilfrohr auf, das er schon lauge bereit hatte, und zündete es an. Das Feuer loderte schnell auf, und Die zur Bedienung des Königs bestellt waren, leisteten schlechte Hülse; denn sie waren noch berauscht. Sesvosis flehte mit aufgehabenen Händen zu de» Göttern um die Rettung seiner Kinder und seiner Gemahlin, und schlug sich durch die Flammen durch. Für diese wunderbare Errettung bezeugte er durch die vorhin genannten Weih- geschenke seinen Dank gegen die Götter, besonders aber gegen Hephästos, weil ihm durch ihn gerade die Rettung widerfahren war. 58. Unter den vielen Zeiche», wodurch Sesvosis seine Größe ankündigte, ist wohl das auffallendste die Art, wie er aus seinen Reise» die Statthalter behandelte. Diejenigen Könige eroberter Länder, die er im Besitz ihrer Würde gelassen hatte, »nd die Statthalter der übrigen größeren Gebiete mußten zu bestimmten Zeiten nach Aegypren kommen, um Geschenke zu bringen; hier empfing sie der König sehr ehrenvoll, und zeichnete sie namentlich weit vor allen Andern aus. Wenn er hingegen in einen.Tempel oder eine Stadt einziehen wollte, so ließ er die vier Pferde an seinem Wagen ausspannen, und an ihrer Stelle mußten vier von de» Königen oder den ander» Gebietern unter das Joch trete». Dadurch meinte er es Jedermann anschaulich zu machen, er Erstes Buch. g5 habe die Edelsten, welche vor allen Andern die entschiedensten Vorzüge haben, überwunden, seine eigenen Vorzüge aber seyen so hoch, daß mit ihm gar Niemand in Vergleichung kommen könne. Dieser König scheint es wirklich allen Machthabern, die je gelebt, in Kriegsthaten zuvorgethan, und die größten und zahlreichsten Kunstwerke und Denkmäler in Ae- gppten gestiftet zu haben. Nach einer ZZjährigcn Regierung enoigte er sein Leben freiwillig, weil er das Gesicht verloren hatte. Diese That wurde nicht blos von den Priestern, sondern auch von den übrigen Aegyptern bewundert als ein würdiger Schluß eines an großen Thaten so reichen Lebens. Wie fest gegründet der Ruhm des Königs war für alle Zukunft, erhellt aus einem Vorfall, der sich viele Menschenalter später zutrug, nachdem Aegypten unter die Herrschaft der Perser gekommen war. Darius, der Vater des Lcrres, wollte in Mcmphis sein eigenes Bild vor das des Sescosis stellen lassen; allein, da dieses Ansinnen an die Versammlung der Priester gebracht wurde, so widersprach der Oberpriester, mit der Erklärung, Darius habe sich durch seine Thaten noch nicht über den Sesoosis erhoben; und der König, statt zu zürnen, vielmehr über die Freimüthigkeit sich freuend, erwiederte, er werde sich bestreben, in keinem Stücke hinter Se- sovsis zurück zu bleiben, wofern er eben so lang lebe; man solle nur die Thaten vergleichen, welche sie Beide in demselben Lebensalter verrichtet; denn Das sey der sicherste Maßstab für die Thatkraft. Von. Sesoosis mag nun genug erzählt seyn. Sg. Von seinem Sohne, der ihm in der Regierung folgte, und auch den Namcu des Vaters annahm, läßt sich gss Diodor's historische Bibliothek. keine einzige Kriegsthat noch sonst eine denkwürdige Unternehmung berichten, sondern blos ein Ungluckstall eigener Art. Er wurde des Gesichts beraubt, entweder, weil er dazu die gleiche Anlage, wie sein Vater hatte, oder, wie eine Fabel sagt, zur Strafe für die Enthcilignng LeS Flusses, weil er einen Speer in das Wasser geworfen. Er sah sich genöthigt, in seinem Unglück zur Hülfe der Götter seine Zuflucht zu nehmen; lange Zeit suchte er durch zahlreiche Opler und Gaben die Gottheit zu versöhnen, fand aber keine Erhörnng. Im zehnten Jahr endlich erhielt er eine Weissagung, welche ihn anwies, den Gott in Heliopolis zu verehren, und mit dem Wasser eines Weibes, die ihrem Manne nicht untreu geworden, das Gesicht zu wasche». Er machte den Versuch mit dem Wasser von vielen Frauen, zuerst von seiner eigenen; allein er land, daß keine tren geblieben war ausser einer Gärtnersfrau, die er dann, nachdem er gchcilt war, zur Ehe nahm. Dem Gott in Heliopolis weihte er zum Dank für diese Wohlthat, dem Orakel gemäß, zwei Obelisken aus Einem Stein, 8 Ellen breit und 100 Ellen hoch. 60. Auf diesen König folgte eine lange Reihe von Herrschern, welche nichts thaten, was der Aufzeichnung werth wäre. Viele Menschenalter später regierte der König Ama- sis, der sich Gewaltthätigkeiten gegen das Volk erlaubte. Er strafte Viele unschuldig, beraubte Manche ihres Vermögens , und begegnete überhaupt Jedermann mit Stolz und Verachtung. Eine Zeit lang ertrugen das die Bedrückten, weil ste auf keine Weise gegen die Uebermacht sich wehren konnten. Als aber der Aeehiopilche König Akrisanes gegen ihn zu Felde zog, da fand der Haß Gelegenheit, sich zn Erstes Buch. 97 äußern, und die Meisten wurde« abtrünnig. Daher war er leicht überwunden, und nun siel Aegypten unter die Herrschaft der Aethiopier. Indessen überhob sich Aktisanes seines Glückes nicht, sondern behandelte die Besiegten mit Milde. So verfuhr er auch gegen die Räuber auf eine eigene Weise; er wollte die Schuldigen nicht tödten, und doch auch nicht ganz ungestraft lassen. Er ließ nämlich aus dem ganzen Lande die Angeklagten herbeiführen, und untersuchte ihre Sache auf's gewissenhafteste; den Schuldigbefundenen ließ er dann Allen zusammen die Nasen abschneiden, und verwies sie an den entferntesten Ort in der Wüste. Die Stadt, die er dort für sie gründete, erhielt zum Andenken an diese Strafe ihrer Einwohner den Namen Rhinocolura. Sie liegt an der Grenze von Aegypten und Syrien, nicht weit von der Küste, die sich dort hinzieht, und hat beinahe völligen Mangel an Lebensbedürfnissen. Denn die umliegende Gegend hat einen durchaus salzigen Boden, und innerhalb der Stadt gibt es nur wenig, und zwar verdorbenes und ganz bitter schmek- kendes Wasser in Brunnen. Durch die Anstedlung der Verbrecher an diesem Orte sollte verhütet werden, daß sie nicht ihre vorige Lebensart fortsetzen und das Glück der rechtlichen Bürger stören, aber anch, daß sie nicht unbemerkt unter der Menge sich verlieren^ könnten. Aber, wenn gleich in eine Wüste, wo es fast an allen Bedürfnissen fehlt, hinausgestoßen, wußten sie dennoch auf eine ihrer Armuth entsprechende Weise sich zu nähren; denn die Natur zwingt den Menschen, gegen den Hunger auf alle möglichen Mittel zu sinnen. Daö Schilfrohr, das in der Nähe wächst, schnitten sie ab und spalteten es, flochten daraus lange Netze, und spannten sie am Ufer Diodor. >t Bdchn. ? <)8 Divdor's historische Bibliothek. auf eine Strecke von vielen Stadien aus, um darin die Wachteln zu fangen, die in großen Schaaren über das Meer her- fiiegen; so verschafften sie sich durch Vvgelstellen einen hinreichenden Vorrath von Lebcnsmitteln. 6,. Nach dem Tode dieses Königs machte» sich die Ae- gypter wieder unabhängig, und wählten^ einen einheimischen König, Mendes, welchen Einige auch Marrhus nennen. Er verrichtete nicht die geringste KriegLthat, erbaute sich aber ei» Grabmal, das Labyrinth genannt, das nicht sowohl seiner Größe wegen Bewunderung verdient, als wegen der künstlichen, schwer nachzubildenden Einrichtung. Man findet nämlich, wenn man hineingeht, nicht leicht mehr den Ansgang, wofern man nicht einen ganz erfahrenen Wegweiser hat. Einige behaupten, Dadalns sey nach Aegypten gekommen, und habe mit Verwunderung den künstlichen Ban betrachtet; darauf habe er dem König Minos von Creta ein dem Aegyptischen ähnliches Labyrinth errichtet, in welchem sich nach der Fabel der sogenannte Minotaurus aufhielt. Das Crctische ist völlig verschwunden, sey es nun, daß es vxn einem Herrscher niedergerissen, oder Saß es durch die Länge der Zeit zerstört wurde; das Aegyptische aber ist in seiner ganzen Ausdehnung unversehrt erhalten bis auf unsere Zeiten. 6-. Nach dieses Königs Tode hatte das Volk kein Oberhaupt fünf Menschenalter durch. Darauf wurde ein König ans niedrigem Stande gewählt, den die Aegypter Ketes nennen. Bei den Griechen wird er für den Protons gehalten, der zur Zeit des Trojanischen Krieges lebte. Wenn von Diesem die Sage erzählt, er sey der Winde kundig gewe- Erstes Buch. ge) sen, und habe seine Gestatt verändert und sich bald in Thiere, bald in Baume, oder in Feuer, oder in etwas Anderes verwandelt; so stimmen damit die Nachrichten überein, welche die Priester von jenem König geben. Er habe, sagen sie, durch seinen beständigen Umgang mit den Sterndeutern jene Kenntnisse sich erworben; die Fabeln der Griechen aber von den Veränderungen seiner Gestalt haben ihren Grund in einer alten Sitte der Könige; die Beherrscher von Aegypten seyen nämlich gewohnt, Gesichter von Löwen, Stieren, Drachen über den Kopf zu hängen, als Sinnbilder der Gewalt, und auf dem Kopfe bald Bäume, bald Feuer, zuweilen auch vielerlei duftendes Rauchwerk zu tragen, damit wollen sie sich ein würdiges Ansehen geben, und bei Andern Staunen »nd abergläubige Furcht erregen. Dem Proteus folgte in der Regierung sein Sohn Remphis, der seine ganze Lebenszeit der Sorge für seine Einkünfte widmete, und überallher Schätze zusammenraffte. Seine niedrige Denkart und seine Geldgier ließ ihn weder zur Ehre der Götter noch zum Besten der Menschen irgend Etwas aufwenden. Er war also kein König, sondern blos ein guter Haushalter, und statt des Ruhms seiner Verdienste hinterließ er größere Reichthümer als irgend einer seiner Vorgänger. Er soll an Silber und Gold gegen zoo,ooo Talente zusammen gebracht haben. 63. Auf ihn folgte während einer Zeit von sieben Menschenaltern eine Reihe ganz unthätiger Könige, die sich blos- dem Vergnügen und der Wohllust überließen. Daher ist in den heiligen Urkunden weder die Ausführung eines kostspieligen Werkes noch sonst eine denkwürdige That von ihnen aufgezeichnet, ausser von dem einzigen Nileus. Dieser ist roo Diodor's historische Bibliothek. es, von dem der Fluß, der vorher Aegyptus hieß, den Namen Nil erhalten hat. Er führte sehr viele zweckmäßige Canäle, und war eifrig bemüht, die Vortheile, welche der Nil gewährt, noch zu vermehren; das gab die Veranlassung zur Benennung des Flusses. Der achte König war Chem- bes von Memphis, welcher 5 c» Jahre regierte. Er erbaute die größte der drei Pyramiden, die zu den sieben merkwürdigsten Werken gerechnet werden. Man findet sie gegen Libyen hin, »-c» Stadien von Memphis entfernt, und -5 »om Nil. Der Anblick der großen Massen und der kunstreichen Arbeit erregt Staunen und Bewunderung. Die größte Pyramide ist vierseitig, und jede Seite der Grundfläche mißt 700 Fuß; die Höhe aber beträgt über 600 Fuß. Die Seitenflächen werden nach und nach immer schmäler bis zum Gipfel, wo jede noch K Ellen breit ist. Das ganze Gebäude ist von hartem Stein, der schwer zu behauen ist, aber eine ewige Dauer hat. Denn nicht weniger als »00c, (nach einigen Schrifstellern sogar über 5 -oo) Jahre solle» (seit der Entstehung desselben^ bis auf unsere Zeiten verflossen seyn, und doch haben sich diese Steine bis jetzt in ihrer ursprünglichen Zu- sammenfügung und der ganze Bau unverwittert erhalten. Die Steine, sagt mau, seyen aus weiter Entfernung von Arabien hergebracht, und der Bau durch Dämme ausgeführt worden, weil damals noch keine Hebewerkzeuge erfunden waren. Und was das Wunderbarste ist, auf dem Platz, wo ein so ungeheures Werk erbaut ist, findet man rings umher lauter sän- digen Boden, und keine Spur mehr weder von dem Damm noch vom Behauen der Steine; so daß man glauben sollte, es wäre nicht durch Menschenarbeit nach und nach entstanden, Ivl Erstes Buch. sondern die ganze Masse wäre schon fertig von einem Gott in die Sandebene gesetzt worden. Die Aegypter suchen Das zum Theil durch die Wunder-Erzählung zu erklären, die Dämme haben aus Salz und Salpeter bestanden, und bei einer Ueberschwemmung sich aufgelöst im Strom; so seyen sie ganz verschwunden; und nur das Hauptgebäude sey stehe» geblieben. So verhält es sich aber in der That nicht; vielmehr ist durch dieselbe Menge von Menschenhände», wodurch die Dämme aufgeworfen waren, das ganze Gerüst wieder abgetragen und der Platz aufgeräumt worden Es sollen b8o,ooo Menschen mit den Frohnarbeiten beschäftigt gewesen, und das ganze Werk kaum im Laufe von zwanzig Jahren vollendet worden seyn. Kz. Nach dem Tode dieses Königs kam sein Bruder Kephreu auf den Thron; er regierte 56 Jahre. Nach Andern wäre der Nachfolger nicht eur Bruder, sondern ein Sohn des Vorigen gewesen, NameiMC h a b r y s. Darin aber stimmen alle Nachrichten »herein, daß er, seinem Vorgänger nacheifernd, die zweite Pyramide erbaut hat, die zwar ebenso kunstvoll gebaut ist wie die erste, abK weit nicht so groß, indem jede Seite der Grundfläche nur ein Stadium beträgt. Auf der größeren ist aufgeschrieben, was der Unterhalt der Arbeiter gekostet hat (was z. B. für Gemüse und Rettige ausgegeben worden). Nach dieser Angabe hätte der ganze Aufwand über 1600 Talente betragen. Die kleinere Pyramide hat keine Inschrift. Auf einer Seite derselben ist eine Treppe eingchauen, daß man hinaufsteigen kann. Die Könige hatten sich die Pyramiden zu Grabmälern erbaut, und doch sollte Keiner von Beiden darin begraben werden. Dem Volke io2 Diodor's historische Bibliothek. waren nämlich wegen der höchst beschwerlichen Arbeit und wegen vieler Grausamkeiten und Bedrückungen diese Könige so verhaßt, daß es drohte, mit Hohn die Leichen aus den Gräbern heraus zu reisten und zu zerfleischen. Daher gaben Beide vor ihrem Tode ihren Angehörigen den Befehl, sie an einem unbekannten Ort in der Stille zu begraben. Auf diese Könige folgte Mycerinus (Einige nennen ibn Mecherinus). ein Sohn von dem Erbauer der ersten Pyramide. Er entschloß sich, eine dritte zu errichten, starb aber, noch ehe das Werk vollendet war. Jede Seite der Grundfläche machte er Zoo Fuß langt die Seitenwände ließ er bis zur fünfzehnten Reihe aus schwarzem Stein aufführen, der dem Thebaischen gleicht; was noch fehlte, wurde dann mit der Steinart ergänzt, die man zu den andern Pyramiden gebraucht hatte. Steht gleich dieses Werk an Größe den beiden andern nach, so zeichnet es sich doch durch einen viel künstlicheren Bau und durch eine kostbare Steinart aus. Auf der nördlichen Seite ist der Name des Erbauers Mycerinus eingeschrieben. Dieser König, sagt man, habe die Grausamkeit seiner Vorgänger verabscheut, und sich bemüht, Jedermann freundlich zu begegnen, und der Wohlthäter seiner Unterthanen zu werde». Er habe sich immer auf alle mögliche Weise die Zuneigung des Volks zu erwerben gesucht, und unter anderem bei öffentlichen Gerichten große Summen zu Geschenken an rechtschaffene Leute verwendet, von denen man geglaubt, sie hätten im Rechtsstreit nicht den Bescheid erhalten, den sie verdient. Es gibt noch drei andere Pyramiden, deren Seiten 200 Fuß lang sind. In der ganzen Bauart sind sie den vorigen gleich, mir nicht in der Größe. Die vorhin genannten drei Könige Erstes Buch. ivZ sollen sie für ihre Gemahlinnen erbaut haben. Diese Werke sind unstreitig die ausgezeichnetsten in ganz Aegypten, man mag auf den Umfang der Gebäude und die Kosten, oder auf die Geschicklichkeit der Künstler Rücksicht nehmen. Und man glaubt, die Baumeister verdienen sogar noch mehr Bewunderung als die Könige, welche die Kosten dazu gegeben haben; denn Jene haben durch eigene Geisteskraft und rühmliche Anstrengung, Diese nur durch ererbten Reichthum und durch die Mühe Anderer znr Vollendung der Arbeit mitgewirkt. Ueber die Pyramiden findet man übrigens bei den Eingebor- nen sowohl als bei den Geschichtschreibern durchaus keine übereinstimmenden Nachrichten. Denn Einige behaupten, sie seyen von jenen drei Königen, Andere, sie seyen von Andern gebaut. Man läßt z. B. die größte von Armäus errichtet seyn, die zweite von Amasis, die dritte von Jn aro. Nach Einigen wäre die letztere das Grabmal einer Hetäre Rhodopis, das einige Nomarchen, ihre Liebhaber, auf gemeinschaftliche Kosten errichtet hätten, um sich ihrer Gunst zu versichern. 65. Nach den vorerwähnten Königen kam Bocchoris zur Regierung. Sein Aeuffercs war ganz unansehnlich; aber an Scharfsinn und Einsichten übertraf er seine Vorgänger weit. Lange Zeit nachher wurde Sabako König von Ae- gypteu, ein geborner Aethivpier, übrigens viel frömmer und rechtschaffener als die frühern. Als ein Beweis seiner Milde mag es gelten, daß er unter den vom Gesetz bestimmten Strafen die härteste abschaffte, die Todesstrafe. Statt den Verurtheilten. das Leben zu nehnicn, legte er sle in Ketten und hielt sie zu Frvhndiensten für die Städte an. Durch solche Leute ließ er viele Dämme auswerfen, auch manche io4 Diodor's historische Bibliothek. Canäle an schicklichen Stellen graben. Er glaubte, auf diese Art das grausame Verfahren gegen die Schuldigen gemildert, und an die Stelle zweckloser Strafen einen wichtigen Gewinn für die Städte gesetzt zu haben. Seine ausgezeichnete Frömmigkeit kann man aus seinem Traumgesicht erkennen und aus seinem Entschluß, die Regierung nieder zu legen. Er hatte im Traum eine Erscheinung von dem Gott von Thebä, welcher ihm sagte, er würde in Acgypte» nicht glücklich und nicht lange regieren können, wenn er nicht die Priester alle zerhaue» ließe, und mit seinem Gefolge mitten durch sie hin wandelte Als die Erscheinung öfter wiederkehrte, so ließ er überallher die Priester zusammenkommen, und sagte ihnen, er würde diesen Gott beleidigen, wenn er im Lande bliebe; denn sonst hätte er ihm gewiß nicht einen solchen Befehl im Traum gegeben; lieber wolle er, rein von jeder Schuld, zurücktreten und sein Leben dem Verhängniß opfern, als den Herrn beleidigen und mit ruchlosem Mord sei» Leben beflecken, um über Aegypten zu herrschen. Er trat also endlich den Eingcbornen die Regierung wieder ab, und kehrte nach Ae- thivpien zurück. 66. Aegypten blieb hierauf zwei Jahre lang ohne Oberhaupt; das Volk fing Unruhen an, und die Bürger mordeten einander. Nun verschworen sich zusammen zwölf der Mächtigsten unter den Großen. Sie hielten eine Versammlung zu Memxhis, verbanden sich durch einen Vertrag zu gegenseitiger Freundschaft und Treue, und erklärten sich als Könige. Fünfzehn Jahre regierten fle den eidlichen Versprechungen gemäß und blieben einig unter einander. Sie entschlossen sich, ein gemeinsames Grabmal für Alle zu erbauen, Erstes Buch. io5 damit, wie fle im Leben durch Freundschaft und gleiche Würde vereinigt gewesen, so auch nach ihrem Tode Eine Gruft ihre Leichen umschlösse, und daS Denkmal den gemeinschaftlichen Ruhm der Erbauer die da begraben lägen, verkündigte. Es sollte etwas Größeres werden als alle Werke ihrer Vorgänger. Sie wählten dazu einen Platz bei der Einfahrt in den See Möris in Libyen. Das Grabmal wurde aus den schönsten Steinen gebaut. Es erhielt von unten die Gestalt eines Vierecks, dessen jede Seite ein Stadium maß. 2» Bildhauer- Arbeit und andern Verzierungen konnte unmöglich von deu Nachfolgern mehr geleistet werden. Innerhalb der Ringmauer war eine Halle gebaut, deren jede Seite aus zc> Säulen bestand. Die Decke war aus Einem Stein, mit künstlich ansgemeiseltem Getäfel und verschiedenen bunten Gemälden. Es waren Denkwürdigkeiten aus der Heimath der einzelnen KönigeZ uud Darstellungen der dortigen Heiligthümer und Opfer in den schönsten Gemälden, mit vieler Kunst ausgeführt. Ueberhaupt, sagt man, haben die Könige das Denk- mal'mit so viel Kosten und nach einem so großen Maßstabe angelegt, daß sie, wenn sie nicht noch vor der Vollendung dcS Gebäudes gestürzt worden wären, ein unübertreffliches Werk zu Stande gebracht hätten. Nachdem sie fünfzehn Jahre lang über Aegyptcn regiert hatten, so ging die Herrschaft auf Einen über. Die Veranlassung war diese: Psamme- tich von Sa>s, Einer der zwölf Könige, dessen Gebiet am Meer gelegen war, sorgte allen Kaufleuten für Schiffsladungen, besonders den Phöniciern und den Griechen. Indem er auf diese Art die Erzeugnisse seiner Heimath vortheilhaft absetzte, und den Griechen dagegen die Erzeugnisse ihres io6 Diodor's historische Bibliothek. Landes abnahm, erwarb er sich nicht nur große Reichthümer, sondern zugleich die Freundschaft ganzer Völker und ihrer Beherrscher. Eben darum aber sollen die andern Könige aus Mißgunst Krieg mit ihm angefangen haben. Dagegen erzählen einige alte Schriftsteller die Fabel, ein Orakel habe den Fürsten gesagt, Wer von ihnen zuerst aus einer ehernen Schale dem Gott i» Memphis daö Trankopfer weihte, der sollte Herr von ganz Aegypten werden ; nun habe Psamme- tich, da ein Priester aus dem Tempel zwölf goldene Schalen brachte, seinen Helm abgenommen und daraus den Trank geopfert.; seinen Mitkönigen sey Das verdächtig gewesen; doch haben sie ihn lieber verbannen als tödten wollen, und ihm in den sumpfigen Gegenden am Meer seinen Aufenthalt angewiesen. Sey es nun, daß der Zwist auf diese Art entstanden, oder daß, wie gesagt, Mißgunst die Veranlassung war; genug, Psammetich ließ Miethsoldaten aus Arabien, Carie« und Jvnien kommen, und siegte in einem Treffen bei der Stadt Moniernp his. Die Könige, seine Gegner, kamen zum Theil in der Schlacht um, zum Theil wurden sie »ach Libyen verjagt, wo sie nicht mehr im Stande waren, um die Herrschaft zu streiten. 67. Nachdem Psammetich König des ganzen Landes geworden war, so erbaute er dem Gott in Memphis eine Vorhalle gegen Osten, und um den Tempel eine Ringmauer, die auf zwölf Ellen hohen Colossen, statt auf Säulen ruhte. Den Miethsoldaten gab er außer dem versprochenen Sold ansehnliche Geschenke, wies ihnen die sogenannten „Lager" zum Wohnsitz an, und theilte ein großes Stück Landes unter sie aus, nicht weit oberhalb der Musischen Nilmündung. Lange Erstes Buch. re>7 Zeit nachher, unter dem Könige Amasis, mußten sie von da wegziehen und wurden nach Memphis versetzt. Weil Psammetich durch die Methsoldaten die Herrschaft errungen hatte, so vertraute er seitdem ihnen vorzüglich als der Stütze seiner Gewalt, und hielt fortwährend eine große Zahl fremder Truppen. Bei einem Feldzug nach Syrien gab er den Methsoldaten auch in der Schlachtordnung den Vorzug, und stellte sie auf die rechte Seite; die Einheimischen hingegen mußten in den weniger ehrenvollen Platz einrücken und den linken Flügel ^bilden. Entrüstet über diese Beschimpfung lehnten sich die Aegyptcr auf, und zogen, über roo,»ooMann stark, Ackhiopien zu, in der Absicht, für sich ei» eigenes Stück Landes zu gewinnen. Der König schickte zuerst einige der Anführer zu ihnen, um sich wegen der Zurücksetzung zu entschuldigen; da sie Diesen kein Gehör gaben, so folgte er selbst mit seinen Freunden zu Schiffe nach. Als sie aber am Nil hinauf immer weiter zogen, und über die Grenze, von Aegyp- ten gingen, so suchte er sie durch Bitten umzustimmen, und hieß sie an die Tempel und die Heimath, auch an Weiber und Kinder denken. Allein sie erklärten, Alle zusammcn- schreiend und mit den Spießen auf die Schilde schlagend, so lange sie noch im Besitz ihrer Waffen seyen, werden sie leicht eine Heimath finden, und (sie warfen zugleich das Unterkleid zurück und zeigten ihre Blöße) an Weibern und Kindern werde es ihnen, als Männern, nicht fehlen. Mit diesem hohen Muthe gerüstet, der sie verachten lehrte, was man sonst für die höchsten Güter hält, nahmen sie die beste Gegend von Aethiopien in Besitz, und theilten viele Ländern«» unter sich aus, wo sie sich dann ansiedelten. Psammetich fühlte sich io3 Diodor'S historische Bibliothek. durch diesen Vorfall sehr gekränkt; nachdem er indessen die Ordnung in Aegypten hergestellt, und in Betreff der Einkünfte Einrichtungen getroffen, schloß er auch ein Dnndniß mit den Athenern und mit einigen andern Griechischen Staaten. Er unterstützte auch die Fremden, welche freiwillig nach Aegypten auswanderten. Er war ein so eifriger Griechen- sreund, daß er seine Söhne in Griechischer Wissenschaft unterrichten ließ. Uebcrhaupt war er der Erste unter den Ac- gyptischen Königen, welcher den andern Völkern die Handelsplätze des ganzen Landes öffnete, und den fremden Kauffahrern volle Sicherheit gewährte. Die frühern Beherrscher hatten nämlich Aegypten für Fremde unzugänglich gemacht, indem sie die Seefahrer entweder tödteten oder als Sclaven zurück behielten. Die Ungastlichkeit der Einwohner hat anch die Sagen der Griechen von der Grausamkeit des berüchtigten Bnsiris veranlaßt, die keine wahre Geschichte enthalten, sondern nur die Schilderung jenes höchst ungerechten Verfahrens in einer fabelhaften Einkleidung. 68. Vier Menschenaltcr nach Pfammctich regierte Apries -- Jahre lang. Er unternahm mit ansehnlichen Heeren zu Land und zur See einen Kriegszug gegen Cypern und Phönicier,. Sidon eroberte er mit Sturm, und dadurch geschreckt unterwarfen sich die andern Phönicische» Städte. Auch in einer großen Seeschlacht besiegte er die Phönicier und Cyprier, und kehrte mit Beute beladen nach Aegypten zurück. Darauf sandte er eine beträchtliche Macht aus seinem eigenen Lande gegen Cyrene und Barca aus; allein der größere Theil kam um, und Die sich retteten, wurden ihm abgeneigt. Sie empörten sich, weil sie meinten, er Erstes Buch. »09 hätte bei diesem Feldzug die Absicht gehabt, stefzn verderben, damit er um so sicherer die übrigen Aegypter beherrschen könnte. Amasis, ein angesehener Aegypter, wurde vom König an sie abgeschickt; allein, statt seinem Auftrag gemäß zum Frieden zu rathen, reizte er den Widerwillen nur noch mehr; nahm Theil an der Empörung, und ließ sich zum König wählen. Als bald nachher auch die andern Eingebornen alle auf seine Seite traten, so war der König rathlos, und mußte zu den Miethsoldaten, deren es ungefähr äo,ooo waren, seine Zuflucht nehmen. Es kam znm Treffe» bei dem Dorfe Maria, und die Aegypter gewannen die Schlacht. Axries wurde als Gefangener weggebracht und erdrosselt. Amasis führte nun in der Staatsverwaltung die Ordnung ein, die er für die zweckmäßigste hielt, und machte sich durch seine gerechte Regierung bei den Aegypter» sehr beliebt. Er eroberte auch die Städte in Cypern. Viele Tempel schmückte er mit trefflichen Weihgeschenken. Nach einer 55jährigeu Regierung endigte er sein Leben um die Zeit, da der Perserkvnig Cambyses Acgypten bekriegte, im dritten Jahr der drei und sechzigsten Olympiade, in welcher Parmenides von Camarina Sieger auf der Rennbahn war s5,6v. C.j. >ig. Wir haben jetzt die Geschichte der Aegyptischen Könige von den ältesten Zeiten bis zum Tode des Amasis ausführlich genug erzählt. Die folgenden Begebenheiten werden wir berichten, wenn uns die Zeitordnung darauf führt. Jetzt aber wellen wib die Sitten der Aegypter der Hauptsache nach beschreiben, nämlich, was am auffallendsten ist, und was den Lesern am nützlichsten werden kann. Es gibt viele alte Gebräuche in Aegypten, die nicht blos den Eingebornen werth Iio Diodor's historische Bibliothek. sind, sondern auch bei den Griechen großen Beifall gefunden haben. Daher haben die berühmtesten Gelehrten eine Ehre darin gesucht, nach Aegypten zu reisen, und mit den dortige» Gesetzen und Einrichtungen wegen ihrer Merkwürdigkeit sich bekannt zu machen. Denn, so schwer auch ehemals das Land, aus den vorhin angeführten Ursachen, für Fremde zugänglich war, so haben sie doch gewetlcifert, es zu besuchen; im höchsten Alterthum Orpheus und der Dichter Homer; in den spätern Zeiten sehr Viele, namentlich Pythagoras von Samos und 7 der Gesetzgeber Solo». Die Aegypter eignen sich die Erfindung der Buchstabenschrift und die erste Beobachtung der Gestirne zu; ferner die Erfindung der geometrischen Lehrsätze und der meisten Künste, auch die Einführung der besten Gesetze. Sie sagen, der deutlichste Beweis dafür sey das, daß in Aegypten über 4,70» Jahre lang größrentheils einheimische Könige regiert haben, unter denen es das glücklichste Land auf der ganzen Welt gewesen sey; Das wäre nicht möglich gewesen, wen» die Einwohner nicht die trefflichsten Ge- seye und Gebräuche gehabt und auf alle Wissenschaft ihren Fleiß gerichtet hätten. Wir übergehen die grundlosen Nachrichten Herodot's und anderer Schriftsteller über die Aegyp- tische Geschichte, welche statt der Wahrheit lieber Wunder- mährchen und unterhaltende Dichtungen geben wollten; was hingegen die Aegyptischcn Priester selbst in ihren Urkunden aufgezeichnet finden, Das wolle» wir berichten, nachdem wir es mit Aufmerksamkeit geprüft haben. 70. Was für's erste die Lebensweise der Könige von Aegypten betrifft, so waren sie darin andern Alleinherrschern nicht gleichgestellt, welche unumschränkte Gewalt haben 11 l Erstes Buch. überall nach ihrer Willkühr zu handeln; sondern es war Aktes in ihren öffentlichen Geschäften nicht nur, sondern auch in ihrem täglichen häuslichen Leben durch gesetzliche Vorschriften bestimmt. Zn ihrer Bedienung hatten sie keine Sclaven, weder gekaufte noch im Hans geborne, sondern lauter Söhne der vornehmsten Priester, die über zwanzig Jahre alt und die Gebildetsten unter ihren Landslenten waren. Es sollte jede unedle Handlung des Königs dadurch verhütet werden, daß er zu seiner körperlichen Pflege, die Edelsten Tag und Nacht beständig um sich hätte. Denn kein Fürst kann zn tief in Schlechtigkeit versinken, wenn er nicht willfährige Diener seiner Leidenschaften hat. Es waren die Stunden des Tages und der Nacht ausgetheilt, in welchen der König alle einzelnen Geschäfte vorzunehmen hatte, nach der Bestimmung des Gesetzes, nicht nach seinem eigene» Gutdünken. Des Morgens, so bald er aufgestanden war, mußte er zuerst die Briefe, empfangen, die von allen Seiten eingingen, damit er durch genaue Kenntniß von Allem, was in Staatsangelegenheiten vorgekommen, in den Stand gesetzt war, überall den richtigen Bescheid zn gebe». Dann mußte er sich bade», und mit den Zeichen der Köuigsgewalt und einem meisten Gewände sich schmücken, und den Göttern opfern. Es war gebräuchlich, daß der !>berpricster, wenn die Schlachropfcr zum Altar geführt waren, neben den König sich stellte, und niit lauter Stimme vor dem versammelten Volk der Aegypter betete, daß Gesundheit und alle andern Güter dem König verliehen würden, wenn er seine Verpflichtungen gegen die Unterthanen erfüllte. Dagegen mußten auch seine Tugenden namentlich aufgezählt, und gesagt werde», er sey gottesfürchtig und sehr 112 Diodor'ö historische Bibliothek. menschenfreundlich, mäßig, gerecht und edelgesinnt; ferner, er scheue die Lügen und theile gerne mit; überhaupt sey er über jede Leidenschaft erhaben; wenn er Vergebungen ahnde, so sey die Strafe geringer als die Schuld, und wenn er Wohlthaten vergelte, so übersteige die Belohnung das Verdienst. Noch viel Anderes dieser Art führte der Betende an, und zulegt sprach er den Fluch über die Sünden der Unwissenheit, indem er jede Anklage gegen den König selbst abschnitt, aber Die, welche ihm zum Bösen gerathen und geholfen, für den Schaden, den sie dadurch gestiftet, verantwortlich machte. Diese Handlung hatte den Zweck, den König zu einem frommen und Gott gefälligen Wandel zu ermuntern, und ihn zugleich an ein geregeltes Betrage» zu gewöhnen, nicht durch erbitternde Mahnungen, sondern durch verbindliche Lobsprüche, die namentlich seine Tugend rühmten. Wenn hierauf der König das Opfer beschaut und eine glückliche Bedeutung darin gefunden hatte, so las unterdessen der Tcm- pelkanzler sPriestcr-Schriftgelehrtes nützliche Rathschläge und Handlungen der ausgezeichnetsten Männer aus den heiligen Büchern vor; damit die Gedanken des Fürsten, der alle Gewalt in Handen hatte, auf die edelsten Bestrebungen gelenkt würden, während er mit den vorgeschriebenen einzelnen Verrichtungen zu thun hätte. Denn nicht blos für öffentliche Geschäfte und Gerichte war eine Zeit bestimmt, sondern auch für den Spaziergang, das Bad, den ehelichen Beischlaf, überhaupt für alle Verrichtungen des Lebens. Die Kost für die Könige mußte ganz einfach seyn; blos Kalbfleisch und Gänse kamen auf ihren Tisch, und Wein tranken sie nicht über ein bestimmtes Maß, so daß Ueberfüllung und Trunkenheit nicht Erstes Buch. i,A möglich war. Ueberhaupt war die ganze Lebensweise so gleichförmig angeordnet, daß man glauben sollte, sle wäre nicht von einem Gesetzgeber vorgeschrieben, sondern von dem geschicktesten Arzte nach GesnndheitSregeln berechnet. 71. Wenn man es sonderbar findet, daß die Könige nicht mit voller Freiheit über ihre tägliche Kost verfugen konnten, so ist es noch befremdender, daß sie auch nicht nach ihrer Willkühr Recht sprechen und Bescheid gebe», und Niemand aus Uebermnth oder im Zorn oder aus irgend einem andern unedeln Beweggründe strafen durften, sondern sich in jedem einzelnen Fall an die Bestimmungen des Gesetzes halten mußten. Und in diese Sitte fügten sie sich s durchaus nicht mit Unmuth oder mit Widerwillen) vielmehr waren sie überzeugt, daß sie das glücklichste Leben führten. Denn die andern Menschen, dachten sie, lassen sich durch unvernünftige Nachgiebigkeit gegen die sinnlichen Triebe zu vielen Handlungen verleiten, welche fle in's Unglück oder in Gefahr bringen; Einige wissen oft auch wohl, daß es unrecht sey, was sie im Sinne haben, und thun das Böse dennoch, von Liebe oder Haß oder einer andern Leidenschaft hingerissen; bei ihnen dagegen kommen die wenigsten Uebereilungen vor, weil fle eine von den verständigsten Männern gut geheißene Lebensregel befolgen. Weil die Könige so gerecht gegen ihre Unterthanen handelten, so war auch die Zuneigung des Volks gegen seine Fürsten stärker als je die Liebe zwischen den nächsten Verwandten. Nicht blos die Gesellschaft der Priester, sondern alle Aegypter durchaus waren für Weiber und Kinder und für ihre übrigen Güter nicht so sehr besorgt, wie für das Wohl ihrer Könige, Daher haben die meiste» der Diodor. >s Bdch». 8 rr4 Diodor's historische Bibliothek. bekannten Könige die vaterländische Ordnung beibehalten, und sich allezeit sehr glücklich gefühlt, so lange die vorhin beschriebene gesetzliche Einrichtung bestand. Zudem unterwarfen sie sich viele Völker, und besaßen sehr große Reichthümer. Im ganzen Lande führten sie unübertreffliche Werke und Anstalten aus, und in den Städten bauten sie mit großen Kosten herrliche Denkmäler aller Art. 7-. Auch in den Gebräuchen, die nach dem Tode der Aegyptischen Könige Statt fanden, spkach sich deutlich genug die Zuneigung des Volks gegen seine Fürsten aus. Wenn Ehre Dem erwiesen wird, der nichts mehr davon erfährt, st liegt ja darin ein unbestreitbares Zeugniß für die Aufrichtigkeit des Dankgefühls. Wenn der König starb, so entstand eine allgemeine Trauer in ganz Aegypten. Man zerriß die Kleider, verschloß die Tempel, stellte die Opfer ein, und feierte keine Feste, 7- Tage lang. Das Haupt mit Erde bestreut, und unter der Brust mit Leinwand umgürtet, zogen Männer und Weiber in Schaaren von zwei bis drei Hunderte» umher, und stimmten zweimal des Tages die Wehklage an, im Takt und mit Gesang, wobei sie unter ehrenvollen Lobsprüchen die Tugend des Verstorbenen zurückriefen. Man aß weder Fleisch- noch Mehlspeisen, und enthielt sich des Weins und jeder bessern Kost. Bäder, Salben, Polster wurden gar nicht gebraucht; auch den Genuß der Liebe erlaubte man sich nicht; sondern Jeder brachte im tiefsten Leid, alt ob ihm ein geliebtes Kind gestorben wäre, jene Trauertag! zu. Während dieser Zeit machte man die Zurüstungen zu dem prachtvollen Begräbniß, und am letzten Tage wurde die Leiche im Sarge vor dem Eingang des Grabes ausgestellt, Erstes Buch. r;5 und, nach dem Gesetz, ein Gericht über das Leben und die Thaten des Verstorbenen gehalten. Da war Jedermann bringt, ihn anzuklagen. Die Priester rühmten seine edeln Handlungen alle der Reihe nach, und das Volk, das sich zu viele» Tausenden zur Leichcnbegleitung versammelst hatte, stimmte in die Lobpreisungen ein, wenn er tugendhaft gelebt hatte, und im entgegengesetzten Fall erhob es ein Geschrei. Viele Könige konnten wirklich, weil sich die Volksmenge widersetzte, nicht mit der herkömmlichen Feierlichkeit bestattet werden. Daher kam es dann, daß die Nachfolger derselben nicht blos aus den oben angeführten Gründen recht handelten, sondern auch aus Furcht, es möchte nach ihrem Tode noch ihr« Leiche beschimpft werden, und ewige Schmach aus ihrem Namen ruhen. Dieß ist nun das Wichtigste von Dem, was bei den alten Königen Sitte war. 7». Ganz Aegypten ist in mehrere Bezirke eiugetheit, die in der Griechischen Sprache Nvme heissen; über jeden Bezirk ist ein Nomarch gesetzt, welcher Alles zu verwalten und zu besvrgen hat. Der Grund und Boden ist in drei Theile geschieden. Der erste Theil gehört der Gesellschaft der Priester, die in der größten Achtung bei den Einwohnern steht, nicht nur, weil sie den Dienst der Götter besorge«, sondern auch, weil diese kenntnißreichen Männer durch ihren Rath viel Gutes stiften. Die Einkünfte aus jenen Gütern verwenden sie zum Opferdienst für ganz Aegypten, zum Unterhakt ihrer Gehülfen, und für ihre eigenen Bedürfnisse. Man hielt es nämlich für zweckmäßig, mit dem Dienste > der Götter nicht zu wechseln, sondern ihn immer von denselben Personen gleichmäßig besorgen zu lassen; dann «bex ri6 Diodor's historische Bibliothek. wollte man die Männer, die Alles vorzuberathen hatten, nicht an dem Nothwendigsten Mangel leiden lassen. Denn die wichtigsten Angelegenheiten werden durchgängig zuerst den Priestern zur Berathung vorgelegt, die immer um den König sind, weil er bald ihrer Mitwirkung, bald ihrer Anleitung und Belehrung bedarf. Sie müssen ihm als Sterndeuter und Opferschauer die Zukunft voraus sagen, und aus den heiligen Büchern die lehrreichsten der darin beschriebenen Geschichten vorlesen. Das Priesteramt ist nicht, wie bei den Griechen, blos Einem Mann oder Einer Frau übertragen, sondern ei sind Viele zugleich mit den Opfern und der Verehrung der Götter beschäftigt, und ihr Beruf erbt sich sort auf die Nachkommen. Die Einkünfte aus dem zweiten Landestheil sind den Königen überlassen, daß sie davon die Kriegskosten und den Aufwand für ihre Hofhaltung bestreiten, auch, daß sie verdienstvolle Mäuner würdig belohnen können, und reichlich genug begütert sind, um die Bürger nicht mit Abgaben z« belasten. Der dritte Theil endlich ist ein Eigenthum Sei Wehrstandes, der dem Staat im Kriege seine Dienst widmen muß; damit nämlich die Kämpfer, durch ein Erbgui an das Vaterland gebunden, um so williger allen Gefahre« und Beschwerden sich unterziehen. Denn es schien unklug, das Heil des ganzen Volks in ihre Hände zu legen, mit ihnen doch kein Besitzthum im Lande zu geben, das die Müh« des Kampfes lohnte. Und, was noch wichtiger war, nm 'hoffte, fle würden sich im Wohlstände schnell vermehren, mit die Bevölkerung müßte so zahlreich werden, daß man keim fremden Truppen im Lande nöthig hätte. Auch dieser Start vererbt sich von den Vorältern her. Durch die großen Thäte« is ig ig lld eil er ll, :er ch- llid nid sie lich z« bei »si! gut re« 'G NÄ üh< na» und em tau! ate« Erstes Buch. rrs der Vater fühlen sich die Söhne zur Tapferkeit ermuntert, und von Jugend auf üben sie sich selbst in kriegerischen Beschäftigungen; so macht sie Muth und Erfahrung unüberwindlich. 74. Es gibt »och drei andere Classen von Bürgern, die der Hirten, der Landbauern und der Gewerbsleute. Die Landbauern pachten um einen geringen Preis die Grundstücke, so weit sie fruchtbar sind , von dem König und den Priestern und dem Wehrstande, und bringen ihre ganze Zeit mit Feldarbeit zu. Weil sie von Kindheit auf an die Ackergeschäfte gewöhnt sind, so haben sie weit mehr Erfahrung als die Landleute unter andern Völkern. Sie kennen die Beschaffenheit des Bodens, den Zufluß des Gewässers, die rechte Zeit zum Säen und Ernten und zur weiter» Behandlung der Früchte auf's allergenaUeste; Das lernen sie theils aus den Beobachtungen ihrer Vorfahren, theils durch eigene Wahrnehmung. Ebenso verhält es sich mit den Hirten, welche die Beschäftigung mit der Viehzucht regelmäßig von den Vätern erben; und ihr Leben lang beständig fortsetzen. Zudem, Laß sie von ihren Vorfahren viele Regeln über die beste Pflege und Fütterung der Heerden haben, sind sie eifrig darauf bedacht, noch neue Vortheile aufzufinden. Wundern muß man sich besonders, wie weit es durch ihren ausserordentlichen Fleiß die Wärter der Hühner und die Gänsehirten gebracht haben. Ausser der allgemein bekannten Art, auf dem natürlichen Wege diese Thiere auszuhecken, haben sie noch ein künstliches Mittel, eine unglaubliche Menge Junge zu ziehen. Sie lassen die Eier nicht durch die Hühner selbst ausbrüten , sondern durch eine ganz besonders sinnreich ausge- n8 Diodor's historische Bibliothek. dachte Einrichtung, die ebenso wirksam ist, als die Kraft der Natur. Auch die Künste sind übrigens, wie man deutlich ficht, in Aegypten vorzüglich gepflegt, und zu dem gehörigen Grade von Vollkommenheit gediehen. Denn in diesem Lande allein dürfen die Handwerker durchaus nicht in die Geschäfte einer andern Bürgsrelaffe eingreifen, sondern blos den nach dem Gesetz ihrem Stamme erblich zugehörigen Beruf treiben. So kann weder Zunfrneid, »och Zerstreuung durch Staatsangelegenheiten, »och sonst Etwas ihren Berufsfleiß stören. Bei andern Völkern findet man, daß die Gewerbs- leute ihre Aufmerksamkeit auf zu viele Gegenstände vertheilen, und die Habsucht sie ihrer eigentlichen Bestimmung nicht treu bleiben läßt. Bald versuchen sie es mit dem Landbau, bald lassen sie sich in Handelsgeschäfte ein, bald befassen sie sich mit zwei oder drei Künsten zugleich. In Freistaaten laufen sie meistens in die Volksversammlungen, und, während sie, im Solde Anderer stehend, sich selbst bereichern, arbeiten sie am Untergang des Staats. In Aegypten hingegen verfällt jeder Handwerker in schwere Strafen, wenn er sich in Staatsgcschäfte mischt, oder mehrere Künste zugleich treibt. Dieß sind die Classen, in welche die Einwohner von Aegypten ehemals getheilt waren, und so sorgfältig bewahrten sie den Unterschied zwischen diesen erblichen Ständen sden Kasten- rmterschiedj. 75. Auf die Rechtspflege wandten die Aegypter besondern Fleiß. Sie waren überzeugt, daß die Entscheidungen der Gerichte auf das öffentliche Wohl oder Wehe den wichtigsten Einfluß haben. Denn sie sahen wohl ein, daß die Fehler ioann am sichersten gut gemacht werden, wenn man Erstes Buch. ng den Uebertreter straft und dem Beeinträchtigten Hülfe schafft, daß hingegen, wo die Furcht des Uebertrcters vor den Gerichten durch Geld oder Gunst beschwichtigt wird, der Staat zu Grunde gehen muß. Daher ernannten sie die edelsten Männer aus den Hauptstädten zu Richtern für das ganze Land; und so erreichten fle wirklich ihren Zweck. Aus He- liopolis, Thebä und Memphis wurden die Richter gewählt, zehn aus jeder Stadt. Und dieser Gerichtshof durfte wohl dem Areopag in Athen oder dem Senat von Lacedämvn an die Seite gestellt werden. Wenn die Dreißig zusammen traten, so wählten sie Einen aus ihrer Mitte, den Edelsten, zum Oberlichter, und an dessen Stelle sandte dann die Stadt einen andern Richter. Was die Richter zu ihrem Unterhalt bedurften, wurde ihnen vom König reichlich mitgetheilt; der Oberrichter erhielt eine mehrfache Besoldung. Dieser trug um den Hals eine goldene Kette, an welcher ein Bild aus kostbaren Steinen hing, das man die Wahrheit nannte. Die Verhandlung begann, sobald der Oberrichter das Bild der Wahrheit anhängte. Die Gesetze waren alle in acht Büchern verfaßt, welche neben den Richtern lagen. Es war gewöhnlich, daß der Kläger seine Angaben Punkt für Punkt aufschrieb, auch, wie die That geschehen, und wie hoch das Unrecht oder der Schaden anzuschlagen sey. Dann empfing der Beklagte die von den Gegnern aufgesetzte Schrift, und antwortete auf jeden Punkt schriftlich, entweder, er habe Das nicht gethan, oder, es sey nicht unrecht, oder, es verdiene wenigstens eine geringere Strafe. Run forderte die Sitte, daß der Kläger seine Gegenbemerkungen aufschrieb, und der Beklagte noch einmal antwortete. Hatten beide rLo Di'odor's historische Bibliothek. Parteien ihre Eingaben zum zweitenmal den Richtern zugestellt, so mußten endlich die Dreißig unter sich ihre Erklärung geben, und der Oberrichter legte das Bild der Wahrheit auf die eine der beiden Streitschriften. 76. Dieß war überall bei den Aegypteru der Gang der gerichtlichen Verhandlungen. Sie glaubten, durch die Reden der Sachwalter werden die Rechtsverhältnisse nur verdunkelt, die Kunstgriffe der Redner, der Zauber des Geberdenspicls, die Thränen der Bedrohten rücken manchen Richtern die Strenge der Gesetze und den wahren Stand der Sache ganz aus den Augen;'daher komme es, daß sie oft, wenn sie wegen der Entscheidung in Verlegenheit seyen, durch die Macht eines täuschenden, oder anziehenden, oder zum Mitleid rührenden Vertrags sich hinreisten lassen. Wenn dagegen die Parteien schriftlich ihr Recht geltend machen, so lasse sich ein sicheres Urtheil fälle», weil die Thatsachen offen vorliegen; da sey am wenigsten zu fürchten, daß der Talentvolle über den langsameren Kopf, der Geübtere über den Unerfahrenen, der freche Lügner über den bescheidenen Wahrheitsfreund einen Vortheil gewinne; Allen werde gleiches Recht widerfahren, weil das Gesetz hinlängliche Frist vergönne, sowohl den Parteien, um die Gegenreden zu prüfen, als den Richtern, um die Behauptungen beider Theile zu vergleichen, c 77. Da wir der Gesetzgebung gedacht haben, so wird es, wie wir glauben, dem Zweck unseres geschichtlichen Werks nicht unangemessen seyn, wenn wir von den Gesetze» der Aegypter diejenigen anführen, die entweder besonders alt sind, oder einen unterscheidenden Character haben, oder deren Kenntniß dem aufmerksamen Leser irgend einen Nutzen schas- Erstes Buch. >si fcu kann. 2" Aegypten war ,'ür's erste auf den Meineid Todesstrafe gesetzt, weil er die zwei größten Frevel in sich schließt, indem er die Ehrfurcht gegen die Götter und die sicherste Bürgschaft unter den Menschen vernichtet. Wenn Jemand auf der Landstraße einen Menschen sah, den man ermorden, oder dem man irgend Gewalt anthun wollte, und wenn er im Stande war, ihn zu retten, und es nicht rhat. so mußte er sterben. Wenn es ihm aber in der That unmöglich war, Hülfe zu leisten, so war er wenigstens verbunden, das Verbrechen anzuzeigen, und die Räuber gerichtlich zu belangen. Unterließ er das, so bekam er nach dem Gesetz eine bestimmte Zahl Geiffelhiebe, und erhielt drei Tage lang gar nichts zu essen. Wer den Andern fälschlich anklagte, hatte die Strafe zu leide», die den Verläumdeten getroffen härte, wenn er schuldig erfunden worden wäre. Es war verordnet, daß jeder Aegypter vor der Obrigkeit sollte aufschreiben lassen, womit er sich seinen Unterhalt erwürbe. Wer sich hier eine falsche Angabe erlaubte, oder Wer ein unrechtmäßiges Gewerbe trieb, dem war die Todesstrafe bestimmt. Dieses Gesetz, das auch in Athen eingeführt war, soll Solo» aus Aegypten mitgebracht haben. Wer einen absichtlichen Mord beging, sey es nun an einem Freien oder einem Sclave», der mußte sterbe». Diese Bestimmung erhielt das Gesetz für's erste deßwegen, weil die Mensche» überhaupt nicht durch äussere Verhältnisse, sondern durch die innere Willenskraft von lasterhaften Handlungen abgehalten werden sollten, und dann, damit durch die Fürsorge für die Sclaven jede Vergebung gegen die Freien um so gewisser verhütet würde. Wen» Aeltern ihre Kinder tödteten, so wurden sie nicht mit dem 122 Diodvr'ö historische Bibliothek. Tode bestraft, aber ste mußten drei Tage und drei Nächte ununterbrochen fort den Leichnam in den Arme» hatten, und dazu war ihnen von der Obrigkeit eine Wache beigegeben. Man hielt es nämlich nicht für billig, ihnen das Leben zu nehmen, da sie den Kindern das Leben gegeben haben; lieber wollte man sie durch eine Züchtigung, welche Leid und Reue wirken mußte, von solchen Thaten abschrecken. Für Kinder hingegen, welche die Aeltern ermorden, war eine ausgesuchte Strafe bestimmt. Wer dieses Verbrechens überwiesen war, der wurde, nachdem man ihm mit spitzigen Angelhaken fingerbreite Stücke vom Leibe gerissen, auf Dornen gelegt und lebendig verbrannt. Denn es galt für den schrecklichsten Frevel, den ein Mensch begehen kann, wenn er Dem mit Gewalt das Leben nimmt, dem er selbst das Leben verdankt. Wenn ein schwangeres Weib zum Tode verurtheilt wurde, so durfte sie nicht eher sterben, bis sie geboren hatte. Diese Sitte ist auch in vielen Griechischen Staaten angenommen. Man fand es höchst ungerecht, das unschuldige Kind an der^Strafe der schuldigen Mutter Theil nehmen zu lassen, und für ein einziges Verbrechen an zwei Mensche« Rache zu nehmen. Ferner sollte für eine That, die aus überdachter Bosheit hervorgegangen ist, nicht zugleich ein Wesen büßen, das noch keine Ueberlegung hat. Hauptsächlich aber deßwegen darf man, wenn die Mutter allein sich verschuldet hat, das Kind nicht töLten, weil es dem Vater und der Mutter gemeinschaftlich angehört. Man muß ja wohl den Richter für eben so pflichtvergessen halten, wenn er einen ganz Unschuldigen tödtet, wie wenn er Den frei läßt, der den Tod verdient hat. Unter den Erstes Buch. rs 3 peinlichen Gesehen der Acgypter mögen dieß die zweckmäßigsten seyn. 78. Wgs die andern Gesehe betrifft, so bestimmte das Kriegsrccht zur Strafe für Ausreisser, und für Solche, die den Anführern ungehorsam waren, nicht den Tod, sondern die tiefste Schmach; wenn sie dann später durch tapfere Thaten die Schande auslöschten, so wurden sie in die Verlornen Rechte der Ehre wieder eingesetzt. Der Gesetzgeber stellte absichtlich die Ehrlosigkeit »och über die Todesstrafen, damit man sich gewöhne, durchaus die Schande als das größte Uebel zu betrachten; auch dachte er, die Hingerichteten könnten dem Staate nichts mehr nützen, die Ehrlose» aber würden viel Gutes stiften, weil sie ihre Ehre wieder zu retten strebten. Wer den Feinden Geheimnisse verrieth, Dem sollte nach dem Gesetz die Zunge ausgeschnitten werden. Den Falschmünzern , nnd Solchen die unrichtige Maße und Gewichte verfertigten, oder Siegel verfälschten, auch Schreibern, welche in die öffentlichen Bücher etwas Falsches eintrugen, oder von dem Eingetragenen etwas löschten, so wie Denen welche Urkunden unterschoben, mußte man beide Hände abhauen. Es sollte Jeder an dem Theil des Körpers gestraft werden, mit dem er gesündigt hätte, und während er sein Leben lang ein unheilbares Gebrechen behielte, sollte zugleich Andern sein Unglück zur Warnung dienen, daß sie nichts Aehnliches versuchten. Streng waren auch die Gesehe in Betreff des weiblichen Geschlechts. Wer einer freigebornen Frau Gewalt anthat, wurde entmannt. So wurde das dreifache schwere Verbrechen bestraft, das der Frevler durch eine einzige Handlung begangen hatte, Gewaltthätigkeit, Entehrung, nnd Verryit- 124 Diodor's historische Bibliothek. rung der Kindesrechtc. Ließ sich aber die Frau zum Ehebruch verführen, so bekam der Mann tausend Stockschläge, und der Frau wurde die Nase abgeschnitten. Man glaubte, einem Weibe, das sich schmückte, um zu verbotener Lust zu reizen, die höchste Zierde eines schönen Angesichts nehmen zu müssen. 7g. Die Gesetze über den Geld verkehr sollen von Bocchoris herkommen. Sie verordnen, der Schuldner, der ohne Handschrift geborgt hat, könne die Schuld, zu der er sich nicht bekennen wolle, durch einen Eid abschwören. Der erste Zweck des Gesetzes war, die gewissenhafte Heilighaltung des Eides zu befördern. Weil man nämlich offenbar durch öfteres Abschwören allen Credit hätte verlieren müssen, so war zu erwarten, es würde jedem Schuldner Alles daran gelegen seyn, daß es nicht zum Eidfchwur käme, damit ihm nicht das Borgen erschwert würde. Sodann glaubte der Gesetzgeber, wenn er den Credit vom Rechtverhalten allein abhängig machte, so würden Alle sich bestreben, redlich zu handeln, damit sie nicht verrufen würden als Menschen, die kein Zutrauen verdienten. Ueberdieß hielt er es für unbillig, Laß ein Schuldner, dem man doch ohne Eid das Geld anvertraut hätte, nicht als glaubwürdig gelten sollte, wenn er wegen eben dieser Schuld einen Eid ablegte. Gläubigern, welche Schuldbriefe hatten, war verboten , die Hauptschuld durch die Zinse weiter, als auf das Doppelte, zu erhöhen. Bei der Eintreibung der Schulden durste blos die Habe des Schuldners angegriffen, er selbst aber auf keine Weise leibeigen gemacht werden. Denn die Güter wurden wohl als erworbenes oder von einem andern Besitzer geschenktes Eigen- »25 Erstes Buch. thmn der Bürger betrachtet, sle selbst hingegen als Leibeigene des Staats, weil sie demselben die nöthigen Dienste im Krieg und im Frieren zu leisten haben. Mau fand es ungereimt, daß der Soldat, der den Kampf für das Vaterland wagte, nicht sicher seyn sollte, ob er nicht Schulden halber von einem Gläubiger verhaftet würde, und daß um des Wuchers einzelner Bürger willen das Heil des ganzen Volks auf's Spiel gesetzt werden sollte. Auch dieses Gesetz scheint Solon nach Athen übergetragen zu haben, indem er durch die Verordnung, welche er Seisachtheia sdasLastabschüttelns nannte, unter den Bürgern jedes Pfandrecht auf Leibeigenschaft des Schuldners für ungültig erklärte. Nicht mit Unrecht wird es getadelt, daß in den meisten Griechischen Staaten das Gesetz dem Gläubiger verbietet, die Waffen, den Pflug, und was man sonst am nothwendigsten bedarf, als Pfand zu nehmen, während es ihm doch erlaubt, den Schuldner selbst, der das bedarf, zu verhaften. 80. Ueber den Diebstahl hatten die Aegypter ein ganz eigenthümliches Gesetz. Es war verordnet, daß Die, welche dieses Gewerbe treiben wollten, bei dem Diebshauptmann ihre Namen aufschreiben lassen, und ihm auch das Gestohlene sogleich, die That eingestehend, vorzeigen sollten. Ebendemselben mußte dann Der, welcher Etwas verloren hatte, ein schriftliches Verzeichniß aller vermißten Gegenstände zustellen, wobei Ort, Tag und Stunde, da sie weggekommen, angegeben seyn mußte. Auf diese Weise wurde Alles leicht aufgefunden; und nun hatte der Bestohlene den vierten Theil des Werths zu bezahlen, und erhielt weiter nichts als sein Eigenthum zurück. Weil es nämlich unmöglich war, den Dieh- 126 Diodor's historische Bibliothek. stahl ganz zu verhüten, so erfand der Gesetzgeber dieses Mittel, alles Gestohlene wieder beizuschaffen gegen ein geringes Lösegeld. In Aegypten nimmt der Priester nur Eine Frau, jeder Andere aber, so viel er will. Die Aeltern sind verpflichtet, ihre Kinder alle aufzuziehen, nach dem Grundsätze, daß eine zahlreiche Bevölkerung zum Gedeihen des Landes und der Städte am meisten beitrage. Kein Kind gilt für unehelich, auch nicht, wenn es von einer gekauften Sclavin geboren ist. Ueberhaupt sind die Acgypter der Meinung, der Vater allein gebe dem Kinde das Leben, die Mutter aber blos Nahrung und Herberge. So nennen sie auch, dem Sprachgebrauch der Griechen zuwider, männliche Bäume die fruchttragenden, weibliche hingegen die, welche keine Frucht bringen. Es ist ganz unglaublich, wie wenig Mühe und Kosten die Erziehung ihrer Kinder ihnen verursacht, Sie kochen ihnen die nächste beste einfache Speise; auch gebe» sie ihnen von der Papierstaude den untern Theil zu effe», so weit man ihn im Feuer rösten kann, und die Wurzeln und Stengel der Sumpfgewächse, theils roh, theils gesotten, theils gebraten. Die meisten Kinder gehen ohne Schuhe und unbekleidet, da die Luft so mild ist. Daher kostet ein Kind seinen Aeltern, bis es erwachsen ist, im Ganzen nicht über zwanzig Drachmen. Hieraus ist es hauptsächlich zu erklären, Laß in Aegypten die Bevölkerung so zahlreich ist, und darum so viele große Werke angelegt werden konnte». 81. Die Priester lehren ihre Söhne zweierlei S chrift- züge, die, welche man die heiligen nennt, und die, welche man gewöhnlich lernt. Mit der Geometrie und Arith- 127 Erstes Buch. metik beschäftigen sie sich eifrig. Denn die vielfachen Veränderungen/ welche die jährliche Ueberschwemmung auf den Feldern verursacht, geben häufigen Anlaß zu allerlei Grenz- streitigkciten zwischen den Nachbarn. Darüber kaun man nun nicht leicht sicher entscheiden, wenn nicht ein geschickter Feld- messer den wahren Stand der Sache untersucht. Die Arithmetik dient den Aegyptern in Haushaltungs-Angclegenheitcn, auch bei den Lehrsätzen der Geometrie. Ueberdieß ist sie auch Denen sehr behülflich, welche die Sternkunde treiben. Den«/ wenn je unter einem Volk die Stellungen und Bewegungen der Gestirne genau beobachtet worden sind, so ist es bei den Aegyptern geschehen. Sie haben noch Verzeichnisse aller einzelnen Beobachtungen seit einer unglaublich langen Reihe von Jahren, weil man bei ihnen von alten Zeiten her großen Fleiß darauf gewendet hat. Die Bewegungen und Umlaufszeiten und Stillstandspunkte der Planeten, auch den Einfluß eines jeden auf die Entstehung lebendiger Wesen und alle ihre heilsamen oder schädlichen Wirkungen haben sie sehr sorgfältig bemerkt. Oft sagen sie den Leuten ihre künftigen Schicksale ganz richtig voraus; manchmal kündigen sie auch Mißwachs oder im Gegentheil fruchtbare Zeiten an, ferner Seuchen unter Menschen oder Vieh; Erdbeben, Ueberschweni- mungen, Cometen-Erscheinungen, und sonst Allerlei, was man nach der gewöhnlichen Meinung unmöglich wissen kann, sehen sie aus den seit langer Zeit angestellten Beobachtungen voraus. Den Aegyptischen Priestern, sagt man, verdanken auch die Chaldäer in Babylon ihre gerühmten Kenntnisse in der Astrologie; denn aus Aegypten seyen sie dahin gewandert. Unter dem ganzen übrigen Volk der Aegypter lernt von 128 Divdor's historische Bibliothek. Kindheit auf Jeder nur die Bcrufsgeschäfte seines Standes von dem Vater oder einem Verwandten. Mit Wissenschaften geben fle sich wenig ab, und zwar nicht Jedermann, sondern hauptsächlich Die, welche ein Handwerk treiben. Die Dichtkunst und Musik zu lernen, ist bei ihnen nicht gebräuchlich. Denn fle glauben, durch die täglichen Uebungen in der Fecht- schnle gewinnen die Jünglinge statt einer dauerhaften Gesundheit nur Stärke auf kurze Zeit, die sehr gefährlich werde» könne, die Tonkunst aber sey nicht blos unnütz, sondern für Männer sogar schädlich, weil fle zu weichherzig mache. 8-. Ihre Heilmittel, wodurch sie den Krankheiten zuvorkommen, sind Clystircn, Fasten und Erbrechen; sie wenden dieselben zuweilen täglich an, zuweilen setzen sie auch drei oder vier Tage aus. Sie behaupten nämlich, von jeder Speise sey nach der Verdauung der größere Theil überflüssig, und daraus gehe,! die Krankheiten hervor; daher diene jene Art zu heilen, welche die Keime der Krankheiten wegschaffe, am gewissesten zur Erhaltung der Gesundheit. Auf einem Feldzuge oder auf einer Reise innerhalb des Landes muß Jeder ohne besondere Belohnung geheilt werden. Denn die Aerzte erhalten ihre Besoldung vom Staat, und bei der Heilung haben sie sich an ein geschriebenes Gesetz zu halten, das von vielen der berühmtesten alten Aerzte verfaßt ist. Befolgen sie nun die Gesetze, die aus dem heiligen Buche vorgelesen werden, so sind sie ausser Schuld und gegen jede» Vorwurs gesichert, wenn sie auch den Kranken nicht retten können. Handeln sie aber wider die Vorschrift, so können sie auf Leben und Tod angeklagt werden. Denn der Gesetzgeber war der Meinung, Wenige würden zweckmäßigere Heilmittel Erstes Buch. 129 wissen, als das auf vieljährige Beobachtungen gegründete und von den ersten Meistern der Kunst angeordnete Verfahren. 8Z. Eine mit Recht für Manchen befremdende Erscheinung in Aegypten, die eine nähere Untersuchung verdient, ist die Weihe der heiligen Thiere. Die Aegypter verehren gewisse Thiere ganz ausserordentlich, nicht blos, so lange sie leben, sondern auch nach ihrem Tode; z. B. die Katzen, die Jchnenmonen, die Hunde; sodann die Habichte und die Böget, welche fle Ibis nennen; ferner die Wölfe, die Cro- codile, und noch andere mehr. Die Ursachen davon wollen wir nachzuweisen suchen, nachdem wir zuvor kurz von der Sache selbst gesprochen. ' Für's erste ist jeder Gattung von Thieren, welcher eine solche Verehrung gewidmet wird, ein Stück Landes geweiht, dessen Ertrag zur Pflege und Ernährung derselben hinreicht. Auch wenn die Aegypter gewissen Göttern für die Erhaltung ihrer Kinder in einer Krankheit das Gelübde gethan haben, Diesen das Haar abzuscheeren, und an Silber oder Gold so viel, als das Haar wiegt, darzubringen, so geben sie dieses Geld den Wärtern jener Thiere. Den Habichten werfen diese Leute klein geschnittenes Fleisch im Fluge zu, und rufen dazu mit lauter Stimme, daß sie es auffassen; den Katzen und Jchneumonen weichen sie Brod in Milch ein, und locken sie zu der Speise herbei, oder füttern sie dieselben mit Fischen aus dem Nil, die sie ihnen zerstückeln; ebenso reichen sie jedem der andern Thiere die Nahrung, die seiner Gattung angemessen ist. Und statt sich diesen Diensten zu entziehen, oder sich ihrer zu schämen, wenn die Sache unter dem Volk bekannt würde, rühmen sie sich vielmehr, als wären sie zur würdigsten Götter-Verehrung berufen, und DioLor. Is Bbchn. 9 IZ0 Diodor's historische Bibliothek. ziehen mit eigenen Abzeichen in den Städten und auf dem Lande umher. Wer ihnen begegnet, erkennt schon von weitem, was für Thiere sie zu verpflegen haben, und fällt ehrfurchtsvoll vor ihnen nieder. Wenn ein solches Thier stirbt, so wickeln sie es in feine Leinwand, schlagen wehklagend an ihre Brust, und bringen es auf den Balsamirplah; da salben sie es mit Cedernöhl und andern wohlriechenden Stoffen, die zur längeren Erhaltung der Leichen dienen, und begraben es in einem heiligen Sarge. Wer eines dieser Thiere vorsätzlich umbringt, der ist des Todes schuldig. Ist es aber eine Katze oder ein Ibis, so muß er in jedem Fall sterben, er mag das Thier absichtlich oder nuvorsätzlicli gelobtet haben; die Menge läuft zusammen, und mißhandelt den Thäter auf die grausamste Weise; und das geschieht zuweilen ohne richterliches Urtheil. Die Furcht vor dieser Strafe ist so groß, daß Jeder, wenn er ein solches Thier todt sieht, von ferne stehen bleibt und ruft, und jammernd versichert, er habe es schon todt gefunden. Wie tief in den Gemüthern der Glaube an die Heiligkeit dieser Thiere gewurzelt ist, und wie unerbittlich man für ihre Verehrung eifert, beweist folgendes Beispiel. Zu der Zeit, da der König Ptolemäus*) von den Römern noch nicht für ihren Freund erklärt war, und das Volk sich alle Mühe gab, die Gunst der Fremdlinge aus Italien zu gewinnen, und jeden Anlaß zur Klage oder zum Krieg ängstlich vermied, da geschah es, daß ein Römer eine Katze töd- tete; es entstand ein Auflauf um das Hans des Thäters, und *) Auletcs, der um das Jahr 5g v. Chr. auf Cäsars Verwendung, den Titel eines Römischen Bundesgenossen erhielt. Erstes Buch. i3i weder die Fürbitte angesehener Männer, die von, König abgesandt waren, noch die allgemeine Furcht vor Rom war im Stande, die Strafe von dem Menschen abzuwenden, ob er es gleich nicht mit Vorsatz gethan hatte. Und diese Erzählung haben wir nicht vom Hörensagen, sondern wir sind Augenzeugen /davon gewesen auf unserer Reise in Aegypten. 84. Erscheint schon das Bisherige Manchem unglaublich und mährchenhaft, so wird ihm Das, was weiter folgt, noch sonderbarer dünken. Als einmal eine Hnngersnoth die Ae- gypter drückte, so haben steh, sagt man, Viele gezwungen gesehen, einander selbst aufzuzehren, aber durchaus Niemand sess'auch nur beschuldigt worden, eines der heiligen Thiere gegessen zu haben. Ja, wen» ein Hund in einem Hause todt gefunden wird, so scheeren sich alle Bewohner des Hauses die Haare ab am ganzen Leibe, und stellen eine Wehklage an; und, was noch wunderbarer ist, wenn Wein oder Getreide oder sonst etwas von Nahrungsmitteln gerade in der Wohnung liegt, wo ein solches Thier umgekommen ist, so wage» sie es nicht mehr, irgend einen Gebrauch davon zu machen. Wenn sie aus einem Feldzug in einem fremden Lande begriffen sind, .so bringen sie trauernd die stodtens Katzen und Habichte nach Aegypten; und das thun sie zuweilen sogar, wenn es ihnen an Reisegeld fehlt. Von dem Apis in Memphis, dem Mnevis in Heliopolis, dem Bock in Mendes, ferner dem Crocodil im See Möris, dem Löwen, der in Leon- topolis gehalten wird, und vielen andern solchen Thieren läßt sich viel erzählen, aber wenig Glauben wird der Berichterstatter finden bei Leuten, die nicht Augenzeugen gewesen sind. Man hält diese Thiere in heiligen Gehegen, und viele 9 * »32 Diodor's historische Bibliothek. vornehme Männer verpflegen sie, und reichen ihnen die köstlichste Nahrung. Sie versorgen sie beständig mit Brei aus Semmelmehl oder Waizeugraupen und aus Milch, mit allerlei Backwcrk aus Honig bereitet, mit Gänsefleisch, bald gesottenem, bald gebratenem. Den fleischfressenden Thieren fangen sie Vögel, die sie ihnen in Menge vorwerfen. Ueberhaupt wenden sie auf die Wartung derselben viel Geld und Mühe. Immer sind sie beschäftigt, ihnen warme Bäder zu geben, die herrlichsten Salben cinzurcibcn, und mit allerlei Wohl- gerüchen sie zu beräuchern. Mit großen Kosten bereiten sie ihnen prächtig geschmückte Lager, und sind äußerst besorgt, daß sie auch dem Naturtriebe folgen nnd sich paaren können. Neben jedem männlichen Thier halten sie weibliche, die schönsten ihrer Art, welche sie Kebsweiber nennen, nnd auch bei ihrer Pflege sparen sie weder Kosten noch Mühe. Stirbt ein solches Thier, so gebärden sie sich, als ob sie einZgeliebtes Kind verloren hätten, und veranstalten ein übermäßiges Lei- chengepränge, das in keinem Verhältniß zu ihrem Vermögen steht. Als nach Alexanders Tod Ptolemäus, Lagus^Sohn, die Regierung von Aegypten kaum angetreten hatte, starb gerade der Apis in Mcmphis an Altersschwäche; der,Wärter desselben wandte bei dem Begräbniß nicht nur den ganzen zur Verpflegung bestimmten Verrath auf, der sehr beträchtlich war, sondern entlehnte noch dazu von Ptolemäus 5o Silbertalente. Auch zu unserer Zeit haben sich zum Theil die Ernährer solcher Thiere die Bestattung derselben nicht weniger als ioo Talente kosten lassen. 85. Hier müssen wir beifügen, was noch über den heiligen Stier, den man Apis nennt, zu sagen ist. Wenn er Erstes Buch. i3T gestorben und mit großer Pracht begraben ist, so suchen die dazu^bestimmten Priester ein Kalb auf, das am Leib ähnliche Merkmale hat, wie der vorige Stier. Haben sie es gefunden» so darf das Volk die Trauer ablegen, und andere Priester haben nun dafür zu sorgen, daß das Kalb zuerst nach Nilv- polis gebracht wird, wo es vierzig Tage lang seinen Aufenthalt hat. Hierauf schiffen fle es auf einer Gondel ein» die ein vergoldetes Zimmer hat, und führen es als Gott nach Mcmphis, in das Heiligthum des Hephästos. Die Weiber dürfen es nur während jener vierzig Tage sehen; sie stellen sich ihm gegenüber, und zeigen ihre Blöße unverhüllt. Die ganze 'übrige Zeit ist es ihnen verboten, vor das Angesicht dieses'Gottes zu kommen. Die Verehrung dieses Stiers hätte nach Einigen darin ihren Grund, daß in denselben die Seele des sterbenden Osiris übergegangen wäre, und deßwegen bis jetzt immerfort, so oft ei» neuer Apis geweiht wurde, in diesen hinüberwanderte. Andere erklären die Sache daraus, daß, nachdem Osiris von Ty^hon ermordet worden und Isis seine Glieder wieder zusammengebracht, sie dieselben in eine mit Vyffus bekleidete hölzerne Kuh gelegt habe; daher sey auch der Name der Stadt Busiris saus Bus (Kuh) und Osiriss entstanden. Es würde zu weit führen, wenn wir die vielen ander» Fabeln, die man noch vom Apis erzählt,^nacheinander durchgehen wollten. 86. Das Wunderbare in dem Thierdienst der Aegypter», das allen Glauben übersteigt, setzt Den, der die Ursachen davon erforschen will, in große Verlegenheit. Die Priester halten ihre Ansicht von solchen Dingen geheim, wie wir oben bei. der Götterlehre gesehen haben. Das Volk aber irr iZ4 Diodor's historische Bibliothek. Aegypten gibt dreierlei Ursachen an. Die erste Erklärung ist ganz mährchenhaft, nnd gehört noch der Einfalt des Alterthums an. Man sagt, in der Urzeit sey die Zahl der Götter klein gewesen, und die Menge und Zügellosigkeit der erdcgc- bvrnen Menschen habe ste überwältigt; nun haben sie die Gestalten gewisser Thiere angenommen, und sichs'auf diese Art gegen die Gewaltthätigkeit jener Wilden gesichert; nachher, als sie die Herrschaft über die ganze Welt erlangt, haben sie, aus Dankbarkeit gegen die vormaligen Werkzeuge ihrer Rettung, die Thicrgattungen, in welchelsic sich verwandelt hatten, für heilig erklärt, nnd den Menschen geboten, auf die Pflege derselben im Leben, und »ach dem Tode auf ihr Begräbniß, viel zu verwenden. Nach der zweiten Meinung war die Veranlassung folgende. Man erzählt von den Aegyptern, sie haben ehemals wegen der Unordnung, die in ihrem Lager geherrscht, viele Schlachten gegen die Nachbarn verloren, und darum beschlossen, ein Abzeichen bei ihren Schaaren einzuführen; so haben sie denn Bilder von Thieren gemacht (von denen, welche sie jetzt verehren), und sie auf Spieße gesteckt, welche die Befehlshaber tragen mußten, und an diesem Merkmale habe Jeder erkannt, zu welcher Abtheilung er gehörte; weil ihnen nun die dadurch hergestellte gute Ordnung zum Siege sehr behülflich gewesen, so haben sie geglaubt, ihr Glück den Thieren schuldig zu seyn, und ihnen damit ihren Dank bezeugen zn müssen, daß sie es sich zum Gesetz machten, keines der Thiere, deren Bilder sie einst getragen, zu tödten, sondern sie heilig zu halten und auf die vorhin beschriebene Weise zu pflegen nud zu verehren. i3s Erstes Buch. 87. Der dritte Grund, woraus man die sonderbare Erscheinung erklärt, ist der Nutzen, den jedes dieser Thiere dem gemeinen Wesen und den einzelnen Bürgern schafft. Die Kuh, sagt man, diene ja zur Zucht der Ackerstiere, und einen lockeren Boden pflüge sie selbst um. Das Schaf werfe zweimal; seine Wolle gebe eine anständige und zugleich schirmende Kleidung, seine Milch und der Käse eine ebenso angenehme als nahrhafte Speise. Der Hund sey zur Jagd brauchbar und zur Bewachung. (Daher wird der Gott, der bei den Aegyptern An »bis heißt, mit einem Hundskopf abgebildet, um anzudeuten, daß er unter Offris und Isis die Leibwache zu versehen hatte. Eine andere Sage erzählt, es seyen der Isis, als sie den Ostris suchte, Hunde vorangegangen, welche die Thiere und Jeden, der sich entgegenstellte, abwehrten; auch haben sie durch Heulen ihre Bereitwilligkeit, suchen zu helfen, ausgedrückt; darum lasse man am Jsisfest Hunde vor dem Zug vorausgehen; eine Sitte, die eben dazu eingeführt sey, an den Dienst zu erinnern, welchen diese Thiere einst geleistet.) Die Kaye schaffe Hülfe gegen die Aspiden, deren Biß tödtlich ist, und gegen andere giftige Schlangen. Der Ichneumon laure auf die Brüt des Crocodils, und so bald dieses die Eier verlasse, zerbreche er sie sorgfältig und eifrig, ob er gleich keinen Nutzen davon habe; wenn das nicht geschähe, so würde, bei der schnellen Vermehrung jener Thiere, der Fluß ganz unzugänglich werden. Auch die Crocodile selbst tödte der Ichneumon, und zwar durch ein sonderbares Mittel, das man-gar nicht für möglich halten sollte; er wälze sich im Koth, und springe dem Crocodil, das mit offenem Rachen am Ufer schlafe, znm Munde hinein, mitten in den iä6 Diodor's historische Bibliothek. Leib, nage dann schnell den Bauch durch, und komme unverletzt wieder heraus, während das verwundete Thier augenblicklich sterbe. Unter den Vögeln diene der Ibis gegen Schlangen, Heuschrecken und Raupen, und der Habicht gegen Scorpione und Horuschlangen. und gegen kleine giftige Thiere, deren Biß besonders den Menschen gefährlich ist. Andere behaupten, dieses Thier werde darum verehrt, weit in Aegyp- ten die Vogelschauer namentlich aus dem Flug der Habichte die Zukunft weissagen. Nach einer andern Sage soll vor langer Zeit ein Habicht den Priestern in Thebä ein Buch gebracht haben, mit einem purpurnen Faden umwickelt, worin Alles aufgezeichnet war, was zum Dienste der Götter und zu ihrer Verehrung gehört; daher komme es, daß die Priester- Schriftgelehrten einen Purpurfadcn und eine Habichtsfeder auf dem Kopfe tragen. Der Adler wird in Thebä verehrt, weil es der, königliche Vogel, und weil er dem Zeus geheiligt ist. 88. Den Bock haben die Aegypter aus derselben Ursache vergöttert, aus welcher bei den Griechen die Verehrung des Priapus eingeführt seyn soll, wegen des Zeugnngsglie- des; sie schreiben diesen Thieren den stärksten Begattnngs- trieb zu, und halten das Glied des Leibes, welchem alle lebendigen Wesen ihren Ursprung verdanken, für ehrenwerth. Ueberhaupt, sagen sie, werde es ja nicht in Aegypten allein, sondern auch in andern Ländern bei den geheime« Weihen heilig gehalten, als Quelle des thierischen Lebens. Diese Gottheit sey es, in deren Geheimnisse die Priester in Aegyp. ten, wenn sie das Amt ihrer Väter antreten, zuerst eingeweihet werden. Und aus demselben Grund verehr man die Erstes Buch. »Zy Pane und Satyrn; deßwegen habe man meistens ihre in den Tempeln aufgestellten Bilder mit emporgerichtetem Gliede gestaltet, so daß stc dem Bocke ähnlich seyen, der bekanntlich ein sehr fruchtbares Thier sey; durch solche Bilder wollen die Menschen ihren Dank für die große Zahl ihrer Kinder an den Tag legen. „Die heiligen Stiere, nämlich Apis und Mnevis, (so berichten die Aegyptcr) werden, einer Anordnung des Ostris zufolge, göttlich verehrt, weil zum Ackerbau die Stiere unentbehrlich sind, und weil durch ihren Dienst zugleich der Ruhm der Erfinder des Feldbaues für ewige Zeiten (sich auf die Nachwelt fortpflanzt. Röthliche Ochsen aber znlschlachtcn, ist erlaubt, weil Typhon, der Verfolger des Ostris, an welchem Isis den Mord ihres Gatten rächte, diese Farbe gehabt haben soll. Auch Menschen, die mit Typhon gleiche Farbe hatten, wurden ehemals von den Königen am Grabe des Ostris geopfert. Uebrigens findet man unter den Aegyptern nur Wenige von röthlicher Farbe, mehr aber unter den Fremden. Daher hat sich unter den Griechen die Fabel von der Ermordung der Fremden durch Bnstris verbreitet; denn Bnstris ist nicht der Name eines Königs, sondern das Grab des Ostris hat in der Landessprache diese Benennung." Die Wölfe, heißt es, verehre man deßwegen, weil stesvon Natur mit den Hunden viel Ähnlichkeit haben; diese beiden Thierarten seyen so wenig verschieden, daß durch ihre Vermischung Bastarde erzeugt werden. Indessen geben die Aegypter von der Verehrung der Wölfe noch eine andere Erklärung, die aber fabelhaft lautet. „Als einst Jsts mit ihrem Sohne Horus gegen Typhon streiten wollte, so kam Ostris, in der Gestalt eines Wolfs, aus der Unterwelt dem i38 Diodor's historische Bibliothek. Sohn und der Gattin zn Hülfe; und nachdem Typhon ge- tödtet war, so gebot er den Siegern, das Thier zu verehren, dessen Gestalt ihnen erschienen war in dem Kampf, der darauf so glücklich endete." Ander« erzählen, bei einem Einfall der Aethiopier in Aegypten haben sich zahlreiche Heerden von Wölfen gesammelt, und die Feinde aus dem Lande fortgejagt, bis über die Stadt Elephantine hinaus; daher habe der Bezirk von Lycopolis sWolfsstadtj seinen Namen, und daher komme es auch, daß man jene Thiere verehre. 3g. Noch ist uns übrig, von der Vergötterung deiHCro- eodile Etwas zu sagen. Die Meisten finden es unerklärbar, wie es Sitte werden konnte, einem Thiere, das doch Menschen anfällt und fle so grausam zerfleischt, göttliche Ehre zu erweisen. Man sagt, die Crocodile seyen es, die noch viel mehr, als der Strom selbst, in welchem sie sich aufhalten, zum Schuhe des Landes dienen; die Räuberhorden aus Arabien und Libyen wagen es deßwegen nicht, den Nil heraus zu schiffen, weil sie vor der Menge dieser Thiere sich fürchten; das wäre aber nicht mehr der Fall wenn man die Crocodile verfolgen dürfte; denn die Fischer würden fle ganz ausrotten. Andere erzählen, Einer der alten Könige, Namens Menas, habe sich einst, von seinen eigenen Hunde» verfolgt, in den See Möris geflüchtet, und da sey er von einem Crocodil wunderbarer Weise auf das jenseitige User hinübergetragen worden. Um nun dem Thiere seinen Dank für seine Rettung zu bezeugen, habe er in der Nähe eine Stadt gebaut, die er Crocooilsstadt nannte, auch die göttliche Verehrung dieser Thiere im Lande eingeführt, und den See ihnen geweiht, daß sie dort sich nähren; ebendaselbst habe er Erstes Buch. i3s) für sich rill Grabmal und darüber eine vierseitige Pyramide errichtet, und das^viel bewunderte Labyrinth gebaut. Aehn- liche Veranlaffnngen"'gcbcn sie auch bei ander» Thieren au; es wäre aber zu weitläufig, Alles aufzuzählen. Daß das allgemeine Beste der Zweck jener Sitte sey, das hält man deßwegen für gewiß, weil es in Aegypten Leute geben soll, welche manches Eßbare nicht genießen; Einige kosten gar nichts von Linsen, Andere von Bohnen, Andere von Käse oder von Zwiebeln oder irgend einer andern Speise, obgleich das Alles in Menge im Lande zu haben sey; das sey ein Beweis, daß man sich.gewöhnen müsse, auch tauglicher Speisen sich zu enthalten, weil, wenn Alle Alles essen wollten, keine Art von Nahrungsmitteln zureichen würde. Andere Ursachen aber führen z. B. Die an, welche berichten, unter den alten Königen habe sich das Volk häufig empört und gegen seine Fürsten verschworen, nun habe ein König, der sich durch Klugheit ausgezeichnet, das Land in mehrere Bezirke getheilt, und in jedem derselben den Einwohnern zur Pflicht gemacht, ein gewisses Thier zu verehren oder sich irgend einer Speise zu enthalten, damit es nämlich unmöglich würde, die Aegypter alle zur Uebereinstimmung zu bringen, indem man in jeder Gegend einen besondern Gegenstand der Verehrung hätte, und um Das, was anderswo heilig gehalten würde, sich nicht bekümmerte. Und diese Folge habe jene Einrichtung offenbar gehabt; die Nachbarstämme seyen alle untereinander uneinig, weil sie an der gegenseitigen Verletzung ihrer Gebräuche Anstoß nehmen. go. Endlich erklärt man den Thierdienst auch durch folgende Erzählung: „Als die Menschen ans dem thierischen 140 Diodor's historische Bibliothek. Zustande zum geselligen Leben übergingen, so fräße» sie zuerst einander auf und bekriegten sich, wo der Stärkere immer den Schwächeren überwältigte. Nachher aber fanden es Die, welche an Stärke den Andern nicht gewachsen waren vvr- theilbaft, sich Schaarenweise zu sammeln und sich gewisse Thiere (die später heilig gehalten wurden) zu Merkzeichen zu wählen. Bei einem solchen Merkzeichen kamen nun Leute zusammen, die in beständiger Furcht gelebt hatten, und bildeten so ihren Verfolgern gegenüber einen Achtung gebietenden Verein. Da Dasselbe auch die Ander» thaten, so theilte sich die ganze Masse in dergleichen Vereine; und in jedem widerfuhr dem Thiere, das den Mitglieder» Schuh gewährt hatte, göttliche Ehre, weil man ihm die höchste Wohlthat verdankte. Daher kommt der Unterschied, der noch gegenwärtig zwischen den Acgyptischen Stämmen besteht, daß Zeder nur die Thiere verehrt, welche ihm von Anfang heilig waren. Ueberhaupt findet man unter den Aegyptern mehr Dankbarkeit als bei andern Völkern, die Wohlthat mag nun komme», woher sie will; denn sie halten thätigen Dank gegen die Wohlthäter für das sicherste Hülfsmittel zum Lebensglnck; Zedermann werde ja offenbar Den am liebsten unterstützen, von dem er am sichersten wisse, daß er die Wohlthat in dankbarem Andenken bewahre. Aus demselben Grunde weihen die Aegypter ihren Königen als wahrhaftigen Göttern Ehre und Anbetung; sie glauben, die höchste Gewalt könne Denselben nicht ohne eine höhere Fügung zugefallen, und, Wer den Willen und die Macht habe, so viel Gutes zu wirken, müsse göttlicher Natur theilhaftig seyn." Von den heiligen Thieren durften wir wohl ausführlicher reden, da unter Erstes Buch. i-i' den Ägyptischen Gebräuchen der Thierdienst das!,Anf- fallendste ist. gi. Indessen zeigt sich auch in den Leicheugebräu- chen der Ägypter auffallend genug die wundersamc^Eigen- thümlichkeit ihrer Sitte«. Wenn Jemand bei ihnen gestorben ist, so ziehen die Verwandten und Freunde alle, wehklagend und das Haupt mit Erde bestreut, in der Stadt herum, bis die Leiche begraben ist. Sie enthalten sich durchaus der Bäder, des Weins und jeder bessern Kost, auch der schöneren Kleidung. Es gibt dreierlei Arten des Begräbnisses, die kostbarste, die mittlere und die geringste. Die erste soll ein Silbertalcnt kosten, die.zweite zwanzig Minendie leiste aber eine ganz unbedeutende Summe. Diejenigen, welche die Leichen zu besorgen haben, sind Kunstverständige, auf welche dieser Beruf erblich übergegangen ist. Sie bringen den Verwandten des Verstorbenen ein Verzeichniß der Preise für die sämmtlichen Leichenkostcn, und fragen, auf welche Weise sie wünschen, daß die Bestattung geschehe. Ist nun Alles verabredet, so nehmen sie den Todten mit sich, und übergeben ihn den dazu aufgestellten Leuten, daß sie ihn der Sitte gemäß behandeln. Zuerst wird der Leichnam auf den Boden gelegt, und der sogenannte Zeichenschrciber muß in der Weiche an der linken Seite die Stelle ringsum bezeichnen, die herausgeschnitten werden soll. Sodann führt der Ausschneider mit einem Äthiopischen Steine den Schnitt durch das Fleisch so weit, als das Gesetz es bestimmt; im Augenblick aber flieht er eilig, und die Anwesende» verfolge» ihn mit Stcinwürfen und mit Verwünschungen, als ob sie die Schuld auf ihn laden wollten. Dem; sie glauben Jeden >42 Diodor'ö historische Bibliothek. verabscheuen zu müsse», der den Körper eines Mitbürgers gewaltsam antastet und verwundet, oder auf irgend eine Weise verletzt. Die Leichensalber dagegen hält man aller Achtung und Ehre werth; sie sind in der Gesellschaft der Priester, und der Zutritt in den Tempel ist ihnen, als heiligen Männern, »«verwehrt. Wenn sie sich znr Besorgung der geöffneten Leiche versammelt haben, so greift Einer mit der Hand durch den Einschnitt hinein bis inAie Brusthöhle, und nimmt Alles heraus, die Nieren und das Her; ausgenommen. Ein Anderer reinigt jedes einzelne Stück der Eingeweide, indem er es mit Palmwcin und wohlriechenden Wassern ausspült. Den ganzen Leib aber salben sie zuerst sorgfältig mit Cedernöhl und dergleichen, über dreißig Tage lang; alsdann reiben sie Myrrhen und Zimmt ein, und andere Stoffe, die nicht blos gegen die Verwesung schützen, sonder» zugleich Wohlgerüche verbreiten; und wenn sie nun den Todten den Verwandten zurückgeben, so sind alle einzelnen Theile deS Körpers so unversehrt erhalten, daß sogar die Haare an den Angcnliedern und den Angenbraunen noch vorhanden sind; die ganze Leibesgestalt ist unverändert, und die GcsichtSbil- dnng läßt sich wohl erkennen. So bewahren denn viele Ae- gypter in prächtigen Gemächern die Leichen ihrer Vorfahren auf, und sehen Leute von Angesicht, welche schon viele Menschenalter todt waren, als sie selbst geboren wurden. Es muß ein ganz eigenes Vergnügen gewähren, die Größe und die Umrisse des Körpers und sogar die Gesichtszüge der einzelnen Todten sich so anschaulich machen zu können, als ob sie noch leibhaft unter uns lebten. Erstes Buch. >43 g,. Wenn der Todte bestattet werden soll, so sagen dessen Angehörige den Begräbnißtag den Richtern an und den Verwandten und Freunden desselben; sie Melden Das mit den Worten: „es will .... (hier wird der Name des Verstorbenen genannt) über den See gehen." Da kommen dann mehr als vierzig Richter, die sich in einen Halbkreis sehen, auf einem Gerüste jenseits des Sees, und nun wird der Kahn hinabgelassen, der für diesen Zweck von eigenen hiezu bestimmten Leuten gebaut ist. Es steht darin ein Fährmann, welchen die Aegyptcr in ihrer Sprache Charon nennen. Diese Sitte soll einst dem Orpheus, der sie auf seiner Reise in Aegypten kennen gelernt, Anlaß zu seinen Fabeln von der Unterwelt gegeben habe», die mithin zum Theil Nachbildung, zum Theil eigene Erfindung wären. Das Nähere darüber wird weiter unten vorkommen. Ist der Kahn in den See hinabgelassen, so steht es indessen nach dem Geseye Jedem frei, den Todten anzuklagen, ehe der Sarg, in welchem er liegt, in den Kahn gebracht wird. Tritt nnn ein Kläger auf, und beweist, daß der Verstorbene lasterhaft gelebt, so sprechen die Richter ihr Urtheil, und das feierliche Begräb- niß wird der Leiche verweigert. Findet man aber die Beschuldigung ungcgründet, so verfällt der Ankläger in schwere Strafen. Wenn sich gar kein Kläger zeigt, oder wenn Der, welcher auftritt, als Verläumder erkannt wird, so legen die Verwandten die Trauer ab, und lobpreisen den Verstorbenen. Von seiner Herkunft sprechen sie nicht, wie es bei den Griechen gewöhnlich ist; denn die Aegypter glauben alle von gleich edler Abkunft zu seyn. Aber die Geschichte seiner Erziehung und Bildung von Kindheit auf erzählen sie, und beschreiben »44 Diodor's historische Bibliothek. dann die Frömmigkeit und Gerechtigkeit, die Mäßigung und die andern Tugenden, die er im Mannesalter geübt; zuletzt rufen sie die Götter der Unterwelt an, sie mögen",ihn in die Wohnungen der Frommen aufnehmen. Die Volksmenge stimmt in die Lobsprüche ein, und hilft den Todten verherrlichen, der nun in der Unterwelt mit den Frommen fortlebe» soll. Den Leichnam legt man, wenn die Familie eine eigene Gruft hat, in das für ihn bestimmte Grab. Die aber, welche keine Gruft besitzen, bauen ein neues Zimmer in ihrem Haus, und stellen den Sarg aufrecht an die festeste Wand. Auch dann, wenn die Todten nicht begraben werden dürfen, weil sie verklagt, oder weil sie für eine Schuld verpfändet sind, stellt man sie in ihrem Haus auf. Zuweilen geschieht es, daß später ihre Kindeskinder, wenn diese wohlhabend werden, sie schuldfrei machen, den Gläubigern oder den Klägern gegenüber, und sie durch ein prächtiges Begräbniß zu Ehren bringen. g5. Es ist ein achtungswerther Zug in der Denkart der Aegypter, daß sie ihre Aeltern und Vorfahren, nachdem Diese in die ewige Wohnung übergegangen sind, noch so hoch ehren. Sie sind gewohnt, die Leichname der''Aeltern den Gläubigern zum Pfande zu geben; aber Wer das Pfand nicht löst, den erwartet Schmach und Schande, und nach dem Tode Verlust des Begräbnisses. In dieser Sitte spricht sich ein gewisses Zartgefühl aus, und zugleich das Bestreben, das wirkliche Bewunderung verdient, ein freundlichesiund edles Betragen durch die Erinnerung an die Verhältnisse der Lebenden nicht nur, sondern sogar an die Ehre, welche den Todten durch das Begräbniß widerfährt, also durch alle möglichen Beweggründe zu empfehlen. Bei den Griechen Erstes Buch. >45 beruht der Glaube an das Zukünftige, an den Lohn der Frommen wie an die Strafe der Bösen, auf wMührliche» Dichtungen nnd entstellten Sagen. Daher können diese Vorstellungen unmöglich die Menschen auf den besten Weg leiten; sle werden vielmehr den Lasterhaften zum Gespötts, und man legt darauf einen sehr geringen Werth. Die Aegypter dagegen lernen nicht aus einer Fabel, sondern durch den Augenschein die Strafe für die Bösen und den Lohn für die Guten kennen; so werde» denn Diese sowohl als Jene täglich an ihre Pflichten erinnert, und darin liegt das kräftigste und sicherste Mittel zur sittlichen Veredlung. Für die besten Gesetze aber können nicht diejenigen gelten, welche die Einwohner am reichsten mache», sondern, welche die verträglichsten und die brauchbarsten Bürger bilden. 94 . Wir müssen auch von den Gesetzgebern Etwas sagen, welche in Aegypten so eigenthümliche und auffallende Sitten eingeführt haben. Als die Zeit der älteren Verfassung von Aegypten, wo die Fabelgeschichte Götter und Heroen regieren läßt, vorüber war, da soll Mneves der Erste gewesen seyn, der das Volk gewöhnte, geschriebene Gesetze anzunehmen nnd zu befolgen, ein Mann von großem Geist, aber im Umgänge so leutselig wie keiner der bekannten Könige. Weil er sich sehr wohlthätige Wirkungen von diese« Gesetzen versprach, so gab er vor, wie man sagt, sie kommen »sn Hermes her. Etwas Aehnliches soll ja auch bei den Griechen geschehen seyn, da Minos in Creta von Zeus, und Lycurg in Lacedämon von Apoll seine Gesetze erhalten haben wollte. Man weiß, daß noch bei mehreren andern Völkern dieselbe Klugheitsregel angewendet worden ist, und daß der Diovor. is Bbchn. io l/»6 Diodor's historische Bibliothek. Glaube an ein solches Borgeben einen sehr heilsamen Einfluß gehabt hat. So, erzählt man, habe bei den Arimaspen Zathraustes dem guten Dämon seine Gesetzgebung zugeschrieben, ebenso bei den Geren, welche an die Unsterblichkeit der Seele glauben, Zamolris der überall verebrten Best«, und bei den Juden Moses dem Gott, welcher Jao genannt wird; sey es nun, daß sie einen sür die menschliche Gesellschaft heilsamen Rath für wunderbare und wahrhaft göttliche Eingebung hielten, oder daß sie nur das Volk durch die Hinweisung auf die Macht und Hoheit der vorgeblichen Urheber ihrer Gesetze zum Gehorsam williger zu machen dachten. „Der zweite Gesetzgeber in Aegypten (so wird weiter berichtet) war Sasychis, ein sehr einsichtsvoller Man». Er vermehrte die vorhandene Gesetzessammlung namentlich mit genaueren Vorschriften über den Götterdicnst. Er war der Erfinder der Geometrie, und lehrte die Einwohner die Sterne kennen und beobachten. Der dritte ist Sesoosis, der nicht blos durch seine Kriegsthaten unter allen Aegyptischen Königen sich ausgezeichnet, sondern dem Wehrstand auch eigene Gesetze gegeben und das ganze Kriegswesen in eine bestimmte Ordnung gebracht hat. Der vierte Gesetzgeber ist der König Bocchöris, ein weiser und äußerst gewandter Mau». Er stellte die Verhältnisse der Könige von allen Seiten fest, und machte genaue Verordnungen über Geldanlehen. Auch als Richter bewies er viele Klugheit, und manche seiner trefflichsten Urtheilssprüche haben sich im Munde des Volks bis auf unsere Zeilen erhalten. Er hatte einen sehr schwächlichen Körper; sein Gemüth war von unbegrenzter Habsucht beherrscht." gS. „Nach ihm trat als Gesetzgeber der König Amasis auf. Er ordnete die Verhältnisse der Nomarchcn und die ge- sammtc Staatshaushaltnng von Aegypten. Auch er wird als ein höchst einsichtsvoller, und zugleich als ein meiischenfreund- licher und gerechter Fürst gerühmt. Um dieser Eigenschaften willen wurde er von den Aegyptern auf den Thron erhoben, ob er gleich nicht aus königlichem Stamme war. Die Elier Erstes Buch. i§7 schickten einmal eine Gesandtschaft an ihn, weil sie die olympischen Spiele mehr empor zn bringen wünschten; sie ließen ihn fragen, was z» thlin sey, damit die Preise so gerecht als möglich vertheilt werden; er antwortete, es dürfe unter den Bewerbern kein Elier seyn. Als sich Polycrates, der Beherrscher von Samos, Gewaltthätigkeiten gegen seine Mitbürger sowohl als gegen die Fremden, die auf Samos landeten. erlaubte, so ließ ihm Amasis, mit welchem er ein Freundschaftsbündnis! errichtet hatte, zuerst durch Abgeordnete zu einem milderen Verfahren rathen, und als er anf seine Vorstellungen nicht achtete, so kündigte er ihm schriftlich die Freundschaft und das Gastrecht auf, mit der Erklärung, er müßte sonst einer plötzlichen Trauerbotschaft gewärtig seyn, denn er wisse zuverläßig, daß einem Herrscher, der so seine Gewalt mißbrauche, ein Unglück bevorstehe. Er erwarb sich dadurch die Achtung der Griechen, weil er so lustig dachte, und weil es in kurzer Zeit eintraf, was er dem Polycrates angekündigt hatte. Der Sechste, der sich mit der Gesetzgebung in Aegypteu beschäftigte, warDarius, der Vater des A-'erres. Er mißbilligte die widerrechtlichen Eingriffe seines Vorgängers Cambyscs in. die Religion der Aegypter, und suchte sich nun den Menschen und den Eöt- dern »m so gefälliger zu machen. Er unterhielt sich gern mit den Aegyplischcn Priestern, um sich mit ihrer Gdtterlebre und mit der in den heiligen Büchern aufgezeichneten Geschichte vertraut zu machen; daraus lernte er die edle Denkart der alten Könige und ihre Milde gegen die Unterthanen kennen, »nd folgte ihrem Beispiele nach. Auf diese Art setzte er sich in ein so hohes Ansehen, daß ihn die Aegypter noch bei seinem Leben einen Gott nannten, was bei keinem der frühern Könige geschehen war, und nach seinem Tode widerfuhr ihm gleiche Ehre mit den Gerechteste» unter den alten Regenten von Aegypten. Dieß sind also die Männer, welche die Landesgesepe, die auch auswärts so berühmt geworden sind, nach und nach zusammengetragen haben. In der Folgezeit wurden manche zweckmäßige Verordnungen abge- 10 * i^8 Diodor's historische Bibliothek. schafft, als die Macedonier das Land einnahmen, welche der Herrschaft der Eingebornen für immer ein Ende machten." 96. Nachdem wir diese Beschreibung vollendet, habe» wir noch Diejenigen unter den einsichtsvollsten und gebildetsten Männern des alten Griechenlandes aufzuzählen, welche nach Aegypten gereist sind, um sich mit den Gebräuchen des Volks und seiner Wissenschaft bekannt zu machen. Die Ae- gyptischen Priester nennen unter den Fremden, welche, nach den Verzeichnissen in den heiligen Büchern, ihr Land besucht haben, den O r p h e n s, M u sä u s, M e l a m p n s, Dädalus; ferner den Dichter Homer, den Lycurg von Sparta und Solvn von Athen, und den Philosophen Plato; ebenso den Pythagoras von Samos und den Mathematiker En- dorus; endlich den Democrit von Abdera und Oenopi- des von Chios. Von allen diesen Männern weisen sie noch Spuren auf, entweder ihre Bildnisse, oder Orte und Gebäude, die nach ihnen benannt sind. Aus der Vergleichung Dessen, was Jeder in seinem Fache geleistet, führen sie den Beweis, daß diese Griechen Alles, wodurch sie sich unter ihrem Volk so berühmt gemacht, aus Aegypten entlehnt haben. Dorther, sagen sie, habe Orpheus die meisten der Gebräuche bei den Mysterien, die Feste der »wirrenden Demeter und seine Fabeln über die Unterwelt mitgebracht. Denn die Weihe des Osiris sey einerlei mit der des Dionysos, und die der Isis und der Demeter seyen einander sehr ähnlich, nur in den Namen liege der Unterschied. Die Strafe der Gottlosen in der Unterwelt und die Gefilde der Frommen und die Schattengestalten, wie man sich gewöhnlich dieselben denke, seyen erdichtete Vorstellungen, von ihm in Umlauf gebracht, und zwar den Aegyytischen Leichcngebräuchen nachgebildet. Nach einer alten Sitte nämlich führe in Aegypten der Tvdtenbegleiter Hermes den Leichnam des Apis eine Strecke weit, und übergebe ihn dann einem Andern, der eine Cerberusmaske trage. Auf diese Gewohnheit, welche den von Orpheus in Griechenland verbreiteten Lehren zum Grunde liege, deute Homer, wenn es in seinem Gedicht heisse sOd.XXIV, 1.2.^: >49 Erstes Buch. „Hermes aber entlief, ier Kyllenier, jeyv die Seelen Jener erschlagenen Freier, und hielt in den Händen den Machtstab/" Und bald darauf so. n—>/>-): „Hin an Okeano» Flut, und hin am Leucadischen Felsen, Auch an Helios Thore hinweg, und dem Lande der Träume Zogen sie; kamen dann bald zur Asphodeloswiesc hinunter. Wo die Seelen zugleich, die Schatten der Ruhenden wohnen." Unter dem Ocean verstehe Homer hier den Flnß, weil die Aegypter in ihrer Sprache den Nil Ocean nennen. Unter Heliu Pvlai sden Thoren der Sonne) aber denke er sich Helivpolis sdie Sonnenstadt), und nnter der Wiese, wo nach der Mythologie die Wohnung der Abgeschiedenen sey, die Gegend um den See Achernsia, in der Nähe von Mcmphis, wo man die schönsten Wiesen und Teiche mit Lotus und Schilfrohr finde. Die Vorstellung, daß hier die Todten wohnen, sey auch ganz natürlich; denn die meisten und die feierlichsten Leichenbegängnisse der Aegypter werden in dieser Gegend gehalten; man führe die Verstorbenen über den Fluß und über den See Acherusta, und lege sie dann in die dortigen Gräber. Auch die übrige Beschreibung der Unterwelt nach der Griechischen Mythologie komme übcrein mit Gebräuchen, die noch gegenwärtig in Aegypten Statt finden. Der Kahn, der die Leichen hinüber schiffe, heisse Baris, und die Münze, die man dem Fährmann, in der Landessprache Charon genannt, für die Ueberfahrt bezahle, sey ein Obolus. Ferner sey nicht weit von dieser Gegend ein Tempel verfinstern Hecate, und die Pforten des Cocytus und Lethe, mit ehernen Riegeln verschlossen. Außerdem stehen dort die Pforten der Wahrheit, und in der Nähe derselben eine Bildsäule der Gerechtigkeit, ohne Haupt. g7. Ebenso finde man viele andere Erzählungen der Mythologie in Gebräuchen der Aegypter wieder, in welchen sich nicht blos die Benennung, sondern die Thatsache selbst bis auf die gegenwärtige Zeit erhalten habe. In der Stadt i5o DIodor's historische Bibliothek. Acanthus, jenseits des Nil's gegen Libyen, rro Stadien von Mempkis entfernt, sey ein durchlöchertes Faß, in welches ZKo Priester jeden Tag Wasser aus dem Nil tragen. Nichl weit davon sehe man die Fabel von Oknus verwirklicht, j» einer Gesellschaft, wo an einem langen Strick vorn Einer flechte, und hinten Andere das Geflochtene wieder auflösen. Melampus soll aus Acgypten die Verehrung des Dionysos, so wie sie in Griechenland eingeführt ist, und die Fabeln von CronoS und vom Titanenstreit, überhaupt die Geschichte von den Leiden der Götter mitgebracht haben. Dädalus, behaupten die Priester, habe den Ban des Labyrinths nachgeahmt, das gegenwärtig noch steht, und nach Einigen vom König Mendes, nach Ändern von Marus erbaut ist, um viele Jahre früher, als Minos regierte. Die alten Bildsäulen in Aegyp- ten haben dieselbe Gestalt, wie die Werke deS Dädalus i» Griechenland. Die schöne Vvrha e am Tempel des Hephä- stvs zu Memphis habe Dädalus gebaut; dafür sey ihm die Auszeichnung zu Theil geworden, daß sein eigenes Bild, von ihm selbst aus Holz geschnitzt, in diesem Tempel aufgestellt worden sey. Zuletzt habe man dem erfindungsreichen Künstler, nachdem er noch viele andere sehr hoch geschätzte Werke ausgeführt, göttliche Ehre erwiesen; denn auf einer Insel bei Memphis stehe noch jetzt ein Tempel des Dädalus, den die Einwohner heilig halten. Zum Beweis, daß Homer bei ihnen gewesen, berufen stch die Aegypter unter Andern, besonders auf das Mittel, wodurch Helena den Telemach, da er in'S Haus des Menelaus kam, die erlittenen Unfälle vergessen machte. Der Dichter muß über dieses kummerstillende Mittel genaue Nachrichten gehabt haben, da er erzählt, Helena habe es aus dem Aegyptischen Tkebä von Thon's Gemahlin, Po lydamna erhalte».") Denn noch jetzt, sagt man , besitzen die dortige» Frauen eine Arznei, welche dieselbe Kraft habe, und in Diospolis allein (Thebä aber und Diospolis ) Hom. Ob. IV, r,q. ff. Erstes Buch. i5i ist einerlei Stadt) wissen sie seit alten Zeiten den Trank zu bereite», welcher Zorn »nd Leid wegnimmt. Aphrodite heisse in Aegypten ,,die goldene" *), nach einer alte» Ueberlieferung; es gebe auch ein „Feld der goldenen Aphrodite" bei Moinemphis. Ferner habe Homer die Fabel von der Umarmung des ZeuS und der Hcre, ") und von der Wanderung nach Aethiopien a»S Aegypten entlehnt. Denn hier führe man daS Heiligtkum des ZeuS jährlich einmal über den Fluß hinüber nach Libyen, und hole es nach einigen Tagen wieder, alS ob Zeus selbst auS Aethiopien käme. Das Beilager des Gottes und der Göttin feiere man durch einen festlichen Aufzug, indem man die Heiligtkümer beider Gottheiten auf einen Berg trage, den die Priester mit Blumen aller Art bestieucn. g8. Lykurg, Plato und Svlon haben viele Aegypcische Gebräuche in ihre Gesetzgebung aufgenommen. PythagoraS habe seine heilige Sprache, seine geometrischen Sätze und seine Zahlsnlchre, auch die Vorstellung von einer Wanderung der Seele durch alle lebende Wehn von den Aegyvtern erhalten. Von Democrit glauben sie, er habe fünf Jahre bei ihnen zugebracht, und sich da viel astrologische Kenntnisse gesammelt. Ebenso habe Oenopides auS dem Umgang der Priester und Astrologen Manches gelernt, namentlich, daß die Sonne sich in einer schiefen Bahn bewegt, und in einer der täglichen Bewegung der Gestirne entgegengesetzten Richtung. Den Aegyptern verdanke nicht minder EudvruS alle die nützlichen Belehrungen auS der Sternkunde, die er den Griechen mitgetheilt, und durch die er sich einen so berühmten Namen gemacht habe. Aegypten haben die Bekannteste» unter den alten Bildhauern besucht, Tel ekleS und Theodorns, die Söhne des RhökuS, von kenen das Bild deS Pythischen Apollo auf SamvS herrühre. Die eine Hälfte desselben sey. nach der Sage, auf SamoS von Telekles verfertigt, und die andere *) Vgl. Jl. IV, 6z. u. a. Jl. XI V, Zz6. ff. Jl. I, z-Z. ff. 1^2 Dl'odor's historische Bibliothek. Erstes Buch. in Eohesus von seinem Bruder Theodorus. Da man die beiden Stücke zusammengefügt, haben sie so gut aneinander gepaßt, daß man glauben sollte, die ganze Bildsäule wäre das Werk Eines Meisters. Diese Gattung der Bildhauerei sey aber bei den Griechen gar nicht üblich, die Aegypter hingegen haben es darin zur höchsten Vollkommenheit gekrackt. Diese schätzen nämlich bei den Bildsäulen die Verhältnisse nicht nach dem Augenmaße wie die Griechen, sondern, so bald sie den Stein gebrochen haben, bestimmen sie schon das gehörige Maß für alle einzelnen Theile des Bildes von den kleinsten bis zu den größten. Die Höhe des ganzen Körpers theile man in ->7» Theile, und messe darnach die Verhältnisse aller Glieder ab. Wenn sich daher die Künstler nur über die Größe der Bildsäule verabredet haben, so führen sie, getrennt von einander, ihre Arbeiten so vollkommen gleichförmig aus, daß man erstaune über diese eigenthümliche Geschicklichkeit. Das Bild auf Samos nun sey, nach der Weise der Ägyptischen Kunst, vom Scheitel an durch die Mitte der Figur bis zum Unterleib in zwei Theile gespalten, die einander durchaus gleich und ähnlich seyen. Auch sonst komme es mit den Ägyptischen Bildern fast ganz überein; denn die Hände seyen ausgestreckt, und die Füße fortschreitend. Ueber die Geschichten und Denkwürdigkeiten von Ägypten mag das Gesagte hinreichend seyn. - Wir werden nun, nach dem Entwurf, den wir zu Anfang dieses Buch's vorgelegt, in dem folgenden mit der Erzählung der fabelhafte» sowohl als der beglaubigten Begebenheiten fortfahren, und zwar in Asten mit der Geschichte der Assyrer beginnen. Griechische Prosaiker i n neuen Übersetzungen. Herausgegeben von G. 8. F. Tafel, Professor zu Tübingen C. N. Osiander und G. Schwab, Professoren zu Stuttgart. Fünf und dreißigstes ^Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'scheu Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Morsch» er und Jas»er in Wien. « 8 , 8 » Diodor's vonSicilien historische Bibliothek, übersetzt von Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar zu Blaubeuren. Zweites Bündchen. 6 Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Iasper in Wien. i 8 2 L. >' ' »' » >L -L-^ »»L KWM». Zuhält des zweiten Buchs. Assyrer. König Ninus. Seine Eroberungen. Cap. i. 2 . Die Stadt Ninus. Sap. 5 . Semiramis. Eroberung von Daktra. Cap. it-6. Die Stadt Babylon. Cap. 7. Euphratbrückc. Pal- läfle. Cap. 8. Gang unter dem Euphrat. Tempel des Bclns. Cap. g. Der hängende Garten. Cap. 10. Handelsstädte. Cap 11. Erdpech und andere Quellen. Cap. 12. Zug der Semiramis nach Medien undPersien, nach Aegypten und Acthiopien. Cap. i 5 . iä. (Bon den Begräbnissen der Aethiopier. Cap. 1 5 .) Krieg der Semiramis mit den Indern. Cap. 16—ig. Tob der Semiramis. Cap. 20. Ni- nyas und seine Nachfolger. Eap 21. Mcmnon im Trojanischen Krieg. Cap. 22. Sardanapal. Cap. 2Z. Empörung des Arbaccs von Medien. Cap. 2^ — 26. Untergang des Assyrischen Reichs. Kb- nig Arbaces. Cap. 27. 28. Die Chaldäer in Babylonicn. Sap. 2g. Ihre Astrologie. Cap. 5 o. 5 ,. Meder. Ursprung ihres Reichs. Cap. 82. Krieg mit den Kadusiern. Cap. 55 . Mit den Sacicrn. Ihre Königin Zarinä. Cap. 55 . Indien. Beschreibung des Landes. Cap. 55. 56. Flüsse. Cap. 57 . Zug des Bacchus nach Indien. Cap. 58. Hercules in Indien. Cap. 5g. Sieben Kasten. Cap. äo. l,i- Elephanten. Cap. 42 . Scythen. Cap. /, 5 . ää- Amazonen. Cap. />/, — ä6. Hyperboreer. Cap. l,7. Arabien. Nabatäer. Cap ä 6. Das glückliche Arabien. Cap. /,g. Goldgruben. Der Strauß. Cap. 5 o. Die Giraffe und andere Thiere. Cap. 5 i. Edelsteine. Bunte Böge! und Blumen. Palmen. Cap. 62. 55 . Andere Gegenden von Arabien. Das Kameel. Sap. 5 /,. Die Insel des Jambulus (Taprobane). Cap. 55 —60. 158 Diodor's historische Bibliothek. Zweites Buch. i. Das vorhergehende Buch, das erste des ganzen Werks, umfaßt die Geschichte von Aegypten. Namentlich sind darin die Fabeln von den Göttern der Aegypter, die Eigenthümlichkeit des Nils, und was man sonst an diesem Flusse Merkwürdiges findet, ferner die Lage von Aegypten lind die Thaten der alten Könige, der Reihe nach, beschrieben; auch sind Nachrichten vom Bau der Pyramiden gegeben, die man zu den sieben Wunderwerken zählt; sodann haben wir von dem Ungewöhnlichen in der Gesetzgebung und Rechtspflege der Aegypter und von ihrem sonderbaren Thierdienfte gesprochen; weiter von den Leichengebräuchen, und endlich von den Reisen berühmter gebildeter Griechen nach Aegypten, welche dort viele nützliche Kenntnisse gesammelt und nach Griechenland mitgebracht haben. In dem gegenwärtigen Buche werden wir nun die Urgeschichte von Asien beschreiben, und zwar mit dem Assyrischen Reiche den Anfang machen. In der ältesten Zeit hatten die Asiatischen Völker einheimische Könige, von welchen man aber keine denkwürdige That, und nicht einmal die Namen weiß. Der erste, den die Geschichte nennt, als einen Man», welcher große Thaten vollbracht, ist Ninus, König von Assyrien. Wir werden daher von ihm ausführlicher sprechen. Er hatte einen kriegerischen Geist, der nach dem Heldenrnhm strebte. Die stärksten Jünglinge las er aus, und übte sie lange Zeit in L::: Waffen,- bis sie an alle Beschwerden und Gefahren des Kriegs gewöhnt 189 Zweites Buch. waren. Nachdem er so ein ansehnliches Heer zusammengebracht, so schloß er ein Bündniß mit Ariäus, dem König von Arabien, welches damals für ein Land voll streitbarer Männer galt. Die Araber sind überhaupt ein freiheitlieben- des Volk, das schlechterdings keinen ausländischen Fürsten duldet. Daher waren in der Folgezeit weder die Perserkönige, noch die Macedonier mit aller ihrer Uebermacht im Stande, dieses Volk zu bezwingen. Für ein feindliches Heer wird der Krieg in Arabien sehr beschwerlich, weil es zum Theil eine Wüste, zum Theil eine wasserlose Gegend ist, wo es nur hie und da verborgene, blos den Eingebornen bekannte, «Zisternen gibt. In Verbindung mit dem Fürsten der Araber unternahm nun der Assyrische König Ninus mit einer großen Heeresmacht einen Feldzng gegen die Babylonier, seine Nachbarn. Zu jener Zeit war die jetzige Stadt Babylon noch nicht gebaut; es gab aber andere bedeutende Städte in Babylonie«. Leicht überwand er das Volk, das mit den Kämpfen des Kriegs gar nicht bekannt war; er legte den Einwohnern Abgaben auf, welche sie jährlich zu entrichten hatten, und den König des eroberten Landes, den er mit seinen Kindern gefangen genommen hatte, ließ er'tödten. Nachher fiel er mit einem zahlreichen Heer in Armenien ein, und verbreitete Schrecken unter den Einwohnern durch Verwüstung einiger Städte. Darum kam ihm der König Barzanes, da er sich dem Kampfs nicht gewachsen fühlte, mit reichen Geschenken entgegen, und versprach, allen seinen Befehlen zu gehorchen. Ninus behandelte ihn großmüthig; er ließ ihn in Armenien fortregicren, und verlangte blos, daß er ihm auf seinen Fcldzügen, als Bundesgenosse, Mannschaft und Kriegs- 160 Diodor's historische Bibliothek. bedürfniffe lieferte. Als seine Macht immer höher stieg, w bekriegte er Medien. Der König dieses Landes, P Haruns, stellte sich ihm entgegen mit beträchtlichen Streitkräften; allein er verlor die Schlacht nnd den größten Theil seiner Soldaten; er selbst gerieth mit sieben Kindern und seiner Gemahlin in Gefangenschaft, und wurde gekreuzigt. Als das Glück dem Ninus so günstig war, so regte sich in ihm ein mächtiger Trieb, alles Land Asiens zwischen dem Don und dem Nil *) zu erobern. Es ist ja die gewöhnliche Folge gelungener Unternehmungen, daß der Glückliche immer noch mehr zu haben wünscht. So ließ denn Ninus in Medien einen seiner Freunde als Statthalter zurück, und durchzog die Asiatischen Staaten: siebzehn Jahre brachte er mit der Eroberung derselben zu, und außer Indien und Baktrien machte er sich zum Herrn aller übrigen. Die Geschichte der einzelnen Kriege und die Zahl aller überwundenen Volker ist von keinem Schriftsteller aufgezeichnet; die bedeutendsten indessen unter diesen Völkerschaften wollen wir, nach der Angabe des Ktesias von Knidos, kurz durchgehen. Die am Meere gelegenen und die zunächst an diese gränzenden Länder, welche Ninus eroberte, waren Aegypten, Phönicier;, Cölesyrien, Cilicien, Pamphylien, Ly- cien, ferner Karie», Phrygien, Mysien, Lydien. Weiter unterwarf er sich Troas, Phrygien am Helle- spont, Propontis, Bithynien, Kappadocien, und die wilden Völkerschaften am Pontns sschwarzen Meers bis zum Don. Er bezwäng die Kadusier nnd Tapyren, *)^Die^Alten rechneten zuweilen Aegypten zum Erdtheil Asien. 161 Zweites Buch. die Hl^rkanier und Dranggen, die Derbiker, Karmanier und Choromnäer, die Borkanier und Parther. Auch Persten und Susiana nahm er ein, und die Gegend, die man Kaspiana heißt, wohin sehr enge Pässe, die sogenannten Kaspischen Thore, führen. Außerdem brachte er noch viele kleinere Völkerschaften unter seine Gewalt, die wir nicht aufzählen, um nicht zu weitläufig zu werden. Baktrien fand er schwer zugänglich und an streitbaren Männern reich; nach vielen vergeblichen Anstrengungen entschloß er sich, den Krieg gegen die Baktrier auf eine andere Zeit zu verschieben, und seine Heere nach Assyrien zurückzuführen. Hier ersah er sich einen tauglichen Platz aus, wo er eine große Stadt gründen wollte. 3. Nachdem er nämlich durch seine Thaten über alle seine Vorgänger sich erhoben hatte, so glaubte er nun auch eine Stadt von solchem Umfang bauen zu müssen, daß sie nicht nur größer würde als alle Städte der damaligen Welt, sondern auch in der Folgezeit nicht leicht Jemand, der etwas Aehnliches versuchte, im Stande wäre, ihn zu überbieten. Den König der Araber entließ er mit seinem Heere nach Hause, belohnt mit Ehrengeschenken und einem schönen Antheil an der Bente. Sodann ließ er überall her Arbeiter am Fluß Euphrat *) zusammenkommen und alles Nöthige herbeischaffen, und da erbaute er eine wohlummauerte Stadt, in der Gestalt eines länglichten Vierecks. Jede von den beiden langem Seiten maß -5o, und von den kürzern jede 90 Stadien; also betrug *) Ninive wird von Andern (z. B. Herodot I, ig3.) wahrscheinlicher an da- linke Ufer des Tigris gesetzt. L 62 Diodor's historische Bibliothek. der ganze Umfang der Stadt 480 Stadien. *) Seine Hoffnung täuschte ihn nicht; denn nie ist nachher wieder eine Stadt von solcher Ausdehnung und mit einer so großartigen Ummanrung gebaut worden. Die Mauer war 100 Fuß hoch, und so breit, daß drei Wagen neben einander darauf fahren konnten. Die Thürme, zusammen > 5 oo an der Zahl, hatten eine Höhe von 200 Fuß. Ninus ließ sehr viele Assyrer, und zwar die Mächtigsten, in die neue Stadt ziehen; aber auch aus andern Völkern Jeden, der da wollte. Er nannte die Stadt nach seinem Namen Ninus sNinivcj. Den Bewohnern wies er ein großes Stück Landes in der Umgegend an. 4. Da Ninus nach Erbauung dieser Stadt gegen Bak- trien zu Felde zog, wo Semiramis seine Gemahlin wurde, so müssen wir zuvor erzählen, wie diese Ausgezeichnetste unter allen bekannten Frauen aus niedrigem Stande zu einer so hohen Würde emporgestiegen ist. In Syrien liegt eine Stadt Askalon, und nicht weit davon ein großer und tiefer, fischreicher See. Neben demselben hat eine hochverehrte Göttin, welche die Syrer Derketo nennen, einen Tempel. Sie hat das Gesicht von einem Weib, und den ganzen übrigen Körper von einem Fisch. Ueber die Ursache, warum sie so abgebildet wird, erzählen die Kundigsten unter den Eingebornen folgende Fabel. „Aphrodite zürnte über jene Göttin, und flößte ihr eine heftige Liebe gegen einen schönen Jüngling ein, der unter den Opfernden war. Derketo nahte sich dem Syrer und gebar eine Tochter. Aber beschämt über ihr Vergehen, brachte sie den Jüngling um, und sehte das K ind in einer öden, felstgten Gegend aus. Wun- *) Zwölf deutsche Meilen. 163 Zweites Buch. derbarer Weise wurde das Kind von Tauben, die in großer Zahl dort nisteten, ernährt und gerettet; die Mutter aber stürzte sich aus Beschämung und Kummer in den See, und wurde in eine Fischgestalt verwandelt. Daher kommt es, daß noch gegenwärtig die Syrer keine Fische essen, und diese Thiere göttlich verehren. Von den Tauben, die sich an dem Platze, wo das Kind ausgesetzt war, schaarenweise eingenistet hatten, wurde es durch eine wunderbare Fügung erhalten. Sie bedeckten es ringsum mit ihren Flügeln, um es am ganzen Leibe zu wärmen. Aus den benachbarten Höfen holten sie ihm seine Nahrung, wenn sie bemerkten, daß die Hirten der Rin-er und der andern Heerden nicht zu Hause waren; sie brachten dem Kinde Milch in ihren Schnäbeln, und ließen sie ihm zwischen den Lippen hineinträufeln. Da es ein Jahr alt war, und stärkere Speise nöthig hatte, pickten die Tauben etwas von den Käsen ab, so viel, als das Kind bedurfte. Wenn nun die Hirten nach Hanse kamen, und den Käse angebissen fanden, so konnten sie nicht begreifen, wie das zuging. Als sie aber Acht gaben, so entdeckten sie die Ursache, und fanden das wunderschöne Kind. Sie nahmen es sogleich in ihre Wohnung mit, und schenkten es dem Aufseher der königlichen Heerden, Namens Simmas. Dieser, ein kinderloser Mann, erzog es mit aller Sorgfalt, wie eine eigene Tochter. Der Name Semiramis, den er dem Kinde gab, kommt von dem Wort her, welches in der Syrischen Sprache eine Taube bezeichnet. Seit dieser Zeit haben alle Bewohner vvn Syrien den Tauben immer göttliche Ehre erwiesen." 5. So lautet die Fabel von der Geburt der Semiramis. Als sie in die Jahre der Mannbarkeit trat, zeichnete 164 Diodor'ö historische Bibliothek. sie sich durch ihre Schönheit unter allen Jungfrauen aus. Um diese Zeit wurde vvm König ein Beamter, mit Namen Onnes, geschickt, um den Stand der königlichen Heerden zu untersuchen. Er war der erste von den Räthen des Königs, und zum Statthalter von ganz Syrien ernannt. Im Hause des Simmas, wo seine Herberge war, sah er die Semiramis, und wurde von ihrer Schönheit eingenommen. Er bat den Simmas, fle ihm zur rechtmäßigen Gattin zu geben, und führte sie nach Ninus heim. Dort zeugte er aus dieser Ehe zwei Söhne, Hyapates und Hydaspes. Da Semiramis außer der schönen Gestalt noch andere dieser entsprechende Vorzüge besaß, so hatte sie den Mann völlig in ihrer Gewalt, und es gelang ihm Alles wohl, weil er Nichts ohne ihre Einwilligung that. Damals nun rüstete sich der König zum Krieg gegen die Baktrier, nachdem der Bau der Stadt, die seinen Namen trug, vollendet war. Er wußte wohl, wie zahlreich und wie tapfer die Feinde waren, und wie viel es in dem Lande ganz unzugängliche feste Plätze gab. Daher wählte er aus allen ihm unterworfenen Völkern eine große Zahl von Soldaten aus. Weil nämlich der erste Feldzug mißlungen war, so glaubte er nun Baktrien mit einer um so stärkeren Kriegsmacht angreifen zu müssen. Nachdem das Heer aus allen Gegenden zusammengebracht war, zählte man, wie Ktesias in seiner Geschichte berichtet, 1,700,000 Mann Fußvolk und 210,000 Reiter, und nicht viel weniger als 10,600 Sichelwagen. Eine solche Heeresmacht ist freilich etwas Unglaubliches, wenn man blos die Zahlen hört; aber doch wird man sie nicht unmöglich finden, wenn man an die Größe von Asien denkt, und an die Menge der Völker, die es bewohnen. Man darf sich nur Zweites Buch. 165 (um von dem Zuge des Darms gegen die Scythen mit 800,000 Mann, und des Xerres mit seinen unzählbaren Schaaren gegen Griechenland Nichts zu sagen) an die Unternehmungen erinnern, die vor uicht so langer Zeit in Europa ausgeführt worden sind; so wird jene Augabe glaublicher erscheinen. In Sicilien führte Dionysius aus der Stadt Syrakus allein 120,ooo Mann zu Fuß und 12,000 Reiter gegen den Feind, und aus Einem Hafen -,00 große Schiffe, darunter einige drei- und fünfrudrige. Die Römer ließen, kurz vor Hanni- bals Einfall, weil fle einen schweren Kampf voraussahen, die waffenfähige Mannschaft in Italien, unter Bürgern und Bundesgenossen, aufschreiben, und die ganze Zahl machte beinahe eine Million aus. Und doch ist in Hinsicht der Bevölkerung ganz Italien nicht Einem der Asiatischen Länder gleich zu rechnen. So viel gegen Diejenigen, welche die Volksmenge der alten Welt nachfder geringen Einwohnerzahl der jetzigen Staaten schätzen wollen. 6 . Ninus konnte das ungeheure Kriegsheer, mit dem er gegen Baktrien zog, nur theilweise anrücken lassen, weil die Zugänge zu unwegsam und zu eng waren. Es gab in Baktrien viele große Städte: eine darunter aber zeichnete sich aus, die Residenzstadt Baktra; sie war viel größer und hatte eine weit festere Burg als alle übrigen. Der König, Or hartes, hob Alle, die das Alter zum Kriegsdienst hatten, aus, und so brachte er 400,000 Mann zusammen. Nun brach er mit seinen Truppen auf, und ging dem Feind bis an die Gränzpässe entgegen. Hier ließ er einen Theil vom Heer des Ninus ruhig einrücken; nachdem aber eine ziemliche Zahl von Feinden in die Ebene vorgedrungen war, stellte er seine 166 Diodor's historische Bibliothek. Soldaten in Schlachtordnung. Es entstand ein hartnäckiger Kampf; die Baktrier brachten die Assyrer zum Weichen, und verfolgten sie bis in die gegenüberliegenden Gebirge; der Feind verlor gegen 100,000 Man». Zuletzt aber, als das ganze Heer eingedrungen war, zerstreuten sich die Baktrier, von der Ueberzahl besiegt, in die Städte; denn es wollte Jeder seiner Heimath zu Hülfe eilen. Leicht bezwäng Ninus die andern Städte alle außer Baktra, wo die trefflichen Festungswerke und Vertheidignngsanstalten die Erstürmung unmöglich machten. Während der lange dauernden Belagerung fühlte der Gemahl der Semiramis, der auch mit dem König in's Feld gezogen war, ein so sehnliches Verlangen nach seiner Gattin, daß er sie holen ließ. Da hatte sie nun Gelegenheit, ihre Einsicht und Entschlossenheit und ihre übrigen glänzenden Eigenschaften zu zeigen, und durch persönliche Tapferkeit sich hervorzuthun. Für'S erste verfertigte sie sich auf die Wanderung von vielen Tagereisen ein Kleid, das so beschaffen war, daß man nicht erkennen konnte, ob die Person, die darein gehüllt war, ein Mann war oder ein Weib. Es gewährte den Vortheil, daß bei'm Reisen in der Sonnenhitze doch die Hautfarbe erhalten wurde, und daß man es zu allen möglichen Geschäften anziehen konnte, weil man sich darin, wie in den Kleidern der Jünglinge, mit Leichtigkeit bewegte. Uebcrhaupt hatte es ein so gefälliges Aussehen, daß nachher auch die Meier, als sie die Beherrscher von Asten wurden, die Tracht der Semiramis annahmen, und später eben so die Perser. Sobald sie in Baktrien angekommen war, beobachtete Semiramis das Verfahren der Belagerer. Sie bemerkte, daß der Angriff immer nur auf die untere Stadt und auf die schwächeren Sei- 167 Zweites Buch. ten gerichtet war, die Burg aber, die man für zu fest hielt, Niemand bereuuen wollte, und auch die dort befindlichen Truppen ihre Wachposten verlassen hatten, um die bedrohten Stellen der unteren Mauern vertheidigen zu helfen. Nun wählte fle aus den Soldaten Diejenigen aus, die an's Felsenklettern gewöhnt waren, und mit Diesen stieg sie durch eine steile Schlucht hinauf, und nahm einen Theil der Burg ein: dann gab sie den Uebrigeu, welche die untere Mauer angreifen mußten, ein Zeichen. Im Schrecken über die Einnahme der Burg gaben die Belagerten die Vertheidigung der Mauer auf, und verzweifelten an ihrer Rettung. Auf diese Art wurde die Stadt erobert. Der König bewunderte die Tapferkeit des Weibes; zuerst belohnte er sie durch reiche Geschenke; dann aber verliebte er sich in die schöne Frau, und suchte den Mann zu bereden, daß er sie ihm freiwillig abträte; zum Dank versprach er ihm dagegen seine eigene Tochter Sosane zur Ehe zu geben. Als aber Dieser den Vorschlag mit Unwillen aufnahm, so drohte Ninus, ihm die Angen ansznste- chen, wen» er nicht unbedingt seinen Befehlen gehorchte. Von der Furcht vor den Drohungen des Königs und von der Liebe zugleich gequält, gerieth Onnes in Raserei, und erhenkte sich an einem Stricke. Dieß war der Weg, auf welchem Se- miramis zur königlichen Würde gelangte. 7. Ninus bemächtigte sich der Schatzkammern Baktra'S, welche viel Silber und Gold enthielten. Nachdem er die Landesregierung angeordnet, entließ er seine Truppen. Se- miramis gebar ihm einen Sohn, Nin yas. Bei seinem Tode ging die Regierung auf seine Wittwe über. Semiramis ließ den Ninus bei der königliche» Wohnung bestatten, und über 168 Diodor'6 historische Bibliothek. seinem Grab einen gewaltigen Hügel auswerfen, neun Stadien hoch, und zehn breit, wie Ktesias schreibt. Da die Stadt in einer Ebene am Enphrat lag, so war der Grabhügel in einer Entfernung von vielen Stadien sichtbar, gleich einer hohen Burg; und noch gegenwärtig soll er vorhanden seyn, obgleich die Stadt Ninus von den Medern zerstört worden ist, als sle dem Assyrischen Reich ein Ende machten. Semiramis, von selbst schon eine unternehmende Frau, und von dem Wunsche beseelt, noch höheren Ruhm, als der verstorbene König, zu erwerben, faßte den Entschluß, eine Stadt in Babylonien zu gründen. Sie berief überallher Baumeister und Künstler, und ließ auch sonst das erforderliche Bauzeug herbeischaffen und zur Ausführung des Werks zwei Millionen Arbeiter aus dem ganzen Reich aufbieten. Die Stadt wurde so angelegt, daß der Enphrat mitten durchstoß, und daß die Mauer, welche die Stadt umgab, und die mit vielen Festen und hohen Thürmen versehen war, einen Umfang von Z6o Stadien hatte. Diese Mauer war ein ungeheures Werk, breit genug für sechs Wagen, und ganz unglaublich hoch, wie Kte sias von Knidos behauptet. Kli- tarch und Andere, die mit Alexander in Asten gewesen find, geben den Umfang zu 565 Stadien an; sie setzen hinzu, Sc- miramis habe absichtlich diese Zahl von Stadien gewählt, weil das Jahr gerade so viel Tage hat. Sie baute die Mauer aus gebrannten Ziegelsteinen, die mit Erdpech gekittet wurden. Nach den neuern Schriftstellern betrug die Höhe der Mauer, die nach Kteflas fünfzig Klafter ausmachte, nur fünfzig Ellen , und die Breite war für zwei Wagen mehr als hinreichend. Die Zahl der Thürme war -5o; ihre Höhe und Breite 169 Zweites Buch. stand im Verhältniß mit der ungeheuren Masse der Mauer. Man darf sich nicht wundern, daß in einem so weiten Umkreis nur so wenige Thürme standen. Denn auf eine weite Strecke war die Stadt mit Sümpfen umgeben; daher hielt es Semiramis nicht für nöthig, auf dieser Seite Thürme zu bauen, wo die Sümpfe eine hinlängliche natürliche Schutzwehr bildeten. Zwischen den Häusern und der Mauer war rings eine 200 Fuß breite Straße frei gelassen. 8 . Um das Bauwesen zu beschleunigen, theilte Semiramis jedem ihrer Freunde ein Stadium zu, und zugleich Alles, was er zum Ueberbauen dieses Platzes bedurfte. Dabei gab sie ihnen den Befehl, die Arbeit in Einem Jahr zu vollenden. Sie befolgten das Gebot, und betrieben ihr Geschäft mit großem Eifer, zur Zufriedenheit der Königin: sie selbst ließ über den Fluß, wo er am schwülsten ist, eine Brücke bauen von 5 Stadien in der Länge. Die Pfeiler wurden künstlich in den Grund eingesenkt; sie standen 12 Fuß von einander ab. Die Steine, welche die Gewölbe bildeten, wurden mit eisernen Zapfen befestigt, und die Fugen derselben mit gegossenem Blei ausgefüllt. Die Pfeiler hatten auf der Seite gegen die Strömung einen eckichten Vorsprung, dessen Seiten geschweift waren, und allmählig bis zu der Breite des Pfeilers ausriefen, so daß das scharfe Eck den Andrang des Gewässers zertheilte, und die dem Stoß ausweichende Rundung die Gewalt des Stromes brach. Die Brücke war mitCedern- und Cypressenbalken und mit ungewöhnlich großen Palmstäm- mcn belegt, und hatte Zo Fuß in der Breite. Sie war mit so vieler Kunst gebaut, als irgend ein anderes Werk der Semiramis. Zu beiden Seiten des Flusses ließ die Königin Diodor. 2s Bdchn. 2 170 Diodor's historische Bibliothek. einen Userdamm mit großen Kosten aufführen, so breit als die Mauer, und 160 Stadien lang. Sie baute ferner zwei königliche Palläste am Ufer des Flusses zu beiden Seiten der Brücke; von dort aus konnte ste die ganze Stadt überschaue», und so standen die ihr am vortheilhaftesten gelegenen Plätze derselben immer offen. Da der Euphrat mitten durch Babylon in südlicher Richtung floß, so lag der eine Pallas! gegen Osten, der andere gegen Westen. Beide waren mit großem Aufwande eingerichtet. Den auf der Abendseite umschloß von außen eine hohe prächtige Mauer aus gebrannten Ziegelsteinen, welche 60 Stadien im Umfang hatte. Innerhalb derselben war eine andere, kreisrunde, Einfassung, an welcher auf rohen Ziegeln allerhand Thiergestalten abgebildet waren, mit einer die Natnr glücklich nachahmenden Farbengebung. Diese Mauer hatte -o Stadien in der Runde, eine Breite von Zoo Ziegeln und, nach Ktesias, eine Höhe von 5 o Klaftern; die Thürme waren 70 Klaftern hoch. Eine dritte Einfassung endlich umschloß zunächst die Burg; ihr Umkreis betrug -o Stadien, und sie war noch höher *) und breiter als die mittlere Mauer. An den Thürmen «nd Mauern sah man Abbildungen von mancherlei Thieren, in Rücksicht anf Farbe und Gestalt wohl getroffen. Das Ganze stellte eine Jagd vor, wo Alles voll war von Thieren jeder Art, in der Größe von mehr als ä Ellen. Dabei war auch Semiramis, zu Pferd, dargestellt wie ste eben den Spieß nach einem Panther warf, und in geringer Entfernung ihr Gemahl, Ruins, wie er mit *) Statt zti-xog mnß, nach dem Zusammenhang, vchog gelesen werden. 171 Zweites Buch. der Lanze einen Löwen niederstieß. Die Mauern waren durch drei Thore verschlossen, und innerhalb derselben waren noch zwei *) eherne angebracht, welche durch eine besondere Vorrichtung geöffnet wurden. Lange nicht so groß »nd herrlich als dieser Pallast war der auf der andern Seite des Flusses. Dort hatte die Mauer, die auch aus gebrannten Ziegeln gebaut war, nur zo Stadien im Umfang; und statt der kunstreichen Thiergestalten sah man nur die ehernen Bilder des Ninnö und der Semiramis und der Statthalter, auch des Jeus, den die Babylonier Belus nemieu. Doch fand man auch allerlei Schlacht- und Jagdsincle, die den Beschauern Unterhaltung genug gewährten. 9 . Später ließ Semiramis einen viercckten Wasserbehälter bauen. Sie hatte hazu den am tiefsten gelegenen Play von ganz Babylouicn ausgesucht. Die Seitenwände bestanden aus gebrannten Ziegeln, mit Erdpech gekittet; jede war äoo Stadien lang und Z5 Fuß tief. In diesen Behälter leitete die Königin den Fluß ab, um einen Kanal zu graben^ der von einem der beiden Palläste zum andern führte. Das Gewölbe wurde aus gebrannten Ziegelsteinen zusammengesetzt, und auf beiden Seiten mit ausgekochtem Erdpech so lange bestrichen, bis der Ueberzng vier Ellen diek war. Die Seitenmauern des Canals hatten die Breite vvn zwanzig Ziegeln, und waren, die Wölbung nicht mit eingerechnet, zwölf Fuß hoch; der Gang war fünfzehn Fuß breit. 2» sieben Tagen war die Arbeit vollendet, und nun wurde der Strom in sein altes Bett znrückgeleitet. So floß denn das Wasser ') Statt ötcrerm, liegt der Ueverseoer örr-rttl. 172 Diodor's historische Bibliothek. über dem Gang hin, und Semiramis konnte von einem Pal- sast in den andern herüberkommen, ohne über den Fluß zu gehen. An beiden Enden verschloß sie den Gang mit ehernen Thoren, welche bis zur Zeit der Persischen Oberherrschaft stehen blieben. Sie baute ferner mitten in der Stadt einen Tempel des Zeus, der bei den Babysoniern, wie gesagt, Belus heißt. Da die Geschichtschreiber widersprechende Nachrichten liefern, und das Gebäude im Lauf der Zeit zerfallen ist, so läßt sich davon keine genaue Beschreibung geben. So viel wird allgemein behauptet, daß cS außerordentlich hoch war, und daß die Chaldäer dort ihre Beobachtungen anstellten, weil sie den Auf- und Untergang der Gestirne auf einem st hohen Gebäude am sichersten wahrnehmen konnten. Das Ganze war auS Ziegeln und Erdpech künstlich zusammengesetzt mit großen Kosten. Oben an der Treppe standen drei goldene, mit dem Hammer gearbeitete, Bildsäulen von Zeus, Hera und Rhea. Die des Zeus war stehend und fortschreitend, />o Fuß hoch, und >ooo Babylonische Talente'» schwer. Rhea saß auf einem goldenen Stuhl; ihr Bild war so schwer als das vorige. Bei ihren Knien standen zwei Löwen, und neben ihnen silberne Schlangen von außerordentlicher Größe; jede wog an Talente. Die Bildsäule der Hera war stehend, 800 Talente schwer. In der rechten Hand hielt sie eine Schlange am Kopf, und in der linken ein mit Edelsteinen besetztes Scepter. Vor ihnen stand für alle drei ein gemeinschaftlicher Tisch, aus Gold gehämmert, zo Fnß Auf ein Babylonisches Talent gingen 70 ober 72 Attische Minen; also betrug es ungefavr 66 Pfund Kdllnisch. 175 Zweites Buch. lang und 5o breit; er hatte ein Gewicht von 5»o Talenten. Darauf standen zwei Kelche, 5o Talente schwer, und zwei Rauchgefäße, wovon jedes äoo Talente wog. Auch waren drei goldene Kruge aufgestellt; der des Zeus wog i-o« Babylonise Tale ute, von den beiden andern aber jeder 60». Das Alles haben später die Perserkönige geraubt. Die Kö- nigspalläste aber und die übrigen Gebäude sind durch die Länge der Zeit theils von Grund aus zerstört, theils sehr beschädigt. Bon Babylon selbst ist gegenwärtig nur noch ein kleiner Theil bewohnt, und der Raum innerhalb der Mauer ist meistens Ackerfeld. 10. Der sogenannte hängende Garten neben der Burg war nicht ein Werk der Semiramis, sondern eines späteren Assyrischen Königs. Dieser, sagt man, habe einer Nebenfrau zulieb, einer gebornen Perserin, welche die Gebirgsauen vermißte, durch eine künstliche Anpflanzung die Eigenthümlichkeit des Persischen Bodens nachahmen wollen. Jede Seite des Parks war zoo Fuß laug; er zog sich bergan, und hatte mehrere Erhöhungen hintereinander sTerraffenj, in der Art, wie man es in einem Theater sieht. Unter diesen abgestuften Anlagen standen Hällenreihen *), welche die ganze Masse des Gartens trugen; die folgende war immer, aber nur um Weniges, höher als die vorhergehende. Die letzte Hallenreihe war 5o Fuß hoch; auf derselben ruhte die oberste Fläche des Parks, die in gleicher Höhe mit dem obern Raume der Stadt- ') Eine Reihe paralleler Mauern mit engen Zwi- schenräumen scheint den Namen der Panspfeife, darum erhalten zu habe», weil diese Pfeife aus mehreren zusammengebundenen Röhren bestand. 174 Diodor's historische Bibliothek. mauer lag. Die festen Zwischenmauern, auf die man viel verwendet hatte, waren -- Fuß dick, die Oeffnungen aber 10 Fuß breit. Oben herüber waren steinerne Balken gelegt, welche mit ihren Fugen eine Länge von i 6 Fuß hatten, und />, Fuß breit waren. Die Bedeckung dieser Balken bestand für's erste aus einer Unterlage von Schilfrohr mit vielem Vrdpech vermischt, sodann aus einer doppelten Schichte von gebrannten, mit Gyps zusammengefügten, Ziegelsteinen, und darauf folgten noch, als drittes Dach, bleierne Platten, damit die Feuchtigkeit von der Erde nicht in den unteren Raum durchdrang. Auf diesen Grund nun war Erde aufgeschüttet, hoch genug, daß die größten Bäume darin wurzeln- konnten. Der Boden war geebnet, und dicht bepflanzt mit Bäumen aller Art, deren Größe und Schönheit einen angenehmen Anblick gewährte. Die Hallenreihen erhielten dadurch Licht, daß sle übereinander hervorragten; es waren darein viele königliche Gemächer zu verschiedenen Zwecken gebaut. In einer derselbe» aber, welche Oeffnungen gegen die oberste Fläche zu hatte, war ein Pumpwerk angebracht, wodurch man Wasser genug aus dem Fluß heraufziehen konnte, ohne daß man von außen Etwas davon bemerkte. Dieser Park ist, wie gesagt, später angelegt worden. i i. Semiranns baute noch andere Städte an den Flüssen Euph rat und Tigris; es entstanden dort Handelsplätze für solche Waaren, die aus Medien und Paräta- cene *) und der ganzen benachbarten Gegend kamen. Der *) Eine (südlich von Medien gelegene) Landschaft von Rord- Persis. 175 Zweites Buch. Euphrat und der Tigris sind nach dem Nil und dem Ganges wohl die bedeutendsten Flüsse in Assen. Sie entspringen aus den Armenischen Gebirgen, und sind dort aSoo Stadien von einander entfernt. Von Medien und Parätacene aus *) fließen sie nach Mesopotamien sMittelflußlandf, welches ebendaher seinen Namen hat, weil es zwischen den beiden Strömen liegt. Alsdann durchlaufen sseBabylonien, unl> ergießen sich ins rothe Meer **), Weil sie von beträchtlicher Größe sind und eine weite Strecke Landes durchstießen, so bieten sie für den Handelsverkehr viele Vortheile dar. Daher findet man auch, daß die Ufer derselben mit reichen Handelsstädten besetzt sind, welche zum Glanz von Babylon viel beitrug«». In den Armenischen Gebirgen ließ Semiramis ein Feldstück brechen von iZo Fuß in der Länge, und -5 Fuß in der Breite und Dicke. Es wurde durch zahlreiche Gespanne von Maulthieren und Ochsen an den Fluß herabgezogen, rnd dort auf einen Floß gebracht, auf dem es dann den Srron hinunter bis nach Babylon geführt wurde. Hier wurde es ander Hauptstraße aufgestellt, wo es die Bewunderung der Aorübergehendeu auf sich zog. Einige nennen diesen Stein wegen seiner Gestalt einen Ob elisk, und zählen ihn unter lie sieben berühmtesten Werke. >!. Zu den merkwürdigsten Erscheinungen in Babylo- nie» gehört besonders auch die Menge von Erdpech, die sich dv>t erzeugt. Zudem, daß man sehr viel für die zahlreichen Es sollte heißen von Armenien aus. So wurde auch der Persiswe. nicht blos der Arabische Meerbusen genannt. 176 Diodor's historische Bibliothek. großen Gebäude gebraucht hat, findet man es noch in solchem Ueberfluß, daß die Einwohner aufschöpfen dürfen, so viel sie wollen, und das Gesammelte dörren und statt des Holzet brennen. Während aber eine unzählbare Menschenmenge aus der reichen Quelle schöpft, bleibt der Verrath dennoch immer gleich groß. Nicht weit von dieser Quelle ist eine andere, von geringem Unfang, aber von ganz besonderer Wirkurg. Es steigt ein dichter Schwefeldampf aus derselben auf, und jedes lebendige Wesen, das flck nähert, stirbt in kurzer Zeit unter wundersamen Zufällen. Es erstickt durch langes Zurückhalten des Athems, wie wenn eine eigene Macht die Luft» wege verschlöße; der Leib schwillt sogleich an und wird vom Brande ergriffen, besonders in der Gegend der Lungen. Jenseits des Flusses ist ein See, der ringsum festen Boden hat, in den sich aber ein Unkundiger nicht wagen darf. Nnr kurze Zeit kann er sich schwimmend erhalten; sobald er in die Mitte kommt, so wird er, wie von einer unsichtbaren Gewalt niedergezogen. Will er sich helfen und wieder umkehrm, st strengt er sich vergebens au, herauszuschwimmen; es ist, als ob ihn Jemand rückwärts zöge. Zuerst sterben die Fiße ab, dann die Schenkclbeine bis an die Hüften, und am Eroe verbreitet sich die Erstarrung durch den ganzen Körper; :r sinkt in die Tiefe, und kommt nach einiger Zeit todt wieder herauf. Dieß mag genug seyn über die Merkwürdigkeitm von Babylonien. ,3. Nachdem Semiramis ihre Werke vollendet hatte, so unternahm sie einen Zug nach Medien mit einem große; Heer. Da sie an das Bagist »irische Gebirge kam, schilt, sie in der Nähe desselben ein Lager. Dort legte sie in de Zweites Buch. 177 Ebene einen Park an, der zwölf Stadien im Umfang hatte. Es war darin eine beträchtliche Quelle, durch welche der ganze Garten bewässert wurde. Das Bagistanische Gebirge ist dem Zeus geheiligt. Auf der Seite gegen den Park hin hat es schroffe Felsen, die gerad aufsteigen in einer Höhe von >7 Stadien. Den untersten Theil dieses Berges ließ die Königin abtrage», und dann ihr Bild, von 100 Lanzen- trägern umgeben, in den Felsen graben, und dazu eine Syrische Inschrift, in welcher es hieß, Semiramis habe am Fuß jener steilen Anhöhe die Packsättel der Lastthiere, die sie in ihrem Gefolge hatte, aufgehäuft, und anf diesem Hügel sey sie bis zur Bergspihe hinaufgestiegen *). Sie zog von dort weiter nach Chanon, einer Stadt in Medien. Hier bemerkte sie auf einer hoch gelegenen Ebene einen Fels von erstaunlicher Höhe und Masse. Nun legte sie da einen zweiten, sehr weit ausgedehnten, Park an, so daß in die Mitte desselben der Fels zu stehen kam. Sie baute darin prächtige Lustschlösser, in welchen sie die Anlagen des Parks sowohl als das ganze Lager ihres Heeres im Gefilde übersehen konnte. An diesem Ort hielt sie sich lange Zeit auf, und genoß alle Arten von Vergnügen. Sie wollte keine rechtmäßige Ehe mehr eingc-, hen, aus Furcht, die Oberherrschaft zu verlieren; nun wählte sie sich die Schönsten unter ihren Soldaten aus, um mit ihnen Umgang zu haben; Alle aber, die ihr nahen durften, ließ sie nachher aus dem Wege räumen. Später begab sie sich nach Ekbatana. Auf dem Weg dahin kam sie an das Zar- *) Man will ähnliche Denkmale unfern von Kirmanschah südwestlich von Hamadan am Gebirge Bisntnn gefunden haben. (Vgl. Mannen Geogr, d. Gr. u. R. V, -. S. ,6k.) L78 Diodor's historische Bibliothek. käische Gebirge. Dieß erstreckte sich auf viele Stadien, und war voll Felsen und Klüfte; man mußte deswegen einen großen Umweg machen. Semiramis nahm sich vor, den Weg abzukürzen, und dadurch zugleich ein unvergängliches Denkmal ihres Namens zu stiften. Sie ließ die schroffen Anhöhen erniedrigen und die Vertiefungen ausfüllen, und mit großen Kosten eine geradere Straße anlegen, die von ihr noch jetzt die Straße der Semiramis heißt. Als sie nach Ekbatana kam, das in der Ebene liegt, so baute sie dort herrliche Pal- läste, und widmete auch sonst dieser Stadt vorzügliche Sorgfalt. Es fehlte an Wasser, und nirgends war in der Nähe eine Quelle; aber Semiramis versah die ganze Stadt mit völlig reinem Wasser im Ueberfluß, das mit vieler Mühe und großen Kosten hereingeleitet wurde. Von Ekbatana ungefähr -- Stadien entfernt, liegt der Berg Orontes, der äußerst wild aussieht und wegen seiner stellen Höhe um so größer erscheint; von vorn erhebt er sich in gerader Richtung bis zuni Gipfel -5 Stadien hoch. Auf der andern Seite des Bergi ist ein großer See, der in einen Strom ausfließt. Nun ließ Semiramis den Berg unten durchstechen, und leitete durch einen, -5 Fuß breiten und 4» Fuß tiefen, Kanal den Strom aus dem See durch. So führte sie der Stadt eine Fülle vo» Wasser zu. Dieß war es, was sie in Medien that. >4- Hierauf durchzog sie Persis und alle übrigen Länder ihres Gebiets in Asien. Ueberall ließ sie Berge und steile Felsen abnehmen, um herrliche Straßen anzulegen, i» den Ebenen aber Hügel auswerfen, bald zn Grabmälern für verstorbene Heerführer, bald, um Städte auf den Anhöhe» zu gründen. Auch, wenn man ein Lager schlug, wurde ge- 179 Zweites Buch. wohnlich ein kleiner Hügel errichtet, und auf denselben das Zelt der Königin gestellt, daß sie das ganze Lager überschauen konnte. Manches, was sie in Asien gebaut hat, besteht noch gegenwärtig, unter dem Namen „Werke der Semiramis." Sie durchwanderte ferner ganz Aegypten, unterwarf sich den größten Theil vonLibyen, und kam bis zum Orakel des A m- mon, bei dem sie sich wegen ihres Todes erkundigte. Sie soll zur Antwort erhalten haben, sie werde aus der Welt verschwinden, und von einigen Völkern in Asien werde ihr göttliche Ehre widerfahren; Dieß werde dann geschehen, wenn ihr Sohn, Ninyas, nach ihrem Leben trachte. Von dort aus kam sie nach Aethiopien. Sie eroberte das Land zum größten Theil, und ließ sich die Merkwürdigkeiten desselben zeigen. Es sey nämlich daselbst, heißt es, ein See von vier- eckter Gestalt und etwa ,6» Fuß im Umfang; das Wasser sey zinnvberroth, und habe einen äußerst angenehmen Geruch, ungefähr wie alter Wein, dabei aber die wunderbare Wirkung, daß man, wenn man davon trinke, in Raserei gerathe, und sich aller Fehler, die man bisher im Verborgenen begangen, selbst anklage. Dieser Erzählung wird übrigens nicht leicht Jemand Glauben schenken. ,5. Ihre Todten bestatten die Aethivpier auf eine eigene Weise. Sie balsamiren die Leichname ein, geben ihnen eine Hülle von dichtem Glase, und stellen sie an einer Säule auf, so daß die Vorübergehenden durch das Glas den todten Körper sehen, wie Herodot*) erzählt. Diese Nachricht erklärt aber Ktesias von Knidos für falsch. Sie balsamiren, sagt er, allerdings die Leichname ein; aber *) AI- 180 Diodor's historische Bibliothek. sie überziehen nicht den Körper unmittelbar mit Glas; sonst würde er ja verbrannt, und ganz entstellt, daß die Geflchtszüg! nicht mehr kenntlich wären; sondern sie ^verfertigen eine hohl! goldene Bildsäule, und in diese legen sie den Todten, und überziehe» die Bildsäule mit Glas. So sey es denn daS, als Sarg hingestellte, goldene Bild des Todten, was durch Las Glas durchscheine. So bestatte man die Reichen; Diejenigen aber, die weniger Vermögen hinterlassen, erhalte« nur eine silberne Bildsäule, und die Armen eine irdene. Dai Glas könne Jeder anschaffen; denn es werde in Aethiopica in Menge bereitet, und sey unter den Einwohnern ganz gemein. Von den Sitten der Aethiopier und den Erzeugnisse« ihres Landes werden wir indessen das Wichtigste und Merkwürdigste weiter unten beschreiben, wenn wir auf die M Geschichte und Mythologie dieses Volkes kommen. -6. Nachdem Semiramis in Aethiopien und Aegypten du nöthigen Anordnungen getroffen hatte, kehrte sie mit ihrn» Heere wieder um nach Baktra in Asien. Ihr Ehrgeiz trat sie an, nach einer langen Reihe von Friedensjahren jetzt eim glänzende Kriegsnnternehmung auszuführen, wozu ihr st viele Mittel zu Gebot standen. Sie hörte, die Inder sey« das größte Volk der Erde, und ihr Land das ausgedehntes!! und schönste; daher entschloß sie sich zu einem Feldzug gegen Indien. Dort regierte damals Stabrobates. Er hatte em unzählbare Menge von Soldaten, und überdieß viele Elephanten , die mit außerordentlicher Pracht ausgerüstet waren, « Schrecken in der Schlacht zu verbreiten. Indien ist ein vorzüglich schönes Land; da es von viele» Flüssen durchschnitte» ist, so wird der Boden in manchen Gegenden bewässert, mi en ist ze- es rk- !ti dii e« i-t i»! i« -r« eßl ge» im OÜ- II« ek- tei liiii Zweites Buch. 181 bringt jährlich zweimal Früchte. Die Lebensbedürfnisse werden in solcher Menge erzeugt, daß die Einwohner immerfort Nahrungsmittel im Ueberfluß haben. ES soll in diesen fruchtbaren Lande noch niemals eine Theurung oder MißwachS gegeben haben. Die Elephanten, welche dort in unglaublicher Menge zu Hause sind, haben einen weit stärkeren Körperbau und sind viel wüthiger alS die in Libyen. Ferner findet man Gold, Silber, Eisen, Erz; anch mancherlei kostbare Steine kommen sehr häufig vor. Uebcrhaupt bietet daS Land beinahe jede Art von Genüssen und von Schätzen dar. Durch die Schilderung aller dieser Vorzüge angelockt, fing Semiramis einen Krieg mit den Indern an, ohne von ihnen beleidigt zu seyn. Sie sah wohl, daß sie dazu einer außerordentlichen Macht bedürfte; daher schickte sie Boten in alle Standlager aus, mit dem Befehl an die Statthalter, daß sie die tüchtigsten Jünglinge ausheben sollten; die Zahl bestimmte sie nach der Größe der einzelner Länder. Allen gab sie die Weisung, sie sollten ganz neue vollständige Rüstungen anschaffe», und mit allen sonstigen Bedürfnissen reichlich versehen, nach drei Jahren in Baktra sich stellen. Ferner berief sie Schiffsbanleute aus Phönicien, Syrien, Cypern und andern Uferländern; sie ließ ihnen Bauholz im Ueberfiuß herführen, woraus sie zerlegbare Flußschiffe zimmern mußten. Denn auf dem IndnS, dem größten Fluß in dieser Gegend, welcher die Gränze ihres Gebiets bildete, hatte sie viele Schiffe nöthig, theils zur Ueber- fahrt, theils um von denselben aus gegen die Jndier zu kämpfen. Weil eS aber in der Nähe des Flusses keine Wälder gab, so mußten die Schiffe zu Lande von Baktrien her gebracht worden. Semiramis wußte, wie sehr sie im Nachtheil 182 Diodor's historische Bibliothek. war, weil sle keine Elephanten hatte. Nnn ersann sie ein Mittel, diese Thiere nachzubilden, und sie hoffte, damit die Inder in Schrecken zu setzen, welche meine», es gebe durchaus nirgends Elephanten als in Indien. Es wurden Zoo,om schwarze Ochsen ausgelesen; das Fleisch derselben überließ man den Arbeitern und Dienern, die zu diesem Geschäft bestellt waren, die Häute aber wurden zusammengenäht und mit Heu ausgestopft, und daraus Gebilde geschaffen, welche ganz die Gestalt von natürlichen Elephanten hatten. Im Innern einer solchen Maske war ein Mann, der sie regierte, und von einem Kameel wurde sie getragen; so mußte mm sle in der Ferne für einen wahren Elephanten ansehen. Die Arbeiter, welche diese künstlichen Gebilde zusammensetzten, trieben ihr Geschäft in einem rings ummauerten Hof hinter wohl verschlossenen Thüren, und Niemand von den Arbeitern durfte heraus, und eben so wenig Jemand zu ihnen hineingehen. Auf diese Art sollte dafür gesorgt werden, daß man nicht erführe, was innen verginge, und daß die Inder keine Nachricht davon erhielte». 17. Die Schiffe und die Thiere wurden in zwei Jahren fertig, und im dritten ließ die Königin ihre Heere anS allen Gegenden in Baktrien zusammenkomme». Die Kriegsmacht, die sich da versammelte, bestand, nach der Angabe des Kte- sias von Knidos, aus drei Millionen Fußgängern, 5 oo,ooo Reitern, 100,000 Wagen; ebensoviel, als Wagen, waren es Reiter auf Kameeleu, mit Schwertern von vier Ellen; -«><> zerlegbare Flußschiffe waren mit Kameclen bespannt, welche die Fahrzeuge zu Lande fortziehen mußten. Von Kameelen wurden auch, wie schon gesagt, die Elephantenbilder getragen. 183 Zweites Buch. Zu diesen führten die Soldaten ihre Pferde hin, um sie an den Anblick zu gewöhnen, damit sie sich vor solchen wilden Thieren ntcht fürchteten. Etwas Aehnliches versuchte i» einer viel späteren Zeit Perseus, der König von Macedonien, als er sich in einen Krieg mit den Römern einließ, welche Ele- phantenZaus Libyen hatten. Allein auch ihm schaffte dieses künstliche Mittel keinen entscheidenden Vortheil in der Schlacht; so wenig als der Semiramis, wovon wir bald das Nähere erzählen werden. Der König von Indien, Stabrobates, welcher von der Stärke des versammelten Heeres und von den außerordentlichen Kriegsrüstungen Nachricht erhielt, suchte die Semiramis in jeder,Hinsicht zu überbiete». Für's erste baute er zooo Flußschiffe aus sBambus-i Rohr. In Indien wächst nämlich an den Flüssen und in sumpfigen Gegenden eine Menge von Rohr, das so dick ist, daß ein Mensch es nicht leicht umspannen kann. Die daraus gebauten Schiffe sollen vorzüglich brauchbar seyn, weil dieses Holz nicht fault. Auch für die Waffenrüstung sorgte der König sehr eifrig. Er durchreiste ganz Indien, und brachte eine »och viel größere Heeresmacht auf, als Semiramis beisammen hatte. Durch eine Elephantenjagd, die er anstellte, vermehrte er noch vielfach die Schaar seiner zahmen Elephanten; er rüstete sie alle herrlich aus mit dem furchtbarsten Kriegsgerä- the, und es mußte, wenn man sie in solcher Menge und mit so drohenden Thürmen anrücken sah, für Menschenkraft unmöglich scheinen, Widerstand zu leisten. >8. Als er zum Kriege völlig gerüstet war, so schickte er der Semiramis, die schon auf dem Wege war, Boten entgegen, um sich zu beschweren, daß sie ohne alle Veranlassung L8L Diodor's historische Bibliothek. Krieg anfange. In einem Brief sprach er zugleich abscheuliche Schmähungen wegen ihres buhlerischen Lebens gegen sie aus, und drohte mit einem Schwur bei den Göttern, sie an'S Kreuz zu heften, wenn er den Sieg gewänne. Semiramis lachte über diese Drohung, als sie den Brief las; aus ihren Thaten, sagte sie, werde der Jnderkönig ihren Heldensinn kennen lernen. Sie rückte mit ihrem Heere vor, und als sie an den Fluß Indus kam, so fand sie die feindlichen Schiffe zum Kampfe gerüstet. Nun ließ sie schnell auch ihre Schiffe aufschlagen, und mit den besten Truppen bemannen, um auf dem Wasser eine Schlacht zu liefern, an welcher zugleich das am Ufer des Flusses gelagerte Kriegsvolk eifrigen Antheil nahm. Lange Zeit blieb das Treffen unentschiedsn, und auf beiden Seiten wurde tapfer gefochten, bis endlich Semiramis siegte. Sie zerstörte gegen 1000 Schiffe, und machte eine große Zahl Gefangene. Trotzend auf diesen Siez, griff sie die Inseln in dem Fluß und die Städte auf denselben an, und führte dort über 100,000 Gefangene als Sklaven weg. Der König 00» Indien zog sich hierauf mit seinem Heere von dem Fluß zurück, und stellte sich, als ob er aus Furcht die Flucht ergriffe; allein seine Absicht war nur, den Feind über den Fluß her- überzulvcken. Semiramis ließ, weil ihr das Glück 'so günstig war, mit großen Kosten eine lange Brücke über den Strom schlagen, auf welcher sie ihr ganzes Heer hiuüber- führte. Zur Bedeckung der Brücke ließ sie 60,000 Mann zurück , und zog mit den übrigen Truppen weiter, den Indern nach. Voran schickte sie die Elephantenbilder, damit die feindlichen Kundschafter dem König melden sollten, sie führe eine Menge solcher Thiere mit sich. Sie täuschte sich auch 185 Zweites Buch. «icht in ihrer Hoffnung. Als die Inder von den Kundschaftern, welche sie ausgesandt, erfuhren, wie viel man Elephanten unter dem feindlichen Heere sehe, so konnte Niemand begreifen, woher denn die vielen Thiere, welche die Königin mitbrächte, gekommen seyn sollten. Doch in die Länge blieb der Betrug nicht verborgen. Einige Soldaten der Semira- mis waren bei Nacht im Dienst nachläßig gefunden worden, und aus Furcht vor der Strafe, die ihnen bevorstand , gingen sie zu den Feinden über. Und Diese verriethen, daß es falsche Elephanten waren. Nun faßte der König von Indien neue» Muth; er machte seinen Truppen kund, was das für Gebilde wären, kehrte wieder um, den Assyrern entgegen, und stellte sich in Schlachtordnung. ig. Dasselbe that auch Semiramis. Als die Heere sich einander näherten, schickte Stabrobates, der König von Indien, seine Reiter und Wagen weit vor dem Fußvolk voran. Die Königin hielt den Angriff der Reiterei standhaft aus. ^ie hatte die künstlichen Elephanten in gleich weit von einander entfernten Reihen dem Zuge vorausgehen lassen, und das machte die Pferde der Inder scheu. Denn die Masken sahen von ferne wahren Elephanten ähnlich, und dieses Anblicks gewohnt, sprengten die Indischen Pferde muthig heran; als ihnen aber ein ungewohnter Geruch entgegenkam, und sie in der Nähe Alles ganz anders sahen als sonst, da gerie- then sie in völlige Verwirrung. Die Reiter wurden zum Theil abgeworfen, zum Theil rannten die Rosse, dem Zügel nicht mehr gehorchend, sammt den Reitern dem Feinde gerade in die Hände. Semiramis wußte ihren Vortheil geschickt zu benützen; sie trieb mit ihren auserlesenen Truppen die Jn- Divdor. 2 s Bdchn. 3 186 Diodor'ö historische Bibliothek. der in die Flucht. Der König Stabrvbates ließ sich durch den Rückzug der Reiterei nicht irre machen; die Reihen des Fußvolks mußten nachrücken, und die Elephanten vorangehen. Er selbst führte den rechten Flügel in die Schlacht, und drang , von dem trefflichsten Elephanten getragen, mit furchtbarer Gewalt auf die Königin ein, welche zufällig ihm gegenüberstand. Zugleich griffen auch die andern Elephanten an, und nur kurze Zeit hielten die Truppen, welche Semira- mis um sich hatte, wider den Anlauf dieser Thiere Stand, die mit außerordentlichem Muth und auf ihre Stärke trotzend Alles, was sich ihnen entgegenstellte, schnell vertilgten. Viele fanden da ihren Tod, und auf mancherlei Art. Einige wurden von den Elephanten unter die Füße getreten, Andere mit den Zähnen geschlizt, wieder Andere mit dem Rüffel in die Höhe geschleudert. Die Leichen lagen haufenweise hingestreckt; die augenscheinliche Gefahr verbreitete Entsetzen und Angst, und Niemand wagte mehr, seine Stellung zu behaupten. Als die ganze Schaar die Flucht ergriff, so stürmte der König von Indien auf Semiramis selbst los. Zuerst traf er sie mit einem Pfeil in den Arm; dann verwundete er sie i« Rücken mit einem Wurfspieß, der aber nur streifte. Da die Wunde nicht gefährlich war, so entkam Semiramis durch die Schnelligkeit ihres Pferds, das dem nachsehenden Elephanten weit vorauseilte. Alles floh der Brücke zu, und auf einem engen Raum drängte sich das Heer der Königin in solcher Masse zusammen, daß Manche schon durch ihre eigenen Leute umkamen, indem sie unter dem Gewühl von Reiterei und Fußvolk zertreten oder erdrückt wurden. Die Inder aber trieben sie mit Gewalt vor sich her, so daß bei der angstvol- 187 Zweites Buch. len Flucht über die Brücke Viele auf beiden Seiten derselben hinabgestoßen wurden und in's Wasser fielen. Nachdem Semiramis den größten Theil der Truppen, die sie aus der Schlacht gerettet, glücklich über den Fluß herübergebracht hatte, so ließ sie die Bänder, welche die Brücke zusammenhielten, abhauen. Dadurch wurde die ganze Floßbrücke in viele Stücke getrennt, die mit einer Menge von Indern, welche darüber gingen, von dem reichenden Strom unaufhaltsam fortgeführt wurden. So kamen viele Inder um, und Semiramis hatte sich hinlänglich gesichert, daß der Feind sie nicht bis auf das andere Ufer verfolgen konnte. Der König von Indien setzte den Krieg nicht weiter fort, weil Zeichen am Himmel erschienen, die von den Wahrsagern als Warnungen gedeutet wurden, daß er nicht über den Fluß gehen sollte. Se- miramis wechselte die Gefangenen aus, und kam nach Baktra zurück mit einem Verlust von zwei Drittheilen ihres Heers. 20. Einige Zeit nachher trachtete ihr Sohn, Ninyas, seiner Mutter nach dem Leben, mit Hülfe eines Verschnittenen. Da erinnerte sie sich an Ammons Spruch, und, statt den Verbrecher zu strafen, übergab sie ihm die Regierung, und gebot ihren Unterthanen, ihm zu gehorchen. Alsdann entzog sie sich alsbald den Blicken der Menschen, als ob slc, dem Orakel gemäß, zu den Göttern gehen wollte. Nach einer fabelhaften Sage verwandelte sie sich in eine Taube, und flog mit vielen Vögeln davon, die sich auf ihre Wohnung niedergelassen hatten. Daher kommt es, wie man sagt, daß die Assyrer die Taube göttlich verehren, weil sie nämlich die Semiramis vergöttern. Auf solche Weise endete diese Königin, die ganz Asten, außer Indien, beherrschte, im zwei und 188 Diodor's historische Bibliothek. sechzigsten Jahre ihres Lebens und dem zwei und vierzigsten ihrer Regierung. So erzählt Ktesias von Knidos die Geschichte der Semiramis. Athen äus dagegen und andere Schriftsteller berichten, sie sey eine schöne Buhlerin gewesen, und habe sich durch ihre Reize die Liebe des Königs von Assyrien erworben. Zuerst sey sie am königlichen Hofe nicht mit sonderlicher Auszeichnung behandelt, später aber für die rechtmäßige Gemahlin erklärt worden. Nun habe sie den König überredet, daß er ihr auf fünf Tage die Regierung überließ. Nachdem sie das Scepter genommen und das königliche Gewand angelegt, habe sie am ersten Tage ein Fest veranstaltet und ein prächtiges Gastmahl, wobei sie die Heerführer und alle Großen für ihre Absichten gewonnen; am andern Tag aber sich schon vvm Volk und den angesehensten Männern als Königin verehren lassen, und ihren Gemahl in's Gefängniß geworfen. Also habe die kühne, unternehmende Frau den Thron bestiegen, und sich auf demselben auch behauptet bis in ihr Alter, und viele große Thaten gethan. So widersprechend lauten die Nachrichten der Geschichtschreiber von der Semiramis. 2,. Nach ihrem Tode übernahm die Herrschaft Ni- nyas, der Sohn des Ninus und der Semiramis. Seine Regierung war friedlich; in kriegerischen und gefahrvolle« Unternehmungen wollte er es seiner Mutter nicht im mindesten gleich thun. Seine ganze Lebenszeit brachte er im königlichen Pallasts zu» und war für Niemand sichtbar als für die Kebsweiber und für seine Verschnittenen. Blos um Vergnügen und trägen Genuß war es ihm zu thun, um Freiheii von jeder Beschwerde und jeder Sorge. Er sah Das als daö 189 Zweites Buch. höchste Glück für einen König an, allen Lüsten ungehindert sich überlassen zu können. Um sich aber die Herrschaft zu sichern und die Unterthanen in Furcht zu erhalten, bot er jährlich eine bestimmte Zahl von Soldaten mit einem Befehlshaber aus jedem Lande auf. Wenn sich nun das ganze Heer versammelt hatte, so ließ er es ausserhalb der Stadt sich lagern, und zu Anführern für die einzelnen Völker wählte er die ihm Ergebensten unter seinen Bekannten. Nach Vcr- fluß eines Jahrs mußte jedes Volk wieder die gleiche Anzahl von Soldaten stellen, und die vorigen wurden in ihre Heimath entlassen. Diese Maßregel hatte die Wirkung, daß in allen dem König unterworfenen Ländern Schrecken sich verbreitete, weil man immer große Heere im Feldlager gerüstet und die Strafe für die Abtrünnigen und Ungehorsamen vor Augen sah. Das jährliche Wechseln mit den Truppen hatte den Zweck, jedes Heer sobald wieder nach Hause zu schicken, daß die Befehlshaber und die Soldaten Alle nicht näher mit einander bekannt werden könnten. Denn durch den längeren Aufenthalt im Lager werden die Anführer reicher an Kriegserfahrung und übermüthiger, und, was die Hauptsache ist, es gibt da Gelegenheit zu Unruhen und Verschwörungen gegen die Herrscher. Wenn sich Ninus vor Niemand ausser dem Hause sehen ließ, so wußte auch kein Mensch, was es denn für Vergnügungen waren, denen er sich hingab; man fürchtete ihn wie einen unsichtbaren Gott, und wagte es nicht, ihn auch nur mit einem Wort zu schmähen. Er ernannte für jedes Jahr die Heerführer, Statthalter, Verwalter und Richter, und traf die übrigen Anordnungen nach seinem Gutdünken; er selbst blieb aber sein Leben- 190 Diodor'6 historische Bibliothek. lang in Ninus. Ihm glichen die folgenden Könige, während einer Reihe von dreißig Menschcnaltern, wo immer der Sohn vom Vater die Herrschaft erbte, bis auf Sardanapal. Unter diesem König fiel nämlich das Assyrische Reich an die Meder, nachdem es über 1L60 Jahre bestanden hatte, wie Ktesias von Knidos im zweiten Buche sagt. 22. Die Namen aller der Könige und die Zahl ihrer Regierungsjahre anzugeben, ist unnöthig, da sie keine denkwürdige Thaten verrichtet haben. Das Einzige, was man der Aufzeichnung werth gefunden hat, ist die Sendung Assyrischer Hülfsvölker nach Troja unter Memnon, des Ti- thonus Sohn. „Teutamus (heißt es), der zwanzigste König von Ninyas an, dem Sohne der Semiramis, herrschte in Asien, als die Griechen unter Agamemnon gegen Troja zogen. Damals hatten die Assyrer schon über 1000 Jahre die Oberherrschaft in Asien. Da dem König Pria- mus von Troas der Krieg schwer fiel, so ließ er durch Abgeordnete den König von Assyrien, dem er unterwürfig war, um Hülfe bitten. Teutamus schickte ihm 10,000 Aethio- pier und eben soviel Susianer mit 200 Wage»; zum Befehlshaber ernannte er den Memnon, des Tithonus Sohn. Tithonus war damals Heerführer in Perflen, und von dem König unter allen Statthaltern am meisten begünstigt; Mem- uon aber, ein blühender Jüngling, zeichnete sich durch Tapferkeit und edle Gesinnungen aus. Er war es, der das königliche Schloß auf der Burg in Susa baute, das bis znr Zeit der Persischen Oberherrschaft stand, und von ihm den Namen Memnonia hatte. Auch legte er im Lande eine Heerstraße an, die noch gegenwärtig Memnonsstraße 191 Zweites Buch. heißt." Diese Nachrichten bestreiten aber die Aethivpier in der Nähe von Aegypten. Sie behaupten, in ihrer Gegend hebe dieser Mann gewohnt, und zeigen ein altes Königs- schkß, das noch jetzt, wie sie sagen, Memnonia genannt wird. In jedem Fall aber wird von Memnon erzählt, er sey den Troern mit 20,000 Mann zu Fuß und mit -oo Wagen zu Hülfe gezogen, habe sich durch seine Tapferkeit einen Namen gemacht und in den Schlachten viele Griechen getödtet, endlich aber sey er-durch einen Hinterhalt der Thessalien umgekommen; die Aethivpier haben sich seines Leichnams bemächtigt und ihn verbrannt, und die Gebeine dem Tithonus gebracht. Dieß ist es, was von Memnon, nach der Behauptung der Ausländer, in den königlichen Urkunden aufgezeichnet ist. 22. Sardanapal, der letzte König der Assyrer, der dreißigste von Ninus an, dem Stifter des Reichs, übertraf alle seine Vorgänger an Vergnügungs - und Genußsucht. Nicht genug, daß er sich ausser dem Pallast vor Niemand sehen ließ; er lebte auch ganz wie ein Weib. Unter den Kebsweibern seine Zeit hinbringend, spann er Purpur und die feinste Wolle. Er trug ein Frauenkleid, und sein Gesicht und den ganzen Körper hatte er durch Schminke und durch andere Mittel der Buhlerinnen so entmännlicht, daß kein wollüstiges Weib weichlicher aussehen konnte. Auch eine weibliche Stimme hatte er sich angewöhnt. Seine Mahlzeiten bestanden immer nur in solchen Speisen und Getränken, die den Gaumen kitzeln. Den Trieb der Wollust befriedigte er mit Männern sowohl als mit Weibern. Schamlos mißbrauchte er beide Geschlechter, ohne sich um die Schmach, die 192 Diodor'6 historische Bibliothek. er auf sich lud, im geringsten zu bekümmern. So weit trieb er es in der Schwelgerei und in der schändlichsten Ausschweifung und Unmäßigkeit, daß er auf stich selbst folgende Gral- schrift machte, die, seinem Verlangen gemäß, der Nachfolger nach seinem Tod auf sein Grabmal setzen sollte, und die aus der Landessprache, in welcher er sie geschrieben, später vcn einem Griechen übersetzt worden ist: „Sterblich bist d»; gedenke daran, und, des Lebens dich freuend. Stille des Herzens Gelüstkein Wohlseyn blühet dem Todten. Staub nun bin ich, obwohl einst Kbnig der herrlichen Ninus. Nur, was der Gaumen, muthwilliger Scherz, und die Liet' an Genüssen Mir gewährten, ist mein; sonst jegliche Güter verließ ich." Ein Mann von solcher Sinnesart mußte nicht nur selbst ein schmähliches Ende nehmen, sondern er führte auch die völlige Zerstörung des Assyrischen Reichs herbei, das unter den bekannten Weltreichen am längsten gedauert hat. aä. Arbaces, ein geborner Weder, der sich durch Tapferkeit und Geistesvorzüge auszeichnete, war Anführer der Medischen Truppen, die auf ein Jahr nach Ninus geschickt waren. Im Lager wurde er mit dem Heerführer der Babylonier bekannt. Dieser forderte ihn auf, der Assyrischen Oberherrschaft ein Ende zu machen. Er hieß Bele- sys, und war einer der angesehensten unter den Priestern, die man in Babylonien Chaldäer nennt. Als ein sehr erfahrner Sterndeuter und Wahrsager verkündigte er häufig zukünftige Dinge mit Sicherheit voraus, und erlangte dadurch großes Ansehen. So sagte er denn auch dem Medischen Heerführer, seinem Freunde, vorher, Dieser sey zum König über das ganze Gebiet, das Sardanapal beherrsche, zuverläßig 193 Zweites Buch. bestimmt. Arbaces ließ sich den Vorschlag des Mannes gefallen, und versprach ihm die Statthalterschaft von Babylo» nien auf den Fall, daß das Unternehmen gelänge; und wie durch eine Gottcsstimme zu Hoffnungen begeistert, verband er sich schon mit den Heerführern aus andern Völkern, und suchte sie durch Gastmahle und öffentliche Zusammenkünfte, die er veranstaltete, zu gewinnen, und sich der Freundschaft jedes Einzelnen zu versichern. Er wünschte sehr, den König von Angesicht zu sehen, und seine ganze Lebensweise zu beobachten. Ein Verschnittener, dem er eine goldene Schale schenkte, führte ihn zu Sardanapal hinein. Da überzeugte er sich deutlich, daß der weichliche Mann blos um weibliche Geschäfte sich bekümmerte; und nun hielt er, den nichtswür- digen König verachtend, die Hoffnungen nur um so fester, die ihm der Chaldäer gemacht hatte. Endlich traf er mit Belesys die Verabredung, er selbst wollte die Meder und Perser aufwiegeln, und Jener sollte die Babylonier zur Theilnahme an der Empörung bewegen, und zu der ganzen Unternehmung auch seinen Freund, den Statthalter von Arabien, beiziehcn. Als das Dienstjahr vorüber war, so wurden die Truppen im Lager durch ein anderes Heer abgelöst, und, nach der eingeführten Ordnung, in ihre Heimath entlassen. Jetzt ermunterte Arbaces die Meder, sie sollten sich die Oberherrschaft erkämpfen; die Perser aber forderte er auf, die Freiheit zu erringen, um dann auch an der höchsten Gewalt Theil zu nehmen. Ebenso erregte Belesys bei den Babyloniern das Streben nach Freiheit, und nach Arabien reist« er selbst, um, seinem Auftrag gemäß, den dortigen Statthalter, seine» Bekannten und Gastfreund, für den Plan L94 Diodor's historische Bibliothek. zu gewinnen. Nachdem wieder ein Jahr verflossen'war, so kamen fle Alle mit einer großen Zahl von Soldaten vor Ni- nus zusammen; dem Schein nach, um die Truppen, wie es gewöhnlich war', abzulösen, in der That aber, um der Oberherrschaft der Assyrer ein Ende zu machen. Als die vier oben genannten Völker auf Einem Platze sich versammelt hatten, so betrug ihr ganzes Heer gegen goo,ooo Mann. Sie waren in Einem Lager vereinigt, und beriethen sich gemeinschaftlich, was zu thun wäre. - 5 . Sobald Sardanapal erfuhr, daß fle sich empörten, so ließ er die Truppen der andern Völker gegen fle ausrücken. Zuerst wurde in der Ebene ein Treffen geliefert, in welchem die Aufrührer geschlagen, und mit großem Verlust auf ein Gebirge zurückgetrieben wurden, das von Ninus 70 Stadien entfernt ist. Nachher kamen fle wieder in die Ebene herab, und rüsteten sich zur Schlacht. Sardanapal stellte sein Heer ihnen gegenüber. Zuvor aber ließ er im feindlichen Lager bekannt machen, Wer den Meder Arbaces tödte, der bekomme von Sardanapal 200 Goldtalente, und, Wer ihn lebendig ausliefere, noch einmal so viel und dazu die Stadthalterschaft von Medien. Aehnliche Belohnungen versprach er Dem, der den Babylonier Belesys erschlüge oder gefangen nähme. Als aber Niemand auf diese Versprechungen achtete, so lieferte er eine Schlacht, worin Viele der Empörer umkamen, und das übrige Heer bis in das Lager auf den Gebirgen verfolgt wurde. Arbaces ließ seine Freunde, die durch die Niederlage den Muth verloren hatten, zusammenkommen und sich berathen, was nun zu thun wäre. Die Meisten waren der Meinung, es sollte Jeder in seine Heimath ziehen, und feste Plätze in 195 Zweites Buch. Besitz nehmen, und sich sonst mit Kriegsbedürfnissen so reichlich als möglich versehen. Belesys aber, der Babylonier, behauptete, nach den Andeutungen der Götter müßten sie mit Mühe und Anstrengung das Ziel ihrer Wünsche erreichen. Durch diese und andere dringende Vorstellungen bewog er die Uebrigen zu dem Entschluß, allen Gefahren sich zu unterziehen. Es kam wiederum zur Schlacht, und der König siegte abermals; er eroberte das Lager der Empörer, und verfolgte die Ueberwundenen bis an die Gränzen von Babylonien. Ar- baces selbst war verwundet; er hatte ruhmvoll gekämpft und viele Assyrer erlegt. Nach so schweren und immer wiederholten Unfällen gaben d'-: Anführer der Abtrünnigen die Hoffnung des Sieges auf, und machten Anstalt, auseinanderzu- gehen und je in ihre Heimath zurückzukehren. Allein Belesys, nachdem er eine ganze Nacht unter freiem Himmel mit fleißiger Beobachtung der Gestirne zugebracht, erklärte den Muthlosen, die an dem Erfolg verzweifelten, wenn sie nur noch fünf Tage warten wollten, so würde von selbst Hülfe erscheinen, und durch einen mächtigen Umschwung der Dinge das Glück sich wenden; Das sehe er aus Vorbedeutungen, die er vermittelst seiner Sternkunde von den Göttern erhalte; er bitte sie daher, nur so lang noch auszuharren, damit sie sich von seiner Kunst und der Gnade der Götter durch Erfahrung überzeugen. -6. Es wurden nun Alle wieder zurückgerufen, und man wartete noch die bestimmt- Zeit. Da kam die Nachricht, es nähere sich ein Heereszug aus Baktrien, der dem König zu Hülfe eile. Jetzt entschloß sich Arbaccs mit seinen Freunden, den Heerführern auf dem kürzesten Weg entgegen 1S6 Diodor's historische Bibliothek. zu gehen, mit den tapfersten und rüstigsten Soldaten, damit man die Baktrier, wenn sle nicht durch Zureden sich bewegen ließen, an die Abtrünnigen sich anzuschließen, mit den Waffen zwingen könnte, an dem Entwürfen Derselben Theil zu nehmen. Gerne folgten dem Ruf zur Freiheit zuerst die Anführer, dann das ganze Heer; und »im bezogen Alle ein gemeinschaftliches Lager. Der König von Assyrien, der von dem Abfall der Baktrier Nichts wußte, gab sich im erhebenden Gefühle seines bisherigen Glücks unterdessen dem Vergnügen hin, und theilte unter seine Soldaten Schlachtvieh aus und Wein in Menge und andere Bedürfnisse, damit auch sie sich gütlich thun konnten. Während das ganze Heer schmauste, erfuhr Arbaces durch Ueberläufer, daß man sich im feindlichen Lager der Fröhlichkeit und Trunkenheit überließ, und griff mit seinen Leuten bei Nacht unversehens an. Da fielen geordnete Schaaren über zerstreute, gerüstete über unvorbereitete her; sie eroberten das Lager, tödteten viele Feinde, und verfolgten die klebrigen bis in die Stadt. Hierauf ernannte der König den Salämenes, den Bruder seiner Gemahlin, zum Feldherrn; er selbst übernahm die Vertheidigung der Stadt. Die Empörer lieferten in der Ebene vor der Stadt noch zwei Schlachten, in welchen sie die Assyrer besiegten; Salämenes kam um, und mit ihm beinahe alle seine Soldaten; sie wurden zum Theil auf der Flucht niedergemacht, zum Theil von der Stadt abgeschnitten und durch den Andrang der Feinde in den Euphrat hineingetrieben. Es war eine solche Menge von Todten, daß der vom Blut geröthete Strom auf eine ziemliche Strecke hin seine natürliche Farbe veränderte. Als jetzt der König eingeschlossen 19 / Zweites Buch. und belagert wurde, so gingen noch viele Völkerschaften auf die Seite der Abtrünnigen über, Alle in der Hoffnung auf die Freiheit. Da Sardanapal das ganze Reich in der drohendsten Gefahr sah, so schickte er seine drei Söhne und zwei Töchter mit vielen Schätzen nach Paphlagonien zu dem Statthalter Kottas, dem Treusten seiner Unterthanen. Zugleich sandte er Boten aus an alle seine Diener, um Truppen aufzubieten und sich auf die Belagerung zu versehen. Ein Götterspruch, der schon seit der Väter Zeit bekannt war, sagte ihm, die Stadt Ninus würde Niemand mit Sturm erobern, bis derHluß ihr Feind würde. Das Letztere aber, meinte er, würde nie geschehen; also hielt er fest an seinen Hoffnungen, entschlossen, die Belagerung auszuhalten, und die Truppen, die ihm seine Untergebenen schicken sollten, zu erwarten. -7. Die Empörer, durch ihr Waffenglück ermuthigt, betrieben die Belagerung mit Ernst, konnten jedoch, bei der Festigkeit der Mauern, der Stadt Nichts anhaben. Denn die Steinschleudern, die Schilddächer zum Ausfüllen der Gräben und die Werkzeuge zur Zerstörung der Mauern waren zu jener Zeit noch nicht erfunden. Von allen Bedürfnissen hatte man in der Stadt einen reichen Vorrath; denn in diesem Stück hatte der König für die Zukunft gesorgt. Daher verzog sich die Belagerung lange; zwei ganze Jahre wurden immer wiederholte Angriffe auf die Mauer gemacht, und der Verkehr zwischen der Stadt und der Umgend gesperrt. Im dritten Jahr aber geschah es, daß durch anhaltende heftige Regengüsse der Euphrat so stark anschwoll, daß ein Theil der Stadt überschwemmt wurde und auf eine Strecke von -0 198 Diodor's historische Bibliothek. Stadien die Mauer einstürzte. Jetzt, glaubte der König, sey der Götterspruch erfüllt, da offenbar der Fluß ein Feind der Stadt geworden sey, also verzweifelte er an der Rettung. Um aber nicht in die Hände der Feinde zu fallen, ließ er un Pallas! einen ungeheuern Scheiterhaufen errichten. Oben auf denselben warf er alles Gold und Silber und den ganzen Königsschmuck; seine Kebsweiber und Verschnittenen schloß er in ein Gemach ein, das im Innern des Scheiterhaufens gebaut war. So verbrannte er mit Allem zusammen sich selbst und den Pallas!. Als die Empörer von Sardanapal's Ende hörten, so drangen sie über die eingefallen Mauer herein, und eroberten die Stadt. Den Arbaccs bekleideten sie mit dem königlichen Gewand, riefen ihn zum König aus, und übertrugen ihm die unumschränkte Gewalt. -8. Der neue König belohnte seine Kampfgenossen nach Würden, und ernannte sie zu Statthaltern über ganze Volker. Da brachte denn auch Belesys, der Babylonier, der ihm die Herrschaft über Asien geweissagt hatte, seine Verdienste in Erinnerung, und verlangte, daß ihm das Gebiet von Ba- bylonien überlassen würde, wie es ihm von Anfang versprochen war. Zugleich versicherte er, in'der Zeit der Gefahr habe er dem Belus ein Gelübde gethan, wenn Sardanapal besiegt und das königliche Schloß verbrannt würde, so wollte er den Schutt von der Brandstätte nach Babylon führen, und daraus neben dem Heiligthum des Gottes einen Hügel bilden, daß Jeder, der den Euphrat herabschiffte, das unvergängliche Denkmal von der Zerstörung des Assyrischen Reichs vor sich sähe- Nun bat er, daß ihm Das gestattet würde. Er hatte nämlich von einem Verschnittenen, der entkommen 199 Zweites Buch. war und sich zu ihm geflüchtet hatte, und den er verborgen hielt, erfahren, wohin das Silber und Gold gekommen sey. Arbaces wußte davon nichts, weil alle Bewohner des Ballastes mir dem König verbrannt waren; daher erlaubte er dem Belesys, den Aschenhaufcn wegzuführen, und Babylon in Besitz zu nehmen, ohne daß er zinsbar würde. So ließ denn Belesys Schiffe rüsten, und mit dem Schutt, das Silber und Gold, das man größtentheils noch fand, eilig nach Babylon führen. Allein der Betrug wurde dem König auf der Stelle angezeigt, und Dieser ernannte die übrigen Heerführer zu Richtern ihres Streitgefährten. Der Beklagte gestand sein Vergehen, und die Richter verurtheilten ihn zum Tode. Der König aber, nach seiner Grvßmuth, und um den Anfang seiner Regierung durch Milde zu bezeichnen, begnadigte den Belesys, und ließ ihm das Silber und Gold, das er weggeführt hatte; auch die Herrschaft über Babylonien, die ihm von Anfang bestimmt war, nahm er ihm nicht ab. Denn er dachte, die Verdienste, welche sich der Mann früher erworben, überwiegen die Schuld, die er nachher auf sich geladen. Durch diese Handlung der Milde, die überall bekannt wurde, erwarb er sich in hohem Maß die Znneigung seiner Unterthanen, und zugleich ihre Achtung; denn als ein Beweis, daß er des Thrones würdig sey, wurde ein solches Verfahren gegen Schuldige allgemein anerkannt. Auch die Bewohner der Stadt behandelte Arbaces mit Schonung; er vertheilte sie auf Dörfer, und erstattete Jedem seine Güter; die Stadt aber machte er dem Boden gleich. Das Silber und Gold, das auf der Brandstätte noch übrig war, viele Talente an Werth, ließ er nach Ckbatana in Medien bringen.' Auf 200 Diodor's historische Bibliothek. diese Art wurde das Assyrische Reich von den Weder» zerstört, nachdem es, von Ninus an, Zo Menschenalter hindurch, über >5oo Jahre gedauert hatte. -g. Es wird nicht unzweckmäßig seyn, wenn wir kurz erzählen, Wer die sogenannten Chaldäer in Babylon, und wie alt sie sind, damit wir nichts Denkwürdiges übergehen. Die Chaldäer gehören zu den ältesten Einwohnern von Babylonien. Was ihre bürgerlichen Verhältnisse betrifft, so bilden sie einen ähnlichen Stand, wie in Aegypten die Priester. Denn sie haben die Verehrung der Götter zu besorgen, und beschäftigen sich ihr Lebenlang mit der Philosophie; vorzüglich aber sind sie als Sterndeuter berühmt. Eifrig treiben sie auch die Wahrsagerkunst, wodurch sie zukünftige Dinge voraus verkündigen. Um etwas Böses abzuwenden oder etwas Gutes zu bewirken, gebrauchen sie verschiedene Mittel, bald Reinigungen, bald Opfer, bald Zaubergesänge. Sie sind ferner in der Deutung des Vogelflugs erfahren, und in der Auslegung von Träumen und Wunderzeichen. Ebenso hält man sie für geschickte Opferschauer, welche genau das Rechte treffen. Alle diese Kenntnisse aber erwerben sie sich nicht auf demselben Weg, wie man bei den Griechen solche Künste erlernt. Denn bei den Chaldäern ist dieser Zweig der Philosophie Einem Stamm eigen, der von allen andern bürgerlichen Leistungen befreit ist, und erbt sich vom Vater auf den Sohn fort. Weil die Kinder bei den Eltern in die Lehre gehen, so wird ihnen bei'm Unterricht gar Nichts vorenthalten, und sie halten sich auch mit einem festeren Glauben an die vorgeschriebenen Regeln. Weil in der frühsten Kindheit schon der Unterricht beginnt, so müssen sie es, da 20t Zweites Buch. die Jugend gelehriger ist, und die Lehrzeit so lange Lauert, zu einer großen Fertigkeit bringen. Bei den Griechen hingegen treten die Meisten ohne Vorkenntniffe und erst spät in die Schule Ler Philosophie ein, und verlassen ste wieder, Lurch die Sorge für die äußern Verhältnisse nmgetrieben, nachdem sie kaum einige Fortschritte gemacht haben. Nur Wenige widmen sich ganz der Philosophie, und machen ste z» ihrer bleibenden Beschäftigung, wovon sie sich nähren, indem sie, statt ihren Vorgängern zu folgen, immer neue Ansichten über die wichtigsten Lehren aufstellen. Während daher bei andern Völkern immer dieselben Vorstellungen herrschen, und alles Einzelne festgehalten wird, werden bei den Griechen, die jenes Fach als Erwerbsquelle benutzen, nur neue Schulen gestiftet, die einander in den Hauptsätzen widersprechen, so daß die Schüler, an ein schwankendes Urtheil gewöhnt, und in der Irre geführt, ihr ganzes Leben mit Zweifeln zubringen, und durchaus zu keiner sichern Ueberzeugung gelangen können. Man darf nur die bekanntesten philosophischen Lehrgebäude sorgfältig prüfen, so findet mau sehr auffallende Verschiedenheiten und widersprechende Vorstellungen von den wichtigsten Gegenständen. 5o. Die Chaldäcr behaupten, die Welt sey ihrem Wesen nach ewig, sie habe nie einen Anfang genommen, und könne auch nienials untergehen; aber durch eine göttliche Vorsehung sey das All geordnet und ausgebildet worden, und noch jetzt seyen alle Veränderungen am Himmel nicht Wirkungen des Zufalls, auch nicht innerer Geseye, sondern einer bestimmten und unwandelbar gültigen Entscheidung der Götter. Ueber die Gestirne haben sie seit langer Zeit Beob- Diodor. 2 s Bdchn. 4 202 Diodor's historische Bibliothek. Achtungen angestellt, und Niemand hat genauer, als sie, die Bewegungen und die Kräfte der einzelnen Sterne erforscht; daher wissen sie auch so Vieles von der Zukunft den Leuten vorauszusagen. Am wichtigsten ist ihnen die Untersuchung über die Bewegungen der fünf Sterne, die man Planeten heißt. Sie nennen dieselben „Verkündiget'"; dem, der bei uns Saturn heißt, geben sie als dem ausgezeichnetsten, welchem sie die meisten und die bedeutendsten Weissagungen verdanken, den Namen „Sonnenstern"; *) die vier andern aber haben bei ihnen dieselben Benennungen, wie bei unsern Sternkundigen, Mars, Venus, Mercur und Jupiter. Ver- kündiger heißen sie die Planeten deswegen, weil, während sie andern Sterne von ihrer ordentlichen Bahn nie abirren, jene allein ihre eigene Bahn gehen, und eben damit die Zukunft andeuten und den Menschen die Gnade der Götter kund machen. Vorbedeutungen, sagen sie, könne man theils an dem Ausgang, theils an dem Untergang der Planeten erkennen, manchmal auch an ihrer Farbe, wenn man aufmerksam darauf achte. Bald seyen es heftige Stürme, was sie anzeigen , bald ungewöhnlich nasse oder trockene Witterung, zuweilen Erscheinungen von Kometen, Sonnen- und Monds- Finsterniffe, Erdbeben, überhaupt Veränderungen jeder Art im Luftraum, welche Nutzen oder Schaden dringen für ganze Völker und Länder nicht nur, sondern auch für Könige und sogar für gemeine Leute. Dem Lauf der Planeten seyeu *> oder ÄXov statt ^Xeon z» setzen, ist nicht nöthig. Denn mit dem Sonnengott wird auch von Andern der Planet Saturn verwechselt. 203 Zweites Buch. Zo Sterne untergeordnet, welche „berathende Götter" heißen. Die eine Hälfte derselben führe die Aufsicht in dem Raum über der Erde, die andere unter der Erde; so überschauen fle, was unter den Menschen und was am Himmel vorgehe. Je nach ,<> Tagen werde von den obern zu den untern eincr der Sterne als Bote gesandt, und ebenso wiederum eincr von den unterirdischen zu den ober». Diese Bewegung derselben sey fest bestimmt und gehe regelmäßig fort im ewigen Kreislauf. „Fürsten der Götter" gebe es zwölf, und jedem von ihnen gehöre ein Monat und eines der zwölf Zeichen des Thierkreifcs zu, durch welche die Bahn der Sonne und des Mondes und der fünf Planeten gehe, wo die Sonne ihren Kreis in einem Jahr vollende und der Mond in einem Monat seinen Weg durchlauft. Zi. Von^Len Planeten aber gehe jeder seinen eigenen Weg, den er mit ungleicher, vielfach veränderter Geschwindigkeit und in verschiedenen Zeitabschnitten zurücklege. Diese Sterne seyen es, die bei der Geburt eines Menschen den stärksten Einfluß auf seine glücklichen und unglücklichen Be» gegniffe haben; ihre Eigenschaften kommen hauptsächlich in Betrachtung, wenn man die Schicksale eines Menschen erkennen wolle. Manchen Könige», behaupten die Chaldäer, haben sie ihr Loos vorhergesagt, namentlich dem Alerander, ehe er den Darins überwunden, und seinen Nachfolgern, An- tigvnus und Seleukns Nikator. Und ihre Weissagungen sollen durchgängig eingetroffen seyn. Wir werden davon daS Nähere berichten, wenn uns die Zeitordnuug darauf führt. Auch Leuten aus dem Volk sage» sie ihre Schicksale voraus^ und, Wer sich von dem wunderbaren Zutreffen durch Ersah» /. * 204 Diodor's historische Bibliothek. rnng überzeugt hat', der hätt es für etwas Uebermenschliches. Außer dem Thierkreis zeichnen sie noch Sterne aus, von welchen die eine Hälfte in den nördlichen, die andere in den südlichen Gegenden steht; diejenigen darunter, welche sichtbar sind, rechnen sie zum Gebiet der Lebende», die unsichtbaren aber, glauben sie, gränzen au das Todtenreich, und diese nennen sie „Richter des Weltalls." Tiefer unten, sagen sie, alö alle jene Gestirne, bewege sich der Mond; er sey der Erde am nächsten wegen seiner Schwere, und durchlaufe in kurzer Zeit seine Bahn, nicht als ob er sich am geschwindesten bewegte, sondern weil er den kleinsten Kreis beschreibe. Ue- bereinstimmend mit den Griechen lehren sie, daß der Mond sein Licht erborgt, und daß seine Finsternisse durch den Schatten der Erde entstehen. Von den Sonnenfinsternissen aber geben sie ganz unstatthafte Erklärungen; sie wagen es auch nicht, dieselben vorauszusagen, und lassen sich darüber auf keine genaue Zeitbestimmungen ein. Von der Erd- mache» sie sich höchst sonderbare Vorstellungen; sie sey. hohl, behaupten sie, und habe die Gestalt eines Kahns. Sie wissen auch diese Meinung, wie ihre Ansichten von den andern Weltkör- per», durch manche scheinbare Gründe zu unterstützen. Davon aber ausführliche Nachricht zu geben, würde dem Zweck unseres geschichtlichen Werkes nicht angemessen sey». So viel darf man übrigens mit Recht behaupten, daß es Niemand in der ganzen Welt zn einer solchen Fertigkeit in der Sterndeutnng gebracht, und Niemand so viel Fleiß auf diese Kunst verwendet hat, als die Chaldäer. Wenn man sich übrigens von ihnen sagen läßt, wie lange schon der Verein der 20 L Zweites Buch. Cyaltäer mir der WeltkunLc sich beschäftige, so kann man ihnen Hierin nicht wohl glauben. Denn von der Zeit, da sie zuerst angefangen, die Gestirne zu beobachten, bis auf Ale- randcr's Ankunft zählen sie ä 7 ä»oo Jahre. Ueber die §hal- däer magscs an dem Bisherigen genug seyn, damit wir nicht zu weit von der eigentlichen Geschickte abschweifen. Wir sind vorhin von dem Bericht über die Zerstörung des Assyrischen Reichs durch die Weder ausgegangen; dorthin kehren wir also wieder »rück. L-. Da über das mächtige Reich der Meter die angesehensten Schriftsteller nicht einig sind, so halten wir es für zweckmäßig, den Lesern, welche sich über den wahren Gang der Begebenheiten zu belehren wünschen, die widersprechenden Angaben Her Geschichtschreiber nebeneinander darzulegen. H e- rodot, ein Zeitgenosse des LerrcS, erzählt, zuerst haben die Assyrer in Asien geheerscht, und nach 5oo Jahren sey ihr Reich durch die Weder zerstört worden; nun habe es aber viele Menschcnalter hindurch keinen König gegeben, der sich Las ganze Gebiet härte unterwerfen können, sondern die einzelnen Staaten seyen unabhängig geblieben und haben eine Volksherrschaft eingeführt; bis nach Verfluß von vielen Jahren in Medien ein Mann, der sich durch Gerechtigkeit auszeichnete, Namens -Zyarares, zum König gewählt worden sey. Dieser habe zuerst verfocht, die Nachbarvölker von Medien zu unterjochen, und den Grund zur Allherrschaft gelegt; darauf haben seine Nachfolger noch weitere Eroberungen in den angränzenden Ländern gemacht, und das Reich immer vergrößert, bis anf Astyages, der von den Persern un- 206 Diodor's historische Bibliothek. ter Cyrus überwunden worden sey. *) Die Begebenheiten, die wir hier im Allgemeinen voraus angedeutet haben, werden wir später ausführlich im Einzelnen erzählen, wenn wir auf die Zeiten kommen, in welche sie gehören. Cyarares wurde nämlich, nach Herodot, erst im zweiten Jahr der >7611 Olympiade (7-1 0. Chr.) von den Mcder» zum König gewählt. Ktesias von Knidos hingegen lebte um die Zeit, da Cyrus gegen seinen Bruder Artarerres zn Felde zog. Er wurde gefangen, aber wegen seiner ärztlichen Kenntnisse ehrenvoll am Hofe aufgenommen, und brachte dort 17 Jahre zn. Er behauptet, die königlichen Bücher, in welchen die Perser nach ihrer Sitte die alte Geschichte aufgezeichnet hatten, fleißig und durchgängig benutzt, und aus denselben die Nachrichten, die er in seiner Geschichte den Griechen mitgetheilt, zusammengestellt zu haben. Seiner Erzählung nun zufolge waren nach der Zerstörung des Assyrischen Reichs die Weder die Beherrscher von Asien, und ihr König war Ar- baces, der, auf die vorhin beschriebene Art, den Sardana- pal besiegt hatte. „Er regierte -8 Jahre, und ihm folgte sein Sohn Mandauces, welcher 5 o Jahre lang über Assen herrschte. Nach Diesem war Sosarmns König 5 o Jahre, Artykas 5 o, Arbianss -2, und Artäus /,o Jahre." 53 . „Unter diesem König hatten die Weder einen schweren Kampf mit den Kadusiern zu bestehen. Die Veranlassung gab Parsodes, ein Perser. Dieser Mann war wegen seiner Tapferkeit und Einsschr und anderer Vorzüge 3>n Texte Hcrobot'L (I, g5. ff.), wie wir ihn Vasen, ist die Geschichte anders dargestellt. 207 Zweites Buch. geachtet; er besaß die Gunst des Königs und hatte unter allen königlichen Räthen am meisten Einfluß; allein er wurde vom König bei einem Rechtsstreite beleidigt, und nun entwich er mit Looc, Mann Fußvolks und 1000 Reitern in'.s Land der Kadusier; dort war seine Schwester mit dem mächtigsten Fürsten jenes Stammes vermählt. Hier erhob er die Fahne der Empörung und forderte die Kadusier auf, sie sollten sich die Freiheit erkämpfen, und sie wählten ihn, alS einen tapfern Mann, zu ihrem Anführer. Indessen hörte er, daß mau ein starkes Kriegsherr gegen ihn zusammenzog; daher bewaffnete er das ganze Volk der Kadusier, und lagerte sich an den Gräuzpäffen des Landes, mit nicht weniger als -ooooo Mann. Der König Artäus, der ihm mit 800000 Mann entgegenzog, wurde von ihm besiegt; er verlor an Todten über 5 ovoo Mann, und mußte sich mit seinen übrigen Truppen aus dem Lande der Kadusier zurückziehen. Dadurch erwarb sich Par- sodes die Achtung der Kadusier in solchem Maß, daß sie ihn zum König wählten. 2 » Medien, wohin er immerfort Streifzüge machte, richtete er überall Verheerungen au. Er stand in hohem Ansehen bis in sei» Alllr, und als sein Lebensende herannahte, beschwor er seinen Nachfolger, die Kadusier sollten niemals mit den Niedern sich aussöhnen, und sehte den Fluch hinzu, wenn sie je in eine» Vergleich sich mit ihnen einließen, so sollte Verderben sein Haus und alle Kadusier treffen. Aus diesem Grunde blieben denn die Kadusier immer feindlich gegen die Meder gestimmt, und wurden den Königen Derselben niemals Unterthan, bis die Oberherrschaft durch Cyrns auf die Perser überging." 208 Diodor's historische Bibliothek. 54. „Nach dem Tode des Artäus war Artynes König in Medien -- Jahre, und darauf Astibaras 40 Jahre lang. Unter Dessen Negiernng fielen die Parther von den Medern ab, und übergaben den Tariern ihr Land und ihre Stadt. So entstand ei» Krieg zwischen den Tariern und Medern, drr mehrere Jahre dauerte; es fielen nicht wenige Schlachten vor, in welchen die Zahl der Todten anf beiden Seiten groß war. Endlich schloßen sie Frieden auf die Bedingung , daß die Parther unter der Herrschaft der Weder stehen, und daß überhaupt die beiden Völker'ihre vorigen Besitzungen wieder einnehmen, »nd auf immer Freunde und Bundesgenossen bleiben sollten. Ueber die Sacier regierte damals eine Frau, Namens Zarina, die im Kriegführen ihre Freude fand, und durch Muth und Thätigkeit unter allen Weibern der Sacier sich auszeichnete. Es gibt überhaupt unter diesem Volk tapfere Weiber, die mit den Männern die Gefahren des Krieges theilen; Zarina aber übertraf Alle auch an Schönheit, und erwarb sich eine» Namen durch die Unternehmungen, welche sie begann und glücklich ausführte. Sie bezwäng einige benachbarte Völker, welche mit übermüthiger Anmaßung die Sacier unter ihr Joch bringen wollten; sie machte einen großen Theil ihres Landes erst urbar, erbaute viele Städte, und beförderte in jeder Hinsicht das Wohl ihres Volkes. Zum Dank für ihre Verdienste und zum Gedächtniß ihrer Tugenden baute man ihr nach ihrem Tod ein Grabmahl, das über die Gräber, wie sie sonst in diesem Lande gewöhnlich sind, sich weit erhob. Zuerst wurde eine dreieckige Pyramide errichtet; jede Seite der Grundfläche maß drei Stadien, und die Höhe betrug ein Stadium; oben 209 Zweites Buch. auf das Grabmahl, wo die Seite» in eine Spitze zusammenliefen, stellte man dann ein goldenes kolossales Bild der Königin. Auch wurde ihr die Ehre der Heroen zu Theil und viele andere Auszeichnungen, die Keinem ihrer Vorgänger widerfahren waren. Der Medische König Astibaras starb in hohem Alter zu Ckbatana. Ihm folgte in der Regierung sein Sohn Aspadas, den die Griechen Astyages nennen. Dieser wurde von dem Perser Cyrns überwunden, und so ging die Oberherrschaft auf Persten über." Die ausführliche Geschichte davon werden wir zu seiner Zeit genau erzählen. Von dem Reich der Assyrer und der Mcder und den widersprechenden Berichten der Schriftsteller glauben wir nun genug gesagt zu habe». Wir kommen jetzt an die Beschreibung von Indien und an die Fabclgeschichten dieses Landes. Z5. Indi e n hat die Gestalt eines Vierecks, das an der östlichen und südlichen Seite vom Meere begränzt ist; auf der Nordseite ist es durch das H-modische Gebirge sHim- melayahs von Scythien geschieden, nämlich von dem Theile dieses Landes, welchen die Sacier bewohne»; an der vierten Seite, gegen Westen, bildet der Fluß Indus die Gränze, nach dem Nil der größte beinahe unter allen Strömen. Das ganze Gebiet der Inder erstreckt sich, wie man behauptet, von Osten nach Westen auf -8000, und von Norden nach Süden auf Z-ooo Stadien. Da -s sich so weit ausdehnt, so gibt es wohl kein anderes Land in der Welt, von welchem ein so großer Theil unter dem Wendekreis des Krebses läge; man kann es in vielen Gegenden des entfernteren Indiens wahrnehmen, daß ein lothrechter Stab keinen Schatten wirft, und 210 Diodor's historische Bibliothek. daß man die Sternbilder der Bären nicht mehr sieht; an der äußersten Gränze des'Landes, sagt man, gehe sogar der Ark- tur nicht mehr auf *); so fallen denn dort auch die Schatten südwärts. Indien hat Diele hohe Berge, voll von nutzbaren Bäumen aller Art, auch manche weite fruchtbare Ebenen, die äußerst reizend und von zahlreichen Flüssen durchschnitten sind. Die Felder werden größtentheils bewässert, und tragen deßwegen des Jahrs zweimal Frucht. . Es gibt sehr viele ungewöhnlich große und starke Thiere von mancherlei Art, vier- füßige sowohl als Vögel. Namentlich sind die größten Elephanten da zn Hause; weil ihnen das Land Nahrung im Ue- berfluß darbietet,' so werden diese Thiere hier weit stärker als in Libyen. Daher kommt es, daß die Inder, welche eine große Zahl zahmer Elephanten in die Schlachten mit sich führen, eine so entschiedene Ueberlegenheit im Kriege dadurch gewinnen. 56. Auch die Menschen werde» in diesem Lande, bei der Fülle von nahrhaften Speisen, außerordentlich groß und wohlbeleibt. Uebrigens findet man bei den Einwohnern auch Kunstfertigkeit; wohl mit darum, weil sie eine reine Luft athme», und das Wasser, das sie trinken, sehr wenig fremde Bestand- theile hat. Während die Erde alle Arten von Nahrungs- pflanzcn hervorbringt, enthält sie im Innern zahlreiche Adern verschiedener Metalle. Es gibt da Silber und Gold in Menge, und ziemlich viel Kupfer und Eisen, auch Zinn; und sonst, Dieß ist ganz falsch. Erst unter dem 65sten Grad südlicher Breite würde der Arktnr unsichtbar geworden seyn. Allein die Ostindischen Inseln erstrecke» sich nicht bis ;»m inten Grad der südliche» Breite, und das feste Land nicht bis zum Aeqnaror, 211 Zweites Buch. was zur Zierde sowohl als was zum Nutzen dient, namentlich was man im Kriege nöthig hat. Außer den Brodfrüchten wächst in Indien häufig die Hirse, weil man, bei der großen Zahl von Bächen, die Felder so leicht bewässern kann, und vorzügliche Arten von Hülsenfrüchten, ferner der Reis und das Bosporon*), und noch manche dergleichen Pflanzen, aus welchen man Speisen bereiten kann. Aber auch andere Gattungen eßbarer Früchte sind nicht selten, die zur Nahrung für lebende Wesen eben so tauglich sind; die Beschreibung derselben würde aber zu weit führen. Daher ist in Indien, wie man erzählt, noch nie eine Hungersnoth, überhaupt nie Mangel an den gewöhnlichen Nahrungsmitteln entstanden. Es gibt nämlich dort jährlich eine zweifache Regenzeit, die eine im Spätjahr, das eben sv, wie in andern Ländern, die Saatzeit für die Mehlfrüchte ist, die andere um die Sommersonnenwende, wo man den Reis und das Bosporon, auch das Sesam**) und die Hirse säet. Meistens nun gerathen den Indern beide Ernten wohl; kommt aber auch das einem«! nicht ***) Alles zur Reife, so fehlt dann doch die andere Ernte nicht. Auch die wild wachsenden Früchte und die Wurzeln, die man in sumpfigen Gegenden findet, und die einen äußerst süßen Geschmack haben, bieten den Einwohnern reichliche Nahrung dar. Die Felder sind nämlich beinahe im ganzen Lande mit *) Wahrscheinlich eine Getrcideart, deren Sprcn als Futter für das Rind sehr tauglich seyn soll. **) Eine Schotenpflanze, woraus im Orient Oehl gepreßt wird. ***) Nach der gewöhnlichen Lesart, welche keine Negation hat, hieße es: da aber Alles znr Reife zn gelangen pflegt, so fehlen wenigstens nie beide zugleich. 212 Divdvr's historische Bibliothek. süßem Wasser getränkt, von den Flüssen sowohl als von dem Regenwetter, das jedes Jahr den Sommer über im Kreislauf von einem Orte zum andern zieht; daher gedeihen jene Gewächse so gut unter dem Einfluß des warmen Regens von oben und der Hitze in den Teichen, welche die Wurzel«, besonders die des großen Rohres, auskocht *). Ueberdieß trägt bei den Indern eine Landessltte dazu bei, daß nie eine Hungersnoth bei ihnen entsteht. In andern Gegenden tverden im Kriege die Felder verheert, daß man sie gar nicht bauen kann.' Unter diesem Volk hingegen gelte» die Ackerleute für so heilig und unverletzlich, daß sie in der Nähe der feindlichen Heere ihr Feld bestellen können, ohne von den Drangsalen des Kriegs das Geringste zu erfahren. Denn während die Kriegführenden auf dein Schlachtfeld einander Hinmorden, lassen sie doch die mit dem Ackerbau beschäftigten Bürger un- gekränkt, weil sie Diese als die Wohlthäter aller klebrigen betrachten. Auch Das geschieht nicht, daß sie in Feindesland sengen und brennen oder die Bäume umhauen. L7. Indien hat viele große, schiffbare Flüsse, die in den Gebirgen gegen Norden ihre Quellen haben, und durch Las flache Land hinfließen. Es vereinigen sich manche miteinander, und fallen dann in den Ganges. Dieser Strom ist Zo Stadien breit; er fließt von Norden nach Süden, und ergießt sich in den Ocean. Auf dem östlichen Ufer des Ganges liegt *) Wahrscheinlich ist „ach itk(>to'öa> so zu lese»: cöcrrr rsrwn /eNkccAat KttcheXkian, TtiTirourcan vöarcav Ln rs nkpik/onnos «ks>og, ««>, rceg iv rorg eXem 11. s. w. 213 Zweites Buch. das Land der Gandariden, wo es sehr viele und große Elephanten gibt. Darum hat auch »och nie ein auswärtiger König dieses Land erobert; denn alle Fremden fürchten sich vor der Menge und der Stärke dieser Thiere. Selbst Alexander von Macedvnicn, welcher ganz Affen bezwäng, griff doch die Gandariden allein nicht an. Er kam, nachdem er die übrigen Inder überwunden, mit seinem ganzen Heere bis in die Nähe des Gange-; als er aber hörte, die Gandariden haben ä»oo zum Kampfe gerüstete Elephanten, so gab er den Entschluß, sie zu bekriegen, auf. Den, Ganges ist der Indus ähnlich, der Gräuzfluß wen Indien, welcher ebenfalls von Norden herkommt und in den Ocean ausströmt. Er fließt eine weite Strecke durch die Ebene hin, und nimmt ziemlich viele schiffbare Flüffe auf; darunter sind die bedeutendsten der H y p a n i s, Hydaspcs und Äcesin » s. Außer diesen gibt- es noch manche andere Flüffe, welche das Land reichlich mit Wasser versehen, und das Gedeihen der vielen Gartengewächse und der mancherlei Früchte fördern. Die Menge der Ströme und den Ueberflnß an Wasser erklären die Indischen Philosophen und Natnrkundigeu auf folgende Art. Die ««gränzenden Länder, sagen sie, Scythien, Baktrien und Ariana, liegen höher als Indien; nun sey es natürlich, daß in der niedrigeren Gegend von allen Seiten her die Flüssigkeit sich sammle, und allmählig den Boten so durchseuchte, daß eine Menge von Quellen entstehe. Eine ganz besondere Eigenschaft hat einer der Flüsse in Indien, der Sillas, der aus einer Quelle gleiches Namens entspringt. Es ist dieß der einzige unter allen Flüssen, auf wel- 214 Diodor's historische Bibliothek. chem Nichts schwimmt, was man hineinwirft, sondern Alles wunderbarcrweise in die Tiefe hinabgezo gn wird. 58. Das gesammte Indien, sagt man, sey bei seiner weiten Ausdehnung auch von vielen und verschiedenen Völkerschaften bewohnt: aber keine derselben gehöre ursprünglich einem auswärtigen Stamm an, sondern Alle gelten für Urcin- geborne; und , wie die Einwohner nie eine fremde Kolonie aufgenommen, so haben si-e auch keine Ansiedler jemals in andere Länder ausgesandt. Nach ihrer Fabelgeschichte haben sich die Mensche» in der Urzeit von den Früchten genährt, welche die Erde von selbst hervorbringt, und mit den Fellen einheimischer Thiere sich bekleidet, wie es auch in Griechenland der Fall war; nach und nach wurden dann die Erfindungen für die Handwerke und für andere Lebensbedürfniffe gemacht; wozu schon die Noth den Mensche» leicht anleitete, da ihn die Natur mit so trefflichen Hülfsmitteln zn jeder Arbeit ausgestattet hat, mit Händen, und mit Vernunft und Sprache. Eine kurze Nachricht über eine von den kundigsten Indern erzählteFabel dürfte hier an ihrer Stelle seyn. ,,Jn der ältesten Zeit, als in Indien die Leute noch in Dörfer» zerstreut wohnten, kam Dionysos dahin aus den westlichen Gegenden mit einer beträchtlichen Heeresmacht, und durchzog das ganze Land; denn es gab keine einzige bedeutende Stadt, die ihm härte Widerstand leisten können. Bei der schwülen Hitze riß unter den Soldaten des Dionysos eine pestartige Krankheit ein. Allein-der einsichtsvolle Heerführer verlegte sein Lager von dem flachen Land auf's Gebirge. Hier, wo kühle Winde wehten, und wo man reines fließendes Wasser frisch von der Quelle hatte, verlor sich die Seuche unter den 215 Zweites Buch. Truppen. Der Theil des Gebirges, wo Dionysos seine kranken Soldaten pflegte, hat den Namen Mcros. Daher kommt' die Sage von diesem Gott, welche die Griechen der Nachwelt überliefert haben, Dionysos sey in der Hüfte *) sdes Zenss herangewachsen. Nachher beschäftigte er sich mit der Zubereitung der Früchte, und machte die Inder damit bekannt; auch die Erfindung des Weinbaues und anderer Lebensbedürfnisse theilte er ihnen mit. Ferner gründete er bedeutende Städte, indem er die Dorfschaften in tauglichere Wohnplätzc versetzte. Er leitete zur^ Verehrung der Gottheit an, und führte Gesetze und Gerichte ein. Ueberhaupt wurde er der Stifter vieler treffliche» Anstalten. Daher wurde er vergöttert, und gleich den Unsterblichen geehrt. I» seinem Heere führte er zugleich eine große Zahl von Weibern mit sich. Zum Ausrücken in die Schlacht ließ er mit'Päuke» und Cym- beln das Zeichen geben, da die Trompete noch nicht erfunden war. Er starb in hohem Alter, nachdem er 5- Jahre lang König von ganz Indien gewesen. Es folgten ihm in der Regierung seine Söhne, auf deren Nachkommen sich dann die Herrschaft ununterbrochen forterbte. Endlich, nach einer langen Reihe von Menschenaltern, löste sich das Reich auf, und die einzelnen Staaten erhielten eine freie Verfassung." Zg. So lautet die Fabel der Gebirgsbewohner in Indien von Dionysos und seinen Nachkommen. Auch von Herkules erzählen sie, er sey bei ihnen gewesen, und sie legen ihm eben so, wie die Griechen, die Keule und die Löwenhaut bei. „Durch seine körperlich- Stärke und Tapferkeit zeichnete er sich vor alle» Andern aus; er reinigte Land und Meer Mervs heißt im Griechische» Hüfte. 216 Diodor's historische Bibliothek. von gefährlichen Thieren. Er hatte mehrere Gemahlinnen, und zeugte viele Söhne und eine einzige Tvckter. Als seine Kinder erwachsen waren, vertheilte er unter sie das gesammte Indien zu gleichen Theilen; Jeder von den Söhnen wurde König in seinem Gebiet, und auch die Tochter, weil sie die Einzige war, machte er zur Königin. Er gründete ziemlich viele Städte; die ansehnlichste und größste derselben »anute er Palibothra. In dieser Stadt baute er einen prächtigen Pallast, und bevölkerte sie sehr» stark; er ließ sie mit breiten Gräben umgeben, die mit Flußwasser gefüllt wurden. Nachdem Herkules dem Kreise der Menschen entrückt war, so wurde ihm göttliche Ehre zu Theil. Seine Abkömmlinge regierten viele Menschenaltcr hindurch, und verrichteten denkwürdige Thaten, ohne jedoch irgend einen Zug in's Ausland zu unternehmenoder eine Kolonie unter ein fremdes Volk abzuschicken. Lange Zeit nachher entstanden in den meisten Staaten freie Verfassungen; doch dauerte unter einigen Völkerschaften das Königthum fort bis auf Alexanders Einfall." Unter den eigenthümlichen Sitten der Inder ist wohl das Auffallendste das von ihren alten Weisen eingeführte Gesetz, daß es unter ihnen gar keine Sclaven geben, und daß sie frei seyn, und eine allgemeine Gleichheit beobachten sollten. Sie glauben nämlich, Diejenigen, die weder über noch unter Andern zu stehen gewohnt seyen, können sich am beste» in alle Umstände des Lebens schicken, und es sey ungereimt, wenn die Gesetze Allen auf gleiche Weise gelten sollen, während doch die Güter ungleich ausgetheilt seyen. äo- In Indien ist das ganze Volk in sieben Klassen sKast enj getheilt. Die erste ist der Verein der Philoso- 2L7 Zweites Buch. pheii, der zwar nicht so zahlreich ist als die übrigen, aber dem Rang nach allen andern vorgeht. Die Philosophen sind befreit von jedem öffentlichen Dienste; fle haben keine Macht über Andere, und stehen auch unter keiner fremden Gewalt. Ihre Angehörigen lassen durch fle die Opfer für die Lebenden und die Bestattung der Todten besorgen, weil man fle für die Lieblinge der Götter hält, und ihnen die genaueste Kenntniß von der Unterwelt zuschreibt. Für diese Dienste genießen fle Belohnungen und einen bedeutenden Ehrenvorzug. Auch auf das öffentliche Wohl haben fle einen wichtigen Einfluß. Sie werden zu der großen Rathsversammlung am neuen Jahre beigezogen, und sagen da voraus, ob Dürre oder Nässe, ob eine gesunde Luft oder ob Krankheiten zu erwarten sind, und was sonst zu wissen dienlich seyn mag. So kann denn das Volk und der König, wenn fle hören, was die Zukunft bringt, gerade da, wo es fehlen wird, helfen, und jedesmal zweckmäßige Anstalten im Voraus treffen. Wenn die Vorhersagung eines Philosophen nicht eintrifft, so hat er keinen Vonvurf zu erwarten und keine andere Strafe, als, daß er sein Leben lang stumm bleiben muß. Die zweite Klaffe ist die der Landbauern, welche viel zahlreicher als die übrigen zu seyn scheint. Auch sie sind vvm Kriegsdienst und von andern Frohn- arbeiten frei, um sich ganz dem Feldbau zu widmen. Und kein feindlicher Soldat würde einem Landmann, denn er auf dem Feld anträfe, Etwas zu Leide thun; man läßt diese Leute, weil man fle für die Wohlthäter der Menschheit anfleht, durchaus upgekränkt. Darum bleibt auch das Feld vor Verwüstung gesichert, und befriedigt mit einer so reichen Fülle von Früchten das Bedürfniß der Menschen. Die Acker- Diodor. -s Bdchn. 5 218 Diodor'ö historische Bibliothek. leute leben mit Weibern und Kindern auf dem Lande, und vermeiden allen. Verkehr mit den Städtern. Aus ihren Feldern bezahlen sie dem König ein Pachtgeld, weil in Indien das ganze Land königliches Eigenthum ist, und kein Bürger ein Grundstück besitzen darf. Außer dem Pachtgeld müssen sie noch den vierten Theil in den königlichen Schah liefern. Den dritten Stamm bilden dieHirten der Rinder und Schafe, überhaupt die Besitzer von Heerden jeder Art. Sie wohnen nicht in Städten'oder Dörfern, sondern halte» sich in Zelten auf. Auch sind sie zugleich die Jäger, welche das Land von Raubvögeln und wilde» Thieren reinigen. Sie sorgen, indem sie diese Beschäftigung eifrig treiben, für die öffentliche Sicherheit; denn es gibt iu Indien allerlei Raubvögel und Wild in großer Menge, das die Saatfelder abfrißt. /si. Die vierte Klasse machen die Handwerker aus. Man unterscheidet in denselben Diejenigen, welche Waffen schmieden, und, welche die Werkzeuge für den Ackerbau und für andere Arbeiten liefern. Sie sind nicht nur von Abgaben frei, sondern sie erhalten auf königliche Kosten ein bestimmtes Maß von Getreide. Der Wehrstand ist der fünfte, der Zahl der Mitglieder nach der zweite. Im Kriege thut er seine Schuldigkeit, ergibt sich aber in Friedenszeiten dem Müßiggang und dem Spiel. Die gesammte Klaffe der Krieger wird auf königliche Kosten unterhalten, wie auch die Pferde und Elephanten, die man zum Kriegsdienste braucht. Der sechste Stand ist der der Aufseher. Sie haben vielerlei Geschäfte und führen die Aufsicht über die Staatsverwaltung in ganz Indien; davon müssen sie den Königen, und in Staaten, wo es keine Könige gibt, der Regierung Bericht crstat- 219 Zweites Buch. te». Die siebente Klaffe bilden die Räthe und Beisitzer der berathenden Behörden. Sie sind am wenigsten zahlreich, stehen aber im höchsten Ansehen wegen ihrer edeln Abkunft sowohl als um ihrer Einsichten willen. AuS ihrer Mitte sind die Räthe der Könige, die Verwalter der öffentliche» Einkünfte^ und die Richter in Streitsachen genommen. Ueber- hanpt werde» die StaatSämter und obrigkeitlichen Stellen aus diesem Stande besetzt. Dieß sind nun die verschiedenen Klaffen von Bürgern, in welche die Inder getheilt sind. Und es ist nicht erlaubt, in eine fremde Klaffe zu heirathen, oder in den Beruf und -den Wirkungskreis derselben einzugreifen, so daß z. B. ein Krieger das Feld baute, oder ein Handwerker die Geschäfte des Philosophen triebe. z-. Es gibt in Indien sehr viele und große Elephanten, und durclffihre Stärke zeichnen sie sich eben so sehr als durch ihre Größe aus. Diese Thiere begatten sich nicht, wie Einige behaupten, auf eine besondere Weise, sondern eben so, wie die Pferde und andere vierfüßige Thiere. Sie tragen zum wenigsten >6, und höchstens >8 Monate. Wie die Pferde, werfen sie gewöhnlich nur Ein Junges; es wird lange, oft 6 Jahre, von der Mutter gesäugt. Die Lebensdauer der Elephanten ist meistens dem höchsten Alter gleich, das ein Mensch erreicht: diejenigen, die am längsten leben, werden -oo Jahre alt. Ueber die Fremden sind in Indien eigene Vorgesetzte bestellt, die darüber zu wachen haben, daß keinem Fremden Unrecht geschieht. Wird ein Fremder krank, so schicken sie ihm den Arzt zu, und sorgen für seine Verpstegung, und, wenn er stirbt, für das Begräbniß; auch theilen sie das hinterlassene 220 Diodor's historische Bibliothek. Vermöge» unter die Angehörigen aus. Die Richter untersuchen die Streitsachen der Fremden genau, und der Schuldige verfällt in schwere Strafe. So viel über Indien und die Urgeschichte dieses Landes. Wir kommen jcht in unserer Beschreibung an ein benachbartes Volk, die Scythen. Sie hatte» ursprünglich nur einen kleinen Landstrich inne; durch ihre körperliche Kraft und Tapferkeit gelang es ihnen aber später sich allmählich zu vergrößern, und nicht blos ihr Gebier beträchtlich zu erweitern, sondern ihr Volk auch auf eine hohe Stule der Macht und des Ansehens z» erheben. Zuerst wohnten sie in sehr geringer Zahl am Fluß Arares sArass: sie waren als eine unbcrühmte Völkerschaft verachtet. Unter eincni aber von ihren alten Königen, einem kriegerischen Fürsten und ausgezeichneten Feldherrn, eroberten sie die Gebirgsgegenden bis an den Kaukasus, und das flache Land am Ocean und am Mao tischen See sAzvwischcn Meers, und die übrigen Länder bis an den Don. „Später wurde einmal in Scy- thien (so erzählt eine Fabel der Einwohner) eine Jungfrau aus der Erde geboren, die am Oberleib bis an den Gürtel wie ein Weib, unten aber wie eine Schlange gestaltet war. Zeus erzeugte mit ihr einen Sohn, Namens Scythes. Dieser erlangte größeres Ansehe», als Keiner vor ihm, und das ganze Volk erhielt von ihm den Namen Scythen. Unter den Abkömmlingen dieses Königs waren zwei Brüder von trefflichen Eigenschaften, mit Namen Palus und Na- pes, welche herrliche Thaten verrichteten. Sie theilten das Reich unter sich, und nach ihnen würde der eine Theil des Volks Paler, der andere Na per genannt. Einige Zeit 221 Zweites Buch. darauf eroberten die Nachkommen dieser Könige, die auch tapfere Krieger und geschickte Feldherrn waren, einen beträchtlichen Landstrich jenseits des Don bis nach Theorien; dann unternahmen sie Feldzüge auf der andern Seite, und erweiterten ihr Gebier bis an den Nil in Aegypten. 2" den Zivischenländern bezwängen sie viele bedeutende Völkerschaften, so daß sich nun das Reich der Scythen auf der einen Seite bis an den östlichen Ocean, und auf der andern bis an's Kaspische Meer und au den Mäorischen See erstreckte." Die innere Kraft des Volks wuchs nämlich in demselben Verhältniß, und es hatte vortreffliche Könige. ,,Von diesen haben die Saker, die Massagete», die Ari- maspen, und noch mehrere andere Völkerschaften ihre Namen erhalten. Diese Könige wiesen vielen von den überwundenen Völkern andere Wohnsitze an. Namentlich aber gründeten sie zwei große Kolonien; die eine wurde von Assyrien in die Gegend zwischen Paphlagvuien und P v irrn s geschickt; die aridere ging von Medien aus, und ließ sich am Don nieder, wo dann die Ansiedler Sauronrate« genannt wurden. Lange Zeit nachher geschah es, daß die Letzter» mächtig wurde», und eine weite Strecke in Scylhien verwüsteten; sie vertilgten die Einwohner in den eroberten Gegenden völlig, und machte» den größten Theil des Landes zur Einöde." /iZ. Später, nachdem die Scythen eine Zeit lang ohne Oberhaupt gewesen, bestiegen Frauen den Thron, die sich durch Tapferkeit auszeichneten. Denn riurer diesen Völkerschaften üben sich die Weiber für den Kriegsdienst gleich den Männern, und auch an männlichem Muthe stehen sie ihnen 222 Divdor's historische Bibliothek. nicht nach. Darum sind auch durch berühmte Fraue» viele große Thaten geschehen, nicht blos in Scythien, sondern auch in den Nachbarländern. Als der Perserköyig Cyrus, der mächtigste Fürst seiner Zeit, mit ansehnlichen Streitkräfte» in Scythien einfiel, vernichtete die Königin der Scythen das Persische Heer, und den Cyrus nahm sie gefangen und kreuzigte ihn. Und die Amazonen, die ein ganzes Volk bildeten , besaßen so viel kriegerischen Muth, daß sie nicht nur weithin in der Nachbarschaft Einfälle wagten, sondern sich wirklich ein beträchtliches Stück Landes in Europa und Asien unterwarfen. Da wir der Amazonen gedacht haben, so werden hier die wundersamen Geschichten, die man von ihnen erzählt, und die freilich sehr fabelhaft klingen, nicht am unrechten Orte stehen. 45. „Am Fluß The r modo n wohnte ein. von Weibern regiertes Volk, wo sich Diese gleich den Männern kriegerischen Beschäftigungen widmeten. Eine Derselben, welche die königliche Gewalt hatte und durch Tapferkeit und Stärke sich auszeichnete, brachte ein ganzes Heer von Weibern zusammen, mit denen sie Kriegsübungcn anstellte, und dann einige Nachbarvölker bezwäng. Ihr Muth sowohl als ihr Ruhm stieg nun höher, und sie unternahmen immer weitere Züge in die umliegenden Länder. Stolz auf die Gunst des Glücks, nannte sie sich eine Tochter des Ares, den Männern aber wies sie das Wvllenspinnen und andere häusliche Geschäfte der Weiber an. Durch ausdrückliche Verordnungen, welche sie machte, wurde das Kriegführen ein Vorrecht der Weiber, Erniedrigung und Knechtschaft aber die Bestimmung der Männer. Den nengebvrnen Knaben wurden die Beine und die Arme 223 Zweites Buch. verstümmelt, um fle zum Kriegsdienst untauglich zu machen, den Mädchen aber die rechte Brust weggebrannt, damit ihnen die Erhöhung an dieser Seite des Körpers nicht in der Schlacht hinderlich würde. Dieß ist der Grund, warum das Volk den Namen A mazon e n sBrustlosej erhalten hat. Dieselbe Königin, die so treffliche Einsichten, namentlich im Kriegswesen, besaß, gründete auch eine große Stadt an der Mündung des Thermodon, Namens THenri scyra, wo sie einen berühmten Pallast erbaute. Auf ihre» Feldzüge» hielt fle sorgfältig auf gute Ordnung. Sie hatte sich bereits die Nachbarvölker bis an den Don alle unterworfen, als sie ihr thatenrciches Leben auf dem Schlachtfelde rühmlich kämpfcnd' durch den Heldentod endete." äk. „Ihre Tochter, welche ihr in der Regierung folgte, eiferte der tapfern Mutter nach, und verrichtete noch größere Thaten. Sie suchte die Jungfrauen von den-frühesten Jahren an durch die Jagd abzuhärten und durch tägliche kriegerische Uebungen. Dem Ares zu Ehren und der Artemis mit dem Beinamen Taurvpolos veranstaltete sie glänzende Opferfcste. Sie zog gegen die Völker jenseits des Don zu Felde, und eroberte dort in Einer Reihe alle Länder bis gegen Thracien. Mit reicher Beute kehrte sie in die Hei- math zurück. Hier baute sie prachtvolle Tempel für die vorerwähnten Gottheiten, und gewann durch eine milde Regierung die Zuneigung ihrer Unterthanen in hohem Grade. Sie machte nun einen Feldzug auf der andern Seite, wo sie -einen großen Theil von Asien unterwarf, und ihr Gebiet bis nach Syrien ausdehnte. Anch nach ihrem Tode, wo hie Regierung immer auf die nächsten weiblichen Verwandten 224 Diodor's historische Bibliothek. überging, hatten bie Amazonen vortreffliche Fürstinnen, welche die Macht und den Ruhm des Volks erhöhten. Viele Mcli- schenalter später, als der Ruf ihrer Tapferkeit in der ganzen Welt verbreitet war, wurde dem Herkules, dem Sohn des Zeus und der Alkmene, von Enrystheus das Geschäft aufgetragen, das Wehrgehenk der Amazone Hippolyta zu holen. Er zog also in's Feld, und siegte in einer großen Schlacht, in welcher das Heer der Amazonen aufgerieben wurde. Den Gürtel erbeutete er, indem er die Hippolyta gefangen nahm. Durch diese Niederlage wurden die Kräfte des Volks so gänzlich gelähmt, daß es von den Nachbarn gar nicht mehr geachtet, und aus Rache für die früheren Unbilden beständig bekriegt wurde, bis endlich sogar der Name des Amazonenstamms vertilgt war. Wenige Jahre nach dem Einfall des Herkules, zur Zeit des Trojanischen Kriegs, regierte Penthesileja, eine Tochter des Ares, über die Amazonen, so viel ihrer noch übrig waren. Sie mußte, weil sie unter ihrem Volk einen Mord begangen hatte, als Der- brecherin aus dem Vaterlande fliehen: nun socht sie in dem Heere der Trojaner nach Hektor's Tode; sie erlegte viele Griechen, kämpfte tapfer in der Schlacht, und endete als Heldin unter Achili's Händen ihr Leben." Dieß, sagt mau, sey die lehte Amazone gewesen, die sich durch männlichen Mnth ausgezeichnet habe; von dort an sey das Volk immer tiefer gesunken, bis zur völligen Unmacht. Darum wird denn in neuern Zeiten Alles, was man von der Tapferkeit der alten Amazonen erzählt, für reine Erdichtung gehalten. 225 Zweites Buch. 47. Da wir die nördlichen Gegenden von Asien beschrieben haben, so wird hier der schicklichste Ort seyn für die fabelhaften Erzählungen von den Hyperb vreern, wie man sie in der alten Sagengeschichte bei Hckatäus und Andern findet. „Dem Celtenlande gegenüber in dem jenseitigen Ocean gegen Norden ist eine Insel, nicht kleiner als Sicilien. Die Bewohner derselben heißen Hyperboreer sUebernordlichcs, weil sle über das Gebiet des Nordwindes hinaus liegen. Der Boden ist so gut und fruchtbar und der Himmelsstrich so günstig, daß man zweimal im Jahr ernten kann. Nach der Fabel ist Latona auf dieser Insel geboren; darum wird auch Apoll daselbst eifriger als alle andern Götter verehrt. Die Einwohner sind eigentlich als Priester Apoll's zu betrachten, da sie diesen Gott jeden Tag durch immerwährende Lobge- sänge preisen und auf alle Art verherrlichen. Es ist aus der Insel ei» prächtiger dem Apoll geweihter Hai», und ein merkwürdiger Tempel von kugelrunder Form, mit vielen Weihge- schenken geschmückt. Auch eine Statt ist diesem Gott geheiligt, deren Einwohner größkeutheils Citherspieler sind; sie singen immerfort Lieder zu seiner Ehre, mit Begleitung der Sicher, und rühmen seine herrlichen Thaten. Die Hyperboreer haben eine eigene Sprache. Uebrigens leben sie mit den Griechen ganz vertraut, und besonders mit den Ar Heuer» und Deliern; und diese Zuneigung schreibt sich aus allen Zeiten her. Es gab auch Griechen, wie die Fabel sagt, welche zu den Hyperboreern reiste», und kostbare Weihgescheuke mit Griechischen Inschriften zurückließen. Eben so kam nach Griechenland ei» Hyperboreer, Abaris , der die alte B-kanntschast mit den Deliern als, Verwandten erneuerte. Von dieser Jusos 226 Diodor's historische Bibliothek. aus erscheint die Entfernung des Mondes von der Erde ganz gering, und man glaubt auf demselben gewisse bergähnliche Erhöhungen wahrzunehmen. Apoll kommt je nach ig Jahren auf die Insel, also zu der Zeit, da die Gestirne fSonne und Monds in dieselbe Stellung zurückkehren; und darum heiß! ein Zeitraum von Ig Jähren bei den Griechen das groß! Jahr. Diese Erscheinung des Gottes dauert von der Frühlingsnachtgleiche bis zum Aufgang der Plejaden smit der Sonnet Er bringt während dieser Zeit die ganze Nackt mit Eitherspiel und Neigen zu, und besingt seine eigenen Siege. Die Könige jener Stadt, zugleich Aufseher des heiligen Hains, heißen Boreaden, als Abkömmlinge des Boreas, und die Regierung erbt sich in diesem Geschlecht immer fort." l>8. Nachdem wir diese Berichte ausführlich wiedergegeben, gehen wir zu den andern Theilen von Asien über, die wir noch nicht beschrieben haben, und namentlich nach Arabien. Dieses Land.liegt zwischen Syrien und Aegyp- ten, und ist unter viele und mancherlei Völkerschaften getheilt. Die östliche» Gegenden sind von dem Araberstamm bewohnt, den man die Nabatäer heißt. Ihr Land enthält eine, zum Theil sogar wasserlose, Wüste, und nur wenig fruchtbaren Boden. Sie führen ein Räuberleben, und streifen plündernd in der ganzen Nachbarschaft herum. Im Kriege sind sie schwer zu bezwingen. Denn in der wafferlosen Wüste haben sie an tauglichen Stellen Brunnen angelegt, aber so, daß dieselben für Fremde nicht bemerkbar sind. Daher finden sie in dieser Gegend eine sichere Zuflucht. Ihnen sind die verborgenen Wasserbehälter bekannt, und sie dürfen sie nur öffnen, um sich mit reichlichem Trnnke zu laben; die Frein- 227 Zweites Buch. den hingegen, von welchen sie dorthin verfolgt werden, leiden an Wassermangel, weil sie die Brunnen nicht finden, und kommen entweder um vor Durst, oder retten sich nach vielen Beschwerden mit Muhe in ihre Heimath. Ebendarum, weil es so schwer ist, die Araber, welche diese Gegend inne haben, zu überwinden, sind sie noch immer unabhängig. Sie dulden auch durchaus keinen auswärtigen Herrscher, und behaupten standhaft ihre Freiheit. Weder den Assyrern in der früher» Zeit, noch den Medischen und Persischen, selbst nicht den Makedonischen Königen ist es gelungen, jenes Volk zu unterjochen. So viele und so mächtige Heers sie auch gegen dasselbe aufboten, so erreichten sie doch nie ihren Zweck. Es gibt im Lande der Nabatäer eine außerordentlich feste Felsenwohnung, wohin sie ihre Habe flüchten; sie hat blos einen einzigen Zugang, wo nur Wenige zusammen hinaufsteigen können. Ferner ist daselbst ein großer See sdas todte Meers, wo sich viel Erdpech erzeugt, aus dem die Einwohner einen beträchtlichen Gewinn ziehen. Er ist ungefähr Zoo Stadien lang, und 60 breit. Das Wasser hat einen so Übeln Geruch und bittern Geschmack, daß kein Fisch und kein anderes Wasserthier darin leben kann. Es ergießen sich zwar darein große Flüsse mit ganz süßem Wasser, allein der widrige Geruch des Sec's schlägt vor. Mitten auf dem See quillt jedes Jahr eine große Masse Erdpech hervor, die sich manchmal auf mehr als Zoo, zuweilen auch nur auf 200 Fuß erstreckt. Die Bewohner der Umgegend nennen gewöhnlich eine größere Masse einen Stier, und eine kleinere ein Kalb. Wenn eine solche Lage von Erdpech oben auf dem Wasser schwimmt, so gleicht sie, aus einiger Entfernung betrachtet, einer Insel. Die Lenke wissen es 228 Diodor's historische Bibliothek. schon 20 Tage zuvor, wenn sich das Erdpech ausscheidet. Denn der Seegeruch verbreitet sich alsdann durch Winde in einen Umkreis von vielen Stadien, und in der ganzen Gegend verliert alles Silber, Gold und Kupfer seine natürliche Farbe; doch erhält es dieselbe wieder, wenn das Herausquellen bei Erdpechs aufgehört hat. Die hitzigen, übelriechenden Dünste haben einen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit der Einwohners in der Nachbarschaft, die deßwegen auch kein höhet Alter erreichen. Uebrigens ist die Gegend für Palmenpflan- zungen gedeihlich, soweit Bäche mit gesundem Wasser durchstießen, oder durch Quellen der Boden bewässert werden kann. Ebendaselbst findet mau in einem gewissen Thale den Balsam, der den Einwohnern reichen Gewinn einbringt, weil man dieses Gewächs, das von den Aerzten mit dem glücklichste» Erfolg als Heilmittel angewendet wird, sonst nirgends in der Welt antrifft. äg.'' Der an das wafferlose und ungebaute Land angrän- zende Theil von Arabien ist von diesem so völlig verschiede», daß man ihn das glückliche Arabien nennt, wegen der Menge von Früchten und von andern Schätzen, die man daselbst findet. Kalmus und wohlriechende Binsen *) und andere Gewürzpflanzen bringt es in reicher Fülle hervor. Ueber- Haupt ist es voll von Gewächsen mit duftenden Blättern und mit wohlriechendem Harz. An der äußersten Gränze liefert dieses Land die Myrrhe und den Lieblingsduft der Götter, der in die ganze Wett versendet wird, den Weihrauch. Ko- stus, Kassia, Zimmt und andere dergleichen Gewächse treiben / *) ^Viickro^ogoir öckoeoantlios lfti nri. 229 Zweites Buch. so lange Stängel und sv dichte Zweige, daß man das Feuer im Ofen damit anzündet, während man sie an andern Orten nur sparsam auf die Altäre der Götter streut; Pflanzen, von denen man anderswo nur kleine Stücke als Seltenheit vorweist, dienen hier zum Hausbranch als Lager für die Sclaven. Außer dem Zümnt, der vorzüglich brauchbar ist, gibt es in dieser Gegend sehr viel Gummi und wohlriechende Te- rebinthen. Auf den G-birgen wachsen nicht nur Tannen und Pcchfichten in Menge, sondern auch Cedern und Wachhvlder- bänme kommen sehr häufig vor, und das B.oratvn. Noch manche andere Arten fruchtbarer Gewächse enthalten einen wohlriechenden Saft, und verbreiten um sich her den angenehmsten Dust. Und der Boden selbst erzeugt, schon von Natur Ausdünstungen gleich edlem Rauchwerk. Daher trifft man auch in einigen Gegenden von Arabien wohlriechende Adern im Innern der Erde an, und wenn man nachgräbt, so eröffnen sich Steinbrüche von ungeheurem Umfang. Die Steine, welche man dort grabt, werden zum Bauen gebraucht, und wenn dabei ein Staubregen fällt, so löst sich durch die Feuchtigkeit die Oberfläche der Steine auf, verdichtet sich aber wieder, wenn man sie zusammenfügt, und bildet so einen festen Manerkitt. 5o. Man gräbt in Arabien Gold, das man das feuc r- lose nennt, weil es nicht, nie sonst gewöhnlich, aus Stufen ausgekocht, sondern schon gediegen in der Erde gefunden wird, in der Größe von Kastanien, »nd so hellglänzend, daß es keinen schönern Schmuck geben kann, als einen in solches Gold künstlich gefaßten Edelstein. An Vieh von jeder Art ist das Land so reich, daß mehrere Völkerschaften, die ein Hirtcnleben 230 Diodor's historische Bibliothek. führe», von der Milch, die ihnen ihre Heerden im Ueberflusse liefern, sich wohl nähren können, ohne dazu noch Brod nöthig zu haben. Gegen die Syrische Gränze hin gibt es auch viele starke Raubthiere. Die Löwen und Panther sind hier weit zahlreicher und größer, auch viel wilder, als in Libyen; ebenso die Babylonischen Tiger. Ferner finden sich in Arabien Zwittergcschöpse, die aus verschiedenen Gestalten zusammengesetzt sind. Dahin gehört der Strauß, welcher halb wie ein Vogel und halb wie ein Kamcel aussieht, was schon sein Name,sStruthokameloss andeutet. Er ist ungefähr so groß als ein nengebornes Kameel. Der Kopf ist dünnbehaart, die Augen groß und schwarz, .ganz so gebildet und von derselben Farbe,' wie bei dem Kamcel. Das Thier hat einen langen Hals und einen ganz kurze», spitzig zulaufenden Schnabel, weiche, mit Haaren besetzte Flügel, und zwei Beine, mit gespaltenen Klauen. Es gehört folglich zn den Landthieren sowohl als zu den Vögeln. Zwar ist es zu schwer, um sich erheben und fliegen zu können, aber auf dem Boden läuft es schnell auf den Zehen, und wenn man es zu Pferde verfolgt, so schleudert es Steine, die im Wege liegen, mit solcher Gewalt den Verfolgern entgegen, daß diese oft gefährlich verwundet werden. Hat man aber den Strauß eingeholt, st steckt er den Kopf iu ein Gebüsch oder in einen andern Schlupfwinkel; nicht, wie Einige glauben, aus Dummheit und Un- behülflichkeit, als ob er meinte, Andere sehen ihn nicht, wenn er sie nicht sehe, sondern, weil er den Kopf, als den schwächsten Theil seines Körpers, in Sicherheit bringen und so sich retten will. Denn die Natur lehrt alle lebenden Wesen am besten, sich selbst nicht nur, sondern auch ihre Jungen erhalten, Zweites Buch. 25 L und indem sie ihnen die Liebe zum Leben einstanzt, bewahrt sie dje Fortdauer der Geschlechter im ewigen Kreislauf. 5>. Die Giraffe ist ein Mittelwesen zwischen den beiden Thieren, auf welche die Zusammensetzung ihres Namens sKamelopardaliss - hindeutet. Denn sie hat beinahe die Größe von einem Kameel; nur ist der Hals kürzer; der Kopf aber und die Augen haben dasselbe Aussehen, wie bei einem Panther. Durch den Höcker auf dem Rücken wird das Thier dem Kameel ähnlich; durch die Farbe aber »nd die Beschaffenheit der Haare, wie auch durch den langen Schwanz erhält es die Gestalt eines Panthers. Weiter sind dort zu Hause der Bockhirsch, derBubaloS, *) und noch mehrere Zwittergestalten anderer Art, aus Thieren, die von Natur äußerst verschieden sind, zusammengesetzt. Es wäre zu weitläufig, sie genauer zu beschreiben. In den weit gegen Süden, gelegenen Ländern theilt die Sonne, wie es scheint, der Erde ein reiches Maß belebender Kräfte mit, und darum werden dort so viele und mancherlei, und so schöne Thiergaktun- gen erzeugt. Aus diesem Grunde findet man auch in Aegyp- ren die Krokodile und Flußpferde, und in Aethiopien und der Libyschen Wüste eine Menge von Elephanten und von allerhand Schlangen und andern gefährlichen Thieren, namentlich Drachen von außerodentlicher Größe und Stärke; ebenso die Elephanten in Indien, die so zahlreich und so ungeheuer groß und wild sind. 5-. Der kräftige Einfluß der Sonnenhitze wirkt in diesen Ländern nicht nur zur Entstehung der eigenthümlichen H Vielleicht zwei Gazellenarten. 232 Diodor's historische Bibliothek. Thiergestaltcn mit, sondern auch zur Bildung von allerlei prächtig gefärbtem und durchsichtig schimmerndem Gestein. Die Edelsteine, sagt man, bestehen aus reinem Wasser, das verdichtet sey, nicht durch Frost, sondern durch die Wirkung des himmlischen Feuers, das ihnen eine unvergängliche Dauer, und vermittelst der Dämpfe, die sich dabei entwickeln, eine mannigfaltige Färbung gebe. Der Smaragd z. B. und der Beryll, der sich in den Schachten der Kupferbergwerke bilde, färbe sich bei'm Uebergang aus dem flüssigen in den festen Zustand durch das HimmelSfeucr. Der Chrysolith erhalte seine Farbe von dem Rauchdampf, weil er bei glühender Sonnenhitze entstehe. Darum könne man auch falsche Chrysolithe durch menschliche Kunst nachmachen, indem man vermittelst irdischen Feuers flüssige Massen fest werden lasse, Von den Granaten gebe es deßwegen so verschiedene Arten, weil bei der Verdichtung derselben die Lichtstrahlen bald stärker bald schwächer sich darin zusammendrängen. Aus derselben Ursache erklärt man den Farbcnreichthnm an dem Gefieder der Vogel, das entweder ganz purpurn ist, oder ein buntes Gemisch von allerlei Farben enthält. Es soll bald seuerrvth, bald safrangelb, bald smaragdgrün, oft auch goldfarbig aussehen, je nachdem man es in einer Richtung gegen das Licht betrachtet; überhaupt will man sehr zusammengesetzte und schwer zu bcnenncnde Farben daran finden. Weil man dieselbe Wirkung des Sonnenlichts bei'm Regenbogen am Himmel wahrnimmt, so wollen eben daraus die Natur- kundigen den Schluß ziehen, es müsse auch bei den vorerwähnte» Körpern das bunte Aussehen ursprünglich durch die innere Erwärmung einer Flüssigkeit entstanden seyn, indem 233 Zweites Buch. die belebende Krast der Sonne zur Bildung der einzelnen Gestalten mitwirkte. Von dieser schöpferischen und bildenden Krast leitet man ferner die Mannigfaltigkeit in den Farben der Blumen und den Unterschied der Erdarten ab; und solche natürliche Wirkungen bildet die menschliche Kunst nach, die es der Natur abgelernt hat, jeden Stoff durch Flüssigkeiten zu färben- Wie man annimmt, daß die Farben durch das Licht entstehen, so schreibt man dagegen die Verschiedenheit in dem Geruch der Früchte und ihrem eigenthümlichen Geschmack, in der Größe und dem Bau der Thiere, und in der Beschaffenheit der Erdarten dem Einfluß der Sonnemvärme zu, die, in fruchtbaren Boden und zeugungskräftiges Wasser eindringend, alle Gattungen von Naturwesen bilden sott. So darf man denn weder den Panschen Marmor noch andere kostbare Steine den Arabischen gleich achten; denn diese sind blendend weiß und äußerstZschwer, und glättere Steine kann man unmöglich irgendwo finden. Alle Eigenthümlichkeiten jenes Landes aber sind, wie gesagt, Wirkungen der Sonne, welche fest macht, was sle erwärmt, dicht, was sie trocknet, und hell, was sie erleuchtet. 55. Darum sind auch gerade diejenigen Thiere, welche am meisten innere Wärme haben, die Vögcl nicht nur leicht genug, um fliegen zu können, sondern auch durch die Mitwirkung der Sonnenwärme so bunt gefärbt, besonders in solchen Ländern, die von den Sonnenstrahlen am stärksten getroffen werden. So gibt es inBabylonien eine Menge von Pfauen, die mit allerlei Farbe» geschmückt sind, an der äußersten Gränze von Syrien Papageien, purpurne Wasserhühner, Perlhühner, und andere Thiere Diodvr. rs Bdchn. 6 234 Diodor's historische Bibliothek. mit eigenthümlichen Farben in den mannigfaltigsten Zusammensetzungen. Eben Das gilt auch von andern Ländern der Erde, die unter einem ähnlichen Himmelsstriche liegen, nämlich von Indien, der Küste des rothen Meeres, Aethiopien und einigen Gegenden von Libyen. Uebrigens werden in den weiter gegen Morgen gelegenen Ländern, welche fruchtdarer sind, auch die Thiere ansehnlicher und größer; und auch sonst steht die natürliche Beschaffenheit jeglicher Erzeugnisse im Verhältniß zur Güte des Bodens. Das gilt namentlich von den Bäumen. Die Palmen tragen in Libyen ausgedörrte und kleine Früchte; in Cölesyrie» hingegen wachsen daran äußerst süße und große Datteln, die auch sehr saftreich sind; noch viel größere sieht man aber in Arabien und Baby- loniev. Hier werden sie K Finger breit, und sind bald apfelgelb, bald dunkelroth, zuweilen beinahe purpurfarbig; und so reizend ihr Anblick, so angenehm ist auch ihr Geschmack. Die Stämme der Palmen ragen hoch in die Lüfte, und sind ringsum völlig kahl bis an den Wipfel, der allein belaubt ist. Die Kronen sind übrigens verschieden gestaltet. Einige Palmen sind ganz mit Zweigen bekränzt, in deren Mitte zwischen der ringsum berstenden Rinde eine trauben- förmige Frucht erwächst; bei andern neigt sich die belaubte Krone nur auf Eine Seite, wie dierFlamme einer Fackel, wenn der Wind darein weht; wieder bei andern beugt sie sich nach zwei Seiten um, und der doppelte Busch von niederhangenden Zweigen rechts und links gewährt einen malerischen Anblick. 5z. Das sogenannte glückliche Arabien ist der südlichste Theil dieses Landes. Das Binnenland ist die Gegend von 235 Zweites Buch. Arabien, welche von Hirten bevölkert ist, die sich in Zelten aufhatten. Sie besitzen große Vichhecrden, und ihre Waide- Plätze sind unermeßliche Ebenen. In der Mitte aber zwischen dieser Gegend und dem glücklichen Arabien ist die wafferlose Wüste, wovon oben die Rede war. Der westliche Theil von Arabien besteht aus ungeheuern Savdebenen, wo sich die Wanderer nickt anders zurecht finden können, als durch Beobachtung der Nordsterne, wie die Schiffer auf der See. Noch ist ein Theil von Arabien übrig, der an Syrien gränzt; hier wohnen viele Landbauern und Kaufleute aller Art, welche durch zweckmäßigen Waarentausck die Bedürfnisse des einen und des andern Landes vollständig befriedigen. Das Küstenland oberhalb des glücklichen Arabiens ist von vielen großen Flüssen durchschnitten; es gibt dort manche sumpfige Oerter und Seen von weitem Umfang. Durch Gräben, die mit den Flüssen in Verbindung strhe», und durch die Sommerregen wird das Feld großentheils bewässert, so daß man zweimal ernten kann. In dieser Gegend gibt es Heerden von Elephanten und andere Ungeheuer, Landkhiere sowohl als Zwittergescköpfe, ganz sonderbar gestaltet; ferner Vieh von jeder Gattung in Menge, beso>ders Rinder und Sckaafe nist großen dicken Fettschwäincn; sehr viele und vorzügliche Arten von Kameclen, kahle und behaarte, auch solche, die einen doppelten Höcker auf dem Rücken haben, und daher zwei- dncklige heißen. E N'ge Kameele gewähren den Einwohner» reichliche Nahrung, weil sie Milck geben und ihr Fleisch eßbar ist. Andere aber sind zum Lasttragen abgerichtet; man legt ihnen ,o Medimnen Gctraide auf, und außerdem seyen sich noch 5 Menschen auf den Sattel. Die Dromedare sLäu- 236 Diodor'ö historische Bibliothek. fers dagegen haben kürzere Beine und einen schlankeren Körperbau; sie können einen sehr weiten Weg zurücklegen, und werden vorzüglich bei Wanderungen durch die Wüste und das wafferlvse Land gebraucht. Auch nimmt man sie im Krieg in die Schlachten mit; es sitzen auf einem solchen Kameel zwei Bogenschützen, die einander den Rücken zuwenden; der Eine, um die angreifenden, der Andere, um die verfolgenden Feinde abzuwehren. Wenn wir uns bei Arabien und der Naturbeschreibung dieses Landes länger verweilt haben, so werden doch aufmerksamen Lesern manche der Nachrichten, die wir mitgetheilt, willkommen seyn. 55. Ueber eine Insel, *) die im südlichen Ocean entdeckt worden ist, und über die Wundersagen von derselben wollen wir einen kurzen Bericht liefern, zuerst aber die Geschichte ihrer Entdeckung umständlicher erzählen. Jambulus hatte sich von Jugend auf der Wissenschaft gewidmet. Nach dem Tode seines Vaters aber, der ein Kaufmann war, beschäftigte auch er sich mit dem Handel. Auf einer Reise durch Arabien in das Gewürzsand fiel er Räubern in die Hände mit seinen Begleitern. Zuerst wurde ihm und einem seiner Mitgefangenen das Geschäft eines Hirten angewiesen. Einige Zeit darauf aber wurde er mit seinem Gefährten von Aethiopischen Räubern weggeführt, und an die Küste von Aethiopien gebracht. Diese beiden Fremdlinge wurden nämlich aufgefangen, um Söhnopfer für das Land zu werden; einer Sitte zufolge, welche in dieser Gegend von Aethiopien *) Wahrscheinlich die Insel, die hei den Alten Taprvbane heißt, das jetzige Ceylon. X 23 / Zweites Buch. von alten Zeiten her eingeführt und durch Göttersprüche geheiligt war. Je nach -o Menschenaltern, oder (da 5 o Jahre auf ein Menschenalter gerechnet wurden) nach 600 Jahren wurden - Menschen zum Söhnopfer bestimmt, und ein Fahrzeug von mäßiger Größe für sie zugerüstet, welches die Stürme auf der See aushalten, und leicht von zwei Menschen gelenkt werden konnte. Man versah es mit Lebensmitteln für 2 Personen auf 6 Monate, und gebot den beiden Männern, die man einschiffte, sie sollten, dem Götterspruch gemäß, auf die hohe See fahren, und dann gegen Süden steuern; so würden sie auf eine glückliche Insel kommen zu freundlichen Leuten, bei denen sie zufrieden leben könnten. Zugleich sagte man den Verbannten, wenn sie wohlbehalten auf der Insel ankämen , so hätte das Aethiopische Volk auf Koo Jahre Frieden und ungestörtes Glück zu hoffen; wofern sie aber, die lange Seefahrt scheuend, auf dem Meere wiederum umkehren würden, so ständen ihnen als Verbrechern, die das ganze Volk in's Unglück brächten, die schwersten Strafen bevor. „Die Aethiopier (so lautet die Erzählung) veranstalteten eine zahlreiche Versammlung am Ufer und ein glänzendes Opferfest, und bekränzten die Büßenden, welche zum Heil des Volks auf die Entdeckungsreise ansgesandt werden sollten. Diese schifften nun auf die hohe See, und nach einer viermonatlichen stürmischen Fahrt erreichten sie die ihnen bezeichnete Insel. Sie hat eine runde Gestalt und einen Umfang von etwa 5ooo Stadien." 56 . „Als sie sich der Insel näherten, kamen ihnen schon Eingeborne entgegen, und führten den Kahn an's Land. Auf der Insel selbst liefen die Leute zusammen, voll Verwunde- 2Z8 Diodor's historische Bibliothek. rung über die fremden Ankömmlinge, begegneten ihnen übrigens freundlich, und »heilten mir, was man bei ihnen von Lebensbedürfnissen kannte. Die körperliche Beschaffenheit und die Lebensart der Einwohner ist auf dieser Jns>l eine ganz andere als in den bekannten Theilen der Welt. Sie sind Alle gleich gestaltet und über L Ellen groß. Die Beine in ihrem Körper lassen sich bis auf einen gewissen Grad biegen und dehnen sich wieder aus, so wie man eine Sehne spannen kann. Sie haben einen äußerst feinen Körperbau, doch mehr Schnellkraft als wir. Denn wenn sie Etwas in der Hand halten, so ist Niemand im Stande, durch Anfassen mit den Finger» eS ihnen zu^entwinden. Sie haben keine Haare am ganzen Leib ausser den Haupthaaren, den Augenbrannen und Wimpern und dem Bart; sonst überall ist ihre Haut so glatt, daß nicht das kleinste Härchen daran sichtbar ist. Ihre Ee- sichrszüge sind sehr schön, und auch die übrigen Theile des Körpers regelmäßig gebildet. Der Gehörgang ist bei ihnen viel weiter als bei uns, und das Ohr hat einen Auswuchs, der dem Kehldeckel gleicht. Auch ihre Zunge hat eine eigene Gestalt, die zum Theil natürlich und angeboren, zum Theil durch Kunst noch weiter ausgebildet ist. Die Zunge ist nämlich bis auf einen gewissen Punkt gespalten, und weiter unren wenigstens zerlegbar; so daß sie bis an die Wurzel doppelt werden kann. Daher können diese Leute die verschiedensten Rollen spielen, und nicht nur j de Menschenstimme und jeden arciculirlen Laut nachahmen, sondern auch die mannigfaltigen Töne de> Vögcl und überhaupt alle möglichen besondern Laut« herovrbringen. Und, was das Wunderbarste ist, sie könne» sich mir zwei Menschen zugleich ganz fertig unterreden, in- 239 Zweites Buch. dem sie Jedem antworten, und mit Jedem über einen besondern Gegenstand ohne Verwechslung sprechen; denn mit dem einen Zungenflügel führen sie dieses, und mit dem andern jenes Gespräch zu derselben Zeit. Sie wohnen unter einem sehr günstigen Himmelsstrich, nämlich unter dem Aequaror, wo ihnen weder Hitze noch Frost beschwerlich wird. Das ganze Jahr gibt es^bei ihnen reifes Obst." So sagt ja auch der Dichter sHom. Ob. VII, >-o. f.j: ..Birne reift auf Birne heran, »nd Apfel auf Apfel. Trank' auf Traube gelangt, und Feig' auf Feige, zum Voll- wuchs. „Der Tag ist in diesem Lande beständig der Nacht gleich. Zur Mittagszeit wirft kein Gegenstand einen Schatten, weil die Sonne über dem Scheitel steht." 57. „Die Einwohner sind in einzelne Stämme und Gesellschaften vertheilt, in welchen aber nicht über goo Menschen zusammenleben. Sie halten sich auf Wiesenplatzen auf, wo sie Nahrungsmittel genug finden. Denn der Boden auf der Insel ist so fruchtbar und die Luft so mild, daß mehr eßbare Pflanzen, als man bedarf, wild wachsen. Namentlich trägt eine Rohrart, die dort sehr häufig ist, reichliche Früchte, gleich den weißen Kichererbsen. Diese werben gesammelt, und in warmem Wasser eingeweicht, bis sie zur Größe eines Taubeneys anschwellen; darauf zerstößt man sie und zerreibt sie geschickt mit den Händen, und knetet Brod daraus, welches dann gebacken wird, und einen äußerst süßen Geschmack hat. Ferner gibt es ergiebige Wassei quellen; theils warme, die zu Bädern dienlich sind und die Ermüdung heben, theils kalte, welche sehr süß sind und ebenfalls Heilkräfte besitzen. 240 Diodor's historische Bibliothek. Die Einwohner treibe« alle Wissenschaften, besonders aber die Sternkunde. Buchstaben haben sie, wenn man auf die dadurch bezeichneten Laute sieht, acht und zwanzig; sie drücken dieselben aber nur durch sieben Züge aus, wovon jeder viererlei Gestalten annehmen kann. Sie schreiben nicht in quer Herüberlaufenden Zeilen, wie wir, sonder» senkrecht von oben nach unten herab. Die Leute erreichen ein außerordentlich hohes Alter, bis auf i5o Jahre, und bleiben größtentheils frei von Krankheiten. Wer lahme Glieder oder überhaupt irgend ein körperliches Gebrechen hat, der muß einem strengen Gesetz zufolge sich selbst das Leben nehmen. Auch ist es Sitte, daß sich Jeder eine bestimmte Zahl von Jahren zum Ziele seht, und, wenn er das erreicht hat, freiwillig durch eine sonderbare Lodesart sein Leben endet. Es wächst nämlich im Lande ein gewisses Zwitterkraut, das die Wirkung hat, daß man, wenn man sich darauf legt, unvermerkt in einen sanften Schlaf versinkt und stirbt." 58. „Die Einwohner leben nicht in der Ehe, sondern es ist Gemeinschaft der Weiber eingeführt; auch die Kinder werden gemeinschaftlich erzogen und von Allen gleich geliebt. Oft werden die Säuglinge von den Ammen verwechselt, so daß nicht einmal die Mütter ihre eigenen Kinder mehr kennen. Daher gibt es unter diesen Leutenlkeinen Geburtsstolz, und eben deßwegen keine Empörung, sondern beständige Eintracht schätzen sie höher als Alles. Man findet daselbst gewisse Thiere, die zwar nicht sehr groß, aber sonderbar gebaut sind, und deren Blut eine wundersame Kraft hat. Sie haben eine runde Gestalt- am ähnlichsten sind sie den Schild- 241 Zweites Buch. kröten; die Oberfläche ist mit zwei apfelgelben Streifen kreuzweise gezeichnet. An jedem Ende haben fle ein Auge und einen Mund; daher sehen sie mit vier Augen, und nehmen ihre Nahrung durch vier Oeffnungen zu sich, die sich aber in Einem Schlunde vereinigen, durch welchen Alles, was fle verschlingen, Einem Magen zugeführt wird; auch die Gedärme und alle Eingeweide sind nur einfach. Rings am Rand herum hat das Thier viele Füße, mit welchen es nach jeder beliebigen Richtung gehen kann. Das Blut desselben hat die wunderbare Kraft, daß es abgeschnittene Stücke von irgend einem'lebenden Körper augenblicklich wieder anwachsen macht; selbst wenn eine Hand oder sonst ein Glied abgehauen ist, so kann'man es damit wieder ankleben, so lange der Schnitt noch frisch ist; auch andere Theile des Körpers, wenn es nur nicht die cdleren sind, in welchen die Lebenskraft wohnt. Unter jedem der einzelnen Stämme wird ein großer Vogel von ganz eigener Art gehalten, um mit den kleinen Kindern Versuche anzustellen, wie viel fle Geistesstärke besitzen mögen. Man setzt fle auf den Vogel, und läßt ihn davon fliegen. Läßt sich nun das Kind die Luftfahrt gefallen, so zieht man es auf; wenn es ihm aber schwindelt und bang wird, so setzt man es aus, weil man glaubt, es lebe doch nicht lange, und, wie an Muth, so fehle es ihm überhaupt an geistiger Kraft. Unter jedem Stamm führt immer der Aelteste die Herrschaft, und Alle gehorchen ihm, wie einem König. Wenn er das Alter von >5o Jahren erreicht hat, und sich nun nach dem Gesetz das Leben nimmt, so folgt ihm in der Regierung Der, welcheriZach ihm der Aelteste ist. 2» dem Meer um die Insel her, das eine starke Strömung hat, ist die Ebbe und 242 Diodor's historische Bibliothek. Ftnth beträchtlich; das Wasser hat einen süßen Geschmack. Die beiden Baren und noch viele andere Sternbilder an unserem Himmel sieht man dort gar nicht." Solcher Inseln waren es aber sieben, von gleicher Größe und in gleich« Entfernung von einander, und auf Allen waren dieselben Sitten und Geseye eingeführt. 5g. So reichlich die Natur von selbst den Einwohnern alle Nahrungsmittel darbietet, so genießt doch Keiner dieselben im Uebermaß; ihre Lebensart ist einfach, und sie nehmen Nicht mehr Speise zu sich, als sie bedürfen. Das Fleisch und alle andern Speisen essen sie gebraten oder im Wasser gesotten. Aber von andern, künstlichen Zubereitungsarten, die von den Köchen e>funden siud, und von den manche»lei Würzen haben sie gar keine Vorstellung. Die Götter, welche lie verehren, sind der allumfassende Aekher, die Sonne und alle übrige» Gestirne. Fische aller A»t fangen sie in Menge auf mancherlei Weise, auch sehr viele Dögel. Sie haben ferner viele wildwachsende FruchtbLume, auch Oeklgärten und Weinberge, die einen reichlichen Ertrag an Oehl und Wein gewähren. „Es gibt bei ihnen Schlangen von außerordentlicher Größe, die aber keinen» Menschen etwas zu Leide thun, und ein eßbares, sehr süßes Fleisch haben. Die Kleider macht man aus einer Ait von Rohr, das in der Mitte weiche, glänzende Haare hat; diese werden gesammelt und mit dem Safre von Meermuscheln an einander geklebt, und daraus verfertigt man wunderschöne Purpurgewande. Es ist unglaublich , was man dort für sonderbar gestaltete Thiere findet. Die E-nwobner haben eine ganz genau bestimmte Speiseordnung. Sie essen nicht Alle zugleich, und genießen auch 243 Zweites Buch. n'cht einerlei Speisen. Es ist festgesetzt, daß fle an gewissen Tagen Fiswe, an andern Vogel essen, manchmal auch anderes Fleisch, zuweilen Oliven und das allereinfachste Zugemüße. In ihren Geschäften wechseln sie miteinander ab, indem sie bald einander bedienen, bald Fische fangen, bald Handwerke «reiben, bald mit andern nüyl-chen Arbeiten sich beschäftigen, bald die öffentlichen Dienste leisten, die in der Reihe herumgehen, von denen sie aber im höhern Alter befreit sind. An Fest- und Bettagen werden Loblieder und Preisgesänge auf die Götter, besonders auf die Sonne, welcher die Inseln und die Einwohner schon durch den Namen geweiht sind, hergesagt und abgesungen. Die Todten begräbt man in den Sand, wo man fle zur Zeit der Ebbe einscharrt, so daß sie durch die Fluth noch mehr mit Sand überschüttet werden. Das Rohr, welches als Speise gebraucht wird, gleicht einem dichten Kranze, der bei zunehmendem Mond immer voller, und, wenn der Mond abnimmt, in demselben Verhältniß wieder dünner wird. Die waimen Quellen haben süßes und gesundes Wasser, das die Wärme hält und nie erkaltet, wenn man nicht kaltes Wasser oder Wein zugießt." 60. „Nachdem sich Jambulus mit seinem Gefährten sieben Jahre dort aufgehalten, wurden sie wider ihren Willen, wie Verbrecher, die von Jugend auf schlimme Sitten sich angewöhnt hätten, verbannt. Nun mußten sie ihr Fahrzeug wieder zurüsten, sich mit Lebensrnitteln versehen, und von der Insel Abschied nehmen. Sie waren vier Monate auf der See, und wurden nach Indien verschlagen, an eine sandige und sumpfige Küste. Dort kam der Begleiter des Jambulus in den Wellen um; er selbst aber erreichte ein Dorf, und wurde 244 Diodor's historische Bibliothek rc. von den Einwohnern znm König geführt in die Stadt Pali- bothra, welche viele Tagereisen vom Meer entfernt war. Von dem König, einem Freunde der Griechen, der die Wissenschaften schätzte, wurde er sehr ehrenvoll aufgenommen. Hierauf reiste er unter sicherem Geleite weiter, zunächst nach Persien, und endlich kam er glücklich nach Griechenland zurück." Diese Geschichte hat Jambulus selbst beschrieben; zugleich hat er über Indien manche Nachrichten gegeben, die man sonst nirgends findet. Hiemit beschließen wir das gegenwärtige Buch, da wir vollendet, was wir zu Anfang desselben versprochen haben. Inhalt des dritten Buchs. Uebersicht des Bisherigen. Cap. i. Aethiopier. Alter des Volks. Cap. 2. 3. Hieroglyphen. Eap. 4- Sitten der Aethiopier in Meroe. Cap. 5—/. Andere Aethiopische Stämme. Cap. 8. g. Kampf der Schlangen und Elephanten. Cap. io. (Ueber die Quellen dieser Nachrichten. Cap 11.). Goldbergwerke. Cap. 12 —13.— Ichthyophagen. Cap. i5—17. Ihre Fühllosigkeit. Cap. 18. Ihre Wohnungen. Cap. ig. 20. Chelo- nophagen. Cap 21. Ichthyophagen in Babylonien. Cap. 22. Rhi- zophagen. Cap. 2Z. Hylophagen und Spermatophagen. Cap. 24. Jäger. Cap. 28. Elephantenjäger. Eap. 26. 27. Struthophagen und Simen. Cap. 28. Akridvphagen. Cap. 2g. Die Wüste, von den Bewohnern verlassen. Cap. 3o. Kynamolgcn. Cap. 3i. — Troglodyten. Cap. 3a. 33. (Unterschied der kalten und heißen Erdstriche. Cap. 3/».) Das Nashorn und andere Thiere der heißen Länder. Cap. 35. Die Schlangen. Beschreibung einer Schlangen- jagd. Cap. 36. 37. — Der Arabische Meerbusen. Cap, 38. Die Westseite. Inseln. Der Topas. Cap. 3g. Unfälle der Schiffer. Cap. 3o. Die südlichste Küste. Cap. 31. Die Ostseite. Palmen- garten. Robbeninsel. Cap. 42. Die Garyndanen. Die Läaniti- sche Bucht. Cap. 33. Bucht der Banizomenen. Felsengestade der Thamudener. Seehafen Charmuthas. Cap. 33. Das Land der Deben, der Aldäer und Gasande». Cap. 35. Sabäer. Wohlriechende Gewächse. Schätze des Landes. Cap. 36. 37. Himmelser- scheinungcn. Cap 38. Libyer. Das Räubervolk. Cap. 3g. Die Sandwüste. Luftgestalten. Cap. 5o. 5i. — Die Libyschen Amazonen. Cap. 5a. 53. Ihre Königin Myrina. Atlanteer. Gorgonen, Cap. 53. 55. — Mythologie der Atlanteer. Uranos. Cap. 56. Basilea. Helios 246 Diodor's historische Bibliothek. und Sclcne. Cap- S7. (Mythen der Phrygier von Cybele. M»r- syas. Cay. 53 . 69.) Atlas. Hesperns. Cap. 60. Kronvs. Zeus. Cap. 6>. — Griechische Mythen von Dionysos, Cap. 61-67, Sagen der Libyer von demselben. Cap 68-74. Drittes Buch. 1. Von den beiden vorigen Büchern enthält das erste die Geschirre der alte» Kön'ge von Aegypren, und die Fabel» von den Göttern der Aegypter, die Beschreibung des Nils und der mancherlei Thiere und Gewächse, die sich in Aeaypren finden, die Schilderung von der Lage des Landes und von den Sitten der Einwohner und von der Rechkspflege- Jm zweiten Buch ist die Urgeschichte von Asien erzählt, und zwar zuerst von Assyrien; namentlich von der Herkamt und der Erhöhung der Semiramis, wie sie Babylon und viele andere Städte gebaut, wie sie mit großer Heeres- macht gegen Indien gezogen; ferner ist von den Chaldäcrn die Rede u d ihren Himmelsbeobachtungen, von Arabien und den Wundern dieses Landes, von dem Reich der Scythen, von den Amazonen, und dann von den Hyperboreern. Das gegenwärtige Buch nun, in welchem die Fo-t- seyung des B sherigen gelie'ert wird, handelt von den Ae- thiopiern und Libyein und von den Arlantide». ,. Die Aethiopier, behauptet man, seyen das aller- ält-ste Volk, und dafür deruft man sich auf einleuchtende Beweise. Daß sie nicht eingewandert sind, sondern von jeker im Lande zu Hause waren, also mit Recht Ureingeborne heißen 247 Drittes Buch. w'rd beinahe allgemein angenommen. Offenbar wäre es auch wohl glaublich, daß gerade die Bewohnen der südlichen Länder die ersten gewesen, die aus der Erde erzeugt worden wären. Denn wenn die Sonnenwärme die Erde, die ursprünglich im flüssigen Zustande war, getrocknet, und bei der Entstehung aller Dinge auch die lebenden Wesen erzeugt hat, so mußte natürlich die Gegend, welche der Sonne am nächsten ist, zuerst solche Geschöpfe hervorbringen. In Aelhiopien soll zuerst die Verehrung der Götter eingeführt worden sey", namentlich die Opfer, die festlichen Auszüge und Versammlungen, und was sonst noch zum Gottesdienst gehört. Daber komme es, daß die Frömmigkeit der Aethiopier in der ganzen Welt gerühmt werde, und ihre Opler der Gottheit die angenehmsten zu seyn scheinen. Man führt ein Zeugniß dafür an anS dem ältesten und ge'eierrsten der Griechischen D'cheer. Er lasse ja in der Jlias sl, zr5. f.s den Zeus und die andern Götter mit ihm nach Aethivpien wandern zu dem jährliche» Opfer, das ihnen dort gebracht werde, und zum gemeinschaftlichen Gastmahl bei den Aethiopiern. „Zeus ging gestern zum Malst der unsträflichen Aetlnopen An des Okeanos Null), und die Hinnnlistye» folgten ihm Alle." Auch werde diesem Volk seine Frömmigkeit offenbar von der Gottheit vergolten, indem es nie unter eine fremde Oberherrschaft gerathen sey. Von jeher habe eS seine Freiheit bewahrt und die Einigkeit im Innern. So oft es auch von mächtigen Feinden angegriffen woid-n sey, so habe doch Keiner seinen Zweck erreicht. 248 Diodor's historische Bibliothek. 5. Kambyses z. B. sey mit beträchtlichen Streitkräften gegen Aethiopien ausgezogen; allein sein Heer sey aufgerieben worden, und er selbst in die äußerste Gefahr gerathen. Semiramis, die durch ihre Unternehmungen und ihre Thaten so hohen Ruhm erworben, habe, nachdem sie in Aethiopien eine kleine Strecke weit vorgedrungen, die Hoffnung aufgegeben, das ganze Volk zu unterwerfen. Auch Helden wie Herkules und Dionysos, welche die ganze Welt durchzogen, haben die Aethiopier allein, welche jenseits Ae- gypten wohnen, nichtZbekriegt, weil das Volk so fromm, und weil es so schwer sey, es zu überwinden. Die Aethiopier behaupten ferner, die Aegypter seyen ein Pflanzvolk^von ihnen, das unter der Anführung des Osiris ausgewandert sey. „Der ganze Raum nämlich (sagen sle), ^welchen gegenwärtig Aegypterst.einnimmt, war in der Urzeit, als die Welt sich bildete, kein Land, sondern Meer; und erst später sehte sich dieses Land allmählich an durch den Schlamm, den der Nil bei seinen Ueberschwemmnngen aus Aethiopien herführte. Daß ganz AegyptenMm Nil hergeschwemmt ist, davon findet man den augenscheinlichsten Beweis an den Ausflüssen dieses Stromes. Denn jedes Jahr sammelt sich neuer Schlamm au den Mündungen des Flusses, und es ist sichtbar,^ wie durch die angeschwemmten Massen das Meer weiter zurückgedrängt wird und das Land einen Zuwachs erhält. Die meisten Gebräuche der Aegypter sind Äthiopischen Ursprungs; die Ausgewanderten behielten ihre alten Gewohnheiten bei. Die Vergötterung der Könige, die sorgfältige Behandlung der Leichen, und manches Andere, was man bei den Aegyptern findet, ist in Aethiopien Sitte. Auch den Styl ihrer Bild- Drittes Buch. 249 Hauerei und die Züge ihrer Buchstaben haben sie dorther entlehnt. Die Aegypter haben nämlich zweierlei *) Buchstaben, die gemeinen, welche das ganze Volk kennt, und die heiligen, deren Kenntniß in Aegypten dem Priesterstand eigen ist und sich in demselben als Geheimniß forterbt, während bei den Aethivpiern eben diese letzter» Schriftzüge in allgemeinem Gebrauch sind. Auch die Priesterzünfte haben bei beiden Völkern dieselbe Verfassung. Alle, die mit dem Dienste der Götter beschäftigt stnd, müssen rein seyn; sie sind auf dieselbe Weise geschoren und gleich gekleidet, und tragen einen Stab, der einem Pflug ähnlich fleht. Die Könige tragen eben diesen Stab als Scepter, und einen langen Hut, der oben mit einer O-iiaste versehen und mit Schlangen, den sogenannte» Aspiden, umwunden ist." Dieses Abzeichen scheint anzudeuten, daß Jeder, der den König anzugreifen wagt, tödtliche Schlangenbisse zu erwarten hat. Noch manche andere Gründe, die wir aber nicht nöthig haben, aufzuzählen, führen die Aethiopier für ihre Meinung an, daß sie das ältere Volk und die Aegypter von ihnen ausgegangen seyen. 4. Von den Aethiopischcn Schriftzügen aber, welche bei den Aegyptern Hieroglyphen heißen, müssen wir noch reden, damit wir Nichts von den Merkwürdigkeiten des Alterthums übergehen. Diese Schrift besteht aus Bildern von allerlei Thieren, von Gliedern des menschlichen Körpers, auch von Werkzeugen, besonders der Zimmerleute. In der Schriftsprache der Aethiopier wird nämlich jeder Begriff nicht durch *) Statt törwn ist wahrscheinlich »ach Stroth's Vermuthung örrrcou zu lesen. Diodor. 2s Bdchn. 7 2ü0 Divdvr's historische Bibliothek. ein aus Sylben zusammengesetztes Wort ausgedrückt, sondern durch ein sinnliches Bild, dessen uneigentliche Bedeutung sich dem Gedächtniß eingeprägt haben muß. Man malt einen Habicht, ein Krokodil, eine Schlange, oder einen Theil deS menschlichen Körpers, z. B. das Auge, die Hand, das Angesicht n. dergl. Da bezeichnet nun der Habicht Alles, wai schnell geschieht. Weil nämlich Dieß wohl der schnellste Vogel ist, so tritt das Bild desselben, durch eben den natürlichen Uebergaug, den in der Wortsprache die Metapher bildet, an die Stelle des allgemeinen Begriffs der Schnelligkeit und der damit verwandten Begriffe. DaS Krokodil ist ei» Sinnbild von jeder Bosheit. Das Auge deutet Erhaltung des Rechts und Schutz für den ganzen Körper an. Die rechte Hand mit ausgestreckten Fingern bezeichnet die Erwerbung des Unterhalts, die linke geschlossene Hand aber das Zusammenhalten und Behüten des Vermögens. Ebenso verhält es sich mit den übrigen Bildern, es mögen nun Glieder des Leibes seyn, oder Werkzeuge, oder sonst irgend Etwas. Man faßt die Merkmale auf, die in dem Begriff desselben enthalten sind, und durch lange Gewöhnung und Gedächtnißübung bringt man es so weit, daß man Alles, was auf diese Art geschrieben ist, fertig lesen kann. 5. Unter den Gebrauchen der Äthiopier sind manche, die sich von den Sitten anderer Völker weit entfernen, besonders ihre Art, die Könige zu wählen. Die Priester sondern zuerst aus ihrer Mitte die Edelsten aus. Sodann wählr das Volk von diesen Auserkohruen Denjenigen zum König, den die Gottheit bei einem nach hergebrachter Weise veranstalteten Aufzug und Gastmal dazu bestimmt; und sogleich 2LL Drittes Buch. fällt mau vor ihm nieder und verehrt ihn als eine» Gott, weil man glaubt, die göttliche Vorsehung habe ihm die Herrschaft verliehen. Der Gewählte hält sich au die im Gesetze vorgeschriebene Lebensart, nnd richtet sich auch sonst nach der Sitte der Vater ; bei Belohnungen und Strafen darf er die seit alter Zeit herkömmlichen Bestimmungen nie überschreiten. Ein Todesnrtheil darf er an keinem seiner Unterthanen vollziehen, auch dann nicht, wenn die Strafe offenbar wohl verdient ist; sondern er schickt eine» seiner Diener mit einem Todeszeichen zu dem Verbrecher, und sobald dieser das Zeichen sieht, so geht er nach Hause, und nimmt sich selbst das Lebe». Aus der Heimatl, in ein Nachbarland zu fliehen nnd durch die blose Entfernung aus dem Vaterland die Blutschuld zu büßen, wie es bei den Griechen geschieht, ist durchaus nicht gestattet. Man erzählt von einem Aethiopier, der aus dem Lande zu fliehen versuchte, als ihm das Todeszeichen vom König zugeschickt wurde, seine Mutter habe ihm, sobald sie es gemerkt, mit dem Gürtel den Hals zusammengeschnürt, ohne daß er dagegen nur eine Hand gerührt hätte; geduldig habe er das Erdrosseln ausgehalten bis au's Ende, um nicht seinen Verwandten noch größere Schmach zu hinterlassen. 6. Am allersonderbarsten ist die Sitte, welche den Tod der Könige bestimmt. In Merve können die Priester, welche die Verehrung und den Dienst der Götter zn besorgen haben und an Rang und Ansehen jedem Staude vorgehen, wenn es ihnen einfällt, dem König einen Boten schicken, mit dem Befehl, er solle sterben; das sey ihnen von den Göttern angekündigt, und über ein Gebot der Unsterbliche» dürfe sich kein Sterblicher jemals wegsetzen. Sie unterstützen ihr Ansinnen noch 252 Diodor's historische Bibliothek. durch andere Vorstellungen, welche leicht bei solchen Menschen Eingang finden mögen, die, in uralten, schwer zu vertilgenden Vorurteilen von Kindheit auf befangen, einem zwecklosen Begehren keine vernünftigen Gründe entgegenzustellen wissen. In den frühern Zeiten nun gehorchten die Könige den Priestern wirklich, nicht durch Waffen oder andere Zwangsmittel genöthigt, sondern allein durch abergläubige Furcht bethört. Der erste König von Aethivpieu, der es wagte, sich dem Befehl zu widersetzen, war Erg amen es, zur Zeit Ptolemäus des Zweiten. Er hatte eine Griechische Erziehung genossen, und sich mit der Philosophie bekannt gemacht. Er erhob sich zu dem Selbstgefühl, das der Köliigswürde angemessen war, drang mit Soleaten in das unzugängliche Heiligthum ein, wo der goldene Tempel der Aethiopier ist, und ließ die Priester Alle niedermachen. So machte er jener Sitte ein Ende, und schuf Alles nach seinem Gutdünken um. 7. Einem andern Gebrauch, der, so sonderbar er auch ist, doch bis auf unsere Zeiten fortdauern soll, haben sich die Freunde des Königs zu unterwerfen. „Es ist Sitte in Ae- thiopien (so erzählt man), daß, wenn der König durch irgend eine Veranlassung ein Glied des Körpers verliert, seine Vertrauten Alle sich desselben Gliedes freiwillig berauben. Ist der König z. B. am Schenkelbein gelähmt, so hält man ei für unschicklich, wenn seine Freunde gerade Beine haben, und nicht sein ganzes Gefolge, wo er öffentlich erscheint, ebenso hinkt wie er selbst. Es wäre ungereimt, glaubt man, wenn treue Freundschaft Schmerz und Jammer mitfühlte und überhaupt, an allen glücklichen und widrigen Begegnissen Theil nähme, wahrend sie doch körperliche Leiden nicht theilen wollte. 255 Drittes Buch. eu Sogar Das kommt häufig vor, daß die Freunde des Königs l» freiwillig mit ihm sterben; dieser Tod ist ehrenvoll und gilt en für ein Zeugniß wahrer Freundschaft. Daher entsteht in n. Aethiopien nicht leicht eine Verschwörung gegen den König, ie- weil seine Freunde Alle für seine Sicherheit ebenso wie für tel ihre eigene besorgt seyn müssen." Diese Gebräuche sind übri- ct. gens nur bei denjenigen Aethiopiern herrschend, die in der Hauptstadt und auf der ganzen Insel Mervk- und in der Nach- us barschast von Aegypten wohnen. n, 8. Es gibt aber noch sehr viele andere AethiopischeStäm- ich me. Einige haben das Uferland auf beiden Seiten des Nils n, und die Inseln des Flusses inne; Andere sind an der Gränze l», von Arabien, wieder Andere im Innern von Libyen zu Hause. i<- Die Meisten derselben, und besonders, die am Fluß wohnen, 'e> find schwarz von Farbe, und haben stumpfe Nasen und krause Haare. Sie sind von ganz roher Gemüthsart, und etwas >ch Thierisches zeigt sich nicht sowohl in ihren Gesinnungen, als die in ihrem äußern Verhalten. Am ganzen Leibe sind sie schmu- le- yig, und die Nagel lassen sie lang wachsen, wie die Thiere, nd Ihr Betragen gegen einander ist nichts weniger als menschen- er- freundlich. Ihre Stimme hat einen grellen Ton. Von den pst sonst gewöhnlichen Mitteln zur Einführung einer mildern Le- eS beusart wissen sie gar nichts. Daher sind freilich ihre Sit- nd tcn von den unsrigcn sehr verschieden. Bewaffnet sind sie ist entweder mit Schilden aus ungegerbten Rindshäuten und Nil mit kurzen Speeren, zuweilen auch mit hölzernen, vier Ellen er- langen Bogen. Auf diese treten sie mit dem Fuße, wenn sie eil sie spannen, und haben sie ihre Pfeile verschossen, so wehren te. sie sich mit hölzernen Prügeln. Auch die Weiber müssen die 25-4 Diodor's historische Bibliothek. Waffen führen, so lang sie in einem gewissen Alter stehe«, das genau bestimmt ist. Unter den meisten Stämmen ist e« Sitte, daß die Weiber einen ehernen Ring am Mund in der Lippe tragen. Einige Völkerschaften haben gar keine Kleb der, und gehen das ganze Jahr nackt; nur zum Schuh gegen die Hiye haben sie eine Bedeckung, die sich Jeder aus dun nächsten besten Stoffe selbst verfertigt. Andere binden sich um die Hüften>»Lgehauene Schafsschwänze, um die Blöße damit zu decken. Andere gebrauchen dazu die Häute von Haus- thieren. Auch geschieht es, daß sie Schürzen mitten um den Leib gürten, die aber aus Haaren geflochten sind, wahrscheinlich weil, wegen der eigenthümlichen Natur des Landes, die dortigen Schafe keine Wolle tragen. Die Nahrung der Ae- thiopier besteht theils in der Frucht einer Wasserpflanze, die an Seen und sumpfigen Plätzen wild wächst, theils in den abgepflückten Zweigen von einer sehr weichen Holzart, womit sie sich auch Schatten und Kühlung in der Mittagshitze schaffen, theils in Sesam und Lotos, was sie auf ihren Felder» Pflanzen. Auch die zärteren Wurzeln des Rohrs dienen Einigen zur Speise. Manche nähren sich von Vögeln, welch! sie als geübte Bogenschützen so geschickt zu treffen wisse«, daß ihr Bedürfniß dadurch vollständig befriedigt wird. Die Meisten aber leben blos von Fleisch, Milch und Käse, was ihnen ihre Heerden liefern. g. Von den Göttern haben die Stämme, die oberhalb Meroö wohnen, einen doppelten Begriff. Die Götter der einen Art betrachten sie als ewig und unvergänglich ihrem Wesen nach, z. B. Sonne und Mond und die ganze Welt; die der andern aber, glauben sie, haben ursprünglich gleich an- 255 Drittes Buch. dein Wesen eine sterbliche Natur gehabt, und erst wegen ihrer Vorzüge und ihrer Verdienste um die gesammte Menschheit sey ihnen die Ehre der Unsterblichen zu Theil geworden. So verehren sie die Isis und den Pau, den Herkules und den Zeus, denen nach ihrer Vorstellung das menschliche Geschlecht die größten Wohlthaten zu danken hat. Nur wenige Aethiopicr gibt es, die gar nicht an das Daseyn der Götter glauben; Diese schmähen die aufgehende Sonne, als wäre sie das feindseligste Wesen, und ziehen sich in die sumpfigen Gegenden zurück. Sonderbar ist auch die Art, wie die Aethiopier ihre Todten behandeln. Einige werfen sie geradezu in den Fluß, und das halten sie für das schönste Begräbuiß. Andere überziehen sie mit Glas, und bewahnen sie in den Häusern auf; sie glauben die Gesichtszüge der Verstorbenen dürfen den nächsten Verwandten nicht unbekannt seyn, und auch die entfernteren dürfen ihrer Angehörige» nicht vergessen. Sie legen auch znm Theil die Leichen in irdene Sarge, und begraben sie rings um die Tempel; und wenn sie bei diesen Todten schwören, so gilt das für den heiligsten Eid. Die Königsgewalt wird in einigen Stämmen dem schönsten Mann verliehen, weil man Beides, Herrschaft und Schönheit, als Gaben des Glücks betrachtet; in andern aber Dem, der am sorgfältigsten seiner Heerden pflegt; denn Der, hofft man, werde auch für die Unterthanen am allerbesten sorgen. Es gibt auch Gegenden, wo man die höchste Würde den Reichsten überträgt, weil nur ihnen die Mittel, das Volk zu unterstützen, im Ueberfluffe zu Gebot stehen, und wieder Andere, wo man Solche, die sich durch Tapferkeit auszeichne», zu Königen wählt, in der Voraussetzung, Wer im Kriege die 256 Diodor's historische Bibliothek. höchste Kraft beweise, sey allein würdig, der Erste im Staat z» seyn. 10. An den Ufern des Nils gibt es in Libyen eine ausgezeichnet schöne Gegend, wo man nicht nur Nahrungspflan- zen im Ueberfluß und von mancherlei Art, sondern auch Schutz gegen die übermäßige Hitze findet, wenn man zu den Niederungen seine Zuflucht nimmt. Daher streiten sich die Libyer und Aethiopier um diesen Platz, und leben deßwegen in beständigem Krieg miteinander. Auch kommen häufig Schaaren von Elephanten aus der obern Gegend eben dahin, und zwar, wie Einige behaupten, blos deßwegen, weil sie hier eine st reiche und angenehme Waide antreffen. Denn an beiden Ufern des Flusses zieht sich ein wunderbares Sumpfland hin, wo es viele und mannigfaltige eßbare Gewächse gibt. Wenn nun die Elephanten die Binsen und das Rohr gekostet haben, so bleiben sie da, weil ihnen dieses Futter so wohl schmeckt, und rauben den Menschen ihre Nahrungsmittel. Diese sind alsdann genöthigt, sich aus der Gegend zu flüchten: als Hirten, die in Zelten wohnen, wechseln sie ohnehin ihren Aufenthalt, so oft es ihrem Vortheil gemäß ist. Aus dem Innern des Landes ziehen sich die Elephantenheerden weg, weil sie zu wenig Futter finden, da alle Gewächse dort schnell verdorren. Denn wegen der außerordentlichen Hitze und des Mangels an Quell- und Flußwasser sind die Nahrungspflan- zen trocken und selten. Andere dagegen finden die Ursache darin, daß es in dem sogenannten thierreichen Lande sehr viele Schlangen von ungewöhnlicher Größe gibt. An den Wafferplätzen fallen diese über die Elephanten her, wickeln ihnen mit angestrengten Kräften ihre Ringe um die Beine, 257 Drittes Buch. und schnüren die Bande immer fester zusammen, bis endlich die schwerfälligen Thiere schäumend zu Boden stürzen. Leicht überwältigen sie nun vollends das gefallene Thier bei seiner Unbehülflichkeit, und fressen es miteinander auf. Mißlingt aber der Versuch aus irgend einer Ursache, so folgen sie den Elephanten nicht in das vorerwähnte Uferland nach, sondern suchen sich ihre gewöhnliche Nahrung. Man sagt, diese großen Schlangen fliehen die ebenen Gegenden, und halten sich immer am Fuß der Gebirge auf, in Schluchten, die sich in die Länge ziehen, und in Höhlen, die in die Tiefe gehen, welche sie als die für sie tauglichen gewohnten Plätze nie verlassen, wie das überhaupt die Natur selbst alle Thiere lehrt. So viel von den Aethiopiern und ihrem Lande. i i. Was die Schriftsteller betrifft, so muß ich bemerken, daß man Vielen, die über Aegypten nud Aethiopien geschrieben, mit Recht mißtrauen dürfte, weil sie entweder falschen Sagen Glauben geschenkt, oder selbst Manches erdichtet haben, um die Leser zu unterhalten. Beinahe durchgängig richtig sind die Angaben des Agatha rchid es von Knidos in seinem zweiten Buch über Asien, und des Artemidorus von Ephesus im achten Buch seiner Erdbeschreibung, wie auch einiger gebornen Aegypter, von welchen ich die meisten der oben mitgetheilten Nachrichten entlehnt habe. Ich bin nämlich auf der Reise, die ich nach Aegypten gemacht, mit viele» Priestern zusammengekommen; auch hatte ich dort Gelegenheit, mit mehreren Gesandten aus Aethiopien zu sprechen. Bei ihnen habe ich mich über alles Einzelne genau erkundigt, die Berichte der Geschichtschreiber wohl geprüft, und mich dann bei meiner Beschreibung an die Angaben gehalten, 258 Diodor's historische Bibliothek. die am besten zusammenstimmten. Ueber die westlichen Aethiopier mag es an dem Bisherigen genügen. Ehe ich nun noch von Denen, die gegen Süden und am rothen Meere wohnen, ausführlich spreche, glaube ich eine Beschreibung von den Goldbergwerken in dieser Gegend vorauschicken zu müssen. -2. An der Gränze zwischen Aegyvten und dem benachbarten Aethiopien und Arabien ist ein Platz, wo es viele große Goldgruben gibt, aus denen man einen reichen Ertrag, aber auf eine sehr mühevolle und kostspielige Weise gewinnt. Die Aufseher der Bergwerke haben eine Menge von Arbeitern nöthig, um das Gold aus dem Boden herauszuschaffen, der an sich eine schwarze Farbe hat, aber Gänge und Adern von äußerst weißem Marmor enthält, dem an Glanz Nichts gleich kommt unter allen weißschimmernden Körpern. Die König« von Aegypten schicken nämlich in die Goldbergwerke die verurtheilten Verbrecher und die Kriegsgefangenen, auch Leute, die man auf falsche Anklagen hin verdammt oder in der Hitze der Leidenschaft verhaftet hat. Durch diese Strafe, die manchmal nicht blos den Schuldigbefundenen selbst, sondern mit ihm seine sämmtlichen Verwandten trifft, verschaffen sie sich also zugleich die zur Erhebung ihrer großen Schätze nöthigen Arbeiter. Die Zahl der Sträflinge ist sehr groß; sie sind Alle mit Fußeisen gefesselt, und müssen unausgesetzt fortarbeiten; bei Tage nicht nur, sondern selbst die ganze Nacht ist ihnen keine Ruhe vergönnt, und jede Möglichkeit zu entfliehen durchaus abgeschnitten. Den» ausländische Soldaten, die eine fremde Sprache reden, sind ihnen als Wachen beigegcben. Es kann also Keiner durch zutrauliche Gespräche oder Bitten seinen Aufseher bestechen. Wo der 259 Drittes Buch. goldhaltige Boden am härtesten ist, da brennt man ihn vorher durch ein starkes Feuer aus, um ihn locker zu machen, ehe man ihn mit den Händen bearbeitet. Ist aber das Gestein so locker, daß es nur mäßige Anstrengung erfordert, so müssen viele Tausende der Unglücklichen mit Steinbrecheiseu daran hämmern. Die Aufsicht über das ganze Geschäft führt ein Kunstverständiger, der das Gestein zn unterscheiden weiß, und den Arbeitern Anleitung gibt. Unter den Leuten, welche dieses traurige Loos trifft, sucht man die Stärksten dazu aus, daß sie mit eisernen Hämmern den marmorharten Fels zerschlagen, wozu keine Kunst, sondern nur Körperkraft nöthig ist. Sie brechen Stollen durch, nicht in gerader Linie, sondern wie die Gänge des schimmernden Gesteins laufen. Sie müssen sich, da diese Stollen sich so vielfach krümmen, im Finstern aufhalten, und tragen deßwegen Leuchten, die ihnen an die Stirne angebunden sind, mit sich herum. Je nach der Beschaffenheit des Gesteins wechseln sie häufig die Stellung des Körpers, und werfen dann die ausgcbrochenen Felsenstücke auf den Boden nieder. äl»d dazu werden sie von dem Aufseher unaufhörlich mit Strenge und durch Schläge angehalten. Die Knaben, die noch nicht erstarkt sind, müssen durch die Stollen in die Felsenhöhlungeu hineingehen, und mühsam die herabgeworfenen kleinern Stücke aufheben und in's Freie heraustragen an einen Platz oberhalb des Eingangs. Von ihueu erhalten Andere, die über *) Lo Jahre alt sind, die gebrochenen Steine, Jeder ein bestimmtes Maß; sie zerstoßen dieselben in steinernen Trögen mit eisernen *) Wahrschelneich sollte es heißen; unter. 260 Diodor's historische Bibliothek. Keulen, bis sie nur noch die Größe einer Erbse haben. Diese Steinbrosamen übernehmen dann die Weiber und die alten Männer, und schütten sie auf Mühlen auf; es stehen da mehrere Mühlen der Reihe nach, und an einer Kurbel treiben zwei oder drei Personen, und mahlen das ihnen zugetheilte Maß so fein wie Semmelmehl. Man kann diese Unglücklichen, die nicht einmal ihren Körper reinlich halten, noch ihre Blöse decken können, nicht ansehen, ohne ihr jammervolles Schicksal zu beklagen. Denn da findet keine Nachsicht und keine Schonung statt für Kranke, für Gebrechliche, für Greise, für die weibliche Schwachheit. Alle müssen, durch Schläge gezwungen, fortarbeiten, bis der Tod ihren Qualen und ihrer Noth ein Ende macht. In dem Uebermaß ihres Jammers stellen sich die Sträflinge die Zukunft immer noch schrecklicher vor als die Gegenwart, und harren auf den Tod, der ihnen erwünschter ist als das Leben. ,ß. Zuletzt erhalten Sachverständige das gemahlene Gestein, welche die Arbeit vollends in's Reine bringen. Sie reiben nämlich auf einem breiten etwas geneigten Brett die gepulverte Steinmaffe ab, und gießen Wasser darüber. Nun lösen sich die erdigen Theile in der Flüssigkeit auf, und werden längs des schiefen Brettes fortgeschwemmt, die goldhaltigen aber bleiben vermöge ihrer Schwere auf dem Holz zurück. Das wiederholen sie öfter, indem sie zuerst mit der Hand leicht darüber fahren, und nachher mit einem lockern Schwamm sachte darauf drücken, welcher das Weiche und Erdige aufleckt, bis am Ende der Goldstaub rein wird. Die letzte Hand legen Andere an die Knnstarbeit; sie schütten das Gesammelte nach bestimmtem Maß und Gewicht in irdene 26t Drittes Buch. Töpfe, und mischen darunter eine verhästnißmäßige Masse Blei und Salzkörner, und ein wenig Zinu, auch werfen sie Gerstenkleie darein; nachdem sie einen anschließenden Deckel darauf gesetzt und ihn ringsherum sorgfältig mit Lehm verstrichen haben, schmelzen sie die Masse im Ofen fünf Tage und Nächte ununterbrochen; sodann läßt man sie kalt werden, und nun findet man in den Gefässen vom klebrigen nichts mehr, und das reine Gold ist gewonnen, mit geringem Abgang. So vielfache und so schwere Arbeit kosten die Goldbergwerke an den Gränzen von Aegypten. So macht es uns denn die Natur selbst anschaulich genug, daß das Gold nur mit Müh-e zu erwerben und schwer zu bewahren ist, daß es die eifrigste Sorgfalt erfordert und sein Besitz eben so oft Schmerzen als Freuden bringt. Die Entdeckung jener Bergwerke fällt in die frühesten Zeiten; sie müssen schon unter den alten Königen angelegt worden seyn. Nun will ich von den Völkern, welche die Küste des Arabischen Meerbusens, das Troglodytenland und die südlichen Gegenden von Ae- thiopien bewohnen, Nachricht geben. -5. Zuerst will ich von den Ichthyophagen fFisch- esserns reden, die längs der Seeküste von Karmanien und Kedrosien an bis zum äußersten vom Arabischen Meerbusen gebildeten Winkel hin wohnen. Dieser Busen, der sich landeinwärts , zwischen den beiden Welttheilen, unglaublich weit ausdehnt, ist nämlich an seiner Mündung auf der einen Seite vom glücklichen Arabien, auf der andern vom Troglodyten- land umschlossen. Einige jener Wilden gehen völlig unkt, und haben Weiber und Kinder gemeinschaftlich, gerade wie eine Heerde Vieh. Sie folgen blos dem natürlichen Gefühl 262 Diodor's historische Bibliothek. von Lust und Unlust, und habe» von Sittlichkeit und Uusitt- lichkeit keinen Begriff. Ihre Wvhnplätze sind nicht fern rom Meer an steilen Ufern, wo es nicht nur tiefe Höhlungen gibt, sondern auch jähe Felsengründe und äußerst enge Schluchten, in welchen sich verschiedene Albsbeugungen in schiefer Richtung gebildet haben. Diese Beschaffenheit des Bodens ist dem Bedürfniß der Einwohner ganz angemessen; sie habe» die Ausgänge und Mündungen mit großen Steinen verstopft, und fangen darin die Fische wie in einem Netz. Wenn nämlich die Fluth mit Heftigkeit gegen das Land herandringt, was zweimal des Tags, meistens um die dritte und neunte Stunde, geschieht, so bedeckt die austretsnde See das ganze Gestade, und führt durch die starke und volle Strömung eine unglaubliche Menge von Fischen aller Art mit an das Land. Diese bleiben im Anfang von selbst am Ufer, und schwimmen, um Nahrung zu suchen, in den Löchern und Höhlungen umher. Wenn nun die Zeit der Ebbe kommt, so fließt das Wasser allmählich zwischen den Steinen der Dämme und durch die Ritzen ab, die Fische aber bleiben in den Höhlungen zurück. Um diese Zeit versammelt sich die ganze Einwohnerschaft mit Weibern und Kindern am Ufer, wie auf ein allgemeines Aufgebot. Da theilen sich die Wilden in einzelne Rotten, und jede eilt mit fürchterlichem Geschrei ihrem bestimmten Platze zu, als ob es auf einmal eine Jagd gäbe. Die We-iber und Kinder fangen die kleinern Fische nahe am Ufer, und werfen sie auf's Trockene. Die erwachsenen Männer aber greifen mit ihren starken Fäusten die größern Thiere an, die schwerer zu bezwingen sind. Es springen nämlich ans 265 Drittes Buch. dem Wasser sehr große Scorpioiifische *), Meeraale, Seehunde, sogar Robben, und viele andere dergleichen Geschöpfe von seltsamen Gestalten und Namen. Dieser Thiere bemächtigen sich die Einwohner ohne alle dnrch menschliche Kunst gearbeitete Waffen; sie stechen sie blos mit spitzigen Bockshörnern, und reißen sie dann mit scharfen Steinen auf. Ueberall lehrt ja die Noth den Naturmenschen Mittel finde», wodurch ihm gerade iu seiner Lage die Erreichung irgend eines Zweckes möglich wird. >6. Haben sie nun einen Verrath von allerhand Fischen beisammen, so tragen sie Alles, was sie gefangen, fort, und braten es anf Felsen; die gegen Mittag gelegen sind. Weil diese Steine durch die Sonnenwärme außerordentlich erhitzt sind, so läßt man die Fische nur kurze Zeit auf einer Seite liegen, und kehrt sie dann um; zuletzt schüttelt man die ganzen Stücke, indem man sie am Schwanz faßt; da fällt das Fleisch, das durch die Hitze mürbe gemacht ist, weg; die Gräten aber werden alle anf Einen Platz geworfen, und in großen Haufen aufbewahrt für den Fall der Noth, wovon bald die Rede seyn wird. Das Fleisch legt man sodann auf ein glattes Felsenstück, stampft es eine gute Weile fest zusammen, und mengt Mehlbcere ") darunter. Durch diesen Zusatz, der den Wilden, wie es scheint, zugleich die Stelle des Gewürzes vertritt, wird das Ganze zu einer klebrigen Masse. Zuletzt, wenn es tüchtig geknetet ist, bilden sie längliche Vierecke daraus, uud legen sie an die Sonne. So erhalten die gedörrten S tücke, w elche sie dann bei'm frohen Mahl verzehren, gleiche *) Lorms 8corz>io k.i»o. ") Die Frucht des ktliswiius p->Ii,>rus länn. 264 Diodor's historische Bibliothek. Größe und Gestalt. Uebrigens binden sse sich bei den Speisen nicht an ein gewisses Maß oder Gewicht, sondern Zeder ißt nach Belieben, und blos von seiner natürlichen Eß- lust hängt es ab, wie viel er zu sich nimmt. Denn sie habe» beständig gefüllte Borrathskammern; es ist, als ob hier Poseidon das Geschäft der Deinetcr übernommen hätte. Zuweilen wird aber die Küste von einer so starken Fluth überschwemmt und das Gestade viele Tage lang so tief unter Wasser gesetzt, daß sich Niemand in die Nähe desselben wagen kann. Wen» es nun zu einer solchen Zeit an Nahrungsmitteln zu fehlen anfängt, so suchen sie Muscheln; man findet hier sehr große, zum Theil vier Pfund schwer. Die Schalen zerschlägt man mit großen Steinen, die man darauf wirft, und das Fleisch, das darin ist, verzehrt man roh; es gleicht den Austern an Geschmack. Wenn bei anhaltenden Stürmen längere Zeit hindurch die See austritt und der gewohnte Fischfang durch die widrigen Umstände unmöglich gemacht wird, so nimmt man, wie gesagt, zuerst zu den Muscheln seine Zuflucht; geht aber auch dieses Nahrungsmittel z» Ende, so wendet man sich zu dem Grätenvorrath. Da liest man die saftigen und frischen Gräten aus, und spaltet ske an den Gelenken; einige zerbeißt man sogleich mit den Zähnen, die härtern aber zermalmt man zuvor mit Steinen, um sle eßbar zu machen. Sie müssen sich auf ähnliche Art helfen, wie die Thiere, die sich in Hohlen verkriechen. Mit trockener Kost sind die Einwohner auf diese Art immer versehen. 17. Ihr Getränk aber verschaffen sse sich auf eine sonderbare Weise, die man gar nicht für möglich halten sollte. Vier Tage lang treiben sie den Fischfang ununterbrochen. Da Drittes Buch. 265 sammeln sie sich zu gemeinschaftlichen frohen Mahlzeiten und unterhalten sich mit regellosen Gesängen; zugleich paaren sie sich, wie es der Zufall gibt, um Kinder zu zeugen; und sind dann ganz müßig, bei dem leicht gewonnenen Verrath an Nahrungsmitteln. Am fünften Tag aber läuft die ganze Schaar dem Fuß des Gebirges zu, um einen Trunk zu holen. Es ist dort ein Zusammenfluß von süßem Wasser, woraus die Hirten ihre Diehheerden trinken lassen. Der Zug gleicht wirklich einer Heerde Rinder; denn sie erheben zusammen ein schallendes Geschrei in ungeregelten Tönen. Die kleinen Kinder werden den ganzen Weg auf den Armen getragen, die Säuglinge von den Müttern, die entwöhnten von den Vätern. Die aber über fünf Jahre alt sind, gehen mit den Eltern; unter Spielen und voller Freuden laufen sie voran, als ginge es zum köstlichsten Genuß. Als unveränderte Naturkinder kennen sie kein höheres Gut als Stillung des Bedürfnisses und fühle» kein Verlangen nach den künstlich geschaffenen Vergnügungen. Sind sie dann zu den Wasser- plätzen der Hirten gekommen, und haben sich den Magen mit Getränk angefüllt, so sind sie kaum mehr im Stande, sich nach Hause zu schleppen. Sie genießen an diesem Tage gar Nichts, sondern legen sich nieder, weil ihnen durch die Ueberladung das Athmen erschwert ist, ganz so, wie im Zustande der Trunkenheit. Am folgenden Tage kehren sie zu den Fischspeisen zurück; und so wechselt ihre Kost in demselben Kreislauf ihr Leben lang. Dieß ist die Lebensart der Küstenbewohner innerhalb der Meerenge. Bei dieser einfachen Kost werden sie selten von Krankheiten befallen, erreichen aber lange nicht das bei uns gewöhnliche Alter. Divdvr. rs Bdchn. 8 266 Diodor'ö historische Bibliothek. -8. Eine »och viel «»/fallendere Lebensweise führen die Anwohner des Ufers außerhalb des Meerbusens; denn ihrer Natur scheint der Durst, so wie jeder Schmerz fremd zu seyn. Aus der bewohnren Welt hinaus vom Schicksal in die Wüste verbannt, schaffen sie sich durch den Fischfang hinreichende Nahrung; das Getränk aber vermissen sie nicht. Denn sie essen die Fische, so lange sie noch saftig sind, und beinahe, wie ganz roh, schmecken; daher haben sie gar keinen Begriff davon, daß man bei'm Essen auch rrinkt; viel weniger ist el ihnen Bedürfniß. Sie haben ihre uralte, vom Schicksal ihnen angewiesene Lebensart so lieb gewonnen, daß sie es für ein Glück halten, gerade von einem solchen Bedürfnisse, das mir Unlust macht, Nichts zu wissen. Das Allenvnnderbarsie aber ist ihre Fühlloflgkeit, die so weit über Alles geht, was man sonst kennt, daß man den Erzählungen davon nicht leicht Glauben schenken kann. Uebrigens stimme» mit unsern Nachrichten von diesen fühllosen Menschen die Angaben der viele» von Aegypten aus das rothe Meer durchschiffenden Kaufleute zusammen, die bereits öfter an der Küste der Ichthyophagen gelandet haben. Auch hat Ptolemäus der Dritte, in der Absicht, eine Elephantenjagd in dieser Gegend anzustellen, durib einen seiner Vertrauten, Namens Simmias, das Land miter- suchcn lassen. Dieser wurde für seine Scndnng anständig ausgerüstet, und verschaffte sich, wie der Geschichtschreiber Agatharchides von Knidos berichtet, eine genaue Kenntniß von den Völkerschaften an der Küste. Er erzählt von dein Volk der fühllosen Aethiopier, sie nehmen durchaus kein Getränk zu sich, und kennen gar nicht das natürliche Verlangen darnach, aus dem schon angegebenen Grunde. Ueberdieß ve>- 267 Drittes Buch. sichert er, sie haben keinen Verkehr mit den Auswärtigen, und, wenn Fremde landen, mache die neue Erscheinung keinen Eindruck anf die Eingebornen: sie sehen Dieselbe» starr an, bleiben aber so empfindungslos und gleichgültig, als ob Niemand da wäre. Sie wichen nicht einmal aus, wen» man ein Schwert zog und gegen sie schwang, und ließen sich durch Mißhandlungen und Schlage nicht erbittern. Auch die klebrige» bezeugten keinen Unwillen über ein solches Verfahren gegen die Ihrige». Ja, sie konnte» zuweilen, wenn ihre Weiber n»d Kinder vor ihren Augen gerödtet wurde», fühl- los da stehen, ohne das geringste Zeichen von Zorn oder von Mitleid zu geben. Ilebcrhaupt blieben sie ruhig auch unter den schreckhaftesten Gefahren, welche sie umgaben; sie sahen nur starr anf Das, was vorging und nickte» zu Allem mit dem Kopf. Daher kommt die Sage, daß sie keine Wortsprache haben, sondern Alles in ihrem täglichen Verkehr durch nachbildende Zeichen mit den Hände» zu verstehen gebe». Befremdender aber als Alles ist die Gemeinschaft, in welcher diese Völkerschaften mit den Robben stehen, die den Fischfang für sich auf dieselbe Weise treiben wie die Menschen. Auch ihre Lagerstätten und Jungen, sagt man, vertrauen diese Menschen und Thiere einander mit voller Zuversicht an. So friedlich lebe» Wesen, die verschiedenen Gattungen angehören, zusammen im besten Vernehmen, ohne einander Etwas zu Leide zu thun. So sonderbar diese Lebensart ist, so ist sie doch schon von Alters her eingeführt, mag es nun blos eine durch die Länge der Zeit angewöhnte Sitte, oder wirklich gerade für diesen Mcnschcnstamm ein nothwendiges Bedürfniß seyn. 6 * 268 Diodor's historische Bibliothek. ig. Die Wohnungen sind bei diesen Völkerschaften nicht von derselben Art wie bei den andern Ichthyophagen; je nach den besondern Umständen haben sie verschiedene Behausungen. Einige wohnen in Höhle», meistens in solchen, die eine nördliche Richtung haben, wo man Kühlung findet, weil der Schatten weiter hinaus fällt und frische Luft zuströmen kann. Denn in den südwärts gelegenen ist es so warm wie in einem Ofen, und kein Mensch kann sich darin aufhalten wegen der übermäßigen Hitze. Wo es aber wenig Höhlen gibt, welche nordwärts laufen, da sammeln die Einwohner die Rippen der vom Meer ausgeworfenen großen Seethiere, die mau in Menge findet, und knüpfen zwei Reihen derselben, gegen einander gebogen, zusammen, indem sie frisches Seegras dazwischen hinein flechten; daraus bilden sie einen gewölbten Schirm, unter dem sie während der schwülsten Hitze ruhen; eine Kunst, die sie ohne fremde Anleitung lernen, Lurch die Noth gedrungen. Eine dritte Art von Hütten, die man bei den Ichthyophagen findet, ist folgende. Es wachsen in diesen Gegenden sehr viele Oehlbäume, die ihre Wurzeln bis an's Meer hin ausbreiten, und dicht mit Blättern bewachsen sind; ihre Frucht ist einer Kastanie ähnlich. Aus Liesen Bäumen bauen sie sich eine eigenthümliche Art von Zelten, indem sie dieselben übereinander flechten, um einen zusammenhangenden Schatten zu erhalten. Sie führen ein angenehmes Leben, halb auf dem Land und halb im Meer; vor der Sonne sind sie unter dem Schatten der Zweige geschützt, und die Luft, die sonst in diesen Gegenden so heiß ist, wird dnrch das beständige Anschlagen der Wellen gemäßigt; so können sie von sanften Winden umweht der Ruhe pflegen. Noch müssen wir einer vierten 26S Drittes Buch. Gattung von Wohnungen gedenken. Von alten Zeiten her hat sich hier eine ungeheure Menge von Moos gleich einem Berge aufgehäuft, das durch den unaufhörlichen Wellenschlag festgedrückt, eine versteinerte, mit dem Sande verwachsene Masse geworden ist. Unter diesen Hügeln graben die Leute mannslange Höhlungen der Reihe nach nebeneinander aus, die oberhalb bedeckt bleiben und innerhalb durch Löcher in Verbindung stehen. In solchen Höhlen legen sie sich behaglich nieder und kühlen sich ab; komnit die Fluth, so springen sie heraus, und fangen Fische; sobald die Ebbe eintritt, eilen sie wieder ihren Höhlen zu und verspeisen ihren Fang. Ihre Todten bestatten sie blos zur Zeit der Ebbe; sie lassen aber die Leichname auf der Erde liegen, bis die Fluth kommt, und werfen sie dann in's Meer. Da sie durch diese Art des Begräbnisses sich selbst den Fischen, von welchen sie leben, zur Speise geben, so wiederholt sich hier sonderbarerweise ewig derselbe Kreislauf ihres Daseyns. -o. Es gibt einen Stamm unter den Ichthyophagen, dessen Wohnungen eine Lage haben, die man sich auch bei der genauesten Nachforschung gar nicht zu erklären weiß. Sie haben ihre Behausungen in jähen Abgründen, wohin zu gelangen, für die Menschen ursprünglich unmöglich war; denn oben ragt ein hoher, ringsum schroffer Fels herüber, auf beiden Seiten versperren unübcrstcigliche Klüfte den Zugang, und vorn ist der Platz vom Meer umschlossen, das man unmöglich durchwaten kann; auf Flößen aber fahren die Leute gar nicht, und von Schiffen nach unserer Art, haben sie keinen Begriff. Bei dieser »»erklärbaren Erscheinung bleibt uns also Nichts übrig, als zu sagen, es seyen Ureingeborne, und 270 Dlodor'ö historische Bibliothek. es lasse sich keine Zeit angeben, wo sie erst dahin gekommen wären, sondern sie seyen von Anbeginn dort gewesen; was ja einige Naturforscher von allen Wesen in der Welt behaupten. Allein bei Dingen, die wir nicht zu ergründen im Stande sind, kann es leicht geschehen, daß gerade die Unkundigsten die absprechendsten Urtheile fällen; indem eine gefällige und wahrscheinlich lautende Darstellung das Ohr wohl bestechen mag, ohne jedoch die Wahrheit zu treffen. -i. Wir haben noch von den sogenannten Chelono- phagen sdie sich von Schildkröten nähreuj Etwas zu sagen, und ihre Lebensweise im Ganzen zu beschreiben. Es gibt im Ocean, nicht weit vom festen Lande, eine zahlreiche Gruppe von kleinen, niedrigen Inseln, wo man keine Nahrung findet, weder wilde noch angebaute Gewächse. Zwischen diesen Inseln entsteht keine Brandung, weil sie so dicht beisammen liegen; denn an den äußersten derselben brechen sich die Wellen. Daher halten sich hier Seeschildkröten in Menge auf, die sich überallher in dieses ruhige Gewässer flüchten. Bei Nacht bleiben sie in der Tiefe, und gehe» ihrer Nahrung nach; bei Tag aber schlafe» sie, oben auf dem Wasser schwimmend zwischen den Inseln, und mit der Schale der Sonne zugekehrt, so daß sie aussehen wie umgestürzte Nachen; denn sie sind von außerordentlicher Größe, nicht kleiner als die leichtesten Fischerkähne. Um diese Zeit schwimmen die Wilden, die auf den Inseln wohnen, sachte herbei; sie nähern sich einer Schildkröte von beiden Seiden, und drücken hier nieder und heben dort in die Höhe, bis das Thier auf den Rücken zu liegen kommt; jetzt halten sie auf beiden Seiten die ganze Schaale im Gleichgewicht, damitZ sich das Thier nicht umdreht und 271 Drittes Buch. auf die gewöhnliche Weise durch Schwimmen hilft und in die Tiefe flüchtet; Einer aber bindet um den Schwanz des Thiers ein langes Seil, an welchem er es, dem Ufer zusteurend, mit sich an's Land zieht, während die Uebrigen, die es zuerst angegriffen haben, nebenher schwimmen. Haben sie es auf die Insel gebracht» so verzehren sie das Innere Alles, nachdem sie es kurze Zeit an der Sonne gebraten haben; die nachen« förmige Schale aber gebrauchen sie entweder zur Ueberfahrt auf's feste Land, wo sie das Wasser holen müssen, oder statt eines Zeltes, indem sie die hohle Seite an einen Hügel anlehnen. So wollte ihnen, scheint es, die Natur, Ein Mittel zur Befriedigung verschiedener Bedürfnisse verleihen; es ist dieselbe Gabe, die ihnen zur Nahrung, zum Gefäß, zur Wohnung und zum Fahrzeug dient. Nicht weit von ihnen entfernt wohnen andere Wilde längs der Küste, die eine ungleiche Lebensart führen. Ihren Unterhalt gewähren ihnen nämlich die an's Ufer ausgeworfenen Seethiere. Nun haben sie manchmal Nahrung im Ueberfluß, weil sie oft sehr große Thiere finden; hingegen gibt es Zwischenzeiten des Mangels, wo eS ihnen schlimm ergeht; sie sind alsdann durch den Hunger genöthigt, die Knorpel von alten Knochen und die äußersten Enden der Rippen zu zernagen. — Dieß wäre nun das Wichtigste, was von den verschiedenen Stämmen der Ichthyophagen rwd von ihrer Lebensart zu sagen war. In Babylonien gränzt die Küste an urbares und wohlbebautes Land. Hier gibt es eine solche Menge von Fischen, daß die Einwohner den reichen Vorrath nicht leicht aufzehren können. Sie stecken Rohr am Ufer herum, dicht nebeneinander und zusammengeflochten, so daß es einem längs 272 Diodor's historische Bibliothek. -es Meeres aufgespannten Netze gleicht. An jedem dieser Zäune ist eine Reihe von Thüren angebracht, die wie Hürden geflochten sind, und sich leicht, nach beiden Richtungen, in den Angeln drehen. Das Wasser öffnet sie, wenn es zur Zeit der Muth dem Lande zuströmt, und verschließt fle wieder, wenn es bei'm Eintritt der Ebbe zurückfließt. So werden dann jeden Tag durch das Steigen der See die Fische aus der Tiefe herauf und durch die Thüren hinein getrieben, können aber nicht wieder mit dem ablaufenden Gewässer fortschwimmen durch das Rohrgeflechte. Man kann daher zuweilen am Meer ganze Haufen zappelnder Fische sehen. Es sind Leute aufgestellt, um sie immerfort zu sammeln, welche Nahrung im Ueberfluß und ein beträchtliches Einkomme« haben. Es gibt auch Gegenden an dieser Küste, wo das Land flach und niedrig ist. Dort ziehen die Einwohner Gräben vom Meer an bis zu ihren Hütten, viele Stadien weit. An die Mündungen derselben setzen sie Thüren aus Stäben gemacht, welche fle der einströmenden Fluth öffnen, und bei'm Zurücktreten der See wieder schließen. Fließt nun das Wasser durch die Zwischenräume der Thüre ab, so bewahren fle die im Graben zurückbleibenden Fische auf, um nachher, so oft und so viel fle wollen, davon holen zu können. rZ. Nachdem wir die Küstenbewohner von Babylonien an bis an den Arabischen Meerbusen geschildert haben, so kommen wir an die zunächst ««gränzenden Länder. In der Gegend von Aethiopien jenseits Aegypten am Fluß Asas *) wohnt das Volk der Rhizophagen sWurzelesserj. Diese *) Vielleicht der Fluß Astabaras oder Astabus. Vgl. I, Z7. 27S Drittes Buch. Wilden graben die Wurzeln des Rohrs, das in der Nachbarschaft wächst, heraus, und waschen sie sorgfältig ab; wen» fle gereinigt sind, so schlagen sie mit Steinen darauf, bis es eine glatte, zähe Masse wird; dann bilden sie daraus hand- völlige Stücke, und dörren fle in der Sonne. So flnd fle zu jeder Zeit mit Nahrung reichlich versehen; auch leben fle untereinander im Frieden. Aber zu Feinden haben fle Löwen in Menge. Weil die Lust sehr schwül ist, so kommen Löwen zu ihnen, um Schatten zu suchen, zum Theil auch, wenn fle anf den Raub der kleinern Thiere ausgehen. Wenn sich daher die Aethiopier aus der Sumpfgegend heraus wagen, so werden fle von diesen Thieren zerrissen. Denn fle können der Stärke der Löwen nicht widerstehen, da fle keine Waffen zur Hülfe haben. Und am Ende wäre das ganze Volk ausgerottet worden, wenn nicht ungesucht ein natürliches Schutzmittel für fle bereitet wäre. Um die Zeit nämlich, wenn der Hundsstern smit der Sonne) aufgeht, sammeln flch hier, wo es doch sonst keine Fliegen gibt, wunderbarer Weise ganze Schwärme von Mücken, und zwar größere als die gewöhnlichen. Die Menschen flüchten flch in die sumpfigen Gründe, wo sie gesichert flnd; die Löwen aber, nicht nur von dem Stich belästigt, sondern schon durch das laute Gesnmse erschreckt, fliehen alle aus der Gegend. Diesem Stamme zunächst wohnen die Hylvp Hagen sdie flch von Holz) und die Spermatophagen sdie flch von Sämereien nähren). Die Letztem lesen zur Sommerszeit abgefallene Baumfrüchte auf, die fle in Menge finden, und nähren flch davon ohne Mühe. Während der übrigen Jahrszeiten suchen fle unter den Kräutern, welche zwi- 274 Diodor's historische Bibliothek. scheu schattigem Gebüsch wachsen *), die eßbarsten aus. Es sind Pflanzen, von fester Beschaffenheit, die eine stängelför- mige Wurzel haben wie die Rübengewächse; sie reichen daher zur Sättigung völlig hin. Die Hylophagen ziehen mitMei- bern und Kindern aus, um Nahrung zu suche». Sie steigen auf die Bäume, und essen die zarten Zweige. Im Klettern auf den Aesten bis an die äußersten Enden haben sie sämmtlich eine unglaublich große Fertigkeit durch beständige Uebung erworben. Sie hüpfen wie Böget von einem Baum auf den andern, und treten ohne Gefahr auf die schwächste» Aeste auf. Denn sie sind äußerst hager und leicht, und wenn sie eine» Mlßtritt thun, so halten sie sich mit den Händen. Wenn sie aber auch hoch herab fallen, so bringt es ihnen bei ihrem leichten Körperbau keinen Schaden. Sie zernagen alle saftigen Zweige, und verdauen sie auch leicht. Sie gehen immer unbekleidet, und ihre Weiber haben sie gemeinschaftlich; daher betrachten sie denn auch ihre Kinder als Allen ungehörig. Um die Wohnplätze aber streiten sie miteinander; sie wehren sich mit Stöcken gegen ihre Feinde, und die Ueberwundenen zerreißen sie. Die Meisten von ihnen müssen Hungers sterben, weil sie durch den Staar das Gesicht verlieren, und ebenda- mit eine nothwendige Bedingung der körperlichen Thätigkeit ihnen mangelt. -5. Nun folgt in der Reihe ein anderer, nicht sehr zahlreicher , Stamm von Aethivpiern, die sogenannten Jäger. *) scheint nicht herzugehören. Wenn es hinein- gesetzt würde, so wäre der Sinn: welche sich in beschatteten Thalschluchten dem gespaltete» Boden entwinden und heranwachsen. 275 Drittes Buch. Ihre Lebensart entspricht ihrem Namen. Sie bewohnen eine sehr unfreundliche Gegend, wo cS viel wilde Thiere und wenig frisches Quellwafser gibt. Um sich vor dem Wild zu sichern, müssen sie anf den Bäumen schlafen. Des Morgens gehen sie bewaffnet nach den Wasserplätzen, verstecken sich dort im Dickicht und lauern auf den Bäumen. Znr heißesten Tageszeit kommen wilde Ochsen, Panther und andere Thiere schaaremveise an's Wasser, und trinken, um den brennenden Durst zu löschen, im Uebermaß, bis sie ganz angesütttssind. Während sich nun die Thiere so schwerfällig bewegen, springe» die Aethiopier von den Bäumen herab, fallen mit Prügeln, die am Feuer gehärtet sind, und mit Steinen, auch mit Geschossen über sie her, und überwältigen sie leicht. Sie gehen Hordenweise auf die Jagd, und verzehren dann miteinander das Fleisch der erlegten Thiere. Auch im Kampf mit den stärksten Thieren unterliegen sie selten, meistens wissen sie durch List die überlegene Stärke zu bemustern. Wenn es an Wild zum Jagen mangelt, feuchten sie die Häute der früher gefangenen Thiere an, legen sie über ein gelindes Feuer, sengen die Haare ab, theilen dann die Häute unter sich aus, und stillen mit dieser nothdürftigen Speise ihren Hunger. Im Schießen nach dem Ziel übe» sie die Knaben schon im Kindesalter, und Denen, die es verfehlen, geben sie Nichts zu essen. Daher haben sie denn als Männer eine bewundernswürdige Geschicklichkeit im Treffen des Zieles, da sie zum Lernen ein so mächtiger Trieb, wie der Hunger, angespornt hat. -6. Weit von da gegen Westen entfernt wohnen die Elephantenjäger, auch ein Aethiopisches Volk. Sie 276 Diodor's historische Bibliothek. haben waldige, dicht bewachsene Plätze inne. Da lauer» sie auf den höchsten Bäumen, und geben Acht, woher die Elephanten kommen und wohin sie gehe». Ganze Heerden greifen sie nicht an, weil sle auf einen glücklichen Erfolg durchaus nicht hoffen könnten; Bei denen aber, welche einzeln gehen, wagen sie es, Hand anzulegen, und zwar auf eine sonderbar kühne Weise. Geht das Thier rechts an dem Baume vorbei, auf welchem sich der Lauernde versteckt hat, so faßt er es, so wie es vorüber schreitet, mit den Händen am Schwanz, und stemmt sich ihm mit den Füßen an die linke Seite an. Dann nimmt er in die rechte Hand das Beil, das er über die Schultern hangen hat, und das, wenn gleich außerordentlich scharf, doch leicht genug ist, um mit Einer Hand den Streich führen zu können. Damit haut er zu wiedcrholtenmalen in die rechte Kniekehle, um die Sehnen abzuschneiden, während er sich mit der linken Hand im Gleichgewicht erhält. Er muß aber so schnell als möglich seine That verrichten, weil er sein Leben dabei auf Las Spiel setzt. Denn es bleibt ihm Nichts übrig, als zu siegen oder zu sterben; einen andern Ausgang kann der Kampf mit einem solchen Thier nicht nehmen. Es kann geschehen, daß der Elephant, dem die Sehnen abgehauen sind, fällt, indem er sich mit dem ganzen Körper gegen die verwundete Stelle neigt (weil er sich bei seiner Unbehülflichkeit nicht drehen kann), wobei der Aethiopier mit umkommt; oder, daß er Diesen an einen Felsen oder einen Baum drückt, und ihn da mit seiner Masse zu Tode quetscht. Zuweilen aber schmerzt ihn die Wunde so sehr, daß er sich an seinem Feinde zu rächen vergißt, und in's Werte entflieht, bis Derselbe, durch fortwährendes Hauen mit dem Beil auf dieselbe Stelle, 277 Drittes Buch. die Sehnen durchschnitten und das Thier gelähme hat. Wenn es fällt, so kommen die Leute Hordenweise herbei, und schneiden ihm, so lang es noch lebt, Stücke Fleisch aus dem hinter» Theile des Körpers, und zehren sie auf. 27. In der Nachbarschaft wohnen Andere, welche ohne Gefahr die Elephanten fangen; hier siegt List über die Stärke. Der Elephant ist gewohnt, wenn er gesättigt von der Waide kommt, sich dem Schlaf zu überlassen, aber in einer andern Stellung als die übrigen vierfüßigen Thiere. Denn er"kann sich nicht mit seiner ganzen Masse auf die Knie zu Boden legen, sondern er lehnt sich, wenn er schlafen will, an einen Baum, und hält in dieser Lage seine Ruhe. Der Baum, an welchen sich das Thier gewöhnlich anlehnt, ist daher abgerieben und schmutzig; überdieß findet man auf dem Boden umher Fußflapfen und mancherlei Spuren, an denen die Aethio- pier, die darnach forschen, die Ruheplätze der Elephanten erkennen. Finden sie nun einen solchen Baum, so durchsägen sie ihn unten am Stamm so weit, daß es nur eines geringen Drucks bedarf, ihn zu fällen. Dann räumen sie die Spuren ihrer eigene» Anwesenheit weg, und entferne» sich schnell, ehe der Elephant zurückkehrt. Des Abends kommt er, mit vollem Magen, an den gewohnten Ruheplatz. Er lehnt sich mit seinem ganzen Gewicht an, und stürzt plötzlich mit dem Baume zugleich auf den Boden. Die Nacht über bleibt er anf dem Rücken liegen, weil sein Körperbau nicht dazu eingerichtet ist, daß er wieder aufstehen kann. Mit Tagesanbruch sind die Aethiopier da, welche den Baum durchsägt haben. Sie tödten das Thier ohne Gefahr, schlagen Hütten auf dem 278 Diodor's historische Bibliothek. Platze auf, und bleiben hier, bis sie das Fleisch verspeist haben. 28. Westlich von diesen Völkerschaften findet man die Aethiopier, welche Simen genannt werden swegen der aufwärts gebogenen Nasen); gegen Suden aber wohnt das Volk der Struthophagen sdie sich von Straußen nähren). Es gibt nämlich bei Diesen eine Gattung von Vögeln, die eigentlich halb den vierfüßigen Thieren angehören; daher sie auch einen zusammengesetzten Namen haben svgl. U, So.). Dieser Vogel kommt an Höhe dem größten Hirsch gleich. Er ha! einen langen Hals und gewölbte Seiten, welche die Natur mit Flügeln versehen hat. Der Kopf ist klein und schwach; aber in den Hüften und den Beinen (welche gespaltene Klaue« haben) besitzt das Thier seine größte Stärke. Es ist zu schwer, um in die Höhe fliegen zu können i.hingegcn läuft es äußerst schnell, indem es den Boden kaum mit den Fußspitzen berührt; besonders, wenn es die Flügel im Winde ausbreitet, eilt es, wie ein Schiff mit vollen Segeln, davon. Gegen die Verfolgenden wehrt es sich mit handvölligen Steinen, die es mit den Füßen auf eine eigene Weise gegen sie schlendert. Wird es aber in der Windstille verfolgt, so kann es von dem Vorzug, den ihm die Natur verliehen, keinen Gebrauch mache;;, weil die Flügel sogleich niedersinken; so wird es leicht eingeholt und gefangen. Die Wilden ersinnen allerlei Mittel zur Jagd dieser Böget, die in unglaublicher Menge hier zu Hause sind. Sie fangen sie mit leichter Mühe und in großer Zahl. Das Fleisch dient ihnen zur Nahrung, die Haut zu Kleidern und Bettdecken. Mit den sogenannten s Simen-Aethiopiern leben sie im Krieg. Die Schutzwaffen, womit sie sich gegen 279 Drittes Buch. die Angriffe derselben vertheidigen, sind die großen, schneidenden Hörner der Orygen *), die zu diesem Zweck sehr brauchbar sind. Man findet solche Hörner genug in der Gegend, da es so viele dergleichen Thiere gibt. -g. Nicht weit entfernt, an der Gränze gegen die Wüste, wohnen die Akridophagen sdie von Heuschrecken lebench Sie sind kleiner als andere Menschen, von hagerer Gestalt und dnnkelschwarzer Farbe. Im Frühjahr treiben dort starke West- und Südwcstwinde aus der Wüste her eine unbeschreibliche Menge Heuschrecken von ungewöhnlicher Größe mit häßlichen, schmutzig gefärbten Flügeln. Diese geben ihnen reichliche Nahrung ihr Leben lang. Sie sangen dieselben auf eine eigene Art. Längs ihres Landes zieht sich viele Stadien weit eine ziemlich tiefe und breite Thalschlucht hin. Dort legen sie wildes Strauchwerk in Menge herum, welches hier im Ueberfluß wächst. Sobald nun die Winde wehen, welche die Heuschreckenschwärme herbeiführen, zünden sie das dürre Holz im Thal an, nachdem sie den ganzen Platz unter sich vertheilt haben. Es steigt ein dicker Qualm von Rauch daraus auf, und wen» die Heuschrecken über Las Thal hinfliegen, so ersticken sie von dem widrigen Rauchdampf, und fallen, nachdem sie kaum eine Strecke weit geflogen sind, zu Boden. Hat das mehrere Tage fortgedauert, so liegen die todten Heuschrecken in dichten Hänfen herum. Nun werfen die Leute Salz, was man häufig in der Gegend findet, auf die ganzen Hausen, und lassen es schmelzen, daß es ordentlich durchdringt, damit die Speise schmackhafter wird, und sich längere Zeit, *) Eine Gazellenart, vielleicht das Cudn. 280 Diodor's historische Bibliothek. ohne in Fäulniß überzugehen, aufbewahren läßt. Dieß ist nämlich ihre Nahrung auch für die übrige Zeit des Jahrs, nicht blos für den Augenblick. Denn sie halten kein Vieh, wohnen nicht am Meer, und haben auch sonst keinen Unterhalt. Ihr Körper ist leicht gebaut, und sie sind sehr schnell auf den Füßen. Ihre Lebensdauer ist äußerst kurz; das höchste Alter, das sie erreichen, ist nicht über äo Jahre. Sie enden ihr Leben auf eine sonderbare, und zwar auf die allerelendeste Weise. Wenn das Alter herannaht, so wachsen ihnen im Leibe geflügelte Läuse von eigener Gestalt und von gräßlichem, ganz abscheulichem Aussehen. Das Uebel nimmt seinen Anfang auf dem Magen und der Brust, verbreitet sich aber in kurzer Zeit über den ganzen Körper. Der Kranke fühlt zuerst einen Kitzel wie bei der Räude, und läßt sich gern gelinde kratzen, wobei sich eine angenehme Empfindung mit dem Schmerz vermischt. Nachher aber, wenn die im Innern erzeugten Thiere immer mehr an die Oberfläche herauskomme», fließt zugleich eine Menge von dünnem Eiter aus, was die unerträglichsten Schmerzen verursacht. Daher zerkratzt sich der Kranke nun heftiger mit den Nägeln, und bricht in lautet Stöhnen aus. An den Händen kommen aus den Geschwüre» Würmer hervor in solcher Menge, daß es vergeblich ist, sie abzulesen; denn es folgt einer auf den andern, wie aus einem durchlöcherten Gefäß. Auf eine so traurige Art beschließen diese Menschen, durch Verwesung des Körpers, ihr Leben. Die Ursache davon mag entweder in ihrer eigenthümlichen Nahrungsweise liegen, oder in der Beschaffenheit der Luft. Lo. An die Wohnsitze dieses Volkes gränzt ein fruchtbares Land, das sich weithin erstreckt, und mancherlei Nah- 281 Drittes Buch. rungsmittel darbietet. Mein es ist menschenleer und ganz unzugänglich: nickt, als ob es von Anfang unbewohnt gewesen wäre, sondern, weil in der Folge einmal durch Regengüsse, die zur Unzeit kamen, Giftsxinnen und Skorpionen in Menge sieb erzeugt haben. Man erzählt, als diese Thiere sich in großer Zahl verbreiteten, habe zuerst die gesanunke Einwohnerschaft die Feinde, welche ihnen die Natur zur Plage gesandt, auszurotten versucht; allein sie haben sie nnnberwind- lich gefunden (denn auf den Stich folgte jedesmal plötzlicher Tod) und daher ihr Vaterland und ihre bisherige Lebensart aufgegeben und tick aus der Gegend geflüchtet. Man darf diese Nachricht nicht befremdend und unglaublich finden; denn es hat in allen Theilen der Welt noch wunderbarere Dinge gegeben, die uns als wahre Geschichte überliefert sind. In Italien z.B. gab es eine Völkerschaft, die durch zahllose, im Boden erzeugte, Feldmäuse aus ihrer Heimath vertrieben wurde. In Medien verbreiteten sich Schwärme von Sperlingen , welche die Saaten zerstörten, und die Einwohner zwangen, in fremde Länder auszuwandern. Die Autariaten sein Illyrischcs Volks wurden Lurch Frösche, die ursprünglich in den Wolken entstanden und gleich einem gewöhnlichen Regen herabgefallen waren, gezwungen, ihr Vaterland zu verlassen, und in die Gegend zu fliehen, welche sie jetzt bewohnen. Und Wer weiß es nicht, daß unter den Arbeiten, wodurch sich Hercules die Unsterblichkeit verdient haben soll, auch die That aufgezählt wird, daß er von dem See Srym- phalus sin Arkadiens die Vögel vertrieb, welche sich dort in großer Zahl verbreitet hatten? In Libyen wurden einige Städte verlasse», weil Löwen in Menge aus der Wüste ka- Diodor. -ö Bvch». s) 282 Diodor'S historische Bibliothek. men. So viel gegen Diejenigen, welche gerne wegen des Wunderbaren den Geschichtschreibern den Glauben versagen. Wir gehen nun im Zusammenhang unserer Erzählung weiter. ;>. Die Bewohner der äußersten Gegenden nach Süden zu werden von den Griechen Kyna mologen sHundemel- kerj genannt, in der Sprache ihrer Nachbarn aber heißen sie die Wilden. Sie trage» sehr lange Bärte, und halten Heer- den wilder Hunde, mit deren Hülfe sie sich ihre» Unterhalt verschaffen. Die Gegend wird nämlich von der Sommersonnenwende an bis in die Mitte des Winters von großen Schaa- ren Indischer Ochsen besucht. Die Ursache ist unbekannt; man weiß nicht, flüchten sie sich vor den Angriffen zahlreicher Naubthiere, oder verlassen sie ihre Hcimath aus Mangel an Nahrung, oder hat es einen andern Grund, da die Natur ja so vieles Wunderbare schafft, was der menschliche Verstand nicht zu erklären vermag. Nun sind es aber der Thiere z» viel, als daß die Einwohner für sich allein sie bezwingen konnten, daher nehmen sie die Hunde mit auf die Jagd, und diese helfen ihnen, wenn man sie anheht, Ochsen genug fangen. Das Fleisch essen sie theils frisch, theils salzen sie eS ein und bewahren es auf. Sie nähren sich blos von Fleisch; denn auch viele andere Thiere jagen sie mit ihren starke» Hunden, Die entferntesten Völker gegen Süden leben wie Thiere, und haben nur »och die Gestalt von Menschen. Es sind aber noch zwei Völker übrig, die seigentlichens Aethio- pier und die Troglodyten. Allein von den Aethivpiern haben wir schon gesprochen sC. --.1. Wir kommen also jept an die Troglodyten. 283 Drittes Buch. Z2. Die Troglodyten werden bei den Griechen Nomaden genannt. Sie leben als Hirten von ihren Heerden, und jeder Stamm hat seinen eigenen Fürsten. Die Weiber haben sie sammt den Kindern gemeinschaftlich, die Gemahlin des Fürsten ausgenommen. Wer mit dieser gebuhlt hat, muß dem Herrscher zur Strafe eine bestimmte Zahl von Schafen liefern. Zur Zeit der Eteflschcn Winde, wo es in diesem Lande viel regnet, besteht ihre Nahrung aus einem Gemisch von Blut lind Milch, daö sie kurze Zeit kochen. Nachher, wenn die Hitze steigt und das Futter auf der Waide dürre wird, nehmen sie ihre Zuflucht in die sumpfigen Gegenden, wo die Hirten um die Plätze miteinander streiten. Da schlachten sie die ältern Stücke der Hecrde, welche zu kränkeln ansangen, und davon leben sie die ganze übrige Zeit. Darum erhält bei ihnen das Vieh statt der Menschen die Benennung der Eltern; den Stier und die Kuh, den Widder und das Schaf heißen sie Vater und Mutter, weil sie von ihnen, und nicht von ihren natürlichen Eltern, immerfort ihre tägliche Nahrung einsangen. Das gewöhnliche Getränk für das Volk ist ein Aufguß von Mehlbeeren; für die Fürsten aber bereitet mau einen Trank von einer gewissen Blume, welcher schmeckt wie bei uns der geringste Most. Sie folgen ihren Viehheerden nach, und ziehen lieber aus einer Gegend in die andere, als daß sie zu lang an. demselben Ort verweilten. Sie gehen Alle nackt; nur um die Hüften bedecken sie sich mit Fellen. -Wie die Aegypter, so habe» auch die Troglodyten alle die Sitte der Beschneidung; Diejenigen ausgenommen, welche innerhalb der Meerenge wohnen. Diese schneiden den Kindern mit dem Scheermeffcr die Theile ganz weg, welche die An- y * 284 Diodor's historische Bibliothek. deru nur beschneiden; sie heißen deßwegen Kolober sVer- stnmmeltej. 55. Die Bewaffnung der Troglodyten besteht gewöhnlich in Bogen und Lanze, bei eineni Stamm aber, den sogenannte» Megabaren, in einem runden Schild von Ochscnham nttd einer Keule mit eisenbeschlagenen Knoten. Eine gan; eigene Sitte findet bei ihren Begräbnissen statt. Sie stricke» den Leichnam zusammen mit Ruthen der Mehlbcerstande, so daß Hals und Knie aneinander gebunden werden. Dann legen sie den Todten auf eine Erhöhung, »ud werfen lachend nach ihm mit ziemlich großen Steinen, bis sie ihn damit überdeckt haben, daß man nichts mehr von ihm sieht. Zulegt stecken sie das Horn einer Ziege oben darauf, und gehen ohne das geringste Leidwesen davon. Die Veranlassung zu ihren Kriegen sind nicht, wie bei den Griechen, Feindschaften oder Beschwerden, die sie über einander zu führen haben, sondern blos die Wendeplätze, wenn sie wieder grün werden. Die Streitenden werfen einander zuerst mit Steinen, bis Etliche verwundet sind; dann setzen sie den Kampf mit Pfeilen fort; und in einem Augenblick haben sie Viele niedergestreckt; denn sie sind geübte Schützen, lind treffen ihr Ziel nm so leichter, da der Feind nicht durch Schutzwaffen gedeckt ist. Ein Ende machen dem Streit die bejahrteren Frauen, indem sie in die Mitte treten. Diese werden mit rücksichtsvoller Achtung behandelt; denn es ist Gesetz, ihnen durchaus Nichts zn Leide zu thun. Sobald sie erscheinen, hört also das Schießen auf. Die Greise, welche ihren Heerden nicht mehr nachkomme» können, enden freiwillig ihr Leben, indem sie sich an einem Kuhschwanz aufknüpfen. Will sich aber Einer zu lange den 285 Drittes Buch. Tod nicht geben, so steht es Jedem frei, ihm wohlmeinend den Strick zu knüpfen und unter gütlichen Vorstellungen das Leben zu nehmen. Ebenso ist es Sitte unter diesem Volke, Diejenigen, die ein Gebrechen oder eine unheilbare Krankheit an sich haben, aus der Welt zu schaffen. Denn das halten sie für dss größte Uebel, wenn man das Leben liebt und doch Nichts mehr thun kann, was des Lebens werth ist. Daher steht man unrer den Troglodyten lauter Menschen mit gesundem Körper und in der besten Manneskraft; denn Keiner lebt über tzo Jahre. So viel von den Troglodyten. Wenn einem und dem andern Leser die Lebensart der bisher beschriebenen Völker zu befremdend und wunderbar ist, als daß er diesen Nachrichten glauben könnte, so denke er sich nur nebeneinander den Himmelsstrich von Scythien und vom Troglodytenland, und betrachte die Verschiedenheiten beider; dann wird er das Gesagte nicht mehr unglaublich finden. Das Klima der hier beschriebenen Gegenden ist von dem unsrigen so völlig verschieden, daß es unglaublich scheint, wenn man die einzelnen Abweichungen aufzählt. Es gibt Länder, wo die strenge Kälte die größten Stromes so dicht gefrieren macht, daß ganze Heere über das Eis hinziehen und Lastwagen darüber fahren können. Auch der Wein und andere Flüssigkeiten gefrieren, daß man sie mit Messern schneiden kann. Und, was noch wundersamer ist, die Haut des Menschen wird feucht vom Reiben am Kleid, und die Augen verdunkeln sich. Selbst das Feuer gibt nicht warm. Eherne Bildsäulen zerspringen. Wie man sagt, blitzt und donnert es oft eine Zeitlang gar nicht in diesen Gegenden, weil die Wolken zu dicht find. Es gibt dort noch manche größere 286 Diodor's historische Bibliothek. Wunderdinge, die, so lange man sie nicht steht, unglandlich, wenn man sie aber erfährt, unerträglich sind. Dagegen iß an den fernsten Gränzen von Aegypten und dem Troglody- tenlande die Sonnenhitze so außerordentlich, daß man zm Mittagszeit vor dem dichten Nebel die zunächst Umstehenden nicht sieht.Z Ohne Schuhe z« gehen, ist gar nicht möglich,' weil man sonst im Augenblick Blasen an den Fiißen hat Was den Trunk betrifft, so kann man, wofern man nicht solchen in Bereitschaft hat, um das Bedürfniß zu stillen, einet schnellen Todes sterben müssen, da die Hitze die flüssigen Stoffe im Körper bald verzehren würde. Ferner, wenn man in ess nem ehernen Geschirr irgend eine Speise mit Wasser an die Sonne stellt, so kocht sie sogleich, ohne Feuer und Holz. Allein die Bewohner der einen und der andern Gegend suche» dennnoch dem Ungemach, das aus dem Uebermaß der Wärme oder Kälte entsteht, nicht zu entfliehen; sie würden vielmehr lieber das Leben hingeben, als sich zwingen lassen, eine andere NahrungIund Lebensart zu wählen. So hat jede Gegend, die man einmal gewohnt ist, ihren natürlichen Zauber, und die Zeit macht das Unangenehme des Himmelsstrichs, unter dem man von Kindheit auf lebt, vergessen. Diese völlig verschiedenen Länder sind aber durch keine weite Entfernung von einander getrennt. Denn vorn Mäotischen See, wo Scythische Stämme unter starrendem Eis und Frost ihr« Wohnsitze haben, ist man schon oft mit Lastschiffen bei günstigem Wind in >o Tagen nach Rhodus gefahren; von dort aus kommt man in 4 Tagen nach Alerandrien, und wenn ma» da den Nil hinauffährt, so kann man am zehnten Tag i» Aethiopien seyn. Also braucht man zu Schiffe, wenn ma» 287 Drittes Buch. ununterbrochen fortreist, nicht mehr als -4 Tage, um aus den kältesten Gegenden der bewohnten Erde in die wärmsten zn gelangen. Zeigt sich nun in dieser geringen Entfernung eine so große Verschiedenheit des Klima's, so kann es nicht auffallen, wenn wir auch die Lebensart und die Sitten,, und sogar die körperliche Beschaffenheit der Einwohner dort ganz anders finden als bei uns. 55. Nachdem wir die Völker selbst und ihre Lebensweise nach den Hauptzngen, wodurch sie sich auszeichnen, geschildert haben, geben wir noch von den Thieren, die in jenen Ländern zu Hause sind, nähere Nachricht. Ein Thier, das dem Elephanten an Stärke und Wildheit gleich kommt, wenn schon nicht an Größe, ist das Nashorn. Seine Haut ist äußerst hart, und hat die Farbe des Bures. Oben auf der Nase trägt es ein aufwärts gebogenes Horn, das so hart ist wie Eisen; und daher hat es seinen Namen. Mit dem Elephanten lebt es immer im Krieg wegen des Futters. Wenn eL mit ihm kämpfen will, so wetzt eS sein Horn an einem großen Stein; dann schlupft es ihm unter den Bauch, und reißt ihm mit dem Horn, wie mit einem Schwert, den Leib auf. Gelingt dieser Angriff, so verblutet sich der Elephant; und so kommt mancher um. Faßt aber der Elephant das Nashorn zuvor noch mit dem Ruffel, ehe es ihm unter dem Bauch beikommen kann, so besiegt er es leicht mit seinen Hauzähnen und seiner überlegenen Stärke. Im Troglody- tenland und in Aethiopien gibt es Thiere, die ungefähr so gestaltet sind, wie man die Sphinr malt; nur sind sie mehr behaart. Sie sind so zahm und so gelehrig, daß man sie meistens recht ordentlich abrichten kann. Die Hundskops- 288 Diodor's historische Bibliothek. äffen haben Ähnlichkeit mit einer häßiickeu Wenschengs-' stalt, und bringen Töne hervor, wie unsere Nasenlaute. Es siud aber äußerst wilde Thiere, die sich durchaus nicht zähme» lassen; ihre Augenbraunen geben ihnen ein finsteres Aussehen. Eine Eigenheit findet man bei den Weibchen dieser Thisrgattung; die Gebärmutter ist immer aussen am Leibe. Der KepoS'P hat seinen Namen s,,Garten"i von der schönen, gefälligen Form seines ganzen Körpers. Im Gesicht ist er einem Löwen ähnlich, am übrigen Leib einem Panther, hat aber nur die Größe von einem Reh. Wilder als alle bisher genannten Thiere ist der fleischfressende Stier, der beinahe unbezwinglich ist. Er ist größer als die zahmen «Stiere und so schnell wie ein Pferd, der Rachen erstreckt sich l von einem Auge zum andern. Seine Farbe ist hellroth; die Augen sind blau, noch mehr als bei'm Löwen, und leuchten im Dunkel«. Seine Hörner haben die sonderbare Eigenschaft, daß er sie gewöhnlich gerade so wie die Ohren bewegen kann; nur zum Kampf stellt er sie starr in die Höhe. Gerne Haare laufen nicht nach derselben Richtung wie bei andern Thieren. Sein Muth und seine Kraft ist so außerordentlich, daß er die stärksten Thiere angreift. In dem Fleisch der erlegten besteht seine Nahrung. Anch unter den Heerden der Einwohner richtet er Verwüstungen an, und es ist zum Erstaunen, wie wüthend er gegen ganze Banden von Hirten und Schaaren von Hunden kämpft. Man sagt, seine Haut sey unverwundbar; darum sey es noch nie gelungen, ihn zu bändigen, so oft man es auch schon versucht habe. Fällt er aber in eine Grube, oder wird er sonst durch List gefangen, so erstickt er vor Wuth, und nie vertauscht er die Freiheit mit einer zahmen Gewöhnung an den Menschen. Mit Recht halten ihn daher die Troglodyten für das stärkste Thier; denn die Natur hat in ihm den Muth des Löwen, die Geschwindigkeit des Pferds und die Kraft des Stiers vereinigt, und selbst durch die Macht des Eisens, die Alles besiegt, wird er ') Eine Affenart, wie auch die vorher genannte Sphinr. 289 Drittes Buch. nicht überwunden. Das Thier, welches bei den Aethivpiern Krokvttas *) heißt, ist ein Mittelding zwischen einem Hund und einem Wolf; es ist aber wilder als beide, und hat schrecklichere Zahne als alle andern Thiere. Denn mit leichter Mühe zermalmt es die größten Knochen, »nd verdaut im Magen wnndersam Alles, was -s verschluckt. Das aber körnen, wir nicht glauben, was gewisse Geschichtschreiber behaupten, welche gern Wunder erdichten, daß nämlich dieses Thier die Menschsnstimmc nachahme. 56. Nach der Aussage der Einwohner in der Nachbarschaft der Wüste, wo die wilden Thiere Hausen, findet man dort Schlangen aller Art von ungeheurer Größe. Einige wollen schon 100 Ellen lange Schlangen gesehen haben. Gewiß wird uns aber Jedermann beistimmen, wenn wir diese Nachricht für grundlos halten. Denn man fügt der unwahrscheinlichen Lage die noch viel abenteuerlichere Behauptung bei, wenn eine der größten Schlangen sich aufrolle, daß sich die Ringe in (immer weiteren) Kreisen übereinander wickeln, so sehe Das, in der weiten Ebene, aus der Ferne wie ein Hügel aus. Was man von der Größe dieser Thiere sagt, wird also nicht leicht Glauben finden. Von den größten Schlangen aber, die wirklich gesehen und in eigenen Behältnissen nach Alerandrien gebracht worden sind, wollen wir eine Beschreibung geben, indem wir zugleich erzählen, durch was für Kunstgriffe namentlich diese Thiere gefangen worden sind. Ptolcmäus ll, der die Elephantenjagd eifrig trieb und die Leute, welche ihm durch künstliche Mittel die stärksten Thiere fingen, reichlich belohnte, und für diese Liebhaberei sehr große Stimmen verwendete, brachte nicht nur eine Anzahl z»m Kriege tauglicher Elephanten zusammen, sondern verschaffte den Griechen auch die Kenntniß von andern, noch nie gesehenen, merkwürdigen Thiergattungen. Einige Jäger nun, gereizt durch die Freigebigkeit deS Königs in Belohnungen, faßten den Entschluß, ihr Leben zu wagen, und, in *) Eine Art von Hyänen. 290 Diodor's historische Bibliothek. hinlänglicher Anzahl vereinigt, eine der großen Schlangen z» fangen, nm sie dem Ptolemäus lebendig nach Alerandrien z» liefern. Das Glück begünstigte das kühne, außerordentliche Unternehmen, und krönte ihre Bemühungen mit dem besten Erfolg. Sie lauerten auf eine Schlange von Zo Ellen, die sich an den Wafferplätzen aufhielt. Gewöhnlich lag sie aufgerollt und unbeweglich; sobald aber ein Thier sich zeigte, das der Durst an'S Wasser trieb, so fuhr sie plöylich auf, faßte eS zerfleischend mit den Zähnen und umstrickte ihm den ganzen Leib mit ihren Ringen, so daß es auf keine Weise entfliehen konnte. Weil das Thier so lang gestreckt und von Natur träge war, so hofften sie, mit Stricken und Ketten es zu bezwingen. Zuerst gingen sie also zuversichtlich darauf los, nachdem sie alles Nöthige in Bereitschaft hatte». Allein je näher sie kamen, desto schrecklicher erschien ihnen das feurige Auge und die hin und her spielende Zunge, und das schauerliche Gerassel, das die Schlange mit ihren rauhen Schuppen bei'm Anstreifen an dem Gesträuch erregte, durch welches sie sich wand, die ungeheuren Zähne, der drohende offene Rachen und die hohen Bogen des wundersamen Geringels. Sie erblaßte» vor Furcht, und warfen ängstlich der Schlange die Stricke um den Schwanz. Sobald aber das Sail ihren Leib berührte, wandte sich das fürchterliche Thier unter lautem Gezisch herüber, und faßte den Ersten mit den Zähnen, indem es sich ihm über den Kopf hereinschwang, und zerfleischte ih» lebendig. Um den Zweiten schlug es, während er entfloh, aus der Ferne einen Ring, schlang sich ihm fest nm den Leib, und erdrückte ihn. Die übrigen Alle suchten erschrocken ihr Heil in der Flucht. L7. Dennoch gaben sie das Unternehmen nicht auf; den» die Hoffnung auf die Gunst und Las Geschenk des Königs überwog die Furcht vor den Gefahren, welche sie nun kannten. Was sie mit Gewalt nicht hatten ausrichten können, versuchten sie nun durch Kunst und List, indem sie folgendes Mittel ersannen. Sie machten ein kugelförmiges dichtes Geflechte aus Binsen, einem Fischerkorb ähnlich, aber so groß 291 Drittes Buch. und weit, daß der ganze Körper des Thiers dann Platz hakte. Nun beobachteten sie genau, wo die Schlange ihre Höhle hatte, und um welche Stunde sie auf den Raub ausging und wann sie wieder zurückkehrte. Sobald sie sich aufgemacht hatte, um, wie sonst, auf andere Thiere Jagd zu machen, so verstopften sie den gewöhnlichen Eingang der Höhle mit großen Steinen und mit Erde, und gruben dagegen nah bei jenem Buschlager ein Loch, in welches sie den Korb steckten, so daß die Mündung auswärts gerichtet war, und das Thier gerade hineinkriechen konnte. Als die Schlange zurückkam, standen sie dort schon mit Bogen und Schleudern gerüstet, und manche zu Pferd; auch waren sie mit Trompeten und allerhand andern Werkzeugen versehen. So wie sie sich näherten , hob die Schlange den Hals hoch über die Reiter empor. Gewarnt durch den vorigen Unfall, wagten es die versammelten Jäger nickt, ihr zu nahe zu kommen, sondern schössen nuw aus der Ferne. Sie trafen aber das große Thier, da ihrer so Viele waren, die nach Einem Ziele schössen. Auch die Erscheinung der Reiter, die Menge von starken Hunden und der Trompetenschall schrcckre die Schlange. Sie zog sich daher gegen ihre gewohnte Lagerstätte zurück. Nun folgten sie ihr nach, ohne sie weiter zu reizen. Da sie aber an den verstopften Eingang kam, fingen sie Alle zusammen ein lautes Geräusch mit den Waffen an, und jagten das Thier in Furcht durch die Annäherung der ganzen Schaar und der Trompeten. Da es den Eingang nicht fand, so floh es, durch den Angriff der Jäger geschreckt, in die daneben gegrabene Oeff- nung. Während die Schlange in dem Korb ihre Ringe abwickelte, sprengten einige berittene Jäger hinzu, und ehe sie sich gegen den Eingang umdrehen konnte, schnürten sie die länglichte Oeffnung zu, welche schon dazu eingerichtet war, daß man sie schnell verschließen konnte. Auf Walzen hoben sie daö Geflechte in die Höhe und zogen es heraus. Das Thier, in dem engen Raum eingeschlossen, gab unnatürliche, furchtbare Töne von sich, zernagte die Binsen am Korb, und warf sich nach allen Seiten herum, so daß Die, welche es 293 Diodor's historische Bibliothek. trugen, fürchte» mußten, es möchte aus dem künstlichen Behältniß entspringen. Erschrocken setzten sie eS auf den Boden, und stachen die Schlange an dem Schwanz, damit sie, statt mit den Zähnen zu beißen, gegen die verwundeten Stellen sich wandte. Sie brachten sie glücklich nach Alerandnen, und machten dem König ein Geschenk mit dem sehenswerthe» Annderthier, von welchem man so Unglaubliches gehört hatte. , Durch kärgliche Nahrung bändigten sie die Wildheit des ! Thiers, Und machten es nach und nach kirre, so daß man sich l wundern mußte, wie es so zahm werden konnte. PtolemLus , belohnte die Jager mit ansehnlichen Geschenken, und ließ die l gezähmte Schlange füttern. Es war die größte Merkwin- i digkeik, welche er den Fremden zeigte, die sein Land besuch- ! ren. Wenn nun eine Schlange von solcher Größe öffentlich s gezeigt worden ist, so ist es unbillig, wenn man den Aethis- l piern nicht glauben, und ihre Aussagen für Fabeln erkläre» will. Sie versichern, in ihrem Lande könne man Schlangen sehen, die so groß seyen, daß sie nicht nur Kühe »nd Stiere und andere Thiere von derselben Größe auszehren, sonder« sogar den Kampf mit den Elephanten wagen. Die Schlange, sagen sie, wickle dem Elephanten ihre Ringe um die Beine, daß er sich nicht mehr damit bewegen könne, und halte , mit I ausgerichtetem Halse, ihren Kopf gerade unter dem Rüffel dem Gesicht des Elephanten entgegen; durch ihre feurige» ! Augen, die wie Blitze Stralen schießen, werde er geblendet, und falle zu Boden; so überwältige sie das Thier, und fresse es auf. in neuen Übersetzungen. Herausgegegeben vo« G. L. F. Tafel, Professor zu TLbinge«, C.N.Osiander «nd G.Schwab, Professoren zu Stuttgart. Sechs und fünfzigstes Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'sehen Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Jasp er in Wien. » 8 i g. Diodor's von Sicilien historische Bibliothek, übersetzt von Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar zu Blaubeuren. Drittes Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Jasper in Wie». i 8 - 9. Drittes Buch. Fortsetzung. Z8. Nachdem wir Aethiopien und das Troglodytenland, und die angränzende Gegend, bis dahin, wo man vor Hitze nicht mehr wohnen kann, wie auch die Küste des rothen Meeres und der atlantischen Südsee sdes Indischen Oceauss mit hinreichender Ausführlichkeit geschildert haben; so ist noch übrig, daß wir eine Beschreibung des Arabischen Meerbusens geben, worüber wir die Nachrichten theils aus den Zsteichsurknnde» in Alerandrien geschöpft, theils von Augenzeugen erhalten haben. Diese Gegend gehört, eben so wie die Britannischen Inseln und der Norden, am wenigste» zn den allgemein bekannten Theilen der bewohnten Erde. Bon den nördlichen Lander» aber, die an den unbewohnbare» kalten Erdstrich gränzen, werden wir dann sprechen, wenn wir die Thaten des Casus Cäsar erzählen. Denn Er ist es, der die Gränzen des Römischen Reichs dorthin am weitesten vorgerückt, und eben damit jenes zuvor unbekannte Land der geschichtlichen Forschung geöffnet hat. Der Arabische Meerbusen nun mündet sich in den südlichen Ocean; in der Länge «streckt er sich sehr weit, auf viele Stadien; in der Ecke berührt, er die Gränze zwischen Arabien und dem Troglodytcn- Diodvr. Zs Bdch». 2 2tj8 Dlvdor's historische Bibliothek. lande. Die Breite beträgt an der Mündung und in der Ecke sechz-hen *) Stadien; vom Hafen Panormus aber bis zum jenseitigen Ufer hat ein schnellsegclndes Schiff einen ganze« Tag zu fahren. Die weiteste Entfernung ist die bei dem Tyr- käischen Gebirge, wo mitten im Meere die Insel Malaria liegt **); dort sieht man von einem Ufer nicht hinüber auf das andere. Don da an wird der Meerbusen immer schmäler, und verengert sich bis an die Mündung. Schifft man längs der Küste hin, so kommt man häufig an große« Inseln vorbei, wo die Durchfahrt eng und die Strömung stark und reißend ist. Dieß ist im Allgemeinen die Lage bet Meerbusens. Wir wollen nun die Beschaffenheit desselben längs der beiden Uf-r, und das Merkwürdigste, was bort vorkommt, innen in der Ecke anfangend, beschreiben. Zuerff betrachten wir die rechte Seite, wo die Troglodyte»- völker die Küste bewohnen bis zur Wüste hin. Zg. Wenn man von der Stadt Arsinofi aus am rechten Ufer hinschifft, so sieht man an vielen Stellen starke Ströme, deren Wasser einen salzigbittern Geschmack hat, von Felsen herab in's Meer sich ergießen. Jenseits dieser Quollen erhebt sich neben einer weiten Ebene ein Berg von hochrother Farbe; man kann nicht lange den Blick darauf richt«», ohne Schmerzen in den Augen zu fühlen. Außen liegt M Fuße des Gebirges ein Seehafen mit einer krummen Einfahrt, *) Es sollte wahrscheinlich sechzig heißen. **) So n ch Stroth's Vermuthung, welche auch Dindorf (neues» Ausg. Leixz. -8-8.; billigt, n^eron Nach Wesseling's Vorschlag öv<77reXcr)-l«n hieße es: bei b. Uht. Gebirge und Makaria, wo die Schiffahrt gefährlich ist. Drittes Buch. 29g der den Namen der Aphrodite führt; und gegenüber drei Inseln; zwei derselben sind dicht mit Oehlbäumen bewachsen; auf der dritten findet man diese Bäume in geringerer Zahl» dagegen aber eine Menge von Perlhühnern. Nun folgt eine ziemlich weite Bucht, die unreine genannt; und neben derselben eine ungewöhnlich lang auskaufende Halbinsel, über deren schmale Landenge man die Fahrzeuge in das jenseitige Meer hinüberschafft *). Ist man an dieser Stelle vorbeigekommen, so sieht man in weiter Entfernung vom Lande die sogenannte Schlangeninsel, die sich in der Länge auf achtzig, Stadien erstreckt. Sie war ehemals voll von furchtbaren Schlangen aller Art» woher sie auch den Namen hat; in der Folgezeit aber gaben sich die Könige von Aleraudricn- so viele Mühe, sie zu entwildern, daß man keine Spur vom jenen Thieren mehr dort findet. Wir dürfen aber die Ursache der Bemühungen, die Insel zu reinigen, nicht unerwähnt lassen. Man findet hier den Topas, einen Edelstein, durchsichtig wie Glas, mit einem wunderschönen Goldglanz. Daher ist der Zugang zu der Insel verwehrt, und Jeder, welcher landet, wird durch die von dem König aufgestellten Wächter getödtet. Es sind ihrer Wenige, und sie führen ein unglückliches Leben. Denn es darf durchaus kein Schiff am Ufer zurückbleiben ,' damit ja kein Stein entwendet werde. Die Vorüber^ fahrenden lassen, aus Furcht vor dem König, die Insel fern auf der Seite liegen. Die Lebensmiktel, die man herführt, sind bald aufgezehrt, und auf der Insel selbst findet man nicht *) Die Lesart der meisten Handschriften gibt den 6.1. Am taurischen Gebirge wendet sich die Küste gegen Osten. Dort fällt um die Sommersonnenwende zur Mittagszeit während zweier Stunden der Schatten anders als bei uns, nach der entgegengesetzten Richtung. Es gebt auch Flüsse in der Gegend, die auf den Psebäischen Gebirgen entspringen, und weite Ebenen, wo man Malven, Kardamon *) und Phö- nirgras **) in ungewöhnlicher Große findet; es wachsen dort allerlei bei uns unbekannte Früchte, die einen faden Geschmack haben. Gegen das Innere des Landes hin ist Alles »oll von Elephanten, wilden Stieren, Löwen und vielen andern starken Thieren. Durch das Meer zieht sich eine Reih- von Inseln, wo es zwar keine eßbaren Früchte gibt, aber eigene Arten Vogel von wuridersawer Gestalt. Weiterhin ist das Meer sehr tief; man findet da allerhand außerordentlich große Seethiere, die übrigens dem Menschen nichts zu Leide thun, wenn man nicht, was unabsichtlich geschehen kaun, an ihren Flossen anstreift. Denn verfolgen können sie das Schiff nicht, weil sie, sobald sie aus dem Meere sich erheben, vom Sonnenlicht geblendet werden. Dieß ist der äußerste Strich des Troglodytenlandes, den man kennt; die Gränze desselben bildet das Psebäische Vorgebirge. b-. Wir durchlaufen nun die andere Seite, die sich an dem gegenüberliegenden Arabischen Ufer hinzieht, und Eine Art von Kresse. **) Vielleicht Oolium perenve lünn. Z»4 Diodor's historische Bibliothek. "beginnen wieder in der Ecke. Diese Ecke selbst heißt Posi« dium, weil hier Ariston, welcher vonPtolemäus ausgesandt war, um die Küste von Arabien bis an den Ocean zu untersuchen, dem Meeresgott Poseidon einen Altar errichtet hat. Der Ecke zunächst liegt ei» Platz am Meere, welcher den Einwohnern sehr werth ist wegen des Gewinns, den er ihnen bringt. Er heißt der PalmengarLen; denn es wächst dort eine Menge von Palmen, welche eben so angenehme als nahrhafte Früchte in reicher Fülle tragen. Die ganze Umgegend hat wenig Quellwaffer, und doch ist die Hitze in einem so weit gegen Süden gelegenen Lande sehr groß. Mit Recht wird daher von den Wilden der einzige fruchtbare Platz i» der öden Wüste, der ihnen Nahrung gewährt, heilig gehalten. Hier entspringen nämlich ziemlich viele Quellen und Bäche mit eiskaltem Wasser, und der Boden an beiden Ufern eines solchen Baches grünt und erhält ein freundliches Aussehen. Von alten Zeiten her steht ein Altar da, aus hartem Stein, mit einer Inschrift, die aus alten unbekannten Buchstaben besteht. Den Dienst in diesem Heiligthume besorgt ein Mann und ein Weib, welche lebenslänglich das Priesteramt führen. Die Bewohner dieser Gegend fühlen sich glücklich, ob sie gleich, »m sich gegen wilde Thiere zu sichern, auf den Bäumen schlafen müßen. Ist man an dem Palmcngarten vvrübergeschifft, so sieht man eine Insel einem Vorgebirge gegenüber, welche von den Thieren, die sie bewohnen, die Robbeninsel heißt. Es ist zum Verwundern, wie viele Robben man auf dieser Stelle beisammen sieht. Das Vorgebirge in der Nähe der Insel gehört zu dem Peträische» und Palästinischen Arabien. Dorthin, sagt man, bringen die 3o5 Drittes Buch. Gerrhäer und MinnLer aus dem obern Arabien den Weihrauch und andere wohlriechende Waaren, welche sie zu Schiff versenden. tb. Nun folgt au der Küste die Gegend, welche ehemals die Maraniten bewohnten, später aber^die Garynda- nen, die zuvor ihre Nachbarn waren, einnahmen, und zwar auf folgende Art. In dem vorerwähnten Palmengarten wurde alle fünf,Jahre eine Festversammlung gehalten, bei welcher sich die Bewohner aus der ganzen Umgegend einfanden, um den Göttern, welchen dieser Ort geweiht ist, reichliche Opfer von gemästeten Kameelen zu bringen; zugleich in der Absicht, von dem Wasser der dortigen Quellen etwas in ihre Heimath mitzunehmen; denn nach einer alten Sage sollte dieses Getränk zur Erhaltung der Gesundheit dienen. Wahrend nun die Maraniten einmal zu einer solchen Versammlung ausge- zvgen^waren, ermordeten die Garyndancn die im Lande Zurückgebliebenen ; dann lauerten sie auf die vom Fest Heimkehrenden, und machten auch diese nieder. Nachdem sie so die Einwohner ausgerottet hatten, theilten sie sich in die fruchtbaren G-filde und die trefflichen Waideplahe des Landes. Diese Küste hat wenig Häfen. Sie ist mit hohen Bergen dicht beseht, welche durch die mannigfaltige Abwechslung *) ihrer Farben dem Vorüberschiffenden einen malerischen Anblick gewähren. Ist man hier vorbeigefahren, so kommt man an den Läanitischen Meerbusen, an welchem ringsherum *) Statt cÜPkXkl'ag ist wahrscheinlich zu lesen woexl^las, was zwei Handschriften vor einschiehe». So auch Dinborf, S. 26 Z. Bergt. Divdor II, 5-, 3o6 Diodor'ö historische Bibliothek. viele Dörfer der Nabatäischen Araber liegen. Diese bewohnen an der Küste eine weite Strecke und noch einen ziemlich großen Bezirk landeinwärts; denn das Volk ist äußerst zahlreich, und hat eine ungeheure Menge von Mehhcerdcn. Ehemals begnügten sie sich, auf rechtmäßige Weife, durch die Viehzucht, ihren Unterhalt zu erwerben. Seitdem aber die Könige von Merandrien den Meerbusen Handelsschiffen geöffnet hatten, plünderten die Nabatäer verunglückte Fahrzeuge, rüsteten Raubschiffe aus, und griffen die Seefahrer an, mit derselben Gewaltthätigkeit und Grausamkeit, wie die Taurier im Pontus sschwarzen Meers; ffe wurden aber einmal auf der hohen See von dreirudrigen Schiffen überfallen , und litten die verdiente Strafe. Weiter folgt eine wasserreiche Ebene, wo es, weil nach allen Richtungen Bäche stießen, Feldgras und Diebischen Klee gibt, auch Lotos, welcher mannshoch wächst. Weil sich da so reichliches und gutes Futter findet, so wird nicht nur Vieh von jeder Gattung in unglaublicher Menge gehalten, sondern auch wilde Karneole, Hirsche und Gazellen sind daselbst einheimisch. In eben diese, mit Thieren so zahlreich bevölkerte, Gegend kommen noch aus der Wüste ganz- Schaaren von Löwen, Wölfen und Panthern, mit welchen die Hirten Tag und Nacht um ihre Heerden kämpfen müßen. So wird die glückliche Beschaffenheit des Landes zugleich das Unglück der Einwohner. Meistens theilt ja die Natur den Menschen das Böse neben dem Guten zu. -z. Nach diesen Gefilden kommt eine sonderbar gestaltete Bucht. Sie zieht stch unter einem sehr spihigen Winkel fünfhundert Stadien weit landeinwärts, und ist von unge- Drittes Buch. 307 Heuer hohen Felsen umschlossen. Durch die gebogene Mündung ist kaum eine Durchfahrt möglich. Denn am Eingang der Bucht ragt ein Fels so weit in's Meer hinaus, daß kein Schiff ein- oder auelaufen kann. Wenn das Wasser herzu- strömt und der Wind schnell wechselt, so brechen sich an dem -ganzen Felsengestade hin die Wogen unter wildem Brausen. Die Anwohner der Bucht, Banizomenen genannt, suchen auf dem festen Lande ihre Nahrung; sie leben von der Jagd. Es steht ein Tempel dort, welcher sehr heilig gehalten, und von allen Arabern mit der größten Ehrfurcht behandelt wird. Nahe unter der zuletzt genannten Küste liegen drei Inseln, welche mehrere Häfen darbieten. Die erste, sagt man, sey der Isis geweiht. Sie ist unbewohnt; doch findet man noch steinerne Grundstöcke von ehemaligen Häusern; auch Säulen, worauf fremde Schriftzüge eingegraben sind. Die beiden andern Inseln sind, so viel man weiß, eben so wenig bewohnt; alle drei aber sind mit Oehlbäumen, die übrigens von den mistigen verschieden sind, dicht bewachsen. Jenseits dieser Inseln wird die Schifffahrt schwierig, weil man auf eine Strecke von eintausend Stadien ein steiles Ufer zur Seite hat, weil man keinen Hafen und auch auf dem Meere keinen Ankerplatz findet, und nirgends einen Dorsprung am Ufer, der den Schiffern im Nothfall eine Zuflucht gewährte.. Das Gebirge, das sich am Ufer hinzieht, hat auf dem Gipfel steile, erstaunlich hohe Felsen, und am Fuß eine Reihe von zackigen Klippen unter dem Wasser; zwischen diesen aber ausgespülte, in Krümmungen hinlaufende Vertiefungen, welche durch Löcher miteinander in Verbindung stehen. Wenn nun in der Tiefe des Meers das Wasser durch ein solches Loch bald hinein. 3o8 Diodor's historische Bibliothek. bald wieder zurückströmt, so entsteht ein lautes donnerähnli- ches Getöse. Von den Wellen aber prallt die eine an eine» mächtigen Felsen an, steigt hoch empor und verbreitet eine» ungeheuren Schwall von Schaum; die andere wird von einer Höhlung *) eingeschluckt, und schlägt das Wasser fürchterlich auseinander. Wenn man wider Willen, einer solchen Stelle zu nahe kommt, so ist man schon vor Schrecken fast des Todes. Die Arabische Völkerschaft, welche diese Küste bewohnt, heißt Thamudener. Es folgt weiter eine ziemlich große Bucht, in welcher Inseln zerstreut liegen; sie sehen ungefähr aus wie die Echinadischen Inseln. Nun kommen Sandbänke von ungeheurer Ausdehnung in der Länge und Breite; sie haben eine schwarze Farbe angenommen. Weiterhin steht man eine Halbinsel, und an derselben den schönsten Hafen, den die Geschichtschreiber kennen, Charmuthas genannt. Es ist eine Bucht, gegen Westen durch eine äußerst hohe Eindämmung gedeckt; schon der Anblick erregt Bewunderung, besonders ist es aber die geschickte Lage, wodurch dieser Hase« vor allen andern sich auszeichnet. Denn ringsherum zieht sich ein waldiges Gebirge in einem Umkreis von einhundert Stadien; die Einfahrt ist zweihundert Fuß weit, und im Innern finden zweitausend Schiffe Nanm und sichere Zuflucht. Ueberdieß findet man Trinkwaffer genug; denn es ergießt sich ein größerer Fluß in die Bucht, und in der Mitte derselben liegt eine wasserreiche Insel, wo man Gärten anlegen könnte. Ueberhaupt hat dieser Hafen viel Ähnlichkeit mit dem von Karthago, welcher Kothon heißt; wir werden die Vortheile ') Statt xoiXwzia ist wahrscheinlich xotXcvztcccri zu lesen. DrltteS Buch. 3og bei lehlern im Einzelnen beschreiben, wen« uns die Zeitord« uuvg darauf führt. In dem erstem sammelt sich, weil es dort so windstill ist, und süße Wasser sich darein ergießen, «ine Menge von Fischen aus dem offenen Meer. 45. Schifft man weiter, so sieht man fünf Berge, welche nebeneinander in die Höhe steigen, oben aber in eine Felsenklippe zusammenlaufen, die an Gestalt den Aegyptischeu^Py- ramiden gleicht. Sodann folgt eine, von hohen Vorgebirgen umschlossene, kreisrunde Bucht. Im Mittelpunkte derselben ragt ein vierseitiger Hügel empor, auf welchem drei Altäre von sonderbarer Gestalt *) erbaut sind. Die Götter, denen sie geweiht sind, werden von den Eingebornen vorzüglich verehrt, sind aber bei den Griechen unbekannt. Don da an zieht sich ein quellenreiches Ufcrland hin, welches Bäche mit süßem Wasser durchstießen; »nd daneben das Gebirge Chabinnm, mit allerhand Waldungen dicht bedeckt. Das Land hinter dein Gebirge bewohnen die Deben, eine Arabische Völkerschaft, welche sich der Zucht der Kameele widmet; dieses Thier befriedigt ihre wichtigsten Lebensbedürfnisse insgesammt. Auf Kameelen ziehen sie in den Krieg; ihnen laden sie alles Gepäck auf, und so kommen sie leicht überall fort: die Milch dieser Thiere ist ihre beständige Nahrung; und auf Dromedaren reitend durchstreifen sie das ganze Land. Mitten durch ihr Gebiet fließt ein Strom, der so viel Goldsand mit sich führt, daß der Schlamm, den er an seiner Mündung abseht, einen Glanz von sich wirft. Die Einwohner verstehen es aber gar nicht, das Gold zu bearbeite». Fremde *) Nach Dindorfs Lesart: von ausserorbentlicher Höhe. 3io Dwdor's historische Bibliothek. nehmen sie nur dann gastfreundlich auf, wenn sie aus Motten oder dem Pelvponnes kommen; weil nämlich mit diesen das Volk, nach einer fabelhaften Ueberlieferung aus der Vorzeit, in einer entfernten Verwandtschaft, von Hercules her, stehe» will. Nun folgt die Gegend von Arabien, welche die Aliläer und Gasanden bewohnen. Sie iß nicht so heiß wie die benachbarten Länder; vielmehr geschieh! es häufig, daß dichte Wolken*) sich darüber lagern, die sich in winterlichen Regenschauern**) ergießen, wodurch die Sommerhitze gerade im rechten Maß gemildert wird. Das Land hat einen trefflichen Boden, in welchem alles gedeiht; allein es wird von den Einwohnern aus Unkunde nicht gehörig angebaut. Gold wird in unterirdischen von der Natur gebildeten Gängen häufig gefunden und gesammelt; man schmelzt es nicht aus Goldsand zusammen, sondern es kommt gediegen vor, und wird ebendarum das feuersiose genannt. Die kleinsten Stücke sind so groß wie ein^Obstkern, die größten aber beinahe wie eine Königsnuß. Die Einwohner tragen Ketten um die Handwurzel und um den Hals, worin daS Gold mit Edelsteinen abwechselt. Da bei ihnen das Gold so gewöhnlich, Kupfer und Eisen dagegen selten ist, tauschen sie dieses Metall gegen jenes zu gleichen Gewichten von den Kaufleuten ein. *) was keinen schicklichen Sinn gibt (weiche und dichte Wolken.) ist vielleicht dnrch Wiederholung deS ttXXccxttl einstanden. **) Nach der Parallelstelle des Agatharchides. Jn^Diodor's Text ist von Schnee,,nicht vom Regen die Rede, Drittes Buch. 3n l>6. Nun folgen die Karden, und darauf die Sabäer, die, zahlreichste -der Arabischen Völkerschaften. Sie bewohnen nämlich das sogenannte glückliche Arabien, das fast alle unsere Schatze hervorbringt, und zahmes Vieh aller Art in ungeheuerer Menge ernährt. Ueber das ganze Land hat die Natur einen Wohlgeruch verbreitet, indem sie die Pflanzen, welche das beste Rauchwcrk geben, beinahe alle zu jeder Zeit daselbst wachsen läßt. An der Küste findet man Balsam, Kasia, und ein anderes Gewächs, das eine besondere Eigenschaft hat; wenn es erst aufsproßt, so gewährt es den herrlichsten Anblick; wenn es? aber längere Zeit steht, verdorrt es plötzlich/ Im Innern des Landes gibt es dicke Waldungen, wo hohe Weihrauch- und Myrrhe »bäume wachsen, auch Palmen, Kalmus und Zimmt, und andere ähnliche wohlriechende Pflanzen. Denn es ist unmöglich, alle die besondern Arten und Eigenschaften .der Gewächse anzugeben, aus deren Ausdünstungen der mannigfaltige, außerordentlich starke Duft zusammengesetzt ist. Vs ist wir klich ein ganz einziger/nicht zu beschreibender Reiz, den dieser Wohlgernch auf die Sinnenwcrkzeuge macht. Selbst den Vorüberschiffenden, ob fle gleich weit von, Lande entfernt sind, wird doch etwas von diesem Genuß zu Theil. Denn im Frühjahr, wann der Wind vom Lande her, weht, verbreitet sich die Ausdünstung von den Myrrhenbäumen und den andern duftenden Gewächsen über das nächstgelegene Meer. Es ist nämlich nicht, wie bei uns ein Geruch von veralteten und verdufteten Gewürzen, sondern der frische kräftige Hauch der Blüthen, der in die feinsten Sinnennerven eindringt. Durch die Winde, welche die Ausdünstungen fortwehen, wird also den Schiffern an 3i, Diodor'S historische Bibliothek. der Küste ein eigenthümlicher Gemisch der herrlichsten Düfte zugeführt, die eben so gesund alt angenehm sind. Den» nicht von einer zerschnittenen Frucht, deren Kraft schon verdunstet ist, nicht aus einem Behältniß, wo sich ein fremd« Zusatz beigemischt hat, kommt dieser Geruch, sondern frisch von dem lebenden Gewächs, das reine Erzeugniß der schaffenden Natur. Man glaubt die Ambrosia der Kabeldichter zu genießen, wenn man den wunderlieblichen Dust einathmet; denn mit keinem andern Namen läßt sich dieser einzige Genuß schicklich bezeichnen. 47. Doch das mißgünstige Schicksal hat den Einwohnern kein vollkommenes Glück zugetheilt, sondern seinen herrlichen Gaben auch etwas Schädliches zugesellt, um sie zu warnen, wenn sie durch daS immerwährende Wohlleben sich zur Verachtung der Götter verleiten lassen. In den duftend- sten Wäldern Hausen Schlangen in Menge. Sie sehen pur- Pnrroth aus, und sind nur spannenlang; die Wunde aber von ihrem Biß ist ganz Unheilbar. Sie fahren vom Boden auf, um zu beißen, und im Sprung verwunde» sie die Haut. Uns eine eigene Weise.behandeln die Einwohner eine langwierige Kraukheits, di^bei ihnen vorkommt. Wenn das Uebermaß des durchdringenden Geruchs den Körper zu sehr angreift, so werden die festen Theile desselben locker und schwinden zusammen, und.daraus entsteht eine schwer zu hebende Erschlaffung. Solchen Kranken nun räuchert man Erdpech And einen Bocksbart, um die Wirkung des allzustarken Wohlgeruchs durch Düfte von entgegengesetzter Beschaffenheit zu tilgen. Das Gute schafft ja nur , wenn es im rechten Maß und in der gehörigen Ordnuug genossen wird, Nutzen und 3i3 Drittes Buch. Vergnügen; empfängt man es zur Unzeit und nickt im richtige» Verhältnis;, so wird es zu einer unnützen Gabe. Die Hauptstadt des Landes heißt Sabä, und liegt aus einem Berge. Die Würde der Könige ist erblich. In der Ehre, welche ihnen das Volk erweist, ist Gutes und Schlimmes vereinigt. Man kann ihr Loos glücklich nennen, weil sie unumschränkte Gebieter sind, welche Niemand Rechenschaft von ihren Handlungen geben dürfen. Aber für unglücklich muß man sie halten, daß sie ihren Pallast niemals verlassen dürfen, weil sonst Las Volk, einem alten Götterspruch zufolge, fle steinigen würde. Nicht nur unter seinen Nachbarn in Arabien, sondern auch unter allen andern Völkern zeichnet sich dieser Stamm durch seinen Reichthum aus und durch Schätze jeder Art. Denn sie erhalten Lurch Tausch und Kauf um wenig Waaren immer große Summen, wie sie kein anderes Volk, das Tauschhandel um Silber treibt, einnimmt. Da ihr Land wegen seiner Abgelegeuheit noch gar nie erobert worden, und da Gold und Silber dort im Ueberfluß vorhanden ist, so findet man bei ihnen, und besonders in Sabä, wo der königliche Pallast ist, allerlei silberne und goldene, künstlich gearbeitete Trinkgeschirre, silberne Füße an Betten und Dreifüßen, überhaupt einen unglaublich kostbaren Hauerath; auch Hallen mit zahlreichen Säulen, theils vergoldet, theils mit silbernen Bildern auf den Säulenköpfen. An den Decke« und Thüren haben fle dichte Reihen von goldenen, mit Steinen ausgelegte», Phialen*) angebracht; und die ganze Bauart ihrer Häuser ist in alle» Theilen äußerst verschwendend Eine vertiefte Arbeit, in Gestalt einer flachen Schale. Diodor. äs Bdchn. Z 3>L Dlodor'S historische Bibliothek. lisch; einige« besteht aus Silber und Gold, anderes aus Elfenbein und den edelsten Steinen, oder aus einem andern Stoff von sehr hohem Werthe. So genießen sie denn seit langer Zeit ihr Glück ungestört, weil sie mit Menschen, welche fremden Reichthum zum Ziel ihrer Gewinnsucht machen, iu keine Berührung kommen. Das Meer hat in dieser Gegend eine weiße Farbe, und mit Verwunderung fragt man nach der Ursache der sonderbaren Erscheinung. In der Nähe liegen fruchtbare Inseln, wo die Städte keine Mauern ha» ben. Die Heerden sind dort alle weiß vou Farbe, und die weiblichen Thiere unter denselben sind durchaus ohne Hörner. Diese Inseln werden von Handelsschiffen aus allen Gegenden besucht, besonders aus der Stadt Pvtane, welche Alerander am Fluß Indus gebaut hat, um einen Stapelplatz an der Küste des Oceans z» haben. So viel von dem Lande und den Bewohner». jS. Am Himmel zeigen sich hier auffallende Erscheinungen , die avir nicht übergehen dürfen. Das Wunderbarste ist, was von den Nordsternen erzählt wird, und was die Schiffer in große Verlegenheit setzt. „Von dem Monat an (sagt man,) welchen die Athener Mämakterion nennen, sieht man von den sieben Sternen des großen Bären keinen vor dem Ende der ersten Nachtwache, im Monat Posideon aber keinen vor dem Ende der zweiten, und in der Folgezeit werden sie den Schiffern nach und nach ganz unsichtbar. Von den übrigen Gestirnen *) erscheinen beim Auf- und Unter- *) övofea^ou^vss TrXan^T-erx ist wahrscheinlich eine Glosse, und die in den meisten Handschriften »ersetzten Worte 3.5 Drittes Buch. Hang einige größer, andere aber nickt so groß, als bei uns. Die Sonne sckickt ihr Licht nicht, wie bei uns, einige Zeit vor ihrem Aufgang voraus, sondern wunderbarer Weise strahlt pe auf einmal aus der finstern Nacht hervor. Daher wird es in diesen Gegenden nie Tag, ehe man die Sonne sieht. Wenn sie aus dem Meere aufsteigt; gleicht sie einer hell- glühenden Kohle, welche starke Funken von sich wirst, und erscheint nicht, wie bei uns, oben schmäler als unten, sondern in der Gestalt einer an dem oberen Ende ein wenig dickeren Säule. Uebrigens macht sie während der ersten Stunde «och nicht hell und wirft keine Strahlen; aber am Anfang der zweiten Stunde nimmr sie die Gestalt eine« Schildes an, und scheint blendend hell und außerordentlich heiß. Beim Untergang erfolgen diese Veränderungen in umgekehrter Ordnung. Da sind während zwei ganzer Stunden (oder, wie Agatbarchides von Knidos schreibt, drei Stunden lang) die Strahlen der Sonne unwirksam,* *) und sie scheint Nur noch die erleuchtende Kraft zu haben. Dieß ist die angenehmste Zeit für die Einwohner, weil schon, wenn die Sonne sich neigt, die Hitze nachläßt." Don den Winden sind diejenigen, die aus Westen und aus Südwest llSkcoprzi-ss VTi«(>X?tV gelibren zu rrkmiToMvotg. klebrigen« ist eS ganz falsch, daß im Pofideo». dem sechsten Monat der »m die Zeit der längsten Tages anfangenden Jahre« die Sterne spät er.aufgehen al« im Mämakterion, dem vierten Monat; da vielmehr überall an jedem folgende» Tag derselbe Stand des Himmel« früher eintritt. *) Wir ziehen die dem Zusammenhange angemessenere Lesart «kveng dem x«tvatg vor. 3 * 3i6 Diodor's historische Bibliothek. And Nordwest wehen, auch die Ostwinde eben so beschaffen, wie in andern Ländern; die Südwinde aber, die in Aethio- pien gar nicht vorkommen und gänzlich unbekannt sind, werden im Troglvdytenland und in Arabien so glühend heiß, daß sie die Wälder anzündem, und daß sie auch dann, wenn man zu dem Schatten einer Hütte seine Zuflucht nimmt, entkräftend auf den Körper wirken. Den Nordwind darf man mit Recht den besten nennen; denn er dringt in alle Theile der Welt durch, und bleibt überall kühl. äg. Auf diese ausführliche Beschreibung mögen nun schicklicher Weise Nachrichten von den Libyern.folgen, welche zunächst bciAegypten und in den weiter angränzenden Ländern wohnen. Um Cyrene und bei den Syrtcn und von da an landeinwärts haben vier Libysche Völkerschaften ihre Wohnsitze; n'ämlich die Nasamonen in den südlichen Gegenden , die Auchisen im Westen, die Marmariden auf dem schmalen Landstrich zwischen Aegypten und Cyrene, der auch einen Theil der Küste in sich faßt, und die Macier, der zahlreichste unter diesen Stämmen, in der Nähe der Syrte. Es gibt unter den so eben genannten Libyern Ackerleute , wo der Boden fruchtbar genug ist, um eine reiche Ernte zu gewähren, und Hirtenvölker, wo sie durch die Viehzucht ihren Unterhalt gewinnen können. Die Stämme von beiderlei Art haben Könige, und leben nicht in völliger Wildheit, so daß sie aller menschlichen Bildung entbehrten. Eine dritte Art aber steht nicht unter Königen, achtet und kennt kein Recht, und treibt stets Räuberei. Unversehens brechen sie aus der Wüste hervor, plündern, was ihnen in dcn Weg kommt, und eilen in ihre Hcimath zurück. Die Li- Drittes Buch. 3 >? byer der letztem Art führen alle ein thierisches Leben. Sir wohnen unter freiem Himmel, und in ihrem ganzen Betragen erscheinen sie als Wilde. Sie haben weder die Nabrnuz noch die Kleidung gesitteter Menschen, sondern hüllen sich in Ziegenhäute. Ihre Fürsten haben statt der Städte, die man bei ihnen gar nicht findet, Thürme nahe am Wasser, um darin das Ueberflüsffge, was sie nicht brauchen, aufzubewahren. Sie lassen sich von ihren Unterthanen jedes Jahr Gehorsam schwören; Derer, die wirklich gehorchen, nehmen sie sich als Kampfgenossen an; die aber nicht folgen, verurthei- len sie zum Tode ^ und bekriegen sie als Räuber. Die Bewaffnung dieser Leute ist der Beschaffenheit des Landes und ihrer Lebensart angemessen. Sie haben einen leichten Körperbau, und ihr Land ist grvßtentheilS eben; daher ziehen sie in den Streit mit drei Lanzen und mit Steinen im ledernen Beutel. Schwert und Helm haben fle nicht, überhaupt sonst keine Waffe; denn der Vorzug nach welchem sie streben, besteht blos in der Leichtigkeit, womit sie, verfolgend sowohl als fliehend, sich bewegen. Eine große Fertigkeit haben sie daher im Laufen und Steinwerfen, weil sie durch Uebung und Gewöhnung ihre natürliche Anlage ausbilden. Fremden lassen sie durchaus kein Recht widerfahren und halten -ihnen keine Treue. 5o. Die Gegend um Cyrene hat einen scholligen- sehr fruchtbaren Boden; es wächst dort nicht nur Getreide, sondern auch viel Wein und Oehl, und wildes Gehölz; das Land hat den Vortheil, daß es von Flüssen durchströmt ist. An der südlichen Gränze desselben aber zieht sich eine Strecke Landes hin, welche nngebaut ist und arm an Quellwaffer 3.8 Di'odor's historische Bibliothek. (man findet dort Salpeter;*) es fleht aus wie die Meere!, fläche, ohne alle Abwechslung; die Umgegend ist unbewohnt, und auch jenseits ist eine Wüste, aus welcher ein beschwerlicher Weg hinaus'ührt. Daher fleht man hier keinen Vogel und kein vierfüßiges Thier, Rehe und Ochsen ausgenommen, nicht einmal ein G-wächs, überhaupt Nichts, was für das Auge wohlthuend wäre; denn es flnd dichte Sandlager, die sich durch das Binnenland der Länge nach erstrecken. Je ärmer es aber an Nahrungsmitteln ist, desto reicher ist c< an Schlangen von verschiedener Gestalt und Größe. Besonders häufig sind die sogenannten Cer asten. Ihr Biß ist tödtlich, und an Farbe gleichen fle dem Sande. Weil fle d«m Boden, auf dem fle 'liegen, so ähnlich sehen, so erkennt man fle nicht leicht, sondern tritt gewöhnlich auf fle, ohne eS jii wissen, und kommt unversehens in Gefahr. Diese Schlangt« sollen in der Vorzeit einmal aus einem beträchtlichen Bezirk an der Gränze von Aegypten, wohin fle sich gezogen, dir Einwohner vertrieben haben. Eine wunderbare Erschein»»- kvmmt in dieser Wüste sowohl als in dem jenseits der Ehrte gelegenen Libyen vor. Zu gewissen Zeiten, besonders, wen« es windstill ifi, fleht man in der Luft Schaaren von allerhand Thiergestalten. Einige dieser Schaaren bleiben ruhig, ändert bewegen sich; bald weichen fle zurück, bald kommen fle herwärts, und es flnd lauter so ungeheure Massen, daß man von Stau- uen und Schrecken «»griffen wird, wenn man fle noch nie gesehen hat. Wen fle verfolgen und wirklich erreichen, deut *) Er sollte vielleicht beißen: rovranreov PurcrAae, s» baß der Sinn wäre: eine Strecke Landes bin von entgegengesetzter Beschaffenheit; es ist ungebaut u. s. w. Drittes Buch. 5ig überläuft kalter Schauer unter Zuckungen di« Glieder. Fremde, die dessen nicht gewohnt sind, kommen ausser sich vor Angst; die Eingeborenen aber, denen es schon oft begegnet ist, machen sich nichts daraus. Si. Diese wunderbare Erscheinung, die man leicht für bloße Dichtung halten könnte, haben einige Naturforscher auf folgende Art zu erklären gesucht. „Die Winde (sagen sie) wehen theils gar nicht in dieser Gegend, theils haben sie ihre Kraft und Schärfe verloren. In der Luft herrscht oft vollkommene Ruhe ohne die mindeste Bewegnng. Denn es gibt weder waldige Schluchten noch schattige Thäler in der Nähe; nirgends erhebt sich ein Hügel; es fehlt an großen Flüssen; die ganze Umgegend ist unfruchtbar; also steigt keine Ausdünstung auf. Und alle diese Umstände sind es ja, von welchen gewöhnlich die erste Entstehung der Winde abhängt. Da nun eine so erstickende Luft über der Libyschen Wüste siezt, so findet dort dasselbe statt, was wir zuweilen bei feuchter Witterung an den Wolken wahrnehmen, wo sich allerlei Bilder darstellen. Die verdichtete Luft gestaltet sich nämlich auf mannichfache Weise. Wenn ein schwaches, leises Wehen sich erhebt, so schwebt sie in der Höhe, kommt i» schwingende Bewegung, fliegt hin und her, und stößt au andere ähnliche Luftmassen an. Wird es aber windstill, s» senkt sie sich vermöge ihrer Schwere zu Boden, i» der Gestalt , welche sie gerade angenommen hat. Weil hier Nichts ist, wodurch sie zerstreut würde, so hängt sie sich an lebende Wesen, die zufällig au der Stelle vorübergehen, an. Aus dem Hinundherschweben darf man auf keine willkührliche Bewegung schließe». Etwas Lebloses kann ja unmöglich »»» 3ro Dwdor's historische Bibliothek. selbst fliehen oder verfolgen. Vielmehr sind die lebenden Wesen die unerkannte Ursache von dem Emporsteigen und Fortrücken. Denn, wenn sie hinzutreten, so stoßen sie die Luft mit Gewalt vor sich her, und darum weicht die Gestalt, die sich aus derselben gebildet hat, zurück, gerade als ob sie fliehen wollte. Kehren sie aber wieder um, so folgt die Luft nach, weil sie jetzt durch eine entgegengesetzte Kraft in den leeren Raum getrieben wild, um die Lücke auszufüllen; also scheint sie die Zurückgehenden zu verfolgen; denn der Zug nach der umgekehrten Richtung drängt sie auf einmal vorwärts. Wenn man nun im Fliehen sich umdreht oder stehen bleibt, so kommt man natürlich mit dem nachfolgende» Luftbild in Berührung; bei'm Anstoßen an den festen Körper fährt es auseinander, und erregt, indem es rings umher zerfließt, die Empfindung der Kälte in den Gliedern." 5r. Die bisher beschriebene Gegend gibt uns die schicklichste Veranlassung, zu berichten, was vou den Amazonen, welche ehemals in Libyen gewohnt, erzählt wird. Nach der gewöhnlichen Meinung hat es keine Amazonen gegeben ausser denen, die am Fluß Thennodon in Pontus ihre Wohnsitze gehabt haben sollen. Allein das ist nicht richtig. Die in Libyen ge- i hören nur in viel frühere Zeiten, haben aber auch denkwür- i di'ge Thaten verrichtet. Wir wissen wohl, daß die Geschickte derselben vielen Lesern etwas unerhörtes seyn und ganz befremdend erscheinen wird. Denn da dieses Amazonengeschlecht viele Mensckenalker vor dem Trojanischen Krieg völlig verschwunden ist, das am Fluß Thermodon hingegen erst kurz vor jener Begebenheit geblüht hat, so haben natürlich die spätern, welche mehr bekannt wurden, den Ruhm der älte» 32 ! Drittes Buch» ren geerbt, die nun durch die Länge der Zeit fast überall gänzlich vergessen sind. Weil wir indessen bei vielen alte« Dichtern und Geschichtschreibern, auch bei manchen der spätern , Nachrichten von ihnen finden, so wollen wir doch das Wichtigste von ihren Thaten erzählen, nach Dionysins fron Milets, der die Geschichte der Argonauten und des Dionysos und noch viele andere Begebenheiten aus der ältesten Zeit beschrieben hat. Es hat in Libyen mehrere Geschlechter von streitbaren Weibern gegeben, die durch ihren männlichen Muth hohe Bewunderung erregten. Die Gorgonen, gegen die Perseus in den Krieg gezogen seyn soll, werden als ein Volk von ausgezeichneter Tapferkeit geschildert. Wenn für den Sohn des Zeus, den Tapfersten unter den Griechen seiner Zeit, der Kamps mit denselben die größte Heldenthat war, so kann man schon daraus auf die außerordentliche Stärke dieser Weiber schließen. Auch die Heldinnen, von welchen jetzt die Rede seyn wird, stehen auf einer ungemein hohe» Stufe, wenn man den Charakter unserer Weiber dagegen hält. 5ä. „Im westlichen Theile von Libyen, am Ende der Welt, (so erzählt man) gab es ein Volk, das unter Weiberherrschaft stand und eine von der unsrigen verschiedene Lebensweise befolgte. Das Kriegführen war ein Geschäft für die Weiber. Sie mußten eine bestimmte Zeit Kriegsdienste thun und Jungfrauen bleiben. Wenn die Jahre der Dienstpflicht vorüber waren, so hatten sie zwar mit Männern Gemeinschaft, um ihr Geschlecht fortzupflanzen; aber die Regierung und die öffentlichen Aemter behielten sie sich allein vor. Die Männer hingegen lebten, wie bei uns die Frauen, in häuslicher Zurückgezvgeuheit, den Befehlen ihrer Gattinnen gehorchend. 2r, Diodor's historische Bibliothek. Sie hatten weder mit dem Krieg noch mit der Staatsrn- Wallung etwas zu schaffen, und durften überhaupt nirgend! öffentlich auftreten, wo fle ihrer Würde eingedenk, den Weibern gegenüber sich hätten geltend machen können. Die Kinder wurden sogleich nach der Geburt den Männern übergeben, welche sie mit Milch, und nach und nach, so wie ei das Alter der Kinder mit sich brachte, mit andern Speise« ernähren mußten. Wenn ein Mädchen geboren wurde, si brannte man ihm die Brüste aus, damit fle nicht zur Zeil der Mannbarkeit sich erhoben. Denn man hielt die hervorragenden Brüste für ein bedeutendes Hinderniß beim Kriegsdienst. Daher erhielten jene Weiber bei den Griechen de» Namen Amazonen, weil ihnen die Brüste fehlten. Sie haben, nach einer fabelhaften Sage, eine Insel im Tritoui- schen See bewohnt, die, weil fle weit gegen Westen lag, Hespera genannt wurde. Dieser See ist in der Nähe bi! die Welt umfließenden Oceans, und hat seinen Namen m dem Fluß Triton, der in denselben fällt. Er ist nicht wol von Aethiopien von dem Gebirge am Ocean, das sich in dir See hinaus erstreckt und bei den Griechen Atlas heißt, dem höchsten Berg in dieser Gegend. Jene Insel war »«» ziemlicher Größe lind voll von allerhand fruchtbaren Bäumen, welche den Einwohnern ihren Unterhalt verschafften. Manche besaßen auch Heerden von Ziegen und Schafen, von deren Mild und Fleisch fle sich nähren konnten. Brod genoß das Volk gar «icht, weil man von dem Gebrauch der Brodfrüchte und von dem Ackerbau dort noch Nichts wußte. Getrieben von ihrem hohe» kriegerischen Muth, eroberten die Amazonen zuerst die Städte auf der Insel (eine ausgenommen, Namens Mene, die fi!» 3-3 Drittes Buch. Heilig galt lind von Aethiovischm Ichthyophagen bewohnt war; es brachen dort starke Feue> flammen aus, und es gab viel Edelsteine von den Alten, die bei den Giechen Anthrar ^orientalischer Rubin), Sard und Smaragd heißen.) Sodann unterwarfen sie sich viele der benachbarten L byer und Nu- midier, und 'erbauten in dem Tritonischen See eine große Stadt, die von ihrer Lage den Namen C.h e rson c sus lHalbinftl) erhielt." Lz. „Don hier gingen sie auf kühnere Unternehmungen aus; es kam sie die Lust au, einen großen Theil der Welt zu durchwandern. Zuerst zogen sie zu Felde gegen die Atlant« er, das ^enttetste Volk jener Gegenden, das ein glückliches Land mit großen Städten bewohnt. Nach der Mythologie dieses Volks sind die Götter in der Nähe des Oceans geboren; was mit den Fabeln der Griechen (wovon wir bald das Nähere berichten werden) übereinstimmt. Die Königin der Amazonen, Myrina, brachte ein Heer von dreißigtansend Mann zu Fuß und zweitausend Reitern *) zu- - sammen; es war ihnen nämlich im Kriege vorzüglich um eine geübte Reiterei zu thun. Als Schuhwaffen gebrauchten sie die Häute von großen Schlangen (denn es gibt in Libyen Schlangen von ungeheurer Größe,) zum Angriff aber Schwerter und Lanzen, auch Bogen; und zwar schössen sie nicht blos gerade aus, sondern auch rückwäits auf der Flucht, und wuß, ten die Verfolgenden geschickt zu treffen. Nachdem sie in ras Land der Atlantiden eingefallen, besiegten sie die Bewoh- *) ES scheint ein Fehler in den Zahlen zu seyn, da die grdßere die der Reiter jeyn sollte. 3r4 Diodor's historische Bibliothek. «er von Ccrne in einer Schlacht, und eroberten diese Stall, indem sle mit den Fliehenden zugleich zu den Thoren m- drangen. Um unter den Nachbarn Schrecken zu verbreüe«, verfuhren fle grausam gegen die Ueberivundenen. Die jung« Mannschaft wurde niedergemacht, Weiber und Kinder in die Gefangenschaft geführt, und die Stadt zerstört. Durch die Nachricht vorn Schicksal der Cernäer in Furcht gesetzt, übergaben die andern Atlanteer ihre Städte und versprachen, alle Bedingungen, die ihnen vorgeschrieben würden, zu erfülle». Die Königin Myrina behandelte sie aber mit Milde. Sie schloß ein Freundschaftsbündniß mit ihnen, und baute stall der zerstörten Stadt eine neue, die ihren Namen sMyrms führen sollte; dahin durften die Gefangenen ziehen, und M sonst von den Landeseingebornen wollte. Es wurden ihr dafür von den Atlanteern kostbare Geschenke und hohe Ehrenbezeugungen im Namen des ganzen Volkes dargebracht. Sie nahm die Huldigungen an und versprach fernere Gunsterwei- smigen. Nun wärest die Einwohner häufig von den Gorgs- nen, einem benachbarten Weibervolk, bedrängt, mit welchem fle überhaupt in beständigem Streit lebten. Auf die Bitt« der Atlanteer fiel daher Myrina in das Gebiet der GoW- nen ein, und lieferte ihnen eine Schlacht, in welcher na-b einem hartnäckigen Kampf die Amazonen die Oberhand behielten. Don den Feinden kam eine große Zahl um, und nicht weniger als dreitausend wurden gefangen. Die Uebrigen flüchteten sich in eine Waldgegend. Myrina wollte, um das ganze Volk auf einmal auszurotten, den Wald anzünden. Allein das Vorhaben gelang nicht, und fle zog sich an die Gränze" des Landes zurück." 325 Drittes Buch. ' 55. „Da aber die Amazonen, als Siegerinnen ihrem Glück vertrauend, zur Nachtzeit nicht sorgfältig genug Wache hielten, so wurden sie von den gefangenen Weibern überfallen und viele mit ihren eigenen Schwertern gerödtet. Doch unterlagen jene endlich, von allen Seiten angegriffen, der Ueberzahl, und wurden, nach einer tapfern Gegenwehr, sämmtlich niedergehauen. Myrina ließ ihre gefallenen Streitgefährtinnen auf, drei Scheiterhaufen verbrennen und als Grabmähler drei hohe Erdhügel aufwcrfen, welche noch gegenwärtig Amazonenhügel heißen. In der Folgezeit wuchs die Macht der Gorgonen; aber sie wurden wiederum von Perseus, dem Sohn des Zeus überwunden; damals war Medusa ihre Königin. Zuletzt aber wurde dieses Volk sowohl als die Amazonen von Hercules völlig vertilgt, zu der Zeit, da er die westlichen Länder durchwanderte und die Säule in Libyen setzte. Er glaubte, wenn er der Wohlthäter des gesammten Menschengeschlechts werden wollte, so dürste er es nicht dulden, daß es noch von Weibern beherrschte Völker gäbe. Der Tritonische See ist durch Erdbeben verschwunden, welche das Land bis zum Ocean bin von einander rissen. Myrina durchzog nicht nur den größten Theil von Libyen, sondern sie kam auch nach Aezypten, und schloß ein Bündniß mit Horns, dem Sohne der Isis, welcher damals König von Aegypten war; sie bekriegte die Araber, lind richtete unter ihnen eine große Niederlage an; dann unterwarf sie sich Syrien; in Cilicien aber, wo man ihr mit Geschenken entgegen kam, und ihren Befehlen zu gehorchen sich bereit erklärte, ließ sie Älen, die sich von selbst ergaben, ihre Freiheit; und daher heißen Diese nrch jetzt die „freien Eilt 326 Dlodor's historische Bibliothek. cier." Sie bezwäng ferner die äußerst streitbaren Dill« am Taurus, ging durch G oßphrygien bis an'S Meer hinab, und nahm das ganze Küstenland ein bis an den Fluß Käl- kus, wo ste ihrem Zug eine Gränze setzte. In den eroberten Landern wählte ste mehrere znr Anstedlung gut gelegene Plätze aus und ließ daselbst Städte erbauen; eine derselben nannte ste nach ihrem eigenen Namen, die andern nach ihren angesehensten H-erlührerennen, Kuma, Pitana und Priene. Ausser diesen am Meer erbaute» Städten gründete ste noch mehrere weiter innen im Lande. Auch erobert« ste einige Inseln, namentlich Lcsbos, wo ste die nach ihrer Schwester, die den Zug mitmachte, benannte Stadt Mitylene erbaute. Während ste einige andere Inseln einnehmen wollte, übe, fiel ste ein Sturm. Sie that der Mutter der Götter Gelübde für ihre Rettung u d wurde an eine unbewohnte Inlet verschlagen. Diese Insel weihte ste nun, einem Traum- geficht zufolge, jener Göttin, richtete Märe anf und brachte herrliche Opfer dar. Sie nannte dieselbe Samothrace, das heißt, in unserer Sprache übers-tzt, die heilige Insel." Nach den Berichten anderer Geschichtschreiber hätte die Insel vordem Samos geheißen und wäre von den Thraciern, lie einst dorr wohnten, Samothrace genannt worden. Uebrigeni lantct die F.bel weiter so. „Nachdem die Amazonen auf das feste Land zurückgekehrt wäre -, ließ die Mutter der Götter, welche Wohlg.fallen an der Insel fand, mit andern Aa> stedlern ihre eigenen Söhne, die sogenannte» Korybanten, dahin ci-hen, (Wen ste züm Varer haben, ist ein Geheimniß, das nur den Eingewe-Keeu micge-heilt wird,) ordnete die Mysterien an, die noch jetzt daselbst gefeiert werden, und be- Drittes Buch. 827 stimmte einen geheiligten Platz zu einer Freistätte. Um jene Zeit fiel Mopsus, ein Thracier, der sich vor Lykurg, dem König von Thracien, flüchten mußte, in's Gebiet der Amazonen ein mit einem Heere, das sich an ihn angeschlossen hatte. Ein Kampfgenosse des Mopsus war Sipylus, welcher aus seinem Vaterlande, Scythien, das an Thracieu gränzt, ebenfalls vertrieben war. Es wurde eine Schlacht geliefert, in welcher Sipylus und Mopsus Sieger blieben und der größte Theil der Amazonen mit ihrer Königin, My- rina, umkam. Als auch im w-itern Verlauf des Kriegs, das Glück immer auf der Seite der Thracier war, kehrten endlich die übrig gebliebenen Amazonen wieder nach Libyen zurück." Ein solches Ende nahm nach der Fabel der Zug der Libyschen Amazonen. 56. Da wir der At kanteer gedacht haben» so wird es nicht am unrechten Orte seyn, wenn wir von ihren Fabeln über die Entstehung der Götter, welche von der Griechischen Mythologie nicht viel abweichen, Nachricht geben. Die Atlanteer, welche ein fruchtbares Land in der Nähe des Oceans bewohnen, und durch Gewissenhaftigkeit und Freundlichkeit gegen die Fremden sich vor ihren Nachbarn auszeichnen sollen, behaupten, in ihrer Gegend seyen die Götter geboren. Damit stimme der berühmteste Griechische Dichter überein, wenn er sJl. XIV. -00 f.s die Here sagen lasse: „Denn ich gehe z» schau'» der nährenden Erde Begränzung, Auch den Okcanos, unsre Geburt, und TcthyL die Mutter." Der erste König der Atlanteer war nach ihrer Fab.llchre Uranos. ,,Er vereinigte die zerstreut wohnenden Mensche», daß sie sich in Städte sammelten, und gewöhnte De- 328 Diodor's historische Bibliothek. ne», die ibm gehorchten , die gesetzlose und thierische Lebens- weise ab. Er entdeckte den Nutzen und die Behandlungsart der Feldfrüchte, und machte sonst manche, zweckmäßige Erfindungen. Auch eroberte er den größten Theil der bewohnten Welt, namentlich die westlichen und nördlichen Länder. Als ein fleißiger Beobachter der Gestirne sagte er Vieles, was am Himmel geschah, voraus. Das Volk lehrte er nach der Bewegung der Sonne das Jahr, und nach der des Mondes die Monate bestimmen, und auf die Ordnung der Jahreszeiten achten. Das Eintreffen seiner Vorhersagunge» erregte unter der Menge, welche von den ewigen Gesetzen der- Gestirne Nichts wußte, solche Verwunderung, daß man glaubte, Wer diese Belehrungen gegeben, müßte ein göttliches Wesen seyn. Nachdem er dem Kreise der Menschen entrückt war, erwies man ihm wegen seiner Verdienste und seiner Kenntniß der Gestirne die Ehre der Unsterblichen; und seinen Namen sUranos, d. i. Himmels trug man auf das Weltge- bäude über, nicht nur, weil man dachte, er sey vertraut mit dem Auf - und Untergang der Gestirne und mit Allem, waS sich am Himmel begibt, sondern, weil man durch die hohe Verehrung, die ihm für immer als dem König des Weltalls geweiht wurde, seine Verdienste noch überbieten wollte." 57. „Uranos zeugte füufundvierzig Kinder mit mehreren Gemahlinnen; darunter achtzehn mit der Titäa, welche ausserdem, daß Jeder seinen eigene» Namen hatte, von ihrer Mutter die gemeinschaftliche Benennung Titanen erhielten. Titäa war eine verständige Frau und erwies Andern viel Gutes; daher vergötterte man die Wohlthäterin nach ihrem Tode und nannte sie Erde. Unter ihren Töch- Drittes Buch. 3sg lern wurde» die zwei ältesten viel berühmter als die andern'; sie hießen Basilea und Rhea, von Einigen auch Pandora genannt. Bastle«, die älteste, zeichnete sich durch Besonnenheit und Einsicht weit vor den Uebrigen aus. Sie erzog aste ihre Brüder, und zwar mit gleicher mütterlicher Treue. Daher wurde sie die große Mutter genannt. Nachdem ihr Vater von den Menschen zu den Göttern übergegangen war, übernahm sie, mit Bewilligung des Volks und ihrer Brü- / der, die Regierung. Sie war damals noch Jungfrau; den« ihr ernster Sinn hatte ihr bisher nicht gestattet, sich zu ver- ehlichen. Allein der Wunsch, eigene» Kindern die Regierung zu hinterlassen, bestimmte sie später doch, daß sie mit Hype rion, einem ihrer Brüder, zu welchem sie am meisten Zutrauen hatte, sich vermählte. Sie gebar zwei Kinder, H e- lios und Selene, die durch ihre Schönheit und edle Sinnesart Bewunderung erregten. Doch die Mißgunst gegen die glückliche Mutter und die Furcht, Hyperion möchte einmal die Herrschaft an sich reisten, bewog die Brüder, zu einer abscheulichen Frevelthat sich zu verschwöre». Sie ermordete» den Hyperion, und den Helios, der noch ein Knabe war, ertränkte» sie im Fluß Eridanus. Selene, die ihren Bruder zärtlich liebte, stürzt- sich, als sein unglückliches Schicksal kund wurde, vvm Dach herab. Die Mutter aber fiel, während sie am Ufer des Flusses den Leichnam suchte, in ei» Uumacht, und hatte eine Erscheinung im Traum. Sie sah den Helios vor sich stehen, wie er ihr zusprach, sie sollte den Tod ihrer Kinder nicht beklagen; denn die Titanen werde die verdiente Strafe treffe», er aber und seine Schwester werden durch eine göttliche Fügung in unsterbliche Wesen Diobor. 5r Bbchn. 4 33o Diodor's historische Bibliothek. sich verwandeln; was nämlich bisher das heilige Feuer am Himmel geheißen habe, das werden die Menschen Helios fSonnef und die sogenannte Mene werden sie Selene fMonds heiße». Nachdem sie erwacht war, erzählte sie öffentlich den Traum und ihr vielfaches Unglück, und forderte das Volk auf, die Todten göttlich zu verehren; sie selbst aber sollte Niemand mehr am Körper anrühren. Nachher wurde sie rasend; sie raffte von dem SpielzeugMrcr Tochter Alles zusammen, was einen Klang gab, und schweifte, mit aufgelöstem Haar, im Land umher, begeistert durch den Schal! der Pauken und Cymbeln. Mit Staunen sah man sie an; Jedermann nahm an ihrem Leiden Theil, und Einige wollte» sie mit den Händen festhalten; da fiel ein heftiger Regenguß unter beständigen Dounerschlägen, und zu gleicher Zeit wurde Bastle« unsichtbar. Das Volk, über die wunderbare Begebenheit betroffen, trug wirklich auf die beiden Himmelskörper sSonne und Monds die Namen und die Verehrung von Helios und Selene über, und erkannte ihre Mutter als Göttin an und errichtete ihr Altäre. Bei den Opfern und andern ihr zu Ehren angestellten Feierlichkeiten wurde Alles, mö bei jener Geschichte vorgekommen war, nachgemacht, namentlich das laute Pauken- und Cymbelnspiel." 58. Nach einer andern Ueberlieferung wäre diese Göttin in Phrygien geboren. Die dortigen Einwohner erzählen folgende Fabel. „Es war einst ein König von Phrygte» und Lydien, Namens Mäon. Seine Gemahlin, Dindy- m a, gebar ihm eine Tochter; allein er wollte das Kind nicht aufziehen, sondern setzte es aus auf dem Berg Cybelus. Hier wurde es durch eine göttliche Fügung ernährt, indem Panther 33r Drittes Buch. und andere der stärksten wilden Thiere ihm die Brüste reichten. Das sahen einige Weiber, die in der Gegend wendeten, und voll Verwunderung über diese Erscheinung hoben sie das Kind auf, und nannten es nach dem Ort, wo sie es gefunden, Cy- bele. Schönheit und Edelsinn zeichnete die Jungfrau aus, da sie heranwuchs; auch ihr Verstand wurde bewundert. Sie war die Erste, die eine Syringe ^Hirtenflöte) aus mehreren Röhren zusammensetzte, und Cymbeln «ud Pauken zur Begleitung des Spiels und Tanzes erfand. Ferner lehrte sie, diezKrankheiten des Viehs und der kleinen Kinder durch eine Sühne abwenden. Gewöhnlich nahm sie die Kinder auf die Arme, und heilte sie durch Zaubergesänge. Wegen dieser zärtlichen Sorgfalt und Treue wurde sie allgemein die Mutter vom Berge genannt. Ihr vertrauter Freund und Begleiter war Marsyas aus Phrygien, ein äußerst verständiger und ernster Mann. Von seinem Verstände gab er einen Beweis, indem er die Töne der vielröhrigen Syringe durch die Flöte nachbildete, auf die er das ganze Tonsystem übertrug. Sein Ernst aber war daraus erkennbar, daß er sein ganzes Leben hindurch von dem Reiz sinnlicher Liebe sich frei erhielt. Cybele liebte, als sie in der Blüthe des Alters stand, einen jungen Phrygier, Attis, in der Folgezeit Papas genannt. Sie hatte heimlichen Umgang mit ihm und wurde schwanger. Eben um diese Zeit wurde sie von ihre» Eltern erkannt." 5g. „Sie wurde in die Königsburg zurückgeführt, und vou ihrem Vater zuerst freundlich, als Jungfrau, aufgenommen. Als ihm nachher ihr Vergehen bekannt wurde, ließ er ihre Erzieherinnen und den Attis tödtcn, und die Leich- 4 * 532 Diodor's historische Bibliothek. name »»begraben hinwerfen. Cybcle wurde rasend vor Schmerz über das Schicksal des geliebten Jünglings und ikrer Pflegerinnen, und eilte auf's Land hinaus. Allein durchscheine sie, mit aufgelösten Haaren, unter Jammergeichrei und Pan- kenschlag, das ganze Land. Aus Mitleid folgte Marsyas der Unglücklichen nach, und irrte mit ihr herum, eingedenk der früheren Freundschaft. Als fle nach Nysa zu Dionysos kamen, trafen sie den Apollo an, der sich daselbst auf der Cither unter großem Beifall hören ließ. Hermes hatte die Cither erfunden, aber Apollo war der Erste, der sie auf die rechte Art zu spielen wußte. Marsyas ließ sich mit Apollo in einen Wettstreit ein, und die Einwohner von Nysa wurden zu Kunstlichtern erwählt. Zuerst spielte Apollo die Cither ohne Gesang. Als darauf Marsyas die Flöte anstimmte, erstaunte män über die neuen Töne, und sein Spiel wurde viel schöner gefunden als das seines Vorgängers. Es war aber ausgemacht, daß fle abwechselnd die Proben ihrer Kunst vor den Richtern ablegen sollten. Apollo griff daher zum zweitenmal in die Saiten, die Cither mit Gesang begleitend; und nun fand fle noch viel größeren Beifall, als zuvor die Flöte. Unwillig erinnerte Marsyas die Zuhörer, es sey gegen alle Billigkeit, wenn er nachstehen müsse; die Kunst, nicht die Stimme, müsse man vergleichen; das sey der Maßstab zur Beurtheilung der Harmonie und der Melodie auf der Cither und der Flöte; überdieß könne man nicht mit Recht zwei Künste zugleich gegen eine einzige halten. Apollo dagegen behauptete, er habe gar Nichts voraus; denn er thu- nichts Anderes, als was Marsyas auch thue, indem er in die Flöte blase; entweder müsse es Beiden frei stehen, sich hiernach beurtheile» 333 Drittes Buch. zu lassen, oder dürft Jeder mit den Händen allein, aber nicht mit dem Mund, seine Kunst in dem Wettstreite zeigen. Die Zuhörer erklärten Apollo's Begehren für billiger und die Künstler mußten weitere Proben ablegen. Die Entscheidung fiel gegen Marsyas aus; Apollo aber war durch den Zwist so gereizt, daß er dem überwundenen Gegner lebendig die Haut abzog. Doch reute es ihn bald, und im Unwillen über sein« That zerriß er die Saiten der Esther, und machte seine Erfindung, die Harmonie der Töne, zu nichte. Diese wurden nachher einzeln wieder erfunden, nämlich die Meft sder Mitteltons von den Musen, der Lichanos sZeigefingertons von Linus, die Hypate und Parhypate sder letzte und vorletzte Tons von Orpheus und Thamyris. *) Apollo ließ die Esther und die Flöte als Wcihgeschenk in der Hohle des Dionysos zurück, und begleitete die herumirrende Cybele, die er liebgewonnen, bis zu den Hyperboreern. In Phrygien war eine Seuche unter den Menschen entstanden und Mißwachs auf den Feldern. Man befragte den Gott wegen der Abwendung des Unglücks, und er gebot, man sollte den Leichnam des Attis begraben und die Cybele göttlich verehren. Die Phry- gier ließen nun, da der Leichnam in der langen Zeit schon verwest war, ein Bild des Jünglings machen, um welches sie unter den gewöhnlichen Leichenfeierlichkeiten wehklagend sich versammelten, um die Schuld des Frevels zu tilgen; *1 Indem jEn^ r.trachord ist Hypate die hypate die «eine ßeA, ^ Lichauo« die ^inkSeptim«.! Mese ist die Sctave. 354 Diodor's historische Bibliothek. And diese Sitte hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Zuerst Wurden der Cybele nur Altäre errichtet, um die jährliche» Opfer darzubringen. Später aber wurde ihr in der Phrygi- schen Stadt Pessinus ein herrlicher Tempel erbaut, und glänzende Opferfeste eingeführt, hauptsächlich unter der'Leitung des kunstliebenden Königs Midas. Neben die Bildsäule der Göttin stellte mau Panther und Löwen, weil man glaubte, sie sey von diesen Thieren gesäugt worden." Dieß sind die Sagen von der Mutter der Götter, die unter den Phrygiern, und die unter den Atlanteern, den Anwohnern des Oceans, verbreitet sind. 60. Bei den Letzter» heißt der Mythus weiter also. „Nach Hyperion's Tode theilten die Söhne des Uranos bat Reich unter sich. Die Angesehensten waren Atlas und Kri> «ss. Atlas erhielt die Länder am Ocean; er nannt« d» Einwohner derselben Atlanteer; auch dem höchsten Gebirge in der Gegend gab er den Namen Atlas. Vom Lauf der Gestirne hatte er genaue Kenntnisse; er war der Erste, welcher die Menschen den Himmel als eine Kugel betrachte» lehrte. Darum hieß es, die ganze Welt ruhe auf den Schultern des Atlas; man wollte die Entdeckung und Nachbildung der Kugel durch die Fabel andeuten. Er hatte mehrere Söhne, unter welchen sich Einer Namens Hesperus, durch Frömmigkeit» so wie durch Gerechtigkeit und Leutseligkeit gege» seine Unterthanen auszeichnete. Dieser verschwand einmal plötzlich, von einem heftigen Sturm fortgeführt, als er den Gipfel des Gebirges Atlas bestieg, um die Sterne zu beobachten. Das Volk, den Verlust des Edeln bedauernd, erwies ihm göttliche Ehre, und benannte den hellsten Stern 335 Drittes Buch« am Himmel nach seinem Namen. Atlas hatte auch.sieben Töchter, welche nach ihrem Vater zusammen Atlantiden hießen. Ihre besondern Namen waren Maja, Elektra, Taygete, Asterope, Merope, Alcyone und Eeläno. Sie vermählten sich mit den erhabensten Heroen und Göttern und wurden die Stamm-Mütter von einem großen Theile des Menschengeschlechts; denn ihre Söhne waren Diejenigen, die um ihrer Verdienste willen für Götter und Heroen erklärt wurden. Maja z. B., die Aelteste, gebar dem Zeus den Hernues, dem die Menschen viele Erfindungen verdanken. Ebenso wurden die Söhne der andern Atlantiden entweder als Stamm- väter von Völkern oder als Erbauer von Städten berühmt. Daher galten auch bei den Griechen, wie bei einigen auswärtigen Völkern, die meisten Heroen der Urzeit für Abkömmlinge der Atlantiden. Diese Töchter des Atlas waren durch Weisheit ausgezeichnet, und nach ihrem Tode würdigte man sie göttlicher Ehre, und versetzte sie an den Himmel unter dem Gesammtnamcn der Plejade». Die Atlantiden hießen auch Nymphen, weil unter den Eingeboraen Nymphe der allgemeine Name für ei» Weib ist." 6>. „Kronos, der Bruder des Atlas, ein äußerst ruchloser und habsüchtiger Mann, verehlichte sich mit seiner Schwester Rhea, und zeugte mit ihr den Zeus, welcher Nachher der Olympier hieß. Es hat aber auch noch einen ander» Zeus gegeben; der war des Uranos Bruder und König von Kreta, und wurde weit nicht so berühmt als der Jüngere , der über die ganze Welt regierte. Jener ältere, der Beherrscher der ebengenannteu Insel, hatte zehen Söhne, die Küret rn. Der Insel gab er den Namen seiner Gemahlin 336 Diodor's historische Bibliothek. Idäa. Daselbst starb er auch und wurde begraben, u«t noch gegenwärtig zeigt man den Platz, wo sein Grab war? (Dieß stimmt übrigens mit der Erzählung der Kreter, m- von wir bei der Geschichte von Kreta ausführlich sprich«» werden, nicht überein.) „Kronos herrschte in Sicilie» und Libyen, auch in Italien. Es waren also durch»»! nur die westlichen Länder, über die sich sein Reich erstreckn. Ueberall versah er die Burgen der Städte und die fest« Plätze mit Besatzungen. Daher kommt es, daß nach seinem Namen noch jetzt in Sicilien und andern Gegenden des Abe»i> landes manche Anhöhen Kronia genannt werde«. Zeus, der Sohn des Kronos, befolgte eine ganz andere Handlungsweise als sein Vater. Er begegnete Jedermann mit Milde und Freundlichkeit, und wurde vom Volk Vater genannt. Die Regierung wurde ihm nach Einigen von seinem Vater freiwillig abgetreten, nach Andern aber durch die Wahl de! Volks übertragen, weil man seinen Vater haßte. Nun bekriegte ihn Kronos mit Hülfe der Titanen; allein Zeus gewann eine Schlacht, und wurde Herr des ganzen Reichs. Hierauf durchwanderte er die Welt als Wohlthäter des Menschengeschlechts. Er besaß auch eine ausgezeichnete Körperstärke und alle möglichen Vorzüge; und darum wurde er so schnell Beherrscher der ganzen Welt. Mit allein Vifer um er darauf hauptsächlich bedacht, die Ruchlosen und Bösewichte zu strafen, und sein Volk zu beglücken. Deswegen wurde er, nachdem er von den Menschen geschieden war, Zen genannt; denn fle betrachteten ihn als den Urheber von dem Glücke ihres Lebens sZsnj; und zum Beweis ihrer dankbaren Verehrung erhoben fle ihn in den Himmel, indem fle ihn Alle aus Drittes Buch. 23? freiem Antrieb für einen Gott und für den Herrn des Weltalls auf ewig erklärten. So lautet, der Hauptsache nach, die Gdtterlehre der At lauteer. Sr. Da wir in der Geschichte von Aegyvten die Berichte der Eingeborncn von der Herkunft und den Thaten des Dionysos angeführt haben, so wird es zweckmäßig seyn, hier die Sagen der Griechen von diesem Gott beizufügen, klebrigen haben die alten Mythographen und Dichter so widersprechende Nachrichten von Dionysos gegeben und so viel Wundermährchen in Umlauf gebracht, daß es schwer zu sagen ist, woher dieser Gott stammt und was durch ihn geschehen ist. Nach der einen Erzählung hat es nur Einen Dionysos, nach der andern aber drei gegeben. Einige behaupten, es sey gar nie ein Dionysos in 'Menschengestalt geboren , sondern es sey die Gabe des Weins gemeint. Wir wollen daher den Hauptinhalt der verschiedenen Berichte kurz angeben. Wenn man nach der physiologischen Ansicht von dieser Gottheit die Frucht des Weinstocks unter Dionysos versteht, so nimmt man an, die Rebe habe sich, wie ander« Gewächse, von selbst aus der Erde erzeugt, und sey nicht erst durch einen Erfinder gepflanzt worden. Man beruft sich dafür auf die Erfahrung, daß eS noch jetzt an vielen Orten wilde Weinstbcke gibt, welche ebensowohl Früchte tragen, als die durch menschliche Kunst gezogenen. Um den Namen Dien etvr fder Doppelmütterliche), den die Alten dem Dionysos geben, zu erklären, rechnete man das Heranwachse» der in die Erde gepflanzten Rebe für die erste Geburt, und die Entwicklung und Zeitigung der Trauben für die zweite; so baß der Gott das einemal aus der Erde, das anderemal aus 338 Dlodor'S historische Bibliothek. der Nebe geboren würde. Es gibt aber auch noch eine Sa-e von einer dritten Geburt des Gottes, nach welcher er ei« Sohn des Zeus und der Demeter wäre, den die Erten- söhne zerfleischt und gekocht, Demeter aber, indem sie du Glieder wieder zusammensetzte, von neuem geboren hätt!. Auch dieser Erzählung will man eine naturhiflorische DeutW unterlegen. Ein Sohn des Zeus und der Demeter heiß! Dionysos, weil die Rebe aus der Erde und dem Regen ihn» Nahrungssaft ziehen müsse, um die Frucht zu tragen, a»i welcher man den Wein presse. Das Zerfleischen des Jung- lings durch die Erdensöhne sey ein Bild von der Einheimsn»- und Behandlung der Trauben durch die Landleute. *)HDurch das Abkochen der Glieder sey in der Fabel die Gewohnheit dargestellt, den Wein zu kochen, damit er mehr?, Blume und Kraft gewinne. Die Wiederherstellung des lebendigen Zusammenhangs zwischen den durch die Erdensöhne zerrissenen Gliedern bezeichne die verjüngende Kraft der Erde, welche jährlich den Weinstock, nachdem er abgeleert und zur gehörigen Zeit beschnitten ist, neue Früchte tragen läßt. Die Mutter Erde Demeter zu nennen, sey ja bei den alten Dichtern und Mythographen etwas Gewöhnliches. Man will diese Ansicht übereinstimmend finden mit gewissen Aussprüchen iil den Orphischen Gedichte» und mit den geheimen Belehrung«» bei den Mysterien, worüber man Ungeweihten keine nähere» Aufschlüsse geben darf. Auf eine ähnliche Art suchtZman i« der Natur auch den Grund von der Sage, daß Semele die *) ^/«cr rö roüg rr/v ^7sz«izrL>lN- ro- ist offenbar ein »«ächter Zusatz. Drittes Buch. 33g Mutter des Dionysos sey. Man behauptet nämlich, bei den Alten habe die Erde Thyvne geheißen; daher habezdiese Göttin zweierlei*) Namen, Semele svou semnvs und me- leis, weil man mit Ehrfurcht ihren Dienst besorgt, Thyvne aber, weil ihr Opfer und Rauchwerk sThysia und Thyale) dargebracht wird. Die Nachricht, Dionysos sey von Zeus zweimal gezeugt, soll daher kommen, daß in Deukalion's Fluth mit den übrigen Gewächsen auch der Weinstock unter« gegangen, aber nach der Ueberfchwemmung wieder aufgesproßt sey; was man denn als eine zweite Erscheinung jenes Gottes unter den Menschen betrachtet, und in den Mythus von einer zweiten Geburt desselben aus der Hüfte des Zeus eingekleidet habe. So werden die Sagen über Dionysos von Denjenigen erklärt, welche darin blos den Wein als eine nütz» liche und wichtige Erfindung dargestellt sehen. 6Z. Die andern Mythographen, welche diesen Gott als «in persönliches Wesen betrachten, stimmen darin überein, daß sie ihm die Erfindung des Weinbaues und der ganzen Weinbereitung zuschreiben; ob es aber mehr als Einen Dionysos gegeben habe, darüber sind sie im Streit. Einige behaupte», es sey Einer und Derselbe, der die Benutzung der Weintrauben und des Obstes eingeführt, der den Zug durch die ganze Welt gemacht, und der die Mysterien mit den heiligeu^Gc« bräuchen und die Bacchusfeste angeordnet habe. Andere hingegen, wie gesagt, nehmen an, es seyen drei gewesen, zu verschiedenen Zeiten, und von Jedem erzählen fle eine beson- dere Geschichte. „Der Aelteste ist aus Indien gebürtig. *) Statt ist wahrscheinlich Serrnz» zu lese». 340 Diodor's historische Bibliothek. Er war der Erste, der den Saft der Rebe, die in diesem fruchtbaren Lande häufig wild wächst, auspreßte, und die köstliche Beschaffenheit deS WeineS entdeckte. Ebenso pflegte er Feigen- und andere Obstbäume mit der gehörigen Sorgfalt, um die Früchte derselben, deren ganze Behandlungsart» angab, aufbewahren*) zu können. Er hatte einen langn« Bart, weil eS bei den Indern eine streng beobachtete bitte ist, daß man sein Lebenlavg den Bart wachsen läßt. Dionysos zog mit einem Heer durch die ganze Welt, um die Pflanzung der Reben zu lehre» und daS Auspressen der Trauben in der Kelter. Daher erhielt er den Namen Leu Lot sKelterers. Auch seine andern Erfindungen theilte er Jedermann mit. Zum Dank dafür widmete man ihn, nachdem u von den Menschen geschieden war, göttliche Ehre. Man zeigt in Indien noch gegenwärtig den Ort, wo dieser Gott geboren wurde, und Städte, die in der Landessprache seinen Namen führen." SS sollen auch noch manche andere merkwürdige Spuren seiner Abstammung auS Indien vorhanden seyn,' allein eS würde zu weit führen, wenn wir sie angeben wollte». 6z. Einen zweiten Dionysos soll Zeus nach der eine» Sage mit Persephone, »ach der andern mit Demeter erzeugt haben. ,,Dieser war eS, der zuerst Ochsen vor de» Pflug spannte, statt daß früher daS Feld durch Menschenhände gebaut wurde. Er förderte den Ackerbau auch durch viele andere sinnreiche Erfindungen, wodurch die Landleute *) Statt illlya'stoetrv ist wahrscheinlich riapä^kerr» zu lese«. Die Worte örö »ai ^izraro» ör-o/eao-öHra» gehör« nicht hierher. Drittes Buch. 34» mancher Beschwerden überhoben wurden. Dafür weihten Diese ibrrm Wohlthäter göttliche Ehre und Opfer, und gern erkannten ihn alle Menschen um seiner hohen Verdienste willen als einen Unsterblichen. Die Maler und Bildhauer gaben ihm Hörner zum Abzeichen; fle wollten damit theils seinen tapfern Muth,*) theils die Erfindung des Pflugs andeuten, welche den Landleuten einen so wichtigen Vortheil gewährte." Don dem dritten Dionysos sagt die Fabel, Genicke, die Tochter des Kadmus, habe ihm den Zeus zu Tbebä in Döotien geboren. „Zeus hatte die schöne Seines« liebgewonnen und mehrmals besucht. Um Rache zu üben, nahm die eifersüchtige Hera die Gestalt von einer Vertrauten der Semcle an und stellte ihr vor, es gebührte sich, daß Zeus, wenn er fle besuchte, in derselben Herrlichkeit sich offenbarte , wie wenn er die Hera umarmte. Jene ließ sich be- thören, und bat den Zeus, er möchte fle gleicher Ehre, wie die Hera, würdigen. So kam er denn mit Donner und Bliy; allein Semele konnte die majestätische Erscheinung nicht ertrage»; fle wurde zu frühe entbunden und starb. Das Kind verschloß Zeus schnell in seine Hüfte, bis zum Versluß der Zeit, in welcher es nach dem Lauf der Natur vollends znr Geburt reif wurde. Sodann brachte er es nach NHsa in Arabien, wo es von Nymphen erzogen wurde, und von seinem Vater und diesem Ort den Namen Dionysos erhielt. Es wurde ein Jüngling von ausgezeichneter Schönheit. Seine *) Statt Lt'roo!?, wofür Einige erlern haben, was ebensowenig einen Sinn gibt, sollte es vielleicht heißen 34» Diodor's historische Bibliothek. frühern Jahre brachte er bei Reigen und Weiberfeste» z», unter Vergnügungen und Spielen aller Art; später aber brachte er ein ganzes Heer von Weibern zusammen, das n mit Thyrsusstäben bewaffnete, und zog mit demselben durch die ganze Welt. Da führte er die Anstalten der Weih«, ein, und machte Diejenigen, weiche die Götter verehrten und ein.rechtschaffenes Leben führten, mit den Mysterien bekannt. Ferner stellte er überall Festversammlungen an und Mitkämpfe zwischen Künstlern. Die Streitigkeiten zwischen Völkern und Staaten -vnrden von ihm gänzlich beseitigt, und an die Stelle der Unruhen und Kriege trat durch seine Bemühungen Eintracht nud allgemeiner Friede." 65. ( 64 .) »Da sich nun die Nachricht von der Erscheinung des Gottes überall verbreitete, und man zugleich hörte, welchen wohlthätigen Einfluß -sein huldvolles Betragen gegen Jedermann auf die Milderung der Sitten des geselligen Lebens hätte, so kam mau ihm schaarenweise entgegen und empfing ihn mit großer Freude. Nur Wenige waren es, die aus Stolz und Frechheit ihn verachteten, und ihm Schuld gaben, er führe die Bacchantinnen nur zur Befriedigung seiner Lüste mit sich, und die Weihen und Mysterien dienen ihm als Mittel, die Weiber zum Ehebruch zu verführen. Allein solche Menschen mußten auf der Stelle büßen. Bald ließ er die Ruchlosen die Ueberlegenheit der ihm angeborenen Kraft fühlen, indem er sie zur Strafe entweder rasend mächte, oder von den Weibern lebendig in Stücke zerreißen ließ; bald wandte er eine Kriegslist an, um den Widersachern un- vermuthet den Untergang zn bereiten. Er gab den Bacchantinnen statt der Thyrsusstabe Lanzen in die Hände, an wel- Drittes Blich. 343 cheu die eiserne Spitze mit Epheu umwunden war. Die Könige, nichts ahnend, rüsteten sich nicht zum Kampf, weil fle eia Heer von Weibern gering achteten; da wurden fle unversehens mit Wurfspießen angegriffen. Die Bekanntesten, an welchen Dionysos Rache übte, flnd in Griechenland Pen- theus, in Indien König Myrrhanus, und Lykurg in Thracien. Als Dionysos sein Heer von Asten nach Europa herüberführen wollte, schloß er ein Bündniß mit Lykurg, welcher in dem Theil von Thracien, der an den Hellespont stößt, König war. Er ließ zuerst, weil es ja Frenndes- land war, die Bacchantinnen herüberschiffen. Da gab Lykurg seinen Soldaten Beseht, den Dionysos Nachts zu überfallen und mit allen seine» Mänaden zu ermorden. Don diesem Anschlag erhielt Dionysos Nachricht durch einen der Eingeborenen, Namens Tharops. Er erschrack, weil er seine Truppen auf dem jenseitigen Ufer hatte, und nur sehr Wenigejseiner Getreuen mit ihm gekommen waren. Daher fuhr «^heimlich wieder zu seinem Heer hinüber. Lykurg griff indessen die Mänaden in dem sogenannte» Nysium an, und fle kamen alle um. Dionysos aber setzte mit seinem Heer über, und beflegte die Thracier in einer Schlacht, in welcher Lykurg gefangen wurde. Er ließ ihm die Augen ausstechen und ihn kreuzigen, nachdem er ihn auf alle Art gemartert hatte. Hierauf machte er den Tharops aus Dankbarkeit für den Dienst, den er ihm geleistet, zum König von Thracien, und lehrte ihn die zu den Weihen gehörigen Orgien. *) Von *) Die Opfer unb übrigen Begeisterung ausdrückende» Ceremonie», ,die bei den Bacchische» Mysterien vorkamen. 344 Diodor'S historische Bibliothek. Tharops ging die Regierung auf seinen Sohn O eager über, und zugleich die bei dem geheimen Gottesdienste herkömmlichen Weihegebräuche. Diese wurden sodann dem Orpheus von seinem Vater Oeager mitgetheilt. Orpheus besaß außerordentliche Naturanlagen und Kenntnisse, und änderte Manches in der Einrichtung der Orgien. Deswegen werden die von Dionysos veranstalteten Weihen auch die Orphischen genannt (Einige Dichter, z. B. Antimachns, behaupten, Lykurg st? nicht König von Thracier,, sondern von Arabien gewesen, und in dem Arabischen Nysa habe er den Dionysos und die Bacchantinnen angegriffen.) Nachdem Dionysos die Frevler bestraft hatte, während er andere Menschen freundlich behandelte, hielt er bei seiner Rückkehr aus Indien auf einem Elephanten seinen Einzug in Thebä. Der Zug hatte im Ganzen drei Jahre gedauert, und das ist die Ursache, warum die Griechen das dreijährige Fest feiern. Aus einem so glänzenden Feldzug brachte Dionysos auch reiche Beute mit, und er ist der Allererste, der im Triumphe in seine Vaterstadt einzog." 68. (65.) Ueber diese verschiedenen Erscheinungen des Dionysos sind die Alten im Ganzen einstimmig. Uebrigens streiten sich nicht wenige Griechische Städte um seine Geburt. Die Eli er 'und Narier, auch die Einwohner von Eleutherä und Teos und mehrere Andere behaupten, bei ihnen sey er geboren. In Teos beruft man sich zum Beweis, daß dieser Gott daher stamme, auf die Erscheinung, daß noch gegenwärtig zu bestimmten Zeiten in der Stadt eine köstlich duftende Quelle mit Wein von selbst hervorströme. In den andern Städten zeigt man entweder ein dem Dionysos geheiligtes Stück Landes, oder Tempel und heilige PlGe, Drittes Buch. 3^5 welche von Alters her ihm ausdrücklich gewidmet sind. Da dieser Gott überhaupt in so vielen Gegenden der Welt Spuren seiner wohlthätigen Erscheinung zurückgelassen hat, so ist es kein Wunder, wenn die Einwohner jedes Landes und jeder Stadt, Dionysos als ihren Angehörigen betrachten. Für das vorhin Gesagte zeugt der Dichter in den Hymnen, wen» er von dem Streite über die Herkunft des Dionysos spricht, und sich dann für die Meinung erklärt, daß er zu Nysa in Arabien geboren sey. „Denn in Drskannm, sagen sie hier, o göttlicher Sprößling, Oder auf Ikarus windigen Höh'», dort «der, auf Napos, Dort, am wirbelnden Strome des Alpheus habe. Gekrönter, Eemele dich dem Donnerer Zeus, dem Erzeuger, geboren. Andere gaben dir noch, o König, Theben zur Heimat!). Lügen! Geboren hat dich der Götter und Sterblichen Bater, Fern von Menschen, verborgen der lilienarmige» Here. Nysa liegt auf hohem Gebirg', in blühender Waldung, Von Phönieie» fern, und nahe dem Strom Aegyptus." Ich weiß übrigens wohl, daß auch Libyen, nämlich die Gegend in der Nähe des Oceans, die Ehre, diesen Gott geboren zu haben, sich zueignet, nnd daß man auch dort ein Nysa und Anderes, was in den Mythen des Dionysos vorkommt, nachweist, wovon sich manche Spuren noch bis auf unsere Zeit in jenem Land erhalten haben sollen; und daß es sogar in Griechenland Viele unter den alten Mythographen und Dichtern und nicht Wenige unter den spätern Schriftstellern gibt, die mit jenen Angaben übereinstimmen. Um daher Nichts, was zur Geschichte des Dionysos gehört, zu übergehen, will ich das Wichtigste aus den Berichten der Linder und aus den damit übereinstimmenden Erzählungen Diobor. ZS Bdchn, 5 3ej6 Dlodor's historische Bibliothek. Griechischer Geschichtschreiber, namentlich des Dionysius svon Milelss ausheben, der «in Werk über die alte Fabelgeschichte verfaßt hat. Er hat nämlich die Gagen von Dionysos und den Amazonen, den Argonautenzug, die Begebenheiten des Trojanischen Kriegs und noch vieles Andere be- schrieben, und zugleich die Schriften der Alten, der Mytho» logen sowohl als der Dichter, angehängt. 67. (66.) „In Griechenland sso erzählen Jene) war Linus der Erste, der den Rhythmus und die Melodie erfand. Ferner trug er zuerst die Zeichen, welche Kadmus nuter dem Namen der Buchstaben aus Phönicien mitgebracht hatte, auf die Griechische Sprache über, und bestimmte jedem derselben seinen Namen und seinen Schriftzug. Die Buchstaben erhielten nun, weil die Griechen sie von den Phöniciern bekommen hatten, die allgemeine Benennung Phö «irische Buchstaben, aber auch den besondern Namen Pelasgi sehe, weil die Pelasger zuerst die übergetragenen Schriftzeichen gebrauchten. Linus war als Dichter uud Sänger bewundert, und hatte viele Schüler, unter welchen Hercules, Tha- myris und Orpheus die bekanntesten sind. Hercules lernte das Citherspiel, war aber zu stumpfsinnig, um die Kunst begreifen zu können. Da er nun von Linus mit Schlägen bestraft wurde, so nahm er im Zorn die Cither und schlug damit seinen Lehrer todt. Thamyris hingegen war von der Natur vorzüglich begabt, und brachte es in der Musik so weit, daß er sich rühmte, er singe, wenn es auf das Melodische ankomme, schöner als die Musen. Darüber erzürnt, beraubten ihn die Göttinnen seiner Kunst und zugleich des Drittes Buch. 34? Gesichts; was auch Homer bezeugt» wenn er sagt sJl. II. 5gi ff-i — — — — „dort, wo die Musen Lhamyris fanden, den Thraker, und schnell des Gesanges beraubten." und weiter so. 5 gg ff. 1 : „Doch die Zürnenden schuft» ihn blind, und nahmen des Liedes Göttliche Gab' ihm hinweg, und machten der Hars' ihn vergesse»." (Don Orpheus, dem dritten Schüler?, werden wir ausführlich sprechen , wenn wir an seine Geschichte komme».) Linus nun zeichnete mit Pclaszischer Schrift die Thaten des ersten Dionysos auf und hinterließ auch Denkwürdigkeiten aus der übrigen Sagengeschichte. Ebenso bedienten sich der Pslasgb- schen Buchstaben Orpheus, und Pronapides, der Lehrer Homers, ein trefflicher Sänger. Thymötes ferner, der Sohn des Thymötes und Enkel des Laomedon, ein Zeitgenosse des Orpheus, kam auf seinen weiten Wanderungen durch die Welt auch in den westlichen Theil von Libyen hinüber bis an den Ocean, sah dort Nysa, wo nach der Mythologie der alten Einwohner Dionysos erzogen seyn soll, und beschrieb die Geschichte dieses Gottes, die er sich von den Nysäern umständlich erzählen ließ, in dem sogenannten Phrygische» Gedicht, in welchem Sprache und Schrift gleich alterthüm- lich ist." 68.(67.) Dieser berichtet nun Folgendes. „Ammon, König von einer Landschaft in Libyen, nahm Rhea, die Tochter des Uranos, eine Schwester des Kronos und der andern Titanen zur Ehe. Auf einer Reise, die er Lurch sein Reich machte, fand er in der Nähe der Ceraunischen Ee- 5 * Z48 Dlodor's historische Bibliothek. Arge, eine ausgezeichnet schöne Jungfrau, Namens Amalthea. Er verliebte sich in dieselbe, und zeugte mit ihr einen Sohn, dessen Schönheit und Körperkraft Bewunderung erregte. Die Amalrhea machte er z»r Beherrscherin der ganzen Umgegend, welche die Gestalt eines Knhhorns halte, und deßwegen das westliche Horn genannt wurde. Das Land war so ergiebig, daß es Wcinstöcke aller Art und andere Gewächse, welche milde Früchte tragen, in Menge hervorbrachte. Als es nun unter die Herrschaft jener Frau kam, erhielt es von ihr den Namen Horn der Amalthea. Dieß ist die Ursache, warum auch in späterer Zeit jedes vorzüglich gute Land, welches an allerlei Früchten Ueberfluß hat, ebenfalls ein Horn der Amalthea heißt. Aus Furcht vor der Eifersucht der Rhea verbarg Ammou das Kind, und nahm es heimlich mit sich nach Nysa, einer weit von jener Gegend entlegenen Stadt. Sie lag auf einer von dem Fluß Triton umströmte« Insel, welche ringsum steile Ufer und nur auf Einer Seite einen schmalen Zugang hatte, die Ny- se'tschen Pforten genannt. Dort war ein gesegnetes Land; es wechselten liebliche Wiesen und Gärten, welche reichliche Wässerung erhielten. Es gab allerhand Obstbänme; der Weinstock wuchs häufig wild, meistens an Bäumen sich hinaufram kend. In der ganzen Gegend war die Luft rein und äußerst gesund; daher erreichten die dortigen Einwohner ein höheres Alter als alle ihre Nachbarn. Der vordere Eingang zu der Insel glich einer Höhlgasse, und war von eiuer gedrängten Reihe hoher Bäume so umschattet, daß die Sonnenstrahlen durch das Dikicht nicht völlig durchscheinen konnte», sonder» nur eine Helle sichtbar war." Drittes Buch. 69 (68.) ,,Uebcralk sah man, wo mau vorüberging, Quellen hervorsirömen, welche sehr süßes Wasser hatten; so baß man slch keinen angenehmeren Aufenthalt wünschen konnte. Sodann folgte eine kreisförmige, wunderschöne Höhle von ausservrbentlichcm Umfang. Ueber derselben zog sich rings herum ein steiler Fels von erstaunlicher Höhe, an welchem sich ein herrliches Farbenspiel zeigte. Abwechselnd schimmerte Las Gestein hier wie Meerpurpur, dort wie Lazur, dort wieder wie andere glänzende Körper; es gibt keine Farbe in der Welt, die man an dieser Stelle nicht gesehen härte. Vor dem Eingang standen wundersame Baume, theils fruchttragend, theils immer grün, nur eben, um das Auge zu ergötzen, von der Natur geschaffen; auf denselben nisteten Böget aller Art; sie hatten prächtige Farben und ihr Gesang warA'ußerst angenehm. Es war demnach an diesem Orte Alles, nicht nur, was man sah, sondern auch, was mau hörte, eines Gottes würdig; den lieblichen Tönen, welche hier die Natur hervorrief, hätte wohl ein nach den Regeln der Kunst ausgeführter Gesang weichen müssen. Trat man durch die Oeffnung hinein, so sah man die Höhle sich ausbreiten und rings im Sounenglanze strahlen. Da sproßten mancherlei Blumen, besonders Kasia, und andere Gewächse, die das ganze Jahr ihren Wohlgcruch behalten. Auch sah man in der Höhle mehrere Lagerstätten von Nymphen, aus allerlei Blumen, nicht von Menschenhänden, sondern, wie es Göttern ziemt, vo» der Natur selbst bereitet. In der ganzen Gegend rings umher war keine verwelkte Blume und kein gefallenes Blatt zu sehen. Der Ort gewährte also nicht 35 o Diodor'S historische Bibliothek. blos einen reizenden Anblick, sondern man fand da auch des lieblichsten Geruch." 70. (69.) „In dieser Höhle nun legte Ammon das Kind nieder, und übergab es der Nysa, Einer von den Töchtern des Aristäus, znr Pflege. Zum Erzieher desselben bestimmte er den Aristäus, einen sehr einsichtsvollen Mann ssn edler Gesinnung und vielseitiger Bildung. Als Beschützerin des Kindes gegen die Nachstellungen seiner Stiefmutter Rhea stellte er die Athene auf, welche kurze Zeit vorher aus der Erde entsprossen war bei dem Flusse Triton, daher sie den Beinamen Tritonis hat. Diese Göttin (so erzählt die Fabel) war so ernster Sinnesart, daß sie zu immerwährender Jungfrauschaft sich entschloß; durch ihren außerordentlichen Scharfsinn wurde sie die Erfinderin der meiste» Künste; sie beschäftigte sich auch mit dem Kriege, und zeichnete sich durch Muth und Stärke aus. Eine ihrer denkwürdigsten Thaten war die Erlegung der sogenannten Aegis, eines furchtbaren, fast nnbczwinglichen Ungeheuers. Es war aus der Erde geboren, und hatte die Eigenschaft, daß es aus seinem Rachen immerfort Flammen auswarf. Zuerst erschien es in Phrygien, und verbrannte das Land, das noch jetzt das au s ge brann te Phrygien heißt; sodann kam eS auf das Grbirge Taurus, und verbrannte die Waldungen in einer Reihe fort von da bis »ach Indien; hierauf kehrte rs wieder um bis an's smittelländischef Meer, zündete i» Phönicier, die Wälder auf dem Libanon an, zog durch Aegypten, kam in Libyen bis in die westlichen Gegenden, und warf sich zuletzt auf die Wälder der cerauni scheu Gebirge sin Epiruss. Da nun der Boden überall ausge« 35 , Drittes Buch. -rannt wurde, und die Einwohner entweder umkamen, oder m Schrecken ihre Heimath verließen und in ferne Länder wanderten, so tödtete Athene daö Thier. Der Sieg gelang ihr theils durch List, theils durch ihre Tapferkeit und Stärke. Das Fell des Thieres trug sie als Brustharnisch, nicht blos zur Bedeckung und Schutzwehr des Körpers für Künftige Kimpfe, sondern auch zum Andenken der tapfern That und des verdienten Ruhmes. Die Mutter des Ungeheuers, die Erde, brachte, darüber erzürnt, Widersacher der Götter hervor, die sogenannten Gig anten, welche nachher von Zeus bezwungen würden unter dem Beistande der Athene und des Dionysos und der übrigen Götter. Uebrigens zeichnete sich Dionysos, nachdem er in Nysa erzogen war und zu den cdelstrn Beschäftigungen Anleitung erhalten hatte. Nicht blos durch Schönheit und Körperkraft aus, sondern auch Kunstfertigkeiten besaß er und die Fähigkeit zu allerhand nützlichen Erfindungen. Er entdeckte schon als Knabe die Entstehung und die Wirkung des Weines, indem er Trauben des wildwachsenden Weinstocks ausdrückte. Auch sfand er, was für Obstgattungen sich dörren lassen und zum Aufbewahren taugen, und sodann, wie jedes dieser Gewächse anzupflanzen ist. Gerne theilte er dem Menschengeschlechte seine Erfindungen mit, weil er hoffte, für ein so wichtiges Verdienst werde ihm die Ehre der Unsterblichen zu Theil werden." 7>. (70.) „Als der Ruhm seiner Verdienst« sich'auS- breitete, sann Rhea auf Rache gegen Ammou, und suchte den Dionysos in ihre Gewalt zu bekommen. Da aber ihre Bemühungen mißlangen, so verließ sie den Ammvn und 35s Dl'odor's historische Bibliothek. wandte sich an ihre Brüder, die Titanen. Sie vermählte sich mit ihrem Bruder Kronos, und Dieser ließ sich von Rhea bewegen, mit denselben den Ammon zn bekriegen. Es kam r» einer Schlacht, in welcher Kronos Sieger blieb. Ammon flüchtete fleh, durch Mangel an Lebensmitteln gezwungen, nach Kreta. Dort nahm er Kreta, die Tochter eines der damaligen Könige, der Kuretev, zur Ehe, und^ wurde der Beherrsche: des Landes; die Insel, welche zuvor^Jdäa hieß, nannte er nach seiner Gemahlin Kreta. Kronos nahm Ammoii's Gebiet in Besitz und herrschte da mit Strenge. Er zog mit einem großen Heere gegen Nysa und gegen Dionysos. Als Dieser von dem Unglück seines Vaters und von der Vereinigung der Titanen gegen ihn selbst Nachricht erhielt, brachte er Soldaten in Nysa zusammen. Unter Diesen waren zweihundert seiner Zugendgefährten, voll Muth und ihm ganz ergeben. Aus der Nachbarschaft zog er die Lib yer an sich und die Amazonen" (von welchen'wir oben erzählt haben, daß sie sich durch Tapferkeit ausgezeichnet, und, nachdem sie zuerst nur ihre Gränznachbarn angegriffen, einen große» Theil der bewohnten Welt erobert haben sollen). „Diese wurden vorzüglich durch Athene zur Theilnahme an dem Kampfe bewogen, weil sie mit ihr nach demselben Ziele strebten; denn es war ja den Amazonen um den Ruhm der Tapferkeit und der Jungfrauschaft hauptsächlich zu thun. Die Heeresmacht wurde getrennt, so daß Dionysos die Männer anführte und den Befehl über die Weiber Athene erhielt. Sie griffen hierauf mit ihrem Heere die Titanen an und lieferten ihnen eine Schlacht. Der Kampf war hartnäckig, und ein« große Zahl fiel auf beiden Seiten. Kronos wurde ver« 353 Drittes Buch. wundet, «Nd Dionysos, der in diesem Treffe» sich auszeichnete, gewann den Sieg. Da flohen die Titanen in die Gegenden, welche Ammon im Besitz gehabt hatte, und Dionysos kehrte mit einem großen Züge von Gefangenen nachM)sa zurück. Hier ließ er die Gefangenen durch die bewaffnete Macht nmringen und eine Klage gegen die Titanen anstellen, so daß Zeve nichts anderes erwarten konnten, als, Dionysos werde sie niedermachen. Allein er sprach sie los von der Schuld, und ließ ihnen die Wahl, ob sie in seinem Heere dienen oder abziehen wollten; da entschlossen sich Alle zum Erstem. Sie verehrten ihn wie einen Gott wegen ihrer unerwarteten Rettung. Dionysos ließ die Gefangenen vorführen» und jeden Einzelnen, indem er ihm einen Becher mit Opferwein reichte, schwören, daß er es treulich mit ihm halten und bis in den Tod standhaft für ..ihn kämpfen wollte. Daher hieß man sie Hypospondoi sdurch Opferwein Verpflichtetes, und nachdem diese Benennung hier zum erstenmal gebraucht war, wurden später die zwischen Kriegführenden geschlossenen Vortrage, bei welchen man jene Sitten beibehielt, Spvndai sTrankopfer) genannt fund Diejenigen, die einen solchen Vertrag eingingen, Hypvspondvis." 72. (71.) „Als Dionysos im Begriffe war, gegen Kro- nos in's Feld zu ziehen, und das Heer aus Nysa ausrückte, brachte sein Erzieher Aristäus ein Opfer dar; er war der Erste unter den Sterblichen, der dem Dionysos als einem Gott opferte. Auch die Edeln von Nysa, Silener genannt, zogen mit in den Krieg. Silenus war nämlich der allererste König von Nysa, aus einem uralten Stamme, von welchem Niemand mehr etwas weiß. Die Natur hatte 354 Diodor'S historische Bibliothek. ihn durch einen Schwanz an den Hüften ausgezeichnet, und diese Eigenthümlichkeit erbte sich auf seine Nachkommen fort. Dionysos brach mit seinem Heere auf, und nachdem er einen weiten Weg durch wasserioses Land, auch eine Strecke durch eine von wilden Thieren bewohnte Wüste zurückgelegt hatte, schlug er ein Lager bei Zabirna, einer Stadt in Libyen. Hier erlegte er ein aus Erde geborenes Ungeheuer, Kämpe genannt, das viele der Einwohner getödtet hatte, und erwarb sich durch die tapfere That großen Ruhm in dieser Gegend. Ueber dem todten Thiere warf er «inen hohen Hügel auf, um ein unvergängliches Denkmal seiner Tapferkeit zurückzulassen; und es dauerte wirklich fort bis in die neuere Zeit. Hierauf rückte Dionysos gegen die Titanen vor. Auf dem Zuge hielt er gute Ordnung, begegnete den Einwohnern überall freundlich, und bewies überhaupt, daß der Zweck seines Unternehmens nur Bestrafung der Frevler, aber Beglückung des ganzen Menschengeschlechtes war. Die Libyer, seine Kriezszucht und hohe Denkart bewundernd, lieferten Nahrungsmittel für sein Heer im Ueberfluß, und schlössen sich au dasselbe mit größter Willigkeit an. Als es der Stadt der Ammonier sich näherte, lieferte Krouos vor den Thoren eine unglückliche Schlacht. Er zündete in der Nacht die Stadt an, um zuletzt «och geschwind dem Dionysos die Burg seiner Väter zu zerstöre». Mit seiner Gemahlin Rhea und einigen Freunden, die ihm bcigestanden hatten, entfloh er unbemerkt aus der Stadt. Doch Dionysos handelte nicht auf dieselbe Weise. Kronos und Nhea wurde« seine Gefangenen; aber er sprach fle nicht nur frei von aller Schuld, als seine Verwandten, sondern er hat Ae sogar, fle möchten von 355 k Drittes Buch. jetzt an, Elternstelle vertretend, mit ihm zusammenleben, so daß sie ihm ihr Wohlwollen schenkten und von ihm mit der höchsten Ehrerbietung behandelt mürben. Rhea liebte ihn wirklich ihr ganzes Leben lang wie einen Sohn; aber das Wohlwollen des Kronos war nicht aufrichtig. Um diese Zeit wurde ihnen ein Sohn geboren, der den Namen Zeus erhielt, von Dionysos hoch geachtet und wegen seines Helden- mnthes in der Folgezeit König des Weltalls wurde." 7ö. (7-.) „Von den Libyern hatte Dionysos gehört, Ammvn habe, als er aus dem Reich vertrieben worden, den Einwohnern vorausgesagt, in einer bestimmten Z it werde sein Sohn Dionysos kommen, das väterliche Reich wieder erobern, sich zum Herrn der ganzen bewohnten Erde machen und für einen Gott erklärt werden. Da er nun fand, daß die Weissagung wahr geworden, so errichtete er seinem Vater einen Orakeltempcl und führte, nachdem er die Stadt wieder aufgebaut, die göttliche Verehrung desselben ein, und stellte Leute zur Besorgung des Orakels auf. Die.Sage, Ammvn habe einen Widderkopf gehabt, kommt daher, daß er anf seinen Frldzügen znr Auszeichnung einen Helm trug, der diese Gestalt hatte." (Nach einer andern Erzählung soll er wirklich an beiden Schläfen natürliche Hörner gehabt haben, und daher sein Sohn Dionysos eben so gestaltet gewesen seyn. Darauf also soll sich die Ueberlieferung, jener Gott sey gehörnt gewesen, die sich noch unter den Nachkommen erhalten hat, gründen.) „Nachdem man die Stadt erbaut, und den Orakeltempel aufgerichtet hatte, machte Dionysos die erste Frage an das Orakel. Sie betraf seine Kriegsun» ternehmungen. Er erhielt von seinem Vater die Aulwoit, 356 Diodor's historische Bibliothek. wenn er die Menschen beglücke, werde ihm die Unsterblichkeit zn Theil werden. Nun hob sich sein Muth. Er zog zuerst gegen Aegypten und setzte den Zeus, den Sohn des Kro- »os »nd derRhea, als'König des Landes ein. Da Derselbe noch jung war, so stellte er ihm den Olympus als Führer zur Seite. Von diesem Lehrer, unter dessen Leitung er die trefflichsten Anlagen entwickelte, erhielt Zeus den Beinamen Olymprus. Dionysos lehrte die Aegyprer den Weinstock pflanzen und benutzen, und den Wein, das Obst und andere Früchte aufbewahren. Da ihm überall ein günstiges Gerücht voranging, so stellte sich Niemand feindlich ihm entgegen, sondern Jedermann unterwarf sich ihm willig, und verehrte ihn als einen Gott mikLobgesängen und Opfern. So ging es bei seinem Zuge durch die ganze Welt. Er eut- wilderte überall den Boden durch Anpflanzung und erwarb sich wichtige Verdienste um die Einwohner, die er sich dadurch für immer zum Dank verpflichtete. Daher ist, während die Verehrung anderer Götter nicht unter allen Menschen ohne Unterschied herrschend ist, Dionysos beinahe der Einzige, der durch die allgemeine Stimme als Unsterblicher anerkannt wird. Denn es gibt kein Griechisches und kein auswärtiges Volk, das an der Gabe und dem Gegen dieses Gottes keinen Theil hätte. Die Bewohner von den rauhe» ren Gegenden, welche für den Weinbau durchaus nicht geeignet sind, lernten wenigstens das aus Gerste bereitete Getränk kennen, das dem Wein an Geschmack nicht viel nachsteht. Aus Indien kam Dionysos eilig an das smittelländi- schej Meer zurück, wo er die Titanen alle miteinander antraf. Sie hatten eine Kriegsmacht zusammengebracht und in Drittes Buch. 35 ? Kreta gelandet, um den Ammen anzugreifen. Zeus war aus Aegypken dem Ammen zu Hülfe gekommen, und es hatte ein heftiger Kampf auf derJusel begonnen. Da eilten auch Dionysos und Athene herbei, und mit ihnen trafen in Kreta noch Andere zusammen, die auch für Götter gehalten wurden. Es wurde eine große Schlacht geliefert; der Sieg blieb auf der Seite des Dionysos, und die Titanen kamen alle um. Später wurde, als Ammon und Dionysos aus Menschen in unsterbliche Wesen sich verwandelten, Zeus König über die ganze Welt. Nachdem die Titanen unterdrückt waren, gab es keine solche Frevler mehr, die es gewagt hatten, ihm dir Herrschaft streitig zu machen." 74. (7).) Dieß sind die Thaten, welche die Libyer von dem ersten Dionysos, dem Sohne des Ammon und der Amalthea, erzählen. Der Zweite, sagen sie, welchen J o, die Tochter des Jnachus, dem Zeus geboren, sey König von Aegyptcn gewesen und habe die Weihen eingeführt. Der Letzte, der Sohn des Zeus und der Semele, in Griechenland geboren, habe dem Vorbild der beiden Ersten nachgestrebt. „In derselben Absicht, wie jene Beiden, durchzog er die ganze Welt. An den Gränzen seines Zuges ließ er häufig Denkfaulen zurück. Den Boden pflanzte er mit milde» Früchten an. Er nahm auch Weiber unter sein Heer auf, wie der ältere Dionysos die Amazone». Eifrig beschäftigte er sich mit der Einrichtung der Orgien; einige Weihen verbesserte er, andere erfand er neu. Da aber nach so langer Zeit die Meisten nichts mehr von den früheren Erfindern wußten, so erbte er das Verdienst und den Ruhm seiner Vorgänger. Dieß war übrigens nicht blos bei Dionysos der 358 Diodor's historische Bibliothek. Fall, sondern nachher auch bei Hercules. Es hatten nämlich schon zwei Männer in der früheren Zeit denselben Namen geführt. Der älteste Hercules war nach der Sage in Aegypten geboren; er sehte die Säule in Libyen, nachdem er einen großen Theil der bewohnten Erde mit den Waffen erobert hatte. Der Zweite stammte aus Kreta; er war Einer der Jdäischen Daktylen svergl. V, 6äs; er trieb Zauberkünste, war ein geschickter Feldherr, und führte die Olympischen Spiele ein. Der Letzte lebte kurze Zeit vor dem Trojanischen Kriege und war der Sohn des Zeus und der Alkmene. Er wanderte weit umher in der Welk, um die Aufträge des Eurystheus zu vollstehen. Nachdem er alle Kampfe überstanden, setzte er die Säule in Europa. Weil dieser Letzte denselben Namen und eine ähnliche Sinnesart hatte, so erbte er in der Folgezeit die Thaten der Frühern, als ob es nur Einen Hercules im ganzen Alterthum gegeben hätte." Daß es mehr als Einen Dionysos gegeben, suchen die Libyer unter Anderem aus dem Titanenkampfe zu beweisen. Man sey ja, sagen sie, allerem, in darüber einverstanden, daß Dionysos dem Zeus im Kriege w der die Titanen Beistand geleistet habe; nnn kö»ne man schicklicherweise nicht die Titanen in dass lbe Ze kalter mir der Semete seyen, noch den Kad- mus, Agenvr's Sohn, älter machen als die Olympischen Götter. So lauten die Kaaen der Libyer von Dionysos. Hiemit beschließen wir das dritte Buch, nachdem wir zu Ende gebracht haben, was für dasselbe bestimmt war. Inhalt des vierten Buchs. Uebergang zur Griechische» Mythologie. Cap. i. Dionysos. Cap. - — 5. PriapuS. Cap. 6. Muse». Cap. 7> Hercules. Cap. 8. Seine Geburt. Cap. g. Er befreit Theben. Cap. 10. Der Neme'ische Löwe und die Lernäische Schlange. Cap. i i. Der Ervmanthische Eber. Die Centauren. Cap. i2. Die gvldgehörnte Hirschkuh. Die siymphallschen Vogel. Der Stall des AugraS, Der Stier von Kreta. Cap. ,5. Stiftung der Olympischen Spiele. Cap. ab. Die Giganten. Die Rosse deS DiomedcS. Cap. >5. Sieg über die Amazonen. Cap. >6. Die Rinder des Geryones. Antäus. BussriS. Säulen des Hercules. Cap. >7- 18. Zug durch Gallien. Cap. ig. Die Liguren. Cap. 20. Hercules in Italien. Cap. »i. -2. In Sicilien. Cap. «5. 2 5. Cerberns. Cap. -5. Aepfel der Hrsperiden. Atlas. Cap. 26. 27. Einfall der Amazonen. Cap. 28. Kolonie auf Sardinien. Cap. 2g. 5o. Hercules Sklave der Omphale. Cap. 5>. Zug gegen Troja. Cap. 5a. Rache an Augeas. Tyndareus. Auge. Cap. 55. Der Kalydonische Eber. Cap. 5i> 55. NcssuS. Cap. 56. Dryopen und Lapithen. Cap. 37. Ende des Hercules. Cap. 53. Seine Verehrung. Cap. 5g. Die Argonauten. Cap. äi. Hestone. Cap. -2. Sturm. Phineus. Cap. ä5. -ä. Hekate. Circe. Cap. c,5. Melde«. Cap. i,6. Das goldene Vließ. Cap. 47. Eroberung desselben. Glaukns. Cap. -58. Einnahme von Troja. Cap. />g. Zurückkauft der Argonauten. Cap. 5o. Rache an Pelias. Cap. 5>. 5s. Die Olympischen Spiele. Cap. 55. Glauce. Cap. 5/,. Jas son'S Tod. Andere Nachrichten von Medea und den Argonauten» Cap. 55. 56. Die Herakliden. Cap. 87. 53. — Theseus. Cap. 5g. Geschichte von Kreta. Minotauras. Cap. 6a. 61. Hippolytus. Cap. 6r. Raub der Helena und Perftphone. Cap. 65. 36o Inhalt des vierten Buchs. Die Sieben vor Theben. Oedipus. Cap. 6 z. Seine Söhne Cap. 65. Die Epigonen. Cap. 66 . — Dorier, Aeolier, Böoticr. Cap, 67 . Geschlecht des Aeolus. Cap. 69. Lapithm und Centauren. Cap. 6 g. 70. — Äesculap. Cap. 71. — Geschlecht des Peneus und Asopus. Cap, 7 -. — Oenomaui und Pelops Cap. 76. Tanialus. Cap. 7-s. Geschlecht des Teurer. Cap. 76. — Dädalus. Cap. 76. Seine Werke. Cap. 77. 78. Kreter in Sicilien. Cap. 7g. 80. — Aristaus. Cap. Ü>. 8 >. Eryr. Cap. 85. Daphnis. Cap. 8 /,. Orion. Cap. 85. Viertes Buch. >. Ich weiß wohl, daß, Wer die alten Fabelgeschichten' erzählen will, gegen andere Schriftsteller anf vielfache Weise im Nachtheil ist. Schon die Erforschung der Thatsachen, die im Alterthume so schwierig ist, seht ihn in große Verlegenheit. Ferner macht die Unmöglichkeit eines strengen Beweises der Zeitbestimmungen, daß der Leser die Erzählung geringschätzt. Uederdieß wird durch die Nachweisung der mannigfaltigen Verwandtschaften zwischen so vielen Heroen, Halbgöttern und andern Menschen die Uebersicht des Wortrags erschwert. Der allergrößte Uebelstand ist aber, daß die Darstellungen der ältesten Geschichte und Mythologie nicht miteinander übereinstimmen. Daher haben die angesehensten unter den jüngern Geschichtschreibern das schwierige Feld der alten Mythologie ganz unberührt gelassen und blos mit der Erzählung der neuern Begebenheiten sich beschäftigt. Ephorus von Cumä, ein Schüler des Jsocrates, welcher die Bearbeitung der allgemeinen Geschichte unternommen, hat mit Ueber- gehung des..fabelhasteu Alterthums blos berichtet, was von Viertes Buch. L61 -er Rückkehr der Heraklide» an geschehen ist, mit welcher er die historische Zeit beginnen läßt. Eben so wenig haben sich Kallisthenes und Tbeopompus, die zu derselbe» Zeit lebten, an die alten Mythen gewagt. Dagegen habe ich, von einer ander« Ansicht ausgehend, und die Mühe der Ausarbeitung nicht scheuend, der Urgeschichte allen Fleiß gewidmet. Denn sehr viel Großes ist durch die Heroen und Halbgötter und andere edle Männer vollbracht worden. Hat diesen Wohlthätern der gesammten Menschheit die Nachwelt theils als Göttern, theils nur als Helden Opfer gebracht, so hat dagegen alle ihre Namen mit dem verdienten Lobe die Geschichte auf ewig verkündet. In den drei vorhergehenden Büchern habe ich nun die fabelhaften Sagen der fremden Völker und ihre Berichte von den Göttern aufgezeichnet, und zugleich die Lage der einzelnen Länder, die wilden und die andern Thiere, die flch daselbst finden, überhaupt alles Merkwürdige und Ungewöhnliche beschrieben. In dem gegenwärtigen Buch aber kommen die ältesten Nachrichten der Griechen über die berühmtesten Heroen und Halbgötter vor, und über Andere, die große Thaten im Krieg verrichtet, und die im Friede« gemeinnützige Erfindungen gemacht haben, oder Gesetzgeber gewesen sind. Den Anfang will ich mit Dionysos machen, nicht nur weil er dem höchsten Alterthum angehört, sondern auch, weil er sehr große Verdienste um das menschliche Geschlecht sich erworben hat. Es ist in den vorigen Büchern bemerkt worden, daß einige auswärtige Völker flch diesen Gott als ihren Stammverwandten zueignen. Die Aegypter halten den Gott, der bei ihnen Osiris heißt, für Denselben, den die Griechen Dionysos nennen. Nach ihrer Sage hat er Diobor. 5s Bdch«. 6 362 Diodor's historische Bibliothek. die ganze Welt durchwandert, den Wein erfunden und die Menschen Reben pflanzen gelehrt, und zum Dank dafür ist ihm einstimmig die Unsterblichkeit zuerkannt worden. Edens» behaupten die Inder, unter ihnen sey tiefer Gott geboren, er habe die Kunst des Weinbaus erfunden, und in der ganzen Welt den Gebrauch des Weines eingeführt. Da ich hieoon schon ausführlicher gesprochen habe, so gehe ich jetzt zu den Erzählungen der Griechen von Demselben über. „Kadmus (so berichten sie), der Sohn Agenor't auS Phönicier,, wurde von dem König ausgesandt, die Europa zu suchen, und zwar mit dem Befehle, entweder die Jungfrau mitzubringen, oder nicht mehr nach Phönicier, zu» rückzukehren. Nachdem er weit gereist war und sie nirgends finden konnte, gab er die Hoffnung, heimkehren zu dürfen, auf. Er kam nach Döotien, und erbaute Thebä, dem durch die Ueberlieferung bekannten Götterspruch gemäß. Hier ließ er sich nieder, nahm die Harmonie», eine Tochter der Aphrodite, zur Ehe, und zeugte mit ihr die Semele, Im, Autvnoi- und Agaoe, und den Polydorus. Die Schönheit der Semele reizte den Zeus, ihr zu nahen. Er blieb aber bei seinen Besuchen so kalt, daß sie ihm gleichgültig zu seyn meinte. Sie bat ihn daher, er möchte sie eben so feurig umarmen wie die Hera. Nun erschien Zeus in göttlicher Hoheit mit Donner und Blitz, um sich feierlich mit ihr zu vermählen. Allein auf Semele, welche schwanger war, machte die Erscheinung einen zu starken Eindruck. Sie gebar zu frühe, und wurde vom Feuer getödtet. Des Kindes nahm sich Zeus an; er übergab es dem Hermes, mit dem Auftrag, es in die Höhe bei Nys«, einer Stadt zwischen Phönicien und dem Nil, zu bringen, ES wurde den Nymphen zur Er- 363 Viertes Buch. ziehung anvertraut, die es denn auch mit der eifrigsten Sorgfalt verpflegten. Weil es in Nysa erzogen wurde, so erhielt es den aus „Zeus" und „Nysa" zusammengesetzten Namen Dionysos. Dafür zeugt Homer in den Hymnen, wen» er sagt: ') „Nysa liegt auf hohem Gebirge mit blühender Waldung, Don Pybnicicn fern, doch nahe dem Strom Aegyptus/" Jener Pflegling der Nymphen in Nysa wurde der Erfinder des Weins und lehrte die Menschen Reben pflanzen. Er durchwanderte beinahe die ganze Welt, und entwilderte manche Länder; deßwegen wurde ihm überall hohe Ehre zu Theil. Er erfand auch das Getränk, das man aus Gerste bereitet; es wird von Einigen Bier genannt, und steht an Geschmack dem Wein nicht viel nach. Das führte er in solchen Gegenden ein, die für den Weinbau nicht geeignet waren. Auf seinem Zuge begleitete ihn ei» Kriegsheer, das nicht aus Männern allein, sondern auch aus Weibern bestand, und durch das er ungerechte und ruchlose Menschen bestrafen ließ. In Dövtien gab er, um sich dankbar gegen sein Vaterland z« beweisen, allen Städten die Freiheit; ein« neue Stadt, die er erbaute, kündigte schon durch ihren Namen, EleutherL Kreistag, die Unabhängigkeit an." 5. „Mit dem Zuge nach Indien brachte er drei Jahre zu. Er kam, mit köstlicher Beute reich beladen, nach Bbo- tien zurück; und er war der Allererste, der einen Triumph hielt, auf einem Indischen Elephanten reitend. Zum Andenken an den Zug nach Indien wurde in Böotien, wie auch in dem übrigen Griechenland und in Thracien, das dreijährige *) Vgl. UI, L5. I. ,5. 6» 364 Dwdor's historische Bibliothek. Opferfest des Dionysos eingeführt, und man glaubte, um diese Zeit erscheine der Gott unter den Menschen. Daher versammeln sich in vielen Griechischen Städten alle drei Jahre die Weiber zur Bacchusfeier, und mit ihnen schwärmen, wem sie zur Ehre des Gottes jauchzen, der Sitte gemäß auch die Jungfrauen, den Thyrsusstab in der Hand; die Weiber aber, in einzelne Bacchantenschaaren vertheilt, opfern dem Dionysos und besingen seine Ankunft, und stellen sich überhaupt den Mänaden gleich, die einst seine Begleiterinnen gewesen sey» sollen. Wegen berüchtigter Gottlosigkeit bestrafte er viele Menschen in allen Gegenden der Welt; die angesehensten unter denselben waren Pentheus und Lykurg. Wie außerordentlich werth den Menschen das Geschenk war, das ihnen Dionysos durch die Erfindung des für den Körper eben so stärkenden als für den Geschmack angenehmen Getränks, des Weines, machte, davon ist die Gewohnheit ein Beweis, daß man über der Mahlzeit, wenn man ungemischten Wein reicht, jedem Gaste zuruft: „,vom guten Dämon/" »ach der Mahlzeit hingegen, wenn mit Wasser vermischter Wein hermnge- hoten wird, dabei sagt: ,„vom rettenden Zeus/" Wen» nämlich der Wein, lauter getrunken, einen Zustand des Wahnsinns hervorbringt, so werden durch die Vermischung mit Wasser (das als Regen von Zeus gesandt wird), seine schädlichen Wirkungen, Wahnsinn und Betäubung, aufgehoben, ohne daß der Reiz für den Ganmen verloren geht. Unter alle» Gottheiten, von welchen die Mythologie erzählt, ist keine unter den Menschen so hoch geachtet, wie die beiden, welche durch die wohlthätigsten Erfindungen ein so ausgezeichnetes Verdienst um die Menschheit sich erworben, Dionysos durch Viertes Buch. 365 die Einführung des lieblichsten Tranks,' und Demeter durch die Mittheilung der trefflichsten trocknen Nahrung." z. Es gibt auch eine Sage von einem andern Dionysos, der viel früher gelebt haben und ein Sohn des Zeus und der Persephvne gewesen seyn soll. Er wird von Einigen SabaziuS genannt. Seine Geburtsfeier und die Opferfeste zu seiner Ehre werden bei Nacht begangen im Verborgenen, weil Schamgefühl die Vereinigung der Geschlechter begleitet. Er soll mit vorzüglichem Verstände begabt gewesen seyn, und den ersten Versuch gemacht haben, Ochsen in das Joch zu spannen und mit ihnen den Feldbau zu treiben. Deßwegen stellt man ihn gehörnt dar. Von dem jüngern Dionysos, dem Sohne der Semele, wird weiter Folgendes erzählt. „Er hatte einen zarten Körper und war äußerst weichlich; durch seine Schönheit zeichnete er sich vor allen Andern aus, und zur Wollust hatte er einen starken Hang. Auf seine» Zügen führte er eine Menge von Weibern mit sich, die mit Lanzen in Gestalt von Thyrsusstäben bewaffnet waren. Auch jene vorzüglich gebildeten Jungfrauen, die Musckn, machten die Wandlung mit. Sie mußten den Gott durch Gesang und Tanz, und durch andere schöne Künste unterhalten. Es begleitete ihn ferner auf seinen Zügen sein Jugendlehrer und Erzieher, Silenus, durch dessen Unterricht er zu den edelsten Bestrebungen angeleitet worden war, und dem er einen großen Theil seiner Vorzüge und seines Ruhmes verdankte. Im Krieg erschien Dionysos, wenn es in die Schlacht gieng, in herrlichem Waffenschmuck und in Pantherlellen, in Friedenszeiten' aber trug er bei öffentlichen Versammlungen und Festen bunte, weiche Kleider vom feinsten Stoff. Wegen 366 Diodor's historische Bibliothek. der Kopfschmerzen, die aus dem unmäßigen Genuß des Weint entstellen, trug er eine Binde um den Kopf, und daher Hai er den Namen Mitrephoros. Diese Kvvfdinde war die Veranlassung, daß nachher bei den Königen das Diadem eingeführt wurde. Der Name Dimetvr sder Dvppelmütkn- liche) ist daraus zu erklären, daß die beiden Dionyse Einen Vater, aber zweierlei Mütter hatten. In der Geschichte det Jüngeren wiederholte sich die des Aelteren. Daher entstand in der Folgezeit, da man keine -uverläßigen Nachrichten mehr hatte, aus der Gleichheit der Namen die irrige Vorstellung, es habe nur Einen Dionysos gegeben. Die Ursache, warum man ihm einen Narther') beilegt, ist diese. In der ersten Zeit, nachdem der Wein erfunden war, hatte man noch nicht gelernt, ihn mit Wasser zu mischen, und trank ihn lauter Wenn nun Freunde zu einem festlichen Schmaus zusammenkamen, so machte sie der lautere Wein, den sie im Uebermaß zu sich nahmen, so toll, daß sie einander mit den hölzernen Stöcken schlugen, welche sie bei sich führten; wobei es denn nicht blos leichte Verwundungen gab, sondern auch gefährliche Verletzungen, an denen Manche starben. Ueber dies« Vorfälle war Dionysos unzufrieden; indessen war das Getränk zu angenehm, als daß er die Gewohnheit, läutern Wein in reichem Maß zu genießen, hätte abschaffen können; Dat verordnete er aber, daß man Stöcke von Narthcr statt der hölzernen tragen sollte." 5. „Man gab ihm viele Beinamen, die eine Beziehung auf seine Geschichte hatten. Bacchus hieß man ihn, weil *) keruls, eine hohe Staude, deren markigen Stangel die Bacchanten als Stock trugen. Viertes Buch. 867 die Bacchanten in seinem Gefolge waren; Lenäus, weil man die Trauben in der Keller sLenoss tritt; Brom in«, wegen des Donners sBromoss, der bei seiner Geburt erscholl; aus derselbe» Ursache hieß er auch Pyrigenes sder Fcuer- gebornes. Tbriambus wurde er genannt, weil er seit Menschengedenkeu der erste Heerführer war, der im Trinmph in sein Vaterland einzog, als er nämlich aus Indien mit reicher Beute zurückkehrte." Auf ähnliche Weise sollen die übrigen Namen, die ihm beigelegt worden, entstanden seyn. Es wäre zu weitläufig und dem Zweck dieses Buchs nicht avgemeffen, sie alle aufzuzählen. Eine Doppelgestalt, glaubt man, werde ihm deßwegen zugeschrieben, weil von den zwei Dionysen der Aeltcre bärtig war, wie die Alten überhaupt den Bart wachsen ließen, der Jüngere hingegen, wie gesagt, ein schöner, weichlicher Jüngling. Andere meinen, weil es in der Trunkenheit zweierlei Gemüthsstimmungen gibt, indem tsiau entweder zornig oder fröhlich wird, darum heisse der Gott des Weins der Doppeltgestaltete. „Er führte (so wird weiter erzählt) Satyrn mit sich, die ihm durch Tänze und durch Tragödien Unterhaltung und viel Vergnügen gewährten. Wie die Musen durch manchen edleren Genuß, welchen Dionysos ihrer herrlichen Kunst verdankte, so trugen die Satyrn durch belustigende Spiele zur Erheiterung und Verschönerung seines Lebens bei. Er war es auch, der die Büh- nenspiele einführte, Theater errichtete, und eine Gesellschaft von Tonkünstlern sCapelles stiftete. Auf seinen Zügen ließ er Diejenigen, die irgend eine von den Musenkünsten trieben, von Frobudiensten frei. Daher kam es. daß in der Folgezeit die Mitglieder musikalischer Vereine Künstler des Dionysos 368 Dkodor's historische Bibliothek. hießen, nnd daß Alle, die sich diesem Fach widmeten, abgabenfrei waren." So viel über Dionysos und die ihn betreffenden Sagen, damit wir das Maß nicht überschreiten. 6. Wir gehen nun zu den Mythen von Priapus über, weil dessen Geschichte den Kreis der Dionysischen Sagen berührt. Die alte Fabel nennt den Priapus einen Sohn deS Dionysos und der Aphrodite, und sie findet ihre Deutung in der Erfahrung, daß in der Trunkenheit der natürliche Trieb zur Wollust aufgeregt wird. Einige meinen, die Alten haben als anständigere Benennung für das Zeugnngs- glied den mythischen Namen *) Priapus gewählt. Andere aber behaupten, diesem Gliede selbst sey göttliche Ehre erwiesen worden, weil es zur Fortpflanzung und zur beständigen Erhaltung des Menschengeschlechtes dient. Bei den Aegyp- tern lautet die Fabel vor. Priapus so. „Die Titanen machten einst einen Mordanschlag gegen Osiris. Nachdem sie ihn ausgeführt, zerstückten sie den Leichnam in gleiche Theile, die sie heimlich aus dem Hause wegtrugen. Nur die Geschlechtstheile warfen sie in den Fluß, weil diese Niemand mitnehmen wollte. Isis rächte hen Tod ihres Gemahls durch die Ermordung der Titanen, und jeden Theil des Leichnams ließ sie mit dem Bild eines Menschen umhüllen; diese (Bilder) übergab sie den Priestern zum Beg-äbniß, und gebot ihnen, den Osiris als Goit zu verehren. Das Zeugungsglied aber, Las sie allein nicht auffinden konnte, sollte ebenfalls göttlich verehrt, und aufgerichtet in den Tempel gestellt wer- Nach der Lesart /ni-Amöwg, welche viele Handschriften für sich hat. So auch Dindorfs Ausgase, Leipzig >8r8. Viertes Buch. 26g den." So ist in der alten Aegyptischen Mythologie der Ursprung des Priapusdienstes dargestellt. Andere nennen diese» Gott Jthyphallos, wieder Andere Tychon. Er wird nicht nur von den Städtern verehrt, in Tempeln, sondern auch von den Landbewohnern: Diese glaube», er bewache in Weinbergen und Gärten die Früchte, und strafe diejenigen, die durch Zauberei etwas verderben. Bei den geheimen Weihe», und zwar nicht blos bei den Dionysischen, sondern bei allen überhaupt, widerfährt diesem Gott seine Ehre, indem er an den Opferfesten unter Scherz und Spiel auch mit aufgeführt wird. Der Sage von Priapus ist die von Herma- phroditus ähnlich, der, als Sohn des Hermes und der Aphrodite, von beiden Eltern zusammen seinen Namen erhalten haben soll. Einige glauben nämlich, es sey dieß ein göttliches Wesen, das zu gewissen Zeiten unter den Menschen erschein«, und, was seine körperliche Natur betrifft, halb als Mann, halb als Weib geboren werde; die Schönheit und Zartheit des weiblichen Körpers verbinde sich mit männlicher Würde und Thatkraft. Ankere dagegen behaupten, solche Wesen seyen Mißbildungen der Natur, welche selten vorkommen und immer eine, gute oder schlimme, Vorbedeutung haben. Doch genug hieven. 7. Da in der Geschichte des Dionysos der Musen gedacht worden ist, so wird hier der Ort seyn, eine kurze Nachricht von ihnen zu geben. Sie werden von den meisten, und gerade von den bewährtesten Schriftstellern über Mythologie, für Töchter des Zeus und der Mnemosync erklärt, nur wenige Dichter, darunter Alkman, nennen sie Töchter des Uranvs und der Gäa. Auch über ihre Zahl ist man nicht A70 Diodor's historische Bibliothek. einig. Einige sprechen von drei, andere von neun Musen. Doch ist die Zahl Neun, die von den angesehensten Schriftstellern, von Homer, Hestod und Andern, bestätigt ist, die gewöhnlich angenommene. Homer sagt:*) „Die neun Musen gestimmt, im lieblichen Wechselgesange." Hesiodus gibt auch ihre Namen an, in folgenden Worten:**) „Klio, Euterpe, Thalia, Melpomene, Terpstchore, Erato, Polymni«, Urania und Kalliope, welche den Vorzug hat vor ihnen allen." Jeder Derselben schreibt man eine eigenthümliche Vorliebe und Fähigkeit für eine der Musenkünste zu; z. B. für Poesie und Gesang, Tanz und Reigen, Sternkunde rc. Gewöhnlich wird erzählt, sie seyen Jungfrauen geblieben; das soll andeuten, daß die Blüthe der Geistesbildung nicht verwelkt. Der Name Musen soll von myein sweiheu) herkommen; weil sie nämlich die Menschen einweihen in die Erkenntniß des Schönen und Guten, welche den Ungebildeten fremd bleibt. Auch von den Benennungen für jrde einzelne Muse will mau Rechenschaft geben. „Klio heißt so svon Kleos), weil durch die Lobpreisungen der Dichter Jeder, der von ihnen besungen wird, hohen Ruhm erlangt; Eu- terpe svon terpein), weil ihren Zuhörern der Genuß zu Theil wird, den die Kunst gewährt; Thalia svon thalle in), weil in Gedichten die Kränze des Ruhmes lange Zeit *) Vergl. Hymne auf Apoll, V. 18g. **) Tveogenie, V. 77. ist Klei», Melpomene anch, Terpstchore dann und Tbaleia, Polphymnia dann. und Urania, sammt der Euterpe, Erato auch, und die edle Kalliope, welche den Schwester» Weit vorragt: — — V»ß. Viertes Buch. 3?r grünen; Melpomene svvn melp ein), weil sie durch ihren Gesang die Hörer unterhält; Tcrpsichore svon terpein), weil ihre Kunst denselben so viel Vergnügen schafft; Erato svon erän^, weil sie ihren Schülern die Wertschätzung und Liebe Anderer erwirbt; Polymnia svon polys unds'Hymnvs), weil die Dichter durch vielfache Lobpreisung die gefeierten Namen ihrer Helden Verewigen; Urania svon Uranvs), weil man sich unter ihrer Leitung zum Himmel erhebt, indem der Geist durch Würde und Adel der Gesinnung in himmlische Höhen sich aufschwingt; Kalliope, wegen ihrer schönen Stimme skals Ops), d. h. weil sie durch die Herrlichkeit der Sprache den Beifall der Hörer gewinnt." Nachdem wir hierüber das Nöthige gesagt, gehen wir zu den Thaten des Hercules über. 8. Ich weiß wohl auf wie viele Schwierigkeiten der Geschichtschreiber bei den alten Mvthen stößt, und besonders bei den Sagen von Hercules, der nach der einstimmigen Ueberlieferung größere Thaten vollbracht hat, als alle Andern, von Anfang an, deren Gedächtniß auf die Nachwelt gekommen ist. Schwer ist es, von Allem, was durch ihn geschehen ist, eine würdige Darstellung zu geben, und das Verdienst der herrlichen Thaten, für die ihm die Unsterblichkeit znm Lohne geworden ist, in Worten zu schildern. - Da aber die Mvthen von so alten und so wunderbaren Begebenheiten für die Meisten unglaublich sind, so ist man genöthigt, entweder die wichtigsten Thaten zu übergehen und so den Ruhm des Gottes zu schmälern, oder, indem man Alles erzählt, eine Geschickte zu schreiben, die keinen Glauben findet. Denn es gibt unter den Lesern unbillige Beurtheiler, die in der alten 372 Diodor's historische Bibliothek. Sagengeschichte dieselbe Znverläßigkeit wie bei den Ereignissen unserer Tage verlangen, und, an Thaten, deren Größe Zweifel erregt, den Maßstab ihrer Zeit anlegend, die Stärke des Hercules nach der Schwäche des gegenwärtigen Geschlechts schätzen; und so verliert der Schriftsteller, wenn er zu außerordentliche Thaten beschreibt, allen Glauben. Indessen sollte man es bei Erzählungen aus der Fabelwelt put der Untersuchung der Wahrheit nicht so streng nehmen. Wir lassen uns ja auf der Schaubühne, ob wir gleich überzeugt sind, daß es weder aus zweierlei thierischen Körpern zusammengesetzte Centauren noch einen dreilcibigen Geryones gegeben hat, dergleichen Fabeln doch gefallen, und verherrliche« durch Beifallrufen den Namen des Gottes. Es ist auch ganz widersprechend, daß, wenn Hercules, so lang er unter den Menschen gelebt, durch seine Kämpfe der Welt Ruhe geschafft hat, die Menschen, vergessend ihres gemeinschaftlichen Wohlthäters, den Ruhm der edelsten Thaten verkleinern wollen; daß, da die Vorfahren wegen seines ausgezeichneten Heldenmuths ihm einstimmig die Unsterblichkeit zugesprochen haben, wir nicht einmal die von den Dätern her gewöhnliche Verehrung dieses Gottes beibehalten wollen. Doch wir wollen, statt solchen Betrachtungen uns zu überlassen, seine Geschichte von Anfang an erzählen, nach den Berichten der ältesten Dichter und Mythologen. g. „Danach des Aknsius Tochter, gebar dem Zeus den Perseus; dessen Sohn aus der Ehe mit Audromeda, der Tochter des Cepheus, war Elektryo; er vermählte sich mit Eurydice, *) des PelopS Tochter, welche ihm die A lk- "*) Es sollte wahrscheinlich heißen; Lysidice. Viertes Buch. 373 mene gebar; und mit dieser zeugte Zeus, durch Betrug ihr nahend, den Hercules. Auf diese Art stammt also Hercules völlig, man mag nach seiner Herkunft von väterlicher oder von mütterlicher Seite fragen, von dem Ersten der Götter ab. Die Kraft, die ihm inwohnte, zeigte sich nicht erst in feinen Thaten, sondern wurde schon vor seiner Geburt offenbar. Denn als Zeus die Alkmene besuchte, verdreifachte er die Nacht, und kündigte durch diese Verlängerung der Zeit der Empfängniß zum Voraus die außerordentliche Stärke des Kindes an. Uebrigens war es bei Alkmeneu nicht, wie bei den andern Weibern, sinnliche Lust, was ihn trieb, sondern mehr die Absicht, einen Sohn zu zeugen. Daher wünschte er, der Liebe ruhig zu genießen; er wollte also nicht Gewalt brauchen; und doch konnte er nicht hoffen, das keusche Weib zu überreden. Er versuchte deßwegen lieber eine List, und es gelang ihm, in einer dem Amphitryo durchaus ähnlichen Gestalt die Alkmene zu täuschen. Nachdem die gewöhnliche Zeit der Schwangerschaft verflossen war,, sagte Zeus, dessen Gedanken ganz auf die Geburt des Hercules gerichtet waren, in Gegenwart aller Götter voraus, Wer an diesem Tage geboren werde, den wolle er zum König der Persiden sder Nachkommen des- Perseusf machen. Da verzögerte die eifersüchtige Hera, mit Hilfe ihrer Tochter Jlithyia, die Wehen der Alkmene, und ließ dagegen den Eurystheus vor der gehörigen Zeit zur Welt kommen. Zeus wollte, da er sich überlistet sah, seine Erklärung nicht zurücknehmen, aber doch für die künftige Erhöhung des Hercules sorgen. Er beredete daher die Hera, zu gestatten, daß, wenn, seiner Erklärung gemäß, Eurystheus König werde, und Hercules, dem Eurystheus 74 Diodor's historische Bibliothek. untergeordnet, zwölf Arbeiten vollende, welche Dieser ihm auftragen dürfe, Jenem nach diesen Thaten die Unsterblichkeit zu Theil werde." Aus Furcht vor Hera'« Eifersucht setzte Alkmene das Kind, das sie geboren, aus, an einem Platze, welcher daher noch jetzt das Herculesfeld heißt. Um diese Zeit kam Athene dahin mit der Hera. Sie betrachtete die Gestalt des Kindes mit Verwunderung und bewog die Hera, ihm die Brust zu reichen. Der Knabe sog aber kräftiger an der Brust, alS sein Alter erwarten ließ; Hera empfand Schmerzen und warf das Kind weg. Athene brachte es nun seiner Mutter und bat sie, es aufzuziehen. Man wundert sich billig über den sonderbaren Zufall. Die leibliche Mutter läßt das Kind umkommen, die Pflicht der natürlichen Liebe verläugnend; und die Stiefmutter, die von natürlichem Haß gegen dasselbe erfüllt ist, rettet, ohne es zu wissen, ihren Fein». ic>. Später schickte Hera zwei Schlangen, die das Kind tödten sollten. Allein der Knabe umfaßte unerschrocken mit beiden Händen die Schlangen am Halse und erwürgte sie. Daher gaben ihm die Argiver, als sie die Geschichte erfuhren, den Namen Hercules ^Herakles), weil er nämlich durch die Hera Ruhm sKleosi erlangt hatte. Früher hzeß er Al- cäus. Andern Kindern wird ihr Name von den Eltern beigelegt; Dieses allein hat sich ihn durch eigenes Verdienst erworben. Sein Vater Amphitryo wurde in der Folgezeit aus Tirynkh vertrieben und nahm seinen Wohnsitz in Theben. Hier wurde Hercules erzogen und unterrichtet. Vorzüglich widmete er sich den Leibesübungen. Uebrigens war er nicht uur an Körperstärke allen Andern weit überlegen, sonderu Viertes Buch. 2?L auch seine geistigen Vorzüge wurden überall anerkannt. Seine erste That beim Eintritt in das Jünglingsalter war die Befreiung von Theben. Er brachte damit seiner zweiten Vaterstadt den schuldigen Dank. Die Thebaner waren nämlich dem König der Minyer, Erginus, unterworfen, und mußten ihm, unter erniedrigenden Umständen, jedes Jahr bestimmt« Abgaben liefern. Hercules aber, die Uebeimacht der Unterdrücker nicht scheuend, wagte eine That, welche laut gepriesen wurde. Er schnitt den Abgeordneten der Minyer, welche die Steuern einforderten und sich Mißhandlungen dabei erlaubten, Nasen und Ohren ab und jagte sie zur Stadt hin- aus. Als Erginus die Auslieferung des Thäters verlangte, entschloß sich Kreon, der König der Thebaner, aus Furcht vor der drohenden Gewalt, den Verbrecher ihm zu übergeben. Allein Hercules ermunterte seine Jugendgefährten, das Va- land zu befreien. Er nahm die in den Tempeln aufgehängte« Waffenrüstungen herab, welche die Vorfahren erbeutet und den Göttern geweiht hatten. Denn es war in keinem Bürgerhaus eine Waffe zu finden, da die Minyer die ganze Stadt entwaffnet hatten, damit den Thebaner» kein Gedanke an einen Aufstand kommen könnte. Sobald Hercules erfuhr, daß Erginus, der König der Minyer, mit Soldaten der Stadt sich nähere, so gieng er ihm bis zu einem Engpaß entgegen. Hier konnte dem Fund die Größe seiner Kriegsmacht nichts nützen; beinahe das ganze Heer des Erginus wurde aufgerieben, und er selbst fiel in der Schlacht. Hercules rückt« schnell gegen die Stadt Orcho nielins vor, drang zu den Tborcn ei», verbrannte die Königsburg der Minyer und zerstörte die Stadt. Als die außerordentliche That in ganz 376 Diodor'S historische Bibliothek. Griechenland bekannt und überall bewundert wurde, gab der König Kreon, das Verdienst des Jünglings ehrend, seine Tochter Megara ihm zur Ehe, und vertraute ihm wie einem leiblichen Sohne die Regierung an. Eurystheus aber der im Lande der Argiver König war, sah mit Besorgniß den steigenden Ruhm des Hercules; er berief ihn zu sich, um ihm Arbeiten aufzutragen. Da Hercules nicht gehorchte, so ließ ihm Zeus befehlen, er sollte dem Eurystheus seine Dienste widmen. Nun gieng er nach Delphi und fragte das Orakel darüber. Er erhielt zur Antwort, es sey von den Göttern beschlossen, daß er zwölf Arbeiten, die ihm Eurystheus auftrage, zu vollbringen habe und, wenn Das geschehen sey,-zur Unsterblichkeit gelange. ii. Hierauf fiel Hercules in eine tiefe Schwermuth. Denn einem Geringeren zu dienen, war, wie ihm sein Selbstgefühl sagte, unter seiner Würde; aber dem Zeus, dem Vater nicht zu gehorchen, mußte er für unheilbringend und unmöglich zugleich halten. Als er so in der äußersten Rathlv- sigkeit war, machte ihn Hera wahnsinnig. Sein Unmuth gieng in Raserei über. Das Uebel nahm zu, und er kam so völlig von Sinnen, daß er den Jolaus ermorden wollte. Da Dieser entfloh, so erschoß er, in der Meinung, er ziele nach Feinden, seine Kinder von der Megara, die gerade in der Nähe waren. Es währte lange, bis er von dem Wahnsinn frei wurde. Da er jetzt seinen Irrthum einsah, bekümmerte er sich tief über sein schweres Unglück. Jedermann nahm Theil an seinem Schmerz und bedauerte ihn; aber er hielt sich lang in der Stille zu Haufe auf und vermied allen Umgang und Verkehr mit Menschen. Als endlich die Zeit seinen Kummer Viertes Buch. 3-7 linderte, entschloß er sich, den Kämpfen sich zu unterziehen und kam zu Eurystheus. Der erste Auftrag, den er erhielt, war, den Löwen von Nemea zu tödten. Dieser war von außerordentlicher Größe und unverwundbar mit Eisen, Erz und Stein; es blieb also nichts übrig, als ihn mit einer starken Faust zu überwältigen. Er hielt sich meistens zwischen Mycenä und Nemea auf, bei dem Berge Tretos, welcher seinen Namen sder durchbohrtes daher hatte, daß am Fuße desselben eine Höhle durchlief, in welcher das Lager des Thieres war. Sobald Hercules an den Ort kam, ging er auf das Thier los; da es in die Höhle floh, folgte er ihm nach und verstopfte die eine Oeffuung; nun griff er es an nud erdrosselte es, indem er ihm den Hals mit den Armen umstrickte. Die Haut desselben warf er sich über die Schultern; da sie so groß war, daß er sich darein hüllen konnte, so diente sie ihm für seine spätern Kämpfe statt einer Schutzwehr. Für's Zweite wurde ihm aufgetragen, die Lernäische Hyder umzubringen, die aus Einem Leibe hundert Hälse mit eben so vielen Schlangenköpfen emporst-rcckte. Wurde einer dieser Köpfe abgehauen, so wuchsen an der verwundeten Stelle zwei neue hervor. Darum galt die Hyder für unüberwindlich. Und das mit Recht; denn, Wa-s besiegt schien, erhob sich wieder mit doppelter Kraft. Doch Hercules ersann ein Mittel, diesem Uebelstande abzuhelfen. Er hieß den Jvlaus, wenn ein Kopf abgeschlagen war, die Wunde mit einer brennenden Fackel ausglühen, um den Blutfluß zu stillen. Auf diese Art bezwäng er das Thier. In die Galle desselben tauchte er die Spitze s einer Geschehe, damit Zeder, den seine Pfeile träfen, unheilbar verwundet würde. Diodor, Zr Bdch». 7 378 Diodor's historische Bibliothek. ,r. Der dritte Auftrag war, er sollte den Eryman- thischen Eber lebendig bringen, der 'in den Gefilden vo» Arcadien*) fauste. Das schien eine sehr schwierige Aufgabe zu seyn. Denn, Wer einen solchen Kampf versuchen wollte, der mußre so viel Geistesgegenwart besitzen, daß er während des Angriffs genau das rechte Maß hielt. Ließ er das Thier los, so lange es noch Kraft hatte, so war er nicht vor den Zähnen desselben sicher; rang er aber allzuheftig, so brachte er es um, und der Auftrag war nicht ganz erfüllt. Hercules indessen wußte sich im Kampf- zu mäßigen und den Mittelweg so gut zu treffen, daß er den Eber lebendig dem EnryfilmS überlieferte. Als ihn der König kommen sah mit dem Eber auf den Schultern, verbarg er sich vor Schrecken in ein ehernes Faß. Um dieselbe Zeit besiegte Hercules die sogenannte« Centauren. Die Veranlassung war folgende. Pholuch ei» Centaur (von welchem das benachbarte Gebirge den Namen Pholoö erhielt), nahm den Hercules gastlich auf und öffnete das verborgene Weinfaß. Dieses hatte nämlich, »alb der Fabel, Dionysos einst emem Centauren anvertraut, «it dem Befehl, es erst dann zu offnen, wenn Hercules käun. Als Dieser vier Menschenalter später wirklich einkehrte, gedachte Pholus an den Befehl des Dionysos. Da das. Faß geöffnet wurde und der Duft von dem starken alten Wein sich verbreitete, geriethen die in der Nähe wohnenden Centaur« dadurch außer sich, eilten schaarenweise der Wohnung dei Pholus zu, und drangen mit furchtbarem Ungestüm ein, m zu rauben. Pholus verbarg sich aus Furcht; Hercules ab« *) Nach einer andern Lesart: auf Lampe« in Arcadien. Viertes Buch. 3-z hielt wunderbarerweise den gewaltsamen Angriff aus. Er hatte gegen Wesen zu streiten, die von mütterlicher Seite Götter waren und die Schnelligkeit des Pferds und die Stärke eines doppelten Thierkörpers mit dem Verstände und der Klugheit des Menschen vereinigten. Die Centauren gingen theils mit ganzen Fichtenstämmen, theils mit großen Felsenstücken auf ihn los, Einig- auch mit brennenden Fackeln oder mit Schläch- tersbeilen. Allein er blieb unerschrocken »nd bestand einen seiner früheren Thaten würdigen Kampf. Jenen sandte ihr« Mutter Nephele sdie Wolkes Hülfe durch einen heftigen Regenguß, der den vierfüßigen Wesen keinen Nachtheil brachte, aber die Tritte Dessen, der nur auf zwei Füßen stand, unsicher machte. Aber ungeachtet dieser Vortheile auf der Seite der Centauren, besiegte sie Hercules wider alles Erwarten. Die Meisten tödtete er, und die Uebrigen zwang er zur Flucht. Unter den umgekommenen Centauren sind die bekanntesten Daphnis, Argons und Amphivn; sodann Hippo- tion, Orsus, Jsoples und Melanchätes; ferner Thereus, Du- pon und Phrirus. Von Denen, die aus diesem Kampfe entronnen waren, fand nachher Jeder seine Strafe. Homadus z. B. wurde in'Arcadien getödket, weil er der Alcyone, der Schwester des Eurystheus, Gewalt anthat. Bei dieser Gelegenheit fand man die Handlungsweise des Hercules vorzüglich achtungswerth. Ungeachtet des persönlichen Haffes gegen seinen Feind glaubte er doch durch Theilnahme an dem Schicksale der Mißhandelten seinen menschenfreundlichen Sinn beweisen zu müssen. Ein eigener Zufall traf den Pholus, den Freund des Hercules. Als Verwandter begrub er die gefallenen Centauren. Während er nun aus einem der Leichname 7 * 36 o Di'odor's historische Bibliothek. den Pfeil herauszog, verletzte er damit sich selbst, und starb an der unheilbaren Wunde. Hercules bestattete ihn ehrenvoll; er legte ihn unter den Berg, der durch seinen Namen Phvloi-, nicht durch eine Inschrift, an den Begrabene» erinnert; ein herrlicheres Grabmal als eine Denksäule. Den Chiron, der als geschickter Arzt bekannt war, tödtete er ebenfalls unabsichtlich durch einen Pfeil. So viel von den Centauren. >ä. Hercules erhielt ferner den Auftrag, eine Hirschkuh mit goldenen Geweihen, die außerordentlich schnell war, zu jagen. Bei dieser Arbeit kam ihm seine Klugheit eben so zu statten, wie sonst seine Körperstärke. Einige behaupten, mit Netzen habe er sie gefangen; Andere, er habe sie aufgespürt und im Schlafe überfallen; wieder^Andere, er habe sie so lange gejagt, bis sie erschöpft war. In jedem Falle führte er diese That blos durch verständige Ueberlegung aus, ohne einen gefährlichen Kampf. Es wurde ihm weiter befohlen, die Vögel aus dem Stymphalischen Sumpfe zn vertreiben. Das gelang ihm leicht durch ein klug''erso»- nenes Mittel. Es hatte sich nämlich eine Art von Vögeln in unglaublicher Menge dort verbreitet, welche die Früchte in der Umgegend abfraßen. Durch Gewalt war es unmöglich den Thieren zu steuern, wegen der ungeheuern Menge; es mußte eine künstlich ausgedachte List angewendet werden. Hercules machte sich nun eine eherne Klapper; durch den furchtbaren Lärm, den er damit erregte, scheuchte er die Böget aus, und vertrieb sie endlich durch das fortwährende Getöse ohne Mühe, daß der Sumpf völlig leer wurde. Nachdem diese Arbeit vollendet war, erhielt er von Enrystheus den Viertes Buch. 39r Auftrag, den Viehhof des Augias zu reinigen ohn« Beihülfe. Seit vielen Jahre» harte sich da eine unendliche Menge von Mist angehäuft) und den sollte Hercules zur Schmach nach dem Befehle des Eurysthens hinausschaffen. Den Mist auf den Schultern hinauszutragen, konnte er sich nicht entschließen. Um sich den entehrenden Knechtsdienst zu ersparen, leitete er den Flnß Penöus in den Hof, daß der Unrath weggeschwemmt wurde. So krachte er die Arbeit, ohne sich zu beschimpfen, in Einem Tage zu Stande. Auch hier muß man seine Klugheit bewundern. Einen schmachvollen Auftrag vollzog er, ohne sich zu einer Handlung zu erniedrigen, die eines Unsterblichen unwürdig gewesen wäre. Er mußte ferner den Stier von Kreta holen, in welchen sich Pasiphai- verliebt haben soll. Er fuhr auf die Insel hinüber und mit Hülfe des Königs Minos brachte er den Stier nach dem Pclopon- nes, indem er den ganze» Weg zur See sich von demselben tragen ließ. >/,. Nachdem er sich dieses Auftrags entledigt, führte er die Olympischen Spiele ein. Er wählte die schönste Gegend zu diesen festlichen Zusammenkünften aus, die Ebene an dem Flnß Alpheus. Hier veranstaltete er die dem vaterländischen Zeus geweihten Kampfspiele. Zum Preise bestimmte er blos einen Kranz, weil auch er für die Wohlthaten, die er der Menschheit erwiesen, keinen Lohn empfangen hatte. In jeder Art des Kampfes war er Sieger, ohne wirklich zu kämpfen) denn Niemand wagte den Versuch mit einem so weit überlegenen Gegner, wiewohl es Kämpfe von- ganz entgegengesetzter Beschaffenheit sind. Denn für den Faust- 532 Diodor's historische Bibliothek. kämpfer oder den Pankratiasten *) ist es schwer, im Wettlanft den Preis zu gewinnen; und umgekehrt ist e.s unbegreiflich"), wie Der, welcher sich in den leichteren Arten des KampfeS hervorthut, Diejenigen besiegen kann, die in den schwereren sich auszeichnen. ES ist daher kein Wunder, daß gerade die Llympischcn Spiele die berühmtesten wurden, da sie Lurch einen so trefflichen Kampfer eröffnet waren. Wir dürfen auch die Geschenke nicht übergehe», welche dem Hercules von den Göttern wegen seiner Verdienste gemacht wurden. Als er nämlich von seinen Waffenthaten ausruhte, bei frohen Zusammenkünften zu Festen und Spielen, beschenkten ihn die Götter, jeder mit einer angemessenen Gabe. Von Athene erhielt er ein Feierkleid, von HephästoS eine Keule und einen Harnisch. Diese Gaben waren Beweise von dem Wetteifer, womit die beiden Gottheiten arbeiteten, Jene für Vergnügen Nid Belustigung im Frieden, Dieser für Schuh und Schirm im Kriege sorgend. Ferner schenkte ihm Poseidon Rosse und Hermes ein Schwert. Apoll gab ihm einen Bogen und unterrichtete ihn im Schießen. De Meter veranstaltete ihm zulieb die kleinen Mysterien, damit er von dem Morde der Centauren sich reinigen könnte. Ein besonderer Umstand ist in Rücksicht auf die Geburt dieses Gottes zu bemerke». Die erste Sterbliche, mit welcher sich ZeuS verband, war Aivbe, deS PhorvnmS Tochter, die letzte aber Alkmene. *) Pankratimn war eine Verbindung des Fausikampfs und des Ringens. ") Die Lesart x«rc>ncins)<7«c statt xcrrcrnoHcrcrr gibt keine« schicklichen Sinn. Evenso im folgenden Satz V7Ik(>o)s^ statt wie Dlndvrf liest. 383 Viertes Blich. Diese stammte, nach der Angabe der Mythographen, im sechzehnten Gliede von Niobe ab. Zeus fing also in demselben Hause an, Menschen zu zeugen, iu welchem er auch aufhörte. Nach Alkmene nahte er keiner Sterblichen mehr. Er konnte nicht hoffen, noch einen Sohn zu erhalten, der mit Hercules zu vergleichen wäre, und doch wollte er nicht, daß Geringere auf den Größer» folgen sollten. -5. Als die Giganten von Pallene sin Macedonien^j den Krieg gegen die Unsterblichen arfiugen, stand Hercules den Göttern bei und tödtete viele der Erdensöhne. Dafür wurde ihm hohe Gunst zu Theil. Zeus nannte nämlich nur Diejenigen unter den Göttern, welche mitgekämpft hatten, Olympier, um durch diese ehrenvolle Auszeichnung den Tapfern von dem Feigen zu unterscheiden. Jener Benennung würdigte er nun auch zwei Söhne sterblicher Weiber, den Dionysos und-Hercules, nicht blos, weil Zeus ihr Vater, sondern, weil sie auch in ihren Bestrebungen ihm ähnlich waren, und zur Beglückung der Menschen Vieles beigetragm hatten. Den Prometheus, welcher den Menschen das Feuer gebracht, hatte Zeus gefesselt und einen Adler zu ihm gesandt, der an seiner Leber fraß. Hercules sah, daß er wegen einer Wohlthat, die er den Menschen erwiesen, diese Strafe litt. Daher tödtete er den Adler mit dem Pfeil, und bewog den Zeus, von seinem Zorn abzulassen. So rettete er den Wohlthäter der Menschheit. Ein weiterer Auftrag, welchen Hercules erhielt, war der, die Stuten des Diome- des aus Thracien zu holen. Sie waren so wild und so stark, daß man sie an eherne Krippen und mit eisernen Ketten band. Ihr Futter bestand nicht aus Gewächsen, sondern sie zerrissen 3L4 Diodor's historische Bibliothek. die Fremden, welche das Unglück hatten, dahin zu komme«, und das Fleisch derselben diente ihnen zur Nahrung. Um sie zu bändigen, warf ihnen Hercules ihren Herrn, den Dionre- des vor; und so gelang es ihm, die Thiere zahm zu mache«, indem er skc an dem Fleisch Dessen sich satt fressen ließ, der sie an die widernatürliche Nahrung gewöhnt hatte. Eury- stheus weihte die Pferde, als sie ihm gebracht wurden, der Hera; die Nachkommenschaft derselben dauerte bis auf die Zeit Alerander's, des Königs von Macedonien, fort. Nachdem Hercules diese Arbeit ausgeführt, schiffte er sich mit dem Heere deS Ja son, der Las goldene Vließ holen sollte, nach Ko!- chis ein. Davon werden wir aber in der Geschichte des Argonautenzugs ausführlicher sprechen. 16. Hercules unternahm hierauf einen Zug gegen die Amazonen, weil ihm aufgetragen war, das Wehrgeheirk der Amazone Hippolyta zu bringen. Er schiffte über den Pontus, der von ihm den Namen Eurinus erhielt, fuhr in die Mündnng des Flusses Thermodon ein und schlug ei« Lager in der Nähe der Stadt Thcmiscyra, wo die Amazone» ihre königliche Burg hatten. Zuerst forderte er sie auf, ihm das Wehrgeheuk zu geben, das er bringen sollte. Als sie sich weigerten, ließ er sein Heer zur Schlacht anrücken. Die gemeinen Amazone» fochten mit den Soldaten des Hercules, die ausgezeichnetsten aber stellten sich ihm selbst gegenüber und bereiteten ihm einen schweren Kampf. Die Erste, die sich in den Streit mit ihm einließ, war Ai-lla. Sie hatte vo» ihrer Schnelligkeit den Namen sWindrbrauti erhalte»; allem sie fand hier einen noch schnelleren Gegner. Die zweite, Philippis, fiel sogleich, tödtlich verwundet, auf den erste« Viertes Buch. 38S Angriff. Hierauf stellte sich Prothoi- zum Gefecht, von welcher man sagte, fle habe im Zweikampf siebenmal gesiegt. Nachdem auch sie gefallen war, überwand Hercules die vierte, Eriböa. Diese rühmte sich, weil sie in so manchem Kriege ihre Tapferkeit bewiesen hatte, sie bedürfe keines Beistands) aber ihre Versicherung wurde widerlegt, als sie mit einem Stärkeren zusammentraf. Celäno ferner und Eurybia und Phöbc, die Gefährtinnen der Artemis auf der Jagd, die sonst immer geschickt mit dem Wurfspieß trafen, verfehlten nur diesesmal ihr Ziel uud wurden alle niedergemacht, während sie einander mit dem Schilde zu-deckeu suchten. Darauf erlegte Hercules die Dejanira, Asteria, Marpe, Lehrn essa und Alcippe. Die Letztere hatte geschworen, ihr Leben laug Jungfrau zu bleiben; den Schwur hielt sie, aber am Leben blieb fle nicht. Melanippe, die Anführerin der Amazonen, war durch ihre Tapferkeit vorzüglich berühmt; aber es hatte ein Ende mit ihrer Würde. Nachdem Hercules die angesehensten Amazonen getbdtet, zwang er die übrige Schaar zur Flucht und hieb sie größtentheils nieder. So wurde das Volk gänzlich ausgerottet. Eine der Gefangenen, Antiope, schenkte er dem Theseus. Die Melanippe ließ er frei, und »ahm das Wehrgehenk als Lösegeld. - 7 . Eurystheus trug ihm als zehnte Arbeit auf, die Rinder des Geryones herzuführen, dir in Jberien sauf der pyrenäischeu Halbinself waideten, auf der Seite gegen den fatlantischen) Ocean. Hercules sah wohl, wie viele Vorbereitungen dieses beschwerliche Unternehmen erforderte. Er rüstete zu diesem Zweck eine ansehnliche Flotte aus und ein Heer von tüchtigen Kriegern. Denn es war in der ganze« 288 Diodor's historische Bibliothek. Welt bekannt, daß Chrysavr, der den Namen sGvldschnmts von seinem Reichthum hatte, König von ganz Jberien war, und drei Söhne für ihn stritten, die durch Körperstärke und durch tapfere Kriegsthateu sich auszeichneten, daßsüberdieß jeder der Söhne zahlreiche Heers von streitbaren Männern unter sich hatte. Ebendarum hatte Eurystheus dem Hercules Jene Arbeit aufgetragen, weil er dachte, ein Kriegszug gegen ein solches Land werde nicht leicht gelingen. Dochf-Hercules ging den Gefahren eben so unerschrocken entgegen, wie bei seinen frühern Thaten. Er sammelte seine Heere in Kreta, um von dort aus das Unternehmen zu beginnen; denn diese Insel ist sehr geschickt gelegen für Züge nach allen Gegenden der Welt. Vor seiner Abreise widerfuhren ihm die größten Ehrenbezeugungen von den Einwohnern, und um den Kretern einen Gefallen zu erweisen, befreite er die Insel vonIvilden Thieren. Daher gab es in der Folgezeit auf der Insel z. B. keine Bären mehr, keine Wölfe, keine Schlangen, noch irgend eine andere Gattung solcher gefährlichen Thiere. Er that Das, um die Insel zu ehren, auf welcher, nach der Fabel, Zeus geboren und erzogen war. Nachdem sich Hercules daselbst eingeschifft hatte, landete er in Libyen. Da fand er zuerst den Antäus, der durch seine Leibesflärke und als geübter Fechter berühmt war und die von ihm überwundenen Fremden tödtete. Diesen forderte er zum Kampf heraus, und ringend erwürgte er ihn. Hierauf reinigte er Libyen von den vielen wilden Thieren; er erlegte deren manche in dem ungebaute« Lande; und so konnte es denn mit Feldfrüchten und mit andern Gewächsen, die einen Ertrag gewähren, reichlich bepflanzt werde»; an viele» Orten wurden Weinberge, an 38 ? Viertes Buch. andern Oehlgärten angelegt. In der That wurde das zuvor unbewohnbare Libyen durch die Ausrottung der zahlreichen Ranbthiere ein so gesegnetes Land als irgend ein anderes. Auch dadurch förderte Hercules das Glück der Einwohner, daß er Bösewichke und trotzige Gewalthaber aus der Welt schaffte. Die Fabel sagt, er habe deßwegen gerade dieswilden Thiere und die ruchlosen Menschen gehaßt, weil ihm, als einem unmündigen Kinde von den Schlangen Gefahr gedroht, und weil er als Mann unter die Gewalt des übermüthigen und ungerechten Herrschers gekommen, der ihm die Arbeiten auflegte. 18. Nachdem er den AutäuS erlegt, kam er nach Ae- gypten. Hier tödtete er den König Busiris, welcher die Fremden, die das Land besuchten, zu ermorden pflegte. Auf einer Wanderung durch die wasserlose Gegend von Libyen traf er am Ende ein fruchtbares, von Flüssen durchströmtes Land an. Daselbst gründete er eine Stadt von ungeheurer Größe. Er gab ihr wegen der Menge ihrer Thore den Namen Hekatompylvs sdie Hunderlthorige). ES blieb eine blühende Stadt bis in die neueren Zeiten, da fle von den Karthagern mit einem ansehnlichen Heer unter geschickten Feldherrn angegriffen wurde und unter ihre Herrschaft kam. Hercules zog weit durch Libyen, bis er an den ^atlantischen) Ocean in der Gegend von Gadira )Cadir) kam, wo er an beide» Ufern Säulen aufrichtete. Er fuhr mit seiner Flotte, welche neben her gesegelt war, nach Zberien hinüber. Da fand er die Söhne des Chrysaor mit drei großen Heeren in einiger Entfernung von einander gelagert. Er erlegte die Anführer alle im Zweikamxfe, eroberte Zberien und trieb die 588 Diodor's historische Bibliothek. berühmtcu Viehhecrden fort. Auf seinem Zuge durch Jbcrie« wurde er von einem der Könige des Landes, einem ausge- zeichuet frommen und gerechten Manne, ehrenvoll aufgenommen. Diesem ließ er einen Theil der Rinder als Geschenk zurück. Er weihte aber alle, die er erhalten, dem Hercules, und opferte demselben jährlich den schönsten Stier der Heerde; die Kühe aber waren, da sie heilig gehalten wurden, noch bis aus unsere Zeiten in Jberieu vorhanden. Da wir der Säulen des Hercules gedacht haben, so wird hier der Ort seyn, noch weites davon zu sprechen. Hercules wollte diese Lenksäulen seines Zuges aufrichten, nachdem er bis an die Küste des Oceans, die äusserste Grenze des festen Landes von Libyer sowohl als von Europa, gekommen war. Um aber ein blei- bendes Gedächtniß zu stiften, sagt man, habe er an beides Ufern den Meeresgrund weithin mit Erde aufgefüllt, und so die Küsten, die vorher durch einen beträchtlichen Zwischeu- raum getrennt gewesen, einander ganz nahe gebracht, damit durch die schmale und seichte Meerenge die größeren See- thiere nicht mehr aus dem Ocean in das innere Meer her- überschwimmen könnten; zugleich übrigens in der Absicht, durch das ungeheure Werk seinen Namen zu verewigen. Andere behaupten im Gegentheil, das feste Land habe zusammengehangen und sey von Hercules durchstochen worden, so daß die Meerenge sich erst bildete und eine Verbindung zwischen dem Ocean und unserem Meere entstand. Unter diese» Meinungen mag Jeder wählen, was ihm das Wahrscheinlichste ist. Ein ähnliches Werk hatte Hercules früher in Griechenland ausgeführt. In der Gegend von Tempe war eine weite Strecke sumpfiger Boden; nun führte er durch das Viertes Buch. 38c) trocken« Land einen Canal, in welchen er alles Wasser aus dem Sumpf ableitete; da kam das flache Land von Thessalien anöden Usern des Pen<-us erst zum Vorschein. In Böotien that er das Gegentheil; dem Fluß bei Orch o- menos, der Stadt der Minyer, versperrte er den Lauf, so daß die ganze Gegend unter Wasser gesetzt wurde und Aller' umher zu Grunde ging. Durch das Werk in Thessalien wollte er den Griechen einen Dienst erweisen, in Böotien aber an den Einwohnern von Minya« Rache nehmen wegen der Unterjochung der Thebaner. >g. Hercules übergab in Iberien die Herrschaft den Edelsten der Eingeborenen, und brach mit seinem Heere nach dem Celtenlande lGallienj auf, das er ganz durchwandert«. Hier schaffte er die unsittlichen Gebräuche, namentlich die Ermordung der Fremden, ab. Da eine große Menschenmenge aus allerlei Völkern freiwillig den Zug mitmachte, so erbaute er eine sehr große Stadt, die er Alesia nannte wegen seiner Wanderungen in der Irre sAle). Er ließ auch viele Eingeborne in der Stadt sich ansiedeln; da diese bald die Mehrzahl ausmachten, so verwilderte die ganze Einwohnerschaft. Noch bis auf nnscre Zeiten stand diese Stadt unter den Celten in großem Ansehen als der Mittelpunkt und die Hauptstadt des ganzen Landes. Sie behauptete seit Hercules beständig ihre Freiheit und wurde nie erobert, bis sie endlich in der neuesten Zeit von Cajus Cäsar, der wegen seiner großen Thaten vergöttert ist, mit Sturm eingenommen wurde und mit den übrigen Celten sich den Römern unterwerfen mußte. Hercules setzte seine Wanderung von dem Celtenlande nach Italien fort. Bei seinem Zuge über das 3go Diodor'ö historische Bsbliothek. Gebirge der Alpen machte er den rauhen und beschwerlichen Weg bequemer, so daß er für Kriegsherr« und für die Last- thiere in ihrem Gefolge gangbar wurde. Die wilden Völkerschaften, die in diesen Gebirgen hausten und gewohnt waren, die durchziehenden Heere in den unwegsamen Gegenden anzufallen und zu plündern, wurden von ihm alle bezwungen und die Anlührer dieser Räuber umgebracht. So schafiE er für die Zukunft den Wanderern Sicherheit. Nachdem er die Alpen überstiegen und das flache Land des jetzt sogenannten scisalpinischenj G alliens durchwandert hatte, zog er weiter durch Ligurien. -o. Die Einwohner dieses Landes, die Liguren, haben eins» harten und sehr magern Boden zu bebauen; doch bringe» sie es durch ihre außerordentliche Arbeitsamkeit und Anstrengung dahin, daß er rolhdürfcig einige Früchte trägt. Daher sind sie von hagerer Gestalt, ihre Muskelkraft ist aber durch beständige Uebung stark. Weil fle von verweichlichender Ueppigkeit gar nichts wissen, so sind sie in ihren Bewegungen sehr gewandt und im Kriege beweisen sie eine außerordentliche Stärke. Da man überhaupt in dieser Gegend an angestrengte Thätigkeit gewöhnt ist, und da der Boden einer fleißigen Bearbeitung bedarf, so halten die Liguren ihre Weiber an, die Beschwerden der Feldarbeit mit ihnen zu theilen. Männer und Weiber verdinge» sich zur Arbeit. Da ist bei einem Weib ein merkwürdiger Fall eigener Art noch zu unsern Zeiten vvrgekommen.. Eins Schwangere, welche neben Männern im Taglohn arbeitete, wurde mitten im Geschäft von Wehen ergriffen; sie ging i» aller Stille weg in ein Gebüsch; nachdem sie hier geboren, hüllte sie das Kind Viertes Buch. 3gi in Blätter ein und verbarg es im Gesträuch. Darauf trat sie wieder in die Reihe der Arbeiter und setzte.das beschwerliche Geschäft gleich den Männern fort, ohne daß fle merken ließ, was geschehen war. Doch durch das Schreien des Kindes kam es an den Tag. Allein der Aufseher konnte fle durchaus nicht bewegen, daß fle aufhörte zu arbeiten. Sie stand nicht eher ab von dem anstrengenden Geschäft, bis der Gutsbesitzer aus Mitleid ihr den Lohn ansbezahlte und sie entließ. 21. Hercules kam, nachdem er das Land der Lignreu und der Tyrrheuer durchwandert, an den Tiberstrom, und schlug ein Lager, wo jetzt Rom steht. Diese Stadt ist erst viele Menschenalter später von Romulus, Lein Sohne des Mars, erbaut worden. Damals war nur Las jetzt sogenannte Palatium sder palatinische Hügels von den Eingeborneu bewohnt, welche daselbst eine ganz kleine Stadt hatten. Hier wurde Hercules von Cacius und Pinarius, zwei der angesehensten Männer, ansservi deutlich gastfrei aufgenommen und erhielt von ihnen die schönsten Geschenke. Das Andenken dieser Männer hat sich in Rom bis auf die gegenwärtige Zeit erhalten. Das Geschlecht der Piuarier nämlich dauert noch fort; es ist eines der ältesten Häuser des Römischen Avels. Und auf dem Palatium gibt es eins Treppe mit steinernen Stufen, welche Cacia heißt und ihren Namen von jenem Cacius hat, weil in der alten Stadt dessen Hans in der Nähe stand. Hercules ließ sich die freundschaftliche Ansnahme auf dem Palatium wohl gefallen; er gab den Einwohnern die Versicherung, Wer, nach seinem Hingange zu den Göttern, den Zehenten von ssluem Vermögen dem Hercules 392 Diodor's historische Bibliothek. zu weihen gelobe, der habe ein höheres Lebensglück zu erwarten. Diese Sitte dauerte wirklich noch in spätern Zeiten fort bis auf unsere Tage. Viele Römer, nicht blos von mittlerem Vermögen, sondern auch Einige, die bereits sehr reich waren, sollen dem Hercules den Zehenten gelobt haben und darauf so wohlhabend geworden seyn, daß ihr Vermögen, daS sie nun verzehnteten, sich auf -iooo Talente belief. Lucullns, der wohl der reichste Römer seiner Zeit war, ließ sein Vermögen schätzen und opferte dem Gotte den vollständigen Zehenten, indem er lange dauernde verschwenderische Gastmahle veranstaltete. Die Römer haben diesem Gott einen ansehnlichen Tempel an der Tiber- erbaut, der dazu bestimmt ist, daß die Opfer von dem Zehenten daselbst dargebracht werden. Hercules setzte seine Wanderung von der Tiber an noch weiter fort, an der Küste des Landes hin, das jetzt Italien heißt. Er kam in die Ebene von Cumä, wo es nach der Fabel außerordentlich starke, wegen ihrer Gewaltthätigkeit berüchtigte Menschen gab, die mau Giganten hieß. Die Ebene soll den Namen Phlegräum sBrandfelds erhalten haben von dem Berge, der ehemals ungeheuere Flamme» auswarf, gleich dem Aetna in Sicilien. Jetzt heißt der Platz Vesuv ins; man findet da noch viele Spuren, daß in frühern Zeiten der Boden verbrannt ist. „Die Giganten kamen (so erzählt man,) als sie von der Ankunft des Hercules hörten, alle zusammen und rüsteten sich auf jenem Platze*) zur Schlacht. Es entstand ein heftiger Kampf; doch siegte Hercules über die Stärke und Tapferkeit der Gi- *) Vor rw 7 r(ioelor//-el-« scheint rorrm ausgefallen zu seyn. Viertes Buch. A95 ganten, weil die Götter seine Mitstreiter waren. Die meisten kamen um, unv so wurde.jene Gegend entwildert." Weil die Giganten eine so außerordentliche Kölpeckeafr besaßen, so sagt die Fabel, sie seyen aus der Erde geboren. Jener Sage von den Giganten, die in Phlegräum umgekommen, ist auch der Geschichtschreiber Timäus gefolgt. „. Bon der Ebene Phlegräum ging Hercules dem Meere zu, und gründete Ansagen um den See Averuus, welcher der Persephone heilig heißt. Der See liegt zwischen Misenum und Dicäarchia, iu der Nähe einer warmen Quelle. Er hat im Umfang ungefähr fünf Stadien und ist unglaublich tief. Das Wasser ist sehr rein und hat eine blaue Farbe wegen der ungeheuren Tiefe. Nach der Sage wurden hier ehemals Todte befragt; in der spätern Zeit soll das Orakel aufgehört haben. Der See lief in das Meer aus; nun füllte Hercules, wie man erzählt, die Mündung mit Erde auf und legte die Straße an, die jetzt am Meer hinführt und von ihm den Namen Heraclea hat. Das waren seine Thaten in dieser Gegend. Don hier aus kam Hercules zu einem Felsen auf dem Gebiet von Posidoniu, wo sich eine sonderbare Geschichte zugetragen haben soll. „Es war unter den Eingebornen ein berühmter Jäger, der seinen Muth auf'der Jagd schon oft erprobt hatte. Er war bisher gewohnt, die Köpfe und die Füße der erlegten Thiere'der Artemis zu weihen und an Bäumen aufzuhängen. Da er aber einmal «inen sehr großen Eber gejagt, fragte er nicht nach der Göttin, sondern jagte, der Kopf dieses Thiers solle ihm selbst geweiht seyn; in diesem Sinne hängte er ihn denn an.cincm Baum auf. ES war gerade in der heißen Jahrszeit, und er Diodor. Zs Bdch». 8 Z94 Diodor's historische Bibliothek. schlief um Mittag ein. Während dem wurde das Band los, und der Kopf fiel von selbst herab auf den Schlafenden und erschlug ihn." Diese Erzählung darf uns nicht so sehr befremden , da ja sonst noch manche Beispiele von Strafen angeführt werden, welche die Verächter dieser Göttin getroffen haben. Ganz anders erging es dem Hercules, der die Götter ehrte. „Als er an die Gränzen des Gebiets m Rhegium und Lokrikam, und von den Beschwerden der Reise ausruhen wollte, ließen ihn die Grillen nicht schlafe». Da betete er zu den Göttern, sie möchten die Ruhestörer wegschaffen. Die Götter erhörten sein Gebet, und entfernten fle um seinetwillen nicht blos für den Augenblick, sondern auch in allen folgenden Zeiten zeigte sich in dieser Gegend keine Grille mehr." Da Hercules an der Meerenge ankam, trieb er die Kühe an der Stelle, wo sie am schniäl- sten ist, nach Sicilien hinüber. Er selbst schwamm auch mit über die See, indem er sich an dem Horn eines Stiers hielt. Es war, nach der Angabe des Timäus, eine Streck von dreizehn Stadien. aL. Er wollt« hierauf in ganz Sicilien rings herum wandern. Von Pelorias sder Gegend des Vorgebirges Pelornmf machte er sich aus den Weg zu Eryr. Während er an der Küste der Insel hinging, ließen, wie die Gaze erzählt, die Nymphen warme Quellen dort entspringen, ihn zu labe» auf der mühevollen Reise. Es fl >d dieser Quellen zwei; die eine heißt Himeräa, die andere Egestäa, von den Städten sHimera und Egestaj so genannt. Als sich Hercules dem Gebiete des Eryr näherte, forderte ihn dieser auf, mit ihm zu ringen. Er war ein Sohn der Aphrodite und Viertes Buch. 3g5 des Butas/des damaligen Beherrschers dieser Gegend. Es wurden Kampspreise ausgesetzt; Eryr versprach sein Land abzutreten, Hercules seine Rinder. Zuerst wurde Eryr unwillig , daß die Rinder, die doch einen viel geringern Werth hätten, dem Lande gleichgeschätzt werden sollten. Da ihn aber Hercules versicherte, daß er, wenn er diese Rinder zurücklassen müßte, der Unsterblichkeit verlustig würde, so ließ sich Eryr die Bedingung gefallen. Er unterlag im Kampfe und verlor sein Land. Hercules überließ indeß das Land den Eingebvrnen und gestattete ihnen, es zu benützen, bis einmal Einer seiner Nachkommen es zurückfordern würde. Das geschah auch wirklich. Viele Menschenalter später kam Dortens von Lacedämon nach Sicilien, nahm das Land in Besitz und erbaute die Stadt Heraclea. Das schnelle Aufblühen derselben erregte die Eifersucht der Karthager; sie fürchteten, sie möchte einmal mächtiger werden als Karthago und den Pönern die Herrschaft entreißen. Daher griffen sie die Stadt mit großer Heeresmacht an; sie wurde mit Sturm erobert und gänzlich zerstört. Davon weiden wir übrigens ausführlicher sprechen, wenn wir in der Zeitordnung darauf kommen. Auf seiner Wanderung durch Sicilien kam Hercules ferner in die Stadt, welche jetzt Syrakus heißt. Sobald er hier die Sage von dem Raube der Köre erfahren, brachte er den Göttinnen") herrliche Opfer, und weihte den schönsten seiner Stiere, um ihn in die Cyane sdie blaue Quelle) zu versenke». Zugleich wies er die Einwohner an, jährlich der Köre zu opfern und zn einem ') Der Köre ober Persexhvne und ihrer Mutter Demeter. 3 * Z96 Diodor's historische Bibliothek. glänzenden Feste an der Cyane sich zu versammeln. Er zog jeyt mit den Kühen durch das Innere des Landes. Die ein- gebornen Sikaner, die ihm mächtige Heere entgegenstellten, besiegte er in einer blutigen Schlacht, in welcher eine große Zahl derselben fiel. Die Sage nennt unter den Gefallenen auch treffliche Feldherrn, die noch gegenwärtig als Heroen verehrt werden, Leukaspis, Pediakrates, Bupho- nas, Gaugatas, Cygäus und Krytidas. -4. Hierauf durchwanderte Hercules das Gefilde von Leontium, wo die schöne Gegend seine Bewunderung erregte. Wo man ihm Ehre erwies, bezeigte er sich freundlich und ließ unvergängliche Denkmale seiner Gegenwart zurück. Ganz besonders war di>ß der Fall in der Stadt Agyrium. Hier wurde er gleich den Olympischen Göttern geehrt durch feierliche Versammlungen und Opferfeste. Bisher hatte er noch nie ein Opfer angenommen; aber da ließ er es sich zum erstenmal gefallen; denn die Gottheit gab ihm bereits ei» Vorzeichen der Unsterblichkeit. Auf einem steinichten W'gt nämlich, nicht ferne von der Stadt, drückten sich die Fuß- stepsen der Kühe wie in Wachs ab. Aehuliche Spuren ließen die Tritte dos Hercules selbst zurück. Hieraus schloß er, es werde ihm jetzt, da die zehnte Arbeit vollendet sey, schon etwas von Unsterblichkeit zu Theil. Daher ließ er es zu, daß ihm die Einwohner ein jätzrlich zu wiederholendes Opfer weihten. Zum Danke für die Ehre, die ihm wiederfuhr, legte er vor der Stadt einen See an, von vier Stadien im Umfang, der nach ihm benannt werden sollte. Ebenso ließ er den Fußstapfen, welche die Kühe einaedrückt halten, seiseil Namen geben und bestimmte zur Verehrung deS Helde« Viertes Buch. 397 Geryones .einen Platz, der noch gegenwärtig bei den Emwohnern für heilig gilt. Auch seinem Vener, Iolaus, der den Zug mitmachte, weihte er ein sehenswerrh-s Heiiig- thum und fühlte die noch fortdauernde Sitie ein, demselben zu Ehren ein jährliches Opfer zu klingen. Alle Einwohner dieser Stadt lassen nämlich ihien Kindern von Glbnitan das Haar wachsen, als dem Iolaus geweiht, bis e« ihnen gelungen ist, durch kostbare Opfer den Gott zn versöhnen. Und diese heilige Sitte ist so unverletzlich, daß die Kinder, für welche das gewöhnliche Opfer nicht gebracht wird, die Stimme verlieren und wie Todte aussehen. Sobald aber Jemand gelobt, das Opfer darzubringen, und dem Gott ein Unterpfand desselben weiht, so werden, wie man behauptet, die von jener Krankheit befallenen Kinder wiederhergestellt. Die Einwohner haben ferner das Thor, durch welches der Zug ging, als man dem Gott sHerculeos opferte, Heräclca genannt. Auch feiern sie jährlich Fechter - und Reiterspiele, denen sie stch mit allem Eifer widmen. Das ganze Volk nimmt an der Freude des Festes Theil, Freie und Knechte« Denn nach der hergebrachten Sitte halten auch die Sklaven ihre besondern Versammlungen zu Ehren des Gottes und bringen ihm bei öffentlichen Gastmahlen ihre Oplcr dar« Hercules setzte mit seinen Kühen wieder nach Italien über und wanderte längs der Küste hin. Den Lacinius, der ihm einige Kühe gestohlen, brachte er um. U vorsätzlich töd- tete er den Kroton; diesen bestattete er feierlich und errichtete ihm ein Grabmahl. Den Bewohnern dieser Gegend sagte er voraus, es werde in der Folgezeit eine ansehnlrche Stadt den Namen des Verstorbenen führen. 396 Diodor's historische Bibliothek. -5. Das Adriatische Meer umging er und machte den ganzen Weg zn Lande bis nach Epirus und von da in den PeloponneS. Nachdem er jetzt die zehnte Arbeit vollbracht hatte, erhielt er von Eurystheus den Auftrag, de« Cerberus aus der Unterwelt au's Licht herauszubringen. Er ging daher nach Athen und ließ sich in die eleusini- schen Geheimnisse einweihen, was ihm, wie er hoffte, bei dieser Arbeit zustattcn kommen sollte. Musäus, der Soh« deS Orpheus, führte damals die Aufsicht über Liese Weihe,,. Da wir hier des Orpheus gedenken, so wird es nicht an, unrechten Orte seyn, wenn wir eine kurze Erzählung von diesem Mann einschalten. Er war der Sohn des Oeager, von Geburt ein Thracier. In Wissenschaft, Gesang und Dichtkunst that er es Allen, welche die Geschichte neimt, weit zuvor. Er verfaßte ein Lied, das Bewunderung erregt! und vorzüglich wohl klang, wenn es abgesungen wurde. Sein Ruhm stieg so hoch, daß man sagte, er bezaubere die Thiere und die Bäume durch seine» Gesang. Da er sich auch -er Wissenschaft widmete und die Sagen der Götterlehre klonen gelernt hatte, so reiste er nach Aegypten und sammelte sich dort noch viele Kenntnisse. Daher nimmt er Griechenland die erste Stelle unter den Kennern der Geheimnisse und der Götterlehre wie unter den Dichtern und Sängern ein. Er machte den Argonautenzug mit. Seiner Gattin zulieb stieg er mit wundersamer Kühnheit in die Unterwelt hinab. Durch die Macht seines Gesanges gerührt, erfüllte Perftphone seinen Wunsch und erlaubte ihm, seine verstorbene Gattin aus der Unterwelt herauszuführen, wie einst Dionysos gethan. Von Diesem erzählt nämlich die Sage Viertes Buch. 399 ebenfalls, er habe seine Mutter Semele aus der Unterwelt zurückgebracht, und ihr die Unsterblichkeit verliehen und zugleich den Namen Thyone gegeben. Nach diesem Berichte über Orpheus kehren wir wieder zu Hercules zurück. 26. Er stieg, wie die uns überlieferte Fabel sagt, in das Gebiet der Unterwelt hinab und wurde von Perse- phone (er war ja ihr Bruder) freundlich aufgenommen." Sie erlaubte ihm den Theseus zu entfesseln und mit dem Pirithous zurückzuführen. Den Hund legte er an Ketten und führte ihn wunderbarer Weise herauf und zeigte ihn den Blicken der Mensche». Die letzte Arbeit, die ihm aufgetragen wurde, war, die goldenen Acpfel der Hespe- riden zu holen. Er schiffte sich also wieder nach Libyen ein. Ueber diese Aepfel lauten aber die Sagen verschieden. Einige Schriftsteller erzählen, es habe wirklich in den Gärten der Hesperiben in Libyen goldene Aepssl gegeben, die beständig von einem furchtbaren Drachen bewacht worden seyen. Andere aber behaupten, die Hesperiben haben Schafheerren von anfferordentlicher Schönheit besessen, und diesen habe man wegen ihrer Schönheit die dichterische Benennung „goldene Welch'*) gegeben, so wie Aphrodite wegen ihrer herrlichen Gestalt die goldene heiße. Wieder Andere sagen, es seyen Schafe von eigener Farbe, dem Golde ähnlich, gewesen, und daher haben sie den Namen erhalten; unter dem zur Bewachung der Heerde» bestellten Drachen sey ein Mann von ausserordentlicher Körperkraft und Tapferkeit zu verste- *) Mela bedeutet im Griechischen gewöbulich Acpfel; in der Dichtersprache aber werden die Schafe so genannt. 4«o Dlodor'ö historische Bibliothek. hen » der die Schaafe gehütet und jeden Räuber, der sich herangewagt, umgebracht habe. Unter diesen Meinungen mag Jeder wählen, was ihm das Wahrscheinlichste ist. Hercules ködtete den Wächter und brachte die Mela dem Eu- rystheus. So waren seine Arbeiten vollendet, und nun hoffte er, dem Orakel des Apollo zufolge, die Unsterblichkeit zu erlange». 27. Wir dürfen hier nicht übergehen, was die Sage von Atlas und von der Herkunft derHesperidcn meldet. „In dem Lande Hesperitis lebten zwei Brüder, welche sich berühmt machten, Hesperus und Atlas. Sie waren Bescher vorzüglich schöner Schafheerden von goldgelber Farbe, die daher von den Dichtern, bei welchen die Schafe Mela heißen, goldene Mela genannt werden. Hesperus hatte eine Tochter, Namens Hesperis, die er seinem Bruder zur Ehe gab, und von der das Land den Namen Hesperitis erhielt. Allas zeugte mit Derselben sieben Töchter. Sie hieße« vom Vater her Atlantideu und der Mutter nach Hespe- riben. Diese Arlantiden zeichneten sich durch Schönheit und Tugend aus. Daher wünschte Busiris, der König von Aegypten, sie in seine Gewalt zu bekommen. Er schickte Seeräuber aus, welche die Jungfrauen entführen und ihm überliefern sollten. Um diese Zeit war Hercules auf dem Wege zu seiner letzten Arbeit. In Libyen tödtetc er den Antäus, der die Fremden zwang, mit ihm zu ringe»; und den Bnsiris, der die Ausländer, welche Aegypten besuchten, dem Zeus zum Opfer schlachtete, ließ er seinen verdienten Lohn finden. Hierauf schiffte er den Nil hinauf nach Aelhio- pikn, und tödttte den König dieses Landes, Emathion, Viertes Buch. 4«>r der die Waffen gegen ihn ergriffen hatte. An die Ausrichtung seines Auftrags kam er erst auf dem Rückweg. Die Seeräuber hatten unterdessen die Jungfranen, wie sie eben in einem Garten spielten, entführt und sich schnell mir ihnen auf die Schiffe geflüchtet und waren davon gesegelt. Hercules traf sie bei einer Mahlzeit, die fle am Ufer hielten. Als ihm die Jungfrauen ihr Schicksal erzählten, tödkete er die Räuber alle und brachte dem Atlas seine Töchter zurück. Zum Dank für den Dienst, den er ihm erwiesen, gab ihm Atlas willig nicht nur, was er zu der ihm aufgetragenen Ar. bert nöthig hakte, sondern theilte ihm auch seine Kenntnisse von den Gestirnen gerne mit. Er hatte es nämlich in der Sternkunde sehr weit gebracht und besaß eine künstliche Him- melSkugel. Daher glaubte man von ihm, er trage die ganze Welt auf seinen Schultern. Eben so großen Ruhm erwarb sich Hercules, indem er die Lehre, daß dre Welt eine Kugel sey, unter den Griechen verbreitete. Denn dieß ist es, was die Sage andeuten soll, er habe die von Atlas getragene Welt übernommen." -8. Während Hercules dort beschäftigt war, vereinigten sich, wie man erzählt, die sämmtlichen Amazonen, die noch übrig geblieben waren, am Flusse Thermodo», um sich geschwind an den Griechen zu rächen wegen der Niederlage, welche fle durch Hercules erlitten hatten. Vorzüglich waren fle gegen die Athener erbittert, weil Thesen», die Königin der Amazonen, Antiope, oder, wie fle von Anseru genannt wird, Hippolyte, zur Sklavin gemacht harre. Da sich die Scythen an die Amazonen anschießen, so kam eine bedeutende Heeresmacht zusammen. Mit diesem Heere 402 Diodor's historische Bibliothek. gingen die Anführerinnen der Amazonen über den cimme- rischen Bosporus") und zogen durch Thracien hin. Endlich, nachdem sie einen großen Theil von Europa"*) durchstreift, kamen sie nach Attika und schlugen ein Lager auf dem Platze, der osn ihnen den Namen Amazoneum erhalten hat. Sobald Theseus erfuhr, daß die Amazonen anrücken , ging er ihnen entgegen mit seinen einheimischen Truppen und mit der Amazone Anticpe, welche ihm einen Sohn, Hipp oly tus, geboren hatte. Er lieferte den Amazonen eine Schlacht, in welcher sich die Athener durch ihre Tapferkeit hervorthaten. Der Sieg blieb, auf der Seite des Lhesens, und die Amazonen im feindlichen Heere wurden theils niedergemacht, theils aus Attika »erjagt. Auch Antiope, die an der Seite ihres Gatten TheseuS muthooll kämpfte, starb den Heldentod in der Schlacht. Die noch übrige» Amazonen suchten ihr Vaterland nicht mehr auf, sondern zogen nach Scythien und vermischten sich da mit den Einwohnern. So viel von diesen Begebenheiten; wir kehren nun zu den Thaten des Hercules zurück. -g. Nach Vollendung seiner Arbeit hatte ihm das Orakel gerathen, ehe er unter die Gbtter versetzt würde, eine Kolonie nach Sardinien zu schicken unter der Anführung seiner Sohne, die ihm von den Thesp Laden geboren waren. Er entschloß sich dazu, gab aber den Söhnen, weil sie noch sehr jung waren, seinen Vetter Jolaus mit. Wir müssen aber zuerst von der Geburt dieser Söhne Nachricht ge- ") Die Meerenge zwischen, dem schwarzen und azowischen Meer. "") Im engeren Sinne führte ein Theil von Thracien diesen Namen. Viertes Buch. 4c>3 den, damit man die Erzählung von der Kolonie deutlicher verstehen kaun. Thespius, der Sohn des Eeechlheus, stammte aus einem angesehenen Geschlechte in Athen, und war der König des Landes, das seinen Namen führte. Don verschiedenen Gemahlinnen hatte er fünfzig Töchter. Da Hercules schon in früher Jugend eine ungewöhnliche Körperkraft besaß, so wünschte Thespius, daß seine Töchter von Hercules Kinder bekamen. Er lud ihn daher zu einem Lpsermahle ein, nud schickte ihm, nachdem er ihn herrlich bewirthet, seine Töchter eine nachs der andern, bei ihm zu schlafen. Sie wurden Alle schwanger, und so wurde Hercules Vater von fünfzig Söhnen, welche den gemeinschaftlichen Namen The- spiaden erhielte». Sie sind es, die er, als sie erwachseu waren, dem Orakel zufolge, als Pflanzer nach Sardinien zu schicken beschloß. Dem Jolaus, unter dessen Befehlen die ganze Flotte stand, und der ihn beinahe auf allen seinen Zügen begleitet hatte, vertraute er auch die Aufsicht über die Thespiaden und über die Kolonie an. Don den fünfzig Söhnen blieben zwei in Theben zurück, deren Nachkommen, wie man sagt, noch gegenwärtig im Ansehen stehen; und sieben in Thespiä, wo man sie Demuchen sDolksvorstehern nennt; ihre Abkömmlinge sollen bis in die neueren Zeiten die Stadt regiert haben. Mit den übrigen Allen und noch mit vielen Andern, die sich an die Kolonie anschließen wollten, ging Jolaus zu Schiffe nach Sardinien. Die Eingebornen besiegte er mit den Waff-n, und nabm den schönsten Theil der Insel in Besitz, iiamemlich das flache Land, das noch gegenwärtig Jolall um beißt. Er rottete die Wildniß aus und Pflanzte fruchtbare Baume an. Man hat sich daher um Diodor's historische Bibliothek. den Besitz dieses Landes gestritten. Die Insel wurde durch den Uedeifluß an Früchte» so berühmt, daß in der Folgezeit die Karthager, da ihre Macht wuchs, ihr Bei langen daraus richteten und mauchen gefahrvollen Kampf Seewegen unternahmen. Davon werden wir übrigens zu seiner Zeit erzählen. ho. Nachdem Jvlans die Kolonie eingerichtet, berief er den Dädalus aus Sicilien und li,ß viele bedeutende Weite ausführen, die noch gegenwärtig fortdauern und von dem Künstler den Namen Dädal-'a erhalten haben. Er erbaute mck viele» Kosten große Turnschulen» errichtete Gerichtshöfe und andere wohlthätige Anstalten. Das Volk nannte er die JvlaLr; die Thesviaden erlaubten ihm, dem Volk seinen eig-nen Namen zu geben; ste wollten ihn durch diese Auszeichnung als ihren zweiten Vater ehren. Denn durch seine Fürsorge für ste hatte er sich völlig ihre Zuneigung erworben, daß st« ihm wirklich den Beinamen „Vater" gaben. Daher kommt es, daß man in der Folgezeit, wenn mau diesem Gott Opfer brachte, ihn als Vater Jvlans anrief, wie auch die Perser den Cyrus Vater nannten. Als Jvlans spater »ach Griechenland zurückkehrte, landete er in Sicilien und verweilte geraume Zeit auf der Insel. Da bliebe» »»nEnige seiner Reisegefährten, durch die schöne Gegend angelockt, in S cilien zurück; ste ließen stch hier nieder und vermischten stch mit den Si kauern; übrigens standen ste bei den C'ingebornen in vorzügl chem Ansehen. Jvlaus hakt- eine ehrenvolle Aufnahme gefunden, und da er manches Gute sticket«, so wurden ihm in vielen Städten heilige Plätze geweiht, wo man ihn als Heros verehrte. Ein ganz besvn- Viertes Buch. 4o5 deres Schicksal hatte diese Kolonie. Das Orakel hatte ge- weissaqt, Alle, die sich an die Kolonie anschließen, und deren Nachkommen, werden ihre Freiheit auf ewige Zeiten ungestört behausten. Dieser Weissagung hat der Erfolg bis auf unsere Zeit völlig entsprochen. Denn Las Volk ist, da die Zahl der wilden Einwohner größer war als die der Ansiedler, im Verlaufe einer langen Zeit verwildert, und hat sich auf die Gebirge zurückgezogen in unzugängliche Wohnsitze. Sie gewöhnten sich an die Kost von Milch und Fleisch und hielten Diehheerden in Menge, so daß sie das Getreide enlbehren konnten. Wolnuugen bauten sie sich unter der Erde und brachten ihr Leben in Höhlen zu; so entgingen sie alle« Gefahren des Krieges. So oft auch früher die Karthager und nachher die Röm er dieses Volk angriffen, so erreichten sie doch niemals ihren Zweck. Ueber Jolaus und die Thespiaden und über die Anst dlung in Sardinien mag das Bisherige genügen; wir fahren also in der Geschichte deS Hercules fort. 5>. Als er seine Arbeiten vollendet hatte, trat er seine Gattin Megara dem Zolaus ab. Denn wegen des Unglücks, das ihre Kinder getroffen, schien es ibm bedenklich, wenn er noch mehr Kinder mit ihr zeugte. Daher suchte er eine andere Gattin, bei welcher in dieser Rücksicht nichts zu besorgen wäre. Er warb um Jose, die Tochter des Kön-gs Eu- rytus von Oechalia. Eurvtus aber, das Schicksal der Megara fürchtend, gab zur Antwort, er wolle sich wegen der Heiraih bedenken. Durch die abschlägige Antwort gekränkt. trieb Hercules die Pferde des Emytus weg. Ipbi- tus, reffen Sohn, schöpfte Verdacht und kam nach Ti« 4«6 Diodor's historische Bibliothek. ryns, um die Pferde zu suchen, Hercules führte ihn'anf eiuen hohen Thurm und hieß ihn sied umschauen, ob er ste irgendwo weiden sehe. Da Iphitus sie nicht erspähen konnte, so erklärte Jener, er habe ihn fälschlich des Diedstahls de- schnldigt, und stürzte ihn von dem Thurme herab. Für diesen Mord wurde Hercules mit einer Krankheit gestraft. Er ging daher nach Pylos zu Nelens, und bat ihn, er möchte ihn von der Blutschuld reinigen. 'Nelens ging mit seinen Söhnen zu Rathe, und diese waren, den jüngsten, Nestor, ausgenommen, alle damit einverstanden, er sollte die Reinigung nicht auf sich nehmen. Hierauf wandte sich Hercules an Derphobus, den Sohn des Hippolytus, und der ließ sich bereden, ihn zu reinigen. Da er aber von der Krankheit doch nicht frei werden konnte, so fragte er bei Apollo nach einem Heilmittel. Das Orakel antwortete, er werde eher von der Krankheit genesen, wenn er sich verkaufen lasse, und den Kaufpreis, der seinem wirklichen Werth entsprechen müsse, den Kindern des Iphitus bezahle. Die Krankheit nöthigte ihn, diesem Rath zu folgen. Er schiffte also mit einigen Freunden nach Asten und wurde Hort, mit seiner Einwilligung, von einem seiner Freunde als Sklave verkauft anOmphale, die Tochter des Jardanes, die Königin des damaligen Mävniens, da« jetzt Lvdien heißt. Den Kaufpreis brachte dem Orakel zufolge der Verkäufer den Kindern keS Iphitus, und Hercules wurde gesund. Als Sklave der Omphale züchtiate er die Räuber, welche die Gegend beunruhigten. DieHerkopen, die "durch Plünderung viel Schaden anrichteten, wurden von ihm theils umgebracht, tbeils gefangen und der Omphale gebunden überliefert. Den Syleus, der die reisende» Fremden auffing, und ste zwang, ihm die Weinberge zu hacken, erschlug er mit der Hacke. Den Itonen, welche häufig im Lande der Omphale plünderte,« , nahm er ihre Beute ab, und die Stadt, woher ste ihre Ausfälle machten, zerstörte er von Grund aus, und die sämmtlichen Einwohner wurden Sklaven. Omphale bewunderte die Tapferkeit deö Hercules, und, nachdem sie erfahren, Wer Viertes Buch. 407 er sey und woher er stamme, gab sie ihm, seine Verdienste aneikenneud, die Freiheit. Sie vermahlte sich mir ihm und gebar- ihm den Lamns. Schon vorher hatte Hercules einen Sohn, Kleolauö, den er während seiner Dienstzeit mit einer Sklavin gezeugt hatte. Hierauf kehrte er nach dem Peloponnes zurück nnd zog iu den Krieg gegen Jlium, weil er über den König Laomedon Beschwerde zu fuhren hatte. Dieser hatte ihm die Pferde vorenthalten, die ihm dafür versprochen waren, daß er, auf dem Zuge nach dem goldenen Vließ, das See- ungeheuer *) rödteke. Davon werden wir bald, in der Geschichte der Argonauten, ausführlicher erzählen. Damals konnte er sich auf dem Zuge, den er mit Jason machte, nicht aushalten; als er aber spärer Zeit bekam, griff er Troja an, mit achtzehcn langen Schiffen wie Einige behaupten, oder nur mit sechs, wie Homer angibt, wenn er sJl. V, 6Z8 ff.j dessen Sohn, Tlevvlemus, also sprechen läßt: „Welch' ein Anderer war die hohe Kraft Herakles, Wie man erzählt, mein Vater, der trotzende, Idwenbeherzte, Welcher auch hierher kam, Laomedon'S Rosse zu fordern, Bon sechs Schiffen allein und wenigem Volke begleitet. Aber die Stadt Eindd' und leer die Gassen zurückließ." Sobald Hercules in Troas gelandet hatte, rückte er selbst mir den Tapfersten gegen die Stadt heran; bei den Schiffen aber ließ er als Ansührer den Oäkles, des Awpkiaraiis Sohn, **) zurück. Laomedon hatte bei der unerwarteten Erscheinung der F,i»de keine Zeit mehr, ein bedeutendes Heer aufzustellen; doch raffte er von Truppen zusammen, so viel er konnte, und eilte mit denselben den Schiffen z», in der Hoffnung, wen« es gelänge, diese zu verbrennen, würde der Krieg ein Ende haben. Der Heerführer O'tkles stellte sich ihm *) Vergl. Cap. 2 und Avollodor II, 5. g. Ampbiaraus hieß der Soyn des O'tklcs; sein Vater wird sonst Antrphates genannt. 4«9 Diodor'S historische Bibliothek. entgegen; er selbst fiel, »nd die Uebrigea flüchteten sich zusammen auf die Schiffe und stießen noch zu rechter Zeit »om Lande. Laomebon kehrte um und lieferte dem Hercules vor der Sradr ein Treffen, in welchem er selbst mit dem größer« Theile seiner Soldaren umkam. Hercules eroberte die Stadt wir Sruim; da wurden »n Handgemenge noch Diele erschlagen. Die Herrschaft von Jlium übergab er dem Priamus, ai» dem Rechtschaffensten. Dieser war nämlich der Einzige unter den Söhnen des Lavmeron, der seinem Barer widersprochen und gerathen hatte, die P erde seiner Zusage gemäß dem Hercules zu überlasse». Dem Trlamon gab Hercules die Tochter Lacmekvu's, Hesione, als Siegesvreit für seine ausgezeichnete Tapferkeit. Er war bei dem Sturm der Erste gewesen, der mir Gewalt in die Sradt ciudrana, während H,rcules die Mauer der Burg auf der stärkste» Seite angriff. Griechische Prosaiker i n neuen Uebersetzungen. Herausgegeben »on G. 2. F» Tasel, Professor zu Tübingen, C. N. Osiavder «nd G. Schwab, Professoren zu Stuttgart. Ein und sechzigstes Bändchen. Stuttgart, Verlag -er I. B. Metzler'scheu Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von M ör schn er und Iasper in Wien. i 8 » g. - Diodor's vonSicilien historische Bibliothek, überseht von Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar z» Blauheuren. Viertes Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Jasper in Wien. i ö , l n -7 4^2 H ü ; -t ^7 r^» OH /->3 » K i'^ >'7 j:,r d/ s u , .mrirMtrS sii '.'»!,r 7 «P .INS 4 i 4 ü','°? ^stüsiL? ^) '7 r.> 1 7 ur G .;rm)4nr,4K»!S! ,nWr» 14 -W .W -L 7>4 4«» rrn'd^ÄM M« iraWi«K»I :.: lü-»M üi _».. zMM chlSjsjSÄ 7 ÜZ Viertes Buch (Beschluß.) 35. Hercules kehrte wieder in den Peloponnes zurück/ und bekriegte den Augeas, weil er ihm den Lohn vorenthielt. Er lieferte den Eliern eine Schlacht, erreichte aber dießmal seinen Zweck nicht. Er zog sich zurück nach Olenus zu Deramenus. Dieser gab seine Tochter Hippolyte dem Aran zur Ehe. Bei dem Hochzeitmahle, au welchem auch Hercules Theil nahm, wollte der freche Centaur Eury- tion der Hippolyte Gewalt anthun, wurde aber von Jenem getödtet. Als Hercules wieder nach Tiryns kam, beschuldigte ihu Enrystheus, er strebe nach dem Throne, uud befahl ihm mit Alkmcne, Jphikles und Jolaus Tiryns zu verlassen. Er mußte also mit Denselben auswandern, und nahm seinen Wohnsitz zu Phemos in Arkadien. Von hier aus ging er wieder weiter. Er hörte, es werde ein Opfer für Poseidon aus Elis nach dem Isthmus geschickt ^ und Euryt» s, der Sohn des Augeas *), führe den Festzug an. Da überfiel er den Eurytus unversehens und tödtete ihn bei Kleonä, wo jetzt ein Tempel des Hercules ist. Hierauf griff Hercules *) Nach Andern war Eurytus der Sohn Aktor's, des Bruders von Augeas. DIodor's historische Bibliothek. Slis an, tödtete den König Augeas, eroberte die Stadt mit Sturm, berief Phyleus, den Sohn des Augeas und sehte ihn als König ein. Dieser war nämlich von seinem Vater verbannt, weil er, zum Schiedsrichter zwischen dem Vater und zwischen Hercules wegen des Lohnes gewählt, dem Letztem Recht gegeben hatte. Um diese Zeit vertrieb Hip- pokoon seinen Bruder Tyndareus aus Sparta, und die Söhne des Hippokoon (es waren ihrer zwanzig) tödteten Oeonus, den Sohn des Licymnius, einen Freund des^Her- cules. Darüber^'zürnend fing Hercules Krieg mit ihnen an und besiegte sie in einer großen Schlacht, in welcher sehr viele Feinde umkamen. Sparta nahm er mit Sturm ein, und setzte Tyndareus, den Vater der Dioskuren, wieder auf den Thron, behielt sich aber das eroberte Reich, das er ihm übergab, für seine Nachkommen vor. In der Schlacht fielen auf der Seite des Hercules sehr Wenige; darunter einige Edle, Jphiklus und flebzehen Söhne des Cephens; es blieben nämlich von dessen zwanzig Söhnen nur drei am Leben. Von Leu Gegnern aber kam Hippokoon selbst mit zeheu seiner Söhne um, und noch eine große Zahl der übrigen Spartaner. Als HerculesAo» diesem Feldzug nach Arkadien zurückkam, herbergte er bei dem König Aleos svon Tegeaf. Dessen Tochter, Auge, schwächte er heimlich, ließ sie schwanger zurück und ging weiter nach Stymphalus. Aleos wußte nichts von der Sache , bis die Veränderung der Gestalt die Schwangerschaft verrieth. Da er nach dem Verführer fragte, versicherte Auge, Hercules habe ihr Gewalt angethan. .Allein er glaubte ihren Worten nicht und übergab sie dem Naup- lius, einem seiner Freunde, mit dem Befehle, sie ins Meer Viertes Buch. 4>5 zu stürzen. Als Auge auf Sem Wege nach Naupkia au das Gebirge Parthenium kam, wurde fle von Wehen er« griffen. Sie ging seitwärts in den nahen Wald, als hätte fle «in Bedürfniß zu befriedigen. Hier gebar fle einen Sohn unss ließ das Kind, im Gesträuch verborgen, zurück. Sie setzte die Reise mit Nauplius fort, bis fle an den Hafen von Nauplia in Argalis kam. Da wurde fle aber unverhofft gerettet. Nauplius konnte sich nicht entschließen, sie dem Befehl gemäß ius Meer zu stürzen; er verschenkte sie lieber an fremde Schiffer aus Karien, die nach Asien fuhren. Diese nahmen fle mit «ach Asien und überließen sie dem König Teuthras von Mysien. Das Kind, welches Auge auf dem Berg Parthenium zurückgelassen, fanden Hirte» des Königs Kvrythus, wie ihm eine Hirschkuh die Euter reichte, und brachten es ihrem Herrn. Kvrythus nahm das Kind Alt Freuden auf, erzog es wie einen eigenen Sohn und nannte es Telephus, weil eine Hirschkuh sElaphosZ es gesäugt hatte. Als Telephus erwachsen war, ging er nach Delphi, um »ach seiner Mutter z» forschen. Das Orakel hieß ihn zu Schiffe gehen und nach Mysie« zum König Teuthras reisen. Da fand er seine Mutter, und als man hörte, Wer sein Vater sey, wurde er sehr ehrenvoll aufgenommen. Da Teuthras keinen Sohn hatte, so gab er seine Tochter Argiope dem Telephus zur Ehe und ernannte ihn zum Thronfolger. Im fünften Jahr, nachdem er sich in Pheneos niedergelassen, verließ Hercules freiwillig Arkadien und überhaupt den Peloponnes, aus Gram über den Tod des Oeonus, des Sohnes von Licymnius, und seines Bruders Jphiklus. Er zog, in Begleitung von vielen Arkadiern, nach Kaly- 4*6 Dl'odor's historische Bibliothek. dou in Aetolien und nahm dort seine« Wohnsitz. Da er keine ehlicheu Kinder und auch keine rechtmäßige Gattin hatte, so vermählte er sich mitDejanira, der Tochter des Oeneus. Meleager war damals schon todt. Bei dieser Gelegenheit glaube» wir eine kurze Erzählung von dem Schicksal Melea, ger's einschalten zu dürfe». Oeneus hatte für den reiche» Ertrag seiner Felder allen Göttern Opfer gebracht und nur der Artemis vergessen. Darüber zürnte ihm die Göttin und sandte ein Schwein von ungeheurer Größe, den berüchtigten Kalydonischen Eber. Dieser verwüstete die ganze Umgegend und verheerte die Felder. Meleager, der Sohn des Oeneus, der gerade in der Blüthe der Jugend stand nnd durch Stärke und Muth sich auszeichnete, nahm viele der tapfersten Männer mit sich, um den Eber zu jagen. Der Erste, der das Thier mit dem Wurfspieß traf, war Meleager; ihm wurde daher der Preis einstimmig zuerkannt, und er bestand in der Haut des Ebers. Meleager überließ aber die Haut sammt dem Ruhm der Tapferkeit seiner Geliebten, Atalanta, der Tochter des Schönens, welche mit anf die Jagd gegangen war. Hierüber wurden die Söhne des Thestius unwillig, weil er, seiner Verwandten nicht achtend, einem fremden Weibe vor ihnen den Vorzug gegeben hatte, und ließen die Schenkung des Meleager nicht gelten. Sie lauerten der Atalanta auf, überfielen sie auf ihrem Rück» weg nach Arkadien und nahmen ihr die Haut ab. Seine Liebe zu Atalanta sowohl als sein gereiztes Ehrgefühl trieb den Meleager, sich für Atalanta zu verwenden. Zuerst forderte er die Räuber auf, der Jungfrau den Siegespreis, der ihr geworden, zurückzugeben, und als sie nicht gehorchten, Viertes Buch. 417 brachte er sie um. Sie waren Brüder der Althäa sseiner Mutter). Tiefbetrübt über den Tod ihrer leiblichen Brüder, stieß Althäa Flüche gegen Meleager aus und wünschte ihm den Tod. Die Götter erhörten, wie man erzählt, ihre Wünsche, und machten seinem Leben ein Ende. Einer Sage zufolge waren bei der Geburt Meleager's die Schicksalsgtzt- tinnen der Althäa im Traum erschienen uud hatten ihr gesagt, ihr Sohn Meleager werde sterben, wenn das Holzscheit abgebrannt sey. „Daher bewahrte sie, sobald sie geboren hatte, das Holzscheit sorgfältig auf;, denn an der Erhaltung deS Scheits hing nach ihrer Meinung das Hei! ihres Kindes. Nach der Ermordung ihrer Brüder aber verbrannte sie aus Rache das Scheit, und führte so den Tod des Meleager herbei. Aber nun versank sie in immer größer« Kummer über das Geschehene und endete znletzt ihr Leben mit dem Strang." 55. „Um diese Zeit schickte Hixponous von Olcnus seine Tochter Periböa nach Aetolien zu Oeneus und gab ihm den Auftrag, er sollte sie sobald als möglich aus der Welt schaffen; er war über sie ergrimmt, weil sie von Ares schwanger zu seyn behauptete." Oeneus, welcher kürzlich seinen Sohn und seine Gattin verloren hatte, vermählte sich mit Periböa, statt sie zu tödteu, und zeugte mit ihr den Tydeus. Dieß war das Schicksal von Meleager, Althäa und Oeneus. Hercules gab, den Kalydvniern zu Gefallen, dem Fluß Achelous einen andern Lauf, indem er ihm ein neues Bett grub. Dadurch wurde viel fruchtbares Land gewonnen, das nun dieser Strom bewässert. Dichter haben dieses Ereigniß in einen Mythus eingekleidet. Sie lassen den Hercules mit dem Fluß Achelous, der die Gestalt eines Stiers 4r8 Diodor's historische Bibliothek. angenommen, kämpfen. In dem Kampfe, sagen sie, habe ihm Hercules das eine seiner Hörner abgebrochen und es den Aetvliern geschenkt; es sey das Horn der Amalthea genannt worden. Sie stellen es vor als angefüllt mit Obst aller Art, mit Trauben, Aepfeln und dergleichen. Durch das Horn des Achelous wollen die Dichter das neue Flußbett, durch die Aepfel »nd Granatapfel und Trauben aber das fruchtbare, durch den Fluß bewässerte, Land und die Menge der fruchttragenden Gewächse bezeichnen. Der Name, Horn der Amalthea, soll, als ob es hieße, ,.dcr Amalakistia" sUner- müdbarkeitf, die Stärke Dessen, der das Werk ausgeführt, andeuten. Z6. Den Kalydoniern leistete Hercules Hülfe im Krieg mit den Thesproten. Er eroberte die Stadt Ephyra mit Sturm und tödtete Phyleus, den König der Thesproten. Unter den Gefangenen siel ihm die Tochter des Phyleus zu; er zeugte mit ihr den Tlepolemus. Drei Jahre nach seiner Vermählung mit Dejanira geschah es, daß er bei Leneus speiste, wo Eurynomus, des Architeles Sohn, aufwartete. Dieser war noch jung und versah etwas bei'm Aufwarten. Da gab ihm Hercules einen Schlag mit der Faust, der aber so derb war, daß der Knabe daran starb. Bekümmert über das Unglück, das er unvorsätzlich gestiftet hatte, wanderte Hercules auch aus Kalydon wieder freiwillig aus mit seiner Gattin Dejanira und dem Knaben Hyllus, den sie ihm geboren. Als er auf seiner Reise an den Fluß Euenns kam, faud er da den Centauren Nessus, welcher die Wanderer um Lohn über den Strom führte. Er setzte zuerst die Dejanira über. Durch ihre Schönheit gereizt, Viertes Buch. 419 versuchte er es, ihr Gewalt anzuthun. Sie rief ihrem Mau« um Hülfe; da schoß Hercules einen Pfeil nach ihm. Die Wunde war tödtlich, und sterbend in den Armen der Deja- nira versprach ihr Nessus ein Zaubermittel, damit Hercules keinem andern Weibe mehr nahe? sie sollte den Saamen, der ihm entfallen, mit Seht vermischen und mit dem von dem Pfeile triefenden Blut, nnd damit das Unterkleid des Hercules bestreichen. Nachdem er der Dejauira dieses Vermächt- niß gegeben, verschied er augenblicklich. Sie sammeltet nach der Vorschrift des Nessus den Saamen in ein Gefäß, tauchte den Pfeil darein, und bewahrte es auf, ohne Missen des Hercules, der unterdessen über den Fluß geschritten war. Er kam zn Ceyr, dem König von Trachin, und ließ sich daselbst nieder mit seinen Begleiter« aus Arkadien, die ihm überall hin folgten. Z?. Hierauf fzog Hercules mit den Meliern gegen Phylas, den König der Dryoper, zu Felde, der an dem Heiligthum in Delphi gefrevelt haben sollte.' Den König der Dryoper brachte er um, und die Einwohner vertrieb er aus dem Lande und räumte es den Meliern ein. Unter den Gefangenen war die Tochter des Phylas; mit dieser zeugte er einen Sohn, Antiochus. Auch Dejanira gebar ihm außer dem Hyllus noch zwei jüngere Söhne, Gleneus und Hv- dites. Von den vertriebenen Dryoper» kamen Einige nach Euböa und erbauten die Stadt Karystus; Andere fuhren nach der Insel Cypern, ließen sich daselbst nieder und vermischten sich mit den Eingebvruen. Die übrigen Dryoper flüchteten sich zu Eurystheus, der aus Haß gegen Hercules ihnen Hülse leistete. Von ihm unterstütz?, erbauten sie dre 420 Diodvr's historische Bibliothek. Städte im Peloponnes, Asine, H-rmione und Ejou. Nach der Auswanderung der Dryoper entstand ein Krieg zwischen den Doriern, welche Hestiäotis sdas nordwestliche Thessaliens inne hatten und unter dem König Aegimins standen, und den Lapithen, welche die Gegend um den Olympus bewohnten und deren Beherrscher Koronus, der Sohn des Cänens, war, Die Lapithen waren an Heeresmacht den Doriern weit überlegen. Daher nahmen Diese zu Hercules ihre Zuflucht und versprachen ihm, wenn er ihnen beistände, den dritten Theil an dem Grundeigenthum und dem Fürstenthum von Doris. Er ließ sich bewegen, mit ihnen an dem Kampfe gegen die Lapithen Theil zu nehmen. Mit Hülfe der Arkadier, die ihn überall begleiteten, überwand er die Lapithen; ihren König Koronus und den größten Theil des Heeres wachte er nieder, und zwang sie, das streitige Gebiet zu räumen. Den dritten Theil des Landes, der ihm für diese That gebührte, behielt er sich für seine Nachkommen vor, ukd überließ ihn einstweilen dem Aegimius. Als er nach Trachin zurückkam, forderte ihn CygnuS, der Sohn des Ares, heraus und fiel im Zweikampf. Auf einer Wanderung von Jtvnus aus Lurch die Landschaft Pelas- givtis traf Hercules mit dem König von Ormcnium *) zusammen. Er warb um dessen Tochter Astydamia; allein der Konig wies ihn ab, weil er schon Dejanira, die Tochter des Oeneus, zur Gattin hatte. Da ergriff Hercules die Waffen gegen ihn, eroberte die Stadt und erschlug den wi- *) Stadt in dem Pagasäischen Meerbusen an Thessalien. Der König soll Amyntor geheißen haben. Apollodor ll, 7. 7. 42l Viertes Buch. derspenstigen König; die Astydamia führte er als Gefangene heim und zeugte mit ihr den Ktesippus. Darauf zog er gegen die Söhne des Enrytus in Oechalia zu Felde, weil ihm Jole, um die er geworben, verweigert worden war. Unterstützt von den Arkadiern, eroberte er die Stadt. Die Söhne des Enrytus, Toreus, Molion und Pytius, schlug er todt. Auch Jole wurde jetzt seine Gefangene. Er kam nach Enböa auf das Vorgebirge Ccnäum. 58. Da er hier ein Opfer bringen wollte, so schickte er seinen Diener Lichas nach Trachin zu seiner Gattin Deja- nira, mit dem Auftrag, sie um das Unter - und Obcrkleid zu bitten, das er gewöhnlich bei'm Opfern trug. Dejanira erhielt durch Lichas Nachricht von der Liebe des Hercules zu Jole. Um ihn nun'zu fesseln, daß er sie mehr als Jene lieben müßte, bestrick) sie das Unterkleid mit der unheilbringenden Salbe, die sie von dem Centauren erhalten hatte. Lichas überbrachte, ohne davon etwas zu wissen, das Opfergewand. Sobald Hercules das bestrichene Kleid anzog, fing die zerstörende Kraft der Salbe an allmählich sich zu äußern, und er gerieth in den schrecklichsten Zustand. Das Schlangengift nämlich, worein der Pfeil getaucht war sder den Neffus getroffen hattes, drang, als das Kleid am Leibe warm wurde, verzehrend in den Körper ein. Von Schmerzen gequält brachte Hercules seinen Diener Lichas um, entließ das Heer und ging nach Trachins zurück. Als seine Leiden immer höher stiegen, schickte er den Licym'NiUs und Jolaus nach Delphi, um den Apoll zu fragen, was gegen die Krankheit anzuwenden sey. Dejanira wurde bei Diesen Qualen des Hercules von Verzweiflung ergriffen, und, ihrer Schuld sich bewußt, 422 Diodor's historische Bibliothek. endigte fle ihr Leben mit dem Strang. Das Orakel antwortete , man solle den Hercules in seiner Waffenrüstung auf den Berg Oera bringen und neben ihm eine» großen Scheiterhaufen errichten; für das Uebrige werde Zeus sorgen. Diese Weisung befolgte Jolaus mit seinen Gefährten. Dann sahen fle von ferne zu, was geschehen würde. Hercules, an seiner ^ Rettung verzweifelnd, bestieg den Scheiterhaufen nud forderte Jeden, der herzukam, auf, Feuer darunter zu legen. Keiner > wagte es, dieß Begehren zu erfüllen, bis endlich Philokte- ! te s sich dazu entschloß. Zum Dank für diese Bereitwilligkeit schenkte ihm Hercules Bogen und Pfeile. Sobald der Scheiterhaufen angezündet war, schlugen Bkihe vom Himmel darein , und schnell war der ganze Holzstoß verbrannt. Hierauf kam Jolaus mit den Andern, um die Gebeine auszulese». Allein fle fanden kein einziges Gebein. Daher glaubten fle, Hercules., sey, den Orakeln zufolge, aus dem Kreise der Menschen unter die Götter verseht worden. Lg. Sie brachten ihm also Todtenopfer als einem Heros, errichteten ein Grabmal, »nd gingen nach Trachin zurück. Nach ihrem Vorgang opferte Meuötius, Aktor's Sohn, ein Freund des Hercules, demselben als einem Heros einen Stier, einen Eber und eine« Widder, und verordnete, daß dieses Opfer zu Ehren des Heros Hercules jährlich in Opus wiederholt werden sollte. Dasselbe thaten auch die Theba- ner. Die Ersten, welche den Hercules durch feierliche Opfer als Gott anerkaunteu, waren die Athener. Dem Beispiel der Anbetung der neuen Gottheit, womit fle den übrigen Völkern vorangingen, folgten zuerst die stimmlichen Griechische» fStaaten, und darauf wurde in allen Gegenden der Viertes Buch. 42Z Wett die göttliche Verehrung des Hercules eingeführt. Wir müßen noch hinzusehen, daß nach seiner Vergötterung Hera sich von Zeus bewegen ließ, den Hercules als Sohn anzunehmen, und von da an beständig mütterliche Zuneigung gegen ihn bewies. Die Aufnahme an Kindesstatt, sagt man, sey auf folgende Art geschehen. Hera habe ihr Lager bestiege», den Hercules in ihren Schvoß gezogen, und ihn aus ihrem Gewand zu Boden fallen lassen. Diese fluubildliche Darstellung der Geburt soll noch gegenwärtig unter den auswärtigen Völkern bei der Annahme an Kindesstatt gewöhnlich seyn. Nachdem Hera den Hercules für ihren Sohn erklärt, gab sie ihm, wie die Fabel erzählt, die Hebe zur Ehe. Davon spricht der Dichter in dem „Tvdtenopfer" (dem XI. Buch.der Odyssee, v. 60- f.): „Sein Gebild; denn er selber, im Kreis der unsterblichen Götter. Freut sich der festlichen Wenn' und umarmt die blühende Hebe." Die Ehre, welche ihm Zeus zugedacht, in die Reihe der zwölf Götter gestellt zu werden, soll Hercules nicht angenommen haben. Denn es war nicht möglich, ihn einzureihen, wenn nicht zuvor einer der zwölf Götter ausgestoßen würde; und das ziemte sich doch nicht, eine Würde anzunehmen, die dagegen ein anderer Gott verlieren müßte. Von Hercules haben wir vielleicht zu laug« gesprochen; allein wir wollte» Nichts, was die Sage von ihm berichtet, übergehen. 4«. Da Hercules an dem Zuge der Argonauten Theil genommen hat, so wird es schicklich seyn, hier die Geschichte derselben folgen zu lassen. »Jason, der Sohn des Aeso» und Neffe sdes Königs Pelias von Thessalien, ausgezeichnet unter den Jünglingen seines Alters durch Leibesstärke 424 Diodor's historische Bibliothek. und durch herrliche Anlagen des Geistes, wünschte eine denkwürdige That zu verrichten. Er hatte das Vorbild des Per- seus und einiger Andern vor Augen, die sich durch Feldzüge in's Ausland und durch gefahrvolle Kämpfe unvergänglichen Ruhm erworben hatten , und demselben Ziele strebte er eifrig nach. Als er seinen Vorsatz dem König mittheilte, so erhielt j er schnell dessen Zustimmung; nicht als ob Pelias die Absicht gehabt hätte, den Jüngling in eine ruhmvolle Laufbahn ein- > zuführen, sondern weil er hoffte, im Krieg würde derselbe ein Opfer seiner Kühnheit werde». Denn er selbst hatte keine leiblichen Söhne; nun fürchtete er, sein Bruder möchte einmal mit Hülfe seines Sohnes versuchen, ihn vom Thron zu I stoßen. Ohne übrigens seinen Verdacht merken zu lassen, ^ versprach er dem Jason, die Ausrüstung zu einem Feldzug zu > besorgen, und forderte ihn auf, eine Seefahrt nach Kolchi zu unternehmen und das berühmte goldene Widderfell zu erkämpfen. Am Pontus, den man deswegen Arenus *) nannte, wohnten damals nichtgriechische, völlig wilde Völkerschaften; wenn Fremde daselbst landeten, so wurden sie von den Ein- gebornen ermordet. Der ehrbegierige Jason erkannte die Schwierigkeiten des Unternehmens, doch hielt er das Gelingen nicht für ganz unmöglich, und hoffte, nur um so größeren Ruhm zu ernten; er schickte sich also zur Ausführuvg an." 4«. „Zuerst baute er am Gebirge Pelion ein Fahrzeug, weit größer und besser ausgerüstet als die damals gewöhnlichen. Denn zu jener Zeit fuhr man nur auf Flöße» Den unwirthdaren. Das Gegentheil von Pontus Eurir> us, dem gewöhnlicher« Namen des schwarzen Meers. Vergl. Cap. 16. Viertes Buch. 425 und ganz kleinen Kähnen. Wer das Schiff sah, erstaunte; und als die Kunde sich in Griechenland verbreitete, und man hörte, was die Ausrüstung des Fahrzeugs für einen Zweck habe, so bezeugten nicht Wenige der edelsten Jünglinge den Wunsch , an dem Zug« Theil zu nehmen. Nachdem das Schiff vom Stapel gelaufen und mit allem Nöthigen auf's Herrlichste versehen war, wählte Jason unter Denen, die seine Streitgefährten zu werden verlangten, die berühmtesten Helden aus, so daß die ganze Gesellschaft vier und fünfzig aus- machre. Die Vorzüglichste» darunter waren Kastor und Pollur, Hercules und Telamon, Orpheus und die Tochter des Schönens, Atalanta, die Söhne des The- spius, und Der, welcher die Fahrt nach Kolchis veranstaltet hatte. Das Schiff erhielt den Namen Argo, nach einigen Mythvgraphen von seinem Erbauer, Argus, welcher mitfuhr, um es immer an den beschädigten Stellen ausbessern zu können, nach andern aber wegen seiner außerordentlichen Schnelligkeit, weil nämlich in der ältern Sprache „argvs" so viel ist als schnell. Die Helden traten zusammen und wählten den Hercules, den sle als den Tapfersten anerkannten, zu ihrem Anführer." L-. „Nachdem sie von Jolkus abgesegelt und an dem Berg Athos und an Samvthrace vorbeigefahren waren, wurden sie von einem Sturm überfallen, und an das Vorgebirge Sigeum in Troas verschlagen. Hier fanden sie, als sie an's Land stiegen, eine Jungfrau am Ufer ««gefesselt. Die Ursache war folgende. Poseidon zürnte über den Kö- «ig Lavmedvn wegen der ^verweigerten Belohnung für diel Erbauung der Mauern von Troja, wovon die Fabel erzählt. Diodor. äs Bdchn. 2 426 Dkodor's historische Bibliothek. Daher schickte er ein Ungeheuer aus dem Meer an das Ufer. Von diesem wurde Jeder, der am Strande hinging oder auf dem Feld in der Nähe des Meeres arbeitete, sogleich verschlungen. Ueberdieß riß die Pest unter dem Volk ein, und die Feldfrüchte waren völlig mißrathen. In dieser drückenden Noth lief das bestürzte Volk von allen Seiten zusammen und suchte Rettung aus seinem Elend. Da ließ der König den Apollo wegen der Unglücksfälle fragen. Die Antwort siel dahin aus, Poseidon's Zorn sey die Ursache, und der werde rann aufhören, wenn die Trott freiwillig eines ihrer Kinder, das durchs Loos zu bestimmen sey, dem S-euugehemr zum Raube geben. Ueber alle Kinder wurde nun das Loos geworfen, und es traf dieHesione, des Königs Tochter. Daher wurde Laomcdvn gezwungen, die Jungfrau hinzugeben, und sie, mit Banden gefesselt, am Ufer zurückzulassen. Hier fand sie Hercules, als er mit den Argonauten an'L Land stieg. Sobald er von der Jungfrau die Geschichte hörte, riß er ihr die Baude vorn Leibe, ging in die Stadt hinauf und versprach dem König, das Ungeheuer zu tödten. Erfreut über das Anerbieten, versprach ihm Laomedou die unüberwindlichen Rosse zum Lohne. Der Meerfisch wurde von Hercules erlegt, und der Hesione die Wahl gelassen, ob sie mit ihrem Retter wegziehest) oder bei ihren Eltern in der Vaterstadt bleiben wollte. Sis"entschlcß sich, den Fremdling zu begleiten, nicht blos, weil ihr der Wohlthäter theurer war als die Verwandten, sondern, weil sie fürchtete, wenn sich wieder ein Meerfisch zeigte, so möchte sie von ihren Mitbürgern derselben Gefahr «och einmal ausgesetzt werden. Hercules wurde mit den Gaben, die dem Gast gebührten, und mit andern Ehrengeschen- Viertes Buch. 427 ken reichlich belohnt. Die Heffone und die Rosse übergab er einstweilen dem Laomsdon, mit dem Vorbehalt, daß er sie auf dem Rückweg von Kolchi mitnehmen dürfte. Nun machte er stch eilig mit den Argonauten auf den Weg zu dem bevorstehende» Kampf." zz. „Es entstand ein heftiger Sturm, und die Helden verzweifelten an der Rettung. Orpheus, der Einzige auf dem Schiff, der in die Geheimnisse eingeweiht war, betete zu den Samothraci scheu Göttern um Hülfe. Da legte sich der Sturm sogleich, und zwei Sterne schwebten auf die Häupter der Dioskuren sKastor und Pollursj herab. Staunend über Las Wunder überzeugten sich Alle, daß die Vorsehung der Götter sie aus der Gefahr gerettet habe. Die Begebenheit wurde der Nachwelt überliefert, und daher kommt es, daß die Schiffer bei Stürmen ihre Gebete an die Samo- Lhracischcn Götter richten, nnd die Atziedererscheivung der Sterne der wirksamen Gegenwart der Diösküren-Mschreiben. Nachdem sich der Sturm gelegt hatte, landeten die Helden in Thracien auf dem Gebiet des Ph inens. Da trafen sie zwei Jünglinge au, die zur Strafe in die Erde «»gegraben waren nnd beständig mit Geißeln gehauen wurden. Es waren Söhne des Phineus von der Kleop atra, der Tochter des Boreas nnd der Orithyia, des Ecechtheus Tochter. Durch freche Verläumdnugev der Stiefmutter betrogen, ließ der Vater die schuldlosen Söhne jene Strafe leide». Milieus hatte sich nämlich mit Jdäa, der Tochter des Scythen- königs Dardanus, vermählt. Durch ihre Liebs war er ganz gefesselt, und so glaubte er ihrer Aussage, seine Söhne erster Ehe haben, um ihre soou dem Vater verstoßene! Mutter zu 2 * 4-8 Diodor's historische Bibliothek. rächen, der Stiefmutter Gewalt anthun wollen. Ale nun unvermuthet Hercules mit leinen G fahrten erschien, riefen die Unglücklichen die Helden wie Götter um Hülfe an. Sie erzählten ihnen, was den Vater zu der Grausamkeit veranlaßt hatte, und baten um Errettung aus ihrem Elend." ,-Phineus beaegnete den Fremdlingen trotzig und erklärte ihnen, sie dürfen ffch nicht in seine Angelegenheiten mischen; kein Vater strafe gern seine Söhne, wenn sie nicht durch ein Uebermaß von Frevel ihn zwingen, die Gefühle des Vaterherzens zu unterdrücken. Unter den Gefährten deS Hercules waren Brüter der Kleopatra, die Bvreaden. Diese, als Verwandte, entschlossen sich zuerst, Hülfe zu leisten. Sie zerrissen die Bande, womit die Jünglinge gefesselt waren, und Wer von den Singebornen sich widersetzte, den schlugen sie todt. Phineus rüstete sich zum Kampf, und die Thracier eilten in Schaaren herbei. Am tapfersten unter Allen focht Hercules in der Schlacht. Phineus und noch viele Andere fielen von seiner Hand. Er eroberte zuletzt die Kö< nigsbnrg, befreite die Kleopatra aus dem Gefängniß und übergab den Söhnen des Phineus das väterliche Reich. Ihre Stiefmutter wollten sie grausam hinrichten; auf den Rath des Hercules aber schickten sie Dieselbe, statt auf diese Art sich zu rächen, zu ihrem Vater nach Scythien und baten ihn, sie für das Verbrechen, das sie an ihnen begangen, zu strafen. Der Scytheokönig verurtheilte seine Tochter zum Tode; die Söbne der Kleopatra aber erwarben sich bei den Thraciern das Lob der Milde." Jcb weiß wohl, daß einige Mythogra- phen behaupten, die Söhne des Phineus seyen von ihrem Vater geblendet worden, und dafsslbe Schicksal habe dann Viertes Buch. 42g Boreas dem Milieus bereitet. So erwählen auch Einige, bei einer Landung in Asien habe sich Hercules, als er Wasser holte, verlaufen und sey von den Argonauten zurückgelassen worden. E» findet sich überbaust in den alten Gagen keine Uebereinstimmung und keine Eurheit der Erzählung. Man darf sich daher nicht wirndrrn, wenn wir bei manchen Begebenheiten aus der Urzeit nickt mit den Angaben aller Dichter und Geschichtschreiber zusammentreffen. „Die Sohne des PhineuS (so lautet üvriaens die Erzählung weiter) überließen die Regierung ibrer Mutier Kl-opaera und zogen mit den Helden. Von Theorien fuhren Diese in den Ponrus ein und landeten in Taurika sder Aeimms, ohne von der Rohheit der Eiiigebornen Etwas zu wissen. Es war Gilt- bei den Wilden, welche diese Gegend bewohnten, d e aukonmienden Fremden der Artemis Tanropolos zu opfern. Noch in späterer Zeit opferie hier Jphigcnia, als Priestcrin dieser Göttin, die Gefangenen." s5. Man erwartet von dem Geschichtschreiber, daß er die Veranlassung jenes Fremdenirrvrds angebe. Wer können also nicht umhin, dieselbe kurz zu erzählen, besonders, da die Abschweifung m-t den Thaten der Argonauten in Zusammenhang gebracht werden kann. ,,H elio s halte zwei Söhne, Aeetes und Pcrses. Acctes war Kön g in Kvlchis, der Andere in Taurika. Beide waren äußerst grausam. Hekate, eine Tochter des Perses, übertraf den Vater noch an Frechheit und Bosheit. Sie liebte die Jagd, und wenn sie Nichts gefangen, schoß sie Menschen statt der Thiere nieder. In der Beieitung rödtlicher Gifte war sie erfinderisch; namentlich entdeckte sie das Akonilum. Um die Wirkung der 45o Divdor's historische Bibliothek. einzelnen Gifte zu erproben, mischte sie dieselben unter die Speisen, die man den Gästen vorsetzte. Nachdem sie sich darin hinreichende Erfahrung gesammelt, brachte sie zuerst ihren Vater mit Gift um, und setzte sich auf den Thron; dann baute sie der Artemis einen Tempel und führte die Sitte ein, der Göttin die Fremdlinge, die an der Küste landeten, zu opfern. So wurde ihre Grausamkeit überall bekannt. Sie vermählte sich hierauf mit Aeetes und gebar zwei Töchter, Circe und Medea, und einen Sohn, Aegialeus. Lirce beschäftigte sich mit der Erfindung von mancherlei Giften. Sie entdeckte au den Kräutern allerhand Eigenschaften nnd wunderbare Kräfte. Manches lernre sie von ihrer Mutter Hekate; noch viel mehr aber verdankte sie ihrem eigenen Scharfsinn. Sie trieb die Kunst der Giftmischerei so weit, daß fit keiner Vervollkommnung mehr fähig war. Der König der Sarmaten, die sonst auch Scythen heißen, erhielt sie zur Ebe, Das Erste war, daß sie ihren Gemahl vergiftete. Nachdem sie dann die Regierung an sich gerissen, Erfuhren ihre Unterthanen auf vielfache Weise ihre Grausamkeit und Gewaltthätigkeit. Sie wurde daher vvm Thron gestoßen. Da fioh sie, nach einigen Mythographen, über den Ocean und ließ sich mit den Weibern, welche sie auf ihrer Flucht begleiteten, auf einer unbewohnten Insel, die sie entdeckte, nieder. Andere Geschichtschreiber erzählen, sie habe, nachdem sie den Pontns verlassen, ein Vorgebirge in Italien zu ihrem Wohnsitz gewählt, das noch jetzt von ihr den Namen Circa um führe." e>6. ,,Medea lernte von ihrer Mutter und Schwester die giftigen Kräuter nach allen ihren Wirkungen kennen. Allein Viertes Buch. 45i fle war ganz entgegengesetzter Sinnesart. Ihr immerwährendes Geschäft war, die ankommenden Fremdlinge aus der Gefahr zu erretten. Bald legte fle dringende Fürbitten bei ihrem Vater ein, daß er die zum Tode Bestimmten begnadigte, bald befreit- fle selbst die Unglücklichen ans dem Gefängniß und half ihnen znr sichern Flucht. Aeetes hatte sich nämlich bei seiner eigenen rohen Gemüthsart, von seiner Gemahlin Hekate leicht bereden lassen, daß er die Sitte, die Fremden zn morden, annahm. Als aber Medea immer entschiedener dem Willen ihrer Eltern sich widersetzte, so schöpfte Aeetes Verdacht, seine Tochter strebe nach der Krone, vnd ließ sie in -in leidliches Gefängniß bringen. Allein Medea entwich und flüchtete sich zu einem dem Helios geheiligten Plag in der Nähe des Meeres. Um diese Zeit nun kamen die Argonauten von Taurika her, nnd fuhren bei Nacht in Kolchis an bei jenem heiligen Platze. Da fanden fle die Medea am Ufer her- umirrend. Sie erzählte ihnen, daß man die Fremden zu ermorden Pflege, Dankbar für die freundliche Warnung der Jung-'rau, entdeckten sie derselben ihre Absicht, und erfuhren von ihr wiederum, was fle wegen ihres Edelmuths gegen die Fremden von ihrem Vater zu fürchten habe. Sie verstanden ihren gemeinschaftlichen Vortheil. Medea versprach, den Argonauten bei der Ausführung ihres Vorhabens überall behülf- lich zu seyn, nnd Jason gab ihr dagegen die eidliche Zusage, sie zu ehlichen nnd ihr lebenslänglich treu zu bleiben. Hierauf machten sich die Argonauten, indem fle Wachen auf dem Schiff zurückließen, mit Medea auf den Weg zu dem goldenen Vließ." Wir müßen hier die Sage von diesem Vließ 43s Diodor's historische Bibliothek. erzählen, damit Nichts, was mit der gegenwärtigen Geschichte in Verbindung steht, unerörtert bleibe. 47. „Phrirus, der Sohn des At Hamas sKöuigs von Böoticnst, flüchtete sich aus Griechenland mit seiner Schwester Helle vor den Verfolgungen seiner Stiefmutter sJnof. Durch eine besondere Fügung der Götter wurden sie auf einem Widder mit goldenem Fell von Europa nach Asten hinüber getragen. Da fiel die Jungfrau herab in das Meer, das dann von ihr den Namen Hellespo ntus erhielt. Phrirus aber setzte die Reise in den Pontus fort und stieg in Kolchis au's Land. Einem Götterspruche zufolge opferte er den Widder und hängte das Fell im Tempel des Ares auf. Dem König Aeetes von Kolchis sagte darauf ein Orakel, er werde sein Leben endigen, wenn Fremdlinge zu Schiff herkommen und das goldene Vließ abholen. Dieß war noch außer seiner natürlichen Grausamkeit der Grund, warum er das Opfern der Fremden cinfühete. Er wollte, daß es überall kund werden sollte, die Kolchier seyen Wilde, damit keiu Fremdling es wagte, das Land zu betreten. Er umgab das Heiligthum mit einer Mauer und umstellte es mit zahlreichen Wachen, die aus Einwohnern von Taurika bestanden. Das ist von den Griechen in wundervolle Sagen eingekleidet worden. Nach dem allgemeinen Glauben umringten das Heiligthum feuerspeiende Stiere, und ein Drache half ihnen das Vließ bewachen. Der Name „Taurier" gab nämlich Veranlassung, daß man sich statt derselben gewaltige Stiere dachte; und als feuerspeiend stellte man die Stiere dar, um die grausame Ermordung der Fremden zu bezeichnen. Ebenso setzten die Dichter an die Stelle von dem Wächter des Heiligthums, 433 Viertes Buch. welcher Drakon hieß, das furchtbare Wuuderthier sden Drachens. Aehnliche Erklärungen gibt man über die Sage von Phrirus." Ewige behaupten, er sey aus einem Schiff hinübergefahren, welches vorn das Bild eines Widders hatte; Helle aber habe die Seekrankheit bekommen und sich deswegen über Bord hinaus gebeugt, und so sey sie in's Meer gefallen. Andere erzählen so: „Der König der Scythe«, der Schwiegersohn des Aeetes, war eben auf Besuch in Kolchis, als man den Phrirus mit seinem Erzieher gefangen eingebracht hatte. Er fand Wohlgefallen an dem Jüngling und erhielt ihn von Aeetes zum Geschenk. Er liebte ihn wie einen leiblichen Sohn und bestimmte ihu zum Thronfolger. Der Erzieher aber, dessen Name Krivs sWidders war, wurde den Göttern geopfert; man zog ihm die Haut ab und hängte sie auf, wie es herkömmlich war, der Gottheit geweiht. Dem Aeetes wurde hierauf von dem Orakel geweissagt, er werde sterben, wenn einmal Fremdlinge zu Schiff kommen und die Haut des Krios abholen würden. Daher stellte der König eine Wache auf, und ließ die Haut vergolden, damit die Soldaten einen höhern Werth darauf legten und um so sorgfältiger Wache hielten." Hierüber mag sich jeder Leser sein eigenes Urtheil bilden. 48. „Medea zeigte den Argonauten den Weg zum Tempel des Ares, welcher siebenzig Stadien von der Stadt S y- baris, dem Sitz des Königs von Kolchis, entfernt war. Sie trat bei Nacht vor die verschlossenen Thore, und rief den Wächtern in Taurischer Sprache zu. Die Soldaten öffneten ihr, als der Tochter des Königs, ohne Bedenken. Da drangen die Argonauten mit gezogenen Schwertern ein. Viele 4^4 Dlvdor's historische Bibliothek. der Barbaren wurden niedergemacht; die Uebrigen flohen aus dem Tempel voll Bestürzung und Schrecken. Sobald sich die Argonauten des Vließes bemächtigt hatten, eilten fle wieder dem Schiffe zu. Medca hatte nnterdeffen im Tempel den schlaflosen Drachen, der nach der,Fabel das Vließ umschlungen hielt, durch Gift getödtis. See ging darauf mit Iason an's Meer zurück. Als der König Aeetcs durch die entflohenen Taurier Nachricht von dem Ueberfall erhielt, setzte er mit den Soldaten, die er um sich hatte, den Griechen nach, und erreichte fle in der Nähe des Meeres. Er griff fle auf der Stelle an und tödtete einen der Argonauten, Iphitus, den Bruder des Eurystheus, der dem Hercules seine Arbeiten aufgetragen hatte. Dann warf er sich auf die Uebrigen mit der ganzen Masse seiner Truppen, drang aber zu hitzig ein, und wurde von Meleager getödtet. Nachdem der König gefallen war, faßten die Griechen neuen Muth; die Kolchier aber ergriffen die Flucht, und die Meisten derselben wurden von den Verfolgern niedergemacht. Auch von den Helden waren Mehrere verwundet, Jason, Lai-'rtes, Atalanta, die Thesxiadeu. Sie wurden übrigens von Medea in wenigen Tagen mit Wurzeln und Kräutern geheilt. Die Argonauten versahen sich nun mit Lebensmitteln und schifften sich ein. Schon waren fle mitten auf dem Pontlls, als fle von einem sehr gefährlichen Sturm überfallen wurden. Orpheus betete, wie das erstemal, zu dcu Samothracischen Göttern. Da legten sich die Winde, und in der Nähe des Schiffs erschien der Meergott Glaucus. Er schwamm zwei Nächte und zwei Tage beständig neben dem Schiff her; dem Hercules sagte er seine Arbeite» und die Unsterblichkeit voraus; den Tyndari- 435 Viertes Buch. rrn weissagte er, sse werden Dioskuren genannt und von allen Völkern göttlich verehrt werden. Ueberhaupt nannte er die Argonauten alle mit Namen, und versicherte fl-, wegen der Gebete deS Orpheus erscheine er ihnen durch eine Fügung der Götter uud kündige ihnen die Zukunft an , er rathe ihnen daher, sobald fle das Land erreichen, den Göttern, durch welche ihnen nun schon zweimal Rettung widerfahren sey, ihr Gelübde zu bezahlen." zg. ,,Hierauf tauchte Glaukus wieder unter das Wasser, uud die Argonauten stießen an's Land bei der Mündnng des Psntus. In dieser Gegend war damals Byzas König, von welchem die Stadt Byzanz den Name» hat. Daselbst errichteten fle Altäre und bezahlten den Göttern die Gelübde. Sie weihten einen Platz, der noch gegenwärtig den vorüber- fahrenden Schiffern für heilig gilt. Von dort aus schifften sie weiter durch die Propomis und durch den Hellespvnt, und landeten in Trvas. Hier schickt« Hercules seinen Bruder Iphiklus mit dem Telamon in die Stadt, um sich die Pferde und die Heflone auszukitten. Allein Laomedon legte die Abgesandten in's Gefängniß uud entwarf einen Plan, die übrigen Argonauten zu ermorden. Seine Söhne nahmen alle an dem Anschlag Theil außer Priamus, der sich allein widersetzte. Dieser behanptete, man müße pflichlmäßig gegen die Fremdlinge handeln, und ihnen seine Schwester und die versprochenen Pferde ausliefern. Da ihm aber Niemand Gehör gab, so brachte er heimlich dem Telamon uud dessen Gefährten zwei Schwerter in's Gefängniß, verrieth ihnen das Vorhaben seines Vaters und wurde auf diese Art ihr Befreier. Sie stießen die Wächter, die sich zur Wehr setzten, auf der stöü Divdvr's historische Bibliothek. Stelle nieder, flohen dem Meere zu und erzählten den Argonauten die ganze Geschichte. Diese rüsteten sich zum Kampf und gingen den Schaarcn des Königs, die aus der Stadt heraus strömten, entgegen. Es entstand ein blutiges Treffes, in welchem die Tapferkeit der Helden siegte. Unter Alles «der stritt Keiner so muthovll als Hercules. Er tddtete den Lavmedon, nahm die Stadt mit Sturm ein und ließ Diejenigen büßen, die an dem Plan deS KönigS Theil genommen. Den PriamnS setzte er wegen seiner rechtlichen Gesinnung auf den Thron und schloß mit ihm ein Bündniß. Dann schiffte er mit den Argonauten weiter." Einige der alten Dichter erzählen, Hercules habe nicht in Gesellschaft der Argonauten, sondern allein für sich, und zwar mit sechs Schiffen, den Krieg wegen der Pferde begonnen und Troja erobert. St« stützen sich auf Homer'S Zeugniß, nämlich auf die Worte sJl. V, 658 ff.s: ,,Welch ein Anderer war die hohe Kraft Herakles, Wie man erzählt, mein Vater, der trotzende. Idweubeherzte, Welcher auch hieber kam, Laomedon's Rosse zu fordern, Von sechs Schiffen allein und wenigem Volke begleitet. Aber die Stadt Einöd' und leer die Gassen znrüMeß." Von den Argonauten lautet der Bericht weiter so. ,,V« TroaS fuhren sie nach Samothrace, bezahlten wieder Gelübde den höchsten Göttern und ließen als Weihgeschenke die Opferschalen zurück, die noch gegenwärtig vorhanden sind.'^ So. ,,In Thessalien, wo man noch Nichts von der Rückkehr der Helden wußte, hatte sich daS Gerücht verbreitet, Jason sey mit allen seinen Gefährten in der Gegend «rm PontuS umgekommen. Jetzt, glaubte Pelias, sey rS Zeit, Viertes Buch. 487 Me, die auf die Krone Anspruch machen können, ohne Ausnahme zu ermorden.' Den Vater des Jason ließ er Ochsen- b?At trinken; seinen Bruder Promachns, der noch im Knabenalter stand, schlug er todt. Seine Mutter Amphi- »sme, die auch umgebracht werden sollte, bewies ihren männlichen Sinn durch eine denkwürdige That. Sie nahm ihre Zuflucht zu dem Herd des Königs, und wünschte ihm fluchend, was seine Frevel verdienten; dann stieß sie sich das Schwert in die Brust und starb den Heldentod. Nachdem Pelias auf diese Art das ganze Geschlecht Jason's vertilgt hatte, ereilte ihn schnell die Strafe für seine Verbrechen. Jason lief bei Nacht in einen Hafen von Thessalien ein, der nickt ferne von Jolkus lag, aber von der Stadt aus nicht gesehen werden konnte. Hier erzählte ihm Jemand das unglückliche Schicksal seiner Verwandte». Die Helden waren alle bereit, dem Jason Hülfe zu leisten und jeoe Gefahr zu bestehen. Nur darüber, wie man es angreifen sollte, waren sie verschiedener Meinung. Einige riechen, man sollte sogleich in die Stadt eindringen, um den König uuvermuchet zu überfallen; Andere behaupteten, Jeder müße noch Kämpfer aus seiner Heimath zu dem gemeinschaftlichen Krieg mitbringen; denn unmöglich können drei und füuJig Männer über einen ss mächtigen König siegen, der im Besitz ansehnlicher Städte sey. Während sie hierüber stritten, trat Medea auf und versprach, den Pelias wolle sie selbst mit List umbringen und die Königsburg den Helden ohne Gefahr in die Hände liefern. Verwundert über den Vorschlag, begehrten Alle zu hören, wie sie das auszuführen gedenke. Sie entdeckte ihnen, daß sie mancherlei wunderbar wirkende Mittel bei sich trage, 458 Divdors historische Bibliothek. die von ihrer Mutter Hekate und ihrer Schwester Circe erfunden seyen; sie habe dieselben bisher nie zum Unheil eines Menschen angewendet; nun aber werde sie damit gegen die Strafbaren sich leicht helfe» können. Sie gab den Helden Alles an, was sie bei'm Angriff zu thun hätten, und versprach, ihnen von der Burg auS, des Tag durch Rauch und bei Nacht durch Feuer, Zeichen zu geben, welche sie auf der am Meere errichteten Warte sehen könnten." 5i. „Sie verfertigte ein hohles Bild der Artemis, in welchem sie allerhand Zaubsrmittel verbarg. Ihre Haare bestrich sie mit einer Salbe, welche die Wirkung hatte, daß das Haar grau, das Gesicht aber und der ganze Körper voll Runzeln wurde, so daß sie völlig wie ein altes Weib aussah. Hierauf schmückte sie das Bild der Göttiu mir Allem, was bei dem aberaläubigm Volk Eindruck mache» konnte, und trug es mit Tagesanbruch in die Stadt hinein. Voll Begeisterung forderte sie die auf den Straßen zusammenlaufende Menge auf, die Göttin mit Ehrfurcht zu empfangen, sie komme von den Hvperboreern und bringe.Segen der ganzen Stadt und dem König. Jedermanu betete an und brachte Opfer der Göttin zu Ehren. Der ganzen Stadt theilte sich die Begeisterung mit. Mrdsa trat in die Königsbnrg, und wußte das fromme Zchtranen des Pelias zu gewinnen; seine Tochter aber wnrde.it durch ihre Wuuderkütist« so bezanbert, daß sie glaubten, tzis Göttin sey wirklich da, um das Haus des Königs zu beglücken. Dc-m M-dea versicherte, Artemis sey, auf einem mit Drachen bespannten Wagen, über einen großen Theil der Erde durch die Luft hergcfivgen, und habe sich das Land des Frömmsten unter allen Königen zum Wohn- Viertes Buch. 43g sitz auserseheu, wo sie ewig verehrt seyn wolle; auch habe sie ihr aufgetragen, dem Pelias durch gewisse Mittel die Beschwerden des Alters abzunehmen, seinem Körper die volle Jngendkraft wieder zu geben, und noch durch manche andere Segnungen der Götter sein Lebensgiück zu erhöhen. Als der König üher das unerwartete Anerbieten erstaunte, so erklärte Medea, sie wolle sogleich die Probe an sich selbst machen. Sie hieß eine der Töchter des Pelias reines Wasser bringen, die Jungfrau gehorchte sogleich dem Befehl, und nun verschloß sich Medea in ein Zimmer, wusch sich am ganzen Leibe, und vertilgte die Wirkungen der Salbe. Nachdem sie ihre natürliche Gestalt wieder hatte, erschien sie vor dem König. Ihr Anblick erregte Staunen; man mußte glauben, durch eine Fügung der Götter habe sich das Alter in blühende Jugend und entzückende Schönheit verwandelt. Sie hatte üb-rdieß durch gewisse Zanbermittel Truggestalten von Drachen gebildet, von welchen nach ihrer Versicherung die Göttin gezogen wurde, alS sie aus dem Lande der Hyperboreer durch die Luft herfuhr, nm bei Pelias einzukehren. Das Alles erschien als Wirkung einer übermenschlichen Kraft. Pelias wurde mit hoher Achtung gegen Medea erfüllt und überzeugte sich von der völligen Wahrheit ihrer Aussagen. Sie sprach jetzt ohne Zeugen mit ihm, und bat ihn, er möchte seinen Töchtern befehlen, daß sie ihr Hülfe leisten mnd^Alles thun, was sie ihnen gebiete; denn Dr den König zieme es sich, daß nicht Lurch Sklaveuhande, sondern durch die Pflege der Kinder sein Körper des Geschenks der Götter theilhaftig werde« Darauf befahl Pelias seinen Töchtern, Alles, was ihnen Medea wegen des Körpers ihres Vaters vorschreiben würde, 44» Diodor's historische Bibliothek. genau zu befolgen, und die Jungfrauen erklärten sich bereit, seinem Willen zu gehorchen." 5,. „Als es Nacht geworden und Pelias im Schlafe lag, sagte ihnen Medea, es sey nothwendig, daß der Körper des Pclias in einem Kessel gekocht werde. Die Jungfrauen wurden mißtrauisch *) bei diesen Worten; allein Medea wußt« auch diese Versicherung wieder zu beglaubigen. Es stand ein alter Widder im Stall. Den, sagte sie, wolle sie zuvor kochen und ein junges Lamm daraus machen. Damit waren die Jungfrauen einverstanden. Medea hieb den Widder in Stücke, kochte ihn, und ließ vermittelst ihrer trügerischen Künste das Bild eines Lammes aus dem Kessel herauskommen. Die Jungfrauen, voll Verwunderung, glaubten nun eine hinreichende Bürgschaft zu haben und leisteten dem Ansinnen Folge. Sie fielen zusammen über ihren Vater her und schluaeu ihn todt. Alcestis war die Einzige, der die Kindespflicht zu heilig war, um Hand an den Vater zu legen. Statt nun den Körper zu zerstückelt uud zu kochen, führte Medea unter dem Verwand, man müße vorher zu dem Monde bete», die Jungfrauen, mit Fackeln in der Hand, auf die höchste Zinne der Burg. Da sagte sie ein langes Gebet i» der Sprache von Kolchis her, absichtlich zögernd, damit unterdessen die Anrückenden Zeit gewännen. Sobald nämlich die Argonauten von der Warte aus das Feuer bemerkten und daraus ersahen, daß die Ermordung des Königs gelungen war, so eilten sie der Stadt zu, stiegen unbemerkt über die *) Es scheint, statt sollte r-iro'irrcvg oder ein ähnliches Wort stehen. Viertes Buch. 44 r Mauer, und gingen mit gezogenen Schwertern auf die Kö- nigsburg los. Wer sich von den Wachen widersetzte, wurde niedergestoßen. Die Töchter des Pelias waren eben vom Dach herabgekommen, nm ihn zu kochen, als sie unvermu- thet den Jason mit den Helden im Schloß erblickten. Sie bejammerten ihr Geschick; denn es war ihnen eben so unmöglich, sich an der Medea zu rächen, als die Gräuelthat, wozu sie sich hatten verführen lassen, wieder gut zu machen. Sie faßten den Entschluß, sich selbst das Leben zu nehmen; aber Jason hatte Mitleid mit ihrem traurigen Loos; er hielt sie zurück und hieß sie guten Muths seyn, indem er ihnen Vorstellte, sie haben ja nicht aus Bosheit gefrevelt, sondern seyen unvorsätzlich durch Betrug in dieses Unglück gerathen." 5ö. „Ueberhaupt versprach er, alle seine Verwandten mit großmüthiger Schonung zu behandeln. Er berief eine Volksversammlung, vor welcher er sich wegen seiner That rechtfertigte und bewies, er habe nur ungerechten Angriff abgewehrt, und seine Rache sey nicht so schrecklich, als was ihm selbst widerfahren sey. Den Akastus, den Sohn des Pelias, sehte er auf den Thron seines Vaters. Die Sorge für die Töchter des Königs, erklärte er, wolle er selbst über- mehmenz und er löste wirklich nach einiger Zeit sei» Wort vollkommen, indem er sie mit den angesehensten Männern vermählte. Die Aelteste, Alcestis, gab er Admetns-, dem Sohne des Pheres, aus Thessalien, zur Ehe; die Amts hin ome dem Andrämon, des Leonteus Bruder; die Svadue dem Kanes, des Cephalus Sohn, dem damaligen König vor» Phocis. Dieß that er übrigens später. Jetzt schiffte er mit den He.^eir nach dem Isthmus des Pelopon- Diobvr. 4 s Bdchu. 3 442 Diodor's historische Bibliothek. nesus, brachte dem Poseidon ein feierliches Opfer und weihte dem Gott das Schiff Argo. Er wurde von dem König Kreon in Korinth sehr ehrenvoll aufgenommen, erhielt Theil an der Regierung, und nahm von dort an seinen Wohnsitz in Korinth. Als die Argonauten auseinandergehen und heimkehren wollten, rieth ihnen Hercules, für unvorhergesehene Zufälle einander die eidliche Zusage zu geben, daß wenn irgend Einer Hülfe bedürfe, die Uebrigen ihm beistehen wollen. Sie ersahen daher den schönsten Platz in Griechenland zn Kampfspielen und allgemeinen Volksfesten, und weihten den Kampfplatz dem höchsten Gott, dem Ze'us Olymp ins. Die Helden beschworen den Bund, und überließen die Anordnung der Spiele dem Hercules. Dieser wählte zu den Festversammlungen die Gegend am Flusse Alp Heus in der Landschaft Elis. Daher weihte er das Land an beiden Ufern dem höchsten Gott und nannte es nach dessen Name» Olympia. Es waren Wettrennen zu Pferde und Turn- spiele, die er veranstaltete. Er bestimmte die Kampfpreise und schickte Festbvten aus, um in den Städten die Spiele anzusagen. Hatte er sich schon bei dem Zuge der Argonauten nicht geringes Lob erworben, so wurde sein Ruhm durch den Glanz des Olympischen Volksfestes noch erhöht. So wurde er der angesehenste Mann in ganz Griechenland, und in den meisten Städten war sein Name so gefeiert, daß Diele sich um seine Freundschaft bemühten und bereit waren, jede Gefahr mit ihm zn theilen. Seine Tapferkeit und Kriegskunst wurde bewundert; daher hatte er bald ein sehr starke- Heer zusammengebracht, mit welchem er die ganze Welt durchzog, um die Menschheit zu beglücken. Dafür wurde ihm Viertes Buch. 44L einstimmig der Rang der Unsterblichen zuerkannt. Die Dichter haben, nach ihrer gewöhnlichen Wundersucht, die Sage so dargestellt, als hätte Hercules ohne Gehülfen und ohne Waffen seine bekannten Arbeiten vollbracht." 5t. Die Sagen von diesem Gott haben wir aber bereits alle durchgegangen; jetzt müssen wir, was von Jason'S Geschichte noch übrig ist, erzählen. „Er wohnte in Korinth und lebte zehen Jahre mit Medea. Er zeugte mit ihr drei Söhne; die beiden ältesten waren Zwillinge, Thessalus und Alcimenes; der dritte, Tisän der, war viel jünger. Während jener Zeit nun war Medea von ihrem Gatten geliebt, nicht allein um ihrer ausgezeichneten Schönheit willen , sondern auch wegen ihres edeln Sinnes und ihrer übrige» Vorzüge. Als aber später die Zeit die Reize ihrer Gestalt allmählich vertilgte, verliebte sich Jason in Kreon's Tochter, Glauce, und warb um die Jungfrau. Nachdem der Vater eingewilligt und den Tag zur Hochzeit bestimmt halte, suchte Jason die Medea zuerst zu bewegen, daß fle freiwillig auf die Ehe verzichten sollte; er wolle die neue Heirath nicht schließen, als wäre er der vorigen Verbindung überdrüssig, sondern aus Fürsorge für seine Kinder suche er eine Verwandtschaft mit dem königlichen Hanse zu stiften. Allein seine Gemahlin rief zürnend die Götter an als Zeugen seiner Schwüre. Jason achtete das nicht, und vermählte sich mit der Königstöchter. Medea wurde aus der Stadt verbannt, erhielt aber von Kreon noch einen Tag Frist, um sich zur Abreise zu rüsten. Da schlich sie sich bei Nacht in das Königshaus (sie hatte sich durch ihre Salbe» unkenntlich gemacht) und legte Feuer ein vermittelst einer 3 » 444 Diodor's historische Bibliothek. kleinen, von ihrer Schwester Circe entdeckten, Wurzel, welche die Eigenschaft hatte, daß, wenn man sie anzündete, ein unauslöschlicher Brand entstand. Das Schloß stand plötzlich in Flammen. Jason sprang schnell heraus; Glauce aber und Kreon konnten sich nicht aus dem Feuer retten und kamen um." Andere Schriftsteller erzählen so. „Die Söhne der Medea brachten der Braut ein vergiftetes Geschenk. Glauce nahm es an: sobald sie aber das Gewand anzog, erfolgte die traurige Wirkung; auch ihr Vater, der zu Hülfe kam, starb, wie er ihren Körper berührte. Nachdem dieser erste Versuch gelungen, wollte Medea auch an Jason Rache nehmen. Die Wuth und Grausamkeit, wozu die Eifersucht sie reizte, ging so weit, daß sie, nachdem sie von der Braut Nichts mehr zu fürchten hatte, ihrem Gemahl durch die Ermordung seiner und ihrer Kinder den schrecklichsten Jammer bereitete. Einer der Söhne war entflohen; die Andern mordete sie und begrub die Leichen im Heiligthume der Hera. Darauf entfloh sie mit ihren treusten Sclavinnen mitten in der Nacht aus Korinth, und begab sich nach Theben zu Hercules. Dieser hatte nämlich das Verlöbniß in Kvlchis vermittelt und ihr Hülfe versprochen, wenn Jason den Bund brechen würde." 5S. „Ueber Jason urtheilte indessen Jedermann, das Schicksal habe ihn nach Verdienst büßen lassen, da es ihm Kinder und Gattin raubte. Er war unvermögend, das schwere Leiden zu tragen, und machte seinem Leben ein Ende. Die Korinthier geriethen in Bestürzung über das traurige Ereigniß. Namentlich waren sie wegen des Begräbnisses der Söhne in Verlegenheit. Sie schickten deßhalb nach Pytho Viertes Buch. 445 (Delphi), um das Orakel zu fragen, was mit den Leichen der Kinder anzufangen sey. Pythia gab die Weisung, sie sollten im Tempel der Hera begraben und als Heroen verehrt werden. Diese Anweisung befolgten die Korinthier. Thessalns, welcher der mörderischen Hand seiner Mutter entflohen war, wurde in Korinth erzogen, und kam später nach Jolkns, der Vaterstadt des Jason» Hier war gerade Akastus, der Sohn des Pelias, kürzlich gestorben. Daher bestieg Thessalns den Thron, der ihm als Verwandten gebührte. Nach seinem Namen wurden seine Unterthanen Thessalier genannt." Ich weiß wohl, daß man von dem Namen Thessalier noch andere geschichtliche Ableitungen gibt, die mit der gegenwärtigen nicht zusammenstimmen; es wird davon bei einer schicklichern Gelegenheit die Rede werden. ,,Medea fand in Theben den Hercules im Zustande des Wahnsinns, in welchen er gerathen war, weil er seine Kinder gelobtet hatte. Sie heilte ihn mit ihren Zaubermitteln; allein, da ihn EurysthenS mit seinen Aufträgen drängte, so hatte sie für jetzt keine Hülfe von ihm zu hoffen. Sie nahm daher ihre Zuflucht nach Athen zu Aegens, dem Sohne Pandion's." Hier vermählte sie sich, wie Einige behaupten, mit Aegens, und gebar den Medus, welcher nachher König von Medien wurde. Bei Andern findet sich dagegen folgende Erzählung. „Sie wurde von Hippotas, Kreons Sohn, gerichtlich belangt; man sprach sie aber von der Schuld frei. Als darauf Thesens von Tr öz en aus nach Athen zurückkam, wurde sie als Giftmischerin angeklagt und mußte die Stadt verlassen. Aegens gab ihr Begleiter mit, wohin sie wollte. Sie wandte sich nach Phönicien lind kam von 446 Diodor's historische Bibliothek. dort aus in die obern Länder von Asien, wo sie die Gemahlin eines angesehenen Königs wurde. Sie gebar ihm einen Sohn, Medus, der nach dem Tode des Vaters zur Regierung gelangte. Man bewunderte seine Tapferkeit, und von ihm erhielt das Volk den Namen Meder." 56. Ueberhaupt sind durch die Wundersucht der Trauer- spicldichter vielerlei und widersprechende Sagen von der Me- dea entstanden. Einige berichten, den Athenern zu Gefallen, Medea habe sich mit Medus, dem Sohne des Aegeus, nach Kolchi geflüchtet. Um diese Zeit sey dem Aeetes von seinem Bruder Perses die Herrschaft mit Gewalt entrissen worden; Medus aber, der Sohn der Medea, habe den Perses umgebracht, und so sey Aeetes wieder zur Regierung gekommen. Nachher sey Medus der Anführer eines Heeres geworden, und habe einen großen Theil von Asien jenseits des Pontus durchzogen und das Land in Besitz genommen, das von ihm den Namen Medien führe. Alles wiederzugeben , was die Mythographen von der Medea erzählen, ist übrigens, wie wir glauben, nicht nöthig; es würde auch zu weit führen. Don der Geschichte der Argonauten ist aber noch Etwas übrig, das wir nachholen müssen. Mehrere der alten sowohl als der neuern Geschichtschreiber (unter diesen Timäus) erzählen von den Argonauten eine merkwürdige Unternehmung eigener Art, welche sie nach dem Raube des Vliesies ausgeführt haben. „Sie erfuhren, die Mündung des Pontus sey von Aeetes bereits mit Schiffen beseht. Da fuhren sie den Don hinauf bis zu dessen Quellen, zogen dann das Schiff eine Streck^ weit zu Lande, und auf einem andern Strom, der sich in den satlantischens Ocean ergießt, Viertes Buch. 447 schifften sie wieder in's Meer hinaus. Hierauf steuerten sie von Norden gegen Westen sin südwestlicher Richtungs, indem sie das feste Land zur Linken ließen, bis sie in die Nähe von Gadira sCadirs kamen und in unser Meer sdas mittelländisches einliefen." Zur Bestätigung dieser Nachricht soll die Thatsache dienen, daß die Götter, welche von den um Ocean wohnenden Celten vorzugsweise verehrt werden, die Dioskuren seyen. Zufolge einer Ueberlieferung aus alter Zeit seyen diese Götter vom Ocean aus zu ihnen gekommen. Man finde in der Gegend am Ocean auch mehrere Namen, die von den Argonauten und den Dioskuren herrühren. Ebenso tragen die Küsten diffeits Gadira deutliche Spuren ihrer Rückfahrt. In der Nähe von Tyrrhe- nien haben sie auf der Insel Aethalia (Elbas gelandet und dem Hafen derselben, dem schönsten in jener Gegend, nach ihrem Schiff den Namen Argoum gegeben, welchen er noch gegenwärtig führe. Ein Hafen in Tyrrhenien selbst, achthundert Stadien von Rom entfernt, habe auf gleiche Weise von ihnen den Namen Telamon erhalten, und ein anderer bei Formiä in Italien die Benennung Aeetes, wofür er jetzt Cajeta (Gai-'tas heisse. Ferner seyen sie durch Stürme in die Syrten verschlagen worden, aber der Gefahr entgangen, weil Triton, der damalige König von Libyen, sie mit der Beschaffenheit des dortigen Meeres bekannt gemacht habe; dafür haben sie ihm einen goldenen Dreifuß geschenkt, und der sey noch bis auf die neuern Zeiten bei den Enhesperiten aufbewahrt worden; es seyen alte Schriftzüge darauf eingegraben gewesen. Wir dürfen auch nicht vergessen, der Nachricht zu widersprechen, daß 448 Diodor's historische Bibliothek. die Argonauten den Ist er idie Donauf hinauf gefahren seyen bis zu den Quellen, und wieder herab in entgegengesetzter Richtung in's adriatische Meer. Die Erfahrung hat nämlich die Meinung widerlegt, daß der Ister, der sich in mehreren Mündungen in den Pontus ergießt, mit dem Fluß dieses Namens, der in's adriatische Meer fällt, aus einerlei Gegend herkomme. Nachdem die Römer das Volk der Jstrier bezwungen hatten, fand man die Quellen des letzter» Flusses nur vierzig Stadien vorn Meere entfernt. Man glaubt, die Geschichtschreiber haben sich durch die Gleichheit des Namens beider Flüsse täuschen lassen. 5/. Nachdem wir die Geschichte der Argonauten und die Thaten des Hercules ausführlich genug erzählt haben, so wird hier der Ort seyn, daß wir, unserem Verspreche» gemäß, die Schicksale seiner Söhne beschreibe». Nach der Aufnahme des Hercules unter die Götter wohnten seine ! Söhne in Träch in bei dem König Ceyr. Als nun Hyllus und einige Andere herangewachsen waren, so fürchtete Eurystheus, die Herrschaft in Mycenä zu verlieren, wenn sie einmal alle zu Männern geworden wären. Er beschloß also, die Herakliden aus ganz Griechenland zu verbannen. Daher erklärte er dem König Ceyr, er müsse die Herakliden und die Söhne des Licymnius, auch den 2»- lans und die Schaar von Arkadiern, welche den Hercules begleitet hatte, austreibe»; wenn er das nicht thue, so sey ihm der Krieg angekündigt. Die Herakliden und ihre Gefährten sahen wohl, daß sie es im Krieg mit Eurystheus nicht aufnehmen könnten; sie entschlossen sich daher, freiwillig Trachin zu verlassen. Sie gingen in den bedeutendsten Viertes Buch. 449 Städten umher und baten, daß man sie daselbst wohnen lassen möchte. Aber keine Stadt wagte es, sie aufzunehmen, die Athener allein, vermöge der ihnen natürlichen menschlichmilden Gesinnung nahmen sich der Herakliden an und räumten ihnen und den übrigen Flüchtlingen Trikorythus, welches eine der sogenannten Vierstädte ist, zum Wohnsitz ein. Nach einiger Zeit, als die Söhne des Hercules alle erwachsen waren, und der Ruhm ihres Vaters die Jünglinge zu begeister» anfing, zog Eurystheus, welchem ihr Emporstreben verdächtig war, mit einer großen Heeresmacht gegen sie zu Felde. Die Herakliden wurden von den Athenern unterstützt. Sie wählten Ivlaus, den Neffen des Hercules, zn ihrem Whrer, und vertrauten ihm und dem Theseus und Hyllus den Oberbefehl an. So siegten sie im Kampfe mit Eurystheus. Die Leute des EurystheuS wurden in diesem Treffen größtentheils niedergemacht; er selbst wurde von Hyllus, dem Sohn des Hercules, getödtet, nachdem ihm der Wagen auf der Flucht zerbrochen war. Auch die Söhne des Eurystheus kamen alle »m in der Schlacht. 58. Nachdem die Herakliden diesen weit berühmten Sieg über Eurystheus errungen hatten, fielen sie unter der Anführung des Hyllus mit gesammter Macht in den Pelopon- nes ein; denn ihr Glück hatte Mitstreiter genug herbeigelockt. Atreus war nach dem Tode des Eurystheus inMy- cenä König geworden. Er verband sich mit den Einwohnern von Tegea und einigen andern Städten und ging den Herakliden entgegen. Die Heere standen am Isthmus versammelt, als Hyllus, der Sohn des Hercules, Einen der Feinde, Wer 45o Diodor's historische Bibliothek. da wollte, zum Zweikampf herausforderte, unter folgenden Bedingungen. Wenn Hyllus seinen Gegner besiegte, so sollten die Herakliden das Reich des Eurystheus einnehmen; würde aber Hyllus überwunden, so dürften die Herakliden vor fünfzig Jahren nicht mehr in den Peloponnes zurückkehren. Echemus, der König von Tegea, nahm die Herausforderung an, und Hyllus fiel im Zweikampfe. Da standen , dem Vertrag gemäß, die Herakliden von ihrem Unternehmen ab und kehrten wieder nach Trikorythus um. Nach einiger Zeit ließ sich Licymnius mit seinen Söhnen und Tlepolemus, dem Sohne des Hercules, in Argos nieder, wo sie von den Einwohnern freiwillig aufgenommen wurden. Die Uebrigen alle wohnten in Trikorythus, und nachdem jene fünfzig Jahre vorüber waren, kehrten sie in den Peloponnes zurück. Ihre Geschichte werden wir beschreiben, wenn wir in der Zeitordnung darauf kommen. Alkmenc war nach Theben gekommen und sodann verschwunden ; nun wurde sie von den Thebanern göttlich verehrt. Man erzählt auch, die andern Herakliden seyen zu Aegimius, dem Sohne des Dorns, gekommen, haben den Landestheil, den ihr Vater sich vorbehalten, zurückgefordert, und sich unter den Doriern niedergelassen. Tle- polemus, der Sohn des Hercules, der in Argos wohnte, soll mit Licymnius, dem Sohne des Elektryon, einen zufälligen Streit bekommen und ihn getödtet, sodann wegen des Mords Argos verlassen und seinen Wohnsitz in Rhodus genommen haben. Diese Insel war damals von Griechen bewohnt, die von Triopas, dem Sohne des Phorbas, dahin geführt waren. Telepolemns, sagt man, habe im Ein- Viertes Buch. 45 r Verständniß mit den Bewohnern Rhodus in drei Theile geschieden und drei Städte, Lindus, Jalysus, Kami- rus, daselbst erbaut. Dem Ruhm seines Vaters Hercules habe er es zu danken gehabt, daß er König von ganz Rhodus geworden sey. 2n der spätern Zeit sey er mit Aga- memnon gegen Troja gezogen. 5g. Auf die Erzählung von Hercules und seinen Nachkommen mag die Geschichte des Theseus folgen, welcher sich die Kämpfe des Hercules zum Vorbild genommen, The- seus war der Sohn von Poseidon und Aethra, der Tochter des Pittheus. Er wurde in Trözen bei seinem Großvater Pittheus erzogen, bis er die nach der Sage von Aegeus unter einem Steine niedergelegten Wahrzeichen aufhob und damit nach Athen ging. Während er an der Küste hin wandelte, kam ihm die Lust, wie man sagt, als Nachfolger des Hercules Heldenthaten zu vollbringen, wodurch Ehre und Ruhm zu erwerben wäre. Der erste Feind, den er erlegte, war der sogenannte Keulenschwinger sPe ri- phetisf. Er führte als Schußwaffe eine Keule; womit er die Vorübergehende» todtschlug. Der zweite war Si- nis, welcher auf dem Isthmus wohnte. Dieser band an zwei Fichten, die er niederbeugte, die Leute an, mit jedem Arm an einen Baum, und ließ dann schnell die Fichten los. So kamen die Unglücklichen auf die jämmerlichste Art um, indem ihnen der Leib mit Gewalt zerrissen wurde. Zum dritten erlegte Theseus das wilde Schwein,in Kro m m y o n, das von ungewöhnlicher Stärke und Größe war und viele Menschen tödtete. Er strafte ferner den Sciron, der auf den sogenannte» seiro nischen Felsen in Mega- 45s Diodor's historische Bibliothek. ris hauste. Dem mußten gewöhnlich die Vorübergehenden anf einem jähen Abhang die Füße waschen; plötzlich gab er ihnen einen Stoß mit dem Fuß, daß fle über den Fels in's Meer hinab stürzten, in der Gegend, die man Ehe- lone sSchildkrötej heißt.*) In Eleusis erschlug The- seus den Cercyon, der die Vorbeireisenden zum Ringkampf aufforderte, und, wenn er siegte, umbrachte. Hierauf tödtete er den Prokrustes auf Kory dallus in At- tika. Der legte die vorüberziehenden Wanderer auf ein Bette, und wenn Einer zu lang war, so hieb er ihm die Füße ab, so weit fle überragten; war er zu klein, so streckte er sie ihm in die Länge. Daher nannte man ihn Prokrustes fden Ausstreckers. Nachdem Theseus diese Thaten glücklich ausgeführt, kam er nach Athen und gab sich dem Ae- geus durch die Wahrzeichen zu erkennen. Sodann bezwäng er durch die Kraft seines Armes den Stier inMaratho n, welchen Hercules (es war das eine seiner Arbeiten) aus Kreta nach dem Pelvponnes gebracht hatte. Er führte denselben nach Athen und übergab ihn dem Aegeus, welcher ihn dem Apoll oferte. 60. Nun haben wir noch zu erzählen, wie der Mino- taurus von Theseus getödtet worden. Wir müssen aber auf die frühern Zeiten zurückgehen, damit die ganze Geschichte aus dem Zusammenhange dieser Begebenheiten deutlich werde. Tektamus, der Sohn des Dorns, Enkel des Hellen und Urenkel Deukalion's, schiffte nach *) Pausanias ( 1 , 44.) spricht von einer Schildkröte, welche die in'S Meer Geworfenen auffing und verzehrte. Viertes Buch. 45Z Kreta mit Aeoliern «ndPelasgern und wurde König auf der Insel. Er vermählte sich mit der Tochter des Kreih e u s und zeugte den Asterius. Während Dieser in Kreta regierte, brachte Zeus, wie man erzählt, die Europa, die er in Phönicien geraubt, auf einem Stier nach Kreta, und zeugte mit derselben drei Söhne, Minos, Rhada- manthus und Sarpedon. Nachher nahm Asterius, der König von Kreta, die Europa zur Ehe. Da er aber kinderlos blieb, so nahm er die Söhne des Zeus an Kindesstatt an und hinterließ ihnen den Thron. Rhadamanthus gab den Kretern Gesetze und Minos übernahm die Regierung. Er verehlichte sich mit Ikone, der Tochter des Lyctius. Sein Sohn und Nachfolger Lykaflus, heirathete Jda, die Tochter des Korybas, und zeugte Minos den zweiten, welchen Andere einen Sohn des Zeus nennen. Dieser war in Griechenland der Erste, der eine bedeutende Seemacht aufstellte und das Meer beherrschte. Seine Gemahlin war Pasi- phae, die Tochter des Helios und der Kreta. Sie gebar ihm den Deukalion, Katreus, Androgeos, und die Ariadne; auch hatte er sonst noch mehrere, ausserch- liche Kinder. Einer der Söhne des Minos, Androgeos, kam nach Athen zum Feste der Panathenäen, unter der Regierung des Aegeus. Bei den Kampfspielen, in welchen er alle seine Gegner beslegte, wurde er mit den Söhnen des Pallas bekannt. Diese Freundschaft war dem Aegeus verdächtig. Er fürchtete, Minos möchte die Söhne des Pallas unterstützen und ihn vom. Throne stoßen. Daher stellte er dem Androgeos nach dem Leben, Auf dem Wege 454 Diodor's historische Bibliothek. nach Theben zu einem Feste ließ er ihn bei Oenoll in Attika durch Einwohner dieser Gegend heimlich ermorden. 6>. Sobald Minos das Schicksal seines Sohnes erfahren , kam er nach Athen, um Genugthuung wegen der Ermordung des Androgeos zu fordern. Da ihm Niemand Gehör gab, so fing er Krieg mit den Athenern an und bat den Zeus, er möchte der Stadt Athen Dürre und Hungersnoth senden. Sogleich entstand in Attika und in ganz Griechenland eine Dürre und Mißwachs auf den Felder». Die Fürsten der Städte kamen zusammen und fragten das Orakel, wie sie von dem Uebel frei werden könnten. Es antwortete, sie sollten sich zu Aeakus, dem Sohne des Zeus, und zu Aegine, der Tochter des Asopus, begeben und sie auffordern, für die Griechen zu beten. Sie befolgten die Weisung und Aeakus sprach die Fürbitte aus. Da hörte die Dürre im übrigen Griechenland auf, nur in Athen dauerte sie fort. So waren die Athener genöthigt, die Gottheit noch einmal wegen der Abwendung des Uebels zu fragen. Nun erhielten sie zur Antwort, sie müßten dem Minos wegen der Ermordung des Androgeos Genugthuung geben auf die Art, die er selbst bestimmen würde. Die Athener gehorchten dem Orakel, und Minos verlangte, sie sollten sieben Jünglinge und eben so viele Jungfrauen zum Fraße für den Minotaurus liefern, und zwar alle neun Jahre, so lang das Ungeheuer leben würde. Als sie Das thaten, wurden die Bewohner von Attika von dem Uebel befreit und Minos stellte die Feindseligkeiten gegen Athen ein. Nach Ver- flnß von neun Jahren erschien Minos wieder in Attika mit einer beträchtlichen Flotte und verlangte und erhielt die sie- Viertes Buch. 455 den Jünglinge und sieben Jungfrauen. Unter ihnen war Theseus. Bei der Abfahrt traf Aegeus mit dem Steuermann die Verabredung, wenn Theseus den Minotaurus besiegte , so sollte er mit weißen Segeln zurückkehren, wenn er aber umkäme, mit schwarzen, wie es gewöhnlich früher auch geschehen war. Als sie in Kreta ankamen, gewann Ariadne, die Tochter des Minos, den Theseus lieb, der sich durch seine schöne Gestalt auszeichnete. Er besprach sich mit ihr und erhielt ihre Hülfe zu seinemIUntcrnehmen. Sir tödtete er den Minotaurus und entkam glücklich, indem sie ihn den Ausgang aus dem Labyrinth finden lehrte. Er entführte die Ariadne und segelte bei Nacht unbemerkt ab, um in diCHeimath zurückzukehren. Er landete auf einer Insel, die vormals Dia hieß, jetzt Naros genannt wird. „Um diese Zeit (so erzählt die Sage) erschien hier Dionysos, und gefesselt durch die Reize der Ariadne raubte er dem Theseus die Jungfrau und erklärte sie, weil er sie zärtlich liebte, öffentlich für seine Gemahlin. Seine Zuneigung zu ihr war so groß, daß er sie nach ihrem Tode zur Würde der Unsterblichen erhob und die Krone der Ariadne unter die Sterne am Himmel versetzte. Theseus und seine Gefährten warenMer den Raub der Jungfrau tief betrübt. In ihrer Traurigkeit vergaßen sie den Befehl des Aegeus und führe» mit den schwarzen Segeln Attika zu. Aegeus erblickte das Schiff, und dachte, sein Sohn sey todt. Da vollendete er mit einer Heldenthat sein Geschick. Er stieg auf die Burg und im unbegränzteu Schmerz des Lebens überdrüssig, stürzte er sich in die jähe Tiefe." Nach dem Tode des Aegeus bestieg Theseus den Thron. Er regierte das Volk den Ge- 456 Diodor'ö historische Bibliothek. sehen gemäß, und that viel, das Wohl des Landes zu fördern. Sein wichtigstes Verdienst war, daß er die zahlreichen, aber kleinen Dorfgemeinden nach Athen versetzte. Seit dieser Zeit betrachteten die Athener mit Stolz die Größe ihrer Stadt und strebten nach ber Oberherrschaft in Griechenland. Wir können nun nach diesem ausführlichen Bericht zu den weiteren Schicksalen des Theseus übergehe». 6-. Deukalion, der älteste Sohn des Minos, wurde König von Kreta. Er schloß mit den Athenern ein Dünd- niß und gab seine Schwester Phädra dem Theseus zur Ehe. Dieser schickte nach der Hochzeit seinen Sohn Hippe ly tu s, welchen ihm die Amazone geboren, nach Trö- zen, um ihn bei den Brudern der Aethra erziehen zu lassen. Mit Phädra erzeugte er den Akamas und Demo- phon. Als nach einiger Zeit Hippolytus zu den Mysterien nach Athen kam, verliebte sich Phädra in den schönen Jüngling. Nachdem er wieder abgereist war, errichtete sie neben der Burg einen Tempel der Aphrodite, von wo aus man Trözen sehen konnte. Auf einem Besuch, welchen sie mit Theseus nachher bei Pittheus machte, erklärte sle dem Hippolytus ihre buhlerischen Wünsche. Durch seine Weigerung gekränkt, soll sie bei der Zurückkunft nach Athen dem Theseus erzählt haben, Hippolytus habe ihr Gewalt anthun wollen. Theseus bezweifelte ihre Aussage und schickte nach Hippolytus, daß er sich verantworten sollte. Phädra aber, die Untersuchung scheuend, erhenkte sich. Hippolytus fuhr gerade auf dem Wagen, als er die Nachricht von der Ver- läumdung erhielt. Er gericth darüber in solche Bestürzung, daß die Pferde scheu wurden und ihn mit den Zügeln fort- Viertes Buch. 45? rissen. Der Wage» ging in Trümmer, und der Jüngling, in die Riemen verwickelt, wurde geschleift und endete so sein Leben. Weil seine Tugend die Veranlassung seines Todes war, so widerfuhr dem Hippolytus in Trözen göttliche Ehre. Theseus wurde später durch eine Empörung gezwungen, die Vaterstadt zu verlassen, und starb im fremden Lande. Doch reute es die Athener; fle brachten seine Gebeine zurück, erwiesen ihm göttliche Ehre, und errichteten ihm einen Tempel, welcher als Freistätte galt und den Namen Thesenm erhielt. 6ö. Nachdem wir von Theseus Nachricht gegeben, wollen wir vom Raub der Helena und von der Werbung des Pirithous umPersephone erzählen; denn diese Begebenheiten stehen mit der Geschichte des Theseus im Zusammenhang. Pirithous, Jrion's Sohn, kam nach dem Tode seiner Gattin, Hippodamia, die ihm einen Sohn, P o- lypötes, zurückgelassen, zu Theseus nach Athen. Da Theseus eben auch seine Gemahlin, Phädra, verloren hatte, so beredete ihn Pirithous, die Helena, die Tochter des Z eus und der Leda, zu entführen, -welche damals zehen Jahre alt war und durch ihre Schönheit sich vor Allen auszeichnete. Sie kamen mit mehreren Begleiter» nach Lace- dämon, ersahen sich eine Gelegenheit, die Helena zu rauben, und entführten sie »ach Athen. Nun verabredeten sie sich, sie wollten lvvsen, und Wem durch das Loos Helena als Gattin zufiele, der sollte jeder Gefahr sich unterziehen, um dem Andern auch eine Gemahlin suchen zu helfen. Nachdem sie Das einander eidlich versprochen, lvosten sie, und da« Loos entschied für Theseus. Er kam also auf diese Art in Diobor. zs Bdchn. 4 453 Diodor's historische Bibliothek. den Besitz der Jungfrau. Allein aus Furcht vor den Athenern, die über diese Handlung unzufrieden waren, schickte Theseus die Helena in der Stille weg, nach Aphidna, einer der Attischen Städte. Seine Mutter Aethra und die Edelsten unter seinen übrigen Freunden gab er als Hüter der Jungfrau bei. Pirithous entschloß sich, um Persephone zu werben, und forderte den Theseus auf, die Wanderung mit ihm zu machen. Anfangs ricth ihm Dieser ab, und suchte ihn von dem frevelhaften Beginnen zurückzuhalten. Als aber Pirithous darauf bestand, so mußte Theseus, durch seinen Eid gebunden, an der That endlich Theil nehmen. Sie stiegen hinab in die Unterwelt, wurden aber zur Strafe für den Frevel Beide gefesselt. Theseus wurde nachher auf die Verwendung des Hercules freigelassen; Pirithous aber mußte in der Unterwelt bleiben, um ewig seinen Frevel zu büßen. Einige Mythographen erzählen, es haben Beide zurückkehren dürfen. *) Um diese Zeit sollen die Dioskuren, die Brüter der Helena, gegen Aphidna gezogen seyn, die Stadt erobert und zerstört, und die Helena als Jungfrau nach Lace- dämon zurückgebracht haben; Aethra, die Mutter des Theseus, mußte ihr als Sclavin folgen. 6i. Wir kommen, nachdem wir hiervon genug erzählt haben, auf die Geschichte der Sieben vor Theben, gehen aber auf die ursprüngliche Veranlassung des Krieges zurück. Lajus, König von Theben, welcher mit Krevn'S Tochter, Iokaste, vermählt war und geraume Zeit kinderlos blieb, fragte das Orakel, wie er Kinder bekommen könnte. *) Aäfs ist schwerlich ächt. Bergt. Cap, -k. Viertes Buch. 45g Pythia gab ihm z»r Antwort, es sey ihm nicht gut, wenn ihm Kinder geboren werden; denn der Sohn, den er zeuge, werde ein Vatermörder werden und über sein ganzes Haus großes Unglück bringen. Allein er gedachte des Götterspruchs nicht und zeugte einen Sohn, ließ aber das Kind aussetzen, nachdem er ihm die Knöchel mit einem Eisen durchbohrt hatte; daher es nachher den Namen Oedipus sSchwellfuß) erhielt. Die Sclaven, welchen er das Kind übergab, schenkten es, statt es auszusetzen, der Gattin des Polybus, die unfähig war, Kinder zu gebären. Später, da es erwachsen seyn mußte, entschloß sich Lajus, bei dem Orakel wegen des ausgesetzten Kindes sich zu erkundigen. — Zu derselben Zeit wollte Oedipus, weil ihm Jemand gesagt, er sey ein untergeschobenes Kind, die Pythia fragen, Wer seine wahren Eltern seyen. In Phocis begegneten sie einander auf dem Wege. Lajus verlangte trotzig, Oedipus sollte ausweichen; darüber erzürnt, erschlug dieser den Lajus, ohne z» wissen, daß es sein Vater war. „Damals (so erzählt die Sagt) kam die Sphinr nach Theben, ein Wesen von doppelter Gestalt. Sie legte ein Räthsel vor, ob es Jemand lösen könnte, und Viele, die es nicht vermochten, wurde von ihr zerrissen. Man setzte aus Menschenfreundlichkeit sum weiteres Unglück zu verhüten) *) einen Preis auf die Lösung des Räthsels, nämlich die Hand der Jokaste und den Thron von Theben. Aber Niemand war im Stande, den Sinn der Frage zu entdecken; Oedipus war der Einzige, der das Räthsel aus- *) Nach der Lesart: statt würde es heißen: man setzte einen annehmlichen Preis u. s. w. 4 * 46o Diodor's historische Bibliothek. liste." Die von der Sphinr vorgelegte Frage lautete so: was «st zweifüßig, dreifüßig und vierfüßig zugleich? Das wußten die Andern nicht zu reimen; aber Oedipus gab zur Antwort, es sey der Mensch; denn als Kind gehe er auf vier, wenn er größer werde, auf zwei, und im Alter, wenn er einen Stab zur Unterstützung nöthig habe, auf drei Füßen. „Hierauf (so sagt die Fabel weiter) stürzte sich Sphinr, eine»! Orakel zufolge, von der Höhe herab. Oedipus vermählte Ach mit seiner Mutter, die er nicht kannte, und zeugte zwei Söhne, EteokleS und Polyinces, und zwei Töchter, Antigone und Jsmene." 65. „Als die Gräuel, die in diesem Hause vorgekommen waren, bekannt wurden, gestatteten die Söhne deS Oedipus, die unterdessen erwachsen waren, ihrem Vater der Schande wegen nicht mehr, aus dem Hause zu gehen. Die Jünglinge übernahmen die Regierung, und verabredeten sich miteinander, abwechselnd, je ein Jahr lang, die Herrschaft zu führen. Der Aeltere, Eteokles, der sie zuerst erhielt, wollte, nachdem die Zeit verflossen war, die Regierung nicht niederlegen. Polymers verlangte, er sollte ihm dem Vertrage gemäß den Thron abtreten; da sein Bruder nicht nachgab , so nahm er seine Zuflucht nach Argos zum König Adrastus. Um dieselbe Zeit kam auch Tydeus, der Sohn des Oeneus, aus Aetolien als Flüchtling nach Arges , weil er in Kalydon seine Verwandten, Alkathons nnd Lykopeus, ermordet hatte. Adrastus nahm Beide fremid- tich auf und gab ihnen, einem Orakel zufolge, seine Töchter znr Ehr, die Argia dem Polynices «nd die De'txyle Kern Tydeus. Die Jünglinge machten sich beliebt nnd wm- Viertes Buch. 46» den von dem König sehr ehrenvoll behandelt. Adrastus war so gefällig, daß er Beide in die Heimath zurückzuführen versprach/ Zuerst wollte er den Polynices in sein Reich einsetzen. Er schickte deßwegen durch Tydeus eine Botschaft a« Eteokles. Auf dem Wege wurde Tydeus von fünfzig Männern überfallen, welche Eteokles in einen Hinterhalt gelegt hatte. Er schlug sie aber Alle todt und entkam wunderbarer Weise nach Argos. Sobald Adrastus von dem Vorfall hörte, rüstete er sich znm Kriege. Er bewog den Kapaneus, Hippomedon und Parthenopäns, einen Sohn der Akalanta, der Tochter des Schönens, an dem Feldzuge Theil zu nehmen. Die Genossen des Polynices suchten auch den Seher Amphiaraus zu überreden, daß er mit ihnen gegen Theben zöge. Allein er willigte nicht ein, weil er durch die Gabe der Weissagung voraussah, daß er auf diesem Zuge umkommen würde. Da gab Polynices das goldene Halsband, welches Aphrodite der Harmonia geschenkt haben soll, der Gattin des Amphiaraus, damit sie ihren Mann zur Theilnahme an dem Kriege bewöge. Um diese Zeit verglich sich Amphiaraus mit Adrastus, dem er den Thron streitig machte, dahin, daß sie die Entscheidung des Zwists der Eriphyle, der Gattin des Amphiaraus und Schwester des Adrastus, überließen." Sie erklärte, das Recht sey aus der Seite des Adrastus, und an den Zug gegen Theben müsse ihr Mann sich anschließen. Amphiaraus sah sich von scineM Weibe verrathen; er versprach mitzuziehen, gab aber seinem Sohn Alkmäon den Befehl, nach seinem Tode die Eriphyle zu ermorden. Dem Befehl des Vaters gemäß mordete Dieser wirklich nachher seine Mutter; aber das Bewußtseyn 462 Diodor'S historische Bibliothek. der gräßlichen Schuld machte ihn rasend. Ali Adrastus, Po- kynices und Tydeus schloßen sich also noch vier andere Heerführer an, Amphiaraus, Kapaneus, Hivpomedon und Par- thenopäus, der Sohn der Aralanta und Enkel des Schönens. Sie stellten gegen Theben eine bedeutende Macht in's Feld. EreokleS und PvlyniccS fielen im Zweikampf. Kapaneus kam um, da er eine Leiter bestieg, um die Mauer zu erstürmen. Unter Amphiaraus that sich die Erde auf, daß er mit dem Wagen in die Kluft hinabstürzte und verschwand. Auch die übrigen Heerführer, ausser Adrastus, fanden da ihren Tod, und von ihren Leuten fiel eine gioße Zahl. Die Thebaner gestatteten nicht, daß man die Leichen aufhob. Adrastas ließ also die Todten unbegraben liegen und kam nach Arges zurück. Niemand wagte es, die Leichen der vor Kadmea sder Burg von Thebens Gefallenen, die uubeerdigt da lagen, zu begraben; die Athener allein waren so menschenfreundlich, daß sie die Erschlagenen vor Kadmea alle beerdigten. 65. Ein solches Ende nahm der Feldzug der Sieben vor Theben. Die Söhne derselben, Epigonen genannt, wollten den Tod der Vater rächen und vereinigten sich zn einem Zug gegen Theben. Ein Orakel von Apoll sagte ihnen, sie sollen unter der Anführung Alkmäons, des Sohns von Amphiaraus, den Krieg gegen jene Stadt beginnen. Tlkmäon wurde also von ihnen zum Feldherrn gewählt. Er befragte den Gott wegen des Zuges gegen Theben und wegen der Bestrafung seiner Mutter Eripbyle. Apoll antwortete, er solle beides ausführen, da Eriphyle nicht nur das goldene Halsband zum Verderben seines Vaters, sondern Viertes Buch. 463 auch das Gewand angenommen habe, um den Sohn dem Tode zu weihen. Aphrodite hatte nämlich einst, wie man erzählt, der Harmonia, der Gemahlin des Kadmus, das Halsband und das Gewand geschenkt, und Beides erhielt Eriphyle, das Halsband von Polynices, und das Gewand von Thersander, dem Sohne des Polynices, damit sle ihren Sohn beredete, gegen Theben zu ziehen. Alkmäon brachte Truppen nicht blos aus Argos sondern auch aus den benachbarten Städten zusammen und erschien mit einem ansehnlichen Heer vor Theben. Die Thebauer gingen ihm entgegen, und es entstand ein hartnäckiger Kampf, der sich für Alkmäon entschied. Da nun die Schlacht zu ihrem Nachtheil ausgefallen war, und sle viele ihrer Mitbürger verloren hatten , so verschwanden ihre Hoffnungen und sie konnten kein Treffen mehr wagen. Da suchten sie Rath bei dem Seher Tirrfias. Er hieß sie aus der Stadt auswandern; das sey der einzige Weg zur Rettung. Die Kadmeer sBe- wohner von Thebenf verließen also die Stadt »ach der Weisung des Sehers, und flüchteten sich bei Nacht in eine Stadt von Bvotien, welche Tilphvssäum hieß. Hierauf nahmen die Epigonen die Stadt ein und plünderten sie. Daphne, die Tochter des Tiresias, die in ihre Hände siel, brachten sie einem Gelübde zufolge nach Delphi und weihten sie dem Gott. Sie verstand die Wahrsagerkunst so gut als ihr Vater , und brachte es darin während ihres Aufenthalts in Delphi noch viel weiter. Sie hatte treffliche Naturanlagen, und gab mancherlei schriftliche Orakel in einer äusserst künstlichen Form. Von ihr, sagt man, habe auch der Dichter Homer viele Gesänge entlehnt, die zur Zierde seines Wer- 464 Di'odor's historische Bibliothek. kcs dienen. Weil sie oft im Zustande der Begeisterung Orakel ausgesprochen, habe sie den Beinamen Sibylla erhalten; begeistert seyn heiße nämlich nach einem selteneren Ausdruck sib yl lainein. »' 67. Die Epigonen kehrten von dem ruhmvollen Feldzug mit reicher Beute nach Hause zurück. In Tilphossäum, , wohin sich die Kadmeer geflüchtet hatten, starb Tiresias; man bestattete ihn mit großem Prunk und verehrte ihn göttlich. Die übrigen Kadmeer zogen nun von jener Stadt weiter und griffen die D 0 rier in ihrer Heimath an. Sie besiegten Dieselben in einer Schlacht und vertrieben sie aus ihren Wohnsitzen, welche sie nun auf einige Zeit einnahmen. Zum Theil nämlich bliebe» sie dort, zum Theil kamen sie nach Theben zurück, wo Kre 0 n, der Sohn des MenöcenS, König war. Die aus ihrem Vaterland Vertriebenen besetz-- ten einige Zeit nachher Doris, und ließen sich in Eri- ncum, Cytinium und Böum nieder. Vordem war Böotus, ein Sohn der Arne nnd des Poseidon, in das Land gekommen, welches damals Aeolis, jetzt Thessalien heißt, und hatte seinen Gefährten den Namen Böo- tier gegeben- Von diesen Aeoliern müssen wir ausführlicher sprechen, indem wir weiter zurückgeben. In der frühern Zeit geschah es, daß die Söhne des Aeolus, welcher Hellen-s Sohn und Deukalion's Enkel war, in den obengenannten Gegenden sich niederließen, ausser Mimas, welcher blieb und König von Aeolis wurde. Hippotes, der Sohn des Mimas, zeugte mit Melanippe den Aeolus. Dessen Tochter Arne gebar dem Poseidon den Böotus. Aeolus wollte nicht glauben, daß sie von Poseidoil 465 Viertes Buch. schwanger sey, schalt die Verführte und übergab sie einem Fremden aus Metapontium, der eben auf der Durchreise war, daß er sie nach Metapontium mitnehmen sollte. Dieser richtete den Auftrag aus und Arne blieb in Meta- pontium. Sie gebar den Aeolus und Böotus, und da er kinderlos war, so nahm er Dieselben, einem Orakel zufolge, als Söhne an. Als sie erwachsen waren, rissen sie bei einem Dolksaufstand in Metapontium die Regierung an sich. Später entstand ein Streit zwischen Arne und Anto- lyte, der Gattin jenes Metapontiers. Die Söhne kamen ihrer Mntter zu Hülfe und tödteten die Autolyte. Ihr Gemahl war durch die That erbittert; sie rüsteten daher Schiffe auS und verließen die Stadt mit Arne und mit mehreren Freunden. Aeolus nahm die Inseln im tyrrhenischen Meer in Beslh, welche von ihm den Namen Aeolische erhielten, nnd erbaute eine Stadt, Lipara genannt. Böotus aber kam zu Aeolus, dem Vater der Arne, wurde von ihm an Kindesstadt angenommen und gelangte zur Regierung in Aeolis. Das Land nannte er nach seiner Mutter Arne und die Einwohner nach seinem Namen Böotier. Jto- nus, der Sohn des Böotus, hatte vier Söhne, Hippal- cimus, Elektryon, Archilycus und Alegenor. Seine Enkel, Peneleus von Hippalcimus, Le'ttus von Elektryon, Klonius^von Alegenor, Prothoönor und Arcesilaus von Archilycus gezeugt, zogen als Anführer der sämmtlichen Böotier in den Krieg gegen Troja. 68. Auf diesen Bericht mag die Erzählung von Sal- moneus und Tyro und deren Nachkommen folgen, bis auf Nestor, der in den Trojanischen Krieg zog. Salmoneus, 466 Diodor's historische Bibliothek. ein Sohn des Aevlus, ein Enkel Hellen's und Urenkel Deukalion's, wanderte aus Aevlis mit mehreren Einwohnern aus und ließ sich in Elis am Fluß Alp Heus nieder, wo er eine Stadt erbaute, die nach seinem Namen Salmonia hieß. Er vermählte sich mit Alcidice, der Tochter des Aleos, und zeugte eine sehr schöne Tochter, Namens Tyro. Nach dem Tode seiner Gattin Alcidice trat er in eine zweite Ehe mit Sidero. Bon dieser Stiefmutter wurde Tyro hart behandelt. Salmoneus machte sich später durch seine Grausamkeit und Nohhcit bei seinen Unterthanen verhaßt, und wurde als Gottesverächtcr von Zeus mit dem Blitz getödtet. Mit Tyro zeugte, als sie noch un- verehlicht war, Poseidon den Pelias und Neleus. Sie vermählte sich darauf mit Kretheus, welchem sie den Amythaon, Pheres und Aeson gebar. Nach dem Tode des Kretheus stritten sich um die Herrschaft Pelias und Neleus. Pelias wurde König von Jolkus und der umliegenden Gegend; Neleus aber zog nach dem Belopon- nes, begleitet von Melampus und Bias, Söhnen des Amythaon und der Aglaja, und von einigen andern Achäern, Phthioten und Aeoliern. Melampus, als Wahrsager, heilte in Argos die Weiber, die durch den Zorn des Dionysos in Raserei gerathen waren. Zum Dank für dieses Verdunst trat ihm der König von Argos, Anaragoras, der Sohn des Megapenthes, zwei Drittheile des Reichs ab. Er ließ sich nun in Argos nieder und regierte gemeinschaftlich mit seinem Bruder Bias. Er nahm Ip hianira, die Tochter des Megapenthes, zur Ehe, und zeugte den Antipha- tes und die Manto, den Bias und die Pronos. Dem Viertes Buch. 467 Antixhates gebar Zeurippe, Hippokoon's Tochter, den O'tkles und Amphalces. Die Kinder von LMles und Hypermnestra, des Thespius Tochter, waren Jphia- nira, Polyböa und Amphiaraus. So hatten denn Melampus und Bias und ihre Nachkommen Theil an der Regierung in Argos. Neleus aber kam mit seinen Begleitern nach Messene, und erbaute die Stadt Pylos auf einem von den Eingeboruen ihm überlassenen Platze. Hier wurde er König, vermählte sich mit Chloris, Am- Vhion's Tochter von Theben, und zeugte zwölf Söhne. Der Aelteste war P er ikl ym enu s, der Jüngste Nestor, welcher gegen Troja zog. Mehr wollen wir von Nestor's Vorfahren nicht sagen, um das Maaß nicht zu überschreiten. 6g. Wir kommen jetzt auf die Geschichte der Lapi- th en und Centauren. O ceanus und Tethys hat.en, wie die Sage erzählt, mehrere Söhne, welche die Namen von Flüssen führten. Unter ihnen war Peneus, nach welchem der Fluß Peneus in Thessalien genannt ist. Er zeugte mit einer Nymphe, Namens Kreusa, den Hyp- seus und die Stilbe, welche dem Apoll den Lapi- thes und Centaurns gebar. Lapithes nahm seinen Wohnsitz am Fluß Peneus und wurde König der dortigen Gegend. Er verehlichte sich mit Orsinome, der Tochter des En- rynomus, und zeugte zwei Söhne, Phorbas und Pe- riphas. Auch sie wurden daselbst Könige. Das ganze Volk aber erhielt von Lapithes den Namen Lapi theil. Don den Söhnen des Lapithes kam der Eine, Phorbas, »ach Olenus. Von dort aus rief ihn Alektor, der Kö- ni von Eli s, zu Hülfe, weil er sich vvr der Macht des 463 Dlodor's historische Bibliothek. Pelops fürchtete, und gab ihm Theil an der Regierung in Elis. Phorbas bekam zwei Söhne, Acgeus und Aktor, welche die Herrschaft in Elis erhielten. Periphas, der andere Sohn des Lapithes, nahm Astyagia, die Tochter des Hypseus zur Ehe, die ihm acht Söhne gebar. Der Aelteste Derselben, A »lion, zeugte mit Perimel a, Amythaon's Tochter, den Jrion. Dieser vermählte sich mit Dia, der Tochter des Hesivneus. Jrion hatte, wie man sagt, dem Hesioncus reichliche Brautgeschenke versprochen) allein er lieferte seiner Gattin die Geschenke nicht aus. Hestoneus nahm Pferde dafür zum Pfande. Nun lud Jrion den Hestoneus ein und versprach, in Allem Folge zu leisten. Als aber Hestoneus kam, warf ihn Jener in eine Grube, die mit Feuer brannte. „Diese That (sagt die Fabel) war zu strafbar, als daß Jemand den Mord hätte sühnen können. Endlich wurde Jrion von Zeus entsündigt. Da verliebte er sich in die Hera, und erfrechte sich, ihr buhlerische Anträge zu machen. Hierauf schuf Zeus ein Bild der Hera aus einer Wolke und schickte es ihm zu. Jrion zeugte mit der Wolke die sogenannten Centauren, welche menschliche Gestalt hatten. Zuletzt wurde Jrion zur Strafe für seine schweren Derbrechen von Zeus auf ein Rad gebunden, und leidet nun nach seinem Tod ewige Pein." 70. Von den Centauren erzählen Einige, sie seyen auf dem Berge Pelium von Nymphen erzogen worden, und nachdem sie erwachsen waren, haben ste mit Stutten die Doppelwesen erzeugt, die man Hippocentanren hieß. Andere sagen, die von Jrion und der Wolke erzeugten Centauren habe» den ersten Versuch mit Reiten gemacht und seyen Viertes Buch. 469 ' daher Hippocentauren genannt worden; das habe zu der Erdichtung, sie seyen Doppelwesen, Anlaß gegeben. „Sie begehrten, als Brüder, von Pirithons ihren Antheil an dem väterlichen Reich. Als ihnen Pirithons nichts abtrat, bekriegte» sie ihn und die Lapithen. Nachdem sie sich wieder ausgesöhnt hatten, geschah es, daß Pirithons, da er sich mit Hip p odamia» des Butes Tochter, vermählte, den TheseuL und die Centauren zur Hochzeit lud. In der Trunkenheit thaten Diese den Weibern, die bei dem Gastmahl waren, Gewalt an und schwächten sie. Entrüstet über den Frevel, schlugen Theseus und die Lapithen nicht wenige Derselben todt und verjagten die Nebligen aus der Stadt, Das gab Veranlassung zu einem allgemeinen Krieg der Centauren gegen die Lapithen, in welchem Viele der Letzter» umkamen. Die Uebriggebliebenen flüchteten sich nach P.holoe*) in Arkadien. Einige zogen sich bis nach Male« zurück und ließen sich daselbst nieder. Die Centauren wurden durch ihr Glück so übermüthig, daß sie von Ph ololl aus räuberische Angriffe auf die vorbeireisenden Grieche» machten und in der Umgegend viele Einwohner erschlugen." 71. Nachdem wir hiervon ausführlich gesprochen, wollen wir erzählen, was die Sage von Aesculap und seinen Nachkommen berichtet. „Aesculap war ein Sohn des Apollo *) Nach Eichstädt's Vermuthung hieße es: nachPheneos. Wenn die gewöhnliche Lesart richtig ist, so ist hineinzubenken. die Lapithen seyen auch aus PholoL wieder, zum Theil, von den Centauren vertrieben worden. Für r-ncrcr ist vielleicht zu lesen: endlich aber zogen sie sich bis u.^s. w. 4?o Diodor's historische Bibliothek. und der Koronis. Von der Natur mit vorzüglichem Scharfsinn begabt, legte er sich auf die Heilkunde, und machte viele für die Gesundheit der Menschen wichtige Entdeckungen. Sein Ruhm stieg so hoch, daß, weil er manche schon aufgegebene Kranke geheilt, man von ihm glaubte, er mache oft die Verstorbenen wieder lebendig. Daher brachte Atdes bei Zeus eine Klage gegen Aesculap an; er beschwerte sich, sein Reich nehme ab, denn eS werden der Todten immer weniger, weil so viele von Aesculap geheilt werden. Erzürnt darüber, tödtete ZeuS den Aesculap mit einem Donnerkeil. Um seine» Tod zu rächen, erschlug Apollo die Cyklopen» welche dem Zeus den Donnerkeil geschmiedet hatten. Durch diesen Mord wurde Zeus so aufgebracht, daß er dem Apollo befahl, bei einem Menschen als Taglöhner zu arbeiten. Das sollte die Strafe für sein Verbrechen seyn. Aesculap's Söhne, Machaon und Podalirius, welche die Kunst vervollkommneten, zogen mit Agamemnon's Heer gegen Troja. Sie wurden den Griechen in den Schlachten sehr nützlich durch die Geschicklichkeit, womit sie die Verwundeten heilten, und erwarben sich durch diese Verdienste großen Ruhm unter den Griechen. Man sprach sie von der Theilnahme an den Gefechten und von andern Verpflichtungen frei wegen der äußerst wichtigen Dienste, welche sie als Aerzte leisteten." So viel mag genug seyn von Aesculap ünd seinen Söhnen. 7-. Wir erzählen jetzt von den Töchtern des AsopuS und den Söhnen des Aeakus. Oceanus und Tethy s hatten nach der Sage mehrere Söhne, welche die Namen von Flüssen führten; unter Andern Peneus und Asopus. Viertes Buch. Penens wohnte in dem jetzigen Thessalien, »nd von ihm erhielt der Fluß Penens seinen Namen. AsopuS, welcher sich in Phlius niederließ, vermählte sich mit Mc- tope, Ladon's Tochter, und zeugte mit ihr zwei Söhne, Pelasgus und Jsmenus, und zwölf Töchter, Corcy- ra, Salamis, Aegina, Pirene, Kleone, Thebe, Tanagra, Thespia» Asopis, Sinope, Oenia und Chalcis. Einer der Söhne, Jsmenus, kam nach Böo- tien und nahm seinen Wohnsitz an dem Flusse, dem man nach ihm den gleichen Namen gab. Von den Töchtern wurde eine, Sinope, von Apoll entführt und in die Gegend gebracht, wo jetzt die nach ihr genannte Stadt Sinope steht. Der Sohn, welchen sie dem Apoll geboren, Syrus, wurde König des Volks, das man ihm nach Syrer hieß. Corcyra wurde von Poseidon auf eine Insel entführt, welche daher Corcyra genannt wurde. Er zeugte mit Derselben den Phäar, von welchem die Phäaken ihre Benennung erhielten. Ein Sohn des Phäar war Alcinous, derben Odysseus nach Jthaka zurückführte. Auch Salamis wurde von Poseidon geraubt und auf die nach ihr genannte Insel Salamis gebracht. Sie gebar dem Poseidon den Cenchreus, welcher sich als König dieser Insel berühmt machte. Er tödtcte eine den Einwohnern sehr gefährliche Schlange von ungeheurer Größe. Aegina wurde aus Phlius von Zeus entführt auf eine Insel, die von ihr den Namen Aegina bekam. Dort zeugte er mit derselben den Aea- kus, welcher König der Insel wurde- Dessen Söhne wa- rdn Peleus und Telamon. Jener tödtete ««vorsätzlich durch einen Wurf mit der Scheibe seinen Halbbruder Pho- 4?r Diodor's historische Bibliothek. kus, der eine andere Mutter hatte. Wegen dieses Mordes von seinem Vater verjagt, floh Peleus nach Phthia in dem jetzigen Thessalien. Hier wurde er von dem König Aktor entsündigt, und folgte ihm in der Regierung, weil Aktor kinderlos war. Achilles, der Sohn des Pe- lcus und der Thetis zog mit Agamemnvn gegen»Troja. Telamon floh ebenfalls aus Aegina, und kam nach Salamis, wo er Glauce, die.Tochter des Königs Cenckreus, zur Ehe nahm und Beherrscher der Insel wurde. Nach dem Tode seiner Gattin Glauce vermählte er sich mit Erib ö a, des Alkathous Tochter aus Athen. Sie gebar ihm den Ajar, der in den Trojanischen Krieg zog. Auf diesen Bericht lassen wir die Geschichte von Pelops, Tantalus und Oenomaus folgen. Wirmüs- sen aber in die frühereZZeit zurückgehen und Alles, wie es sich von Anfang begeben, kurz durchlaufen. Oenomaus, in Pisa, einer Stadt im Peloponnes, von Ares mit Harpine, des Asopus Tochter, erzeugt, hatte eine^ein- zige Tochter, Namens Hippodamia. Als er einmal das Orakel wegen seines Todes fragte, erhielt er zur Antwort, er werde zu der Zeit sterben, wann seine Tochter Hippodamia sich vermähle. Daher wagte er es nicht, seine Tochter zu verehlichen, sondern beschloß, sie Jungfrau bleiben zu lassen; denn nur so dachte er der Gefahr zu entgehen. Als nun viele kamen, um die Jungfrau zu werben, forderte er die Freier zu einem Wettkampf auf; Wer darin überwunden würde, sollte sterben, Wer aber siegte, die Jungfrau zur Ehe erhalten. Er stellte nämlich ein Pferderennen an; die Bahn reichte von Pisa bis zum Altar des Po- Viertes Buch. seiden auf dem Isthmus bei Korinth, und die Zeit zur Abfahrt der Wagen bestimmte er so. Er selbst wollte dem Zeus einen Widder opfern , während der Freier mit dem vierspännigen Wagen ausführe; erst, wenn er das Opfer beendigt, sollte Oenvmaus den Lauf beginnen und aufseinem vonMyr- tilus gelenkten Wagen mit einem Spieß in der Hand den Freier verfolgen; wenn es ihm gelänge, den vorauseilenden Wagen einzuholen, sollte er den Freier mit dem Spieß durchbohren. Auf diese Art erlegte er viele Freier; denn er holte sle immer mit seinen schnellen Rossen ein. Pelops aber, des Tantalus Sohn, welcher auch nach Pisa kam, die Hippodamia sah und sie zu heirathen wünschte, bestach den Myrtilus, den Wagenlenker des Oenomaus, und gewann mit dessen Hülfe den Preis, indem er den Altar des Poseidon auf dem Isthmus früher erreichte. Darin erkannte Oenomaus mit Schrecken die Erfüllung des Orakels, und in der Verzweiflung nahm er sich selbst das Leben. Auf diese Art erhielt Pelops die Hippodamia zur Ehe, und zugleich gelangte er zur Regierung in Pisa. Durch seine Tapferkeit und Einsicht wußte er seine Macht immer weiter auszudehnen, bis sein Gebiet über den größten Theil der Halbinsel sich erstreckte, die dann von ihm den Namen Peloponne- sos sPelvps Insels erhielt. Da wir des Pelops gedacht haben, so müssen wir auch von seinem Vater Tantalus sprechen, damit wir nicht« Merkwürdiges übergehen. Tantalus, ein Sohn des Zeus, war außerordentlich reich und berühmt. Er wohnte in Asien in dem jetzigen Paphlagonien. Wegen seiner hohen Abkunft von Zeus wurde er, wie man sagt, ein vertrauter Diodor. zs Bdchn. 5 474 Dlvdor's historische Bibliothek. Freund der Götter. Zuletzt aber mißbrauchte er das Glück, daß er an ihrer Tafel speisen und Alles mit anhören durfte; c» verrieth den Menschen die Geheimnisse der Unsterblichen. Dafür wurde er schon im Leben gestraft und nach dem Tode, der Fabel zufolge, zu den Gottlosen hinabgeschickt und zu ewiger Pein verdammt. Sein Sohn war Pelops und Niobe seine Tochter. Diese gebar sieben Söhne und eben so viele Töchter von ausgezeichneter Schönheit. Sie rühmte sich oft mit frechem Uebermuth der Menge ihrer Kinder, namentlich, daß sie fruchtbarer sey als Let o. Hierüber erbittert befahl, wie die Fabel sagt, Leto dem Apoll, die Söhne der Niobe, und der Artemis, die Töchter derselben zu erschießen. Sie gehorchte» der Mutter und erschoßen Beide zu gleicher Zeit die Kinder der Niobe. So war Diese in einem Augenblick kinderreich und kinderlos. Da Tantalus, nachdem er sich den Göttern verhaßt gemacht, aus Paphlagonien durch Jlus, den Sohn des Tros, vertrieben worden ist, so müßen wir auch die Geschichte des Jlus nnd seiner Vorfahren erzählen. 75. Der erste König im Lande Troas war Teurer, ein Sohn des Flusses Skam ander und der Nymphe Jdäa. Er stand in großem Ansehen und das Volk erhielt von ihm den Namen Teuerer. Baten, Teucer's Tochter, nahm Dardanns, der Sohn des Zeus, zur Ehe, nnd wurde dessen Nachfolger. Ihm nach hieß man das Volk nun Dardaner. Auch einer Stadt, die er am Meer baute, gab er seinen Namen, Dardanns. Sein Sohn, Er ich t h on ins war außerordentlich reich und begütert. Don ihm sagt der Dichter Homer sJl. XX, --0. f.s: Viertes Buch. ,,Welcher der reichste war der sterblichen Erdebewohner; Einten weideten ihm. dreitausend:, rings in den Auen." Tros, der Sohn des Erichthvnins, gab dem Volk d« Namen Troer. Er hatte drei Söhne. Jlus, Assara- cus und Ganymedes. JlUs erbaute in der Ebene dre Stadt, welche die berühmteste in Troas wurde und nach seinem Namen Jlium hieß. Sein Sohn Laomedoy zeugte den Tithonus und Pria m u s. Tikhonus unternahm einen Zug in die östlichen Gegenden von Asien und kam bis nach Aeth iopien. Er soll. nach der Fabel, mit dex Eos den Memnon erzeugt haben, welcher den Troern bestand und von Achill getödtet wurde. Priamus vermählte sich mit Hekabe. und zeugte viele Söhne, unter welch« sich im Trojanischen Krieg Hektor am berühmtesten machte. Assaracus, König der Dardaner. zeugte den Kapys. V« dessen Sohn Anchises und von Aphrodite wurde Ar- neas, der Angesehenste unter den Troern, erzeugt. Gany- medes, dem au Schönheit Keiner gleich kam, wurde vo« den Göttern entführt, um der Mundschenk des Zeus W worden. Nachdem wir Dieß in's Reine gebracht, wollm wir von Dädalus und Minotaurns erzählen, und vom Zuge des Mnos nach Sicilien gegen den König Kokalus. 76. Dä-alus war von Geburt ein Athener und gehörte zu den sog mannten Erechthiden. Er war nämlich ein Sohn des Metion, Enkel des Eupalamus rmV Urenkel des Erechthcus. Durch seine Geistesanlagen, «r- hvb er sich weit über alle Andern. Er beschäftigte sich E der Baukunst, Bildhauerei und Arbeit in Stein.' Er machw viele für die Kunst förderliche Erfindungen, und führte be- 476 Diodor's historische Bibliothek. wundernswürdige Werke aus in verschiedenen Gegenden der Welt. In der Bildhauerei übertraf er alle seine Vorgänger so weit, daß in der Folgezeit die Fabel entstand, seine Bild- fäulen seyen durchaus lebenden Wesen ähnlich, sie sehen und gehen und zeige» überhangt eine solche Haltung teS ganzen Körpers, daß man das Bild für ein beseeltes Geschöpf halten müsse. Er war nämlich der Erste, der den Bildern Augen gab und fortschreitende Füße und ausgestreckte Hände- was natürlich Bewunderung erregte. Denn an den Bildsäulen der frühern Künstler waren die Augen geschlossen und die Hände hingen nieder, von den Seiten nicht getrennt. So hoch Dädalns wegen seiner Kunst g'eachtet war, so mußte rr doch, als Mörder verurtheilt, sein Vaterland verlassen. Die Veranlassung war folgende. Talos, ein Schwester- sohn des Dädalns, wurde von ihm unterrichtet. Er hatte noch bessere Anlagen als sein Meister. Noch als Knabe erfand er die Töpferscheibe; und nachdem er mit dem Kinnbacken einer Schlange, den er irgendwo gefunden, ein kleines Brettchcn durchsägt hatte, machte er aus Eise» eine Säge nach, welche dieselbe Wirkung that wie die gezackten Zähne. Er zersägte damit das Holz, das er zu seinen Arbeiten brauchte, und der große Nutzen dieses Werkzeugs für die Baukunst wurde anerkannt. Ebenso erfand er auch das Drechseleiscn und andere künstliche Hülfsmittel. Dädalns mißgönnte dem Knaben den hohen Ruhm, den er sich damit erwarb. Er dachte, der Schüler werde sich einen noch viel grißern Namen machen, als sein Meister, und brachte ihn deßwegen hinterlistig um. Als er ihn begrub, wurde er überrascht. Auf die Frage, Wen er begrabe, gab er zur Viertes Buch. 477 Antwort, cr verscharre eine Schlange. Bemerkenswirth ist der wunderbare Zufall, daß dasselbe Thier, das dem Knaben zur Erfindung der Säge Veranlassung gegeben, auch bei der Entdeckung des MordS in's Spiel kommen mußte. Dä- dalus wurde angeklagt und von dem Gericht des Areopa- gus des Mords schuldig erklärt. Zuerst entwich er in einen der Attischen Flecken, dessen Einwohner von ihm des Namen Dädaliden haben sollen. 77. Nachher floh er weiter nach Kreta, wo er als berühmter Künstler hoch geachtet und ein Freund des Königs Minos wurde. Nach der fabelhaften Ueberliefermrx hatte sich Pasiphai-, die Gemahlin des Minos, i» einen Stier verliebt, und Dädalus machte ein Gebilde, das einer Kuh ähnlich war und der Pasiphai- als Mittel zur Befriedigung ihrer Lust diente. Minos war nämlich, wie die Sage erzählt, früher gewohnt, jährlich den schönsten Stier seiner Hserde dem Poseidon zu weihen und ihn diesem Gott zu opfern. „Da cr aber einmal einen vorzüglich schönen Stier hatte, opferte er statt dessen einen der geringern. Darüber erzürnt, ließ Poseidon die Pasiphai-, die Gemahlin des Minos, in den Stier sich verlieben. Vermittelst des Kunstwerks von Dädalus mit dem Stier begattet, gebar Pa- flpha« den fabelhaften Minotaurus, ein Doppelweseo, das von oben bis an die Schultern die Gestalt eines Stiers hatte, am übrigen Körper aber einem Menschen glich. Zum Aufenthalt für dieses Ungeheuer baute Dädalus das Labyrinth, welches gewundene Gänge hatte, deren Ende für Unkundige schwer zu finden war. Hier wurde der Minotau- ru< gehegt. Seine Speise waren dir sieben Jünglinge u»> Divdor's historische Bibliothek. sieben Jnngfrauen, die von Athen geschickt wurden und von denen wir oben gesprochen haben. Dädalus hörte, Minos Habe ihm gedroht, weil er das Bild der Kuh gemacht. Aus Furcht vor dem Zorn des Königs verließ er Kreta; wozu Gm Pasiphae behülflich war, indem sie ihm ein Fahrzeug »«schaffte, worauf er sich einschiffte. Sein Sohn Ikarus, der ihn auf seiner Flucht begleitete, fiel, als sie an eine Insel auf der hohen See getrieben wurden, durch Unvorsichtigkeit bei'm Aussteigen in's Meer und ertrank; daher Heißt dieß das Jk arische Meer und die Insel Ikaria. Dädalns fuhr von dieser Insel weiter nach Sicilien. Er wandele in der Gegend, wo Kokalus König war, und fand bei Demselben wegen seiner Talente und seines Ruhmes eine sehr freundschaftliche Ausnahme." Anders lautet folgende Sage. „Dädalus blieb noch in Kreta und wurde Zon Pasiphai- verborgen gehalten, als Minos ihn bestrafen sollte. Da ihn der König nicht finden konnte, so ließ er alle Schiffe auf der Insel durchsuchen, und versprach Dem, Her ihn auffinden würde, eine große Summe Gelds. Nun zab Dädalus die Hoffnung auf, zu Schiffe entfliehe« zu können. Er bildete Flügel, durch Wachs auf eigene Art verbunden, mit bewundernswürdiger Kunst; die legte er sich Md seinem Sohne an, flog damit wunderbarer Weise auf snd entwich aus der Insel über das Meer. Ikarus nahm Ln jugendlichem Leichtsinn den Flug zu hoch, und fiel in's Meer, weil das Wachs, das die Flügel zusammenhielt, von Her Sonnenhitze schmolz. Dädalus aber flog nahe über dem Meer und netzte die Flügel von Zeit zu Zeit; so kam er unverhofft glücklich in Sicilien an." So unglaublich diese Fa» Viertes Buch. 479 des seyn mag, so meinten wir fle koch nicht übergehen zu dürfen. 78. Bei Kokalns und den Sikanern hielt sich DL- dalus geraume Zeit auf. Man erstaunte, zu welcher Höhe er die Kunst gebracht hatte. Noch gegenwärtig sind auf dieser Insel einige seiner Werke vorhanden. In der Nähe von Megaris baute er die sogenannte Kolymbethra, einen künstlichen See, aus welchem sich ein großer Fluß, Ala- bon genannt, in das benachbarte Meer ergießt. Ferner baute er die sogenannte Stadt auf dem sHügelj Kamikus, die zu dem jetzigen Agrigent gehört,*) einen äußerst festen Platz auf einem Felsen, der durchaus nicht zu erstürmen ist; denn der Weg, den er hinauf führte, ist so künstlich gewunden und eng, daß er durch drei oder vier Männer vertheidigt werden kann. Diese Festung, die der Künstler so unbezwinglich zu machen gewußt, wählte daher Kokalns zs seinem Wohnsitz und zum Verwahrungsort für seine Schätze. Das dritte Werk des Dädalus ist eine Höhle im Gebiet von Salinus. Hier fing er den Dampf von dem unterirdischen Feuer so geschickt auf, daß man, wenn man daselbst verweilt, durch die gelinde Erwärmung auf eine angenehme , für den Körper heilsame Weise allmählich und unvermerkt in Schweiß kommt, ohne dabei von der Hitze belästigt zu werden. Auf dem Berg Eryr war für den Tempel der Aphrodite der Platz zu eng, so daß man das Gebäude auf einen schroffen Felsen gründen mußte, der *) Ci scheint, nach sey ausgefallen, oder kann es rHv geheißen Hasen. 48o Diodor's historische Bibliothek. zu einer ungeheuren Höhe gerade aufstieg. Nun baute Dä- dalus wirklich eine Mauer auf dem Rande des Felsen und erweiterte auf diese wunderbare Weise den obern Raum auf dem steilen Berge. Der erycinischen Aphrodite, sagt man, habe er eine goldene Honigzelle geweiht, die mit ausserordent- licher Kunst ausgearbeitet war und einer wirklichen Honigzelle nicht ähnlicher hatte seyn können. Much noch andere Kunstwerke soll er in Sicilien ausgeführt haben, die durch die Länge der Zeit zerstört sind. 7g. Als Minos, der König von Kreta, erfuhr, daß Lädaluö nach Sicilien sich geflüchtet, entschloß er sich, ihn mit einem Kriegsheer zu verfolgen. Er rüstete eine ansehnliche Flotte aus (denn er war -damals Herr zur See, und fuhr damit von Kreta nach Agrigent, wo er an dem Platze landete, der von ihm den Namen Minoa erhielt. Nachdem er seine Truppen ausgeschifft, sandte er eine Botschaft an den König Kokalus, er sollte ihm den Dadalus zur Bestrafung ausliefern. Kokalus lud ihn zu einer Zusammenkunft ein, versprach ihm in Allem zu willfahren und nahm ihn gastfreundlich auf. Als aber Minos sich badete, ließ ihn Kokalus so lange in dem heißen Bade sitzen, daß er des Todes war. Die Leiche überließ er den Kretern, und gab vor, Minos sey im Bade ausgeglitscht und in das heiße Wasser gefallen, auf diese Art sey er umgekommen. Hierauf wurde die Leiche des Königs von seinen Soldaten mit großer Pracht bestattet. Sie errichteten ein doppeltes Grabmal; ein verborgenes, in welchem sie die Gebeine niederlegten, und ein offenes, über dem sie einen Tempel der Aphrodite erbauten. Dieser Tempel stand mehrere Men« Viertes Buch. 480 schenalter hindurch im Ansehen, und die Eingebornen opferten darin, als wäre er der Aphrodite geweiht. Später aber, als die Stadt Agrigent erbaut wurde und man entdeckte, wo die Gebeine beigesetzt waren, wurde das Grabmal zerstört, und die Gebeine überlieferte man den Kretern, als Theran in Agrigent herrschte. Die Kreter, die nach Sicilien gekommen, wurden nach dem Tode des Minos uneinig, weil sie kein Oberhaupt hatten. Ihre Schiffe waren von den Sikanern auf Befehl des Kokalns verbrannt; fle konnten daher nicht hoffen wieder heimzukehren und entschloßen sich, in Sicilien ihren Wohnsitz zu nehmen. Die Einen bauten da, wo sie waren, eine Stadt, welche sie nach dem Namen ihres Königs Minoa hießen; die Andern irrten im Innern des Landes herum, bis sie einen festen Platz fanden, wo sie eine Stadt erbauten, nach dem daselbst entspringenden Bach Engyum genannt. Sie nahmen nachher, als nach der Eroberung von Troja der Kreter Meriones nach Sicilien verschlagen wurde, die Ankömmlinge als Stammverwandte auf und ertheilten ihnen das Bürgerrecht. Aus ihrer festen Stadt machten sie Ausfälle, besiegten einige Nachbarn und eroberten einen beträchtlichen Strich Landes. Als ihr Wohlstand immer mehr zunahm, erbauten sie einen Tempel der Muttergöttinnen, welchen sie eine ausgezeichnete Verehrung widmeten. Sie schmückten den Tempel mit vielen Weihgeschenken. Man sagt, der Dienst dieser Göttinnen stamme aus Kreta; denn auch dort werden sie vorzüglich verehrt. 80. Nach der Sage sollen fle einst den Zeus ohne Wissen seines Vaters Kronos ernährt haben und dafür 482 Dlodor's historische Bibliothek. an den Himmel als Sternbilder unter dem Namen der Baren versetzt worden seyn. Man beruft sich für diese Fabel auch auf das Zeugniß des Aratus, der in seinem Gedicht von den Gestirnen so. Zo. ff.s sagt: „Gegeneinander die Schulter« gekehret. Sie stiegen von Kreta, Wenn glaubwürdig die Sag' uns dünket, hinauf in den Himmel Nach dem Gebot des erhabenen Zeus; ihn hatten sie vormals Nahe dem Jdagebirg' in der duftenden Höhle von Dikton Niedergelegt und selber den Knaben ernähret ein Jahr lang, Als die Kureten, diktaische Männer, den Kronvs betrogen." Es verdient bemerkt zu werden, wie heilig der Dienst dieser Göttinnen und wie hoch sie unter dem Volk gefeiert sind. Man verehrt sie nicht in jener Stad't allein, sondern auch in der Nachbarschaft werden sie an manchen Orten durch herrliche Opfer und durch andere Zeichen der Ehrfurcht gepriesen. In einigen Städten haben sogar Orakelsprüche des Apollo die Verehrung der Göttinnen geboten, und dafür glückliche Tage sowohl den einzelnen Bürgern als Segen dem Staat verheißen. Am Ende stieg das Ansehen der Göttinnen so hoch, daß ihnen die Einwohner zahlreiche Weib- geschenke von Gold und Silber darbrachten, was noch gegenwärtig, da wir diese Geschichte schreiben, fortdauert. Der Tempel, welchen sie ihnen erbauten, zeichnet sich nicht blos durch seine Größe aus, sondern wird auch als ein mit großen Kosten errichtetes Gebäude bewundert. Sie ließen nämlich eine edlere Steinart, weil sie in ihrem eigenen Gebiet keine hatten, bei ihren Grcnznachbarn in Agyrium holen, obgleich die Städte gegen hundert Stadien voneinander entfernt sind und man die Steine auf einem unebenen und sehr beschwerliches Weg herführen mußte. Sie machten Viertes Buch. 433 zu dem Ende vierrädrige Wagen und führten mit hundert Paar Ochsen die Steine herbei. Da sie einen reichen Schatz für das Hciligthnm besaßen, so konnten sie von ihren ansehnlichen Einkünften die Kosten wohl bestreiken. Es waren nämlich den Göttinnen nicht lange vor unserer» Zeit noch dreitausend Kühe geweiht und ein großes Stück Landes, das einen bedeutenden Ertrag gewährte. Nachdem wir nun genug hiervon erzählt, gehen wir auf die Geschichte des Ari- stäus über. 81. Aristäus war ein Sohn des Apollo und der Ey reue, einer Tochter des Hypseus und Enkelin des Pe- neus. Die Fabel von seiner Geburt lautet bei Einigen so. „Apollo verliebte sich in eine Jungfrau von ausgezeichneter Schönheit, Namens Cyrene, und führte sie vvm Berge P e- lion, wo sie erzogen war, nach Libyen hinüber in die Gegend, wo in spätern Zeiten die »ach derselben genannte Stadt Cyrene erbaut wurde. Hier zeugte Apollo mit der Cyrene den Aristäus, und übergab den Säugling denMym- phen zur Erziehung. Diese legten dem Knaben drei Namen bei; sie hießen ihnNomius, Aristäus und Agreus. Don den Nymphen lernte er Milch gerinnen lassen, Bienenstöcke bauen und Oehl bereiten. So wurde er der Erste, der Das andere Menschen lehrte. Zum Dank für diese nützlichen Erfindungen erwies man ihm göttliche Ehre, ebenso wie dem Dionysos." Er soll nachher nach Böotien gekommen seyn und sich mit Autonve, einer der Töchter des Kadln u s, vermählt haben. Der Sohn» den sie ihm geboren, Aktäon, wurde nach der Sage von seinen eigenen Hunden zerrissen. Die Ursache des Unglücks wird verschieden ange- 48 i Divdor's historische Bibliothek. geben; Einige behaupten, er habe im Tempel der Artemis von den Köpfen und Füßen des erlegten Wildes, die man sonst der Göttin weihte, ein Hochzeitmahl gehalten; Andere, er habe fleh gerühmt, die Jagd besser zn verstehen als Artemis. Und es ist nicht unwahrscheinlich, daß aus diesem oder aus jenem Grunde die Göttin zürnte. Sey es, daß er die Jagdbeute, welche der die Hochzeiten fliehenden Göttin bestimmt war, znr Befriedigung seiner Lust szu einem Schmants verwendete, oder daß er sich erkühnte zu behaupten, er sey der Jagd kundiger als sie, der doch die Götter selbst den Vorzug einräumen, so ist es unlängbar, daß ihr Unwille gegen ihn gerecht war. Wenn er nun durch eine Verwandlung den Thieren, die er jagte, ähnlich wurde, so ist es allerdings glaublich, daß ihn die Hunde wie ein anderes Wild überwältigt und zerrissen haben. 62. ,,Aristäus (so erzählt man weiter) kam nach Ak- täon's Tode zum Orakel seines Vaters, und Apollo sagte ihm voraus, er werde auf der Insel CeoS seinen Wohnsitz nehmen und dort von den Einwohnern verehrt werden. Er schiffte auf die Insel hinüber und brachte, weil die Pest in Griechenland herrschte, das Opfer für die sämmtlichen Griechen. Da das Opfer gerade zur Zeit der Etesischen Winde, wo der Stern Sirius mit der Sonne aufgeht, gebracht wurde, so hörten die ansteckende» Seuchen auf." Ein sonderbarer Umstand muß bei dieser Geschichte dem Nachdenkenden auffallen. Derselbe, der seinen Sohn durch die Hunde getödtet fleht, macht der Wirkung des Gestirns am Himmel, das den Namen des Hundes führt und, wie man glaubt, die Menschen tödtet, ein Ende, und wird der Ret- 485 Viertes Buch. ter Anderer. „Später kam Aristäus von Ceos, wo er Enkel zurückließ, nach Libyen, von seiner Mutter, der Nymphe, gerufen, *) und von dort aus schiffte er weiter nach der Insel Sardinien. Hier ließ er sich nieder, und die schöne Insel wurde ihm so werth, daß er sie anpflanzte und die Wildniß, die bisher da geherrscht, ausrottete. Er zeugte daselbst zwei Söhne, Charmus und Kallikarpns. Nachher besuchte er noch andere Inseln; namentlich verweilte er in Sicilien einige Zeit. Weil diese Insel Ue- berfluß an Früchten hat und Heerden in Menge daselbst weiden so theilte er den Einwohnern seine wohlthätigen Erfindungen bereitwillig mit. Daher wird Aristäus auch in Sicilien vorzüglich verehrt, gleich einem Gott, besonders von den Oehlgärtnern bei der Einsammlnng der Früchte. Zuletzt reiste er nach Thracien zu Dionysos; er nahm an den Orgien Theil und lernte von dem Gott, während seines Aufenthalts bei ihm, viel Nützliches. Nachdem er eine Zeit lang an dem Berg Haruns gewohnt, verschwand er, und nur: wurde ihn, die Ehre der Unsterblichen zu Theil, nicht blos in diesem fremden Lande, sondern auch bei den Griechen." Hicmit mag genug über Aristäus gesagt seyn. 85. Wir wollen jetzt berichten, was man von Daphnis und Eryr erzählt. „Eryr war ein Sohn der Aphrodite und des Butas, eines sehr berühmten einheimischen Königs sin Sicilien). Er war wegen seiner hohen Abkunft von mütterlicher Seite von den Einwohnern geachtet und erhielt die *) Statt snank^Fonr« ist vielleicht zu setzen oder etwas AelMicheS. 486 Diodor's historische Bibliothek. Herrschaft über einen Theil der Insel. Auf einer Höhe erbaute er eine bedeutende Stadt, die seinen Namen führte; und auf dem höchsten Punkt der Stadt errichtete er seiner Mutter einen Tempel, und stattete ihn mit heiligen Gerüchen und zahlreichen Weihgeschenken aus. Die Göttin hatte eine Vorliebe für diese Stadt wegen des frommen Sinnes der Einwohner und wegen der Ehre, die ihr von ihrem Sohne wiederfuhr. Daher wurde sie auch die Erycinische Aphrodite genannt." Auffallend und bemcrkenswerth ist es, wie heilig jener Tempel gehalten ist. Während das Ansehen anderer heiligen Orte, die auch berühmt geworden waren, durch mancherlei Umstände wieder gesunken ist, hat jener allein seinen ursprünglichen Ruhm, den er seit langer Zeit hatte, niemals verloren, sondern es ist vielmehr ohne Unterbrechung der Glanz desselben immer höher gestiegen. Nachdem nämlich , wie gesagt, Eryr den Gottesdienst angeordnet, versah wiederum Aeneas, der Sohn der Aphrodite, als er auf seiner Fahrt nach Italien auf Sicilien landete, den Tempel mit vielen Geschenken, weil er seiner Mutter gewidmet war. Nach seiner Zeit bewiesen die Sie an er beständig ihre Ehrfurcht gegen die Göttin durch herrliche Opfer und Weihgeschenke. Als später die Carthager einen Theil von Sicilien sich unterwarfen, setzten auch sie die eifrige Verehrung der Göttin fort. Und zuletzt wurde der Dienst derselben durch die Römer, als ganz Sicilien unter ihre Herrschaft kam, höher getrieben als es je zuvor geschehen war. Das war von ihnen auch zu erwarten. Sie leiteten ja ihr Geschlecht von Aphrodite ab und waren ebendarum so glücklich in ihren Unternehmungen; also vergalten sie der Urheberin ihrer Viertes Buch. 487 Macht mit gebührender Ehre und Dankbarkeit. Die Con- suln und Prätoren, die auf die Insel geschickt werden, und Wer sonst in Amtsgeschäften dahin reist, erweisen, wenn sie nach Eryr kommen, dem Tempel seine Ehre durch kostbare Opfer und Geschenke. Sie legen den Ernst des Amtes ab und überlassen sich der heitersten Laune, scherzend und mit Frauen sich unterhaltend; nur so, glauben sie, könne ihre Gegenwart der Göttin angenehm werden. Der Römische Senat war für den Dienst der Göttin so besorgt, daß er verordnete, die siebzehn treusten Städte in Sicilien sollten der Aphrodite Gold liefern und ihr Tempel durch zweihundert Soldaten bewacht werden. Haben wir von Eryr weitläufiger gesprochen, so war es wenigstens nicht unzweckmäßig » von der Verehrung der Göttin Nachricht zu geben. 84. Nun lassen wir folgen, was vvnDaphuis die Fabel sagt. ,,Die Heräen, ein schönes Gebirge in Sicilien, sind durch ihre natürliche Brschaffenheit und ihre besondere Lage für einen Sommeraufenthalt zur Erholung und zum Vergnügen geeignet. Sie haben viele Quellen mit vorzüglich süßem Wasser und stehen voll von Bäumen aller Art. Namentlich gibt es da hohe Eichen in Menge, welche Früchte von ungewöhnlicher Größe tragen, doppelt so groß als in andern Gegenden. Ferner wachsen daselbst Obstfrüchte wild; man findet viele Weinstöcke und eine unbeschreibliche Menge von Apfelbäumen. Daher konnte sich einmal ein Earthagi- sches Heer, das durch Hungersnoth bedrängt war, in dieser Gegend dennoch halten; denn die Gebirge lieferten fortwährend für die vielen Tausende hinreichende Nahrungsmittel. Hier nun, in einem der Götter würdigen, den Nymphen ge- 488 Diodor's historische Bibliothek. weihten Hain, unter dem Schatten der Bäume, wurde Daph» nis geboren, der Sohn des Hermes und einer Nymphe. Den Namen Daphnis erhielt er, weil dort so viele Lorbeerbäume sDaphnä) dicht beisammen stehen. Von den Nymphen wurde er erzogen. Er besaß Rinderheerden in großer Menge, die er mit vieler Sorgfalt pflegte; daher kommt es, daß man ihn den Ninderhirten hieß. Mit einer vorzüglichen Anlage für den Gesang begabt, erfand er das Hirtengedicht, und die Singweise der Hirten,-was noch gegenwärtig in Sicilien immer beliebt ist. Daphnis ging mit Artemis auf die Jagd und machte sich durch seine Dienste der Göttin gefällig; sie fand an seiner Springe fPanspfeifef und„seinen Hirtenliedern ein besonderes Vergnügen. Eine der Nymphen, die sich in ihn verliebte, kündigte ihm an, wenn er einer Andern nahte, würde er das Gesicht verlieren. Nun nahte er wirklich einer Königstochter, die ihn trunken gemacht hatte, wurde aber des Gesichts berankt, wie es ihm von der Nymphe vorausgesagt war," So viel mag von Daphnis genug seyn. 85. Wir kommen auf die Fabel von Orion. „An Größe und Kraft des Körpers übertraf er alle Heroö'n weit. Er liebte die Jagd, und durch seine Stärke vollbrachte er große Werke, wozu ihn die Ruhmbegierde trieb. In Sicilien baute er dem Zanklus, dem König der Stadt, welche damals ihm nach Zankle genannt wurde, jetzt aber Mes- sene heißt, unter Anderm einen Seehafen, indem er den Damm auswarf, den man Akte nennt." Da wir Meffene erwähnt haben, so wird es nicht am unrechten Orte seyn, wenn wir die Erzählungen über die Meerenge anführen. Viertes Buch. 489 Die alten Mythographen behaupten, Sicilien sey vormals eine Halbinsel gewesen, und erst spater eine Insel geworden, und zwar auf die Art, daß die Landenge, wo sie am schmälsten war, zerriß durch den Andrang des Meeres von beiden Seiten; daher sey der Ort Rhegium sRißs genannt worden, und denselben Namen habe die daselbst nach vielen Jahren erst erbaute Stadt erhalten. Andere sagen, durch ein großes Erdbeben sey die Verbindung des festen Landes zerrissen und so die Meerenge entstanden, indem das Wasser die Insel von dem übrigen Land abschnitt. Dagegen behauptet der Dichter Hesiod, das Zwischenmeer sey vorher breiter gewesen und Orion habe es durch das Vorgebirge von Pelorias eingedämmt, und auf demselben den Tempel des Poseidon erbaut, der bei den Eingebornen in so großem Ansehen steht. Nachdem das geschehen war, sagte man, habe er sich nach Euböa begeben und dort gewohnt. Als ein berühmter Mann sey er unter die Gestirne am Himmel verseht worden und habe auf diese Art einen unsterblichen Namen erhalten. Seiner gedenkt auch der Dichter Homer, wenn er in dem „Todtenepfer" sOd. XI, 5 ?r ff.s sagt: „Jenem zunächst auch Orion, den Ungeheueren, sah ich Schaaren Gewilds fortscheuche«, hinab die Asphodeloswiese, Dir er selber getödtet auf einsam bewanderten Berghdh'n, Seine Keul' in den Händen, von Erz unzerbrechlich geschmiedet." Ebenso macht er die Größe desselben bemerklich, wenn er im Vorhergehenden von den Alojaden sagt, sle seyen im Diodor. äs Bdchn. 6 490 Diodor's historische Bibliothek. neunten Jahr neun Ellen breit und eben so viel Klafter lang gewesen, und hinzusetzt sv. Log. f.s: „Die hoch ragten an Länge, genährt von der sprossenden Erde, Und au der schönsten Gestalt nach dem^weitderühmten Orion." Nachdem wir jetzt, unserem anfänglichen Vorhabe» gemäß , über die Heroen und Halbgötter ausführlich genug gesprochen, schließen wir hier dieses Buch. Inhalt des fünften Buchs. Vorwort. Cap. i. Inseln des Mittelmeers. — Sici- lte». Mythen von Demetcr und Pcrsephone. Sicaner. Steriler und Grtechen in Sicilien. Cap. 2 — 6. — Die Aeolischen Inseln. Liparus. Acolus. Cap. 7. Dessen Söhne. Cap. 8. Eo- lvnie aus Knidus und Rhodus. Cap. g. Lipara. Cap. 10. Die Knocheninsel. Cap. >1. — Malt«. Gozzo. Comino. Cap. 12. Elba. Cvrsica. Cap. i5. 14. Sardinien. Cap. ,5. — Vvica. Cap. 16. Majore« und Minorc«. Cap. 17. 18. Inseln und Küsten des atlantischen Oceans. — Das ferne Abendland. Cap. ig. 20. Britannien. Zinnhandel. Cap. 21. 22. B a sil ea, die Bcrnsteiuküste. Cap. a5> Gallien. Ursprung des Volks. Cap. 24. Beschreibung des Landes. Cap. 28—27. Schilderung der Einwohner. Cap. -8-Z2. Eeltiberer. Nac- cäer. Lusitaner. Ea.p. 55. 5i- Bergwerke in Jberien. Cap. 55— 58. Liguren. Cap. 5g. Tyrrhener. Cap. 40. Inseln des Arabischen Meers. Panchäa. Cap. Li —i6. Inseln des Aegäischen Meers. — Samothrace. Cap. 47—6g. Narus. Cap. 5o—5a. Syme. Cap. 55. Ka-- ly dna und Risyrus. Cap. 5i. Rhvdus. Cap. 55—5g. Karische Halbinsel. Cap. 60—65. Kreta. Ureinwohner. Cap. 64. 65. Titanen. Cap. 66. 67. Kinder des Kronos. Cap. 68. 6g. Zeus. Cap. 70. 71. Seine Kinder. Cap. 72 — 76. Kreta als Vaterland der Götter. Cap. 77. Minos. Rhadamanthus. Sarpe- don. Cap. 78. 7g. Kolonien von Kreta. Cap. 80. LesbuS. Cap. 3i. 82. Tenedus. Cap. 85. Cykladen. Cap. 8i. 6 * 49 - Diodor's historische Bibliothek. Fünftes Buch. i. Unter Allem, was der Verfasser eines geschichtlichen Werkes zu beobachten hat, wenn er eine nützliche Schrift liefern will, ist das Wichtigste die Anordnung der einzelnen Theile. Denn wie in der Hauswirthschaft die Ordnung viel beiträgt zur Erhaltung und Vermehrung des Besltzes, so gewährt sie auch in der Geschichte dem Schriftsteller nicht unbedeutende Vortheile. Mancher, der wegen der Darstellung und wegen der Reichhaltigkeit der aufgezeichneten Nachrichten verdientes Lob erhält, hat die zweckmäßige Anordnung verfehlt; während daher sein Fleiß und seine Genauigkeit Anerkennung bei dem Leser findet, trifft doch die Zusammen- reihung der Erzählungen gerechter Tadel. An Timäus, welcher die größte Sorgfalt anf genaue Zeitangaben verwendet und um Reichhaltigkeit des Stoffes sich bemüht hat, tadelt man billig die unzeitigen und weitläufigen Rügen; er ist wegen dieses Uebermaßes im Rügen sEpitimLnf von Einigen Epitimäus genannt worden. Dem Ephorus hingegen ist in seiner Beschreibung der allgemeinen Geschichte nicht nur die Darstellung sondern auch die Anordnung gelungen. Er hat nämlich die Sache so behandelt, daß jedes Buch gleichartige Begebenheiten umfaßt. Einer Einrichtung dieser Art geben wir den Vorzug, und befolgen daher so viel möglich dasselbe Verfahren. Fünftes Buch. 493 Da wir nun dieses Buch das In sein buch*) nennen, so sprechen wir, der Ueberschrift gemäß, jetzt von Si- cilien; denn unter den Inseln ist Dieß die Wichtigste, und auch durch das Alter ihrer geschichtlichen Sagen behauptet sie den ersten Rang. Ehmals hieß die Insel wegen ihrer ^dreieckigen) Gestalt Trinakria, und nach den Sicanern, welche fle bewohnten, wurde sie Sicania genannt , bis sie zuletzt, als das ganze Volk der Siculcr sSikeler) aus Italien herüberzog, von diesen den Namen Sicilien sSi- kelia) erhielt. Ihr Umfang beträgt ungefähr viertausend dreihundertundsechzig Stadien. Unter den drei Seite» ist nämlich die von Pelorias nach Lilybänm eiutausendfiebenhun- dert Stadien, die von Lilybänm bis Pachynum, im Gebiet von Syrakus, eintausendfünfhnndert Stadien, und die dritte eintausend einhundertundsechzig Stadien lang. Unter den Einwohnern von Sicilien hat sich, durch fortwährende Ueberlieferung von den Vorfahren auf die Nachkommen, die Sage aus der Urzeit erhalten, die Insel sey der Deinet er und Köre sPcrsephone) heilig. Nach der Fabel, die sich bei einigen Dichtern findet, wurde bei der Vermählung des Pluto und der Persephone diese Insel von Zeus der Braut zum Hochzeitgcschcnk gegeben. Daß die ehmaligcu Einwohner , die Skalier, Ureingeborne gewesen, behaupte» die angesehensten Schriftsteller; auch, daß die vorhin genannten Göttinnen hier zuerst erschienen seyen, und daß diese Insel, weil sie einen so vortrefflichen Boden hat, die ersten Brod- *) In den Handschriften findet sich dieser Titel des fünfte» Buches nicht. Diodor's historische Bibliothek. fruchte hervorgebracht habe. Man führt dafür das Zeugniß des berühmtesten Dichters an, wenn er sagt sOd. IX, -og. ff.j: „Sondern ohn' Anpflanzcr und Ackerer steigt das Gewächs auf, Weizen sowohl und Gerst', als eiele Reben, belastet Mit großtraubigem Wein, und Kronion's Regen ernährt ihn." Auch beruft man sich auf den sogenannten wilden Weizen, der noch gegenwärtig im Gebiete von Levntinm und in manchen andern Gegenden von Sicilien wächst. Und allerdings darf man, wenn nach der Erfindung des Brods in dem Sinne gefragt wird, in welchem Lande der Welt das Getreide zuerst gewachsen sey, für das Land entscheiden, das den besten Boden hat. Damit stimmt dann die Beobachtung überein, daß jene Göttinnen, die es erfunden, in Sicilien vorzüglich Verehrt werden. 5. Daß der Raub der Köre hier geschehen seyn müsse, glaubt man am deutlichsten aus dem Umstand beweisen zu können, daß die Göttinnen diese Insel zu ihrem Lieblingsaufenthalt gewählt hatten. Nach der Fabel war es auf den Wiesen bei Enna, wo Köre entführt wurde. Es ist ein sehenswerther Platz in der Nähe der Stadt, mit Veilchen nnd mancherlei andern Blumen reich geschmückt. Der Geruch der Blumen, die da wachsen, soll so stark seyn, daß die Jagdhunde das Wild nicht aufspüren können, indem ihnen der eigenthümliche Geruch desselben entgeht. Die Wiese, von der wir sprechen, ist eine sehr wasserreiche Anhöhe, oben ganz flach, ringsum aber von steilen Abhängen begrenzt. Man glaubt, fle liege gerade in der Mitte der Insel, daher sie von Einigen der Nabel von Sicilien genannt wird. In der Nähe derselben sind Haine und Wiesen mit Teichen und Fünftes Buch. 49^ eine sehr große Hohle, deren Schlnnd unter die Erde führt, in der Richtung gegen Norden. Hier läßt die Fabel den Pluto mit seinem Wagen heraufkommen, um die Köre zu entführen. Die Veilchen und die andern Blumen, die den Wohlgeruch verbreiten, sollen wunderbarerweise das ganze Aahr fort blühen und der Gegend immer ein frisches, freundliches Ansehen geben- „Mit Köre (sagt die Fabel) wuchsen Athene und Artemis auf, die sich ebenfalls der Jungfrau- schaft geweiht hatten, Sie sammelten Blumen miteinander, und woben gemeinschaftlich ein Gewand für den Vater Jeus. Durch ihre gegenseitige Unterhaltung und den Umgang, miteinander, wurde ihnen Allen diese Insel vorzüglich werth, und jede erhielt ihren Theil. Athene die Gegend von Hi- m er a, wo dir Nymphen ihr zu Gefallen bei der Ankunft des Hercules warme Quellen entspringen ließen und die Eingeboruen ihr eine Stadt und das noch jetzt so genannte Athenische Feld weihten. Artemis erhielt von den Göttern die zuSyrakus gehörige Insel, die um ihretwillen Ortygia*) genannt wurde, in Göttersprüchen sowohl als unter den Menschen. Auf dieser Insel ließen dieselben Nymphen der Artemis zu Lieb ebenfalls eine sehr reiche Quelle, Arethusa genannt, entspringen." Hier gab es viele große Fische, und zwar ist das nicht blos Sage aus dem Alterthum, sondern noch zu unserer Zeit sind sie vorhanden, als heilige Wesen, für Menschen unantastbar. Es geschah manchmal in Zeiten der Kriegs- nvth, daß man davon aß z aber durch schwere Unglücksfälle *) So hieß nämlich auch die Insel Delos, wo Artemis geboren war. , 496 Diodor's historische Bibliothek. gab Denen, die es wagten diese Speise zu genießen, die Gottheit ihren Unwillen auffallend zn erkennen. Wir werden das zu seiner Zeit ausführlich erzählen. L. Wie die beiden vorhin genannten Göttinnen, so soll auch Köre ihr Loos erhalten haben, die Wiesen bei Enna; und eine Quelle von weitem Umfang, Ey ane sdie blaues genannt, soll ihr im Gebiet von Syrakus geweiht worden seyn. Nach der Fabel brachte nämlich Pluto die Köre, als er sie entführte, auf seinem Wagen bis in die Nähe von Syrakns, ließ dann die Erde sich spalten und fuhr mit der Geraubten in die Unterwelt hinab, machte aber daselbst die Quelle, welche Cyane heißt.-, entspringen. Bei dieser Quelle versammeln sich die Syrakusler jährlich zu einem glänzenden Feste, und während die Einzelnen kleinere Opferthiere schlachten, wird im Namen des ganzen Volks ein Opfer von Stieren gebracht, die in den Teich versenkt werden. Das hat Hercules angeordnet, als er mit den Rindern des Geryo- nes ganz Sicilien durchzog. „Nach dem Raub der Köre (so erzählt die Sage weiter) durchwanderte Demeter, da sie ihre Tochter nicht finden konnte, mit Fackeln, die sie an dem Schlunde des Aetna angezündet, viele Länder der bewohnten Erde. Wo man sie am besten aufnahm, da spendete sie Wohlthaten, indem sie den Menschen zum Lohne die Frucht des Weizens mittheilte. Am freundlichsten wurde die Göttin von den Athenern ausgenommen; sie waren daher nach den Siciliern die Ersten, denen sie die Frucht des Weizen« schenkte." Dafür widerfuhr der Göttin von diesem Volk mehr Ehre als von irgend einem andern, durch die herrlichsten Opfer und durch die Mysterien in Eleusis, die als Fünftes Buch. 497 uralt und hochheilig in der ganzen Welt berühmt sind. Von den Athenern wurde das Getreide manchen Andern freundlich mitgetheilt, welche dann Saatfrucht an ihre Nachbarn abgaben, und so verbreitete es sich auf der ganzen Erde. Zuerst aber kam den Bewohnern von Sicilien die Entdeckung des Getreides zu gut, weil bei ihnen Demeter und Köre zu Hause waren. Sie weihten daher den beiden Göttinnen Opfer und Festversammlungen, welche die Namen derselben führen und schon durch die Jahreszeit an die empfangenen Gaben erinnern sollten. Das Fest der Hinabführung der Köre haben fle nämlich auf die Zeit gesetzt, da das Getreide gerade zur Reife gekommen ist. Und dieses allgemeine Opferfest begehen sie mit so heiligem Ernst, wie es zu erwarten ist von einem Volk, das für eine ihm zuallererst geschenkte Gabe seinen Dank bezeugen will. Für das Opfer der Demeter habe» sie die Zeit bestimmt, da die Saat des Getreides den Anfang nimmt. Zehn Tage währt die Festversammlung, die man nach dieser Göttin nennt. Sie begehen die glänzende Feier mit der größten Pracht; und die Einrichtung der Gebräuche ist eine Nachahmung der alter- thümlichen Lebensweise/ Sie haben die Gewohnheit, an diesen Tagen unanständige Reden in ihre Gespräche zu mischen, weil die Göttin in ihrem Kummer über den Raub der Köre durch solche Reden zum Lachen gebracht worden ist. 5. Daß es sich mit dem Raub der Köre auf die angegebene Art verhalten habe, bezeugen viele Geschichtschreiber und Dichter. Der Tranerspieldichter Earcinus, der sich häufig in Syrakus aufgehalten und den Eifer beobachtet hat, womit sich die Einwohner zu den Lpferfesten der Demeter 498 Dkodor's historische Bibliothek. und Köre versammeln , hat in seine Gedichte folgende Verse aufgenommen: ..Demetcr's Tochter, sagt man. die kein Name nennt. Hat Pluto» einst mit schlauer Hinterlist geraubt Und in der Erde finstre Klüst' hinabgeführt. Die Sehnsucht «ach dem Kinde, dem verschrounduen. hieß Die Mutter ringsum zieh'n durch alles Land. Und voll der Fenerflammen. die auf Uetna's Höh'n Aus dem unnahbar'» Schlunbe strömen, seufzte ganz Sicilien; der Speis' entbehrend schmachtete In Trauer um die Jungfrau Zeus geliebtes Volk; Drum ehrt es noch auf diesen Tag die Göttinnen." Wir dürfen nicht unbemerkt lassen, daß es die allerwichtig- sten Wohlthaten sind, welche die Menschen dieser Göttin verdanken. Ausser der Entdeckung des Getreides hat sie den Menschen auch die Behandlung desselben bekannt gemacht; ferner hat sie Gesetze eingeführt, durch welche sie an's Recht- handeln gewöhnt wurden. Deßwegen soll sie den Beinamen Thesmophoros sdie Gesetzgeberin^ erhalten haben. Und Niemand wird eine andere Wohlthat zu nennen wissen, welche größer wäre als diese Erfindungen; denn sie betreffen das Leben, und namentlich das tugendhafte Leben. So viel von den Sagen, die man bei den Siciliern findet. b. Von den ersten Bewohnern der Insel, den Sica!- uern, müßen wir noch Weniges sagen, weil die Geschichtschreiber darüber nicht einig sind. Philistus behauptet, es seyen ausgewanderte aus Jberien, die sich auf der Insel angesiedelt; von einem Fluß Sicanus in Zberieu haben sie diesen Namen erhalten. Timäus aber widerlegt den Irrthum dieses Schriftstellers und weisk gründlich nach, daß sie Ureingeborne sind. Da er für das Alter derselben viele Fünftes Buch. 499 Beweise anführt, so halten wir nicht für nöthig uns dabei zu verweilen.*) Die Sicaner wohnten ehmals in Dörfern zerstreut, und die Städte bauten sie zum Schuh gegen die Räuber auf den haltbarsten Anhöhen. Denn sie standen nicht unter Einem König, sondern jede Stadt hatte ihren eigenen Herrscher. Zuerst bewohnten sie die ganze Insel, und schafften sich Lurch den Feldbau hinreichenden Unterhalt. Später aber, als die Ausbrüche des Aetna mehrere Orte trafen und sich die Feuerströme weithin über die Gegend ergoßen, wurde ein beträchtlicher Strich Landes zu Grunde gerichtet. Da nun mehrere Jahre das Feuer so viel Feld verheerte, so verließen sie aus Besorgniß den östlichen Theil von Sici- lien und wanderten in die westlichen Gegenden hinüber. Endlich kam viele Menschenalter nachher das gesammte Volk der Siculer von Italien nach Smlien herüber und ließ sich in der von den Sicanern verlassenen Gegend nieder. Da die Siculer ihr Gebiet immer weiter ausdehnten und in der Nachbarschaft plünderten, so gab es häufige Kriege zwischen ihnen und den Sicanern, bis es zu einem Einverständ- niß kam und durch einen Vertrag die Grenzen bestimmt wurden; worüber wir zu seiner Zeit das Nähere berichten werden. Die letzten bedeutenden Anstedlungen in Sicilien waren die der Griechen, welche Städte an der See erbauten. Die Einwohner vermischten sich, und da die Zahl der einwandernden Griechen so groß war, so lernten sie die Sprache derselben, und durch den täglichen Verkehr mit ihnen ver- *) Nach der ander« LeSart: so glauben wir noch Etwas von ihnen erzähle» zu müsse«. 5oo Diodor's historische Bibliothek. lor sich zuletzt die nicht Griechische Landessprache und sogar der Name; denn sie hießen nun Sicilier sSikeliotens. 7. Nachdem wir hiervon ausführlich genug gesprochen, gehen wir in unserer Beschreibung zu den Aeoli scheu Inseln über Es sind sieben an der Zahl und sie führen folgende Namen: *) S trongyle, Evonymos, Didy- me, Phönikodcs, Erikodes, Hiera Hephäst» sVulcan's heilige Jnsels und Lipara, auf welcher eine gleichnamige Stadt erbaut ist. Sie liegen zwischen Sicilien und Italien, seitwärts vo» der Meerenge in gerader Richtung von Morgen gegen Abend. Von Sicilien sind sie etwa hundertfünfzig Stadien entfernt; und an Größe einander ziemlich gleich; die größte jhat ungefähr hundertfünfzig Stadien im Umfang. Auf allen diesen Insel» sind starke Feurr- ausbrüche vorgekommen, und noch jetzt sind die Kessel sichtbar, die sich an den Oeffnungen gebildet haben. In Stron- gyle und Hiera dringt noch gegenwärtig ein gewaltiger Wind mit fürchterlichem Getöse aus den Klüften. Anch wird Sand ausgeworfen und glühende Steine in Menge, wie man es bei'm Aetna ebenfalls wahrnimmt. Manche behaupten nämlich, von diesen Inseln führen zum Aetna unterirdische Gänge, wodurch die Fcnerschlünde der beiden Orte in Verbindung stehen; daher wechseln die Ausbrüch« auf diesen Inseln und die des Aetna meistens miteinander ab. ,,Ehmals waren die Inseln des Aeolus unbewohnt; später aber flüchtete sich ei» Sohn des Königs Auson, Namens Liparus, durch ei« *) Ze,t heiße» sie Stromboli, Uflie«, Seltne, Felicudi, Sllicndi, Bulc««», Lipara, zusammen die Ltparischen Insel». Fünftes Buch. 5oi «en Aufstand seiner Bruder überwältigt, mit großen Schiffen und mit Soldaten, über die er noch Herr geworden, aus Italien auf die Insel Lipara, welche von ihm diese Benennung erhielt; er gründete daselbst die Stadt, die auch seinen Namen führt, und baute die übrigen obengenannten Inseln an. Er war schon alt, als Acvlus, der Sohn des Hippotas, mit einigen Begleitern auf Lixara landete. Dieser vermählte sich mit Cyane, der Tochter des Lipa- rus." Er verschaffte seinen Leuten gleiche Bürgerrechte mit den Eivgebornen, und wurde König auf der Insel. Dem Liparus, der sich nach Italien zurücksehnte, half er die Gegend von Surrentnm sin Campanien^I in Besitz nehmen. Hier wurde Liparus König und erwarb sich großes Ansehen. Er starb daselbst und wurde mit großem Prunk begraben und als Heros von den Eingebornen verehrt. Dieser Aeo- lus ist Derselbe, zu welchem nach der Fabel Odysseus auf seiner Irrfahrt kam. „Er war fromm und gerecht und bezeugte sich gegen die Fremden freundlich. Er war es ferner, der den Gebrauch der Segel bei der Schifffahrt einführte, und der aus Vorzeichen, die er an dem Feuer beobachtete, den Einwohnern die Winde genau voraussagte; daher ihn die Fabel zum Gebieter der Winde gemacht hat. Wegen seiner vorzüglichen Frömmigkeit wurde er ein Freund der Götter genannt." 8. „Aeolus hatte sechs Söhne, Astyochus, Xuthus, Androklcs, Pherämvn, Jokastus und Agathyrnus. Sie gelaugten Alle durch den Ruhm ihres Vaters und durch ihre eigenen Vorzüge zu großem Ansehen." Jokastus trachtete nach Italien und wurde König in dem Küstenlande bis 5or Diodor's historische Bibliothek. in die Gegend von Rhegt um. Pherämon nnd An- drokles herrschten in Sicilien von der Meerenge bis gegen Lilybänm hin. Den östlichen Theil dieser Gegend bewohnten Siculer, den westlichen aber Sicancr. Diese Völker lebten in Feindschaft miteinander; aber den eben genannten Söhnen des Aeolns gehorchten sie gerne; denn man kannte überall die Frömmigkeit ihres Vaters Aeolns und sie selbst waren milde Herrscher. Xuthus wurde König im Gebiet der Leontiner, das noch zu unsern Zeiten von ihm den Namen Xuthia führt. Agathyrnus regierte in dem noch jetzt sogenannten Agathyrnitis, und baute die Stadt, die nach ihm Agathyrnus heißt. AstyvchuS führte die Herrschaft in Lipara. Sie standen Alle in hohem Ansehen, weil sie dem Beispiel ihres frommen und gerechten Vaters nachfolgten. Viele Menschenalter hindurch erbten sich die Fiirstenthümer auf ihre Nachkommen fort, bis endlich die Könige aus dem Stamm des Aeolns in Sicilien die Herrschaft verloren. g. Hierauf übertrugen die Siculer die Regierung überall den Vornehmsten; die Sicaner aber stritten sich um die Verleihung der Fürstenwürde und führten lange Zeit Krieg miteinander. Später nahm die Bevölkerung der Inseln allmählich wieder ab. Nach einer langen Reihe von Jahren geschah es, daß einige Bewohner von Knidus und Rh o- dus, mißvergnügt über den Druck der Asiatischen Könige, sich zur Auswanderung entschlossen. Sie wählten sich den Pentathlus von Knidus zum Anführer, der auf Hippotes, einen Nachkömmling des Hercules, sein Geschlecht zurückführte. Es war um die fünfzigste Olympiade, in welcher Fünftes Buch. 5o5 Epitelidas von Lacedämon Sieger auf der Rennbahn war. Pentathlus landete mit seinen Begleitern auf Sicilien in der Gegend von Lilybänm. Sie fanden die Einwohner von Egesta iund Selinus im Krieg miteinander begriffen. Den Selinuntiern leisteten sie auf ihr Begehren Beistand, verloren aber viele der Ihrigen in der Schlacht, darunter den Pentathlus selbst. Die Übriggebliebenen entschloßen sich, weil die Selinunticr besiegt waren, nach Hause zurückzukehren. Sie wählten den Gorgus, Thestor und Epi- thersides, die Freunde des Pentathlus, zu ihren Anführern und schifften weg durch das Tyrrhenische Meer. Als sie aber auf Lipara, wo sie landeten, eine freundliche Aufnahme fanden, so ließen sie sich von den Einwohnern (es waren von Aeolns her noch etwa fünfhundert übrig) bereden, sich bei ihnen in Lipara niederzulassen. Später erbauten sie eine Flotte gegen die Angriffe der Tyrrhenischen Seeräuber. Sie vertheilten sich, so daß Einige das Feld auf den Inseln, als gemeinschaftliches Eigenthum, bauten, die Andern aber den Räubern Widerstand leisteten. Ihr ganzes Vermögen war Gemeingut, und sie hatten Speise- gesellschaften gebildet. Dieses Zusammenleben währte einige Zeit. Dann vertheilten sie aber die Insel Lipara, wo die Stadt ist, unter sich, während sie auf den übrigen das Feld noch gemeinschaftlich bauten. Endlich wurden alle Inseln auf zwanzig Jahre vertheilt, und so oft dieser Zeitraum abgelaufen ist, werden sie anf's Neue verloost. In der Fol-, gezeit erfochten sie manchen Sieg zur See über die Tyrrhe- ner, und als Zehnten von der Beute schickten sie oft ansehnliche Weihgeschenke nach Delphi. 5o4 Dl'odor's historische Bibliothek. -o. Es ist noch übrig, daß wir die Ursachen angeben, warum die Stadt Lipara in den spätern Zeiten nicht nur zu solchem Wohlstand sich erhoben hat, sondern auch so berühmt geworden ist. Ein Vorzug, den die Stadt der Natur verdankt, sind die trefflichen Seehäfen und die bekannte warme Quelle. Das Bad in dieler Quelle ist nicht blos zur Heilung der Kranken sehr dienlich, sondern auch, was überhaupt eine Eigenschaft der warmen Bäder ist, äußerst angenehm und erquickend. Die Stadt wird daher von manchen Kranken aus Sicilien, die an Uebeln eigener Art zu leiden haben, besucht, und zum Verwundern erlangen sie durch den Gebrauch des Bades die Gesundheit wieder. Auf der Insel Lipara sind ferner die berühmten Alaungruben, aus welchen die Einwohner und die Römer großen Gewinn ziehen. Man findet nämlich den Alaun sonst nirgends in der Welt, *) und doch wird er häufig gebraucht. Sie halten also natürlich, da sie den Alleinhandel allein haben, die Preise hoch und erwerben sich damit unglaublich viel Geld. Nur auf der Insel Melos sim AegäischenMeers gibt es Alaun, aber so wenig, daß er nicht für viele Staaten zureicht. Die Insel Lipara ist zwar klein, aber ziemlich fruchtbar, und besonders reich an Nahrungsmitteln für die Menschen. Die Einwohner finden allerlei Fische in Menge, und es wachsen daselbst die edelsten Obstarten, die den angenehmsten Geschmack haben. Dieß mag über Lipara und die übrigen nach Aeolus benannten Inseln genug seyn. *1 Nach andern Schriftstellern gab es auch sonst Alaun, besonders in Aegypte». 5o5 Fünftes Buch. i i. Auf Lipara folgt gegen Westen eine kleine unbewohnte Insel mitten im Meer, die den Namen Osteodes sKnocheninsels erhalten hat aus folgender Veranlassung. Zn der Zeit, da die Sart hager viele schwere Kriege mit den Syrakustern führten, und eine bedeutende Land - nnd Seemacht hatten, dienten in ihren Heeren auch viele Söldner aus allerlei Völkern. Solche Truppen sind bekanntlich zu Unruhen geneigt, und es brechen häufig gefährliche Empörungen unter ihnen aus, besonders, wenn sie den Sold nicht zu rechter Zeit erhalten. Auch damals zeigte sich, wie gewöhnlich, ihr rücksichtsloser Trotz. Als sie den Sold nicht bekamen, rotteten sie sich zuerst zusammen (es waren ungefähr sechstausend Mann) und schrieen gegen ihre Anführer. Da Diese aber die Zahlung von einer Zeit zur andern aufschoben , weil es an Geld fehlte, so drohten sie, mit den Waffen an den Karthagern sich zu rächen, und legten Hand an die Befehlshaber. Der Senat wies sie zurecht, allein der Zwist brach immer heftiger aus. Da gab der Senat den Heerführern den geheimen Befehl, die Schuldigen alle wegzuschaffen. Diesem Auftrag gemäß schifften sie die Söldner ein und segelten ab, als hätten sie eine Kriegsunternehmung vor. An der oben genannten Jnse fuhren sie an, schifften dort die sämmtlichen Miethtruppen aus und ließen bei ihrer Abfahrt die Schuldige» daselbst zurück. Vergeblich beklagten die Söldner ihr Schicksal; sie verhungerten, ohne sich au den Karthagern rächen zu können. Da der Verbannten so viele waren, die auf der kleinen 2"sel-starben, so mußte Diodor. -s Bdchn. 7 5o6 Divdvr's historische Bibliothek. der enge Raum voll Knochen liegen; und daher kommt der Name der Insel. So bereiteten sich die Söldner durch ihre Unbotmäßigkeit das schrecklichste Loos, den Hungertod. ir. Nachdem wir die Aeolischen Inseln durchgegangen, wollen wir die Inseln, die auf der andern Seite liegen, nacheinander beschreiben. Von Sicilien gegen Süden trifft man mitten im Meere drei Inseln an. Jede derselben hat eine Stadt und Seehäfen, die bei Stürmen den Fahrzeugen eine Zuflucht gewähren können. Die erste ist MelitL sMaltas, von Syrakns ungefähr achthundert Stadien entfernt. Sie hat viele und vorzüglich bequeme Häfen. Die Einwohner sind wohlhabende Leute. Es gibt daselbst Handwerker aller Art; die vorzüglichsten sind die Weber, welche aufferordentlich feine und zarte Leinwand liefern. Die Häuser sind ansehnlich; sie sind mit Gesimsen und Gypsarbeit äußerst kunstreich verziert. Diese Insel ist eine Kolonie der Phönicier, denen sie, da sich ihr Handel bis in den westlichen Ocean erstreckte, zum Zufluchtsort diente, weil sie gute Häfen hat und mitten in der See liegt. Dieß ist auch die Ursache, warum die Einwohner, die von dem Handelsverkehr viele Vortheile hatten, so schnell in ihrem Besih- thum emporgekommen sind und sich einen großen Ruf erworben haben. Nächst dieser Insel liegt eine andere, Gaulus Mannt sGouos, mitten im Meer und mit guten Häfen versehen , such eine Kolonie der Phönicier. Weiterhin, auf der Seite gegen Libyen, folgt Cercina sCominos, mit einer unbedeutenden.,Stadt und sehr bequemen Häfen, die nicht blos für Handelsschiffe, sondern auch für größere gut gele- Fünftes Buch. 607 gen sind. Nachdem wir von den Inseln gegen Süden gesprochen , kehren wir zurück zu den Inseln längs der Küste,*) die im tyrrhe irischen Meer liegen. ,Z. In der Nähe der tyrrhenischen Stadt Populo- nium ist eine Insel, welche Aethalia heißt sSlba). Sie ist von der Küste ungefähr hundert Stadien entfernt, und hat ihren Namen von dem vielen Ruß sAithalos), den man daselbst findet. Es gibt nämlich hier viel Eisenstein, den man bricht, um ihn zu schmelzen und das Eisen daraus zu ziehen; er ist an Metall sehr reichhaltig.**) Die Arbeiter, die sich damit beschäftigen, zerschlagen den Stein und brennen ihn, wenn er zerbröckelt ist, in eigenen künstlich gebauten Oefcn aus. Sind die Steine hier durch Feuersgluth geschmolzen, so theilt man die Masse in kleine Stücke von ver- hältnißmäßizcr Größe, ungefähr von der Gestalt eines großen Schwamms. Diese Stücke werden von Handelsleuten aufgekauft oder eingetauscht, welche fle nach Dicäarchia und andern Handelsplätzen verführen. Da gibt es Leute, welche diese Waare kaufen und sie durch Schmide, die sie in großer Zahl anstellen, verarbeiten und allerlei Eisengeräthe darans verfertigen lassen- Sie schmieden daraus zum Theil Drech- *) Wenn man im Anfang des folgenden Capitels statt (oder 7ill(>«Xr«g) setzt 7ia(>«Xl«s, so ist auch hier '» TiapaXlix zu verwandeln. **) "L/onrog zu ändern ist nicht rrbkl'ig ; bezeichnet in diesem Satz zuerst das reine Metall, dann den Eisenstein» "L^onrög gäbe eine Wiederholung. 7 Log Oiodor's historische Bibliothek. seleisen, * **) ) zum Theil Hacken, Sicheln und andere künstlich gearbeitete brauchbare Werkzeuge, die durch die Kaufleute überall hin verführt werden; und so werden diese nützlichen Waaren weit in der Welt verbreitet. sAuf Aethalia. folgt in einer Viiferiinng von ungefähr dreihundert Stadien eine Insel, die von den Griechen Kyrnos, von den Römern aber und den Eingebornen tzorsica genannt, wird. Diese Insel hat einen sehr schönen Hafen, den man den sy- rakusischen nennt und wo man gut landen kann. Es sind auf derselben zwei ansehnliche Städte; die eine beißt Calaris") die andere Nicäa. Calaris ist von Pho- cäern erbaut, die aber, nachdem sie -ine Zeit lang da gewohnt, von den Tyrrhencrn aus der Insel vertrieben wurden. Nicäa haben di:Ty-r Heuer erbaut, welche zur See herrschten und sich die Inseln in der Nähe von Tyrrhcnien zueigneten. Sie waren einige Zeit Herrn über die Städte in Kyrnos und erhoben von den Einwohnern Abgaben, die in Harz, Wachs und Honig bestanden; denn an Liefen Erzeugnissen ist die Insel reich. Die Sclaven aus Kyrnos hält man für brauchbarer zum Dienst als Andere; sie scheinen dazu eine besondere Naturanlage zu haben. Die ganze, ziemlich große, Insel enthält viel Gebirgsland, ist durchgängig.mit dichten Waldungen bewachsen und von kleinen Flüssen durchschnitten. -i. Die Nahrung der Einwohner besteht aus Milch, Honig und Fleisch; das Alles liefert ihnen das Land im Ue- *) 'OyNLMN (Böget) kann nicht wohl die richtige Lesart sey«. Es ist vielleicht aus rossnaiv entstanden. **) Sonst heißt diese Stadt Alalia oder Aleria. Calaris ist auf Sardinien (die Hauptstadt Sagliari). Fünftes Buch. Sog berssuß. In ihrem Betragen gegeneinander handeln fle nach Billigkeit und Recht; gegen die Sitte beinah« aller Barbarenvölker. Wenn man im Gebirge z. B. Honigwaben in den Bäumen findet, so gehören sie dem ersten Finder und Niemand macht sie ihm streitig. Und die Schafe bleiben, wenn ste gezeichnet sind, dem Eigenthümer gesichert, ohne daß man ste hütet. Ebenso beobachten sie in allen andern Verhältnissen des täglichen Lebens, das Recht mit bewundernswürdigem Eifer. Einen höchst seltsamen Gebrauch haben fle bei der Geburt ihrer Kinder. Wenn das Weib geboren hat, so erhält sie als Wöchnerin durchaus keine Pflege; ihr Mann hingegen legt sich als ein Kranker eine bestimmte Zahl von Tagen in's Wochenbett, als litte er wirklich an einem körperlichen Uebel. Es wächst auf der Insel sehr viel Buchs, aber von besonderer Art; er verursacht, daß der Honig, der daselbst erzeugt wird, ganz bitter schmeckt. Die Einwohner reden eine fremde Sprache, die sehr abweichend und schwer zu verstehen ist. Ihre Zahl beträgt über Lreißig- tausend. iL. Nächst dieser Insel liegt eine andere, Sardinien genannt, ungefähr so groß als Sittlien. Sie ist von einem fremden Volk, den Jolaern, bewohnt, die man für Abkömmlinge der T he spiad e n hält, welche stch unter Iolaus daselbst angesiedelt haben.*) Zu der Zeit nämlich, da Hercules die bekannten Arbeiten vollbrachte, schickte er die vielen Söhne, die er mit den Töchtern des Thespius erzeugt hatte, einem Götterspruch zufolge nach Sardinien, in Be- *) Bergl. IV, ,g. Zo. 5lo Diodor's historische Bibliothek. gleitung eines beträchtlichen Heeres von Griechen und Auswärtigen. Der Anführer dieser Colonie war Jolaus, der Vetter des Hercules. Er erbaute auf der Insel, nachdem er sie in Besitz genommen, ansehnliche Städte und vertheilte das Land durch's Loos. Das Volk erhielt von ihm den Namen Jolae'r. Er errichtete Turnschulen, Tempel der Götter. und sorgte auch sonst auf alle Art für das Glück der Bürger. Denkmale von ihm sind noch gegenwärtig vorhanden. Noch heißen nämlich die schönsten Gefilde Jolaea. wie sie ihm zu Ehren genannt wurden, und auch das Vollführt noch immer den Namen Jolaus. Der Götterspruch wegen der Anfledlung lautete so, Wer sich an die Colonie anschließe, werde auf ewige Zeiten im Stande der Freiheit bleiben; und wunderbarer Weise hat dieses Orakel den Einwohnern bis jetzt ihre Unabhängigkeit unverletzt bewahrt. Die K ar- thager waren, als sie durch ihre Uebermacht die'Jnsel einnahmen, nicht im Stande, die früheren Bewohner zu unterjochen ; die Jolai-r flüchteten sich in die Gebirge, erbauten sich unterirdische Wohnungen und hielten zahlreiche Vieh- heerden, die ihnen reichlichen Unterhalt gewährten, da sie mit einer Kost von Milch, Käse und Fleisch sich begnügten. Sie entgingen, indem sie das flache Land räumten, der beschwerlichen Feldarbeit und führten, seit sie in den Gebirgen wohnten, ein sorgenfreies Leben; denn sie hielten sich beständig an die eben genannten Nahrungsmittel. Don den Karthagern, welche häufig mit ansehnlichen Heeren gegen sie zu Felde zogen, wurden sie nie überwunden, weil die Gegend unwegsam und die unterirdischen Wohnungen unzugänglich waren. Später, als die Römer die Herrschaft er- Fünftes Buch. 5n langt hatten, wurden sie oft von diesen angegriffen, blieben aber aus demselben Grunde immer unbezwungen durch Waffengewalt. Ivlaus (um auf die ältere Zeit zurückzukommen) kehrte, nachdem er die Kolonie eingerichtet, nach Griechenland zurück, die Thespiaden aber blieben Beherrscher der Insel viele Menschenalter hindurch, bis sie endlich nach Italien vertrieben wurden, wo sie in der Gegend von Cumä sich niederließen. Das übrige Volk verwilderte nun und wählte sich die Vornehmsten der Eiugebvrnen zu Anführern; so behauptete es seine Freiheit bis auf unsere Zeiten. Nachdem wir genug von Sardinien gesagt, gehen wir zu den nächstgelegenen Inseln über. >6. Auf die zuletzt beschriebenen folgt die Insel Pi- tyusa sdie Fichteninsel, jetzt Noicach die ihren Namen von den vielen Fichten hat, welche daselbst wachsen. Sie liegt mitten im Meer; von den Säulen des Hercules an hat man drei Tage und drei Nächte dahin zu schiffen; vem Libyen einen Tag und eine Nacht; von Jberien sSpanien) einen Tag. An Größe ist sie ungefähr Corcyra sCocfus gleich. Die Beschaffenheit des Bodens ist mittelmäßig. Wein wachst nur eine kleine Strecke weit; die Oehlbäume sind auf wilde gepfropft. Das vorzüglichste Erzeugniß des Landes soll feine Wolle seyn. Es wechseln auf dieser Insel weite Ebenen mit kleinen Hügeln. Die Stadt auf derselben heißt Ere su s*) und ist eine Colonie der K a r th ag e r. Sie hat ansehnliche Häfen, Mauern von ziemlichem Umfang, und viele wohlgebaute Häuser. Die Einwohner sind Fremde aus allerlei Gegenden, *) Sonst wirb sie Ehesus ober EsysuS genannt. 5is Dkodor's historische Bibliothek. größtentheils aber Pöner. Die Kolonie ist hundertsechzig Jahre nach der Erbauung von Karthago gestiftet. 17. Es liegen noch andere Inseln Jberien gegenüber. Sie heißen bei den Griechen Gymnesien, weil die Einwohner zur Sommerszeit unbekleidet sgymnoi) gehen; von den Eingeboruen aber und den Römern werden sie Balea- r en genannt, weil man sonst nirgends in der Welt große Steine mit der Schleuder so geschickt zu werfen sballeins weiß. Die ,,größere" dieser Inseln Majoren) ist nach den sieben Inseln Sicilisn, Sardinien, Zypern, Kreta, Vnböa, Kyrnos, Lrsbos die größte unter allen. Von Jberien ist sie eine Tagreise entfernt. Die ,,kleinere" Miuorcaj liegt weiter gegeu Morgen. Es gibt auf derselben Vieh aller Art in Menge , besonders Maulesel, die sich durch ihren hohen Wuchs und durch ihre Stärke auszeichnen. Beide Inseln haben einen guten fruchtbaren Boden, und die Zahl der Einwohner beträgt über dreißigtausend. Unter den Erzeugnissen, die zur Nahrung dienen, fehlt der Wein gänzlich; die Leute haben aber alle, gerade weil der Wein bei ihnen so selten ist, eine leidenschastliche Begierde darnach. Da es ihnen an Oli- venöhle gänzlich mangelt, so gewinnen fleOehl aus Mastir; sie vermischen es mit Schweineschmalz und salben sich damit den Körper. Es gibt kein Volk, das so sehr die Weiber liebte: sie stehen in so hoher Achtung, daß man, wenn Seeräuber einfallen und Weiber wegführen, für ein Weib drei oder vier Männer zum Lösegeld gibt. Die Leute wohnen in unterhöhlten Felsen. An steilen Abhängen graben sie sich Löcher, und auch sonst machen sie sich viele unterirdische Be- hWsnngrn, wo sie ihr Leben zubringen. Es U ihnen dabes 5i3 Fünftes Buch. nicht blos um ein Obdach sondern auch um Sicherheit zu thun. Silber - und Goldmünzen sind bei ihnen gar nicht im Gebrauch; die Einfuhr derselben ist auf der Insel durchaus verboten. Als Grund führen sie an, daß Hercules einst den Gsryones, Chrysaor's Sohn, bekriegt habe, weil dieser so viel Silber und Gold besessen. Damit nun ihr Eigenthum keinem Angriff ausgesetzt wäre, wollten sie keinen Reichthum an Silber und Gold beigemischt haben. Diesem Grundsatz gemäß nahmen sie, als sie den Karthagern einst im Kriege dienten, ihren Sold nicht mit nach Hause, sondern kauften Weiber und Wein und verwendeten darauf den ganzen Sold. 18. Auffallend ist die Titte, die bei ihren Hochzeiten Statt findet. Bei dem Hochzeitmahl wohnen Bekannte und Freunde, Einer nach dem Andern, der Braut bei, der Netteste zuerst, dann der Zweite und die klebrigen sofort; zuletzt kommt diese Ehre an den Bräutigam. Einen eigenen, ganz abweichenden Gebrauch haben sie auch bei der Bestattung ihrer Todten. Sie zerschlagen die Glieder des Leichnams mit Stöcken, werfen sie dann in ei» Gefäß und legen oben darauf eine Menge Steine. Ihre Bewaffnung besteht in drei Schleudern, wovon sie eine um den Kopf, eiue andere um den Leib und die dritte in der Hand tragen. Wenn sie sich derselben im Krieg bedienen, so werfen sie viel größere Steine als Andere, und zwar mit solcher Gewalt, als ob der Wurf aus einem Katapult käme. Daher können sie mit ihren Geschoßen, wenn sie eine Mauer stürmen, auch die oben stehenden Vertheidiger verwunden, und in der offenen Schlacht Schilde, Helme und alle Schutzwaffen zerschmet- tkW, Zm Zielen haben sie «ine solche Geschicklichkeit, daß 5,4 Diodor's historische Bibliothek. sie das Ziel, das sie im Auge haben, verfehlen. Dieß ist die Folge der beständigen Uebung von Jugend auf. Schon als Knaben werden sie von den Muttern immerfort zum Schleudern angehalten. Es wird dem Knaben das Brod zur Uebung als Ziel an einem Pfahl aufgesteckt, und er bekommt nicht eher zu essen, als bis er das Brod trifft, das ihm dann die Mutter zu essen erlaubt. ,g. Nachdem wir die Inseln diesseits der Säulen des Herrnles durchgegangen, kommen wir an die im fatlau tischen) Ocean gelegenen. Libyen gegenüber liegt mitt?n im Meer eine Insel von bedeutendem Umfang. *) Man hat dabin von Libyen aus über den Ocean gegen Westen mehrere Tage zu fahren. Es ist ein fruchtbares Land, großentheils gebirgig, aber auch weithin eben. Die ebene Gegend ist sehr schon; da st« von schiffbciren Strömen durchschnitten ist, so kann sls bewässert werden, und es gibt daselbst viele Parke, mit allerlei Bäumen bey stanzt, und zahlreiche Gartenanla« gen, durch welche süßes Wasser fließt. Man findet hier prachtvoll angelegte Meierhofe, und in den Gärten sind Lust- hänser errichtet, die einen malerischen Anblick gewähren und wo sich die Einwohner zur Sommerszeit aufhalten, da die Gegend zu so vielfachen Vergnügungen und Genüssen einladet. Das Gebirgsland hat dichte Wälder von weitem Umfang, auch allerlei fruchtbare Bäume, unter denen man Schatten findet, wenn man sich auf den Bergen aufhalten will, und viele Quellen. Ueberhanxt ist tie Insel mit fri- *) Die Vermuthung, daß hier von Almerica die Rebe seh, hat wenig Wahrscheinlichkeit. Es kann eine der Inseln in der Nähe der Westküste von Aftica gemeint seyn. 5.5 Fünftes Buch. schein, süßem Wasser reichlich versehen; was das Leben in dieser Gegend nicht nur äußerst angenehm macht, ssondern auch zur Gesundheit und Stärkung des Körpers dient. Die Jagd ist bedeutend ; Wildbrät aller Art, von kleineren und größeren Thieren, wird im Ueberfluß verspeist. Es fehlt also an Nichts, was man sich Köstliches wünschen mag. Denn auch Fische liefert das Meer, das die Insel umfließt, in Menge; denn der satlantischej Ocean bat die Eigenschaft, daß er überall reich au Fischen aller Art ist. Ueberdieß wächst hier, weil die Lust, die auf dieser Insel weht, äußerst mild ist, beinahe das ganze Jahr über sehr viel Obst und andere Sommerfrüchte. Man sollte glauben, es wäre ein Wohnsitz für göttliche Wesen, nicht für Menschen; so außerordentlich gesegnet ist dieses Land. -o. I» den frühern Zeiten kannte man es nicht, weil es von der ganzen bewohnten Welt abgeleqen ist. Es wurde erst später aus folgender Veranlassung entdeckt. Die Phönicier , die von alten Zeiten her beständig Seehandel trieben, stifteten viele Kolonien in Libyen, manche auch in den westlichen Ländern von Europa. Da ihre Unternehmungen , gut von statten gingen, so sammelten sie sich große Reichthümer , und nun wagten sie es, auch das Meer jenseits der Säulen des Hercules zu bef-chren, das man den Ocean heißt. Zuerst erbauten sie gerade an der Meerenge, die zwischen den Säulen liegt, auf einer Halbinsel der europäischen Küste eine Stadt, welche sie Gadira sCadirj nannten. Hier errichteten sie unter andern der Gegend angemessenen Denkmalen eine» prächtigen Tempel des Hercules und ordneten kostbare Opfer an, nach Phönicischer Sitte einge- 5i6 Dlodor's historische Bibliothek. richtet. Dieser Tempel stand schon im Anfang und auch noch in neuern Zeiten bis auf unsere Tage in großem Ansehen. Viele berühmte Männer unter den Römern, welche große Thaten verrichteten, thaten hier dem Gott ein Gelübde, das sie dann erfüllte», wenn die Unternehmung gelungen war. Die Phönicier nun, die aus dem angegebenen Grunde die Küste jenseits der Säulen untersuchten, wurden, während sie an Libyen hinab fuhren, durch heftige Stürme weit weg über den Ocean verschlagen, und viele Tage laug umgetrie- ben, bis sie au die vorhin erwähnte Insel geworfen wurden. Sie erforschten die Vorzüge und die ganze Beschaffenheit des Landes und machten das überall bekannt. Daher wollten die Tyrrhener, als sie zur See mächtig wurden, Ansiedler dahin schicken. Allein die Karthager verhinderten es; denn sie fürchteten theils, es möchten viele Bürger von Karthago nach der glücklichen Insel auswandern, theils wollten sie sich für Unglücksfälle eine Zuflucht offen halten, wenn etwa Karthago ein vernichtender Schlag des Schicksals träfe. Sie hofften nämlich vermittelst ihrer Seemacht die gesammte Einwohnerschaft auf die den Siegern unbekannte Insel übersiedeln zu können. Nachdem wir von dem Libyschen Ocean und den Inseln desselben gesprochen, gehen wir in unserer Beschreibung auf Europa über. In der Nähe von Gallien, wo es vom Ocean begrenzt ist, gegenüber den hercyuischen Wäldern, die, wie man erzählt, die größten in Europa sind, liegen viele Inseln im Ocean. Die größte derselben heißt Britannien. Ehemals blieb sie unberührt von fremden Kriegsherren. Denn weder von Dionysos, noch von Hercu- Fünftes Buch. 617 les, noch von einem andern Helden oder Fürsten wissen wir, daß er einen Zug dahin unternommen hätte. Das erstemal seit Menscheugedenken ist die Insel zu unserer Zeit erobert worden durch Casus Cäsar, der wegen seiner Thaten vergöttert ist. Er überwand die Britannier und zwang sie,''eine bestimmte Abgabe zu entrichten. Diese Begebenheiten werden wir indessen zu seiner Zeit ausführlich erzählen. Jetzt sprechen wir nur von der Insel selbst und von dem Zinn, welches sich dort findet. Sie hat die Gestalt eines Dreiecks mit ungleichen Seiten, ungefähr wie Eicilien. „Sie zieht sich in einer gegen das feste Land von Europa schiefen IRich- tung hin. Das demselben zunächst gelegene Vorgebirge, Kantium genannt, ist durch eine gegen hundert Stadien breite Meerenge davon getrennt; das andere Vorgebirge, welches Belerium heißt, ist vier Tagereisen vom festen Land entfernt; das dritte liegt gegen das Meer hin und heißt O r- kas. Die kleinste Seite, welche neben Europa sich hinzieht, ist siebentausend fünfhundert Stadien lang, die zweite, von der Meerenge bis zur Spitze fdes Dreieckes, füvfzehntansend Stadien, die dritte zwanzigtausend Stadien. Der ganze Umfang der Insel beträgt also zweiundvierzigtausend fünfhundert Stadien. Die Völkerschaften, welche Britannien bewohnen, sind Ureingeborne, und ihre Lebensart ist noch dieselbe, die im Alterthum gewöhnlich war." Sie gebrauchen nämlich im Kriege Streitwagen, wie sie die alten Griechischen Helden im trojanischen Krieg gebraucht haben sollen. Ferner haben sie schlechte Wohnungen, meistens aus Rohr oder Holz gebaut. Die Feldfrüchte sammeln sie auf die Art ein, daß sie die Achren vom Halm abschneiden und in bedeck- 5l3 Diodor's historische Bibliothek. Leu Scheunen*) aufbewahren. ,,Dort holen sie die dürren Achren Tag für Tag, zupfen sie aus und bereiten sich daraus ihre Speise. Ihre Gemüthsart ist ehrlich, und von der Schlauheit und Bosheit des jetzigen Menschengeschlechts sind sie weit entfernt. Sie haben eine einfache Kost, und das üppige Lebe», zu welchem der Reichthum führt, ist ihnen völlig fremd. Die Insel ist stark bevölkert, Sie liegt unter einem äußerst rauben Himmelsstrich, nämlich gerade unter den Nordsternen. Könige und Fürsten gibt es viel daselbst; sie leben aber meistens im Frieden miteinander." -2. Doch die herrschenden Gebräuche und die übrigen Eigenthümlichkeiten der Insel werden wir ausführlich beschreiben , wenn wir auf Cäsar's Feldzug gegen Britannien kommen. Jetzt wollen wir von dem Zinn sprechen, das man daselbst findet. In der Gegend des Vorgebirges von Britannien, welches Belerium heißt, sind die Einwohner gegen Fremde äußerst gefällig und haben durch den Verkehr mit fremden Kaufleuten mildere Sitten angenommen. Diese sind es, die das Zinn bereiten, indem sie die Erde, in der sich dasselbe erzeugt, auf eine künstliche Art behandeln. Es ist ein felsiger Boden, durch den sich Erdschichten ziehen; und aus diesen gewinnen sich durch Bearbeiten und Schmelzen das reine Metall. Sie bilden daraus regelmäßig gewürfelte Stücke, und bringen es auf eins Insel, Namens Jktis sWlghcch in der Nähe von Britannien. Weil nämlich zur Zeit der Ebbe der Zwischenraum austrocknet, so kann man Zinn in Menge auf Wagen nach dieser Insel bringen. Es ist das *) Nach der andern Lesart: in unterirdischen Gruben. Fünftes Buch. 5ig eine eigene Vrscheinnng bei den benachbarten Inseln, die zwischen Europa und Britannien liegen. Zur Zeit der Fluth ift der Weg dahin überschwemmt, also erscheinen sie als Inseln. Bei der Ebbe aber fließt das Meer ab und eine weite Strecke wird trocken, so daß sie Halbinseln werden. Hier kaufen die Handelsleute das Zinn von den Einwohnern und führen es nach Gallien hinüber. Nun machen sie den Weg zu Lande durch Gallien und lassen die Waare durch Pferde tragen, bis sie endlich nach ungefähr dreißig Tagen an den Ausfluß der Rhone kommen. So viel über das Zinn. Jetzt kommen wir auf das sogenannte Electrum sBernsteinf. Gegenüber dem jenseits Gallien gelegenen Scythien ist fern vorn Land eine Insel im Ocean, Basi- lea*) genannt, auf welcher die Wellen das Electrum, das sonst nirgends in der Welt vorkommt, in reicher Menge auswerfen. Bei Manchen der alten Schriftsteller finden sich über das Electrum ganz unglaubliche Fabeln, die durch die Erfahrung widerlegt werden. Diele Dichter und Geschichtschreiber erzählen nämlich so. ,,Phaethon, der Sohn des Sonnengottes, vermochte seinen Vater, daß er ihm, dem unerfahrnen Knaben, auf einen Tag sein Viergespanm überließ. Als ihm Dieß zugestanden war, fuhr er mit dem Wagen daavn; allein er konnte die Zügel nicht regieren; die Pferde achteten den Knaben nicht und lenkten von dem gewohnten Weg ab. Zuerst verirrten sie sich gegen den Himmel hin und richteten da einen Brand an, wodurch die so- genaynte Milchstraße entstand. Nachher s-tzten sie eine weite *) Es ist irgend eine Küste des Baltischen Meeres gemeint. 520 Dlodor's^histonsche Bibliothek. Strecke auf der Erde in Flammen, so' daß nicht wenige Länder verbrannten. Zürnend schleuderte Zeus, als Das geschah, den Blitz auf PhaLthon und brachte die Sonne in ihre gewohnte Bahn zurück. Phaitthon siel bei der Mündung des Flusses nieder, der jetzt Padus sPo) heißt und ehemals Eridanns genannt wurde. Seine Schwestern beweinte« seinen Tod mit tiefem Schmerze. Sie jammerten so übermäßig, daß die Natur sie umschuf und in schwarze Pappeln verwandelte. Diese vergießen jedes Jahr um dieselbe Zeit Thränen, woraus dann, wenn sie sieb verdichten, das Elcc« trum sich bildet, welches Heller glänzt als alle ähnliche Stoffe und namentlich dann sich findet, wenn über eine» verstorbenen Jüngling «ine Klage angestellt wird!." Daß Alle, welche diese Fabel erzählen, sich geirrt haben; beweisen die Erfahrungen der spätern Zeit. Wir müssen uns also an die wah« ren Berichte halten. Das Electrum wird nämlich auf der oben genannten Insel gesammelt und von den Eingeborne« nach der gegenüberliegenden Küste gebracht. Von dort aus verführt man es zu Lande bis in unsere Gegenden, auf dieselbe Art, wie vorhin angegeben wurde. Da wir jetzt die Inseln in den westlichen Gegenden durchgegangen haben, so wird es nicht am unrechten Orte Orte seyn, wenn wir hier einen kurzen Bericht über die denselben benachbarten Völker von Europa folgen lassen, die wir in den früher» Büchern übeezangen haben. Im Celtenlande herrschte einst, wie man erzählt, ein berühmter Mann, der eine Tochter von ungewöhnlicher Leibesgröße hatte, die sich zugleich durch Schönheit vor Andern weit auszeichnete. Sie war so stolz auf ihre KörperstLrke und Fünftes Buch. 5«e auf ihre bewunderte Schönheit, daß sie die Hand jedes Freiers ausschlug und glaubte, Keiner sey ihrer würoig. Als sie aber den Hercules sah, der, nach seinem Zug» gegen Ge- ryones, in das Celtenland kam und daselbst die Stadt A lest a erbaute, da wurde sie von Bewunderung seiner geistige« und körperlichen Vorzüge ergriffen und entschloß sich mit aller Willigkeit zu einer Verbindung mit ihm, wozu auch die Eltern ihre Zustimmung gaben. Sie gebar dem Hercules einen Sohn Namens GLlates, der seine Volksgenossen an Geisteskraft und Körperstärke weit übertraf. Als er erwachsen war, wurde er Thronfolger in dem väterlichen Reich, eroberte viele benachbarte Länder und verrichte» große Kriegsthaten. Als seine Tapferkeit überall bekannt wurde, hieß man nach seinem Namen das Volk, das er beherrschte, Gallier sGalaters; daher erhielt das ganze Land den Namen Gallien sGalatias. -5. Nachdem wir von dem Namen der Gallier gesprochen , müssen wir auch ihr Land beschreibe». In Gallien wohnen viele Völkerschaften, von ungleicher Stärke. Bei den größten beträgt die Mcnschenzahl ungefähr zweimalhun- derttausend, bei den kleinsten fünfzigtansend. Eines dieser Völker steht mit den Römern iü freundschaftlichen Verhältnissen, die sich auf eine alte Verwandtschaft gründe« und noch gegenwärtig fortdauern. Das Land liegt größten- theils unter den Nordsternen und ist daher äußerst winterlich und kalt. Zur Winterszeit fällt, wenn der Himmek *) Die Aebuer, zwischen der Loire und Gaone. Diodor. gs Bbchn. 3 522 Diodor's historische Bibliothek. umwölkt ist, statt des Regens ein tiefer Schnee, und an heitern Tagen starrt Alles von Eis und Frost. Die Flüsse gefrieren und bauen sich selbst natürliche Brücken. Nicht blos die gewöhnlichen Wanderer machen in kleiner Anzahl den Weg über das Eis, sondern Soldaten ziehen in Schaaren zn Tausenden mit ihrem Gepäck und mit bela-denen Wagen ohne Gefahr darüber hin. Es fließen viele große Ströme durch Gallien, die das flache Land in vielfachen Wendungen durchschneiden. Einige entspringen aus tiefen Seen, andere haben ihre Quellen in den Gebirgen und erhalten dorther ihren Zufluß. Sie ergießen sich zum Theil in den Ocean, zum Theil in unser Meer sdas mittelländisches. Der größte von den Strömen, die in unser Meer fließen, ist die Rhone, die ihre Quellen in den Alpengebirgen hat und in fünf Armen in's Meer ausströmt. Unter denen aber, hierin den Ocean fließen, hält man für die größten die Donau*) und den Rhein. Ueber den letztem Fluß schlug zu unserer Zeit Cäsar, der Vergötterte, unerwartet eine Brücke, und setzte so sein Heer über und bezwäng die jenseits sauf dem rechten Ufersj desselben wohnenden Gallier. Es gibt noch viele andere schiffbare Ströme im Celtenlande; es würde zu weit führen, wenn wir sie angäben. Beinahe alle frieren so fest zu, daß eine Eisbrücke über das Wasser führt. Weil aber das bloße Eis zu glatt ist und man auf demselben leicht ausglitscht , so streut man Kleie darüber, und dann kann man sicher hinübergehen. *) Man wußte z« Diodor's Zeit nicht, daß die Donau einerlei Fluß mit dem Aster ist, und glaubte daher, sie fließe in den ndrdliqen Ocean. 523 Fünftes Buch. -6. Eine wunderbare Erscheinung eigener Art, die in den meisten Gegenden von Gallien vorkommt, glauben wir nicht übergehen zu dürfen. Aus Nordwesten und Norden wehen gewöhnlich Winde von solcher Stärke und Heftigkeit, daß sie handvöllige Steine vom Boden aufraffen und dichte Staubwolken mit Kieseln. Ja, sie toben so ungestüm, daß sie den Leuten Waffen und Kleider wegreißen und die Reiter vom Pferd Herunterwerfen. Weil bei der übermäßigen Kälte die Beschaffenheit der Luft ungünstig ist, so wächst daselbst weder Wein noch Oehl. Die Gallier bereiten daher, da ihnen diese Erzeugnisse mangeln, ein Getränk aus Gerste, das man Bier heißt; auch Wasser, womit sie die Honigscheiben ausspülen, dient ihnen zum Trunk. Uebrigens lieben sie den Wein aufferordentich; sie gießen den Wein, der von den Kaufleuten eingeführt wird, unvermischt hinunter und nehmen das Getränk, dem sie so ergeben sind, im Uebermaß zu sich, bis sie berauscht in Schlaf versinken oder in einen Zustand des Wahnsinns gerathen. Viele Italische Kaufleute benutzen daher, nach ihrer gewohnten Habgier, die Trunksucht der Gallier zu ihrem Vortheil. Sie führen ihnen Wein zu, sowohl zu Wasser auf den schiffbaren Flüssen als zu Lande auf Wagen, und gewinnen durch diesen Handel unglaubliche Summen. Denn für ein Fäßchen Wein erhalten sie einen Sclaven; sie tauschen also für den Trunk einen Bufwär- rer ein. »7. Silber gibt es in Gallien gar nicht, aber viel Gold, welches den Einwohnern die Natur zuführt ohne die Mühe des Bergbaues. Da nämlich die Flüsse bei den Krümmun- > 8 * 5-4 Diodor's historische Bibliothek. gen, die fle in ihrem Laufe machen, den Fuß der benachbarten Berge bespüle», so schwemmt das Wasser große Massen voll Goldsand weg. *) Diesen Sand sammeln die dazu aufgestellten Arbeiter und mahlen ihn; wenn ;r noch in den Erdschollen enthalten ist, zerschlagen sie diese. Die erdigen Theile spülen sie mit Wasser weg und liefern ihn sodann in den Schmelzofen. Auf diese Art gewinnen die Gallier große Schatze Goldes. Sie gebrauchen es zum Schmuck, nicht blos die Weiber, sondern auch die Männer. Sie tragen Bänder um die Handwurzel und den Arm, auch dicke Halsketten von lauterem Gold und große Fingerringe, sogar goldene Harnische. Auffallend und bemerkenswerth ist das Benehmen der oberländische» Celten gegen die Heiligthümer der Götter. In den Tempeln und den heiligen Plätzen, die man hin und wieder antrifft, liegt viel Gold umher, das den Göttern geweiht ist, und die Furcht vor ihnen ist so groß, daß Keiner der Eingeborncn es anrührt, obgleich die Celten sonst äußerst geldgierig sind. -8. Die Gallier haben einen hohen Wuchs, einen saft- rvllen Körper Md eine weiße Haut. Ihre Haare sind nicht blos von Natur gelb, sondern sie suchen diese eigenthümliche Farbe dl^rch künstliche Mittel noch zu erhöhen. Sie salben nämlich das Haar beständig mit Kalkwaffer und streichen es *> Nach -ae Lesart xoXwnoi)s MvoDV chr^/nttros, wo vielleicht vor x?' hineinzu- seyen- ist nD-(>klg. Die andere, xal stky. vn<7« xoXcot'or's, irreal XC' tsiVstarog, gäbe den Sinn: und große Masse« wegschwemmen, so durchdrängt das Wasser diese mit Goldsand» 525 Fünftes Buch. von der Stirne zurück gegen den Scheitel und den Nacken, so daß sie fast wie Satyrn und Pane aussehe». Denn durch diese Behandlung wird das Haar so dick, daß es völlig einer Roßmähne gleicht. Den Bart scheeren Einige ab ^Andere lassen ihn ein wenig wachsen. Die Vornehmen scheeren den Backenbart, aber den Knebelbart lassen sie stehen, so daß er den Mund bedeckt. Daher kommt er ihnen bei'm Essen zwischen die Speisen, und das Getränk fließt wie durch einen Seiher hinein. Sie speisen Alle sitzend, aber nicht auf Stühlen, sondern auf dem Boden, wobei ihnen Wolfs - oder Hundsftlle zur Unterlage dienen. Die Aufwärter bei Tische sind Knaben und Mädchen, die eben aus den Kinderjahren treten. Neben dem Tisch stehen die Heerde, wo ein starkes Feuer brennt zwischen Kesseln und Bratspießen, die mit großen Stücken Fleisch voll gesteckt sind. Tapfere Männer erhalten zur Auszeichnung die schönsten Stücke Fleisch. Dieselbe Ehre läßt sa der Dichter dem Ajar durch die Helden erweisen, nachdem er den Hektor im Zwcikampf besiegt hat sJl. VII. Z-I.ss: „Aber den Mas ehrt' er mit laugausreichmbem Rücken." Sie laden auch Fremde zu ihren Gastmählern, und nach dem Essen fragen sie, Wer sie seyen und was ihr Begehren sey. Bei Tische gerathen sie häufig über Kleinigkeiten in Wortwechsel und fordern einander zum Zweikampf heraus. Denn das Ende des Lebens achten sie für Nichts. Es herrscht nämlich unter ihnen die Meinung des Pythagoras, die Seelen der Menschen seyen unsterblich, und nach einer bestimmten Zahl von Jahren lebe man wieder auf, indem die Seele »v einen andern Körper einwandere. Bei der Bestattung 526 Diodor's historische Bibliothek. der Leichen werfen daher Manche auf den Scheiterhaufen Briefe, die sie an ihre verstorbenen Verwandten geschrieben haben, in der Hoffnung, die Todten werden dieselben lesen. -9- Auf Reisen «nd im Kriege bedienen sie sich zwei- spänniger Wagen, auf welchen neben dem Fuhrmann ein Streiter steht. Wenn sie im Gefecht auf Reiter stoßen, so werfen sie die Spieße nach den Gegnern, steigen dann ab und beginnen den Kampf mit dem Schwert. Wie sehr sie den Tod verachten, sieht man daraus, daß Manche unbekleidet blos mit einer Schürze in den Kampf gehen. Zu ihrer Bedienung führen sie Freigeben,e mit sich; sie wählen dieselben aus den armen Leuten und gebrauchen sie in den Gefechten als Fuhrleute und Waffenträger. Wenn eine Schlacht geliefert werden soll, treten gewöhnlich Einzelne aus den Reihen vor und fordern die Tapfersten unter den Feinden zum Zweikampf heraus, wobei sie ihre Waffen schwingen, um die Gegner zum Voraus zu schrecken. Nimmt Einer die Ausforderung an, so preisen sie die Heldenthaten ihrer Vorfahren und erzählen Beweise ihrer eigenen Tapferkeit, schelten den Gegner aus und suchen ihm durch die Verachtung, womit sie von ihm sprechen, alles Selbstvertrauen im Voraus zu benehmen. Die Köpfe der gefallenen Feinde hauen sie ab und binden sie ihren Pferden auf den Hals; die blutige Rüstung geben sie ihren Dienern und lassen sie unter Jubelgeschrei und Siegesliedern zur Schau tragen. Z» Hause nageln sie dann diese Ehrenzeichen an die Wand, gerade als hätten sie auf der Jagd ein Wild erlegt. Die Köpfe der Vornehmsten unter den Feinden salben sie ein, bewahren sie in einem Kasten sorgfältig auf und zeigen sie den Fünftes Buch. 627 Fremden. Da rühmt sich Mancher, um diesen Kopf habe man einem seiner Vorfahren oder seinem Vater oder ihm selbst viel Geld angeboten und er habe ihn nicht weggegeben. Es gibt sogar, wie man sagt, Leute unter ihnen, welche prahlen, ein gleiches Gewicht von Gold haben sie für den Kopf nicht genommen. Damit wollen die Barbaren ihren hohen Sinn beweisen. Allein die Denkmale der Tapferkeit nicht verkaufen heißt noch nicht Vdelmuth; aber thierische Rohheit ist es, gegen Seinesgleichen im Tode noch Krieg zu führen. Zo. Sehr auffallend ist die Kleidung der Gallier. Sie tragen bunte Röcke, mit allerlei Farben geblümt, und lange Hosen, welche sie Bracken heißen. Darüber schnallen sie gestreifte, mit zahlreichen vielfarbigen Würfeln besäte Mantel, im Winter dickere, im Sommer leichtere. Bewaffnet sind sie mit mannshohen Schilden, die auf eine eigene Weise bemalt sind; an einigen derselben sind wohl ausgearbeitete eherne Thiergestalten in erhabener Arbeit angebracht, die nicht blos zur Zierde dienen, sondern auch zur Schuywehr. Die ehernen Helme, womit sie sich bedecken, haben hoch emporragende Aufsähe; deßwegen erscheinen sie aufferordentlich groß. Es sind nämlich an den Helmen entweder Hörner angeschmiedet, oder sind Gesichter von Vögeln oder vierfüßigen Thieren auf denselben abgebildet. Ihre Trompeten haben einen eigenen, barbarischen Klang. Denn sie blasen stark hinein und bringen rauhe Töne hervor, die mit dem Kriegsgetümmel wohl übereinstimmen. Einige tragen einen eisernen gehäkelten Harnisch; Andere begnügen sich mit dem, wel- 528 Dkodor's historische Bibliothek. chen die Natur ihnen gegeben,*) und fechten unbekleidet. Statt der Schwerter haben sie lange Spathen, die an eisernen oder ehernen Ketten herabhangen und sich an die rechte Hüfte anlegen. Die Röcke haben Einige mit vergoldeten oder versilberten Gürteln zusammengebunden. Sie führen zur Wehre Wurfspieße, welche sie Lanzen heißen; das Eisen an denselben ist eine Elle lang, der Schaft noch größer, und beinahe sind sie von doppelter Handbreite. Wie nämlich ihre Schwerter nicht kleiner sind als bei andern Völkern die Speere' so sind die Spitzen ihrer Speere größer, als sonst die Schwerter. Sie sind zum Theil gerade geschmiedet, zum Theil aber schraubenförmig und ringsum gezackt, so daß das Geschoß nicht blos iu's Fleisch einschneidet, sondern eS zermalmt, und bci'm Herausziehen die Wunde weiter aufreißt. 5-. Ihr Aussehen ist fürchterlich, der Ton ihrer Stimme tief und äußerst rauh. Im Gespräch drücken sie sich kurz und rälhfelhaft aus uud deuten Manches nur unvollständig und bildlich an. Sie erlauben sich viele Uebertreibungen, um sich zu erheben und Andere herabzusetzen. Auch sprechen sie gern in einem drohenden, stolzen, feierlichen Ton. Sie haben eine scharfe Urtheilskraft und zum Lernen fehlt es ihnen nicht an Gaben. Es gibt unter ihnen Liederdichter, die mau Barden heißt. Diese begleiten ihren Gesang, worin sie Einige lobpreisen, Andere schmähen, mit einem der Leier ähnlichen Werkzeug. Ferner gibt es Philosophen, die der Miterlebte kundig sind und in sehr hohem Ansehen stehen; man nennt sie Druiden. Auch hat man Wahrsager, denen man *) Das Wort Thorax, welches Harnisch heißt, bezeichnet auch die Brust. Fünftes Buch. 5rg ebenfalls viel Ehre erweist. Sie sagen aus dem Vogelffug und aus der Opferschau die Zukunft voraus und haben das ganze Volk in ihrer Gewalt. Namentlich haben sie bei wichtigen Berathungen eine seltsame Sitte, die allen Glauben übersteigt. Sie weihen einen Menschen zum Opfer und stoßen ihm das Messer in die Brust, über dem Zwerchfell; wenn nun der Verwundete niedersinkt, so nehmen sie aus der Art des Fallend, aus den Zuckungen der Glieder und auch aus dem Laufe des Bluts das Zukünftige wahr. Ihr Glaube an diese Zeichen gründet sich auf alte, vierjährige Beobachtungen. Es ist bei den Galliern gebräuchlich, daß sie kein Opfer ohne einen ihrer Weisen verrichten. Denn sie sagen, man dürfe den Göttern die Dankopfer nur durch Diejenigen bringen lassen, die mit ihrem Wesen vertraut seyen und, so zu sagen, ihre Sprache verstehen; und durch Ebendieselben glauben sie erbitten zu müssen, was sie sich wünschen. Diese Männer und die Liederdichter haben den größten Einfluß nicht blos bei den Geschäften des Friedens, sondern auch im Krieg, und zwar unter den Feinden sowohl als unter ihren eigenen Leuten. Sie treten manchmal in's Mittel, wenn die Heere schon in Schlachtordnung mit gezogenen Schwertern und vorgehaltenen Lanzen gegeneinander anrücken, und stiften Frieden, gerade wie man gewisse Thiere beschwört. So muß auch bei den wildesten Barbaren der Weisheit die Leidenschaft weichen und Ares sich vor den Musen scheuen. 5-. Ein Unterschied ist wohl zu bemerken, welchen Viele ^ nicht kennen. Diejenigen, welche über Massilia ^Marseilles im Innern des Landes und an den Alpen und diesseits an den Pyrenäen wohnen, heißt man Gallier; die aber über 5Zo Diodor's historische Bibliothek. diesem Theile des Ccltenlandes gegen Norden hin und am Ocean und am hercynischen Walde ihre Wohnsitze haben, und weiterhin Alle bis gegen Scythien nennt man sdie eigentli- chcnj Celten.*) Die Römer indessen fassen alle diese Völker unter einem gemeinschaftlichen Namen zusammen und heißen sie ohne Unterschied Gallier. Die Weiber sind bei den Galliern den Männern gleich, nicht blos an Größe, sondern auch in der Stärke nehmen sie es mit ihnen auf. Bei den Kindern ist das Haar von Anfang meistens weißlich; wenn sie aber älter weiden, nimmt es dieselbe Farbe an, die es bei den Vätcrn hat. Am wildesten sind die Bewohner der nördlichen Gegenden in der Nachbarschaft von Scythien. Man sagt, sie seyen zum Theil Menschenfresser, so wie in Britannien die Einwohner von Iris sJrlands. Dieses durch seine Stärke und Wildheit berüchtigte Volk ist, wie Einige behaupten, dasselbe, das in der alten Zeit ganz Asien durchzogen hat und das man Eimmerier hieß; der Name soll sich nämlich mit der Zeit ein wenig verändert haben und in die Benennung Eim ber n übergegangen seyn. Allerdings ist jenes Volk seit langer Zeit gewohnt, räuberische Einfälle in fremde Länder zu machen und Jedermann Trotz zu bieten. Denn sie sind es, welche Rom eingenommen, den Tempel zu Delphi geplündert, einen großen Theil von Europa, auch einige Völker in Asien sich zinsbar gemacht und in den *) So muß es wohl heiße», wen» Diodor's Angabe mit dem gewöhnlichen Sprachgebrauch nicht im völligen Widerspruch stehen soll. Wegen des Worts LkXrlxHg scheint man die Namen «^arcrg und LkXroog' verwechselt und wieder, um deßwegen «§>xrov in voran verwandelt zu haben. 53i Fünftes Buch. eroberten Ländern ihre Wohnsitze genommen (wo sie wegen der Vermischung mit den Griechen den Namen Helleno- Galater sgallische Griechen^ erhielten), und zuletzt viele große Heere der Römer aufgerieben haben. Mit ihrer sonstigen Rohheit stimmt die unerhörte Gottlosigkeit überein, wovon ihre Opfergebräuche zeugen. Die Verbrecher halten sie fünf Jahre lang gefangen, weihen sie, an Pfählen gespießt, den Göttern und verbrennen sie mit vielen andern Opfergaben auf sehr hohen Scheiterhaufen, die sie zu diesem Zweck errichten. Auch die Gefangenen schlachten sie als Opfer den Göttern zu Ehren. In einigen Gegenden schlagen sie die Thiere, die sie im Krieg erbeuten, zugleich mit den Menschen todt oder verbrennen sie oder bringen sie durch andere Martern um. Ihre Weiber, die übrigens nicht häßlich sind, achten sie sehr wenig, vielmehr haben sie eine rasende Lust, Unzucht mit Männern zu treiben. Sie sind gewohnt, mit ihren Beischläfer« auf einem Lager von Thierfellen sich nach beiden Seiten auf dem Boden herumzuwälzen. Das Allerunbegreiflichste ist aber, daß sie, »»bekümmert um ihre eigene Ehre, die Blüthe ihrer Jugend willig Andern aufopfern, und daß sie das nicht für Schande halten, sondern vielmehr Den als ehrlos betrachten, der die angebotenen Gnnstbezeugungen nicht annimmt. in neuen Übersetzungen. Herausgegeben von G. L. F. Tafel, Professor zu Tübingen. E. N.Osi and er und G. Schwab, Professoren zu Stuttgart. Acht und achtzigstes Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'scheu Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Morsch ner und Iasper in Wien. i 8 L i. Diodor's vonSicilien historische Bibliothek, übersetzt von Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar zu Blaubeuren. Fünftes Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Jasper in Wien. i s ; i. G 5p> ch i i t in - -'. ?4-^' . '-1^>..'.i ^ - > !--s '?rf' ^^.§'7 '''l Fünftes B u ch. (Fortsetzung.) > 55. Wir gehen , nachdem wir die Celten hinlänglich geschildert, in unserer Beschreibung weiter zu ihren Nachbar», den Celtibcrern. Dieses Volk hat seinen Namen daher, daß es aus einer Vermischung der Iberer und Celten entstanden ist, welche sich früher um den Besitz des Landes stritten, nachher aber sich aussöhnten, beisammen in demselben Lande wohnten und durch gegenseitige Heirathen sich verbanden. Als Abkömmlinge von zwei kräftigen Völkerstämmen, dieMbcrdieß ein fruchtbares Land iune hatten, gelangten die Celtibcrcr zu großem Ansehen. Den Römeriz widersetzten sie sich lange Zeit und nur mit Mühe wurden sie bezwungen. Sie stehen im Rufe, daß''sie im Kriege nicht blos gute Reiterei liefern, sondern auch vorzügliches Fußvolk, was Stärke und Ausdauer betrifft. Sie tragen schwarze Mäntel von grober Wolle, die ungefähr aussieht wie Ziegenhaare. Bewaffnet sind die Celtibcrer entweder mit leichten langcnLSchilden wie die Gallier, oder mit runden geflochtenen, welche nur die Größe der Aspiden sder gewöhnlichen kleinen Schilde) haben. Um die Beine wickeln sie härene Schienen. Auf den Kopf setzen sie eherne Helme, mit pur- 538 Diodor's historische Bibliothek. purrothen Büschen geschmückt. Sie führen zweischneidige, aus vorzüglichem Eisen gearbeitete Schwerter, neben denen spannenlange Messer stecken, welche sie im Gefecht bei'm Handgemenge gebrauchen. Auf eine eigene Art werden die Schuh- und Angriffswaffen bei ihnen verfertigt. Sie vergraben EisenplattenAn die Erde und lassen sie liegen, bis der Nost nach und nach die schwächeren Theile des Eisens ! völlig verzehrt hat, so daß nur die festesten noch übrig sind. ! Hieraus machen siemun treffliche Schwerter und die übrigen ^ Werkzeuge für den Krieg. Eine auf diese Art gearbeitete , Waffe zerhaut Alles, was sie trifft. Da widersteht dem Hieb weder Schild noch Helm, noch Knochen; so außerordentlich ist die Gewalt dieses Eisens. Sie fechten auf doppelte Art; sobald sie als Reiter im Kampf gesiegt haben, sitzen sie ab und treten zu Fnß als Streiter auf; so verrichten sie Wunder der Tapferkeit. Auffallend ist eine eigenthümliche Sitte, die sich bei ihnen findet. So sorgfältig und reinlich sie sonst in ihrer ganzen Lebensart sind, so haben sie doch einen unanständigen und äusserst häßlichen Gebrauch. Alle Morgen waschen sie sich den Leib mit Harn, und reiben auch die Zähne damit ab; Das, glauben sie, sey für den Körper dienlich. L/,. Die Verbrecher und die Feinde behandeln sie grau- i sam, gegen Fremde hingegen sind sie gefällig und menschenfreundlich. Wenn'ein Fremder ankommt, so verlangt Jeder, *) er soll bei ihm die Herberge nehmen; so wetteifern sie miteinander in der Gastfreiheit. Wem dann der Fremde in *) Nach Dindorf's Verbesserung anworrs für äTianrag. Fünftes Buch. 53g sein Haus folgt, der wird glücklich gepriesen und als ein Freund der Götter betrachtet. Ihre Nahrung besteht in mancherlei Fleischspeisen, die sie in reichem Maße genießen, nnd ihr Getränk in Honigwein; denn Honig liefert ihnen das Land im Ueberfluß, der Wein aber wird ihnen über die See von den Kaufleuten zugeführt. Unter den benachbarten Völkerschaften ist der Stamm der Vaccäer der gesittetste. Diese vertheilen jedes Jahr die Felder zum Bebauen, ernten die Früchte gemeinschaftlich ein, und geben davon Jedem seinen Theil. Wenn ein Arbeiter auf dem Feld Etwas entwendet, so ist darauf die Todesstrafe gesetzt. Die tapfersten unter den Iberern find die Lusitaner. Sie führen im Krieg einen ganz kleinen aus Sehnen geflochtenen Schwungschild, der stark genug ist, um den Körper hinreichend zu schützen. Sie wissen im Gefecht, indem sie ihn bähende bald nach diesem, bald nach jenem Theil des Körpers herumschwin- gen, jedes Geschoß, das auf sie gerichtet ist, geschickt abzuwehren. Ihre Wurfspieße sind ganz von Eisen nnd haben Widcrhacken. Die Helme und Schwerter sind ungefähr wie bei den Celtiberern. Mit den Spießen treffen sie gut und weit. Ucberhaupt können ihre Waffen stark verwunden. Sie sind gewandt und leichtfüßig, und daher im Fliehen nnd Verfolgen schnell. Bei Unfällen aber stehen sie im Ausdauer« der Beschwerden den Celtiberern weit nach. Zu ihren Beschäftigungen im Frieden gehört ein leichter Tanz, der große Gelenkigkeit der Beine erfordert. Im Kriege schreiten sie nach dem Takt und singen Schlachtlieder, wenn sie dem Feind entgegengehen. Ein Gewerbe eigener Art kommt unter den Iberern und namentlich unter den Lusita- 5^o Diodor's historische Bibliothek. nern vor. Aus der allerärmsten Volksklasse sammeln sich die Leute, die in den besten Jahren stehen und durch Körperstärke und Muth sich hervorthun, in den unwegsamen Gc- birgsländern, ohne Itwas auf die Reise mitzunehmen als ihre Tapferkeit und ihre Waffen; da bilden sie ansehnliche Bauden, durchstreifen Jberien und sammeln sich Reichthümer durch Räuberei. Dieses Geschäft treiben sie mit der größten Frechheit fort. Denn da sie leichter Waffen sich bedienen und äusserst gelenkig und schnell sind, so wird es den Andern schwer, sie zu überwältigen. Die unwegsamen und rauhen Gegenden in den Gebirgen, wo große und schwergerüstete Heere nicht wohl durchkommen können, betrachten sie geradezu als ihre Heimath, wohin sie ihre Zuflucht nehmen. Daher waren auch die Römer, welche häufig gegen sie zu Felde zogen und wohl dem Uebermaß ihrer Frechheit ein Ziel setzten, doch nie im Stande, so viel Mühe sie sich gaben, das Räuberleben ganz zu vertilgen. ZL. Nachdem wir von den Iberern Nachricht gegeben, wird es, wie wir glauben, nicht am unrechten Orte seyn, von den Silberbergwerken in ihrem Lande zu erzählen. Gegrabenes Silber ist beinahe sonst nirgends so häufig und so schön, und der Bergbau gewährt in diesem Lande einen reichen Ertrag. Wir haben schon in den frühern Büchern, bei der Geschichte des Hercules, *) des Gebirges in Jberien erwähnt, das man die Pyrenäen heißt. Nicht nur durch seine Höhe, sondern auch durch seine Länge zeichnet es sich vor andern Gebirgen aus. Denn es erstreckt sich vom südli- IV, 18. 19. findet sich Nichts davon. Fünftes Buch. 54r chen Meere beinahe bis zum nördlichen Ocean, indem es Gallien von Jbcrien und Celkibericn scheidet, und dehnt sich ungefähr dreitausend Stadien weit aus. Es hat viele Wälder, Licht mit Bäumen besetzt. Nun sagt man, in den alt«, Zeiten sey durch die Schuld einiger Hirten Feuer ausgegangen, und die ganze Gebirgsgegend völlig ausgebrannt; viele Tage lang.habe das Feuer beständig geflammt, so daß sogar die Oberfläche der Erde in Brand gerathen sey; von diesem Ereignis; habe das Gebirge den Namen Pyrenäen erhalten; ') auf der Oberfläche des verbrannten Landes sey Silber in Menge geflossen; es seyen nämlich die Massen, aus welchen das Silber gewonnen wird, geschmolzen und daraus viele Bäche von gediegenem Silber entstanden. ,,Da die Einge- bornen den Werth desselben nicht kannten, so kauften die Handeltreibenden Phönicier, die das Ereignis: erfuhren, das Silber um einen geringen Preis, indem sie andere Waaren dafür gaben. Die Phönicier verführten es nun nach Griechenland und Asien und unter alle übrigen Völker, und erwarben sich damit große Reichthümer. So weit ging die Gewinnsucht der Kaufleute, daß sie, wenn die Schiffe voll geladen und noch viel Silber vorräthig war, das Blei au den Ankern abschlugen und mit Silber die Stelle des Bleis ersetzten." Da die Phönicier den Handel viele Jahre auf diese Art trieben, so bereicherten sie sich auf lange Zeit und darum sandten sie so viele Kolonien aus, theils nach Sicilieu und den benachbarten Inseln, theils nach Libyen, Sardinien und Jberien. *) Pyr heißt im Griech. Feuer. 542 Diodor's historische Bibliothek. 56. Lange Zeit nachher legten die Iberer, nachdem sie die Eigenschaften des Silbers kennen gelernt hatten, beträchtliche Bergwerke an. Daraus zogen sie großen Gewinn, weil das Silber, das sie gruben, sehr schön war und in solcher Menge, wie nicht leicht sonst irgendwo. Es verhält sich mit dem Bergbau und der Bearbeitung des Metalls bei den Iberern auf folgende Art. Die Bergwerke von Kupfer, Gold *) und Silber sind so anfferordentlich ergiebig, daß die Arbeiter in den Kupferwerkstättcn aus der Erde, die sie ansgraben, den vierten Theil reines Metall erhalten, solche Bürger aber, die auf Silber bauen, zum Theil in drei Tagen ein Euböisches Talent ") gewinnen. Denn die Stufen sind ganz voll von gediegenen, glänzenden Metallkörnern. Man muß daher die Beschaffenheit des Bodens eben so sehr bewundern als den emsigen Fleiß der Menschen, die ihn bearbeiten. Zuerst betrieben Bürger aus niedrigem Stande den Bergbau, und erwarben sich damit große Reichthümer, da die Silberstufen-so offen lagen und so reichhaltig waren. Später, als die Römer Iberien unter ihre Herrschaft brachten, strömte zu den Bergwerken eine Menge von Menschen aus Italien herbei, die durch ihre Gewinnsucht große Summen daraus zu ziehen wußten. Sie kaufen nämlich Sklaven in großer Zahl, welche sie den Aufsehern über die Arbeiten in den Bergwerken übergeben. Diese offnen Schachte an verschiedenen Stellen, graben tief in den Boden und sn- *) Lad ist vielleicht zu tilge». ") Wie sich das Sul'öische Talent zum Attischen verhielt, ist ungewiß. Fünftes Buch. 5^3 che!i so die reichhaltigsten Adern von Silber und Gold in der Erde auf. Sie fahren nun in die Gruben 5 setzen die Grnben auf viele Stadien weiter fort, nicht blos in die Länge, sondern auch in die Tiefs, und führen mancherlei quer- laufende und gewundene Gänge in den Schachten. Aus diesen Abgründen bringen sie die Stufen herauf, die ihnen so viel eintragen. Z7. Ein großer Unterschied zeigt sich, wenn man diese Bergwerks mit denen in Attika vergleicht. Dort wenden die Unternehmer große Summen auf die Arbeiten; allein es ist manchmal geschehen, daß sie, statt den gehofftcn Ertrag ihrer Bergwerke zu gewinnen, verloren, Was sie hatten. Es scheint ihnen mithin so unglücklich zu gehen, wie jenes Räthsel sagt. *) In Spanien hingegen sehen die Besitzer der Bergwerke ihre Hoffnungen befriedigt **) und sammeln sich große Schätze durch dieses Gewerbe. Denn da der Boden in dieser Rücksicht so vorzüglich ist, so gelingen schon die ersten Versuche, und dann findet man nach und nach immer glänzendere Adern, reich an Silber und Gold. Durch die ganze Umgegend ziehen sich nämlich die Striche des Metalls in vielfachen Krümmungen. Zuweilen trifft man in der Tiefe auch auf unterirdische Ströme, die man aber überwäl- *) Man versteht darunter das Räthsel der Fischerknaben in der. dem Herodot beigelegten. Lebensbeschreibung Homer's (C. Zü.): ..Was wir gefangen, haben wir zurückgelassen, und Was wir nicht gefangen, bringen wir mit." Vergl. Strabo III, 2. ") Nach zirraXXovs>)'ot scheint «xoXolfAwg ausgefallen zu seyn. 5^4 Diodor's historische Bibliothek. tigt und in ihrem Lauf hemmt, wenn sie quer gegen den Schacht fließe». Den» die untrügliche Hoffnung des Gewinns treibt die Leute an, daß sie beharrlich ihr Vorhaben durchsetzen. Und das geschieht durch ei» ganz ansscrordcnt- lichcs Mittel. Sie schöpfen das einströmende Wasser mit den sogenannten Acgyptischen Schrauben aus, welche A r ch i- mcdes von Syrakus während seines Aufenthalts in Ae- gyptcn erfunden hat. Dadurch treiben sie es in Einem Zuge fort an den Eingang hinauf, bis der Schacht trocken gelegt und wieder so hergestellt ist, daß man die Arbeiten fortsetzen kann. Vermittelst dieser äusserst künstlichen Maschine wird mit geringer Arbeit eine unermeßliche Menge Wassers wun- dcrbarcrweise herausgeschafft und der ganze hercinfliekcndc Strom leicht aus der Tiefe gegen die Oberfläche abgeleitet. Mit Recht bewundert man die Geschicklichlcit des Künstlers, nicht nur bei dieser, sondern auch bei vielen andern wichtigeren Erfindungen, die in der ganzen Welt berühmt geworden sind. Wir werden dieselben im Einzelnen genau beschreiben, wenn wir auf das Zeitalter des Archimedes kommen. 58. Die Arbeiter, die in den Bergwerken beschäftigt sind, liefern ihren Herrn einen so unglaublich großen Gewinn , und sie selbst müssen in den Schachten unter der Erde Tag und Nacht zum Schaden ihrer Gesundheit sich abmühen. Viele sterbe» hin von der übermäßigen Anstrengung; denn nie dürfe» sie sich erholen noch die Arbeit aussetzen, sonder» unter den Schlägen der Aufseher, welche sie zwingen, das schwere Ungemach auszuhalten, opfern die Unglücklichen ihr Leben auf. Einige besitzen so viel körperliche und Fünftes Buch. 5^5 geistige Kraft zum Ansdauern, daß sie lange Zeit ihre Leiden tragen müssen. Denn wünschcnswcrther ist für sie der Tod alö das Leben in diesem leidensvollen Zustand. Unter den vielen befremdenden Erscheinungen bei den genannten Bergwerken fällt besonders der Umstand auf, daß keine dieser Gruben erst frisch angelegt, sondern alle schon durch die geldgierigen Karthager zur Zeit, da sie Herrn von Jberien waren, eröffnet sind. Daher kommt eö nämlich, daß ihre Macht so hoch gestiegen ist. Sie nahmen die besten Streiter in Sold, und durch diese führten sie so viele schwere Kriege. Denn die Karrhager haben sich überhaupt bei allen ihren Kriegen weder auf einheimische noch auf die von ihren Bundesgenossen zusammengebrachten Truppen verlassen; sonder» den Römern, den Siciliern und Einwohnern von Libyen wurden sie im Kampf nur dadurch fürchterlich, daß sie gegen Jedermann das Geld als Waffe brauchten, das ihnen die reichen Bergwerke lieferten. Don Alters her waren nämlich, wie man leicht sieht, die Pöncr eifrig bedacht, den Gewinn aufzusuchen, die Leute in Italien aber, ihn keinem Andern zu lassen. Man findet auch Zinn in vielen Gegenden von Jberien; es liegt aber nicht zu Tage (gewisse Geschichtschreiber haben, diese Meinung verbreitet), sondern man gräbt und schmelzt es ebenso, wie das Silber und Gold. Jenseits des Gebiets der Lnsitaner gibt es nämlich viele Zinngruben, auf den kleinen Inseln im Ocean, welche Jberien gegenüber liegen und eben aus diesem Grunde die Zinn-Inseln heiffen. Viel Zinn wird auch von der Insel Britannien in das nächstgelc- gene Gallien und dann von den Kaufleuten auf Pferden 546 Diodor's historische Bibliothek. durch das Innere des Ccltenlandes bis zu den Masstliern snach Marseille) und nach der Stadt Narbo sNarbonne) verfuhrt. Dieß ist eine Pflanzstadt der Römer, die wegen ihrer vortheilhaften Lage und ihres Reichthums *) der bedeutendste Handelsplatz in jener Gegend ist. Zg. Nachdem wir jetzt von den Galliern, den Celtibe- rern und auch den Iberern berichtet haben, so wollen wir zn den Li guren '*) übergehen. Diese haben eine» harten und äusserst armseligen Boden zn bebauen. Sie führen ein mühevolles, elendes Leben unter lauter Anstrengungen und fortwährenden beschwerlichen Frohndicnstcn. Einige hauen den ganzen Tag Holz (denn es ist eine waldige Gegend); da führen fle gewaltige Aerte; es sind schwere Eisenklötze. Andere bauen das Feld, oder vielmehr, fle schlagen Steine; denn der Boden ist so ausscrordenllich hart, daß fle mit ihren Hacken keine einzige Erdscholle herausbringen ohne Stein. So beschwerlich aber auch ihre Arbeiten sind, so überwinden fle doch die Natur durch Beharrlichkeit und gewinnen mit vieler Mühe wenigstens nothdürftig einige Früchte. Bei der beständigen Uebung und der sparsamen Kost haben fle einen hagern und kräftigen Körperbau. Sie haben bei ihren mühsamen Geschäften die Weiber zur Hülfe, die gleich den Männern zu arbeiten gewohnt sind. Die Jagd treiben fle immerfort, und damit ersetzen fle, weil sie viel Wild erlegen, *) Diese Worte, xal r?)v rvTio^i«», sind vielleicht ein unächter Ansatz, veranlaßt durch küxai^ic-n und e/t7tö- x-rov (e/l7io(>Liao). Fünftes Buch. 547 den Mangel an Feldfrüchten. Ebendarum, weil beschneite Gebirge ihr Aufenthalt sind und sie an das Klettern in ungeheuren Bergschluchten sich gewöhnen, erlangen sie so viel Gelenkigkeit und Muskelkraft. Da die Früchte bei ihnen so selten sind, so haben Manche Nichts zu trinken als Wasser und Nichts zu essen als Fleisch, von zahmen und von wilden Thieren; auch stillen sie den Hunger mit den Gemüsen, die in ihrem von den willkommensten Gottheiten, Demeter und Dionysos, unbesnchten Lande wachsen. Die Nacht bringen sie auf dem Felde zu; selten in einer Art von schlechten Hütten oder Zelten, meistens in hohlen Felsen und andern natürlichen Höhlen, die groß genug sind, ein Obdach zu gewähren. Damit stimmt ihre übrige Lebensart überein, worin die ungekünstelte Sitte der alten Welt noch herrscht. In der That haben in diesen Gegenden die Weiber so viel Kraft und Muth als sonst die Männer, und die Männer so viel als die wilden Thiere. Man sagt, es sey in Kriegen schon oft geschehen, daß der größte Gallier von einem ganz hagern Liguren zum Zweikampf herausgefordert und erlegt worden sey. Die Rüstung der Liguren ist leichter gearbeitet als die der Römer. Sie bedecken sich mit einem langen Schild, der nach Gallischer Weise gefertigt ist, und mit einem durch einen Gürtel zusammengehefteten Rock, über dem sie Thierfelle tragen; an demselben hängt ein kleines Schwert. Einige haben aber, da sie mit Römischen Sitten bekannt wurden, ihre Bewaffnung geändert und sich darin ihren Anführern gleich gestellt. Kühnheit und Muth beweisen sie nicht blos im Krieg, sondern auch bei andern mißlichen Füllen, die im menschlichen Leben vorkommen. Sie befahren des 5',8 Diodor's historische Bibliothek. Handels wegen das Sardinische und das Libysche Meer und begeben sich ohne Bedenken in Gefahren, wo keine Hülfe möglich ist. Denn sie haben Fahrzeuge, die schlechter sind als Nachen, lind sind mit den übrigen Bedürfnissen der Schiffahrt fast gar nicht versehen; ') und doch halten sie zmn Erstaunen aus, wenn sie auch in die furchtbarsten Stürme gerathen. zo. Nun haben wir noch von den Tyrr heuern zu sprechen. Sie zeichneten sich ehmals durch Tapferkeit aus machten viele Eroberungen; auch erbauten sie viele bedeutende Städte. Jbre Seemacht war ebenfalls beträchtlich, und lange Zeit waren sie Herrn des Meeres; daher erhielt von ihnen das Meer an Italien den Namen: das Tyrrheni- sche. Bei den Landtruppcn trafen sie bessere Einrichtungen. Sie sind die Erfinder der, ebendarum so genannten, Tyrrhe- uischcn Trompete, die im Krieg sehr gute Dienste thut. Den Oberbefehlshabern verschafften sie ein größeres Ansehen, indem sie dem Anführer Lictoren, einen elfenbeinernen Stuhl und ein mit Purpur verbrämtes Gewand gaben. * **) ') Auch erfanden sie die Vorhallen an den Häusern, welche den Zweck haben, daß man nicht durch die aufwartende Volksmenge beunruhigt wird. Die meisten dieser Einrichtungen haben die Römer nachgeahmt und, in größerer Vollkommenheit, in ihrem Staat eingeführt. Die Wissenschaften, die Naturkunde und die Götterlehre sind von den Tyrrhcnern weiter *) Nach Schäftr's Verbesserung xarsctxkucrctztkvor für X«- rkoxLvacrzrLvolg. **) Vergl. Livius k, 8. Fünftes Buch. 549 gefördert worden; besonders mit der Beobachtung des Donners haben sie sich mehr als irgend ein anderes Volk beschäftigt. Daher achten noch bis aus die gegenwärtige Zeit die Beherrscher beinahe der ganzen Welt diese Leute hoch und gebrauchen sie als Zeichendeuter bei Dvnnerschlägen. Da sie ein fruchtbares Land bewohnen und es fleißig bebauen, so haben sie Früchte im Uebcrfinß, nicht blos zum nothdürf- tigc» Unterhalt, sondern so, daß sie in reichen Genüssen schwelgen können. Zweimal des Tags halten sie kostbare Tafel, wobei überhaupt die äusserste Ueppigkeit herrscht; es werden geblümte Teppiche gedeckt und eine Menge fllber« ncr Trinkgeschirre aller Art aufgestellt; auch steht eine große Zahl aufwartender Diener bereit, die sich theils durch ihre schöne Gestalt auszeichnen, theils mit köstlicheren Kleidern, als Sklaven ziemt, geschmückt sind. Mancherlei Vergnügungen * **) ) eigener Art haben bei ihnen nicht blos die Sklaven sondern auch die Meisten der Freigebornen. Ueberhanpt hat sich die Tapferkeit, die seit alten Zeiten bei ihnen zu Hause war, verloren. ") Was aber hauptsächlich ihre Verweichlichung beförderte, das sind die Vorzüge ihres Landes, Das *) Nach der Lesart der Handschriften hieße es: „Wohnungen", was keinen schicklichen Sinn gibt. Sollte nicht oix^ccklg ans ävxcrktg lvcrgl. lV, 44.) entstanden seyn? **) Hier folgt in den Handschriften, zwei ausgenommen, ein erklärender Znsaiz: „Da sie bei Trinkgelagen und in unmännlicher Weichlichkeit ihr Leben zubringen, so ist es kein Wunder, daß sie im Krieg den Ruhm der Vater verloren haben." Diodor. 5s Bdchn. 2 55o Diodor's historische Bibliothek. Feld, das sie bauen, ist sehr ergiebig und hat einen vortrefflichen Bode»; es liefert ihnen also einen reichen Verrath von Früchten aller Art. Einen sehr vorzüglichen Boden hat nämlich das ganze Land Tyrrhenien; es zieht sich in weitenMbenen hin, die von höher gelegenen hügeligen Ackerfeldern unterbrochen sind; Feuchtigkeit bat es hinreichend, nicht blos in den Wintermonaken, sondern auch zur Sommerszeit. L>. Nachdem wir von den Ländern gegen Westen und gegen Norden und von den Inseln im s Atlantischen Z Ocean Nachricht gegeben, so werden wir jetzt die südlichen Inseln in dem Ocean au der Ostseite von Arabien, wo dieses Land an Kedrofla fMekranf grenzt, genau beschreiben. In Arabien gibt es viele Dörfer und bedeutende Städte; diese Wohnorte sind zum Theil auf ansehnlichen Vrdwällen, zum Theil auf snatürlichenj stachen Anhöhen *) erbaut. In den größten derselben stehen prächtige Paläste; zu diesen Gebäuden, die eine große Zahl von Bewohnern haben, gehören beträchtliche Landgüter. Das ganze Land ist voll von Heer- den aller Art; denn es ist fruchtbar, und das Vieh findet da reiche Waide. Durch die vielen Flüsse," die es durchschneide», wird ein großer Theil des Landes bewässert; was dazu beiträgt, die Früchte zu vollkommener Reife zu bringen. Die vorzüglichste Gegend von Arabien hat daher einen entsprechenden Namen erhalten; sie heißt das glückliche Arabien. An der äussersten Grenze dieses Landes nun liegen *) Die andere Lesart: „auf Anhöhen oder Ebenen", schickt sich nicht zum Vorhergehenden. Fünftes Buch. 55 1 der Küste gegenüber im Ocean mehrere Inseln, wovon drei eine Beschreibung in der Geschichte verdienen. Eine heißt die heilige; auf dieser darf man die Todte» nicht begraben. Eine andere liegt in der Nahe derselben , ungefähr sieben Stadien entfernt; hiehcr führt man die Leichen der Verstorbenen, um sie da zu bestatten. Die heilige Insel liefert kein anderes Erzeugniß als Weihrauch, diesen aber in solcher Menge, daß man die Tempel der Götter in der ganzen Welt damit versorgen könnte. Auch bringt fle äusser- ordentlich viel Myrrhen hervor und allerlei andere Arten von Ranchwerk, welche sehr wohlriechend sind. Die Entstehung und Bereitung des Weihrauchs ist folgende. Es ist ein Baum von geringer Höhe, an Gestalt dem Aegyptischen Weißdorn ähnlich; die Blätter des Baums gleichenden Wei- denblättern und die Blüthen, die er trägt, sind goldgelb. Der Weihrauch, der von demselben gewonnen wird, schwizt tropfenweise aus. Der Myrrhenbanm ist dem Mastir ähnlich; nur sind seine Blätter kleiner und dichter. Der Saft schwiyt aus, wenn man die Erde um die Wurzeln her abgräbt. Dieß geschieht bei den Bäumen, die in einem guten Boden stehen, zweimal des Jahrs, im Frühling und im Sommer. Der im Frühling gewonnene Saft ist roth vorn Thau, der vom Sommer ist weiß. Man sammelt auch die Frucht der Mehlbeerstaude und gebraucht sie zu Speisen und Getränken, auch zu einer Arznei gegen den Durchlauf. z-. Das Land ist unter die Einwohner ausgetheilt; der König erhält den besten Theil und überdieß den Zehnte» von den Früchten, die auf der Insel wachsen. Die Breite 2 * 552 Dkodor's historische Bibliothek. der Insel soll gegen zweihundert Stadien betragen. Die Insel ist von den sogenannten Panchäern bewohnt. Diese bringen den Weihrauch und die Myrrhen an's Festland herüber »nd verkaufen sie an die Arabischen Handelsleute, von denen dann Andere diese Waaren kaufen und nach Phönicien, Lölesyrien und Aegypten führen; endlich werde» sie durch Kaufleute aus dieseichGegenden iu die ganze Welt verführt. ES gibt noch eine andere große Insel, die von der so eben beschriebenen dreißig Stadien entfernt ist, gegen den östlichen Theil des Oceans hin gelegen und viele Stadien lang. Denn von dem östlichen Vorgebirge aus, heißt es, sehe man Indien , wegen der weiten Entfernung hoch in der Luft. Pan- chäa selbst enthält Manches, was in der Geschichte aufgezeichnet zu werden verdient. Die Bewohner sind theils Ur- eingeborne, Panchäer genannt, theils Ankömmlinge vom Ocean her und aus Indien, Scythien und Kreta. Es ist auf der Insel eine bedeutende Stadt, mit Namen Pauara, die sich durch ihren Reichthum auszeichnet. Die Einwohner derselben heiffen Schutzgenoffen *) des Zeus Triphylios und sind unter den Bürgern des Landes Panchäa die Einzigen, die unabhängig und ohne König leben. Sie ernennen jährlich drei Vorsteher; diese haben zwar nicht über Leben und Tod Gewalt, aber sonst entscheiden sie Alles; übrigens bringen sie von selbst das Wichtigste vor die Priester. Ungefähr sechzig Stadien von dieser Stadt entfernt steht in einer ebenen Gegend ein Tempel des Zeus Triphylios, welcher sehr ') Andere Lesart: Hausgenossen. Fünftes Buch. 553 hoch geachtet ist wegen seines Alters sowohl als wegen der kostbaren Bauart und der geschickten Lage. *) äZ. Die Ebene um den Tempel ist dicht besetzt mit Bäumen aller Art, nicht blos fruchttragenden, sondern auch solchen, die nur das Auge ergötzen. Von aufferordentkich hohen Cyprcssen, Platane», Lorbeerbäumen und Myrthen ist die Gegend voll, da sie Quellwaffer in Menge hat. Denn nahe au dem Tempel entspringt aus dem Boden eine Quelle süßen Wassers, die so stark ist, daß ein schiffbarer Fluß daraus wird. Er theilt sich in Bäche, und so wird die Gegend in vielen Richtungen bewässert. Daher ist der ganze Raum der Ebene mit hohen Bäumen bewachsen und bildet ununterbrochene Schattengänge, wo sich eine Menge von Menschen zur Sommerszeit aufhält und eine große Zahl von allerlei Vögeln nistet, die durch ihre Farben sich auszeichnen und durch ihren Gesang viel Vergnügen gewähren. Auch findet man mannigfaltige Gartenanlagen und viele Wiesen mit den schönsten Krautern und Blumen. Es ist ein so herrlicher Anblick, daß man einen der Götter des Landes würdigen Wohnsitz zu sehen glaubt. Es gibt ferner hochgewachsene und äusserst fruchtbare Palmbäume und viele Nußbäume, welche den Einwohnern Nüsse in reichem Maß zum Verspeisen liefern. Ueberdieß haben sie viele Weinstöcke von mancherlei Arten, welche mau in die Höhe zieht und vielfach ineinander flieht, so daß sie angenehm**) in's Auge fal- *) Nach Reiske's Verbesserung rHv . . . rvPv'tan für kÜPlssag. **) Nach der Lesart 7i(>o'«wchr»' (wofür Dulders 554 Diodor's historische Bibliothek. len und die Früchte * *) sich von selbst zum Genuß darbieten. äi. Der Tempel ist ein ansehnliches Gebäude, von weißem Stein. Seine Länge beträgt zweihundert Fnß, und die Breite steht im Verhältniß zu der Länge. Er ruht aus hohe», dicken Säulen, und ringsum *') sind Bildwerke kunstreich eingegraben. Sehr sehenswerth sind auch die Bildsäulen der Götter; die Arbeit ist ausgezeichnet und die Massen zum Erstaunen. Rund um den Tempel haben ihre Häuser die Priester, durch welche der Gottesdienst und alle Geschäfte bei dem Heiligthum besorgt werden. Von dem Tempel aus ist eine Bahn angelegt, vier Stadien lang und hundert Fuß breit. Zu beiden Seiten der Bahn stehen große Kupferbecken auf viereckichteu Gestellen. Am Ende der Bahn hat der vorhin erwähnte Fluß seine reichlich sich ergießenden Quellen. Das Wasser des Stromes ist außerordentlich hell und süß, und der Gebrauch desselben für die Gesundheit des Körpers sehr zuträglich. Dieser Fluß heißt Sonnenwaffer. Die ganze Quelle ist von einer kostbaren steinernen Einfassung umgeben, die auf beiden Seiten vier Stadien weit fortgesetzt ist. Bis an's Ende der Einfassung darf ausser den Priestern kein Mensch den Platz betreten. Das angrenzende r. Ns>0. setz». Vielleicht ist aber die andere, oturiav .itzserochtn, entstanden aus oex/crs TrstöoochtV. „so daß es wie ein Haus (Zimmer) aussieht." *) Nach Reiske's Vermuthung für /«(>«§- *') Es ist wohl sslSeXiMirnos beizubehalten, für uoeg aber zu lesen. Fünftes Buch. 555 Feld ist auf zweihusi'oert Stadien den Göttern geheiligt; und der Ertrag desselben wird auf die Opfer verwendet. Jenseits dieses Feldes liegt ein Berg, welcher den Göttern geweiht ist und der Stuhl des Uranos, auch der triphy- li sche Olymp heißt. Nach der Sage war nämlich ehmals, da Uranos die Welt beherrschte, dieser Ort ein Lieblingsanf- enthalt desselben; er soll auf der Höhe den Himmel beschaut haben und die Gestirne am Himmel. „Später wurde der Berg der triphylische *) Olymp genannt, weil die Bewohner aus drei Völkern bestanden. Das eine hieß Pauchäer, das andere Oceaniten, das dritte Dojer. Die Letztem wurden nachher von Ammon vertrieben. Ammon verjagte nicht blos das Volk, sondern riß auch ihre Städte von Grund aus nieder; er zerstörte Doja und Aster usia. Die Priester bringen auf dem Berge jährlich ein Opfer mit großer Feierlichkeit." t>5. „Hinter diesem Berge und in dem übrigen Pan- chäerlaude gibt es mancherlei Thiere in großer Zahl. Man findet daselbst viele Elephanten, Löwen, Panther, Gazellen, und andere Thiere mehr, von sonderbarer Gestalt und bewundernswürdiger Stärke. Die Insel hat ferner drei bedeutende Städte, Hyracia, Dalis und Ocean; s. Das ganze Land ist fruchtbar, und besonders an allerlei Weinen reich. Die Einwohner sind kriegerisch; sie bedienen sich nach alter Sitte der Streitwagen." Die sämmtlichen Bürger sind in drei Klassen eingetheilt. Die erste Klaffe bilden hier die Priester, welchen die Handwerker beigesellt sind, die *) Treis phplai heißt „drei Stämme". 356 Diodor's historische Bibliothek. zweite ist die der Landbauern, die dritte die der Krieger, zu denen die Hirten gezählt werden. Die Priester sind eS, unter deren Leitung Alles steht; sie entscheiden nicht nur die Streitsachen, sondern leiten auch die andern öffentlichen Geschäfte. Die Ackerleute liefern die Früchte von den Feldern, welche sie bauen, als Gemeingut ab, und Wessen Feld am besten bestellt erfunden wird, der erhält einen Preis zur Aufmunterung der Andern; bei der Austheilung der Früchte wird nämlich Dem, welchen die Priester für den Ersten, den Zweiten erklären, und sofort bis zum Zehnten, ein Vorzug gegeben. Auf dieselbe Weise geben die Hirten das Opfervieh *) ab und andere Lieferungen zu gemeinschaftlichem Gebrauch , die auf's genaueste nach der Zahl »der nach dem Gewicht bestimmt sind. Es darf nämlich überhaupt Niemand ein Eigenthum besitzen ausser einem Haus und einem Garten. Alle Erzeugnisse und Einkünfte aber ziehen die Priester ein, die dann Jedem zutheilen, was ihm nach dem Recht gebührt. Die Priester allein erhalten einen doppelten Antheil. Die Einwohner kleiden sich in weiche Gewänder, weil es bei ihnen Schafe von vorzüglich feiner Wolle gibt. Auch tragen sie goldenes Geschmeide, nicht blos die Weiber, sondern auch die Männer; um den Hals gedrehte Ketten, und Armbänder um die Hände; in den Ohren haben sie Ringe hangen, wie die Perser. Ihre Schuhe sind wie die gewöhnlichen **), aber aufferordcntlich bunt gefärbt. *) Andere Lesart: die Wolle. **) Nach Wesseling's Vermuthung, xotXttrg für xolUcrkg, hieße es: sind gehöhlt fnicht bloße Sohlen^ und a. b. g. Fünftes Buch. 55^ 46. Von den Krieger» erhalr Jeder einen bestimmten Sold; dafür beschützen sie das Land, indem sie sich in Festungen und Lager vertheilen. Es gibt nämlich in einem gewissen Theil des Landes Bande» frecher, wilder Räuber, welche den Landlcuten auflauern nnd sie anfallen. Die Priester thun es im Lnrus den Andern weit zuvor nnd zeigen in ihrer ganzen Lebensart mehr Reinlichkeit und Prachtliebe. Sie haben leinene Rocke, welche äusserst fein und zart sind; zuweilen tragen sie anch Kleider vom feinsten Wollenzeug. Ferner haben sie mit Gold durchwirkte Kopfbinden, statt der Schuhe aber bunte, künstlich gearbeitete Sohle». Goldenen Schmuck tragen sie gleich den Weibern, nur keine Ohrringe. Ihr Hauptgeschäft besteht in dem Dienste der Götter nnd dem Absingen der ihnen geweihten Hymnen und Loblieder, worin die Thaten derselben und die Wohlthaten, welche ihnen die Menschen verdanken, beschrieben sind. Die Sage der Priester erzählt, ihr Geschlecht stamme aus Kreta und sey von Zeus, als er unter den Menschen lebte und die Welt beherrschte, nach Panckäa geführt worden. Sie wollen Das aus der Sprache beweisen, indem sie zeigen, das; bei ihnen die meisten Dinge noch Kretische Namen haben. Auch behaupten sie, ihre enge freundschaftliche Verbindung mit den Kretern komme von den Vorfahren her, denn jene Ueberlieferung habe sich stets auf die Nachkomme» fortgepflanzt. Sie weisen auch Inschriften auf, die Dieses bezeugen, und die Zeus geschrieben haben soll, als er den Tempel erbaut, zu der Zeit, da er sich noch unter den Menschen aufhielt. Das Land hat reiche Bergwerke, Gold, Silber, Kupfer, Zinn und Eisen; und davon darf man Nichts aus 258 DSydpx's historische Bibliothek. der Insel ausführen. Die Priester dürfen sogar über den geweihten Bezirk schlechterdings nicht hinausgehen; Wer Einen ausserhalb antrifft, hat das Recht, ihn zu todten. Den Göttern sind viele goldene und silberne Geschenke von hohem Werth gewidmet; im Lauf der Zeit hat sich nämlich ein großer Schah solcher heiligen Weihgcschenke gesammelt. Bewundernswerth ist die Arbeit an den Thüren des Tempels , die aus Silber, Gold, Elfenbein und Holz vom Thya- banm -) zusammengesetzt sind. Das Bette des Gottes ist sechs * **) Ellen lang und vier Ellen breit, ganz von Gold und in den einzelnen Theilen sehr künstlich gearbeitet. Nahe bei dem Bette steht auch der Tisch des Gottes, verhältnißmäßig eben so groß und überhaupt eben so kostbar. An der Mitte des Bettes steht eine große goldene Säule, auf welcher mit den Schriftzügen, die bei den Aegyptern die heiligen heißen, die Thaten des Uranos und des Zeus aufgezeichnet, und darunter noch von Hermes die der Artemis und des Apollo beigeschrieben sind. So viel mag genug seyn über die im Ocean Arabien gegenüber liegenden Inseln. ***) 47. Wir wollen nun von den Griechischen Inseln im Aegäischen Meer erzählen, und den Anfang mit S a- mothrace machen. Diese Insel, behaupten Einige, habe ehmals Samos geheißen: als aber das jetzige Samos bevöl- * Bei den Römern eitrus. **) Ander« Lesart: sieben. **') Die Glaubwürdigkeit des Suhemerns, aus dessen „heiliger Geschichte" die Nachrichten über diese, sonst nirgends her bekannte», Inseln ohne Zweifel entlehnt sind, war schon den Alten verdächtig. Fünftes Buch. 55<> kcrt worden, habe man zum Unterschied das alte Samos, weil es in der Nähe von Thracien liegt, Samothrace genannt. Die Bewohner der Insel waren Urcingeborne; daher ist keine Ueberlieferung vorhanden, wer die Ersten gewesen, die in dem Lande gelebt und Die daselbst regiert haben. Lindere sagen, ehmals sey die Insel Savnnesos *) genannt worden, von den Ansiedlern aber, die aus Samos und aus Thracien dahin gekommen, habe sie den Namen Samothrace erhalten. Die Eingebornen haben ihre eigene alte Sprache gehabt, von welcher Manches bei den Opfern noch gegenwärtig beibehalten wird. Die Samothracier erzählen, es sey bei ihnen, früher als Dieß in andern Gegenden geschehen, eine große Wasserflnth entstanden, da zuerst die Mündung bei den Cyaneen, **) und dann der Hellespont durchgebrochen sey. „In dem Pontus nämlich sdem schwarzen Meer), der für einen Landsee galt, schwoll das Wasser durch die einströmenden Flüsse so lange an, bis sich endlich Las überfüllte Meer über das User ergoß und mit Gewalt in den Hellespont hinausstürzte, wobei die Küste von Asien weithin überschwemmt und aiift'Samothrace ein nicht geringer Theil des flachen Landes in Meer verwandelt wurde. Daher kommt es, Laß in der spätern Zeit die Fischer zuweilen steinerne Säulenköpfe in ihren Netzen heranfgezogen haben; da auch Städte in der Fluth untergegangen waren. Die Einwohner liefen den höhern Gegenden der Insel zu, als das Meer sie *) Andere Lesart: Samos. "*) Zwei Klippeninseln am Singang des schwarzen Meers. 56o Diodor's historische Bibliothek. überfiel; *) und da es immer weiter sich verbreitete, **) thaten sie den Göttern Gelübde. Nachdem sie dann gerettet waren, bezeichneten sie rings auf der ganzen Insel die Grenzen ihres Zufluchtsorts sdcs nicht überschwemmten Bezirks i, und errichteten Altäre, auf welchen man noch gegenwärtig opfert. Hieraus erhellt, daß sie schon vor der Überschwemmung Samothraee bewohnt haben." 48. „Später vereinigte Saon (nach Einigen ein Sohn des Zeus und einer Nymphe, nach Andern des Hermes und der Rhene) die zerstreut wohnenden Völkerschaften und gab ihnen Gesetze. Den Namen Sasn erhielt er von der Insel, und die fünf Stämme, in die er die sämmtlichen Einwohner theilte, benannte er nach seinen Söhnen. Während so der Staat sich bildete, wurden daselbst dem Zeus von der Elcktra, einer der Atlantiden, Dardanns, Jasion und Harmonia geboren. Dardanus, ein unternehmender Mann, war der Erste, der auf einem leichten Fahrzeug nach Asien übersetzte. Er erbaute für's Erste die Stadt D ardanns und gründete die Burg, die zu dem nachmaligen Troja gehörte; dem Volk gab er seinen Namen, Dardaner. Er brachte aber noch viele Völker in Asien unter seine Gewalt; auch die Kolonie von Dardanern jenseits Thracien ist von ihm gestiftet. Zeus wünschte, daß auch der andere Sohn zu Ehren gelangte: er gab ihm daher Anweisung zur Feier der Mysterien , die zwar schon lange auf der Insel im Gebrauch ») Andere Lesart: Diejenigen, die übrig bliebe», liefen u. s. w. ") Andere Lesart: immer höher stieg. Fünftes Buch. 56 1 waren, aber jetzt erst eigentlich gestiftet wurden, *) und von Denen ausser den Eingeweihten Niemand Etwas hören darf. (Er war der Erste, wie es scheint, welcher Fremde einweihte, wodurch die Mysterien erst berühmt wurden.) Später kam Kadmns, Agenor's Sohn, auf die Insel, als er die Europa suchte; er empfing die Weihe und verehlichte sich mit Harm onia» der Schwester des Jasion, nicht, wie die Sage der Griechen berichtet, der Tochter des Ares." /,g. ,,Dieß war die erste Hochzeit, an welcher Götter Theil nahmen. Demeter, welche den Jaston liebgewonnen, gab die Getreidefrucht zum Geschenk, Hermes eine Leier, Athene das bekannte Halsband **) und ein Gewand und Flöten, Elektra die Orgien mit Eymbeln und Pancken zu Ehren der sogenannten großen Mutter der Götter; Apollo spielte die Cither, und die Musen die Flöte; die übrigen Götter verherrlichten Lurch Segenssprüche das Fest. Kad- mus erbaute hierauf, dem durch Ueberlieferung bekannten Orakel zufolge, die Stadt Thcbä in Böotien. Jasion vermählte sich mit Cybele und zeugte den Kvrybas. Nachdem Jasion zu den Göttern entrückt war, verpflanzten Dardanns, Cybele und Kvrybas die Verehrung der Mutter der Götter nach Asien, und wanderten selbst mit nach Phry- gien aus. Cybele war zuerst mit Olympus vermählt und hatte die Alce geboren, und die Göttin Cybele hatte von ihr *) Nach Dindorf's Vermuthung, nacaXvAklcrcrn für 7 ia- (>aöo^kecr«n, hieße es: im Gebrauch, damals aber in Verfall gekommen waren. V-rgl. IV, 65. 66. 56s Diodor's historische Bibliothek. den Namen erhalten. Korybas aber gab den begeisterten Priestern der Mutter sdcr Götter) seinen Namen, Kory- banten, und nahm Thebe, die Tochter des Cilir, zur Ehe. Ebenso kamen von dort aus die Flöten nach Phrygicn hinüber, und die Leier des Hermes nach Lyrncssus, wo sie nachher dem Achilles zufiel, als er die Stadt zerstörte. Von Jaston und Demetcr wurde Plutus erzeugt, wie die Fabel sagt: die Bedeutung derselben aber, daß nämlich der Reichthum jPlntos) des Getreides ein auf der Hochzeit der Har- monia durch die Vermittlung des Jasion ertheiltes Geschenk sey, und Alles, was man sonst noch bei den Mysterien geheim hält, wird nur den Eingeweihten kund gemacht. ') Allgemein bekannt ist es aber, wie diese Götter, wenn die Eingeweihten in Gefahren sie anrufen, mit wunderbarer Hülfe erscheinen. Wer an den Mysterien Theil hat, wird auch frömmer und gerechter und in jeder Rücksicht besser als er zuvor war. Daher haben die berühmtesten unter den alten Helden und Halbgöttern sich eifrig bemüht, die Weihe zu empfangen. Jason, die Dioskuren, Hercules, Orpheus ließen sich einweihen und waren glücklich in allen ihren Unternehmungen, weil jene Götter ihnen nahe waren." 5o. Nachdem wir oo» Samothrace Nachricht gegeben, kommen wir in der Ordnung an Narns. Diese Insel hieß zuerst Strongyle, lind ihre ersten Bewohner waren Thracier. Wie sie dahin gekommen, erzählt folgende Wenn man. wie die meisten Handschriften, «ru weglas,t und 7icr(>ccöiöc!u«- setzt, so ist es nicht nöthig, ä«s>?^xt>rcc in zu verwandeln. 563 Fünftes Buch. Sage. „Butes und Lykurgus waren:Söhne des Bo- reas, nicht von derselben Mutter. Der jüngere, Bntes, stellte seinem Bruder nach dem Leben. Da sei» Anschlag entdeckt wurde, bestrafte ihn sein Vater blos dadurch, daß er ihm befahl, mit den Theilnchmern seines Vorhabens zu Schiffe zu gehen und sich ein anderes Land zum Wohnsitz zu suchen. Bntes schiffte sich daher mit seinen Mitschuldigen in Thracien ein, fuhr zwischen den Cykladischen Inseln hin und nahm die Insel Strongyle in Besitz; hier ließ er sich nieder und beraubte viele der Vorüberschiffenden. Da es aber seinen Leuten an Weibern fehlte, so schifften sie umher, um Weiber aus der Nachbarschaft zu rauben. Nun waren die Cykladischen Insel» theils völlig unbewohnt, theils nur wenig bevölkert. Butes segelte also mit seinen Leuten weiter, und nachdem sie in Enböa zurückgewiesen worden, fuhren sie nach Thessalien. Als sie hier an's Land stiegen, trafen sie in dem Phthiotischen Achaja auf dem Berge, welcher Drios heißt, die Pflegerinnen des Dionysos bei den Orgien des Gottes an. Alle warfen, da sie von Bntes und seinen Begleitern überfallen wurden, die heiligen Geräthe weg, und flohen entweder dem Meere zn oder auf den Berg Drios. KoroniS allein fiel den Räubern in die Hände und wurde zur Ehe mit Butes gezwungen. Entrüstet über die Gewaltthat der Räuber rief sie den Dionysos um Hülfe an. Dieser machte den Butes wahnsinnig, daß er sich in der Raserei in einen Brunnen stürzte und auf diese Art umkam." Die übrigen Thracier raubten andere Weiber, worunter I p h im e b i a, die Gattin des Aloe ns, und ihre Tochter Pankratis die Angesehensten waren. Mit den 564 Di'odor's historische Bibliothek. Entführten schifften sie denn nach Strongyle zurück. Statt des Butes machten die Thracier den Agaffamenus zum König der Insel, und gaben ihm Pankratis, die Tochter des Aloi-ns, znr Ehe, die durch Schönheit sich auszeichnete. Es hatten sich nämlich, ehe er gewählt wurde, die zwei vornehmsten Anführer, Siculus und Hecetorus, um Pankratis gestritten und einander umgebracht. Agaffamenus ernannte einen seiner Freunde zum Unterkönig, und gab ihm die Jphimedia zur Ehe. 5>. Alod'us schickte seine Söhne, Otus und Ephial- tes, aus, um seine Gattin und Tochter zu suchen. Sie schiffte» nach Skrongyle, besiegten die Thracier in einer Schlacht und eroberten die Stadt. Nun starb Pankratis, und Otus und Ephialtes cntschloßen sich, mit ihren Begleitern sich auf der Insel niederzulassen und die Fürsten der Thracier zu werden. Der Insel gaben sie einen andern Namen, Dia. Später entzweiten sie sich, und es wurde ein Treffen geliefert, in welchem sie selbst, Einer durch die Hand des Andern, sielen und viele Andere umkamen. Sie wurden von den Einwohnern seit dieser Zeit als Heroen verehrt. Nachdem die Thracier über zweihundert Jahre hier gewohnt hatten, wurden sie durch eine Dürre genöthigt, die Insel zu verlassen. Nachher wurde die Insel durch Ka rier bevölkert, die aus dem Lande, welches jetzt Lamia heißt, vertrieben waren. Ein König derselben, Narn s, Polemo's Sohn, hieß die Insel statt Dia nach seinem Namen Narus. Er war ein edler und berühmter Mann, und hinterließ einen Sohn, Leucippus. Zu der Zeit, da dessen Sohn Smerdius König auf der Insel war, kehrte Thesens Fünftes Buch. 565 daselbst eiu auf der Rückfahrt von Kreta mit Ariadne. Da erschien ihm Dionysos im Traum und bedrohte ihn, wenn er die Ariadne nicht ihm überließe. Daher ließ er sie aus Furcht zurück und schiffte weiter. Dionysos aber entführte die Ariadne bei Nacht auf den Berg Drios; nun verschwand zuerst der Gott, und nachher wurde auch Ariadne unsichtbar. 5,. Nach der Fabel, welche die Narier von diesem Gott erzählen, ist er bei ihnen erzogen worden; daher die Insel ihm sehr theuer, und von Einigen Dionysias genannt wurde. ,,Nachdem nämlich Zeus, der überlieferten Sage zufolge, die Semele vor ihrer Entbindung durch den Blitz gelobtet, nahm er das Kind und nähre es in seine Hüfte ein, bis es zur Geburt zeitig war, und dann nahm er es, damit Hera Nichts erführe, auf der Insel, die jetzt Narus heißt, heraus und übergab es den Nymphen dieses Landes, Philia, Koronis und Klide, zur Erziehung. Die Semele tödtcke er deßwegen mit dem Blitz, weil das Kind nicht von einer Sterblichen gebore» werden, sondern von zwei Unsterblichen stammen sollte, um von Geburt an unsterblich z» seyn. Das Verdienst, das sich die Einwohner durch die Ernährung des Dionysos erworben, blieb nicht un- belohnt. ,Die Insel erhob sich zu blühendem Wohlstand, und sie tonnten eine bedeutende Seemacht ausstellen. Sie waren die Ersten, die von lkerreS abfielen, und trugen mit ihrer Flotte das Ihrige bei, daß der Barbar zur See überwunden wurde; auch nahmen sie an der Schlacht bei Platää nicht unrühmlichen Antheil. Auch die Güte des dortigen Weines Diodor. 5s Vdchu. 3 566 Diodor's historische Bibliothek. ist ein Vorzug der Insel und ein Beweis von der Vorliebe des Gottes für dieselbe." 55. Die Insel, welche Syme heißt, war anfänglich unbewohnt. Die ersten Ansiedler kamen mit Triops dahin, unter der Anführung des Chthonins, eines Sohnes von Poseidon und Syme, von welcher die Insel ihren Namen erhalten hat. Später war Nireus daselbst König, ein Sohn des Charopus und der Aglaja, ein ausgezeichnet schöner Mann. Er zog mit Ägamemnon gegen Troja. Uebrigcns beherrschte er nicht blos diese Insel, sondern auch einen Theil von Knidien. Nach der Trojanischen Zeit nahmen die Karier, welche eben damals zur See mächtig waren, die Insel in Besitz. Sie mußten aber später wegen einer Dürre, die eingefallen war, die Insel verlassen, und nahmen ihren Wohnsitz in Uraninm. Nun blieb Syme unbewohnt, bis eine Flotte der Lacedämonier und Argiver in diese Gegenden kam, wo es dann auf folgende Art wieder bevölkert wurde. Unter den mit Hippo- tes ausgewanderten Pflanzern war Einer, Namens Nau- su s, der Die, welche bei der Anstheilnng des Landes verkürzt worden waren, zu sich nahm und sich mit ihnen auf dem unbewohnten Syme niederließ. Er gab auch einigen. Andern, welche später, unter der Anführung desLuthnS, daselbst landeten, das Bürgerrecht und Antheil an dem Grund und Boden der Insel, welcher jetzt gemeinschaftliches Eigenthum war. Auch Knidier und Rhodier sollen sich an diese Kolonie angeschlossen haben. 5z. Kalydna und Nisyrus waren ursprünglich von Kariern bewohnt. Nachher nahm Thessalns, der Fünftes Buch. 567 Sohn des Hercnle s, die beiden Inseln in Besitz. Daher führten Antiphus und Phivippus s Söhne des Thes- saluss, die Könige der Koär, in dem Krieg gegen Ilium auch die Mannschaft ans den obengenanuten Inseln an. Bei der Rückfahrt von Troja wurden vier von Agamemnon's Schiffen nach Kalydna verschlagen; die Leute ließen sich da nieder und vermischten sich mit den Einwohnern. Die alten Bewohner von Nisyrus kamen durch ein Erdbeben um. Sodann wurde auch diese Insel, wie Kalydna, von Koär» bevölkert. Spater schickten, nachdem die Leute an einer Seuche hingestorben waren, die Rhodier eine Kolonie dahin. Karpathus wurde erstmals zur Zeit des M in 0 s (er war in Griechenland der Erste, der zur See mächtig wurde) von einigen Gefährten seines Heerzuges bevölkert. Viele Menschcnalter später sandte Jvlkus, Drmoleon's Sohn, ein Argiver von Geburt, einem Orakclsprnche zu Folge, eine Kolonie nach Karpathus. 55. Die Insel, welche Rhodus heißt, bewohntem zuerst die sogenannten Telchinen. Sie waren nach der- Ueberlieferung Söhne der Thalassa sdes Meeres). Dier Fabel erzählt, sie haben mit Kaxhira, der Tochter deK Oes anu s, den Po seid on erzogen, der als Kind ihnen von der Rhea anvertraut worden sey. „Sie wurden auch Erfinder von Künsten und machten andere für das tägliche Leben nützliche Einrichtungen. Sie waren die Ersten, welche Götterbilder machten, und einige alte Bildsäulen find nach ihnen benannt. Mau heißt nämlich einen Apollo in Lindus den Telchinischen, eine Hera und Nymphen in Ialy» 3 » 568 Diodor'ö historische Bibliothek. sus die Telchim'schen, eine Hera in Kamirus die Telchini- sche. Ferner waren die Telchinen Zauberer, welche, so oft sie wollten, Gewolke, Regen und Hagel vorüberleiten, ebenso aber auch Schnee herbeiführen konnten. Sie bewirkten Das aus dieselbe Weise wie die Magier. Auch konnten sie fremde Gestalten annehmen. Bei der Mittheilung ihrer Künste waren sie zurückhaltend. Als Poseidon erwachsen war, verliebte er sich in Halia, die Schwester der Telchinen, und zeugte Kinder mit derselben, sechs Söhne und eine Tochter, Rhodus, von welcher die Insel den Namen erhielt. Um diese Zeit lebten in den östlichen Gegenden der Insel die sogenannten Giganten. Eben damals liebte Zeus, nachdem er die Titanen besiegt hatte, eine Nymphe, Namens Hima- lia, mit welcher er drei Sohne zeugte, Spart aus, Kro- nius, Cytus. Zu derselben Zeit geschah es, daß Aphrodite, auf einer Reise von Cythera nach Cypern, an der Insel anfuhr und von den Söhnen des Poseidon, welche übermüthige und rohe-Leute waren, zurückgewiesen wurde. Die erzürnte Göttin machte sie rasend, daß sie ibrcr Mutter- Gewalt anthaten und den Einwohnern viel Böses zufügten. Als Poseidon erfuhr, Was geschehen war, verbarg er seine Söhne wegen der Schandthat unter die Erde, und nun wurden sie die proseo-schen s östlichen! Dämonen genannt. Halia aber stürzte sich in's Meer, und wurde dann unter dem Namen Leukothca von den Einwohnern als eine Unsterbliche verehrt." 56. „Einige Zeit nachher verließen die Telchinen die Insel und zerstreuten sich, weil sie voraussahen, daß eine Ueberschwemmnng kommen würde. Einer derselben, Lyc» s, Fünftes Buch. 56g kam »ach Lycien und erbaute den Tempel des Lyrischen Apollo am Fluß Xanlhus. Als die U berschwemmung^erfolgte, kamen die übrigen Einwohner um, und die ebenen Gegenden der Insel verwandelten sich, da das Wasser durch die Regengüsse anschwoll, in ensn See. Nur i Wenige wurden gerettet, indem sie auf die Anhöhe» der Insel sich flüchteten; darunter waren auch die Söhne des Zeus. Helios sder Sonnengott l liebte die RhoLus, nannte die Insel nach ihrem Namen Rhodns, und vertilgte das ausgetretene Wasser. Das Wahre, Was in dieser Fabel liegt, ist, daß die Insel im Anfang bei ihrer Entstehung noch schlammig und weich war, die Sonne aber die überflüssige Feuchtigkeit austrocknete, so daß das Land leb udige Wesen hervorbringe» konnte, wo dann Die, nach dcr Sonne so benannten, Heliaden, sieben an der Zahl, so wie das ganze Volk, aus der Erde gebore» wurden. Daher kommt es, daß es als eine dein Helios geheiligte Insel betrachtet wurde, und daß auch die spateruMhsdier noch immer den Helios, als ihren Stammvater, vor andern Göttern verehrten. Seine sieben Söhne hießen Ochimus, Cerkaphus, Makar, Aktis, T e- nages, Triopas, Kandalus, und die einzige Tochter Vlektryone. Diese endete ihr Leben noch als Jungfrau, und es wurde ihr bei den Rhodiern die Ehre der Heroen zu Theil. Helios sagte den Heliaden, wo man der Athene zuerst opfere, da werde ihr Wohnsitz seyn. Dasselbe machte er aber auch den Bewohnern von Attika kund. Nun legten die Heliaden das Opfer auf den Altar, vergaßen aber Feuer zu bringen. CckropS hingegen, dcr damalige König der Athener, opferte über dem Feuer, aber später. Daher dauert 5-o Diodor's historische Bibliothek. noch gegenwärtig inMhodus die eigenthümliche Sitte bei'm Opfer» fort, und die Göttin ist da ell>st aufgestellt." Dieß sind die Sagen über Rhodns aus der Urzeit, die man bei einigen Schriftstellern findet. Zu Diesen gehört Zeno, der eine Geschichte der Insel verfaßt hat. 67. Die Heliadeu^zeichneten sich vor den andern Einwohnern aus; in den Wissenscha-ten brachten sie eS weit, besonders in der Sternkunde. Von ihnen komme» viele Einrichtungen bei der Schiffahrt her und die Stundeneintheilnng. Der Vorzüglichste unter ihnen, Tenages, wurde von seinen Brüden, aus Neid umgebracht. Als ihre Schuld entdeckt wurde, flohen Alle, die an dem Mord Theil genommen. Und zwar kam Makar nach Lcsbus, Kandalus nach KvS; A kti s^wanderte nachAcgyptc» und erbaute die Stadt Heli vp 0 li s,' die er nach seinem Vater so benannte. Den Aegyptern wurden von ihm die Lehrsäye der Sternkunde mitgetheilt/ Als später in Griechenland eine Ucber- schwemmnng entstand und der größte Theil der Einwohner in der Wafferflnth umkam, geschah es, daß zugleich auch die schriftlichen Denkmäler untergingen. Dieses Ereignis; verschaffte den Aegyptern eine geschickte Gelegenheit, die Lehren der Sternkunde sich zuzueignen, und da die Grieche» die vergessenen Wissenschaften nicht mehr trieben, so galten Jene entschieden für die ersten Erfinder der Sternkunde. Ebenso wußte man nach der Ucberschwemmung nicht mehr, daß die Athener in Aegypten die Stadt Sais gegründet hatten. Daher kommt es denn auch, daß man Kadmus, Agenor's Sohn, welcher viele Menschcnalter später aus Phönicier! «ach Griechenland kam, für den Ersten hielt, der die Buch- Fünftes Buch. 67 e stabe» dabin gebracht, »nd daß man glaubte, erst seit dessen Zeit haben die Griechen immer weitere Entdeckungen in den Wissenschaften gemacht; überall war nämlich unter den Grieche» das Frühere vergessen. Trio p a s schiffte »ach K arie n und nahm das Vorgebirge, das nach ihm Triopium genannt wurde, in Best». Die übrigen Söhne des Helios blieben in Rhodus, weil sie an dem Mord keinen Theil hatten. Sie nähme» ihren Wohnsitz in Jalysia, wo sie die Stadt A chaja erbauten, welche nachher einen andern Namen. Lyrbia, erhielt. *) Der Aeltere, Ochimus, war König »nd vermählte sich mit Hegetoria, einer Nymphe der Landes. Er zenate mit derselben eine Tochter, Cydippe. Diese nahm sein Bruder Cerkaphus zur Ehe, der ihm auf dem Throne folgte. Nach dessen Tode gelangten seine drei Söhne, Lindus, Jalysus, Kamirus, znr Regierung. Durch eine große Wafferflnth, die zu ihrer Zeit entstand , wurde Cyrbia überschwemmt und verödet. Nun theilten sie das Land unter sich, und Jeder baute eine Stadt seines Namens. S8. Um. diese Zeit floh Danaus aus Aegypten mit seinen Töchtern. Er landete auf Rhodus bei Lindus, wurde von den Einwohnern aufgenommen, erbaute den Tempel der A thene »nd weihte die Bildsäule der Göttin. Drei von den Töchtern des Danans starben während des Aufenthalts in Lindus; die Uebrigen schifften mit ihrem Vater Da- *7 Hierher gehören nach Paulmier's Vermuthung die Worte: ,,welche. . . erhielt". In den Handschriften stehen fie nach ...bydippe". 572 Dl'odor's historische Bibliothek. »aus nach Argos. Auf Rhodus landete bald nach dieser Zeit Kadmus, Agenor's Sohn, der von dem König abgeschickt war, um die Europa zu suchen. Er hatte bei einem heftigen Sturm, in den er auf seiner Fahrt gerathen war, das Gelübde gethan, einen Tempel des Poseidon zu errichten. Nachdem er nun gerettet war, erbaute er auf der Insel ein Heiliglhum dieses Gottes, und ließ einige Phönicier zurück, es zu besorgen. Diese vermhchten sich mit den Jalysicrn und lebten fortwährend als Mitbürger unter ihnen; das Priesterthum aber blieb, wie man sagt, in ihrem Stamme erblich. Kadmus weihte auch Gelcheuke für den Tempel der Athene zur Lindus. Darunter war ein ansehnlicher kupferner Kessel, nach alter Form gearbeitet. Er hatte «ine Inschrift mit Phonicjschen Buchstaben, welche zuerst aus Phönicicn nach Griechenland gekommen seyn sollen. Als später das Land außerordentlich große Schlangen hervorbrachte, geschah es, daß viele Einwohner von Modus durch die Schlangen umkamen. Die Uebriggcbliebenen schickte» deßwegen nach Delphi, um den Gott wegen der Abwendung des Uebels zu fragen. Apollo gab ihnen die Weisung, sie sollten den Phorbas mit seinen Gefährten aufnehme» und neben sich in NhoduS wohnen lassen. Dieser war ein Sohn des Lapithes, und hielt sich mit mehrere» Andern in Thessalien auf, wo er sich ein Land zum Wohnsitz suchte. Nun ließen ihn die Rhvdier dem Orakel zufolge holen und räumten ihm Land ein. Er tödtcte die Schlangen, und nachdem er die Insel von der Noth befreit hatte, nahm er seinen Wohnsitz auf Modus. Da er auch Fünftes Buch. 573 sonst ein edler Man» war, so wurde ihm nach seinem Tode die Ehre der Heroen zn Theil. 5g. Später begab eS sich, das; Alth am enes, der Sohn des Königs Katrcus von Kreta, von den; Orakel, das er über gewisse Angelegenheiten besragle, die Antwort erhielt, er sey vom Schicksal bestimmt, der Mörder seines Vaters zn werden. Um sich vor dieser Gräuclthat zu sichern, verließ er Kreta srciwillig mit mehreren Andern, die mit ihm auszuwandern sich entschloßen. Er landete nun auf Rhodns bei Kamirus. Auf dem Berg Atab yrus errichtete er einen Tempel des Zeus, welcher hier den Beinamen Atabyrius erhielt. Noch gegenwärtig sieht der Tempel in anfferordentlichcm Ansehen. Er liegt auf einer hohen Bcrgspiye, von welcher man Kreta erblicken kann. Althämenes ließ sich mit seinen Gefährten in Kamirns nieder , und war geachtet von den Einwohnern. Sein Vater Katreus aber, welcher sonst keine Sohne hatte und den Althämenes vorzüglich liebte, schiffte nach Rhodns, weil ihn sehr verlangte, seinen Sohn wiederzusehen und nach Kreta mitzunehmen. Allein die zwingende Macht des Schicksals fügte es, daß Katrcns bei Nacht in Rhodns ankam und in thätlichen Zwist mit den Einwohnern gerieth. AlthämcneS kam zn Hülfe, warf die Lanze und traf seinen Vater. So tödtete er ihn, ohne es zn wissen. Er konnte, als die That offenbar wurde, die Last seines Unglücks nicht tragen. Er wich dem Anblick und dem Umgang der Menschen aus, unh begab sich in wüste Gegenden, wo er einsam hernmirrte und sich zu Tode grämte. Nachher wurde er, einem Orakel gemäß, von den Nhvdiern alS Heros verehrt. Kurz vor dem Diodor's historische Bibliothek. Trojanischen Krieg entwich Tlepo leinns, ') der Sohn des Hercules, wegen der Ermordung des Licymnins, den er nnvorsätzlich getödtct hatte, nnd verließ Argos freiwillig. Einem Gölterspruch zufolge, den er wegen seiner Auswanderung erhalten, schiffte er mit einigen Andern nach Rheins, wurde von den Einwohnern aufgenommen, und ließ sich daselbst nieder. Er wurde König der ganzen Insel; das Land verloste er in gleiche Theile; nnd auch sonst handelte er nach Billigkeit während seiner ganzen Regierung. Zuletzt zog er mit Agamcmnon gegen Jlinm, nnd übergab die Herrschaft von Rhodns dem Butas, der mit ihm aus Argos ausgewandert war. Jener zeichnete sich in dem Krieg aus, nnd kam in Troas nun So. Da mit der Geschichte von Rhodns die Ereignisse in dem gegenüberliegenden Chersonesns znm Theil im Zusammenhang stehen, so wird es nicht am unrechten Orte seyn, wenn ich diese hier erzähle. Dieses Land hat den Namen Chersonesns sHalbinselj, wie Einige behaupten, in alten Zeiten von seiner Lage erhalten, weil es eine Landzunge bildet. Nach andern Schriftstellern aber kommt der Name von einem Beherrscher dieser Gegend her, der Cher- svnesns hieß. ,, Nicht lange nach dessen Regierung kamen fünf Kureten ans Kreta herüber. Es waren Nachkommen jener Knrcten, welchen Zeus von seiner Mutter Rhea anvertraut war, und die ihn auf den Jdäischcn Gebirgen *t Bergt. IV, 58. **) Für Xcrwi' ist wohl aXXcan zu lesen. Fünftes Buch. 5vss in Kreta erzogen hatten. Sie schifften init einer ansehnliche» Flotte nach Chersvnesus, vertriebe» die Karier, die daselbff wohnten, nahmen das Land in Besitz und theilten es in fünf Theile. Jeder baute eine Stadt, welche seinen Namen erhielt. Nicht lange nachher schickte I r, a ch u s, der König von Argos, da seine Tochter Jv verschwunden war, den Cyrnus, eine» der Heerführer, mir einer ansehnlichen Flotte aus, und gab ihm den Befehl, er sollte die Jo überall suchen, »nd nicht zurückkommen, ohne sie mitzubringen." Cyrnus irrte weit in der Welt herum und konnte sie nicht finden. Nun landete er auf dem vorhin genannten Chersone- sus in Kurien, und ließ sich, weil er die Hoffnung, heimkehren zu dürfen, aufgab, in Cherfonesus nieder. Er unterwarf sich, theils durch Ueberredung, theils mit Gewalt, eiueu Bezirk deS Landes, und erbaute eine Stadt seines Namens, CvrnuS. Da er sich als Vvlksfreund bewies, so wurde er bei seinen Mitbürgern sehr beliebt. 6,. „Spater kam Triopas, einer von den Sohne» des Helios und der Rhodus, nach Chcrsonesus, als er wegen der Ermordung seines Bruders Tenages entwich. Hierließ er sich durch den König Me li sseu s von der Blutschuld reinigen. Sodann schiffte er nach Thessalien, um Deuka- lion's Söhnen beiznstehcn, und half die Pelasger aus Thessalien vertreiben. Ihm wurde das Dotische Gefilde zugetheilt. Daselbst ließ er einen Hain der Demeter aushauen, und gebrauchte das Holz zum Ban einer Königsburg. Da er sich hiedurch den Haß der Einwohner zuzog, so entwich er aus Thessalien, und schiffte mit den Gefährten, mit welchen er hergekommen war, nach Kni dien, wo er eine nach 576 Diodvr'ö historische Bibliothek. ihm benannte Stadt Triopium bante. Auf einem Zuge, den er von hier aus unternahm, eroberte er Chsrsonesus und eins» großen Theil des benachbarten Kariens." Ueber die Abstammung des Triopas lauten bei vielen Geschichtschreibern nnd Dichtern die Angaben anders. Nach Einigen war er ein Sehn von Canace, der Tochter des Aevlus, und von Poseidon; nach Andern aber von Lapithes, Apollo's Sohn, und von Stilbc, der Tochter des Peneus. 6 r. Zu Kastabns in Chersonesus ist ein Tempel deiche mithea geweiht, deren Geschichte wir nicht übergehen dürfen. Es sind darüber viele und verschiedene Sagen überliefert; wir wollen aber die erzählen, welche herrschend ist und das Zeugniß der Einwohner für sich hat. „Staphy- l u s und Chry > 0 themis hatten drei Töchter, mit Namen Mvlpadia, Rhvv und Parthenus. Nhdo wurde von Apollo schwanger. Ihr Vater zürnte, weil er glaubte, sie sey von einem Menschen geschwächt. Er ließ daher seine Tochter, in einem Kasten verschlossen, in's Meer weifen. Der Kasten wurde nach Del 0 s getrieben; da gebar sie einen Knaben und hieß ihn An ins. Weil sie so unverhofft gerettet war, so brachte Rhöo das Kind auf dem Altar des Apollo dar, nnd bat den Gott, es zu erhalten, wenn eS fein Kind sey. Apoilo (so sagt die Fabel) verbarg das Kind für seht, sorgte aber nachher für dessen Unterhalt, lehrte es die Wahrsagerkunst, und verlieh ihm wichtige Vorzüge. Die Schwestern der Geschwächten, Molpadia und Parthe- nus, mußten den Wein ihres Vaters hüten (in der damaligen Welt war der Wein eine neue Erfindung^, und schliefen darüber ein. Nun kamen gerade zu dieser Zeit die Schweine Fünftes Buch. 5,7- herein, die sie im Stall hatten, zerbrachen das Gefäß, das den Wein enthielt, und verderbten den Wein. Als die Jungfrauen bemerkten, Was geschehen war, flohen sie aus Furcht vor dem Jähzorn ihres Vaters dem Ufer zu, und stürzte» sich von hohen Felsen herab. Apollo aber fing sie auf aus Zuneigung zu ihrer Schwester, und verfehle sie in die Städte von Chersonesns. Der Parthenus wurde zu Bnbastus in Chersonesns ein Heiligthnm geweiht; Mol- padia aber kam nach Kastabus, und wurde unter dem Namen Hemithea s Halbgöttin ^ den sie wegen der hülfreichsu Erscheinung des Gottes erhielt, von allen Einwohnern des Chersonesns verehrt." Wenn man ihr opfert, gebraucht man, wegen des unglückliche» Zufalls mit dem Wein, Honigwasser zum Weiheguß ; und Wer ein Schwein berührt oder davon gegessen hat, dem ist der Zugang zum Heiligthnm verboten. 65. In der Folgezeit kam der Tempel der Hemithea so sehr in Aufnahme, daß er nicht nur bei den Einwohnern und den Nachbarn in hohem Ansehen stand, sondern auch von den Fernewohnendcn eifrig besucht wurde, welche durch kostbare Opfer und ansehnliche Weihgsschenke ihre Verehrung bezeugten. Ja, was noch mehr ist, die Perser, die während ihrer Herrschaft in Asien alle Tempel der Griechen beraubten, verschonten allein das Heiligthum der Hemithea; und die Räuber, die Alles ausplünderten, ließen diesen Tempel allein ganz unversehrt, ob er gleich nicht ummauert war und ohne Gefahr geplündert werden konnte. Als Ursache dieses hohen Ansehens gibt man die Wohlthaten an, welche die Göttin allen Menschen erweist. Sie erscheine, sagt man, 5)3 Diodor's historische Bibliothek. den Kranken sichtbar im Traum, und verordne ihnen das Heilmittel, und Manche, an deren Wiederherstellung man verzweifelt habe, seyen, wenn sie zu ihr gekommen, von ihren Leiden genesen; ferner erlöse sie die Weiber bei den Schmerzen einer schweren Geburt aus der Angst und Gefahr. Weil denn seit alten Zeiten so Viele gerettet wurden, ist der Tempel voll von Weihgeschenken; und diese sind weder durch Hüter »och durch eine feste Mauer gesichert, sondern blos durch die herrschende Scheue vor dem Heiligthnm. So viel über Nhodns und Chersonesns. bi. Nun wollen wir von Kreta erzählen. Die Bewohner von Kreta sagen, in den ältesten Zeiten seyen in ihrem Lande Ureingeborne, die sogenannten Eteokreter sachten Kreters gewesen, deren König, mit Namen KreS, das Meiste und das Wichtigste, Was den Menschen im täglichen Leben nützlich werden kann, auf der Insel erfunden habe. In Kreta sind nach der Sage der Einwohner auch die Meisten der Götter geboren, und erst wegen ihrer Verdienste um die Menschheit zur Ehre der Unsterblichen gelangt. Die überlieferten Nachrichten darüber werden wir so, wie sie bei den berühmtesten Schriftstellern über die Kretische Geschichte sich finden, der Hauptsache nach angeben. Die ersten Bewohner von Kreta, welche die Ueberlieferung erwähnt, waren die sogenannten Jdäi scheu Daktylen sAingerZ a» dem Berg Jda. Nach einer Angabe waren eS hundert an der Zahl; nach einer andern gab es nur gehen, die ebendaher ihren Namen erhielten, daß ihrer so viel waren, als man an beiden Händen Finger hat. Einige, namentlich Cp Horns, berichten, die Jdäischen Daktylen seyen Fünftes Buch. 379 an dem Jda in Phrygicn zn Hanse gewesen, nnd erst mit Minos ') nach Enropa herübergekommen; sie seyen Zauberer gewesen, die sich mit Beschwörungen, Weihe» und Mysterien beschäftigten, und bei ihrem Anfenthalt in Sa- mothrace die Einwohner dadurch in nicht geringes Erstaunen fegten; Orpheus, der zn derselben Zeit lebte nnd von der Natur mit vorzüglichen Anlagen zur Dichtkunst und zum Gesang begabt war, sey ein Schüler derselben gewesen und habe Weihen nnd Mysterien zuerst nach Griechenland gebracht. Die 2daische» Daktylen in Kreta haben, wie mau erzählt, den Gebrauch des Feuers, und auf dem Berge Berecynthus im Lande der Apteräer das Kupfer und das Eisen entdeckt, und die Knust erfunden, diese Metalle zn verarbeiten. ,,Weil man sie als große Wohlthäter des Menschengeschlechts anerkannte, so wurde ihnen die Ehre der Unsterblichen zn Theil. Einer von ihnen, Namens Hercules, welcher vorzüglich berühmt wurde, stiftete die Olympischen Spiele. In der Folgezeit entstand durch die Gleichheit der Namen die Meinung, die Einführung der Olympischen Spiele rühre von dem Sohne der Alkmene her. Beweise davon sind noch vorhanden. Die Weiber entlehnen nämlich häufig »och gegenwärtig ihre Zauberformel!! von diesem Gott, und tragen ihn auf Amnleten. Er muß also ein Zauberer gewesen seyn nnd sich mit den Weihen beschäftigt haben; was mit dem Charakter des Hercules, welchiv ein Sohn der Aikmcne war, durchaus unvereinbar ist." *) 'Andere vesarc: Mrglvn. 58 » Diodor's historische Bibliothek. > 65. Auf die Jdäischcn Daktylen folgte», wie man erzählt, die neun Kureten. Diese waren nach einer Sage ans -er Erde geboren; nach einer andern aber stammten sie von den Jdäischen Daktylen. ,,Sie wohnten in den Wal- j düngen und Schluchten der Gebirge, überhaupt an solchen Oertern , wo die Natur Schirm und Obdach geschaffen hatte, weil man noch keine Häuser zu bauen »'erstand. Es waren aber äusserst verständige Leute, welche viele gemeinnützige Einrichtungen machten. Sie waren nämlich die Ersten, welche Schafhcerden sammelten, die verschiedenen andern Hausthiere zähmten und die Bienenzucht einführten. Ebenso ist die Schützenkunst und die Jagd ihre Erfi»dung. Sie waren ferner die Stifter des bürgerlichen Vereins und des geselligen Lebens, so wie der Friedfertigkeit nnd der äußerlichen Zucht. Sie erfanden die Schwerter und Helme, und den Waffentanz, womit sie das laute Getose machten, durch das sie den Kronos täuschten. Sie hakten die Pflege des Zeus übernommen, welchen Rhca ohne Wissen seines Vaters ihnen anvertraute." Um hierüber ausführlicher berichten zu können, müssen wir in der Geschichte etwas weiter zurückgehen. 66. Nach der Sage der Kreter lebten zur Zeit der Kureten die sogenannten Titanen, und hatten ihren Wohnsitz in der Gegend von Kuossus, wo man noch gegenwärtig den Grund, auf dem das Haus der Nhea gestanden, und einen seit alter Zeit geweihten Cypreffeiihaiu zeigt. Es sollen a» der Zahl sechs Männer und fünf Weiber gewesen > sey». Nach der einen Sage waren sie Kinder des Uranos I und der Gc, nach der andern war der Vater einer der Ku- Fünftes Buch. 58i reten und die Mutter Titan, von der sie ihren Namen erhallen haben sollen. „Die männlichen Titanen wa,en Kro- nos, Hyperion, Cöus, Japetus, Krins undOcea- nus; ihre Schwestern aber N h e a , T h e m i s , Mnemo- syne, Pböbe und Tethys. Jedem von ihnen verdankt die Menschheit eine Erfindung, und deßwegen dauert ihr Gedächtniß und ihre Verehrung immerfort. Kronvs, als der Aelteste, wurde König. Er gewöhnte die Menschen seiner Zeit an mildere Sitten statt der rohen Lebensart, nnd machte sich dadurch sehr beliebt. Er durchzog viele Gegenden der Welt, und führte überall Gerechtigkeit und Redlichkeit ein. Deßwegen schildert die Ueberlieferung, die auf die Nachwelt gekommen ist, die Zeitgenossen des Kronos als äusserst gutmüthige und arglose, und zugleich als glückliche Menschen. Sein Gebiet waren hauptsächlich die westlichen Länder, und da genoß er die höchste Verehrung. Daher wurden bis in die neuer» Zeiten von den Römern, und von den Carthageru, so lang ihr Staat bestand, wie auch von den andern benachbarten Völkern diesem Gott herrliche Feste und Opfer geweiht, und viele Oertcr sind nach ihm benannt. Die gesetzliche Ordnung war so vortrefflich, daß von keinem Menschen das geringste Verbrechen begangen wurde, und Alle, die unter der Herrschaft des Kronvs standen, ein glückliches Leben führten und Freude» jeder Art ungestört genossen. Davon gibt auch der Dichter Hesiodus Zeugniß in folgenden Worten: *) ») Werke und Tage V. 111. ff. Die Handschriften Diodor's, die bei dieser Stelle überhaupt von Hesiod's Tert mehr- Diodor. 5s Bdch». 4 582 Diodor's historische Bibliothek. „Da war dieses Geschlecht, als Kronos im Himmel regierte. Göttern lebten sie gleich, von Sorgen die Seele befreiet. Ferne von Müb' und ledig von Kummer; die Schwache des Alters Fühlten sie nie; fortan gleich kräftig an Händen und Füßen. Hielten sie fröhliche Feste, verschont von jeglichem Uebel. Wie vom Schlafe besiegt, so starben sie. Altes, was gut ist. Hatten sie; denn freiwillig bescheerte die fruchtbare Erde Reichlichen Segen in völligem Maß. Zufrieden und harmlos Theilten sie aus mit der Fülle der Gabe» zusammen die Arbeit." Dieß ist es, was die Fabel von Kronos erzählt. 67. „Hyperion war der Erste, der die Bewegung der Sonne und des Mondes und der übrigen Gestirne und die dadurch bestimmten Zeiträume durch sorgfältige Beobachtung erforschte und die Kenntniß derselben Andern mittheilte. Er wurde deßwegen der Vater dieser Gestirne genannt, insofern nämlich die Lehre von ihrem Wesen sein Werk ist. Von Cöus und Phöbe wurde Leto erzeugt; von Japetus aber Prometheus, der nach dem Bericht einiger Mythographen den Göttern das Feuer gestohlen und es den Menschen gegeben hat, in der Wahrheit hingegen der Erfinder der Zündwerkzeuge ist, womit man Feuer schlägt. Von den weiblichen Titanen erfand die Eine, M n e- mosyne, die Schlüsse, und die Bezeichnung jedes Dings mit seinem Name», wodurch wir alle unsere Gedanken ausdrücken »nd einander mittheilen." Einige behaupten, Das fach abweichen, seyen (eine ausgenommen) am Ende noch einen Bers hinzu: „Reich an Früchten der Bäum' und Freunde der seligen Götter." Fünftes Buch. 583 sey von Hermes eingeführt. Man schreibt dieser Göttin ferner die Hülfsmittel der Erinnerung und des Gedächtnisses zu, welche die Menschen anwenden; daher soll sie denn ihre» Namen *) erhalten haben. Themis war nach der Fabel die Erste, welche Weissagungen, Opfer und Vorschriften wegen des Gottesdienstes einführte und gesetzliche Ordnung und Frieden halten lehrte. Daher, sagt man, heißen Diejenigen , welche die göttlichen Rechte und die menschlichen Gesetze bewahren, Thesmophylakes und Thesmothetai **) lGe- setzwächter und Gesetzgebers. So sagen wir auch von Apollo, wenn er im Begriff ist ein Orakel zu geben, „themisteuei"; weil nämlich Themis die Erfinderin der Orakel gewesen ist. Diese Götter nun sind der Ehre der Unsterblichen gewürdigt worden, weil sie so viel Gutes für das menschliche Leben gestiftet haben; und zwar hat man sie für die Ersten gehalten, die nach ihrem Abschied von den Menschen den Olymp bewohnt haben. 68. „Von Kr onos und Rhea wurden Vesta, Dein eter und Hera erzeugt; ferner Zeus, Poseidon und Hades. Vesta erfand die Kunst, Häuser zu bauen; und wegen dieses Verdienstes stellt man sie beinahe unter allen Völkern in jedem Hause auf, und bringt ihr Ehre und Opfer. Demeter war die Erste, welche das Getreide einsammelte, das unter den andern Pflanzen wild wuchs, ohne daß es die Menschen kannten. Sie erfand die Zubereitung und Aufbewahrung desselben, nnd gab Anweisung zum Säen. Das Ge- *) Mnemospne heißt Gedächtniß. **) Weil Thesinüs einerlei nut Themis ist. Beides bedeutet Gesetz, Recht. 534 Diodor's historische Bibliothek. treibe hatte sie vor der Geburt ihrer Tochter Pcrsephone entdeckt. Nachdem aber Diese geboren, und dann von Pluto geraubt war, verbrannte Demeter alle Früchte aus Haß gegen Zeus und aus Betrübniß wegen ihrer Tochter. Als sie die Perscphone gefunden hatte,, versöhnte sie sich mit Zeus, und gab dem Triptolemus Saatfrncht ab, mit dem Auftrag, allen Menschen von der Gabe mitzutheilen, und sie die Behandlung der Frucht zu lehren." Einige sagen , sie habe auch Gesetze eingeführt, durch welche die Menschen gewöhnt worden seyen, einander Recht widerfahren zu lassen, und daher habe man die Göttin, welche diese Gesetze gegeben, Thes- mvphoros *) genannt. Weil sie nämlich-die Stiftern, der wichtigsten Wohlthaten für die Menschen gewesen, so sey ihr die ausgezeichnetste Verehrung geworden durch Opfer, durch glänzende Feste und heilige Versammlungen, nicht blos bei den Griechen, sondern auch im Ausland beinahe unter allen Völkern, welche jenes Nahrungsmittel empfangen haben. 6g. Um die Entdeckung dieser Früchte streiten sich viele Völker, indem sie behaupten, bei ihnen zuerst sey die Göttin erschienen nnd habe die Beschaffenheit und den Gebrauch derselben bekannt gemacht. Die Aegypter sagen, Demeter sey mit Isis einerlei Person, und habe den Samen zuerst nach Aegypten gebracht, wo die Felder zu gehöriger Zeit durch den Nilstrom bewässert werden und der günstigste Wechsel der Jahrszeiten stattfinde. Die Athener, ob sie gleich behaupten , das Getreide sey in ihrem Lande entdeckt, seyen doch selbst Zeugen, daß es anderswoher nach Attika gebracht wor- *) Vergl. die vorige Anmerkung. 585 Fünftes Buch. den sey; denn sie nennen den Ort, welchem zuerst diese Gabe verliehen worden, Eleusis , weil aus einem andern Lande Der gekommen *) sey, der die Saatfrucht gebracht habe. DieSi- cilier hingegen, welche eine der Demeter und Köre geheiligte Insel bewohnen, sagen, es sey natürlich, daß diese Gabe den Bürgern in dem Lieblingsort der Göttin zuerst mitgetheilt sey. Denn es wäre ungereimt, wenn sie ein so fruchtbares Land sich zu eigen gemacht, und ihm doch, als ob es ihr fremd wäre, die Wohlthat erst zuletzt *') verliehen hätte; zumal, da sie hier ihren Wohnsitz habe; denn daß der Raub der Köre auf dieser Insel geschehen, sey ja allgemein anerkannt. Das Land sey auch für das Getreide völlig geeignet. Der Dichter sage ja davon sOd. IX, iog. f.s: Sondern ohn' Anpflanzen und Ackeren steigt das Gewächs aus. Weizen sowohl als Gerste. Dieß sind die Sagen von Demeter. Was die andern von Kro- nos und Rhea erzeugten Götter betrifft, so sagen die Kreter von Poseidon, er sey der Erste, der sich mit dem Seewesen beschäftigt und Flotten ausgerüstet habe; denn es sey ihm von Kronos die Aufsicht über diese Arbeiten übertragen worden. Daher nenne ihn die Ueberlieferung, die auf die Nachwelt gekommen sey, den Gebieter über Das, was auf dem Meer geschehe, und deßwegen bringen die Seefahrer ihm zu Ebren Opfer. Mau schreibt ihm auch die erste Bändigung der Pferde und die Anweisung zur Reitkunst zu; daher soll sein Name Hippius sRitterj kommen. Hades hat, wie man sagt, die Gebräuche bei der Bestattung der Leichen und zu Ehren Eleusis heißt das Kommen. »') Nach Jensius Verbess. rZS' für ,!izö' i-xarN 586 Dwdor's historisch; Bibliothek. der Verstorbenen eingeführt, da sich vordem Niemand um Dieselben bekümmert hatte. Deßwegen wird dieser Gott als Gebieter der Todten betrachtet, weil einst die Aufsicht und Besorgung dieser Angelegenheiten ihm zugewiesen war. 70. Ueber die Geburt und die Thronbesteigung des Zeus lauten die Nachrichten verschieden. Einige erzähle», nachdem Kronos von den Menschen zu den Götter» übergegangen, sey ihm Zeus in der Regierung gefolgt; nicht besiegt habe er seinen Vater mit Gewalt, sondern auf dem gesetzlichen und rechtlichen Wege sey er zu jener Würde gelangt. Nach einer andern Sage aber hatte Kronos in Beziehung auf die Geburt des Zeus das Orakel erhalten, der Sohn, den er zeuge, werde ihm die Herrschaft mit Gewalt entreißen. ,,Deßwegen schaffte Kronos mehrere Kinder, die ihm geboren wurden, weg. Rhea war betrübt, und doch konnte sie den Willen ihres Mannes nicht ändern. Nun brachte sie den Zeus, den sie an einem Orte, Namens Dikte geboren, bei Seite, und gab ihn heimlich den Kureten, die in der Nähe des Berges Ida wohnten, zur Pflege. Sie trugen ihn in eine Höhle, wo sie ihn den Nymphen übergaben und sie baten, alle Sorgfalt auf ihn zu verwenden. Diese ernährten das Kind mit einer Mischung von Honig und Milch, und ließen es an dem Euter der Ziege Am althea trinken. Noch gegenwärtig sind viele Denkzei- chen von der Geburt und der Verpflegung des Gottes auf der Insel vorhanden. Als die Kureten das Kind forttrugen, fiel der Nabel ab bei dem Fluß Triton; dieser Platz galt nun für heilig und wurde wegen jenes Zufalls Omphalus sNabelj genannt, so wie die umliegende Gegend O m p h a l e u m." Auch auf dem Berg- Jda, wo der Gott verpflegt wurde, ist die Höhle, Fünftes Buch. 587 die seine Wohnung war, heilig, und ebenso sind die Wiesen, welche um dieselbe auf der Höhe des Berges liegen, geweiht. Das allerauffallcndste Zeichen aber, das wir nicht übergehen dürfen, läßt die Fabel an den Bienen geschehen. „Um ein unvergängliches Denkmal seiner Zuneigung zu denselben zu stiften, wandelte der Gott ihre Farbe um, so daß sie wie goldgelbes Erz aussehen ; und da der Ort außerordentlich hoch liegt, und heftige Winde daselbst wehen und viel Schnee fällt, so machte er sie unempfindlich, daß sie ohne Schaden in der winterlichsten Gegend wohnen können. Die Ziege, die ihn ernährt hatte, ehrte er unter anderem dadurch, daß er von ihr den Beinamen Aigi- ochos *) annahm. Als er erwachsen war, baute er zuerst bei Dikte, wo er nach der Fabel geboren war, eine Stadt; sie ist in der Folgezeit untergegangen, aber die Grundmauern der Gebäude sind noch gegenwärtig vorhanden." 71. „Dieser Gott zeichnete sich vor Allem aus durch Muth, Einsicht, Gerechtigkeit und alle andern Vorzüge. Daher sind durch ihn, nachdem er die Regierung von Kronos übernommen, sehr viele der wohlthätigsten Anstalten für das menschliche Leben gestiftet worden. Er wies zuallererst die Menschen an, für Beleidigungen einander Genugthuung zu geben, gewaltsamer Handlungen sich zu enthalten und durch gerichtliche Entscheidung die Streitigkeiten zu schlichten. Ueberhaupt stellte er die gesetzliche Ordnung und den Frieden vollends her, indem er die Bessern mit Worten lenkte, die Schlechten aber Lurch die Furcht vor den Strafen schreckte. Er durchzog ferner beinahe die ganze bewohnte Erde, und brachte die Räuber und Z Von Air, Ziege, und schein, Hasen, halten« 588 Diodor's historische Bibliothek. Bösewichte um und führte die Gleichheit und die Volksherr» schuft ein. Ebendamals brachte er die Giganten um, in Kreta den Mylinus, in Phrygien denTyphon, mit ihren Gefährten. Vor dem Kampf mit den Giganten in Kreta opferte Zeus der Sonne, dem Himmel und der Erde) und bei allen diesen Opfern wurde es durch Vorzeichen kund, was über Jene sdie Gigantens *) beschlossen war» daß nämlich Zeus und die andern Götter siegen und Ueberläufer von den Feinden zu ihnen kommen würden. Diesen Zeichen entsprach der Ausgang des Kriegs. Denn M u sä u s ging von dem Heer der Feinde über, und erhielt den ausgesetzten Ehrenpreis; die Widersacher aber wurden von den Göttern beinahe Alle niedergemacht. ZeuS hatte noch andere Kriege mit den Giganten zu führen, in Makedonien bei Pallene, und in Italien in der Ebene, welche ehmals von dem verbrannten Boden Phlegränm sBrandfeldj hieß, in der Folgezeit aber Cumäum genannt wurde. Bestraft wurden die Giganten von Zeus wegen ihres widerrechtlichen Betragens gegen andere Menschen, weil sie auf ihre Leibesgröße und Stärke trotzend die Nachbarn unterjochten, den Gesetzen, durch die das Recht bestimmt wurde, ungehorsam waren, und Diejenigen bekriegten, die wegen ihrer Verdienste um daS allgemeine Wohl von Jedermann als Götter anerkannt wurden. Wie aber Zeus die Bösewichle und Frevler in der Welt völlig ausrottete, so ließ er dagegen den Edelsten der Götter und Heroi-n sowohl als der Menschen den verdiente» Lohn wider- ») Andere Lesart: von Diesen sder Sonne, dem Himmel und der Erde). Die Worte „Jeus u. d. a. G." sind im Griechischen nicht ausgedrückt, wenn anders nicht für äikcrvreov zu lesen ist rocg iiko» avro'v. Fünftes Buch. 58g fahren. Wegen seiner hohe» Wohlthaten und seiner überwiegen» den Macht wurde ihm denn einstimmig von Allen die Herrschaft auf ewige Zeiten und die Wohnung im Olymp überlassen." 7 -. ,,Es wurden für ihn mehr Opfer angeordnet, als für alle Andern, und nach seinem Uebergang von der Erde in den Himmel wurde er verdienterweise von den Empfängern seiner Wohlthaten als Gebieter über Alles, was am Himmel geschieht, betrachtet, nämlich über Regen, Donner und Blitz und ähnliche Dinge. Daher nannte man ihn ,,Zen", weil man glaubte, er sey der Urheber des Lebens sZvnf der Menschen, indem er durch die angemessene Temperatur der Luft die Früchte zur Reife bringet „Vater" wegen seiner Fürsorge und seines Wohlwollens gegen Alle, und weil man ihn gewissermaßen für den Stammvater des Menschengeschlechts hielt; den „Höchsten" und „König", weil er die oberste Gewalt hat; den „Berather" und den „Weisen" wegen seiner guten und weisen Rathschlüffe." Athene ist nach der Fabel in Kreta von Zeus an den Quelle» des Flusses Triton geboren: daher soll ihr Name Tritogeneia kommen. Noch gegenwärtig ist bei jenen Quellen ein dieser Göttin geheiligter Tempel, auf der Stelle, wo die Fabel sie geboren werden läßt. Die Vermählung des Zeus und der Hera soll im Lande derKnossier geschehen seyn, auf einem Platz in der Nähe des Flusses Th ere n, wo jetzt ein Tempel ist, in welchem die Einwohner jährlich feierliche Opfer darbringen, und die Hochzeit, wie sie nach der Ueberlieferung einst geschehen ist, nachbilden. Als Kinder des Zeus nennt man die Göttinnen Aphrodite, die Chariten, Jlithyia und ihre Gehülfin Artemis, die Hören, Eunom ia, Dice und 590 Diodor's historische Bibliothek. Irene,*) und die GötterHephästos, Ares, Apollo und Hermes. , sä. Jedem derselben hat Zeus nach -er Fabel die Kenntniß von einem Theil seiner Erfindungen und Werke mitgetheilt und die Ehre der Erfindung zugeeignet, in der Absicht, ihr Andenken unter allen Völkern zu verewigen. ,,DerAphrodite überließ er die Sorge für die mannbaren Jungfrauen und die Bestimmung der Zeit ihrer Vcrheirathung und der Gebräuche, die noch gegenwärtig mit den Hochzeiten verbunden sind, und wobei man dieser Göttin Schlacht - und Trank- SPfer bringt. Zuerst aber bringt man überall ein Vorop-er dem „Vollender Zeus" und der „VollenderinHera", weilnämlich Diese, wie gesagt, die Urheber und Erfinder von Allem sind. Deu Chariten wurde die Kunst zugewiesen, das Gesicht zu schmücken und jedem Theil des Körpers eine schönere, für das Auge gefällige Gestalt zu geben; auch die zuvor kommende Wohlthätigkeit und ebenso die schuldige Dankbarkeit für empfangene Wohlthaten. Jlithyia erhielt den Auftrag, für die Gebärenden zu sorgen und bei schweren Geburten sie zu retten; daher rufen die Weiber in Kindesnöthen hauptsächlich diese Göttin an. Artemis erfand die Pflege der unmündigen Kinder und einige der Natur der Neugebornen angemessene Nahrungsmittel; aus diesem Grunde wurde sie „Kindcrwärterin" genannt. Die Bestimmung der Hören, die für jede derselben durch ihren Namen bezeichnet ist, war die Einführung einer *) Man glandr, es seyen Pier die Namen „Athene und die Musen," und am Schluß des Sayes „Dionysos und Hercules" ausgefallen, weil nachher ausser den hier genannten Kindern des ZenS auch Diese vorkommen. Fünftes Buch. 5gi für die Menschen höchst wohlthätigen Lsbensordnuug; Nichts kann ja ein glücklicheres Leben schaffen, als „Gesetzlichkeit", „Recht" und Friede".*) Athene hatte das Geschäft, die Menschen anzuweisen, wie man Oehibäume veredelt, wie man sie anpflanzt und die Frucht derselben behandelt; denn ehe jene Göttin lebte, stand diese Gattung von Bäumen unter dem andern Waldholz, ohne daß man sie pflegte oder den Nutzen kannte, den man noch gegenwärtig daraus zieht. Ferner führte Athene das Kleidermachen ein, und die Baukunst, und Manches, was in andere Fächer einschlägt. Sie erfand die Verfertigung der Flöte und die Töne, die auf diesem Werkzeug hervorgebracht werden; überhaupt viele künstlerische Arbeiten; daher wurde sie,,Arbeiterin" genannt." 7/,. „Den Musen wurde von ihrem Vater die Erfindung der Buchstaben verliehen, und die Verbindung der Worte zu Gesängen, die man Dichtkunst nennt." Gegen die Behauptung, daß die Syrer die Erfinder der Buchstaben seyen und von ihnen die Phönicier dieselben gelernt und den Griechen mitgetheilt haben, nämlich durch Kadmus und die Andern, die mit ihm nach Europa schifften, und daß darum die Buchstaben bei den Griechen Phönicische heißen, wendet man ein, die Phönicier haben die Buchstaben nicht erst erfunden, sondern nur die Gestalt derselben geändert, und diese Schrift sey nun unter allen Völkern in Gebrauch gekommen und habe daher jenen Namen sPhönicische Schrift) erhalten. *) Das bedeuten nämlich die Name» der drei Hören, Su»o- m.ia, Dicc und Irene. 5g2 Diodor'ö historische Bibliothek. j „Hep hästos wurde der Erfinder aller Arbeiten in Eisen, Kupfer, Gold, Silber und was sich sonst im Feuer schmieden läßt; zudem sann er alle übrigen Anwendungen des Feuers aus, und machte sie den Handwerkern und alle» andern Menschen bekannt. Daher weihen dieHandwerker ihre Gebete und Opfer vorzüglich diesem Gott, und nennen, wie auch alle andern Leute thun, das Feuer Hephästos, um die Wohlthat, die er einst der gesammten Menschheit erwiesen, in unvergänglichem ehrenvollem Andenken zu bewahren." Ares war der Erste, der eine volle Rüstung verfertigte, die Soldaten bewaffnete und in den Schlachtenden hartnäckigen Kampf einführte, indem er die den Göttern Ungehorsamen umbrachte. Apollo war der Erfinder der Cither und des Cither- spicls. Ferner kommt von ihm die Anwendung der Wahrsagerkunst auf die Heilkunde herz das Wahrsagen war es nämlich, I wodurch man ehmals Heilmittel für die Kranke» fand. Er war > auch der Erfinder des Bogens und lehrte die Einwohner die i Schützenkunst; deßwegen wird diese Kunst gerade bei den Kretern so eifrig betrieben und der Bogen der Kretische *) genannt. Ein Sohn des Apollo und der Koronis war Aesculap, der in der Heilkunde viel von seinem Vater lernte, uud noch dazu die Wundarzneikunst und die Bereitung der Arzneimittel erfand und die Wirkungen der Kräuter entdeckte, überhaupt die Kunst so sehr vervollkommnete, daß er als Urheber uud Schöpfer derselben geehrt wird." 75. Von Hermes leitet man die Friedensuuterhand- *) Nach Bochart's Verbesserung, für Fünftes Buch. 5g3 kungen , Vergleichsvorschläge und Verträge her, die im Kriege vorkommen, auch das Zeichen derselben, den Heroldsstab, den die Ueberbringer solcher Botschaften zu tragen Pflegen, und der ihnen Sicherheit bei den Feinden verschafft. „Daher wird er der gemeinsame Hermes genannt, weil beiden kriegführenden Theilen der Friede, den sie miteinander schließen, gemeinsamen Nutzen bringt. Er dachte ferner Maß und Gewicht aus, und den Gewinn beim Handel, und die Knust, heimlich Andern das Ihre zn entwenden. Er war nach der Ueberlieferung der Herold der Götter und der trefflichste Bote, weil er alles Einzelne , was mau ihm auftrug, genau ausrichtete. Daher hat er auch seinen Namen H erhalten; nicht, weil er der Erfinder der Wörter und Redensarten war, wie Einige behaupten, sondern weil er mehr als Andere einen angemessenen und genauen Ausdruck sich angewöhnt hatte. Er war es auch, der die Fechtschulen einführte und der die Schildkrötenleier erfand ; was erst nach dem Wettstreit des Apollo mit Marsyas geschah. Nachdem nämlich Apollo, der in diesem Streit gesiegt, den Ueberwundenen allzuschwer hatte büßen lassen, reute es ihn, und er riß die Saiten von der Cither ab und enthielt sich für einige Zeit dieses Spiels. * **) ') Dionysos war der Erfinder des Weinstocks und der Bearbeitung desselben, wie auch der Weinbereitnng und der Aufbewahrung "") der Früchte im Herbst, wodurch auf lange Zeit für das Bedürfniß und die Nahrung der Menschen gesorgt *) Hermes von h er »i en eu e i n, erkläre», ausrichten. **) Bergt. III, 59. "*) Nach Reiske's Verbesserung r« für rs§. 5c)4 Diodor's historische Bibliothek. wird. Dieser Gott wurde von Zeus mit Persephone in Kreta erzeugt und, nach der Erzählung des Orpheus, bei den Weihen von den Titanen zerfleischt." Es hat nämlich mehr als Einen Dinonysos gegeben, worüber wir an einer schicklicheren Stelle slll, 62 . ff. IV, 4.) genauere Nachricht im Einzelnen gegeben haben. Die Kreter nun suchen Beweise beizubringen, daß bei ihnen dieser Gott geboren sey; sie behaupten, er habe bei Kreta zwei Inseln geschaffen an dem sogenannten doppelten Meerbusen und fle nach seinem Namen Dionysiaden genannt, was er sonst nirgends in der ganzen Welt gerhan habe. 7K. Von Hercules erzählt die Fabel, er sey eine lange Reihe von Jahren früher von Zeus erzeugt als der Sohn der Alkmette. Wer seine Mutter gewesen, sage die Ueberlieferung nicht, sondern nur, daß er an Leibesstärke alle Menschen weit übertroffen und auf einer Wanderung durch die Welt die Ungerechten bestraft und die wilden Thiere, wo sie das Land unbewohnbar machten, erlegt habe. Allen Menschen verschaffte er die Freiheit und blieb unbesiegt und «»verwundet. Wegen seiner Verdienste wurde ihm dann von den Menschen die Ehre der Unsterbliche» zn Theil. „Hercules aber, der Sohn der Alkmenc, welcher viel jünger war und sich die Handlungsweise des Aclteren zum Vorbild nahm, gelangte aus derselben Ursache zur Unsterblichkeit; im Lauf der Zeit enrstand durch die Namensgleichheit die Meinung, er sey Derselbe, und die Thaten des Ersten wurden auf ihn übergetragen, weil der große Haufe den wahren Verlauf der Sache nicht kannte." Man versichert, in Acgypteu gebe es noch Werke jenes älteren Gottes und glänzende Feste zu seiner Ehre und eine von ihm erbaute Stadt. Fünftes Buch. 5g5 ,,B r i t o m a r t i s, welche Diktynna genannt wind (so erzählt die Fabel), ist zu Cäno in Kreta geboren von Zeus und Karme, der Tochter des Eubulus, eines Sohnes der Demeter. Sie wurde die Erfinderin der Jagdliche und erhielt daher *) den Namen Diktynna. Sie war in der Gesellschaft der Artemis; was Veranlaffung gab, daß Einige Diktynua und Artemis für Dieselbe hielten. In Kreta sind dieser Göttin zn Ehren Opfer eingeführt und Tempel errichtet. Wenn man erzählt, sie heiße deßwegen Diktynna, weil sie, von Mi- nos zudringlich verfolgt, sich in ein Fischcrney geflüchtet habe, so ist das der Wahrheit nicht gemäß. Denn von einer Göttin, die eine Tochter des höchsten Gottes war, ist es nicht glaublich, daß sie in solche Verlegenheit gerathen seyn sollte, um einer Hülfe von Menschen zu bedürfen; und ebensowenig ist es billig, dem Minos, der doch der einstimmigen Ueberlieferung zufolge nach edel» Grundsätzen gehandelt und ein ehrbares Lebe» geführt hat, eine solche Ruchlosigkeit zuzuschreiben." 77. Plutns soll in Tripolus auf Kreta geboren seyn von Demeter und Jasion. Uebrigens wird seine Entstehung auf zweierlei Art erzählt. Einige sagen, das Feld, welches von Jaston eingesäet und mit der gehörigen Sorgfalt gebaut worden sey, habe eine solche Menge von Früchten hervorgebracht, daß die Leute, die es sahen, nie Menge der erzeugten Früchte einen eigenen Namen gegeben und ste Plutns gcheis- sen haben; daher sey dann bei den Nachkommen die Gewohnheit entstanden, von Menschen, welche mehr als das Noth- *) Diktyvn Yeltzr ein Netz. 5g6 Dwdor's historische Bibliothek. wendige besitzen, zu sagen, sie Koben einen Plutus. *) Andere berichte» nach der Fabel, es sey ein Sohn der Demetcr und des Jasion gewesen, Namens Plutus, welcher zuerst eine sparsame Lebensweise und ein Sammeln und Bcwakren des Vermögens cingefükrt habe, start daß Jedermann vordem sich wenig darum bekümmert habe, ein großes Vermögen aufzuhäufen und sorgfältig zusammenzuhalten. Dieß sind die Sagen, welche die Kreter von den Göttern erzählen, die bei ihnen geboren seyn solle». Ihre Be» ^ hanptung aber, daß der Opferdienst und die Weihen derMy- > sterien von Kreta aus in die andern Länder übergegangen seyen, glauben flc auf folgende Art sehr klar beweisen zu können. „Die Weihe, die bei den Athenern in Eleusis gcbräuch- > lich ist, die berühmteste beinahe unter allen, und die in Sa- mothrace und die bei den Ciconcn in Thrakien, woher der Stifter Orpheus war, sind geheimnißvoile Mittheilungen; ^ hingegen i» Knoffus auf Kreta ist es von Alters her Sitte, diese Weihen öffentlich Jedermann zu ertheilen, und was an andern Orten als Geheimniß behandelt wird, das verbirgt man dort vor Niemand, wer sich mit solchen Dingen bekannt machen will. Die merstrn der Götter nämlich sind vonDeta weiter gezogen und haben viele Länder der Welt durchwandert, wo ste dann den verschiedenen Völkern Wohlthaten erwiesen und Jedem Etwas von ihren nützlichen Erfindungen mittheilte». Demeter kam nach Attika hinüber; von dort aus wanderte sie nach Sicilien, und sodann »ach Aegypten; an diesen Orten hauptsächlich gab sie die Getreidefrucht ab *) Plutos heißt Reichthum. Fünftes Buch. Sg7 und lehrte, wie man sie säe» muß, und zum Dank wurde ihr daselbst hohe Verehrung zu Theil. Ebenso wählte Aphrodite Eryr auf Sicilie», die Insel Cythera, auf Cypern Paphos und in Asien Syrien zu ihrem Aufenthalt. Weil sie da erschienen war und sich länger verweilt hatte, eigneten sich die Einwohner die Göttin zu, und nannten sie die Erycische oder Cythe- riscbc oder Papkische oder Syrische Aphrodite. Auf gleiche Weise erschien Apollo die meiste Zeit in Delos, Lycien und Delphi, Artemis aber in Ephesus,Pontus, Persien und Kreta. Daher heiße» sie von diesen Orten oder von den Thaten, welche sie an jedem Ort vollbracht, der Delische, Lyrische, Py- tkische Apollo und die Ephesische, Kretische, Tanropolische, Persische Artemis,' obgleich Beide in Kreta geboren sind." Won den Persern wird wirklich diese Göttin vorzüglich verehrt, und dieses fremde Volk feiert die Mysterien, die an andern Orten bis auf die gegenwärtigen Zeiten unter dem Name» der Persischen Artemis begangen werden. Auch von den andern Göttern erzählen die Kreter ähnliche Sagen. Die Aufzeichnung derselben würde uns zu weit führen; und wie sie lauten, können sich die Leser leicht von selbst vorstellen. 78 . Nachdem die Götter geboren waren, ist auf Kreta, nach der Sage der Einwohner, viele Menschenalter später «ine Anzahl von Heroen geboren, unter welchen die berühmtesten Minos, Rhadamanthus und Sarpedon sind. „Diese waren Söhne desZeus und der Europ a, der Tochter Age- qor'S, welche auf einem Stier unter der Fürsorge der Götter nach Kreta hinübergefuhrt war.Minos, derAelteste, wurde König der Insel ugd erbaute auf derselben nicht wenige Städte; darunter sind drei die. ansehnlichste», Knosus in dem gegen Diodor. 5s Vdchn. 5 5g3 Diodor's historische Bibliothek. Asien gelegenen Theil der Insel, Phästus am Meer in der Richtung gegen Süden, C ydonia in den westlichen Gegenden dem Peloponnes gegenüber. Er gab den Kretern mehrere Gesetze, die er von seinem Vater Zeus zu erhalten vorgab, indem er mit demselben in einer Höhle zusammenkomme und sich bespreche. Er verschaffte sich eine große Seemacht, eroberte den größten Theil der Inseln und wurde in Griechenland der Erste, der auf dem Meere herrschte. Nachdem er sich großen Ruhm durch seine Tapferkeit und Gerechtigkeit erworben, endigte er sein Leben auf Sicilien in dem Feldzug gegen Kokains." Davon haben wir das Nähere berichtet, als wir die Geschichte des Dädalus erzählten s lV, 7g.), um dessen willen der Feldzng unternommen wurde. 7g. „Rhadamanthus sprach unter allen Richtern die gerechtesten Urtheile und bestimmte unerbittlich den Räubern, Gottlosen und andern Uebelthätern ihre Strafe. Er nahm nicht wenige Inseln und einen großen Theil deS Küstenlandes von Asien in Besitz, indem man sich ihm überall freiwillig unterwarf wegen seiner Gerechtigkeit. Dem Ery- thrus, einem seiner Söhne, übergab Rhadamanthus die Herrschaft über die nach demselben so genannte Stadt Ery- thrä. Dem Oenopion, einem Sohn von Ariadne, der Tochter des Minos, räumte er Chi os ein. (Dieser war nach einer andern Sage ein Sohn des Dionysos und lernte von seinem Vater die Weinbereitung.) Jedem von seinen übrigen Heerführern schenkte Rhadamanthus eine Insel oder eine Stadt, dem Thoas Lemnus, dem Enyens Scy- rus, dem Staphylus Peparethus, dem Euan- Fünftes Buch. 5gg thes Marone«, dem Alcäus Parus, dem Anio Delus, dem Andreus die nach ihm so genannte Insel Andrus. Wegen seiner ausgezeichneten Gerechtigkeit ist er, nach der Sage, zum Richter in der Unterwelt bestimmt worden, der die Frommen und die Bösen voneinander scheidet. Dieselbe Ehre ist dem Minos zu Theil geworden, welcher sehr gesetzlich regiert und auf Gerechtigkeit besonders ge» halten hatte. Der dritte Bruder, Sarpedon, ging mit einem Heer nach Asien hinüber und eroberte die Gegend von Lycien. Sein Sohn, Evauder, wurde sein Nachfolger in der Regierung von Lycien, vermählte sich mit Bellero- phon's Tochter, Deidamia, und zeugte den Sarp ed on, welcher mit Agamemnon gegen Troja zu Felde zog. **) Dieser wird übrigens von Einigen ein Sohn des Zeus genannt. Söhne des Minos waren Deukalion und Molus. Von Deu- kalion wurde Jdomenens, und von Molus Meriones erzeugt. Diese zogen mit Agamemnon gegen Ilium mit achtzig Schiffen) sie kamen glücklich in das Vaterland zurück, starben daselbst und erhielten zur Auszeichnung ein feierliches Begräbuiß und die Ehre der Unsterblichen." Man zeigt das Grabmal derselben in Knosus, welches folgende Inschrift hat. Siehe des Knosiers Grab, des Jdomeneus; aber des Molus. Sohn, Meriones, ich ruhe zur Seite dem Freund. *) So ist der Tert verbessert von K. O. Müller ('Lvvkf für 'L/i-kt), Ravul-Rochette (2xv(>ov für 'Xü(>'-ov), Heyne für /iscrzcgoeÄw oder /fafiPeXw), Wesseling (Lncei-Ake für Lva/lAkt oder Lvazikt). Durch ein Versehen ist hier Sarpedon zu den Feinden der Trojaner gerechnet, statt zu ihren Verbündeten. 5 * 6oo Diodor's historische Bibliothek. Diese find es, welche die Kreter als ausgezeichnete Herol-'n vorzüglich verehren, indem sie ihnen opfern und sie im Krieg um Beistand in Gefahren anrufen. So. Nach diesem ausführlichen Bericht haben wir noch die Völkerschaften anzugeben, die sich mit den Kretern vermischt haben. Daß die ersten Bewohner der Insel die sogenannten Eteokreter waren, die man für Ureingebvrne hält, haben wir oben gesagt. Nach ihnen kamen viele Menschen- atter später herumirrende Pe las ger, welche immer in Feldzügen und Wanderungen begriffen waren, nach Kreta, und besetzten einen Theil der Insel. „Ein dritter Stamm, die Dorier, wanderte unter Tektamus, dem Sohn des Do- j rus, auf der Insel ein. Der größere Theil dieser Kolonie > hatte sich aus der Gegend um den Olymp gesammelt; ein anderer Theil bestand aus Achäern von Laeonien, weil Dorus zuerst aus der Gegend von Malea ausgewandert war. Gin vierter Stamm, der sich mit den Kreiern vereinigte, war ein Gemisch von Fremden, die aber mit der Zeit die Sprache -er einheimischen Griechen annahmen. In der Folge brachten MinoS und Rhadamanthus durch ihre Macht die Völkerschaften auf der Insel unter Eine Verfassung." Zuletzt haben, nach der Rückkehr der Herakliden, die Argiver und Lacedämonier durch Kolonien, welche sie aussandten, unter- andern Inseln, die sie eroberten, auch Kreta *) in Besitz genommen und einige Städte auf diesen Inseln erbaut; worüber" *1 Nach R-iske's WtKiEhung roevrys rHs für ravrttx vy. Diese Insel bewohnten ehmals mehrere Völkerschaften; denn es gab daselbst viele Wanderungen. Zueust kamen Pelasger in den Besttz der noch unbewohnten Insel, auf folgende Weife. Lanthus, der Sohn des Triopas, König der Pelasger aus Argos, hatt« einen Theil van Lycien eingenommen und wohnte eine Zeit lang daselbst als Beherrscher der Pelasger, die ihn begleitet hatten; später aber zog er nach dem unbewohnten Leskus hinüber, theilte das Land unter seine Leute aus und nannte die Insel nach den Bewohnern Pelasgia, statt daß sie vorher Jssa geheißen hatte. Sieben Menschenalter später entstand Lie Wasserstuth zu Deukalion's Zeit, wobei so viele Menschen umkamen, und da verlor auch Lesbus durch die Ucberschwem- mung seine Bewohner. Nachher kam Makareus dahin und nahm, da er sah, wie schön die Gegend war, daselbst seinen Wohnsitz. Makareus war ein Sohn des Krinakus, eines Sohnes des Zeus, wie Hesiod und einige andere Dichter sagen. Er wohnte zu Olenus in dem jetzigen Acha- ja, welches damals Jonien hieß. Die Leute, die er um sich 6o2 Diodor's historische Bibliothef. gesammelt hatte, waren theils Ionier theils aus allerlei andern Völkerschaften zusammengelaufen. Nachdem er eine Zeit lang auf Lesbus gewohnt hatte, gelangte er durch die Fruchtbarkeit des Landes und durch seine Milde und Gerechtigkeit zu immer höherer Macht, und nun nahm er die benachbarten Inseln in Besitz und theilte das unbewohnte Land aus. Um diese Zeit führte Lesbus, der Sohn des Lapithas, Enkel des Aeolus und Urenkel des Hippotas, Ansiedler auf die vorhin genannte Insel und erhielt Methym- na, die Tochter des Makareus, zur Ehe und Theil an dem Besitz des Landes. Er wurde ein angesehener Mann, und man hieß nach ihm die Insel Lesbus und die Einwohner Lesbier. Töchter des Makareus waren unter andern Mitylene und Methymna, von welchen die Städte ihren Namen haben. Makareus wollte die benachbarten Inseln für sich in Besitz nehmen. Er schickte also zuerst Ansiedler nach Chios, wo er einem seiner Söhne die Herrschaft übergab. Darauf sandte er nach Samos einen Andern, Namens Cydrolaus, dec sich daselbst niederließ, die Insel durch's Loos vertheilte und König Derselben wurde. Auf Kos, der dritten Insel, die er bevölkerte, machte er den Neander zum König. Sodann schickte er den Leu- cippus nach Nhodus mit einer beträchtlichen Zahl von Ansiedlern, welche von den Einwohnern von Rhodus wegen der geringen Volksmenge willig aufgenommen wurden und sich mit ihnen in den Besitz der Insel theilten. 8-. Die den Inseln gegenüberliegende Küste wurde um jene Zeit in Folge der Wafferfiuth von schweren, traurigen Unfällen betroffen. Durch die Ueberschwemmung waren näm- 6o3 Fünftes Buch. !ich auf lange Zeit die Früchte zu Grunde gegangen; so entstand Mangel an Lcbensmitteln, und durch die verdorbene Luft wurden ansteckende Krankheiten in den Städten verbreitet. Die Inseln hingegen, wo der Windzug den Einwohnern eine gesunde Luft zuführte und die Früchte wohl gerieten. wurden immer * **) ) reicher an allen Bedürfnissen, und in kurzer Zeit fühlten sich ihre Bewohner glücklich. Daher hieß man sie die Inseln der Makaren sder Glücklichen^; die Benennung hatte nämlich ihren Grund in dem Ueberfluß an Gütern. Andere behaupten übrigens, der Name, Inseln der Makaren. komme von Makareus und dessen*') Söhnen her, die daselbst geherrscht haben. In der That haben sich aber die oben genannten Inseln durch ihren Wohlstand vor den benachbarten merklich ausgezeichnet, nicht blos im Alterthum, sondern auch noch zu unserer Zeit. Sie haben den Vorzug eines fruchtbaren Bodens, einer bequemen Lage und einer milden Luft; also führen sie mit Recht ihren Name» und sind in Wahrheit glückliche Inseln. Makareus selbst, welcher in Lesbus König war. gab gleich anfangs ein Gesetz, das viele für das allgemeine Beste dienliche Verordnungen enthielt. und das er den Löwen hieß; eine Benennung, die sich auf die Kraft und Stärke dieses Thiers bezog. 85. Geraume Zeit später, als die Kolonie nach Lesbus *) Nach Dindorf's Vermuthung aki für /uveXXoi'. **) Wahrscheinlich ist zu lesen arrö sp/axcrssövis xak räu r«rs TralAsv rwn Ai-xasri-^auraiv aürwu. 604 Diodor's historische Bibliothek. gekommen war, geschah es, daß die JnselkTenedus bevöl- ! kert wurde, und zwar auf folgende Weise. Tennes, ein ; Sohn des Cygnns, des Königs von Kolone in Troas, war ein wegen seiner Tapferkeit geachteter Mann. Er brachte ^ Ansiedler zusammen und nahm eine der Küste, von welcher er auswanderte, gegenüberliegende unbewohnte Insel, Leu- > kophrys genannt, in Besitz, vertheilte das Land unter seine Unterthanen und erbaute daselbst eine Stadt, die er nach seinem Namen Tenedus nannte. Da er gut regierte und sich viele Verdienste um die Bürger erwarb, so war er, so lang er lebte, sehr beliebt und erhielt »ach seinem Tode die Ehre der Unsterblichen. Man errichtete ihm nämlich ein Heiligthum und verehrte ihn durch Opfer als einen Gott; noch bis in die neuern Zeiten dauerte dieser Opferdienst fort. Eine unter den Tenedier» herrschende Sage von Tennes, dem Erbauer der Stadt, dürfen wir nicht übergehen. „Der Vater Cygnus, den ungerechten Beschuldigungen seines Weibes trauend, versenkte seinen Sohn Tennes, in einem Kasten verschlossen, in's Meer. Dieser wurde von den Wellen nach Tenedus getrieben, und, > durch die Fürsorge eines Gottes wunderbar gerettet, wurde Tennes König auf der Insel, erwarb sich großes Ansehen j durch seine Gerechtigkeit und seine andern Tugenden ungetanste zu der Ehre der Unsterblichen." Da bei de» Anklagen seiner Stiefmutter ein Flötenspieler als falscher Zeuge «ider ihn aufgetreten war, so wurde es Gesetz, daß kein Flötenspieler in das Heiligthum eintrete» sollte. Und weil zur Zeit des Trojanischen Kriegs, als die Griechen TeneduS verwüsteten, Achilles de» Tennes getödtet hatte, so gaben 6v5 Fünftes Buch. die Teucdier das Gesetz, daß Niemand in dem Heiligthum des Stifters de» Nomen des Achilles sollte ausforschen dürfen. Dieß ist es , was die Sage oo» Tenedns und den alte» Bewohnern dieser Insel erzählt. 8z. Nachdem wir die ansehnlichsten Inseln durchgegangen , wollen wir noch die kleinern beschreibe». Die Cycladischen Inseln waren einst nnbewohnt. Minos, der Sohn des Zeus und der Europa, der König von Kreta, der eine große Land- und Seemacht hatte, beherrschte das Meer und sandte viele Kolonien von Kreta ans. So bevölkerte er anch die meisten der unbewohnten Cycladischen Inseln und vertheilte sie unter die Ansiedler; auch an der Küste von Asien nahm er eine beträchtliche Strecke in Besitz. Daher kommt der Name Kretische oder Mi»o t- sche Häfen nicht nur auf den Insel» sondern auch in Asien häufig vor. Minos breitete sehr weit seine Heerschaft aus, hatte aber seinen Bruder Rh a dam anthus zum Mitre- genten. Diesem mißgönnte er den Ruhm, den er sich durch seine Gerechtigkeit erworben hatte. Um sich nun seiner zu entledigen, schickte er ihn an die äussersten Grenzen des Gebiets, das ihm unterworfen war. Rhadamanthus, welcher sich jetzt auf den Jonie» und Karien gegenüberliegenden Inseln aufhielt, ließ durch Erythrus die nach demselben genannte Stadt in Asien erbauen, und machte Oenopion, den Sohn von Ariadne, der Tochter des Minos, zum Beherrscher von Chios. Dieß geschah vor dem Trojanischen Krieg. Nach der Eroberung von Troja nahmen die Kurier, die eine bedeutende Macht erlangten und Herrn zur See wurden, die Cycladischen Inseln ein. Sie behielten Lo6 Diodor's historische Bibliothek. Fünftes Buch. einige derselben für sich und vertrieben die Kreter, die daselbst wohnten; auf andern theilten sie sich mit den frühern Einwohnern, den Kretern, in den Besitz des Landes. In der Folgezeit, als die Griechen mächtig wurden, geschah es, daß die meiste» Cycladischen Inseln von ihnen bevölkert und die Karischen Fremdlinge daraus vertrieben wurde». Darüber werden wir das Nähere zu seiner Zeit berichten. Bruchstücke *) aus dem sechsten Buch. Inhalt. Bon den Göttern. k°. 1. 2. Aianthus und Balius. k. Z. Die erste Krönung, k. 4. Die Dioskuren. V. 1 . Spoveus. V. 2. Argos. b. 5. Sisyphus. V. Z. Sotmvneus. V. 4. Tpro. V. 5. Admetus. V. 6 . Melampus. V. 7. r. i. fAus Eusrbius evang. Vorbereitung ll. Von den Göttern hatten die Alten zweierlei Begriffe, wel- *) Die Bruchstücke aus den Verlornen Büchern sind in der Uebersetzung so bezeichnet. k, (kra^menta) Stellen, die von alten Schriftstellern gelegenheitlich aus Diodor angeführt sind. T, littiik' 3 ) V. (Virlutes) 8 , 8 ententiae) Stellen aus Diodor die in den von Constantinus Porphyr o g e « i t u s Verdienste um die Menschen zu der Ehre und Würde der Un- j sterblichen gelangt seyn; so Hercules, Dionysos, Aristäus und die Andern, die in diese Reihe gehören. Won diesen irdi- ^ schen Göttern finde» sich viele und mancherlei Ueberlieferungen bei den Geschichtschreibern und Mythvgraphen. Unter den Geschichtschreibern ist es Euhemerns, der darüber ein besonderes Werk, die heilige Geschichte, verfaßt hat. Unter den Mythologen haben Homer, Hesiod, Orpheus j und Andere ihresgleichen abenteuerliche Fabeln von den Göttern erdichtet. Wir werden, was bei den Schriftstellern beiderlei Art vorkommt, kurz durchgehen; »m das Maß nicht zu überschreiten. Euhemerns, ein Freund des Königs Kaffander, mußte wegen gewisser Angelegenheiten, die er im Namen des Königs zu besorgen hatte, gvoße Reisen machen. Er erzählt, er sey in den südlichen Ocean »erschlagen worden. In dem glücklichen Arabien nämlich *) sey er zu Schiffe gegangen, und nachdem er mehrere Tage auf dem Ocean gefahren, habe er Inseln mitten im Meer angetroffen. Unter denselben sey eine, Panchäa genannt, die vvrzüglichste. Ihre Einwohner, die Panchäer zeichnen sich, wie er gefunden, durch Frömmigkeit aus und verehren l *) «statt nai. ist wohl zu lesen. Bruchstücke aus dem sechsten Buch. 609 die Götter durch die herrlichsten Opfer und durch ansehnliche silberne und goldene Weihgeschenke. Die Insel sey den Göttern heilig, und es gebe daselbst noch manches Andere, was theils wegen des hohen Alters, theils wegen der künstlichen Arbeit merkwürdig sey. Das Nähere davon haben wir in einem der vorigen Bücher s V, -1—zS. t berichtet. Auf einem außerordentlich hohen Berge der Insel sey ein Tempel des Zeus Triphylivs, den er selbst erbaut habe, als er »och unter den Menschen lebte und die ganze Welt beherrschte. In diesem Tempel sey eine goldene Säule, auf welcher mit Panchäischeü Buchstaben das Hauptsächlichste von den Thaten des Uranos, des Kronos und des Zeus aufgezeichnet sey. Darauf sagt Euhemerus, zuerst sey Uranos König gewesen, ein billig denkender und gutthätiger Mann; er habe die Bewegungen der Gestirne verstanden und sey der Erste gewesen, der die himmlischen Götter durch Opfer verehrte; deßwegen sey er Uranos sHimmelt genannt worden. Die Söhne, die ihm seine Gemahlin Hestia geboren, seyen Titan *) und Kronos, die Töchter Rhea und Demeter. Kronos sey nach dem Uranos König geworden, habe die Rhea zur Ehe genommen und den Zeus, die Hera und den Poseidon gezeugt. Zeus sey der Thronfolger des Kronos geworden, habe sich mit Hera, Demeter und Themis vermählt und Kinder mit denselben gezeugt, mit der Ersten die Kureten, mit der Zweiten die Perseph 0ne, mit der Dritten die Athene. Er sey nach Babylon gereist und von Belns gastfreundlich aufgenommen worden. Dar- *) Nach Weffeling's Verbesserung Tiräva für t/crn«. 6icr Diodor's historische Bibliothek. auf sey er nach der im Ocean gelegenen Insel Panchäa gekommen und habe seinem Großvater Uranos einen Altar errichtet. Bon dort aus sey er durch Syrien gezogen zu dem damaligen Herrscher Casius, von welchem der Berg Casius den Namen babe. Er sey ferner »ach Cilicien gekommen und habe den Fürsten des Landes, Cilir, im Krieg I überwunden. Auch noch sehr viele andere Länder habe er ^ durchwandert und sey überall verehrt und ein Gott genannt worden.") . . . Ueber Euhemerns, der die heilige Geschichte ^ geschrieben, mag das Bisherige genügen. Nun wollen wir ! die unter den Griechen herrschenden Sagen von den Göttern nach Hestod, Homer, und Orpheus kurz durchgehen. r. sAus Malalas Chronographie, S. 6L.! Die > Götter waren Menschen, welchen andere Menschen diesen ^ Namen gaben, indem sie wegen ihrer Verdienste sie als Unsterbliche betrachteten. Einige haben auch als Beherrscher eines Landes '*) besondere Namen erhalten. k. Z. sAus Eustathius zu Hom. Jl. XIX, hoo. 1 Lanthus und Balins sdie Pferde des Achilles! waren zuvor Titanen, halfen aber dem Zeus, sgegen die übrigen Titanen!; Nanthus war ein Gefährte des Poseidon, und Balins des Zeus. In der Schlacht nun wünschten sie ihre ^ Gestalt zu verwandeln, weil sie sich scheuten, von ihren Stammverwandten, den Titanen, erkannt zu werden; und P Hier fährt Eusebius so fort: Nachdem er lDiodorf von den Göttern als von sterblichen Menschen diese und ähnliche Dinge erzählt hat, setzt er hinzu: Ueber Suheine- rus u. s. w. **) 7ii«i nach LSAMxvccr ist zu tilgen. Bruchstücke aus dem sechsten Buch. 6ir ihr Wunsch wurde erfüllt. Diese sPferde) sind es, welche dem Peleus geschenkt wurden. Darum weissagt Xanthus dem Achilles seinen Tod. k. i> s Aus Tertullian von dem Soldatenkranz 7.) (Pherecydes erzählt, der Allererste, welcher gekrönt worden, ! sey Saturn gewesen; Di 0 d 0 r berichtet: Jupiter sey nach § der Ueberwindung der Titanen dieser Ehre gewürdigt worden; Derselbe legt dem Priapus eine Kopfbinde bei, und der Ariadne eine Krone von Gold und Indischen Eoel- ! steinen, ein Werk Vulcan's, das ein Geschenk von Aber sBacchus) war und nachher ein Sternbild wurde.) i V. -. Kastor und Pollur, die Dioskuren ge- ! nannt, thaten sich nach der Ueberlieferung durch ihre Ta- i pferkeit vor Andern weit hervor und machten mit großem Ruhm den Zug der Argonauten mit. Vielen Hülfsbedürf- tigen haben sie Beistand geleistet. Dadurch hauptsächlich erwarben sie sich beinahe unter allen Völkern das Lob der Tapferkeit und Gerechtigkeit, sowie der Kriegskunst und der Frömmigkeit, daß sie den Menschen in unvermutheten Gefahren mit Hülfe erschienen. Wegen ihrer außerordentlichen Vorzüge solle» sie Söhne des Zeus genannt, und, nachdem sie von der Welt geschieden, zur Ehre der Unsterblichen gelangt seyn. V. 2. Epopeus, König von Sicyon, forderte die Götter zum Kampf, heraus und zerstörte ihre Heiligthümer und Altäre. k. 5 . sAus Malalas Chronographie S. 8;.) Das Reich derArgiver oder ihre eigene Regierung dauerte 5 zg Jahre. V. Z. Sisyphus soll sich durch Arglist und Verschla- 6i2 Dlvdor's historische Bibliothek, rc. ! ! genheit vor Andern ausgezeichnet und durch die Opferschau j Altes entdeckt und den Menschen vorausgesagt haben. V. z. Salmoneus war gottlos und übermüthig. Er schmähte die Gottheit und behauptete, er thue größere Thaten ! als Zeus. Deßwegen ließ er donnern, indem er durch eine eigene ^ Vorrichtung ein ungeheures donnerähnliches Getöse hervorbrachte. Er brachte kein Opfer und beging kein Fest. *) V. 5. Derselbe Salmoneus hatte eine Tochter Tyro, die wegen ihrer meisten Haut und ihres zarten Körpers diesen Namen erhielt.** ***) ) V. 6 . Admetns zeichnete sich durch Gerechtigkeit und Frömmigkeit aus und war den Göttern werth. So hoch wurde seine Tugend geschätzt, daß dem Apollo, als er den Zeus beleidigt hatte, auferlegt wurde, bei Admetus als Taglöhuer zu arbeiten. **') Man sagt, Alcestis, die Tochter des Pelias, die allein an dem Frevel gegen den Vater keinen Theil genommen, sey wegen ihrer Kindcstreue dem Admetus zur Ehe gegeben worden, k) V. 7 . Melampus, welcher sich durch Frömmigkeit auszeichnete, wurde ein Freund des Apollo, ss) *) Bergt. IV, 68. **) Tyros heißt Käse. ***) Bergt. IV, 71. sg Bergt. IV, SZ. -t-s) M«rgl. IV. 68. Bruchst. a. d. sied., acht., «reunt. u. zehnten Buch. 6,3 Bruchstücke aus dem siebenten, achten, neunten und zehnten Buch. Inhalt. Aeneas. V. 8. König« von Atba. k. 6. V. 9. Könige von Korinth. k. 7. Könige von Lacedamou. k. 8. Seeherrschaft. k. 9. Munychimn. k. 10. Malakuö. V. 10. Lykurg. V. 11. 12. 8. 1. 2. 5. (4. 1.) König« von Macedonieu. k. 11. 12. 15. 8. 4, 2. Die Stier. V. 15. 8. 4. 5. Nomulns und Remus. 8. 5. 1. 2. 6. V. 14. Vorn ersten Meffenische» Krieg. V. 15. 3. 7. 8. 2. 5. k. 11. Archias in Korinth. V. 16. (8. 8. 1.1 Agathokles in Syrakus. V. 17. Numa PomxiliuS. V. 18- (8. 9. 1. 2. 5.) Dejoces. V. 19. Kroto». 8. 10. 1. 2. Sybaris. V. 20 . 21. 8. 11. 1 . z. Ta- rent. 8. 12. 1. 2. Gela. 8. 15, 1. Nhegium. 8. 15, 2. Hipxomenes in Athen. V. 22 — <8. 14, 1.) Lokrer. 8. 14, 2. Andreas in Sieyon. 8. 14, 5. Tprtäus. 8. 14, 4. 5. Tullus Hostilins. I-. 1. k. 15. Teryander in Lacedämvn. k. 18. tz'p- rcne. 8.15,1. V. 25. 24. Tarquinius Priscus. V. 25. (8.15,2.) Lokrer. 8. 16, 1. (8. 16, 2.) Solo-I. 8.17,1. - 19,1. V. 26. 27. 28- 17. (8.19,2.) Myson. 8. 19, 5. 4. V. 29. Chiton. 8. 20. 21, 1. 2. V. 50. Pittakus. V. 51. 52. 8. 22, 1. 2. 5. Mas. V. 55. 54. 55. Milo und Polydamas. 8. 25, 1. 2. k. 18, Cirrha. 8. 25, 5. Iperilauö. 8. 24, 1. Solon und Pisistratus. 8. 24, 2. 5. Krösus. 8. 25. 26. 27. Aesox. 28, 1. Phalaris. 8. 28, 2. Krö- Diodor. 5» Bdchn. 6 6i4 Divdor'ö historische Bibliothek« sus lind Eyrus. 8. 28« 5. 29« 1. 2. AN« 2. 3. V. 41. Chrus V. Z6. 38. k". 19. Slsthages. V. 37. Adrastns. V. 39. Eu- rp-atus. V. 40. 8. 29« 3. Krösus stummer Sohn. 8. 30« 1. Harpagus. 8. 31« 1. Die Lacedämonier. 8. 31, 2. 32« 1. 2. (8. 32« 5.) Pisistratus. 8. 33« 1. 2. Servius Tullius. V. 42. 8. 34. Pythagoras. V. 43. 44. 8. 35« 1. 2. 3. 36« 1. Archhtas. 8. 36« 2. Freundschaft der Pythagoreer. 8. 37« 1. 2. V. 45. 46. Ihre Grundsätze. V. 47-52. 8. 38. 39« 1-4. 40« 1. 2. Ihr Gegner Etzlon. V. 55. Lpsis. V. 54. <.V. 55.1 Chrus Entwürfe. 8. 40« 3. Kambpses. V. 56 — 58- I.. 2. Polykrates. 8. 41« 1. 2. V. 59. (8. 41« 3.) Aristogiton. V. 60. 8. 41« 4. Zeno. V. 61. 8. 42« 1. Zopyrus. 8. 42« 2. 3. 4. 43« 1. Darms. 8. 43« 2. Hermen. 8. 43« 3. Lucretia. V. 62. 8. 44. Brutus. 8. 45« 1. Die Sybariten. 8. 45 , 2. (8. 46« 1. 2.) Die Athener. 8. 46« 3. Die Ionier. 8. 46« 4, 47« 1. 2. Hekatäus. 8. 47« 3. <8. 47« 4.) Hipxokratcs. V. 63. Theron. V. 64. Datis. 8. 48« 1. Cimon. V. 65. 66. 8. 48« 2- Gele». 8. 49« 1. (8. 49, 2-6. 50« 1-6.1 V. 8. Bei der Eroberung von Troja, besetzte Ae- neas mit einigen Andern einen Theil der Stadt und vertheidigte sich gegen den andringenden Feind. Sie ergaben sich an die Griechen unter der Bedingung, daß sie frei abziehen und daß Jeder von seiner Habe soviel mitnehmen dnifte, als er könnte. Die Andern alle nahmen Silber oder Gold oder andere Kostbarkeiten mit; Aeneas hingegen hob seinen hochbetagcen Vater auf die Schultern und trug ihn fort. Diese Handlung erregte die Bewunderung der Griechen; sie erlaubten ihm, noch Etwas aus leinem Hause zu nehmen, was er wollte. Da trug er die väterlichen Heilig- Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnte» Buch. 6>5 thümer weg. Nun wurde sciu edler Sinn, dem auch die Feinde ihre Anerkennung nicht versagen konnten, noch höher gerühmt. Er erschien als ein Mann, der in der drohendsten Gefahr zuerst an das Heiligste dachte, an die Pflichten gegen die Eltern und gegen die Götter. Es wurde ihm deßwegen, wie man sagt, gestattet, mit den übergebliebenen Troern ganz »»gekränkt aus Troas wegzuziehen, wohin er wollte. k'. 6. jAus Euseb ins Chronik, Auchcr's Ausg. Th. k. S. 586. und aus Syncellns Chronographie, Ven. Ausgabe, S. -55J *) Einige Geschichtschreiber haben irrig angenommen, des Aeneas Tochter sey die Mutter des Ro mulus gewesen, unter welchem Rom erbaut morden. Das ist der Wahrheit nicht gemäß. In dem Zeitraum zwischen Aeneas und Nomnlus haben viele Könige regiert, und die Stadt ist erst im zweiten Jahr d e r ss i e b e n tc n L ly m p i ad e s?5i v. C.j erbaut worden; also ist ihre Entstehung über Löo Jahre später zu seyen als die Trojanischen Geschichten. Nach der Eroberung von Troja waren drei Jahre verflossen, als Aeneas die Herrschaft über die Latin er antrat, und nachdem er drei Jahre regiert, wurde er aus der Welt entrückt, und es widerfuhr ihm göttliche Ehre. Sein Sohn Ascanius, der ihm in der Regierung folgte, gründete Alba, das jetzt den Beinamen Longa führt. Er nannte ") Bei Syncellns geht dieses Fragment nur bis zu den Worten: „angedeutet worden". Das klebrige hat sich blos in der Armenischen Uebersetzung der Chronik des busebius erhalten. 6r6 Diodor's historische Bibliothek. die Stadt nach dem Flusse, welcher damals Alba hieß, jetzt Tiber genannt ist. Eine andere Sage von dem Ursprung dieses Namens findet man bei dem Römischen Geschichtschreiber Fab ins sPictors. Dem Aeneas habe ein Götterspruch gesagt, ein vierfüßiges Thier werde ihm den Ort zur Erbauung einer Stadt zeigen. Nun sey ihm einmal ein trächtiges Schwein, weiß von Farbe, das er opfern wollte, eins den Händen entflohen; er habe es verfolgt bis an einen Hügel, dort aber habe es dreißig Junge geworfen. Erstaunt über den sonderbaren Vorfall und des Götterspruchs eingedenk, habe sich Aeneas entschlossen, diesen Platz zu bebauen; er sey aber von seinem Vorhaben abgestanden, weil ihm eine Traumcrscheinung entschieden gewehrt und gerathen habe, erst nach dreißig Jahren zu bauen, wie es durch die Zahl der Jungen angedeutet worden. Nach dem Tode des Aeneas sey dessen Sohn Ascanius zur Regierung gekommen; Dieser habe dann nach Verfluß von dreißig Jahren den Hügel bebaut und die Stadt Alba genannt nach der Farbe des Schweins; weil nämlich „die weiffe" in der lateinischen Sprache alba heißt; auch habe er der Stadt noch einen Namen gegeben, longa, das heißt „die lange", weil sie in der Breite nur schmal, in der Länge aber sehr ausgedehnt war. Ascanius machte Alba zum Sitz der Regierung, und unterwarf einen nicht geringen Theil von den Bewohnern der Umgegend. Ueberall wurde er als ein trefflicher Mann anerkannt. Er starb, nachdem er achtunddreißig Jahre regiert hatte. Nach seinem Tode entstand ein Zwiespalt unter dem Volk, da sich zwei Bewerber um die Krone stritten. Julius nämlich, ein Sohn des Ascanius, behauptete, ihm ge- Bruchst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 617 höre das Reich seines Vaters; und Silvius, ein Bruder des Ascanius, ein Sohn des Aeneas und der Silvia, der erste» Gattin des Latinus, *) erklärte, ihm gebühre es. Diesem hatte nämlich nachdem Tode des Aeneas Ascanius nach dem Leben getrachtet. Weil er als Kind anf einem Gebirge von Hirten erzogen war, so nannte man ihn Silvius nach dem Namen eines Gebirges der Latiner, das sie Silva hiessen. ") Ueber die gegenseitigen Ansprüche entschied nun die Wahl des Volks dahin, daß Silvius die Regierung übernahm, Julius aber, welcher dem Thron entsagen mußte, zum Oberpriester ernannt wurde und für einen zweiten König galt. Bon ihm, sagt man, stamme das noch jetzt lebende Geschlecht der Julier. Silvius hat während seiner Regierung keine denkwürdige That verrichtet. Er starb, nachdem er ncunnndzwanzig Jahre König gewesen war. ES folgte ihm in der Regierung sein Sohn Aeneas, welcher den Beinamen Silvius erhielt; er war über dreißig Jahre König. Nach ihm herrschte Latinus, Silvius genannt, fünfzig Jahre. Dieser, ei» unternehmender und kriegerischer Mann, verheerte die Gegend in der Nähe der Sta)t, und *) Es sollte heissen: des Aeneas und seiner zweite» Gattin Lavinia, der Tochter des Latinus. Bergt. Divnps v. Hat. k, 70. Vielleicht ein Mißverstand des Armenischen tlcbersetzcrs. L>» Grnndtert mag es ungefähr so gcheiffe» haben: cr'nö rv 2l- Xs«»> avrör- xa-Xsurw»-. Dann -st der Sinn: er erhielt den Name» Silvius von dem Wort Silva, das bei den Latinern ein Waldgebirge leinen Wald; bezeichnet. 6-8 Diodvr's historische Bibliothek. baute achtzehn alte Städte, welche vorher die der Latiner hießen, ') Tibnr, Präneste, Gabii, Tuscnlnm, §ora, Co- metria sPometial, Lannviuni, Labiri, Sraptia, Satricnm, Aricia, Tellena, Ocvstomeria sCrustumerinms, Cänina, Fle- gena sFregenä, oder Fidenä), Cameria, Mediplium sMe- dullial, Bvjilum sBovillä^, das von Einigen Bolä genannt wird. Nach dem Tode des Latinns wurde sein Sohn, Albas Silo ins, zum König erwählt, welcher achtnnddrei- ßig Jahre regierte. Nach Diesem war Epitns Silvas sSilvins^j sechsnndzwanzig Jahre König. Nach dessen Tode kam Capys zur Regierung, welcher achkundzwanzig Jahre König war. Ihm folgte sein Sohn Calpetus und herrschte dreizehn Jahre. Darauf Tiberius Silo ins acht Jahre. Dieser zog gegen die Tyrrhener zu Felde; als er aber mit seinem Heer über den Fluß Alba sehen wollte, gerieth er in einen Strudel und kam um. Daher erhielt der Fluß den Namen Tiberius sTiberch Nach dem Tode dieses Königs herrschte Agrippa über die Latiner einundvieczig V. g. Nomnlns Sil- Jahre. Darauf A r a m n- lins Silo ins neunz hn Jahre. Von Diesem erzählt man, er sey während seiner »ins, "*) der während seines ganzen Lebens übermüthig war, versuchte einen Es sollte wohl helffe»: achtzehn Städte, welche nachher Städte der alte» Latiner genannt wurden. Liv. k, Z. **) Man hätt sonst Bovillä und Bolä für zwei verschiedene Städte. *") So nennt Livius I, 5. diesen König. Für „Romulns" komme» ausser „Arainulius", wie es in der Armenischen Ucbcrsetziing des Snsebius heißt, noch andere Formen des Namens vor (Remulns, Areinnlus, Amnlins, Allades). Bruchst. Von Troja's Zerstörung bis zur ersten Olympiade find es, wie Apvllvdor von Athen sagt, vierhundert und acht Jahre; von denselben verflossen achtzig bis znm Einfall der Heraklide», und während der übrigen s;-8j regierten als Könige in Lacedämo» Pro kles, Cnrysth e us sEurysthenes) und ihre Nachkommen. Die Regierungszcit ') V-rgl. I. 5. **) Im Armenischen Text steht irrig „dreihundert" statt „vierhundert". Die Summe von den angegebenen Regierungsjahren der Lacedämonischcn Könige ist übrigens zu klein. 622 Diodor's historische Bibliothek. dieser Könige aus beiden Familien wollen wir der Reihe nach anqeben bis zur ersten Olympiade. Eurystheus trat die Regierung an im achtzigsten Jahr nach dem Trojanischen Krieg und war zweiundvierzig Jahre König- Nach ihm Agis ein Jahr, Egestratus einunddreißig Jahre, uud sodann Labotas siebenunddreißig Jahre, Dorystus nenn- »ndzwanzig; der Folgende, Agesilaus, vierundvierzig; Archelaus sechzig; Teleklus vierzig; Alkamenes acht- nnddreißlg Jahre. In Dessen zehntes Regiernngsjahr fällt die erste Olympiade, wo Koröbus von Elis Sieger auf der Rennbahn war. Aus der andern Familie regierte zuerst Proklcs neunundvierzig Jahre, darauf Prytanis neuu- undvierzig, Eunomius fünfnndvierzig, CharikleS sechzig, Nikau der achtunddreißig, Tbeopompns sicbenundvierzig Jahre. Dessen zehntes Regierungsjahr trifft wiederum mit der ersten Olympiade zusammen. Bon Troja's Eroberung aber bis zum Einfall der Heraklideu sind es im Ganzen achtzig Jahre. k. g. fAus Eusebius Chronik S. 5-,.s *) Nach dem Trojanischen Krieg hatten dieHerrschaft über das Meer i) die Lydier und Mäonen 9 - Jahre r) die Pelasger . . . 85 — 5) die Thracier . . 7 g — z) die Rhodier . . .,5 — 5) die Phrygier . . ,5 — 6 ) dieCYPrier . . . 55 — Wahrscheinlich gibt Snsebius i» diesem Berzeichniß Diodor's Worte nicht vollständig. Bruchst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. . , . 45 Jahre 6-3 *)- 44 - 7) die P hönicier . 3 ) die Aegypter . 9) die Milesier 10) .. die Lesbier . i,l die P hvcäer i 5 ) die Samier . . . . . — i 4 ) die isacedä monier . - — - 5 ) die Narr er . . . 10 — r6) die Eretrier . . . >5 — 17) die Aegineten . . 10 — bis zu Alerander's Ueberfahrt über das Meer. r. 10. sAus Ulpian zu Demosthenes, S. , 55 .s Den Ursprung des Namens Munychium gibt Diodor, mit den Worten des Hellanikus, also an. Die Thracier führte» einst Krieg mit den Min per», den Bewohnern von Or- chomenos in Böotien, und verdrängt-» sie aus dieser Stadt. Die Vertriebenen kamen »ach Athen unter der Regierung des Munychus, und Dieser crlanbte ihnen, sich in der Gegend von Munychia, die eben von diesem König den Namen erhielt, niederzulassen. V. 10. In der Sradt Kuma stand ein Tyrann Namens s Aristodemus s Malakns auf. Durch das Ansehen, in welchem er bei dem Volke stand, und durch beständige Klagen gegen die Großen hatte er sich die unumschränkte Gewalt verschafft. Die reichste» Bürger ließ er hinrichten *) Diese Zeile läßt sich aus de» Tadelten des Susebins (Th. 17. S. 777.) so ergänze»: 70) die Karier 61 Jahre. 6r4 Diodor'ö historische Bibliothek. und zog ihr Vermöge» ein. Er unterhielt Miethtruppen und machte sich den Einwohnern von Kuma furchtbar. V. ii. So hohe Vorzüge besaß Lykurg, daß, als er »ach Delphi kam, Pythia folgenden Ausspruch that: (das Weitere ist unter dem Titel „von den Denksprnchcn" zu suchen) ') 8. 1. fSiehe, du kommst, vpkurgus, zu meinem gesegneten Tempel, Dich liebt Zeus und alle Bewohner olympischer Häuser. Soll ich dich grüßen als Gott? als Menschen dich nennen? ich weiß nicht; Eher jedoch ein Gott bist du.) so glaub' ich, Lykurgus. Was du gekommen zu bitten, gewähr' ich dir, gute Gesetze, Wie man in keiner der anderen Stadt' aus Erden sie findet. 8. -. Ebenderselbe fragte die Pytbia, wie er die Gesetze einrichten müßte, um sie recht wohlthätig für die Spartaner zu mache». Als sie antwortete, er müßte die Anordnung treffen, daß ein Theil der Bürger gut regiere, der widere aber gehorche, so fragte er weiter, was Jene zu thu» hätten, um gut zu regieren, und Diese, um zu gehorchen. Darauf gab sie folgendes Orakel. Zweifach laufen die Wege, sie scheiden sich weit voneinander; Hieher führet der eine, zum herrlichen Hause der Freiheit, Dorthin jener, wo Knechtschaft wohnet, den Sterblichen furchtbar. Hieher kommen die Wanderer nur durch heilige Eintracht *) Unter diesem Titel findet sich wirklich das Orakel; nur fehlt in der Handschrift der Ansang desselben, nämlich die in Klammern geschlossenen Worte; sie sind aus Her od ot (I, 85.) und Susebius 4 . Diese ausgesetzten Kinder sRomulus und Remus) zeichneten sich, als sie mit Ler'Zcit herangewachsen waren, durch Schönheit und Stärke weit vor Andern auS. Sie schafften Sicherheit für alle Heerden und wehrten die Räuber, welche Dieselben anzufallen pflegten, leicht ab, indem sie Viele tödteten und Einige auch lebendig ergriffen. Nicht blos durch den Eifer, den sie hier bewiesen, erwarben sie sich die Zuneigung aller benachbarten Hirten, sondern auch durch die Theilnahme an ihren Gesellschaften und durch die gefällige und leutselige Weise, womit sie den Bittenden entgegenkamen. Daher unterwarfen sich ihnen die Meisten, weil von ihnen die Sicherheit Aller abhing, und befolgten ihre Weisungen, indem sie an den^ von ihnen bestimmten Plätzen zusammenkamen. 8. S, ,. Als Remus und Romulus wegen der Erbauung der Stadt den Vogelflug beobachteten, erschien sdem Romu- luss ein Himmelszeichen von der rechten Seite. Da rief Remus, wie man sagt, erstaunt seinem Bruder zu, in dieser Stadt werde oft auf linkische Rathschläge das rechte Gelingen folgen, wie ihm sdem Romuluss, nachdem er vor« *) So ungefähr mag der unvollständige Satz ergänzt werden. Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 63 r eilig den Boten abgeschickt und auf seiner Seite Alles verfehlt habe, sein Versehen jetzt durch einen Zufall gut gemacht sey. *) 8. s. Bei der Erbauung von Rom ließ Romulus absichtlich einen Graben um das Palatinm ziehen, damit Niemand von den Nachbarn sein Vorhaben zu hindern versuchte. Unwillig, daß es ihm mißlungen war, den Vorzug zu erhalten, und neidisch über das Glück seines Bruders trat Remus zu den Arbeitern und schmähte sie; er behauptete , der Graben sey zu schmal und die Stadt werde nicht gesichert seyn, denn da springen die Feinde leicht herüber. Romulns sagte zornig: ich werde allen Bürgern befehlen, Den zu bestrafen, der es wagt, herüberzuspringen. Noch einmal sagte Remus scheltend zu den Arbeitern, sie machen den Graben zu schmal, die Feinde werden ihn ohne Mühe überschreiten, ihm selbst sey ja Das ein Leichtes; und während er Das sagte, sprang er hinüber. Einer von den Arbeitern aber, Namens Celer, versetzte darauf: nun, ich will den Herüberspringendsn bestrafen nach dem Befehl des Königs; und mit diesen Worten hob er sein Grabscheit auf, schlug es ihm an den Kopf und todtste so den Remus. V. i5. Polychares, ein sehr reicher und vornehmer Messenier, (so erzählt man) war mit dem Spartaner Euäphnus in Gütergemeinschaft getreten. **) Dieser hatte ") Vergl. Dionys v. Hat. I, 86. **) Vergl. Pausanias IV, 4, 4. Für MAwn ist wohl «/u- Osv zu lesen. * 7 63s Diodor's historische Bibliothek. die Besorgung und Aufsicht der Heerden und der Hirten übernommen. Er erlaubte sich eine eigennützige Handlung, die aber entdeckt wurde. Er verkaufte nämlich einen Theil des Viehs sammt den Hirten an Handelsleute, die es ans- führren, und gab vor, es sey ihm durch Räuber mit Gewalt weggenommen worden. Die Handelsleute fuhren auf dem Wege nach Sicilien am Peloponnes hin. Es entstand ei» Sturm, durch den sie an's Land getrieben wurden. Da stiegen die Hirten bei Nacht aus und entflohen, auf ihre Bekanntschaft mit der Gegend sich verlassend. Sie kamen nach Messene und erzählten ihrem Herrn den wahren Verlauf der Sache. Polychares versteckte sie und ließ seinen Genossen aus Sparta kommen. Als Derselbe betheuerte, die Hirten seyen zum Theil von den Räubern weggeführt, zum Theil umgekommen, ließ Polychares die Leute vortreten. Euäphnus crschrack, als er sie erblickte; augenscheinlich überwiesen, entschloß er sich zum Bitten, versprach die Kühe wieder zu ersetzen und wandte alle möglichen Vorstellungen an, um sich zu retten. Aus Achtung vor dem Gastrecht hielt Polychares die Sache geheim und gab seinen Sohn dem Spartaner mit, um durch ihn den Ersatz zu erhalten. Allein statt seines Versprechens zu gedenke», brachte Euäphnus den Jüngling um, der mit ihm »ach Sparta geschickt war. Als Das geschah, verlangte Polychares, in gerechtem Unwillen über, solche Frevelthaten, die Auslieferung des Verbrechers. Aber die Lacedämonier willigten nicht in das Begehren, sondern erklärten in einem Brief, den sie durch den Sohn des Euäphnus nach Messene schickten, Polychares habe den Rechtsstreit wegen seiner Beschwerden in Druchst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 6ZZ Sparta zu führen vor den Ephoren und den Königen. So bot sich dem Polychares die gleiche Gelegenheit dar; er brachte den Jüngling um und nahm sich bei dem sLacedämonischeuj Staat selbst Genugthuung. *) 8. 7. Als die Hunde heulten und dieMessenier den Muth verloren, trat einer der Aeltesten auf und erinnerte das Volk, auf das eitle Gerede der Seher nicht zu achten; sie begehen ja in ihren eigenen Angelegenheiten so viele Fehler und können also die Zukunft nicht voraussehen; um so weniger sey es möglich, Laß sie als Menschen in diesem Falle wissen, was natürlich nur den Göttern bekannt sey. Er gab dagegen den Rath, nach Delphi zu schicken. Pythia that den Ausspruch, sie sollen irgend eine Jungfrau aus dem Geschlechte der Aepytiden opfern; wenn aber Die, welche das Lovs treffe, den Göttern nicht geweiht werden könne, dann sollen sie aus demselben ") Geschlechte die Tochter Dessen opfern, der sie freiwillig darbiete; wenn sie Das thun, werden sie den Sieg im Kampf nnd die Oberhand gewinne». **').Denn keine Ehre schien den Eltern "I Vielleicht ist für Troern z» setzen Dann hieße es: und behielt den Brief als Pfand zurück sals Zeugniß der Lacedämonier, daß ihm Unrecht geschehen sey). Nach der Röm. AnSg. r« aür«. Was der Verfasser der Auszüge hier weggelassen hat, ist aus Pausanias IV, 9, 5 — 5. zu ersehen. Der folgende Satz: Denn keine u. s. iv. bezieht sich darauf, daß die Aepvtiden alle der Versicherung des Euphaes, dem Orakel sey durch den Tod der Tochter des Aristodemns Genüge geschehen, gerne beistimmten. 634 Divdvr's historische Bibliothek. groß genug, um dafür das Leben der Kinder aufzuopfern; vielmehr regte sich in Jedem nicht blos das Erbarmen des Vaterherzens, wenn er sich die Opferung vor Angen stellte, sondern er machte sich auch ein Gewissen daraus, sein Kind so entschieden dem Tode preiszugeben. V. ik. Archias von Korinth liebte den jungen Aktäon. Zuerst schickte er Jemand an ihn ab und machte ihm ansehnliche Versprechungen. Da aber der Vater zu edel dachte und der Sohn selbst zu tugendhaft war, als daß er sich hätte bewegen lassen, so versammelte Archias die Meisten seiner Bekannten, um mit Gewalt zu erreichen, was ihm durch Bitten und gute Worte nicht gelungen war. Er betrank sich mit den Gästen, die er eingeladen hatte, so daß er am Ende von der rasenden Leidenschaft getrieben es wagte, in das Haus des Mel'ffus einzubrechen und den Jüngling mit Gewalt zu entführen. Während nun der Vater und die übrigen Hausgenossen sich wehrten und von beide» Seiten sehr hiyig gekämpft wurde, gab der Jüngling, ohne daß man es bemerkte, unter den Händen der Ringenden den Geist auf. Wenn man über dieses außerordentliche Ereig- niß nachdenkt, so bedauert man nicht blos das Schicksal des Unglücklichen, sondern wundert sich zugleich über den sonderbaren Zufall, daß der Jüngling ein ähnliches Lebensende finden mußte, wie Der, desseu Namen er führte; *) Beide verloren nämlich auf gleiche Weise durch Diejenigen ihr Leben, von Denen sie am gewissesten Hülfe erwarten konnten. *) Bergt. IV, 84. Bruchst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 6Z5 8. 8, i. Er * **) ) ließ sich Vergebungen zu Schulden kommen, die man nicht von ihm erwartet hätte. So gefährlich ist die verführende Macht der Liebe für Jünglinge, und besonders für Diejenigen, die auf ihre Körperstärke trotzen. Darum ist auch, nach der Darstellung der alten Mythogra- ,phen, der sonst von Niemand überwundene Hercules durch die Gewalt der Liebe besiegt worden. k. -l>. sEin besonderes Fragment.! Nachdem sich hierauf der König *') von seinen Wunden erholt hatte, hielt er Gericht über den Preis der Tapferkeit. Es traten zwei Bewerber auf, Klconnis und Ari sto'iu enes, von welchen Jeder eines eigenen-Verdienstes sich rühmen konnte. Kleon- nis hatte den gefallene» König beschützt und von den andringenden Spartanern acht erlegt; und darunter waren zwei angesehene Feldherrn. Allen, Die von ihm erschlagen waren, hatte er die Rüstung ansgezvgen und seinen Waffenträgern gegeben, um bei dem Preisgericht Zeichen seiner Tapferkeit zu haben. Die vielen Wunden, die er empfangen hatte, fanden sich alle auf der Vorderseite; der deutlichste Beweis, daß er keinem Feind gewichen war. Aristomenes hatte bei dem Gefecht um den König fünf Lacedämvnier ge- tödtet und ihnen unter dem Zubringen der Feinde die Rüstung ausgezogen; dabei war er am ganzen Leib unverwun- *) Vielleicht ist Archias gemeint, von welchem in V. 16 . die Rede ist, **) Euphaes, der König der Meffenier. Vergl. Pausanias IV, 10, 2. Z. Die Schlacht fiel, wie das in 8. 7. erwähnte Sreigniß, im ersten Meffenischen Kriege vor, dessen Veranlassung i» V. 15. erzählt ist. 656 Diodor's historische Bibliothek. det geblieben. Bei der Rückkehr vom Schlachtfeld in die Stadt hatte er eine lobenswerte That verrichtet. Kleon- nis war durch seine Wunden so geschwächt, daß er nicht im Stande war allein zu gehen, aber anch nicht einmal an der Hand geführt werden konnte. Da hatte ihn Aristomencs auf die Schultern gehoben und in die Stadt hingetragen, wobei er noch seine eigene volle Waffenrüstnng zu tragen hatte; übcrdieß war Kleonnis ei» Mann von ungewöhnlicher Größe und Körperstärke. Dieß waren die Gründe, aus welchen sie auf den Preis der Tapferkeit Anspruch machen konnten. Der König saß, dem Gesetz gemäß, mit den Ta> riarchen zu Gericht. Kleonnis nahm zuerst das Wort und redete also. ,,Es ist wenig zu sagen über den Vorzug der Tapferkeit; die Richter sind ja Zeugen der Thaten jedes Einzelnen gewesen. Ich darf nur erinnern, daß, während wir Beide gegen dieselben Feinde zu gleicher Zeit und auf demselben Platze kämpften, ich die größere Zahl getödtet habe. Offenbar gebührt nun Dem, bei welchem unter gleichen Umständen die Zahl der Eetödteten größer ist, mit größerem Rechte der Preis. Ucbcrdieß trägt aber Jeder an seinem Leibe die deutlichsten Beweise, ob er den Vorzug verdient. Der Eine ist mit Wunden auf der Vorderseite bedeckt aus der Schlacht gekommen; der Andere ist wie von einem Feste, nicht wie aus einem so heissen Kampfe zurückgekehrt, er hat nicht erfahren, was das Eisen der Feinde vermag. Glücklicher also ist vielleicht Aristomenes; aber tapferer als mich wird man ihn nicht mit Recht nennen können. Denn Wer so seinen Leib hat zerfleischen lassen, von Dem ist es entschieden, daß er im Kampf für das Va- Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 6Z7 terland sein selbst nicht geschont hat; Wer aber im Handgemenge mit den Feinden, unter solchen Gefahren unverwun- det geblieben ist, dem ist Das nur gelungen, weil er für sein Leben besorgt war. Es wäre also seltsam, wenn von den Augenzeugen des Kampfes Der, welcher weniger Feinde erlegt und sich selbst weniger der Gefahr ausgesetzt hat, Dem vorgezogen würde, der in beiden Rücksichten über ihm steht. Daß er übrigens, als keine Gefahr mehr vorhanden war, den von Wunden entkräfteten Mann heimgetragen hat, DaS zeugt nicht von Tapferkeit sondern ist nur etwa ein Beweis von LeibeSstarkc. Hiemit babe ich euch genug gesagt; denn es handelt sich bei diesem Wettstreit nicht um Worte, sondern um Thaten." Die Reibe kam jetzt an Ari- stomeneS, welcher sagte. ,,ES wundert mich, daß der Gerettete dem Retter den Preis der Lap-erkeic streitig machen will. Er muß ja entweder seine Richter für wahnsinnig erklären, oder glauben, eS werde nach Dem, was hier gespro che» wird, nicht was dort geschehen ist, das Urtheil gefallt. Es läßt sich leicht zeigen, daß Kleonnis nicht blos au Tapferkeit mir nachsteht, sonder» auch sekr undankbar ist. Statt, WaS er selbst vollbracht, in der Ordnung anzugeben, verkleinert er meine Thaten mit unbilliger Ruhmsucht. Dem er für seine Rettung den größten Dank schuldig ist, dem hat er aus Neid das Lob, schön gehandelt zu haben, abgesprochen. Ich gestehe allerdings, daß ich i» jenem gefährliche» Kampfe glücklich, aber ich behaupte doch, daß ich zuvor tapfer gewesen bin. Wenn ich darum unverwundet blieb, weil ich dem Angriff der Feinde answich, so mußte er mich feig, und nicht glücklich nennen, so bin ich, statt um den 638 Diodor's historische Bibliothek. Preis mich bewerben zu dürfen, in die gesetzlichen Strafen verfallen. Da mir aber nicht begegnet ist, Was ich Andern gethan, indem ich in den ersten Reihen kämpfte? und die Gegner erlegte, so darf man mich nicht blos glücklich, sondern auch tapfer heiffen. Denn entweder haben die Feinde, erschrocken über meinen Muth, nicht gewagt sich zu wehren; dann verdient der Gefurchtste g>o«les Lob. Oder sie fochten und ick hatte den Muth, die Widersacher zu todten, indem ich zugleich für meine eigene Sicherheit besorgt war; dann bin ich tapfer und klug zugleich. Denn Wer mitten in der Hitze des Gefechts besonnen der Gefahr entgegengeht, der besitzt beiderlei Vorzüge, die körperlichen und die geistigen. Doch ich sollte mein Recht lieber gegen Andere geltend machen, die edler denken als Dieser. Denn als ich den entkräfteten Kleonnis von dem Schlachrfeld in die Stadt trug, zugleich meine eigenen Waffen rettend, da, denke ich, hat er selbst mir Recht widerfahren lassen. Hätte ich freilich damals mich seiner nicht angenommen, so würde er vielleicht sich jetzt nicht um den Preis bewerben, nicht den hohen Werth dieser Wohlthat herabsetzen und sagen, es sey nichts so Grosses, Was ich gethan, da um jene Zeit die Feinde den Kampfplatz verlasse» haben. Wer weiß es nicht, daß manchmal Die, welche daS Schlachtfeld geräumt haben, umkehren und wieder angreifen und durch diese Kriegslist häufig den Sieg gewinnen ? Es ist genug. Was ich euch gesagt; mehr Worte zu machen, halte ich nicht für nöthig." Nachdem Jene also gesprochen, erkannten die Richter einstimmig dem Aristomc- nes den Preis zu. Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 63g 8. 8, r. Ihr s der Lacedämvniers Muth wurde gestärkt. Denn Wer sich von Jugend auf an Tapferkeit und Ausdauer gewöhnt, dem gibt, wenn-ihn auch einmal ein beugendes Schicksal trifft, ein kurzes Wort die rechte Fassung wieder. Indessen blieben, was den Muth betrifft, auch die Messe- nier nicht zurück, sondern auf ihre Vorzüge sich verlassend . ....* * > 8. 8, Die Lacedämonier schickten, als sie von den Messeniern überwunden wurden, nach Delphi sdie Pythia zu fragen). Sie that den Ausipruch: Nicht blos Werke des Kampfs mit der Faust heißt Phöbus dich treibe» ; Nein. durch List hat das Volk sein Land Messene gewonnen; Der es erworben, derselbe Betrug wird wieder es nehmen. Der Sinn ist, nicht blos Gewalt sondern auch List sey das Mittel. V. 17. Agathoklcs, welcher zum Aufseher über den Ban des Tempels der Athene szu Syrakusf ge- wälstt war, las von den Steinen, welche gehauen wurden, die schönsten aus und verwendete sie zur Erbauung eines prächtigen Hauses, bestritt übrigens die Kosten von seinem eigenen Vermögen. Hierüber soll ") die Gottheit sich dadurch ausgesprochen haben, daß Agathoklcs vom Blitz getroffen wurde und mit seinem Hans verbrannte. Die Geo- mvren ***) beschlossen, sein Vermögen für den Staat ein- Der Satz ist von dem Verfasser der Auszüge abgebrochen. So auch in 8. 8. 2. Für TiäotV wird Paotv zu lesen seyn. ***) Die vornehmen Grnndeigenthümrr in Syrakns. 6so Diodvr'S historische Bibliothek. zuziehen, obgleich die Erben bewiesen, daß er Nichts von den öffentlichen Tempelgcldern genommen hatte; das Haus aber erklärten sie für ei» unzugängliches Heiligthnm und gestatteten Niemand den Eintritt; wie es denn noch jetzt der Donnerplap heißt. V. ,3. sNuiiiaj Pompilius, der König der Römer, brachte seine ganze Lebenszeit im Frieden zu. Einige behaupten, er sey ein Schüler des Pythagoras gewesen, und habe von Diesem die Gesetzgebung über den Gottesdienst empfangen und überhaupt Vieles gelernt, wodurch er ein so angesehener Mann wurde, daß man ihn, einen Auswärtigen, zum König wählte. 8. g, >. Nach Verdienst können wir die Gottheit auch, wenn wir wollen, nicht verehren. Wenn wir also nicht nach unsern Kräften danken wollten, Was dürften wir uns für Hoffnungen auf das zukünftige Leben machen, da wir gegen Diejenigen uns verfehlten, welchen ihre Beleidiger weder verborgen bleiben noch entfliehen können? Ohncdieß müssen wir ja bei den Wesen, bei welchen das Wohlthun nnd das Strafen im Tode fortdauert, offenbar dafür sorgen, daß ihr Zorn nie anfängt und daß ihr Wohlwollen ewig bleibt. — So groß ist der Unterschied zwischen dem Verhalten der Gottlosen nnd der Frommen, daß Jene ebensowohl erwarten, die Gottheit werde die Bitten ihrer Feinde, als Diese hoffen, sie werde ihre eigenen Bitten au ihnen erfüllen. — In der That, wenn wir den Widersachern, sobald sie sich zu den Altären flüchten, zu Hülfe kommen, wenn wir den Feinden mit einem Eide versprechen, ihnen Nichts zu Leide zu thun, wie ciflig müssen wir die Pflichten gegen die Göt- Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 641 ter selbst erfülle», welche den Frommen nicht blos im Lebe», sondern nach dem Tode noch wohlthun, ja ihre Verdienste in rühmlichem Andenken sogar in alle Ewigkeit fortdauern lasse»? *) Nichts darf uns also im Menschenleben so angelegen seyn, wie die Verehrung der Götter. 8. g, ,. Tapferkeit, Gerechtigkeit und die übrigen Tugenden der Menschen sind ursprünglich Eigenschaften anderer lebendiger Wesen; die Frömmigkeit aber steht so hoch über den andern Tugenden als die Götter über die. Sterblichen in Allem erhaben sind. 8. g, 3. Ist sie sdie Frömmigkeit) des Strebcns der Einzelnen werth, so muß **) sie noch viel mehr eine Grundeigenschaft der Staaten seyn. Denn da Diese der Unsterblichkeit näher kommen, so sind sie ihrem Wesen nach verwandter mit den Göttern, und bei ihrer laugen Dauer haben sie die gerechte Vergeltung zn erwarten, für die Frömmigkeit zum Lohne die Oberherrschaft, aber auch für die Gleichgültigkeit gegen Gott die Strafe. *> Statt kt xai rossg roXoraks Ark cr/w)-,)v kann man ere sse xcri r'aich «Arraks sslcczton^n lesen. Vergl. I, 2. Oder sollte es etwa heissen öv ölxai«lL rtslaks (welche den Frommen nicht blos im Leben wohlthun sondern nach dem Tode die verdiente Ehre in einem ewig daurendcn Daseyn durch herrlichen Ruhm widerfahren lassen)? Für ir(>oce?)x5ti' im folgenden Satz wird wsXl-rrMe?, zu lesen seyn. **) Es scheint ökr oder Ax,/ ausgefallen zu seyn. 642 Diodor's historische Bibliothek. V. ig. Dejoces, der König der Weder, übte, da viele Verbrechen begangen wurden, Gerechtigkeit und andere Tugenden. 8 . 10, i. Myscellus, ein Achäer von Geburt, kam von Kreta aus nach Delphi und fragte den Gott, ob er Kinder zeugen würde. Pythia that folgenden Ausspruch: Buckliger Mann, ") Myscellus, dich liehet der Treffer Apollo; Kinder zu zeugen verleihet er dir; doch heißt er zuvor dich Kroton baue», die mächtige Stadt, auf lachenden Fluren. Da er nun von Kroton Nichts wußte, so sprach Pythia wiederum: Selber erklärt es der treffende Gott dir, aber vernimm es. Unfruchtbar liegt Taphius hier, dort aber ist Chalcis, Dort der Knreten *") .... heiliges Wohnlaud, Dort Schinaden und weit hin Wasser zur Linken der Inseln. Also kannst du gewiß zu Laciniums Höhe, zum heil'gen, Krimisaberge, zum Fluß Aesürus nicht fehlen des Weges. 8 . 10, r. Statt nach den! Gebot des Orakels Kroton zu erbauen, wünschte sich Myscellus in der Gegend von Sy- baris anzusiedeln, die ihm sehr wohl gefiel. Da wurde ihm folgendes Orakel ertheilt: Buckliger Mann, Myscellus, ein Anderes suchst du als Gott will? ») Oder „Aegialser" nach Vernhardy's Vermuthung s^/vcr- xrXX' (Jahrb. f. wiss. Kritik, Febr. 1829. S. 197.). **) In Aetolien und Akarnanien, an dessen Küste die Insel Taphius und die Echinaden liegen. Bruchst. a. d. sieb., acht., nemrt. u. zehnten Buch. 6^3 Unheil suchst du; der Gabe nur freue dich, welche dir Gott schenkt. V. 20. Die Sybariten sind Bauchdiener und Schweiger. So sehr waren sie der Schwclgerei ergeben, daß ihnen unter den auswärtigen Volker» die Jonier und Tyrrhener die Liebsten waren, weil nämlich Jene unter den Griechen und Diese unter den Nichkgriechen durch eine verschwenderische Lebensart sich auszeichneten. 8 . ii, ,. Ein Sybaritischer Kaufmann, so erzählt man, hörte Jemand sagen, bci'm Anblick der Arbeiter habe ihn schon ein Gefühl von ihren Beschwerden angewandelt; er erwiederte, Das dürfe sich Jener nicht wundern lassen, denn ihm selbst thue sogar bei'm Hören dieser Geschichte die Seite wehe. Don einem Andern sagt man, er habe, als er nach Sparta kam, anfangs bezeugt, er bewundere die Tapferkeit der Spartaner; nachher aber, als er sah, wie einfach und mit wie viel Mühe ihre Lebensart verbunden ist, erklärte er, *) sie seyen nicht besser als die schlechtesten Leute, denn unter den Sybariten würde selbst der Tapferste") sich eher entschließen dreimal zu sterben, als ein solches Leben auszuhalten. ») Es ist wohl Tiporecou zexu vor kinesv öre zu seyen und nachher Akwctäztkvos kürxXwe ftkr« .... Liirkv zu lesen. ") Oder nach Dindorf's Vermuthung cruav§s>or«rov (vgl. Athenäus S. 518.): denn selbst der weichlichste Sybarite würde u. s. w. 6^4 Diodor's historische Bibliothek. V. ,i. Mindyridcs soll es in der Ueppigkeit unter den Sybanten am weitesten getrieben haben. Bon ihm erzählt man Folgendes. Am weiteste» soll es Einer unter ihnen, Namens Mindyridcs, in der Ueppigkeit getrieben haben. „Klisthenes, der Beherrscher von Sicyo», welcher bci'm Wagcnrcnncn gesiegt, hatte kund machen lassen, Wer seine Tochter, die für vorzüglich schön galt, zur Ehe begehrte, sollte erscheinen. Da fuhr von Sy-- baris Einer') in einem fünfzigrudrigen Schiff ab; als Ruderer hatte er seine Sklave» bei sich, welche theils Fischer, theils Vogelfänger waren. Als er in Sicyo» ankam, überbot er durch seinen prachtvollen Aufzug nicht nur seine Mitbewerber, sondern den Fürsten selbst, obgleich zu Dessen Verherrlichung die ganze Sladt beitrug. Bei dem Gastmahl, das nach der Ankunft sder Freier^ gegeben wurde, kam Jemand, um sich »eben ihn zu setzen; da sagte er, er sey der Kundmachung zufolge hier, um entweder bei der Braut oder allein zu sitzen." 8. i>, Ein Sybaritc kam, wie man erzählt, auf einer Reise nach Milet, wo Ueppigkeit herrscht; als er wieder in seine Vaterstadt kam, sagte er unter Anderem, was er seinen Mitbürgern erzählte, er habe auf seiner Reise eine freie Stadt gesehen, das sey Milet. 8. ,,, i. Die Epeunakten ') hatten sich mit P h a- *) Ein Slnakoluthon anzunehmen ist leichter als den Tcrt zu ändern. Es sind Dieselben gemeint, welche sonst Parthenier heissen, die in Sparta während des ersten Messenischcn Kriegs Bruchst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 64^ lauthus verabredet, ^ dem Augenblick zu beau^HM^w^,, er den Helm bis an die Augen *) in dieED^tlN, hereindrückcn würde. Aber es verrieth DfSAuauo ihr Vorhaben den Ephoren. Nun meinten Reisten, man sollte den Phalanthns todten. Agathia- das aber, dessen Geliebter er war, stellte ihnen vor, diese Maßregel würde den größten Aufruhr in Sparta erregen, wodurch, wenn sie die Oberhand behielten, der Sieg unnütz, und wenn es mißlänge, das Vaterland ganz z» Grunde gerichtet wurde. Er gab daher den Rath, durch den Herold kund zu machen, Phalanthus *') solle den Helm sitzen lassen wie er sitze. Als Das geschah, standen die Parthenier von ihrem Vorhabe» ab, und entschloßen sich die Sache beizulegen. *") 8. 1 ,, r. Die Epennakten schickten Gesandte nach Delphi und fragten sdie PythiaZ, ob ihnen sApollos die Gegend von Sicyon verleihe. Sie sprach: ausser der Ehe erzeugten Söhne. Sonst biegen Speu- nakte» solche Bürger, die »ach einer Pflicht des Erbrechts Wittwen chlichten. *) Fürstkra rwn önXwn sollte es vielleicht heiffen stLXstr »*) Es wird Pa).llvAov für -o§ zu setzen seyn. Vergl. Strabo VI, 5. *»») Oder, wenn man at7or?fbk<7^«l und ost/t?/L, Antiphenius undEntimus, dieErbauer von Gela, fragten die Pythia, und sie gab folgendes Orakel: Kraton's tapferer Sohn. des Berühmten, du kommst mit Sntimus. Daß ihr beide Siemens schone "*) Gefilde bewohnet. Wenn die gemeinsame heilige Stadt gleichnamig dem Strome Gela für Kreter und Rhodier neben der Mündung erbaut ist. Für das zweite kann man a^prov setzen oder nach Dindorf «XstV(>äv (m. d. salzigen Welle). Der verstümmelte Vers könnte so geheiffen haben : st« 7 irsr r «xpov xo^eoeo /kvorL. Laras ist bei den Griechen der Name des Flusses sowohl als der Stadt Tarentl Unter dem Bock ist ein wilder Feigenbaum, vaprii'iaus, Uttd unter dem Bart eine um denselben geschluugeae und in's Meer herabhangende Re- benranke verstanden. Dionps v. H. XVII, 2. ***) Nach 2exk^v kann x«Xi)v oder nach L. N. V. ausgefallen seyn. Bnichst. a. d. sieb., acht:, nennt. u. zehnten Buch , Die Chalcidier. welche 8 . Apollos, Zehnten geweiht kamen wegen einer Auswanderung das OraHDMss^ fragen. Es lautete so: MerLBEsder Fluß Argiades **) fällt in die heilige Salzfluth; ort, wo freiet den Gatten das Weib. dort baue die Stadt auf Beim einströmenden Fluß ; dir räum' ich Ansonisches Land ein Nun fanden sie an dem Fluß Argiades eine Rebe, die- sich um einen wilden Feigenbaum schlang, und Dieß war das den Mann freiende Weib; '*') sie erbauten also daselbst die Stadt sRhegiumf. 1) V. 22. Hippomenes, ein Archen der Athener, bestrafte seine Tochter, die von einem Unbekannten geschwächt war, auf eine grausame, unerhörte Weise. Er sperrte sie in ein Gemach ein mit einem Pferd, welchem er einige Tage *) Mir «vttrkSrurrs sollte es wahrscheinlich (vergl. V. g.) ccu«Aerrrs heißen. **) Statt kann man '^s>/taä-sU sehen. Wenigstens ist unter den von Probus (llomm. in Vi'rA. 8er- vialu,. ,ech, lüou. ich ) aus Barro und Cato ange- fiihrtslc. Namen von Flüssen in der Nähe von Rhegium ^.rAeiules htm Wort am ähnlichsten, ikslmrce- r^u mag aus , und öiöok öx cre aus äräa, öb clur entstanden seyn. L. R. B. schlägt vor, zu lesen: öröoe äs soi. **'') Für ro ist ror zu lesen, und für Xk/ösikvou «(»vkno- vielleicht stt<7/o,lruou «s>< 7 km k) Divnys v: Hat. X.V11, z. Strabo VI, 1. 8 * 6-tS Dlodyl-' L2 gab: historische so Thier, Ovf-r ^ Auszuzehren. ' er- Bibliochek. _^vang^er -gs Nichts zH das ihm vorgeworfen war, aus — 8. ,/», ». Auffordernd ruft er mi^WDM^^"U!ine.- Wer will für ein sterbliches Leben unsterblichenRWW" werben? Wer ist der Erste, der spricht: ich gebe zum H des Staats mein Leben hin? *) 8. Einen, der auf das Land reiste, fragte ein nichtswürdiger Mensch, der ihm begegnete, ob es nichts Neues in der Stadt gebe. Da wurde er von den obrigkeitlichen Behörden der Lokrer gestraft. So streng übten Diese die Gerechtigkeit. **) 8. -t, Z. Den Sicyoniern gab Pythia das Orakel, sie werden hundert Jahre unter dem Gesetz der Ruthe stehen. Als sie darauf fragten, Wer sie so behandeln werde, antworteten sie wiederum, der Erste, von welchem sie, wenn sie an's Land steigen, hören, daß ihm ein Sohn geboren sey. Nnn traf es sich, daß im Gefolge der Gesandten als Koch zum Behuf des Opfers ein Lohnbedienter, Namens An- >*) Es kann so geheiffen haben: ir«(>axoXrvo/iruoi> /ix/. ich PMVI Xk/keu. (oder -o§ zr. P. Xx/er.) rch «r-r!.... stskerar; ri§ Ls>k! 7is>wros,.... acrgoa- ; — Vielleicht ist (vergl. Herodvt VII, 1 Z 4 .I 00 N dem Ausruf zur Versöhnung des Heros Talthpbius in Sparta die Rede, wenn gleich diese Begebenheit erst in Xerres Zeiten fällt. Es scheinen die Epizephyrischen Lokrer in Unteritalien gemeint zu seyn. Für rpcorii'<7«L awavrion kann man «Tillvrwv lesen. Vruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u.^elM^WW^' dreas, war, wAH^ßEnerObrigkeit die Ruthen vorzutragen ä. Als die Spartaner von den Messe- ^niern sim zweiten Kriegs besiegt wurden, schickten sie nach Delphi und fragten wegen des Krieges. Das Orakel hieß sie von den Athenern eine» Anführer holen. ") 8. -4. 5. Aufgemuntert von Tyrtäus gingen die La- cedämonier so muthvoll in den Kampf, daß wenn die Schlacht beginnen sollte, Jeder seinen Namen auf einen Stab schrieb, den er an die Hand band, damit er, wenn er umkäme, von den Seinigen erkannt würde. So traten sie auf mit der getrosten Zuversicht, auch wenn sie den Sieg nicht gewännen, doch ihr Ziel zu erreichen, einen ehrenvollen Tod. *) * ***) O. i. Zur Zeit des Römischen Königs Tullus Ho- stilius wurden die Albaner über die wachsende Macht der Römer eifersüchtig. Da sie nun wünschten sie zn de- *) Die Geschichte mag (vergl. Herodot VI, 126. Aristoteles Polit. V, 12.) ungefähr so ergänzt werden. Andreas wurde bei seiner gurückkunft von Delphi mit der Nachricht von der Geburt eines Sohnes empfangen; und dieser Sohn, Mhrvn, wurde nachher Beherrscher von Si- cpon, wie auch dessen Sohn und Enkel. Arisivnymus und Klisthcnes; so regierte denn hundert Jahre lang die Familie des Andreas. *") Nämlich Tvrtans, der sie durch seine Kriegslieder begeisterte, Pausan. IV. 15, 5. ***) Für «irori^xavourkg, krosilcox r7tlrri7X"»onrk§ kann man setzen änorit^^avorrkg vstwx (oder -x§ rst/otg östmg) wstoxstlvovrks (oder ein Participium von ähnlicher Bedeutung). wüthigen, so gaben sie vor, in Römer räuberisch eingefallen, und schickte» GesaiidteWWM^^"'' um Genugthuung zu verlangen, und wenn sie kein MWchj^fän- den, Krieg anzukündigen. Hostilius, der König der Rv! wer, erfuhr, daß sie einen Verwand zum Kriege suchten. Er ließ daher durch seine Freunde die Gesandten empfangen und als Gäste aufnehmen; er selbst aber vermied es, sie zu sprechen, und schickte indessen eine Gesandtschaft mit demselben Auftrag nach Alba. Das that er aus Rücksicht auf die hergebrachte Sitte; denn es war den Alten Nichts so angelegen als die Rechtmäßigkeit der Kriege, welche sie führten. *) Er fürchtete nämlich, wenn er die Urheber der Räubereien nicht finden könnte, und nicht, wie man begehrte, auslieferte, so hätte es den Schein, er finge einen ungerechten Krieg an. Nun wurden die Gesandten in 'Alba früher vorgelassen, und als **) sie keine Genugthuung erhielten, kündigten sie Krieg an auf den dreißigsten Tag. Daher erhielten die Gesandten der Albaner auf ihr Begehren die Antwort, da Jenen zuerst die Genugthuung verweigert worden, so haben die Römer ihnen Krieg angekündigt. Dieß war die Veranlassung, daß zwei Völker in Zwist Miethen, die durch Wechselheirathen und Freundschaft verbunden waren. *) Nach Wesseling's Verbesserung LutsacriA« für Liplxcccr- -Aar- Bor uö ist ör« hineinzusetzen und nachher für öu ot zrLV nach dem Borschlag der Aweibr. Herausg. ol freu öu zu lesen. Bruchst. a. d. sieb., acht., nemit. n. zehnt en Bu k. >5. Chiliaden, V. -5,f (Dor das Geschlecht entsprossen von Latinern, Krieg mit keinem Volk »»angekündigt führen; >s,e warfen allererst den Speer in Feindesland hinüber; Dieß Zeichen that dem Volke kund des offnen Kampfes Anfang; Und dann begannen sie den Krieg dem Volk entgegenstehend, o hat uns Divdor erzählt,) r. >6. fAus Tzetzes Chiliaden, I, >6. z (Terpander fang zum Citherspiel, er stammte von Me- thpmna. Als einmal Lacedämon's Volk im Aufruhr sich entzweite. Da lautete der Gvttersprnch, sie würden sich versöhnen, Wen» ihnen tönt' ein Saitenspiel Terpanders von Me- thymua. Terpander spielte dann ein Lied, der Künstler, auf der Cither Und stimmte sie znr Einigkeit, wie Diodor berichtet. Durch seiner Töne Harmonie. Denn gänzlich umgewandelt Umarmten alle Bürger sich mit Küssen und mit Thränen,) 8. ,5, I. Aristoteles, welcher auchBattus heißt, erhielt, als er Cyrene erbauen wollte, folgendes Orakel: Battus, du kommst um Stimme; doch Phöbus Apollo der König Sendet dich (schön ist das Land umkränzt) nach Lihhen, weithin Ueber Cprene zu herrschen und Königes Würde zu tragen. ^ Fremdlinge werden dich drängen daselbst, sxeertrageude Männer, *) *) Statt ^«rroqooyoe ritesm mag es geheissen haben Tiak- roPos>0l 7ttL«7St7l, oder etwa ^ar'rr, P0/3« TrcrctLctt hist orische Bibliothek Kronion So wie du Libyens Boden betn Flehe der schlachtanfregenden Pallas mi Phöbus dem lockigen Sohne des Zeus Obmacht. König in Libyen wirst du. dem schönumkränzten, beglückte Du und euer Geschlecht; dich führet )a Phöbus Apollo. Einendem A„gx so bu die V. -Z. Arcesilaus, der lviertef König von Cyrcue, fragte, mißmnthig über die Unfälle, * *) in Delphi an. Das Orakel erklärte, das sey der Zorn der Götter; denn die letzten Könige regiere» nicht mehr wie der erste, Battus; Dieser sey mit dem bloseu Namen des Königs zufrieden, ein milder Herrscher, ei» Volksfreund und, was die Hauptsache sey, ein treuer Verehrer der Götter gewesen; unter den Folgende» aber sey die Regierung immer herrilcher gewordeu, sie haben die Staatseinkünfte als ihr Eigenthum behandelt und um den Gottesdienst sich wenig bekümmert, V. -4. Schiedsrichter bei der Spaltung unter den Cy- renäern wurde Dcmsnar von Mantinea, der für einen vorzüglich verständige» und gerechten Mann galt. Er schiffte nach Cyrene, erhielt von Allen die Vollmacht und stiftete Frieden zwischen den Stämmen saus welchen die Bürger- schaft bestand f unter diesen Bedingungen. '*) V. 25 . Der König der Römer, Lucius Tarqui- niu s sPr is c u sf, der eine edle Erziehung genossen hatte, (Fremdlinge werden dich dort. o Battus. mit Schrecken bedrängen). Durch die Erzählungen bei Herodot IV, 150 — 15g. wird das Orakel, dessen Anfang derselbe, nicht ganz übereinstimmend, anführt, nicht erläutert. *) Herodot IV, 150. **') Herodot IV, 161. Bruchft. a. d. si-b., acht., neunt. u. zehnten Buch. 655 und Eif-r für die Wissenschaft bewies seine Vorzüge nicht geringe^"'" wachsen^war^j^^W^E^^,jg ^i.. Römer, Aucus Mar- L, in Verbindung, wurde sein vertrautester Freund und nahm an vielen RegierungSgeschliften des Königs Theil. Er war sehr reich und unterstützte Viele Unbemittelte, indem er Geld austheilte. Jedermann begegnete er freundlich; daher traf ihn kein Tadel und man rühmte seine Weisheit. 8 . - 5 , r. Wer im höchsten Ansehen steht, wird durch den Neid gestürzt. 8. 16, i. Die Lobrer schickten nach Sparta, um Beistand im Kriege sgegen Krotons zu bitten. Die Lacedä- monier aber, welche von der große» Macht der Krotsniaten hörten, ertheilten, als wollten sie recht pfiichtmäßiq den Lo- krern das einzige Mittel zu ihrer Rettung angeben, die Antwort, sie schicken ihnen znm Beistand im Kriege die Tynd ariden. *) Die Gesandten, sey es unter göttlicher Leitung oder weil sie den Sinn der Antwort merkten, ließen sich diese Hülfe von ihnen gefallen, opferten den Dioskuren und bereiteten ihnen auf dem Schiff ein Polster zu; so fuhren sie in die Heimath zurück. 8 . > 6 , -. . . . . und wie werde es den s)e begleitenden Vatern zu Muthe seyn, wenn sie ihre Söhne durch die Hand *) Darunter schienen die Lacedämonier noch ledende Nachkomme» ihres vormaligen Königs Tyndarens zu verstehen. Allein sie wollten die Lokrer, statt ihnen thätige Hülfe zu leisten, vielmehr dem Schutze der vergötterten Söhne des Tpndareus, der Dioskuren, Kastor und Pollur, empfehlen. Vergl. in Schöll's Uedersetzung des Herodot die Anmerkung zu VI, 127. ' D>«or's I-istsnsche « m. fen können, son oern senaufeu «ud dein tauben Schicksal vorjammern? —— 8. ,7, 1. Krösus, der König der L y die r, wel^-"- sich eine große Macht erworben und viel Silber und Gold absichtlich aufgehäuft hatte, ließ die weisesten Männer aus Griechenland holen und unterhielt sich mit ihnen, was auf seinen Charakter einen vvrtheilhaften Einfluß hatte, und entließ sie mit vielen Geschenken. Einst ließ er Diesen fden Svlonf P hole», zeigte ihm seine Macht und seinen Reichthum, und fragte ihn, ob er glaube, es gebe noch einen Andern, der glücklicher sey als er. Solvn erwiederte »nit der den Philosophen gewohnten Freimüthigkeit, Niemand unter den Lebenden sey glücklich; denn Wer sich seines Wohlstands überhebe und ein Günstling des Glücks zu seyn meine, der wisse nicht, ob es ihm auch günstig bleibe bis an's Ende; mau müsse also auf den Ausgang des Lebens sehen, und Wem bis dorthin Alles gelungen sey, der sey erst mit Recht glücklich zu nennen. Als nun Krösus nachher ein Gefangener des Cyrus wurde und auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt werden sollte, gedachte er an Solvu's abweisende Antwort. Daher rief er, als schon um ihn her das Feuer loderte, beständig den Namen ,,Solo»'' aus. Da sch-ckte Cyrus hin und ließ fragen, was der beständige Ruf,,Solon" bedeute. Als er den Grund erfuhr , änderte er seine Gesinnung. Er erkannte Solvu's ') Für rurwv ist rüron zu lesen. Ss muh ein Satz ausgelassen seyn. in welchem von Sown die Rede war. Vruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. Antwort als wahr, und bezwäng seinen sus schenkte er dasLebtt^^HjMM^A. Scheiterhaufen scheu lbll! !! ü von nun au unter seine Freunde 8. 17, 2. Solon hielt dafür, daß die Faustkämpfer und Renner und die übrigen Wettstreiten auf das Wohl des Staats keinen bedeutenden Einfluß haben, daß hingegen Männer, die durch Einsicht und Tugend sich auszeichnen, allein im Stande seyen in Zeiten der Gefahr das Vaterland zn erhalten. V. 26. Solon war ein Sohn des Erecestides, aus Salamis in Attika gebürtig. An Weisheit und Bildung übertraf er alle seine Zeitgenossen. Mit sittlichen Anlagen vor Andern trefflich ausgerüstet, strebte er nach dem Lobe der Tugend. Mit allen Gegenständen des Wissens beschäftigte er sich lange Zeit und übte sich in jeder Tugend. In seiner Jugend hatte er die vorzüglichsten Erzieher, und in reifern Jahren ging er mit Männern um, die eine hohe Stufe der Weisheit erreicht hatten. Weil Diese seine vertrauten Gesellschafter waren, so nannte man ihn Einen der sieben Weisen. Und nicht blos unter Diesen, sondern überhaupt unter allen wegen ihrer Einsicht hochgeachteten Männern wurde ihm der Vorzug gegeben. 8. >8, 1. Als um den goldenen Dreifuß *) ein Streit entstand, gab Pythia folgendes Orakel: Fragst du den Phöbus, Mi lest scher Sprößling, wohin mit dem Dreifuß? Wer geht Allen an Weisheit vor? Dem, sag' ich, den Dreifuß. *) Plutarch's Solon. 4. Diodor's historische Bibliothek. Man ^ s-y "ckmttch ein Krieg zwischen den JoniernmiM^RWWiWW^^?^ ^' als eben bei einem Fischzug der Dreifuß sie r a > i > m >'^^ bei dem Orakel wegen der Beendigung des Krieges angesrag Pythia sprach: Nicht soll eher der Meroper *) Krieg mit den Ioniern enden. Bis ihr sendet von bannen den Dreifuß, welchen HephästoS »Künstlich gebildet von Gold. nnd bis er dem Mann in das Haus kommt. Welcher. Was jetzt ist. weislich erkennt. Was künftig, voraussieht. 8 . -3, Die Milesier wollten, um dem Orakel Folge zn leisten, das Ehrengeschenk dem Thales von Milet, Einem der siebe» Weisen, geben. Er erklärte aber, wie man sagt, er sey nicht der Weiseste unter Allen, und rieth,, es einem Andern zu geben, welcher weiser sey. Anf dieselbe Art wiesen die übrigen sieben Weisen den Dreifuß zurück. Zuletzt wurde er dem Solo» angeboten, von dem man glaubte, er übertreffe alle Menschen an Weisheit und Einsicht; und Dieser gab den Rath, denselben dem Apollo zu weihen, denn Der sey der Weiseste unter Allen. V. 27 . Derselbe Solon erwarb sich großen Ruhm durch seine Gesetzgebung, und auf welcher hohen Stufe der Bit-,, düng er stand, sah man mit Bewunderung aus seinen Ge- l sprächen mit Einzelnen, seinen Antworten und öffentlichen Rathschlägen. V. -3. Es herrschten durchaus Ionische Sitten in der Stadt nnd die Athener waren in weibische Ueppigkeit und So heissen die Einwohner der Insel Kos. Bruchst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 607 Weichlichkeit versunken. Da wandelte sie Svlouuu^inderj^ er sie zur Tapferkeit gewvlu'teuud^^ ten aufmunterte. Seine^G^jE?ygebnng ist es daher, welche dpn Harinz und Aristogiton mit Muth gerüstet ^L^k^daß sie die Herrschaft der Pisistratiden zu stürzen wagten. k. 17. sAns Ulpian zu Demosthenes, S. zllo.j (Es ist zu bemerken, daß Solo» zur Zeit der Tyrannen in Athen lebte, vor den Perser-kriegen, Drakon aber siebeuundvier- zig Jahre vor Solou, wie Diodor sagt.) 8. 19, Am Ende seines Lebens sah er sSolonl, wie Pisistratus durch Schmeichelworte Las Volk zn lenken und für die Gewaltherrschaft vorzubereiten wußte. Zuerst suchte er ihn nun durch Worte von seinem Vorhaben * **) ') zurückzubringen. Als er aber kein Gehör bei ihm fand, so trat er, ein hochbejahrter Greis, auf dem Markt in voller Rüstung auf. Als die Menge voll Verwunderung sich um ihn sammelte, forderte er seine Mitbürger auf, die Waffen zu ergreifen und im Augenblick den Tyrannen zu stürzen. Aber Niemand gab ihm Gehör) es erklärten ihn Alle für verrückt, Einige behaupteten sogar, der Alte sey kindisch. Indessen kam Pisistratus herbei, der bereits ein Gefolge ! von Trabanten hatte, und fragte den Solon, worauf er sich verlasse, daß er seine Alleinherrschaft stürzen wolle. *) Statt «l-Apwwtvwv Hop es wohl «i-Fs-ertwu "der «n- öptxwrrpa,» geheiffe». **) Für ist xrilsioXsis zu setzen. 668 Dwdor's historische Bibliothek. ML^s-in Alttr. nndPiststratns bcw-undorte seine Lll. una ek,-a„kk 1 Klugheit und lle^WWWWDM^^.., 8. rg, Wer sich n>-^AWWW^^uSerechte luugen erlaube, könne nicht mit Grundfu^WMNL^Weisoil gelten. *) 8. ig, 5. Der Scythe Anacharsis, sagt ma», der sich auf seine Weisheit viel einbildete, kam nach Pythv sDel- phis und fragte an, Wer unter den Griechen weiser sey als er. Das Orakel sprach: Ehe na, sag' ich, im S s taGebirge, bewohnet ein M p so u, *") Treffender fügen sich Dem als dir die Gedanken zusammen. V. -g. Ein gewisser My- son, ein Malier, wohnte in einem Dorf, Namens Che- nä; er hielt sich beständig auf Dieser Myson war ein Malier »nd wohnte auf dem Oeta in einem Dorf Namens Chenä. dem Felde auf und blieb den Meisten unbekannt. Ihn sehte man unter die sieben Weisen an die Stelle des Perian- der von Korinth, den man aussonderte, weil er ein grausamer Tyrann geworden war. 8. ig, 4 . Svlon ***) war begierig den Ort zu sehen, *) Es kann von Periander die Rede seyn. Bergt. V. 29. **) Der Vers ist aus Diogenes von Laörto I , 5t>. 196. er-'- gänzt. Wenn dir Bedeutung der Eigennamen au>sg«5. drückt werden soll i tios Ungl-üch.', *"> Oder Chilon, nach Dindvrf. Diogenes- Ix, 166. erzählt Dieß von Anacharsis. - Bmchft. d. Ii-d- ^ M,!°» « -»! ., „, ,!«,., «« «»»»MME?«», versuchen und Zeit für den Pflug, My- sou. Diej^Erwortete: nicht thu zu gebrauchen, aber zu «Mfien. 8. -o. -i, ,."Als Chiton nach Delphi kam, schrieb er, als wollte er der Gottheit die Erstlinge seiner Weisheit weihen, an eine Säule die drei Sprüche: „lerne dich selbst kennen", und „nirgends zu viel", und zum Dritten „Bürgschaft und Unheil beisammen". Jeder dieser kurzen, wirklich * **) ) lakonischen Sprüche hat eine tiefe Bedeutung. Das Wort „lern e dich selbst kennen" erinnert, daß man Zucht annehmen und klug werden soll; denn Das kann man das Mittel zur Selbstkenntniß heißen, entweder weil die Ungebildeten und Gedankenlosen meistens sich selbst für sehr verständig halten, was nach Plato unter den Albernheiten die albernste ist, oder weil sie die Lasterhaften für gefällige, die Rechtschaffenen hingegen für schlechte Leute ansehen. Nur dann kann man ja sich und Andern kennen lernen, wenn man sich höhere Bildung und Einsicht erwirbt. Das Wort „nirgends zu viel" lehrt in Allem Maß halten und über Mchts im menschlichcn Leben entschiede» absprechen, wie die Ep idamnier ") gethan. AlS Diese miteinander in Streit geriethen, versenkten sie auf der hohen Sea (sie, wohnen am Adriatischcn Meer) glühendes. Eisen und schwuren sich nicht *) Chiton war ein Lacedämonier. **) Die Stadt Cpidamnus in Jllyrien hieß der den Römern Dprrhachinm. 66o heraufkäme. B „nirgends zu vu ei y-ikorische Vkbüothek tz^MEisen stände genöthigt, söhnten sie sich aus und liei kalt im Meeresgrunde liegen. Durch das Wort „Bürg^ schaft und Unheil beisammen", glaubten Einige, solle die Ehe widerrathen werden, weil nämlich die eheliche Verbindung unter den meisten Griechischen Völkerschaften „Bürgschaft" genannt werde. Zeugniß dafür gibt das tägliche Leben, in welchem ja das meiste und das schwerste Unglück durch die Weiber entsteht. Andere sagen aber, dieser Spruch wäre Chilon's unwürdig, weil, wenn die Ehe aufgehoben würde, die Menschheit nicht bestehen könnte; er behaupte* **) ) nur von solchen Bürgschaften, sie bringen Unheil, die im Handel und Wandel vorkommen und wenn man wegen einer Schuld für einen Andern gutspricht; wie denn auch E u- ripides sagt: Ich bürge nicht; Den gerne bürgenden verfolgt. Die Straf'; in Pythv steht geschrieben das Verbot. ") *) Stadt «noPttinovrar wird äwc>P«lukct'st«e zu lesen seyn. Vielleicht ist auch oder Trrrstrlvai, vor ^stoci-g ausgefallen. **) Für bxonrsv wag ePerrkl zu setzen seyn. und für ra nach Dindvrf Nach Bernhardt), welcher -rxo'tikr und /(«zlslcrr« liest und die Worte unter zwei Personen vertheilt, hieße es: A. Ich bürge nicht; gern bürgen ist ein mißlich Ding- B. Ei, siebe doch. A. Der Spruch in Pytho warnet mich. Bruchst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 66r Roch Andere meine», auch Das sey nicht Chilou's und keines gute» Bürgers Sinn, daß mau für einen Freund in solchen Fällen der Roth nicht eintrete, sondern er spreche vielmehr gegen die Betheurnngen; man solle in menschlichen Angelegenheiten Nichts bestimmt verbürgen und versichern, wie die Griechen gethan, als sie den Lerres überwunden. Sie schwuren in Platää, auf Kindeskinder die Feindschaft gegen die Perser fortzuerben, so lange die Ströme in's Meer fliesten und das Menschengeschlecht daure und die Erde Früchte bringe. So heilig verbürgten sie sich für das schnell wechselnde Geschick, und doch schickten sie nach einiger Zeit Gesandte an Artarerres, den Sohn des Xerres, um Freundschaft und Beistand. 8. 21 , -. Chilon's kurzer Spruch schließt die trefflichste Anweisung für das ganze Leben in stch. Mehr als die Weihgeschenke in Delphi sind daher diese Denksprüche werth. Die goldenen Platten des Krösus *) und die übrigen Ge- räthschaften sind verschwunden und haben Leute, die an dem Heiligthum zu freveln wagten, mächtig angelockt; die Denksprüche hingegen bleiben in den Seelen Derer, welche die Zucht annehmen, für alle Zeiten aufbewahrt und enthalten den köstlichsten Schatz, an welchem weder Phocier noch Gallier je gelüsten wird, sich zu vergreifen. V. 3o. Bei Chiton war der Fall, der so selten angetroffen wird , daß mit seiner Lehre sein Leben übereinstimmte. Bei den Philosophen unserer Zeit findet man meistens die *) Herodot I, 50. Diodor. 5s Bdchn. 9 662 Diodor's historische Bibliothek. schönste Sprache und die schlechteste Handlungsweise) den Ernst und die Weisheit, die in ihren Worten sich ankündigen, verläugnen sie in ihren Thaten. Chiton hingegen hat >nit den vielen denkwürdigen Lehren, die er ausgesprochen, die Uebung der Tugend in allen Lebensverhsiltniffen verbunden. *) t V. Z>. Pittakus von Mitylene verdiente nicht nur wegen seiner Weisheit Bewunderung, sondern war auch ein so trefflicher Bürger, wie die Insel sLesbnss sonst Keinen hervorgebracht hat und wohl Keinen mehr hervorbringen wird, so wenig als ihr Weinertrag an Fülle und Trefflichkeit höher steigen kann. Wie er ein guter Gesetzgeber war, so bewies er auch in einzelne» Füllen seine Gefälligkeit und Freundlichkeit gegen die Bürger. Er befreite sein Vater- ! land von den drei größten Uebeln, von Gewaltherrschaft, ^ Parteizwist und Krieg. V. L-. Pittakus war sanft ") und mild, und hatte etwas Empfehlendes in seinem Wesen. Daher wurde er von Allen einstimmig als ein in jeder Tugend vollkommener Mann anerkannt. Wohlwollen gegen die Bürger und Klugheit zeigte er bei seiner Gesetzgebung, Rechtlichkeit Lurch Worthalten, Muth durch ausgezeichnete Waffenthaten, Un- eigennützigkeit durch edles Verzichte» auf Gewinn. 8. i. Die Einwohner von Mitylene wollten dem j Pittakus von dem Stück Landes, das er durch den Zwei- kampf fmit dem Athenischen Feldherrn Phrynonj gewonnen, *) Bor ist vielleicht 8 ausgefallen, LaSstg- kann aus 7is>vcvs entstanden seyn. Bruchst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 66L die Hälfte geben. Aber er nahm Das nicht an, sondern verlangte, es sollte durch's Loos unter Alle gleich vertheilt werden; was er durch den Sinnspruch ausdrückte: Gleiches haben ist mehr als Mehr haben. Sein Maßstab für das Mehr war nämlich der des Wohlwollens, nicht des Eigennutzes , weil er wohl einsah, er würde, wenn man gleiche Theile machte,*) gerühmt werden und gesichert seyn, wenn er aber Mehr erhielte, geschmäht und gefürchtet, wo man dann die Schenkung vielleicht bald wieder zurücknähme. 8 . 22, 2. Auf dieselbe Weise Handelteer, als ihm Krösus aus seiner Schatzkammer Geld, so viel er wollte, zu nehmen erlaubte. Auch dieses Anerbieten soll er nicht angenommen, sondern gesagt haben, er habe jetzt schon doppelt so viel als er wollte. Als Krösus über seine Gleichgültigkeit gegen das Geld sich wunderte und nach dem Sinn der Antwort fragte, habe er gesagt, da sein Bruder ohne Kinder gestorben sey, habe er so vie^ Vermögen geerbt als er vorher gehabt, und diese Zugabe sey ihm nicht lieb gewesen. 8 . 22, 5 . Selbst den Dichter Alcäus, seinen größten Feind, der ihn in seinen Gedichten sehr bitter geschmäht hatte, ließ er, als er ihn in seine Gewalt bekam, wieder frei, mit dem Spruch, verzeihen sey räthlicher, als strafen. V. ZZ. JnPriene**) erzählt man von Bias, er habe Jungfrauen aus einem vornehmen Geschlecht in Mes- *) ist nicht zu ändern, aber tso'rizre wahrscheinlich in 7ttt(>r<7Wcrrl z» verwandeln. **) Der Vaterstadt des Vias, in Ionien. » 9 664 Diodor's historische Bibliothek. senien von Räubern losgekauft und sie mit Achtung wie eigene Töchter behandelt. Als nach einiger Zeit die Verwandten sie zu suchen kamen, gab er sie zurück, ohne Etwas zu fordern, weder Kost- noch Lösegeld; im Gegentheil gab er ihnen noch viele Geschenke mit. Die Mädchen hatten nun eine Zuneigung zu ihm, wie zu einem Vater, weil sie in seinem Hause gewohnt und so große Wohlthaten von ihm empfangen hatten. Sie vergaßen daher auch, nachdem sie mit den Ihrigen in die Hcimath zurückgekehrt waren, nie den Dank gegen den fremden Mann. V. 3z. Messenische Fischer thaten einen Zug, bei dem sie Nichts heranfbrachteu, als einen ehernen Dreifuß, mit der Aufschrift „dem Weisesten". Nun gab man das aus dem Meer gezogene Geräth dem Bias. *) V. 35. Bias sprach mit großer Kraft und war der erste Redner seiner Zeit. Aber er machte von seiner Beredtsam- keit einen ganz andern Gebrauch als so Manche thun. Denn nicht zur Lohnarbeit noch als Erwerbsmittel wandte er sie an, sondern zum Beistand für Die, welchen Unrecht geschah, was man wohl höchst selten findet. 8. -3, i. Nicht Das ist etwas Großes, irgend eine Kraft zu besitzen, sondern dieselbe recht zu gebrauchen. *) Diodor holt hier eine von der obigen (8. 18, 1, 2.) verschiedene Darstellung der Geschichte vom Dreifuß nach. Da er aus vielerlei Schriften seine Nachrichten sammelt, so geschieht es manchmal, daß er an verschiedenen Stellen seines Werks von einander abweichende Erzählungen derselbe» Begebenheit einrückt. Gewöhnlich bemerkt er übrigens, daß es Berichte verschiedener Zeugen sind. Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. n. zehnten Buch. 665 Denn was half dem Milo von Kroton seine ungeheure Leibesstärke? *) 8. -Z, Als der Thessalier Polydamas von dem Felsen erdrückt wurde. **) da konnte Jedermann sehen, wie gefährlich es ist, viel Stärke zu besitzen und wenig Verstand. k. 18. sAus Tz eh es Chiliaden II, 58.1 (Und dieser Mann. Polydamas. Warans der Stadt Sko tu sa. Mit bloser Hand zerwiß er leicht die Löwen wie die Lämmer; Dem schnellsten Wagen lief er vor mit raschen Migelschritten; .Er wollte stützen mit der Hand die eingebroch'ne Höhle. Bei Diodor dem Sicnler ist der Bericht zu lesen.) 8. 22, 5 . Es währte schon lange, daß Eirrha, weil die Einwohner den Orakeltcmpel zu plündern wagten, belagert wurde. "*) Da kehrten viele von den Griechen in ihre Heimath zurück; die klebrige» aber fragten die Pythia und erhielten folgendes Orakel: Eher gewinnet ihr nicht und zerstöret den Thurm in der Stadt dort. Bis sich die Woge der schwarzblauäugigen Umphitrits Rauschend um heilige Ufer an meinem geweihete» Land bricht. 8. -ä, >- Der Bildhauer Perila u s, k) welcher dem Tyrannen Phalaris sin Agrigents einen ehernen Ochsen *) Strabo I > 1. *') Pansanias VI, 5. 4. Pansanias X., 57. 4. 5. Aeschines g. Ktes. 54. t bergt, in Bremi's Uebersetzung die Anm. zu d. St.). Cirrha war die Hafenstadt bei Delphi, s-) Oder Perillus. 666 Diodor's historische Bibliothek. zur Marter für seine Landsleute gefertigt, mußte die erste Erfahrung von dieser schrecklichen Marter selbst machen. So pflegen Die, welche gegen Andere etwas Böses im Sinne haben, häufig in ihren eigenen Anschlägen sich zu fangen. 8. -. Der Gesetzgeber Solo» trat in die Volksversammlung und forderte die Athener auf, den Tyrannen zu stürzen, ehe er gar zu mächtig würde. Da ihm aber Niemand Gehör gab, so erschien der Greis in der volle» Waffenrüstuug auf dem Markt und rief die Götter zu Zeugen , daß er, so viel an ihm gewesen, mit Wort und That dem bedrohten Vaterlande zn hellen gesucht habe. Allein die Athener wußten nicht, was Pisistratns vorhatte; und so geschah es, daß Solon's wahres Wort unbeachtet blieb. ") Solon soll den Athenern die bevorstehende Gewaltherrschaft auch in Distichen angekündigt haben. Schnee droht aus dem Gewillte zu fallen und Hagel im Sturme; Leuchtet der Blitz, alsbald folget der Donner dem Strahl. Mächtige bringen Verderben dem Staat, und eh' es gedacht, sinkt Unter das knechtische Joch Eines Gebieters das Volk. Hat er gewonnen die Stimmen, so laßt er nicht leicht sich beschränken Später noch; nein, schon jetzt sorgen für künftig ist Noth. ***) *) Lucian's erster PhalariS 11. 12. '* * 1 Vergl. 8. 1v, 1. und die Anmerkung zu V. 54. Statt rntistvXi)» muß es wieder heißen. ***) Für ö'r^kparncr (-akäton ist vielleicht zu lesen Xkicrx ö'x§ep«ctctnr' 8 (jr/äsivv (vergl. Aristophanes Brachst, a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 667 Nachher, als Piststratns wirklich Alleinherrscher war, sagte Solo» : Ist euch Trauriges aber begegnet durch eure Verkehrtheit, Rechnet den Göttern die Schuld solchen Geschickes nicht an. Habt ihr Jene doch selber erhoben, die Wache verleihend; Darum traget ihr nun, Sklaven, ein schmähliches Joch. Jeder von euch geht, ist er allein, aus Wegen des Fuchses, Aber der Leichtsinn wohnt in dem versammelten Volk. Denn ihr lauschet der Rede des Manns, der geläufigen Zunge, Nirgends aber des Werks achtet ihr, das er betreibt. 8 . -t, 5 . Pisistratus bat Len Solo», sich ruhig zu halten und mit ihm die Vortheile der Alleinherrschaft zu genießen. Da er ihn aber auf keine Weise anders zu stimmen vermochte, sondern sah, daß er immer heftiger eiferte und nachdrücklich drohte ihn zur Strafe zu zrehen, da fragte er ihn, worauf er sich denn verlasse, daß er seinen Planen widerstrebe. Er soll geantwortet haben, auf sein Alter. 8 . 25, Man erzählt, Krösus habe große Schiffe bauen lassen, i» der Absicht, die Inseln zu bekriegen. Nun sey gerade Bias auf einer Reise zu den Schiffswerften *) Wespe» 995.), und für irrrur« entweder 7rL>oo§>wnra oder nach Dindorf rrcrur« (schon jetzt sorgen für Alles ist notk'. Anm. d. lieb. Eine andere annehmbar scheinende Verbesserung des Tertes wäre: Xseccx ö'rErXccctceni:', » (s^öeo'n xarcr^kln. Hat er die Beute geraubt, dann ist's nicht leicht ihn bemeister» : Dann zu spät ist's . . . Anm. d. Redaction. ") Das zweite kaun aus NLwcrolxLS entstanden seyn. 663 Diodor's historische Bibliothek. gekommen und habe dem Bau der Fahrzeuge zugesehen. Er sey von dem König gefragt morden, ob er nichts Neues, was es bei den Griechen gebe, gekört habe. Da habe er geantwortet, alle Inselbewohner bringen Pferde zusammen, weil sie im Sinn haben, die Lydicr zu bek.iegen. Krösus habe darauf gesagt: ei, daß doch Jemand die Inselbewohner beredete, auf Rossen den Lydiern entgegenzustehen! Pitta- "kus oder Dias versetzte: Du behauptest also, die Lydier, weil sie auf dem festen Lande wohnen, werden eilen, die Leute von den Inseln zu Lande z» treffen, und die Inselbewohner, meinst du, werden nrcht zu den Göttern beten, daß sie die Lydicr zur See treffen mögen, um für das Ungemach, das die Griechen auf dem festen Lande getroffen, auf dem Meere sich zu rächen an dem Unterdrücker ihrer Stammverwandten? Verwundert über diese Rede gab Krösus sogleich seinen Vorsatz auf und stellte den Schiffbau ein. *) Er dachte nämlich, da die Lydier gute Reiter seyen, werden sie zu Lande Jenen überlegen seyn. 8. -K. Krösus ließ aus Griechenland die weisesten Männer holen, um ihnen die Größe seines Glücks zu zeigen, und die sein herrliches Loos priesen, Die zeichnete er durch große Geschenke aus. Er ließ namentlich den Solon holen, und ebenso einige Andere, die als Weise in einem großen Ruf standen. *') Durch das Zeugniß dieser Männer wollte er sein Glück bestätigt sehen. Es kam zu ihm der Scythe Anacharsis, Bias, Solo», Pittakns, die er *) Herodot I, 27. ") Vergl. 8. 17, 1. und die Anmerkung zu V. 54. Brachst, a. d. sieb., acht-, nemtt. u. zehnten Buch. 669 hei Gastmälern versammelte und sehr ehrenvoll behandelte, indem er ihnen seinen Reichthum zeigte und die Größe des Lyrischen Reichs. ") Damals beflissen sich die Gebildeten der Kürze des Ausdrucks. Nun legte Krösus, als er jenen Männern sein Herrscherglnck und die Menge der niiLerworfenc» Völker vorgestellt hatte, dem Anacharsis, dem Aeltestcn der Weisen, die Frage vor, Wer nach seiner Meinung gegenwärtig der Tapferste sey. Dieser nannte die wildesten Thiere; denn diese allein, sagte er, sterben bereitwillig für die Freiheit. Krösus meinte, Das sey ein Verstoß, und das zweite- mal, dachte er, werde er ihm eine Antwort nach Wunsch geben. Er fragrc also, Wen er unter den Jetztlebeiiden für den Gerechtesten halte. 'Aber Jener sagte wieder, die wildeste» Thiere; denn nur sie leben nach der Natur, nicht nach Gesetzen; die Natur sey nämlich ein Werk Gottes, das Gesetz aber eine Anstalt von Menschen, und es sey gerechter, an Gottes, als an der Menschen Einrichtungen sich zn halten. Hieraus fragte Krösus den Anacharsis zum Spott, ob die Thiers auch die Weisesten seyen. Er bejahte die Frage und bewies, daß die Wahrheit der Natur höher achten als den Buchstaben **) des Gesetzes eine Haupteigsnschaft des Weisen sey. Da verlachte ihn der König als einen Mann, »> Für rvvroit kann man (da övo folgt) r«r> ^sriöwn lesen, und vor x«n« crr>r-xFf>ic>n mag xaz.wn ausgefallen seyn. **) Das zweite Pncrkmg' kann man entweder mit Dindorf in L-xcrxma oder in 7iX«crkMg verwandeln. 670 Diodor's historische Bibliothek. dessen Antworten aus Scythien kommen und von der thierischen Lebensweise zeuge». 8. -7. Den Solon fragte er, Wer unter Allen, die er kennen gelernt, der Glücklichste sey. Diesen Vorzug, dachte er, werde Jener entschieden ihm zuerkennen. Allein Solon sagte, er könnte Niemand mit Grunde nennen, weil er von Keinem der Jetztlelendcn das Ende seiner Tage gesehen habe, ohne Das man Niemand mit Recht für glückselig halten könne; denn scbm oft habe Menschen, die in ihrem ganzen früheren Leben glücklich geschienen, gerade am Schluß ihres Lebens das traurigste Schicksal getroffen. Der König versetzte: also auch nicht für den Reichsten hältst du mich? Solon gab dieselbe Altwort, und bewies, daß man nicht Diejenigen, die am meisten besitzen, sondern Die am meisten Werth auf die Vcrninfr legen, für die Reichsten ansehen dürfe, die Vernunft aber, der nichts Anderes gleich zu achten sey, nur Denen, welcie sie hochschätzen, den größten und dauerhaftesten Reichthum verleihe. Krösus fragte noch den Dias, ob Solon d-e richtige Antwort oder eine verfehlte gegeben habe. Bias erwiederte: die richnge; denn er will erst entscheiden, wenn er das Eure, was in dir ist, kennen gelernt hat; bisher aber hat er nur Das, was an dir ist, gesehen; allein es ist vielmehr Jenes als Dieses, was den Menschen glücklich macht. Der König sprach: nun, wenn du dem Reichthum an Geld nichi den Vorzug gibst, so siehst du ja doch, daß ich von Freunden eine so große Zabl habe wie kein Anderer. Allein Jener versicherte, auch auf die Zahl der Freunde in der Zeit des Glücks dürfe man nicht rechnen. Piltakus soll auf die Frage des Krösus: Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 67r welches ist die beste Regierung, die du gesehen? geantwortet haben: die des bunten Holzes. Darunter verstand er die Gesetze. 8. -8, 1 . Aesop blühte um dieselbe Zeit wie die sieben Weisen. Er sagte. Diese wissen nicht mit einem Herrscher umzugehen, denn mit solchen Leuten müsse man entweder so wenig oder so gefällig als möglich reden. Er selbst sprach sich i» Dichtungen aus. Denn der Sieg, meinte er, werde zwar durch Muth und nicht durch die große Zahl der Hände gewonnen, ....*) 8. 28, r. Phalaris sah, wie eine Menge Tauben von Einem Habicht verfolgt wurde. Da sagte er: seht ihr, wie diese ganze Menge so furchtsam vor dem Einen flieht? wenn sie nur umzukehren wagten, so würden sie leicht den Verfolger überwältigen. Und gerade auf diese Weise verlor er die Herrschaft. (Wie es unter dem Titel „von der Folge der Könige" zu lesen ist.) ") 8. -8, L. Als Krösus gegen den Perser Cyrus zu Felde zog, fragte er das Orakel. Die Antwort hieß: Ueber den Halps gesetzt, stürzt Krösus ein mächtiges Reich um. Er legte das zweideutige Orakel seinem Vorhaben gemäß aus, und es mißlang. *) Der Satz ist vielleicht ungefähr so zu ergänzen: aber ein« gewisse Macht über die Herrscher müsse man durch List und durch vielerlei Mittel zu erlange» suchen, indem man die Wahrheit in Fabeln hülle. *») Diesen Titel muß eine andere Abtheilung der Srcerpten- sammlung des Conflantinus Porphyrogeuitus geführt haben. 672 Divdor'S historische Bibliothek. 8. -g, 1. Er fragte ferner an, ob er lange Zeit die Herrschaft behalten werde. Pylhia antwortete in folgenden Versen: .Ja, wenn über die Meder ein Maul als König wird herrschen. Dann, zartfüßiger kpdier, magst du zum steinigen Hermus Fliehen und nimmer dich halten, der Feigheit nimmer dich schämen. Einen Maulesel nannte sie nämlich den Eprns, weil seine Mutter aus Medien war, sein Vater aber ein Perser. V. 56 . Cyrus, der Sohn des Kambyses und der Manbaue, der Tochter des Königs der Meder, Ast Pages, übertraf alle seine Zeitgenossen an Tapferkeit und Weisheit und in den übrigen Tugenden. Denn sein Vater ließ ihn königlich erziehen, indem er ihm Eifer für die edelsten Beschäftigungen einflößte. Man sah wohl, daß er große Thaten unternehmen würde, da er durch eine über sein Alter gehende Tüchtigkeit sich hervorthat. V. 57. Astyages, der Kvnig der Meder, war zornig über seine Soldaten, als er besiegt war *) und schimpflich fliehen mußte. Die Befehlshaber entließ er Alle und sehte Andere an ihre Stelle; und Alle, die an der Flucht Schuld waren, ließ er aussondern und hinrichten. Durch Deren Bestrafung dachte er die Andern zn zwingen, daß sie tapfere Männer im Kampf würden. Denn er war grausam und von roher Gemüthsart. Allein die Leute ließen sich durch seine Strenge nicht schrecken. Vielmehr erregte das Gehässige der gewaltsamen und ungesetzlichen Handlung in Je- *) Herodot I, 1L7. Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 673 dem das Verlangen »ach einer Aenderung. Daher liefen sie rottenweise *) zusammen und führten aufrührische Reden, indem die Meisten einander zur Rache für Liese Behandlung aufforderten. k. ig. sAus Julius Africanus in Ensebius evang. Vorbereitung X, 10 .) (Cyrus wurde **) König der Perser am Anfang der fünfundfüiifzigsten Olympiade s56o v. C.s, wie aus Diodor's Bibliothek zu ersehen ist.) V. 53. Cyrus war, wie man erzählt, nicht nur tapfer im Kriege, sondern auch gegen seine Unterthanen wohlwollend und menschenfreundlich; daher ihn die Perser „Vater" nannten. V. 5g. Adrastus, ein Phrygier, tödtete einen Sohn des Lydischen Königs Krösus, Namens Atys, un- vorsätzlich auf der Jagd; er traf ihn nämlich, als er den Spieß nach einem Schwein warf. Der Mörder erklärte, wenn gleich die That nicht vorsätzlich war, er sey nicht mehr werth zu leben. Er bat daher den König, seiner nicht zu schonen, sondern ihn sobald als möglich über dem Grabe des Verstorbenen zu schlachten. Krösus war anfangs, wie natürlich bei der Ermordung seines Kindes, ergrimmt über den Adrastus, und drohte ihn lebendig zu verbrennen. Als er aber sah, daß er bereitwillig war, zur Rache für den Ver- > storbenen sein Leben selbst hinzugeben, da legte sich sein Zorn, und er erließ dem Mörder die Strafe, indem er sein Schick- *) Nach Valesius Lesart für Xö/Lg'. *") Für c^crcriXrr-kt- wird issttcriXernokn z« seyen seyn. 674 Diodor's historische Bibliothek. sal anklagte, statt Jenem die Absicht Schuld zn geben. Dennoch aber ging Adrastns freiwillig hin und tödtete sich selbst über dem Grabe des Atys. 8, -g, Cyrus, der König der Perser, rückte mit seiner ganzen Macht in die Engpässe von Kappadscicn > und schickte Herolde an den Krösus , theils um dessen Reich auszukundschaften, theils um ihm zu erklären, Cyrus erlasse ihm die frühern Vergehnngen und ernenne ihn znm Statt» Halter von Lydien, wenn er vor seiner Thüre erscheine und gleich den Andern sein Sklave zu seyn bekenne. Krösus gab ihnen die Antwort, billig sollten Cyrus und die Perser Sklaven des Krösus zu werden sich entschließen; denn sie seyen bisher fortwährend Sklaven der Meder gewesen, er aber habe noch niemals den Befehlen eines Andern gehorcht. V. zo. Krösus, der König der Lydier, schickte unter dem Vorwand, nach Delphi zu senden, den Epheser Eu- rybatus in den Peloponnes, und gab ihm Geld mit, um Griechen, so viele als möglich, anzuwerben. Der Abgesandte aber ging hin zu Cyrus, dem Perser, und machte ihm die ganze Sache kund. Bei den Griechen wurde darauf die Bosheit des Eurybatus so berüchtigt, daß man noch gegenwärtig, wenn man Einem Schlechtigkeit vorwerfen will, ihn einen Eurybatus heißt. 8. 2 g, L. Wenn die Schlechten auch nicht sogleich die Rache Derer trifft, an denen sie unrecht gehandelt, so verfolgt sie doch, so weit es möglich ist, auch nach dem Tode noch der üble Ruf, der Lurch alle Zeiten fortdauert. Brnchst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 675 8. Zo, 1 . Krösus hotte, wie man erzählt, vor dem Kriege mit Cyrus, Gesandte nach Delphi geschickt, um anzufragen, auf welche Weise sein lstummers Sohn die Sprache erlange» könnte. Pythia soll geantwortet haben: Lpdischer Sproß, der Viele beherrscht, gar kindischer Krösus, WUnsche dir nicht so begierig, im Hause des redenden Sohnes Stimme zu hören; für dich viel besser ist's, wenn er so bleibet. Sprachlos; wirb er doch erstmals reden am Tage des Unglücks. 8. äo, 2 . Man muß sich im Glück zu mäßigen wissen und sich nickt auf das Gelingen menschlicher Dinge verlassen , die in einem kleinen Augenblick so große Veränderungen erleiden können. 8. äo, 5. Nachdem der Scheiterhaufen gelöscht war, *') sah der gefangene Krösus, wie die Stadt geplündert und unter Anderem viel Silber und Gold weggetragen wurde. Da fragte er *") den Cyrus, was die Soldaten thun. Als Dieser mit Lachen antwortete: deine Schatze plündern sie; sagte Jener: nein, bei'm Zeus, die Deinigen; dem Krösus gehört ja Nichts mehr eigen. Verwundert über diese Rede änderte Cyrus sogleich seinen Entschluß, wehrte den Soldaten die Plünderung und zog die Güter der Einwohner von Sardes für den königlichen Schatz ein. *) Hcrodot 1, 85. ") Bergt. 8. 17, 4. Hcrodot 1, 86. ff. **») ist in k7ri?stwri?i7k, und kiirrkv >» 5s- irkv zn verwandeln, und nach a7roxs>lFevroL das wg zu tilgen. 676 Diodor's historische Bibliothek. V. 4,. Cyrus hielt den Krösus für einen frommen Mann, weil ein plötzlicher Regenguß die Flamme gelöscht hatte, und Solon's Antwort blieb ihm im Gedächtniß. Daher ließ er sich, nm den Krösus zu ehren, überall von ihm begleiten. Auch gab er ihm eine Stimme im Rath, weil er dachte, es werde ihm nicht an Einsicht fehlen, da er des Umgangs so vieler gebildeten und weisen Männer genossen habe. 8. Zi, 1. Harpagns, welcher von Cyrus, dem Perser, zum Befehlshaber auf der See ernannt war, gab den Asiatischen Griechen, als sie durch eine Gesandtschaft ein Bündnis; mit Cyrus schließen wollten, * **) ) die Antwort, auf eine ähnliche Art, wie sie da handeln, sey es ihm selbst einmal ergangen. Er habe einst, als er sich zu heirathen entschlossen, den Vater um die Tochter gebeten; Dieser habe ihn zuerst nicht für würdig geachtet, sein Eidam zu werden, und sie einem Mächtigeren verlobt; nachher aber, als Derselbe gesehen, wie ihn der König geehrt, habe er ihm seine Tochter angeboten; allein er habe geantwortet, als. Ehegattin würde er sie jetzt nicht mehr annehmen; doch habe er sich gefallen lassen, sie als Kebsweib zn halten. *') Durch diese *) Statt Ai«7r^>kcr/)rrn)/tLna>r- sollte es vielleicht ör« Oxaiv (oder Tiprx^evrwn) heiffen. Das nai vor rwv wird zu tilgen und Ltrir für eiirrsv zu seyen seyn. **) Für kann (vergl. XI, 58.) crcrnr« gelesen werden. Beuchst- a. d. steh., acht., nennt. u. zehnten Bnch. 677 Erklärnnq -ab er den Griechen zu verstehen, nachdem Cyrus zuerst verlangt, daß sie Freunde der Perser würden, und sie nistn aewollt haben, sv werde er, wenn sie jeyt mit veränderter G siuunna Freundschaft zu schließen sich beeilen, einen Vnndesverrrag nickt mit ihnen eingehen, aber es an- neknien, wenn sie als Sklaven der Gnade der Perser sich vertrauen. 8 Z> , Als die Lacedämonier erfuhren, daß die Asiatischen Griechen in Gefahr seyen, ließen sie dem Cyrus melde», die Lacedämonier als Verwandte der Asiatischen Griechen lassen ihn hiemit abmahnen, die Einwohner der Griechischen Städte zu Sklaven zu machen. Er wunderte sich der Rede und erwiederte, er wolle sich von ihrer Tapferkeit überzeugen, wenn er Einen seiner Sklaven schicke, um Griechenland zu Unterwerken. 8. 5-, 1 . Die Lacedämonier erhielten, als sie Arkadien erobern wollten, das Orakel: Willst d» Arkadien? groß ist der Wunsch; nicht kann ich's gewahren. lkichelnessende Männer sind viel in Arkadien; wehren Werden dir Diese den Duz; ich aber mißgönn' es dir nimmer. Legen will ich dir geben, da magst du den Boden im Reigen Stampfen, und ziehen die Schnur, zu vermessen das schöne Gefilde. ") 8. L,, -. Die Laced imonier schickte» nach Delphi wegen der Gebeine des Orestes, des Sohns Agamemnon'S, an welchem Ort sie wohl lägen. Das Orakel lautete sv; ") Herodvt I, 66. Diodor. Ss Bdchn. ao 678 Diodor's historische Bibliothek. Tegea liegt auf ebenem Feld Arkadischen Landes. Zweifach wehen daselbst mit erzwungenem Brausen die Winde, Stoß trifft gegen den Stoß, auf's Unheil lagert sich Unheil. Dort schließt ein die belebende Erde den Sohn Agamcmnon's; Holest du den aus Tegea her, dann schaffest du Hülfe. Es war eine Schmiede s gemeint. Unter den beiden Winden) versteht sdas Orakel) die Blasbälge, unter dem Stoß fund Gegenstoß) den Ambos und die Hammer; das Unheil auf dem Unheil bereutet das Eisen auf dem Eisen; es ist nämlich Unheil genannt, weil es zum Unglück der Menschen entdeckt ist, *) 8. Z 2 , 5. . . . . denn besser sey es, sie sterben, als sie leben und sehen sich und ihre Verwandten thun, Was des Todes würdig sey. **) 8. 35, 1 . Als einmal die Tochter des Pisistratus den Korb trug, ***) wo man sie vorzüglich schon fand, trat Einer der Jünglinge herzn, und küßte die Jungfrau ohne Scheu. Die Brüder des Mädchens, die Das hörten, nahmen die Beschimpfung übel auf. Sie führte» den Jüngling zu ihrem Vater und verlangten, er sollte dafür büßen. Pisistratus aber sagte lachend.: Und was wollen wir denn Denen, die uns Haffen, thun, wenn stvir Die znr Strafe ziehen, die uns lieben? -s) *) Herodot I, 67. f. **) Vielleicht Worte des Aristodikus, der seinen Mitbürgern in Cyme die Auslieferung des Paktyas widerrieth. Herodot 1, 158. »**) Bei den Festaufzügen, trugen Jungfrauen die Körbe mit den Heiligthümern. Dasselbe Wort, philein, bedeutet im Griechischen „lieben" und „küssen". Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 679 8. 55 , Derselbe bemerkte einmal, als er das Land bereiste, einen Menschen, der am sBergirHymettus äusserst magere, steinige Felder bearbeitete. Er wunderte sich über diesen Fleiß und schickte Leute hin, zu fragen, was ihm wohl die Bearbeitung eines solchen Bodens eintrage. Als Diese ihren Auftrag ausrichteten, sagte der Arbeiter, das StückZFeldes trage ihm Schwielen und Schmerzen *) ein, aber er achte Das nicht, er gebe ja dem Pisistratus seinen Theil davon ab. Der Herrscher lachte, als er die Antwort horte, und machte das Stuck Feldes steuerfrei. Daher das Sprnchwort: „auch Schwielen machen steuerfrei". V. 42. Servius Tullius, der König der Römer, regierte vierundvierzig Jahre. Seine guten Eigenschaften hatten manche wohlthätige Wirkungen für den Staat. 8. 5 z. Als Servius Tullius bei der Empörung des Tarquinius auf das Rathhaus kam und sah, wie mau sich gegen ihn rüstete, sprach er Nichts als die Worte: was erfrechst du dich, Tarquinius? Dieser versetzte: und was du, der du, ein Sklave von Haus aus, König der Römer zu werden dich erkühnt, und, statt daß das Reich meines Vaters mir gebührte, gesetzwidrig die Herrschaft an dich gerissen hast, die auf keine Weise dir zukommt? Mit diesen Worten lief er hinzu, faßte die Hand des Tullius und warf ihn über das Geländer hinab. Er raffte sich auf und versuchte zu fliehen, hinkend von dem Fall, wurde aber getödtet. *) Fs«r x«x«s üöitvccg sollte es crqoaxLXss x«i o'Ai-p«s oder x«x«§ x«i ctPaxxXsg heiffen. ro * Wo Diodor's historische Bibliothek. V. 43. Als Therikles in Athen Arche» war, am Anfang der 6>sten Olympiade s556 v. C.s, machte sich der Philosoph Pythagoras bekannt, der es damals schon weit in der Wissenschaft gebracht hatte. Wenn je ei» Verehrer der Wissenschaft eine Stelle in der Geschichte verdient, so iss er es. Gebürtig war er aus Samos, oder, wie Einige behaupten, aus Tyrrhenien. In seinen Worten lag eine solche Kraft zu überreden und einzunehmen, daß beinahe die ganze Stadt jeden Tag ihm zulief, als wäre ein Gott erschienen, und Alles sich versammelte, ihm zuzuhören. Aber nicht blos durch die Macht der Rede zeigte er sich groß, sondern er legte auch eine ruhige Fassung des Gemüths an den Tag, und für Jünglinge war seine ernste Lebensweise ein treffliches Muster zur Nachahmung. Er gewöhnte seinen Anhängern die Prachtliebe und Ueppigkeit ab, während alle Andern im Genuß ihres Reichthums schwelgten und die Kräfte des Körpers und des Geistes auf eine unedle Weise verschwendeten. 8. 55, i. Pythaqoras glaubte an die Seelenwanderung und hielt das Fleischessen für etwas Abscheuliches, weil nach seiner Meinung die Seelen aller Lebendigen nach dem Tod in andere Lebendige übergehen. Von sich selbst behauptete er, daß er sich erinnere, zur Zeit des Trojanischen Kriegs Euphorbns gewesen zu seyn, der Sohn des Panthus, der von Menelaus geröstet worden. 8. 55, r. Als er einmal auf einer Reise nach Argvs kam, soll er geweint haben bei dem Anblick eines Schilds, der unter den erbeuteten Trojanischen Waffen angenagelt war. Da ihn die Einwohner von Argos um die Ursache sei- Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 68, »er Betrübniß fragten, habe er gesagt, diesen Schild habe er selbst als Euphorbus in Troja getragen. Sie wollten daran nicht glanbe» und beschuldigten ihn, er sey verrückt. Allein er sagte, er wolle ihnen ein sicheres Zeichen angeben, *) daß es sich so verhalte; auf der innern Seite des Schildes stehe mit alten Buchstaben geschrieben: „des Eu- phorbus". Auf diese unerwartete Antwort verlangten Alle, mau sollte den Schild he> abnehmen; und da fand sich wirklich innen **) die Aufschrift. 8. LS, Z. Kallimachns sagte von Py th agoras, Dieser habe die geometrischen Aufgaben theils erfunden, theils zuerst aus Aegyvte» nach Griechenland gebracht; nämlich dort, wo er spricht: Der Phrygier Cuphorbus hat's entdeckt, der auch Den Menschen zeichnet' ungleichseit'ge Dreiecke. Durch die sich Kreis und Kreis berührt, und flieh'« lehrte. Die Kost von Lebenden; doch folgten nicht Alle Dem Wort. *") *) Nach Dindorf's Vermuthung ksiscu. Die Lesart der Handschrift. Stieren, gäbe den Sinn; er hab« ei» sicheres Zeichen gefunden. ") Statt ei-xm-a sollte es vielleicht aiir^'v, sr-rüg heissen. Da hier. nach Niebuhr's Bemerkung (in Dindorf's Ausg. S. X.) , eine Stelle aus den Choriamben des Kallimachns angeführt ist. so ist der Tert vielleicht so herzustellen: ru ot§ (vcrgl. die Citation I, 15.) 'LEkvstk Lv^o§, ö^cg «uA(>Mniors r« <7x«X?zna x«i xi»xXou xvxXrs> 682 Dlodor's historische Bibliothek. 8. 56, i. Er fPythagoras) forderte die Menschen zu einer einfachen Lebensart auf; denn durch Verschwendung '^Tirovra H^xe, x«l ötöcr^e pi)§kriktV 7wv x/tirnrourcan. oc raö' k^x vm)xLcrcrv /Icenrrs- Unter den Figuren, von welchen dieser Satz spricht, kann ein Netz von Dreiecken verstanden setzn, deren Winkelpunkte zugleich die Mittelpunkte einander berührender Kreise sind, und deren Seiten demnach durch die Berührungspunkte gehen. Ei» solcher Compler einander berührender Kreise war vielleicht (da hier das Verbot des Fleischessens daran angeknüpft ist) bei den Ptzthagoreern ein Symbol von dem Kreislauf der Seelenwanderung. — Wenn von Aegtzpte» (das übrigens von Kallimachus schon im Vorhergehenden oder erst im Folgende» erwähnt setzn könnte) gerade in den von Diodor citirte» Versen die Rede setzn müßte, so dürfte der zweite und dritte etwa so geheißen haben: r« ccxaXi-v« xi-xXcis Lirrast^'xt/, xal öcöaEk ni)^ki-ktn (Am Rand Aegtzptens wies die schiefen Dreiecke Aus sieben Strichen, und die Mensche» flieh'» lehrte). Das Aufzeigen der durch die Arme des Nil's gebildeten Dreiecke wäre ein für einen Alerandrinischen Dichter nicht zu weit gesuchtes Bild von der Verbreitung der geometrische» Kenntnisse der Aegtzter. — Nach Dindorf würden die Vers« des Kallimachus, an die Worte „nach Griechenland gebracht" sich anschließend, so heißen: Wo auch der Phrtzgier Euphorbus schon vormals Den Menschen auswies ungleichseit'ge Dreiecke Und sieben Kreiseslängen, und sie flieh'» lehrte u. st w. Bruchft. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 683 werde mit dem Vermögen zugleich die Gesundheit aufgezehrt; die meisten Krankheiten entstehen ja aus Unmäßigkeit, und diese sey die Folge der Verschwendung. Viele beredete er, ihr Lebenlaug ungekochte Speisen zu genießen und Wasser zu trinken, um nach dem wahrhaft Guten streben zu können. Wollte zu unserer Zeit Jemand von den Leuten verlangen, daß fle auch nur in Einem oder zwei Stücke« wenige Tage lang entbehren, was man Vergnügen heißt, so würden sie der Philosophie entsagen, *) und es für Thorheit erklären, auf Las sichtbare Gut verzichtend, nach dem unsichtbaren zu trachten. Wenn es darauf ankommt, das Volk zu gewinnen oder ungehörige Dinge zu betreiben, da sind sie geschäftig und lassen sich durch Nichts abhalten; sollen sie aber sich unterweisen lassen und ihr Verhalten bessern, so haben sie, wie sie behaupten, keine Zeit. Sie sind also beschäftigt, wo fle wohl Muße hätten, und müssig, wo sie nicht feiern sollten. Man müßte wohl annehmen, dieser Suphorbus habe bereits gesunden, daß sieben Längen des Umkreises »nd zweiundzwanzig Längen des Durchmessers nahe einander gleich sind; was auf mechanischem Weg allerdings schon frühe entdeckt werden konnte. Allein höchst wahrscheinlich hat Diodor Recht, wenn er glaubt, daß Kallimachus unter dem Suphvrbns keinen Andern versteht, als Den, der einst der Trojaner Euphorbus gewesen zu seyn behauptete. Dindorf's Vorschlag wird also wenigstens im ersten Vers ein« Aenderung erleiden. *) Für «irklTiou rHv sollte es wohl «TikrTitttur' heiffen. 684 Diodvr's historische Bibliothek. 8 . 56, Don dem Pythaaoreer Archytas v!'» Talent erzählt man, er sey üb->r seine Diener wegen schwerer Vergebungen zornig geworden, habe aber, die Leidenschaft bekämpfend, zu ihnen gesagt, ei» solches Verbrechen würde ihnen nicht ungestraft hingehen, wenn er nicht eben jeyt zornig wäre V. 44 . Als Pythagoras erfahr, daß P h ere cy d e s, sein ehmaliger Lehrer, in Delvs krank und seinem Ende sehr nahe sey, schiffte er von Italien »ach Delos. Hier pflegte er des Greisen geraume Zeit, und wandte allen Fleiß an, um den hochbejahrten Kranken noch zu reiten. Als aber Pherecodes der Altersschwäche und der Macht der Krankheit unterlag, * so bestattete er ihn sorgsam, und nachdem er ihm die letzte Ehre erwiesen, wie sie der Sohn dem Vater zu erweisen pflegt, kehrte er wieder nach Italien zurück. 8 . Zg, ,. Die Pykhagoreer beobachteten ckebr gewissenhaft die Treue gegen die Freunde; denn die Liebe der Freunde hielten sie für das theuerste Gut im Menschenleben. V. 45 . Wenn Jemand von den Gen essen um sein Vermögen kam, so theilten sie ihre Guter mir ikm wie mit einem Bruder. Und so handelten sie nicht lnos an ihren Bekannten, mit welchen sie täglich umgingen, ionderu überhaupt an Allen, die ihren ilehren ") zugethan waren. V. 46 . Klinias, aus Tarent gebürtig, der dem vorhin genannten Bunde sder Pythagvreerj angehörte, er- ») Für xttNltt/stbai-nog ist xanrlt/l-AenT'og' zu lesen. **) Wahrscheinlich ist Tistaystarwn aus ö'uyziarsnentstanden. Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 685 fuhr, daß P ro ru s , ein Bürger von Cyrene, bei einer Staatsverändcrnng sein Vermögen verloren hatte und in der äussersten Armuth lebte. Da reiste er mit einer beträchtlichen Summe Gelds von Italien nach Cyrene, und erstattete diesem Manne, den er »och nie gesehen, sein Vermögen, blos weil er hörte, das: Derselbe ein Pythagoreer war. Aehn- liche Handlungen erzählt man noch von vielen Andern. Aber nicht blos durch Geldiinterstühuug bewiesen sie solche Gesinnungen gegen ihre Freunde, sondern auch die Gefahr theilte» sie miteinander in den mißlichsten Fällen. Ein Pytha- goreer zur Zeit des Tyrannen Dionysius, Namens Phintias, hatte einen Versuch aus das Leben Desselben gemacht, und sollte nun die Strafe leiden. Da bat er sich von Dionysius eine Frist aus, weil er vorher noch Etwas i» seinen Angelegenheiten bestellen wollte, und versprach, Einen seiner Freunde als Bürgen des Todes zu stellen. Der Fürst verwunderte sich, daß es einen solchen Freund geben sollte, der sich a» seiner Stelle gefangen sehen ließe. Aber Phintias rief einen seiner Bekannten herbei, Namens Dämon, einen Pythagoreischen Philosophen, der sogleich ohne Bedenken Bürge des Todes wurde. Einige lobten das Ue- ' bermaß der Freundestreue, Andere schalten den Leichtsinn und die Verrücktheit des Bürgen. Zur bestimmten Stunde lief das gaine Volk zusammen, voll Erwartung, ob Der, welcher den Bürgen gestellt, sein Wort halten würde. Schon war die Srunde fast abgelaufen, und Jedermann gab die Hoffnung auf. Aber im legten Augenblick, da man es nimmer gedacht, kam Phintias in vollem Lauf, während Dämon zum Tode abgeführt wurde. Allgemeine Bewunderung 686 Diodor's historische Bibliothek. erregte diese Freundschaft, und Dionysius erließ dem Schuldigen die Strafe, und bat die Freunde, ihn als den Dritten in ibren Bnnd anfznnehmen. 8. L7, 2. Groß und bewundernswerth erscheint die Frenndestreue sder Pythagvreerz besonders, wenn man nach der Ursache derselben fragt. Was für Gewohnheiten waren es denn oder was für eine Art von Beschäftigung oder was für eine Ucberredungskunst, wodurch sie Jedem, der in den Kreis ihrer Gesellschaft eintrat, eine solche Gesinnung einflößten ? Schon Mancher der Uneingeweihten wünschte DaS zu wissen, und suchte es begierig zu erforschen, aber Keiner konnte es jemals erfahren. Die Ursache, warum jene Vorschriften so genau beobachtet wurden, ist die, daß die Pyrhagoreer den Grundsatz hatten, Nichts dergleichen schriftlich aufzusetzen, sondern die Gebote nur im Gedächtniß zu behalten. V. L7. Das Gedächtniß zu stärken waren die Pythago- reer eifrig bemüht. Sie stellten die Uebung auf folgende Art an. Sie standen nicht eher vom Bette auf, bis sie sich von Allem, was sie am vorigen Tag vom frühen Morgen an bis zum späten Abend gethan, Rechenschaft gegeben hatten. Wenn sie hie und da übrige Zeit und weniger Geschäfte hatten, so nahmen sie auch dazu, was sie am dritten, am vierten und an noch früheren Tagen gethan. Denn sie hielten Das für ein wirksames Mittel, das Gedächtniß zu üben, ') *) Nach können die drei ersten Sylben von ausgefallen seyn und die letzte sich in t'k rs verwandelt haben; sti-MOUkstrtU aber kann aus stur^t^v wPkXkev entstanden seyn. Druchft. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 687 um Kenntnisse, Klugheitsregeln und Erfahrungen aller Art zu sammeln. V. z 8 . Eine Uebung der Enthaltsamkeit stellten sie auf folgende Weise an. Sie ließen sich, was bei den allerköst- lichsicn Mahlzeiten aufgetragen wird, bereiten und sahen es lange Zeit an. Nachdem sie dann durch das Anschaue» die natürliche Begierde zum Genuß gereizt hatten, hießen sie dir Aufwärter die Tafel abtragen, und gingen sogleich weg, ohne von den Speisen Etwas gekostet zu haben. 8 . 58. Pythagoras gebot seinen Schülern unter Anderem, selten zu schwören, wenn es aber geschahe, durchaus den Eid zu halten, und V. zg. Pythagoras gebot seinen Schülern, selten zu schwören, wenn es aber geschähe, durchaus deu Eid zu halten. jede Bedingung, die fle beschworen, zu erfüllen. Er sprach sich also darüber ganz anders aus als der Lacedämonier Ly- sander und der Athener Demades. Jener änsserte, die Knaben müsse man mit Würfeln betrügen und die Männer mit Eiden. Und Dieser versicherte, wie bei andern Dinge», so müsse man auch bei'm Eid erwählen, was das Vortheilhafteste sey; nun sehe man ja, daß der Meineidige Das, worüber er geschworen, sogleich habe, Der hingegen, der seinen Eid halte, *) offenbar um das Seinige komme. Diese beiden Männer wollten den Eid nicht, wie Pythagoras, als ein sicheres Pfand der Treue, sondern als ein Hülfsmittel der schändlichen Habsucht und des Betrugs angesehen wissen. ») Für Ar o^xe^onra wird ö" Lr/ossxi/onnra: zu lesen sey». 683 Diodor's historische Bibliothek. V. 5c>. Derselbe Pythagoras wählte auch bei dem Liebesgenuß das Zweckmäßige aus. Er gebot, im Sommer den Weibern nicht zu nahen, und im Winter nur sparsam. Denn er kielt überhaupt allen Genuß der Wollust für schädlich; fortgescpte Wollust aber betrachtete er als äusserst schwächend und verderblich. 8. Lg, i. Pythagoras soll, als ihn Jemand fragte, wann man der sinnlichen Liebe genießen dürfe, geantwortet haben: wenn du dich von deiner Lust willst besiegen lassen. 8. Zg, 2. Die Pylhagoreer theilten das memchliche Leben in vier Altersstufen, das Alter des Knaben, des Jünglings , des jungen Mannes, des Greisen. Und diese Unterschiede, sagten sie, entsprechen dem Wechsel der Jahrszeitcn; den Frühling theilten sie dem Knaben zu, den Herbst dem Manne, den Winter dem Greisen, den Sommer dem Jüngling. V. 5>. Derselbe Pythagoras gebot, die Opfernden sollten nicht in kostbaren, aber in weiße» und reinen Kleidern zu den Göttern nahen; ebenso sollte» sie nicht blos äusserlich rein von jeder ungerechten Handlung erscheinen, sondern auch im Inner» heilig. 8. äg, L. Derselbe behauptete, die Klugen müssen für die Unklugen Gutes von den Göttern erbitten; denn die Unverständigen wissen gar nicht, Was im Leben wahrhaft gut ist. 8. äg, Derselbe äußerte, bei'm Gebet müsse man überhaupt um das Gute bitten, und es nicht im Einzelnen benennen, wie Macht, Schönheit, Reichthum und Anderes dergleichen. Denn manchmal zerstöre ein solches eiinclues Gut das ganze Glück Dessen, dem es nach seinem Wunsch Bruchst. a. d. sieb., achr., nennt. u. zehnten Buch. 689 zu Theil werde. Davon kann mau sich überzeugen; wenn man die Verse') in den Phönicierinnen des Enripi- des betrachtet, wo Polynices und sein Bruder zu den Göttern beten, von den Worten an Nach Argos blickend bis Zu werfen in des Bruders Brust mit diesem Arm. Was Diese sich erbitten, ist »ach ihrer Meinung der höchste Segen, in der That aber der Fluch. V. 5r. Wegen dieser und mancher andern Ermahnungen zu einer ernsten Lebensweise, zur Tapferkeit und Beharrlichkeit , so wie zu den übrigen Tugenden wurde er in Krotvn gleich einem Gott verehrt. 8. - 0 , ,. Pythagvras nannte seine Lehre „Pbilosophie" sLiebe zur Weisheit) , aber nicht „Sophia" «Weisheit). Er tadelte es, daß seine Doraänger, die sieben Weilen, sich so hatten nennen lassen Denn weise, sagte er, sey Niemand, da.ja Menschen so oft wegen der Schwachheit ihrer Natur nicht im Stande seyen, Alles glücklich auszurichten; Wer aber nach der Gesinnung und Handlungsart des Weise» strebe, für den sey der Name „Philojoph" sWcisheiisfreuud) der schicklichste. V. 55. Cylon, durch Reichthum und Ansehen einer der ersten Bürger von Krotvn, wünschte ein Pvrvauoreer zu werden. Weil er aber von ungestümer nnd heftiger Ge *) V. 1582 — 1590. Das Gebet der Brüder vor dem Iwei- ramxf, in welchem sie Beide fallen. 6go Di'odor s historische Bibliothek. müthsart und streitsüchtig und herrschbegierig war, so wurde er abgewiesen. Nun stiftete er aus Erbitterung gegen den Bund der Pythagoreer eine große Gesellschaft und wirkte ihnen beständig auf alle Art mit Wort und That entgegen. V. Sä. Der Pythagoreer Lysis kam nach Theben in Böotien und wurde der Lehrer des Examinondas. Er bildete ihn zu einem vollkommen tüchtigen Mann, und nahm ihn aus Zuneigung an Kindesstatt an. Durch die Pythagoreische Philosophie wurde dem Epaminondas Beharrlichkeit und Genügsamkeit und die übrigen Tugenden eingepflanzt, und so wurde er nicht nur unter den Thebanern der Erste, sondern überhaupt unter seinen Zeitgenossen. 8. äo, -. Mein, so weit es auch Pythagoras selbst und die Pythagoreer nach ihm gebracht, und so viel Gutes die Staaten ihnen zu danken hatten, so entgingen doch auch sie nicht der alles Edle zerstörenden Gewalt der Zeit. Denn es ist, glaube ich, keine menschliche Anstalt so wohl begründet, daß keine Verderbniß und Auflösung derselben durch die Länge der Zeit herbeigeführt würde. V. 55. Eine Lebensbeschreibung von Männern der Vorzeit hat Schwierigkeit für den Verfasser, aber für die menschliche Gesellschaft nicht unbedeutenden Nutzen. Denn indem sie freimüthig die edeln und die schlechten *.) Handlungen kund macht, ehrt sie die Guten und demüthigt die Bösen, durch Lobpreisung und Tadel, wie es Jedem gebührt. Das Lob könnte man einen Lohn der Tugend, der Nichts kostet, ») Entweder ist nach xnXÄg beizuseyen rr xal x«xwg, oder xaXwg zu tilgen. Bruchst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 69t und den Tadel eine Strafe des Lasters, die nicht verwundet, nennen. Es ist aber gut, wenn es der Nachwelt vor Augen liegt, daß, wie die Handlungsweise, welche Jeder während seines Lebens erwählt, so das Andenken beschaffen ist, das nach seinem Tode sich von ihm erhält; damit man nicht auf die Errichtung steinerner Denkmäler seinen Fleiß wende, die an Einem Plane stehen bleiben und einer schnellen Zerstörung unterworfen sind, sondern auf die Rede *) und auf die andern Vorzüge, die überallhin durch die Sage sich verbreiten. Die Zeit, die sonst Alles verzehrt, bewahrt diese Vorzüge unvergänglich, und verjüngt sie, während sie selbst altert. Das sieht man deutlich an den oben genannten Männern. **) Verlangst haben sie gelebt, und noch gedenkt ihrer Jedermann, als ob sie jetzt lebten. 8. zo, 5. Nachdem Cyruö, der Perserkönig, das Land der Babylonier und der Meder erobert hatte, umfaßte er die ganze Welt mit seinen Hoffnungen. Denn da jene mächtigen und großen Völker überwunden waren, so glaubte er, es werde kein König und kein Volk mehr seiner Macht widerstehen können. Schon manche unumschränkte Herrscher *) Diesen Ausdruck gekraucht Diodor hier in doppelter Bedeutung, sofern die Macht des Wortes durch Ermunterung das Gute wirkt und durch Lobpreisung das Gute belohnt. Vergl. I, 2. **) Es kann aus öz/Xos, und TipoLlp^- zikvog aus (oder rwr- ri(>oki(>i,>/txvcon entstanden seyn. — Wahrscheinlich ist noch von den Py- thagoreern die Rede. 692 Diodor's historische Bibliothek. konnten ja ihr Glück nicht, wie es Menschen ziemt, ertragen. V. 56. Kambyses war von Natur schon ein unban- diger und in seinen Sinnen verrückter Mensch; aber noch viel grausamer und übermüthiger machte ihn die Größe seiner Herrschaft. V. 5/. Kambyses , der P e r se r, wußte nach der Einnahme von M em p h i s und Peinsium sein Glück n>cht wie es Menschen ziemt, zu ertragen. Er ließ das Grab des letzten Königs Amasis aufgraben. Da fand er im Sarge den Todten cinbalsamirt. Nun mißhandelte er die Leiche und that dem empfindungslosen Körper alle Schmach an. Zuletzt befahl er, den Todten zu verbrennen. Weil nämlich die Eingsbv! nen nicht gewohnt waren, die, Körper der Todten dem Feuer zu übergeben, so glaubte er, auch auf diese Art gegen den längst Verstorbenen seinen Hohn auslasten zu können. I,. 2 . Als Kambyses. der König der Perser, ganz Ae- gyptcn unter seine Gewalt brachte, schickten ihm die Libyer und Cyrenäer, welche mit den Aegyptern zu Felde gezogen waren, Geschenke, und versprachen, seinen Befehlen zu geborchen. V. 5». Da Kambyses gegen Aethiopien ziehen wollte, schickte er einen Theil seines Heers gegen die Am- mvnier, und befahl den Anführern, den Orakelrempel zu plündern und zu verdrenncn, und Alle, die in der Nahe des Tempels wohnten zu Sklaoen zu machen. 8. „>, 1 . Pvlykrates, der Tyrann von Samos, schickte Dreiruder an die gelegensten Plätze aus und plun- Brnchst. a. d. sieb., acht., nennt. ». zehnten Buch, 6-;3 derte alle Schiffer; nur scinen Bundesgenossen gab er das Geraubte zurück. Als ihn Vertraute darüber tadelten, sagte er, alle seine Freunde werden ihm mehr Dank wissen, wen« sie wieder erhalten, Was sie verloren, als zuvor, ehe sie Etwas verloren haben. V. 5g. Einige Lydier schifften, der Herrschaft des Satrapen Orotes zu entfliehen, nach Samos mit vielen Schätzen, und baten um den Schutz des Polykrates. Er nahm sie zuerst freundlich auf; nach kurzer Zeit aber ließ er sie Alle hinrichten und bemächtigte sich der Schätze. 8. L>, Den ungerechten Handlungen folgt gewöhnlich eine Vergeltung, welche die gebührenden Strafen über die Schuldigen bringt. * **) ) 8. i,i, 5. Jede Wohlthat, die man sich nicht reuen läßt, trägt eine gute Frucht, das Lob, das die Empfänger spenden. Denn wenn auch nicht Alle, denen man Gutes thut, so bezeugt doch manchmal Einer den Dank anstatt Aller. ") V. 6o. Thessalus, der Sohn des Pisistratns, entsagte als ein weiser Mann der Alleinherrschaft, und machte sich, weil er Gleichheit herstellen wollte, bei den Bürgern sehr beliebt. Aber die andern s Söhne.des Pisi- stratus), Hipparchns und Hippias, waren gewaltthä- *) Die Worte beziehen sich wahrscheinlich auf die Ermordung des PvlpkrateS durch Orötes. Hervdot 11t, 125. **) Vielleicht eine Bemerkung Über die Dankbarkeit des Darms Hpstaspis gegen Sploson, den Bruder des Polykra- tes, Herodot III, 140. Diodor. 5s Bdch». I I 694 Divdor's historische Bibliothek. tige und leidenschaftliche Menschen, und betrugen sich als Herrscher der Stadt. Sie erlaubten sich viel Gesetzwidriges gegen die Athener. Zum Fall des Hipparchus gab aber namentlich Dessen Liebe zu einem schönen Jüngling sHarmo- dius^ Veranlassung.').... Das Unternehmen gegen die Tyrannen und den Eifer für die Befreiung des Vaterlandes theilten die vorhin genannten Männer sHarmvdins und Ari- stogitonZ miteinander z aber die Beharrlichkeit auf der Folter und die standhafte Geduld unter den Qualen konnte nur Aristvgiton beweisen. Er hielt in den fürchterlichsten Augenblicken zwei große Empfindungen fest, Treue gegen die Freunde und Rache an den Feinden. 8. t>, 4 - Aristvgiton hat es für Jedermann deutlich bewiesen , daß Seclenadel mehr vermag als die größten Körperschmerzen. V. 61. Als seine sZenv'sf Vaterstadt fElea oder Delial durch die Gewaltherrschaft des Nearchus gedrückt wurde, wagte er einen Angriff auf das Leben des Tyrannen, wurde aber verrathen. Da er nun auf die Folter gespannt und von Nearchus befragt wurde, Wer feineMitschllldtgen seyen, sagte 8. 41, 1, Da der Philosoph Zeno wegen eines Angriffs auf das Leben des Tyrannen Nearchus *') auf die Folter gespannt und von Nearchus gefragt wurde, Wer seine Mitschuldigen seyen, *) Thncydides VI, 54 — 57. Statt xarerizcrcrro hinelnzusetzen, kann man i» «erwandern. Der Anfang der Stelle ist in 8. 42,1. zusammengezogen, in V. 61. aber vollständig gegeben. Bruchst. 2 Diodor's historische Bibliothek. 8. i 2 , 5. Als Megabyzus, auch Zopyrns genannt, ein Freund des Königs Darius sHystaspisj, sich qeiffelte und fleh das Gesicht verstümmelte, um ihm behülflich zu seyn *) und Babylon den Persern zu übergeben, ") soll sich Darius darüber gekränkt und gesagt haben, lieber wollte er den Megabyzus, wenn es möglich wäre, iinverstümmelt sehen, als zehen Babylon in seine Gewalt bekommen; das sey nun freilich ein vergeblicher Wunsch. 8. L. Die Babylonier wählten den Megabyzus zum Feldherrn, ohne daran zu denken, daß die Vortheile, die er ihnen verschaffte, nur ein Mittel seyn werden, sie in der Folge in's Verderben zu locken. *") 8. -5, Der glückliche Erfolg ist ein hinreichendes Zeugniß für eine Weissagung, k) 8. Nachdem Darius Herr beinahe von ganz Asien war, wünschte er Europa zu erobern. Denn erfüllt kk) von der Begierde Mehr zu haben und auf die ziehen, die Perser werden Babylon erobern, wenn die Maulthiere gebären. Herodvt III, 151. 155. ») Für crvvrovon kann man «rrive^on seyen, oder nach Dindvrf ar-rchloXov (um zum Feind überzugehen). **) Herodot III, 155-158 "») Für wxoArscrktV sollte es 7t(>oAiMe heissen. s) Diesem Satz wird die Bemerkung vorangegangen seyn, das Wort jenes Babyloniers sey als eine, wenn gleich unabsichtliche, Weissagung zu betrachten; da Babylon wirklich erobert worden sey, nachdem das Maulthier des Zophyrus geboren hatte. -sk) Ss kann aus .u«(>tr«/tLnaL (vgl. II, s.) ent- Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 697 Größe der Persischen Macht vertrauend, umfaßte er die ganze Welt smit seinen Entwürfen^. Er hielt es nämlich für schimpflich, daß, da doch die frühern Könige mit geringern Hülfsmitteln die größten Völker bezwungen hätten, Er, der eine Macht besaß, wie Keiner seiner Vorgänger, noch keine denkwürdige That verrichtet haben sollte. 8. 4;, Z. Als die Tyrr Heuer' sTyrrhenischen Pe- lasgerj aus Furcht vor den Persern Lemnos verließen, gaben sie vor , sie thun Das einem Orakel zu Folge, und übergaben die Insel dem Miltiadcs. Weil Das der Fürst der Tyrrhener, Hormon, that, so kam es, daß man dergleichen Geschenke seit jener Zeit ,,Hermvn's Gaben" nannte. *) V. 62. Scrtus, ein Sohn des Lucius Tarqui- nius sSuperbusf, Königs der Römer, reiste nach der Stadt Collatia, und kehrte bei Lucius Tarquinins, einem Verwandten des Königs ein, dessen Gattin Lucre- tia von schöner Gestalt und von edler Sinnesart war. Da ihr Mann im Lager war, so stand der Gast bei Nacht von seinem Bette auf und wagte einen Angriff auf die Frau. Er standen sevu. Dindvrf vermuthet oder ein ähnliches Wort; dann hieße es: mit unersättlicher Begierde weiter strebend. So anch Jenobius Sprüchwörter III, 85. Hermen muß Übrigens nur der Beherrscher von Hephästia, der einen Stadt auf Lemnos, gewesen seyn, da die andere, Mprina, sich dem Miltiades widersetzte; nach Herodot (VI, 14U.) und Charar (bei Stephan» s v. Vvzanz, unter „Hephä- stiaD- 698 Diodor's historische Bibliothek. trat auf einmal vor die Thüre des Gemachs, in welchem sie schlief, und sagte, er habe eben einen Sklaven zur Hand, den er niederhauen könne, und mit ihm zugleich werde er sie umbringen, daß man glaube , sie sey über dem Ehbruch betroffen worden und habe durch ihn, den nächsten Verwandten ihres Gatten, die verdiente Strafe erlitten; es sey also räthlicher, daß sie schweige und seinen Wünschen willfahre; zum Lohn für diese Gunst werde sie große Geschenke erhalten , seine Gemahlin seyn und Königin werden, den bürgerlichen Heerd mit dem Throne vertauschen. Lneretia war durch die Uebcrraschnng erschreckt, und fürchtete, man möchte in der That glauben, sie sey wegen eines Ehbruchs gelobtet worden; sie hielt sich also für jetzt ruhig. Als es Tag wurde, entfernte sich Scrtus. Nun ließ sie die Ihrigen rufen und bat sie, daß sie den Frevler, der die Rechte des Gastfrcnnds und des Verwandten zugleich verletzt, nicht ungestraft ließen. Sie selbst, sagte sie, dürfe das Tageslicht nicht mehr sehen, nachdem ihr solche Schmach widerfahren sey. Da stieß sie ein Messer in ihre Brust und starb. 8. 44. Das Edle in dem Entschluß der Lneretia, welche, von Sertus entehrt, sich wegen dieser Schuld getödtet hat, dürfen wir nicht unbemerkt lassen. Denn wir sollten diese freiwillige Aufopferung des Lebens, als ein schönes Vorbild für die Nachkommen, billig mit unvergänglichem Lob erheben, damit Alle, welche die Keuschheit durchaus ohne Tadel zu bewahren streben, ein gelungenes Vorbild sich vorhalten können. Andere Weiber suchen, selbst wenn ein solches Vergehen von ihnen kund wird, die That zu verbergen aus Furcht vor der auf das Verbrechen gesetzten Strafe; Bru chst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. 699 Jene aber machte, was im Verborgenen geschehen war, öffentlich bekannt, gab sich den Tod und hinterliesi in diesem Ende ihres Lebens ihre schönste Vertheidigung. Während Andere für unvorsätzliche Handlungen Verzeihung ansprechen, hat sie die gewaltsame Entehrung mit dem Tode bestraft, damit man, auch wenn man noch so gerne lästerte, nicht im Stande wäre sie zu beschuldigen, es sey mit ihrem freien Willen geschehen. Da die Menschen von Natur geneigter zum Schelten als zum Loben sind, so wollte sie den Tadelsüchtigen die Beschuldigung unmöglich wachen. Denn es dünkte ihr Schande, wenn irgend Jemand sagen könnte, sie habe, während der Mann lebe, mit dem sie gesetzlich vermählt sey, mit einem Andern gesetzwidrigen Umgang gehabt; und lieber wollte sie für eine Handlung, für welche die Gesetze den Tod bestimmen, diese Strafe leiden als noch länger des Lebens froh werden; *) denn indem sie den Tod, der ihr ja nach der Ordnung der Natur doch einmal bevorstand, sich einige Zeit früher gab, vertauschte sie die Schande mit der höchsten Ehre. So hat sie denn durch ihre edle That nicht nur unsterblichen Ruhm mit dem sterblichen Leben erkauft, sondern auch ihre Verwandten und alle ihre Mitbürger angereizt, für die Schmach, die ihr widerfahren war, unerbittliche Rache zu nehmen. 8. 45, 1 . Der König Lucius Tarquiuius behandelte seine Unterthanen willkührlich und gewaltthätig; er ließ die wohlhabenden Römer auf falsche Klagen, die er gegen fle *) Statt Traber« rwr- nXelco Astral» kaun es Trxo- xstivscra rü nXri« vovnon geheißen haben. 700 Divdor's historische Bibliothek. anstellte, hinrichten, um ihr Vermögen einzuziehen. Daher hatte L ii c i n s I n n i u s, der ein Waise und unter allen Römern der Reichste war, aus beiden Ursachen vor der Habsucht des Tarquinins sich zu furchten. Da er sein Neffe war, *) und täglich bei dem König speiste, so stellte er sich blödsinnig, theils um als ein Mensch, der zu Nichts taugte, vor dem Neid gesichert zu seyn, theils um auf eine unverdächtige Weise die Ereignisse zu beobachten und den Augenblick zum Sturz der Königsherrschaft wahrzunehmen. 8 . 45, Die Sybaritcn erlitten, als sie mit drci- hunderttausend Mann gegen die Krotoniaten auszogen und einen ungerechten Krieg anfingen, eine völlige Niederlage. '*) Sie konnten die Gunst des Schicksals nicht, wie es sich ziemt, ertragen; und so haben sie in ihrem Untergang ein deutliches Beispiel hinterlassen, daß es im Glück viel nöthiger ist, sich in Acht zu nehmen, als im Unglück. 8. 46, 1. Bei dieser Zwischenbemerkung **') hatten wir nicht sowohl die Absicht, den Herodvt anzuklagen, als nachzuweisen, daß die wunderbaren Erzählungen gewöhnlich mehr gelten als die wahren. 8 . 46, r, Es ist billig, die Tapferkeit zu ehren, auch wenn sie bei den Weibern sich findet, k) Nach wird ö'con ausgefallen seyn. ") Ausführlicher davon XII. r. »»«) Vielleicht über Herodot's Nachrichten von den Scythen. -h) Divdor hat wohl bei dem Auge des Darius gegen die Scythen wieder (wie II, 44.) der «cythischen Königinnen und der Amazone» gedacht. Oder ist die Rede von Phe- retima, der Königin von Cyrene (Herodvt IV > 162. ff>). Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 701 8. 46, 5 . Die Athener wußten den Sieg süber die Peloponnessers zu benutzen; sie überwanden die Bvotier und Chalcidier, und-wurden sogleich nach der Schlacht Herren von Chalets. *).... Den Zehnten der Lüsegel- der *») verwendeten sie zu einem Weihgeschenk, einem ehernen Wagen, den sie auf der Burg aufstellten, mit folgenden Distichen als Inschrift : Ueber Bbotisches Volk und über Chalcidisches siegend Hatten die Kinder Athens Thaten des Krieges gethan. Dampfte» im Granen der eisernen Fessel den Trotz; der Gebnndnen Aehnt' ist dieses Gespann, das sie der Pallas geweiht. 8. 4k, 4. Das Verbrennen der Tempel haben die Per- s e r von den Griechen ***) gelernt. Sie vergalten den Frevel, den sich Diese zuerst erlaubt, mit gleichem Ucber- muth. 8. -7, 1. Die Karier fragten, als sie von den Persern bedrängt waren, wegen eines Bündnisses an, ob sie mit den Mitessern sich verbünden sollten. Das Orakel sprach: Wohl waren vormals Helden die Milesier. 8. 47, Allein die Furcht vor der nahen Gefahr *) Hcrodot V, 77. **) Statt wPkXkiag und ärxcerizs zu versetzen, kann man annehme», es sey aus Xr!r(>cov, weil Imsrsg vorangeht, Lotwrwu entstanden. Sie verbrannte» mit der Stadt Sardes den Tempel der Cnbele. Herodot V, 102. 702 Diodor's historische Bibliothek. machte sie * **) ***) ) doch ihre gegenseitige Eifersucht vergesse«, und nöthigte sie, die Dreiruder in Eile zu bemannen. 8.47,5. Hekatäus von Milet*') fragte, da er von den Ion Lern als Abgeordneter geschickt wurde, warum ihnen Artaphernes mißtraue. Als Dieser antwortete , sie könnten sich rächen wollen für die Kränkungen, die ihnen bei ihrer Unterjochung widerfahren seyen, so versetzte er: je nun, wenn man ihnen wegen der Kränkungen, die sie erlitten, nicht trauen kaun, so werden Wohlthaten, die sie empfange» , die Städte den Persern geneigt machen. Artaphernes ließ sich das Wort gefallen; er gab den Städten ihre Verfassungen wieder und setzte ihnen, so gut er konnte, bestimmte steuern an.*") 8 . 4?, 4 - Denn der Haß gegen die Feinde, den die Bürger bisher verborgen hatten, brach auf einmal aus, sobald sie Gelegenheit bekamen. Sie machten, um die Ehre zu retten, die Sklaven frei; denn lieber wollten sie den Knechten die Freiheit, als den Feinden die Staatsverwaltung lassen, tz) V. 65 . Hippokrates, der Beherrscher von Gela, *) Die Jonicr. als sie von dem vereinigten Heer der Perser bedroht waren. Herodot Vi, 7. 8- **) Der Geschichtschreiber "(vgl. Herodot V, 56- 425.). ***) Herodot VI, 42. k) Man wird nicht mastcc zu versetzen, sondern roiH noX- (wenn es nicht, da r-ün TioXirmv folgt, zu tilgen ist) in rokg 7ioXk/«t0i§, und öXenAxsiolg (es geht xXevAksii«s voran) in zu verwandeln haben» Wahrscheinlich ist vo» Argos die Rede. wo die Sklaven die Herrschaft erlangten, weil so viele freie Männer im Krieg mit den Spartanern umgekommen waren. Hero- dot VI, 85. Bgl. die Anmerkung zu b. St. in Schöll's Uebersetznng. Bruchst. a. d. sieb., acht., neunt. u. zehnten Buch. schlug sein Lager, als er die Sy rakusier besiegt balle,*) im Hciligthum des Jens aus. Da traf er den Priester selbst und einige Bürger von Syrakus an, wie sie goldene Weikgeschenke Herabnahmen und namentlich dem Zeus ein Oberkleid auszogen, das reich mit Gold durchwirkt war. Er schalt sie als Tempelräuber und hieß sie in die Stadt hingehen. Er selbst berührte die Weihgeschenke lischt; denn er war ruhmbegierig, und glaubte, Wer einen solchen Krieg unternehme, dürfe sich an der Gottheit nicht versündigen; zugleich dachte er die Häupter des Staats in Syrakus dem Volk verhaßt zn machen, als Herrscher, die nur für den eigenen Vortheil, nicht für die Wohlfahrt und Gleichheit der Bürger sorgen. V. 64. Tberon von A g r i g e n t **) stand wegen seiner Geburt, seines Reichthums und seines freundlichen Benehmens gegen das Volk im höchsten'Ansehen nicht blos unter seinen Mitbürgern, sondern in ganz Sicilicn. 8.48, >. Dätis, der Heerführer der Perser, war ei» Weder von Gcbnrt, und kannte die von seinen Vorfahren überlieferte Sage, sie seyen Abkömmlinge des Atheners Modus, welcher Medien in Besitz genommen. *'») Nun ließ er den Athenern sagen, er komme mit einer Heercsmacht, um das Reich seiner Vorfahren zurückzufordern; MeduS nämlich, der Aelteste seiner Vorfahren, sey von den Athenern der Herrschaft beraubt worden und darauf nach Asien gekommen, und habe sich in Medien angesiedelt. Wenn sie ihm nun die Herrschaft zurückgeben, so werde ihnen die frühere Schuld und der Zug gegen Sardes verziehen werden; wenn sie aber sich widersetzen, so werde sie ein noch viel schrecklicheres Schicksal treffen als die Ere- *) Herodvt VII, 154. **) Herodot VII > 165. »") Für ornerazievu sollt« es xrizcr«UL>L Helgen. Ausser- ?oa Diodor's historische Bibliothek. trier. *) Miltiades antwortete im Namen der zehen Feldherr» : nach Dem, was die Gesandten sagen, dürften die Athener mit mehr Recht über das Reich der Weder, als Datis über die Stadt der Athener herrschen; denn das Medische Reich habe ein Athener gestiftetAthen aber niemals ein gcborner Weder inne gehabt. Als Jener Das hörte, rüstete er sich zur Schlacht. V. 65. Cimon, der Sohn des Miltiades, entschloß sich, da sein Vater im Staatsgefängniß gestorben war, weil er die Geldstrafe nicht bezahlen konnte, selbst in's Gefängniß zu gehen und die Schuld zu übernehmen, üm den Leichnam seines Vaters znr Bestattung zu erhalten. 8. -8, -. Themistvkles, der Sohn des Nco- kles, erinnerte einen reichen Bürger, der einen reichen Schwiegersohn snchte, und sich an ihn wandte, er sollte nicht Geld suchen, das eines Mannes, sondern einen Mann, der des Geldes bedürfte. Als sich Jener die Bemerkung gefallen ließ, so rieth er ihm, seine Tochter dem Cimon zur Ehe zu geben. Auf diese Weise **) kam Cimon zu einem großen Vermögen; er wurde also aus dem Gefängniß frei, und durfte die Beamten, die ihn verhaftet hatten, zur Rechenschaft und Strafe ziehen. ***) dem wird, wenn dieser Sah und die Botschaft des DatiS unter sich und mit der Antwort des Miltiades, so wie mit andern, namentlich Diodor's (IV, 55. 56.), Angaben über den Inhalt der Sage übereinstimmen sollen, in '^A^ucris, und nachher in sh/Höo v zu verwandeln, aber wegzuwerfen seyn. ") Eretria auf Euböa hatten die Perser geplündert und angezündet, und die Einwohner zu Sklaven gemacht. Hero- dot Vl, INI. **) Anders erzählt Neros (Cimon 1.). *") Für xcerccöixwg kann man entweder mit Dindorf x«- raötxss oder x«l ölxast AtAo'vrttg lesen. Bruchst. a. d. sieb., acht., neuut. n. zehnten Buch. '»5 , V. 56. Cimon strebte »ach der Ehre der Staatsverwaltung; so wurde er denn nachher ein guter Feldherr, und bewährte seine Tüchtigkeit durch ruhmvolle Thaten. 8. l>g, i. Die sämmtlichen Griechen schickten Gesandte an Gelvn sden Beherrscher von Syrakus wegen eines Bündnisses, als Xerres nach Europa herüberkam. Er versprach, Hülfe zu leisten und Lebensmittel zu liefern, wenn sie ihm den Oberbefehl, sey es zu Land oder zur See, überließen. Ueber dem Rangstreit wegen des Oberbefehls zerschlug sich das Bündniß. * * ***) ) Indessen war seine Hülfe so wichtig und die Furcht vor den Feinden so groß, daß man geneigt war, dem Gclon die Ehre zu lassen. ") 8. zg, ,. Denn die Uebermacht der Perser kann genug verschenken, um den Zweck zu erreichen; die Habsucht eines Tyrannen aber verschmäht auch nicht den kleinlichsten Gewinn. 8. zg, z. Denn die sicherste Bürgschaft der Rettung ist das Mißtrauen. 8. §g, 4. Nun nehmen Kinder, wenn sie Unrecht leiden, zu den Eltern, und ebenso Kolonien zu den Völkern , von welchen sie gestiftet sind, ihre Zuflucht. *) Herodot VII, 157. ff. Dieß zu verhindern, ist der Zweck der Rede eines Spartaners , aus welcher wahrscheinlich die folgenden Sache alle genommen sind. Der Redner sucht beide Beweggründe zu entkräften. Gelon's Hülfe sey nicht so wünschenswert!), denn eine Verbindung mit ihm wäre gefährlich (8. 49, 2. 3. 5. 6. 50, 2.) und entehrend (8. 49, 4, 5V, 1.); die Macht der Perser aber sey nicht so furchtbar (8. 50, 3-6.). ***) Man kann hinzudenken: und nicht die Mutterstaaten zu den Kolonien; also sollte» nicht die Griechen bei den Si- ciliern Hülfe suchen. 706 Diodor's historische Bibliothek. 8. /,g, 5. Die Habsucht eines Tyrannen begnügt sich nicht mit dem gegenwärtigen Besitz, sondern begehrt Fremdes, und wird niemals gesättigt. 8. , 6. Die aber, die seiner Herrschaft im Wege stehen, wird er, wenn er Gelegenheit hat, nicht mächtig werden lassen. 8. 5o, i. Ihr stammet ja von den Männern ab, deren Tugenden nach dem Tode noch in unsterblichem Ruhm fortleben.Denn als Preis seiner Hülfe im Krieg verlangt er sGelons nicht Geld, was man wohl auch die schlechtesten Leute von gemeinem Stande, wenn sie sich einmal bereichert haben, verachten sieht, sondern Lob und Ehre, wofür die edelsten Menschen bereitwillig sterben; denn ein höherer Lohn ist Ehre als Geld. Die Spartaner erben ja von ihren Vatern nicht Reichthum, wie Andere, sondern die Entschlossenheit, für die Freiheit zu sterben; also geht allen Gütern des Lebens bei ihnen die Ehre vor. 8. Lo, 2 . Daß wir nicht über dem Trachten nach einer fremden Heeresmackt die einheimische verlieren und über dem Streben nach dem Unzuverlässigen das Gewisse aus den Händen lassen. 8. So, Z. Ich kann nicht sagen, daß ich erschrecke vor der Größe des Persischen Heeres; denn durch Tapferkeit, nicht durch die Menge wird der Krieg entschieden. 8. 5o, ä. Denn von den Vätern her ist ihr sdcr Kriechens Grundsatz, sich selbst zwar zu leben, zu sterben aber, wenn es die Roth des Vaterlandes fordert. 8. 5o, 5. Was sollten wir uns vor dem Golde fürchten, womit sie sdie Persers geschmückt, wie die Weiber zur Hochzeit, in die Schlacht ziehen, daß denn nickt blos Ehre, sondern auch Reichthum der Preis des Sieges wird? Tue Tapferkeit fürchtet sich ja nicht vor dem Golde, das vom Eisen gefangen geführt zu werden pflegt, sondern vor der Kriegskunst der Anführer. S. 5o, 6. Denn jede Macht, welche Las Maß über- Bruchst. a. d. sieb., acht., nennt. u. zehnten Buch. 707 schreitet, reibt sich meistens selbst auf. .... Denn ehe die Phalanr nur davon hörte, werden wir unser Unternehmen schon ausgeführt haben. *) *) Der Redner scheint sagen zu wollen: wir bedürfen gegen das schwerfällige Heer der Feinde keiner künstlichen Schlachtordnung. keiner Phalanr; durch stürmischen Angriff wird der Kampf in kürzerer Zeit entschieden seyn. als die Phalanx nur ausgestellt wäre. Vor ccxuoou ist vielleicht «n ausgefallen. Berichtigungen. Im ersten Bündchen. I. 8. S. 20. Z. I. 8. S. 21. I. I. 9. S. 22. g. I. 15. I. 19. S. S. 50. Z. 56. Z. I. 41. S. 72. Z. II. 56. S. Im 258. A. 10, l. nährten sich von den den eßbarsten Kräutern und von wilden Vaum- früchten. st. holten sich :c. 15. l. damit ich das Maß nicht überschreite, st. da . . . setze. 7» l. ohne das Maß zu überschreiten, st. und . . . beob. 1. l. im Streit, st. ungewiß. 1. l. sich um den Gott zu streiten, st. Zweifel .. . erregen. ! 14. l. damit es mäßige Abschnitte werde». ! st. um. . . erhalten. zweiten Bündchen. 8. v. u. l. und weiter unten zertheilt man sie vollends, so daß sie bis an die 7«8 III. ZZ. S. 284- Berichtigungen. Wurzel doppelt wird. Daher können sie ihr« Stimme vielfach wechseln, statt: und w. . . . spielen. (Nach Schafer's Verbesserung TistnoöilltstLiv für 7is>og öeai- (iklten und rals PLN-als xcll für xat ra7g ) 15. l. Grenzstreitigkeiten oder andere Beschwerden . statt: Feindschaften oder Beschwerden. (Nach Dindorf's Verbesserung für Im dritten Bändchen. III. 48. S. 514. I. 5 v. u. l. und so fort in den folgenden Monaten. Was die übrigen Sterne betrifft, so sind die Planeten unsichtbar, die Firsternc aber sind, wenn sie ausgehen , zum Theil größer als bei uns; einige gehe» aber nicht zu derselben Seit fwiebeiunsf aus und unter fmit der Sonncsi statt: und in der Folgezeit . . . . als bei uns. Die Anmerkung zu d. St. sollte so heiffen; Die falsche Nachricht, daß in Arabien die Sterne des große» Bären in den folgenden Monaten später aufgehen als in den früheren, also z.B. im Posideon, dem sechsten Monat des Athenischen Jahrs, später als im Mämakterion, dem vierten, (bekanntlich tritt für jeden Ort auf der Erde derselbe Stand des Himmels nach Verfluß eines Monats um zwei Stunden früher ein) und daß die Planeten dort unsichtbar seyen, hat Diobor aus einer Stelle des Agatharchides geschöpft. Aus dieser Parallelstelle ist zu schließen, daß die.Lesart der meisten Handschriften 5x rov xar rov§ nXavr/ras öHkKpi-r'ortL viiao- G Druckfehler. 709 Xr-m, rwv ö'äHwn roi-g ftki- ftkl^ovas v.iw'^^xru rcsv ircrs»' ?)stiv xara rag ärwroX«g, err(>oi-st Ax str) rä§ u. s. w. richtig ist. wenn man nur TiXwi'^üM- norig, das nach Dindorf's Vermuthung aus dem vorhergehende» Sah hereingekommen ist. wegläßt und statt des zweiten rcov «XXcr>u setzt ritzn ö°crTiXccvwn. D r u ck f e h l e r. 2»i ersten Bündchen. 11. 3. 8. l. genannt st. annt. 49. 3- 1> v. n. l. so st. 0. 50. 3- 1- v- ». l. Cölesyrien st. Cblesirien. 64. 3- 4- v. u. l. so st. 0. 79- 3. 15. l. Bvrhvf st. Vo Hof. 82. 3- 6. v. n. l. vor st. von. 88. 3- 12. l. der andern st. den Andern. 102. 3. 17. l. kostbarere st. kostbare. 126. 3. 8- v. u. l. seine st. seinen. 1S6. 3. 1. b. u. l. verehre st. verehr. Im zweiten Bündchen. S. 170. 3- 6. l. ihr die st. die ihr. * S. 175. 3. 5. l. Talente st. Tale nte. S. 176. 3- 7. l. Umsang st. Unfang. S. 181- Z. 17. l. einzelnen st. einzelner. S. 194. 3- 10. v. n. l. Statthalterschaft st. Stadthalterstbaft. S. 207. 3- 9. v. u. l. Alter st. Altlr. S. 217. 3- 6. v. ». l. den st. denn. S. 220. 3. 2. v. u. l. wurde st, würde. Diodor, 5s Bdchn. 12 7 io Druckfehler. S. 221. Z. 12. l. Sacier st. Saker. S. 222 . 8. v. ii. l. unternahm st. unternahmen. S. 283. Z. 11. v. u. l. empfangen st. emfangen. Im drittel! Bündchen. S. 298. A. 2. v. II. l. Lesart st. Vorschlag. S. 329. 8- 6. v. u. l. eine st. ein. S. 352. Z. 3. l. durchschweiste st. durchfcheiftc. S. 337. Z. 8. l. Ilsbrigens st. Uebrigen. S. 340. Z. 13. l. ihm st. ihn. S. 341. I. 9. l. ihn dem st. ihm den. S. 343. Z. 14. l. geben st. gaben. S. 362, Z. 2. v. u. l. Höhle st. Höhe. S, 381. 8- 1- l. Augeas st. Augias. I ni vierten Bündchen. S. 413. I. 8. b. n. l. Phencos st. Phemvs. S. 422. I. 2. v. u. l. sämmtlichen st. sämmlichen. S. 430. Z. 1. v. u. l. Tlepolemns st. Telepolemus. S. 471. 8. 2. v. u. l. waren st. ward», S. 479- I. 10. v. u. l. Selinus st. Salinns. S. 489. st. 12. v. u. l. sagt st. sagte. S. 498-' 8- 7. l. forschend ringsum st. ringsum. S. 504. 8- 12, v. u. l. Alleinhandel st. Alleinhandel allein, S. 510. A. 11. l. des Jolaus st. Jolaus. S. 514. Z. 1. l. sie fast nie st. sie. S. 518. A. 7. v. u. l. sie st. sich. S. 549- A. 6. b. u. davon st. daavn. — — A. 5. v. u. l. des st. den. S. 520. 8- 8. v. u. l. Ort- st. Ort- Orte. '2X"7 t-. K. ' ^, Vy..j M-L '^»> IM« ^ 7 ^ k7^>LL 87^-ö>8 00100000S32602 p-krOl-. L)S Diodor'svon Sieilien historische Bibliothek, überseht voy Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar z» Blaubcnre«. I weite Abtheilung. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzle r'scheu Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Jasper in Wien. 18 3 2 . in Griechische neuen Übersetzungen. Herausgegeben von G. F. Tafel, Professor zu Tübingen, C. N. Osiander und G. Schwab, Professoren zu Stuttgart. Acht und neunzigstes Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Mehler'schen Buchhandlung. Für Oestreich in Cvimnisflon von Mörschner und Zasper in Wien. » 8 3 i. Diodor's von Sicilien historische Bibliothek^ übersetzt von Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar zu Blaubeure». Sechstes Bündchen. Stuttgart, Verlag -er I. B. Metzler'schen Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von M örschner und Jasper in Wien. > 6 L >. Inhalt des eilfcen Buchs. I. v. Chr. 480. Xerres zieht gegen die Griechen zu Felde. §ap 1.2. Z. keonidas sesevt Tbermopylä. Cap. 4. lkerres rückt an. Cap. 5, Schlacht bei Tbermoppla. Cap. 6, 7 , 8. Heldentod der Spartaner. Cap. 9, 10, 11 . Schlacht bei Arte- > misium. Cap. 12. Treffen in der Meerenge. Cap. 15. LcrreL verwüstet das Land. Cap. 14. Berathung und Bestürzung der Griechen. Cap. 15. 16. lfferrcs von Themistoklcs getäuscht. Cap. 17. Schlacht bei Salamis. Cap. 18. 19. — Die Karthager landen in Sieiien, Cap. 20, Gelon kommt Himera zn Hülst. Cap. 21. Sein Sieg über die Carthager. Cap. 22. Verglei- chnng mit den Siegen der Griechen. Cap 25. Furcht der Karthager. Cap. 24. Arbeiten der Kriegsgefangenen in Sicilien. Cap. 25. Gelon's Milde. Cap. 26. 479. Eifersucht unter den Griechen Cap. 27. Die Athener bleibe» treu Cap. 28. Die Griechen rüsten sich. Cap. 29- . Treffen bei Erythrä. Cap. 50. Schlacht bei Platäa. Cap. 51, 52, - Preise und Denkmäler. Cap. 55. — Die Griechische Flotte segelt nach Jvilien. Cap. 51. Rüstung zuin Kampf. Cap. 55> Schlacht bei Mykale. Cap. 56 . Verhandlung mit den Jonicrn^ iDic BMgxer vo» den Römern besiegt. Sp. Cassius.) Cap. 57. 478. Gelon's Tod. Cap. 58 Erbauung der Mauer von Athen. «.Sieg der Römer über die Acquer und Tusculaner.) Cap. 59, 40. i 7-6 Jühalr d.'s eilfren Buchs. 477. Der Hafen Piräeus nach Themistokles Rads, gebaut. Eap. 41, 42. 43. Verrath des Pausanias. Sein Tod. Cap. ^ 44. 45 Athen erhält die Oberherrschaft zur See. Aristides i Ler Gerechte, Cap. 46, 47. 476. Hie-on in Sprakus und Theron in Agrigent. Cap. 48, 49 , 475. Der Krieg zwischen Lacedämon und Athen kommt «icht znn> Ausbruch. Cap. 5<>. 474. Sieg der Sprakuster und Cumä'er über die Tprrher M«r. bar. 51. ! 475. Die Tarentincr ron den Jappgen besiegt. Cap. 52. 472. Thrasydäns in Agrigent. eDie dreihundert Fabier.) , Aap. 55. ' 471- Themistokles angeklagt und losgesprochen. Cap 54. ' Verkannt kommt er nach Arges Cap. 55. Darauf zu Admes t ruS, endlich zu fernes. Cap. 56. Er wird reichlich beschenkt. Gap. 57. Sein Tod. Urtheil über ihn. (Burentum erbaut.1 r 'Cap. 58, 59. r 47i>. Cimon's Unternehmungen zur See. Cap. 60. Sein > Sieg am Enrpmedvn. Atbens Wachsthum Cap. 61, 62. 469. Erdbeben in Sparta. Krieg mit den Messenirr» vnd Heloten. Cap. 65, 64. 468. Zerstörung von Mycenä. Cap. 65. 467. Micytbus in Rbegium Cap. 66 466. Thrasybulus in Sprakus entthront. (Volkstribune» Ä!> Rom.l Cap. 67, 68. 465. Ermordung des Terres. Cap. 69 464. Härte der Athener gegen die Bundesgenosse». Am- phixvlis. Cap 7». 465. Aegpptcn empört sich gegen Artarerres. Cap. 71. Aufstand der Fremdlinge in Sprakus. Cap. 72, 75. 462. Niederlage der Perjer in Aegpptcn. Cap. 74. 461. Ein neues Persisches Heer rückt an. Cap. 75. Vertreibung der Fremdlinge in den Sieilischen Städten. Cap. 76. 460. Aegpptcn unterwirft sieh wieder. Beschränkung des Nrevpagus. Cap. 77. Inhalt deS eilften Buchs. 717 459. Sieg der Athener über die Korinther und die Aegi- ueten. Ducetius in Sicilicn. Cap. 78. 458. Die Megarecr von den Athenern, die Dorier von den Lacedämonicrn unterstützt, Cap. 79. Kampf der Athener und Lacedämonler bei Tanagra. Cup. 80. 456. Mpronides schlägt die Thebaner. Cap. 81. 82. Er zieht siegreich bis nach Thessalien. Cap. 85. 456. TvlmidcS verheert Lakonie». Cap. 84. 455. Perikles im Peloponnes und in Akarnanien. Cap. 85. 454. Waffenstillstand in Griechenland. Unruhen in Sici- üien. Cap. 88. Das Blättergericht i» Sprakus. Cap. 87. 455. Perikles vor Sicyon und in Akarnanien. Kolonien. Krieg der Sprakusier und Tyrrhencr. Ducetius baut Städte. Tempel der Palikcn. Spbaris wiedererbaut. Cap. 88, 89. 90. 451. Ducetius überwunden. Cap. 81l Sr sucht Schutz in Sprakus. Cap. 92. Eilftes Buch. i. Das vorige Buch, das zehnte des ganzen Werks, schloß mit den Begebenheiten des Jahres, das dem Ueber- gang des Nerres nach Europa voranging, lind mit den Reden, die bei der allgemeinen Versammlung der Griechen in Korinth über Gelon's Bündniß mit den Griechen gehalten wurden. In diesem Buch wollen wir nun den weiten! Verfolg der Geschichte erzählen, indem wir mit dem Zuge des Terres gegen die Griechen anfangen und mit dem Jährenden, welches dem Zug der Athener gegen Cypecu sig Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. unter Cimon voranging. Als in Athen Kalliades Archen war, wählten die Römer zu Consuln den Sp urins Cassins und Proculns Virginias Tricostus (Jahr Rom's -7Ü, *) vor Christus 480); in Elis wurde damals die fünf und siebzigste Olympiade gefeiert, wo Asty- lus von Syrakns Sieger auf der Rennbahn war. In diesem Jahr zog der König Lerres gegen Griechenland zu Felde, aus folgender Veranlassung. Der Perser Ward0- nius, ein Vetter und Schwager des Leeres, der wegen seiner Einsichten und seiner Tapferkeit bei den Persern hoch geachtet war, ein Wann von hochstrebendem Geist und in den besten Jahren, wünschte Anführer eines großen Heeres zu werden. Darum beredete er den Lerres, die G-iechen, welche immer feindlich gegen die Perser gesinnt seyen, zu unterjochen. Lerres ließ sich von ihm überreden und beschloß, alle Griechen a'.s ihren Wohnsitzen zu verjagen. Er forderte daher die Karthager durch eine Gesandtschaft zur Theilnahme auf, und verabredete mit ihnen, daß er gegen die Grie-° eben, welche sdas eigentliches Griechenland bewohnten, zu Felde ziehen wollte und die Karthager zu gleicher Zeit ein großes Heer rüsten und diejenigen Griechen, die in Sici- lien und Italien wohnten, bekriegen sollten. Diesem ») Die Jahre der Stadt Rom sind in der Ilebcrsetzung nach der gewöhnlichen, der sogenannten Varron eschen Dälilung angegeben. nach welcher das Jahr 75Z v. Chr. das erste Jahr Roms beißt. — Die von Diobor genannten bonsuln werden in den gewöhnlichen Verzeichnissen sechs Jahre früher geseift. — Die im Griechischen Tert bei den Namen der bonsuln und Arevonten häufig vorkommenden Schreibfehler sind in der Uebersetzung berichtigt. Ol. 76. i. I. R. 274. v. Chr. 480. 71« Vertrag zufolge schafften die Karthager eine große Summe Gelds Herder und brachten Söldner aus Italien und, Lian- rieli, aus Gallien und Jberien zusammen. Urberdieß Koben sie einheimische Truppen in ganz Libyen und in Karthago aus. Endlich, nachdem sie drei Jahre mit den Rüstungen zugebracht, hatten sie dreimal hunderttausend Mann Landtruppen *) und zweihundert Schiffe beisammen. Terres wetteiferte mit den Karthagern und that es ihnen bei den Rüstungen in allen Stücken um so mehr zuvor, je großer die Zahl seiner Völker in Veraleichung mir den ihrigen war. Er fing an Schiffe zu baue» an der ganzen Meeresküste, die ihm unterworfen war, in Aegypren, PHLnicien, Cypern, Cilicien, Pamphylien, Msidien, Ly- cien, Karren, Mysicn, Troas, in d»u Städten am Heile- jpont, in Bithy neu und Poetns. Ebenso wie die Karthager rüstete er sich drei Jahre lang, und brachte über zwvlf- hundert Kriegsschiffe zusammen. Dabei kam es il,m zu Statten, daß schon sein Vater Darin s vor seinem Tode eine große Kriegsmacht aerüstet harte. Schon Dieser war nämlich, seit der Niederlage, die sei» Heer unre D itts von den Athenern bei Marathon erlitten hatte, aufgebracht gegen die Athener, seine Ueberwinder. Allein Darius wurde, als er eben einen Zug gegen die Griechen im Sinn batte, durch den Tod an der Ausführung gehindert. Nun entschloß sich Teeres sowohl dein Man seines Vaters gemäß, ms, wie gesagt, auf den Rath des Markvnius, die Griechen zu bekriegen- Als seine Kriegsanstalten vollendet waren, befahl *) Nach Dindvrs, der Tik^eov hilieinsept. 7-o Diodor'S historische Bibliothek. Eilfres Buch. er den Schiffshauptleuten, die Flotte bei Cyme und Pho- . cäa zu versammeln. Er selbst brach mit den Landtruppen, Fußvolk und Reiterei, die er aus allen Statthalterschaften zusammenkomme» ließ, von Susa auf. Als er nach Sar- des kam, schickte er Herolde nach Griechenland aus, mit dem Auftrag, i» alle Städte zu gehen und von den Griechen Wasser und Erde zu fordern. Er theilte sein Heer und schickte hinreichende Mannschaft ab, um eine Brücke über den Hel- lespont zn schlagen und den Athvs am Halse der Halbinsel * **) ) zu durchstechen. Theils nämlich war seine Abstchr, auf einem sichern und kurzen Wege seine Truppen hinüberjuschaf- fen, theils hoffte er, durch die Größe dieser Unlernehmnn» gen die Griechen zum Voraus in Schrecken zu sehen. Die zur Ausführung der Werke Abgeschickten kamen bald damit zu Stande, da so viele Hände arbeiteten. Als die Griechen erfuhren, wie groß die Kriegsmacht der Perser war, schickten sie zehntausend Schwerbewaffnete nach Thessalien, um die Zugänge bei Tempe zn besetzen. Die Lacedämo- iiier führte Synetus, *') die Athener Themistokles an. Diese sandten Abgeordnete an alle Städte und verlangten, daß sie Truppen schickten, um gemeinschaftlich die Pässe zu vertheidigen. Sie eilten nämlich, alle Griechischen Städte zur Theilnahme an dieser Vorhut zn bewegen, damit der Krteg gegen die Perser allgemein würde. Da aber die Meisten der Thessalier und der andern den Pässen nahe *) Da, wo das feste Land von Macedonien mit der Halbinsel zusammenhängt, in welche der Berg Athos, jetzt Santo genannt, anstaust. **) Bei Herodot VII, 173. heißt er EuänetuS, Ol. ?5, i. I. R. 274. v. Chr. 480. 721 wohnenden Griechen den Getankten des Xerres Wasser und Erde gab»», so standen sie von dem Einschluß, Tempe zu vertheidigen, ab, und gingen nach Hanse zurück. 5. Es wird zweckmäßig seyn, diejenigen Griechen auszuzeichnen, die sich zu den Fremden geschlagen baden, damit sie gedrandmarkl werden und ihre Schande die Verräkher der gemeinsamen Freiheit abschrecke. Die Aenianer, Dolo- per, Melier,/) Perrhäber und M ag n e si e r schloßen sich an die Fremden an, so lange die Truppen, welche Tempe besetzten, noch da waren; nach deren Abzug aber neigten sich die P h r h i 0 ti sch en Achäer, die Lokrer und Tbessalier und der größte Theil der Böotier auf die Seite der Fremden. Die auf dem Isthmus sbei Korinths! versammelten Griechen faßten den Beschluß, diejenigen Griechen. die sich freiwillig zu de» Persern geschlagen, für die Götter zu serzehuten, ") wenn sie im Kriege die Oberhand bedielten, an Die aber, welche unthätig blieben, Gesandte z» schicken, die sie aufforderten, für die gemeinsame Freiheit mitzukämpfen. Einige derselben entschlossen sich nun, red- *) Nach Weffeling's Verbesserung für Für das anerkannt falsche rL xur nach ist wahrscheinlich Ak t-i zn seyen, und dagegen das öe nach ere zu tilgen, oder nach Simstädt in )-k zu verwandeln. Oder ist k>e Fe . . .. rx nl C-A. zu schreiben, und rurwo nttkXöoi rwv als Glcsie wegzuwerfen. Dann heißt es: und wälrend die Truppen.... noch da waren, neigte» sich schon die Phkhiotischen Achäer u. s. w. *') Nämlich sie als Sklaven zu verkaufen und vom Erlös den zehnten Theil deu Göttern zu weihen. Vergl. Cap. 75. 7-2 Diobor's historische Bibliothek. Eilfres Buch. lich mitznstreiken; Andere aber zögerten geraume Zeit, nur auf ibre eigene Sicherheit bedacht und den Ausgang des Kriegs erwartend, Die Argiver schickten Gesandte an die allgemeine Versammlung und versprachen mitzustreiteu, wenn mau sie an dem Oberbefehl über die G-i chen Theil nehmen ließe. Allein die Versammlung erklärte ihnen wenn sic.es für ärger halten, linier einem Griechischen Her, fuhrer als unter einem fremden Herrscher zu stehen, sv thun sie recht» daß sie ruhig bleiben; streben sie aber nach der Eine, den Oberbefehl über !ie Griechen zu erhalten, fo müssen sie zuvor durch Tbarsn sich derselben würdig machen, ebe sie eine solche Auszeichnung verlangen. Als hierauf die Abgeordneten des Teeres durch Griechenland zogen und Erde und Wasser forderten, bewiesen die Stätte alle durch idre Antworten ihren Eifer für die gemeinsame Freiheit. Als Teiles erfuhr, daß die Bracke über den Hellespont geschlagen und der Aktivs durchstochen sey. brach er vvn Sa.des auf und zog dem HeUespviit zu. Da er nach A by- d»s kam, fübrte er seine Kriegsmacht-über die Brucke nach Europa hinüber. Auf seinem Zage durch Tbracieu er- hie't er viele Verstärkungen vvn den Thraciern und den ihnen benachbarten Griechen. Als er in einem O t Namens Doris k»s anlangte, ließ er die Flotte ebendahin kommen, um beide Lkeile des Heeres beisammen zu haben. Da hielt er denn Musterung über daö gaize Heer. Die Landmacht betrug nach der Zahlung über achtmal hunderttausend Mann, die Kriegsschiffe alle zusammen über zwoltkundert. Darunter waren dreihundert und zwanzig ') Griechisch.', wozu näm- *) Nach der folgenden Aufzählung sollte es 5l0 heißen. Ol. ? 5 , i. I. R. 274. v. Chr. 480. 72L kick die Griechen die Bemannung lieferten, während der König die Fahrzeuge Herzas'. Die Uebrigen alle wurden zu den N > cb t gri e ch i sche n gezählt. Von diesen lieferten die Aegyptcr zweihundert, die Phönicier dreihundert, die Cilicier achtzig, die Pamphylicr vierzig und die L y« cier eben sv viel; ferner die Karier achtzig und die Cy- prier hundert und fünfzig. Von den Griechen aber schickten die bei Karien wohnenden Dort er mir den Rbo- diern und Kvi-rn vierzig, die Jvnier mit den Ediern und Samiern hundert, die Aeolier mit den Lesbiern und Tcnediern vierzig, die Hellespontier mit den Anwohnern des PontuS achtzig, die Inselbewohner fünfzig. Die Insel nämlich zwischen den Coaneen ') und Trivpium und Snninm harre der König auf seiner Seite. So groß war die Zahl der Dreiruder. Der Frachtschiffe für Pferde aber waren es achthundert und fünfzig, und der dreißigrudrigen dreiransend. So war denn Xerres mit der Musterung seiner Kriegsmacht hei DoriSkuS beschäftigt. Die Versammlung der Griechen aber beschloß, als die Nachricht kam, daß das Heer der Perser nahe sey, die Seemacht nach Artemis, um auf Euboa zu scksscken, weil sie diesen Play für tauglich Kielten, um sich den Feinden entgegenzustellen: nach Thermopylä aber eine hinreichende Zahl von Schwerbewaffneten, um zum Voraus die engen Pässe zu besetze» und die Fremden an dem Vorrücken nach *) Klchpemnseln am Eingang des schwarzen Meers. Triv- piiim und Summn sind Vorgetirge in Karien und in Attika. 724 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. Griechenland zn hindern. Denn sie eilten, Diejenigen, die sich bereits für die Sache der Griechen erklärt hatten, in die Mitte zu nehmen, und »ach Kräften die Verbündeten zu decken. Der Anführer von der ganzen Flotte war Enry- biades von Lacedämon, und von den nach'Thermvpylä Abgeschickten Leonidas, der König der Spartaner, ein Man» voll hohen Vertrauens auf seine Tapferkeit und Kriegskunst. Er verlangte, als er den Oberbefehl erhielt, nur Tausend sollten ihm auf diesem Zuge folgen. Als ihm die Ephoren vorstellten, das seyen äußerst wenige Streiter gegen eine so große Macht, und darauf drangen, daß er eine größere Zahl mitnähme, so ertheilte er ihnen insgeheim die Antwort, um die Fremden an dem Eindringen durch die Zugänge zu hindern, seyen es wenige, aber für das Unternehmen, dem sie jetzt entgegengehen, viele. Auf diese rätselhafte und undeutliche Antwort fragten sie weiter, ob er sie denu zu einem so leichten Unternehmen zn führen gedenke. Er antwortete, dem Namen nach sey es die Vertheidigung der Zugänge, wozu er sie führe, in der That aber der Tod für die gemeinsame Freiheit; wenn nun die Tausend ausziehen, so werde Sparta's Ruhm durch ihren Tod erhöht; ziehe aber das gekämmte Volk der Lacedämv- mer zu Felde, so müsse Lacedämon völlig untergehen; denn Keiner von ihnen werde sich zur Flucht entschließen, um sein Leben zu retten. Der Lacedämonier waren es also tausend und ausserdem dreihundert Spartaner, ") der übrigen ») Spartaner, bezeichnet hier die freien, herrschenden Staatsbürger, Lacedämonier, die abhängigen Einwohner. Ol. ? 5 , i. I. R. 274. v. Chr. 480. 72» Griecken aber, welche zugleich mit ihnen nach Thermopylä geschickt wurden, dreitausend. So rückte denn Leonidas mit viertausend Mann nach Thermopylä. Die Lvkrer, die in der Nähe der Zugänge wohnen, hatten zwar den Persern Erde und Wasser gegeben und versprochen, die Zugänge vorläufig zu besetzen. Da sie aber hörten, daß Leonidas nach Thermopylä anrücke, wurden sie andern Sinnes und traten zu den Griechen über. Es kamen also nach Thermopylä noch tausend Lokrer, und eben so viel Melier, *) und nicht viel wemger als tausend Phvcier; überdieß von dem einen Theil der Thebaner gegen vierhundert. Die Einwohner von Theben waren nämlich wegen der Hülfe gegen die Per» ser uneinig unter einander. So viel betrug die Zahl der Griechen, die unter Leonidas bei Thermopylä versammelt standen und die Ankunft der Perser erwarteten. L. Xcrres brach nach der Musterung seiner Kriegsmacht sogleich mit dem ganzen Heer auf» und bis zur Scadt Akanthus fuhr die ganze Flotte, während das Landheer vorrückte,") immer nebenher. Don dort wurden die Schiffe auf dem kurzen und sichern Wege durch den daselbst gegrabenen Canal in das jenseitige Meer hinübergsbracht. Als er an den Melischeu** ***) ') Meerbusen kam, erfuhr er, daß die Feinde bereits die Zugänge besetzt haben. Daher zog er hier noch mehr Verstärkungen an sich, indem er die Hnlfs- *) Nach Paulmier's Verbesserung MziXtiicsn für MeXr/oimv. **) Nach Dindorf'S Vorschlag Tiopki-oztLVN für Trosskvo- ztrnov. ***) Nach Paulmier's Verbesserung A/nXlaxön für ^Xtaxon. 726 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. Völker aus Europa kommen ließ, die sich beinahe auf zweimal hunderttausend Mann belieben. So hatte er denn im Ganzen nicht weniger als eine Million beisammen, die Seemacht nicht mitgerechnet. Nicht weniger aber als diese Zahl machte die Mannschaft auf den Kriegsschiffen sammt den Leute», welche die Lebensmittel und das übrige Geräth nachfühlten , miteinander aus. Es ist also nicht zu verwundern, was man von der Menschenmenge sagt, welche Xerrcs zusammengebracht. Man erzählt, nie versiegende Flusse seyen bei dem beständigen Zudrang von Menschen ausgetrocknet, und das Meer habe man vor den Segeln der Schiffe nicht mehr gesehen. Die Kriegsmacht, welche Xerres mit sich geführt, ist demnach die größte unter allen, deren die Geschichte Meldung thut. Als die Perser am Fluß Sper- chins gelagert waren, schickte Xerres Boten nach Thcrmo- pylä, die zunächst erforschen sollten, wie man wegen des mit ihm zu führenden Kriegs gesinnt wäre. Er hieß sie aber knnd machen, der König TerreS befehle, daß Alle die Waffen niederlegen; dann sollen sie ohne Gefahr in ihre Hei- maih abziehen und Bundesgenossen der Perser seyn; wenn sie das thun, so verspreche er, den Griechen mehr und besseres Land zu geben, als sie jeyk beuchen. Auf diese Botschaft antwortete Leonidas mit seinen Leuten, auch zu Mitstreitern des Königs werden sie brauchbarer seyn mit den Waffen, und müssen sie Krieg mir ihm führe», so werden sie mit den Waffen rühmlicher für die Freiheit kämpfen; was aber daS Land betreffe, das er ihnen zu geben verspreche , so seyen die Griechen von den Vätern her gewohnt, Ol. 75, >. I. R. 274. v. Cn>. 480. 727 nicht durch Feigheit sondern durch Tapferkeit Land zu erwerben. «. Als der König von seinen Boten die Antwort der Griechen hörte, rief er den Spartaner Demaratus zu sich, der als Flüchtling aus dem Vaterlande zu ihm gekommen war. Der Antwort spottend fragte er den Lacedä- mvnier: „Was werden die Griechen thun ? schneller fliehen als meine Pferde laufen, oder einer solchen Macht sich entgegenzustellen wagen?" Demaratus soll erwiedert haben: „dir selbst ist die Tapferkeit der Griechen nicht unbekannt; abtrünnige Nichtgriechen bezwingst du ja mit Griechischen Truppen ; glaube also nicht, daß sie, die für deine Herrschaft besser als die Perser kämpfen, für ihre Freiheit gegen die Perser weniger wagen werden. Nerres verlachte ihn und hieß ihn mitkommen, damit er sehe, wie die Lacedämonier fliehen. Nachdem sein Heer ausgeruht hatte, rückte er gegen die Griechen in Thermopylä. Die Meder stellte er allen andern Völkerschaften voran; sey es, daß er sie wegen ihrer Tapferkeit vorzog, oder daß er wünschte, sie kamen alle um. Es regte sich nämlich bei den Niedern noch der Stolz auf die Oberherrschaft ihrer Vorfahren, die vor nicht so langer Zeit gestürzt war. Ausser den Niedern aber stellte er ebendahin *) die Brüder und Söhne der in Marathon Gefalle- *) Lllr <7vvv7röAkl§e ist zu lesen. Der Sag svi-eBi- So er- r. 7 b/. kloae x. r. Li> 7b/. r., welchen Weffeling für eine Glosse hält, ist wohl dadurch entstanden, daß die Worte rrvvairrSkrA Sx r. 7 b/. xai r. ev 7 b/. r. aus Versehe» zweimal geschrieben wurden» Diodvr. 6s Bdchn. 2 7-3 Diödor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. nein denn Diese, dachte er, werden aus Rache wüthend gegen die Griechen kämpfen. So griffen denn die Weder, da ihnen diese Stelle angewiesen war, die Truppen, welche Thermopylä besetzt hielten, an. Leonidas zog wohlgerüstet die Griechen in dem engsten Theile des Passes zusammen. 7. Es wurde ein hitziges Treffen. Da die Fremde« unter den Augen des Königs stritten, und die Griechen der Freiheit gedachten und von Leonidas zum Kampf aufgemuntert wurden, so entstand ein mörderisches Gefecht. Denn da es zum Handgemenge kam und die Streitenden in geschlossenen, und zwar dicht gedrängten Reihen auf einander einhieben, so blieb die Schlacht lange Zeit unentschieden» Die Griechen behielten durch ihre Tapferkeit und wegen der Größe ihrer Schilde die Oberhand, und die Weder mußten endlich weichen; denn eine große Zahl von ihnen war gefallen, und nicht Wenige verwundet. In die Stelle der Weder rückten die hinter ihnen stehenden Cissier und Sacier ein, wegen ihrer Tapferkeit dazu auserlesen. Diese frischer» Truppen, welche jetzt den abgematteten gegenüber standen ^ hielten nur kurze Zeit im Treffen Stand. Ueberwältigt wichen, sie zurück, als die Leute des Leonidas unter ihnes mordeten. Da nämlich die Fremden kleine runde oder viereckige Schilde hatten, so waren sie zwar auf dem offenes Feld im Vortheil, weil sie sich leicht bewegen konnten, aber in Engpässen konnten sie die Feinde, die fest an einander geschlossen waren und mit großen Schilden den ganzen Leib deckten, nicht leicht verwunden, während sie selbst, durch ihre leichten Schuhwaffen weniger beschirmt, zahlreiche Ol. ? 5 , i. I. R. 274. v. Chr. 480. 72^ Wunden empfinge». Als Leeres sah, *) wie der Boden m dem Engpässe ganz mit Leichen bedeckt war und die Fremden gegen die Tapferkeit der Griechen nicht Stand hielten, so ließ er endlich die Auserlesenen der Perser anrücken, welche die Unsterblichen hießen und für die Tapfersten in seinem ganzen Heer galten. Da auch Diese nach kurzem Widerstand flohen, so hatte für jetzt, da die Nacht einbrach, der Kampf ein Ende, nachdem von den Fremden eine große Zahl umgekommen, unter den Griechen aber nur Wenige gefallen waren. 8. Am folgenden Tag aber ließ Xerres, da die Schlacht wider sein Erwarten ausgefallen war, aus allen Völkerschaften die Streiter, welche man für die tapfersten und muthigsten hielt, auslesen, bat sie dringend und stellte ihnen vor, **) wenn sie den Zugang erstürmen, so werde er ihnen ansehnliche Belohnungen geben, wenn sie aber fliehen, so sey der Tod ihre Strafe. Sie drangen in geschlossenen Massen mit heftiger Gewalt auf die Griechen ein. Aber die Leute des Leonidas schlössen sich jetzt so fest an, daß ihre Reihe einer Mauer glich, und fochten wüthend. So weit trieben sie es in der Hitze des Streits, daß die Kämpfenden sich nicht mehr wie sonst von den nachrückenden Reihen ablösen ließen, sondern durch Beharrlichkeit die Ermattung überwanden. So machten sie einen großen Theil der auserlesenen Mannschaft des Feinds nieder, und fochten, welt- *) Nach Stexhanus Vermuthung. Das öpwi> ist wahrscheinlich nach vkx(»wu ausgefallen, wohin es Sichstadt setzt. **) Nach Reiske's Verbesserung TlssoklTrS»- für TtpookeN«»'. 2 * -?Zo Diodor's historische Bibliothek. Eilfres Buch. eifernd miteinander, den ganzen Tag fort. Die ältern Krieger wollten die hingen, an Kraft überbieten, und Diese au Erfahrung und Ruhm Jenen gleich kommen. Als endlich auch die Auserlesenen die Flucht ergriffen, schloß sich die hinter ihnen stehende Reihe des Feinds so dicht zusammen, daß die Auserlesenen nicht fliehen konnten. Sre waren also genöthigt, wieder umzukehren und zu kämpfen. Der König war in Verlegenheit und glaubte, es werde sich Keiner mehr in's Treffen wagen. Da kam zu ihm einer der Einge- hornen, ein Trachinier, welcher der Gebirgsgegend kundig war. Dieser trat zu Lerres und versprach, auf einem schmalen und steilen Fußsteig den Persern den Weg zu weisen, daß sie, wenn sie mit ihm gehen, den Leuten des Lev- nidas in den Rücken kommen; auf die Art werden Diese in die Mitte genommen und leicht niedergemacht werden. Der König war hoch erfreut, gab dem Trachinier ein Geschenk Hum Lohn, und schickte zwanzig tausend Mann in der Nacht mit ihm ab. Es war aber unter den Truppen der Perser ein rechtlicher, edeldenkender Mann, Namens Tyraftia- das, aus Cyme gebürtig; der lief aus dem Lager der Perser in der Nacht zum Heer des Leonidas hinüber, wo man Dvn dem Trachinier noch Nichts wußte, und brachte davon die Kunde. g. Als die Griechen Das hörten, versammelten ffe sich mitten in der Nacht und beriethen sich wegen der bevorstehenden Gefahr. Einige erklärten, man müsse den Engpaß sogleich verlassen und sich zu den Bundestruppe» flüchten; denn wenn man da bleibe, sey keine Rettung möglich. Leonidas aber, der König der Lacedämonier, entschlossen, sich Ol. ? 5 , i. I. R. 274. v. Chr. 480. und den Spartanern hohen Rahm zu erwerben, hieß die andern Griechen alle abziehen und ihr Leben retten, damit sie in den übrigen Schlachten für die Sache der Grieche« mitstreiten könnten; die Lacedämonier aber, sagte er^ müssen bleiben und dürfen den Engpaß, den sie zu bewachen haben, nicht verlassen; denn eS zieme den Anführern von Griechenland, im Kampfe für ihren Vorrang bereitwillig zu sterben. So zogen nnn die Andern alle sogleich ab. Leonidas aber mit seinen Mitbürgern that Wunder von heidenmäßiger Tapferkeit. ES waren mir Wenige außer *) den Lacedämoniern (denn allein die Thespier behielt er zurück), und im Ganzen hatte er niebt mehr als fünfhundert Mann. Mit ihnen war er entschlossen den Tod für Griechenland zu sterben. Die Perser mit dem Trachinier hatten unterdessen die unwegsame Gegend umgangen, nnd auf einmal war die Mannschaft des Leonidas eingeschlossen. Die Griechen aber, nicht mehr an Rettung denkend und nur den Ruhm im Auge habend, verlangten von ihrem Feldherrn einmüthig, er sollte sie gegen die Feinde führen, ehe die Perser hörten, daß die Ihrigen auf der andern Seite angekommen wären. Leonidas, mit der Entschlossenheit seiner Krieger wohl zufrieden, forderte sie auf, geschwind zu frühstücken, das Mittagsmahl werden sie dann in der Unterwelt halten; er selbst that, wozu er sie aufforderte, nnd nabm Speise zu sich; so, sagte er, werden sie noch lange Zeit Kräfte behalten und die Anstrengung des Kampfes ausdanern. Nachdem sie in der Eile sich erfrischt hatten und Alle bereit waren, befahl ') Bor ^/axkFlltttotsiwn wird TtXÜv ausgefallen seyn. 7I2 Diodor's historische Bibliothek. Eilfkes Buch. sr den Kriegern, in's Lager einzufallen und niederzustoßen Wen sie finden, und auf das Zelt des Königs selbst loszugeben. 10. Sie fielen also dem Befehl gemäß in geschlossenen Reihen Nachts in das Lager der Perser ein, und LeonidaS ging voran. Die Fremden, die nicht wußten, was Das war, riefen bei der unerwarteten Erscheinung mit großem Getümmel und ohne Ordnung aus den Zelten zusammen. Sie er- schracken, weil sie meinten, die mit dem Trackinier Abgegangenen seyen umgekommen, und die ganze Macht der Griechen sey da. Es wurden daher Viele durch die Truppen des Leonidas niedergemacht, noch Mehrere aber kamen durch ihre eigenen Leute um, welche sie fälschlich für Feinde hielten. Denn die Nacht machte es unmöglich, einander recht zu erkennen, und bei der Verwirrung, die im ganzen Lager Herrschte, erfolgte natürlich ein großes Blutbad. Sie mordeten einander selbst, weil man unter diesen Umständen nicht genau unterscheiden ko-nnte; denn da war kein Befehl des Feldherrn, kein Fragen nach der Losung, überhaupt keine Besinnung mehr. Wenn der König in dem fürstlichen Zelte geblieben wäre, so hätte er leicht selbst von den Feinden ge- tödret werden können, und der ganze Krieg hätte schnell ein Ende genommen. Allein Ter.res war «uf den Lärm hinaus- geeilt; nun fielen die Griechen in das Zelt ein und mordeten beinahe Alle, die darin zurückgeblieben waren. So lauge es Nacht war, schweiften sie natürlich im ganzen Lager herum und suchten den Terres. Als es aber Tag und die ganze Gestalt der Sachen offenbar wurde, achteten die Perftr der Griechen nicht mehr, da sie sahen, daß ihrer so Wenige waren; doch wagten sie es nicht, die Tapfern von vorn an- Ol. ? 5 , l. I. R. 274. v. Chr. 480. 733 zugreifen, sondern von der Seite und von hinten stellten sie sich zusammen und warfen überallher mit Pfeilen und Spießen, bis sie Alle erlegt hatten. So endeten die Vertheidiger des Zugangs von Thermopylä unter Leonidas ihr Leben. 11. Und Wer sollte ihre Tapferkeit nicht bewundern? Die Stelle , welche Griechenland ihnen angewiesen, nicht verlassend, haben sie cinmüthig und bereitwillig ihr Leben für das Heil der sämmtlichen Griechen aufgeopfert und einen edeln Tod einem schimpflichen Leben vorgezogen. Die Bestürzung der Perser ist gar nichts Unglaubliches. Denn Wem unter dem feindlichen Heer hätte Das in den Sinn kommen sollen? Wer konnte erwarten, daß eine Schaar von fünf Hunderten eine Million angreifen würde? Aber Wer unter den spätern Geschlechtern sollte nicht eben darum die Tapferkeit dieser Männer sich zum Muster nehmen, deren Geist unbesiegt blieb, während ihr Körper der zwingenden Macht der Umstände unterlag? So sind denn sie in der Geschichte die Einzigen, die durch ihre Niederlage berühmter geworden sind als Ändere, welche die herrlichsten Siege errungen haben. Denn nicht nach dem Erfolg darf man tapfere Männer beurtheilen, sondern nach der Absicht; denn dort herrscht das Glück, hier aber bewährt sich der Muth *). Wer möchte Andern den Preis der Tapferkeit zuerkennen, als Jenen, die, nicht dem tausendsten Theil der Feinde gleich an Zahl, es wagten, der unglaublichen Menge Nichts entgegenzustellen *) Hs>o«is>k<7lg mag, durch Veranlassung des vorhergehenden ripocrl,(»k<7ra>g, aus irooAr-zll« entstanden sehn. 7Z4 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. als ihren Muth; die nicht zu siegen hofften über so viele Tausende, aber an Tapferkeit allen Frühern es zuvorzuthun gedachten; die den Kampf, den sie gegen die Fremden bestehen wollten, zugleich als einen Wettstreit betrachteten, in welchem sie mit den gefeierten Helden allen um den Preis zu rirdgen hätte»? In der Geschichte aller Zeiten sind ja sie die Einzigen, die lieber das Gmetz des Vaterlands bewahren wollten als ihr Leben; nicht bekümmert um den gefahrvollen Streit, der ihnen bevorstand, sondern überzeugt, daß die Gelegenheit zu solchen Kämpfen Dem, der nach edeln Thaten strebt, höchst erwünscht seyn müsse. Sie könnte man auch mit größerem Rechte die Begründer der gemeinsamen Freiheit der Griechen nennen als Die, weiche nachher rn den Schlachten gegen Terres gesiegt haben. Denn der Gedanke an ihre Thaten war es, was die Fremden mit Schi ecken erfüllte und die Griechen zu ähnlicher Tapferkeit ermunterte. Ja, sie haben sich, wie Keiner vor ihnen, durch ihren beispiellosen Helden- muth die Unsterblichkeit erworben. Daher haben nicht nur die Geschichtschieiber sondern auch viele Dichter ihre großen Thaten gepriesen. Unter Denselben ist der Liederdichter S i- monides, der ihre Tapferkeit in einein Loblied würdig besungen hat, in welchem es heißt: Die Thermopplä falle» sah, Lob wird ihnen reich gezollt. Ein herrliches Loos! ihr Grab zum Altar für die Ahnen geweiht. ihr Ende gepriesen. *) Siehe den strahlenden Leichenschmuck, den kein Moder, kein« _ Gewalt *) Oder, wenn man mit Eichstadt n(><- )>o'«n für Ttyo^ö vcov setzt: ihr Grab der Altar, statt Jammers der Preis, und Ehre die Hinfahrt. Ol. ?5, I. R. 274. v. Chr. 480. ?35 Der Zeiten versehret dem tapferen Mann; er erwählt in Hellas Ehre zu ruh'« AlS in der eigenen Gruft. *) Der König Leonidas von Sparta Ist Zeuge; des hohen Preises Denkmal stiftet er, ewige» Heldenruhm. ,r. Nachdem wir über die Tapferkeit dieser Männer genug gesagt, kehren wir zurück und erzählen weiter. Nerres hatte, als er sich auf die angegebene Art des Passes bemächtigte, nach dem Sprüchwort einen Kadmeischen Sieg**) gewonnen , indem er wenig Feinde tödtete und viermal mehr von seinen Leuten verlor. Nachdem er nun auf dem Lande Herr der Pässe war, beschloß er, den Krieg auf dem Meere zu versuchen. Er ließ also den Befehlshaber der Flotte, Megaba« tes, sogleich zu sich kommen, und hieß ihn gegen die Seemacht der Griechen anrücken und mit der ganzen Flotte eine Schlacht gegen die Griechen wagen. Dieser fuhr dem Befehl des Königs zufolge von Pydna in Macedonisn mit der ganzen Flotte weiter, an dem Vorgebirge von Magnesia herab, welches Sepias heißt. Hier entstand ein heftiger Sturm, wodurch-er von den Kriegsschiffen über dreihundert Dreiruder und .... ***) Pferdeschiffe, und von den andern eine sehr große Zahl verlor. Als der Sturm aufgehört, hatte, *) Für ävA^mn ist vielleicht änA(>' zu lesen, und für ö Aß cri-xög olxkr«n rvAvAav entweder ö Aß oezxön oixklov Ao'Eav oder ö Aß cr^xop oe xo-nccv AöE«o oder ö Aß <7i;xov ol xv'Ao^lccv. **) Man bezieht das Sprüchwort auf den theuer erkaufte« Sieg der Thebaner über die Sieben. IV. 65. *") Die Zahl der Pferdeschiffe scheint ausgefallen zu seyn. 7^6 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. fuhr er von dort weiter nach Aphetä in Magnesia. Von hier aus schickte er dreihundert Dreiruder ab und befahl den Hauptleuten derselben um iEubva hernmzuschiffen, indem sie es rechts ließen, und die Feinde einzuschließen. Die Griechen lagen Hei'Artemisium an Euböa vor Anker, «nd hatten im Ganzen zweihundert und achtzig Dreiruder z darunter gehörten hundert und vierzig den Athenern, die übrigen den andern Griechen. Den Oberbefehl über diese Flotte hatte Eurybiades von Sparta, die Anordnungen aber machte Themistokles von Athen. Dieser stand nämlich wegen seiner Einsichten und seiner Kriegskunst in großem Ansehen, nicht nur unter den Griechen in Mtika, sondern auch bei Eurybiades selbst, und Alle gaben ihm Gehör und folgten ihm willig. Als nun unter den Schiffshauptleuten wegen der Seeschlacht Rath gehalten wurde, glaubten die Andern Alle, man müsse sich ruhig halten und den Angriff des Feindes erwarten; Themistokles allein sprach die entgegengesetzte Meinung aus, indem er zeigte, es sey besser , mit der ganzen *) Flotte in Schlachtordnung gegen den Feind anzurücken; denn so sey man im Vortheil, weil man mit geschlossenen Reihen zerstreuten Schiffen entgegensegle, die noch in Unordnung seyen, da sie aus verschiedenen und auseinander gelegenen Häfen auskaufen. Die Griechen rückten endlich nach dem Rath des Themistokles mit der ganzen Flotte dem Feind entgegen. Da die Fremden aus verschiedenen Häfen ausliefen, so griff im Anfang Themistokles mit *) Nach Dindorsts Verbesserung iravr! für «rkl. Ol ? 5 , i. I. R. 274. v. Ehr. 480. 7Z7 den Seinigcn die zerstreuten*) Perser a»z er versenkte viele Schiffe, und nicht wenige zwang er zur Flucht und verfolgte sie bis an die Küste. Nachher aber, als die ganze Flotte sich gesammelt hatte, kam es zu einem hitzigen Seetreffen, in welchem auf jeder Seite ein Theil der Schiffe Vortheil gewann, auf keiner aber ein vollständiger Sieg errungen wurde. Die einbrechende Nacht machte dem Kampf ein Ende. 1 5. Nach der Seeschlacht erhob sich ein heftiger Sturm, wescker viele außer dem Hafen liegende Schiffe zu Grunde richtete. So schien die Gottheit sich der Griechen annehmen und die große Zahl der feindlichen Schiffe vermindern zu wollen, damit die Macht der Griechen ihnen gewachsen wäre, und eine Seeschlacht aushalten könnte. Die Griechen faßten daher immer mehr Muth, den Fremden aber wurde es immer banger vor dem Kampf. Doch rückten sie, nachdem sie von dem Schiffbruch sich erholt hatten, mit den sämmlli- chcn Schiffen gegen den Feind an. Die Griechen aber, noch durch fünfzig Dreirudcr aus Attika verstärkt, stellten sich den Fremden gegenüber. Die Lage war bei diesem Sectreffem dieselbe wie bei der Schlacht in Thenuopylä. Denn die Perser waren enischlcssen, von den Griechen die Durchfahrt durch den Enripus **) zu erzwingen, die Griechen aber, die schmalste Stelle der Meerenge von Euböa geschloffen zu halten und wüthend zu vertheidigen ***). So kam es denn *) Nach der Vermuthung von Rhodomannus chkomaMLUotg für **) Das Meer zwischen Suböa und dem festen Lande. *'*) kann aus entstanden seyn. ?39 Dlodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. zu einem hitzigen Seetreffen, in welchem beide Theile viele Schiffe verloren. Durch die einbrechende Nacht genötvigt kehrten sie in ihre Häfen zurück. In den beiden Seeschlachten sollen sich unter den Griechen die Athener und unt-sr den Fremden die Sidonier am tapfersten gehalten haben. Nachher, als die Griechen hörten, was in Thermopylä geschehen war, und zugleich erfuhren, daß die Perser zu Lande gegen Athen vorrückten, verloren fle den Muth. Sie fuhren daher nach Salamis zurück und blieben dort stehen. Die Athener aber, welche sahen, daß Alles, was in Athen bliebe, preisgegeben sey, schifften Weiber und Kinder, und was fle sonst von Gütern fortbringen konnten, ein und führten sie nach Salamis hinüber. Als der Befehlshaber der Persischen Flotte die Abfahrt der Feinde erfuhr, landete er an Euböa mit der ganzen Seemacht. Er eroberte die Stadt Histiäa mit Sturm, plünderte sie und verheerte ihr Gebiet. >4. Während Das geschah, warLerres von Thermopylä aufgebrochen und rückte vor durch die Gegend der Pho- cier, wo er die Städte zerstörte und die Besitzungen des Landvolks verwüstete. Die Phocier, welche sich für die Sache der Griechen erklärt hatten, verließen, weil sie sich zum Widerstände zu schwach fühlten, mit allem dem Ihrigen die sämmtlichen Städte, und flüchteten sich in die unwegsamen Gegenden auf dem Parnassus. Hierauf zog der König durch das Land derDvrie r, that ihnen aber nichts zu Leide; denn fle hielten es mit den Persern. Einen Theil seines Heeres ließ er da zurück mit dem Befehl, nach Delphi zu ziehen, den Tempel des Apollo zu verbrennen und die Ol. ? 5 , i. I- R. 274. v. Chr. 480. 739 Wei'hgrscheiike zu rauben. Er selbst rückte mit seinen übrigen Truppen nach Bövtien vor und schlug ein Lager. Die zur Plünderung des Orakeltempels Abgeschickten kamen bis zum Heiligtdum der Athene Pronäa; *) da fiel vom Himmel ei» wunderbarer heftiger Platzregen unter zahrcichcn Blitzen, und überdies; warf der Sturm große Felsenstücke auf das Lager der Fremden herab, so daß Viele der Perser umkamen und Alle voll Schrecken vor diesen Erweisungen der Macht der Götter aus der Gegend flohen. So wurde der Orakel- tempel in Delphi durch höhere Fürsorge vor der Plünderung bewahrt. Die Delphier aber stellten, um der Nachwelt ein unvergängliches Denkmal von dem sichtbaren Schutz der Götter zu hinterlassen, neben dem Tempel der Athene Pronäa ein Siegeszeichen auf und schrieben darauf folgende Distichen: Delpbier weihten des männcrbeschützenden Kampfes Gedächtniß Hier und das Zeichen des Siegs Zeus und Apollo zum Dank, Daß sie verjagten '*) die städteverwüsiende Rotte der Meder, Daß sie den Heil-gen Bau schirmten mit ehernem Wall. Auf seinem Zuge durch Döotien verwüstete Rerres die Gegend von Thespiä und verbrannte Platää, das er leer *) Das heißt entweder, wenn man nach Meurstus /Tjoo- naias liest, „der vor dem Tempel wohnenden Athene" (weil das Heiligthum der Athene zu Delphi vor dem Haupttempel stand, der dem Apollo geweiht war), oder, nach der Lesart der Handschriften /7sior-olax, „der fürsorgen- den Athene." Wie die Schreibart schwankt, so scheinen in dem Namen wirklich die beiden Begriffe zusammengeflossen zu sep». *') Nach Bal-kena-r's Vermuthung «Trwtpwstävotg und oa^xnotx statt a/rwttä/tkuot und övoästrv«». ?4o Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Bucht fand. Die Einwohner dieser Städte hatten sich nämlich mit Allem, was sie hatten, in den Peloponnes geflüchtet. Hierauf fielen die Perserin Attika ein; da verheerten sie das Land, zerstörten Athen und verbrannten die Tempel der Götter. Während der König damit beschäftigt war, fuhr seine Seemacht- von Euböa nach Attika herüber, nachdem sie Euböa und die Küste von Attika verwüstet hatte. -5. Um diese Zeit blieben die Corcyräer mit sechzig Dreiruder», welche sie bemannt hatten, am Peloponnes stehen. Sie gaben nämlich vor, sie können das Vorgebirge Male« nicht umschiffen. Einige Geschichtschreiber behaupten aber, sie haben auf die Entscheidung des Kriegs warten wollen, um, wenn die Perser die Oberhand behielten, ihnen Wasser und Erde zu geben, wenn aber die Griechen flegken, den Schein zu haben, als wären sie ihnen zu Hülfe gekommen. Die Athener, die bei Salamis standen, wurden äußerst mnthlos, als sie sahen, wie Attika mit Feuer verwüstet wurde, und hörten, das Heiligthum der Athene sey zerstört. Aber auch die andern Griechen ergriff eine eben so große Furcht, weil sie überall vertrieben und nur noch auf den Peloponnes beschränkt waren. Sie beschloßen nun, alle Befehlshaber zu versammeln, um sich zu berathen, an welcher Stelle man am besten eine Seeschlacht liefern könne. ES gab viele und mancherlei Vorschläge. Die Peloponnesier, nur aus ihre Sicherheit bedacht, erklärten, man müsse sich am Isthmus schlagen, denn da dieser wohl verschanzt sey, so finden, wenn die Seeschlacht unglücklich ausfalle, die Geschlagenen den sichersten Zufluchtsort in der Nähe, chen Peloponnes ; wenn sie aber auf der kleinen Insel Salamis sich Ol. 76, 1. I. R. 274. v. Chr. 480. ? 4 r einschließen, so drohe ihnen ein Mißgeschick, wo schwerlich mehr zu helfen sey. Tbemistokles hingegen rieth, bei Salamis die Seeschlacht zu liefern; denn iiu,deu Meerengen werden ihre wenigen Boote mit Vortheil gegen eine vielfach größere Zahl von Schiffen kämpfen. Er behauptete geradezu, Sie Gegend am Isthmus sey für ein Seetreffen ganz ungeschickt ; denn da müsse man auf dem offenen Meere fechten, und in dem weiten Spielraum werden die Perser leicht die wenigen Schiffe durch ihre Ueberzahl bezwingen. Durch diese Vorstellungen, denen er noch Manches beifügte, was zum Zweck diente, brachte er es dahin, „daß Alle ihm beistimmten und jenen Platz erwählten.*) ,6. Als endlich allgemein beschlossen war, bei Salamis sich zu schlagen, rüsteten sich die Griechen ** ***) ) zum Kampf gegen die Perser. Eurybiades suchte, von Themistokles unterstützt, der Menge Muth einzusprechen, und sie zu dem bevorstehenden Kampf zu ermuntern. Allein die Menge gab ihnen kein Gehör; es hatte sich ein solcher Schrecken vor der Größe der Persischen Kriegsmacht verbreitet, daß Niemand den Anführern folgte, sondern Jeder eilig von Salamis dem Peloponnes zuschiffen wollte. Aber auch das Landheer**) der Griechen fürchtete sich ebensosehr vor der Macht der Feinde. Der Verlust so vieler trefflichen Männer bei *) Für rsrov röv rpvirov ist wohl zu lese« eXosAa«. ruroo rov ronov. **) Oder, wenn man mit Sintenis, (Obss. «it. jo Oiock. ,8rg.) ^Lj-tor-Ls für "LXXtzvkS liest: die Anführer. ***) Nach Rhodomannus Verbesserung neAxö» für Tieoenxö». 74» Dkodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. Thermovylä erregte Schrecken, und was in Attika vor ihre» Augen geschah, brachte große Muthloflgkeit unter den Griechen hervor. Als die Häupter der Griechen die Verwirrung unter der Menge und die allgemeine Bestürzung sahen, beschlossen sie, den Isthmus ganz zu vermauern. Das Werk wurde, bei dem Eifer und der Menge der Arbeiter, schnell vollendet. Während die Peloponnesier diese Mauer aufführten, die sich vierzig Stadien weit, von Lechäum bis Ceuch reä , erstreckte, herrschte auf der ganzen Flotte, die bei Salamis stand, solche Bestürzung, daß man den Anführern nicht mehr gehorchte. ,7. Da Themistokles sah, daß Eurybiades, der Befehlshaber der Flotte das Ungestüm der Menge nicht bemei- stern konnte, und daß doch die schwer anzugreifende Stellung bey Salamis am meisten zum Sieg helfen könnte, so erdachte er folgende List. Er beredete Jemand, zu Xerres überzugehen und ihn zu versichern, die Schiffe in Salamis seyen im Begriff, aus ihrer Stellung zu entweichen und sich am Isthmus zu sammeln. Dieser Nachricht, die so wahrscheinlich war, schenkte der König Glauben, und eilte daher, die Seemacht der Griechen an der Vereinigung mit dem Land- heer zu hindern. Er sandte also sogleich die Schiffe der Ae- gypter ab und hieß sie den Sund zwischen Salamis und dem Gebiet von Megara schließen. Die ganze übrige Flotte aber schickte er gegen Salamis, mit dem Befehl, den Feind anzugreifen und den Krieg in einer Seeschlacht zu entscheiden. Die Dreiruder waren nach den Völkerschaften der Reihe nach geordnet, damit sie an der gleichen Sprache sich erkennend uNi so williger einander unterstützten. Bei dieser / Ol. ? 5 , i. I. R. 274. v. Chr. 480. 743 Schlachtordnung der Flotte bildeten die Phönicier den rechten Flügel, und die Griechen, die auf der Weite der Perser waren, den linken. Nun schickten die Anführer der Jonier einen Mann aus Samos an die Griechen ab, um, was der König vorhabe, und die ganze Anordnung ihnen kund zu machen, und zugleich, daß fle in der Schlacht von den Fremden abfallen wollen. Der Samier schwamm unbemerkt hinüber und meldete Das den Leuten des Eurybiades. Themistokles war hoch erfreut, daß ihm die Kriegslist nach Wunsch gelungen war, und ermunterte die Menge zum Kampf. Die Grieche» aber rückten, im Vertrauen auf das Versprechen der Jonier, und durch die Umstände wider ihren Willen zum Treffen genöthigt, von Salamis muthig zur Seeschlacht aus. 18. Ihre Flotte wurde hierauf nach der Anordnung des Eurybiades und Themistokles so gestellt, daß die Athener und Lacedämonier den linken Flügel bildeten, der gegen die Seemacht der Phönicier zu kämpfen hatte (denn die Phönicier hatten einen großen Vorzug durch ihre Menge sowohl als durch ihre angeerbte Erfahrung im Seewesen); die Ae- gineten und Megareer machten den rechten Flügel aus «vk(,Wr«'r«lL entstanden. Ol. ? 5 , i. I. R. 274. v. Chr. 460. 781 aber die Sicilier siegten srüber, und so wurden denn die Griechen ermuthigt, als sie Gelon's Sieg erfuhren. Ferner erinnert mau, was die Oberbefehlshaber der beiden Heere betrifft, *) bei den Persern sey der König entkommen und viele Tausende mit ihm, bei den Karthagern aber sey nicht blos der, Anführer umgekommen, sondern Alle, die mit ihm zu Felde gezogen, aufgerieben worden, so daß, nach dem Sprüchwort, nicht einmal ein Bote nach Karthago sieb gerettet habe. Endlich bemerkt man über die vorzüglichsten Feldherrn bei den Griechen, Pansanias und Themistokles, der Eine. sey von seinen Mitbürgern wegen Habsucht und Verratherei getödtet worden, und der Andere habe sich, aus ganz Griechenland vertrieben, zu seinem ärgsten Feind. Xer- xes, geflüchtet und bei ihm bis zu seinem Tode aufgehalten; Gelon hingegen habe sich nach der Schlacht immer noch größeres Ansehen bei den Syrakusiern erworben, sey auf dem Thron alt geworden und bis 'n seinen Tod hochgeachtet worden; so groß sey die Znne gunq seiner Mitbürger gegen ihn gewesen, daß noch drei Angehörigen seines Hauses die Herrschaft geblieben sey. Wer uiuer jenen Feldherrn sich verdienten Ruhm erworben hat, dem **) wird denn auch von uns das gebührende Lob ertheilt. -4. Wir setzen nun die Erzählung fort. Es fügte sich, daß Gelon an demselben Tage siegte, wo die Streiter in Thermopylä unter Leoaioas gegen Terres kämpften; als hätte *) Es fehlt Nichts im Text. und ebensowenig ist nachher /7«v<7«vior- -rost zu ändern. **) Nämlich dem Gelen und Themistokles, aber nicht dem Pansanias. Vgl. Cap. 59. 4g. 752 Diodor'S historische Bibliothek. Eilftes Buch. die Gottheit absichtlich den schönsten Sieg und die ruhmvollste Niederlage in der nämlichen Zeit zusammentreffen lassen. In der Schlacht bei der Stadt Himera entgingen der Zerstörung zwanzig Kriegsschiffe, welche Hamilkar nicht auf's Trockene gebracht hatte, um sie im Nothfall gebrauchen zu können. Diese segelten denn noch zu rechter Zeit ab, während beinahe die ganze übrige Mainschaft theils getvdtet theils gefangen wurde. Da sie aber Viele der Fliehenden aufgenommen hatten und daher überladen waren, so gingen sie in einem Sturm, von welchem sie überfallen wurden, Alle zu Grunde. Nur wenige Leute retteten sich auf einem kleinen Boot nach Karthago und brachten ihren Mitbürgern die Nachricht, indem si<- ihnen kurzweg meldeten, Alle, die nach Sicilien übergesckifft, seyen umgekommen. Die Karthager gerietben über dem großen Unglück, das sie wider Erwarten getroffen, in solchen Schrecken, daß sie insgesammt die Nächte durchwachten, um die Stadt zu beschützen, weil sie glaubten, Gelon habe sich sogleich entschlossen, mit seiner ganzen Macht sich nach Karthago einzuschiffen. Wegen der großen Zahl der Umgekommenen entstand eine allgemeine Trauer in der Stadt, während die Häuser der einzelnen Bürger voll Wehklagens und Jammerns waren. Denn Einige vermißten ihre Söhne/ Andere ihre Brüder; am größten aber war die Zahl der jungen Waisen, welche das Loos der Vater, die ihnen der Tod entrissen, und ihr eigenes beklagten, daß sie nun hülf- lvs waren. Da die Kartha wr fürchteten, Gelon möchte sie durch einen Seezug gegen Libyen überraschen, so schickten sie sogleich die größte» Redner und Staatsmänner als bevollmächtigte Gesandte an ihn ab. Ol. ?5, i. I. R. 274. v. Chr. 4^o. ?53 25 . Gelen belohnte nach dem Siege die Reiter, welche den Hamilkar getödret harten, mit Geschenken, nnd ertheilte auch den klebrigen, die sich taxier gebalten, Kampfpreise. Bon den eroberten Schätzen bewahrte er das Schönste auf, um die Tempel in Syrakus mit der Beute zu schmücken. Außerdem heftete er Vieles in den angesehensten Tempeln von Hiiuera au. Das klebrige vertheilte er mit den Gesogenen unter die Bundesgenossen , nach dem Verhältnisse der Zahl von Streitern, welche sie geliefert hatten. Die Städte ließen die Gefangenen, die ihren zugetheilt wurden, in Fesseln schlagen und die öffentlichen Arbeiten durch sie verrichten Die Agrigentin e r, welchen die Meisten zufielen, verschönerten ihre Sradt und die Umgegend. Bei ihnen war nämlich die Menge der Gefangenen so groß, daß mancher Bürger fünfhundert Gefesselte im Hause hatte. Denn außerdem, daß sie viele S weiter zur Schmacht gestellt, war die Anzahl der Gefangenen bei ihnen auch darum größer, weil, als die Feii de Wicken, Viele den Fliehenden in's Innere des Landes und hauptsächlich iu das Gebiet von Agrigent sich gewandt hatten. Diese Alle fielen den Agrr- gentiuer» in die Hände, und so wurde die Sradt voll von Gefangenen. Die Meisten wurden der sämmtlichen Bürger- schaft zugetheilt, und diese mußten die Steine hauen, mit welchen nicht nur die größten Tempel der Götter gebaut, sondern auch die unterirdischen Canäle zur Ableitung des Wassers aus der Stadt angelegt wurde», ein Werk, das um seiner Größe willen sehenswert!, ist, so gering es auch wegen seiner niedrigen Bestimmung geachtet wird. Der Mann, der dieses Unternehmen leitete, hieß Phäar, und weil sein 764 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. Werk so berühmt wurde, so nannte man die unterirdischen Canäle nach seinem Namen Phäaken. Die Agrigentiner legten ferner mit großen Kosten einen Teich an, welcher sieben Stadien im Umfang harte und zwanzig Ellen rief war. Man leitete Fluß- und Quellwaffer dahin, und so wurde es ein Fischbehalter, welcher köstliche Fische für üppige Tafeln in großer Zahl lieferte. Da auch Schwane in Menge dem Teichs zuflogen, so bot er einen malerischen Anblick dar. Er wurde aber in der Folge vernachlässtgt, und daher verschüttet und mit er Länge der Zeit gar zerstört. Ihr ganzes Land pflanzten die Agngentiner mit Weinreben an und mit Bäumen aller Art, die sie dicht nebeneinander sehten, so daß es ihnen reichen Ertrag gewährte. Getön entließ die Buiidestrnppen und führte seine Fyrakusier nach Hanse. Sein großes Waffenglück vernchaffte ihm Achtung bei seinen Mitbürgern nicht nur, sondern in ganz Sicilien. Denn er brachte eine solche Menge von Gefangenen mit, daß mau hätte glauben sollen, ganz Libyen wäre gefangen auf die Insel geführt. 26. Es kamen auch sogleich von den Städten uns Herrschern , die sich ihm bisher widersetzt harten, Gesandte zu ihm, nm wegen der begangenen Fehler um Verzeihung zu bitten und für die Zukunft Gehorsam gegen alle seine Befehle zu versprechen. Er verfuhr gegen Alle billig und schloß mit ihnen ei» Lüudniß. Er wußte sich in sein Glück menschlich zu schicken, nicht blos sehen, sondern auch seinen ärgsten Feinden, den Karthagern, gegenüber. Denn als die von Karthago abgeschickten Gesandte» bei ihm eintrafen, und mit Thränen baren, er möchte die Karthager menschlich be- Ol. ? 5 , i. I. R. 274. v. Chr. 480, ?55 handeln, so gewährte er ihnen Frieden; nur legte er ihnen die Bezahlung der Kriegskosten auf, die sich auf zweitausend Sildertalente belicfen. Auch hieß er sie zwei Heiligrhümer bauen, um darin die Urkunden des Vertrags niederzulegen Die Karthager, die sich so unverhofft gerettet sahen, verstanden sich nicht nur zu diesen Leistungen, sondern versprachen noch dazu der Gemahlin Gelon's, Damareta, eine goldene Krone. Denn sie war es, die, von ihnen gebeten, hauptsächlich zum Abschlüsse des Friedens mitwirkte. Aus der Krone von hundert Talenten Goldes, welche sie von ihnen erhielt, ließ sie eine Münze prägen, die nach ihrem Namen Damaretiou genannt wurde. Dieselbe enthielt zehn Attische Drachmen und hieß bei den Tiriliern nach ihrem Gewicht Pentckontalitron *). Zu dem billigen Verfahren gegen Jedermann war Gelon schon durch seine Gemüthsart geneigt, besonders aber auch, weil er Jedermann durch Wohlwollen zu gewinnen snci'te. Er rüstete sich nämlich, mit einem großen Heer nach Griechenland zu schiffen, um den Griechen gegen die Perser bciznstehen. Aber als er eben im Begriff war sich einzuschiffen, kam ein Fahrzeug aus Ko- rinrh an mit der Nachricht, daß die Griechen die Seeschlacht bei Salamis gewonnen und daß Lerrcs mit einem Theil seiner Kriegsmacht Europa verlassen habe. Nun gab er sein Vorhaben auf und bezeugte den Kriegern seine Zufriedenheit mit ihrem Eifer. Zugleich berief er eine Volksversammlung, *) O. h. fünfzig Llträ'. Wenn übrigens auf eine Sicilische Litra, wie gewöhnlich, Hz Attische Obolen gerechnet werden, so machen fünfzig Liträ nicht zehn sondern beinahe vierzehn Attische Drachmen aus. 756 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. in welcher nach seinem Befehl Jedermann bewaffnet erscheinen mußte. Er selbst aber trat in die Versammlung nicht nur uübewaffnek, sondern sogar ohne Unterkleid im bloßen Mantel, und legte von seinem ganzen Leben und seinem Verhalten gegen die Byraknner Rechenschaft ab. Alle Theile seines Vertrags nahm das Volk mit Zeichen des Beifalles auf und bewundert wurde er besonders darum, weil er so zuversichtlich einem möglichen Mordanschlag sich bloßstrlltc. Statt aber Rache an ihm als einem Tyrannen zu üben, erklärten ihn Alle einstimmig für ihren Wohlthäter und Retter und König. Nach dieser Geschichte ließ Gelon von der Bruce ansehnliche Tempel für Demeter und Köre*- erbauen, und einen goldenen Dreifuß von sechzehn Talenten machen, den er, als Zeichen der Dankbarkeit gegen Ap o llo , in's Heiligrhum zu Delphi stiftete. Später hatte er im Sinn, auch am Aetna einen Tempel der Demeter zu erbauen. Allein ehe er an die Ausführung dieses Vorsatzes**; kam, setzte das Schicksal seinem Leben ein Ziel. — Von den Liederdichtern blühte Pindarus um diese Zeit. — Dieß ist nun ungefähr das Merkwürdigste, was in jenem Jahr geschehen ist. -7. Als in Athen Xanthippus Archen war, wählten die Römer zu Consuln Quinrus Fab ins Vibula- nus und Servius Cornelius Cossus sJ. R. 275. v. Christus 479^. In diesem Jahr stand die Flotte der Per ser, *, Vgl. V. 2. **) Es ist vielleicht aus entstanden, indem die 4 ersten Buchstaben wegen des vorangehenden übersehen wurden. Ol. ? 5 , 2. I. R- 275. v. Chr. 479. 767 die in *) der Seeschlacht bei Salamis besiegt war, mit Ausnahme der Phönicier bei Cyme. Hier hatte sie überwintert/ und als der Sommer herannahte, fuhr sie an der Küste nach Samos hinüber, um Jonien zu bewachen. Es waren bei Samos im Ganzen über vierhundert Swiffe. Diese beobachteten die Städte der Ionier, bei welchen man feindliche Gesinnungen vermuthete. In Griechenland thaten sich nach der Seeschlacht bei Salamis die Athener, denen man den Sieg zu vereauken glaubte, darauf so viel zu gut, daß Jedermann deutlich genug sah, sie werden den Oberbefehl zur See'den Lacedämoniern streitig machen. Deßwegen waren die Lacedämonier, weil sie diesen Erwlg fürchteten , eifrig bemüht, den Stolz der Athener zu demüthigen. Sie brachten es daher bei dem Gericht, das über die Preise der Tapferkeit zu entscheiden hatte, durch ihren mächtigen Einfluß dahin, daß unter den Staaten der Preis den Aegi- neten , unter den einzelnen Bürgern aber dem Athen er Aminias, dem Bruder des Dichters Aeschylns, zuerkannt wurde. Dieser war nämlich unter den Führern der Dreiräder der Erste gewesen, der einem Persischen Schiffe einen Stoß beibrachte, und zwar dem Schiffe des Befehlshabers der Flotte; er hatte es zerstört und den Befehlshaber getödret. Da die Athener die unverdiente Zurücksetzung übel aufnahmen, so fürchteten die Lacedämonier, Thsmistokles möchte, aufgebracht über diese Behandlung, ihnen und den andern Griechen ein großes Uebel bereiten. Daher belohn.» ten sie ihn mit Geschenken, die das Doppelte von Dem be--. P Nach Wesseling's Verbesserung xar« für /nrr«. 758 Divdor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. trugen, was Andere als Preis erhalten hatten. Weil The- mistoklcs die Geschenke annahm, so entsetzte ihn das Volk der 'Athener der Feldherrnstelle und übertrug den Oberbefehl dem ZLaulhippns, Ariphron's Sohn. -L. Als die Unzufriedenheit der Athener über die Griechen bekannt wurde, kamen Gesandte nach Athen von den Persern und von den Griechen. Die Abgeordneten der Perser sagten, Mardonins, der Feldherr, verspreche den Athenern, wenn sie auf die Seite der Perser treten, was sie vom Griechischen Gebiete wollen, ihnen einzuräumen, ihre Mauern und Tempel wieder aufzubauen upd der Stadt die Unabhängigkeit zu lassen. Die Gesandten der Lacsdämonier aber forderten sie auf, den Fremden kein Gehör zu geben, sondern den Griechen, mit denen sie Eines Stammes seyen und Eine Sprache reden, treu zu bleiben. Die Athener antworteten den Fremden, die Perser haben weder ein solches Land noch so viel Gold zu verschenken, daß sie damit die Athener bewegen könnten, die Griechen zu verlassen. Den Lacedämoniern aber gaben sie zur Antwort, sie werden sich die Sorge für das Wohl Griechenlands, welche sie früher bewiesen haben, auch fortan ebenso eifrig angelegen seyn lassen, von ihnen aber erwarten sie, daß sie sobald als möglich mit den sämmtlichen Bundestruppen nach Attika kommen; denn es sey vorauszusehen, daß Mardonius, da sich die Athener gegen ihn erklärt haben, mit seinem Heer gegen Athen ziehen werde. So geschah es auch wirklich. Mardonius, welcher mit seiner Kriegsmacht in Böorien stand, suchte zuerst einige Städte im Peloponnes znm Abfall zu verleiten, indem er unter die Vorsteher der Städte Geld austheilen Ol. ». Z. R- 278. v. Chr. 479. 769 Ließ. Darauf, als er die Antwort der Athener vernahm, «grimmte er und zog mit seinem ganzen Heere gegen Attika. Außer den Truppen, die ihm von Xerres überlassen waren, hatte Mardonius selbst noch viele andere aus Thracien, Ma- cesonien und den übrigen verbündeten Staaten zusammengebracht, mehr als zweimalhunderttausend Mann. Als diese große Macht gegen Attika anrückte, schickten die Athener Boten an die Lacedämonier und baten um Hülfe. Da aber Diese verzogen und die Fremden in Attika einfielen, geriethen sie in Schrecken, nahmen wiederum Weiber und Kinder und, was sie sonst noch schnell fortbringen konnten, mit sich, verließen die Heimath und flüchteten sich abermals nach Salamis. Mardonius verwüstete, weil er über sie aufgebracht war, das ganze Land, zerstörte die Stadt und riß die Tempel, die noch übrig waren, von Grund aus nieder. -g. Nachdem Mardonius mit seinem Heer wieder nach Theben *) gekommen war, beschloß die Versammlung der Griechen, sie wollten, vereinigt mit den Athenern, alle zusammen nach Platää ziehen und dort für die Freiheit kämpfen; zugleich wollten sie den Göttern geloben, wenn sie siegten, an jenem Tage die Freiheit von ganz Griechenland zu feiern und in Platää Kampfspiele an diesem Frciheitsfeste zu halten. Die auf dem Isthmus versammelten Griechen beschloßen ferner Alle, sich zum Krieg mit einem Eide zu verpflichten , der ihre Einigkeit bewahren **) und sie zwinge» Nach Dindorf's Verbesserung für **) Für mag es PvXäEonr« oder vielleicht rygEovr« geheißen haben. Diodor. 6s Bbchn. 4 760 Dl'odor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. sollte, den Kampf muthig zu bestehen. Der Eid lautete so: „Ich will nicht das Leben höher achten als die Freiheit, noch die Feldherrn verlassen, weder im Leben noch im Tode, sondern die in der Schlacht gefallenen Mitstreiter Alle begraben; und wenn ich im Krieg die Fremden überwinde, will ich aus keiner der Städte, die mitgekämpft, die Bürger vertreiben *), und von den verbrannten und zerstörten Tempeln keinen aufbauen , sondern sie im Schutt liegen lassen zum Denkmal der Gottlosigkeit der Fremden für die Nachwelt." Nachdem sie den Eid geschworen, zogen sie nach Bvotien über den Cithäron, und als sie an den Fuß des Gebirges kamen, schlugen sie ein Lager in der Nähe von Eryth rä. Die Athener führte Aristides an, das gesammte Heer aber Pausanias, der Vormund des Sohnes von Leonidas. 5o. Als Mardonius erfuhr, daß die feindliche Macht nach Böotien vorrückte, brach er von Theben auf, zog bis an den Fluß Asopus und schlug daselbst ein Lager, das er mit einem tiefen Graben verwahrte und mit einer hölzernen Mauer umgab. Die Gesammtzghl der Griechen belief sich auf hunderttausend, der Fremden auf fünfmalhunderttauseyd Mann. Das erste Gefecht fingen die Fremden an, indem sie bei Nacht in Masse gegen den Feind anrückten und mit der gesammten Reiterei das Lager angriffen. Die Athener, die es vorher gemerkt, zogen ihnen in voller Schlachtordnung getrost entgegen, und so entstand ein hartnäckiger *) In Lykurgs Rede gegen Leokrates ist hinzugesetzt: Alle aber, die sich zu den Fremden geschlagen, verzahnten. Vgl. Cap. z- ' ' ' Ol. ? 5 , 2. I. R. 275. v. Chr. 479. 76L Kampf. Endlich brachten alle Abtheilungen der Griechen die gegenüberstehenden Fremden zum Weichen, die Megäre er ausgenommen, die es mit dem Anführer der Persischen Reitern und dem Kern derselben zu thun hatten. Bedrängt im Gefechte, verließen sie zwar ihre Stellung nicht, schickten aber einige von ihren Leute» zu den Athenern und Lacedä- moniern und baten um schleunige Hülfe. Aristides sandte sogleich die Auserlesensten der Athener ab, die er bei sich hatte. Diese griffen in geschlossenen Reihen die Fremden an, retteten die Megareer aus der drohenden Gefahr, erlegten den Anführer der Persischen Reiterei und viele Andere, und schlugen die klebrigen in die Flucht. Da die Griechen bei diesem Vorspiele des Kampfes so schöne Vortheile errungen hatten, so machten sie sich gute Hoffnung auf einen vollständigen Sieg. Sie rückten hierauf mit ihrem Lager von dem Fuße des Gebirges an einen andern Ort, der zu einem vollständigen Sieg besser gelegen war. Es war nämlich zur Rechten ein hoher Himel und zur Linken der Fluß Asopus, und den Raum dazwischen nahm das Lager ein, das demnach schon durch eine natürliche Verschanzung gedeckt war. Diese eingeschlossene Gegend, welche die Griechen mit Vorbedacht ausgewählt harten, war ihnen zum Sieg sehr behülflich. Denn die Phalanx der Perser konnte sich nicht auf eine weite Strecke ausdehnen; also nützten den Fremden ihre vielen Tausende nichts. So zogen denn die Truppen des Pausanias und Aristides im Vertrauen auf ihre günstige Stellung in den Kampf aus, und rückten in einer der Beschaffenheit des Orts angemessenen Schlachtordnung gegen den Feind an. 4 * 762 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. L>. Mardonins, genöthigt seine Phalanx tief zu machen, stellte sein Heer so, wie er dachte, daß es am vvr- theilhaftesteu wäre, und ging mit Schlachtgeschrei den Griechen entgegen. Er selbst hatte die besten Truppen um sich und begann das Treffen, indem er die ihm gegenüberstehenden Lacedämonier angriff. Er kämpfte tapfer und erlegte von den Griechen eine große Zahl. Da sich aber die Lacedämonier standhaft widersetzten und muthig jeder Gefahr trotzten, so entstand unter den Fremden ein großes Blutbad. Solang nun Mardonins mit den Aerntruppen an der Spitze focht, hielten die Fremden den Sturm muthig aus. Als aber Mardonins tapfer streitend fiel und seine Auserlesenen theils umkamen theils verwundet wurden, da ließen sie den Muth sinken und ergriffen die Flucht. Von den Griechen verfolgt, flüchtete sich der größte Theil der Fremden hinter die hölzerne Mauer. Was die Andern betrifft, so zogen sich die Griechen, die unter dem Heer des Mardonins dienten, nach Theben zurück; die klebrigen, mehr als vierzigtansend Mann, sammelte Artabazus, ein geachteter Mann unter den Persern, und floh mit ihnen nach der andern Seite; er zog sich in Eile zurück auf dem Weg nach Phocis. 5-. Da auf diese Art die Fremden auf der Flucht sich trennten, so theilte sich ebenso auch das Griechische Heer. Die Athener, Platäer und Thespier verfolgten Diejenigen, die sich nach Theben wandten; die Korinther, Sicyonier, Phliasier und einige Andere setzten Denen nach, die mit Artabazus flohen; die Lacedämonier aber mit den klebrigen verfolgten Die, welche sich hinter die hölzerne Mauer flüchteten, Ol. ? 5 , 2. I. R. 275. v. Chr. 479. ?63 und griffen rüstig an *). Die Thebaner nahmen die Flüchtlinge auf und widersetzten sich, mit ihnen vereinigt, den verfolgenden Athenern. Es kam vor den Thoren zu einem hartnäckigen Gefeckt, und die Thebaner hielten sich tapfer, so daß auf beiden Seiten nicht Wenige fielen; endlich aber flohen sie, von den Athenern überwältigt, nach Theben zurück. Hieraus kehrten die Athener zu den Lacedämoniern um und griffen mit ihnen die ins Persische Lager Geflohenen in ihrer Verscbanzung an. Auf beiden Seiten wurde hitzig gekämpft; die Fremden wehrten sich tapfer aus ihrer Festung, und von den Griechen, welche die hölzerne Mauer stürmen wollten, wurden Viele in dem verwegenen Kampfe verwundet und nicht Wenige erlagen der Menge von Geschossen und litten muthig den Tod. Indessen konnte weder das Bollwerk der Mauer noch die große Zahl der Feinde den stürmischen Angriff der Griechen aushalten; alle Hindernisse mußten der Gewalt weicken. Denn es wetteiferten miteinander die Anführer der Griechen, die Laeedämvnier und Athener, begeistert durch die frühern Siege und trotzend auf ihre Tapferkeit. Endlich durch Gewalt bezwungen, baten die Fremden um ihr Leben, fanden aber keine Gnade. Denn der Feldherr der Griechen , Pausanias, sah, daß die Fremden am Zahl überlegen waren. Daher gab er, aus Besorgniß, bei der vielfach größeren Anzahl der Fremden konnte ein unerwarteter Fall eintreten, den Befehl, Keinem das Leben zu schenken; und so wurde schnell eine unglaubliche Menge niedergemacht. Kaum sehten die Griechen endlich dem Morden *) Für enop-AiZiran ist vielleicht zu lesen. 764 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. der Feinde ein Ziel, nachdem sie über hunderttausend Mann erlegt hatten. ZZ. Diesen Auegang nahm die Schlacht. Die Griechen begruben ihre Gefallenen, deren über zehntausend waren, und verrheilten die Beute nach der Anzabl der Streiter. Sie hielten ein Preisgericht, in welchem nach Gunst entschieden* *) und unter den Staaten Sparta, unter den Einzelnen aber dem Lacedäm 011 ier Pausanias der Preis zuerkannt wurde. Artabazus, welcher gegen vierzigtausend der stiebenden Perser bei sich hatte, zog durch Phons nach Macedonien und rettete sich, indem er den Weg sehr schnell zurücklegte, mit seinen Truppen nach Asien. Aus der Beute wählten die Griechen den Zehnten aus und ließen davon einen goldenen Dreifuß machen, den sie nach Delphi stifteten. Er hatte folgendes Distichon zur Inschrift: :Sieh', dieß haben geweiht die Erretter der räumigen Hellas, Welche die Städte vom Greul knechtischer Bande befreit. 'Auch den in Thermopylä Gefallenen weihten sie eine Inschrift; und zwar Allen zusammen diese: Hier einst war es, wo gegen die zweimal tausendmal Tausend Viermal tausend im Kampf standen vom Peloponnes. Folgende aber den Lacedämoniern insbesondere:**) *) Für /«(uriFov xkXküctaurog kann /«(ure öe«Ftx«- eraorrs oder nach Rhodomannus ^erstere AovXbvctcru- rkg gelesen werden. Nach Sichstädt's Lesart /ccssert r» xkilkuctaurog hieße es: aus Gefälligkeit gegen Den, der darauf angetragen, unter den u. s. w. *) Nach Dindorf'S Verbesserung, welcher rol§ für avrolg seyt und darauf das ^laxkA«li,oviot§ folgen läßt, das Ol. ?5, 2 . I. R. 2^5. v. Chr. 479» ?65 Wanderer, melde dem Volk Lacedämon's, seinen Gesetzen Wollten wir bleiben getreu, darum so liegen wir hier. Ebenso ehrte auch das Volk der Athener durch Grabmäler hie im Persischen Krieg Gefallenen, stellte hier das erstemal die Leichenspiele an, und verordnete durch ein Gesetz, daß Lobreden auf die öffentlich Bestatteten durch dazu bestellte Redner gehalten werden sollten. Darauf zog der Heerführer Pausauias seine Truppen zusammen und rückte vor Theben, nm die Auslieferung der Stifter des Bündnisses mit den Persern *) zur Bestrafung zu fordern. Als die Thebaner vor der Menge der Feinde und ihrer Tapferkeit zagten, boten sich die Schuldigsten, die zum Abfall von den Griechen gerathen hatten, freiwillig zur Auslieferung an; sie wurden von Pausanias Alle mit dem Tode bestraft. 5ä. An demselben Tags, an welchem bei Platää gestritten wurde, fiel auch in Jonien eine große Schlacht zwischen den Griechen und den Persern vor. Um sie zu beschreiben, müssen wir in der Erzählung auf die Veranlassung zurückgehen. Leotychidas von Lacedämon und Lauer oben tilgt. Denselben Sinn gibt übrigens die gewöhnliche Lesart, wen» man annimmt, Diodor habe gleich anfangs die Grabschrift der dreihundert Spartaner im Sinn gehabt. Leichter wäre die Aenderung von Sintenis, ^kcexkAatsto'nMi für — oviolg, und crvroeg für av- rolg, der Sinn aber weniger schicklich (auch weihten die Lacedämonier den in Therm. .... folgende aber sich selbst insbesondere). *) Für Mssorkpag wird zu lesen sehn. So Stroth in seiner Ueberseyung, und Dindorf. h66 SiöLör's historische Bibliothek. Eilftes Buch. thippns von Athen, die Anführer der Seemacht, zogen nach der Schlacht von Salamis die Flotte bei Aegina zusammen , und nachdem sie einige Tage daselbst geblieben, fuhren sie nach Delos mit zweihundert und fünfzig Dreirudern. Während sie hier vor Anker lagen, kamen Abgesandte von Samos, welche begehrten, sie sollten die Griechen in Asien befreien. Leotychidas hielt Rath mit den übrigen Feldherrn. Nachdem sie die Samier angehört, beschloßen sie, die Städte zu befreien, und segelten eilig von Delos ab. Als die Befehlshaber der Persischen Schiffe, die bei Samos standen, das Anrücken der Griechischen Flotte erfuhren , zogen sie sich mit den sämmtlichen Schiffen von Samos zurück und landeten beiMykale in Jonien. Sie brachten , weil sie sahen, daß die Schiffe eine Seeschlacht nicht aushalten könnten, dieselben aufs Trockene und umgaben sie mit einer hölzernen Mauer und einem tiefen Graben. Zugleich ließen sie aber anch Landtruppen aus Sardes und den benachbarten Städten kommen und brachten im Ganzen gegen hunderttausend Mann zusammen; auch versahen sie sich mit allen andern Kriegsbedürfnissen. Denn sie vermutheten, die Jonier werden wirklich zu den Feinden übergehen. Die Griechen unter Leotychidas rückten mit der ganzen wohlgerüsteten Flotte den Fremden, die in Mykale standen, entgegen, schickten aber ein Schiff mit dem Herold, der unter dem ganzen Heer die stärkste Stimme hatte, voraus. Dieser erhielt Befehl, gegen die Feinde heranzuschiffen und mit lauter Stimme auszurufen < die Griechen, nachdem sie bei Platää die Perser besiegt, kommen nun, um die Griechischen Städte in Asien zu befreien. Das thaten die Leute Ol. ? 5 , 2. I. R. 275. v. Chr. 479 - 767 des Leotychidas in der Hoffnung, die Griechen , die unter dem Heere der Fremden dienten, würden von den Persern abfallen und es würde eine große Verwirrung im Lager der Fremden entstehen. So geschah es auch wirklich. Als der Herold gegen die auf dem Trockenen liegenden Schiffe heran- fuhr und ausrief, was ihm befohlen war, so wurden die Perser mißtrauisch gegen die Griechen, und diese verabredeten sich über einen Aufstand. 55. Nachdem die seuropäischen) Griechen die Stimmung derselben erkundet hatten, seyten ste ihre Truppen an's Land. Als sie sich am folgenden Tage zur Schlacht rüsteten, verbreitete sich das Gerücht, die Griechen haben die Perser bei Platää besiegt. Daher beriefen Leotychidas und die übrigen Feldherrn eine Versammlung und ermunterten ihre Truppen zum Kampf, indem sie unter Anderem, was sie ihnen vorstellten, von dem Sieg bei Platää mit Begeisterung sprachen*). Denn dadurch hofften ste den Muth derselben zu dem bevorstehenden Treffen zu stärken. Wunderbar ist es, daß es gelang **). Denn bekanntlich fielen die beiden Schlachten an demselben Tage vor, die bei Mykale und die bei Platää geliefert wurde. Folglich konnten Leotychidas und die übrigen Feldherrn noch keine Nachricht von dem Siege haben. Es hatte also den Anschein, als hätten ste den glücklichen Ausgang nur erdichtet und sich einer Kriegslist bedient. Denn aus der Größe der Entfernung ließ sich die Uumög- *) Statt 7ra§wS«nrLg' ist wahrscheinlich rca/PöLvrxg zu lesen. **) Nach xz-xvero hat man mit Eichstädt rö hineinzusetzen. 668 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. kichkeit, daß eine Botschaft gekommen, beweisen. Die An- fübrer der Perser entwaffneten die Griechen, weil sie ihnen nicht trauten, und gaben die Waffe» ihren Getreuen. Sie ermunterten die Truppen und machten Allen Muth znm Kampf, indem sie vorgaben, Teeres selbst werde mit einer großen Heeresmacht zu Hülfe kommen. 56. Als beide Heere i» Schlachtordnung gestellt waren und gegeneinander anrückten, sahen die Perser mit Verachtung die geringe Zahl der Feinde und griffen mit lautem Geschrei an. Die Samier und Milesier hatten sich entschlossen, mit ihren sämmtlichen Truppen den Griechen zu Hülfe zu kommen, und eilten, miteinander vereinigt, herbei. Als sie den Griechen zu Gesicht kamen, dachten die Jvnier, nun werden die Griechen um so mehr Muth fassen; allein es geschah das Gegentheil. Die Leute des Leotychidas fürchteten sich, weil sie meinten, Teeres rücke von Sardes her mit seiner Heeresmacht an. Es entstand Verwirrung und Uneinigkeit unter dem Heer. Denn Einige erklärten, man müsse sich so schnell als möglich einschiffen, Andere aber, man müsse bleiben und muthigen Widerstand thun. Während sie so unschlüssig waren, erschienen die Perser furchtbar gerüstet und rückten mit Geschrei heran. Nun hatten die Griechen keine Zeit mehr zum Berathschlagen; sie waren genöthigt, dem Angriffe der Fremde» Stand zu halten. Im Anfang blieb das Treffen, da beide Heere tapfer stritten, unentschieden, und es fiel eine große Zahl auf beiden Seiten. Als aber die Samier und Milesier erschienen , faßten die Griechen Muth, die Fremden- aber verzagten und ergriffen die Flucht. Es erfolgte ein großes Blut- Ol. ? 5 , 2. I. R. 2-5. v. Chr. ^79. 769 bad; die Truppen des Leotychidas und Xanthippus setzten den Ueberwnndenen nach und verfolgten die Fremden bis ins Lager; und als die Schlacht bereits entschieden war, leisteten iknen noch die Aeolier und viele von den andern Asiaten Hülfe. Denn es ergriff die Städte in Asien ein mächtiges Verlangen nach der Freiheit. Daher vereinigten sie sich beinahe Alle, weder um die Geißel noch um die Eide sich bekümmernd, mit den andern Griechen, die Fremden auf der Flucht niederzumachen. Bei dieser Niederlage der Perser kamen mehr als vierzigtansend Mann um, zind von den Ucbriggebliebenen flüchteten sich Einige in's Lager, die Andern zogen sich nach Sardes zurück. Als ZLerres die Nachricht von der Niederlage bei Plarää und von der Flucht seiner eigenen Truppen bei Mykale erhielt, ließ er einen Theil der Kriegsmacht in Sardes zurück, um den Krieg Mit den Griechen fortzuführen; er selbst aber brach voll Bestürzung mit dem übrigen Heer auf und nahm seinen Weg nach Ekbatana. 37. Leotychidas und Xanthippus schifften mit ihrem Heer nach Samos, und schloßen ein Bündniß mit den Jo- niern und Aeoliern. Darauf gaben sie ihnen den Rath, Asien zu verlassen und sich nach Europa überzusiedeln. Sie versprachen ihnen, die medisch gesinnten Völkerschaften z« vertreiben und deren Land ihnen zu geben. Denn wenn sie in Asien blieben, so hätten sie immer die an Macht weit überlegenen Feinde zu Nachbarn , und die Bundesgenossen , dnrch's Meer getrennt, könnten ihnen nicht zu recbter Zeit Hülfe leisten. Die Aeolier und Jonier nahmen, als sie die Versprechungen hörten, den Vorschlag der Griechen an, und 770 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. rüsteten sich, mit ihnen »ach Europa zu schiffen. Die Athener waren aber nun der entgegengesetzten Meinung und riechen ihnen wieder zu bleiben; wenn auch sonst Niemand von den Griechen ihnen hälfe, sagten sie, so würden wenigstens die Athener als Stammverwandte ihnen zu Hülfe kommen. Sie dachten nämlich, wenn von der Gesammtheit der Griechen die Ansiedelung der Jonier gestiftet würbe, so würden Diese nicht mehr Athen als ihre Mntterstadt anerkennen. So geschah es, daß die Jonier andern Sinnes wurden und sich entschloßen in Asien zu bleiben. Nachdem Dieß entschieden war, trennte sich das Heer der Griechen. Die Lacedä- monier fuhren nach Lakonien zurück, die Athener aber schifften sich mit den Joniern und den Inselbewohnern nach S e- stns ein. Der Feldherr Lanthippus fieng sogleich, nachdem sie gelandet, die Belagerung der S:adt an. Er eroberte Sestns und legte eine Besatzung hinein. Nun entließ er die Bundestruppen und kehrte mit seinen Landsleuten nach Athen zurück. Dieses Ende nahm der sogenannte medische Krieg, nachdem er zwei Jahre gedauert harte. Der Geschichtschreiber Herodot, welcher in neun Büchern die allgemeine Geschichte beinahe der ganzen Welt beschrieben hat, endet seine, noch vor der Zeit des Trojanischen Kriegs anfangende, Erzählung mit der Schlacht, welche die Griechen den Persern bei Mykale geliefert, und der Belagerung von Sestns. r In Italien führten die Römer gegen die Volsker Krieg; sie gewannen eine Schlacht, in welcher sie Viele tödteten. Spurius Cassius, der im vorigen Jahr Con- sul gewesen, wurde verurtheilt und getödlet, weil man Ol ?5, 3. I. R. 276. v. Chr. 478. 7^ glaubte, er strebe nach der Alleinherrschaft. Dieß sind nun die Begebenheiten jenes Jahrs. Z8. Als in Athen Timost henes Archen war, ging in Rom die Sonsulswürds auf Käso Fabius und Lucius Aemilius Mamercus über fJ. R. -76. v. Chr. 478s. In diesem Jahr herrschte auf der Insel Sicilien tiefer Friede, weil die Karthager völlig gedemüthigt waren und Gelon die Tirilier mit Milde beherrschte und den Städten viele gute Gesetze und Ueberfluß an allen Bedürfnissen verschaffte. Die Syrakusier hatten die kostspieligen Begräbnisse durch ein Gesetz abgeschafft und den Aufwand, der gewöhnlich bei Leichenbegängnissen gemacht wurde, beschränkt; es waren in dem Gesetze sogar die allereinfachsten Sterbekleider vorgeschrieben *). Nun ließ der König Gelon, damit der Eifer des Volks in allen Fällen gleich erhalten würde, das Leichengesetz auch für seine Person gelten. Als er nämlich an einer Krankheit ohne Hoffnung der Genesung darnie- derlag, so übergab er die Herrschaft seinem ältesten Bruder Hieran, und verordnete wegen seines Begräbnisses ausdrücklich, man sollte genau bei dem Gesetz stehen bleiben. Daher wurde seine Bestattung von dem Nachfolger in der Regierung dem Willen des Verstorbenen gemäß veranstaltet. Seine Leiche wurde auf dem Landgut seiner Gemahlin begraben , bei den sogenannten neun Thürmen, welche äußerst feste Gebäude waren. Das ganze Volk aus der Stadt begleitete die Leiche, obgleich der Ort zweihundert Stadien *) Es ist vielleicht zu lesen Ae xv rw vvjUw xai rwv Iiar-rrkwj,- kvrkXwv eurcePewn. 772 Diodor'S historische Bibliothek» Eilftes Buch. entfernt war. Nachdem er hier beerdigt war, errichtete das Volk ein ansehnliches Grabmal und widmete dem Gclon die Ehre der Heroen. In der Folge zerstörten die Karthager das Grabmal, als sie gegen Syrakus zu Felde zogen, und die Thurme riß Agathokles aus Mißgunst nieder. Indessen konnte weder der Haß der Karthager noch die persönliche Feindschaft des boshaften Agathokles noch irgend eine andere Macht den Gclon seines Rnhms beraube». Denn das gerechte Zeug iß der Geschichte hat seinen Namen bewahrt und macht ihn allen Zeiten kund. Es ist ja nicht nur billig, sondern auch für die menschliche Gesellschaft heilsam, daß durch die Geschichte die schlechtgesinnten Machthaber gebrand- markt werden und die verdienstvollen einen unsterblichen Namen erhalten; denn Das wird am gewissesten Manchen der Späterlebenden ermuntern, für das allgemeine Beste zu wirken. Gelon's Herrschaft hatte sieben Jahre gedauert; sein Bruder Hieran, der ihm in der Regierung folgte, war eilf Jahre und acht Monate König von Syrakus. z;. In Griechenland brachten die A th e n e r nach dem Siege bei Platää ihre Weiber und Kinder von Trözen und Salamis wieder nach Athen zurück. Auch waren sie sogleich darauf bedacht, die Stadtmauer aufzubauen und andere Maßregeln zu ihrer Sicherheit zu treffen. Die Lace- dämonier aber, welche sahen, daß sich die Athener durch ihre Seemacht so großen Ruhm erworben hatten, waren eifersüchtig auf das Emporkommen derselben, und beschloßen, die Athener an dem Wiederaufbauen der Mauern zu hindern. Sie schickten daher sogleich Gesandte nach Athen, welche den Rath geben sollten, für jetzt die Stadt nicht zu um- Ol. ? 5 , 3 . I. R. 276. v. Chr. 478. 7?3 mauern, unter dem Verwand, es würde dieß für die Gesammtheit der Griechen nickt heilsam seyn; denn wennXerres mit einer größeren Kriegsmacht wiederkäme und ummauerte Städte außerhalb des Peioponnes bereit fände, so könnte er sie zum Waffenplahe machen und von da aus die Griechen leicht bezwingen. Da man ihnen aber kein Gehör gab, so gingen die Gesandten zu den Bauleuten und geboten ihnen die Arbeiten augenblicklich einzustellen. Die Aihener wacc» verlegen, was sie thun sollten. Da rierh ihnen Themistok- les, welcher damals im höchsten Ansehen bei ihnen stand, sich ruhig zu verhalten; denn wenn sie Gewalt brauchten, so könnten die Lacedämvnier mit den Pelopvnnesiern ihnen leicht durch ein Kriegsherr den Bau der Stadtmauer wehren. Nun sagte er insgeheim dem Rath, er wollte mit einigen Anderen als Gesandter nach Lacedämon gehen, um daselbst über die Erbauung der Mauer Auskunft zn geben; die Vorsteher aber sollten, wenn Gesandte von Lacedämon nach Athen kämen, diese zurückhalten , bis er selbst von Lacedämon wiederkäme, unterdessen aber das ganze Volk an der Stadtmauer arbeiten lassen; auf diese Art, versicherte er, werde ihr Vorhaben gelingen. Die Athener ließen sich den Vorschlag gefallen, und Themistokles reiste mit andern Gesandten nach Sparta ab. 4». Die Athener arbeiteten nun mit großem Eifer an den Mauern. Weder Häuser noch Grabmäler wurden geschont. Auch Weiber und Kinder, sogar alle Fremdlinge und Sklaven halfen zu dem Werk mit, und Niemand ließ sich sänmig finden. Durch die Menge der Arbeiter und den allgemeinen Eifer wurde das Werk unglaublich gefördert. Da. 774 Dkodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. wurde Themistokles von den Vorstehern hin Sparta) vorgeladen und wegen der Erbauung der Mauern bedroht. Er längnete aber, Laß man baue, und bat die Vorsteher, nicht leeren Gerüchten zu trauen, sondern glaubwürdige Männer als Gesandte nachzAthenzu schicken; durch diese würden sie die Wahrheit erfahren. Als Bürgen für dieselben stellte er sich und seine Mitgesandten. Die Lacedämonier ließe» sich bereden, brachten den Themistokles und seine Begleiter Nn Verwahrung und schickten nach Athen die angesehensten Männer, um zu erkunden, was man genauer wissen mußte *). Unterdessen verging die Zeit, und die Athener hatten die Mauer bereits bis zu einer hinreichende» Höhe aufgebaut. Als die Gesandten der Lacedämonier nach Athen kamen, und mit Ungestüm schalten und drohten , setzte man sie gefangen nnd erklärte, man würde sie entlassen, sobald Themistokles und seine Mitgesandten in Sparta freigegeben würden. Auf diese Art überlistet, mußten die Lacedämonier die Gesandten der Athener freigeben, um die ihrigen wieder zu bekommen. Themistokles aber erwarb sich durch diese List, womit er die Befestigung seiner Vaterstadt so schnell und gefahrlos zu Stande brachte, großes Ansehen bei seinen Mitbürgern. Während Das geschah , fingen die Römer mit den Regnern und den Einwohnern von Tusculum Krieg an. Den Aequer» lieferten sie eine Schlacht, in welcher sie fleg- *) Oder. wenn man xal vor 7 rk(>t Seibehält, 710X1-71/0«)-- zeovi)< 7 «e aber in — verwandelt: um Augenschein zu nehmen und das Nöthige zu erkunde«. Ol. ? 5 , 4. I- R. 27-. v. Chr. 477. 77 » teil und viele Feinde niedermachten *). Hierauf eroberten sie Tuscnlnm und brachten die Stadt der Aequer in ihre Gewalt. » 4>. Nachdem das Jahr vergangen war, lvnrde in Athen Adimantus Archen, und in Nvm Marcns Fab ins Vi- bnlanus und Lncins Valerius Publicola zu Consuln gewählt sJ. R. -77. v. Chr. /,77s!. Themistokles war wegen seiner Kriegskunst und Klugheit nicht nur bei seinen Mitbürgern sondern bei allen Griechen geachtet. Ermuntert durch diesen Ruhm, machte er nun in diesem Jahr noch viel größere Entwürfe znr Erhöhung der Macht seiner Vaterstadt. Der Piräeus war damals noch kein Hafen, sondern die Athener gebrauchten als Ankerplatz den in PHaler um, der äußerst klein war. Nun kam Themistokles auf den Gedanken, den Hafen Piräeus anzulegen, der nur noch einer kleinen Einrichtung bedurfte und der schönste und größte Hafen in Griechenland werde» konnte. Er hoffte, wenn die Athener diesen noch dazu erhielten, so würde die Stadt die Oberherrschaft zur See erlangen können. Denn sie besaßen damals eine große Zahl von Dreirädern und hatten sich durch die beständigen Seegefechte viel Erfahrung und großen Ruhm im Seewesen erworben. Er dachte ferner, sie werden die Jonier als Stammsverwandte auf ihrer Seite haben und durch sie die andern Griechen in Athen befreien, die dann -aus Dankbarkeit an die Athener sich anzuschließen geneigt seyn werden z die Inselbewohner aber werden Alle aus Furcht *) Nach Reiste, der für setzt «nkHou. Diodor. 6s Bdch». 5 776 Diodor's historische Bibliothek. EilfreS Buch. vor der großen Seemacht sich bereitwillig zu Denen halten, die ihnen am meisten schaden und nützen können. Von den Laeedämoniern aber wußte er, daß sie zwar zu Lande eine wodlge,listete Kriegsmacht hatten, aber zu Seegefechten durchaus nicht taugten. Dieß waren seine Gedanken; aber öffentlich wollte er sein Vorhaben nicht kund machen, weil ' er gewiß voraussah, daß die Laccdämonier es hindern würden. i». Er erklärte also in der Volksversammlung seinen Mitbürgern, er wolle zu einer wichtigen, für die Stadt nützlichen Unternehmung rathen und helfen; aber es sey nicht gut, öffentlich davon zu sprechen; sie muffe durch wenige Männer ausgeführt werden; er bitte daher, daß das Volk zwei Männer bestimme, zu denen es am meisten Vertrauen habe, und diesen die Ausführung übertrage. Die Menge war damit zufrieden, und es wurden von dem Volk zwei » Männer, Aristides und Lantbippus gewählt, die man nicht blos wegen ihrer Rechtschaffenheit vorzog, sondern auch, weil man wußte, daß sie mit Themistokles um den Ruhm und den Vorrang stritten und ihm daher abgeneigt waren. Als ihnen Themistokles sein Vorhaben insgeheim eröffnete,, versicherten sie dem Volk, der Vorschlag des Themistokles sey wichtig, für die Stadt nützlich und ausführbar. Das Volk bewunderte den Mann, hatte aber doch zugleich den Argwohn, er möchte durch die großen und wichtigen Unternehmungen, die er vorhätte, eine Art von Alleinherrschaft gewinnen wollen *). Es verlangte daher, er sollte seinen Plan *) Für xccrwcrxkrtttcrcr/tLnog ist nach Sichstädt xaraerxkva- oo/tki'vg zu lesen. Ol. ?5, 4 . I. R. 277 . v. Chr. 4'7- 777 öffentlich bekannt machen. Er tagte aber wieder, es sey für das Volk nicht gut, wenn der Entwurf öffentlich kund werde. Nun erregte die Entschlossenheit und der hohe Sinn des Mannes noch viel größere Bewunderung bei dem Volk. Man hieß ikn den Entwurf insgeheim dem Rath mittheilen; würde auch dieser den Vorschlag für ausfahrbar und nüylich erkläre» , dann wollte man seinen Plan ganz seiner Anleitung gemäß in's Werk seyen. So ließ sich denn der Rath die ganze Sache mittheilen; und da er den Vorschlag als nützlich für die Stadt und als ausführbar anerkannte, so erhielt endlich Thcmistokles mit Bewilligung des Volks und des Rarhs Vollmacht, zu thun, was er wollte. Aus der Volksversammlung ging Jeder mit Bewunderung des trefflichen Mannes und mit hohen Erwartungen von der Ausführung des Planes weg. zä. Nachdem Thcmistokles Vollmacht zu handeln erhalten hatte und alle Hülfsmittel zur Ausführung ihm zu Gebot standen, so dachte er wieder darauf, die Lacedämouier zu überlisten. Denn er wußte gewiß, daß Diese auf dieselbe Weise, wie sie die Erbauung der Stadtmauer gewehrt hatten , auch bei der Anlegung des Hafens das Vorhaben der Athener zu vereiteln suchen würden. Er fand daher für gut, an die Lacedämonier Gesandte zu schicken, die ihnen vorstellen sollten, es sey für das Beste von ganz Griechenland gesorgt, wenn man bei einem künftigen Einfall der Perser einen länglichen Seehafen habe. Während er auf diese Art den Widerspruchsgeist der Spartaner dämpfte, betrieb er das Werk eifrig; und da Alle emsig mithalfen, so kam es schnell 5 * 7?3 Dwdor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. zu Stande, und ehe man es gedacht, war der Hafen eingerichtet. Themistokles bestimmte das Volk ferner, jedes Jahr zu den vorräthigen Schiffen noch zwanzig Dreiruder zu bauen, und die Beisaßen und Handwerker steuerfrei zu machen, damit überallher viel Volks in die Stadt zöge, und damit man ohne Mühe mehrere Handwerke treiben könnte. Denn Beides erkannte er als sehr zuträglich für das Gedeihen der Seemacht. Damit also waren die Athener beschäftigt. ii. Die Lacedämonier aber machten den P au fall ias, welcher bei Plakää der Heerführer gewesen, zum Befehlshaber der Flotte und trugen ihm auf, alle Griechischen Städte, in welchen noch Besatzungen der Fremden lagen , zu befreien. Er nahm fünfzig Dreiruder aus dem Pe- loponues mit sich und ließ von den Athenern dreißig holen, die unter dem.Befehl des Aristides standen. Nun segelte er zuerst nach Cypern, und befreite die Städte, die noch Persische Besatzung hatten. Sodann fuhr er nach dem Hellesp on t und eroberte Byzauz, das in der Gewalt der Perser war. Er befreite die Stadt, indem er nicht nur die andern Fremden theils tsdt-ete *) theils verjagte, sondern auch viele angesehene Perser daselbst zu Gefangenen machte. Diese übergab er dem Gongylus von Eretria zur Verwahrung, angeblich, um sie zur Hinrichtung aufzubehalten, M der That aber, um sie dem Terres sicher auszuliefern. Er hatte nämlich ein geheimes Einverständniß mit dem König und sollte die Tochter des Xerres zur Ehe erhalten, damit er die Griechen verriethe. Der Unterhändler war der *) Für «rkrXkN wird es aUkXwn geheißen haben. Ol. ?5, 4. I. R. 27 '. v. Chr. 477- 779' Feldherr Artabazus. Er stellte dem Pansanias heimlich eine große Summe Gelds zu, um damit Griechen, welche brauchbar waren, zu bestechen. Der Plan wurde aber auf folgende Art entdeckt und bestraft. Pansanias ahmte die Persische Ueppigkeit nach und behandelte seine Untergebenen gebieterisch. Darüber war Jedermann unzufrieden, besonders aber diejenigen Griechen, welchen eine Befchlshaberstclle übertragen war. Man besprach sich darüber unter dem Heer und unter allen Völkerschaften und in allen Städten, und beschwerte sich über du, Hochmuth des Pansanias. Die Pslo- ponnesier verließen ihn n>,d segelten nach dem PcloponncS zurück) auch schickten sie Gesandte ab, um den Pansanias anzuklagen. Der Athener Aristides aber benutzte klüglich *) die Gelegenheit, bei den Verhandlungen darüber die Städte an sich zu ziehen und sie durch Ueberrednng zu gewinnen und auf die Seite der Athener zu bringen. Noch mehr aber kam den Athenern der Zufall zu Statten, und zwar auf folgende Art. ^5. Pansanias hatte es verabredet, daß Diejenigen, die seine Briefe an den König überbrachten, nicht zurückkehren durften, damit sie das Geheimniß nicht verrathen könnten. Sie wurden also von den Empfängern der Briefe umgebracht, und Keiner kam glücklich wieder. Das bedachte Einer, der wieder einen Brief zu überbringen hatte, und eröffnete denselben. Als er daraus sah, daß es mir der Ermordung der Ueberbringcr seine Richtigkeit hatte, so übergab er das- Schreiben den Ephoren. Da aber Diese ihm nicht glauben *) Nach Dindorf's Vermuthung x/tPoo'rwg für xzrP«i-w§» 780 Diodor's historische Bibliothek. Eilfres Buch. wollten, weil er innen den Brief offen gebracht, und noch einen zuverlässigeren Beweis verlangten, so versprach er, sie sollten das eigene Gestand,nß des Pausanias hören. Nun reiste er nach Tänarus und begab sich in den heiligen Bezirk des Poseidon, wo er sich e>n Zelt mit einer Doppel- wand baute, und dazwischen die Epborcn und einige andere Spartaner sich verstecken liest. Als Pausanias ihn besuchte und fragte, warum er als Schuysiebender dabin gegangen, so machte Dieser ihm Vorwürfe, daß sein Brief den Auftrag enthalte, den Ueberbringer zu todten. Pausanias bezeugte, es reue ihn; er bat ihn, den Fehler ihm z» verzeihen, und die Sache gebeim zu halten, und versprach ihm grosie Belohnungen. So schieden sie voneinander, die Ephorc- und ihre Begleiter, die nun die Wahrheit zuverlässig erfahren harten, thaten für den Augenblick keinen Schritt. Als aber nachher die Lacedämouicr den Exboren bchülfljch seyn wollten, merkte es Pausanias und kam ihnen zuvor, indem er sich in den Tempel der Athene Chalcivkus flüchtete. Während nun, sagt man, die Laeedämonier ungewiß waren , ob sie den Schutzflehenden bestrafen sollten, sey die Mutter des Pausanias in den Tempel gekommen und habe, ohne ein Wort zu sprechen oder sonst Etwas zu thun, einen Ziegelstein, den sie mitgebracht, am Eingang des Tempels niedergelegt, und nachdem sie Das gethan, sey sie i» ihr Haus zurückgekehrt. Die Laeedämonier aber haben, an die Entscheidung der Mutter sich haltend, den Eingang vermauert und auf diese Art den Pausanias zum Hungertod« gebracht. Die Leiche des Verstorbenen wurde seine» Angehörigen zum Begräbnis; überlassen. Die Gottheit aber sprach Ol. ?5, 4. I. R. 277 . v. Chr. 4?7- sich über die Verletzung des Rechts der Schutzflehenden aus. Als nämlich die Lacedämonier wegen anderer Angelegenheiten das Orakel in Delphi befragten, so gab der Gott als Antwort den Befehl, der Göttin den Schnyflehenden wieder zu schaffen. Nun waren die Spartaner, welche die Erfüllung des Orakels für unmöglich hielten, geraume Zeit in Verlegenheit, weil sie nicht leisten konnten, was von dem Gott befohlen war. Endlich entschloßen sie sich, zu thun, was sie könnten, und ließen zwei eherne Bildsäulen des Pausanias machen, die sie im Tempel der Athene aufstellten. 46. Wie wir überall in der Geschickte zu dem Ruhm edler Männer durch Lobsprüche das Unsrige beizutragen und den schlechten bei ihrem Ende noch die verdiente Schmachrede nachzurufen gewohnt sind, so können wir auch die Bosheit nnd Verrätherei des Pausanias nicht ungerügt lassen. Denn Wer sollte sich nicht über den Wahnsinn des Mannes wundern, welcher, nachdem er der Wohlthäter von Griechenland geworden und die Schlacht bei Platää gewonnen und viele andere gepriesene Thaten vollbracht, statt die Ehre, die ihm geworden, zu behaupten, dem Reichthum und der Pracht der Perser zulieb den ganzen zuvor erworbenen Rukm zu Schanden machre? Weil er «eines Glücks sich überhob, wurde er der Lacedämonischen Lebensart überdrüssig und ahmte die ausschweifende Ueppigkeit der Perser nach; er, der sich die Sitten der Fremden am wenigsten hätte aneignen sollen. Denn nicht durch Nachrichten von Andern, sondern durch ei- 782 Diodor's historische Bibliothek. Elftes Buch. gene Erfahrung, durch die That * **) ) hatte er sich überzeugt, um wie viel tapferere Männer die vaterländische Lebensweise bildete als die Persische Ueppigkeit. Durch seine Schlechtigkeit zog er aber nicht nur sich selbst die verdiente Strafe zu, sondern sie wurde auch die Veranlassung, daß seine M tbür- ger die Oberherrschaft zur See verloren. Denn wenn die Bundesgenossen in Vergleichung damit das Benehmen des Aristides als Feldherrn betrachteten, so gewann dieser durch seine Freundlichkeit gegen die Untergebenen und durch seine Tugenden Alle wie mit Einem Wink für die Athener. Daher gehorchten sie den von Sparta gesandten Anführern nicht mehr; dem Aristides aber, den sie hochachteten, folgten sie willig, so daß er ohne Widerrede den Odcrbefehl zur See erhielt. z?. Aristides gab nun sogleich den sämmtlichen Bundes« genossen den Rath, in einer allgemeinen Versammlung De- los zur gemeinsamen Schatzkammer zu bestimmen, wo alles Geld, das man zusammenbrächte, niedergelegt würde, und für den zu befürchtenden Krieg mit den Persern den sämmtlichen Staaten eine Steuer nach ihren Kräften aufzulegen, so daß man im Ganzen fünfhundert und sechzig ") Talente beisammen hätte. Er wurde mit der Umlage der Steuern beauftragt und machte die Vsrtheilung so genau und gewissenhaft , daß alle Staaten zufrieden waren. Er erwarb sich daher durch die Gewissenhaftigkeit, womit er ein für un« *) Nach Stephanus Verbesserung . . . e/tncaaxrn für r/eö ... k/lnw<7xo»-. **) Es sollte nach den andern Nachrichten heißen 4 6 0. Ol. 76, I. R. 278. v. Chr. 476. 78Z möglich gehaltenes Werk ausführte, den höchsten Ruhm und erhielt wegen dieser beispiellos-!, Rechtlichkeit den Beinamen des Gerechten. So wurden zu einer und derselben Zeit durch die Schlechtigkeit des Pansanias seine Mitbürger um die Herrschaft zur See gebracht, und durch die vollkommene Tugend des Aristides Athen der Oberbefehl, den es zuvor nicht hatte, verschafft. Dieß ist es nun, was in jenem Jahr geschah. 48. Als in Athen Phädon Archou war, wurde die sechs u nd si e bz ia ste Olympiade gefeiert, wo Ska- mandriuS von M-tylene Sieger auf der Rennbahn war. In Nom waren Consnln Käso Fabius und Svnrius Furins Mcdullinus. sJ. R. -78. v. Chr. 476). In diesem Jahr starb Leotychidas, der König der Laced Simonie r, nachdem er zweiundzwanzig Jahre regiert hatte. Sein Nachfolger war Arche laus jArchchamuss, welcher zweiundvierzig Jal-re König war. Es starb auch Anari- laus, der Beverrschcr von Rhegium und Zankle, nachdem er achtzehn Jahre regiert hatte. Ihm folgte Micy- thus, welchem die Herrschaft nur anvertraut wurde, um sie an die Kinder des Verstorbenen, die noch minderjährig waren, abzutreten. Hieron, der nach Gelon's Tode König von Syrakns war, bemerkte, daß sein Bruder Poly- zelus bei den Syrakusieru beliebt war, und glaubte, er strebe nach dem Throne z daher suchte er ihn aus dem Wege *) Von bier a» <478 bis 45Z) sind bei Diodor die Consuln fünf Jahre spater gesetzt als in den Consnlarver- zeichnissen, nicht, wie bisher, sechs Jahre. 784 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. zu schaffen. Er warb Söldner a» und umgab sich mit einer Schaar fremder Truppen, durch die er die Regierung sicher zu behaupten backte. Als nun die Sybariten von den Krotoniaren belagert wurden und um Hülfe baten, hob er ein zahlreiches Kriegsheer aus und übergab es seinem Bruder Polyzelus, in der Hgffnung, er werde im Kampf mit den Krotoniaten fallen. Allein Polozclus übernahm den Feld- zng nicht, weil er eine solche Absicht vermuthete. Da wurde Hieran aufgebracht über seinen Bruder, und als Derselbe zu Theron, dem Beherrscher von Agrigcnt stob, rüstete er sich zum Krieg gegen Diesen. Unterdessen geschah es, daß Theron's Sohn, Thrasydäus, welcher Statthalter von Himera war, .durch allzugrvße Strenge die Himeräer sich völlig abgeneigt machte. An den Vater mit einer Klage sich zu wenden wagten sie nicht, weil sie an ihm keinen billigen Ricktcr zu finden hofften. Daher sckickren sie Gesandte an Hreron, welche den Thrasydäus verklagten und Jenem versprachen, die Stadt ihm zu übergeben und ihm in dem Kampf gegen Theron und dessen Anhänger beizustehcn. Hieran aber gedachte sich friedlich mir Tkero» zu vergleichen ; ex verrieth also die Himeräer uns meldete ihm insgeheim, was sie vorhatten. Theron zog hierauf Nachrichten über diesen Plan ein; und als er die A- zeige wahr fand, verglich er sich mit Hieron und stellte das fteundjchafkiiche Verhältniß zwiichen ihm und Polyzelus wieder her; seine zahlreiche» Gegner in Himera aber ließ er gefangen seyen unb hinrichten. 49. Aus den Städre» Narus und Katana vertrieb Hieron die Ernwovner und schickte neue Ansiedler dahin; er brachte nämlich fünftausend aus dem Peloponnes zusam- Ol. 76. 2. I. R. 279. v. Chr. 4?5. 785 wen und ebensoviele that er noch aus Syrakus hinzu. Der Stadt Kaiana gab er eine» andern Namen, Aetna, und ihr Gebiet, das er noch durch ein beträchtliches Stuck des angrenzenden Landes vergrößerte, vertheilte er durch S Lvos, nachdem die Zahl der zehntausend Pflanzer voll war. Er thar das theils, um auf den Nothfall eine ansehnliche Hülfemacht bereit zu haben, theils, um als Gründer einer so volkreichen Stadt die Ekre der Hervi-n zu erlangen. Die aus ihrer Heimatd vertriebenen Narier und Katanäer verpflanzte er nach Levntini, und hieß sie mit den Bürgern dieser Stakt zusammenwohnen. Theron, welcher bemerkte, daß nach den Hinrichtungen die Stadt H imera Mangel an Einwohnern halte, ließ die Dorier dahin ziehen und nahm sonst Jeden, der wollte, als Bürger auf So lebten denn die Bürger in gutem Vernehmen zusammen achtundfünmg Jahre, bis die Stadt von den Karthagern erobert und zerstört wurde; und seitdem ist sie unbewohnt geblieben bis auf unsere Zeit. So. AlS in Athen DromoklideS Archen war, wählten die Römer zu Consuln den Marcus Fabius und CnejnS ManliuS sJ. R. ,79. v. Chr. 475s. In diesem Jahr äußerten die Lacedä monier ihren Unwillen, daß sie die Oberherrschaft zur See so unversehens verloren hatten. Aufgebracht über die Griechen, die ihnen abtrünnig geworden, drohten sie, nach Ve> dienst sie dafür zu züchtigen. Der Senat versammelte sich und berathschlagte wegen eines Krieges gegen die Athener um die Oberherrschaft zur See. Ebendazu wurde auch eine Volksversammlung gehalten, in welcher die Jüngeren und auch von den Andern die Meisten 786 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. darauf drangen, die Oberherrschaft wieder zu gewinnen; denn sie dachten, der Besitz derselben werde ihnen Geld im Ueber- fluß verschaffen und sowohl die Größe und Macht des ganzen Staates *) erhöhen als auch den häuslichen Wohlstand der einzelne» Bürger auf's wirksamste fördern. Sie erinnerten sich auch einer alten Weissagung, in welcher ihnen der Gott > geboten, zu sorgen, daß sie nicht eine hinkende Herrschaft hätten; sie sagten, der Gsttersprnch beziehe sich auf nichts Anderes als auf den gegenwärtigen Fall; denn hinkend werde ihre Herrschaft seyn, wenn sie von den beiden Theilen des Oberbefehls den einen verlieren. Da nun beinahe alle Bürger dieser Ansicht beitraten, so erwartete Keiner, daß in der Senatssitzung, die darüber gehalten wurde, Jemand etwas Anderes zu rathen wagen würde. Aber einer der Senatoren, Namens Hetömaridas, der aus dem Geschlecht des Hercules stammte und als ein rechtschaffener Mann bei seinen Mitbürgern geachtet war, trat mit dem Vorschlag auf, man sollte den Athenern die Oberherrschaft lassen; denn Sparta habe keinen Nutzen davon, wenn es sich um das Meer streite. Er wußte für seine befremdende Ansicht triftige Gründe genug anzuführen, und wider Erwarten überredete er den Senat und das Volk. So urtheilten denn die Lacedämonier am Ende, der Rath des Hetömaridas sey gut, und standen von dem Vorhaben, die Athener zn bekriegen , ab. Die Athener erwarteten anfangs, sie werden mit den Lacedämvnicrn einen schweren Krieg um die Oberherrschaft zur See zn führen haben, und vermehrten deßwegen O Nach Weffeling'Z Vermuthung riÄtN für nirovAi/n. Ol. 76, 3 . I. R. 280. v. Chr. 4 ? 4 - 787 die Zahl ihrer Dreiräder, versahen sich reichlich mit Geld und bewiesen sich gefällig gegen die Bundesgenossen. Als sie aber von dem Beschluß der Lacedämonier Nachricht erhielten , verschwand die Furcht vor dem Krieg und sie beschäftigten sich nur damit, ihre Stadt emporzubriugcn, 5,. Als in Athen Acestorides Archou war, ging in Nom die Consulswürde auf Käso Fabius und Titus Virginias über sJ. R. -8». v. Chr. In diesem Jahr kamen zuHieron, dem König von Syrakus, Gesandte von Cumä in Italien und baten um Hülfe im Krieg gegen die Ty rrhen er, welche Herrn deS Meeres waren. Er schickte der Stadt eine hinlängliche Zahl von Dreirudern zn Hülfe. Die Befehlshaber dieser Schiffe lieferten, als sie bei Cumä ankamen, mit den Einwohnern der Stadt vereinigt, den Tyrrheneru eine Seeschlacht, in welcher sie viele Schiffe derselben zu Grunde richteten und einen großen Sieg erfochten. Nachdem sie so die Tyrrheuer gedemnthigt und die Cumäer von der Furcht befreit hatten, segelten sie nach Syrakus zurück. 5,. Als in Athen Meuon Archen war, wählten die Römer zu Consuln den Lucius Aemilius Mamcrcus und Casus Cornelius Lentulus sJ. R. -8,. v. Chr. In Italien entstand ein Krieg zwischen den Taren- tinern und Japygen. Sie hatten Grenzstreitigkeiten miteinander, und eine Zeitlang neckten sie sich fortwährend durch gegenseitige räuberische Einfälle. Da aber der Zwist immer heftiger wurde und es manchmal zn Mordthaten kam, so brachen endlich die Feindseligkeiten völlig aus. Die Japygen rüsteten nicht nur ihre eigene Kriegsmacht, sondern 783 Diodor's historische Bibliothek. Eilfres Buch. zogen auch Hülfstruppen aus der Nachbarschaft an sich, so daß sie im Ganzen über zwanzigtausend Mann beisammen harren. Die Tarenriner aber brachten, als sie von der Stärke der gegen sie vereinigten Kriegsmacht Nachricht erhielten, ihre einheimischen Truppen zusammen und ließen dazu »och eine große Zahl aus der mit ihnen verbündeten Stadt Rhegium kommen. Es kam zu einem hiyigen Treffen , und nachdem auf beiden Seiten Viele gefallen waren, siegten endlich die Japygen. Da die Ucberwundenen auf der Flucht i» zwei Haufen sich trennten, von welchen der eine den Rückzug nach Tarent nahm, der andere aber nach Rhegium floh, so theilten sich auf dieselbe Weise auch die Japygen. Diejenigen, die auf dem Wege nach Tarenr nachsetzten, der nur eine kleine Strecke betrug, machten wenigstens viele Feinde nieder; die Verfolger der Rheginer aber eilten so hitzig nach, daß sie mit den Fliehenden zugleich in Rhegium eindrangen und die Stadt in ihre Gewalt fiel. 55. Hierauf wurde Chares Archon in Athen, und in Nom wählte man Titu s Menenius und Casus Hora- tius Pulvillus zu Consuln; in E>is wurde die siebenundsiebzigste Olympiade gefeiert, wo Bandes von Argos Sieger auf der Rennbahn war sJ. R. ,8,. v. Chr. 47-1. I» diesem Jahr starb in Sicilie» Tkeron, der Beherrscher von Agrigent, nachdem er sechzehn Jahre regiert hatte. Es folgte ihm in der Regierung se,n Sohn Thra- sydäus. Tkeron harre die Herrschaft mit Milde geführt, und wie er während seines Lebens in großer Achtung bei seinen Mitbürgern gestanden war, so widerfuhr ihm nach seinem Tode die Ehre der Heroen. Sein Sohn aber, der Ol. 77- I- R. 282. v. Chr. 472. 789 schon zu Lebzeiten des Vaters gewaltthätig und blutdürstig gewesen, regierte nach dem Tode Desselben sein Vaterland gesetzwidrig und willkübrlich. Er verlor daher bald das Der- tranen seiner Mitbürger und war beständigen Nachstellungen «nsgesctzr und allgemein verhaßt. So fand er denn bald ein seiner Ungerechtigkeit würdiges Ende. Er warb nämlich nach dem Tode seines Vaters Theron viele Söldner an uud hob dazu noch Truppen in Agrigent und Himera aus, so baß er im Ganzen über zwanzizrauscnd Reiter und Fußgänger zusammenbrachte. Da er mit diesem Heer die Syrakuster bekriegen wollte, so rüstete der König Hicron eine ansehnliche Kriegsmacht und zog gegen Agrigent. Er kam zu einem hitzigen Treffen, und von den Griechen, welche Griechen gegenüberstanden, fiel eine große Zahl. Die Syrakuster behielten die Oberhand in der Schlacht Es kamen von den Syrakustern gegen zweitausend, von den Andern aber über viertausend Mann um. Nach dieser Demüthigung verlor Tkrasydäus die Herrschaft und fluchtete sich zu den misäischen*) Megareern. Dort wurde er zum Tode verurrheilt und hingerichtet. Von Agrigent, wo nun das Volk die Herrschaft erlangt hatte, wurde eine Gesandtschaft an Hieron geschickt, und er gewährte Frieden. In Italien war zwischen den Römern und Vejen- tern ein Krieg ausgebrochen, und es wurde au der Ere- ") Statt sollte ohn« Iwelfel ein anderer Name, etwa stehen, oder schwerlich, was Pa>,linier «orgeschlaqen, /V.craiuvg. Denn es ist wohl das Cici- lische Megara gemeint. 790 Diodor's historische Bibliothek. Eilftcs Buch. mera eine große Gelacht geliefert. Die Nvmcr wurden überwunden, und es fiel von ihnen, wie einige Geschichtschreiber erzählen, eine grvßeZahl, namentlich die dreihundert Fabier, die Alle miteinander verwandt waren und deßwegen unter dieser gemeinschaftlichen Benennung zusammengefaßt wurden. Dieß ist es nun, was in jenem Jahr geschah. 5z. 'Als in Alben Prärie rgus Archen war, wählten die Römer zu Consnln den Aulus Virgin ins Tricostus und" Spurius Servilius Structus sI. R. r4ä. v, Chr. z7>ß. In diesem Jahre zogen die Elier, welche bisher mehrere kleine Städte bewohnt hatten, in Eine Stadt zusammen, welche Elis genannt wurde. Die Lacedäm 0 nisr bedachten, daß Sparta durch den Verrath des Pausanias gesunken, Athen hingegen darum, weil Keiner seiner Bürger des Verraths schuldig befunden wnrde, geachtet war. Sie suchten daher Arheu einen ähnlichen Flecken anzuhängen. Darum klagten sie einen geachteten Athener, der sich durch seine Vorzüge großen Ruhm erworben, den Themistok les, des Verraths an, indem sie behaupteten, er sey der beste Freund des Pausanias gewesen und habe sich mit Diesem verabredet, daß sie miteinander Griechenland dem Xerres verrathen wollten. Zugleich sehten sie sich in Einverstandniß mit den Feinden des Themistokles, reizten sie, ihn zn verklagen, und gaben ihnen Geld. Sie stellten ihnen vor, Pausanias habe, da er sich entschlossen, die Griechen zu verrathen, sein Vorhaben dem Themistokles eröffnet und ihn zur Theilnahme au dem Plan aufgefordert; nun habe Themistokles zwar den Antrag nicht angenommen, aber doch auch nicht für nöthig gehalten, seinen Freund anzugeben. Ol. 77, 2. I. R. 283. v. Chr. 47 '. 79' So wurde denn Themistokles angeklagt, jedoch dießmal von der Schuld des Verraths freigesprochen. Er war daher anfänglich nach seiner Lossprechung hochgeachtet in Athen; denn wegen seiner Thaten liebten ihn seine Mitbürger außerordentlich. Später aber vergaß man seiner Verdienste , weit man theils vor seinem Uebergewicht sich fürchtete, theils ihm seinen Ruhm mißgönnte; man suchte nun seinen Einfluß zu schwächen und seinen Stolz zu demüthigen. 55. Zuerst vertrieb man ihn aus der Stadt, indem man gegen ihn das sogenannte Scherbengericht in Anwendung brachte, das in Athen gesetzlich eingeführt wurde, nachdem die Alleinherrschaft des Hanfes Pisistratus gestürzt war. Es bestand nämlich folgendes Gesetz. Jeder Bürger schrieb auf eine Scherbe den Namen Dessen, der nach seiner Meinung am ehesten die Volksherrschaft stürzen könnte; Wessen Name nun auf den meisten Scherben stand, der mußte auf fünf *) Jahre das Vaterland verlassen. Es scheint, die Athener haben dieses Gesetz nicht gegeben, um Verbrechen zu bestrafen, sondern um den Stolz der Uebermächtigen durch die Verbannung zu demüthigen. Themistokles wurde nun auf die angegebene Art durch das Scherbengericht aus dem Vaterlande verbannt und begab sich nach Argos. Als die La- «edämonier Nachricht davon erhielten, so betrachteten sie Das Mls eine vom Glück ihnen dargebotene Gelegenheit, den The- Niistokles zu verfolgen, und schickten wiederum Gesandte nach Athen, um den Themistokles anzuklagen, daß er an dem *) Es sollte nach den andern Nachrichten heißen: zehn» Diodor. 6s Bdchn. 6 792 Diodor's historische Bibliothek. Eilstes Buch. Verrath des Pausanias Theil genommen; es können aber? sagten sie, über das gegen ganz Griechenland begangene Verbrechen nicht die Athener für sich, sondern mir die allgemeine Versammlung der Griechen erkennen, welche man damals in Sparta zu halten pflegte. Da Themistokles sah, wie eifrig die Lacedämonier bemüht waren, die Stadt Athen in Übeln Ruf zu bringen und herabzuwürdigen, und wie die Athener von der Schuld, die auf sie falten sollte, sich zu reinigen suchten, so dachte er, man werde ihn der allgemeinen Versammlung ausliefern. Von dieser wußte er aber, daß sie nicht nach dem Recht, sondern zu Gunsten der Lacedämonier das Urtheil sprechen würde. Er konnte Das unter Anderem aus der Entscheidung schließen, welche sie wegen der Athener und Aegineten *) gegeben hatte. Denn hier hatte die Mißgunst gegen die Athener einen so gewaltigen Einfluß auf die Abstimmung, daß ihnen, die doch mehr Dreiruder als alle Andern zusammen zu der Seeschlacht geliefert hatten, durchaus kein Vorzug vor den übrigen Griechen eingeräumt wurde. Aus dieftm Grunde hatte Themistokles zu der Versammlung kein Vertrauen. Denn auch die Art, wie er sich früher in Athen vertheidigt hatte, gab den Lacedämoniern einen Halt für die wiederholte Anklage. Themistokles hatte nämlich in seiner Vertheidigung bekannt, daß Pausanias Briefe an ihn geschickt und ihn aufgefordert habe, an dem Verrath Theil zu nehmen; und er hatte eben Das als Hauptbeweis gebraucht und zu zeigen gesucht, Pau- *) Nach Weffeling's Vermuthung eFsvinr-rmv für '/kovxiwp. Vgl. Cap. 27. Ol. 77, 2. I. R. 28Z. v. Chr. 471. 798 sauias würde ihn nicht erst aufgefordert haben, wenn nicht er seinem Verlangen sich widersetzt hätte. 56. Aus diesen Gründen, wie gesagt, floh er aus Argos zu Admetus, dem König der Molosser. Er nahm als Schnpflehender seine Zuflucht zu dem Heerd. Der König nahm ihn freundlich auf und hieß ihn anfangs guten Muths seyn und versprach, in allen Fällen für seine Sicherheit zu sorgen. Da aber die Lacedämonier die angesehensten Spartaner als Gesandte an Admetus schickten und die Auslieferung des Verräthers und Verderbens von ganz Griechenland, wie sie den Themistokles nannten, verlangten, da sie über- dieß erklärten, sie werden ihn, wenn er den Schuldigen nicht ausliefere, mit den sämmtlichen Griechen bekriegen, so gab der König, der sich vor den Drohungen fürchtete und doch mit dem Schutzfleheuden Mitleid hatte und sich schämte ihn auszuliefern, dem Themistokles den Rath, so bald als möglich, ohne daß es die Lacedämonier erfahren, abzureisen, und schickte ihm eine große Summe Goldes zur Unterstützung auf der Flucht. Themistokles, von allen Seiten bedrängt, nahm das Geld au und entkam bei Nacht aus dem Lande der Molosser, da ihm der König auf alle Art zür Flucht bebülflich war. Er fand zwei junge Leute, aus Lyu- cestis *) sin Macedonienj gebürtig, welche Handelsgeschäfte trieben und daher der Wege kundig waren, und mit Diesen entfloh er. Da er nur bei Nacht reiste, so erfuhren die Lacedämonier Nichts davon, und durch die Gefälligkeit der jun- *) Nach Wesseling's Vermuthung ^v^xt-rräg für crrcc§. 6 * Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. gen Leute, die sich alle Mühe gaben, kam er bis nach Asien. Hier hatte er einen Gastfreund, Namens Lysithides, der ein sehr hochgeachteter und reicher Mann war, und zu dem nahm er seine Zuflucht. Lysithides war ein Freund des Königs Xerres und hatte auf dem Zuge des Xerres das ganze Persische Heer bewirthet. Da er also das - Vertrauen des Königs besaß, so versprach er dem Themi- stoktes, den er aus Mitleid z» retten wünschte, ihm zu Allem behülflich zu seyn. Dem Verlangen des Themistokles, daß er ihn zu ZLerres führen sollte, widersprach er anfangs, indem er ihm vorstellte, er werde wegen der Thaten, die er gegen die Perser verrichtet, zur Strafe gezogen werden. Da er aber nachher sich überzeugte, daß es doch gut wäre, so willigte er ein und brachte ihn auf eine wundersame Weise sicher und wohlbehalten nach Persis. Es war Sitte bei den Persern, wenn man dem König ein Kebsweib brachte, daß man sie in einem verschlossenen Wagen führte und Niemand, Wem man bgegnete, nachforschen durfte noch das Weib im Wagen zn sehen bekam. In dieser Sitte fand Lysithides ein Mittel, das er zu seinem Vorhaben benutzte. Er ließ einen Wagen rüsten, mit kostbaren Vorhängen geschmückt, und setzte in denselben den Themistokles. So brachte er ihn mit völliger Sicherheit an Ort und Stelle. Da ging er zu dem König, sprach vorsichtig mit ihm über die Sache, und erhielt das Versprechen von ihm, den Mann nngekränkt zn lassen. Nun führte er ihn vor den König. Dieser erlaubte dem Themistokles zu reden, und da er sich überzeugte, daß derselbe nicht unrecht gehandelt, so sprach er ihn von aller Strafe frei. Ol. 77, 2. I. R. 283 . v. Chr. 471. 79 ^ 57. So schien er unverhofft durch seinen Feind gerettet zu seyn. Da gerieth er wieder in eine größere Gefahr aus folgender Veranlassung. Mandane, eine Tochter des Darin s, der den Magier*) getödtet hatte, die leibliche Schwester des Xerres, stand in großem Ansehen bei den Persern. Sie hatte ihre Söhne in der Seeschlacht bei Salamis verloren , in welcher Themistokles die Persische Flotte besiegt hatte, und war über den Tod ihrer Kinder sehr betrübt und wegen ihres großen Unglücks von dem Volk bedauert. Da sie nun von der Ankunft des Themistokles hörte, kam sie in einem Tranerkleid in die Königsburg und flehte ihren Bruder unter Thränen an, daß er den Themistokles zur Strafe zöge. Als sie kein Gehör bei ihm fand, wandte sie sich mit Bitten an die Cdeln der Perser und reizte sogar das Volk zur Rache gegen Themistokles auf. Die Menge lief vor der Königsburg zusammen und verlangte mit Geschrei die Bestrafung des Themistokles. Der König antwortete, er werde ein Gericht aus den Persischen Edeln niedersehen und das Urtheil desselben solle vollzogen werden. Damit waren Alle zufrieden, und da zu den Vorbereitungen des Gerichts eine ziemliche Frist eingeräumt wurde, so lernte Themistokles unterdessen die Persische Sprache und bediente sich derselben bei seiner Vertheidigung; also wurde er von der Schuld freigesprochen. Der König war hoch erfreut über die Rettung des Mannes und machte ihm große Ehrengeschenke. Er half ihm zu einer ehelichen Verbindung mit einer Perserin , die nicht nur durch Geburt und Schönheit ausgezeichnet *) Für wird röv sh/crvor- zu lesen seyn. 796 Dwdor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. war, sondern auch das Lob der Tugend hatte. Auch gab er ihm eine Menge von Sklaven zur Bedienung, ferner Trink- geschirre aller Art und was sonst noch für kostbares Geräts, zu üppigem Lebensgenüsse gehört. Endlich schenkte er ihm drei Städte, die ihm reichen Unterhalt und Genuß verschaffen konnten; Magnesia am Mäander, welches am meisten Getreide unter den Asiatischen Städten erntet, sollte ihm das Brod liefern, Myu s, am fischreichen Meere gelegen, die Zukost, und Lampsakus, mit seinen zahlreichen Rebenpflanznngen den Wein. ' 58. So lebte denn Themistokles, wider Erwarten von Denen, deren größter Wohlthäter er geworden, verjagt, und von Denen, welchen has Aergste durch ihn widerfahren war, beschenkt, in jenen Städten frei von der Furcht vor den Griechen und im vollsten Besitz und Genuß aller Güter. Er starb in Magnesia und wurde ehrenvoll bestattet; sein Grabmal ist noch gegenwärtig vorhanden. Einige Geschichtschreiber erzählen, Zkerres habe, da er wieder einen Feldzug gegen Griechenland im Sinne-gehabt, den Themistokles aufgefordert, den Oberbefehl in diesem Krieg zu übernehmen. Dieser habe eingewilligt und sich von dem König das eidliche Versprechen geben lassen, er wolle nicht ohne Themistokles gegen Griechenland zu Felde ziehen. Nachdem nun der Stier geschlachtet und der Eid geleistet worden, habe Themistokles einen Becher mit dem Blut gefüllt und ausgetrun- ke», und augenblicklich sey er gestorben. skerres sey jetzt von seinem Vorhaben abgestanden, und Themistokles habe in seinem Tode den Griechen die schönste Vertheidigung seiner Bürgertugend hinterlassen. Wir stehen bei dem Tode eines Ol. 77, 2. I. R. 28Z. v. Chr. 4 ? >. 797 der größten Männer unter den Griechen, über den man sich häufig streitet, ob er gegen seine Vaterstadt und das übrige Griechenland unrecht gehandelt habe und darum zu den Persern geflohen sey, oder ob umgekehrt die Stadt und ganz Griechenland ihren Wohlthäter, des Danks für seine großen Verdienste vergessend, bis anf's Aeußerste verfolgt haben. Wenn man aber unbefangen und sorgfältig den Geist und die Thaten des Mannes prüft, so wird man finden, daß er in beiden Rücksichten unter Allen, welche die Geschichte kennt, die erste Stelle behauptet. Mit Recht mag man sich also darüber wundern, daß die Athener eines Mannes von solchem Geiste sich berauben wollten. 5g. Wer hat denn sonst als er, da Sparta die Obergewalt und der Spartaner Eurybiades den Befehl über die Seemacht hatte, durch seine Thaten Sparta diese Ehre entrissen? Von Wem sonst wird uns berichtet, daß er durch Eine That sich unter den Feldherrn, seiner Stadt unter den Griechischen Städten und den Griechen vor den Fremden den Vorrang erworben hat? Welchem Heerführer standen geringere Mittel zu Gebot und größere Gefahren entgegen? Wer hat im Kampf für eine verwüstete Stadt gegen die ganze Macht Asiens gesiegt? Wer hat durch solche Unternehmungen im Frieden seine Vaterstadt mächtig gemacht? Wer hat sie, als sie in den schwersten Krieg verwickelt war, gerettet, und durch eine einzige List, durch die Nachricht wegen der Brücke, die Landmacht der Feinde »m die Hälfte verringert, so daß sie von den Griechen leicht bezwungen werden konnte? So können wir denn, wenn wir auf die Größe seiner Thaten sehen und bei näherer Berrach- 796 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. tung finden, wie er von seiner Vaterstadt beschimpft, die Stadt aber durch seine Thaten berühmt wurde, nicht anders urtheilen, als daß die Stadt, die sonst vor allen andern im Ruf der Weisheit und Milde steht, ihn mit der größten Harte behandelt hat. Wir sind bei dieser Abschweifung über die Vorzüge des Thcmistokles vielleicht zu weitläufig geworden; allein wir,glaubten die ausdrückliche Hinweisnng auf seine Vorzüge nicht unterlassen zu dürfen. — Während dieser Begebenheiten erbaute in Italien Micythus, der in Rhegium und Zankte die Herrschaft führte, die Stadt B u r e n t u in. 60. Als in Athen Demotion Archon war, wählten die Römer zu Consuln den Publius Dalerins Publi- cv la und Casus Nuntius Rutil» s sJ. R. -8z. v. Chr. ä/os. In diesem Jahr wählten die Athener Cimon, den Sohn des Miltiades, zum Feldherrn, übergaben ihm eine beträchtliche Kriegsmacht und schickten ihn nach der Küste von Asien, um den verbündeten Städten Hülfe zu leisten und die zu befreien, in welchen noch Persische Besatzungen lagen. Er zog noch die Flotte, die bei Byzanz stand, *) an sich und fuhr nach der Stadt Ejon sbei Amphipolisf, die noch von Persern besetzt war. Nachdem er sie bezwungen, eroberte er sdie Jnsels Scyrus, wo Pelasger und D o- loper wohnten, und bestellte einen Athener zum Vorsteher der Ansiedler, unter die er das Land verlooste. Hierauf *) Nach Reiste, welcher das x«l vor kt> tilgt und vor xaranXkvrtKS ein xai hineinseyt. Das erstere xal wird aus ron entstanden sey». Ol 77 , 3. I. R. 284 . v. Chr. 47°. 799 dachte er größere Unternehmungen zu beginnen. Er schiffte also nach dem Piräeus, verstärkte seine Flotte mit mehreren Dreirudern und versah sie mit den übrigen Bedürfnissen reichlich. Nun lief er mit zweihundert Dreirädern aus und ließ nachher noch hundert von den Joniern und Aeoliern * **) ) holen, so daß er im Ganzen dreihundert hatte. Als er mit dieser ganzen Flotre nach Karien schiffte, ließen sich die Griechischen Pflanzstädte an der Küste sogleich alle von ihm zum Abfall von den Persern bereden "). Gegen die Städte der Eingebornen ***) aber, welche Persische Besatzung hatten, mußte er Gewalt brauchen und sie belagern. Nachdem f) er die Städte in Karien gewonnen , brachte er ebenso die in Lycien durch Ueberredung aus seine Seite. Von den sich immer mehrenden Bundesgenossen wurden ihm Schiffe zugeführt, so daß seine Flotte noch einen größeren Zuwachs erhielt. Die Perser hoben die Landtruppen unter ihrem eigenen Volk aus, die Seemacht aber brachten sie in Phönicien, Cypern und Cilicieu zusammen. Der Anführer der Persischen Heere war Tith r a u st es , ein unehlicher Sohn Für «XXcon äirchnrMN ist vielleicht rxcrröv zu setzen und das in zwei Handschriften fehlt, zu tilgen. **) Stach Wesseling's Vorschlag crriULTiklcrkv für criavkTiko^n. ***) Oder (nach der. nur durch ScOreirsehler entstellten. Lesart öi^Xwrro-) : Gegen die Städte aber, wo zweierlei Sprachen geredet wurden und wo Persische Besatzungen lagen. k) Nach Sichstädt's Verbesserung Tr^octa^a^o/ikuoL für APo- crcr/chleuos. 800 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. des Nerres. Als Cimon erfuhr, daß die Flotte der Perser bei Cypern stand, so rückte er gegen die Fremden an und lieferte ein Seetreffen mit zweihundert und fünfzig Schiffen gegen dreihundert und vierzig. Es entstand ei» hitziger Kampf und auf beiden Flotten wurde rühmlich gestritten, bis endlich die Athener siegten. Sie richteten viele feindliche Schiffe zu Grunde und bekamen mehr als hundert sammt der Mannschaft in ihre Gewalt. Die übrigen Schiffe flohen nach Cypern, wo die Mannschaft an's Land ging und entkam, die leeren unbeschützten Schiffe aber in die Hände der Feinde fielen. 61. Hieranf fuhr Cimon, nicht zufrieden mit diesem großen Sieg, sogleich mit der ganzen Flotte der Küste zu, dem Landhcer der Perser entgegen, welches am Fluß En- xymedon gelagert war. Um aber die Fremden zu überlisten , bemannte er die erbeuteten Schiffe mit den Besten seiner Leute, und Diese mußten Turbane aufsetzen und auch im Uebrigen sich Persisch kleiden. Die Fremden ließen sich, da die Flotte gerade he> ansegelte, *) durch die Persischen Schiffe und Kleidungen täuschen und meinten, es seyen ihre eigenen Dreiruder. Sie empfingen also die Athener als Freunde. Cimon aber sehte seine Truppen an's Land **), als schon die Nacht einbrach, und fiel in's Lager der Fremden ein, die ihn als Freund empfangen hatten. Da entstand *) Nach Reiske's Vermuthung Tr^ooniXeonros für ir^L- or-ros- **) Nach Wesseling's Verbesserung für eursst- s?crcrcr§. Ol. 77, 3 . I. R. 284. v. Chr. 47 «. 801 eine große Verwirrung unter den Persern. Die Leute des Simon machten Alles nieder» was ihnen anfstieß. Der Eine von den feindlichen Heerführern» Pheredates, ein Neffe des Königs » wurde im Zelt überfallen und getödtet. Von den übrigen Persern wurden Viele getödtet und Viele verwundet» das ganze Heer aber durch den unerwarteten Angriff znr Flucht genöthigt. Ja, die Bestürzung und Blindheit, die unter ihnen herrschte» war so groß» daß die Meisten gar nicht erkannten, Wer die Angreifenden waren. Denn daß die Griechen mit einem Heer gegen sie zögen, daran dachten sie nicht» weil sie gewiß glaubten, Diese hätten gar keine Landtruppen. Sie meinten vielmehr, diePisidier » die in der Nachbarschaft wohnten und feindselig gegen sie gestimmt waren» rücken mit einem Heer an. Daher glaubten fle auch, der feindliche Angriff geschehe vom Land her und flohen den Schiffen zu, als gehörten diese den Freunden. Da es eine finstere Nacht ohne Mondschein war» so wußten sie um so viel weniger» woran sie waren , und Niemand erfuhr die wahre Beschaffenheit der Umstände. Nachdem daher bei der Unordnung der Fremden ein großes Blutbad angerichtet war, ließ Cimon, der seine Truppen angewiesen hatte, da, wo ein Feuerbrand emporgehoben würde» sich zu sammeln, bei den Schiffen das Zeichen geben;, denn er besorgte, wenn sich die Truppen zerstreuten und auf Plünderung ausgingen, möchte es ein plötzliches Unglück geben. Es sammelten sich Alle bei der Fackel und ließen von der Plünderung ab. Darauf zogen sie sich auf die Schiffe zurück; am folgenden Tag aber richteten sie ein Siegeszeichen auf und fuhren nach Cypern, nachdem sie zwei der schönsten 802 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. Siege, den einen zu Land, den andern znr See, erfochten hatten. Denn man kennt kein Beispiel von so großen, herrlichen Thaten, die ein Heer an Einem Tage auf den Schiffen und auf dem Lande verrichtet hätte. 62. Der Name Cimon's, der durch seine Kriegskunst und Tapferkeit so große Dinge ausgeführt hatte, wurde hoch berühmt, nicht nur unter seinen Mitbürgern, sondern auch unter den andern Griechen. Er hatte dreihundert und vierzig Dreiruder erobert, über zwanzigtausend Gefangene gemacht und eine beträchtliche Summe Gelds erbeutet. Die Perser rüsteten nach den schweren Unfällen, die sie erlitten, neue Dreiruder in größerer Zahl, aus Furcht vor der wachsenden Macht der Athener. Denn von dieser Zeit an hob sich die Stadt Athen bedeutend empor, durch die großen Schätze sowohl, womit sie sich bereicherte, als durch den hohen Rnhm der Tapferkeit und Kriegskunst, den sie erlangte. Das Volk der Athener schied von der Beute den Zehnten aus, den es dem Gott weihte, und setzte auf das daraus verfertigte Weihgeschenk folgende Inschrift: Seit Europa die theilenden Fluthen von Asien schieden. Seitdem tobender Krieg Städte der Menschen umzieht. Keinem ist je von den erdebewohnsnden Männern mit Einem Male zu Wasser und Land also gelungen ein Werk. Die sind's, welche zu Land *) hinstreckten die Schaaren der Weder, Welche Phönicier Schiff' hundert gewänne» ziir See, *) Nach den Lesarten hei Aristides, TioXillg, rPLTikt, ov- ökui, ycrlH, statt LwLXkr, oüäov Ol. 77 , 4. I- R. 285 . v. Chr. 469 . 8o3 Alle mit Männern gefüllt; schwer stöhnte, von ihnen mit beiden Händen geschlagen im Kriegssturme, das Asische Land. Dieß waren nun die Begebenheiten jenes Jahrs. 65. Als in Athen Phäon sApsephion oder Aphepsion^ Archen war, ging in Rom die Gewalt der Consuln auf Lucius Furius Medullinus und Anlus Man lins Vulso über sJ. R. -85. v. Chr. äSgi- In diesem Jahr traf die Lacedämvnicr ein großes unerwartetes Unglück. Es ereignete sich in Sparta ein großes Erdbeben, wodurch die Häuser bis auf die Grundmauern einfielen und mehr als zwanzigtausend Lacedämvnier umkamen. Da die Erschütterungen in der Stadt und das Einstürzen der Häuser lange Zeit immer fortwährten, so wurden viele Menschen durch die unversehens einfallenden Wände erschlagen. Auch von den Hausgeräthen richtete das Erdbeben nicht Wenig zu Grunde. Dieses Mißgeschick nun schien eine Gottheit, welche den Lacedämoniern zürnte, über sie verhängt zu haben. Zugleich traf es sich, daß andere Gefahren Ihnen durch Menschen bereitet wurden. Die Veranlassung war folgende: Die Heloten und Messe nier waren feindselig gegen sie gestimmt, hielten sich aber früher ruhig aus Furcht vor der überlegenen Macht von Sparta. Als sie aber nun sahen, daß die größere Zahl derselben durch das Erdbeben umgekommen war, so achteten sie der Wenigen, die übrig geblieben waren, nicht mehr. Sie verabredeten sich also mit einander und bekriegten gemeinschaftlich die Lacedemonier. Der König der Lacedämvnier, Archiv amus, der durch seine Fürsorge bei dem Erdbeben den Bürgern Rettung gebracht, 8oL Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. leistete auch im Kriege tapfern Widerstand gegen die Angreifer. Als nämlich das schreckliche Erdbeben in der Stadt ausbrach, war er der erste Spartaner, der, seine Waffen- rüstung ergreifend, ans der Stadt aufs Feld hinauseilte, nnd> hieß die andern Bürger dasselbe thun. Die Spartaner folgten ihm, und auf diese 'Art wurden Die, welche noch übrig waren, gerettet. Diese samrpelte der König Archidamus und rüstete sich, die Abtrünnigen zu bekriegen. 6/s. Die Messenier, mit den Heloten vereinigt, wandte» sich zuerst gegen Sparta, weil sie die von Vertheidigern verlassene Stadt leicht einzunehmen dachten. Als sie aber hörten, daß die Uebriggebliebenen unter dem König Archidamus sich gesammelt haben und zum Kampf für die Vaterstadt bereit seyen, so standen sie von diesem Entschluß ab und besetzten einen festen Platz in Messenien, von wo aus sie Streifzüge durch Lakonien machten. Die Spartaner nahmen zum Beistand der Athener ihre Zuflucht und erhielten von ihnen Hülfsvölker. Da sie zugleich auch Truppen von den übrigen Bundesgenossen zusammenbrachten, so konnten sie nun den Feinden die Spitze bieten. Im Anfang waren sie den Feinden weit überlegen; später aber als sie gegen die Athener Verdacht schöpften, als wollten Diese auf die Seite der Messenier trete», entließen sie das Athenische Hülfsheer und erklärten, die übrigen Bundestruppen seyen für den gegenwärtigen Kampf hinlänglich. Die Athener, welche sich beschimpft glaubten, gingen für-jetzt *) nach Hause; nachher aber brach ihre Abneigung gegen die Lacedämonier immer *> Nach Reiste, der rork für ovro« fetzt. Ol. 78, i. I. R- 286. v. Chr. 468. 8°5 mehr in offenbare Feindschaft aus. Dieß war also nur der Anfang *) der Uneinigkeit, und erst später führten die entzweiten Sädte die heftigen Kriege, welche ganz Griechenland mit so schwerem Ungemach überhäuften. Davon werden wir übrigens zur gehörigen Zeit ausführlich sprechen. Die Lacedämonier zogen für jetzt gegen Jthome **) und belagerten es. Die Heloten fielen sammt und sonders von den Lacedämoniern ab und schloßen sich an das Heer der Messenier an. Bald siegten sie, bald wurden sie überwunden. Zehn Jahre lang fügte man sich immerfort gegenseitig Schaden zn, ohne den Krieg beendigen zu können. 65 . Hierauf war Theagenides Archon in Athen, und in Rom wurden Lucius Aemilius Mamercus und Vopiscus Julius Julus zu Consuln erwählt; man feierte die a cht nn d sieb z ig st e Olympiade, wo Parmen ides von Postdonia Sieger auf der Rennbahn war fJ. R. -86. v. Chr. 468s. In diesem Jahr entstand ein Krieg zwischen Argos und Mycenä, aus folgender Veranlassung. Die Mycener, stolz auf den alten Rang ihrer Stadt, wollten den Argivern nicht wie die andern Städte in Argalis gehorchen, sondern benahmen sich als eine selbst- ständige Macht, ohne sich um die Argiver zu bekümmern. Auch waren sie im Streit mit ihnen wegen der Heiligtümer der Hera, und verlangten, daß sie die neme-schen Spiele anordnen dürften. Ferner waren, dg, die Argiver beschlossen hatten, nicht mit den Lacedämoniern nach Ther- *) Statt L§x-.ajZoi- mag es eXer/Zor geheißen haben. ") So hieß der feste Play. von welchem vorhin die Rede war 8v6 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. mopylä in den Kampf zu ziehen, wenn Diese nicht den Oberbefehl ihnen zum Theil abträten, die Mycener unter den Bewohnern von Argolis die einzigen Mitstreiter der Lacedämonier gewesen. Ueberhaupt aber besorgten die Ar- giver, die Mycener möchten einmal, wenn sie immer mächtiger würden, wegen des alten Rangs der Stadt die Herrschaft ihnen streitig machen. Aus diesen Gründen nun waren sie ihnen abgeneigt und hatten schon lange gern Krieg angefangen *). Jetzt aber glaubten sie eine gelegene Zeit gefunden zu haben, da die Lacedämonier geschwächt waren und den Mycenern nicht zu Hülfe kommen konnten. Sie brachten also ein. ansehnliches Heer aus Argos und ans den verbündeten Städten zusammen und zogen gegen sie zu Felde. Sie gewannen eine Schlacht, so daß sich die Mycener in ihre Mauern einschließen mußten, und belagerten die Stadt. Eine Zeit lang vertheidigten sich die Mycener tapfer gegen die Belagerer; darauf aber, als ihre Kraft zum Widerstand erschöpft war und die Lacedämonier wegen ihrer eigenen Kriege und wegen des Unglücks, das ihnen durch das Erdbeben begegnet war, nicht zu Hülfe kommen konnten, auch sonst kein Beistand vorhanden war, wurde die von aller Unterstützung entblöste Stadt mit Sturm erobert. Die Ar- giver machten die Mycener zu Sklaven, weihten den Zehnten von ihnen dem Gott und zerstörten Mycenä. Ein solches Ende «ahm diese Stadt, die in den alten Zeiten blühend war und großeKMänner hatte und denkwürdige Thaten *) Es wird «(icrr 7-7)0 iro'Xev (oder cct>en,)v no'-.in) aus ä(>occtA«t uoXk/uon entstanden seyn. Ol. 78, 2. I. R. 287. v. Chr. 467. 807 verrichtete. Sie ist auch bis ant unsere Zeit nicht wieder erbaut worden. Dieß ist es nun, was in jenem Jahr geschah. 66. Als in Athen Lysistratns Arche» war, wählten die Römer zu Consuln den Lucius Pinar ins Mamer- tinus und Publius Furius Fusns fJ. R. -87. v. Chr. ^6^.' In diesem Jahr bewog Hieron, der König von Syrakus, die Söhne des Anarilaus, welcher Beherrscher von Zankle gewesen, durch große Geschenke, nach Syrakus zu kommen. Er erinnerte sie an das Verdienst, das sich Gelon um ihren Vater erworben, und gab ihnen den Rath, da sie bereits zu Männern herangewachsen seyen, von ihrem Vormund Micythus Rechenschaft zu fordern und die Regierung selbst zu übernehmen. Sie gingen also nach Rhegium zurück und verlangten von dem Vormund Rechenschaft über seine Verwaltung. Micythus, welcher ein rechtschaffener Mann war, versammelte die Freunde des Vaters der Jünglinge und legte eine so befriedigende Rechnung ab, daß alle Anwesenden seine Gewissenhaftigkeit und Treue bewunderten, die Jünglinge aber ihren Schritt bereuten und den Micythus baten, die Herrschaft wieder zu übernehmen, und Vatersstelle vertretend mit voller Gewalt die Regierungsgeschäfte zu besvrgen. Allein Micythus willigte nicht ein, sondern übergab Alles gewissenhaft, brachte sein eigenes Vermögen zu Schiffe und segelte von Reginm ab, begleitet von der Liebe des Volks. Er begab sich nach Griechenland und beschloß sein Leben in Ehren zu Tegeä in Arkadien. Hieron, der König von Syrakus, starb in Kata na und wurde als Heros verehrt, weil er für den Stifter dieser Divdor. 6s Bdchtt. 7 8o3 Diodor'S historische Bibliothek. Eilftes Buch. Stadt galt. Er hatte eilf Jahre regiert und hinterließ das Reich seinem Bruder Thrasybulus, welcher ein Jahr in Syrakus herrschte. 67. Als in Athen Lysanias Archen war, wählten die Römer zu Consuln den Appius Claudius und Ti- tus Quinctius Capitolinus sJ. R.-88. v. Chr-chsts. In diesem Jahr wurde Thrasybulus, der König von Syrakus, vom Thron gestoßen. Um darüber ausführlich zu berichten, müßen wir auf die frühere Zeit einen Blick zurückwerfen und von Anfang an Alles genau auseinandersetzen. Gelon, der Sohn des Dinomenes, der sich durch Tapferkeit und Kriegskunst vor Andern auszeichnete, überlistete die Karthager und besiegte die Fremden in einer großen Schlacht, wie es oben *) erzählt ist; und da er nicht nur die Ueberwundenen mit Milde behandelte, sondern auch gegen alle seine Nachbarn sich freundlich bewies, so erwarb er sich große Achtung in Sicilieu. Er verlebte daher, geliebt von Jedermann wegen seiner Sanftmuth, seine Tage im Frieden bis an sein Ende. Sein Nachfolger in der Regierung aber, Hieron, sein ältester Bruder, herrschte nicht auf dieselbe Weise über seine Unterthanen. Er war habsüchtig und gewaltthätig und überhaupt von der Geradheit und Rechtschaffenheit seines Bruders weit entfernt. Daher waren hie und da Manche zum Abfall geneigt. Doch unterdrückten sie ihre Wünsche aus Rücksicht auf Gelon's Ruhm und sein Wohlwollen gegen die sämmtlichen Sicilier. Ais aber nach Hiron's Tode sein Bruder Thrasybulus die Herr- *> Cap. 21. ff. Ol. 78, 3 - I. R. - 83 . v. Chr. 466. 809 schaft übernahm, so regierte dieser noch viel schlimmer als sein Vorgänger. Er war gewaltthätig nud blutgierig; viele Bürger ließ er ungerechter Weise hinrichten, und nicht wenige verbannte er auf falsche Beschuldigungen hin und zog ihr Vermögen für den königlichen Schatz ein. Weil er Jedermann haßte und gehaßt war von den Bedrückten, so warb er eine Menge auswärtiger Söldner an, um sich eine Schutz- wache gegen die einheimischen Truppen zu verschaffen. Als er aber den Widerwillen immer mehr gegen sich reizte, indem er Viele mißhandelte und Einige hinrichten ließ, so sahen sich die bedrückten Bürger zum Abfall genöthigt. Die Syrakusler entschloßen sich also einmüthig, unrcr der Leitung von Anführern, welche sie sich wählten, die Alleinherrschaft zu stürzen; sie sammelten sich um die Anführer, und kämpften um die Freiheit. Da Thrasybnlns sah, daß die ganze Stadt gegen ihn im Kriege begriffen war, so suchte er anfangs durch Vorstellungen den Aufruhr zu stillen. Als er- aber fand, daß der Sturm in Syrakus sich nicht dämpfen ließ, so brachte er die von Hieron nach Katana verpflanzten Ansiedler und die übrigen Bundestrnppen, wie auch eine große Zahl von Söldnern zusammen, so daß er im Ganzen gegen fünfzehntausend Mann hatte. So nahm er denn die Theile der Stadt ein, welche Achradina und Nesos sJnselZ heißen, und von diesen festen Plätzen *) aus führte er den Krieg gegen die Empörer. *) Ss wird ov-7«g für üxvpäv ovcrav geheißen haben. * 7 8io Dkodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch» 63. Die Syrakusier besehten fürs Erste den Theil der Stadt, welcher Tyche *) genannt wird. Während sie von dort aus sich wehrten, schickten sie Gesandte nach Gela, Agrigent und Selinus, auch nach Himera und an die Städte der Siculer im Innern des Landes und baten, sie möchten sich geschwind vereinigen und Syrakus befreien helfen. Alle waren bereit, dem Ruf zn folgen, und schnell schickten die Einen Fußvolk und Reiterei, die Andern zu einer Seeschlacht gerüstete Kriegsschiffe. So kam eine zum Kampf für Syrakus hinreichende Macht zusammen. Die Syrakusier stellten also die Schiffe und die Landtruppen in Schlachtordnung und zeigten sich bereit die Sache durch eine Schlacht zn Land und zn Wasser zn entscheiden. Thrasybn- lus wurde von den Bundestrnppen verlassen, und seine Hoffnung beruhte nur noch auf den Söldnern. Er war Herr von Achradina und Nesos, aber den übrigen Theil der Stadt hatten die Syrakusier inne. Thrasybnlns griff nun zur See den Feind an. Das Scetreffen fiel unglücklich aus; er verlor viele Dreiruder und flüchtete mit den übrigen nach Nesos. Ebenso wurde er, als er mit der Landmacht aus Achradina aüsrückte und m den Vorstädten ein Treffen lieferte, überwunden und genöthigt, mit großem Verlust nach Achradina sich zurückzuziehen. Endlich gab er die Hoffnung auf, die Alleinherrschaft zu behaupten und unterhandelte mit den Syrakusier». Er schloß eine Uebereinknnft mit ihnen, durch die ihm freier Abzug nach Lokri gewährt wurde. Nachdem die Syrakusier auf diese Art die Vaterstadt befreit hat- *) Nach Casaul-onus Verbesserung '/v/hn für 'iru'x^v. Ol- 4 . I. R. 289. v. Ehr. 465. 811 ten, gestatteten fle den Söldnern, ans Syrakns abzuziehen. Auch die andern Staaten, welche Alleinherrscher oder Besatzungen hatten, machten sie frei und stellten die Volksregierung in den Städten wieder her. Von dieser Zeit an wurde der Wohlstand der Stadt *) sSyrakuss, da sie Frieden hatte, um Vieles blühender, und sie bewahrte die Volksregiernng beinahe sechzig Jahre, bis Dionysius sich zum Herrscher auswarf. Thrasybulns - hatte ein wohl gegründetes Reich angetreten und durch seine Schlechtigkeit schimpflich die Herrschaft verloren. Er brachte in der Verbannung zu Lo- kri seine übrige Lebenszeit als Privatmann zu. Während das geschah, wurden in Rom znm ersten Mal fünf**) Volkstribnnen erwählt, Casus Sicinius, Lucius Nnmitorius, Marcus Duillius, Spu- r i u s I c i l i n s, Lucius M ä c i l i n s. 6 g. Als das Jahr verflossen war, wurde in Athen Lysi- theus Ärchon, und in Rom wählte man zu Consnln den Lucius Valerius Publicola und Tiberius Aemi- lius Mamercus fJ. R. 28 g. v. Chr. 465s. In diesem Jahr machte in Asien Artabanus, ein geborner Hyrka- nier , der bei dem König Perres großen Einfluß hatte, und der Anführer seiner Leibwache war, den Entwurf, den Rerres zu ermorden und die Regierung an sich zu bringen. *) Vor iroX^r- kann 2) ausgefallen seyn. *') Im Text sieht vier, weil statt der zwei letzten, ähnlich lautenden, Namen aus Versehen Einer gesetzt ist, Spur rius Acilius. ÄI2 Diodor's historische Bibliothek. Eilfkes Buch. Er theilte den Plan *) dem Eunuchen Mithridates mit, welcher Kammerherr des Königs war und dessen unbeschränktes Vertrauen besaß, aber als Verwandter und Freund des Artabanus dennoch zu dem Anschlag seine Zustimmung gab> Von ihm wurde Artabanus bei Nacht in das Schlafgemach eingeführt und tödtete den Nerres. Jetzt sollte die Reihe an die Söhne des Königs komme». Es waren ihrer Drei; Darius, der Aelteste, und Artarerres, befanden sich in der Königsburg; der Dritte, Hystaspes, war damals von Hans abwesend, denn er hatte die Statthalterschaft in Bak- tra. Nun kam Artabanus noch in der Nacht zu Artarerres und sagte ihm, sein Bruder Darius sey der Mörder seines Vaters geworden und reiße die Regierung an sich; er rathe ihm also, ehe Jener in den Besitz der Herrschaft komme, ungesäumt dafür zu sorgen, daß er selbst nicht durch eigene Un- thätigkeit Knecht sondern König werde und an dem Mörder des Vaters sich räche. Dazu versprach er ihm durch die königliche Leibwache zu verhelfen. Artarerres ließ sich bereden nnd ermordete sogleich mit Hülfe der Leibwache seinen Bruder Darius. Als Artabanus sah, daß sein Unternehmen so gut von Statten ging, so zog er seine Söhne bei, und mit den Worten, jetzt sey es Zeit die Herrschaft zu gewinnen, hieb er mit dem Schwert nach Artarerres. Dieser, wenn gleich getroffen, doch nicht gefährlich verwundet, wehrte sich gegen Artabanus nnd versetzte ihm einen tödlichen Streich, der ihn erlegte. So gelangte Artarerres, indem *) Das erste ist in xm/boXijn zu verwandeln, und auch, wenn nicht das zweite, doch das dritte. Ol. 79, i- I. R. 2go. v. Chr. 464. «-3 er wider Erwarten gerettet wurde und an dem Mörder seines Vaters Rache nahm, znr Regierung von Persien. Ler- res hatte, als er auf die angegebene Art endete, mehr als zwanzig Jahre über die Perser geherrscht. Sein Nachfolger auf dem Thron Artare rres, regierte vierzig Jahre. 70. Als in Athen Archedemides Archon war, wählten die Römer zu Consuln den Aulus Virgin ins und Titus Numicins; man feierte die neunundsiebzig- ste Olympiade, wo Xenophon von Korinth Sieger auf der Rennbahn war fJ. R. 29a. v. Chr. In diesem Jahr empörten sich die Thasier, wegen einer Streitigkeit über die Bergwerke, gegen die Athener. Ihre Insel wurde aber von den Athenern erobert, und sie mußten sich ihnen wieder unterwerfen. Ebenso wollten die Athener die Aegineten, die sich auch empört hatten, bezwingen*), indem sie Anstalten znr Belagerung von Aegina machten. Diese Stadt that sich auf das Glück, das sie häufig in den Kämpfen zur See hatte, viel zu gut und war mit Geld und mit Dreirädern wohl versehen; und den Athenern war sie von jeher durchaus abgeneigt. Darum zogen sie gegen dieselbe zu Felde, verheerten das Land, belagerten Aegina und wollten es geschwind mit Sturm erobern **). Sie behandelten nemlich überhaupt, als ihre Macht viel höher stieg, die Bundesgenossen nicht mehr so billig wie früher, sondern führten die Herrschaft gewaltthätig und übermüthig. Daher verabredeten sich viele der Bundesgenossen, denen diese Härte *) Für ist vielleicht zu lesen. **) Nach Dindorf's Verbesserung eXksn für «neXklv. 6-4 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. unerträglich war, miteinander wegen eines Abfalls; und einige benahmen sich als selbständige Staaten, ohne sich um den allgemeinen Bundes - Rath zu bekümmern. Zu eben dieser Zeit schickten die Athener, da sie Herrn zur See waren, nach Amphipolis zehntausend Ansiedler, welche sie theils aus ihren Mitbürgern, theils aus den Bundesgenossen auslosen. Sie verloostcn das Land, und spielten eine Zeit lang über die Thracier den Meister. Später aber, als sie weiter in Thracien vordrangen, wurden einmal Alle, die in's Land der Thracier eingefallen waren, von den sogenannten Edonen niedergemacht. 71. Als in Athen Tlepvlemus Archon war, wählten die Römer zu Consnln den Titus Quill ctius und Quintns Servilius Structus sJ. R. -91. v. Chr. In diesem Jahr ordnete Artarerres, der König der Perser, welcher kürzlich die Regierung angetreten hatte, die Angelegenheiten des Reichs seinem Vortheil gemäß, nachdem er zuerst die Theilnehmer an der Ermordung seines Vaters bestraft hatte. Er sehte nemlich von den bisherigen Statthaltern Diejenigen ab, die ihm abgeneigt waren , und ersah sich unter seinen Freunden die Tauglichen aus, um ihnen die Statthalterschaften zu übertragen. Auch für die Einkünfte trug er Sorge und für die Ausrüstung der Kriegsmacht. Uebrigens verfuhr er bei allen Regiernngs- angelegenheiten mit Milde und machte sich dadurch bei den Persern sehr beliebt. Die Einwohner von Aegypten aber entschloßen sich, als sie vom Tode des Lerres und von der allgemeinen Bewegung und Verwirrung in Persien hörten, die Freiheit zu erkämpfen. Sie sammelten sogleich eine Ol. 79, 2. I. R. 291. v. Chr. 463. 8,5 Heeresmacht, empörte» sich gegen die Perser, vertrieben die Persischen Steuereinnehmer aus Aegypten und wählten einen König, Namens Jnaros. Dieser hob zuerst im Lande Truppen aus; darauf warb er auch Söldner unter ander» Völkern, und so brachte er ein bedeutendes Heer zusammen. Er stückte ferner Gesandte an die Athener wegen eines Bündnisses und versprach ihnen, wenn sie die Aegypter frei machten, so wollte er ihnen Theil an der Regierung geben und sich auf vielfache Weise dankbar für die Wohlthat bezeugen. Die Athener, welche es Vortheilhaft fanden, die Perser so sehr als möglich zu schwächen und die Aegypter für sich zu gewinnen auf den Fall eines unvermutheten Mißgeschicks, beschloßen, dreihundert Dreiruder den Aegypter» zu Hülfe zu senden. So betrieben denn die Athener mit großem Eifer die Ausrüstung *) der Flotte. Artarerres aber glaubte, als er von dem Abfall und den Kriegsrüstungen der Aegyp- tcr Nachricht erhielt, noch eine größere Kriegsmacht als die Aegypter aufbringen zu müssen. Er hob also sogleich in allen Statthalterschaften Truppen aus, rüstete Schiffe und trug Sorge für alle übrigen Kriegsbedürfnisse. So stand es n Asien und 'Aegypten. 7-. Auf Sicilien war kürzlich die Alleinherrschaft in Syrakus gestürzt, und alle Städte der Insel hatten sich frei gemacht. Dadurch stieg der Wohlstand von ganz Sicilien viel höher. Denn da die Sicilier ein fruchtbares Land bewohnen, so wuchs durch den reichen Ertrag desselben ihr *) Nach Wesseling's Vermuthung .... für .... npoAvfllan. Till- 816 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. Vermögen in den Friedenszeitcu schnell. Sie füllten das Land mit Sklaven und Heerden und ihren übrigen Reichthümern, weil sie so viel Einkünfte bezogen und nichts auf die sonst gewöhnlichen Kriege zu verwenden hatten. Spater aber entstanden wieder Kriege und Parteizwiste unter ihnen, aus folgender Veranlassung. Nachdem sie den Tyrannen Thrasybulus gestürzt, hielten sie eine Versammlung der Bürger, in welcher man sich über die einzuführende Volksherr- schaft berieth. Sie beschloßen alle einstimmig, eine kolossale Bildsäule des „Befreiers Zeus" machen zu lassen, jährlich ein Freiheitsopfer zu bringen und prächtige Kampfspiele zu halten an demselben Tag, an welchem sie den Tyrannen gestürzt und das Vaterland befreit hatten, bei den Kampfspielen den Göttern vierhundert und fünfzig Stiere zu opfern und das Fleisch zu einem fröhlichen Mahl für die Bürger zu verwenden. Alle obrigkeitlichen Stellen aber behielten sie den Altbürgern vor, und den Auswärtigen, die unter Gelon das Bürgerrecht erhalten hatten, gaben sie keinen Theil an jener Ehre, sei es, daß sie dieselben nicht für würdig hielten, oder daß sie den Argwohn hatten, diese Leute, die als Kriegsgefährten des Alleinherrschers von Jugend auf mit der Tyrannei vertraut waren, möchten einmal Unruhen stiften. So geschah es auch wirklich. Gelon hatte nemlich mehr als zehntausend fremden Söldnern das Bürgertecht ertheilt, und davon waren um jene Zeit noch mehr als siebentausend übrig. ?5. Diese waren unzufrieden, daß sie bei der Wahl zu Ehrenämtern ausgeschlossen wurden. Sie rotteten sich zusammen, empörten sich gegen die Syrakusier und besetz- Ol. 79, 5. I. R. 292. v. Chr. 462. 817 ten Achradina und Nesos, da diese beiden Theile der Stadt eine besondere, fest gebaute Mauer hatten. Die Sy- rakufler, die nun auch aufs neue in Noth gsriethen, hatten die übrige Stadt inne; sie befestigten sie auf der Seite von Epipolä *) und schafften sich völlige Sicherheit. Sie schnitten nemlich sogleich mit leichter Mühe die Empörer ab, daß sie keinen Ausgaug nach dem Lande hatten und bald an Lebensmitteln Mangel litten. Die Fremdlinge waren zwar an Zahl geringer als die Syrakusier, aber an Kriegserfahrnng hatten sie viel voraus. Daher behielten bei den Angriffen gegen die Stadt, und so oft es zum Handgemenge kam, die Fremdlinge die Oberhand; aber da sie vom Lande abgeschnitten waren, so fehlte es ihnen an Kriegsbedürfnissen und sie hatten Mangel an Nahrung. So stand es in Sicilien. 7i. Als in Athen Konon Archon war, bekleideten in Rom das Consulat Quintus Fabius Vibulanns und Tiberius Aemilins Mamercns fJ. R. 292. v. Chr. 462 s. In diesem Jahr ernannte Artarerres, der König der Perser, seinen Oheim Achämenes, einen Sohn des Darins, zum Heerführer gegen die Aegypter. Er stellte unter seinen Befehl über dreimalhunderttausend Mann Fußvolk und Reiterei und gab ihm den Auftrag, die Ae'gyp- ter zu bezwingen. Als nun Derselbe in Aegypten ankam, schlug er ein Lager in der Nähe des Nils, und nachdem er seine Truppen von dem Zug hatte ausruhen lassen, rüstete er sich zur Schlacht. Die . Aegypter hatten ihr Heer *) Auch dieß war ein besonderer Theil der Stadt; er lag auf einem Berge dieses Namens. 8i8 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. aus Libyen und Aegypten zusammengezogen und warteten nur auf die Hülfstrnppen von den Athenern. Sobald die Athener in Aegypten mit zweihundert Schiffen angelangt waren, stellten sie sich mit den Aegyptern den Persern gegenüber in Schlachtordnung. Es entstand ein hitziges Gefecht, und eine Zeit lang war der Vortheil auf der Seite der Perser, welche an Zahl überlegen waren. Nachher aber, als die 'Athener, mit Macht eindringend, auf ihrer Seite die Feinde zum Weichen brachten und viele tödteten, ergriff auch das übrige Heer der Fremden die Flucht. Auf dem Rückzug entstand ein großes Blutbad und die Perser nahmen endlich, nachdem sie den größer» Theil ihrer Truppen verloren hatten, ihre Zuflucht zn der sogenannten weissen Mauer*); die Athener aber, die durch ihre Tapferkeit den Sieg gewonnen, sehten den Fremden bis zu dem eben erwähnten **) Platze nach und belagerten sie ungesäumt. Artarerres schickte auf die Nachricht von der Niederlage der Seinigen zuerst einige seiner Freunde nach Lacedämon, mit einer großen Summe Gelds und forderte die Lacedämo- nier auf, mit den Athenern Krieg anzufangen. Denn er dachte, alsdann werden die in Aegypten so siegreichen Athener nach Hause schiffen, um der Vaterstadt zn Hülfe zn kommen. Als aber die Lacedämonier weder Geld annahmen, noch sonst der Aufforderung der Perser Gehör gaben, so rüstete Artarerres, ohne weiter auf den Beistand der Lacedä- *) Ein Theli der Stadt Memphis. **) Für 7i§oxrl;cLroi> (dem vor ihnen liegenden Ort) ist vielleicht 7rook-0MLt>ou zu lesen. Ol. 79. 4 - I. R. 295. v. Chr. 461. 819 monier zu rechnen, ein neues Heer. Als Anführer sandte er mit demselben den Artabazus und Megabyzus, Männer von vorzüglicher Tapferkeit ab, den Krieg mit den Aegyptern zu führen. 75. Als in Athen Euhippus Archon war, wählte» die Römer zu Consuln den Quintus Servilius und Spuriiis Pestumius Aldus sJ. N. 2gZ. p. Chr In diesem Jahr brachen in Asien Artabazus und Megabyzus, die in den Krieg gegen die Aegypter ziehen sollten, mit mehr als dreimalhundcrttausend Mann Fußvolk und Reiterei aus Persten auf. Als sie nach Eilicien und Phönicier; kamen, ließen sie das Landheer von' dem Zug ausruhen und trugen den Cypriern und Phöniciern und den Bewohnern von- Cilicien auf, Schiffe zu rüsten. Nachdem dreihundert Dreiruder gebaut waren, bemannten fle dieselben mit den besten Truppen und versahen sie mit Waffen und Geschvßen und dem klebrigen, was man zum Seekrieg bedarf. So beschäftigten sie sich denn mit den Rüstungen und stellten Uebungen mit den Truppen au, damit Alle eine Fertigkeit im Kriegsdienst erlangten; und damit brachten sie beinahe dieses ganze Jahr zu. In Aegypten belagerten unterdessen die Athener die nach Memphis Geflüchteten in der weißen Mauer. Da sich aber die Perser tapfer vertheidigten, so sehten sie die Belagerung das ganze Jahr fort, ohne den Platz einnehmen zu können. 76. In Sicilieu führten die Syrakusier noch mit Leu empörten Söldnern Krieg. Sie machten beständige Angriffe auf Achradina und Nesos und überwanden die Aufrührer in einem Seetreffen; aber zu Lande fle zu überwälti- 820 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. gen und aus der Stadt zu vertreiben gelang wegen der Festigkeit der Plätze nicht. Später aber wurde auf dem Lande eine Schlacht geliefert, wo sich beide Theile wüthend in den Kampf stürzten und nicht Wenige auf beiden Seiten fielen? die Syrakufler aber siegten. Nach der Schlacht belohnten die Syrakusier die Auserlesenen, sechshundert an der Zahl, welchen sie den Sieg verdankten, mit Ehrengeschenken, indem sie Jedem eine Mine Silbers gaben. Während Das geschah' zogDucetius, der Anführer der Siculer, gegen die Bewohner von Katana zu Felde, denen er wegen des den Siculern abgenommenen Landes feind war. Zugleich zogen auch die Syrakusier gegen Katana und bekriegten die von dem König Hieran dahin verpflanzten Ansiedler, die das Land unter sich verloost hatten *). Die Bewohner von Katana widersetzten sich, wurden aber in mehreren Treffen besiegt. So mufften sie denn Katana verlassen und nahmen das jetzige Aetna, das vordem Ennesia hieß, in Besitz. Die ursprünglichen Einwohner von Katana aber wurden nun nach langer Zeit wieder in ihre Vaterstadt eingesetzt. Als Das geschehen war, kehrten auch die unter Thcron's**) Herrschaft aus ihren Städten Vertriebenen, da sie nun Mitstreiter hatten , in ihre Heimath zurück und verjagte» Diejenigen, die unrechtmäßig Andern ihre Städte genommen hatten, aus *) Außerdem, daß man mit Weffeling xctnoixroALnrctg für xocrorxeo^Lnrkg zu lese» hat, ist wohl auch xornH xcrrrxX»-(>ot-xi)ovX^- ctcrvrag zu verwandeln. **) '/L(>«vos wird aus 9?)(>«>l-os entstanden seyn. Ol. 80, I. R. 294. v. Chr. 460. 821 diesen Wohnsitzen. Unter Diesen waren die Bewohner von Gela, von Agrigent nnd von 5 ? im er a. Auf gleiche Weise vertrieben auch die Rheginer und Zankläer ihre Herrscher, die Söhne des Anarilaus, und machten ihr Vaterland frei. Später wurde Kamarina unter die Ge- loör, die ursprünglichen Bewohner, verlässt. Uud beinahe alle Städte entschloßen sich, den Kriegen*) ein Ende zu machen. Man verglich sich einem allgemeinen Beschluß zufolge mit den cingewandertcn Fremdlingen, indem man die Vertriebenen aufnahm und den alten Bürgern die Städte zurückgab, den sämmtlichen Fremdlingen aber, welchen die Alleinherrscher Städte, die ihnen nicht gehörten, eingeräumt hatten, ihren Wohnsitz im Gebiet von Messens anwies. Auf diese Art wurden die Streitigkeiten und Unruhen in den Städten auf Sicilien gestillt, und nachdem beinahe alle Städte ihre ursprünglichen **) Verfassungen wieder erhalten hatten, verloosten sie ihr Gebiet unter die sämmtlichen Bürger. 77. Als in Athen Phrasiklides Archon war, feierte man die achtzigste Olympiade, wo Thorymbas von Thessalien Sieger auf der Rennbahn war; die Römer wählten zu Cvnsuln den Qu intus Fabius und Titus Quinctius Capitoliuus sI. R. -gi. v. Chr. 460) In diesem Jahr brachen in Asien die Persischen Heerführer, nachdem sie auf ihrem Zuge in der Gegend von Ci- *) Nach Reiske's Verbesserung noXkumu für 7ro).5;ct«u. **) Für «TraXXorpiovg sollte es vielleicht an oder arlrwrr iraupiovs heissen. 822 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. licien dreihundert Schiffe ausgerüstet und mit Kriegsbedürfnissen wohl versehen hatte», mit ihren Laudtruppen auf und rückten durch Syrien und Phönicieu zu Lande vor. Die Flotte fuhr nebenher, dem Landheer zur Seite. Als sie vor Memphis in Aegypten ankamen, wnrde für's Erste von den Aegyptern und Athenern, welche in Schrecken geriethen, die Belagerung der weißen Mauer aufgehoben. Hierauf gingen die Perser mit Vorsicht zu Rath; sie vermieden eine offene Schlacht und gaben sich Mühe, durch List dem Krieg ein Ende zu machen. Sie leiteten j nämlich den Strom sden Arm des Nilss, der an der Insel Prosopitis hinfließt, wo dieIAthenifchen Schiffe vor Anker lagen, durch Canäle ab und machten die Insel zum Festlande. Als nun die Schiffe auf einmal auf dem trockenen Boden saßen, verzagten die Aegypter, ließen die Athener im Stich und verglichen sich mit den Persern. Die Athener, die sich von Mitstreitern verlassen und ihre Schiffe-unbrauchbar gemacht sahen, verbrannten dieselben, damit sie nicht in die Gewalt der Feinde kämen. Für sich selbst aber war ihnen nicht bange in dieser gefährlichen Lage; sie ermunterten einander, Nichts zu thun, was ihrer frühern Kricgsthaten unwürdig wäre. Sie wollten es Denen, die bei Thermvpylä für Griechenland gefallen waren, an Heldenmuth zuvorthun und waren znm Kampf gegen die Feinde bereit. Als aber die Persischen Heerführer, Artabazus und Megabyzus, diese unbegreifliche Kühnheit der Feinde sahen, bedachten sie, wie viele Tausende sie von ihren Leuten verlieren würden, und schloßen mit den Athenern eineifl Vergleich, dem zufolge diese ungefährdet aus Aegypten abziehen durften. So wurden die^Athener durch Ol. 8«,, 2. I. R. 295. v. Chr. 459. 6 r 3 ihre Entschlossenheit gerettet; sie verließen Aegypten, zogen durch Libyen nach Cyrenc und kamen wider Erwarten glücklich nach Hause. Während Das geschah, hatte in Athen Ephialtes, der Sohn des Simonides, ein Vslksführer, die Menge gegen die Areopagiten aufgereizt. Er veranlaßte einen Beschluß des Volks, durch welchen die Gerichtsbarkeit des Areopa- gns beschränkt und die herkömmlichen weitberühmten Einrichtungen aufgehoben wurden. Doch blieb ein so ganz widerrechtliches Beginnen nicht ungestraft*). Er wurde bei Nacht aus dem Wege geräumt, und man erfuhr nicht, was er eigentlich für ein Ende genommen. 78. Als das Jahr vergangen war, wurde Philokles Archon in Athen, und in Rom ging die Consulswürde über auf A u l u s P 0 stumi 11 s Registlensis und Spurius Furius Mednlliiius sJ. R. -g 5 . v. Chr. 45g). In diesem Jahr entstand ein Krieg der Korinther und Epi- danrier gegen die Athener, und Diese zogen ihnen entgegen. Es kam zu einem hitzigen Gefecht, in welchem die Athener siegten, die mit einer großen Flotte bei Haliä angekommen waren. Sie landeten auf dem Peloponnes und machten nicht wenige Feinde nieder. Nun vereinigten sich die Peloponnesier und brachten eine ansehnliche Kriegsmacht Zusammen. Es wurde den Athenern bei Cekryphalia eine Schlacht geliefert, in welcher wieder die Athener siegten. Da diese Gefechte so glücklich ausgefallen waren, so *) Nach der Vermuthung von Rhodomaunus cr'^Kw§ für Diodor. Ss Vdchn. Z 824 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. beschloßen sie, die Aegineten zn bekriegen; denn sie sahen, wie stolz Diese auf ihre früheren Thaten und wie abgeneigtste ihnen waren. Die Athener schickten also eine ausehnliche. Flotte gegen sie ab. Allein die Bewohner von Aegina, die sich so viel Erfahrung und Ruhm im Seekrieg erworben hatten , verzagten nicht vor der Uebermacht der Athener. Sie. hatten eine hinlängliche Zahl von Dreirudern und bauten, noch neue dazu. Nun lieferten sie ein Scetreffen, wurden aber besiegt und verloren siebzig Dreiruder. Ihr Stolzwurde durch das große Unglück gedemüthigt und sie mußten sich dem Athenischen Staat einverleiben lassen. Diese Unternehmungen der Athener führte der Feldherr Leokrates aus; er brachte im Ganzen neun Monate mit dem Krieg, gegen die'-Aegineteu zu. Während Das geschah, gründete in Sicilien, Ducc- tius, der König der Siculer, aus Nomä*) gebürtig, der zu dieser Zeit mächtig war, die Stadt Meuäuum und vertheilte die umliegende Gegend unter die Ansiedler. Gegen die ansehnliche Stadt Morgantiua zogTier zu Felde und bezwäng sie, wodurch er sich bei seinen Landsleuten Ruhm erwarb. 7 g. Als das Jahr vergangen war, wurde B ion Archon in Athen, und in Rom ging die Consulswürde über auf Publius Servilius Structus und Lucius Aebu- tius Elva sJ. N. - 96 . v. Chr. 458s. In diesem Jahr *) Für cövosicrc 7 ;lLUo§ ist entweder, nach Strvth's Ueberse- tzung, /Vchlasos (vergl. Cap. 91.), oder nach Paul- mier tVoarog uöu (aus Noä zu lesen. Ol. 80, 3 . I. R. 296. v. Chr. /, 53 . 826 wurde» die Städte Korinth und Megara durch Grenz- streitigkeiten, die zwischen ihnen entstanden waren, in einen Krieg verwickelt. Zuerst machten sie gezenseirig immerfort räuberische Einfälle und lieferten einander in kleinen Schaa- ren unbedeutende Gefechte. Als aber der Zwist heftiger wurde, schloßen die Megareer, die immer mehr Verlust hatten und vor den Korinthern sich fürchteten, ein Bündniß mit den Athenern. Da nun wiederum auch der Feind in die Wette sich verstärkte und die Korinthcr mit den Pe- loponnesiern verbunden ein beträchtliches Heer gegen das Gebiet von Megara schickten, so sandten die Athener den Megareern Hülfstrnppen unter der Anführung des Myro- nides, eines wegen seiner Tapferkeit berühmten Mannes. Es kam zu einem hartnäckigen Kampf, in welchem sich lange Zeit beide Theile gleich tapfer hielten, am Ende aber die Athener siegten, und viele Feinde erlegten. Nachdem wenige Tage darauf ein neues hitziges Treffen bei einem Ort Namens Cimolia geliefert war, *) fingen die Phocier Krieg mit den Doriern, dem Stammvolk der Lacedämonier, an, welches drei Städte am Fuß des Berges Par nässn s bewohnte, Cytinium, B ojnm und Erinenm. Zuerst bezwängen sie die Dorier und nahmen mit Gewalt ihre Städte ein. Darauf aber schickten die Lacedämonier den Doriern wegen der Verwandtschaft den Nikomedes, des Kleomenes *) Nach rö ist ausgefallen. Alles, was zwischen und oi KwxktH steht, ist zu tilgen, nicht blos die vier letzten, von Weffeling weggeworfenen. Worte naXtU ^xn. soL- 8 * 826 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. Sohn, zu Hülfe. Dieser hatte cintausendfünfhnndert Lace- dämvuier und zehntausend Mann von den andern Pelopon- nestcrn. Er war der Vormund des minderjährigen Königs Plistonar. Mit dem großen Hülfshecr, das er den Doriern brachte, besiegte er die Phocier und eroberte die Städte wieder. Sodann stiftete er Frieden zwischen den Doriern und Phocier». So. Als die Athene r erfuhren, daß die Lacedämo- nier den Krieg gegen die Phocier beendigt hatten und auf dem Rückweg nach Hause begriffen waren, beschloßen sie, die Lacedämonier unterwegs zu überfallen. Mit den Argivern und Thessalienn vereinigt zogen sie aus. Sie wollten sie mit fünfzig Schiffen und mit vierzehntansend Mann angreifen und besetzten die Engpässe bei sdem Gebirge) Geranea. Die Lacedämvnier horten aber von der Abstcht der Athener und zogen nach Tanagra in Böotien hinüber- Nun kamen die Athener nach Böotien und es wurde eine Schlacht zwischen zwei gewaltigen Heeren geliefert. Die Thessalier gingen in der Schlacht zu deü Lacedämoniern über; die Athener und Argiver aber setzten den Kampf eifrig fort, so daß auf beiden Seiten nicht Wenige fielen, bis die einbrechende Nacht ein Ende machte. Den Athenern wurden gerade viele Lebensmittel aus Attika zugeführt. Nun beschloßen die Tbcssalier, diesen Zug zu überfallen, und nachdem sie auf dem Felde*) das Abendessen eingenommen, gingen sie demselben in der Nacht entgegen. Die der Zufuhr zur Bedeckung bei- *) Für rcrr-r^§ ist vielleicht rcrr-rA «crl öml /w(>«s zu lesen. Ol. 80, 4. I. R. 297. v. Chr. 467. 827 gegebenen Athener wußten Nichts und empfingen die Tbessa- lier als Freunde. Da entstand um diesen Verrath ein vielfacher Kampf von allen Seiten. Im Anfang, als die Thes- salier unerkannt von ihren Feinden aufgenommen wurden, machten sie nieder, was ihnen begegnete, und todteren eine große Zahl, weil sie in Reihen und Gliedern gegen eine ungeordnete Schaar fochten. Als aber die Athener im Lager von dem Ucberfall der Thcssalier Nachricht erhielten, kamen sie eilig herbei, warfen die Thcssalier beim ersten Angriff und richteten ein großes Blutbad an. Nun eilten die Lace- dämonier mit ihrem ganzen Heer in gedrängten Reihen den Thessaliern zu Hülfe. So kam es zu einem wüthenden Kampf und auf beiden Seiten wurden Viele getvdtct. Die Schlacht nahm zuletzt einen unentschiedenen Ansgang und die Lacedä- monier sowohl als die Athener eigneten sich den Sieg zu. Da die Nacht dazwischen gekommen und der Sieg zweifelhaft geblieben war, so unterhandelten sie miteinander und schloßen einen viermonatlichen Waffenstillstand. 8 ,. Als das Jahr vergangen war, wurde Mncsithi- des Archon in Athen, und in Rom wurden zu Consuln gewählt Lucius Lucrctius und Titus Veturius Ci- curinus lJ. R. -g/. v. Chr. 457^. In diesem Jahr suchten die Theb an er, die wegen ihres mit Rerres geschlossenen Bündnisses gedemüthigt worden waren, ein Mittel, ilre alte Macht und Ehre wieder zu erlangen. Da die Bvotier Alle den Thebanern Trotz boten und nicht mehr gehorchen wollten, so baten Diese die Lacedä monier, der Stadt zur Oberherrschaft über ganz Böotien zu verhelfen. Für diese Gefälligkeit versprachen sie ihnen dagegen, den 828 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. Krieg gegen die Athener allein zu führen, so daß die Spartaner nicht nöthig hätten, außerhalb des Peloponnescs ein Landheer zu schicken. Die Lacedamsnier fanden den Antrag vortheilhaft; sie dachten, Theben könnte, wenn es mächtiger würde, der Stadt Athen das Gleichgewicht halten. Da sie nun eben bei Tanagra ein großes. Heer bereit hatten, so erweiterten sie die Ummaurnng der Stadt Theben nnd zwangen die Städte in Böotien, sich den Thcbanern zu unterwerfen- Die Athener stellten in der Absicht, das Vorhaben der Athener zu vereiteln, ein ansehnliches Heer auf und wählten zmn Anführer Myronides, den Sohn des Kal- lias. Er hob eine hinlängliche Zahl von Bürgern aus und hieß sie auf einen bestimmten Tag sich stellen, an welchem er aus der Stadt aufbrechen wollte. Als aber die verabredete Zeit kam und ein Theil der Truppen nicht auf deistfestgcsetz- tcu Tag erschien, rückte er mit Denen, die sich gestellt hatten , dennoch gegen Dövtien aus. Von den Anführern nnd von seine» Freunden sagten Einige, man sollte auf die Säumenden warten. Allein Myronides, ein verständigem und zugleich unternehmender Feldherr,*) erklärte, erwarte nicht; denn Die sich beim Auszug vorsätzlich verspäten, die werden sich auch im Treffen feig und schlecht halten, also beim Kampf für das Vaterland Nichts helfen; die aber bereitwillig auf den festgesetzten Tag erschienen seyen, die beweisen, daß sie auch in der Schlacht ihre Stelle behaupten werden. Und so geschah es. auch wirklich. Es waren Wenige, aber mit dem tapfersten Muth erfüllte Streiter, mit denen er ausrückte *) Nach Dmdorf's Verbesserung für Ol. 80, 4 . I. R. 297. v. Chr. 45 ?- ^9 und in Böotien gegen eine vielfach größere Zahl eine Schlacht lieferte, worin er die Feinde völlig überwand. 6-. Diese Waffenthat darf man nicht geringer schätzen als irgend eine Schlacht der Athener in den frühern Zeiten. 'Denn der Sieg bei Marathon und die bei Plataä gegen die Perser gewonnene Schlacht und die andern berühmten Thaten der Athener haben wohl Nichts voraus vor dem Siege, welchen Myrvnidcs über die Bövtier erfochten hat. Denn dort kämpften sie entweder gegen Fremde oder unterstützt won Bundesgenossen; hier aber gewannen die Athener ein Treffen, in welchem sie allein standen und gegen die Tapfersten der Griechen zu fechten hatten. Die Bövtier darf man nämlich, was ! Ausdauer in Gefahren und kriegerischen Muth betrifft, keiner der andern Völkerschaften nachsetzen. Später haben ja die Thebancr, als sie bei Leuktra und Man- tinca den sämmtlichen Laccdämoniern und den Bundesgenossen ganz allein gegenüberstanden, sich durch ihre Tapferkeit den größten Nnhm erworben und sind wider Erwarten Oberherrn von ganz Griechenland geworden. So berühmt übrigens jene Schlacht ist, so ist doch weder der Verlauf noch die Anordnung derselben von irgend einem Geschichtschreiber angegeben. Myrvnidcs, der den herrlichen Sieg über die Böo- tier erfochten; wurde den berühmtesten Feldherrn der frühern Zeit, Themistokles, Miltiades, Cimon, an die Seite gesetzt. Nach dem Sieg eroberte Myronides Tanagra und ließ die Mauern dieser Stadt abtragen. Verwüstend und zerstörend zog er durch ganz Böotien und vertheilte die Beute unter seine Streiter, so daß Jeder mit reichen Schätzen belohnt wurde. 83o Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. 85. Erbittert über die Verwüstung des Landes verei» nigtcn sich die Böotier sammt und sonders, zogen in's Feld und brachten ein großes Heer zusammen. Bei Oenophyta in Bövtien wurde eine Schlacht geliefert, in welcher beide Theile mit so standhaftem Muth der Gefahr trotzten, daß der Kampf den ganzen Tag dauerte. Nachdem die Athener mit Mühe die Böotier zum Weichen gebracht hatten, bekam Myronides alle Städte in Böotien in seine Gewalt, Theben ausgenommen. Hierauf brach er aus Böotien auf und zog gegen die opuntischen Lokrer. Diese bezwäng er auf den ersten Angriff, nahm ihnen Geisel ab und rückte sodann in die Gegend am Parnaffus *) ein. Als er auf gleiche Weise wie die Lokrer auch die Phocier überwunden und sich Geisel hatte geben lassen, brach er gegen die Thessa- lier auf. Ihnen rückte er ihren Verrath vor und machte ihnen zur Pflicht, die Vertriebenen wieder aufzunehmen. Die Stadt Pharsalus, wo mau dieselben nicht aufnehmen wollte, belagerte er. Da er aber die Stadt nicht mit Sturm erobern konnte und die Phasalier die Belagerung lange Zeit aushielten, so kehrte er endlich, ohne seinen Zweck in Thessalien zu verfolgen, nach Athen zurück. So hatte Myronides in kurzer Zeit große Thaten verrichtet, durch die er sich einen berühmten Namen bei seinen Mitbürgern erwarb. Dieß ist es nun, was in jenem Jahr geschah. 8ä. Als in Athen Kallias Archon war, feierte man in Elis die einundachtzigste Olympiade, wo Po- lymnastus von Cyrene Sieger auf der Rennbahn war; *) Vielleicht ist für zu lesen. Ol 81, i. I. R. 298. v. Chr. 456 . 85 r in Rom waren Consuln Servius Sulpicius und Pub- lius Volumnius Amentinus sJ.R. > 98 . v.Chr. t56^. In diesem Jahr wollte Tolmides, der Befehlshaber der Seemacht svon Athens, der Tapferkeit und dem Ruhme des Myronidcs nacheifernd, eine denkwürdige That ausführen. In jenem Zeitalter war Lakonien noch nie verheert worden. Nun machte er dem Volk den Vorschlag, das Land der Spartaner zu verwüsten; er versprach, wenn man ihm tausend Schwerbewaffnete auf die Dreiruder mitgäbe, Lakonien mit denselben zu verheeren und das Ansehen der Spartaner zu schwächen. Als die Athener Das bewilligten, erdachte er folgenden Kunstgriff, um unvermerkt eine größere Zahl von Schwerbewaffneten *) zu Begleitern zu erhalten. Die Bürger meinten, er werde zu dem Feldzug die Jünglinge , die in den besten Jahren stehen nnd am meisten Lei- bcsstärke besitzen, ausheben. Nun ging aber Tolmides, um nicht blos die bestimmten tausend Mann zu seinem Feldzug zu bekommen, zu jedem der Jünglinge, die sich durch Stärke auszeichneten, und sagte ihm, er habe im Sinn, ihn auszu- heben; nun sey es besser, wenn er als Freiwilliger mitziehe, als wenn er durch die Aushebung dazu gezwungen scheine. Nachdem er über dreitausend derselben durch Vorstellungen bewogen hatte, sich freiwillig einreihen zu lassen, so hob er dann unter den klebrigen, die er nicht mehr so bereitwillig fand, die versprochenen tausend Mann aus. Als auch die übrigen Zurüstungen zu seinem Feldzug gemacht waren, segelte er mit fünfzig Dreirudcr» und viertausend Schwerbewaffneten ') Nach Diudorf'S Vermuthung onXt'rac für TroXtrag. 632 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. «b. Er landete bei M eth o n e in Lakoni'en und nahm diesen Platz. Als aber die Lacedämonier zur Gegenwehr herbeieilten, brach er auf und schiffte weiter nach Gythium, -er Hafenstadt der Lacedämonier, eroberte sie auch, verbrannte -ie Schiffswerft- der Lacedämonier und verwüstete das Land. Von dort lief er wieder aus und fuhr nach Zacynthus bei Cephalenia. Nachdem er diese Insel erobert und alle Städte auf Cephalenia in seine Gewalt gebracht, segelte er mach der gegenüberliegenden Küste und landete? bei Nau- paktus. Auch diese Stadt nahm er auf den ersten Angriff -ein. Er verpflanzte dahin die vornehmen Messenicr, welche von den Lacedämoniern zufolge des geschlossenen Vertrags freigelassen waren. Um dieselbe Zeit hatten nämlich die Lacedämonier in dem Krieg, den sie so lange mit den Heloten und Messeni ern geführt, Beide überwunden und den Meffeniern, wie gesagt, vertragsmäßig freien Abzug aus Jthvme gestattet, unter den Heloten aber die Anstifter der Empörung hingerichtet und die Uebrigen zu Sklaven gemacht. 65. Als in Athen Sosistratus Archon war, wählten die Römer zu Consulu den Publius Valerins Pub lies la und Casus Claudius Regillensis sJ. R. ,gg. v. Chr. z55s. In diesem Jahr hielt sich Tvlmides in Böo- tien auf, und die Athener wählten Perikles, den Sohn -es Nanthippus, zum Anführer der sämmtlichen Kriegsmacht*). Sie gaben ihm fünfzig Dreiruder und tausend Schwerbewaffnete und schickten ihn nach dem Pelopouues. Er ver- *) Für ist wahrscheinlich zu lesen cctitt- «rwn Arii-aztkcon, Ol. 81 , 5. I. R. 3oc>. v. Chr. 833 hecrte einen großen Theil des Peloponnes, fuhr nach Akar- uanicn hinüber in die Nähe von Oeniadä und brachte olle Städte in seine Gewalt. So wurden die Athener in diesem Jahr Herrn über sehr viele Städte und erwarben sich durch Tapferkeit und Kriegskunst großen Ruhm. 86. Als in Athen Aristvn Mchon war, wählten die Nvmer zu Consuln den Qnintus Fabius Vibulanus und Lucius Cornelius Cossus sJ. N. Loo. v. Chr. z5i,fl. In diesem Jahr wurde zwischen den Athenern und Pelo- ponnesier ein fünfjähriger Waffenstillstand geschlossen unter der Vermittlung Cimon's von Athen. — In Sicilien entstand ein Krieg zwischen den Egestäern und Lily- bäcrn wegen einer Strecke Landes am Fluß Mazarns. Es kam zn einem hitzigen Gefecht, in welchem auf.beiden Seiten Viele umkamen. Die Eifersucht der Städte hörte aber damit nicht auf. Bei der Aufzeichnung der Bürger und Austheilung der Ländereien, die man in den Städten vorgenommen, war Manchem unbedachtsam und wie es der Zufall gab, das Bürgerrecht ertheilt worden. Die Folge davon war Zerrüttung der Städte und neue Parteizwiste und Unruhen, die im Innern ausbrachen. Besonders nahm das Uebel in Syrakus überhand. Ein gewisser Tynda- rid es, ein Mensch voll Trotz und Frechheit, zog für's Erste viele arme Leute an sich und half ihnen auf, um sich dieselben zu willigen Schildknappen der Tyrannei zu bilden. Als es aber nachher ganz offenbar wurde, daß er nach der Alleinherrschaft strebte, wurde er auf Leben und Tod angeklagt und verurtheilt. Da er nun in's Gefängniß abgeführt wurde, rotteten sich die von ihm gepflegten Leute zusammen und leg- 834 Divdor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. ten die Hände an die Gerichtsdiener. Bei der Verwirrung» die jetzt in der Stadt entstand, vereinigten sich die ehrbaren Bürger, nahmen die Unruhestifter sammt dem Tyndarion fest und brachten sie um. Da solche Auftritte öfter vorkamen und Mancher nach der Alleinherrschaft lüstern war, so wurde das Volk dahin gebracht, daß es dem Beispiel der Athener folgte und eine Verordnung machte, ähnlich dem bei Diesen eingeführten Gesetz vom Scherbengericht. 87. Wie nämlich in Athen jeder Bürger auf eine Scherbe den Namen Dessen zu schreiben hatte, von dem er glaubte, daß er am ehesten Alleinherrscher im Staat werden könnte, so mußte man in Shrakus auf ein Oelblatt den Namen des mächtigsten Bürgers schreiben» und wenn die Blätter abgezählt wurden, so wurde Der, welcher die meisten Blätter hatte, auf fünf Jahre verbannt. Auf diese Art dachte man den Stolz der Männer, die am meisten Einfluß im Vaterland hatten, zu demüthigen. Denn es sollte in der That nicht für die Uebertreter eine Strafe ihres Frevels seyn, sondern nur ein Mittel, die wachsende Macht einzelner Männer niederzuhalten. Diese Anstalt wurde nun wegen ihrer äußern Einrichtung in Athen das Scherbengericht, in Syrakus das Blättergericht genannt. In Athen blieb die Verordnung lange Zeit gültig; in Syrakus aber wurde sie bald aufgehoben, aus folgender Ursache. Da die größten Männer verbannt wurden, so zogen sich die ehrbaren Bürger, die durch ihre Tüchtigkeit viel Gutes im Staate stiften konnten , von den öffentlichen Geschäften zurück, und blieben ohne Amt aus Furcht vor jenem Gesetz. Da sie jetzt blos für ihr Vermögen zu sorgen hatten, so fingen sie an üppig Ol. 8i, 4 . I. R. 3oi. v. Chr. 453. 835 zu leben. Die schlechtesten Bürger aber, die sich Alles erlaubten, besorgten^die Staatsgeschäfte und reizten die Menge zu Neuerungen und Unruhen. Da es auf diese Art neue Parteihändel gab und Zwistigkeitcn unter der Menge aus- brachen, so gerieth die Stadt wiederum in fortwährende große Verwirrung. Denn es erhob sich ein Schwärm von Volksführern und falschen Anklägern, und die Redekunst wurde von den Jüngeren getrieben. Und in der That vertauschten Viele die alte rechtschaffene Lebensweise mit schlechten Beschäftigungen. Der Wohlstand zwar wurde in den Friedenszeiten gefördert, aber nm Eintracht und um Rechthandeln bekümmerte man sich wenig. Durch diese Erfahrungen belehrt, hoben die Syrakufler das Gesetz des Blättergerichts auf, nachdem es kurze Zeit in Uebung gewesen war. So stand es in Sicilien. 88. Als in Athen Lysikrates Archon war, wurden in Rom zu Consuln gewählt Casus Nantins Rnti- lus und Lucius Minucius Angurinus sJ. R. Loi. v. Chr. -551. In diesem Jahr landete Perikles, der Feldherr der Athener, auf dem Peloponnes und verheerte das Gebiet von Sicyvn. Das gesammte Volk der Sicyv- nier zog gegen ihn ausstund Perikles besiegte sie in einer Schlacht. Er machte Viele auf der Flucht nieder und trieb das Heer in die Stadt, die er nun belagerte. Er machte einen Angriff auf die Mauer, konnte aber die Stadt nicht -erobern. Da nun auch die Lacedämonier den Belagerten Hülfe sandten, so brach er von Sicyon auf, fuhr nach Akar- nanien, durchzog das Gebiet von Oeniadä und segelte mit 836 Dl'odor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. reicher Beute beladen von Akarnanien ab * **) ). Hierauf kam er nach dem Chersones und verlooste das Land unter tausend Bürger. Während Das geschah, ging Tvlmides^ der andere Feldherr, nach Euböa und vertheilte unter andere tausend Bürger die Gegend von Narus "). In Sicilieu schickten die Syrakusier, weil die Tyrrhener auf dem Meere plünderten, eine Flotte unter dem Befehl des Phayllus gegen Tyrrheuieu ab. Dieser verheerte , nachdem er ausgelaufen war, für's Erste die Insel Aethalia sElbaj, ließ sich aber von den Tyrrhenern heimlich Geld geben und fuhr, ohne etwas Denkwürdiges verrichtet zu haben, nach Sicilieu zurück. Er wurde von den Syrakusier« als Verrathen verurtheilt und verbannt. Sie ernannten einen andern Feldherrn, Apclles, und sandten ihn mit sechzig Dreirudern gegen die Tyrrhener aus. Er durchzog das Küstenland von Tyrrhenien und fuhr nach Kyruos fKorsicaj, welches damals die Tyrrhener iune hatten. Nachdem er den größten Theil der Insel verheert und Asthalia bezwungen hatte, kehrte er nach Syrakus zurück mit einer Menge von Gefangenen und einer nicht geringen Ladung anderer Beute. — Damals vereinigte Ducetius, der Anführer der Sicu ler, alle Städte seiner Landsleute, Hyblä *) Vgl. Cap, 85. Es ist dieselbe Geschichte, welche Diodor zweimal, beim Jahr 455 und 455, erzählt. In das letztere Jahr kann sie um so weniger gehören) wenn 454 der Waffenstillstand geschloffen worden ist (Cap. 86.), den übrigens Thucydides (l. 112.) drei Jahre nach jenem Zuge des Perikles setzt. **) Ss muß ein Ort auf Suböa gemeint seyn. Ol. 81, I. R. 3 oi. v. Chr. § 53 . 837 ausgenommen, durch eine gemeinsame Verfassung. Als ein unternehmender Mann strebte er nach Neuerungen. Er brachte daher von dem Verein der Siculer ein beträchtliches Heer zusammen und verpflanzte die Einwohner seiner Vaterstadt Nomä *) auf das flache Land; und in der Nähe des Heiligthums der sogenannten Palikeu erbaute er eine ansehnliche Stadt, die er nach diesen Göttern Palika nannte. L9. Da wir dieser Götter gedacht haben, so dürfen wir das Alter des Tempels und die unglaublichen Dinge, die daselbst vorkommen, namentlich die sonderbare Eigenschaft der sogenannten Krater nicht unbemerkt lassen. Nach der Sage ist nämlich dieses Heiligthum älter und ehrwürdiger als andere, und viel Wunderbares erzählt davon die Ueberlieferung. Die Krater für's Erste sind zwar nicht von beträchtlicher Größe, werfen aber ungeheure Funken aus einer unermeßlichen Tiefe herauf und sehen gerade aus wie Kessel, die durch ein starkes Feuer erhitzt sind und siedendes Wasser auswerfen. Dem Anschein nach wenigstens ist das aufsprudelnde Wasser siedend; doch hat man keine genaue Kenntniß davon, weil Niemand wagt, es zu berühren. Denn das Aufbrausen des Wassers ist so schrecklich, daß miau meint, es werde durch göttliche Gewalt hervorgebracht. Das Wasser hat einen sehr starken Schwefelgeruch, und aus der Kluft vernimmt man ein lautes, fürchterliches Getöse; was aber das Wunderbarste ist, das Wasser fließt nie über und nimmt *) Für ztöv /Veag, wofür Wesseling Msnerg vorschlägt wird entweder zrev oder zikv iVoag zu setzen seyn. Vgl. Cap, 78. 838 Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. nie ab, während es mit wundersamer Gewalt wie ein Strom sich bewegt und in die Höhe getrieben wird. Weil sich in diesem Heiligthnm das Göttliche so deutlich ankündigt, so werden hier die wichtigsten Eide geschworen und die Meineidigen trifft auf der Stelle die Strafe der Gottheit. Es geschieht zuweilen, daß sie des Augenlichts beraubt aus dem Tempel gehen. Die Scheue vor demselben ist so groß, daß Leute, die einen Rechtsstreit haben, wenn sie durch einen mächtigen Gegner unterdrückt werden, durch einen hier abgelegten Eid ihre Sache zur Entscheidung bringen können. Dieses Heilig- thum gilt auch seit einiger Zeit für eine Freistätte und gewährt unglücklichen Sklaven, welche in die Hände unbarmherziger Herren gerathen sind, sichern Schutz. Denn wenn sie hieher sich flüchten, so sind die Herren nicht befugt, sie mit Gemalt wegzuführen, sondern sie bleiben ungekränkt solange da, bis die Herren durch einen billigen Vergleich und durch eidliche Bekräftigung des Versprechens sie bewegen, den Ort zu verlassen*). Und man weiß von Keinem, der ein solches den Sklaven gegebenes Versprechen nicht gehalten hätte. So treu selbst gegen Sklaven macht hier die Scheue vor deu Göttern die Schwörenden. Die Flur, in welcher das Heiligthnm liegt, ist eines Gottes würdig; auch ist es mit Hallen und andern Nebengebäuden schön geschmückt. So viel mag hievon genug seyn. Wir kehren nun zum Verfolg der vorhin erzählten Begebenheiten zurück. go. Nachdem Ducetius Palika erbaut und mit einer ansehnlichen Mauer umgeben hatte, vertheilte er das *) Für ist zu lesen. Ol. 8r, s. I. R. 3oZ. v. Chr. 45i. LZg Umliegende Land durchs Leos. Bei der Fruchtbarkeit des Bodens und der Menge der Einwohner hob sich diese Stadt schnell empor. Aber nicht lange dauerte ihr Wohlstand. Sie wurde zerstört, und bis auf unsere Zeit ist sie nicht wieder erbaut worden. Davon werden wir ausführlich zu seiner Zeit erzählen. So stand es in Sicilicn. — In Italien sammelte, achtundfünfzig Jahre «ach der Zerstörung von Syba- ris durch die Krotoniaten, ein Thessalier die übriggebliebenen Sybariten und baute die Stadt Sybaris wieder auf, in der Mitte zwischen zwei Flüssen, dem Sybaris und Krathis. Da der Boden gut ist, so mehrte sich das Vermögen der Einwohner schnell. Nachdem sie aber die Stadt sechs Jahre inne gehabt, wurden sie wieder aus Sybaris vertrieben. Davon werden wir im folgenden Buch eine ausführliche Beschreibung liefern. 91. Als in Athen Antidotus Archen war, wählten die Römer zu Csnsuln den Lucius Postumius und Mar- eus Horatius*) sJ. R. LoZ. v. Chr. z 5 if. In diesem Jahr nahm Ducetius, welcher die Siculer anführte, sdie Stadts Aetna ein, nachdem er den Fürsten derselben durch Meuchelmord umgebracht. Hierauf brach er mit einem Heer nach dem Gebiet von Agrigent auf und belagerte Mo- tyum, wo eine Besatzung der Agrigentiner lag. Als Diese» *) Es fehlen, wahrscheinlich durch das Versehen eines Abschreibers , die Begebenheiten des ersten Jahrs der zwei» undachtzigsten Olympiade (I. R. 502. v. Chr. 452). U-- berdieß sind hier Namen genannt, die in den Verzeichnissen der Consuln nicht vorkommen. Diodor. 6s Bdchn.' 9 8io Diodor's historische Bibliothek. Eilftes Buch. die Syrakusier*) zu Hülfe kamen, lieferte er eine Schlacht, in welcher er siegte und Beide aus ihren Lagern verjagte. Da der Winter herannahte, so ging jedes Heer nach Hause. Die Syraknsier verurtheilten den Feldherrn Dolkon, der an der Niederlage Schuld war und, wie man glaubte, ein geheimes Einverständniß mit Ducetins hatte; er wurde als Verräther hingerichtet. Als der Sommer anfing, ernannten sie einen andern Feldherrn, dem sie ein beträchtliches Heer gaben, mit dem Auftrag, den Ducetins zu bezwingen. Er machte sich mit seinem Heer auf den Weg und fand den Ducetius bei Nomä**) gelagert. Es wurde eine große Schlacht geliefert und Viele kamen auf beiden Seiten um. Endlich mußten die Siculer der Gewalt der Syrakufler weichen und auf der Flucht wurden Viele niedergemacht. Von den Fliehenden retteten sich die Meisten in die Festungen der Siculer; Wenige entschlvßen sich, ihr Glück noch mit Ducetius zu versuchen. Während Das geschah, eroberten die Agrigentiner die Festung Motyum, welche die Siculer des Ducetius inue hatten, vereinigten ihre Truppen mit denen der Syrakusier, die bereits gesiegt hatten, und schlugen ein gemeinschaftliches Lager. Für Ducetius war durch die Niederlage Alles verloren, und da seine Streiter ihn theils verließen theils ihm nach dem Leben trachteten, so geriet!) er in die äußerste Verzweiflung. *) Nach Eichstädt'S Verbesserung ZucaxLcrlsn für **) Oder Noä, wenn man Cap. 78. 88. lieber diesen Namen als Nomä setzt. §>l. 62, 2. I. R. 3 oZ. v. Chr. ^ 5 l. 8/^1 gr. Endlich, da er sah, daß seine übriggebliebenen Freunde die Hände an ihn legen wollten, machte er sich bei Nacht zu Pferd auf den Weg nach Syrakus. Es war noch Nacht, als er auf dem Markt in Syrakus ankam. Er setzte sich, den Schutz der Stadt anflehend, neben die Altäre und übergab sich und das Land, dessen Gebieter er war, den Sy- raknsiern. Die Menge lief bei der unerwarteten Erscheinung auf dem Markte zusammen. Die Vorsteher beriefen nun eine Volksversammlung und ließen die Frage berathen, was wegen des Dncctius zu thun sey. Von den gewohnten Rednern riethen Einige, ihn als Feind zu bestrafen und wegen seiner Verbrechen die verdiente Rache an ihm zu nehmen. Aber die Rechtlichsten unter den anwesenden Aeltesten erklärten, man müsse sich des Schutzflehenden annehmen und das Schicksal und die Rache der Götter scheuen. Denn nicht darauf muffe man sehen, welche Behandlung Ducetius verdient habe, sondern welche den Syrakusicrn zieme. Einen Mann zu tödten, dessen Glück untergegangen sey, gebühre sich nicht; aber die Ehrfurcht vor den Göttern bewahren und ebendarum dem Flehenden Schutz gewähren, Das sey *) dem Edclmuth des Volks angemessen. Da rief das gesammte Volk wie mit Einem Munde, man solle dem Flehenden Schutz gewähren. So erließen denn die Syrakusier dem Ducetius **) die Strafe, schickten ihn weg nach K 0 rinth, mit dem Gebot, daselbst *) Nach Eichstädt's Derbeffernng öelv und rlnat für ökt und rccm. **) Nach Dindorf's Vermuthung ist wegzulassen. * 9 842 Diodor's historische Bibliothek. Eilstes Buch. seinen Aufenthalt zu nehmen, und gaben ihm hinreichende Mittel zu seinem Unterhalt mit. Da wir nun bei dem Jahre stehen, welches dem Feldzug der Athener nach Cypern unter Cimon voranging, so beschließen wir, unserem anfänglichen Vorhaben gemäß, hier dieses Buch. neuen Uebersetzungen Herausgegeben von G. L. F. Tafel, Professor zu Tübingen, C. N. Osiander und G. Schwab, Professoren zu Stuttgart. Hundert und zweites Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. M etzlcr'scheu Buchhandlung. , Für Oestreich in Commission von Mör schurr und Jasprr in Wien. » 8 ! >» Diodor's vonSicilien historische Bibliothek, überseht von Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar zu Blaubeuren. Siebentes Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Mehler'schen Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Zaspee i« Wien. i s ; i. Inhalt des zwölften Buchs. Folgen der Perserkriege. Cap, 1,2. I. v. Ehr. 450. Cimon's Sieg bei Cypern. Cap. 5» 449. Friede mit den Persern. Cap. 4. 448. Die Megareer von den Athenern besiegt. Cap. 5. 447. Niederlage der Athener bei Koronea. Cap. 6. 446. Perikles unterwirft Suböa wieder. Stillstand auf 30 Jahre. Cap. 7. Die Sprakusier besiegen die Agrigentiner. Cap. 8. Für die. früher von den Krotoniaten zerstörte. Stadt Sybaris wird Thurium erbaut. Cap. 9. 10. Ausrottung der alten Spbariten. Cap. 11. Gesetzgebung des Charondas in Thurium. Cap. 12 — 16. Verbesserungen seiner Gesetze. Cap. 17, 18. Sein Tod. Cap. 19. Aalenkus, Gesetzgeber von Lokri. Cap. 20. 21. 445. Sybariten am Trais. Athener in Hestiäa. Cap. 22. 444. Krieg zwischen Thurimn und Tarent. Cap. 23. 443. Die Decemvirn in Rom gestürzt. Cap. 24, 25. 442. Die zwölf Tafeln. Friedenszeiten. Cap. 26. 441. Samos von Perikles bezwungen. Cap. 27. 28. 440. Tod des Ducetius. Trinacia von den Sprakusier» zerstört. Cap. 29. 439. Veranlassung des korinthischen Kriegs. Römer und Volsker. Cap. 50. 438. Campaner. Archaanaktiden. Sieg der Corepraer über die Korinther. Cap. 31. 8^8 Inhalt des zwölften Buchs. 457. Neue Rüstungen. Amphipolis. Cap. 52. 456. Die Corcyräer stsgen mir Hülfe der Athener. Cap. 53. 45Z. Potidäa und Olynthus. Letanus. Ardea. Cap. 54. 454. Apollo als Stifter von Thnrium. Cap. 55. 435. Meton's Cpclus. Heraklea. Cap. 56. 452. Sp. Mälius. Die Athener vor Potidäa. Cap. 37. 431. Der peloponnesische Krieg durch Perikles veranlaßt. Cap. 58. 59. 40. Platää eingenommen und befreit. Einfall der Lacedämouisr in Attika. der Athener im Peloponnes. Cap. 41. 42. 430. Brasidas rettet Methone. Auch Elis müssen die Athener verlassen. Cap. 43. Ihre Züge gegen Lokris. Regina und Megara. Cap. 44. Zweiter Einfall der Pelopounesier. Pest in Athen. Perikles entsetzt und wieder gewählt. Cap. 45. 429. Perikles stirbt. Eroberung von Potidäa. Cap. 46. Belagerung von Platää. Die Athener in Thracien. die Lace- dämonier in Akarnanien geschlagen. Cap. 47. Phormion's zwei Seetreffen im krisäischen Meerbusen. Cap. 48. 428. Mißlungener Versuch auf den Piräeus. Cap. 4g. Sitalces dringt in Maeedonien ein. Cap. 50. 51. Dritter Einfall der Peloponnesier in Attika. Cap. 52. 427. Gorgias in Athen. Cap. 55. Die Athener schicken eine Flotte nach Sicilien. Cap. 54. Sie unterwerfen die Les- bier wieder. Cap. 55. Die Laeedämonier erobern Platää. Cap. 56. Unruhen in Corcpra. Cap. 57. 426. Ursachen der Seuche in Athen. Cap. 58. Erdbeben. Heraklea in Trachinien. Cap. 59. 425. Demosthenes in Akarnanien. Cap. 60. Belagerung von Pylos. Tapferkeit des Brasidas. Sphakteria geht über. Cap. 61. 62. 63. Artarerres stirbt. Die Aequer von den Römern besiegt. Cap. 64. 424. Büge des Nicias gegen Melos. Böotien. Korinth. Cythera. Thprää. Cap. 65. Megara fällt den Athenern zu. Cap. 66. Brasidas nimmt Megara wieder und zieht nach Thracien. Cap. 67. Er erobert Umphipolis und andere Städte. Inhalt des zwölften Buchs. 649 Cap. 68. Niederlage der Athener bei Delium. Cap. 69, 70. Xerres II., Sogdianus, Darius!I> Cap. 71. 425. Die Lesbier wieder bezwungen. Schiffbruch des La- inachus. Stillstand. Streit mn Scione und Mende. Cap. 72. 422. Die Delier von den Athenern vertrieben. Kleon erobert Torone. Cap. 75. Sieg und Tod des Brasidas bei Ain- phipolis. Stillstand auf 50 Jahre. Cap. 74. 421. Gegen Athen und Sparta vereinigen sich die übrigen StaaLen. Cuma von den Campanern erobert. Cap. 75, 76. 420. Rückkehr der Delier. Athen und Sparta wieder entzweit. Heraklea belagert. Qlynthier in Mecyberna. Cap. 77. 419. Die Lacedamonicr >nit den Argivern im Kampf. Jene siegen bei Mantinea. Cap. 78, 79. 418. Unruhen in Argos. Sieg der Phocier über die Lok- rer. Cythera, Nisäa, Melos von den Athenern erobert. Krieg zwischen Rom und Fidenä. Gap. 80c 417- Zwei Einfälle der Lacedämonier in Argolis. Alcibia- des in Ärgos. Orneä von den Argivern erobert. Cap. 81. 416. Einfall der Byzantier in Bithynien. Kampf zwischen Egesia und Selinus. Cap. 82. Athen beschließt den Krieg gegen Shrakus. Cap. 85, 84. Zwölftes Buch. 1. Man könnte leicht irre werden, wenn man auf das Ungleiche im menschlichen Leben seinen Blick richtet. Denn man findet, daß Nichts, was man für ein Gnt hält, den Menschen vollständig gegeben ist, und ebenso nichts Böses für sich allein, ohne irgend einen Nutze». Wenn man dafür Beweise erhalten will, so darf man nur auf die Begebenhei- 85o Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. ten der Vorzeit, besonders auf die wichtigsten, seine Aufmerksamkeit richten. Zum Beispiel der Zug des PerserkönigS Lerres gegen Griechenland mit einer so großen Heeresmacht erregte den größten Schrecken unter den Griechen, als handelte es sich bei diesem Krieg um die Sklaverei. Da früher schon die Griechischen Städte in Asien in Sklaverei gerathen waren, so dachte Jedermann, auch die in Griechenland werden dasselbe Schicksal erfahren müssen. Aber der Krieg nahm ein unerwartetes, wunderbares Ende, und nicht nur von der Gefahr wurden die Bewohner von Griechenland befreit, sondern sie erwarben sich noch großen Ruhm, und alle Griechischen Städte gelangten zu einer solchen Fülle von Reichthümern, daß Jedermann über den völligen Umschwung der Dinge sich wunderte. Von dieser Zeit an hob sich nämlich fünfzig Jahre lang der Wohlstand von Griechenland bedeutend empor. Während dieser Zeit wurden durch den Reichthum die Künste gefordert, und die größten Künstler, die man kennt, haben damals gelebt, namentlich der Bildhauer Phidias. Aehnliche Fortschritte machten auch die Wissenschaften) vorzüglich wurde die Philosophie und die Redekunst gepflegt, bei allen Griechen, besonders aber bei den Athenern. Von den Philosophen gehört hieher die Schule des Sokra- tes, des Plato und des Aristoteles; von den Rednern Perikles und Jsokrates und die Schüler des letzter«. Ferner traten berühmte Feldherrn auf, Miltiades, The- mistokles, Aristides, Cimon, Myronides und mehrere Andere, welche aufzuzählen zu weitläufig wäre. -. Der Name der Athener, die sich durch Ruhm und Tapferkeit am meisten hervorgethan, wurde beinahe in der OI. 82 , 3. I. R. Soz. v. Chr. 45^ 85 1 ganzen Welt genannt. Sie hatten eine so hohe Stufe der Macht erreicht, daß fle allein ohne die Lacedämonier mid Pelopvnuesicr große Persische Heere zu Land und zur See überwanden und das berühmte Reich der Perser so sehr schwächten, daß diese genöthigt waren, durch einen Vertrag alle Städte in Asien frei zu geben. Darüber berichten wir aber das Nähere ausführlich in zwei Büchern, dem gegenwärtigen und dem vorigen. Jetzt wenden wir lins zu den vorliegenden Begebenheiten, nachdem wir zuvor angegeben, welche Zeiträume diese Abschnitte umfassen. Im vorigen Buch machten wir den Anfang mit dem Zuge des Xerres und führten die allgemeine Geschichte fort bis auf das Jahr, welches dem Zuge der Athener gegen Cypern unter Cimvn voranging. In diesem Buch aber beginnen wir mit dem Zuge der Athener gegen Cypern und erzählen bis zu dem von den Athenern gegen die Syrakuster beschlossenen Kriege. Z. Als in Athen Euthydemus Archon war, wählten die Römer zu Consuln den Lucius Quinctius Cincin- narus und Marcus Fabius Vibulanus *) sJ. R. v. Chr. 45os. In diesem Jahr beschloßen die Athener, die in dem für die Aegypter gegen die Perser geführten Kriege ihre sämmtlichen Schiffe bei der Insel Prosopitis verloren hatten, wieder nach kurzer Zwischenzeit die Perser zu bekriegen, zu Gunsten der Griechen in Asien. Sie *) Auch diese Namen, wie die beim vorigen Jahr genannten, stehen nicht in den Verzeichnissen der Consuln. Voin folgenden Jahr an (449 bis 421) sind die Consuln von Dio- dor sieben Jahre später gesetzt als in den Verzeich Nissen. 852 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. rüsteten eine Flotte von zweihundert Dreirudern, ernannten znm Befehlshaber Cimon, den Sohn des Miltiades, und trugen ihm auf, nach Cyperu zu schiffen und die Perser anzugreifen. Cimon lief mit der Flotte aus, die mit tapferen Männern und mit reichen Vorräthen wohl versehen war, und fuhr nach Cyperu. Zu dieser Zeit waren Artabaz us und Megabyzus die Anführer der Persischen Kriegsmacht. Jener hatte den Oberbefehl und stand mit dreihundert Dreirudern bei Cyperu; Dieser aber war in der Gegend von Ci- licien gelagert mit den Landtruppeu, die aus dreimalhnndert- tausend Mann bestanden. Cimon war, als er bei Cyperu angelangt war, Herr des Meeres und eroberte Citium und Mari um*). Die Besiegten behandelte er menschenfreundlich. Als hierauf Dreiruder aus Eilicien und Phöni- cien sich der Insel näherten, fuhr ihnen Cimon entgegen und lieferte eine Schlacht, in welcher er viele Schiffe versenkte, hundert sammt der Mannschaft in seine Gewalt bekam und die übrigen nach Phönicien verfolgte. Die Perser flüchteten sich mit den übriggebliebenen Schiffen an's Land, in die Gegend, wo Megabyzus mit dem Landheer**- gelagert war. Die Athener aber fuhren an die Küste, schifften ihre Truppen aus und lieferten ein Treffen, in welchem ihr zweiter Feldherr, Anarikrates, rühmlich kämpfend den Heldentod starb. Uebrigens gewannen sie die Schlacht und kehrten, nachdem sie Viele niedergemacht, auf die Schiffe zurück. *) Städte auf Cypern. Für MttXö v ist nach Wesseliug Astir- Cron zu lesen. **) Nach Diadors's Vermuthung für Ol. 9s, 4 . I. R. 3o5. v. Chr. 449 . 953 Hierauf fuhren die Athener wiederum nach Cypern. Dieß ist es nun, was im ersten Jahr des Kriegs geschah. 4 . Als in Athen Pedieus Archen war, wählten die Römer zu Consuln den Marcus Valcrins Lactuci- lüis und Spurius Virginins Tricostus sJ. N. 4oS, v. Chr. zzgs. In diesem Jahr bezwäng Cimon, der Heer- fükrer der Athener, welcher Herr auf dem Meere war, die Städte in Cypern. Da in Salamis eine bedeutende Persische Besatzung lag und diese Stadt mit Geschossen und Waffen aller Art, auch mit Lebensmitteln und andern Verrathen angefüllt war, so hielt er es für vorthcilhaft, wenn er dieselbe erobern könnte. Denn so, dachte er, werde er am leichtesten ganz Cypern in seine Gewalt bekommen und die Perser in Schrecken setzen, welche den Salaminiern nicht zu Hülfe kommen können, weil die Athener das Meer beherrschen; wenn sie nun die Bundesgenossen im Stich lassen, so werden sie sich verächtlich machen; ja, der ganze Krieg werde zum Voraus entschieden seyn, wenn einmal Cypern erobert sey. Und so geschah es auch wirklich. Die Athener fingen die Belagerung von Salamis an und machten tägliche Angriffe. Die Truppen in der Stadt, welche Geschosse und andere Vorräthe hatten, vertheidigten sich mit leichter Mühe von den Mauern gegen die Belagerer. Als aber der König Artarerres von den Unfällen beiCypcrn Nachricht erhielt, fand er, nachdem er sich mit seinen Freunden über den Krieg berathen, für gut, Frieden mit den Griechen zu schließen- Er schrieb daher den Feldherrn und Statthaltern in der Gegend von Cypern, sie sollten unter jeder Bedingung mit den Griechen sich vergleichen. Es wurden also von Seiten des 854 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Artabazns und Megabyzus Gesandte nach Athen geschickt, uitr wegen eines Vergleichs zu unterhandeln. Die Athener waren dazu geneigt und sandten Bevollmächtigte ab, den Kallias, des Hipponikus Sohn, an der Spitze. So kam ein Friedcnsvertrag der Athener und ihrer Bundesgenossen mit den Persern zu Stande, unter folgenden Hanptbedingun- gen. Es sollten alle Griechischen Städte in Asien unabhängig seyn, die Persischen Statthalter nicht weiter als auf drei Tagreisen dem Meere sich nähern und kein sPcrsischess Kriegsschiff die See zwischen Phaselis und den Chancen*) befahren; wenn das von dem König und den Feldherrn beobachtet würde, so sollten die Athener in kein Land, das der König Artaxerres beherrsche, Truppen senden. Nachdem der Vertrag in's Reine gekommen war, kehrten die Athener mit ihrem Heer von Cypern zurück, wo sie einen glänzenden Sieg erfochten und den ehrenvollsten Frieden geschloffen hatten. Cimon war während des Aufenthalts in Cypern an einer Krankheit gestorben. 5. Als in Athen Philiskus Archon war, wählten die Römer zu Consuln den Titus Romilius Vatica- nus und Casus Veturins Cicurinus; in Elis feierte man die dreiundachtzigste Olympiade, wo Krison von Himera Sieger auf der Rennbahn war sJ. R. 5o6. o. Chr.' 448 s. Zn diesem Jahr wurden die Megareer von den Athenern abtrünnig, schickten Gesandte an die Lacedä- monier und schloßen mit diesen ein Bnndniß. Darüber aufgebracht, sandten die Athener Truppen in's Land der Me- *) Vgl. Xl. s. Phaselis war «ine Stadt in PampMien. Ol. 83, 3. I. R. 3o8. v. Chr. 446 . 855 garesr und plünderten die Besitzungen, wobei viel Beute in ihre Hände fiel. Als die Einwohner der Stadt dem Lande zu Hülfe kamen, entstand ein Gefecht, in welchem die Athener siegten und die Megarcer in ihre. Mauern zurücktrieben. 6. Als in Athen Timarchides Archon war, wählten die Römer zu Consulu den Spurius Tarpejus und Aulus Hüter ins Foutinalis sJ. R. L07. v. Chr. In diesem Jahr fielen die Lacedämonier in At- tika ein, verwüsteten einen großen Theil des Landes, belagerten einige Festungen und kehrten dann in den Pclopon- nes zurück. Tvlmides aber, der Feldherr der Athener, nahm Chäronea ein. Nun vereinigten sich die Bvoticr und stellten den Truppen des Tolmides einen Hintevhalt. Da kam es zu einem hitzigen Treffen bei Koronea. Tol- . '.nides. fiel in der Schlacht und die. übrigen Athener rpurden theils niedergemacht theils gesangen genommen. Durch die. ses große Unglück wurden die Athener genöthigt, allen Städten in Böotien die Unabhängigkeit zu lassen, wenn sie die Gefangenen zurückerhalten wollten... . 7. Als in Athen Kallimachus Archon war, wählten die-Romer zu Consuln den Se.rtus O.uintilius und Publius Horatius TergeWiiips sJ. R. äog. v. Chr. Lä6ch. In diesem Jahr empörten sich, da durch die Niederlage bei Koronea in Böotieu die Macht der Athener in Griechenland gesunken war, viele Städte gegen Athen. Da besonders die Einwohner von Eubv a aufrührisch waren, so zog Perikles, den man zum Feldherrn wählte, mit einer ansehnlichen Macht gegen Enböa aus. Er eroberte die Stadt Diodor. 7s Bdch«. 2 856 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Hestiäa mit Sturm, vertrieb die Einwohner derselben aus ihrer Heimath und schreckte die übrigen Städte, daß sie gezwungen den Athenern sich wieder unterwarfen. sEs wurde eiu dreißigjähriger Waffenstillstand geschlossen, unter der Vermittlung des Kallias und Chares, die auch die Friedeusbedingungen vollzogen. 8. In Sieilien entstand ein Krieg zwischen den Sy- rakusiern und Agrig eutineru, aus folgender Veranlassung. Die Syrakusisr hatten den Ducetins, den Beherrscher der Siculer, bezwungen und ihm, da er das Schutzrecht ansprach, seine Verschuldungen verziehen und die Stadt Korinth zum Wohnsitz angewiesen. Er blieb aber nur kurze Zeit in Korinth und brach den Vertrag. Unter dem Vorwand, ein Orakel von den Göttern erhalten zu haben, daß er am schönen Ufer *) in Sieilien eine Stadt bansn sollte, schiffte er mit vielen Ansiedlern nach der Insel hinüber. Da schloßen sich auch einige Siculer an; unter Andern Archvnides, der Fürst von Herbita. Während er nun das schöne Ufer anbaute, fingen die Agrigentiner Krieg mit den Syraknsiern au, theils aus Mißgunst gegen dieselben, theils weil sie ihnen vorwarfen, den gemeinschaftlichen Feind Ducetins ohne Einwilligung der Agrigentiner frei gelassen zu haben. Die Sicilischen Städte waren getheilt und schloßen sich bei diesem Feldzug die Einen an die Agrigentiner , die Andern an die Syrakusier an, so daß bei dem großen Wetteifer der Städte auf beiden Seiten ansehnliche *) So hieß das nördliche Ufer der Insel, mrdIbaher die von DucetiuS erdante Stadt Kalakta. Ol. 83, 3. I. R. 3°3. v. Chr. 446 . 85? Heere zusammengebracht wurden. Sie lagerte» M einander gegenüber am Fluß Himera. Es kam zur Schlacht und die Syrakusier siegten; von den Agrigentincrn kamen über lausend Mann um. 'Als nach der Schlacht die Agrigentiner Gesandte schickten, um zu unterhandeln, schloßen die Syrakusier Frieden. g. So stand es in Sicilien. In Italien wurde die Stadt T Huri um erbaut, aus folgender Veranlassung. Die Stadt Sybaris, die in den frühern Zeiten von Griechen in Italien gegründet war, kau- schnell empor, weil sie einen trefflichen Boden hatte. Denn da sie in der Mitte zwischen zwei Flüssen, dem Krathis und Sybaris (von welchem sie ihren Name» hatte) gelegen war, so hatten die Einwohner eine weite Strecke fruchtbaren Landes inne, und erwarben sich daher große Reichthümer. Sie nahmen viele neue Bürger auf, was ihnen so förderlich war, daß man ihnen bei Weitem den Vorzug unter den Bewohnern von Italien einräumte. Die Volksmenge war außerordentlich« Die Stadt hatte dreimalhunderttauscnd Bürger. Nun trat daselbst ein Volksführer Telys auf, der die angesehensten Männer anklagte und die Sybariten beredete, fünfhundert der reichsten Bürger zu verbannen und ihr Vermögen einzuziehen. Da sich die Verbannten nach Kroton begaben und zu den Altären auf dem Markt ihre Zuflucht nahmen, so schickte Telys Gesandte an die Krotoniaten und ließ ihnen sagen, entweder müßten sie die Verbannten ausliefern oder auf Krieg gefaßt seyn. Es wurde eine Volksversammlung gehalten und die Frage berathen, ob man die Schnhflehen- 858 Divdor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. den *) den Sybariten ausliefern oder den Krieg gegen einen überlegenen Feind wagen sollte. Der Rath und das Volk war in Verlegenheit. Anfangs neigte sich, aus Furcht vordem Krieg, die Menge zu dem Entschluß, die Flehenden -auszuliefern. Nachher aber, als der Philosoph Pythago- ras rieth. Denselben den Schutz zu gewähren, wurde das Volk anderer Meinung und beschloß, den Krieg zum Schutz der Flehenden zu führen. Die Sybariten zogen mit drei- inalhmiderttansend Mann gegen die Krotoniaten zu Felde, und Diele stellten ihnen hunderttausend Mann entgegen, unter der Anführung des Fechters Milon, der durch seine außerordentliche Leibssstärke zuerst den Feind auf seiner Seite zum, Weichen brachte. , Dieser Mann hatte nämlich sechsmal in Olympia den Preis gewonnen und befaß einen seiner Leibeskraft entsprechenden Muth. Man sagt, er sen bekrönt mit den Olympischen Kränzen und gewaffnet mit der Rüstung des Hercules, mit einer Löwenhaut und Keule, in die Schlackt gezogen. Als Urheber des Siegs sey er dann von seinen Mitbürgern hoch gepriesen worden. ,o. Da die erbitterten Kiotoniaten Keinem das Leben schenkten und Alles auf der Flucht, was ihnen in die Hände fiel, niedermachten, so kam der größte Theil um. Sie plünderten die Stadt sSybarisf und machten sie ganz zur Einöde. Achtundfünfzig Jahre spater wurde sie von Thessa- Liern wieder besetzt, die aber bald darauf von den Kro- *) Nach Rhodomannus Verbesserung lxLrcrg. Hieraus ist die Lesart iZrxrXlwrcrg' entstanden, und aus dieser erst räg '/r«^r«r«g cvrrigirt worden. Ol. 83, 3. I. R. 3c>8. v. Chr. 446. 85>9 teniaten vertrieben wurden, nämlich fünf Jahre *) nach der zweiten Erbauung, um die Zeit, bei der wir stehen. Als aber in Athen Kallimachus Archen war, so wurde sie wieder^ erbaut und nach kurzer Zeit an einen andern Ort verpflanzt, wo sie auch einen andern Namen erhielt.. Gegründet wurde sie da von Lauipon und Xenokritus, und zwar auf folgende Weise - Die das zweite mal aus ihrer Heimath vertriebenen Sybariten schickten Gesandte nach Griechenland an die Lacedämonisr und Athener mit der Bitte , ihnen zur Wiedereinsetzung zu helfen und an der neuen An- siedlmig Theil zu nehmen. Bei den Lacedämouieru fanden sie kein Gehör. Die Athener aber versprachen, sie zu unterstützen , bemannten zehn Schiffe und schickten sie den Sybariten unter der Anführung des Lamxon und Renokrikus. Sie ließen in den Städten des Peloponnes kund machen, es stehe Jedem, der sich an die Kolonie anschließen wolle, der Beitritt offen; und Viele folgten der Aufforderung. Die Ansiedler erhielten ein Orakel von Apollo, sie sollten eine Stadt auf dem Platze bauen, wo die Einwohner das Waffee nach dem Maß zu trinken, das Brod aber ohne Maß zu essen hätten. Sie fuhren also nach Italien und suchten, alK sie bei Sybaris ankamen, den Platz, den sie nach der Anweisung des Gottes bewohnen sollten. Nun fanden sie nicht weit von Sybaris einen Brunnen, Thnria genannt, deren; kupfernes Rohr hatte, was man in dieser Gegend Me- *) Xsi. Si). heißt es: sechs Jahre. 86o Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. dimnos *) nannte. Sie dachten also, dieß sey der von dem Gott bezeichnete Platz, umgaben ihn mit einer Mauer und bauten da eine Stadt, welche sie, nach dem Brunnen^ THuri um nannten. Sie theilten die Stadt der Länge nach in vier Straßen ab, von welchen die eine Heraklea, die andere Apbrodisias, die dritte Olympias und die vierte Dionysias heißt; nach der Breite theilten sie dieselbe in drei Straßen, welche Heroa, Thuria und THuri» a genannt wurden. Die engen Räume zwischen diesen Straßen wurden mit Häusern dicht besetzt und so hatte die »engebaute Stadt ein schönes Ansehen. ii. Unter den Thnricrn entstand, nachdem sie kurze Zeit einig geblieben, ein heftiger Zwist; was nicht zu verwundern war. Denn die alten Sybaritcn theilten die ehrenvollsten Aemter sich zu, und die geringen den später aufgenommenen Bürgern; auch meinten sie, die einheimischen Frauen müssen zuerst den Weihrauch auf den Altar streuen, und dann erst die eingswandcrten; ferner verloosten sie das der Stadt zunächst gelegene Land unter sich, das entferntere aber unter die Fremdlinge. In dem Streit nun, der aus dieser Veranlassung entstand, wurden von den neu aufgenommenen Bürgern, die zahlreicher und stärker waren, die alten Sybariten fast alle erschlagen, und Jene hatten jetzt die Stadt inne. Da sie viel und gutes Feld hatten, so ließen sie zahlreiche Ansiedler aus Griechenland kommen, theilten sich mit ihnen in die Stadt und machten auch aus dem Medimnos ist sonst bei den Griechen der Name eines Getreidemaßes. Ol. 83, 3- I- R. 3°8. v. Chr. 446. 86- Lande gleiche Theile. Die Übriggebliebenen erwarben sich schnell große Reichthümer. Sie schloßen Freundschaft mit den Krvtoniaten und hatten eine gute Staatsverwaltung. Sie hatten in ihre.m Staat die Volksherrschaft eingeführt und theilten die Bürger in zehn Zünfte, welchen sie lauter Namen der Völkerschaften gaben. Drei benannten sie nach den aus dem Peloponnes Eingewanderten die Arkadische, Achäischc und Etische, drei nach den auswärtigen Stammverwandten sder Peloponnesterss die Böo tische, amphik- tyonische und Dorische, die vier übrigen nach den andern Völkerschaften die Ionische, Athenische, En- b öische nnd Nesiotische Zunft sJnseln-Zunft^. Zum Gesetzgeber wählten sie unter den Bürgern, die wegen ihrer Kenntnisse hochgeachtet waren, den trefflichsten, Charon- das *). Dieser prüfte die Gesetzgebungen aller Völker, wählte das Beste aus nnd nahm es in seine Gesetze auf; außerdem gab er auch noch viele eigenthümliche Verordnungen , die er selbst ansgedacht. Es wird nicht unzweckmäßig seyn, wenn wir dieselben zur Belehrung der Leser anführen. I-. Fnr's Erste legte er Denen, die ihren Kindern eine Stiefmutter bringen, die Strafe auf, daß sie an den Berathungen für das Vaterland nicht Theil nehmen dürfen. Denn er glaubte, Wer seine Kinder schlecht berathe, werde auch für das Vaterland ein schlechter Rathgebcr seyn. Er sagte nämlich, Wem es bei der ersten Ehe gelungen sey, der *) Nach andern Nachrichten lebte Charondas etwas früher, war aus Katana gebNKig und gab namentlich dieser Stadt Geseye. 86s Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. solle sich mit diesem Glück zufrieden geben; Wer sich aber unglücklich verheirathet habe und doch wieder denselben Fehler mache, den müsse man für unverständig halten. Die falschen Ankläger ließ er dazu verurtheilen, daß sie einen Tamarisken-Kranz tragen mußten, zum Zeichen, daß sie unter allen Bürgern den Preis der Schlechtigkeit gewonnen haben. Es soll deßwegen zuweilen geschehen seyn, daß Leute, welche dieses Verbrechens schuldig befunden wurden, sich selbst das Lelken nahmen, weil sie die große Schmach nicht ertragen konnten. Nach diesen Vorfällen machten sich Alle, die gern falsche Klagen vsrbrachren, aus der Stadt flüchtig, und die Bürgerschaft hatte glückliche Tage, nachdem sie von diesen; Uebel befreit war. Auch über schlechte Gesellschaften gab Charondas eine auffallende Verordnung, auf welche andere Gesetzgeber nicht gekommen sind. Er bedacht-, daß die Rechtschaffenen zuweilen durch die Freundschaft und den Umgang der Bösen zu schlechten Sitten verführt werden, und daß das Laster wie eine ansteckende Seuche im menschlichen Leben um sich greift und auch dir Seelen der Besten vergiftet; denn bergab geht der Weg zum Schlimmen und leicht ist's, darauf zu wandeln; daher sind auch schon manche Leute von ehrbaren Sictcn durch die tückischen Lockungen der Lust in die schlechteste Lebensweise versunken. Um diesem Verderben zu steuern, gebot der Gesetzgeber, die Freundschaft und den Umgang der Bösen zu meide», ließ über schlechte Gesellschaft Gericht halten und setzte auf die Uebsr- tretung des Verbots schwere Strafen. Ein anderes seiner Gesetze, das ebensowenig in den ältern Gesetzgebungen sich findet, ist noch besser als das vorige. Er verordnete, daß Ol. 85, 3. I. R. 3o8. v. Chr. 446 . 863 alle Söhne -er Bürger lesen und schreiben lernen und den Lehrern der Staat die Besoldungen reichen sollte. Denn er dachte, die Unbemittelten, welche für sich die Belohnung nicht aufbringen könnten, müßten sonst auf die edelsten Beschäftigungen verzichten. -L. Das Lesen und Schreiben achtete nämlich der Gesetzgeber höher als alles andere Wissen; und mit vollem Recht. Dadurch kommt ja das Meiste und das Nützlichste im Leben zu Stande, Rechnungen, Briefe, Verträge, Gesetze, und was sonst für die menschliche Gesellschaft förderlich ist. Denn Wer möchte der Schreibckunst eine würdige Lobrede haltcnl? Ihr allein verdankt man es ja, daß die Verstorbenen im Andenken der Lebende» sich erhalten, daß an entlegenen Orten wohnende Menschen in die weiteste Ferne hin schriftlich verkehren, als ständen sie nebeneinander, daß bei Verträgen im Krieg zwischen Völkern oder Königen die Dauer der Versprechungen durch das sicherste Unterpfand, durch schriftliche Urkunden verbürgt wird. Ja, sie allein bewahrt die schönsten Aussprüche verständiger Männer, die Orakel der Götter, die Philosophie und alle Wissenschaft, lind überliefert sie immer dem folgenden Geschlecht durch alle Zeiten herab. Wie man also das Leben als ein Geschenk der Natur, so hat man die Annehmlichkeit des Lebens als Folge der aus der Schreibckunst hervorgehenden Bildung zu betrachten. So hat denn Charondas durch jene Verordnung den Mangel der wichtigen Vortheile ersetzt, welche die Ungelehrtsu entbehren müssen, indem er von dem Staat Sorge und Kosten darauf wenden ließ. Und er hat viel mehr gethan als frühere Gesetzgeber, die den Aerzten eine Belohnung vom Staat 664 Divdor'S historische Bibliothek. Zwölftes Buch. bestimmten/ für welche sie die Kranken unter den Bürgern heilen sollten. Denn während Jene für die Heilung der Körper sorgten, heilte er das Gebrechen, das für die Seelen aus dem Mangel an Bildung entspringt) und während wir wünschen, jener Aerzte nie zu bedürfen, begehren wir die Lehrer der Wissenschaft allezeit um uns zu haben. >4. Von den beiden oben erwähnten Gesehen geben viele Dichter in ihren Versen Zeugniß. Vom Verbot der schlechten Gesellschaft in folgenden: Wo gerne sich den Bösen Jemand zugesellt, Da frag' ich nie, wer ist der Mann; ich weiß es schon'. Er ist wie sie, bei denen er so gerne weilt. Von der Verordnung wegen der Stiefmutter aber zeugen diese Verse: Dort stellt Charondas ein Gebot in sein Gesetz, Da spricht er Manches, sagt man, und auch dieses Wort) Wer eine fremde Mutter seinen Kindern bringt. Nicht hoch geachtet sey er, spreche nicht im Rath Der Bürger mit; er hat ja in sein eigen Haus Ein Ungemach von außen selbst hereingeschafft. Denn, sagt er, wenn die erste Ehe dir gelang. So gnüge dir dein Glück; und wenn's mißlungen ist. So ist, es noch einmal versuchen, Raserei. In der That darf man Den mit Recht für wahnsinnig halten, der zweimal in derselben Sache fehl geht. Und wenn der Lustspieldichter Philemon Leute, die öfter zu Schiffe gehen , auftreten läßt und sagt: — — in meinem Sinne*) wundert mich's. Nicht daß er schiffte, sondern daß er's zweimal that; *) Nach Paulmier's Vermuthung. Es wird vw statt no/tw geheißen haben. Ol. 83, 3. I. R. 3o8. v. Chr. 446 . 8L5 so könnte man den ähnlichen Aussprnch thun, man wollte sich nicht wundern, wenn Einer sich verehlichc, sondern wen» er sich zweimal verehliche. Denn es sey noch besser dem Meere sich zweimal anvertrauen als einem Weibe. Die heftigsten und schlimmsten Zwistigkeitcn entstehen ja in den Familien durch Stiefmütter zwischen den Kindern und Vatern. Daher so viele gesetzwidrige Handlungen, die in den Trauerspielen zur Schau gestellt werden. ,5. Ein anderes Gesetz des Charondas, welches auch großen Beifall fand, betraf die Pflege der Waisen. Wenn man dasselbe nur obenhin ansieht, so scheint es nichts Besonderes und nichts Bcifallswerthcs zu haben; betrachtet und prüft man es aber genauer, so zeigt sich darin eine sehr löbliche Sorgfalt. Er verordnete nämlich, das Vermögen der Waisen- sollte durch die Angehörigen von ,des Vaters Seite verwaltet, die Waise» aber durch die Verwandten von der Mutter Seite erzogen werden. Auf den ersten Anblick enthält nun dieses Gesetz keine besondere Weisheit; wenn man aber tiefer nachforscht, so Muß man es wirklich lobens- werth finden. Denn wenn man nacll dem Grunde fragt, wärmn er Andern das Vermögen und Andern die Erziehung der Waisen anvertraute, so wird der ausgezeichnete Scharfsinn des Gesetzgebers offenbar. Die Verwandten von der Mutter Seite, die von den Waisen nichts zu erben haben, werden ihnen nicht nach dem Leben trachten; die Angehörigen von des Vaters Seite aber können das nicht, weil die Waisen selbst ihnen nicht anvertraut werden; da aber das Vermögen ihnen gehört, wenn Jene an einer Krankheit oder durch einen andern Zufall sterben, so werden sie das 866 Diodor'ö historische Bibliorhek. Zwölftes Buch. Gut sorgfältiger verwalten, weil sie für sich selbst auf diesen Fall Etwas zu hoffen haben. 16. Er gab ferner ein Gesetz gegen Diejenigen, die im Krieg ihre Stelle verlassen oder die Waffen für das Vaterland gar nicht ergreifen wollen. Statt daß andere Gesetzgeber für solche Leute die Todesstrafe bestimmten, verordnete er, sie sollten drei Tage lang in Weiberkleidern auf dem Markte sitzen. Dieses Gesetz ist auf der einen Seite milder als die anderswo geltenden, auf der andern steuert es unvermerkt ähnlicher Feigheit bei den Uebrigen durch die große Schmach; es ist ja bester, sterben als eine solche Beschimpfung in seiner Heimakh erfahren. Uebsrdieß wurden dadurch die Schuldigen nicht weggeschafft, sondern dem Staat für den Kriegsdienst erhalten, wobei zu hoffen war, sie würden durch die schimpfliche Strafe gebessert werden und sich beeifern» nunmehr durch tapfere Thaten. die vorige Schande auszulöschen. Durch die strenge Vollziehung hielt der Gesetzgeber seine Verordnungen aufrecht. Er bestimmte nämlich, man müsse in jedem Fall dem Gesetz gehorchen, auch wenn es ganz unrecht abgefaßt sey; es zu verbessern aber, wenn es einer Verbesserung bedürfe, erlaubte er. Denn einem Gesetzgeber zu weichen, hielt er für schon; aber einem Bürger nachzugeben, für durchaus unzweckmäßig, und wenn es auch Nutzen brächte. Auf diese Art verhinderte er nameiS lich, daß nicht die Leute, die vor Gericht statt des Buchstabens Ausflüchte und Deutungen für die Uebertreter geltend machen, die Oberherrschaft des Gesetzes durch ihre Erdichtungen umstießen. Daher sollen zuweilen in solchen Fällen die Ankläger den Richtern, die über die Strafe der Ueber- Ol. 83, 3. I. R. 5o8. v. Chr. 446 . 867 treter zu entscheiden hatten, gesagt haben, entweder müsse man das Gesetz retten oder den Mann. , 7 . Ueber die Verbesserung der Gesetze nun gab Cha- rondas, wie man erzählt, eine sehr auffallende Verordnung. Er sah, wie in den meisten Staaten so viele Versuche znr Verbesserung der Gesetze gemacht werden, daß dadurch die bestehenden Gesetzgebungen untergraben und Spaltungen unter der Menge erregt werden. Daher gab er ein eigenes, in seiner Art einziges Gesetz. Cr verordnete nämlich, Wer ein Gesetz verbessern wolle, müsse einen Strick irm den Hals tragen, während er den Verbeffernngsvorschlag mache, und zwar so lange, bis das Volk über die Verbesserung des Gesetzes entschieden habe; wenn die Volksversammlung den neuen Gesetzesvorschlag annehme, so werde der Urheber desselben freigelassen; erkläre sie aber die Verbesserung für ungültig, so müsse er sogleich sterben, indem man ihn mit dem Strick erdroßle. Die Folge dieser Verordnung über Verbesserungen war, daß die Furcht die gütigern Gesetzgeber zurückhielt *) und Keiner von Verbesserung der Gesetze ein Wort zu sprechen wagte. In der ganzen folgenden Geschichte von Thnrimn kommt der Fall, daß Verbesserungen vorgeschlagen wurden, nicht mehr als dreimal vor, **) wo man nämlich durch die Umstände genöthigt war auf eine Abänderung anzutragen. Es war Gesetz, daß, wenn Jemand einem Andern ein Auge ausschlnge, ihm dagegen das seinige ans- *) Für ist xw^r-ovros z» lesen. Für sollte es vielleicht lcrrosovnrcrt heißen. 868 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch.. geschlagen werden sollte. Nun wurde einem Einäugigen sein Auge ausgeschlagen und er also des Gesichts ganz beraubt. Da meinte er, wenn man dagegen dem Thäter ein Auge ausschlüge, so wäre das eine zu geringe Strafe denn wenn Der, welcher einen Bürger geblendet, die im Gesetz vorgeschriebene Strafe litte, so widerführe ihm nicht das gleiche Uebel; es sey also billig, daß man Dem, der einen Einäugigen des Gesichts beraubt habe, beide Augen aus- schlage, wenn er Gleiches mit Gleichem büße» solle. Vom Unmnth getrieben wagte es denn, wie man erzählt, der Einäugige , in der Volksversammlung eine Vorstellung wegen seines Schicksals zu machen', theils um seine Mitbürger zum Mitleid über sein Unglück zu bewegen, theils um dem Volk die Verbesserung des Gesetzes vorzuschlagen. Er legte den Strick um den Hals und endlich ging sei» Vorschlag durch; das bestehende Gesetz wurde aufgehoben nnd das verbesserte angenommen. Er entging also der Strafe des Strangs. >8. Das zweite Gesetz, das verbessert wurde, gab dem Weib die Befugniß, sich von dem Mann zu scheiden und zu hcirathen, Wen sie wollte. Nun wurde ein im Alter vorgerückter Mann von seinem Weib, welche jünger war, verlassen. Da schlug er den Thuriern vor, das Gesetz zu verbessern durch Leu Beisatz, die Frau, die den Mann verlasse, dürfe heivathen, Wen sie wolle, nur Keinen, der jünger als der vorige sey; ebenso dürfe der Mann, wenn er das Weib verstoße, keine Andere, die jünger als die Verstoßene sey, hcirathen. Der Antrag wnrdc genehmigt und das vorige *) Nach Relskc's Bcrdcffcrnug rca für ro'n. Ol. 83, 3. I. R. 3v8. v. Chr. 44«. 869 Gesetz aufgehoben. So entging der Mann nicht nur der Gefahr des Strangs, sondern das geschiedene Weib vereh- lichte sich wieder mit ihm, weil sie keinen Junger» heira- then durfte. Das dritte Gesetz, das verbessert wurde, betrifft die Erbtvchter und findet sich auch in Solou's Gesetzgebung *). Es war verordnet, daß der Erbtvchter ihr nächster Verwandter, und daß ebenso auch die Erbtvchter dem nächsten Verwandten von Rechts wegen zugewiesen werden sollte, der dann die Verpflichtung hatte, entweder sie zu ehlichen oder ihr, wenn sie ihm zu arm war, fünfhundert Drachmen als Mitgift zu bezahlen. Nun nahm einmal die hinterlassene Erbtvchter aus einem vornehmen Hause, die aber ganz ohne Vermögen war und wegen ihrer Armuth keinen Mann bekam, ihre Zuflucht zu der Volksversammlung und stellte mit Thränen vor, wie verlassen und verachtet sie sey. Zugleich trug sie auf die Verbesserung des Gesetzes an; es sollte statt der Bezahlung der fünfhundert Drachmen dem nächsten Verwandten zur unerläßlichen Pflicht gemacht werden, die ihm zugewiesene Erbtvchter zu ehlichen. Das Volk genehmigte aus Mitleid die Verbesserung des Gesetzes. Die Waise entging also der Gefahr des Strangs, und ihr nächster Verwandter, ein reicher Wann, mußte eine arme Erbrachter ohne Mitgift zur Ehe nehmen. ig. Noch haben wir vom Tode des Charondas zu sprechen , der durch einen sonderbaren, unerwarteten Zufall erfolgte. Als er einmal vom Lande zurückkam, wohin er wegen der Räuber ein kleines Schwert mitgenommen, wurde ') Vgl. Plutarch's «olon so. 670 Dlvdor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. eben eine stürmische Volksversammlung gehalten. Da lief er mitten durch die Menge hinzu*), um zu erfahren , was der Aufruhr bedeute. Er hatte aber ein Gesetz gegeben, daß Niemand bewaffnet eine Volksversammlung halten sollte. Da er nun vergaß, daß er mit dem Schwert umgürtet war» , so gab er einigen Widersachern Gelegenheit zu einer Anklage. Einer derselben sagtedu hast dein eigenes Gesetz znnicht gemacht. Nein» beim Zeus» erwiederte er» ich will es geltend machen. Da zog er das Schwert und töttete sich selbst. Einige Schriftsteller erzählen diese Handlung von Diokles, dem Gesetzgeber der Syraknsier. Nachdem wir von dem Gesetzgeber CHarondas ausführlich genug gesprochen, wollen wir noch kurz von. dem Gesetzgeber Zalenkns berichten, theils weil er sich einen ähnlichen Zweck vorgesetzt, theils weil die beiden Männer in benachbarten Städten gelebt haben. -o. Zalenkns war aus Lokri in Italien gebürtig» ein vornehmere und wegen seiner Kenntnisse hochgeachteter Mann, ein Schüler des Philosophen Pythagoras. Weil er in .seiner Vaterstadt in. so großem Ansehen stand, so wurde er zgm, Gesetzgeber gewählt. Er , eytrywf- -eine, von Grund aus neue Gesetzgebung ; in welcher er allererst mit den . Göttern des »Himmels anfing. Sogleich, nämlich in der Einleitung znm ganzen Gesetzbuch-sagt er» dle.Eünvohyer ll>er Stadt müssen vor allen Dingen glauben und überzeugt seyn» daß es Götter, gebe, ihren-Sinn auf den Himmel richten und ans der Einrichtung und Ordnung in der Welt erkennen, Laß das nicht das Werk des Anfalls oder der Menschen *) Nach Reiske'S Vermuthung für ir(>0L, nicht stlbstsüchtig noch übermüthig zu seyn, und nicht nach Haß oder Gunst zu richten. Unter den einzelnen Gesetzen sind viele von ihm erfundene hinzugefügt, die von ausgezeichneter Weisheit zeugen. , 1 . Statt daß man sonst überall für die Vergehunge» der Weiber Geldbußen bestimmt hat, steuerte er den Ausschweifungen derselben durch eine sinnreich ausgedachte Strafe. Er verordnete nämlich, einer freigebvrnen Frau solle nicht mehr als Eine Magd folgen außer wenn sie betrunken sey; sie dürfe nicht bei Nacht aus der Stadt gehen, außer wenn sie die Ehe breche; weder goldenes Geschmeide noch ein verbrämtes Kleid -tragen, außer.wenn sie eine Buhlerin sey. Auch. dürfe der.Mann seinen vergoldeten Ring und kein Gewand nach Art, der Mitesser tragen, wenn er nicht ein Wühler oder Ehebrecher sey. So verhütete er denn leicht durch Diodor. 7« Bdchu. 3 Z72 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. die schimpflichen Ausnahmen der Straffälle die schädliche Ueppigkeit und die Sittenverderbniß; denn Niemand wollte, durch ein schimpfliches Gestanduiß büßend, unter seinen Mitbürgern zum Gespötts werden. Sonst gab er noch manche gute Gesetze, z. B. über Handelsverträge und über andere Lebensverhältnisse, welche Streit veranlassen. Es würde zu weit führen und dem Zweck unseres Geschichtwerks nicht entsprechen, wenn wir sie anführen wollten. Wir kehre» also zum wettern Verfolg unserer Erzählung zurück. r,. Als in Athen Lysimachides Archon-war, wählten die Römer zu Cousnln den Titus Menenius und Pul> lius Sestius Capitolinus fJ. N. Zog. v. Chr. 445). In diesem Jahr siedelten sich die aus.'dem Kampf mit der Gegenpartei entronnenen SybariteM am Fluß T r a'is an. Da blieben sie geraume Zeit, wurden aber' später von den Bruttiern vertrieben und vertilgt. — In Griechenland sandten die Athener, nachdem sie Euböa wieder erobert und aus der Stadt H esträa die Einwohner vertrieben hatten, aus ihrer Mitte eine Kolonie dahin unter der Aufnhrung des Perikles. Es wurden tausend Ansiedler abgeschickt, unter die sie' die Stadt und das Land vcrloosten. -z. Als in Athen Prariteles Archon war, feierte man die vierund-chtzigste Olympiade, wo Krison von Himera Sieger auf der Rennbahn war; -in Rom aber wurden zehn Männer sDccemviru) zu Gesetzgebern gewählt, Appins Claudius Regillanus, Tltus Genupi-ils, Ol. 84, r. I. R. 3 ri. v. Chr. 443 . 873 lins, Servius Sulpicius, Publius Horatius, *) Publius Sestius, Titus fNomilius, SpuriuS Postum ins Aldus sJ. R. 5 10. v. Chr. 444f. Diese verfaßten die Gesetze. In diesem Jahr führten die Thurier mit den Tarentinern einen Krieg, in welchem auf beiden Seiten das Gebiet verheert wurde und zu Land und zur See **) häufige kleine Gefechte und Neckereien vorfielen, aber keine bedeutende That ausgeführt wurde. ,4. Als in Athen Ly sanias Archon war, wählten die Römer wieder zehn Männer zu Gesetzgebern , Appius Claudius, Marcus Cornelius, Lucius Minucius, Marcus Sergius, Quintus Fabius, QüintuS Pötelius, Titus Antvnius, Käso Duilius, ***) Manius Rabulejus, Spurius Oppius sJ. R. 5 --. v. Chr. 443f. Diese konnten aber die Gesetzgebung nicht vollenden. Einer von ihnen verliebte sich in eine arme Jungfrau von edler Geburt, Er suchte zuerst durch Geld das Mädchen zu verführen. Als sie ihm aber kein Gehör gab, so schickte er gegen sie einen falschen Ankläger f) mit dem Auftrag, sie für eine Sklavin zu erklären. Der Kläger be- *) Dir Namen des fünften und des siebenten waren im Text ausgefallen. **) Das xcri vor ist zu tilgen. ***) Im Texte fehlen die Namen des fünften, siebenten und achten. k) Nach Reiske's Verbesserung für ovxoPttv- rcre- 3 * 874 Diodor'S historische Bibliothek. Zwölftes Buch. hauptete, fle sey seine Sklavin , führte sie als solche weg *) und stellte sie vor Gericht, um da seinen Anspruch auf die Sklavin geltend zu machen. Der Richter sprach ihm, nachdem er die Klage angehört, das Mädchen zu, und der Kläger nahm sie und führte sie als seine Sklavin fort. Der Vater der Jungfrau aber, der zugegen war, raffte im tiefen Schmerz, da ihm Niemand Gehör gab, ein Messer von der Bank einer Fleischerbude weg, an der er gerade vorüberging , und stach damit seine Tochter todt, damit ihr die Schmach nicht widerführe. Darauf eilte er aus der Stadt weg und kam in's Lager, welches damals auf dem A lgidus stand. Er wandte sich an die Menge und erregte, indem er mit Thränen sein Unglück erzählte, allgemeines Bedauern nnd große Theilnahme. Alle entschloßen sich, den Unglücklichen beizustellen und drangen mit den Waffen bei Nacht in die Stadt ein. Dort besetzten sie den Aventini scheu Hügel. -5. Als mit Tagesanbruch die Empörung der Truppen gegen den Frevel>kund wurde, kamen die zehn Gesetzgeber ihrem Mitherrscher zu Hülfe und brachten viele junge Leute zusammen, um mit den Waffen die Sachs zu entscheiden. Da man sich nun in die Wette zum ernstlichen Streit rüstete, so unterhandelten die ehrbaren Bürger, denen vor dem gefahrvollen Kampf bange war, mit beiden Theilen wegen einer Aussöhnung und baten sie auf's dringendste, den Zwist ruhen zu lassen nnd das Vaterland nicht in so großes Un- *) Für sollte es vielleicht heißen cko rr Ol- 84 , 3. I. R. 3is. v. Chr. 443. 875 glück zu stürzen. Endlich, als sich Alle bewegen ließen, verglichen sie sich dahin, daß zehn Tribunen gewählt werden sollten, die unter den Obrigkeiten der Stadt die höchste Gewalt hätten, und eigentlich die Wachter für die Freiheit der Bürger wären. Bon den jährlich zu ernennenden Consuln sollte der eine aus den Patriciern, der andere aber schlechterdings aus dem Bürgerstand gewählt werde»; übrigens sollte es dem Volk frei stehen, auch beide Consuln aus dem Bürgerstande zu wählen *). Durch diese Bestimmung suchte mau die Uebermacht der Patricier zu dämpfen. Diese Leute waren nämlich durch ihre edle Geburt und durch die von ihren Vorfahren angeerbte hohe Würde gewissermaßen die Herren der Stadt. In dem Vergleich war den Tribunen anbefohlen, **) wenn ihr Amtsjahr vorüber wäre, an ihre Stelle wieder ebensoviele Tribunen zu ernennen; wenn sie Das nicht thäten, sollten sie lebendig verbrannt werden; könnten aber die Tribunen nicht miteinander einig werden, so sollte es ihnen unverwehrt seyn, das Amt einstweilen fortzuführen. Auf diese Weise wurde der Zwist in Rom beigelegt. -6. Als in Athen Diphilu s Archon war, wählten die Römer zu Consuln den Marcus Horatius und Lucius Valerius Potitus sJ. N. 5--. v. Chr. 44-1. In diesem Jahr vollendeten in Rom die Consuln die Gesetzgebung , die wegen des Aufstands unvollendet geblieben war. *) Nach Liviiis IV. i. VI. 42. wurde der Vorschlag, Plebejer zu Consuln zu wählen, vier Jahre später gemacht, aber erst achtundsiebenzig Jahre nachher durchgesetzt. Statt TiPoo'Lxetr'o kann man irooccer'Lraxro lesen. 876 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Von den sogenannten zwölf Tafeln waren nämlich zehn zn Stande gebracht, und die noch fehlenden zwei verfaßten die Consnln. Nachdem nun die beabsichtigte Gesetzgebung vollendet war, ließen sie die Consnln auf zwölf eherne Tafeln eingraben und an die damals vor der Curie aufgestellten Schiffsschnabel anheften. Die Urkunde der Gesetzgebung war kurz und einfach abgefaßt und blieb noch bis auf unsere Zeiten in hohem Ansehen. Wäh'retzd Das geschah, herrschte Ruhe unter den meisten Völkern der Welt, da beinahe alle im Frieden lebten. Die Perser hatten zweierlei Verträge mit den Griechen» Nach dem einen, den sie mit den Athenern und ihren Bundesgenossen gemacht hatten, waren die Griechischen Städte in Asien unabhängig; der andere aber, den fle später mit den Lacedämoniern schloßen, enthielt die entgegengesetzte Bestimmung, die Griechischen Städte in Asien sollten den Persern Unterthan seyn. Auch untereinander selbst hatten die Griechen Frieden, da zwischen den Athenern und Lacedämoniern ein dreißigjähriger Waffenstillstand geschlossen war. Ebenso war in Sicilien der Friede herrschend. Denn die Karthager hatten einen Vertrag mit Gelon gemacht, und unter sich hatten die Griechischen Städte in Sjcilien die Oberherrschaft den Sy ra- ! usie rn eingeräumt; auch die Agrigcntine r -waren nach der Niederlage am Fluß Himera mit den Syrakuflern wieder ausgesöhnt. Es war ferner Ruhe unter den Völkern in Italien und im Celtenlande, auch iu Jberien und beinahe in der ganzen übrigen Welt. Daher wurde um diese Zeit keine denkwürdige Kriegsthat ausgeführt; es herrschte Ol. 64, 4. I. R. 3i3. v. Chr. 441. 677 immer derselbe Friede, und Festversammlungen, Kampfspiele, Opferfeiern, mid>avas sonst glückliche Zeiten mit sich bringen, kamen überall häufig vor. - -7. Als in Athen Timokles Archon war, wählten die Römer zu Consuln den Lar Herminius und Titus Virginius Tricostus sJ. R. v. Chr. I» diesem Jahr stritten sich die Samier mit den Milesiern um Prieme und fingen Krieg an. Da sie aber sahen, daß die Mitesser von den Athenern sehr begünstigt wurden, so standen sie von dem Angriff ab. Diese ernannten aber den Penibles zum Feldherrn und schickten ihn mit vierzig Dreirudern gegen die Samier aus. Er segelte ab, drang heimlich in Samos ein / brachte die Stadt in seine Gewalt und führte daselbst die Volksherrschaft ein. Die Samier mußten ihm achtzig Talente liefern und ebensoviele ihrer Söhne zu Geiseln geben. Diese übergab er den Lemnier» und füh'r/ nachdem er in wenigen Tagen Alles vollbracht hatte, nach Athen zurück. In Samos aber entstand eine Spaltung, indem die Einen für die Volksherrschaft waren, die-Andern aber eine Adelsregierung verlangten. So gerieth die Stadt in große Bewegung. Die Gegner der Volksherrschaft gingen nach Asien hinüber und suchten in SardeS Hülse bei dem Persischen Statthalter Pislnthnes. Dieser gab ihnen siebenhundert Streiter; damit hoffte er Herr von Samos zu werden. Die Samier fuhren bei Nacht mit den Truppen, die er ihnen gegeben, nach Samos, schlichen sich, da die Bürger mithalfen, unbemerkt in die Stadt ein, bekamen also Samos leicht in ihre Gewalt und vertrieben ihre Widersacher aus der Stadt. Die Geisel entführten 878 Diodor'S historische Bibliothek. Zwölftes Buch. sie heimlich aus Lemuos und verschanzten sich in Samos. Sie erklärten sich demnach offen für Khinde der Athener. Diese ernannten wiederum den Perikles zum Feldherrn und schickten ihn gegen die Samier mit sechzig Schiffen aus. Damit *) lieferte Perikles ein Seetreffen gegen siebzig Drei- ruder und besiegte die Samier. Ans Chios und Mity- lene ließ er noch fünfundzwanzig Schiffe kommen und damit belagerte er Samos. Nach einigen Tagen fuhr Perikles weiter, den Phon irischen Schiffen entgegen, welche die Perser für die Samier abgeschickt hatten, und ließ einen Theil seiner Kriegsmacht zur Belagerung zurück. . -8. Die Samier aber glaubten, da Perikles weiter gezogen war, eine geschickte Gelegenheit, zu einem Angriff auf die zurückgelassenen Schiffe zu haben. Sie gingen darauf los und gewannen ein Seetreffen, und wurden dadurch voll stolzen Muthes. Als Perikles von der Niederlage der Scinigen hörte, kehrte er sogleich um und brachte eine ansehnliche Flotte zusammen, in der Absicht, die feindliche Flotte gänzlich zu Grunde zurichten. Die Athener schickten schnell sechzig Dreiruder, die Chier und Mitylenäer dreißig, und mit. dieser großen Macht fing er nun die Belagerung zu Wasser und zu Land an, indem er beständige Angriffe machte. Er gebrauchte Belage- rnngswerkzeuge, die man früher nicht kannte, die sogenannten Widder und Schildkröten, welche Artemon von Kla- zomenä verfertigte. Da er die Belagerung der Stadt eifrig betrieb und mit den Maschinen die Mauern niederstürzte, so wurde er Herr von Samos. Er bestrafte die Schuldigen *) Für ö ftöv ist vielleicht rorlrw» zu lesen. Ol. 85, i. I. R. 3*4. v. Chr. 44«: 879 und ließ sich von den Samiern die Kosten der Belagerung bezahlen, die er auf zweihundert Talente schätzte. Auch nahm er ihnen ihre Schiffe weg und ließ die Mauern, schleifen. Nachdem er die Volksherrschaft hergestellt , kehrte er nach Hause.zurück. Zwischen den Athenern und Lacedämo- niern bestand bis auf diese Zeit der dreißigjährige Waffenstillstand unverletzt. Dieß ist es, was in jenem Jahr geschah. rq. Als in Athen Myrichides Archon war, wählten die Römer zu Consuln den Casus Julius und Marcus Geganius) in Elis feierte man die fünfundachtzigste Olympiade, wo Krison von Himera zum zweitenmal*) Sieger auf der Rennbahn war jJ. R. L-4. v. Chr. In diesem Jahr baute in Sicilien Ducetius, der vormalige Beherrscher der Sicnlischen Städte, die Stadt Kalakta neu auf und suchte, indem er dieselbe mit vielen Ansiedlern bevölkerte, die Herrschaft über die Siculer zu gewinnen. Allein es kam eine Krankheit dazwischen, die seinem Leben ein Ende machte. Die Syraknsier aber unterwarfen sich alle Städte der Siculer, Trinacia ausgenommen, und sie beschloßen, diese Stadt zu bekriegen) denn sie waren in großer Besorgniß, die Trinacjer mochten sich die Herrschaft über ihre Stammverwandten, die Siculer, erwerben. Es gab in dieser Sta-dt viele große Männer, und sie hatte immer den ersten Rang unter den Städten der Si- euler gehabt. Die Stadt hatte Feldherrn genug, die auf ihre Tapferkeit trotzten. Daher sammelten die Syraknsier zu dem Kriegszug gegen sie ihre ganze Macht aus der H«« *) Es sollte heißen: zum drittenmal. Wo Di'odor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. math und den verbündeten Städten. Die Trinacier aber hatten keine Mitstreiter, und nur um der andern Städte -willen, die den Syrakusiern gehorchten, ließen sie sich in den schwere» Kampf ein. Wüthend stellten sie sich der Gefahr entgegen und endeten Alle , nachdem sie viele Feinde, erlegt, im heldenmüthigen Gefecht-ihr Leben. So nahmen auch von den Greisen die meisten sich selbst das Leben, weil sie die Schmach der Gefangenschaft nicht zu tragen vermochten. Die Syrakusier machten, nachdem sie über die bisher unüberwundene Stadt den glänzenden Sieg errungen, die Einwohner zu Sklaven und zerstörten die Stadt. Von der Deute schickten sie das Beste-als Opfer der Dankbarkeit dem Gott nach Delphi. Zo. Als in Athen Glaucides Archon war, wählten die Römer zu Consuln den Tu t u s Qu inctius und Ag r i p- pa Furius fJ. R. L,5. v. Chr. In diesem Jahr bauten die Syrakusier, da die letzte Unternehmung gelungen war, hundert Dreirnder und brachten die Zahl der Reiterei auf's Doppelte; auch sorgten sie für die Vermehrung des Fußvolks und verschafften sich Dorräthe Won Geld, indem sie den unterworfenen Sie »lern stärkere Abgaben auflegten. Das thaten sie, weil sie nach und nach ganz Si eilten zu-erwerbsn gedachten. Während Das geschah, nahm in Griechenland der sogenannte Korin thische-Kricg seinen 'Anfang. Die Veranlassung war folgende. Unter den Einwohnern von Epi- damnus, einer Psianzstadt der Corcyräer und Kor Luther am Adriatischen Meer, entstand eine Spaltung. Die siegende Partei vertrieb viele von den Gegnern, und diese Ol. 85, I. R. 3i5. v. Chr. 439 . Wr Flüchtlinge traten zusammen, nahmen die Jllyrrer zu Hülfe und rückten mit ihnen vereinigt zu Schiffe gegen Epi- damnus an. Da die Fremden eine große Heeresmacht mitbrachten, das Land besetzten und die Stadt belagerten, ss schickten die Epidamnier, die für sich allein nicht stark genug waren, Gesandte nach Corcyra und baten die Corcyräer als Stammverwandte um Hülfe. Da ihnen diese kein Gehör gaben, so sandten sie nach Korinth um Beistand und erklärten dieß für ihre einzige Mutterstadt; zugleich verlangten sie neue Ansiedler. Die Korinther entschloßen sich, sowohl aus Theilnahme am Schicksal der Epidamnier als auch aus Haß gegen die Corcyräer (weil Corcyra unter ihren Kolonien die einzige war, die der Mutterstadt ihre gewöhnlichen Opfer nicht schickte), den Epidamniern zu helfen. Sie schickten also Ansiedler nach Epidamnus und eine hinreichende Truppenzahl zur Vertheidigung der Stadt. Darüber aufgebracht sandten die Corcyräer fünfzig Dreiruder unter der Anführung eines Feldherrn. Dieser verlangte, als er gegen die Stadt anfuhr, man sollte die Vertriebenen aufnehmen, den Korinthern aber die Besatzung zurückschicken und begehren *), daß die Frage über die Kolonie auf gerichtlichem Wege, nicht durch Krieg entschieden werde. Darein willigten aber die Korinther nicht. So ließen es denn beide Theile zum Krieg kommen. Sie rüsteten eine beträchtliche Seemacht und nahmen Verbündete zu Hülfe, Durch die an- *) Es wird so zu lesen sepn: rri Kx rovg ttirocrrktX«t, aEeovorax u. s. w. Vgl. Thucvd. I. 26 . 832 Dlodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. geführten Ursachen wurde also der sogenannte Korinthische Krieg herbeigeführt. Die Römer hatten eine» Krieg mit den Volskern, in welchem es zuerst bei kleinen Gefechten und Neckereien blieb; später aber gewannen sie eine große Schlacht und machten den größten Theil der Feinde nieder. Zi. Als in Athen Theolsvrus Archon war, wählten die Römer zu Cousuln den Marcus Genucius und Agrip- pa Curtius Chilo sJ. R. 5,6. v. Chr. 458s. In diesem Jahr vereinigte sich in Italien das Volk der Cam- paner sin der Stadt Capuas und erhielt diesen Namen von der Fruchtbarkeit des umliegenden Feldes soampurs. In Asien hatten die Fürsten am Cimmerisehen Bosporus, Archäan aktiven genannt, zweiundvierzig Jahre regiert. Nun ging die Herrschaft auf Spartakus über, welcher sieben Jahre regierte. In Griech en land führten die Korinther Krieg mit den Corcy räer u. Nachdem sie ihre Seemacht gerüstet hatten, ließen sie sich in eine Schlacht auf dem Meer «in. DieZ Korinther fuhren mit siebzig wohl versehenen Schiffen den Feinden entgegen; die Corcyräer aber, die ihnen achtzig Dreiruder gegenüberstellten, gewannen die Seeschlacht und eroberten *) Epidamnus. Die andern Gefangenen tödte- ten sie, die Korinther aber legten sie in Bande und ließen ste bewachen. Nach der Seeschlacht fuhren die Korinther muthlos nach dem Peloponncs zurück; und die Corcyräer, *) Nach Dinborf's Verbesserung sx7roXt0(>xisc/axrsx statt 7ic»Xt0(>xisuavrrx. Ol 85, 3. I. R. 3i6. v. Chr. 438. 883 die in jenen Gegenden das Meer beherrschten, griffen von der See aus die Verbündeten der Korinther an und verheerten ihr Land. Nachdem das Jahr vergangen war, wurde Eu- thym-enes Archon in Athen, und in Rom wählte man statt der Consuln drei Kriegs-Tribunen, Aulus Semprv- nius, Lucius Ati'lius und Titus Clv lins fJ. R. 5 > 7 . v. Chr. -5^. In diesem Jahr beschloßen die Korinther, die in der Seeschlacht überwunden waren, eine noch beträchtlichere Flotte zu bauen. Sie schafften also viel Bauholz herbei, nahmen Schiffszimmerleute aus andern Städten in Sold und waren sehr eifrig bemüht, Dreiruder und Waffen und Gcschoße aller Art zu rüsten, überhaupt alle Kriegsbedürfnisse in Bereitschaft zn seyen. Eine Anzahl Dreirnder bauten sie ganz neu und die beschädigten besserten sie aus; noch andere ließen sie von den Verbündeten kommen. Da dasselbe auch die Corcyräer thaten und mit nicht geringerem Eifer arbeiteten, so war vorauszusehen, daß es jetzt einen viel gewaltigeren Krieg geben würde. Während Das geschah, führten die Athener eine Kolonie nach Amphipolis. Sie wählten die Ansiedler theils aus ihrer Stadt, theils aus den benachbarten Festungen. 55. Als in Athen Lysimachus Archon war, wählten die Römer zu Consuln den Titus Quinctius undMar- cus Geganius Macerinus; in Elis feierte man die sechsundachtzigste Olympiade, wo Theopomp us cus Thessalien Sieger auf der Rennbahn war sJ. R. 5-S. v. Chr. 456j. In diesem Jahr schickten die Corcyräer, da sie erfuhren, was für eine große Macht gegen fle gerüstet 884 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. wurde, Gesandte an die Athener und baten sie nm Hülfe. Die Kvrinther thaten das Gleiche, und es wurde sin Athens eine Volksversammlung gehalten, in welcher man die Gesandten anhörte. Das Volk faßte den Beschluß, den Corcyräern beizustehen. Man schickte also sogleich zehn ausgerüstete Dreiruder ab, und versprach, noch mehr zu schicken, wenn es nöthig wäre. Die Kvrinther bemannten, nachdem das Bündniß mit den Athenern mißlungen war, neunzig Dreiruder mit eigenen Leuten und erhielten dazu noch sechzig von ihren Verbündeten. Mit den hundertfünfzig Schiffen nun, die sie gerüstet hatten und den geachtetsten Befehlshabern anvertrauten, liefen sie gegen Corcyra aus, entschlossen, sobald als möglich ein Seetreffen zu liefern. Die Cvrcyräer liefen dagegen, als sie erfuhren, daß die feindliche Flotte nicht mehr ferne sey, mit hundertundzwanzig Dreirudern aus, die der Athener miteingerechnet. Es kam zu einer hitzigen Seeschlacht, in welcher zuerst die Kvrinther die. Oberhand hatten ; da aber nachher noch weitere.zwanzig Schiffe, von den Athenern mit einem zweiten Hülfsheer nachgesandt, erschienen, so behielten die Corcr-räer den Sieg. Am folgenden Tag fuhren die Cvrcyräer mit allen ihren Schiffen dem Feind entgegen, aber die Kvrinther liefen nicht aus. Ls. Als in Athen Anti locht des Archon war, wählten die Römer zu Consuln den Marcus Fabius und Pvstumus Aebntius Elva sJ.-R. big. v. Chr. 4Z5s. In diesem Jahr suchten die Kvrinther, aufgebracht über die Athener, sich dafür zu rächen, daß diese den Corcyräern Beistand geleistet und in der Seeschlacht den Sieg verschafft hatten. Sie reizten nämlich die Stadt Potidäa, Ol. 86 , 2 . I. R. 819 . v. Chr. 435. 885 die ihre Kolonie war, zum Aufstand gegen die Athener. Ss beredete auch Perdikkas, der König der Macedo- nier, welcher ebenfalls den Athenern abgeneigt war, die Chalcidier, daß sie den Athenern abtrünnig wurden, indem sie die Städte am Meer verließen und in Einer Stadt, Olynsthns genannt, sich vereinigten. . Als die Athener von dem Abfall der Potidäer hörten, schickten sie dreißig Schiffe n aus und gaben Befehl, das Land der Abtrünnigen zu verheeren und ihre Stadt zu belagern *). Dem Auftrag desi Volks gemäß fuhren die Abgeschickten nach Macedonien und fingen die Belagerung von Potidäa an. i-Da nun aber die Korinther den Belagerten mit zweitausend Mann zu Hülfe kamen, so schickte auch das Volk der Athener zweitausend ab. Es kam zu einem Treffen auf der Landenge in der Nähe von Pallene; die Athener siegten und tödteten über dreihundert Mann. Nun wurden die Belagerten in Potidäa enger eingeschlossen. Während. Das geschah, erbauten die Athener ander Propontis die Stadt Letanus. In Italien schickten die Römer Ansiedler nach Ardca und vertheilten denselben das dortige Gebiet. 35. Als in Athen Chares Archon war, wählten die Römer, zu Consnln den Q.uintus Furius Fusus und Manius Papirius Crassus sJ. R. 5-o. v. Chr. 43^. In diesem Jahr entstand in Italien unter den Einwohnern c.r. Thsiriüm, die aus verschiedenen'Städten zusammen gekommen waren, ein Zwist über dieSrage, .welche die Mut- - Für wird iro-.ro§x^b«t zu lesen seyn. 886 Diodor'S historische Bibliothek. Zwölftes Buch. terstadt von Thurium zu nennen sey, und Wer mit Recht der Stifter heiße. Die Athener machten nämlich Anspruch auf diese Kolonie, indem sie behaupteten, die meisten Ansiedler seyen aus Athen gekommen. Dagegen erklärten die Städte im Pelop onnes, die nicht wenige Bürger zur Bevölkerung von Thurium geliefert hatten»), nach ihrem Namen müsse sich die Pflanzstadt schreiben. Ebenso würde, da viele edle Männer an der Anstedlnng Theil genommen und für manche Bedürfnisse gesorgt hatten, viel von dem Stifter*) **) geredet; denn Jeder suchte sich diese Ehre züzu- eignem Endlich schickten die Thurier nach Delphi, um anzufragen ,. Wen man den Gründer der Stadt zu nennen habe. Da-antwortete der Gott, ihn selbst müsse man als Stifter betrachten. Auf diese Art löste sich die Streitfrage; man erklärte den Apollo für den Stifter von Thurium, und unter dem Volk wurde der Zwist beigelegt und die vorige Eintracht hergestellt. In Griechenlan d starb Archidamus, der König der Läse däm onier ***), nachdem er zweinndvierzig Jahre xegiert hatte. Sein Nachfolger wurde Agis, welcher steben- undzwanzig Jahre regierte. *) Nach Dindorf's Verbesserung für 7icrf>rcr- **) Vor xxa'crrov kann xrlcrrov ausgefallen seyn. ***) Diese Angabe beruht auf einem Irrthum Modor's. Unte>.. Cap. 42. 47. 52. wird Archidamus noch lebend als Anführer der Lacedamonier aufgeführt» f Ol. 86, 4. I. R. 521 . v. Chr. 453 . 887 Z6. Als in Athen Apseudes Archon war, wählten die Römer zu Consulu den Lucius Menenius und Pro- eulus Geganins Macerinus sJ. R. ä-i. v.Chr.^ööj. In diesem Jahr starb Spartakus, der König am Bosporus, nachdem er sieben*) Jahre regiert hatte. Es folgte ihm Selenkus, welcher vier Jahre König war. In Athen machte Meton, der Sohn des Pattsanias, ein berühmter Sternkundiger, den sogenannten Neunzehnjahrskreis bekannt, indem er den Anfang auf den dreizehnten Tag des Athenischen Monats Scirophorion **) setzte. In so viel Jahren kommen die Gestirne auf den vorigen Stand zurück ***) und vollenden gleichsam den Kreislauf eines großen Jahres; daher dieß Einige das Jahr des Meton nennen. Und man findet, daß die Voraussagung und Berechnung dieses Mannes zum Verwundern genau zutrifft; denn die Bewegung und die Erscheinungen der Gestirne kommen ganz mit der Rechnung überein. Daher bedient man sich noch bis auf unsere Zeiten in den meisten Griechischen Staaten des Neunzehnjahrskreises, bei dem man sich von der Wahrheit nicht entfernt. *) Nach Casaubonus Verbesserung öirrch für **) Nämlich auf die Sommersonnenwende am Schluß des vierten Jahrs der sechsundachtzigsien Olympiade, also im I. v. Chr. 4Z2. ***) Die Neumonde fallen nach neunzehn Jahren beinahe wieder auf dieselben Puncte der Sonnenbahn, weil neunzehn Umläufe der Sonne sehr nahe gleich sind zweihundertund- sünfunddreißig Umlaufen des Mondes. Diodor. 7s Bdchn. 4 883 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. In Italien erbauten die Tarentiner die Stadt Heraklea, in welche sie die Einwohner von Siris aus ihrer Heimath verpflanzten und überdies; noch Ansiedler aus ihrer eigenen Stadt schickten. L?. Als in Athen Pythodorus Archou war, wählten die Römer zu Consuln den Titus Quin ctius und Agrip- pa Meneniusz in Elis feierte man die siebenundachtzig sie O l ym piad e, wo Sophron von Ambracia Sieger auf der Rennbahn war sJ. R. 3--. v. Chr. ^3^. In diesem Jahr wurde in Rom Spurius Mälius hingerichtet, weil er nach der Alleinherrschaft strebte. Die Athener hatten bei Potidäa einen glänzenden Sieg erfochten. Da der HeerführerKallias in der Schlacht geblieben >war, so schickten sie einen andern Feldherrn, Phormion, ab. Dieser lagerte sich, als er das Heer übernommen, vor der Stadt.Potidäa und machte beständige Angriffe. Die Besatzung vertheidigte sich tapfer, und so wurde es eine langwierige Belagerung. Hier fängt Thucydides von Athen seine Geschichte an, worin er den Krieg der Athener mit den Lacedä- moniern, welcher der P elo ponn esi sche genannt wird, beschrieben hat. Dieser Krieg dauerte siebenundzwanzig Jahre. Davon hat Thucydides zweiundzwanzig Jahre beschrieben in acht, oder nach einer andern Abtheilung in neun Büchern. 58. Als in Athen Euthydemus Archon war, wählten die Römer statt der Consuln drei Kriegs-Tribnnen, Ma- nins Aemilius Mamercns, Lucius Julius und Lucius Quinctius sJ. N. 3-5. v. Chr. /,3if. In diesem Jahr brach zwischen den Athenern mid Lacedämo- Ol. 87, 2. I. R. 32Z. v. Chr. 43 -. 889 niern der sogenannte Peloponnesische Krieg aus, der längste unter allen, die wir aus der Geschichte kennen. Es ist nothwendig und dem Zweck unseres Geschichtswerks angemessen, zuvor die Ursachen desselben anzugeben. Die Athener brachten, da sie um die Oberherrschaft zur See sich bemühten, die gemeinschaftlichen Gelder, die in Delos niedergelegt waren, beinahe achttausend *) Talente,' nach Athen und gaben sie dem Perikles in Verwahrung. Dieser Mann ragte durch seine Geburt, seinen Ruhm und seine Beredtsamkeit weit unter seinen Mitbürgern hervor. Nach einiger Zeit hatte er von diesem Geld eine beträchtliche Summe für sich aufgewendet. Da nun Rechenschaft von ihm gefordert wurde, so fiel er in eine Krankheit, weil er die Rechnung über das Anvertraute nicht ablegen konnte. Er war darüber in der äußersten Bekümmerniß, als ihm sein Neffe Alcibiades, der als Waise in seinem Haus erzogen wurde und noch im ersten Jünglingsalter stand, ein Aus» knnftsmittel wegen der Rechenschaft von dem Geld angab. Dieser fragte den Oheim, als er ihn traurig sah, um die Ursache seines Kummers. Perikles erwiederte.- man fordert Rechenschaft von mir über das Geld, und ich sinne nach, wie ich wohl den Bürgern werde Rechnung darüber ablegen können. Da sagte Alcibiades, er müsse nicht auf das Ablegen sondern auf das Nichtablegen der Rechnung denken. Perikles faßte die Aeußerung des Jünglings auf und suchte nunmehr ein Mittel, wie er die Athener in einen schweren Krieg verwickeln könnte. Denn so , dachte er, bei der Ver- XU. 40. 54. XM. 21 . heißt es zehntausend. 4* 890 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. wirrnng unter den Stürmen und Gefahren des Staats, werde er am ehesten einer genauen Rechenschaft über das Geld sich entziehen können. Zu dieser Auskunft war ihm auch der Zufall behülsiich *), der ihm folgende Veranlassung darbot. 5g. Phidias fertigte die Bildsäule der Athene, und Perikles, der Sohn des Lanthippus, war zum Aufseher bestellt. Von den Gehülfen des Phidias nun setzten sich Einige, auf Anstiften**) der Feinde des Perikles, auf den Altar der Götter und sagten, als sie wegen dieses auffallenden Benehmens zur Rede gestellt wurden, sie wollen nachweisen, daß Phidias viel von den heiligen Geldern sich zugeeignet habe mit Vorwissen und Beihülfe des Aufsehers Perikles. Es wurde deßwegen eine Volksversammlung gehalten, und die Feinde des Perikles beredeten das Volk, den Phidias zu verhaften, und klagten den Perikles selbst des Tempelranbs an. Ferner beschuldigten sie fälschlich den Sophisten***) Ana- ragoras, den Lehrer des Perikles, er verachte die Götter, und in diese verläumderische Klage verwickelten sie auch den Perikles, weil sie aus Neid den übermächtigen, berühmten Mann verdächtig zu machen suchten. Perikles wußte, daß bas Volk bei Kricgsunternehmungen in der dringenden Noth die edlen Männer hochachtete, im Frieden aber ebendieselben aus langer Weile und Mißgunst verläumdete. Er hielt es also für das Beste, die Stadt in einen schweren Krieg hin- *) Für ovveDlleVkv lst vielleicht zu lesen. **) Nach Scaliger's Vermuthung für Ae5Nk)(- Fonreg. ***) So hießen die Lehrer der Philosophie und Beredtsamkeit. Ol. 87, 2. I. R. 323 . v. Chr. 43 i. 691 einzuführen, damit sie der Tapferkeit und Kriegskunst des Perikles bedürfte und also die Beschuldigungen gegen ihn nicht annähme, auch nicht Zeit und Mnsse hätte, die Rechnung über die Gelder genau zu prüfen. Nun war in Athen der Beschluß gefaßt worden, die Megareer nicht auf den Markt und in die Häfen zuzulassen. Da nahmen die Megareer ihre Zuflucht zu den Spartanern. Die Lacedämonier gaben den Megareern Gehör und schickten im Namen der allgemeinen Versammlung eine sehr feierliche Gesandtschaft ab, welche den Athenern gebot, den Beschluß gegen die Megareer zurückzunehmen, und drohte, man werde sie, wenn sie nicht gehorchen, mit den Bundesgenossen bekriegen. In der Volksversammlung, die deßwegen gehalten wurde, wußt« denn Perikles, der an Beredsamkeit alle seine Mitbürger weit übertraf, die Athener zu bewegen, daß sie den Beschluß nicht zurücknahmen; denn, gegen ihren Vortheil den Befehlen der Lacedämonier zu gehorchen, stellte er ihnen als den Anfang der Sklaverei vor. Er rieth ihnen also, ihr Eigenthum vom Lande in die Stadt zu bringen und als Herrn des Meeres den Krieg mit den Spartanern zu führen. Lo. Wohlbedächtlich rechtfertigte er den Krieg durch Aufzählung der zahlreichen Bundesgenossen der Stadt, der überwiegenden Stärke ihrer Seemacht und überdieß der großen von Delos nach Athen gebrachten Geldsummen, die aus den Beiträgen der einzelnen Staaten zusammengeflossen waren. Von den zehntausend Talenten, aus welchen der gemeinsame Schatz bestand, waren zur Erbauung der Propy. läen sVorhallen der Burgi und zur Belagerung von Poti- däa viertausend Talente verwendet; und in jedem Jahr wur- 692 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. den an Beiträgen der Bundesgenossen vierhundertundsechzig Talente eingebracht. Außerdem hatte man die Geräthschaf- ten für die Festaufzüge und die Mcdische Beute, deren Werth er auf fünfhundert Talente anschlug. Ferner wies er auf die Menge von Weihgeschenken in den Tempeln*) hin und auf den Schmuck von fünfzig Talenten Goldes an der Bildsäule der Athene, welcher so angebracht sey, daß er abgenommen werden könne. Den, sagte er, könnte man, wenn ein Nothfall einträte, von den Göttern erborgen und dann im Frieden wieder erstatten. Auch die Bürger seyen wohlhabend , da ihr Vermögen in den langen Friedeuszeiten sich bedeutend vermehrt habe. Und nicht nur diese Schätze wies er nach, sondern auch die Truppenzahl, welche die Stadt besitze. Es seyen, die Bundesgenossen und die Besatzungen in den Festungen nicht eingerechnet, zwölftausend Schwerbewaffnete , die Besatzungen der Festungen aber und die Einsaßen machen über flebenzehntausend Mann aus. Dreiruder habe man gegenwärtig dreihundert. Dagegen zeigte er, wie es den Lacedämoniern an Geld fehle und wie viel geringer ihre Seemacht sey als die der Athener. Durch diese Vorstellungen ermunterte er die Bürger zum Krieg und brachte das Volk dahin, daß es den Lacedämoniern kein Gehör gab. Das bewirkte er leicht durch die Macht seiner Rede. Diese war auch die Ursache, warum er der Olympier genannt wurde. Davon redet Aristophanes, der Dichter der alten *) Nach Reiske's Verbesserung tk(>0tS für e'(>)-ot§. Ol. 87, 2. I. R. 3 - 3 . v. Chr. 43 r. 893 Komödie, der ein Zeitgenosse des Perikles war, in folgenden Tetrametern *) sFricde 60-. ff.f: O verarmte Ackerleute, so vernehmet doch mein Wort, Wenn ihr von der Stadt wollt hören, wie sie denn zu Grund« ging. ^ . Erstlich hat darin geschaltet Phidias mit schlimmem Werk; Drauf Perikles, weil zu theilen dessen Loos er fürchtete. Warf er einen kleinen Funken drein, den Megareer Schluß, Und er bließ ihn an zu solcher Kriegesflamme, daß von, Ranch Alle Griechen weinen müssen, jene dort und diese hier. Und wiederum anderswo sAcharner 5 -g. f.^: — — Perikles der Olympier Ließ blitzen, donnern, rührte ringsum Hellas auf. Und der Dichter Eupolis **): Die Macht des Wortes wohnte auf den Lippen ihm; So konnt' er zaubern; unter allen Redner« ließ Den Stachel in des Hörers Herz nur er zurück. Dieß waren die Veranlassungen des Peloponnesrschen Krieges, wie Ephorus schreibt. Der auf diese Art herbeigeführte Krieg zwischen den herrschenden Städten brach wirklich aus, da die La ced «monier in einer Versammlung, die sie mit den P elvponnesiern hielten, den Beschluß faßten, die Athener zu bekriegen. Sie ließen den König der Perser bitten, ihnen beiznstehen und bewogen durch Gesandtschaften auch die Bundesgenossen in Sicilien und *) Nach Rhodomannus Vermuthung rkrs>asexr(>0t§ für )>r- **) Hieher sind nach Weffeling diese Worte zu setzen, die im Terte vor den beiden vorigen Versen stehen. 894 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Italien, mit zweihundert Dreirädern zn Hülfe zu kommen. Sie selbst fingen, nachdem sie mit den Peloponneflern die Landmacht gerüstet und alle andern Kriegsbedürfnisse in Bereitschaft hatten, zuerst die Feindseligkeiten an. Es war nämlich die Stadt Platää in Böotien unabhängig und hatte ein Bündniß mit den Athenern. Nun wollten einige Bürger daselbst der Unabhängigkeit ein Ende machen, indem sie mit den Bvotiern unterhandelten und versprachen, die Stadt dem Gebiet der Theb an er einzuverleiben und ihnen Platää zu übergeben, wenn sie Truppen zu Hülfe schicken würden. Die Böotier sandten daher bei Nacht dreihundert Mann auserlesene Truppen ab, die von den Verräthern heimlich zu den Thoren eingelassen wurden und so die Stadt in ihre Gewalt bekamen. Die Platäer, welche das Bündniß mit den Athenern zu erhalten wünschten, unterhandelten zuerst , weil sie meinten, die gesammte Macht der Thebasier sey da, mit den Truppen, welche die Stadt eingenommen hatten, und boten ihnen einen Vergleich an. Als aber die Nacht verging und sie sahen, das; es nur Wenige waren, vereinigten sie sich und kämpften wüthend für die Freiheit. Es entstand ein Gefecht in den Straßen, worin anfangs die Thebaner durch ihre Tapferkeit die Oberhand hatten und eine große Zahl der Gegner niedermachten. Als aber die Sklaven und die Kinder von den Häusern herab mit Dachziegeln warfen und die Thebaner verwundeten, ergriffen sie die Flucht. Einige von ihnen wurden aus der Stadt getrieben und retteten sich; Andere, die sich in ein Haus geflüchtet hatten, mußten sich ergeben. Sobald die Thebaner von den aus der Schlacht Entronnenen den Vorfall erfuhren, brachen sie mit Ol. 87 , 2 . I. R. 325. v. Chr. 43i. 8g5 gesummter -Macht eilig auf. Von den Landbewohnern, die auf den unerwarteten Angriff nicht gerüstet waren, wurden Viele niedergemacht, und nicht Wenige geriethen in Gefangenschaft. Im ganzen Lande herrschte Verwirrung und Plünderung. 4,. Die Platäer machten durch Gesandte den Thcba- nern den Vorschlag, sie sollten das Land räumen und ihre Gefangenen zurückerhalten. Man verglich sich wirklich auf diese Bedingungen, und die TheLaner erhielten die Gefangenen zurück, gaben die Beute wieder heraus und zogen nach Theben ab. Die Platäer aber ließen die Athener um Hülfe ersuchen und schafften das Ihrige größtentheils in die Stadt herein. Sobald die Athener den Vorfall in Platää erfuhren, schickten sie eine hinreichende Anzahl Truppen ab. Diese trafen schleunig ein und schafften, den Thebanern zuvorkommend*), vollends Alles vom Land in die Stadt herein, und Weiber und Kinder und den gesammten wehrlosen Haufen schickten sie fort nach Athen. Die Lacedämonier, die das als Friedensbruch von Seiten der Athener betrachteten, sammelten ein ansehnliches Heer aus Lacedämon und aus dem übrigen Peloponnes. Verbündete der Lacedämonier waren**) die Peloponnesier Alle außer den Argivern, die keinen Theil am Kamps nahmens außer dem Peloponnes aber *) Die Negation ist wahrscheinlich zu tilgen. Sollte sie stehen bleiben, so müßte der Sinn seyn: die Platäer hatten Hülfe gesucht, die Athener hatten Truppen geschickt; diese waren schleunig eingetroffen, aber doch den Thebanern nicht zuvorgekommen; nun schafften sie u. s. w. **) Für ro'rr ist roko zu lesen. 896 Dlodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. die Megareer, Ambracier, Leukadier, Phvcier, Bövtier, Lokrer, nämlich die Enböa gegenüber wohnenden fdie opuntischen nnd epiknemidischen Lokrer) größtenteils und von den andern lden ozolischen Lokrer») die Am- phiffäer.- Die Verbündeten der Athener waren die an der Küste von Asien wohnenden Karier, Dorier, Jonier und He l les p on ti er, und die sämmtlichen In selbem oh« ner außer denen im Melos und Thera; ferner die Bewohner der Thr arischen Vorlaube, außer den Chalcidiern und Potidäern; endlich die Messenier in Naupaktus nnd die Cor cy r äer . . . . *) die andern Alle schickten Landtruppen. Dieß waren die Bundesgenossen auf beide» Seiten. Die Lacedämonier stellten ein ansehnliches Heer auf und übergaben den Oberbefehl dem König Archi- damus. Dieser fiel mit seinem Heer in Attika ein, machte Angriffe auf die Festungen lind verwüstete einen großen Theil des Landes. Aufgebracht über die Verheerung des Landes wollten die Athener den Feinden eine Schlacht liefern. Allein Perikles, welcher Heerführer war und das Ganze leitete, bat die Jüngeren, ruhig zu bleiben, und versprach, die Lacedämonier ohne Kampf aus Attika zu vertreiben. Er bemannte hundert Dreiruder und schickte auf diesen Schiffen eine ansehnliche Macht unter dem Befehl des Carcinus und einiger Andern nach dem Pelopon- nes. Diese verheerte» eine weite Strecke des Küstenlandes *) Die Lücke ist nach Weffeling aus Thucpd. II. 9. zu ergänzen : Unter diesen Staaten lieferten Schiffe die Chier, Les- bier und Corcpräer. Ol. 87, 3 . I. R. 324. v. Chr. 43 o. 897 und eroberten einige Festungen, .so daß die Lacedämonier in Schrecken geriethen. Sie ließen daher schnell das Heer aus Attika kommen, so daß der Feind vor ihnen sichere Ruhe hatte*). Auf diese Art wurde Attika befreit, und Perikles erwarb sich bei seinen Mitbürgern das Lob, er könne durch Kriegslist **) die Lacedämonier bezwingen. 45. Als in Athen Avollodorus Archon war, wählten die Nomer zu Consulu den Marcus Geganius und Lucius Sergius sJ. R. 5-4. v. Chr. ä5c>^. In diesem Jahr ließ der Feldherr der Athener nicht ab, das Land der Peloponnesier zu plündern und zu verwüsten und die Festungen zu belagern. Da er eine Verstärkung von fünfzig Dreirndern aus Corcyra erhielt, so richtete er noch viel mehr Schaden im Lande der Peloponnesier an. Besonders verheerte er den Theil des Küstenlandes, welcher Akte hieß, wo er die Landhäuser in Brand steckte. Hierauf schiffte er weiter gegen Methone in Lakonien, plünderte das Land aus und machte Angriffe auf die Stadt. Da wagte es Bra- sidas, ein noch junger, aber durch Muth und Tapferkeit ausgezeichneter Mann, da er sah, daß Methone in Gefahr war, mit Sturm eingenommen zu werden, sich von einer Anzahl Spartaner begleitet mitten durch die zerstreuten Feinde durchzuschlagen, und es gelang ihm, nachdem er Viele erlegt, sich in die Festung zu werfen. Da nun Brasidas den *) Nach Hermann's Verbesserung TcoXe.uimg für kle).c>- rrorn^cr/olg. **) Für <7r(>crr?Msv x«t wird es geheißen haben. 898 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Belagerern den tapfersten Widerstand leistete, so zogen sich die Athener, ohne die Festung erobern*) zu können, zu den Schiffen zurück. Braffdas aber wurde bei den Spartanern beliebt, weil er Methone durch seinen Muth und seine Entschlossenheit gerettet hatte. Trotzend auf diese Heldenthat wagte er in der Folgezeit noch öfter sei» Leben im Kampf und erwarb sich großen Ruhm durch seine Tapferkeit. Die Athener fuhren hinüber nach dem Gebiet von Elis, verheerten das Land und belagerten P h ea**), eine Festung der Elier. Sie besiegten die Elier, die zur Hülfe herbeikamen , in einer Schlacht und eroberten Phea mit Sturm, nachdem sie viele Feinde niedergemacht hatten. Nachher, als sich ihnen die Elier mit gesammter Macht entgegenstellten, wurden sie zu den Schiffen zurückgeschlagen. Da segelten sie weiter nach Cephalenia, bewogen die Einwohner daselbst, in ihren Bund zu treten, und fuhren nach Athen zurück. ii. Hierauf ernannten die Athener den Kleopompus zum Feldherrn, schickten ihn mit dreißig Schiffen ab und trugen ihm auf, Enböa zu bewachen und die Lokrer zu bekriegen. Er lief aus und verwüstete das Küstenland von Lo- kris und eroberte die Stadt Thronium. Dem Heer, das sich ihm in Lokris entgegenstellte, lieferte er ein Treffen und besiegte es bei der Stadt Alo pe. Sodann befestigte er eine Lokris gegenüberliegende Insel, Atalante genannt, um D Nach Reiste rXkkv für aurXktV. **) Nach Panlmier Akt«u für und nachher Akt' für Ak(>«L. Ol. 87, 3 . I. R. 324. v. Chr. 45 o. 899 von diesem Bollwerk aus die Einwohner von Lokris zu bekriegen. Den Aegi rieten gaben die Athener Schuld, den Lacedämonier» Beihülfe geleistet zu haben, und vertrieben sie daher aus ihrer Stadt. Sie schickten Ansiedler aus ihrer Mitte ab, unter die sie die Stadt Aegina und das Land vertheilten. Die Lacedämonier aber räumten den vertriebenen Aegineten Thyrää zum Wohnsitz ein, weil ebenso die Athener den aus Messene Verjagten in Nanpaktus sich niederzulassen erlaubt hatten. Den Perikles schickten die Athener mit einem Heer ab, die Megareer zu bekriegen. Er verheerte das Land, plünderte die Besitzungen der Einwohner und kehrte mit reicher Beute nach Athen zurück. 45 . Die Lacedämonier fielen mit den Pelopon- nesiern und den andern Bundesgenossen znm zweitenmal in Attika ein. Sie hieben auf ihrem Zuge durch das Land die Bäume um und steckten die Landhäuser in Brand. Beinahe die ganze Gegend verheerten sie, die sogenannten Vierstädte ausgenommen. Diese verschonten sie, weil ihre Vorfahren daselbst gewohnt und von hier aus den siegreichen Angriff gegen den Eurystheus unternommen hatten*). Denn sie hielten es für billig, daß den Wohlthätern der Vorfahren von den Nachkommen der gebührende Dank bezahlt werde. Die Athener wagten es nicht, ein Treffen zu liefern. Da sie sich aber innerhalb der Mauern hielten, so brach eine ansteckende Seuche unter ihnen aus. Weil nämlich eine so große Menge von Menschen aller Art in der Stadt zusammengedrängt war, so mußte man natürlich in dem engen *) IV. 57. goo Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Raum eine verdorbene Luft einathmen und daher von Krankheiten befallen werden. Da sie nun die Feinde nicht aus dem Lande vertreiben konnten, so schickten sie wiederum eine beträchtliche Flotte nach dem Peloponnes unter dem Oberbefehl des Perikles. Er verwüstete einen großen Theil des Küstenlandes und zerstörte einige Städte. So bewirkte er, daß die Lacedämonier aus Attika abzogen. Darauf aber verloren die Athener den Muth, da im Lande die Baume umgehauen waren und die Krankheit so viele Menschen weggerafft hatte. Sie zürnten dem Perikles, weil sie ihn als den Urheber des Kriegs betrachteten. Daher entsetzten sie ihn der Feldherrnstelle und nahmen von unbedeutenden Beschuldigungen Veranlassung ihn um achtzig Talente zu strafen. Sodann schickten sie Gesandte an die Lacedämonier und begehrten dem Krieg ein Ende zu machen. Da ihnen aber Niemand Gehör gab, so waren sie genöthigt, wiederum den Perikles zum Feldherrn zu wählen. Dieß ist es, was in jenem Jahr geschah. 46 . Als in Athen Epaminon Archen war, wählten die Römer zu Consuln den Lucius Papirius und Mar- cus Cornelius Maluginensis sJ. R. 5-5. v. Chr. 4-gj. In diesem Jahr starb in Athen der Feldherr Perikles, ein Mann, der durch Geburt und Reichthum nicht nur, sondern auch durch seine Beredtsamkeit und Kriegskunst weit über seinen Mitbürgern stand. Das Volk, welchem viel daran gelegen war, Potidäa mit Sturm einzunehmen, schickte den Hagnon als Feldherrn dahin ab mit dem Heer, das zuvor Perikles hatte. Er fuhr mit der ganzen Flotte nach Potidäa und traf. die Vorbereitungen zur Belagerung. Ol. 87 , 4. I. R. 325 . v. Chr. 429. 901 Er schaffte nämlich allerlei Belagerungswerkzeuge und eine Menge von Waffen und Geschoßen herbei, auch einen hinreichenden Verrath von Lebensmitteln für das ganze Heer. Nun machte er Angriffe, die er jeden Tag wiederholte, brachte aber lange Zeit zu, ohne die Stadt erobern zu können. Denn die Belagerten vertheidigten sich tapfer aus Furcht vor der Erstürmung, und auf die Festigkeit ihrer Mauern vertrauend gewannen fle Vortheile über die abgematteten *> Belagerer. Auch war unter Diesen eine Krankheit ausgebro- chen, welche Viele wegraffte, und es herrschte Muthlosigkeit unter den Truppen. Hagnon fürchtete sich aber, die Belagerung aufzuheben, da er wußte, daß die Athener mehr als tausend Talente darauf verwendet hatten, und daß sie über die Potidäer aufgebracht waren, weil Diese die Ersten gewesen, die zu den Lacedämoniern abfielen. Er war also genöthigt auszuhalten und die Truppen, wenn sie gegen die Stadt Sturm liefen, über ihre Kräfte anzustrengen. Da nun aber eine große Zahl seiner Leute bei deu Angriffen und durch die ansteckende Seuche umkam, so fuhr er nach Athen zurück und ließ nur einen Theil des Heeres zur Belagerung da: Er hatte von seinen Truppen über tausend Mann verloren. Nachdem er abgezogen war, unterhandelten die Potidäer mit den Belagerern über einen Vergleich, da die Lebensmittel völlig zu Ende und die Bürger der Stadt muth- los waren. Auch Jene verstanden sich gerne dazu, und man kam dahin übereil!, daß die sämmtlichen Potidäer aus der Stadt auswandern sollten, ohne Etwas mitzunehmen, außer *) Statt in ist vielleicht zu lesen. g«2 Dlodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. daß jeder Mann ein Kleid und jedes Weib zwei behielte. Nachdem dieser Vergleich geschlossen war, so verließen denn die Potidäer Alle mit Weibern und Kindern, den Bedingungen gemäß, ihre Vaterstadt, wanderten zu den Chalci- diern in Thracien und ließen sich bei ihnen nieder. Die Athener aber schickten von ihren Bürgern gegen tausend Ansiedler nach Potidäa ab und vertheilten die Stadt und das Land. L?. Die Athener ernannten den Phormion zum Feldherrn und schickten ihn mit zwanzig Dreirudern ab. Er umschiffte den Peloponnes und legte bei Naupaktus an. Da beherrschte er den Krisäischen Meerbusen und sperrte den Lacedämvniern die Schiffahrt daselbst. Die Lacedä- monier aber sandten ein ansehnliches Heer unter dem König Archidamus ab. Er rückte in Böotien ein und zog gegen Platää, unter der Drohung, das Land zu verwüsten; die Plattier wurden aufgefordert, von den Athenern abzufallen. Da sie nicht Folge leisteten, verheerte er das Land und plünderte die Besitzungen der Einwohner aus. Hierauf umschloß er die Stadt mit Werschanzungen. Er hoffte, die Platäer wurden durch Mangel an Lebcnsbedürf' Nissen bezwungen werden. Dennoch aber wandte man auch Delagerungswerkzeuge an, wodurch man die Mauern erschütterte, und fuhr mit Angriffen ununterbrochen fort. Da si- aber auch durch die Angriffe die Stadt nicht überwältigen konnten, so kehrten die Pelvponnefler nach Hause und ließen eine hinreichende Mannschaft zurück. Die Athener wählten zu Feldherrn den Lenophon und Phanomachus und schickten sie nach Thracien mit tausend Mann. Sie Ol. 67, 4. I. R. 3-5. v. Chr. 429. 903 wandte» sich gegen Spartolus*) in Bottiäa »nd mähten da die Felder ab und verderbten die jungen Saaten. Als aber den Vottiäern die Olynthier zu Hülfe kamen, wurden sie von Diesen in einer Schlacht überwunden. Die Feldherrn der Athener kamen um mit dem größten Theil ihrer Truppen. Während Das geschah, zogen die Lacedämonier, von den Ambraciern aufgefordert, nach Akarnanien. Kne- mus, der Führer dieses Zugs, hatte tausend Mann Land- truppen und wenige Schiffe: dazu erhielt er aber noch von den Bundesgenossen eine hinlängliche Truppenzahl. Er rückte in Akarnanien ein und schlug ein Lager in der Stadt Stra- tus. Die Akarnanier aber vereinigten sich, überfielen die Feinde aus einem Hinterhalt, machten Viele nieder und nöthigten den Knemus, weiter in's Land der Oeniaden zu ziehen. 43. Um dieselbe Zeit stieß der Athenische Feldherr Phormion mit zwanzig Dreirudern auf flebenundvierzig Schiffe der Lacedäm on ier. Er lieferte ihnen ein Seetreffen, in welchem er das Schiff des feindlichen Befehlshabers versenkte und von den andern Viele unbrauchbar machte. Zwölf fielen sammt der Mannschaft in seine Gewalt und die Uebrigen verfolgte er bis an die Küste. Die Lacedämonier, wider Erwarten besiegt, flohen mit den übriggebliebenen Schiffen nach Paträ in Achaja. Dieses Seetreffen fiel Hei sdem Vorgebirge) Rhium vor. Die Athener fuhren. Nach Paulmier's Verbesserung für Lrx- rwXo'u. Diodor. 7s Bdchn. 5 9«4 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. nachdem sie ein Siegeszeichen errichtet und dem Poseidon, dem Beschützer des Isthmus *), ein Schiff geweiht hatten, nach der verbündeten Stadt Naupaktus. Die Lacedämo- nier schickten nun andere Schiffe nach Paträ. Diese vereinigten sich mit den aus dem Seetreffen übriggebliebenen Dreirudern und zogen sich zusammen. In derselben Gegend traf auch die Landmacht der Peloponnesier ein und lagerte sich in der Nähe der Flotte. Phormion, trotzend auf den vorigen Sieg, wagte es, die vielmal größere feindliche Flotte anzugreifen. Er versenkte einige Schiffe und verlor auch eigene, so daß sein Sieg zweifelhaft blieb. Als hierauf die Athener zwanzig Dreiruder schickten, geriethen die Lacedä- monier in Furcht und fuhren nach Korinth zurück, ohne eine Seeschlacht zu wagen. Dieß ist es, was in jenem Jahr geschah. zg. Als in Athen Diotimus Archon war, wählten die Römer zu Consuln den CajusJulius und Procu- lusVirginius Tricostus; in Elis feierte man die achtundachtzigste Olympiade, wo Symmachus von Messene in Sicilien Sieger auf der Rennbahn war II. N. L-6. v. Chr. ä-8ch In diesem Jahr gedachte Kne- mus, der Befehlshaber der Lacedämonischen Flotte, der bei Korinth stand, den Piräeus zu erobern. Er hörte nämlich, es seyen keine segelfertige» Schiffe im Hafen und auch keine Truppen zur Wache aufgestellt. Denn die Athe- »er waren für die Bewachung desselben unbesorgt, weil sie gar nicht erwarteten, daß es Jemand wagen würde, diesen Platz *) Vor nkxi tst vielleicht rH ausgefallen. Ol. 88, i. I. R. 326. v. Chr. 428. 906 zu erobern. Er ließ nun in Megara vierzig aufs Land gezogene Schiffe vorn Stapel und fuhr bei Nacht nach Salamis. Unvermuthet überfiel er die Festung von Salamis, Budorium genannt, nahm drei Schiffe weg und durchstreifte ganz Salamis. Die Salaminier gaben den Bewohnern von Attika Feuerzeichen. Da meinten die Athener, der Piräeus sey erobert, und eilten schnell zu Hülfe in großer Verwirrung. Sobald sie aber hörten, was geschehen war, bemannten sie eine hinreichende Zahl von Schiffen und fuhren nach Salamis. Die Peloponnesier aber segelten, da der Plan vereitelt war, von Salamis nach Hause zurück. Nachdem die Feinde abgezogen waren, sorgten die Athener besser für die Beschützung von Salamis und ließen eine hinlängliche Besatzung zurück; auch sicherten sie den Piräeus durch Schließketten und durch hinreichende Wachen. Lo. Um dieselbe Zeit hatte Sitalces, der König der Thracier» die Regierung angetreten, zwar über ein kleines Land » aber durch seinen Muth und seine Klugheit vergrößerte er seine Herrschaft bedeutend, indem er seine Unterthanen mit Milde behandelte, in den Schlachten aber Tapferkeit und Kriegskunst bewies, und überdieß für seine Einkünfte eifrig besorgt war. Zuletzt stieg seine Macht so hoch, daß er über ein größeres Gebiet herrschte als irgend einer der frühern Könige in Thracien. Denn die Küste desselben fing beim Lande der Adder iten an und erstreckte sich bis an den Fluß Jster; vom Meer aber reichte es landeinwärts so weit als ein rüstiger Fußgänger in dreizehn Tage» reiste. Aus diesem großen Reich bezog er an Einkünfte» jedes Jahr über tausend Talente. Zu der Zeit nun, bei der go6 Dlodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. wir stehen, hatte er Krieg und zog Truppen aus Thracien zusammen, hundertundzwanzigtanscnd Mann Fußvolk und fünfzigtausend Reiter. Wir müssen aber zuvor die Ursachen dieses Krieges angeben , damit die Erzählung von demselben dem Leser deutlich wird. Sitaices hatte mit den Athenern Freundschaft geschlossen und versprochen, Lei ihrem Krieg in Thracien ihnen beizustehen. Da er demnach mit den Athenern vereinigt die Chalcidier bekriegen wollte, so rüstete er ein ansehnliches Heer. Zugleich hatte er aber auch im Sinn, weil er mit Perdikk as, dem König von Mace- donien, in einem feindseligen Verhältniß stand, Amyn- tas, den Sohn des Philippus, auf den-Makedonischen Thron zu setzen. Aus diesen beiden Ursachen also mußte er ein ansehnliches Heer aufstellen. Nachdem er Alles zu dem Feldzug in Bereitschaft hatte, rückte er mit seiner ganzen Macht -aus, zog durch Thracien und fiel in M ace d o nie« ein. Die Macedonier erschrocken vor dieser großen Macht und wagten keine Schlacht zu liefern. Sie schafften die Lebensrnittel und von .ihrer übrigen Habe soviel als möglich in die festesten Plätze und warteten daselbst in Ruhe. Die Thracier setzten nun den Amyntas als König ein und suchten zuerst durch Vorstellungen und Unterhandlungen die Städte zu gewinnen ; da man ihnen aber kein Gehör gab, so griffen sie die erste beste Festung an und nahmen sie mit Sturm ein. Aus Furcht unterwarfen sich ihnen hierauf einige Städte und Festungen freiwillig. Nachdem sie ganz Macedouieu verheert und reiche Beute in ihre Gewalt bekommen hatten, zogen sie weiter gegen bie Griechischen Städte, nämlich die der Eha lci dier. Ol. 88, 2. I. R. 327. v. Chr. 427. 907 5>. Während Sitalces damit beschäftigt war, vereinigten sich die Thessalier, Achäer, Magncsier und alle übrigen zwischen Macedonien und Thermopylä wohnenden Griechen und-stellren miteinander eine ansehnliche Macht auf. Denn sie besorgten, die Thracier möchten mit ihren vielen Tausenden auch in ihre Länder einfallen, so daß sie in Gefahr kamen, vertrieben zu werden. Da dasselbe auch die Chalcidier thaten, und Sitalces hörte, die Griechen haben beträchtliche. Streitkräfte zusammengezogen, und sah, wie beschwerlich seinen Truppen der Winter würde, so schloß er mit Pcrdikkas einen Vergleich und verschwägerte sich mit ihm; sodann führte er seine Heere nach Thracien zurück. 5-, Während Das geschah, fielen die Lacedämonier in Gemeinschaft mit ihren Bundesgenossen aus dem Pelo- ponnes in Attika ein unter der Anführung des Königs Archidamus. 'Sie verderbten die jungen Saaten und verwüsteten das Land; darauf kehrten sie nach Hause zurück. Die Athener wagten keine Schlacht, und von der Seuche und der Hungersnoth geplagt hatten sie schlechte Hoffnungen für die Zukunft. Dieß ist es, was in jenem Jahr geschah. 53. Als in Athen Euklides Archvn war, wählten die Römer statt der Consuln drei Kriegs-Tribunen, Marcus Man lins, Q.uin tus Sulpicins Prätertatus und Servius Cornelius Cossus II.R. 3-?. v. Chr. 4 - 7 ). In diesem Jahr geschah es, daß Leontini in Sicilien, eine Pflanzstadt der Chalcidier, die mit den Athenern verwandt war, von den Syrakusiern bekriegt wurde. Sie war durch den Krieg hart bedrängt und in Gefahr, von den übermächtigen Syrakusiern mit Sturm erobert zu werden. 9»3 Dlodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Da schickten die Einwohner Gesandte nach Athen ab und baten das Volk, sobald als möglich Hülfe zu leisten und die Stadt aus der Gefahr zu retten. Der Anführer dieser Gesandtschaft war der Redner Gorgias, der an Beredsamkeit alle seine Zeitgenossen weit übertraf. Er war es, der zuerst die Rednerkünste erfand und als Sophist *) es den Andern sowci-t zuvorthat, daß er von seinen Schülern eine Belohnung von hundert Minen erhielt. Dieser Mann kam nun nach Athen, hielt, als er vor das Volk geführt wurde, Reden an die Athener über das Bündniß und sehte durch das Außerordentliche seines Vertrags dieses geistreiche und kunstliebende Volk in Erstaunen. Den» er war der Erste, der ungewöhnlichere Wendungen der Rede gebrauchte, nämlich Gegensätze, gleichgegliederte, gleichlaufende, gleichschließende Sätze und Anderes dergleichen, was besondere Kunst erfordert, und was damals wohl als neue Erfindung Beifall fand, jetzt aber für gesucht gilt und lächerlich erscheint, wenn man es öfter und im Uebermaß anwendet. Er überredete endlich die Athener wirklich, den Leontinern beiznstehen, und bewundert von ganz Athen wegen seiner Redekunst trat er die Rückreise nach Leontini an. 5^. Die Athener hatten schon längst ein Verlangen nach Sicilien, weil es so ein gutes Land ist. Um so lieber »ahmen sie nun die Vorschläge des Gorgias an und beschloßen , den Leontinern Hülfstruppeu zu senden. Als Grund gaben fle an die Noth und die Bitte ihrer Stammverwandten ; ihre wahre Absicht aber war, die Insel in ihre Gewalt *) Vgl. Cap. Z9. Ol. 88, 2. I. R. 327. v. Chr. 427. 909 zu bekommen. Auch als wenige Jahre zuvor die Korinther und die Corcyräer miteinander Krieg führten und Beide sich bemühten, die Athener zu Mitstreitern zu bekommen, entschloß sich das Volk, darum lieber den Corcyräern beizuste- hen, weil Corcyra zur Uebcrfahrt nach Sicilien geschickt gelegen war. Ueberhaupt waren ja die Athener, nachdem sie die Oberherrschaft zur See erlangt und so große Thaten verrichtet hatten, mit Bundesgenossen im Ueberfluß versehen und unterhielten die größten Kriegsheere *); sie hatten eine große Summe baares Geld eingenommen, da sie den gemeinsamen Schatz der Griechen von Delos herüberbrachten, der über zehntausend Talente betrug; sie hatten große Feldherrn von bewährter Kriegskunst. Das Alles ließ sie hoffen, daß sie die Lacedämonier besiegen, und wenn sie die Oberherrschaft über ganz Griechenland erworben hätten, auch in Si- eilien sich würden behaupten>können. Aus diese» Ursachen nun beschloßen sie den Leontinern beizustehen und schickten hundert Schiffe nach Sicilien ab unter dem Befehl des La- ches und Charöades. Diese fuhren nach Rheginm und erhielten noch hundert Schiffe von den Einwonhern von Rhegium, das ebenfalls eine Pflanzstadt der Chalcidier war**). Als sie von dort ausliefen, durchstreiften sie zuerst die L i- parischen Inseln, weil die Liparäer den Syrakuslern Hülfe leisteten. Hierauf segelten sie gegen Lokri, nahmen fünf *) Räch Reiste, der das zweite und Las TiöXkeg wegwirft. **) Nach Reiste, der statt rwt» setzt avrwi'i das övreov aber beibehält. gro Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Schiffe der Lokrer weg und belagerten die Festung.*) Da nun die benachbarten Siculer den Myläern zu Hülfe.eilten, so kam es zu einer Schlacht, in welcher die Athener siegten und über tausend Mann todtsten und nicht weniger als sechshundert Gefangene machten. Gleich darauf eroberten sie die Festung und besetzten sie. Während DaS geschah, waren vierzig Sckiffe im Anzug, welche das Volk sder Atheners in der Absicht aussandte, den Krieg nachdrücklicher zu führen. Die Befehlshaber waren Enrymedo» und Sophokles. Nachdem sich die Drciruder alle zusammengestellt hatten, so machten sie nunmehr eine ansehnliche Flotte aus, die aus zweihundertundfünfzig Dreirudern bestand. Da sich aber der Krieg in die Länge zog, so unterhandelten die Leontiner und verglichen sich mit den Svraku- si'ern. Daher fuhren die Dreiruder der Athener nach Hause zurück. Die Syraknsier ertheilten den Leontinern das Bürgerrecht und erklärten sie Alle für Syrakusier, die Stadt aber für eine Syrakusische Festung. So stand es in Sicilien. 55. In Griechenland fielen die Lesbier von den Athenern ab. Sie machten es ihnen nämlich zum Vorwarf, daß sie den Plan, die Bewohner aller Städte in Les- bos nach Mitylene zu verpflanzen, verhindert hatten"). ») Wahrscheinlich ist nach Of>or>(-r 0 v öiroX<.o'f>xiz-7ceu ein Satz ausgefallen, der mit denselben Worten schloß und ungefähr so hieß: Nachdem sie dieselbe erobert hatten, fuhren sie nach Sicilien hinüber und belagerten die Festung der Mhläer bei Messens. Vgl. Thucyd. III. 90. **) Nach Wesseling's Verbesserung A-kxwXvcr«r für ö«sxo- fitrrcrn. Vgl. Thucyd. IH. S. Ol. 68, 2. I. R. 327. v. Chr. 427. 911 Sie schickten nun Gesandte an die Lacedämouier, schloßen ein Bündniß mit ihnen und forderten die Spartaner auf, um die Oberherrschaft auf dem Meere sich zu bewerben. Zu diesem Unternehmen versprachen sie ihnen eine große Zahl von Kriegsschiffen zu liefern. Die Lacedämonier nahmen den Vorschlag gerne an. Aber währen» sie mit der Erbauung der Dreirnder beschäftigt waren, schickten die Athener, ihren Rüstungen zuvorkommend, eine Kriegsmacht nach Lesbos. Sie bemannten nämlich sogleich vierzig Schiffe und wählten zum Befehlshaber den Klinip pid es. Dieser fuhr, nachdem er Hülfsooiker von den Bundesgenossen erhalten, Mity- lene zu. Es kam zu einem Seetreffen, und die Mitylener wurden besiegt und in ihre Mauern eingeschlossen. Die Lacedämonier, die den Mityleuern zu helfen beschlossen hatten, rüsteten eine ansehnliche Flotte. Aber unterdessen schickten die Athener bereits die zweite Flotte nach Lesbos mit tausend Schwerbewaffneten. Der Befehlshaber derselben, Pach es, der Sohn des Epiklerus, vereinigte sich, als er vor Mitylene ankam, mit der schon vorhandenen Kriegsmacht, umschloß die Stadt mit Verschanzungen und machte beständige Angriffe, nicht nur vom Land aus, sondern auch von der See. Die Lacedämo- uier schickten nun fünfundvierzig Dreiruder ab unter dem Befehl des Alcidas. Auch fielen sie mit ihren Bundesgenossen in Attika ein. Sie wandten sich in die Gegenden von Attika, wohin sie bisher nicht gekommen waren, verwüsteten das Land und kehrten nach Hause zurück. Die Mitylener , die durch Hungersnoth und Feindesmacht bedrängt und unter sich in Zwiespalt waren , übergaben die Stadt durch einen Vergleich den Belagerern. Als das Volk in 9'2 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Athen sich berieth, wie man gegen die Mitylener zu verfahren habe, reizte der Volksführer Kleon, ein Mann von roher und wilder Gemüthsart, die Bürger auf und erklärte, man müsse in Mitylene die sämmtliche streitbare Mannschaft umbringen, die Weiber und Kinder aber zu Sklaven machen. Die Athener ließen sich endlich bereden, einen Beschluß im Sinn des Kleön zu fassen, und es wurde durch Abgeordnete die Entscheidung des Volks dem Heerführer in Mitylene kund gethan. Als eben Paches den Volksschluß gelesen hatte, folgte ein anderer nach, der das Gegentheil enthielt. Paches war froh, daß sich die Athener anders entschlossen hatten. Er berief die Mitylener zu einer Volksversammlung und sprach sie frei von ihrer Schuld, und eben- damit auch von der schweren Strafe, die ihnen drohte. Die Mauern von Mitylene rißen die Athener nieder und vertheilten ganz Lesbos, das Land der Methymnäer ausgenommen. Dieses Ende nahm der Aufstand der Lesbier gegen die Athener. 56. Um dieselbe Zeit umschloßen die Lac e däm o n ier, welche Platää noch belagerten, die Stadt mit Verschanzungen und bewachten dieselbe mit einem zahlreichen Heere. Als sich nun die Belagerung in die Länge zog und die Athener gar keine Hülfe sandten, waren die Belagerten vom Hunger bedrängt, und bei den Angriffen hatten sie viele Bürger verloren. Sie wußten sich nicht zu helfen und berathschlagten über ein Rettungsmittel. Da meinten die Meisten, man müsse sich ruhig halten; die Andern aber (es waren ungefähr zweibundert) entschloßen sich, bei Nacht die Wachposten zu durchbrechen und sich nach Athen durchzuschlagen. Ol. 83, 2. I. R. 327. v. Chr. 427. 9*3 In einer mondlosen Nackt, die sie dazu ausersahen , ließen sie die klebrigen auf der einen Seite die Verschanzung angreifen; sie selbst aber hatten sich nnt Leitern versehen, und während die Feinde dorthin zu Hülfe eilten, gelang es ihnen an der entgegengesetzten Seite die Mauer*) mit den Leitern zu ersteigen; sie machten die Wachposten nieder und entkamen nach Athen. Aufgebracht über die Flucht der aus der Stadt Entwichenen, bestürmten am folgenden Tage die La- cedämouier die Stadt Platää und strengten alle Kräfte an, um die Belagerten zu überwältigen. Da gericthen die Plattier in Furcht; sie unterhandelten und übergaben sich und die Stadt den Feinden. Die Anführer der Lacedämonier forderten jeden Einzelnen von den Plattiern vor und fragten, was er den Lacedämoniern Gutes gethan habe. Da Jeder gestand, er habe ihnen keine Wohlthat erwiesen, so fragten sie weiter, ob er den Spartanern etwas Böses zugefügt habe. Das läugnete Keiner , und so verurtheilten. sie Alle zum Tode- Sie brachten also Alle, die noch übrig waren, um, rißen die Stadt nieder und verpachteten das Land. So traf die Plattier, weil sie ihrem Bunde mir den Athenern unverbrüchlich treu blieben, unverdienter Weise das traurigste Schicksal. 5s. Während Das geschah, entstand in Corcyra ein heftiger Kampf zwischen eifernden Parteien, aus folgender Veranlassung. In dem Krieg um Epidamnus waren viele Corcyräer zu Gefangenen gemacht und in öffentliche Der- *) Womit die Belagerer die Stadt rings umschloß«! und sich gedeckt hatten. Vgl. Lhucpd. lll. 20. ff. 9* **) 4 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Wahrung gebracht worden. Diese versprachen nun, den K o- rinthern Corcyra zu überliefern, wenn man sie frei ließe. Mit Freude» nahmen die Korinther den Vorschlag an. Die Corcyräer stellten sich demnach, als wollten sie Lösegeld geben, und es wurde, als man sie frei ließ, in ihrem Namen von Seiten der Prorenen') Bürgschaft für eine hinreichende Summe von Talenten geleistet. Sie erfüllten nun das geheime Versprechen statt des öffentlichen "), und ließen, sobald sie zu Hause ankamen, die Leute, die das Volk zu leiten gewohnt waren und am meisten Einfluß auf die Bürger hatten, verhaften und hinrichten. So stürzten sie die Volksherrschaft. Ms aber in kurzer Zeit die Athener der Volkspartei zu Hülfe kamen, erlangten die Corcyräer die Freiheit wieder und wollten die Urheber des Aufruhrs zur Strafe ziehen. Diese flüchteten sich jedoch aus Furcht vor der Strafe zu den Altären der Götter und flehten da zum Volk und zu den Göttern um Gnade. 58. Als in Athen Euthydemus Archon war, wählten die Römer statt der Consuln drei Kriegs-Tribunen, Ma r- cus Fabius, Marcns Foslius und Lucius Sergius sJ. R. 5-8. v. Chr. 4 - 6 l. J„ diesem Jahr geriethen die *) D. h. der Residenten, welche in Korinth die Geschäfte der Corcyräer besorgten und ihr Interesse vertraten. **) Wenn man so übersetzt (sie hielten das Versprechen, das unter der öffentlichen Zusage lag, das die Korinther statt des, nur zum Schein versprochenen, Wsegelds annahmen), so ist es nicht nöthig, das 1)710 mit Wesseling wegzuwerfen oder mit Sichstgdt gegen das «wo im vorigen Satz zu vertausche». Ol. 88, 5 . I. R. 328. v. Chr. 426. 916 Athener, nachdem die ansteckende Krankheit eine Zeitlang nachgelassen hatte, wiederum in dieselbe Noth. Die Seuche war so verheerend, daß sie von ihren Truppen über viertausend Mann verloren, und vierhundert Reiter, und sonst von Freien und Sklaven mehr als zehntausend. Wir müssen, da man Dieß von dem Geschichtschreiber erwartet, die Ursachen angeben, warum die Krankheit so heftig wurde. Durch starke Regengüsse im vorangegangenen Winter war der Boden ganz durchnäßt und viele tiefgelegene Plätze, wo sich eine Menge von Wasser sammelte und stehen blieb, zu Teichen geworden, wie es in sumpfigen Gegenden geschieht. Da nun im Sommer diese Gewässer durch die Hitze in Fänl- niß übergingen, so entwickelten sich dicke und übelriechende Dünste, durch welche die umgebende Luft, in die sie aufstiegen , verdorben wurde; wie man es auch bei Sümpfen findet, die eine ungesunde Beschaffenheit haben. Befördert wurde die Krankheit noch durch den Gebrauch schlechter Nahrungsmittel. Das Getreide war nämlich in diesem Jahr ganz wässerig und innerlich verdorben. Eine dritte Ursache der Krankheit war, daß die Eteflen nicht wehten, die sonst immer die große Hitze im Sommer mäßigen. Da nun die Wärme einen hohen Grad erreichte und gar keine Abkühlung eintrat, so wurde die Lnft so schwül , daß sie auf die Gesundheit der Menschen schädlich einwirkte. Daher wären damals auch alle Krankheilen hitziger Art, eben wegen der übermäßigen Wärme. Deßwegen warfen sich denn die meisten Kranken in die' Brunnen und Quellen, um den Körper abzukühlen. Die-Athener schrieben aber das Unglück , weil die-Krankheit-so 'heftig wüthete, einer Wirkung der Gott- 916 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. heit zu. Sie reinigten daher einem Orakel zufolge die Insel Delos , die dem Apollo heilig war, und von der man glaubte, sie sey verunreinigt, weil Todte aus derselben begraben waren. Nun ließen sie alle Särge in DeloS ausgra- ben und nach der Insel Rhen ea hinüberbringen , die in der Nähe von Delos ist. Sie verordneten auch durch ein Gesetz, es dürfe in Delos kein Mensch geboren und keiner begraben werden. Ferner veranstalteten sie eine Festver- sammlung in Delos, wie man sie früher gefeiert, seit langer Zeit aber nicht mehr gehaben hatte. Lg. Während die Athener damit beschäftigt waren, schlugen die Lacedä monier, mit den Peloponnesiern vereinigt, ein Lager am I st h mus , in der Absicht, wieder in Attika einzufallen. Als aber heftige Erdbeben erfolgten , kehrten sie aus Scheu vor den Göttern nach Hause zurück. Die Erdbeben waren in manchen Gegenden von Griechenland so stark, daß einige Seestädte vom Meer überschwemmt untergingen, und Laß in Lokris aus einer Halbinsel durch Las Zerreißen der Landenge die Insel Atalante entstand. Während Das geschah, bevölkerten die Laced ämonier die Stadt Track in und gaben ihr den Namen Herakles, aus folgender Veranlassung. Die Trachinier führten mit den Oetäern, ihren Nachbarn, viele Jahre Krieg und verloren den größten Theil ihrer Bürger. Da nun die Stadt verödet war, so ersuchten sie die Lacedämonier, deren Mutterstadt Trachin war, sich derselben anzunehmen. Diese beschloßen denn, wegen der Verwandtschaft sowohl als weis in der alten Zeit Hercules, ihr Ahnherr , daselbst gewohnt Ol 83 , 4. I. R. 32 g. v. Chr. 426. 917 hatte, Trachin zu einer großen Stadt zu machen. Sie schickten also aus Lacedämon und dem Peloponnes viertausend Ansiedler ab*) und nahmen noch aus dem übrigen Griechenland Jeden auf, wer sich an die Kolonie anschließen wollte; und das waren nicht weniger als sechstausend. So brachten sie die Einwohnerzahl von Trachin auf zehntausend. Nun vertheilten fle das Land und nannten die Stadt Herakles. So. Als in Athen Stratokles Archon war, wurden in Rom statt der Consuln drei Kriegs-Tribunen gewählt, Lucius Furios Med ullinus, Spurius Postnmius Aldus und Lucius Pinarius sJ. R. 5-g. v. Chr. 4,5). In diesem Jahr ernannten die Athener den Demosthe- nes zum Feldherrn und schickten ihn mit dreißig Schiffen und einer hinlänglichen Truppenzahl nach Akarnanien **). Dazu erhielt er noch fünfzehn Dreiruder von den Corcy- räern, und Truppen von den Cep ha leniern, denAkar- naniern und den Messeniern in Naupaktus. So schiffte er nach Leukas. Nachdem er das Land der Leuka- dier verheert hatte, fuhr er weiter nach Aetolien und zerstörte daselbst viele Dörfer. Als aber die Aetolier gegen ihn zusammenstanden, kam es zu einer Schlacht, in welcher die Athener überwunden wurden. Sie zogen sich nach Naupaktus zurück. Die Aetolier rückten, durch den Sieg er- muthigt, mit dreitausend Mann Lacedämoniern, die sie an *) Für ^xneztchccvrmv ist wohl rxirr/uchcrurrs zu lesen und das re nach nccpä zu tilgen. **) Der Satz läßt sich durch Lt's ^xcr?- vllvicev ergänzen. 918 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. sich gezogen, gegen Naupaktns an, welches damals von Mess entern bewohnt war, wurden aber zurückgeschlagen. Hierauf griffen sie die Stadt Molykria an und eroberten sie. Demosthenes, der Feldherr der Athener, besorgte, es mochte auch Naupaktns erobert werden. Er ließ daher tausend Schwerbewaffnete aus Akarnanien kommen und schickte sie nach Naupaktus. Als Demostheues in Akarnanien stand, traf er tausend Ambracier an, die da gelagert waren. Diesen lieferte er ein Treffen und rieb sie ganz anf. Da ihm nun die Ambracier mit gesummter Macht entgegenkamen, so machte Demostheues wieder den größten Theil ihres Heers nieder, so daß die Stadt beinahe ganz verödet wurde. Nun glaubte Demostheues Ambracia erobern zu muffen; denn er hoffte, die Stadt leicht einzunehmen, weil es an Vertheidigern fehlte. Allein die Akarnanier, die an den Athenern, wenn Diese Herren der Stadt würden, gefährlichere Nachbarn zu haben fürchteten als an den Ambracier», erklärten, sie folgen ihm nicht. Es entstand also ein Zwiespalt, und die Akarnanier verglichen sich mit den Ambraciern und schloßen Frieden auf hundert Jahre. Demostheues aber, von den Akarnaniern verlassen, fuhr mit seinen zwanzig Schiffen nach Athen zurück. Die Ambracier ließen, nachdem sie das schwere Unglück erlitten hatten, aus Furcht vor den Athenern eine Besatzung von Lacedämon kommen. 61. Demostheues unternahm hierauf einen Zug nach Pylos, um daraus eine Festung gegen die Peloponnesier *) *) Nach Reisks's Vermuthung nHg' für Ol. 89, 4 . I. R. 32g. y. Chr. 4-5. gig zu machen. Es ist dieß nämlich für sich schon ein äußerst fester Platz, in Messenien gelegen und von Sparta*) vierhundert Stadien entfernt. Da er nun damals viele Schiffe und eine hinlängliche Truppenzahl hatte, so machte er in zwanzig Tagen Pylos zur Festung. Die Lacedämonier aber zogen, als sie von der Befestigung von Pylos hörten, eine ansehnliche Kriegsmacht zusammen, nicht blos zu Lande, sondern auch zur See. Sie fuhren demnach mit fünfund- vierzig wohlvcrsehenen Dreirudern nach Pylos und ließen zwölftausend Mann Landtruppen anrücken. Denn sie hielten es für Schande, die Leute, welche Attika gegen die Verheerung zu schützen nicht gewagt hatten, einen Platz im Pelo- ponues befestigen und besetzen zu lassen. Diese Truppen nun unter dem Befehl desThrasymedes schlugen in der Nähe von Pylos ein Lager. Das Heer war voll Begierde, jeder Gefahr zu trotzen und Pylos mit Sturm zu überwältigen. Sie stellten also die Schiffe mit dem Vordertheil gegen den Eingang des Hafens, um dadurch den Feinden die Einfahrt zu versperren; und zu Lande griffen sie in abwechselnde» Schaaren die Mauer an und bestanden mit bewundernswürdigem Wetteifer die schwersten Kämpfe. Auf die Insel Sp hakteria, welche längs des Hafens sich erstreckt und ihn vor Stürmen sichert, schifften sie die besten Truppen der Lacedämonier und der Bundesgenossen über. Das thaten sie, um den Athenern in der Besetzung dieser Insel zuvorzu- -*) Nach Paulmier's Verbesserung für ickcrg. Divdor. 7s Vdchn. 6 920 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. kommen, die für die Belagerung sehr geschickt gelegen war. Tag für Tag bcrannten sie die Mauer und ließen nicht ab mit Stürmen, so vielen Geschoßen sie auch unter der hohen Mauer ausgesetzt waren. So kamen denn bei der Bestürmung des wohlbefestigten Platzes Viele um, und nicht Wenige wurden verwundet. Die Athener aber vertheidigten sich wüthend, da, fle einmal einen durch seine Lage schon so haltbaren Platz eingenommen , und da sie Geschoße genug *), auch andere Bedürfnisse im Ueberfluß hatten. Denn fle hofften, wenn ihr Vorhaben gelänge, den ganzen Krieg hinüberzu- spielen und nach und nach das ganze Land der Feinde zu verheeren. 6r. Es wurde bei der Belagerung auf beiden Seiten mit der äußersten Anstrengung gekämpft; von den Spartanern namentlich, welche mit Macht die Mauern bestürmten, verrichtete Mancher Wunder der Tapferkeit; den größte» Ruhm aber erwarb sich Brasidas. Während die andern Schiffshauptleute mit den Dreirudern nicht an's Land zu fahren wagten wegen der gefährlichen Stellen, rief er, der ebenfalls ein Schiff befehligte, dem Steuermann mit lauter Stimme zu, er solle des Fahrzeugs nicht schonen, sondern mit Gewalt dem Lande zusteuern; es sey ja Schande für die Spartaner, wenn fle ihr Leben wagen um des Sieges willen , und doch der Fahrzeuge schonen und die Athener in Lakonien gebieten sehen können. Gezwungen fuhr endlich der Steuermann gegen das Land, und das Schiff scheiterte. Da trat Brasidas auf das Landungsbrett des Schiffs und *> Nach Dmdorf für Ol. 88, 4. I. R. 3 -g. v. Chr. 428. 921 wehrte sich von da aus gegen die ganze Schaar der auf ihn eindringenden Athener. Anfangs erlegte er die zahlreichen Angreifer; sodann aber empfing er durch Geschoße, die in Menge auf ihn zuflogen, viele Wunden auf der Brust. Endlich war er, nachdem er durch die Wunden viel Blut verloren hatte, so erschöpft, daß ihm der Arm über das Schiff heraus vorwärts sank und ihm der Schild entglitt, in's Meer fiel und den Feinden in die Hände gerieth. Hierauf wurde er , der die Feinde haufenweise todt niedergestreckt, selbst halbtodt von den Seinigen aus dem Schiff weggebracht. So weit hatte er es durch seine Tapferkeit Allen zuvorgethan, daß, während man Andere für den Verlust des Schildes mit dem Tode bestrafte, er eben aus diesem Grunde hoch gepriesen wurde. So hielten denn die Lacedämonier« indem sie auf Pylos beständige Angriffe machten, in den Gefahren standhaft aus, so viel sie auch Truppen verloren. Bemerkenswerth ist der sonderbare Zufall und der seltsame Wechsel der Umstände bei Pylos. Die Athener nämlich vertheidigten sich in Lakom'en siegreich gegen die Spartaner; die Lacedämonier aber; die doch im eigenen Lande waren, griffen von der See aus die Feinde an. Die sonst zu Lande siegten, beherrschten hier das Meer; und die zur See die Oberhand hatten, wehrten die Feinde vom Lande ab. 65. Als sich die Belagerung in die Länge zog und die Athener nun auch mit der Flotte einen Vortheil errangen *) und keine Lebensmittel an's Land führen ließen, so kamen *) Es geht aus den Seesieg Thucyd. IV. 14. 6 * g22 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch.. die auf der Insel sSphakteria^ Zurückgelassenen *) in Gefahr, Hungers zu sterben. Die Lacedämonier trugen daher, besorgt für die auf der Insel Abgeschnittenen, durch eine Gesandtschaft in Athen auf Beendigung des Krieges an. Da man sich dazu nicht verstand, so begehrten sie die Auswechslung der Mannschaft sauf Sphakterias gegen eine gleiche Anzahl gefangener Athener. Allein die Athener nahmen keinen dieser Vorschläge an. Da erklärten denn die Gesandten dem Volk in Athen unumwunden, es bekenne, daß die Lacedä- monier mehr werth seyen, indem es sich zu einer Auswechslung der Gefangenen nicht entschließen wolle. Indessen wurden die Leute auf Sphakteria durch den Mangel an Lebensmitteln gezwungen, sich durch einen Vergleich den Athenern zu ergeben. Es waren hundertnndzwanzig Spartaner und von den Bundesgenossen hundertundachtzig Mann, die sich ergaben. Sie wurden von dem Volksführer Kleon, der damals Feldherr war, gebunden nach Athen gebracht. Das Volk beschloß, sie am Leben zu lassen, wenn die Lacedämo- nier dem Krieg ein Ende machen wollten; wenn sie ihn aber lieber fortführten, dann sollten die Gefangenen alle getödtet werden. Die Athener ließen sodann die Tapfersten von den in Naupaktus wohnenden Messeniern und eine hinlängliche Zahl von den andern Bundestruppen kommen und übergaben ihnen die Vertheidigung von Pylos. Denn sie dachten, die Messenier würden bei ihrem Haß gegen die Spartaner voll Begierde seyn, in Lakonien Schaden anzn- *) Für xarre^zr^nor ist xarcr^k^rezr/kLnor zu lesen. So übersetzt Stroth. Ol. Lg, i. I. R. 33 o. v. Chr. 424. 926 richten durch Ausfälle aus dem festen Platz. So erging es bei Pylos. 6t. Artarerres, der König der Perser, starb nach einer vierzigjährigen Regierung. Sein Nachfolger auf dem Thron, Xerres, war ein Jahr König. In Italien hatten sich die Aequer gegen die Römer empört. In diesem Krieg machte man den Aulus' Po st um ins zum Dictator, und den Lucius Julius zum Obersten der Reiter. Sie zogen mit einer ansehnlichen Heeresmacht gegen das Land der Abtrünnigen zu Felde und verwüsteten zuerst ihre Besitzungen. Als darauf die Aequer sich zur Wehr stellten, kam es zu einer Schlacht, in welcher die Römer siegten. Sie erlegten eine große Zahl der Feinde, machten nicht wenige Gefangene und bekamen reiche Beute. Durch die Niederlage verloren die Abtrünnigen den Muth und unterwarfen sich den Römern nach der Schlacht. Postumius, dem man den glücklichen Ausgang des Krieges verdankte, hielt den gewöhnlichen Triumph. Man erzählt von Postumius eine seltsame Handlung, die allen Glauben übersteigt. In der Schlacht sey sein Sohn aus Kampfbegisr der Reihe vorgeeilt, in die ihn der Vater gestellt; darauf habe der Vater, um die hergebrachte Sitte zu bewahren, den Sohn hinrichten lasten, weil er seinen Post-en verlassen habe. 65. Als dieses Jahr vergangen war, wurde Jsarchus Archen in Athen, und in Rom wählte man zu Consulu den Titus Quinctius und Cajus Julius; in Elis wurde die neunund achtz igste Olympiade gefeiert, wo Sym- machus zum zweitenmal Sieger auf der Rennbahn war gr4 Dkodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. II. R. !Zo. v. Chr. In diesem Jahr ernannten die Athener Nie Las, den Sohn des Niceratus, zum Feldherrn und übergaben ihm sechzig Dreiruder und dreitausend Schwerbewaffnete, mit dem Auftrag, das Gebiet der Lacedämonischen Bundesgenossen zu verheeren. Er fuhr zuerst nach sder Jn- seli Melos, verwüstete das Land und belagerte die Stadt geraume Zeit. Dieß war nämlich unter den Cycladischen Inseln die einzige, die dem Bündniß mit den Lacedämoniern treu blieb; denn sie war eine Kolonie von Sparta. Nicias konnte die Stadt, da sich die Melier tapfer vertheidigten, nicht erobern. Er schiffte nun weiter nach Oropus in Böotüen. Hier ließ er die Schiffe stehen und rückte mit den Schwerbewaffneten in das Geb-iet von Tanagra. Daselbst traf er ein anderes Heer der Athener an, welches Hip- ponikns, der Sohn des Kallias, befehligte. Die beiden Heere vereinigten sich nun und durchzogen verwüstend das Land. Als die Thebaner zu Hülfe ausrückten, lieferten ihnen die Athener ein Treffen, in welchem diese siegten und Viele niedermachten. Nach der Schlacht machten sich die Truppen des Hipponikus auf den Rückweg nach Athen. Nicias aber wandte sich nach Lokris und verheerte das Küstenland. Da erhielt er von den Bundesgenossen eine Verstärkung von vierzig Dreirudern, so daß er im Ganzen hundert Schiffe hatte. Auch hob er eine nicht geringe Zahl von Landtruppen aus und brachte ein ansehnliches Heer zusammen. Damit schiffte ec nach Korinth. Nachdem er die Truppen an's Land gesetzt, stellten sich die Korinther zur Wehr. Die Athener gewannen zwei Treffen, in welchen sie viele Feinde niedermachten, und errichteten ein Sieges- Ol. 89, 1. I. R. 33 o. v. Chr. 424. 9^ pichen. Es kamen in der Schlacht von den Athenern gegen mnfzig*), von den Korinthern aber mehr als dreihundert um. Nicias fuhr hierauf nach Krommyon, verheerte das Land und bezwäng die Festung. Er brach aber sogleich wieder auf und befestigte einen Platz bei Methone. Da ließ er eine Besatzung zurück, sowohl um die Festung zu vertheidigen als die umliegende Gegend zn verheeren. Er selbst kehrte, nachdem er das Küstenland verwüstet hatte, nach Athen zurück. Hierauf schickte man gegen Cythera sechzig Schiffe und zweitausend Schwerbewaffnete, welche Nicias mit einigen Andern befehligte. Er rückte gegen die Insel an und machte Angriffe auf die Stadt, die sich ihm dann durch Vergleich ergab. Nun ließ er eine Besatzung auf der Insel zurück und fuhr nach dem Peloponnes hinüber, wo er das Küstenland verheerte. Thyrää, das an der Grenze zwischen Lakonien und Argalis lag, eroberte und zerstörte er. Die daselbst wohnenden Äegineten**) machte er zu Skla- sen und schickte sie mit dem gefangenen Befehlshaber der Festung, dem Spartaner Tantal» s, nach Athen. Die Athener behielten den Tantalus mit den übrigen Gefangenen und auch die Äegineten in Verwahrung. KK. Während Das geschah, waren die Megareer durch den Krieg mit den Athenern sowohl als mit den Nach Linderst Vermuthung 7rLur»zxor-ra (vgl. Thuet,-. IV. 44.) für v'xrw , da die Zahlzeichen Ni und 8 leicht verwechselt wurden. **) Vgl. Cax. 44. Für §' ist vielleicht öö zu lesen. 926 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Vertriebenen bedrängt. Wegen der Letzter» unterhandelten nun die Bürger miteinander. Einige aber, die den Vertriebenen abgeneigt waren, versprachen den Feldherrn der Athener die Stadt zu übergeben. Die Feldherrn Hippokrates und Demysthenes verabredeten mit ihnen die Uebergabe, und schickten bei Nacht sechshundert Mann Athener in die Stadt, welchen Jene der Abrede gemäß die Thore öffnete«. Als nun der Verrath in der Stadt kund wurde, entstand eine Spaltung unter der Menge, und die eine Partei unterstützte die Athener, die andere half den Lacedämoniern. j Da machte Jemand eigenmächtig bekannt, Wer da wolle, ! möge für die Athener und Megareer die Waffen ergreifen. ! Da nun zu erwarten war, daß die Lacedämonier von den Megareern verlassen würden, so zog sich die Besatzung von ' der langen Mauer*) zurück und flüchtete sich nach Nisäa, ! der Hafenstadt der Megareer. Die Athener zogen einen Graben um dieselbe und belagerten sie. Hierauf ließen sie noch Maurer aus Athen kommen und umgaben Nisäa mit Verschanzungen. Die Peloponnesier, welche fürchteten niedergemacht zu werden, wenn Nisäa mit Sturm eingenommen würde, übergaben es den Athenern durch einen Vergleich. So erging es in Megara. 6/. Brasidas aber zog ein beträchtliches Heer aus Lacedämon und von den übrigen Peloponneflern an sich und ^ brach gegen Megara auf. Er setzte die Athener in Furcht und vertrieb sie aus Nisäa. Auch die Stadt Megara befreite er und machte sie wieder zn einer Bundesstadt der *) Die sich von Megara bis Nisäa erstreckte. Thucyd. I. 10Z. Ol. 89, 1. I. R. 35o. v. Chr. 4-4. 927 Lacedämonier. Hierauf unternahm er mit seinem Heer einen Zug durch Thessalien und kam bis nach Dium in Ma- cedonien. Von dort aus rückte er gegen Akanthns und unterstützte die Chalcidier. Zuerst brachte er die Stadt Akanthus, theils durch Drohungen, theils durch Ue- berredung mit guten Worten, zum Abfall von den Athenern. Darauf bewog er auch noch viele andere Bewohner von Thrakien, dem Bunde der Lacedämonier sich anzuschließen. Sodann aber wollte Brasidas den Krieg mit größerem Nachdruck führen und ließ daher Truppen aus Lacedämon kommen, um ein ansehnlicheres Heer zusammenzubringen. Die Spartaner aber, welche gern von denHe loten die Tapfersten aus dem Wege geräumt hätten, schickten ihm von denselben tausend der muthigsten, in der Hoffnung, sie würden in den Gefechten größtentheils aufgerieben werden. Sie erlaubten sich auch noch eine andere grausame Gewaltthat, wodurch sie die Heloten zu demüthigen gedachten. Sie machten nämlich kund, Wer von den Heloten ein Verdienst um Sparta sich erworben habe, solle sich aufschreiben lassen; er werde, versprachen sie, nachdem die Ane.abe geprüft sey, freigelassen werden. Es ließen sich zweitausend aufschreiben. Da gab man den stärksten Bürgern den Auftrag, dieselben einzeln in den Häusern z« ermorden. Denn man fürchtete sehr, sie möchten einmal die Gelegenheit ergreifen und sich mit den Feinden verbinden und Sparta in Gefahr bringen. So erhielt denn auch Brasidas tausend Heloten zur Verstärkung, und da zugleich von den Bundesgenossen Truppen ausgeho- be» wurden, so wurde es eine ansehnliche Heeresmacht. 928 Dkodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. 68. Im Vertrauen auf die Menge seiner Truppen zog er nun gegen Amphi polis. In dieser Stadt hatte früher Aristagoras von Milet eine Kolonie gestiftet, als er vor Darius, dem König der Perser, floh. Da aber nach dessen Tode die Einwohner von den sogenannten Edo Nischen Thraciern vertrieben wurden, so schickten zweiunddreißig Jahre später die Athener zehntausend Ansiedler dahin. Nachdem auch Diese ebenso von den Thraciern bei Drabeskus aufgerieben waren, so wurde die Stadt wiederum, nach einem Zwischenranm von achtnndzwanzig*) Jahren, von Athenern bevölkert unter Hagnon's **) Anführung- Dieser Stadt nun, um die man sich so oft gestritten, suchte sich Brasidas zu bemächtigen. Er zog daher gegen dieselbe mit einem ansehnlichen Heer und schlug ein Lager in der Nahe der Brücke. Zuerst nahm er die Vorstadt ein, und am folgenden Tage übergaben ihm die bestürzten Amphi- politen die Stadt selbst, unter der Bedingung, daß, Wer da wollte, die Stadt verlassen und das Seinige mitnehmen dürfte. Gleich darauf brachte er auch mehrere der benachbarten Städte in seine Gewalt. Darunter waren die bedeutendsten O syni e***) und Galepsus, zwei Pflanzstädte *) Wahrscheinlich glaubte man aus övost Xkltionn«, nachdem das darauf folgende rän rf>c«xonr« aus Versehe» weggefallen war. öno machen zu müssen. Vgl. XI. 70» (464 v. Chr.) XU. ZL. (437 v. Chr.) Nach Weffelixg's Verbesserung "rFz-nwt'os für '^ir/mvog- ***) So ist nach Balesius statt Spme zu lesen. Vgl. Thucyd. VI, 107. Ol. 89, i. I. R. 33o. v. Chr. 424. 929 -er Thasier, und Myrcinu«, ein Edonisches Städtchen. Auch fing er an, einige Drciruder am Fluß Stry- mon zu erbauen, und ließ Truppen aus Laccdämon und von den andern Bnndesgenvssen kommen. Ferner ließ er viele Waffenrüstungen machen und vertheilte sie unter die unbe- waffnete Mannschaft. Bon Geschoßen, Lebensmitteln und allem Andern legte er Verrathe an. Nachdem er Alles in Bereitschaft hatte, brach er mit dem Heer von Amphipvlss auf, rückte in die Landschaft Akte ein und schlug dort ein Lager. Daselbst gab es fünf Städte, von welchen einige Griechischen Ursprungs, Kolonien von And-ros, die andern aber von fremden Schaaren, Bi faktischen Stammes, bewohnt waren, welche zwei Sprachen redeten. Nachdem er diese Städte genommen, zog er gegen Tvrone, eine Pflanzstadt der Chalcidier, die von den Athenern beseht war. Von Verräthern wurde er bei Nacht in die Stadt eingelassen und bekam ohne Gefecht Torone in seine Gewalt. So weit kam Brafldas in seinen Unternehmungen während dieses Jahrs. 6g. Während Das geschah, fiel bei Delium in Böo- lien eine Schlacht zwischen den Athenern und Böo- tiern vor, aus folgender Veranlassung. Ein Theil der Bövtier war unzufrieden mit der damaligen Verfassung und suchte die Volksherrschaft in den Städten herzustellen. Sie besprachen sich wegen ihres Vorhabens mit Hippokrates und Demosthenes, den Feldherrn der Athener, und machten sich anheischig, ihnen die Städte in Bövtien zu übergeben. Die Athener nahmen den Vorschlag gerne an, und der Plan zum Angriff wurde so gemacht, daß die Feldherrn die Kriegsmacht theilten. Demosthenes zog den größten g3o Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Theil des Heeres an sich und fiel in Böotien ein. Allein er fand die Böotier schon von dem Verrath unterrichtet und zog »»verrichteter Dinge ab. Hippokrates aber führte die gesammte Macht der Athener nach Delium, nahm den Platz ein und befestigte Delium, ehe noch die Böotier anrückten. Dieser Platz liegt in der Nähe des Oropischen Gebiets, an den Grenzen von Böotien. Pagondas*), der die Böotier befehligte, ließ aus allen Städten von Böotien Truppen kommen und erschien vor Delium mit einem großen Heer. Er hatte nicht viel weniger als zwanzigtausend Mann Fußvolk und ungefähr tausend Reiter. An Zahl waren die Athener den Böotiern überlegen, aber nicht so gut bewaffnet als die Feinde. Denn sie waren auf einmal und rasch aus der Stadt ausgerückt und hatten sich in der Eile nicht gehörig gerüstet. 70. Beide Theile zogen muthig heran, und die Heere wurden auf folgende Art geordnet. Bei den Böotiern standen anf dem rechten Flügel die Thebaner, auf dem linken die Orch »menier, und in der Mitte die dichte Schaar der sübrigcnf Böotier. Das vorderste Treffen bildeten dreihundert Mann auserlesene Truppen, die bei ihnen Wagenlenker und Wagenstreiter hießen. Die Athener aber wurden genöthigt, das Treffen zu beginnen, während sie sich noch in Schlachtordnung stellten. Es kam zu einer hitzigen Schlacht, in welcher zuerst die Reiter der Athener rühmlich kämpften und die feindlichen Reiter in die Flucht trieben. Als aber darauf das Fußvolk in's Treffen kam, wurden die *) Nach MeursiuZ Verbesserung /la/vröag für Haurosas- Ol. 89, i. I. R. 3 Zo. v. Chr. 4-4- 9^ den Thebanern gegenüberstehenden Athener überwältigt und zum Weichen gebracht; die übrigen aber schlugen die andern Böotier, erlegten ziemlich Diele und setzten eine bedeutende Strecke weit nach. Indessen kamen die Thebaner, die eine ausgezeichnete Leibesstärke besaßen, von der Verfolgung zurück, fielen über die nachsetzenden Athener her und trieben sie in die Flucht. Sie erfochten einen glänzenden Sieg und erwarben sich großen Ruhm durch ihre Tapferkeit. Die Athener flohen theils nach Orvpus, theils nach Delium; Einige liefen fort bis an's Meer zu ihren Schiffen; Andere zerstreuten sich an andere Orte, wie es der Zufall«gab. Als die Nacht einbrach, waren von den Bvotiern nicht mehr als fünfhundert gefallen, von den Athenern aber eine vielmal größere Zahl. Wäre nicht die Nacht dazwischen gekommen, so würde der größte Theil der Athener umgekommen seyn; nur dieser Umstand hinderte die Verfolger an dem weitern Vordringen und rettete die Fliehenden. Dennoch aber war die Menge der Erschlagenen so groß, daß die Thebaner von dem Erlös aus der Beute die große Halle auf dem Markt erbauten und mit ehernen Bildsäulen schmückten, und noch so viel erbeutete Waffen*) aufhängten, daß die Tempel und die Hallen auf dem Markt wie mit Erz überzogen waren; auch die Kosten zum Volksfest der Delier bestritten sie mit jenem Geld. Nach der Schlacht machten die Böotier Angriffe auf Delium und nahmen den Platz mit Sturm ein. Von der Besatzung von Delium kam der größte Theil tapfer kämpfend um; zweihundert Mann wurden gefangen, und *) ZTiXorg wird erst nach «rrocrs zu setzen seyn. 9^2 Dl'odor'ö historische Bibliothek. Zwölftes Buch. die Uebrigen flüchteten sich auf die Schiff« und kamen mit den Andern nach Attika hinüber. So unglücklich fiel der hinterlistige Angriff der Athener gegen die Böotier aus. 71. In Asien starb der König Xerres, nachdem er ein Jahr oder, wie Andere schreiben, nur zwei Monate regiert hatte. Sein Bruder Sogdianus*), der ihm auf dem Throne folgte, war sieben Monate König. Diesen ermordete Darius und regierte neunzehn Jahre. Der Geschichtschreiber Antiochus von Syrakus endigt mit diesem Jahr seine Sici lisch« Geschichte in neun Büchern, die er mit Kokalus, dem Köuig der Sicaner, angefangen. 7-. Als in Athen Aminias Archen war, wählten die Römer zu Consuln den Lu ein s In lius und Lu eins Papirins sJ. R. 35 ». v. Chr. In diesem Jahr fielen die Einwohner von Scione**), den Athenern wegen der Niederlage bei Delium Trotz bietend, zu den La- cedämoniern ab und übergaben die Stadt dem Brasi- das, dem Heerführer der Laeedämonier in Thracien. Die Flüchtlinge von Lesbos, die bei der Eroberung von Mi- tylene durch die Athener in großer Zahl der Gefangenschaft entgangen waren, und die schon lange versuchten, Les- bos wieder einzunehmen, vereinigten sich jetzt' und besetzten Antandrus; von dort machten sie Ausfälle und griffen *) Nach Weffeling Zo/öeanög für 'O/Arcroog. **) Nach Rhobvmannus Verbesserung iZxecsnoceoe für 2e- xvwmot. Scione und Mende lagen auf der Halbinsel Pallene. Ol. 89, 2. I. R. 33 i. v. Chr. 4 - 3 . 935 die Athener an, welche Mitylcne inne hatten. Darüber aufgebracht sandte das Volk der Athener die Feldherrn Ar isti- des und Symmachus mit einem Heer gegen fle aus. Diese machten, als sie in Lesbos ankamen, beständige Angriffe auf A n tan dru s und eroberten die Stadt. Die Flüchtlinge wurden von ihnen theils getödtet, theils verjagt. Nun ließen sie eine Besatzung zur Vertheidigung des Platzes zurück und segelten von Lesbos wieder ab. Sodann fuhr der Feldherr Lamachus mit zehn Dreirudern nach dem Pantu s und legte sich bei H er aklea vor Anker, verlor aber bei dem Fluß Kales *) alle seine Schiffe. Durch heftige Regengüsse wurde nämlich der Strom so angeschwellt, daß durch die reißende Gewalt der Fluthen die Fahrzeuge an felsige Stellen des Ufers geworfen wurden und scheiterten. Die Athener schloßen mit den Lacedämoniern einen Waffenstillstand auf ein Jahr, unter der Bedingung, daß beide Theile behielten, was fle damals im Besitz hatten. Sie pflogen häufige Unterhandlungen und hielten es für das Beste, den Krieg zu beendigen und gegenseitig die Streitsucht völlig ruhen zu lassen. Den Lacedämoniern war es darum zu thun, die auf Sphakteria Gefangenen zurückzuerhalten. Bei der Vollziehung des angeführten Vergleichs blieb nur der Besitz von Scioue zwischen beiden Theilen streitig, während fle sonst über Alles einig waren. Es entstand ein so heftiger Zwist, daß sie den Vertrag aufhoben und wegen Scioue einander bekriegten. Um dieselbe Zeit fiel auch die *) Kales, nicht Kaches wie in Diodvr's Tert, heißt Sei den meisten Alten dieser Fluß; jetzt Checkt. 9^4 Diodvr's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Stadt Wende zu den Lacedämoniern ab. Deßwegen wurde der Streit um Scione noch hitziger geführt. Brasidas ließ daher Weiber und Kinder, und was sonst für das Theuerste galt, aus Wende und Scione wegbringen und sicherte die Städte durch ansehnliche Besatzungen. Die Athener aber, erbittert über jene Vorfälle, beschloßen, in Scione, sobald die Stadt erobert wäre, die sämmtliche streitbare Mannschaft zu morden, und schickten eine Flotte von fünfzig Dreiruder» gegen die Stadt aus. Den Oberbefehl hatte Nicias und Nikostratus. Sie segelten zuerst gegen Wende und bekamen durch Vcrräther die Stadt in ihre Gewalt. Scione umgaben sie mit Verschanzungen, belagerten esZanhaltend und machten häufige Angriffe. Der Besatzung von Scione aber, die an Zahl sehr stark war und an Geschoßen, Lebensmitteln und andern Bedürfnissen einen großen Vorrath hatte, wurde es leicht, sich gegen die Athener zu vertheidigenl und da sie den Vortheil eines höhern Standorts hatte, so wurden viele Feinde verwundet. Dieß ist es, was in jenem Jahr geschah. 7;. Hierauf wurde Archon in Athen Alcäus, und Cousulu in Rom Opiter Virginius und Lucius Ser- gius Fidenas sJ. R. LZ-. v. Chr. 4--j. In diesem Jahr vertrieben die Athener dieDelier, denen sie Schuld gaben, heimlich ein Bündniß mit den Lacedämoniern geschloffen zu haben, aus ihrer Insel, und die Stadt nahmen sie selbst in Besitz. Den vertriebenen Delieru räumte der sPerflsches Statthalter Pharnaces die Stadt Atra- mytium zum Wohnsitz ein. Die Athener ernannten den Volksföhrer Kleon zum Feldherr» und schickten ihn mit Ol. 69 , 3. I. R. 33s. v. Chr. 422 . g35 einer beträchtlichen Zahl von Landtrnppen in die Thracischen VorlanLe. Er fnhr nach der Stadt Scione, nahm von dort einen Theil des Belagerungsheers mit sich, segelte weiter und landete bei Torone; denn er wußte, daß Brasidas diese Gegend verlassen hatte, und die zurückgebliebenen Truppen zum Widerstand zu schwach waren. In der Nähe von Torone schlug er ein Lager, schloß die Stadt auch sonst zu Wasser und zu Land ein und eroberte sie mit Sturm. Die Weiber und Kinder machte er zu Sklaven und schickte auch die Besatzung der Stadt, welche gefangen wurde, in Fesseln nach Athen. Nun ließ er eine hinreichende Besatzung in der Stadt zurück, fuhr mit seinem Heer weiter und landete bei dem Flusse Skrymon in Thracien. Er schlug ein Lager in der Nähe der Stadt Ejon, die von Amphipolis ungefähr dreißig Stadien entfernt ist, und griff das Städtchen an. 7-. Da er erfahren hatte, daß Brasidas mit einem Heer bei der Stadt Amphipolis stand, so brach er gegen denselben auf. Sobald Brasidas hörte, daß die Feinde anrucken , stellte er sein Heer in Schlachtordnung und ging den Athenern entgegen. Es wurde eine große Schlacht geliefert, in welcher sich die beiden Heere tapfer schlugen. Im Anfang fochten sie mit gleichem Glück. Als nachher auf beiden Seiten die Feldherrn durch eigene Tapferkeit das Treffen zu entscheiden sich beeiferren, kamen viele treffliche Männer um. Denn die Heerführer stellten sich selbst *) in die Reihen und strebten mit der äußersten Anstrengung den Sieg zu erringen. Brasidas, nachdem er ruhmvoll gekämpft und Viele er- *) Nach Eichstä'dt's Verbesserung crvrovlg für Divdor. 7s Bdchn. g36 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. legt hatte, starb den Heldentod. Da Kleon ebenfalls in der Schlacht fiel, so kamen die beiden Heere,§die nnn ohne Befehlshaber waren, in Unordnung. Endlich aber überwanden die Lacedä monier und errichteten ein Siegeszeichen. Den Athenern wurde durch einen Vergleich gestattet, ihre Todten aufzuheben und zu begraben; sodann schifften sie nach Athen zurück. Als nach Lacedämon durch Leute, die vom Schlachtfeld herkamen, die Nachricht vom Siege des Brasi- das und zugleich von seinem Tode gebracht wurde, fo fragte die Mutter des Brasidas, die von dem Verlauf des Treffens erzählen hörte, wie sich Brastdas in der Schlacht gehalten habe. Auf die Antwort, unter allen Lacedämonidrn am Besten, erwiederte die Mutter des Verstorbenen, ihr Sohn Brasidas sey zwar ein tavferer Mann gewesen, aber doch stehe er Vielen nach. Da diese Aeußerung in der ganzen Stadt bekannt wurde, so belobten die Ephoreu die Frau öffentlich, daß sie die Ehre des Vaterlands höher geachtet als den Ruhm ihres Sohnes. Nach jener Schlacht fanden die Athener für gut, mit den Lacedä moniern einen Waffenstillstand auf fünfzia Jahre zu schließen, unter den Bedingungen, daß die Gefangenen auf beiden Seiten freigelassen und die im Krieg genommenen Städte zurückgegeben*) würden. Auf solche Weise wurde der Peloponnesische Krieg, nachdem er bis auf diese Zeit zehn Jahre gedauert hatte, beendigt. *) Nach Weffeling's Dermutburrg für « 710 - Ol. 8g, 4. 3. R. 335. v. Chr. 42 '. g3? 75 . Ais4» Athen Aristion Archon war, wählten die Römer zu Consuln den Titns Quinctius und Aulus Cornelius Cossus sJ. R. 5ZZ. v. Chr. q->s. In diesem Jahr gab es, als kaum der Pcloponnesische Krieg beendigt war, neue Unruhen und kriegerische Bewegungen, aus folgender Veranlassung. Die Athener und Lacedämo- uier machten, nachdem sie gemeinschaftlich mit den Bundesgenossen den Friedensvertrag geschloffen hatten, noch ein Bündniß unter sich ohne die verbündeten Städte. Durch diese Handlung kamen sie in den Verdacht, als hätten sie zur Unterjochung der übrigen Griechen den besondern Bund geschlossen. Daher verabredeten sich die bedeutendsten Staaten durch gegenseitige Gesandtschaften, zu einem Bündniß gegen die Athener und Lacedämonicr sich zu vereinigen. An der Spitze dieses VereinS standen die vier mächtigsten Staaten , Argos, Theben, Korinth und Elis. Zu dem Verdacht eines Einverständnisses zwischen Athen und Lacedä- mon gegen sdas übriges Griechenland hatte man guten Grund, da dem allgemeinen Vertrag die Bestimmung angehängt war, es stehe diesen beiden Staaten frei, was sie wollen, zu dem Vertrag hinzuzufügen oder von dem Vertrag aufzuheben. Außerdem gaben die Athener durch einen Volksschlnß zehn Männern die Vollmacht, über das Beste des Staats sich zu berathen. Da eben das auch die Lacedamonier gethan hatten, so lag die Vergrößerungssuchr der beiden Staaten am Tage. Es folgten viele Staaten dem Aufruf für die gemeinsame Freiheit; und wie man die Athener wegen des Unfalls bei Delium nicht mehr achtete, so war das Ansehen der Lacedä- monier, weil sich die Mannschaft auf der Insel Sphakteria 7 * g38 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. ergeben hatte, gesunken. So traten denn viele Staaten zusammen und stellten Arg o s als herrschende Stadt voran. Denn wegen der Thaten des Alterthums stand*) diese Stadt in großer Achtung. Vor der Vertreibung der Herakliden nämlich waren die größten Könige beinahe alle aus Argolis. Ueberdieß hatte die Stadt lange Zeit Frieden, sehr reiche Einkünfte, und nicht blos Geld sondern auch Einwohner in Menge. In der Erwartung, daß ihnen die Oberherrschaft über das Ganze werde eingeräumt werden, lasen die Argiver tausend der rüstigsten jungen Bürger aus, die nicht nur Lci- besstärke sondern auch Vermögen genug besaßen. Diese ließ man, während sie von andern öffentlichen Diensten befreit waren und vom Staat ihren Unterhalt bekamen, beständige Leibesübungen anstellen. So wurden fle denn bei der reichlichen Nahrnng und der fortwährenden Uebung bald zu tüchtigen Kriegsmännern gebildet. 76. Die Lac ed äm 0 nier, als fle sahen, wie fleh der Peloponnes gegen sie vereinigte und was für ein schwerer Krieg ihm drohte, thaten fle alles Mögliche, um sich die Oberherrschaft zu sichern. Für's Erste ließen fle die tausend Heloten frei, welche unter Brasidas in Thracien Kriegsdienste gethan hatten. Sodann nahmen sie die auf der Insel Sphakteria gefangenen Spartaner, welche sie für ehrlos erklärt hatten, weil durch fle der Ruhm von Sparta geschmälert sey, wieder zu Ehren an. Auf gleiche Weise ermunterten sie denn ihre Leute auch durch kriegerische Auszeichnungen und Belohnungen, in den bevorstehenden Käm- *) Nach DinLorf's Vermuthung für x^re- Ol. 90, 1. I. R. 334 . v. Chr. 420. 939 pfen sich noch tapferer als in den früheren zu halten. .Den Bundesgenossen begegneten sie freundlicher und suchten durch ein gefälliges Betragen die Abtrünnigen *) zu gewinnen. Die Athener dagegen wollten die Staaten, die des Abfalls verdächtig waren, durch Drohungen schrecken, indem sie ein Strafbeispiel für Alle an Scione aufstellten. Nachdem sie nämlich diese Stadt erobert hatten, mordeten sie die sämmtliche streitbare Mannschaft, machten Weiber und Kinder zu Sklaven und wiesen die Insel**) den Plattiern zum Wohnsitz an, die um ihretwillen aus der Heimath vertrieben waren. Um dieselbe Zeit zogen in Italien die Camp aner mit einer großen Kriegsmacht gegen Cumä ünd besiegten die Cumäer in einer Schlacht, in welcher ein großer Theil des feindlichen Heers aufgerieben wurde. Nach einer anhaltenden Belagerung und wiederholten Angriffen eroberten sie die Stadt mit Sturm. Sie plünderten dieselbe aus, machten die noch übrigen Einwohner zu Sklaven und schickte» dahin aus ihrer Mitte eine hinreichende Zahl von Ansiedlern. 77. Als in Athen Astyphilus Archen war, wählten die Römer zu Consuln den Lucius Quinctius und Anlus Sempronius ***); in Elis feierte man die neunzigste *) Vielleicht ist für ;» lesen anorarovv- r«g, oder nach Dindors äX^c,rsst0P(>c»>ovvro!e (die feindselig Gesinnte»). **) Der Bezirk war wie eine Insel «»geschlossen. Thuend. IV. 110. s. ***) Diese Namen fehlen in den Verzeichnissen der Consuln. Daher kommen bei Diodor im Folgenden (419 bi« 416) die Namen acht Jahre später vor al« »ei Ander«. Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Olympiade, wo Hyperbius von Syrakus Sieger auf der Rennbahn war fI. R. 554 . v. Chr. 4-9- 9^ den. Die Mantineer stellten sich mit Hülfstruppen von den Bundesgenossen und mit ihrer eigenen gesammten Macht den Lacedämonier» gegenüber. Es kam zu einer hitzigen Schlacht, in welcher zuerst die auserlesenen Argiver, tausend an der Zahl, die im Kriegsdienst so wohl geübt waren» auf ihrer Seite den Feind zum Weichen brachten und unter den Fliehenden ei» großes Blutbad anrichteten. Die Lacedämonier aber warfen den andern Flügel des Heers, und nachdem sie Viele niedergemacht, wandten sie sich gegen jene Verfolgenden um. Sie b.offcen, auch Diese*) völlig aufzureiben, indem sie mit ihrer Ueberzahl sie umsingelten. Im Kampf gegen diese Auserlesenen-*), die an Zahl freilich viel geringer, aber an Tapferkeit ihnen überlegen waren, stellte sich der König der Lacedämonier voran, jeder Gefahr trotzend. Und er hätte sie Alle niedergemacht; denn er beeiferte sich, das Wort zu lösen, das er seinen Mitbürgern gegeben, und die frühere Schmach zu tilgen. Allein es wurde ihm nicht gestattet, sein Vorhaben auszuführen. Denn der Spartaner Pharar, einer der Räthe, der in Sparta sehr hoch geachtet war, verlangte, man sollte der erlesenen Schaar***) einen Ausweg öffnen, und nicht, mit Verzweifelten kämpfeud, es darauf ankommen lassen, was Tapferkeit in der Noth vermöge. Der König war also, der vorhin erwähnten Ver- *) Nach Weffeling's Vermuthung ovg für ok. **) Nach Rhodomannus Verbesserung für Xo)(a- ***) Für '-ckpxäcre sollte es nach Reisk« Xo^a'crt heißen, oder nach Strvth 944 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. ordnung zufolge, genöthigt, nach dem Willen des Pharar einen Ausweg zu eröffnen. Auf diese Weise ließ man denn die Tausend durchziehen und sich retten. Die Lacedämonier kehrten, nachdem sie diese große Schlacht gewonnen und ein Siegeszeichen errichtet, nach Hanse zurück. 80. Als das Jahr vergangen war, wurde in Athen An- tiphon Archon und in Rom wählte man statt der Consuln vier Kriegs-Tribunen, Casus Furius, Titns Quinc- tius, M arcu s Po stu m in s und Aulns Cornelius sJ. R. 5 ä 6 . v. Chr. />i8ch In diesem Jahr unterhandelten die Argiver und Lacedämonier miteinander, machten Frieden und schloßen ein Bündniß. So waren denn die Mantineer, da sie keine Hülfe mehr von den Argivern hatten, genöthigt, sich den Lacedämoniern zu unterwerfen. Zu derselben Zeit vereinigten sich in der Stadt Argvs die Tausend, die aus der ganzen Zahl der Bürger ausgewählt waren; sie hatten die Absicht, die Dolksherrschaft zu stürzen und sich an die Spitze einer Adelsregierung zu stellen. Sie fanden viel Unterstützung, weil sie unter den Bürgern durch ihren Reichthum und ihre Tapferkeit einen Borzug hatten. Nachdem sie zuerst die Leute, die das Volk zu leiten gewohnt waren, festgenommen und hingerichtet, die Andern aber in Schrecken gesetzt hatten, stießen sie die Gesetze um und verwalteten den Staat nach ihrem Gutdünken. Acht Monate lang behaupteten sie diese Gewalt, bis das Volk gegen sie aufstand und sie stürzte. So wurden denn auch sie getödtet und das Volk gelangte wieder zu seiner Herrschaft. — Es gab noch eine andere Bewegung in Griechenland. Die Phocier und Lokrer geriethen in einen Zwist, der Ol. 90, 3 . J-" R. 336 . v. Chr. 418. 9^5 durch eine Schlacht so entschieden wurde, wie esÄon der Tapferkeit der beiden Völker zu erwarten war. Es siegten nämlich die Phocier und machten -wir den Lokrern mehr als tausend nieder. — Die Athener eroberten unter der Abführung des Nicias zwei Städte, Cythera*)Fund Ni- säa. Auch nahmen sieMelos ein, wo sie die sämmtliche**) streitbare Mannschaft mordeten und Weiber und Kinder zu Sklaven machten. So stand es in Griechenland. In Italien wurden Römische Gesandte, chie nach Fidenä gekommen waren, von den Einwohnern^der Stadt aus einer unbedeutenden Veranlassung ermordet. Darüber entrüstet, beschloßen die Römer den Krieg, stellten ein ansehnliches Heer auf, und wählten einen Dictator, Mamer- cus Aemilius, und zugleich nach der Sitte einen Obersten der Reiter, Aulus C 0 rnelius. Nachdem sich Aemilius zum Krieg gerüstet hatte, brach er mit seinem Heer gegen die Fidenaken auf. Sie stellten sich znr Wehr und es wurde eine langdauernde hitzige Schlacht geliefert. Auf beiden Seiten fiel eine große Zahl jund der Sieg blieb unentschieden. 8,. Als in Athen Euphemns Archvn war, wurden in Rom statt der Consuln zu Kriegs-Tribunen gewählt Lucius Furius, Lucius Qninctius, Aulus Sempro- nius sJ. R. 55/. v. Chr. z.,?). In diesem Jahr rückten die Lacedämonier nebst ihren Verbündeten in Argolis *) Vgl. Cap. 65. **) Nach woXt0(>x?/<7«ni'ks, wofür nach Dindorf exnoX zu setzen ist, kann nchurcru ausgefallen seyn. 946 Diodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. ein, eroberten den Plaz Hysiä*), todteren die Einwohner und schleiften die Festung. Da sie erfahren hatten, die Ar- giver haben die lange Maner bis an's Meer gebaut, so zogen sie nun dorthin und rißen die Mauer, so weit sie errichtet war, nieder. Sodann tracen sie den Rückweg nach Hause an. — Die Ath e ner ernannten den Alcibiades zum Feldherrn und gaben ihm zwanzig Schiffe, mit dem Auftrag, den Argivern ihre Verfassung einrichten zu helfen. Es war nämlich noch unruhig bei ihnen, weil viele von den Anhängern der Adelsherrschaft übrig waren. Alci- biades hielt also, sobald er in der Stadt Argos angekommen war, einen Rath mit den Häuptern der VolkSpartei. Er suchte diejenigen Bürger von Argos aus, die am meisten den Lacedämonieru geneigt schienen, und entfernte sie aus der Stadt. Nachdem er die Volksregierung dauerhaft begründet hatte, schiffte er nach Athen zurück. — Zu Ende dieses Jahrs fielen die,La ced äm vn ie r mit einem zahlreichen Heer in Argolis ein und verwüsteten einen großen Theil des Landes. Die vertriebenen Argiver verpflanzten sie nach Or- neä. Sie befestigten diesen Ort als Waffenplatz gegen Argos , und ließen eine hinreichende Besatzung zurück, die den Argivern Schaden thun sollte. Nach dem Abzug der Lace- dämonier aus Argolis schickten die Athener den Argivern znr Unterstützung vierzig Drciruder und zwölfhundert Schwerbewaffnete. Nun rückten die Argiver mit den Athenern gegen Orneä und eroberten die Stadt mit Sturm. Die Besatzung und die Verbannten wurden theils niedergemacht, theils auS *) Nach Paulmier's Verbesserung 'lorag für Ol. 90, 4- I. R. 33?. v. Chr. 417. 947 Orneä verjagt. Dieß ist es, was im fünfzehnten Jahr des Peloponneflschen Kriegs geschah. 8 ,. Im sechzehnten war bei den Athenern Arimne- stus Archen, und in Rvm wählte man statt der Consuln vier Kriegs-Tribunen, Appius Claudius, Spurins Nantius, Lucius Sergius und Sertus Julius. In diesem Jahr^ wurde in Elis die einund neunzigste Olympiade gefeiert, wo Er anet us von Agrigent Sieger auf der Rennbahn war fJ. R. 558. Chr. ä'Kj. Die Byzantier und Chalcedonier, mit den Thraciern vereinigt, zogen mit zahlreichen Kriegsherren nach Bithy- nicn, verwüsteten das Land» eroberten viele der kleinen Städte und verübten die größten Grausamkeiten. Es fiel eine große Zahl von Gefangenen in ihre Hände, und diese mordeten sie Alle, Männer und Weiber und Kinder. Um dieselbe Zeit führten in Sicilien die Egeftaer mit den Selinun tiern Krieg um ein streitiges Stuck Landes. Das Gebiet der Städte, die sich hier entzweiten, war uämlich durch einen Fluß getrennt. Nun überschritten die Selinuntier das Waßer und eigneten sich mit Gewalt zuerst das Feld am User zu; sodann rißen sie auch von dem nächst- gelegenen Feld ein großes Stück an sich, ohne sich nm die Beeinträchtigten zu bekümmern. Die Egestaer wurden aufgebracht, suchten sie aber zuerst durch Vorstellungen zu bewegen , daß sie nicht in fremdes Eigenthum eingreifen sollten. Als ihnen aber Niemand Gebor gab, ergriffen sie die Waffen gegen die Besitzer jener Strecke Landes, vertrieben sie Alle von ihren Gütern und nahmen das Land für sich in Besitz. Nun entstand eine heftige Feindschaft zwischen den 9^8 Dlodor's historische Bibliothek. Zwölftes Buch. Leiden Städten. Sie brachten Truppen auf, um den Streit mif den Waffen zu entscheiden. Die beiden Heere stellten sich in Schlachtordnung, und es kam zu einem hitzigen Treffen , in welchem die Selinuntier siegten und nicht wenige der Egestäer niedermachten. Zu schwach, um für sich selbst dem Feind widerstehen zu können, bewarben sich jetzt die Egestäer zuerst um ein Bündniß mit den Agrigentinern und Syraknsiern. Da dieser Versuch mißlang, so schickten sie Gesandte nach Karthago und baten um Hülfe. Als auch diese Stadt nicht dazu gensigt war, so sahen sie sich nach einem Beistand jenseits des Meeres um *). Und dazu half ihnen der Zufall. 85. Die Leontiner waren nämlich von den Syra« kusiern aus ihrer Stadt weggeführt**) und hatten Stadt und Land verloren. Nun traten diese Vertriebenen zusammen und entschlossen sich, wiederum bei den Athenern, ihren Stammverwandten, Hülfe zu suchen. Sie verabredeten sich darüber mit den Völkerschaften, mit denen sie im Einverständnis; waren, und schickten gemeinschaftlich mit denselben au die Athener Gesandte, welche um Beistand für die beeinträchtigten Städte baten und versprachen, diese würden die Leitung der Sicilischen Angelegenheiten in ihre Hände bringen. Die Gesandten kamen nach Athen, und während die Leontiner auf die Verwandtschaft und die frühere Hülfleistung sich beriefen, versprachen die Egestäer, eine *) Karthago war den Siciliern so nahe, daß sie es nicht zu den überseeischen Ländern zahlten. **) Cap. 54. Ol. 91, 1. I. R. 333 . v. Chr. 416. 949 große^Summe Gelds zum Kriege beizutragen und gegen die Syrakusier mitzustreiten. Dir Athener beschloßen hierauf, einige der angesehensten Männer abzuschicken und Nachrichten über den^Zustand der Insel und namentlich der Egestäer einzuziehen. Als Diese nach Egesta kachen, zeigten ihnen die Egestäer Schätze in Menge, die sie, um damit zu prunken, theils, aus der Stadt, theils aus den benachbarten Staaten entlehnt hatten. Die Gesandten erzählten bei ihrer Zurück- kunst von dem Reichthum der Egestäer, und hierauf versammelte sich das Volk. Da der Vorschlag zu einem Fcldzug nach Sicilien gemacht wurde, rieth Nicias, der Sohn des Niceratus, ein wegen seiner Tapferkeit von den Bürgern hochgeachteter Mann, nicht nach Sicilien zu ziehen; es sey ja nicht möglich, zu gleicher Zeit die Lacedämonier zu bekriegen und große Heere über das Meer zu schicken; wenn man nicht einmal zur Oberherrschaft in Griechenland gelangen könne, wie man hoffen möge, in den Besitz der größten Insel der Welt zu kommen? und wenn es den Karthagern, deren Herrschaft sich so weit ausdehne und die mehrere Kriege um Sicilien geführt haben, nicht gelungen sey, Herrn der Insel zu werden , wie denn die Athener, die an Macht den Karthagern weit nachstehen, die mächtigste Insel mit Waffengewalt werden erobern können ? 3z. Außerdem machte er noch manche andere seinem Zweck angemessene Bemerkungen. Asiein der Verfechter der entgegengesetzten Meinung, Alcibiades, der angesehenste unter den Athenern, überredete das Volk, daß es sich zum Krieg entschloß. Dieser Mann war nämlich der beredteste unter den Bürgern und hatte durch seine Geburt, seinen g5o Diodor's historische Bibliorhek. Zwölftes Buch. Reichthum und seine Feldherrnthaten einen großen Namen. Das Volk stellte nun sogleich eine hinreichende Kriegsflotte auf, indem,es sich von den Bundesgenossen dreißig Dreiruder liefern ließ und hundert eigene ausrüstete. Diese wurden mit allen Kriegsbedürfnissen wohl versehen. Man hob gegen fünftausend Schwerbewaffnete aus und ernannte für diesen Feldzug drei Heerführer, Alcibiadcs und Nicias und Lamach us. Damit ano waren die Athener beschäftigt. Da wir aber nu»' bei dem Anfang des zwischen den Athenern und Syrakusiern ansgcbrochenen Krieges sieben, so werden wir, unserem anfänglichen Vorhaben gemäß, die folgenden Begebenheiten im nächsten Buch erzählen. Griechische Prosaiker in neuen Übersetzungen. Herausgegegeben ' von G. L. F. Tafel, Professor zu Tübingen, C. N. Osiander und G. Schwab, Professoren zu Stuttgart, Hundert und siebzehntes Händchen. Stuttgart, Verlag der -I, B. Meyler'scheu Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Jaspcr in Wien. 18 5 2 . D i o d o r' s von Sicilien historische Bibliothek^ übersetzt v o n Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar zu Maubeuren. Achtes B ä n d ch e n.. Stuttgart, Verlag der I. B. Meyl er'scheu Buchhandlung. Für Oestreich in Commission vvn'Mvrschner und Jasper in Wien. 1 8 3 2 . Inhalt des d r e i z e h » t e n B u ch s. Borwort. Cap. 4. I. v. Chr. 415. ' Rüstungen der Athener gegen Syrakus. Verstümmelung der Hermesbilder. Cap. 2.. Uebersahrt der Flotte. Cap. 5. Bundesgenossen beider Theile. Cap. 4. Aleibiades zurückgerufen, entweicht nach Sparta.- Cap. 5. Kriegslist der Athener. Diagoras. Römer und Aequer. Cap. 6. 414. Syrakus erhält Hülfe von Sparta und Korinth, auch von Städten in Sicilicn. Das verstärkte Heer der Athener schließt Syrakus ein; Lamachus fällt; Eurymedvn kommt nach Sicilien. Cap. 7. 8. 415. Decelea von den Lacedämoniern befestigt. Die Syra- kusier erobern die Verschanzungen der Athener, verlieren aber die Seeschlacht. Cap. 9. Die Athener zur See angegriffen und besiegt. Cap. 10. Demoflhenes bringt ein neues Heer. Mißlungener Angriff auf bpipolä. Cap. 11. Die Athener entschließen sich heimzukehren, werden aber durch die Mondssinsterniß aufgehalten. Cap. 12. Sie verlieren wieder ein Seetreffcn, in welchem Eurymedvn fällt. Cap. 15. Die Sprakusier sperren den Hafen. Rüstung zu einem neuen Kampf. Cap. 14. In einer mörderischen Seeschlacht werden die Athener überwunden. Cap. 15. 16. 17. Auf dem, durch List verspäteten, Rückzug fällt das ganze Heer dem Feind in die Hände. Cap. 18-' 19. Rede des Syrakusiers Nikolaus für die gefangenen Athener. Cap. 20 — 27. Gegenrede des Lacedamoniers Gylippus. Cap. 28 — 52. .Schicksal der Gefangenen. Diokles, Gesetzgeber in Syrakus» Cap. 55. , <>56 Inhalt des dreizehnten Bachs. 412. Diokles. Die Vierhundert in Athen. Seesieg der Lacedämonier bei Oropus. Die Hülfe der Persischen Flotte wird ihnen durch Alcibiades entzogen. Cap. 34 — 57. 411. Ende der Regierung der Vierhundert. ßllbtte Athener ' bei Samos unter Thrafyllüs und Thraspbulus. Sie besiegen im Hellespont die Lacedämonier unter Mindarus. Cap. 38 — 40, Schiffbruch des Spartaners Epiklss am Athos. Ulci- Siades mit den Athenern ausgesöhnt. Antandrus durch die Lacedämonier frei gemacht. Die Römer erobern BolL. Cap. 41. 42. 410. Karthago unterstützt Egesta gegen Selinus und rüstet sich zum Krieg gegen Syrakus. Cap. 43. 44. Seesieg der Athener bei Dardaneum, durch Alcibiades Dazwischenkunft entschieden» Damm zwischen Cuböa und Böotien. Streifzug des Theramenes nach den Inseln. Cap. 45 — 47. Innerer Zwist in Corcyra. Cap. 48. Pydna. Schlacht bei Cpzicus von den Athenern gewonnen; Mindarus fällt.'Cap. 49 — 51. Friedsnsvor- schläge der Lacedämonier. in Athen verworfen. Cap. 52. 55. 409. Die Karthager unter Hannibal belagern Selinus. Sap. 54. 55. Die Stadt bleibt ohne Hülfe und wird erstürmt nnd verwüstet. Eap. 58 — 58. Hannibal rückt vor Himera. Cap. 59. Ausfall der Belagerten. Cap. 60. Von den Syrakusische» Hülfstruppen verlassen. wird auch Himera erobert und zerstört. Cap. 61. 62. Unternehmungen des Hermokrates in Sicilien. Eap. 65. Thraspllus bei Sphesus geschlagen. Pylos von den Lacedamvniern erobert. Cap. 64. Die Megareer nehmen Nisäa und werden besiegt. Lacedämonier in Chios. Cap. 65. Chalcedon und Byzanz fallen in die Hände der Athener. Cap. 66. 67. 408- Alcibiades in Athen mit Jubel empfangen. Er zieht gegen Andros. Kos und Rhodus. Cap. 68. 69. Neue Flotte der Lacedämonier. von Lhsander gerüstet: Cap. 70. Er besiegt Sie Athener bei Notinm. Cap. 71. Thraspbulus in Thasus «nd Abdera. Agis erscheint vor Athen. Alcibiades greift Cy- me an und wird angeklagt. Statt seiner ernennen die Athener zehn Feldherrn. Cap. 72 — 74. Stadt Rhodus. Vereitelter Plan des Hermokrates. Cap. 75. Inhalt des dreizehnten Buchs. 95? 407. Kallikratidas nimmt Delphinium, Teos, Methymna. Cap. 76. Konon . - von ihm bei Mitylene besiegt. vertheidigt umsonst den Hafen. Therma-erbaut. Cap. 77 — 79. 406. Die Karthager unter Hannibal und Jmilko greifen Sicilien an. Sap. 80. Pracht und Ueppigkeit in Agrigent. Gellias und Antisthenes. reiche Ugrigentiner. Cap. 81 — 84. Agrigent wird von den Karthagern belagert. Cap. 85. Seuche im Lager; Hannibal stirbt. Die Syrakusier kommen der Stadt siegreich zu Hülse. Cap. 86. 87. Durch Hunger genöthigt, verlassen die Ugrigentiner die Stadt. Cap. 88. 89. Jmilko zieht ein und plündert. Cap. 90. In Syrakus geben Klagen über die Feldherren dem Dionysins Gelegenheit. das Volk für sich zu gewinnen. Cap. 91. 92. Er verschafft sich einen Anhang rn Gela. Cap. 95. Den Oberbefehl über das Heer. Cap. 94. Eine Leibwache. Cap. 95. Und somit die Alleinherrschaft. Cap. 96. Neue Flotte der Athener. Rüstung zur Seeschlacht. Cap. 97. 98. Sieg über die LacedLmonier bei den Arginusen; Kalli- kratidas fällt. Cap. 99. Mitylene wird entsetzt. Lysander rüstet eine neue Seemacht. Cap. 100. Die Athenischen Feldherrn werden hingerichtet, weil sie die Todten ««begraben gelassen. Tod des Sophokles und Euripides. Cap. 101 — 105. 405- Pbilokles und Konon schiffen nach dem Hellespvnt. Unruhen in Milet. Lysander's Streifzüge. Cap. 104. Anerbieten des Alcibiades. Cap. 105. Völlige Niederlage der Athener am Biegenfluß. Diebstahl des Gylippus. Cap. 106. Athen belagert und durch Hunger bezwungen. Ende des Peloponnesis schen Kriegs. Cap. 107. .Artarcrres Mnemvn. Gela von den Karthagern belagert. Cap. I08. Dionysius kommt zu Hülfe und wird geschlagen. Cap. 109. 110. Gela und Kamarina von den Einwohnern verlassen. Sap. 111. Empörungsversuch in Syrakus. von Dionysius unterdrückt. Cap. 112. 115. Friede mit den Karthagern. Cap. 114. 958 Diodor's historische Bibliothek. Dreizehntes Buch. i. Wenn wir die Geschichte auf die gewöhnliche Weise bearbeiteten, so wnrdey wir lieber durch eine Vorrede, welche gewisse unserem Zweck angemessene Bemerkungen enthielte, den Uebergang zur Beschreibung der folgenden Begebenheiten machen *). Beschrankte sich nämlich unser Werk auf einen kurzen Zeitraum, so könnten wir die Vorreden als Ruhepunkte zur Erholung benutzen. Da wir aber versprochen haben, in einer kleinen Zahl von Büchern nicht nur so vollständig als möglich die Begebenheiten zu erzählen, sondern auch auch eine so lange Zeit , mehr als eilfhundert Jahre, zu umfassen, so dürfen wir uns auf weitläufige Vorreden nicht einlassen, sondern müßen unmittelbar zu den Begebenheiten übergehen. Nur das bemerken wir zuvor, daß wir in den vorangehenden sechs Büchern die Ereignisse vom Trojanischen bis zu dem von den Athenern beschlossenen Krieg gegen die Syrakusier beschrieben haben, bis wohin von Troja's Für A' (oder ?)n) ist vielleicht an zusetzen, und dann die Lesart .... (wofür es falsch flLrcrj3i/!«^o/txn heißt) zu wählen. — Statt daß bisher in den Noten angegeben wurde, wo der, Uebersetzer einer durch keine Handschrift bestätigten Lesart folgte, wird dieß künftig nur bei solchen Conjecturen geschehen, die in Dindorf's Tert nicht aufgenommen sind. Ol. 91, 2. I. R. 33 .'). v. Chr. 4i5. 929 Eroberung an siebenhundert und sechzig *) Jahre verflossen sind. Im, gegenwärtigen Buch werden wir nun durch die nächstfolgende Zeit die Geschichte fortsetzen, indem wir mit dem Feldzng gegen die Syrakusier beginnen uyd mit dem Anfang des zweiten Kriegs der Karthager gegen D io- nysius, den Beherrscher von Syrakus, aufhören. Als in Alben Chab riaö Archen war, wählten die Römer statt der Consuln drei Kriegstribunen, Lucius Ser- gius, Cajus Servil! us und Marcus Papirius ** ***) ) sJ. R. äZg. v. Chr. zr5.f>.' In diesem Jahr wurde von den Athenern zu dem Krieg, den sie gegen die Syrakusier beschlossen hatten, sowohl die Flotte ausgerüstet als Geld zusammengebracht; überhaupt betrieben fle die Vorbereitungen zu dem Feldzug mit großem Eifer. Den drei Feldherrn, welche sie gewählt hatten, Alcibiades, Ni- cias und Lamachns, gaben sie unbeschränkte Vollmacht zu allen Kriegsunternehmungen. Die wohlhabendsten Bürger rüsteten, um sich durch ihre Bereitwilligkeit dem Volk *") gefällig zu machen, entweder eigene Dreiruder aus, oder versprachen sie, für den Unterhalt der Mannschaft die Kosten zu bestreiken. Manche ferner vom niedern Stande, sowohl Einheimische als Fremde, auch aus den Bundesstaaten, meldeten sich freiwillig bei den Heerführern und verlangte» unter die Truppen eingereiht zu werden. Von so hohen Er- *) Nach 1, 5. XIV, 2. wären es 768 Jahre. ") Diodor übergeht hier fünf Consularjahre und bleibt daher seht (415 bis 587) nur noch um drei Jahre hinter den Consularverzeichnissen zurück. ***) Statt rov Ameov sollte es vielleicht rs Amrs heißen. 960 Diodor's bist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Wartungen waren Alle erfüllt; ohne weiteres meinten sie Sicilien durchs Loos vertheilen zu können. Als die Flotte schon gerüstet war, geschah es, Laß die Hermesbilder, deren es, in der Stadt sehr viele gab, in Einer Nacht verstümmelt wurden. Das Volk war entrüstet über den Frevel, der, wie man glaubte, nicht von unbedeutenden Menschen begangen, sondern von Männern des höchsten Rangs veranlaßt war, um die Volksherrschaft zu stürzen. Man forschte also nach den Thätern und setzte dem Angeber eine große Belohnung aus. Nun erschien ein Bürger vor dem Rath und gab an, er habe am Neumondstag um Mitternacht in das Hans eines Beisassen Leute hineingehen sehen, und darunter auch Leu Alcibiades. Als er hierauf von dem Rath befragt wurde, wie er denn bei der Nacht das Gesicht erkannt habe, erwiederte er, beim Mondschein habe er es gesehen. So wurde Dieser, indem er, sich selbst widersprach, als Lügner erfunden. Sonst aber war Niemand im Stande, irgend eine Spur des Thäters aüfzufinden *). Es waren hundert und vierzig Dreirnder, und von Schiffen für das Gepäck und die Pferde, so wie zur Ueberfahrt der Lebens-, mitte! und der übrigen Bedürfnisse eine sehr große Zahl. Schwerbewaffnete und Schleudsrer waren es zusammen mit den Reitern, aus der Stadt sowohl als ") von den Bundesgenossen, über siebentausend, die Schiffsmannschaft nicht dazu gezählt. Die Feldherrn verabredeten sich noch mit dem *) Hier ist eine bücke im Tert. *') Nach „Dindors's Vermuthung, daß rwn re TioXivö-v ausgefallen ist. Ol. 9-, 2. ' I. R. 53 g. v. Chr. 4 i 5 . 961 Rath in einer? geheimen Sitzung was sie für Maßregeln in Sicilien zu nehmen hätten, wenn sie die Insel in ihre Gewalt bekämen. Es wurde beschlossen, die Selin untier und Syrakusier zu Sklaven zu machen, den übrigen Staaten aber nur eine- Steuer aufzulegen, welche sie jährlich au die 'Athener zu entrichten hätten. 5. Am folgenden Tag zogen-die Feldherrn mit den Truppen an den Piräcns hinab, und es folgte ihnen die ganze Volksmenge aus der Stadt nach, Einheimische und Auswärtige untereinander, indem Jeder seine Verwandten und Freunde begleitete. Die Dreiruder lagen im Hafen längs des ganzen Ufers, mit den Bildern an den Vvrder- theilen und mit glänzenden Waffen geschmückt. Der ganze Umkreis des Hafens war voll von Rauchfässern und von silbernen Kannen, woraus man in goldene Becher das Trank- opfer goß, die Gottheit zu ehren und Glück für den Feldzug zu erflehen. Nachdem sie von dem Piräens abgesegelt.waren, umschifften sie den Pelopvnnes und fuhren bei Corcyra an. Denn daselbst war ihnen befohlen zu warten und die Bundesgenossen aus jener Gegend mitzunehmen. Als Alle beisammen waren, schifften sie über das Ionische Meer hinüber, und fuhren an dem Japy zischen Vorgebirge an, und sofort von da aus längs der Küste von Italien hin. Von den Tarentinern wurden sie nicht ausgenommeu; an Metapontum und Heraklea segelten sie vorüber; bei Thurium aber landeten sie und wurden mit aller Freundlichkeit empfangen. Von dort fuhren sie weiter nach Kroton, »ahmen Lebensmittel von den Krotoniaten mit, schifften am Tempel der Hera Lacinia vorüber und bogen 962 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. um das Vorgebirge Divskurias: Hierauf ließen sie jdie Städte^ Scylletium und Lokri zur Seite liegen, und liefen in der Nähe von Rhegium ein. Sie beredeten die Rheginer zur Theilnahme an dem Krieg; doch antworteten Diese, sie wollen mit den übrigen Jtalern zu Rath gehen. 6. Als die Syrakusher hörten, Laß die Kriegsmacht der Athener in der Meerenge sey, ernannten sie drei Feldherrn mit unbeschränkter Vollmacht, Hermokrates, Si- kanus und Heraklides, welche Truppen aushoben und Gesandte an die Städte von Sicilien schickten und diese aufforderten, gemeinschaftlich für ihre . Sicherheit zu sorgen; denn die Athener führen zwar vorgeblich mit den Syräku- siern Krieg, ihre wahre Absicht aber sey, die ganze Insel zu unterjochen. Die Agrigentiner nun und die Narier erklärten, sie werden sich an die Athener anschließen. Die Kamarinäer und Messenier versicherten, sie werden wenigstens Frieden halten; jedoch verschoben sie die Antwort, wegen der Hülfleistung. Die Hi.meräer hingegen hnd die Selinuntier, so wie die Geloör und Katanäer versprachen , den Syrakusiern im Kriege beizustchen. Die Städte der Siculer waren zwar geneigt, auf die Seite derSyra- kusier zu trete»; doch verhielten sie sich ruhig und wollten den Erfolg abwarten. Die Egestäer erklärten jetzt, sie werden nicht mehr als dreißig Talente geben '); worüber ihnen die Feldherrn der Athener Vorwürfe machten. Diese fuhren nun von Rhegium weiter nach Naros in, Sicilien. Sie wurden von den Einwohnern der Stadt freundlich em- ') Bergt. Xtl, 85. Ol, 91, 2. I. R. ZAg. v. Chr. 4i5. 965 pfangen und schifften von dort aus nach Kata na. Die Ka- tanäer nahmen die Truppen nicht in die Stadt auf; den Feldherrn aber gestatteten sie den Eintritt und hielten um ihretwillen eine Volksversammlung, in welcher die Heerführer der Athener auf ein Bündniß antrugen. Während da Alcibiades eine Rede hielt, drang ein Theil der Truppen durch ein kleines Thor, das sie erbrochen, in die Stadt ein. Auf diese Art wurden denn die Katanäer gezwungen, an dem Krieg gegen die Syraknsier Theil zu nehmen. 5. Während das geschah, klagten den Alcibiades seine Feinde in Athen aus persönlichem Haß in öffentlichen Reden an, er habe eine Verschwörung gegen das Volk gestiftet. Einen Vorwand gab ihnen die Verstümmelung der Bildsäulen. Noch mehr Schein aber erhielten ihre Beschuldigungen durch einen Vorfall in Argos. Es hatten sich nämlich die Gastireunde seinzelner Atheners ") verabredet, die Volksherrscbaft in Arges umzustoßen; sie würden aber alle von den Bürgern umgebracht. Nun fanden die Anklagen bei dem sAthenischens Volk Glauben, und von seinen Führern heftig aufgereizt, schickte es dos Salaminische Schiff nach Sicilien mit dem Befehl an Alcibiades, sich sobald als möglich vor Gericht zu stellen. Als das Schiff in Katana ankam und Alcibiades von den Abgeordneten ken Beschluß des Volks vernahm, so segelte er mit dem Salaminischen Schiff ab, indem er die Mitbeschuldigten in sein eigenes Fahrzeug aufnahm. Er lief nun bei Thurinm einund *) Oder wen» mau avrov hineiusetzen will; die Gasifreunde des Alcibiades. 96^ Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. entwich nebst den Mitbeschnldigten und verschwand, sey es, das er sich wirklich des Frevels bewußt war, oder daß er vor der drohenden Gefahr sich fürchtete; Die auf dem Sa- laminischen Schiff gekommen waren, suchten nun eine Zeit lang den Alcibiades und seine Gefährten; da sie sie aber nicht ffanden, so fuhren sie nach Athen zurück und meldeten dem Volk, was geschehen war. Hierauf übergaben die Athener dem Gericht eine Klagschrifr gegen AlcibiadeS und die Andern, die mit ihm entflohen waren, und ließen Dieselben abwesend zum,Tode verurtheilen. Alcibiades fuhr indessen von Italien nach dem Peloponnes; er flüchtete sich nach Sparta und reizte die Lacedämonier auf, die Athener anzugreifen. 6. Die Feldherrn in Sicilien schifften mit der Kriegsmacht der Athener weiter - nach E g est a, und eroberten Hykara, ein Städtchen der Siculer, wo sie hundert Talente an Werth erbeuteten. Nachdem sie dazu noch dreißig Talente von den Egestäern erhalten hatten, segelten sie nach Katan a. Um nun den Play der Syraknsier bei dem großen Haien ohne Gefahr in ihre Gewalt zu bekommen, schickten sie einen Bürger von Katana ab, aus den sie sich verlassen konnten und der den Heerführern der Syraknsier unverdächtig war, und hießen ihn den Syrakusischen Feldherrn melden, es haben sich einige Katanäer vereinigt in der Absicht, eine große Zah! von Athenern, die außerhalb des Lagers in der Stadt übernachten, plöylich zu überfallen und die Schiffe im Hasen anzuzünden; zugleich sollte er hüten H» *) Statt sollte es ccNoün heißen. Ol. 91, 2. I. R. 339. v. Chr. 4 i 5 . 96» daß zur Förderung des Unternehmens die Feldherrn mit ihrem Heere in der Nähe erscheinen möchten, damit der Plan nicht mißlänge. Der Katanäcr kam zu den Heerführern der Syrakuster und brachte ihnen die angegebene Nachricht. Die Feldherrn glaubten seiner Aussage und bestimmten eine Nacht, wo sie mit dem Heer ausrücken wollten; so entließen sie den Mann wieder nach Katana. Die Syrakuster zogen also in der bestimmten Nacht mit ihren Truppen gegen Katana aus; die Athener aber schiffien in aller Stille nach dein großen Hafen der Syrakuster hinüber, bemeisterten sich des O l y m- pium's *) und schlugen, nachdem sie die ganze umliegende Gegend besetzt, ein Lager auf. Als die Feldherrn der Syra- kusicr den Betrug merkten, kehrten sie geschwind um und griffen das Lager der Athener an. Die Feinde rückten gegen sie aus und es kam zu einem Gefecht, in welchem die Athener vierhundert Mann von ihren Gegnern tödteten und so die Syrakuster znr Flucht nöthigten. Da aber die Anführer der Athener sahen, daß die Feinde an Reiterei überlegen waren, so fuhren sie, in der Absicht sich noch besser znr Belagerung zu rüsten, nach Katana zurück und schickten Boren nach Athen mit einem Schreiben an das Volk, worin sie verlangten, man sollte Reiter und Geld senden, da sich die Belagerung in die Länge ziehen werde. Die Athener deschlosseu, dreihundeit Talente und eine Anzahl Reiter nach Sicilien zu schicken. Während das geschah, wurde Diagoras *'), den man den Gortesläugner hieß, wegen Gottlosigkeit angeklagt, und ») Eines Tempels des. Zeus in der Nähe von Syrakns. ") Ein Philosoph und Dichter aus der Insel Melos. 966 Divbor's bist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. aus Furcht vor dem Volk floh er aus Attika. Die Athener aber versprachen in einem öffentlichen Aufruf Dem, der den Diagvras todten würde, ein Silbertalent. In Italien hatten die Römer Krieg mit denAeqnern und eroberten Lavici. Dieß ist es, was in jenem Jahr geschah. 7. Als in Athen Pisander Archon war, wählten die Römer statt, der Consuln vier Kriegskribunen, Publius Lucretius, Cajus Servilius, Agrippa Mene- nius, Spurins Veturins sJ. R. 5/,o. v, Chr. In diesem Jahr schickten die Syrakusier Gesandte nach Korinth und LaceLämvn und baten, man möchte Hülfe sende» und fle nicht in der äußersten Gefahr ihrem Schicksal überlassen. Da Aleib ja des sich für sie verwendete, so beschloßen die Laeedä monier, den Syraknsi'ern zu helfen, und wählten zum Heerführer den Gylippus; die Korin- rher aber schickten vorläufig den Pythos mit zwei Dreirädern in Gesellschaft des Gylippus nach Sicilien, rüsteten aber noch mehr Dreiruder, die sie nachsenden wollten. Ni- rias und Lamachus, die Feldherrn der Athener in Katana, segelten, nachdem sie von Athen zweihundert und fünfzig Reiter und dreihundert,Talente Silber erhalten, mit ihrer gesammten Macht nach Syrakns. Sie fuhren bei Nacht an d,r Stadt an und nahmen unbemerkt von den Sy- rakusiern Vvipolä ein. Als die Syrakusier es erfuhren, kamen sie schnell zu Hülfe, wurden aber mit einem Verlust von dreihundert Mann in die Stadt zurückgeschlagen. Als nachher von Egesta dreihundert und von den Siculern zweihundert und fünfzig Reiter zu den Athenern stießen, Ol. 91 , 3. I. R. 34o. v. Chr. 4r4- 967 hatten diese im Ganzen achthundert Reiter beisammen. Sie errichteten nun bei Labdalum eine Verschanzung und schloßen die Stadt Syrakus durch eine Mauer ein, was großen Schrecken unter den Syrakusiern erregte. Diese machten deßwegen einen Ausfall aus der Stadt und suchten den Bau der Mauer zu verhindern. Es entstand ein Reitergefecht und sie mußten mit bedeutendem Verlust fliehen. Die Athener besetzten mit einem Theil ihrer Truppen den über dem Hafen gelegenen Platz, befestigten den Ort Polich na, schloßen den Tempel des Zeus ein und belagerten Syrakus von beiden Seiten. Bei so vielen Unfällen, welche die Syraku- sier trafen, verzagten die Leute in der Stadt. Als sie aber horten, Gylippus sey nach Himera gesegelt und ziehe Truppen zusammen, so faßten sie wieder Muth. Gylippus war nämlich mit vier Dreirudern nach Himera gefahren, wo er die Schiffe auf's Trockene brachte, und hatte die Einwohner von Himera überredet, den Syrakusiern beizustehen. Nun zog er aus dieser Stadt und aus Gela, auch von Selinus und den Sie an eru Truppen an sich. Nachdem er im Ganzen dreitausend Mann Fußvolk und zweihundert Reiter zusammengebracht, zog er durch das Binnenland nach Syrakus. ?. Und nach wenigen Tagen ließ er sein Heer mit den Syrakusiern gegen die Athener ausrücken. Es kam zu einem hitzigen Kampf und der Athenische Feldherr Lamachus fiel im Treffen. Die Athener aber siegten, nachdem auf beide» Seiten Viele umgekommen waren. Nach dem Treffen kamen dreizehn Dreiruder aus Kvrinth an. Gylippus zog die Mannschaft derselben an sich, griff mit den Syrakusiern das Diodor. 8s Bdchn. 2 968 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Lager der Feinde an und belagerte Epipolä. Die Athener rückce» aus und die Syrakusier ließen sied in ein Gefecht ein. Sie machten viele Athener nieder, blieben Sieger und schleiften die Mauer auf der ganzen Höhe von Epipolä. Nun verließen' die Athener die Stellung bei Epipolä, und zogen mit dem ganzen Heer in das andere Lager hinüber. Nach Liesen Vorfällen schickten die Syrakusier Gesandte nach Ko- rinth und Lacedänwn um Hülfe. Da sandten ihnen die Ko- rinther mit den Böoticrn und Sicvoniern taufend, die Spartaner sechshundert Mann. Gylippus reiste in den Städten von Sieilien umher und forderte viele zum Beistand auf. Von den Himeräern und Sicanern erhielt er dreitausend Mann und führte sie durch das Binnenland. Die Sicnler aber, die den Zug dieser Truppen erfuhren, griffen sie an und machten die Hälfte nieder; die Übriggebliebenen kamen glücklich nach Syrakus. Nach der Ankunft der Bundcstnippcn wollten die Syrakusier auch den Kampf zur See wagen. Sie -rächten nicht nur ihre alten Schiffe aufs Meer, sondern bauten noch neue dazu und im kleinen Hafen stellten sie Uebungen an. Nicias, der Heerführer der Athener, schickte nun ein Schreiben nach Alhen, worin er meldete, es seyen viele Hnlfstruppcn zn den Syrakusier» gestoßen, auch haben sie nicht wenige Schiffe bemannt und auf der See zn fechten im Sinn; er wünsche also, daß man schnell Dreirnrer und Geld sende, und Feldherrn, die mit ihm die Knegsnuteniehmungen leiten; denn da Alcibiadcs entwichen und Lamachus umgekommen sey, so sey er allein übrig und ütvrdieß sey seine Gesundheit angegriffen. Die Athener schickten hierauf zehn Schiffe unter dem Feldherrn Ol. 9-, 4 . 3 . R. 34i. v. Chr. 4 i 3 . 969 Eurymedon und hundert und vierzig Silbertalente nach Sicilien zur Zeit der Wintersonnenwende; sie rüsteten sich aber, auf das Frühjahr eine große Flotte abzusenden. Sie hoben deßwegen unter den Bundesgenossen überall Truppen, aus und brachten Geld zusammen. Im Pcl 0 p 0 nnes draschen die Lacedämonier, von Alcibiadcs aufgereizt» den mit den Athenern geschlossenen Stillstand, und dieser Krieg dauerte zwölf Jahre *). g. Nachdem dieses Jahr verflossen, war Kleokritus Archen in Athen, und in Rom waren statt der Cpnsuln vier Kciegstribuuen, Aulus Sempronius und Marcus Papirius, Quintus Fabius und Spurius Nau-- tius sJ. R. 5 z,. v. Chr. ziLj., In diesem Jahr fielen die Lacedämonier mit ihren Bundesgenossen in Attika ein unter der Anführung des A gis und des Atheners Alcibiadcs. Sie besetzten einen haltbaren Play, Decelea und? machten ihn zu einem Waffenplay gegen Attika. Daher .kommt es, daß dieser Krieg der Decelischc genannt wurde. Die Athener aber schickten dreißig Dreiruder nach Lako- nien unter dem Feldherrn Charikles, und nach Sicilien beschloßen sie achtzig Dreiruder und fünftausend Schwerbewaffnete zu senden. Die Syrakusier, die zu einem Seegefecht entschlossen waren und achtzig Dreiruder bemannt hatten, rückten gegen die Feinde au. Die Athener führe« ihnen mit sechzig Schiffen entgegen, und da die Seeschlacht *) Von da an waren es nur noch zehn Kriegsjahre. Aber der Stillstand war früher schon gebrochen. Xik, 78. * 2 970 Diodvr'ö hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. anfing hitzig zu werdet?, kamen alle Athener aus ihren Ver- schanzungen herab an's Meer. Die Einen wollten nur dem Kampf zusehen, die Andern hofften, wenn das Seetreffeu unglücklich ausfiele, den Fliehenden helfen zu können. Die Anführer der Syrakuster hatten das vorausgesehen und die Truppen in der Stadt nach den Verschanzungen der Athener geschickt, die mit Geld und Schiffsgeräthschaften und mit andern Vorrälhen angefüllt waren. Diese Punkte, die von einer sehr geringen Anzahl vertheidigt waren, nahmen die Gyrakusier ein *), und machten Viele der vom Meer aus zu Hülfe Eilenden nieder. Da nun ein großes Geschrei um die Festungen und das Lager entstand, so wandten die zur See kämpfenden Athener erschrocken um und flohen nach Der ihnen noch übrigen Verschan znng. Die Syrakuster setzten ohne Ordnung nach, und die Athener konnten sich nicht aus Land flüchten, weil die Syrakuster zwei Festungen inne hatten; sie waren also genöthigt umzukehren und das'Seege- fecht wieder,anzulangen. Sie ließen die Schiffe in geschlossenen Reihen gegen die Syrakuster anrücken, die aus ihrer Ordnung gewichen waren und sich beim Verfolgen zerstreut hatten, versenkten eilf Schiffe Derselben und verfolgten die übrigen bis nach N eso s. So endete der Kampf und beide Tbeile errichteten ein Siegeszeichen, die Athener wegen der Seeschlacht, die Syrakuster wegen der auf dem Land errungenen Vortheile. *1 X«! ist vkllelLi zu tilgen. Wenn mau statt dessen u«-l> Dindors'S Vorschlag ölt'-NLoav bineinsetzt. so beißt es: diese Platze. i.elNie die Syrakuster sebr schlecht rertyeilcht fanden, plünderten sie und machten u. s. w. Ol. 91, 4. I. R. 34 i-. v. Chr. 4 * 3 . 97? 10. Nachdem das Seetreffen diesen Ausgang genommen, beschloßen die Athener, welche erfuhren, daß die Flotte unter Demosthenes in wenigen Tagen da seyn werde, nichts mehr zu wagen, bis jene Verstärkung angelangt wäre. Die Syrakusier hingegen wünschten, ehe Demosthenes mit seinenEHeer käme, eine entscheidende Hauptschlacht zu liefern; daher liefen sie täglich gegen die Schiffe der Athener aus H, um das Gefecht zu beginnen. Der Korinthische Steuermann Ariston gab ihnen den Rath,,die Vordertheile dersiSchiffs kürzer und niedriger zu machen. Die Befolgung dieses Raths verschaffte den Syrakusleru in den späteren Gefechten viele Vortheils. Die Attischen Dreiruder hatten nämlich schwächere und in die Höhe stehende Schnabel; daher kam es, daß sie beim Anlaufen nur den über dem Wasser befindlichen Theil der Schiffe beschädigten, was also den Feinden keinen bedeutenden Nachtheil brachte. Die Schiffe der Syrakusier aber, welche am vorderen Ende stark und niedrig waren, versenkten beim Anlaufen der Schnabel oft Lurch einen Stoß die Dreiruder der Athener. Die Syrakusier nun gttffen viele Tage nacheinander Las Lager der Feinde zu Land und zu Wasser ohne Erfolg an, da sich die Athener in kein Gefecht einließen. Endlich **) aber fuhren einige der Schiffshauptleute, die den Hohn der Syrakusier nicht länger ertragen konnten, den Feinden in dem großen Hafen entgegen, und nun nahmen alle Dreiruder an dem *) Nach W-ffeling's Vermuthung LNrirXxovrLs für xis- Nach Stexhanus Vermuthung enerr« für J72 Dlodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Kampf Thr-il. Die. Athener hatten schnellsegelnde Dreiruder uud waren durch ihre Erfahrung im Seewesen und durch die -Gsschicklichkeit ihrer Steuermänner überlegen; allein sie konnten in dem engen Raum, in welchem die Seeschlacht geliefert wurde, von diesen Vortheilen keinen Gebrauch machen. Die Syrakusier drangen auf sie ein und ließen die Feinde nicht umwenden; sie warfen mit Spießen nach den vorn Stehenden und nöthigten sie durch Steinwürfe das Verdeck zu verlassen; oft gaben sie einem Schiff, das ihnen begegnete, nur einen Stoß, sprangen .hinüber auf das feindliche Schiff und fingen auf dem Schiff ein Gefecht an als kämmten sie zu Lande. Von allen Seiten bedrängt ergriffen die Athener die Flucht. Die Syrakusier sehten nach, versenkten sieben Dreiruder und machten viele unbrauchbar. n. Während die Syrakusier stolzen'Hoffnungen sich überließen, weil sie zu Land und zur See die Feinde besiegt hatten, kam EurymeLon *) und Demoffhenes an , die mit großer Hceresmacht von Athen ausgelaufen waren und im Vorbeifahre» noch Hülfstruppen von den Thnriern und Messapiern an sich gezogen hatten. Sie brachten mehr -als achtzig Dreiruder und ein Heer von fünftausend Mann, -die Schiffsmannschaft abgerechnet; ferner führten sie auf Lastschiffei! Waffen und Geld mit sich, auch die Belagernnas- Werkzeuge und die übrigen Geräthe. So sank denn die Hoffnung der Syrakusier wieder; sie dachten, nun weme-i sie *) Eurpmedsn war von SicMsn zurückgekommen und an der Küste vo« Ukarnanien zu Demostbenes gestoßen. Thncyd. Vlch 31. Ol. 91, 4. I. R. 34'- v. Chr. 4^5. 9-3 nicht mehr so leicht mit den Feinden sich messen können. Demvsthenes bewog seine MitfeSdherrn zu einem Angriff aus Epipolä; denn sonst war es nicht möglich, die Stadt mit Verschanzungen zu umschließen. Er nahm also zehntausend Schwerbewaffnete und eine gleiche Anzahl leichter Truppen mit sich und griff bei Nacht die Syrakusier an. Durch den unvermuthetsn Ueberfall bekamen sie einige feste Punkte in ihre Gewalt, drangen in die Verschanzung von Epipolä ein und rissen einen Theil der Mauer nieder. Als aber die Sy- raknsier überallher dem Play zueilten und Hermvkrates noch mit Leu Auserlesenen zu Hülfe kam, so worden die Athener verdrängt und zerstreuten sich, weil es Nacht war und sie die Gegend nicht kannten, nach verschiedenen Richtungen. Die Syrakusier setzten mit ihre» Hülfstruppen nach, machten zweitausend fünfhundert Mann von den Feinden nieder, verwundeten nicht Wenige und erbeuteten viele Waffen. Nach der Schlacht sandten die Syrakusier den Sica- nus einen der Heerführer, mit zwölf Dreirudern nach den übrigen Städten , um den Sieg Leu Verbündeten kund zu machen und Hülfe zu begehren. I-. Da die Unternehmung so unglücklich ausgefallen war und eine ansteckende Seuche im Lager ausbrach, weil dir umliegende Gegend sumpfig war, so berathschlagten die Athener, was unter diesen Umstände» zu thun sey. Demo st he n es war der Meinung, man sollte unverzüglich nach Athen zurückfahren; es sey besser, sagte er, wenn sie das Vaterland gegen die Lacedämonier vertheidigen, als wenn sie in Sicilien stille sitzen, ohne irgend etwas Ersprießliches auszurichten. Nicias aber behauptete, sie dürfen nicht so 97-si Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. schmählich die Belagerung aufheben , da sie mit Dreirudern und Mannschaft, auch mit Geld wohl versehen seyen; über- dieß haben sie, wenn sie ohne Genehmigung des Volks mit den Syrakusiern Frieden machen, die falschen Anklagen zu fürchten, womit man die Feldherrn zu verfolgen gewohnt sey. Von den Uebrigen, die an der Berathung Theil nahmen , stimmten die einen mit Demosthencs für den Abzug, die Andern erklärten sich für die Meinung des Nicias. Da es demnach zu keinem entscheidenden Entschluß kam, so blieben sie einstweilen unthätig, Da indessen die Syrakusier Hülfstruppen von den Siculern und Selinu ntiern, auch aus Gela, ferner aus Hi-mera und Kamarina erhielten, so wuchs die Zuversicht bei den Syrakusiern und die Athener wurden sehr mnthlos. Die Krankheit nahm sehr überhand und raffte eine große Zahl der Truppen weg. Da bereuten es Alle, daß sie nicht längst die Rückfahrt angetreten hatten. Als daher die Menge anfrührisch wurde, und die Andern alle zu Schiff gehen wollten, sah sich Nicias genöthigt, in die Rückfahrt nach Hause zu willigen. Nachdem nun die Feldherrn einig waren, packte die Mannschaft das Geräth zusammen, schiffte sich auf den Dreirudern ein und zogsi die. Segelstangen auf; und die Anführer machten den Truppen bekannt, wenn man das Zeichen gebe, so dürfe Niemand aus dem Heer fehlen, denn, wer sich verspäte, den werde man zurücklassen. In der letzten Nacht aber, als sie im Begriff waren am andern Tag abzusegeln, verfinsterte sich der Mond. Nicias, der an sich schon abergläubisch war, und wegen der Krankheit unter dem Heer die Sache noch bedenklicher nahm, rief deßwegen die Wahrsager zusammen. Ol. 91 , 4 . I. R. 34'. v. Chr. 4'3. 97» Diese erklärten es für nothwendig,- um die gewöhnlichen drei Tage *) die Abfährt noch aufzuschieben. So mußten denn auch Demvsthenes und die Andern sich dazu verstehen aus Ehrfurcht hegen die Gottheit. iö. Die Syraknsier, die durch Ueberläufer die Ursache von dem Aufschub der Abfahrt erfuhren, bemannten die sämmtlichen Dreiruder, vier und siebzig an der Zahl nnd- ließen das Landheer ausrücken; so griffen sie die Feinde zn- Land und zu Wasser an. Die Athener bemannten sechs und achtzig Schiffe. Den rechten Flügel übergaben sie dem Feldherrn Eurymedon, Welchem der Syraknsische Anführer Agatharchus gegenüberstand; auf der an-dern Seite befehligte Euthydemus, und ihm gegenüber Sicanns an der Spitze der Syraknsier; der Anführer des Mitteltreffens war bei den Athenern Menander, bei den Syrakusiern der Korinther Pythes. Die Reihe der Athener reichte weiter, weil sie mehr Schiffe ins Treffen brachten. Aber gerade dieser scheinbare Vorzug wurde für sie äußerst nach- theilig. Eurymedon versuchte die feindlichen Schiffe zu überflügeln;. allein da er sich von der Linie rrennte und die Syrakusier sich gegen ihn kehrten, so wurde er in einer Bucht, Daskon genannt, die von den Syrakusteni beseht war, abgeschnitten. In einen engen Raum eingeschlossen sah er sich genöthigt aus Land zu geben. Da empfing er eine Wunde an einer gefährlichen Stelle und endete sein Leben. *) Die drei nächsten Tage nach einer Mondssinsterniß galten für Unglückstage. Nach Thue. VIl, 50. wollte Nicias sogar dreimal neun Tage warten. 976 Dkodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Sieben Schiffe gingen auf diesem Platz zu Grunde. Die Seeschlacht war von den beiden Flotten bereits auf allen Punkten begonnen, als sich die'Nachricht verbreitete, der Feldherr sey umgekommen und einige Schiffe verloren. Nun wichen zuerst die Schiffe, die den zerstörten am nächsten standen, bis die Athener endlich durch den Andrang der Syra- kusier, die nach diesem glücklichen Vreigniß mnthig kämpften, überwältigt und alle in die Flucht getrieben Wurden. Da sie nach der sumpfigen Stelle des Hakens hin verfolgt wurden, so strandeten nicht wenige Dreiruder in den Untiefen. Als das geschah, bcluh Sieanus, der-Feldherr der Syrakusier, schnell ein Lastschtff mit Reisern, Fackeln und Pech und zündete die in den Untiefen sich herumtreibenden Schiffe am Sobald sie ah-r in Brand a.eriethen, löschten die Athener die Flamme schnell und wehrten sich standhaft gegen den Angriff, da sie keine andere Rettung vor sich sahen. Zugleich rückten auch die Landtruppen zu Hülse heran in die Ufergegend, wohin die Schiffe getrieben waren. Da sie alle tapfer im Kampf ausharrten, so wurden auf dem Lande die Syrakusier zum Weichen gebracht. Zur See aber blieben sie Sieger und schifften nun nach der Stadt zurück. Verloren hatten die Syrakusier Wenige, die Athener aber nicht weniger als zweitausend Mann und achtzehn Dreiräder. . >4. Die Syrakusier glaubten, sie,haben jetzt nickt mehr für die Stadt zu fürchten, sondern das Ziel des Kampfes sey vielmehr, das Lager mit den Feinden in ihre Gewalt zu bekomme». Daher sperrten sie die Mündung des Hafens durch eine Verrammlung. Sie legte» nämlich Boote, Drei- ruder und Lastschiffe vor Anker, welche sie durch eiserne Ket- Ol. 91, 4. J.M. 041. v. Chr. 4'3. 977 ten verbanden, und über die Fahrzeuge hin bauten sie Brücken von Brettern. Das ganze Werk brachten sie in drei Tagen zu Stande. Die Athener, welche jeden Weg zur Rettung abgeschnitten sahen, beschloßen, die sämmtlichen Dreiruder zu bemannen und die besten Landtruppen einzuschiffen, um durch die Menge der Schiffe und durch die Verzweiflung, womit sie für ihre Rettung kämpften, die Syra- knst'er in Schrecken zu setzen. Sie schifften also die Befehlshaber und, die Tapfersten aus dem ganzen Heer ein und bemannten hundert und fünfzehn Dreiruder; den übrigen Truppen wiesen sie ihren Platz auf dem Land am Ufer an. Die Syraknsier stellten ihr Landheer vor der Stadt auf und besetzten vier und siebzig Drejrudcr mit Mannschaft. Nebenher fuhren in Beischiffen frrigeborne Knaben, welche die Jüngln-gsjahrs noch nicht erreicht hatten, um ihren Vatern im Kamps bsizustehen. Auf den Mauern um den Hafen und auf dem ganzen Play oberhalb der Stadt war alles voll von Menschen. Denn Frauen und Jungfrauen, und wer Alters halber keine Kriegsdienste leisten konnte, sah mit der bängsten Erwartung dem Kampfe zu, durch den der ganze Krieg entschieden werden sollte. >5. Der Athenische Feldherr NiciaL konnte an diesem Tage, als er die Schiffe überschaute und die Größe die Gefahr erwog, auf seinem Platz am Ufer nicht länger bleiben; er verließ das Landheer, bestieg ein Schiff und fuhr bei den Dreirndern der Athener herum. Er rief jedem Schiffshanpt- mann mit Namen zu und bat sie mit aufgehobenen Händen, doch dießmal nicht -wie früher, die einzige noch übrige Hoff- 9?3 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. ming verloren gehen zu lassen/); auf dem Muth, den sie in dieser Seeschlacht beweisen werden, beruhe ja ihrer aller und des Vaterlandes Rettung. Wer Vater von Kindern war, den erinnerte er an seine Sohns; wer von berühmten Vatern stammte, den ermähnte er, den tapfern Vorfahren keine Schande zu machen; wer einen Preis von dem Volk empfangen hatte, den hieß er seines Ehrenkranzes sich würdig zeigen; Alle aber forderte er auf, der Siegeszeichen von Salamis zu gedenken und den weltkundigen Ruhm des Vaterlandes nicht wegzuwerfen, noch sich selbst wie Sklaven den Syraknstern hinzugeben. Nachdem Nicias also mit ihnen gesprochen, kehrte er. wieder auf seinen Play zurück. Sie liefen unter Schlachtgesang mit ihren Schiffen aus, kamen den Feinden zuvor und durchbrachen die gesperrte Mündung. Die Syrakusier aber rückten schnell herbei, stellten sich mit ihren Drcirudern in Schlachtordnung, drangen auf die Gegner ein und zwangen sie von der Sperre umzukehren und den Kampf fortzusetzen. Nun, zogen sich die einen gegen das Ufer, die andern in die Mitte des Hafens, einige auch an die Mauern zurück, und so wurden die sämmtlichen Dreirudsr schnell von einander getrennt und von der gesperrten Mündung weggetrieben, und der ganze Hafen war voll von einzeln kämpfen- den Schiffen. Da stritten beide Theile verzweifelt um den Sieg. Die Athener, die auf die Menge ihrer Schiffe vertrauten und sonst keine Rettung sahen, trotzten'der Gefahr *) Nach Reiske's zweitem Vorschlag ke ztH «XX (dieses Wort kann wegbleiben) rn rs uÜ-n statt ktuar Ti^öreoon rj rv nvu. Ol. I. R. 34'. v. Chr. 4'3. 9'9 und gingen tapfer dem Tod in der Schlacht entgegen. Die Syrakusier aber, weiche Eltern und Kinder zu Zuschauern des Kampfs hatten, wetteiferten miteinander, und jeder wollte durch seine Thaten dem Vaterland den Sieg'erwerben. ik. So stiegen denn Viele auf das'Verdeck des feindlichen Schiffs, wenn ihr eigenes von einem andern beschädigt war, und geriethen mitten unter die Feinde hinein. Anders enterten mit eisernen Klammern und zwangen die Gegner, auf den Schiffen zu fechten wie zu Lande. Oft sprangen sie, wenn ihre eigenen Schiffe zertrümmert waren, auf die der Feinde hinüber und bemächtigten sich der Dreiruder,, indem sie die Mannschaft theils niedermachten, theils ins Meer hinausstürzten. Im ganzen Hafen scholl es immerfort von den Stoßen der Schiffe und dem Geschrei der. Fechtenden, die einander mordeten. Denn wenn ein Schiff zwischen mehrere Dreiruder gerieth, so wurde es von allen Seiten mit den ehernen Schnäbeln zerstoßen, bis das, Wasser eindrang und Das Schiff mir der Mannschaft ins Meer versank. Einige schwammen davon, wenn die Schiffe untergingen, wurden aber durch Pfeile verwundet oder mit Wurfspießen getvdtst. Bei der Verwirrung, die in der Schlacht herrschte, wo überall nichts als Getümmel war und mau oft mehrere Schiffe gegen eines anlaufen sah, wußten die Steuermänner nicht, was sie für Zeichen geben sollten, da nicht derselbe Befehl für Alle taugte; und eben so wenig war es möglich, daß die Andern die Zeichen der Befehlshaber sahen , wegen der Menge der Pfeile. Ja, auch von den mündlichs,n Befehlen hörte Niemand ein Wort bei dem Zerschellen der Boote, dem Abstreifen der Ruder und dem Geschrei der Kampfer auf den g8o Di'odor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Schiffen, mit denen die auf dem Lande wetteiferten. Das ganze Ufer war nämlich auf der einen Seite von den Athenischen , auf der andern von den Syraknsischen Landtruppen besetzter so daß zuweilen die in der Nähe des Strandes fechtende,, Schiffmannschaft die auf dem Lande Gelagerten zu Mitstreitern hatte. Die Leute auf den Mauern stimmten Siegsgesang an, wenn sie die Ihrigen im Vortheil sahen, und wenn es denselben unglücklich ging, wehklagten sie und flehten unter Thränen zu den Göttern. Zuweilen nämlich fügte es der Zufall, daß unter den Mauern einige Syraku- sischs Dreiruder zu Grunde gingen und Verwandte vor den Augen der Ihrigen umkamen, daß Eltern den Tod ihrer Kinder, Schwestern und Gattinnen das' jämmerliche Ende ihrer Männer und Bruder ansehen mußten. 17. Es hatte schon lang gedauert und Viele waren umgekommen, und noch nahm die Schlacht kein Ende. Denn auch in der Noth wagte man nicht an's Ufer zu fliehen. Denn die Athener fragten Die, welche vom Kampf abließen und dem Lande zusteuerten, ob fle zu Lande nach Athen zu schiffen gedenken? Die Landtrupven der Syrakuster aber riefen den Hcrarisegelnden entgegen, warum sie nicht ihnen, da sie ja gerne die Dreiruder bestiegen hätten, den Kampf überlassen haben, statt jeyt das Vaterland zu verrathen? und ob sie dazu die Mündung des Hakens verrammelt haben, um, nachdem fle den. Feinden die Flucht gesperrt, selber an's Ufer zu flüchten? und wenn doch alle Menschen einmal sterben müßen, was sie denn für einen schöneren Tod sich wünschen als den' fürs Vaterland, das Zeuge ihres Kampfes sey und das sie so schändlich verlassen? Da die Truppen Ol. 91, 4 . I. R. 54 i. v. Chr. 41Z. 981 auf dem Laute die Heransegelnden mit solchen Schmähungen empfingen, so kehrten die dem Ufer Zufliehenden wieder um, wenn sie auch zertrümmerte Schiffe hatten und unter ihren Wunden erlagen. Nachdem einmal die in der Nähe der Stadt fechtende» Athener überwältigt waren und die Flucht ergriffen hatten, zogen sich immer Die, welche den Fliehenden zunächst standen, zurück.und so wurden nach und nach Alle zum Weichen gebracht. Die Syrakusier verfolgten sie nun mit großem Geschrei gegen das Ufer; und wer von den Athenern nicht, so lange die Schiffe auf der See gewesen, umgekommen war, entsprang jcyt, da sie auf die Untiefen geriethen, aus den scheiternden Schiffen und floh zu den Landtruppen. Der Hafen war voll von Waffen und Schifftrümmern. Denn von den Attischen Schiffen waren sechzig untergegangen, von den Syrakusischen aber acht gänzlich zu Grunde gerichtet und sechzehn sehr beschädigt. Die Syrakusier zogen von den Dreirädern so viele als möglich an's Land; ihre gefallenen Mitbürger und Bundesgenossen hoben sie auf und erwiesen ihnen die Ehre eines öffentlichen Begräbnisses. -8. Die Athener aber liefen zusammen nach den Zelten ihrer Anführer und baten die Feldherrn, nicht auf die Rettung der Schiffs, sondern der Mannschaft Bedacht zu nehmen. Demosthcnes nun erklärte, man mäße, da die Sperrungslinie durchbrochen sey, in Eile die Dreiruder bemannen, und wenn man unversehens angreife, so sey zu hoffen, daß das Vorhaben leicht gelingen werde. Nicias hingegen rieth, die Schiffe aufzugeben und sich durch das Binnenland nach den verbündeten Städten zurückzuziehen. Dieser Meinung tratest Alle bei; sie zündeten daher einige 982 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Schiffe an und rüsteten sich zum Abzug. .Da man also sah, daß sie in der Nacht aufbrechen wollten, so rieth Hermo- Lrates den Syrakusiern, das ganze Heer in der Nacht ausrücken zu lassen und alle Wege voraus zu besetzen. Allein die Feldherrn nahmen den Vorschlag nicht an, weil unter den Truppen viele Verwundete und weil Alle von der Schlacht noch abgemattet waren. Nun schickte er zum Lager der Athener einige Reiter, welche melden sollten, die Syraknsier haben bereits Leute abgesandt, um die Wege und die wichtigsten Plätze voraus zu besetzen. Es war schon Nacht, als die Reiter den Auftrag ausrichteten, und die Athener meinten, es seyen Leontiner, die ihnen wohlmeinend diese Nachricht bringe». Sie wurden nicht wenig bestürzt und Verschoben den Abzug, der, wenn sie sich nickt hätten überlisten lassen, ohne Gefahr bewerkstelligt worden wäre. Sobald nun der Tag anbrach, schickten die Syraknsier Leute ab, welche die Engpässe voraus besetzen sollten. DieffFeld- herrn der Athener theilten ihre Truppen in zwei Haufen;, den Troß und die Kranken nahmen sie in die Mitte, und die dienstfähige Mannschaft ließen sie vorangehen und die Hinter- hut bilden. So zogen sie Katana zu, eine Abtheilung von Demosthenes, die andere von Nicias angeführt. 19. DieSyrakusier zogen die fünfzig zurückgelassenen*) Schiffe am Schlepptau nach der Stadt. Die sämmtliche Mannschaft"ihrer Dreirud'er schifften sie aus und bewaffneten sie, setzten dann mit ihrer ganzen Macht den Athenern nach' *) Nach Rhodvmannus Vermuthung für Ol. 9i, J>M. 34>- v. Chr. 4i3. 98a Lennrnhigten sie und ließen sie nicht geradeaus vorwärts ziehen. Sie verfolgten sie drei Tage lang, schnitten sie, indem st« überall den Vorsprung gewonnen, von dem nächsten Wege nach'Katana ab, zwangen sie', den Weg rückwärts durch die Helorische Ebene zu machen, und umzingelten sie bei dem Fluß Asinarus. Da machten sie achtzehntau- send Mann nieder und nahmen siebentausend gefangen, darunter auch die Feldherrn Demosthenes und Nicias; die Uebrigen kamen in die Gewalt der einzelnen Soldaten. Die Athener waren nämlich, da ihnen jeder Rettungsweg versperrt war, genöthigt, ihre Waffen und sich selbst den Feinden auszuliefern. Nachdem das geschehen war, errichteten die Syraknsier zwei Siegeszeichen, an welchen sie die Waffen der beiden Feldherrn aufhingen, und kehrten nach der Stadt zurück. Hierauf opferte die ganze Bürgerschaft den Göttern. Am folgenden Tag wurde eine Volksversammlung gehalten, um. sich zu berathen', was mit den Gefangenen zu thun sey. Di 0 kles, einer der angesehensten Vvlksführer, machte den Antrag, man sollte die Feldherrn der Athener schimpflich hinrichten, die andern Gefangenen aber einstweilen alle in die Steinbrüche schicken, nachher «her die von den Bundesgenossen der Athener als Sklaven verkaufen und die Athener selbst bei einer Kost von zwei Kotylen ") Mehl im Gefängniß arbeiten lassen. Nachdem dieser Vorschlag verlesen war, trat Herrn okrates in der Versammlung *) Nach Wesseling's Vermuthung xcivr-Xttg für VorNrxcrc« Vergl. Thue. Vli, 87. Dioiwr. 8s,Bdchn. 3 984 Diodor's hist- Bibliothek. Dreizehntes Buch. auf und suchte zu beweisen, noch schöner als der Sieg sey es, wenn der Sieger menschlich handle. Da aber das Volk lärmte und den Neduer nicht anhören wollte, so bestieg ein gewisser Nikolaus, der im Krieg zwei Söhne verloren, die Rednerbühne, auf seine Sklaven gestützt wegen Altersschwäche. Sobald ihn das Volk erblickte, hörte der Lärm auf, weil man glaubte, er werde gegen die Gefangenen sprechen. Als es stille geworden, fing der Greis also zu reden an. 20. „Von den Unglücksfällen des Krieges, Bürger von Syrakus, habe auch ich meinen Theil empfangen und nicht den kleinsten. Ich war Vater zweier Söhne und schickte sie hin in den Kampf für's Vaterland; und statt ihrer wurde mir die Botschaft gebracht, die mir ihren Tod meldete. Wenn ich nun täglich ihren Umgang vermisse und über ihr Ende nachdenke, so muß ich'sie glücklich preisen, mein eigenes Loos aber bejammern und mich für den Allerunglücklich- sten halten. Denn Jene haben den Tod, den sie nach dem Lauf der Natur einmal leiben mußten, zum Heil des Vaterlands gelitten und so einen unsterblichen Namen hinterlassen; ich aber bin am Ziel meiner Tage verlassen von den Stütze» meines Alters und fühle den Schmerz doppelt, weil es die Meinen und weil es Tapfere sind, die ich vermisse. Denn je rühmlicher ihr Tod ist, desto größer die Sehnsucht, womit ick der Verlorenen gedenke. Billig hasse ich, also um ihretwillen die Athener; ich muß ja, statt von meinen Kindern, wie ihr seht, von Sklaven mich führen lassen. Wenn ich nun, Bürger von Syrakus, das Schicksal der Athener als den Gegenstand der jetzigen Berathung betrachtete, so Ol. 91 , 4. I. R. 34i. v. Chr. 4'3. 98 L würde ich natürlich wegen der gemeinsamen Unfälle des Vaterlandes sowohl als wegen meines eigenen Mißgeschicks mich mit Erbitterung gegen sie erklären. Da aber außer dem Mitleids gegen die Unglücklichen das allgemeine Beste und das Urtheil, das die ganze Welt über das Syrakusische Volk fällen wird , in Betrachtung kommt, so wird mein Antrag einzig darauf gerichtet seyn, was das Zuträglichste ist." 21. ,,Das Athenische Volk hat für seine Thorheit die gerechte Strafe empfangen, zuerst von den Göttern und dann von uns, die es beeinträchtigt hat. Denn die Gottheit ist mächtig genug, über Diejenigen, die einen ungerechten Krieg anfangen und sich bei ihrer Uebermacht nicht zu mäßigen wissen, unvermuthetes Mißgeschick zu verhängen. Wer hätte denn erwartet, daß die Athener die zehntausend Talente von Delos bekommen und zweihundert Dreiruder und und em Kriegsheer von vierzigtausend Mann nach Sicilieu geschickt, so schwere Unglücksfälle treffe» würden? Von dieser großen Ausrüstung ist ja kein Schiff, kein Mann zurückgekommen,, also nicht einmal ein Bote übrig geblieben, ihnen den Ver» lust zu melden. So ihr denn wisset, Bürger von Syrakus, daß die Uebermüthigen bei Göttern und Menschen verhaßt sind, so verehret das Schicksal und erlaubet euch keine unmenschliche Handlung. Was ist es denn Ehrenvolles, den zu morden, der zu unsern Fußen liegt? was Rühmliches, Rache an ihm zu üben? Der Grausame, der gegen das Unglück' fühllos bleibt, versündigt sich ja zugleich gegen die allgemeine menschliche Schwachheit. Denn keines Menschen Klugheit reicht so weit, daß er des Schicksals mächtig würde, das^ 3 * ^86 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. an sich schon der menschlichen Leiden sich freuend, einen schnellen Gtückswechsel herbeiführen kann. Mancher wird vielleicht sagen: sie haben gefrevelt, upd Rache an ihnen zu nehmen sieht in unserer Macht- Habt ihr, denn aber nicht an d-m Volk vielfache Rache genommen, und die Gefangenen genug büßen lassen? Sie haben sich ja mit ihren Waffen ausgeliefert, auf die Milde der Sieger vertrauend; also ist es nicht recht, wenn ihre Hoffnung auf unsere Menschlichkeit getäuscht wird. Die in der Feindschaft unversöhnlich behalten, sind im Kampf umgekommen; die sich aber uns ergeben haben, sind aus Feinden Schuyffehende geworden. Denn wer sich in der Schlacht in die Hand des Feindes liefert, thut es in der Hoffnung, sein Leben zu retten. Wenn man sie nun für ihr Vertrauen also büßen läßt, so müßen sich freilich die Unglücklichen ihr Loos gefallen lasse» , aber Die, welche so handeln, dürfte man Thoren nennen. Wer nach der Oberherrschaft strebt, Bürger von Syrakus, der muß nicht sowohl mit den Waffen sich Macht erwerben als eine milde Gesinnung beweisen." ,,Den» unter einer Schreckensrsgierung nehmen die Unterthanen die Gelegenheit wahr und rächen sich an den verhaßten llIebietern; menschenfreundliche Herrscher aber lieben sie treulich und helfen ihnen ihre Herrschaft immer mehr erweitern. Was hat das Reich der Meder gestürzt? Die Grausamkeit gegen die Schwächeren. Nachdem die Perser Abgefallen waren, wurde es auch von den meisten der übrigen Völker zugleich angegriffen. Wie ist Cyrns aus einem Privatmann zum Herrn von ganz Asien geworden? Durch seine Milde gegen die Besiegten. Hat er doch dem König Ol. 91, 4 > I. R. 34 >> v.,Cbr. 4-3. 987 Krösus, der sein Gefangener wurde,, nicht nur kein Leid geikan, sondern sogar »och Wohlthaten erwiesen. Und eben so behandelte er auch die ander» Könige und Völker. Weil denn seine Milde ttb.rall bekannt wurde, so'bemühten sich alle Einwohner von Asien in die Wette, Bundesgenossen des Königs zu werden. Was rede ich von wert entfernten Gegenden und Zeiten ? Ist, doch in unserer Stadt selbst vor nicht langer Zeit Gelon aus einem Privarmamr zum Herrscher von ganz Sicilien geworden, indem die Städte freiwillig unter seine Botmäßigkeit traten. Denn die Billigkeit des Mannes, verbunden mit seiner Nachsicht gegen Unglückliche, hatte für jedermann etwas Anziehendes. Seit jener Zeit nun strebt die Stadt »ach der Oberh-rrschatt in Sicilien; so wolle» wir den von" den Vorfahren ererbten Ruhm nicht verscherzen, noch uns unbarmherzig und unerbittlich gegen menschliches Unglück beweisen. Man darf ja dem Neid keine Gelegenheit geben, über uns zu klagen, wir seyen unseres Glucks nicht werth. Denn es ist. rühmlich, wenn wir Leute finden, die bei widrigen Schicksalen Mt uns traner» und die wiederum bei günstigen Ereignissen sich mit uns freuen. Mit den Waffen errungene Vortheile hangen oft vvm Glück und von den Umständen ab: aber die Milde, wenn man gesiegt bat, ist ei» eigenthümliches Kennzeichen des edeln Sinnes der Glücklichen. Darum mißgönnet nicht der Vaterstadt das Lob, daß man in aller Welt von ihr sage, sie hat es den Athenern zuvorgethan nicht blos mit den Waffen , sondern an Menschlichkeit. Sie, die sich rühmten an Milde Andere zu übertreffen, sie wird man mit wvhl- ' wollender Sorgfalt von uns behandelt sehen, und die deG ^)88 Dkodor'shist.Bibliothek. DreizehntssBuch. Mitleid den ersten Altar errichtet haben» werden dieses finden in der Stadt der Syrakusler. Daraus wird es jedermann klar werden, daß sie ihren Unfall verdient haben und daß wir unseres Glücks werth sind. Denn sie haben ja Leute zu beeinträchtigen gewagt, die selbst gegen Feinde billig handeln, und wir haben Leute überwunden, die sich erfrechen ein Volk anzugreifen, das auch an den ärgsten Feinden Barmherzigkeit übt. Also wird die Athener nicht blos der Tadel anderer Völker treffen, sondern sie werden sich selbst serurtheilcn müßen, daß sie sich erlaubt haben, solche Leute zu beleidigen." -L. ,,Schön ist's, Bürger von Syrakus, die Freundschaft wieder anfangen und durch Barmherzigkeit gegen die Unglücklichen den Zwist versöhnen. Das Wohlwollt» gegen die Freunde muß ja unvergänglich dauern, der Haß aber gegen die Widersacher vergänglich seyn: .Denn das hat die Folge/ daß unserer ^Verbündeten mehr und unserer Feinde weniger werden. Aber den Zwist ewig währen lassen und auf Kindeskinder vererben ist weder billig noch rathsam. Denn manchmal wird, wer übermächtig scheint, in einem Augenblick schwächer als der ihm zuvor unterlegen war. Davon.gibt der gegenwärtige Krieg Zeugniß. Die zur Belagerung hieher gekommen sind, und durch -ihre Uebermacht die Stadt mit Schanzen smgeichlossen haben, sind durch den Glückswechsel Kriegsgefangene geworden, wie ihr seht. Gut ist's also, bei fremdem Unglück Milde beweisen, um, wenn uns ein menschlicher Zufall trifft, bei jedermann auf Mirleid hoffen zu können. Es gibt ja im Leben so viel unerwartete Begniffe, Volksaulstande, Räubereien, Kriege, wo wir (denn wir sind Menscken) nicht leicht der Ol. 91, 4 . I. R. 34 i. v. Chr. 4i3. 989 Gefahr entgehen können. Wenn wir also dem Mitleid gegen die Ueberwundenen keinen Raum geben, so stellen wir damit «in hartes Gesey gegen uns selbst für ewige Zeiten auf. Denn es ist nicht möglich, daß, wenn "wir gegen Andere unbarmherzig verfahren, uns jemals von Andern Schonung widerfahre, daß *) man, wenn wir grausam handeln, billig gegen uns handle, daß wir, wenn wir gegen die Sitte der Griechen so viele Menschen Hinmorden, bei den Wechselfällen des Lebens auf die allgemein geltenden Rechte Anspruch machen können. Denn wer hat je unter den Griechen an Lenken , die sich im Vertrauen auf die Billigkeit des Siegers ergeben hatten, unerbittliche Rache üben zu dürfen geglaubt? bei wem hat so die Grausamkeit über das Erbarmen, der . Leichtsinn über die Behutsamkeit gesiegt?" 24. „Jedermann widersetzt sich dem Angreifenden und hat Nachsicht mit dem Ueberwundenen, weil er Jenem die Frechheit wehren will und Diesen im Unglück bedauert. Upser Zorn wird ja gebrochen, wenn Der, welcher bisher unser Feind war, durch den Glückswechsel ein Schutzflehender wird und sich gefallen lassen muß, wie ihn der Sieger behandeln will. Es ist aber, glalibe ich, besonders das Gemüth der Stammverwandten *") für das Erbarmen empfänglich, weil da die gemeinsame Abkunft das Mitgefühl rege macht. So hatten die Athener iin Peloponnesischen Krieg viele Lacedä» monier auf her Insel Sphakteria eingeschlossen und zu Ge- *) Nach Dindopf's Vermuthung xal für, «XX«. *') Statt HztLjiwt- sollte wohl hz-okApwn oder ein ähnliches Wort stehen. 99« Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. fangenen- gemacht; aber sie gaben sie den Spartanern gegen Lösegeld zurück. Wiederum hatten die Lacedämonier unter den Athenern und ihren Bundesgenossen viele Gefangene gemacht, und sie verfuhren gegen sie auf dieselbe Weise. Und da haben Beide edel gehandelt. Denn bei den Griechen darf die Feindschaft nur bis zum Siege dauern, und die Rache nur, bis man den Gegner in seiuer Gewalt har. Wer aber weiter geht und den Ueberwundenen, der zum Wohlwollen des Siegers seine Zuflucht nimmt, noch büßen läßt, der straft nicht mehr seinen Feind, sondern versündigt sich vielmehr an der menschlichen Schwachheit. Bei solcher Härte könnte man an die Aussprüche der alten Weisen erinnern: Mensch, überhebe dich nicht; lerne dich selbst kennen; siehe, wie das Glück übpr Alles gebietet. Warum haben denn überall die Vorfahren der Griechen verordnet, wenn man cine.Schlacht gewonnen, die Siegeszeichen nicht von Stein» sondern vvm Nächsten 'besten Holz zu errichten ? Nicht wahr, damit die Denkmale der Feindschaft kurze Zeit dauern und bald verschwinden? In der That aber, wenn ihr die Zwietracht ewig wollt bestehen lassen, so wisset, daß ihr die menschliche iSchwachheit verkennet. Denn ein Augenblick, eine unbedeutende Wendung des Schicksals demüthigt oft die Stolzen!" -5. ,,Gedenket ihr aber, wie es billig ist, dem Krieg wieder ein Ende zu machen, welche schönere Gelegenheit könntet ihr dazu finden alS die gegenwärtige, wo ihr durch Menschlichkeit gegen die Ueberwundeuen die Freundschaft wieder anknüpfen könnt. Denn glaubet nicht, daß durch deir- Unfall in Sicilien das Volk der Athener gänzlich entkräftet . Ol, 91 , 4. I. R. 34i. v. Chr. 4-3. 991 ist, das die Inseln in Griechenland beinahe alle in seiner Gewalt hat und über die Küstenländer in Europa und Asten die Oberherrschaft führt. Hat es doch einmal in Aegypren dreihundert Dreirnder sammt der Mannschaft verloren und dennoch den König, der für den Sieger galt, zu einem schimpflichen Friedensschluß genöthigt. Eben so hat es, nachdem von Zherres die Stadt zerstört war, bald darauf ihn selbst überwunden und sich die Oberherrschaft in Griechenland erworben. Denn diese Stadt hat das Glück, daß sie unter dem schwersten Mißgeschick ihre Macht am meisten vergrößert und sich niemals zu irgend einer Demüthigung entschließt. Besser ist's also, wir gewinnen sie, statt die Feind- schaft zu vermehren, zu Bundesgenossen, indem wir der Gefangenen schonen. Denn bringen wir sie um, so ist es nur ein Opfer, das wir der Rachsucht briugen, eine nutzlose Befriedigung der Leidenschaft; lassen wir sie aber am Leben, so wird uns dafür der Dank von den Geretteten und her Ruhm von allen Andern." -6. „Ja, aber es hat doch auch Griechen gegeben, die ihre Gefangenen Niedermachten. Je nun, wenn ihnen für diese Handlung Lob widerfahren ist, so wollen wir diesen Weg, Ruhm zu erwerben, auch einschlagen. Sind aber gerade wir die Ersten gewesen, die das tadelten, so dürfe» wir eine so entschieden fehlerhafte Handlungsweise nicht selbst nachahmen. So lange wir gegen Diejenigen,-die sich uns auf Treue und Glauben ergeben haben, nicht grausam verfahren, wird flä, die allgemeine Mißbilligung Mtt Recht gegen das Volk der Athener anssprecheu; hört man aber, daß dem Völkerrecht zuwider den Gefangenen die Zusage nicht 992 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. . gehalten worden , so werden sich die Vorwürfe gegen uns wenden. Denn wenn je ein Staat, so verdient es der Athenische, daß man seine Würde ehrt und sich dankbar beweist für seine Verdienste um die Menschheit. Denn die Athener sind es, die zuerst die milderen Nahrungsmittel in Griechenland einführten, welche sie für sich von den Göttern empfangen hatten und zum allgemeinen Gebrauch mittheilten. Sie sind die Erfinder der Gesetze, durch welche der wilde und rechtlose Zustand, der menschlichen Gesellschaft in ein gesittetes und rechtliches Zusammenleben sich verwandelte. Sie waren die Ersten, welche den Flüchtlingen Schutz gewährten and es dahin brachten, daß unter allen Völkern die Gesetze wegen der Schutzflehenden geltend wurden. ES ist also nicht recht, wenn Gesetze, deren Urheber sie sind, ihnen nicht zu gut kommen sollen. So viel für Alle; insbesondere aber will ich noch Einzelne zur Menschlichkeit ermähnen." -7- »,Jhr, die ihr Beredsamkeit und Wissenschaft in jener Stadt gelernt habt, erbarmet euch Derer, die ihr Vaterland zur gemeinsamen Bildungsstätte für alle Menschen Hergeben. Und ihr, die ihr Theilnehmer der heiligsten Geheimnisse seych rettet, die euch eingeweiht haben. Wer solche Wohlthaten schon genossen hat, bezeuge seinen Dank für diesen FreundschaftSdieust; und wer sie noch zu genießen wünscht, der schneide sich nicht durch Nachsucht die Hoffnung dazu ab. Denn wo stände den Fremdeu eine Schule für wissenschaftliche Bildung offen, wenn die Stadt der Athener nicht mehr wäre? Kurz dauert der Haß, den st- verschuldet, aber groß und vielfach sind die Ansprüche, die sie auf unser Wohlwollen sich erworben haben. Wenn man aber auch ohne Rücksicht Ol. 91 , 4. I. R. 54-. v. Chr. 4i5. 99^ auf die Stadt nur die persönlichen Verhältnisse der Gefangenen betrachtet, wird man es billig finden, ihnen Gnade widerfahren zu lassen. Die Bnndesgezivssen sind durch die Uebermacht der Sieger mit Gewalt gezwungen worden, den Feldzug mitzumachen. Wenn es also auch recht ist, an Denen, die uns vorsätzlich beleidigt, sich zu rächen, so gebührt doch wohl Denen Verzeihung, die wider Willen sich verfehlt Haben. Was soll ich von Nicias sagen, der als Staatsmann von Anfang für Syrakus sich verwendet und allein den Feldzug nach Sicilien widerrathen, der sich immer der Fremdlinge aus Syrakus angenommen hat als ihr beständiger Vertreter ?)? Es ist ja widersinnig, wenn. man den Nicias, der in Athen die Berathungen zu unserem Vortheil gelenkt, büßen läßt und ihn, statt ihn für sein Wohlwollen gegen uns mit Schonung zu behandeln, für das, was er im Dienste seines Staats gethan, mit unerbittlicher Strenge bestraft, wenn Alcibiades, der den Krieg gegen Syrakus angestiftet, bei uns sowohl als bei den Athenern der Strafe entgeht. Der aber, der off-nbar unter den Athenern sich am freundlichsten bezeugt hat, nicht einmal wie jeder andere Mensch Mitleid findet. Darum muß wenigstens ich sein Loos bedauern, wenn ich den Wechsel des Glücks betrachte. Früher wurde er als einer der angesehensten Männer Griechenlands, der das Lob der Rechtschaffenheit hatte, glücklich gepriesen und auf ihn waren die Blick« der ganzen Stadt gerichtet; und nun steht er da in einem schimpflichen *) **) Anfzug, die *) Prorenos. Bergt d. Anm. zu XII, 57. ") Nach Rhodvmannus Vermuthung, daß xcri zu tilgen ist. 994 " Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Hänse auf den Rücken gebunden, und erfährt alles Elend der Gefangenschaft, als härte in dem Lebensgang dieses Mannes das Schicksal seine Macht beweisen wollen. So sotten denn wir das freie Geschenk dieser Macht so, wie eS Menschen ziemt, anwenden und nicht barbarische Grausamkeit an Stammverwandten üben." -8. Solche Worte sprach Nikolaus zu den Syrakusiern, Und die Zuhörer waren zum Mitleid gestimmt, als er seine Rede endete. Da bestieg der Lacedämonier Gylippns, der im unversöhnlichen Haß gegen die Athener beharrtes die Reduerbühne und fing also zu sprechen an. ,,Jch sehe zu meiner großen Verwunderung, Bürger von Syrakus, daß ihr euch so schnell durch ein Wort über Leute, von denen euch dmch die That Bös-s widerfahre» ist, anders belehren lasset. Wenn ihr, die ihr Vertreibung aus der Heimaih zu fü-chten haktet von den Feinden, die eure Vaterstadt zu zerstören gekMnmc» waren, so läßig zur Rache seyd, was sollen denn wir noch fortchrnen, denen nichts zu Leide geschehen ist? Doch, bei den Göltern, verzeihet mir, Bürger von Svrakus, wenn ich meinen Rath freimüthig aus>p>eche. Denn ich bin ein Spartaner und auch zu sprechen gewohnt wie ein Spartaner. Fürs erste dürfte Mancher fragen, wie denn Nikolaus sagen mag, er bedaure di^ Athener, die ihm ein bedanernswerthes kinderloses Alter bereitet haben, wie er weinend, im Trauerklerd, vor der Vmammlung auftreten und znm Milleid gegen die Mörder. seiner eigenen Kinder auffordern kann. Das geht über die Grenzen der Billigkeit, wenn man der nächsten Verwandten nach ihrem Tode v-r- gißt, die ärgsten Feinde aber am Leben,zu erhalten begehrt. Ol. 91 , 4-' I- R. 54i. v. Chr. 4'^ 995 Und wie viel sind euer in dieser Versammlung, die ihr im Krieg gefallene Söhne betrauert?" Da lärmten viele der Anwesenden. Hierauf versetzte er sgegen Nikolaus gewandt): „hörst du *) das Getöse, womit sie ihren Schmerz zu-erkennen geben? Und wie Viele sind-unter euch , die umgekommene Brüder oder Verwandte oder Freunde vermissen?" Nun ließen noch viel Mehrere ihren Beifall vernehmen. Da sprach Gylippns: „flehst du? so Viele find durch die Athener unglücklich geworden. Und Diese alle sind, ohne flch gegen Jene verfehlt zu haben, ihrer nächsten Angehörigen beraubt worden; und in dem Maß, wie sie die Ihrigen geliebt haben, sind sie die Athener zu Haffen schuldig." -9. „Ist es denn nicht widersinnig, Bürger von Syra- ckns, wenn die Gefallenen freiwillig für euch den Tod^ erlitten haben, und ihr wollt für sie nicht einmal an den ärgsten Feinden Rache nehmen? wenn ihr sie lobet, daß sie für die gemeinsame Freiheit ihr eigenes Leben mit Freuden ") aufgeopfert haben, und euch doch an der Erhaltung ihrer Mörder mehr liegt als an ihrer Ehre? Ihr habt beschlossen, auf öffentliche Kosten die Gräber der Gebliebenen zu schmücken; wo könntet ihr denn einen schöneren Schmuck finden als in der Bestrafung ihrer Todschläger? ihr müßtet denn, beim Zeus, Diesen gar das Bürgerrecht ertheilen wollen, um lebendige SiegesLenkmale der Gefallenen aufzustellen. *)-Nach Dindorf's Vermuthung für vow. **) Das aus dem Folgenden hereingekommene 7ik(>t TiXelottg scheint an die Stelle eines Adverbiums, wie n(>oAvztwg, geirrten zu seyn. 996 Divdvr's hist.' Bibliothek. Dreizehntes Buch. Allein sie haben den Namen Feinde abgelegt, sie sind Schuh- Aehende geworden. Woher soll ihnen diese Gunst zugestanden worden seyn? Haben doch die ersten'Stifter der Gesetze über solche Fälle für die Unglücklichen die Gnade, für die boshaft ten Beleidiger aber die Strafe bestimmt.^ Zu welcher der beiden Menschenrassen rechnen wir nun die Gefangenen? Zu den Unglücklichen? Was für ein Unglück hat sie denn genöthigt, die Syrakusier, die ihnen nie etwas zu Leide gethan, zu bekriegen , dem Frieden, den doch jedermann lobt, zü entsagen und znr Zerstörnng eurer Stadt hieherzukom- men? Haben sie aber aus-eigenem Antrieb einen ungerechten Krieg angefangen, so sollen sie die Unfälle desselben geduldig ertragen, und nicht, während sie gegen euch als Sieger mit unerbittlicher Grausamkeit verfahren würden, für sich, nun es ihnen mißlungen ist , die milde Behandlung, der Schuhflehenden ansprechend Straflosigkeit sich erbitten. Wenn sie aber offenbar durch ihre Bosheit und Habsucht in solches Mißgeschick gerathen sind, so sollen sie nicht das Schicksal anklagen und den Namen der Schutzflehenden nicht zu Hülfe rufen. Denn dieser Name wird in aller Welt Denen vorbehalten , die eine reine Seele haben und ein hartes Schicksal. Für Jene aber, deren ganzes Leben voll von Ungerechtigkeiten ist, bleibt keine Stätte offen, wo sie Erbarmen und Zuflucht fänden." Zo. „Denn gibt es etwas Schändlicheres, als ihre Gesinnungen? etwas Abscheulicheres , als ihre Handlungen? Es ist die Eigenschaft des Habsüchtigen, daß er, mit seinem Glück nicht zufrieden, das ferne Liegende begehrt, das ihn nichts angeht. So haben Jene gehandelt. Sie waren die Ol. 91, 4. J.,R. 34-. v. Chr. 4'3. 997 Glücklichsten unter den Griechen; aber ihr Glück wurde ihnen eine schwere Last, die sie nicht tragen konnten; darum wünschten sie Sicilieu, das durch ein so großes Meer von ihnen getrennt ist, unter sich zu vertheilen und die Einwohner zn Sklaven zu machen. Abscheulich ist's, Krieg anzusaugen? wenn man vorher nicht beleidigt worden ist. Und das habe» sie gethan. Plötzlich, »«vermuthet haben sie die Syrakusier, die bisher ihre Freunde gewesen, mit dieser großen Heeresmacht belagert. Uebermuth ist's, dem Schicksal vorgreifend beschließen, wie mau die noch nicht Ueberwundenen strafen wolle. Auch das haben sie nicht unterlassen. Sie haben, ehe sie Sicilien betraten, einen förmlichen Beschluß gefaßt, die Syrakuster und Selimintier zu Sklaven zu machen, und die klebrigen zu Steuern zu zwingen. Wenn sich nuu bei ebendenselben Menschen Habsucht, Tücke,. Uebermuth vereinigt finden, welcher Vernünftige sollte Mitleid mit ihnen -haben? Wie haben die Athener nur die Mitylener behandelt? Diese wollten ihnen nichts zu Leide thun, sie verlangten nur nach Freiheit; aber Jene faßten, nachdem sie die Stadt erobert, den Beschluß, die Einwohner zu morden- Eine grausame und barbarische That! Und-das haben sie sich gegen Griechen erlaubt, gegen Bundesgenossen, gegen Leute, denen sie so manche Wohlthat verdankten. So dürfen sie sich denn nicht beschweren, wenn sie selbst eine ähnliche Rache trifft, wie sie an Andern geübt haben. Die Gerechtigkeit fordert vielmehr, daß man einem Gesetz, das man gegen Andere aufgestellt, sich ohne Klage unterwirft, was soll ich von Melos sagen,' wo sie,'als sie es eingenommen , die sämmtliche erwachsene Mannschaft tödteten, und W3 Dl'odor'ö hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. von der Stadt Scione, die das Schicksal ihrer Verwandten, der Melier, theilte ? Da blieben von zwei Völkerschaften, weil ffe sich Athens Zorn zugezogen, nicht einmal Leute zur Besorgung der Leichen übrig. Nickt Scythen haben das gethan, sondern das Volk, das den Schein haben will, das menschlichste zu seyn, hat einem öffentlichen Beschluß zufolge Liese Städte von Grund aus zerstört. Nun könnt ihr denken, was sie gethan haben würden, wenn sie die Stadt Sy- rakus erobert ') hätten. Denn haben sie ihre Angehörigen so grausam behandelt, so würden sie für Leute, die mit ihnen nicht verwandt sind, noch eine schwerere Strafe ausgedacht haben/' 5>. ,,Es bleibt ihnen also kein Anspruch auf Mitleid übrig; denn sie haben sich denselben für den Fall der eigenen Noth selbst entzogen. Wohin sind sie denn ihre Zuflucht zu nehmen berechtigt? 'Zu den Göttern, deren herkömmliche Verehrung sie abzuschaffen am Sinn hatten? Zu den Menschen, welche zu Sklaven zu mache» sie gekommen sind? Auf Demeter und Köre und deren Geheimnisse bernfen sie sich, nachdem sie die densekben geheiligte Insel verwüstet haben? Ja, aber nicht das ganze Volk der Athener ist Schuld, sondern Alcibiades, der dazu gerathen. Allein wir finden ja, daß die Rathgebcr meistens näch dem Willen der Zuhörer sich richten; also ist es der Abstimmende, der seinem eigenen Sinn gemäß dem Redner an die Hand gibt, was er sprechen soll. Denn nicht der da redet, hat die Menge *) Für wird L§k7loXros>x^crav zu lesen seyn.. ' Ol. 91 , 4 . I. R. 5-i-. v. Chr. 4-5. 99ft in seiner Gewalt, sondern das Volk gewöhnt durch zweckmäßige Beschlüsse den Redner, zuiN Besten zu rathen. Gewähren wir ruchlosen Beleidigern Verzeihung, wofern sie die Schuld auf ihre Rathgeber wälzen, so machen wir den Schlechten die Vertheidigung leicht. Gewiß, es gibt kein größeres Unrecht, als wenn der Dank für Wohlthaten von Leu Empfängern nicht den Rathgebcrn, sondern dem Volk erstattet, die Strafe für Beleidigungen hingegen auf die Redner übertragen wird. Und doch gibt es Leute, die so ganz die Besinnung verloren haben, daß sie behaupten, den Alcibiades, den wir nicht in unserer Gewalt haben, müßt man strafen, die Gefangenen aber, die zur verdienten Strafe hergeführt werden, frei lassen, und öffentlich zeigen, daß der gerechte Haß gegen das Böse bei dem Volk der Syrakn- sicr sich nicht finde. Gesetzt aber auch, es seyen wirklich die Rathgeber an dem Krieg Schuld gewesen, so mag das Volk die Redner anklagen, daß sie es betrogen haben, ihr aber könnt mit Recht an dem Volk Rache nehmen für die Beleidigung, die euch widerfahren ist. Kurz, wenn sie mit gutem Vorbedacht das Unrecht begangen haben, so sind sie eben wegen dieses Vorsatzes strafwürdig; haben sie aber ohne gehörige Ueberlegung den Krag angefangen, so darf mau sie dennoch nicht frei lassen, damit sie sich nicht gewöhnen, leichtsinnig zu handeln, wo es das Leben Anderer gilt. Denn es ist nicht recht, wenn die Thorheit der Athener den Syraku- siern Verderben bringt, und wenn für Vergebungen, wo sich der Schaden nicht ersetzen läßt, eine Entschuldigung übrig bleibt." Diodor. 8s Bdchn. 4 1000 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. 5-. „Allein, beim Zeus, Nicias hat doch bei den Berathungen die Syrakusidp begünstigt und ist der Einzige gewesen, der den Krieg widerricthe Was dort geschehen, wissen wir vom Hörensagen *), aber was er hier gethan, haben wir gesehen. Derselbe, der sich dort gegen den Feldzug erklärt hat, war hier Anführer des Kriegsheers, und der als Staatsmann die Syrakusier begünstigte, hat eure Stadt mit Schanzen umschlossen; und der so freundlich gegeu euch gesinnt war, hat es, als Dewvsthncs und alle Andern die Belagerung aufheben wollten, allein erzwungen, daß sie blieben und fortkämpften. So ist denn meine Meinung, es sollten **) bei euch nicht die Worte mehr gelten als die Werke, noch das Versprechen mehr als die Erfüllung, noch Las Ungewisse mehr als was vor Aller Augen geschehen ist. Aber es ist denn doch, beim Zeus, schön, wenn man die Feindschaft nicht ewig fortsetzt. Nun , so wird es nach der Bestrafung ,der Schuldigen Zeit seyn, die Feindschaft, wenn es euch gut dünkt, aufhören zu lassen. Denn das ist nicht recht, wenn die Gefangenen, wo Jene siegen, wie Sklaven behandelt werden, wo sie aber besiegt sind, Verzeihung erhalten, als hätten sie Nichts verschuldet. Die Strafe für Las, was sie gethan, will man ihnen also erlassen, der Freundschaft aber werden sie mit schönen Worten gerade so lang gedenken, als es ihrem Vortheil gemäß ist. Ich will Nichts davon sagen, daß ihr, wenn ihr so handelt, außer *) Die Lesart rü für rsiv wird vorzuziehen, Xcl)-on aber aus Xo)'« entstanden seyn. **) Nach der Vermuthung von Dindorf Arin für uizörr. rovs Ol. 91 , 4 . I. R. 3^i. v. Chr. 4r3. vielen Andern auch die Lacedämouier beleioigct, die euch zu Gefallen sowohl dort den Krieg angefangen, als auch hieher Hülfstruppen geschickt haben. Es stand ihnen ja frei,, im Frieden ruhig fortzuleben, ohne sich zu kümmern, ob Sicilicn verwüstet würte. So erscheinet ihr denn, wenn ihr durch die Freilassung der Gefangenen die Freundschaft anknüpfet, als Verräther der Bundesgenossen und machet die gemeinschaftlichen Feinde, die ihr hättet demüthige» können, durch die Znrücksendnng dieses großen Heeres wieder mächtig. Denn das glaube ich nimmermehr, daß die Athener, nachdem sie einmal so feindselig aufgetreten sind, treue Freundschaft halten werden. So lang sie schwach sind, werden sie freilich Wohlwollen heucheln; aber sobald sie sich erholt haben , werden sie den alten Plan zur Ausführung bringe». Also beschwöre ich euch alle bn Zeus und bei allen Göttern, schenket nicht den Feinden das Leben, verlasset nicht die Bundesgenossen, bringet euer Vaterland nicht wieder in aieue Gefahr. Euch aber, Bürger vsn Syrakus, wird, wenn ihr Diese frei lasset, für den Fall eines Mißgeschicks nicht einmal eine schickliche Entschuldigung übrig bleiben." ää. Nachdem der'Lacedämonier also gesprochen, wurde das Volk andern Sinnes und genehmigte den Vorschlag des Diokles. Es wurden demnach die Feldherrn sogleich hingerichtet und auch die Bundestruppen; die Athener aber.schickte nian in die Steinbrüche, und von dort würden später Diejenigen, die einige Bildung besaßen, durch junge Leute heimlich weggeführt und so gerettet; die klebrigen aber beschloße» beinahe alle ihr mühseliges Leben in dieser Gefangenschaft 4 * ,oo2 Diodor's hi'st. Bibliothek. Dreizehntes Buch. aus eine klägliche Weist. Nach der Beendigung wurde Direktes der Gesetzgeber der Syrakusier, und da traf diesen Mann ein sonderbares Schicksal. Seine Scrafbestimmun- gen waren unerbittlich streng und die U-bertreter mußten schwer büßen. So gab er unter andern das Gesty, wenn Jemand mit einer Waffe in die Volksversammlung komm«, so sey er des Todes schuldig'; und da ließ er weder Unbe- dachtsamkeit noch sonst irgend einen Umstand als Entschuldigung gellen. Nun zog er einmal auf die Nachricht, die Feinde seyn! in's Land eingefallen, mit dem Schwert bewaffnet aus. Da aber unvermutkct Zwist und Unruhen auf dem Markt entstanden, so trat er / ohne daran zn denken, mit dem Schwert anf. Einer der Bürger bemerkte das und sagte, er stoße ja seine Gesetze selbst um. Da rief er laut: nein, beim Zens, ich will Ke aufrecht halten! zog das Schwert und gab sich den Tod. Dieß ist es, was in jenem Jahr geschah. zz. Als in Athen Kallias Archen war, wählten die Römer statt der Cvnsnln vier Krisgstribunen, Publins Cornelius, Cajus Valerius, Q-uintus Quinc- tius, Num er ins Fabins; in Elis wurde die "zwei und iiswnzig ste Olympiade gestiert, wo Eränekus von Agrigent Sieger auf der Rennbahn war jI, N. äz-. v. Chr, ii-.z. In diesem Jahr geschah es, daß wegen der Niederlage der Athener in Sicilien die Oberherrschaft derselben nicht mehr geachtet wurde. Sogleich nämlich fielen die Chier, Samier, Byzant.ier und noch viele Bundesgenossen den Lacedä moniern ab. Darüber verlor das Volk den Muth und trat von selbst die Regierung ab. Es wählte Ol. 92, k. J..R. 3q2. v. Chr. /,!2. ivoZ vierhundert Männer, denen es die Staatsverwaltung übertrug. Diese oiigcuckische Regierung ließ Fahrzeuge bauen' und schiene vierzig Dreiruder unter zwei *) Befehlshabern ab. Diese entzweiten sich miteinander .... und lie'en aus nach Oropue; denn dort lagen die Dreiruder der Fe.nde vor Anker. Es wurde eine Seeschlacht geliefert, in welcher die Laced am 0 n icr siegten und zwei und zwanzig Fahrzeuge in ihre Gewalt bekamen. Die Syrakusier belohnten, nachdem sie dni Krieg mit dea Athenern beendigt, dir -L a c ed äm 0 n i er, dir unter der Anführungf dcs Gylip- puS ihnen beizest,ülden latten, mit Beute aus dem Krieg und schickten mit ihnen Hülfstruppen nach Lacedämon ab znm Krieg gegen die Athener, nämlich fünf nud-dreißig Dreiruder unter dem Befehl des Hermo trat es, des angesehensten unter den Bürgern. Was sie von der Kriegsbeute für sich zurückgelegt, wendeten sie an, lheils die Tempel mit Weihegaben und Waffenrüstungen zu schmücken, theils die Krieger,, die sich ausgeznchned hatten, mitten verdienten Ehrengeschenken zu belohnen. Nack her entschloß sich das Volk aus den Rath des Diokles, der auf dasselbe unter den Voiksführ.rn am meisten Einfluß haste, die Staats-- Verfassung abznände-n, so daß de obrigkeitlichen Aemter durchs Leos vertheilt wurden, und zugleich Gesetzgeber zu *) Außerdem, daß man mit Wesseling ävc» hinzusei-t, ist wohl TrXklon'S in 7i).c>7« zu verwandeln oder vor uäv- sr^. hineinjuseyen narlg. 2m jilgendcn Sah muß ein« vlicce seyn. >oo4 Diodor's hilr. Bibliothek. Dreizehntes Buch. wählen, um die Verfassung zu ordnen und eigene Gesetze von neuem zu entwerfen. 55. So wählten denn die Syraknster die verständigsten Männer unter ihren Mitbürgern zu Gesetzgebern, und unter diesen war der ausgezeichnetste Divkles. Um wie viel er «instchtsvoller und höher geachtet war als d.ie Andern, steht man daraus, daß die Gesetzgebung, ob sie gleich von allen gemeinschaftlich entworfen war, den Namen ,,divklcssche Gesetze" erhielt. Und nicht blos während seines Lebens stand dieser Mann in großem Ansehen bei den Syrakustern, sondern nach seinem Tode verehrten sie ihn sogar als Heros und bauten ihm auf öffentliche Kosten einen Tempel, der nachher von Dionystns bei dem Mauerbauwesen niedergerissen wurde. Auch bei den übrigen Siciliern war dieser Mann sehr geschätzt. Viele Städte auf der Insel bedienten sich fortwährend seiner Gesetze bis auf die Zeit, da allen Siciliern das Römische Bürgerrecht ertheilt- wurde. In Syrakus selbst gab in spätern Zeiten Cephalus Gesetze unter Timvlrvn, und PvlydvruS unter dem König Hieron; allein diese beiden nannte man nicht Gesetzgeber, sondern -nur Ausleger der Gesetzgebung , weil man nämlich die in der ältern Sprache geschriebenen Gesetze unverständlich fand. Die Gesetzgebung sdes Dioklees verdient «ine aufmerksame Betrachtung. Es zeigt sich darin sein Haß gegen das Böse, indem er für alle Vergebungen härtere Strafen bestimmt als jeder andere Gesetzgeber, seine Gerechtigkeit, weil er sorgfältiger als seine Vorgänger verordüet'), Für ssna(>Ecrr ist vielleicht zu lesen. ioc>5 Ol, 92, r. I. R. 54 -. v. Chr. 4". daß Jedem nach Verdienst vergolten werde, seine Gewandtheit und Erfahrung, weil er für jede Klage und jede Streitsache, fle betreffe die Rechte des Staats oder der Einzelnen, «ine bestimmte Strafe festsetzt. Sein Vortrag ist gedrängt, und gibt auch darum dem Leser viel zu deuten. Von seiner Tugend und Seelenstärke hat die Art, wie er sein Leben endete,'Zeügniß gegeben. Zu dieser ausführlicheren Schilderiitzg bin ich durch die Rachläßigkeit veranlaßt worden, womit die meisten Schriftsteller über den Mann berichtet haben. 56. Als die Athener erfuhren, daß das Heer in Si- eilisn gänzlich aufgerieben war, wurden sie über den schweren Unfall äußerst mißmuthig. Aber dennoch hörten sie nicht auf, sich mit den Lacedämoniern um die Oberherrschaft zu streiten, sondern rüsteten noch mehr Schiffe aus und brachten Geld zusammen, um, so lange auch nur die geringste Hoffnung übrig wäre, für ihre Vorrechte zu kämpfen. Sie wählten vierhundert Männer, denen sie unbeschränkte Vollmacht zur Leitung des Krieges ertheilten. Denn sie glaubten, eine Oligarchie tauge für die gegenwärtigen Umstände besser als die Volksregierung. Allein auch den Maßregeln jener Männer entsprach der Erfolg nicht, sondern sie führten den Krieg noch viel unglücklicher. Sie schickten nämlich vierzig Schiffe ab und sandten als Befehlshaber zwei Feldherrn mit, die einander feind waren. Gerade jetzt, wo die Macht der Athener gesunken war, wäre völlige Eintracht nöthig gewesen, und nun entzweiten sich die Feldherrn miteinander. Sie liefen endttch nach Oropus aus und lieferten unvorbereitet den Peloponnesiern ein Seetreffen, per- ioo6 Diodor'shist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. loren aber in dem Kampf , den sie ungeschickt begonnen hatten und nicht standhaft aushielten, zwei und zwanzig Schiffe, und die übrigen retteten sie mit Mühe nach Eretria. *) Nach Liesen Vorfällen traten die Bundesgenossen der Athener zu den Lacedämoniern über wegen der Unfälle in Sici-' lien sowohl als wegen der von den Feldherrn gemachten Fehler. Da mit den Lacedämoniern der Perserkönig Daraus im Bunde war, so unterstützte Pharnabazus, der die Statthalterschaft in den Küstenländern hatte, die Lacedä- monier mit Geld; auch ließ er dreihundert Dreiräder aus Phönicier, kommen, in der Absicht, sie den Lacedämoniern zu Hülfe zu schicken. 57- Da so viel Mißgeschick für die Athener in derselben Zeit zusammentraf, so hatte jedermann gedacht, rer Krieg sey nun beendigt; denn Niemand erwartete, daß die Athener unter solchen Umständen auch nur noch einen Augenblick sich würden halten können. Allein die Sache nahm nicht den Ausgang, den die Meisten sich vorgestellt halten, sondern durch beharrlichen Kampf gewann hie entgegengesetzte Seite völlig das Uebergewickrt und zwar auf folgende Weise. Alcibiades, der aus Athen verbannt war, stritt eine Zeit lang für die Lacedämonier und verschaffte ihnen große Vortheile im Krieg. Denn er war ein sehr beredter und weit der tapferste Maun unter seinen Mitbürgern, und schon wegen seiner Geburt und seines Reichthums gebührte ihm der erste Rang unter den Athenern. Nun wünschte er aber *) Es ist dasselbe Treffen gemeint wie Cax. 54. Bergt, die Anm. S. 6g4. ,o»7 Ol. 92 , 2 . I. R. v. Ch--. -in. in sein Vaterland zurückgerufen zu werden; daher wankte er alle Mtt-l an, um den Athenern irgend einen D-enst zu leisten, und besonders zu der Zeit, da ihre Kräfte völlig erschöpft schienen. Als er sah, daß der Statthalter des Darin«. Vharnadazus, der sein Freund war, dreihundert Schiffe abschicken wollte, um dje Lacedämonier zu unterstützen; sv- beredete er ihn, von dem Vorhaben abzustehen; er stellte ihm vor, es sey dem Vortheil des Königs nickt gemäß, wenn er die Lacedämonier allzumachkig mache; das könne den Parsern keinen Nutzen bringen; besser sey es, er sehe den Kämpi'eu- den, während sie einander gleichstehen, ruhig zu, damit sie so lang als möglich miteinander im Streit bleiben. Pharna- dazns fand den Rath des BlcibiadeS gut, nus schickte daher die Flctte wieder nach Phönicier,. So entzog Alcibiade« damals den LaceSämouiern ein großes Hülfsheer; einige Zeit darauf aber wurde ihm die Rückkehr gestattet,. und au die Spitze eines Heines gestellt besiegte er die Lacedämvnier in mehreren Treffen, und richtete die gesuvkene Macht der Athener völlig wieder auf. Doch davon wollen wir zur gehörigen Zeit ausführlicher sprechen, damit nicht unsere Erzählung der natürlichen Orduuvg der Begebenheiten vorgreife. 58. Nachdem das Jahr vergangen war, wurde in Athen Theopvmpus Archen, und in Rom wählte mau statt der Cousuln vier. Kriegstribunen, Tiberius Postum ius, Cajus. Cornelius, Casus Dalerins und Käso Fa- bius sJ. R. äzä. v. Chr. gii.1. Um diese Zeit hoben die Athener die Oligarchie der Vierhundert wieder auf, und übergaben die Skaatsscrwaltung den Bürge-!!. Das alles geschah auf den Rath des Theramenes, eines Mannes, >oo8 Diodor's hl's^. Bibliothek. Dreizehntes Buch. der in seinem Verhalten Mäßigung bewies und für einsichtsvoller als Andere galt. Er war nämlich auch der Einzige, welcher rieth, den Alcibiades zurückzurufen, unter dem sich Athen wieder erholte; und sonst gingen noch viele Vorschläge zum Besten des Vaterlands von ihm aus, wodurch er ein nicht geringes Ansehen erlangte. DaS geschah aber erst einige Zeit nachher. Zu Heerführern im Krieg ernannten die Athener den Thrasyllus und Thrasybulus, welche die Flotte bei Samos versammelten, und die Truppen durch tägliche Uebungen zum Seegefecht vorbereiteten. Min darin s, der Befehlshaber der Lacedämonischen Flotte, blieb einige Zeit bei Mi.let stehen in Erwartung der Hülfe vo» Pharnabazus; weil er nämlich hörte, es seyen dreihundert Dreiruder aus PHSnicien angekommen, so machte er sich große Hoffnungen, denn niit einer solchen Flotte gedachte er der Oberherrschaft der Athener ein Ende zu machen. Bald aber erhielt er Nachricht, daß sich Pharnabazus von Alcibiades habe bereden lassen , die Flotte nach Phönicien zurückzuschicken. Da nun voy dorther nichts mehr zu hoffen war, so setzte er seine eigenen Schiffe in Stand, die aus dem Pelo- ponnes und von den auswärtigen Bundesgenossen; niit dreizehn Schiffen schickte er den Doricns »ach Rhokus, weil er erfuhr, daß sich in Rhvdus ein Verein von Unruhestiftern bilde (die ebengeuannten Schiffe hatten nämlich den Lacedä- moniern einige Griechisch^ Staaten aus Italien seit Kurzem zu Hülfe gesandt); mit den sämmtlichen übrigen Schst* fcn aber, drei und achtzig an der Zahl, fuhr er selbst dem Hellespont zu, weil er hörte, daß die Flotte der Athener bei Samos stehe. Unterdessen bemerkren die Feldherrn der Ol. 92,, 2. I. R. 5 ^. v. Chr. 41 r. »009 Athener, daß Jene vvrübersegelten; da führen sie ihnen mit sechzig Schiffen entgegen. Als aber die Lacedämonier bei Chios anlegten, fanden die Feldherrn der Athener für. gut, nach Lesbos.z» schiffen, um dort noch Dreirnder von den Bundesgenossen zusammenzubringen, damit nicht die Feinde durch die Zahl der Schiffe ihnen überlegen wären. L9. Während flennn damit beschäftigt waren, liefWin- darus, der Befehlshaber ^der Lacedämonischen Schiffs, bei Nacht mit seiner ganzen Flotte aus, segelte eilig dem Helle- spvnt z» und kam am zweiten Tage bei Sigeum an. Sobald die Athener von seiner Abfahrt Nachricht erhielten, setzten sie den Lacedämoniern nach, ohne auf die sämmtlichen Dreirudcr von den Bundesgenossen zu warten, von denen erst drei zu ihnen gestoßen waren. Ais sie bei Sigeurm ankamen, war die Flotte schon weiter gefahren, und sie fanden nur' noch drei Schiffe zurückgeblieben, welche sie sogleich weg- nabmsn. Hierauf schifften sie nach Eleus und machten Anstalten zu einem Seetreffen. Da die Lacedämonier bemerkten, daß die Feinde sich zur Schlacht rüsteten, so stellten auch sie <ü»f Tage lang Versuche an, um die Ruderer einzuüben; dann ließen sie die Flotte, acht und achtzig Segel stark, zur Seeschlacht ausrücken. Sie stellten ihre Schiffe auf der Seite von Asien auf, die Athener aber hatten die Seite gegen Europa besetzt und begannen den Kampf, zwar schwächer an Zahl, aber durch Uebung besser vorbereitet. Die Lacedämonier stellten auf den rechten Flügel die Syrakuiier, von Hermokrates angefübrt, der ganze linke Flügel aber bestand aus Pelvpvnnesiern unter dem Befehl des Mindarus. Bei den .Athenern stand auf roio Diodoftv hlst. Bibliothek. Dreizehntes Buch. dem rechten Flügel Thrasyllus, auf dem linken Thra- sybulns. Zuerst stritten sich beide Theile hannSckig um ihre Stellung, daß sie nicht die Strömung gegen sich hätten. Sie fuhren daher eine Zeitlang um einander herum, die Meerenge zu sperren, und kämpften blos um einen Standort zn gewinnen. Du nämlich die Seeschlacht zwischen A b?- dus und Sestus geliefert wurde, so Nlach'e die Strömung kein geringes Hinderniß an Leu engeren Stellen. Allein den Athenern halfen dennoch ihre Steuermänner, die weit mehr Erfahrung hatten, sehe viel zum Siege. äa. Die Peloponnesier waren ihre., nämlich zwar durch die.Menge ihrer Schiffe und die Tapfe,keil ihrer Truppen .überlegen. Ader die Kunst der Steuermänner hinderte die Feinde, .von dieleni Vortheil Gebrauch zu mache». Denn s» oft die Pelvvvnnesier hastig in gedrängter Reihe znm Sü>ß mit den Schiffsschnabeln anliefen, stellten Jene ihre Schiffe so geschickt, tust man nur vorn an die Schnabel anstoßen, sonst aber auf k-in-r Seils ihnen herkommen konnte. Als nun Mivdarus sah, daß mit den gewaltigen Stößen Nichts auszurichten war, so' ließ er nur we igs Schöffe auf einmal oder jedes einzeln zum Gefecht kommen. Allein auch da wußten die Steuermänner ihre Kunst anzuwenden; geschickt wichen sie den Schnäbeln der anlaufenden Schiffe aus und gaben Liesen einen Stoß von der Seite; sv beschädigten si« viele. Es entstand ein Wetteifer ant beiden Seiten, so daß es nicht mehr bei dem Kampf mit den.Schiffsschnabeln blieb, sondern zum Handgemenge zwischen der Mannschaft der zusammentreffenden Schiffe kam. Da die Gewalt der Strömung häufig die Bewegungen hinderte, so kämpfte man gc- IVI l Ol. 9-/2. I. R. 345. v. Chr. 4". räume Zeit, ohne daß der eine o^er der anders Theil den S>eg gema-n. Wäbrend das Treffen so unentschieden war, kamen an einem Vorgebirge fünf und zwanzig Schiffe zum Vorschein, weiche den Athenern von ihren Bundesgenossen geschickt wurden. Da geriethen die Pelvpvnnester in Furcht und flohen Abydns zu, und auf dem Fuß folgten ihnen die Athener und seyten sehr eifrig »ach. Ei» solches Ende nahm die Seeschlacht und die Athener eroberten acht Schiffe von Chios, fünf von Kvrinth, zwei von A m br a cia , und je eines von Syrakns, von Pellcne *) und von 8en- kas. Sie selbst verloren fünf Schisse nnd^ zwar wurden alle versenkt. Hierauf errichteten die Leute des Tbrasybulus ein Siegeszeichen auf dem Vorgebirge, wo das Grabmal der Hecnba ist, und schickten Boten mir der Nachricht von dem Siege nach Athen. Indessen schifften sie mit der ganze» Flotte gegen Cyzicus. Diese Stadt war nämlich vor der S-eschlacht zu Pharnabazus, dem Statthalter des Dari.us, und Klcarchus, dem Heerführer der Lacsdämo- nicr, übergegangen. Sie fanden sie unbefestigt und erreichten leicht ihren Zweck. Nun legten sie den Einwohnern von Cyzicus eine Geldbuße auf und fuhren nach Sestns zurück. i>>. Minbarus, der Befehlshaber der jLacedämonischen Flotte, der sich nach der verlorene» Schlacht nack^Abydns geflüchtet hatte, liest die Schiffe, welche Noth gelitten, ausbessern und schickte den Spartaner Epikles ab mit dem Auftrag, die Dreiruder auf Enbda so schnell als möglich *1 Nach. Düker //kkXyVLm»'- für /üaKXizi'aiMi'. Bergs. Thue. ViU, i06. io»2 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. herzuführen. Dieser brachte, sobald er auf Euböa ankam, die Schiffe, fünfzig an der Zahl, zusammen und segelte schleunig ab. Als aber die Dreiruder an den Berg Athos kamen, erhob sich ein so heftiger Sturm, daß die sämmtlichen Schiffe zu Grunde gingen und nur zwölf Mann sich retteten. Das bezeugt ein Denkmal, welches sich, nach dem Bericht des Ephvrus, in dem Tempel bei Koronea findet, mit folgender Inschrift: Zwölf nur wareu's. die tont an des Athos Klippen von fünfzig Schiffe» entflohen dem Tod. schwimmend an's Ufer heran; Aber das übrige Volk von schrecklichen Stürmen getroffen. Schlang mit den Schiffen des Meers mächtiger Strudel hinab. Um diese Zeit schiffte Alcibiadcs mit dreizehn Dreirudern zu dem Heer sder Atheners, als eö noch bei Samos stank. Die fFeldherrnf in Samos hatten schon längst gehört, daß er den Pharnabazus von dem Vorsah, die dreihundert Schiffe den Laeedämvnicrn zu Hülfe zu schicken, abgebracht hatte; sie nahmen ihn freundlich auf, und ep unterhandelte anit ihnen wegen seiner Rückkehr; er versprach nämlich, dem Vaterland wichtige Dienste zu leisten, und entschuldigte sich zugleich wegen seines Verhaltens und klagte bitterlich über sein Schicksal, daß er von seinen Feinden genöthigt worden sey, seine . Tapferkeit gegen das Vaterland zu.beweisen. z,. Die Kriegsleute ließen sich die Vorschläge gerne ! gefallen und schickten Botschaft darüber nach Athen. Da beschloß das Volk, den Mann von seiner Schuld loszusprechen und ihm eine Feldherrnstelle zu übertragen. Denn da sie seinen kühnen Unternehmungsgeist kannten und den Ruf, in welchem er bei den Griechen stand, so erwarteten sie natür- ior5 Ol. 92, 2. I. R. 3 , 5 . v. Chr. tu. lich, sein Beitritt werde. ihrer Partei kein unbedeutendes Gewicht verschaffen. Auch Theramenes, der damals an der Spitze der Staatsverwaltung stand, rieth dem Volk, den Alcibiades zurückzurufen. Als diese Nachricht nach-Samos kam, nahm Alcibiades zu den dreizehn Schiffen, die er mitgebracht, noch neun, lief damit gegen Halikarnaß aus und trieb Geld in dieser Stadt ein. Hierauf verwüstete er Meropis sdie Insel Kvsf und schiffte mit reicher Beute nach Samos zurück. Da er einen so großen Verrath beisammen hatte, so theilte er die Kriegsbeute sowohl unter die Truppen aus Samos als unter seine Eigenen aus, uns durch diese Freigebigkeit gewann er schnell ihre Zuneigung, Um dieselbe Zeit ließen ldic Eiuwohue'r von Antandrus, das svon Persern^ besetzt war, Truppen von den Laced «monier»' kommen, mit deren Hülse sie die Besatzung vertrieben und ihr Vaterland zu einem Freistaat machten. Die Lacedämonier standen nämlich' den Einwohnern von Antandrus darum bei, weil sie über Pharnabazus wegen der Zurücksendung der dreihundert Schiffe nach Phönicien Beschwerde führten. Hier endigt der Geschichtschreiber Thucydides sein Werk, das in acht Büchern (Einige theilen es in neun) einen Zeitraum von zwei und zwanzig Jahren umfaßt. Zk e no- phon und ThevpompnS fangen da an, wo Thucydides abbricht; und zwar umfaßt Lenvphon einen Zeitraum von acht und vierzig Jahren; Thevpompus aber beschreibt in zwölf Büchern nur siebzehn Jahre der Griechischen Geschichte, und endigt seine Erzählung mit der Seeschlacht bei Knidos- Divdor'ö hisi. Bibliothek. Dreizehntes Buch. So stand es in Griechenland und in Asten. Die R ö- mer ober führten Krieg mit dm Aegurrn und sielen mit großer Hceresmacht in das Land derselben ein. Sie schlügen ein Lager um die Stadt Rolä und eroberten sie. Nachdem die Begebenheiten dieses Jahrs vorüber waren, wurde in Athen Glancippus Archen, und in Rom wählte man zu Conluln den Marcus Cornelius und Lues us Furius sJ. R. 5s/,. v. Chr. §,o.'i. Um diese Zeit geriethen in Sicillen die Egestäer, welche Bundesgenossen der Athener gegen die Syrakusier gewesen, in große Furcht; denn ste mußten natürlich erwarten, nachdem der Krieg beendigt war, daß, die Sicilier sie für das, was sie ihnen zu Leide gethan, we den büßen lasse». Den Gerinn »ti er» traten sie das streitige Stück Landes, worüber sie Krieg mit ihnen führten, freiwillig ab, aus. Besorgniß, die Syrakusier möchten das als Verwand gebrauchen, den Seliuunkiern imMiiege beiznstehen, wo dann ihrem Staat der völlige Untergang drohen würde. Da aber die Selinun- tier außer dem streitigen Stück noch viel von dem angrenzenden Land wegnahmen, so schickten nunmehr die Einwohner von Egesta G-sandte nach Karthago, baten um Hülfe und fegten das Schicksal ihrer Stadt in die Hände der Karthager. Als die Abgeordneten, ankamen und dem Rath dir Aufträge des Volks ausrichteten, geriekhrn die Karthager in nicht geringe Verlegenheit. Auf der einen Seile wünschten sie eine so gut gelegene Stadt an sich zu ziehen, auf der andern fürchteten sie die Syrakusier, weil sie erst neulich die Hecresmacht der Athener vernichtet sahen. Da indessen io«5 Ol. 92, 3 . I. R. 344. v. Chr. 410; auch.... *), der angesehenste unter den Bürgern, de» Rath gab, sich der Stadt anzunehmen, so antworteten sie den Gesandten, sie wollen Hülfe leisten, und auf den Fall, daß man, um diesen Zweck zu erreichen, Krieg führen müßte, ernannten sie zum Feldherrn den Hannibal, welcher damals ihrer Verfassung zufolge Kbuiz hieß. Er war ein Enkel des'Hamilkar, der den Krieg mit Gelon geführt hatte und bei Himera umgekommen war, und ein Sohn des Gesko, der wegen der von seinem Vater Verlornen Schlacht verbannt war, und sein Leben in Selinus beschlossen hatte. Dem Hannibal nun, der für sich schon ein Gnechenfeind war, und überdieß die Schande der Vorfahren auszutilgen wünschte, war es darum zu thun, sich ein Verdienst um das Vaterland zu erwerben. Da er sah, daß sich die Selinuntier mit der Abtretung des streitigen Landes nicht begnügten, so schickte er zugleich mit den Egestciern Gesandte an die Syrakufler und überließ ihnen die Entscheidung darüber; das sollte dem Vorgeben nach ein Beweis von Gerechtigkeitsliebe seyn; der wahre Grund aber war, weil er dachte, die Syrakusier werden den Selinuntiern nicht beistehen, da Diese die Vermittlung nicht annehmen werden. Die Se- *) Nach nxiwrkvonrog ist höchst wahrscheinlich c7v/u/?ov- . Xkrronrog, wie Rhodomannus vermuthet, zugleich aber zwischen den beiden Worten der Name des Mannes ausgefallen. Nach Dindorf, welcher rov nach weglaßt und es vor setzt, müßte es heißen: da indessen die Meinung bei ihnen siegte, daß man sich b. St» annehmen sollte. Diodor. 8s Bdchn. 5 ioi6 Diodor's hlst. Bibliothek. Dreizehntes Buch. linuntier schickten auch Gesandte, welche die Vermittlung ablehnten und den Abgeordneten der Carthager und Egestäer nachdrücklich entgegenarbeiteten. Da faßten die Syrakusier am Ende den Beschluß, sowohl das Bündniß mit den Seli- nuntiern als den Frieden mit den Karthagern bestehen zu lassen. zz. Nach der Rückkehr der Gesandten schickten die Karthager den Egestäern fünftausend Libyer und achthundert Campaner. Diese waren von den Chalcidiern den Athenern zu dem Krieg gegen Syrakus in Sold gegeben, und nach dem unglücklichen Ausgang desselben heimgekehrt fanden sie Niemand, der sie miethen wollte. Nun aber kaufte» die Karthager Pferde für sie alle, gaben ihnen einen bedeutenden Sold und schickten sie nach Egcsta. Die Selinuntier, deren Stadt damals blühend und volkreich war, achteten der Egestäer wenig. Weil sie bei den geordneten Streifzügeo, die sie zuerst ins angrenzende Gebiet unternahmen, entschieden die Oberhand behielten, so zerstreuten sie sich nachher sorglos in der ganzen Gegend. Die Feldherrn der Egestäer aber nahmen die Gelegenheit wahr, wo sie mit den Karthagern und Campanern sie überfallen konnte». Da der Angriff nnvermuthet geschah, so brachten sie die Selinuntier leicht zum Weichen; sie machten gegen tausend Mann nieder und die ganze Beute siel in ihre Hände. Nach dem Treffen wurden sogleich Gesandte, um Hülfe zu bitten, abgeschickt, M Selinus nach Syrakus und von Egesta nach Karthago. Beide Städte sagten den Beistand zu, und so nahm der Karthagische Krieg seinen Anfang. Die Karthager, die sich auf einen schweren Krieg gefaßt machten, überließen dem Feld- Ol. 92, 3 . I. R. 34/,. v. Chr. /,ro. 1017 Herrn Hannibal, die Größe des Heeres zu bestimmen und waren zn jeder Hülfleistung bereit. Hannibal warb nu« während jenes Sommers und des nächstsolgenden Winters viele fremde Truppen aus Jberien an und hob auch zu Hause nicht wenige aus; ferner durchzog er Libyen und wählte in jeder Stadt die stärksten Leute aus. Sodann rüstete er Schiffe aus und gedachte, zu Anfang des Frühjahrs die Truppen überzusetzen. So stand es in Sicilien. z 5 . In Griechenland schiffte Dortens von Rhv- dus, der Befehlshaber der Dreiruder aus Italien, nachdem er die Unruhen in Rhodus gestillt, dem Hellespont zu, in der Absicht, sich mit Mindarus zn vereinigen. Dieser stand nämlich bei Abydus und brachte überall Her Schiffe zur Hülfe der Peloponnesier zusammen. Dortens war schon bei S ig e um an der Küste von Troas, als die Athener bei Sestus von seiner Fahrt Nachricht erhielten und mit ihrer ganzen Flotte, vier und siebzig Segel stark, gegen ihn anrückien. Eine Z it lang fuhr Dortens noch auf der hohen See, ohne zu wissen, was da geschah; als er aber die große Flotte mit Schrecken bemerkte, wußte er kein anderes Retlungsmittel als sich nach Dardanum zu flüchten. Er schiffte die Mannschaft aus, zog die Besatzung der Stadt an sich, ließ geschwind eine große Menge von Geschoßen herbeischaffen und stellte die Truppen theils vorn auf die Schiffe, theils ließ er sie eine vortheilhafte Stellung am Ufer nehmen. Die Athener schifften sehr eifrig heran, suchten die Reibe der Schiffe zu trennen und bedrängten die Feinde, indem sie mit ihren zahlreichen Schiffen von allen 5 * ioi3 Divdor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Seiten auf sie einstürmten. Sobald das Mindarus, der Befehlshaber der Peloponnesischen Seemacht, erfuhr, lief er aus Abydus mit der ganzen Flotte aus und fuhr mit vier und achtzig Schiffen Dardaneumzu, um den Leuten des Dorieus zu Hülfe zu kommen. Zu gleicher Zeit traf auch das Landheer des Pharnabazus zum Beistand der Lace- dämonier ein. Als die Flotten einander nahe kamen, stell- > ten beide Theile die Dreiruder in Schlachtordnung. Min- > darus, welcher sieben und neunzig Schiffe hatte, stellte auf den linken Flügel die Syrakusier und den rechten befehligte er selbst. Bei den Athenern führte den rechten Flügel Thrasybulus an und den andern Thrasyllus. Nachdem sie so gerüstet waren, gaben die Anführer das Zeichen zum Angriff, und auf einen Wink fingen die Trompeter an zur Schlacht zu blasen. Die Ruderer thaten so eifrig ihre Schuldigkeit und die Steuermänner gebrauchten ihr Ruder so geschickt, daß es ein bewundernswerthes Gefecht wurde. So oft nämlich die Dreiruder zum Stoß anliefen, drehten die gewandten Steuermänner in demselben Augenblick die Schiffe so, daß der Stoß die Schnäbel traf. So groß daher die Angst war, womit die Mannschaft für ihr Leben fürchtete, wenn sie ihr Schiff gegen ein anlaufendes feindliches Dreiruder schief gestellt sah, so groß war auch wiederum ihre Freude und so zuversichtlich ihre Hoffnung, wenn der Steuermann durch seine Geschicklichkeit dem Anlauf auswich. äk. Indessen war auch die Anstrengung Derer, die auf den Verdecken standen, nicht ohne Erfolg. Ware« sie weit von einander entfernt, so schvßen sie unausgesetzt mit dem Ol> 92, 5 . I. R. 3 ä 4 - v. Chr. 410. 10-9 Bogen, so daß bald der Platz voll von Pfeilen war; und kamen sie einander allmählich näher, so warfen sie mit den Lanzen, und zwar nicht blos nach der kämpfenden Schiffsmannschaft, sondern oft suchten sie auch gerade die Steuermänner zu treffen. Stießen die Schiffe aneinander, so stritten sie mit den Sperren, und wenn sie ganz nahe kamen, so sprangen sie auf die feindlichen Dreiräder hinüber und hieben mit dem Schwert ein. Erlitt der eine Theil einen Verlust, so jauchzten die Siegenden auf, und die Andern eilten mit Geschrei zu Hülfe; so schallte es wild durch einander auf dem ganzen Raum, wo die Schlacht geliefert wurde. Lange Zeit blieb das Treffen unentschieden, da auf beiden Seiten mit der äußersten Anstrengung gefochten wurde. Endlich aber erschien unvermuthet Alcibiades mit zwanzig Schiffen, der zufällig von Samos nach dem Hellespont segelte. Als diese noch in der-Ferne waren, überließen sich beide Theile der zuversichtlichsten Hoffnung, weil Zeder mein-, te, ihm komme Hülfe zu, und stritten fort mit noch viel unerschrockenerem Muth, Nun war aber die Flotte bereits nahe und die Lacedämonier konnten kein Erkennungszeichen wahrnehmen, hingegen zog Alcibiades auf seinem Schiff eine purpurne Flagge auf, was für die Athener das verabredete Zeichen war. Da geriethen die Lacedämonier in Schrecken und wandten nm; die Athener aber, voll Zuversicht auf die Gunst des Glücks, verfolgten eifrig dir zurückweichenden Schiffe. Zehn derselben fielen sogleich in ihre Hände. Aber nun erhob sich ein Sturm, und da war ihnen die Gewalt des Windes beim Verfolgen sehr hinderlich. Denn wegen der hohen Wellen ließen sich die' Fahrzeuge nicht mehr durch die Slen- loso Diodor's hi'st. Bibliothek. Dreizehntes Buch. erruder lenken, und das Anlaufen nu't den Schnäbeln war ohne Erfolg, weil die gestoßenen Schiffe rückwärts fuhren. Endlich erreichten die Lacedämonier das Ufer, und flüchteten sich zu dem Landheer des Pharnabazus. Die Athener suchten anfangs die Schiffe *> vom Lande wegzuziehen und kämpften darum wie verzweifelt; allein sie wurden von dem Persischen Heer zurückgetrieben, und fuhren wieder nach Gest us. Pharnabazus focht nämlich um so hipiger gegen die Athener, weil er sich von den Vorwürfen, die ihm die La- cesämonier machten, reinigen wollte. Er gab ihnen auch wegen der dreihundert Schiffe, die er nach Phönicien zurückgeschickt, die Erklärung, das habe er gethan, weil er gehört, daß der König der Araber und auch der von Aegypten geheime Absichten auf Phönicien haben. 47- Es war schon Nacht, als die Athener nach diesem Ausgang der Seeschlacht nach Sestns zurückfuhren; mit Tages Anbruch aber sammelten sie die Schiffstrümmer, und neben dem vorigen Siegeszeichen errichteten sie ein neues. Mindarus war um die erste Nachtwache nach Abydus gesegelt; die Schiffe, welche Noth gelitten, ließ er ausbessern und schickte nach Lacedämon um Hülfstruppen für den Land-' und Seekrieg; denn er hatte im Sinn, während die Flotte gerüstet würde, zu Lande mit Pharnabazus die mit den Athenern verbündeten Städte in Asten zu erobern. Die Chalcidier und beinahe alle übrigen Einwohner von Euböa waren von den Athenern abgefallen und dar- Nachdem sich die Lacedämonier ausgeschifft hatten. Xeno- phon Griech. G-sch. l, l, 7. l02l Ol. 92, 5 . I. R. 344 . v. Chr. 410. um in großer Furcht, sie möchten als Inselbewohner genöthigt werden, sich den Athenern zu ergeben, da diese zur See Meister waren. Sie begehrten daher von den Böo- tiern, diese sollten ihncu einen Damm über den Euripus. bauen helfen, um Enböa mit Bövtien zu verbinden. Die Böotier waren damit einverstanden, weil es auch für sie sortheilhaft war, wenn Enböa für sie festes Land würde, während es füp die Andern Insel blieb. Die sämmtlichen Städte gingen daher rüstig ans Werk und wetteiferten miteinander bei der Erbauung des Damms. Nicht blos die Bürger mußten alle miteinander zu diesem Zweck ausrücken, sondern auch die Fremdlinge, die bei ihnen wohnten. So war denn das Vorhaben bald ausgeführt, da sich so viele Menschen in die Arbeit theilten. Mit Enböa hing der Damm bei Chalcis, mit Bvotien in der Nähe von Aulis zusammen : denn in dieser Gegend war die Meerenge am schmäl- sten. Schon früher war in dieser Gegend immer eine Strömung des Meers, und die Richtung derselben änderte sich häufig; nun aber war die Gewalt der Strömung noch viel heftiger, da das Meer in einen so schmalen Raum eingeengt war; es blieb nämlich nur für ein einziges Schiff die Durchfahrt offen. Man erbaute auch hohe Thürme an den beiden Enden unhschlug hölzerne Brücken über den Durchfluß. The- ramenes wurde von den Athenern mit dreißig Schiffen abgeschickt, und suchte zuerst den Leuten die Arbeit zu wehren; als aber die Arbeiter au den Dämmen von einer großen Zahl Truppen begleitet erschienen, stand er von diesem-Vorhaben ab und schiffte nach den Inseln. Er wollte seine Mitbürger und die Bundesgenossen von Abgaben frei E2 Dlodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. machen; darum verheerte er das Land der Feknde und brachte Beute in Menge zusammen. Er besuchte auch die verbündeten Städte, und zog daselbst von den Unruhestiftern Geld ein. Als er nach Paros kam, fand er eine Oligarchie in der Stadt; da gab er dem Volk die Freiheit zurück und zog von Denen, welche die Regierung an sich gerissen, eine große Summe Gelds ein. 48. Um diese Aeit geschah es, daß in Corcyra eine große Spaltung und ein Blutbad entstand. Außer andern Ursachen soll die gegenseitige Feindschaft unter den Einwohnern die Veranlassung dazu gegeben haben. Es gab nämlich damals keinen Staat, wo so viele Bürger hiogemordet wurden, und wo man einander mit so tödtlichem Haß verfolgte. Denn die Zahl Derer, die schon vor dieser Spaltung von ihren Mitbürgern umgebracht waren, mag sich auf fünfzehnhundert belaufen, und diese gehörten Alle zu den angesehensten Einwohnern. Auf diese traurigen Begegnisse ließ nun das Schicksal ein anderes Unglück folgen, indem wiederum die innere Zwietracht zunahm. Die Vornehmsten in Corcyra, die nach einer Oligarchie strebte», waren für die Lacedä monier gestimmt; der große Haufe des Volks aber begehrte eine Verbindung mit den Athenern. Die Völkerschaften, die sich um die Oberherrschaft stritten, verfolgten nämlich entgegengesetzte Zwecke. Die Lacedämonier übertrugen in ihren verbündeten Städten den Vornehmsten die Staatsverwaltung, die Athener aber führten die Dvlksregierung in den Städten ein. Da nun die Corcyräer sahen, daß die einflußreichsten Bürger damit umgingen, die Sradt den Lacedämo- niern in die Hände, zu liefern, so baren ste sich von den IV2S Ol. 92, 3 . I. R- 244. v. Chr. 410. Athenern ein He?r zum Schuh der Stadt aus. Der Athenische Feldherr Konon schiffte nach Sorcyra und ließ sechshundert Messenier aus Naupakrus in der Sradt zurück. Er selbst fuhr mit den Schiffen weiter, und legte bei dem Tempel der Hera an. Die Sechshundert sielen nun mit der Volkspartei vereinigt unversehens, als der Markt voll war *), über die Anhänger der Lacedämonier her, und es wurden von Diesen einige.gefangen, andere getödtet und mehr als tausend verbannt. Man gab aber Sklaven die Freiheit und Fremdlingen das Bürgerrecht, aus Besvrgniß wegen der großen Zahl und der Macht der Verbannten. Diese flüchteten sich, als sie die Heimath verlasse» mußten, nach dem gegenüberliegenden festen Land. Einige Tage darauf besetzten Leute in der Sradt, die es mit den Vertriebenen hielten, den Markt, riefen fle herbei und begannen einen verzweifelten Kampf. Als endlich die Nacht dem Kampf ein Ende machte, schloßen sie einm Vergleich miteinander ließen nun den Streit ruhen und wohnten friedlich beisammen in der Heimath. So entschied sich das Schicksal der Verbannten von Corcyra- 4g. Archelaus, der König der Maced 0 nier, schloß die Stadt Pydna, die ihm den Gehorsam aufgesagt, mit einer großen Heeresmacht ein. Dabei war ihm auch Therar menes behülflich mit einer Flotte. Da sich aber die Dela- gerung in die Länge zog, fuhr er weiter nach Thracien zu Thrasybulus, dem Befehlshaber der gesammten Flotte. Archelaus betrieb nun die Belagerung von Pydna eifriger, Vormittags. s »024 Diodor's hl'st. Bibliothek. Dreizehntes Buch. eroberte die Stadt und versetzte sie ungefähr zwanzig Stadien weiter vom Meer weg: Mindarus brachte, als der Winter bereits zu Ende ging, Dreiruder von allen Seiten zusammen; aus dem Pelopönnes erhielt er nämlich viele Schiffe, und ebenso von den andern Bundesgenossen. Als die Feldherrn der Athener in Sestus hörten, wie groß die Flotte sey, welche die Feinde zusammenziehen, geriekhen sie in große Furcht, die Feinde möchten mit ihren sämmtlichen Dreirudcrn anrücken und die Schiffe in ihre Gewalt bekommen. Sie brachten daher die Schiffe, die sie in SestuS hatten, aufs.Meer, fuhren um den Chersones nnd legten bei Kardia an; und nach Thracien schickten sie Dreiruder zu Thrasybulus und Theramenes und ersuchten diese, mit der Flotte so schnell als möglich zu kommen; auch riefen sie den Aleib iades aus Lesbos herbei mit den Schiffen, die er hatte. So vereinigte sich die gesammte Flotte auf einem Punkt, weil die Feldherrn im Sinn hatten, eine entscheidende Schlacht zu liefern. Mindarus, der Befehlshaber der Laccdämonischen Flotte, fuhr nach Cyzicus, schiffte aber seine Truppen aus nnd schlug ein Lager um die Stadt. Dahin kam auch Pharnabazus mit einem großen Heer. Von ihm bei der Belagerung von Cyzicus unterstützt eroberte Mindarus die Stadt mit Sturm. Die Feldherrn der Athener beschloßen nun, nach Cyzicus zu schiffen. Sie kiesen mit den sämmtlichen Schiffen aus und fuhren um den Chersones. Zuerst kamen sie nach Eleus; nun war es ihnen aber darum zu thun, bei Nacht an der Stadt Abydus vorbeizufahren, damit die Menge ihrer Schiffe von den Feinden nicht wahrgenommen würde. Als sie nach Prö könne- 1025 Ol. 92 , 5. I. R. 5,4. v. Chr. 4 >o. su s kamen, übernachteten sie daselbst, und am andern Tag führten sie die Truppen, die sie eingeschifft, auf das Gebiet von Cyzicus hinüber und trugen dem Anführer derselben, ^ Chäreas, auf, die Stadt mit dem Heer anzugreifen. > . 5o. Aus der Seemacht aber bildeten sie drei Abtheilungen; die eine befehligte Alcibiades, die andere Theramenes rmd die dritte Thrasybulus. Alcibiades fuhr mit seiner Abtheilung den andern weit voran, in der Absicht, die Lacedä- monier zu einer Seeschlacht zu veranlassen. Theramenes rmd Thrasybulus- aber wollten durch eine geschickte Wendung sie umzingeln , wenn sie ausliefeu sind ihnen den Rückweg nach der Stadt abschneiden. Da Mindarus blos die Schiffe des ! Alcibiades anrücken sah, ohne von den andern etwas zu wissen, so kümmerte ihn das wenig; er fuhr ihnen von der Stadt aus mit achtzig Schiffen getrost entgegen. Als er der Flotte des Alcibiades nahe kam, ergriffen die Athener, wie ihnen befohlen war, zum Schein die Flucht. Hocherfreut fetzten die Peloponnester eifrig nach, als wären sie Sieger. Nachdem sie aber Alcibiades weiter von der Stadt weggelockt hatte, zog er die Flagge aus, und auf djeses Zeichen drehten sich die Dreirnder des Alcibiades in einem Augenblick um und standen plötzlich den Feinden gegenüber. Theramenes und Thrasybulus aber fuhren nach der Stadt und schnitten den Lacedämoniern die Rückfahrt ab. Da jetzt die Leute des Mindarus die Menge der feindlichen Schiffe wahrnahmen und sich überlistet sahen, geriethen sie in große Furcht; und als endlich auf allen Seiten die Athener sich zeigten, und den Peloxonnestern den Weg nach der Stadt versperrten, war Mindarus genöthigt, nach einem Ort auf dem Lande, Kleri 1026 Dl'odor's hlst. Bibliothek. Dreizehntes Buch. genannt, sich zu flüchten, wo auch Pharnabazus mit seinem Heere stand. Mcibiades verfolgte ihn eifrig; einige Schiffe versenkte er, andere, die beschädigt wurden, bekam, er in seine Gewalt. Die meisten aber fand er zunächst am Ufer vor Anker gelegt. Diese suchte er durch eiserne Hacken, womit er sie anfaßte, vom Ufer wegzuziehen. Aber die Landtruppen am Ufer kamen den Peloponnesieru zu Hülfe, und so entstand ein großes Blutbad; dem; die Athener kämpften, weil sie im Vortheil waren, mit größerer Zuversicht als rath- sam war, die Pelopoimesier aber waren an Zahl weit überlegen. Denn die Lacedämonicr unterstützte auch das Heer des Pharnabazus, und es hatte eine sicherere Stellung, da es vom Land aus focht. Als aber Thrasybulus sah, daß die Landtruppen den Feinden Beistand leisteten, so schiffte er die übrige Mannschaft aus, um den Truppen des Alcidiades Hülfe zu schaffen; und den Theramenes hieß er mit den Landtruppen des Chares *) sich vereinigen und so schnell als möglich anrücken , um sich auf dem Lande zu schlagen. 5,. Während die Athener damit beschäftigt waren, stritt sich Mindarus, der Anführer der Lacedämonier, mit Älcibia- des um die Schiffe , die Dieser wegziehen wollte, und den Spartaner Klearchus schickte er mit einem Theil der Pe- loponnesier gegen die Truppen des Thrasybulus; mit ihm sandte er auch die Söldner aus dem Heer des Pharnabazus ab, Thrasybulus leistete anfangs mit der Schiffsmannschaft und den Bogenschützen den Feinden tapferen Widerstand und tödtete Viele, während er von seinen eigenen Leuten nicht *) Desselben, der oben CHLreas genannt ist. Ol. 92, 3 . I. R. 544. v. Chr. 41°. 1027 Wenige fallen sah. Als aber die Söldner des Pharnabazus die Athener, denen sie an Zahl überlegen waren, umzingelten und von allen Seiten auf sie eindrangen, erschien The- ramenes mit seinen Landrruppen und denen des Chares. Die Leute des Thrasybulus, die ganz erschöpft waren und die Hoffnung der Rettung aufgegeben hatten, faßten auf einmal wieder neuen Muth, als diese mächtige Hülfe kam. Nachdem man lange Zeit hitzig gefochten, fingen zuerst die Söldner des Pharnabazus an zn weichen, und ihre geschlossene Reihe wurde nach und nach durchbrochen; endlich wurden auch die nun verlassene» Pelvpvnnesler unter Klearchus, nachdem fle viel geleistet und viel gelitten, zurückgedrängt. Als Diese bezwungen waren , eilte Theramenes und seine Gefährten den Kämpfenden unter Alcibrades zn Hülfe. Wiewohl sich nun die Heeresmacht auf einen Punkt zusammenzog, verlor Mindarus bei dem Angriff des Theramenes und seiner Gefährten dochzdic Fassung nicht. Er theilte die Peloponne- fler und schickte die eine Hälfte den Anrückenden entgegen,, mit der andern, die er selbst befehligte, stellte er sich den Truppen des Alcibiades gegenüber; da bat er jeden Einzelnen, Sparta's herrlichem Namen keine Schände zu machen, besonders !da sie zu Lande fechten. Er stritt sich heldenmü- thig um die Schiffe, und er selbst that es im Gefecht Allen zuvor und erlegte viele'Feinde; endlich aber fiel er im rühmlichen Kampf für das Vaterland, von den Leuten des Alcibiades getödtet. Als er aber umgekommen war, liefen die Pelvponnefler und alle Bundesgenossen zusammen und ergriffen voll Bestürzung die Flucht. Die Athener verfolgten die Feinde eine Strecke weit; da sie aber. erfuhren, baß Phar- 1028 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. nabazus mit einer zahlreichen Reiterei eilig anrücke, kehrten sie zu den Schiffen zurück, besetzten die Stadt und richteten zwei Siegeszeichen auf für die beiden Schlachten, für die zur See auf der sogenannten Insel des Polydorus, und für die zu Lande da, wo sie zuerst dett Feind zum Weichen gebracht. Die Peloponnesier in der Stadt und Alle, die aus der Schlacht entronnen waren, flüchteten sich unter den Schutz des Lagers von Pharnabazns. Die Feldherrn der Athener bemächtigten sich der sämmtlichen Schiffe; auch hat- ten sie viele Gefangene und eine unermeßliche Menge .von Beute zusammengebracht, da sie ja zwei so große Heere zugleich besiegt hatten. 5i. Als nach Athen die Nachricht von dem Siege kam, durch den der Stadt nach den früheren Unfällen ein so unverhofftes Glück widerfahren war, frvhlockre das Volk über die Gunst des Schicksals und von der gesummten Bürgerschaft wurden den Göttern Opfer gebracht und Festaufzüge gehalten. Für den Krieg hob man tausend der Stärksten aus zu Schwerbewaffneten und hundert Reirer; ferner schickte man den Truppen des AlcibiaLes noch dreißig Dreiruder, damit sie zur See Meister wären, und also ohne Gefahr die Lacedämvnisch gesinnten Städte belagern könnten- Die Lacedämonier aber schickten, als sie von der Niederlage hörten, welche sie bei Cyzicus erlitten , eine Gesandtschaft nach Athen, um über den Frieden zu unterhandeln: An der Spitze derselben stand End ins. Er trat, als ihm zu sprechen erlaubt wurde, auf und hielt eine kurze lakonische Rede. Ich will daher nicht unterlassen, seinen V.rtrag einzurücken. „Wir wollen Frieden mit euch schließen, Bür- Ol. 92, 5 . I. R- 544 - v. Chr. 4-0. 1029 ger von Athen; jeder Theil soll die Städte behalten, die er im Besitz hat, aus den Festungen des andern Staates aber die Besatzungen zurückziehen; die Gefangenen sollen ausgewechselt werden, je für einen Athener' ein Lacedämonier. Wir wissen wohl, daß Beiden der Krieg NaGheil bringt, aber euch viel mehr. Davon möget ihr euch, statt mir aufs Wort zu glauben, durch den Augenschein überzeugen. Unser Ackerfeld ist der ganze Peloponnes, das eurige ein kleiner Theil von Attika. Den Lacedämoniern hat der Krieg viele Bundesgenossen verschafft, den Athenern aber eben so viele genommen, als er ihren Feinden gegeben hat. Uns zahlt der reichste König von der Welt die Kriegskosten, euch aber die ärmsten Leute von der Welt. Darum ziehen dir Unsrigerr wegen des großen Soldes mit Freuden ins Feld; die Euri- gen aber, die von ihrem eigenen Vermögen steuern müßen, scheuen die Beschwerden nicht nur, sondern auch die Kosten. ! Ferner hat bei uns, da wir Pelopouuesier *) anfs Meer schicken, die Stadt mehr für die Fahrzeuge zu fürchten; ihr aber habt grWentheils Bürger auf den Schiffen. Und was die Hauptsache ist, wir haben, wenn wir auch bei den Unternehmungen zur See besiegt werden, doch noch die Oberherrschaft zu Lande; denn die Spartanischen Landtrnppen kennen i die Flucht nicht; ihr hingegen kämpfet auf der See nicht *) Nach 7iL/t7ioorLg kann //LXo71 0 V!-os 0 vg- ausgefallen seyn. Nach Dindorf's Vermuthung noXL/iovrrxg für 7 rr/t 7 ionrx§ und ztörou für /läXXov hieße es; ferner li. v. u., wenn wir den Krieg zur See führen, die Stadt nur für d> F. zu f. !vZo Dlodor's hlsi. Bibliothek. Dreizehntes Buch. um die Oberherrschaft *), sondern um den heimischen Boden. Noch muß ich erklären, wie es kommt, daß wir, die wir doch so viele und so wichtige Vortheile im Krieg haben, Friedensvorschläge machen. Ich behaupte nicht, Sparta habe Nutzen von dem Krieg, sondern nur, es habe weniger Schaden als Athen. Aber wahnsinnig müßte Der seyn, der gerne mit den Feinden unglücklich sey» wollte, während es ihm frei stände, durchaus vor jedem Unglück sich zu sichern. So groß ist ja die Freude über den Untergang der Feinde nicht als der Schmerz, den man bei dem Elend seiner eigenen Leute empfindet. Aber nicht blos deßwegen wünschen wir eine Aussöhnung, sondern auch weil wir der Sitte unserer Väter treu bleiben wollen. Denn wenn wir die vielfachen schrecklichen Uebel betrachten, die durch die Feindseligkeiten im Kriege verursacht werden, so glauben wir es öffentlich vor allen Göttern und Menschen bezeugen zu müßen, daß daran wir am allerwenigsten Schuld sind." 55. Diese und ähnliche Vorstellungen machte der Lace- dämonier. Da wurden die Gemäßigten unter den Athenern zum Frieden' geneigt; die aber, welche Krieg anzustiften pflegten, und aus der Verwirrung im Staat Gewinn für sich zogen, erklärten sich für den Krieg. Diese Ansicht unterstützte namentlich Kleophon, damals der gewaltigste Volksführer. Er trat auf und hielt eine lange, seinem Zweck angemessene Rede, wodurch er das Volk aufregte, indem er *) Vielleicht hat, weil man zu etwas vermißte, der Eine rH in rHg' verwandelt- Ler Andere aber hineingesetzt. loZi Ol. 92, 4. I. R. 345 . v. Chr. 409. die errungenen Vortheile als sehr glänzend schilderte; als ob das Glück nicht gewohnt wäre, im Kriege seine Gunst abwechselnd bald diesem, bald jenem Theil zuzuwenden. Die Athener faßten einen unglücklichen Entschluß, den sie bereuten, als es nichts mehr half; durch Leute, die ihnen zu Gefalle» redeten, irre geführt, erlitten fle eine so völlige Niederlage, daß fle sich nie mehr ganz erholen konnten. Doch von diesen spätern Begebenheiten wird zur gehörigen Zeit die Rede werden. Für jetzt waren die Athener voll Vertrauen auf ihr Glück und machten sich vielerlei große Hoffnungen, weil Alcibiades nun ihre Heere anführte; fle dachten die Oberherrschaft bald wieder gewonnen zu haben. 5z. Nachdem die Begebenheiten dieses'Jahrß vorüber waren , wurde in Athen Diokles Archen, und in Rom bekleideten die Konsulswürde Quint Ns Fabius und Cajus ^ Für ins sJ- R. Zz5. v. Chr. zog.j. Um diese Zeit brachte -Hannibal, -der Feldherr der Karthager die Truppen zusammen, die er in Jberien angeworben und in Libyen aus- gehoben. Er bemannte sechzig Kriegsschiffe und rüstete gegen fünfzehnhundert Lastschiffs. Auf Liesen führte er die Truppen und die Belagerungswerkzeuge und Geschoße und die übrigen Kriegsmrttel hinüber. Nachdem er mit der Flotte über das Libysche Meer gefahren, landete er an dem Vor- ' gebirge von Sicilien, das Libyen gegenüberliegt und Li- lybäum heißt. Es waren gerade damals in dieser Gegend Reiter aus Selinus; diese sahen die große Flotte heranse- geln, und gaben schnell ihren Mitbürgern Nachricht von der Ankunft der Feinde. Die Selinuntier schickten sogleich Bo- Diodor. 8s Bdchn. 6 1032 Diodor's hift. Bibliothek. Dreizehntes Blich. ten nach Syrakns und baten um Hülfe. Hannibal schiffte seine Truppen aus und. schlug ein Lager, das bei dem Brunnen anfing, der damals Lilybäum genannt wurde, und von welchem die viele Jahre später daselbst erbaute Stadt eben diesen Namen erhielt. Im Ganzen hatte Hannibal, wie Ep Horns schreibt, zweimal hunderttausend Mann Fußvolk und viertausend Reiter, nach der Angabe des Tim aus aber nicht viel mehr als hunderttausend Mann. Die Schiffe brachte er in dem Meerbusen von Motya alle aufs Trockene; er wollte damit den Syrakustern zu verstehen geben, er sey nicht gekommen, um sie zu bekriegen oder eine Seemacht vor Syrakns rücken zu lassen. Nachdem er die Truppen von den Egessäern und von den andern Bundesgenossen an sich gezogen, brach er von'Lilybäum auf und zog gegen Selinus. Als er an den Fluß Mazarus kam, nahm er den an demselben gelegenen Waarenplatz auf den ersten Angriff weg. Da er vor der Stadt anlangte, theilte er sein Heer in zwei Theile. Er schlug, ein Lager um die Stadt, richtete das Sturmzeug gegen die Mauern und betrieb die Angriffe mit allem Eifer. Er ließ sechs Thürme von außerordentlicher Höhe errichten, und eben so viel mit Eisen beschlagene Sturmböcke gegen die Mauer stoßen. Da er über- dieß viele Bogenschützen und Schleuderer hatte, so konnten sich die Vertheidiger auf den Mauerzinnen nicht halten. 55. Die Selinuntier, die seit langer Zeit keiner Belagerung ausgesetzt, und im Krieg mit Gelon die einzigen unter den Tiriliern gewesen waren, die den Karthagern beistanden, hatten nicht erwartet, von Diesen zum Dank in so schreckliche Noth gebracht zu werden. Da sie nun die gewaltigen Ol. 92 , q. I. R. 3si5. v. Chr. L 09 . Iv53 Zulüftungen und die Menge der Feinde sahen, geriethen sie iu große Furcht und zagten vor dem gefahrvollen Kampf, der Me>i drohte. Doch verzweifelten sie nicht gänzlich an der Rettung, sondern wehrten mit gesammter Macht die Feinde von den Mauern ab, in der Hoffnung, daß bald die Syra- kusier und die andern Bundesgenossen kommen werden. Die Leute in den besten Jahren standen alle unter den Waffen und im Gefecht; die Aelteren schafften die Bedürfnisse herbei und baten die Jüngeren, indem sie an den Mauern hin und her gingen, sie möchten sie doch nicht den Feinden in die Hände fallen lassen: Weiber und Kinder trugen, des Auslands und der zur Fricdenszeit gewohnten Schüchternheit vergessend, den Vertheidigern des Vaterlands die Nahrungsmittel und die Geschvße zu. So groß war die Bestürzung, die da herrschte uud die Umstände so dringend, daß man sogar die Hülfe der Weiber nöthig hatte. Hannibal, der seinen Truppen die Stadt zur Plünderung zu überlassen versprochen hatte, ließ gegen die Mauern die Belagerungswerk- zeuge stoßen und die tapfersten seiner Leute abwechselnd anrücken. Während die Trompeten das Zeichen zum Angriff gaben, erhob wie auf einen Wink das ganze Heer der Karthager den Schlachtruf. Durch die Gewalt der Sturmböcke wurden die Mauern erschüttert, und durch Geschvße von den hohen Thürmen viele Selinuntier getödtet. Sie hatte» während der langen Friedenszeiten nicht die geringste Sorge auf die Mauern gewendet und wurden nun leicht überwältigt, da die hölzernen Thürme die Mauern weit überragten. Als die Mauer fiel, drangen die Camp an er, die gern eine 6 » ioZ4 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. ausgezeichnete That verrichtet hätten, sogleich in die Stadt: Das erregte anfangs Schrecken, da es nur Wenige waren, die ihnen gegenüberstanden; nachher aber, als Viele znr Abwehr herbeieilten, wurden sie mit bedeutendem Verlust zurückgedrängt. Denn da fle über den noch nicht ganz aufgeräumten Schutt der Mauer einstürmten und beim Angriff einen schwierigen Stand hatten, so wurden sie Deicht überwunden. Als die Nacht einbrach, hörten die Karthager, auf zu stürmen. 56. Die Selinuntier aber wählten die besten Reiter aus, - und schickten fle geschwind in der Nacht theils nach Agri- gent, theils nach Gela und Syrakus, um schleunige Hülfe zu bitten, da die Stadt nicht länger der Gewalt der Feinde widerstehen könne. Die Agrigentiner und GeloSc warteten nun auf die Syrakufler, um mit vereinigter Macht ^ gegen die Karthager anrücken zu können. Die Syrakufler aber machten, al's fle die Nachricht von der Belagerung erhielten , erst ihrem Krieg mit den Chalcidiern ein Ende, zogen die Truppen aus der Gegend zusammen, und ließen unter großen Znrüstungen die Zeit hingehen, .weil sie glaubten, die Stadt werde wohl erobert , aber nicht zerstört werden. l Hannibal griff, als die Nacht vergangen war, mit. Anbruch I des Tages von allen Seiten an. Den schon meistens *') *) Für TioXrossx- wird xxTio^loox^A^LkrFar zu lesen seyn. Für TiöXrn kam; man vielleicht r« moXv setzen, und dann mit Dindors die Lesart xwrxOcrXk statt x«rx^«Os vorziehen. io33 Ol. 92, 4. I. R. 345 . v. Chr. 409. eingefallenen Theil der Mauer und den zunächst angrenzenden riß er mit dem Sturmzeug vollends nieder. , Dann räumte er den Play, wo die, Mauer gefallen war, ab und führte die besten Truppen abwechselnd ins Gefecht. So trieb er allmählich die Selinnntier zurück. Doch war er nicht im Stande, sie zu überwältigen, da bei dem Kampf-für sie Alles auf dem Spiele stand. Auf beiden Seiten kamen Viele um; aber bei den -Karthagern rückten immer frische Kampfer nach, während die Selinnntier keine Hülfe mehr im Rückhalt hatten. Neun Tage wurde das Stürmen mit unbeschreiblicher Wuth fortgesetzt, und vielfach und schrecklich war der Schaden, den die Karthager litten und den sie anrichteten. Als die Iberer über die eingefallene Mauer stiegen, schrieen die Weiber, die auf den Dächern standen, laut ant; da erschracken die Selinnntier, weil sie meinten, die Stadt werde eingenommen; sie verließen die Mauern und stellten sich in dichten Schnarrn an die Eingänge der engen Gassen, bemühten sich, die Straßen zu verrammeln und leisteten den Feinden lange Zeit Widerstand. Als aber die Karthager durchdrängen, eilten Weiber und Kinder, haufenweise auf die Dächer, und warfen die> Steine und die Ziegel auf die Feinde. Da erging es geraume Zeit den Karthagern übet, weil sie den Feind in den engen Gaffen wegen der Mauern der Häuser nickt umzingeln konnten, und eben so wenig im offenen Kampf ihm gegenüber standen, da man von den Dächern auf sie warf. Dennoch setzten sie das Gefecht bis zum Abend fort, wo dann den Kämpfern auf den *) Nach Diudorf xai rillAksn für tzlrit 07 iaALrn. -o56 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Dächern ihre Geschoße ausgingen, die Karthager aber die erschöpften Truppen durch frische Streiter ablösen ließen. Endlich wurden, da die Mannschaft.der Vertheidiger zusammenschmolz und immer mehr Feinde in die Stadt einfielen, die Selinuntier aus den engen Gaffen verdrängt. 67. Als denn nun die Stadt-erobert wurde, hörte man bei den Griechen Wehklagen und Weinen, und bei den Fremden Jauchzen und wildes Geschrei. Jene sahen mit banger Erwartung dem traurigen Schicksal, das ihnen drohte, ent- . gegen; Diese im stolzen Vertrauen auf ihr Gl-ück ermunterten einander , zum Morden. Die Selinuntier liefen auf den Markt zusammen, und Alle, die dorthin kamen, fanden käm- xfend den Tod. Die Fremden zerstreuten sich in der ganzen Stadt und plünderten die reichen Verrathe in den Häusern. Die Menschen, die man in den Häusern fand *), wurden theils mit denselben verbrannt, theils auf die Straßen ge.. schleppt, und miteinander ohne Unterschied des Geschlechts und des Alters Kinder, Säuglinge, Weiber, Greise gemordet, ohne alles Erbarmen. Sie verstümmelten auch noch die Todten, nach der vaterländischen Sitte; Einige hatten eine ganze Reihe von Händen an sich hangen, Ändere trugen Köpfe auf die Lanzen und Speere gesteckt herum. Wenn sie i aber Weiber fanden, die sich mit den Kindern in die Tempel geflüchtet hatten, so riefen sie, die.dürfe man nicht töd- ten. Ihnen allein versprachen sie Gnade; aber nicht aus Mitleid mit den Unglücklichen thaten sie das, sondern weil *) Für r/xarcrXkripArnrcnn wird — zu lesen seyn. Vergl. XV. 67. Ol. 92 , 4. I. R. 345. v. Chr. 409. '^7 sie besorgten, die Weiber möchten, wenn sie keine Rettung zu hoffen hätten, die Tempel verbrennen und dann würden ihnen die kostbaren Weihgeschenke nicht zum Raube. Sv . viel größer war bei diesen Barbaren die Rohheit als bei andern Völkern. Sonst schenkt man Denen, die sich in die Tempel flüchten, d.as Leben, um sich nicht an der Gottheit zu versündigen; die Karthager hingegen schonten der Feinde deßwegen, damit sie die Tempel der Götter berauben könnten. Bis in die Nacht wurde in der Stadt fortgeplündert; die Häuser wurden theils verbrannt, theils niedergerissen. Sechzehntausend Menschen lagen todt auf den Straßen; über- dieß hatte man mehr als fünftausend Gefangene zusammengebracht. 58. Die Griechen, die in dem Heer der Karthager dienten, fühlten Mitleid mit dem Lovs der Unglücklichen, als sie den Wechsel des Schicksals betrachteten. Ihrer gewohnten Bequemlichkeiten beraubt, brachten die Frauen die Nacht unter den Mißhandlungen der Feinde in bitterem Jammer hin. Manche mußten ihre mannbaren Töchter dulden sehen, waS diesem Alter nicht ziemte. Denn die Rohheit der Barbaren verschonte weder freigeborne Knaben noch Jungfrauen und bereitete ihnen ein jammervolles Schicksal- Wenn nun die Frauen an die Knechtschaft dachten, die ihnen in Libyen bevorstand, wenn sie sich und ihre Kinder unter Schmach und Schimpf von den Gebietern zum Gehorsam gezwungen sahen, wenn sie die unverständliche Sprache derselben hörten, und ihre thierischen Sitten wahrnahmen, so bejammerten sie ihre noch lebenden Kinder, und bei jeder Kränkung, welche Diesen widerfuhr, ging ein Stich durch io33 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. ihr blutendes Herz, und schmerzlich beweinten sie ihr eigenes Loos; die Vater aber und die Bruder, die im Kampf für das Vaterland gefallen waren, priesen sie glücklich, daß sie nicht erlebt hätten, was ihres Heldenruhms unwürdig wäre. Die der Gefangenschaft entgangenen Selinnntier, zweitausend sechshundert an der Zahl, retteten sich nach Agrigent ! und fanden dort eine sehr menschenfreundliche Ausnahme. Die Agrigsntiner wiesen ihnen von Staatswegen Getreide an, das von Haus zu Haus ausgetheilt wurde, und förderten die Bürger, die für sich schon dazu bereit waren, auf, sie mit Wem, was sie zu ihrem Unterhalt bedürften, zu unterstützen. 5g. Während das geschah, langten in Agrigent dreitausend Mann auserlesene Truppen aus Syrakus an, die in Eile vorausgeschickt waren, um Hülfe zu bringen. Da ^ sie aber hörten, daß die Stadt erobert sey, ließen sie den Hannibal durch Abgeordnete auffordern, die Gefangenen gegen Lösegeld freizugeben, und die Tempel der Götter stehen zu lassen. Hannibal antwortete, die Gelinunn'er mögen es, da sie die Freiheit nicht haben behaupten können, nun mit der Sklav'erei versuchen, die Götter aber wandern von Ssli- uus aus, wei! sie von den Einwohnern erzürnt seyen. Doch gab Hannibal, als die Flüchtlinge den Empedivn als Vermittler abschickten, diesem sein Vermögen zurück; denn er war immer den Karthagern geneigt gewesen, und hatte vor der Belagerung seinen Mitbürgern gerathen ^), die Karthager nicht z« bekriegen. Ihm zu lieb gab er seine Ver- *) Nach Reiske für Ol. 92, 4 . I. R. 345 . v. Chr. 409. 1089 wandten, die unter den Gefangenen waren, frei, und den entflohenen Seliuuntiern erlaubte er, die Stadt zu bewohnen und das Feld zn bestellen, wenn sie den Karthagern zinsbar seyn wollten. Die Stadt war, von der Erbauung an, zweihundert zwei und vierzig Jahre gestanden, als sie erobert wurde. Nachdem Hannibal die Mauern von Seli-- nus geschleift, bracher mit dem ganzen Heer gegen Himera auf/ Denn diese Stadt vorzüglich wünschte er zu zerstören. Um ihretwillen war nämlich sein Vater verbannt worden, und sein Großvater Hamilkar war dort, von Gelon überlistet, umgekommen , und mit ihm waren hundert fünfzigtau- send Mann gefallen und eben so viele in Gefangenschaft gerathen. Dafür nun wellte Hannibal Rache nehmen. Er ließ' vierzigtansend Mann auf Anhöhen in einiger. Entfernung von der Stadt sich lagern, und mit dem ganzen übrigen Heer schloß er dje Stadt ein; es waren auch noch von den Sicu- leru und Sicanern zwauzigtausend Mann zn ihm gestoßen. Er stellte das Sturmzeug auf und erschütterte die Mauer an mehreren Stellen. Eine große Truppenzahl führte er abwechselnd ins Gefecht, so daß die Belagerten abgemattet wurden', besonders da der Muth seiner Leute durch ihr: . Glück erhöht war. Er ließ überdicß die Mauern untergraben und mit Gebälk stützen; als dieses angezündet wurde, fiel schnell ein großer Theil der Mauer ein. Da entstand nun ein sehr hitziges Gefecht. Die Einen wollten mit Gewalt durch die Lücke der Mauer eindringeu; die Andern aber fürchteten, es mochte ihnen ergehen wie den Selinunüern» und waLtrn daher das Aeußerste rm Kampf für Kinder und Eltern und für das Vaterland, dessen Vertheidigung Allen Diodvr's bist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. am Herzen lag. So wurden die Fremden zurückgedrängt, und die Mauer baute man an dieser Stelle schnell wieder auf. Es kamen auch die Syrakusischen Hnlfstruppen auS Agrigent an und Mannschaft von den andern Bundesgenossen , im Ganzen gegen viertausend Mann; sie standen unter dem Befehl desSyrakusiers Dioklcs. 60. Da die Nacht die Fortsetzung des Kampfs verhinderte, so hörte für jetzt das Stürmen auf. Die Himeräer aber, entschlossen', sich nicht so schimpflich einschließen zu lassen wie die Selinuntier, stellten mit Tagesanbruch Wächter auf die Mauern, und machten mit den übrigen Truppen und den angekommenen Hülfsvölkern einen Ausfall; es waren ungefähr zehntausend Mann. Da sie die Feinde unvermuthet überraschten, so geriethen die Fremden in Schrecken; denn sie meinten , es kommen Hnlfstruppen für die Belagerten. Und weil Jene viel kühner und gewandter waren, besonders, weil die einzige Hoffnung der Rettung auf dem Erfolg dieses Kampfs beruhte, machten sie die Ersten, die sich widersetzten, sogleich nieder. Die ganze Menge der Fremden lies in großer Unordnung'zusammen, weil sie nie gedacht hätten, . daß die Eingeschlossenen- etwas dergleichen wagen würden. Das brachte ihnen nicht geringen Nachtheil. Denn das ungeordnete Zusammendrängen von achtzigtausend Mann auf einem Punkt hatte zur Folge, daß die Fremden einander ^ selbst anfielen und mehr Schaden von ihren eigenenMeuten als von den Feinden litten. Die Himeräer, denen von den Mauern aus Eltern und Kinder und alle ihre Angehörige» zusahen, schonten ihres Lebens nicht im Kampf für das all- Ol. 92 , -j. I. R. 3-j5. v. Chr. stog. gemeine Wohl. Sie fochten so tapfer, daß die Fremden, über die außerordentliche Kühnheit bestürzt, die Flucht ergriffen. Sie flohen in völliger Verwirrung Denen zu, die auf den Anhöhen gelagert, waren. Jene setzten nach und riefen einander zu, keinem das Leben zu schenken. Sie tödteten, wie Tim aus berichtet, mehr als sechstausend, nach Ep Horns aber mehr als zwanzigtaufend Mann. Als Hannibal sah, daß seine Leute Noth litten, führte er die Truppen, die auf den Anhöhen gelagert waren, herab und brachte den Bedrängten Hülfe. Da fand er die verfolgenden Himeraer in völliger Unordnung. Es entstand ein hitziges Gefecht; der größte Theil der Himeraer ergriff die Flucht; dreitausend von ihnen aber leisteten der Uebermachk der Karthager Widerstand und wurden, nachdem sie Großes geleistet, Alle niedergemacht. 61. Dieses Treffen war schon vorüber, als vor Himera fünf und zwanzig Dreiruder ankamen, welche früher von den Siciliern den Lacedämvniern zu Hülfe geschickt waren und nun von-dem Kriegszug zurückkehrten. Zugleich verbreitete sich das Gerücht in der'Stadt, die Syrakusier ziehen mit gesammter Macht und mit den Bundesgenossen den Hi- meräern zu Hülfe, und Hannibal sey im Begriff, die Dreiruder in Motya mit den besten Truppen zu bemannen, nach Syrakus hinüberznschiffen und die von Vertheidigern ent- blöste Stadt einzunehmen. Nun rieth Divkles, der Anführer des Heers in Himera, den Schiffshauptleuten, schleunig nach Syrakus unter Segel zu gehen, damit nicht die Statt mit Sturm erobert würde, während die besten Trup- Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. peu in der Ferne *) den Krieg führten. So hielten sie es denn für das Beste, die Stadt zu verlassen und die Hälfte auf den Dreirädern einzuschiffen (auf diesen sollten sie nämlich so weit fahren, bis sie außerhalb des Gebiets von Hi- mera wäre»), mit der andern Hälfte aber zu warten, bis die Dreiruder wieder zurückkämen. Die Himeräer waren mit dem Vorschlag unzufrieden, allein sie wußten nichts anderes zu thun. ES wurde also auf den Dreirudern bei Nacht in Eile ein gemischter Haufe von Weibern uns Kindern und dem übrigen Volk eingeschifft, um sie auf denselben in der Richtung von Messens wegzuführen. Divkles nahm seine Truppen mit sich, ließ die iu der Schlacht Gefallenen zurück und machte sich auf den Weg nach Hause. Viele Himeräer mit Werbern und Kindern zogen mit den Lenken des Diokles aus, weil die Dreirnder die Menschenmenge nicht fassen konnten. ' 6r. Die in der Stadt Zurückgelassenen blieben die Nacht durch unter den Waffen auf den Mauern. Mit Tagesanbruch schloßen die Karthager die Stadt ein und machten häufige Angriffe. Die zurückgelassenen Himeräer schonten sich nicht im Kampf, weil sie auf die Ankunft der Schiffe hofften. Diesen Tag hielten sie aus; als aber am folgenden die Dreiruder erschienen, fiel bereits die Mauer unter dem Sturm- zeug und dir Iberer drangen in dichten Schämen in dir *) Es sollte vielleicht heißen «liourmv für criroXcoXüNM>'- DaS letztere müßte den Sinn geben: sonst sey zu erwarten. daß die Stadt sHimeras mit Sturm erobert werde, da die besten Truppen in her Schlacht gefallen seyen. Ol. 92 , I. R. 345 . v. Chr. 409. 1045 Stadt ein. Ein Theil der Fremden wehrte nun die svon den Schiffe» herf zu Hülfe eilenden Himeräer ab ; der andere Theil befehle die Mauern und half dem Heer herein. So winde die Stadt mit ,Stnrm erobert, und lange Zeit mordeten die Fremden ohne Erbarmen alles, was ihnen aufstieß. Als Hannibal Befehl gab, Gefangene zu machen, hörte das Morden auf, und nun wurden die reichen Vorrathe in den Häusern geplündert. Hannibal beraubte und verbrannte die Tempel; die Schuhflehenden, die sich dahin geflüchtet, ließ er fortschleppen. Die Stadt machte er dem Boden gleich; sie war vor zweihundert und vierzig fJahrsn erbaut. Die gefangenen Weiber und Kinder vertheilte er unter dem Heer und ließ sie am Leben. Die Männer aber, die in Gefangenschaft gerathen waren, gegen dreitausend an der Zahl, ließ er wegführen auf den Platz, wo einst sein Großvater Ha- milkar von Gelon geködtet war, und Alle martern und hinrichten. Hierauf entließ er das Heer und schickte die Sici- lischen BunLestruppen nach Hause? Mit Dielen zogen auch die Campaner, die übrigens *) den Karthagern den Vor- wurf machten, sie vorzüglich haben den glücklichen Erfolg herbeigeführt, aber nicht den verdienten Dank für ihre Thaten empfangen. Seine eigenen Truppen, wovon er den Bundesgenossen eine hinreichende Anzahl zurückließ, brachte Hannibal auf die Kriegs - und Lastschiffe und ging von Sici- lien unter Segel. Als er mit der reichen Beute in Karthago ankam, begrüßte ihn Jedermann mit Freuden und , *) Für zrcv rol§ sollte es vielleicht zlövror heißen. io44 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. mit Ehrenbezeugungen, weil er in kurzer Zeit mehr geleistet als die früheren Feldherrn. 65. Der S y r a k u s i e r Hermvkrates kam nach Si- eilien zurück. Er hatte als Heerführer im Krieg gegen die Athener dem Vaterland wichtige Dienste geleistet und vermochte sehr viel in Shrakus. Nachher aber, da man ihn ' als Befehlshaber zur See» mit fünf undzdreißig Dreirudern den Lacedämoniern zu Hülfe geschickt , wurde er von der Gegenpartei verfolgt, und durch eine» Urtheilsspruch verbannt, übergab er die Flotte im Prloponues den Nachfolgern, die man dahin sandte. Er bekam aber von dem Persischen Statthalter Pharnabazus, der während des Feldzugs sein Freund geworden war, eine große Summe Gelds, womit er nach Messcne schiffte, fünf Dreiruder baute und tausend Mann in Sold nahm. Dazu erhielt er noch gegen tausend j von den vertriebenen Himeräerm. Nun suchte er mit Hülfe seiner Freunde seine Zurückbcrufung nach Syrakus zu bewirken. Da er aber seinen Zweck nicht erreichte, so zog er durch das Binnenland, besetzte Selinus, ummauerte einen Theil der Stadt und rief von allen Seite» die noch geretteten Selinuntier herbei. Er nahm auch viele Andere an jenem Ort auf und brachte sechstausend Mann auserlesene Truppen zusammen. Von dort aus rückte er verheerend zuerst in das Gebiet von Motya ein und schlug die i Truppen, die ihm aus der Stadt entgegenkamen, in einem Treffen, wo er Viele tödtete und die übrigen in die Mauern zurücktrieb. Hierauf plünderte er das Gebiet von Panor- mut und machte unermeßliche Beute. Die Panormiten lie- , ferten ihm mit gesammter Macht vor der Stadt ein Treffen; Ol. 92, 4. I. R. 34h. v. Chr. 469. 104^ datödtete er gegen fünfhundert Mann und die klebrigen mußten sich in ihre Mauern einschließen. Eben so verheerte er auch alle andern Gegenden, die unter den Karthagern standen , und erwarb sich dadurch den Beifall der Sicilier. Bald wurde auch der größere Theil der Syraknsier umgestimmt; sie sahen ein, daß ein so tapferer Mann wie Hermokratcs mit Unrecht verbannt sey. ES wurde daher in den Volksversammlungen häufig von ihm die Rede, und das Volk war entschieden geneigt, den Mann wieder aufzunehmen. Da nun Hermokratcs hörte, wie geachtet sein Name in Syrakus war, so gab er sich Mühe, seine Zurückberufnng einzuleiten; denn er wußte, daß die Partei der Widersacher dagegen arbeiten würde. So stand es in Si eilten. 6z. In Griechenland wurde Thrasyllus von den Athenern mit dreißig Schiffen und einer großen Zahl von Schwerbewaffneten und mit hundert Reitern abgeschickt und fuhr nach Ephesus. Er schiffte sein Heer aus und machte auf zwei Seiten Angriffe. Man zog ihm aber anS der Stadt entgegen, und es kam zu einem hitzigen Gefecht. Die Ephe- ser vertheidigten sich mit gesummter Macht, und so fielen von den Athenern vierhundert; mit den Uebrigm zog sich ThrasylluS auf die Schiffe zurück und fuhr weiter nach Lerbos. Die Athenischen Feldherrn, die bei CvzicuS standen, schifften nach Chalcedon und bauten die Festung Chrysopolis. Daselbst ließen sie eine hinreichende Besatzung zurück und trugen den Befehlshabern derselben auf, von den Schiffern, die aus dem Pöntus kommen, einen Zehenten einzuziehen. Hierauf theilten sie ihre Streitkräfte; Therameues blieb mit fünfzig Schiffen zurück, nm Chal- iosi6 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. eedon und Byzanz zu belagern; Thrasybulns aber ging an die Grenze von Thracier: ab, und brachte die Städte in diesen Gegenden auf die Seite der Athener. A l- crbiades ließ den Thrasyllus mit den dreißig Schiffen weiter fahren und segelte nach der Gegend, die unter Phar- nabazus stand. Hier verheerten sie, miteinander vereinigt, eins weite Streck«. 'Die Truppen fanden genug zu plündern, und aus der Beute erlösten die Feldherrn eine Summe Gelds, um dem Volk die Abgaben zu erleichtern. Als die Lacedämo nier erfuhren, daß die sämmtlichen Heere der Athener am Hellespout stehen-, unternahmen sie gegen P y- lvs, welches Messe nier besetzt hielten, einen Zug zur See mit eilf Schiffen, worunter die von Sicilien waren, und fünf*), die sie mit eigenen Leuten bemannten; und zugleich ' ließen sie zu Lande eins hinreichende Macht anrücken. So schloßen sie die Festung ein und belagerten sie **) zu Wasser und zu Land. Da das Volk der Athener Nachricht davon erhliet, schickte es den Feldherrn Anyt.us, Anthe- mivn's Sohn, mit dreißig Schiffen den Belagerten zu Hülfe. Er lief aus, konnte aber Stürme halber sdas Vorgebirges Male« nicht umschiffen und fuhr nach Athen zurück.. Darüber war das Volk aufgebracht; man beschuldigte ihn des Berraths und stellte ihn vor Gericht. Anytus rettete fein Leben mus der drohenden Gefahr durch Geld. Er soll in *) Nach Dindorfs Vorschlag, Fs vor erc hinemzusetzen. **) Wie man nach Diudorf irk(narolrkKLu<7«nrks für zu seyen hat, so rtkoXlös'xovv für Ol. 92, I. R. 345 . v. Chr. 409. 1047 Athen der Erste gewesen seyn, der einen Gerichtshof bestochen. Die Meffevier in Pylos hielten sich eine Zeit lang, in Erwartung der Hülfe von den Athenern. Da aber die Feinde bei den Angriffen einander ablösten , unter ihren Leuten hingegen nicht nur im Gefecht manche umkamen, sondern auch drückende Hungersnoth herrschte, so übergaben sie den Platz durch Vergleich. So fiel Pylos in die Hände der Lacedä- monicr, nachdem es die Athener fünfzehn Jahre inne gehabt, seitdem es Demosthcnes befestigt hatte. 65. Während das geschah, eroberten die Megareer Nisäa, das von den Athenern besetzt war. Da schickten die Athener gegen sie den Leotrophides und Timarchus mit tausend Mann Fußvolk und vierhundert Reitern- Diesen zogen die Megareer mit gesammter Macht bewaffnet entgegen und stellten sich, mit einer Abtheilung der Sici tischen Truppen vereinigt, bei den Anhöhen, die man die Hörner heißt, in Schlachtordnung. Die Athener fochten tapfer und brachten den weit überlegenen Feind zum Weichen.- Von den Megareern kamen viele um, von den Lacedämo- niern aber nur zwanzig. In ihrem Grimm machten nämlich die Athener von den Megareern, denen sie wegen der Eroberung von Nisäa zürnten, eine große Zahl nieder, während sie die Lacedämonier nicht verfolgten. Die Lacedämonier bemannten fünfund zwanzig ihrer Schiffe mitBundestrnppsn, wählten zum Befehlshaber derselben den Kratesippidas und trugen ihm auf, den Bundesgenossen Hülfe zu bringen. Er verweilte aber einige Zeit in der Gegend von Jonien, ohne etwas Bedeutendes zu unternehmen. Hierauf führte er die Divdor. 8s Bdchn. 7 ro48 Diodor'S hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Verbannten aits Chivs, von denen er sich Geld geben ließ, dahin zurück und nahm die Burg von Chivs ein. Die Zurückgekommenen vertrieben nun Diejenigen Chier, die vor der Verbannung ihre Widersacher gewesen *), ungefähr sechshundert an der Zahl. Diese besetzten auf dem gegenüberliegenden Festland einen Platz, Atarneus genannt, der von Natur sehr fest war, und benutzten fortan die Gelegenheit, von hier aus die Bewohner von Chivs zu bekriegen. 66. Während das geschah, befestigten Alcibiades und Thrasyllus die Stadt Lampsakus, ließen daselbst eine hinreichende Besatzung zurück und fuhren mit ihrem Heer weiter zu Theramenes, der Chalcedon mit siebzig Schiffen und fünftausend Mann belagerte **). Nachdem ihre Streitkräfte auf einem Punkt vereinigt waren, schloßen sie die Stadt mit einer hölzernen Mauer ein, die auf beiden Seiten bis ans Meer reichte. Hippokrates, den die Lacedämonier zum Befehlshaber der Stadt ernannt hatten, (ein solcher hieß in der Lakonischen Mundart Harmo- stes) ließ seine eigenen Truppen und die sämmtlichen Chal- cedonier ausrücken. Es kam zu einem hitzigen Treffen, in welchem das Heer des Alcibiades tapfer kämpfte. Hippokrates fiel, und die Usbrigen wurden theils getödtet, theils flohen sie verwundet in die Stadt zurück. Hierauf fuhr Alcibiades nach dem Hellespont und Chersvnes, um Geld zu erheben; Theramenes aber und sein Gefährte schloßen *) Nach Dindorfs Vermuthung ror!-g «vrruoXtrLl-oftönovg «vrokg upo rr/g Lxurwbkcog'. **) Wieder LiroXeci^xkr, für Ol. 92, 4. I. R. 3 ^ 5 . v. Chr. 409. 1049 einen Vergleich mit den Chalcedoniern,> nach welchem diese den Athenern so viel Steuer als früher bezahlen sollten. Nun rückten sie von hier aus weiter gegen Byzanz, belagerten die Stadt unh arbeiteten mit großem Eifer an einer Mauer, um sie einzuschließen. Nachdem Alcibiades Geld erhoben, bewog er viele Thracische Völkerschaften, an dem Feldzug Theil zu nehmen. Auch die Bewohner des Cher- sones schloßen sich mit gesammter Macht an ihn an. Er brach mit dem ganzen Heer auf, und gewann zuerst Seih- bria durch Verrath. Hier trieb era eine große Summe Gelds ein, und ließ eine Besayung in der Stadt zurück. Sodann kam er in Eile zu dem Heer des Theramenes vor Byzanz. Als die Streitkräfte vereinigt waren, machten sie weitere Anstalten znr Belagerung. Denn sie hatten eine mächtige und mit Vertheidigern wohl versehene Stadt zu bezwingen. Außer den Byzantiern, die für sich zahlreich waren, hatte der Lacedämonische Härmest ÄlsarchuS viele Pelopönuesier und Söldner in der Stadt. Eine Zeit lang setzren sie die Angriffe fort, ohne den Belagerten bedeutenden Sckaren zuzufügen. Als sich aber der Befehlshaber der Stadt zu Pharna.bazus begab, um Geld zu holen, da verrieth eine Partei in Byzanz, die mit der drückenden Herrschaft unzufrieden war (denn Klearchus war streng), die Sradk° an Alcibiades und seine Mitfeldherrn. 67. Diese gingen, als wollten sie die Belagerung aufheben und ihre Truppen nach Jonien führen, des Abends mir den sämmtlichen Schiffen'unter Segel, und ließen das Landheer eine Strecke weit sich zurückziehen. Sobald aber die Nacht einbrach, kehrten sie wieder um, und um Mitter- »o5o Diodor'S hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. nacht rückten sie vor die Stadt. Die Dreiruder schickten sie weiter, mit dem Befehl, die Fahrzeuge sder Feindes aus Schlepptau zu nehmen und ein Geschrei zu erheben, als wäre dort das ganze Heer. Unterdessen warteten sie mit den Landtruppen vor den Mauern auf das Zeichen, das nach der Verabredung von den Verräthern gegeben werden sollte *). Die Mannschaft auf den Dreirudern that, was befohlen war; theils zerstießen sie die Fahrzeuge mit den Schnäbeln, theils zogen sie dieselben mit den eisernen Hacken aus den Häfen weg**); zugleich erhoben sie eiu entsetzliches Geschrei. Die Peloponnesicr in der Stadt und Alle, die von dem Betrug nichts wußten, eilten M Hülfe nach den Häfen. Nun gaben die Verräther der Stadt das Zeichen von der Mauer und halfen den Leuten des Alcibides, daß sie ganz ruhig an den Leitern heraufstiegen, da die Menge dem Hafen zugelaufen war. Als die Pelvponnesier erfuhren, was geschehen war, ließen sie fürs Erste die Hälfte bei dem Hafen zurück,' und eilten mit den Uebrigen zur Vertheidigung der schon *) Oder, wenn man rnöov für enAiöönrcan lesen wollte: das n. d. V- drinnen geg. w. sollte. ^ **) Wesseling's Vermuthung wird in der Hauptsache richtig ^ seyn. Aus crrinrpljZo'nrwn entstand, nach -x« zcon leicht > etvnr(n/3o/!kn«' eben so leicht verwandelte sich, aus Veranlassung des Folgenden, rcrlg xztjIoXcrsg in r«sg «7ro<7ro).«s§. Nun folgte wohl r« A'crTiocrmwnr'wn errio XeziLNwn, wo das Participium wegen der drei letzten Worte übersehen und sodann >2 verändert wurde. I. Ol. 93 , I. R. 346. v. Chr. ^o3. io5» besetzten Mauer herbei. Bereits war beinahe die ganze Macht der Athener eingedrungen; allein sie ließen sich nicht schrecken, sondern widerstanden lange Zeit und wehrten sich, von den Byzantiern unterstützt, tapfer gegen die Athener. Und diese würden am Ende mit Waffengewalt nicht Meister der Stadt geworden seyn, wenn nicht Alcibiades die rechte Zeit wahrgenommen und kund gemacht hätte, den Byzantiern solle kein Leid geschehen. Darauf wandten die Einwohner der Stadt um und kehrten die Waffcn^gegen die Pelvponne- sier. So kamen denn Diese grpßtentheils im rühmlichen Kampf um, und die Übriggebliebenen, ungefähr fünfhundert, flüchteten sich zu den Altären in den Tempeln. Die Athener geben den Byzantiern die Stadt zurück und nahmen sie in ihren Bund auf. Mit den Schutzflehenden an den Altären verglichen sie sich dahin, daß die Waffen ausgeliefert, die Mannschaft aber nach Athen gebracht werden sollte, um das Volk über sie entscheiden zu lassen. 68. Als Las Jahr verflossen war, übergaben die Athener die Archonswürde, dem Enktemon, und die Römer wählten zu Consuln den Marcus Papirins und Spn- rins Nuntius; es wurde die' drei und neunzigste Olympiade gehalten, wo Eubatus von Cyrene Sieger auf der Rennbahn war sZ. R. 5z6. v. Chr. zofl.s. Um diese Zeit zogen die Fldherrn der Athener, nachdem sie Byzanz in ihre Gewalt bekommen, nach dem Hellesp ont und nahmen die Städte an demselben alle außer Adydus. Hierauf ließen sie den Diodorus und Mantithcus als Befehlshaber mit einer hinlänglichen Macht zurück; sie selbst aber fuhren mit den Schiffen und der Beute nach Athen, io 52 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. nachdem sie -em Vaterland viele' wichtige Dienste geleistet. Als sie sich der Stadt näherten, kam ihnen das ganze Volk entgegen, hoch erfreut über ihr Waffenglück. Auch manche Fremden, und selbst Kinder und Weiber sammelten sich im Piräeus. Denn die Ankunft der Feldherrn erregte großes Erstaunen. Sie führten nämlich nicht weniger als zweihundert eroberte Schiffe mit sich, und eine Menge von Gefangenen und von Beute. Ihre eigenen Dreiruder hatten sie mit vergoldeten Waffe» und mit Kränzen, auch mit Beute und sonst auf allerlei Art künstlich geschmückt. Besonders aber liefen Viele, um den Alcibiades zu sehen, den Häfen zu, und zwar die Sklaven so ei'rig als die Freien, so daß die Stadt ganz verlassen wurde. Zu jener Zeit stand nämlich dieser Mann in so hohem Ansehen, daß die Vornehmen unter den Arhenern glaubten, doch einmal einen Mann*) gefunden zu haben, der im Stande wäre, sich entschieden und kühn dem Volk entgegenzustellen, die Armen hingegen an ihm den besten Vertheidiger zu haben hofften, der ohne alle Rücksicht den Staat in Verwirrung bringen und ihrer Armuth aufhelfen würde. Denn an Muth übertraf er die Andern weit, und er besaß die größte Rednergabe, das trefflichste Feldherrntalent und den kühnsten Unternehmungsgeist. Auch war seine Gestalt außerordentlich schön, und sein Sinn edel und hochstrebend. Es hatte in der That beinahe Jedermann eine solche Meinung von ihm, daß man glaubte, mit *) kann aus röv entstanden seyn, indem die zwei letzten Sylben des doppelt, und das zwcite- mal falsch gelesen wurden. Ol. 9 Z, i. I. R. 346. v. Chr. 4°3. >°53 seiner Zurückberufung kehre das Waffenglück der Stadt wieder. Namentlich hoffte man, wie die Lacedämonier unter seinem Beistand im Vortheil gewesen, so werde sich auch die Lage der Athener wieder verbessern, wenn sie diesen Mann zum Mitstreiter haben. 6g. So wandte sich denn, als die Flotte einlief, die Menge dem Schiff des Alcibiades zu, und als er ansstieg, -empfing den Mann Alles mit Glückwünschen über seine Siege und seine Zurückberufung. Er grüßte die Menge freundlich, berief eine Volksversammlung, und hielt eine lange Rede zu seiner Rechtfertigung. Dadurch gewann er so sehr die Zuneigung des Volks, daß Jedermann gestehen mußte; das sey eine andere Stadt äls *) die jene Beschlüsse gegen ihn ge- faßth abe. Man gab ihm sein Vermögen, das man eingezogen, zurück und versenkte die Säulen in's Meer, auf welchen seine Verurtheilung und andere für ihn nachtheilige Verordnungen standen "). Auch wurde beschlossen, die Eu- molpiden sollten den Fluch widerrufen, den sie gegen ihn ausgesprochen, als mau glaubte, er habe die Mysterien entweiht. Endlich ernannte man ihn zum Feldherrn mit unbeschrankter Vollmacht über alle Heere zu Land und zur See. Er wählte dann andere Feldherrn nach seinem Gutdünken, den Adimantus und Thrasybulus. Alcibiades bemannte hundert Schiffe und segelte nach Andros ab, wo *> Vielleicht ist für 7i«t-rcrg rüv zu lesen «XXizv. Bergt. Nepos Alcib. VI, 4. Nach Reiste crrn/Xcrg für und nach Dindors ru cre§ ^ xarceötxh für ru ö'tbH x«r«ötx^. io54 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. er die Festung Gaurium einnahm und in Stand scnte. Die ganze Bürgerschaft von Andres zog ihm mit den Pelo- ponnestern, welche die Stadt besetzt hielten,- entgegen, und es kam zu einem Treffen, in welchem die Athener siegten, und von den Leuten aus der Stadt viele umkamen; die Uebria- gebliebensn zerstreuten sich theils auf dem Lande, theils flüchteten sie flck innerhalb der Mauern. Nachdem AkcibiadeS einige Angriffe auf die Stadt gemacht, lüß er in dem befestigten Platz eine hinreichende Besatzung zurück unter dem Befehl des Tbrasybulus; er selbst fuhr mit dem Heer weiter und plünderte Kos und Rhodus, wo er Beute genug für den Unterhalt der Truppen zusammenbrachte. 70. Ungeachtet die Laced «monier ihre geiammte Seemacht und zugleich den Heerführer Mindarus verloren hatten, ließen sie doch ^den Muth nicht sinken. Sie wählten zum Befehlshaber zur See den Ly sän der, der für emen ausgezeichneten Feldherrn galt, und unter allen Umständen kühne Entschlossenheit bewies. Er hob, als er den Oberbefehl übernommen, im Pelvponnes eine hinlängliche Trux- penzahl aus und bemannte so viel Schiffe als er aufrrcibw tonnte. Nun fuhr er nach Rhodus, nahm von dort alle Schiffe, welche die Städte besaßen, mit, und segelte nach Ephesus und Milet. Auch die Dreiruder, die er in diesen Stakten fand, besserte er aus und ließ die von Ehios holen. So brachte er bei Ephesus eine Flotte von beinahe siebzig Segeln zusammen. Da er hörte, daß Cyrus, der Sohn des Königs Darins, von seinem Vater geschickt war, um den Lacedämoniekn Beistand zu leisten, so begab er sich zu ihm nach SardeS und munterte den Jüngling zum Krieg Ol. g3, i. I. R. 3 , 6 . v. Chr. 408 . io5» > gegen die Athener auf. Da erhielt er sogleich zehntausend Danken *) znm Sold für die Truppen; und was er künftig bedürfe, hieß rhn Cyrus ohne Bedenken sich erbitten; denn er habe den Auftrag von seinem Baker, den Lacedämvnicrn jede Unterstützung zu gewähren, die sie wünschen. Als er nach Ephesus zurückkam, ließ er aus den Städten die einflußreichsten Nänner Holm, schloß eine enge Verbindung mit ihnen und versprach, wenn die Unternehmungen gelingen, jeden zum Herrn in seiner Stadt zu machen. Das hatte die Folge, daß sie miteinander wetteiferten und noch mehr thaten , als was ihnen aufgetragen war; und so war Lylander wider Erwarten bald mit allen Kriegsbedürfnissen reichlich versehen.' 71. Da Alcibiades hörte, daß Lysander in Ephesus die Flotte rüstete, so segelte er gegen Ephesus. Er fuhr gegen die Häfen an; als aber Niemand ihm entgegenrückte, legte er den größten Theil der Schiffe bn.Notinm vor Anker, und stellte sie unter den Oberbefehl seines Steuermanns A Iltis chus, gebot ihm aber, keine Schlacht zu liefern, bis er wiederkomme. Die mit Landtruxpen besetzten Schiffe nahm er mit sich und fuhr eilig nach Klazomenä; diese Bun- dcsstadt der Athener hatte nämlich das Unglück, durch Verbannte geplündert zu werde». Antiochus aber, vorschnell zu handeln gewohnt und begierig für sich allein eine glänzende That zu verrichten, kümmerte sich nicht um das Wort-des Alcibiadessondern bemannte zehn der besten Schiffe, hieß *) Darikns war eine Persische Goldmünze, auf welche zwanzig Attische Drachmen gereclmct wurden. ro56 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. die Schiffshauptleute die übrigen bereit halten auf den Fall, daß man ein Treffen zu liefern hätte, und fuhr den Feinden entgegen, um sie zur Seeschlacht herauszufordern. Lysan- der, der durch Ueberlänfer erfahren hatte, daß Alcibiades mit den besten Truppen abwesend war, hielt das für die geschickteste Zeit zu einer Sparta's würdigen Unternehmung. Er rückte also mit den sämmtlichen Schiffen argen den Feind aus; eines von den zebn Schiffe», das voransegelte und auf welchem Antiochns befindlich war, versenkte er; die übrigen brachte er zum Weichen und verfolgte sie, bis die Schiffs- hauplleute der Athener die andern bemannt hatten und zu Hülfe eilten, aber in völliger Unordnung. Es'kamen nun sämmtliche Schiffe in's Treffen nicht weit vom Lande, und die Athener wurden, weil sie keine Ordnung hielten, besiegt und verloren zwei und zwanzig Schiffe; von der Mannschaft auf denselben kam ein kleiner Theil in Gefangenschaft, die Übrigen schwammen an's Ufer. Sobald Alcibiades hörte, was geschehen war, kam er eilig nach Notium zurück, bemannte die sämmtlichen Dreirnder und fukr gegen die Häfen der Feinde an; da aber Lysander nicht auszukaufen wagte, so steuerte er Samos zu.' 7-. Wahrend das geschah, segelte der Athenische Feldherr Thrasybnlus mit fünfzehn Schiffen nach Thasus, besiegte in einem Treffen die Truppen äus der Stadt und tvdtete gegen zweihundert Mann. Er schloß die Statt ein und zwang die Belagerten, daß sie die Verbannten, welche Athenisch gesinnt waren, und eine Besayung aufnahmen und Bundesgenossen der Athener wurden. Hierauf fuhr er nach Addera und brachte diese Stadt,, welche damals zu den Ol. i. I. R. 346. v. Chr. 4«8. ,067 mächtigsten an der Grenze von Thracien gehörte, auf die Seite der Athener. Dieß ist es, was die Athenischen Feldherrn nach ihrer Heimfahrt verrichteten. Agis, der König der Lacedä monier, stand damals mit einem Heer bei Decelea. Als er hörte, daß die besten Truppen der Athener mit Alcibiades zu Felde gezogen seyen, so führte er in einer mondlosen Nacht sein Heer gegen Athen. Er hatte acht und zwanzigtansend Mann Fußvolk, wovon die Hälfte aus schwerbewaffneten, auserlesenen, die Hälfte aus leichten Truppen bestand. Auch führte er'gegen zwvlfhundert Reiter mit sich; neunhundert lieferten ihm die Böotier und die übrigen hatte er aus dem Peloponner mitgebracht. - Er kam der Stadt nahe, ohne daß von den Vorposten sein Anrücken bemerkt wurde. Leicht brachte er sie durch den unvermutheten Ueberfall, zum Weichen; Wenige von ihnen kamen um, die Uebrigen flohen in die Stadt. Als die Athener erfuhren, was geschehen war, boten sie alle Greise und die, ältesten Knaben auf, mit den Waffen auszurücken. Diese befolgten schnell den Befehl, und so sammelten sie ringsum vor den Mauern Leute zur Abwendung der gemeinsamen Gefahr. Als es Tag wurde, bemerkten die Anführer der Athener, daß sich die Macht der Feinde in eine Phalanx ausdehnte, welche vier Mann hoch und gegen acht Stadien lang war. Da waren sie anfangs bestürzt, weil sie beinahe zwei Drittheile der Mauer von den Feinden umringt sahen. Sie schickten aber dann Reiter ab, die an Zahl den feindlichen gleich waren, und Diesen vor der Stadt ein Treffen lieferten, wo einige Zeit hitzig gefochten wurde. Die Phalanx war- nemlich etwa fünf Stadien von der Mauer ro58 Diodor's hist. Bibliothek.,Dreizehntes Buch. entfernt, die Reiter aber, die einander angriffen, kämpften gerade unter den Mauern. Die Vomier nun, welche vormals bei Delium für sich allein die Athener überwunden hatten, hielten es für schimpflich, jetzt schwächer zu erscheinen als die Besiegten; die Athener aber wollten um jeden Preis siegen, weil sie die Leute auf den Mauern, welche jeden Einzelnen kannten, zu Zeugen ihrer Tapferkeit hatten. Endlich überwältigten sie die Gegner; sie machten eine grcße Zahl nieder und verfolgten die Uebrigen bis zur Phalanr der Fußgänger. Hierauf zogen sie sich, als das Fußvolk anrückte, in die Stadt zurück. 7ä. Agis gedachte für jetzt die Stadt nicht einzuschließen, sondern lagerte sich in der Akademie*). Am folgenden Tage ließ er, weil die Athener ein Siegeszeichen aufgestellt, sein Heer ausrücken und'forderte die Truppen der Stadt'heraus, um das Siegeszeichen zu kämpfen. Die Athener führten ihre Kriegsleute heraus, und stellten sie längs der Mauer auf. Anfangs nun ließen sich die Lacedämonier in's Gefecht ein; als aber Geschoße in großer Menge von den Mauern auf sie flogen, zogen sie sich mit ihrem Heer von der Stadt zurück. Sie verheerten hierauf die übr'ge Gegend von Attika und kehrten nach dem Peloponnes zurück. Alcibiades fuhr von Samos n'iit den sämmtlichen Schiffen nach Cyme und erhob ungegründete Beschwerden gegen die Cymäer, weil er einen Verwand haben wollte, um ihr Gebiet zu plündern. Anfangs fiel ihm eine große Zahl *) Dieser Platz außerhalb der Stadt war sechs Stadien vom Thriasischcn Thor entfernt. Ol, 93, 1. I. R. 3 -i 6 . v. Chr. 408. 1059 von Gefangenen in die Hände, die er nach den Schiffen Müh-' ren ließ. Allein man kam aus der Stadt mit gesammter Macht zu Hülfe und überfiel ihn unvermuthet. Da hielten die Leute des Alcibiädes zwar eine Zeit lang Stand, wurden aber nachher, als die Cymäsr durch viele Truppen aus der Stadt und vorn Lande sich verstärkten, genöthigt, die Gefangenen zurückzulassen und auf die Schiffe zu fliehen. Alcibiädes war über ren Verlust sehr unwillig'; er ließ die Schwerbewaffneten aus Mitylene kommen, stellte sein Heer vor der Stadt auf und forderte die Cymäec zum Kampf heraus. Da aber Niemand ausrückte, verheerte er die Gegend und fuhr nach Ml- tylene z'urück. Die Cpmäer aber schickten'eine Gesandtschaft nach Athen und klagten den Alcibiädes an, daß er eine verbündete Stadt, die nichts verschuldet, beraubt habe. Es wurden auch noch piele andere Beschuldigungen gegen ihn vorgebracht. Leute aus dem Heer in Samos, die ihm feind waren, schifften nach Athen und klagten in der Volksversammlung den Alcibiädes an, er sey den Lacedämonierln geneigt und stehe mit Pkarnabazus im Einvsrständniß, .wodurch er, wenn der Krieg beendigt sey, Hcrr seiner Mitbürger zu werden hoffe. ?ä- Die Beschuldigungen fanden leicht Glauben bei der Menge; und Alcibiädes verlor in der öffentlichen Meinung durch das unglückliche Seetreffen und druck) das Unrecht gegen Cyms., Das Volk der Ath-ner wurde mißtrauisch gegen den unternehmenden Mann; sie wählten daher zehn Feldherrn, Konon, Lysias, Diomedon, Perikles, Era- sinides, Tristvkrates, Archestratus, Protoma- io6o Divdor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. chus, Thrasyllus ^), Aristogenes.> Unter diese» zogen sie den Konon vor und schickten ihn sogleich ab, um von Alcibiades die Seemacht zu übernehmen. Alcidiades trat den Oberbefehl an Konon ab und übergab ihm die Trup- xen; nach Athen aber glaubte er nicht zurückkehren zu dürfen, sondern begab sich auf einem Drejruder nach Paktye in Thrseien. Denn außer dem Haß der Menge fürchtete er auch die Rechtkhändel, die gegen ihn anhängig gemacht waren. Den« es hatten Manche, da sie sahen, daß man mit ihm unzufrieden war, allerlei Klagen gegen ihn erhoben. Die wichtigste war eine Klage um Pferde, wobei es sich um acht Talente handelte. Einer seiner Freunde, Diomedes, hatte ihm nämlich ein Viergespann nach Olympia mitgegeben; in dem Zeugniß nun, das man gewöhnlich auszustellen hakte, gab Alcidiades die Pferde für seine eigenen aus und behielt, nachdem er den Preis im Wettrennen gewonnen, nicht nur die Ehre des Sieges für sich, sondern gab auch die Pferde Dem, der sie ihm anvertraut hakte, nicht zurück. So mußte denn Alcibiades, wenn er das alles überlegte, fürchte», die Athener möchten ihn bei dieser Gelegenheit für alles, was er gegen sie begangen, büßen lassen; daher verur- theilte er sich selbst zur Verbannung. ' 75. In eben dieser Olympiade sing man an auch mit Zweigespannen zu fahren. — I» Lacsdämvn starb der , König Plistönar, nachdem er fünfzig Jahre regiert hatte. Es folgte ihm in der Regierung Pausanias, welcher vier- ») Nach Paulmier. und für ^kn<7«- , ^ rckan und VoaoPOvvXon. Ol. g3, i. I. R. 3/.6. v. Chr. §v8. io6r zehn Jahre König war. - Die Einwohner von Jalysus, Lindus und Kamirus auf der Insel Rhodus wanderten aus und vereinigten sich in der fetzigen Stadt Rhodus. Der Syrakusier H e r m v h r a t e s brach mit seinen Streit- gefährten von Selinus auf und lagerte sich, als er vor Himera ankam, in den Umgebungen der zerstörten Stadt. Er erkundete den Ort, wo Lid Syrakusier in der Schlacht gestanden hatten, und sammelte die Gebeine der Erschlagenen. Nun rüstete er prächtig geschmückte Wagen, auf denen er dieselben in's Gebiet von Syrakus hinüberführen ließ. Er selbst blieb an der Grenze zurück, weil die Gesetze nicht gestatteten, daß die Verbannten mitgingen. Von seinen Gefährten aber schickte er Einige mit um die Wagen nach Syr.a- kus zu geleiten. Das that Hermvkrates, um den Divkles, der seiner Zurückberufung sich widersetzte, dem Volk verhaßt zu machen, weil Lurch dessen Schuld die Bestattung der Todten versäumt worden, und dagegen für sich durch seine freundliche Sorge für dieselben die vorige Gunst des Volks wieder zu gewinnen. Als nun die Gebeine hergeführt wurden , entstand ein.Zwiespalt unter der Menge, indem Diokles sie nicht wollte begraben lassen, die Mehrzahl hingegen dafür stimmte. Endlich entschlvßen sich die Syrakusier, die Ueber» reste der Gebliebenen zu begraben, und die ganze Bürger- schaft begleitete den Leichsnzug. Diokles wurde' verbannt; aber den Hermvkrates nahmen sie doch nicht wieder auf; denn die Kühnheit des Mannes ließ sie besorgen, er möchte sich einmal, wenn er an der Spitze stände, zum Zwingherrn auswerfen. Hermvkrates sah, daß für jetzt nicht die rechte Zeit war Gewalt zu brauchen; er zög sich daher, nach Seli- ,o6s Diodor'S histrBibliothek. Dreizehntes Buch rc. n u s zurück. N»ch einiger Zeit aber machte er sich, von sei» nen Freunden herbeigerufen, mit dreitausend Streitern auf, zog durch das Gebiet von Gela und kam bei Nacht an den verabredeten Ort. Da ihm nicht seine sämmtlichen Truppen folgen konnten, so näherte sich Hermvkrates von Wenigen begleitet der Thvrhalle von Achradina, fand aber hier einige seiner Freunde, welche den Platz schon besetzt hatten, und zog nun auch die Zurückgebliebenen an sich. Als die Syrakusier horten, was geschehen war, liefen sie bewaffnet dem Markte zu. Hier sammelte sich eine große Menschenmenge, und Hermvkrates wurde mir den meisten ferner Anhänger niedergemacht.' Die aus dem Treffen entronnen waren , stellte man vor Gericht und sprach das Urtheil der Verbannung über sie. Einige Derselben, welche viele Wunden erhalten hatten, wurden daher von ihren Verwandten aufgehoben *), als wären sie todt, damit sie nickt der Rache des Volks preisgegeben würden. Unter diesen war Diouy- sr.us, welcher nachher Alleinherrscher in Syrakns wurde. *) Für mag es geheißen haben. (Schluß f°lgt.> Griechische Prosaiker i n neuen Übersetzungen. Herausgegeben von G. L. F. Tafel, Professor zu Tübingen, C. N.Osiander und G. Schwab, Professoren zu Stuttgart. Hundert und zwei und zwanzigstes Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzle r' scheu Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Jaspe» in Wien. 1 8 Z L. Diodor'svon Sicilien historische Bibliothek, übersetzt von Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar zu Blaubeuren. Neuntes Bündchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Meyler> sehen Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mvrschner und Zasxer in Wien. 1 8 3 2 , (S ch l u ß.) 76. Nachdem die Begebenheiten dieses Jahrs vorüber waren, wurde in Athen Antigenes Arcbon, und die Römer wählten zu Consnln den Manius Aemilius und Cajus Valerius jJ. R. 547. v. Ckr. 407. j- Um diese Zeit setzte Konon, der Feldherr der Athener, nachdem er die Heere in Samos übernommen, die vorhandenen Schiffe in Stand und brachte die oer Bundesgenossen zusammen, um die Flotte so herzustellen, daß sie es m>t den feindlichen Schiffen aufnehmen könnte. Die Spartaner gaben dem Lysand er, da jetzt die Zeit eines Oberbefehls zur See veifloffen war, den Kallikrativas zum Nachfolger. Dieser war ein sehr junger Mann, aber ohne Falsch und redlichen Sinnes, noch nicht an die fremden Sitten gea öhnt, einer der rechtlichsten Spartaner; nach dem allgemeinen Zeugniß handelte er auch als Feldherr nie unrecht, weder gegen einen Staat noch gegen einen Einzelnen; vielmehr war er über Die, welche ikn zu bestecken versuchten, entrüstet, und ließ sie dafür büßen. Er fuhr nach Ephesus und über- ro68 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. nahm die Schiffe. Auch die der Bundesgenossen * **) ) ließ er kommen, und nun hatte er im Ganzen mit denen des Lysan- der hundert und vierzig. Auf der Insel Chios hatten die Athener Delphine um beseht. Dorthin segelte er mit den sämmtlichen Schiffen und machte Anstalten zur Belagerung. Die Athener (es waren ungefähr fünfhundert) geriethen in Furcht vor der großen Heeresmacht; sie unterhandelten und schloßen einen Vergleich, demzufolge sie den Platz räumten *°). Kallikratidas zog in die Festung ein und schleifte sie. Hierauf schiffte er gegen Teos, drang bei Nacht zu den Thoren ein und, plünderte die Stadt. Sodann fuhr er nach Lesbos und griff mit seinem Heer die Stadt M e- thymna an, die eins Athenische Besatzung hatte. Nachdem er durch wiederholte Angriffe anfangs nichts ausgerichtet, gelang es ihm nach einiger Zeit mit Hülfe von Verräthern in die Stadt einzudringen. Er schonte aber der Einwohner, wiewohl er ihre Habe Plünderte, und gab die Staatsverwaltung wieder in die Hände der Methymnäer. Als das geschehen war, wandte er sich gegen Mitylene; er übergab dem Lacedämonier Thorax die Schwerbewaffneten und hieß *) Nach Stroth, welcher vor na'crax hineinseyt rag irw(>ä r'Mp krrttttl«Asv. Für das folgende ist vielleicht Li^u zu lesen. **) Nach Wesseling vmvcrTionöor für VTroomonöon. Statt AlkEkX-Ao'ures ist vielleicht AraXi-ALurrs zu lesen. Nach Dindorf's Vorschlag ovö' hieße es: ' sie- scvloßen einen Vergleich, ohne einen Ausfall zu wagen, und räumten den Platz. Ol. 93, 2. I. R. 54 ?. v. Chr. 407. 1069 ihn eilig zu Lande anrücken, während er selbst mit der Flotte ebendahin steuerte. 77. Kvnon, der Feldherr der Athener, hatte siebzig Schiffe, die zu einer Seeschlacht sowohl gerüstet waren, wie noch keiner der frühern Feldherrn sich vorbereitet hatte. Er war mit den sämmtlichen Schiffen ausgelaufen, um Methymna zu Hülfe zu kommen. Da er die Stadt schon eingenommen fand, so übernachtete er auf einer der sogenannten hundert Inseln. Mit Tagesanbruch nahm er wahr, daß die feindlichen Scbiffe heransegelten. Nun glaubte er, hier kein See- treffen gegen die doppelte Anzahl von Dreirudern wagen zu dürfen. .Daher entschloß er sich, seewärts sich zurückzuziehen und, wenn er dadurch einen Theil der feindlichen Flotte herangelockt hätte, bei Mitylene eine Seeschlacht zu liefern.. Denn dort dachte er im Fall des Sieges ungehindert nachsetzen, und wenn er besiegt würde , in den Hafen sich flüchten zu können., Er schiffte also die Mannschaft ein und ließ gemächlich fortrudern, damit die'Schiffe der Peloponnesier sich näherten. Die Lacedäm'vnier kamen heran und fuhren immer schneller, in der Hoffnung, die hintersten Schiffe der Feinde zu nehmen. Als Konen zurückwich, verfolgten ihn die besten Segler der Peloponnesier so eifrig, deß die Ruderer durch die fortwährende Anstrengung ermüdet, und die Schiffe weit son den andern getrennt wurden. Das bemerkte Konon und zog, als sie bereits nahe an Mitylene waren, die purpurne Flagge auf; das war nämlich das Zeichen für die Schiffshauptleute. So wandten denn die Schiffe, als die Feinde sie eben erreichten, in demselben Augenblicke plötzlich Alle um, die Mannschaft stimmte den Schlachtgesang an und die io7» Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Trompeter bliesen zum Angriff. Darüber bestürzt suchten die Peloponnesler geschwind ihre Schiffe in Schlachtordnung zu stellen,; allein sie konnten dazu keine Zeit finden und blieben also ohne alle Ordnung aufgestellt,, weil sie durch das Zurückbleiben der übrigen Schiffe aus ihrer gewohnten Reihe gerückt waren. 78. Konon benutzte den Augenblick geschickt, drang gerade auf sie ein und ließ die Schiffe sich nicht in Ordnung stellen, indem er einige beschädigte, andern dieMuder wegstreifte. Dv« den Schiffen nun, die dem Konon gegenübergestanden, wandte keines um zur Flucht, sondernde ruderten immer nur hinter sich, in Erwartung der Zurückgebliebenen. Die Athener auf dem linken Flügel aber trieben ihre Gegner i» ^ die Flucht, verfolgten sie lange Zeit und sehten zu eifrig nach. Nachdem einmal die Peloponnesler ihre sämmtlichen Schiffe beieinander hatten, stand Konon aus Besorgniß wegen der Menge der Feinde vvm Berfolgen ab und zog sich mit vierzig Schiffen nach Mitylene zurück. Die verfolgenden Athener aber sahen mit Schrecken von den sämmtlichen Schiffen der PeloponNesier sich umringt und den Rückweg nach der Stadt abgeschnitten,, und waren genöthigt, gegen das Ufer zu flüchten. Da die Peloponnesiep mit den sämmtlichen Schiffen auf sie eindrangen, so blieb den Athenern kein anderes Rettungsmittel übrig, als an das Land zu fliehen und die Fahrzeuge zurückzulassen; so entkamen sie nach Mitylene. Kallikratidas eroberte dreißig Schiffe und sah die feindliche Seemacht vernichtet, erwartete aber, es werde ihm noch ein Kampf zu Lande bevorstehen. Er steuerte also der Stadt zu. Sobald er heransegelte, traf Konon, auf die Belage- Ol. 9^, 2. I. R. 3 -i?. v. Chr. äo?. 1071 rung gefaßt, Vorkehrungen wegen der Einfahrt in den Hafen. An den selchten Stellen des Hafens versenkte er kleine mit Steinen gefüllte Fahrzeuge, und wo es tiefer war, legte er Lastschiffe mit Steinen beschwert vor Anker. Die Athener und eine große Menge von Einwohnern, die wegen des Kriegs vom Land herein in Mitylene zusammen gekommen waren, machten geschwind Anstalten zur Vertheidigung der Stadt. Kallikratidas ließ seine Truppen nicht weit von der Stadt aus Land steigen, schlug ein Lager und errichtete ein Siegeszeichen wegen der Seeschlacht. Am folgenden Tage ging er mit den besten Schiffen, die er dazu auserlesen und angewiesen sich nicht ferne von seinem Schiff zu halten, unter Segel, in der Absticht, in den Hafen einzulaufen und die Berrammluug der Feinde zu durchbrechen. Konen bemannte mit einem Theil seiner Truppen die Dreiruder, die er gegen den Feind gekehrt aufstellte, wo noch eine Durchfahrt war; die Andern vertheilte er auf die großess,Schiffe; Einige ließ er die Seitendärnme des Hafens besetzen, damit derselbe nach allen Richtungen, zu Land und zu Wasser, gesperrt wäre. Konon selbst führte die Dreiruder ius Treffen, welche den Raum zwischen den Verrammlnngen ausfüllten; die Mannschaft auf den großen Schiffen aber schleuderte von den Segelstangen auf die feindlichen Schiffe herab; und die auf den Seitendämmen des Hafens Aufgestellten vereitelten jeden Versuch aus Land zu steigen. 7g. Indessen gaben auch die Peloponnesier den Athenern an Eifer nichts nach. Sie rückten mit der gesummten Flotte an und machten die Seeschlacht, indem sie die besten Truppen aufs Verdeck stellten, zugleich zu einem Landtref» 1072 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. fen. Während sie nämlich mit Gemalt gegen die feindlichen Schiffe anliefen, wagten es Jene, auf die Verdecke hinübcr- zuspnngen, in der Erwartung, die zuvor Besiegten würden einen solchen Angriff nicht aushalten. Allein die Athener und Mitylenäer, die in dem Sieg das einzige Rettungsmit- lel.sahen, cntschloßen sich» lieber rühmlich zu sterben als ihre Stellung zu verlassen. Es wurde ein gewaltiger Kampf, da in beiden Heeren mit der äußersten Anstrengung gefoMen wurde und sich Alle ohne Schonung für ihr Leben in die Gefahr stürzten. Die auf den Verdecken standen, wurden Lurch eine Menge von Pfeilen, die auf sie gerichtet wurden, verwundet, und einige von ihnen fielen tödklich getroffen ins Meer, andere kämpften, so lang ihre Wunden frisch waren, fort, ohne sie zu fühlen. Sehr viele wurden durch die von den Seaelstangen geschleuderten Steine erschlagen; die Athener ließen nämlich Steine von außerordentlicher Große hoch hcrabschnellen. Jedoch nachdem auf diese Art der Kampf lange Zeit gedauert hatte und auf beiden Seiten Viele umgekommen waren, ließ Kallikratidas zum Rückzug blassn, damit seine Truppen ein wenig ausruhen könnten. Nach einiger Zeit schiffte er sie- wieder ein und kämpfte noch lange fort, bis er endlich mit Mühe durch die Ueberzahl seiner Schiffe, und durch die Tapferkeit der Mannschaft die Athener znm Weichen brachte. Als sie in den einwärts von der Stadt gelegenen Hafen sich flüchteten, fuhr er zwischen den Verrammlungen durch und legte nahe bei der Stadt Mitplane an. Durch die Einfahrt nämlich, um die gestritten wurde, kam man in einen schönen Hafen, der ader auswärts von der Stadt 'lag. Denn dir alte Stadt bildet eine eigene Ol. 9 ^, 5 . I- R- 348 . v. Chr. 4 ° 6 . 1073 kleine Insel; der später dazu gebaute Theil aber liegt gegenüber an der Küste von Lesbos; und dazwischen ist eine schmale Meerenge, wodurch die Stadt zur Festung wird. Kallikra- tidas schiffte »un sein Heer aus, schlug ein Lager um die Stadt und griff sie von allen Seiten an. Dieß geschah bei Mitykne. , Von Sicilien schickten die Syrakusier Gesandte nach Karthago, um wegen des Kriegs Beschwerde zu führen und zu begehren, daß sür die Zukunft die Feindseligkeiten aufhören. Die Karthager gaben eine zweideutige Antwort; indessen rüsteten sie in Libyen eine große Heeresmacht, weil sie die sämmtlichen Städte auf der Insel zu unterjochen wünschten. Ehe sie aber die Truppen hiuüberschiffien, gründeten sie auf Sicilien gerade der den warmen Quellen eine Stadt, welche sie Therma nannten, und wo sich eine Anzahl Bürger ihrer Stadt und aus dem übrigen Libyen , wer' da wollte , ansiedeln durfte. 80. Nachdem die Begebenheiten dieses Jahres vorüber waren, wurde in Athen Kallias Archon, und in Röm wählte man zu Consuln den Lucius Furius und Cnejus Cornelius sI. R. Zz8 v. Chr. zo6s. Um diese Zeit faßten die Karthager, von stolzen Hvffunngen wegen ihres bisherigen Glücks in Sicilien und von dem Wunsch, Herrn der ganzen Insel zu werden, erfüllt, den Beschluß, eine große Heeresmacht auszurüsten. Sie wählten zum Feldherrn den Hannibal, der die Städte Selinus und Himera zerstört hatte, und überließen ihm die Führung des Kriegs mit unbeschränkter Vollmacht. Da er sich aber das wegen seines Alters verbat, so stellten sie ihm einen andern Feldherrn zur roy4 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Seite, Jmilko, Hanno's Sohn, aus demselben Geschlecht. Diese schickten nun, nachdem, sie sich miteinander berathen, einige der vornehmsten Männer aus Karthago mit großen Geldsummen theils nach Jberien theils nach den Balearischen Inseln und trugen ihnen auf, so viel Söldner als möglich zu werben. Sie selbst durchzogen Libyen und hoben Ltbyer und Pöner und aus der Stadt sKarthagoz die Tauglichsten znm Kriegsdienst aus. Auch von den mit ihnen verbündeten Völkerichaften und Königen ließen ste Truppen kommen , Maurir armer und Numidier, und znm Theil auch Einwohner der Landschaften gegen Cyrene hin. Aus Italien nahmen sie Campaner in Sold, die sie nach Libyen hinuberschjfften. Denn sie wußten, daß dieselben gute Dienste leisten, und daß die in Sicilien zurückgebliebenen Campaner, weil die Karthager sie beleidigt, in den Reibe» der S'cilier fechten werden. Nachdem sie endlich ihre Gtreilkrälte in Karthago gesammelt, hatten sie im Ganzen mrt der Reiterei nach Timäus nicht viel mehr als hundert und zwanzig tausend, nach Ep Horns aber dreimal hundert tausend *) Mann beisammen. Nun machten die Karthager Anstalten zur Ueberfahrt; sie fehlen die sämmtlichen Dreiruder in Stand und brachten mehr als tausend Lastschiffe zusammen. Da sie vierzig Dreiruder früher nach Sicilien abschickten, so erschienen die Syraknsier geschwind mit eben so viel Schiffe» >n der Gegend von Eryr. Es kam zu einem lange dauernden Seeireffeu, in welchem fünfzehn Puni- Das zweite zrv^rcrAwn wird aus ziv(>icrök§ entstanden sey». Ol. 93, 3 . I. R. 348 . v. Chr. 4o6. 1076 sche Scdiffe zu Grunde gerichtet wurden. Die übrigen flüchteten sich, da die Nacht einbrach, auf die hohe See. AIS die Nachricht von der Niederlage nach Karthago kam, ging der Feldherr Hannibal mit fünfzig Schiffen unter Segel. Er wollte nämlich die Syrakusler hindern, ihren Vortheil zn benutzen, und seinen Truppen eine sichere Ueberfahrt verschaffen. fl>. Als es auf der Insel bekannt wurde, deß Hannibal ausgelaufen sey, so erwartete Jedermann, daß auch das _ Heer sogleich werde ützergeschifft werden. Es wurde den Städten nicht wenig bange, da sie härten, wie groß die Rüstungen waren, nud sich vorstellen konnten, daß bei diesem Kampf Alles auf dem Spiele stehen würde. Die Syraku- sier sandten zu den Griechen in Italien und zu den La- eedämonrern um Beistand; auch schickten sie nach den Sie Nischen Städten Lerne, die das Volk zum Kampf für die gemeinsame Freiheit aufmuntern sollten. Die Agrigen- tiner dachten, weil sie Nachbarn dcs von den Karthagern eroberten Landes waren, sie werde zuerst die Plage des Krieges treffen. Sie beschloßen daher, das Getreide und die andern Früchte, überhaupt alle ihre Verrathe vom Lande herein in die Stadt zu schaffen. Zu jener Zeit herrschte in Agrigent, auf dem Lande wie in der Stadt, der größte Wohlstand. Es wird nicht am unrechten Orte seyn, wenn ich davon Etwas erzähle. Es gab daselbst sehr große und schöne Weingärten, und der größte Theil des Landes war mit Oehlbäumen bepflanzt; diese lieferten einen reichlichen Ertrag, den man nach Karthago verkaufte. Da Libyen damals noch nicht angebaut war, so erwarben sich damit die 10-76 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Bewohner des Gebiets, von Agrigsnt, indem sie die Schätze Libyens dagegen eintauschten, unglaublich große Reichthümer. Es sind bei ihnen noch viele Denkmale ihres Reichthums vorhanden, wovon man eine kurze Nachricht nicht ungerne lesen wird. 82. Es zeugen die heiligen Gebäude und besonders der Tempel des Zeus von der Herrlichkeit der Stadt in jener Zeit. Die übrigen Tempel sind theils verbrannt, theils ganz zerstört worden, weil die Stadt oft erobert wurde; das Olympinm * * ***) ) hat kein Dach erhalten,- weil ein Krieg dazwischenkam. Da nachher die Stadt zerstört wurde, so kamen die Agrigentincr in der Folgezeit nie mehr dazn, dem Gebäude die Vollendung zu geben. Der Tempel hat in der Länge dreihundert und vierzig Fuß, in der Breite sechzig, und in der Höhe hundert und zwanzig, ohne die Grundmauer. Es ist der größte i» Sicilien, und man kann ihn, was den starken Unterbau betrifft , auch den auswärtigen mit Recht an die Seite setzen. Deün wenn gleich das Werk seine Vollendung nicht erhalten hat, so liegt doch der Plan desselben vor Augen. Statt daß sonst bei Tempeln das Gebäude entweder nur auf Wänden ruht ") oder das Heiligthum rings mit Säulen "*) umge- *) Der Tempel des olympischen Zeus. *') Wörtlich: bis an die Wände reicht. Vermöge des Gegensatzes muß der Sinn seyn-: nicht noch einen Theil außerhalb de-r Wände, nämlich eine Säulenhalle, hat. Nach ' Dindorf-s Vorschlag, F(>t)'xwr'für rorXK"'' hieße es: bis an das Gesimse reicht. ***) Air-xX« xioctt (nach Weffeling) rovx si)xovg nach Ol. 93, 3 . I. R. L48. v. Chr. 406. 1077 den ist, hat dieser Tempel beiderlei Arten von Unterstützungen. Es sind nämlich Säulen in die Wände eingebaut, aussen rund ünd gegen das Innere des Tempels viereckig. Der äußere Theil der Säulen, dessen Schaftkehleu so weit flnd, daß ein Mensch sich hineinstellen kann, mißt zwanzig Fuß im Umfang; der innere zwölf Fuß * *). In den Hallen, die eine außerordentliche Große Und Höhe haben, ist auf der Ostseite der Gigantenkampf dargestellt in sehr großes und schönen Bildern erhabner Arbeit, auf der Westseite aber die Eroberung von Troja, wo man tas Bild jedes Helden seinen Verhältnissen angemessen findet. Es war ferner zu jener Zeit eiu künstlicher Teich außerhalb der Stadt, welcher sieben StadienZim Umfang und eine Tiefe von zwanzig Ellen hatte. In dem Wasser, das dahin geleitet wurde, hegte man mit großer Sorgfalt eine Menge von Fischen aller Ilrt für die öffentlichen Gastmähler. Zugleich hielten sich auch Schwäne darin auf und andere Vögel in großer Menge, so daß der Teich einen reizenden Anblick gewährte.. Ein Beweis von der PrachUiebe der Einwohner sind auch die kostbaren Grabmähler, welche sie theils den Rennpferden, theils den von Jungfrauen und Knaben im Hause gehaltenen kleinen Vögeln setzten, und die noch zur Zeit des Timäus, der sie gesehen zu haben versichert, vorhanden war. In der vorletzten Olympiade vor der Zeit, bei der wir stehen, siegte ein Reiste) statt XttxXaxreg rovg orxoltg. ss könnte auch xrixX« ctroerlg rovg osixovg geheißen haben. *) Mach jetzt sind kolossale Säule» von diesem Tempel bet Girgenti (dem alten Agrigent) zu sehen. ioy8 Diodor's bist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Agrigentiner, Eränetns; diesen geleitete man zu Wagen in die Stadt in einem seitlichen Zug, in welchem sich unter andern dreihundert Zweigespanne mit weißen Pferden befanden, alle aus Agrigent selbst. Die Leute gewöhnten sich auch in der That schon von Kindhsit auf an eine üppige Lebensart, indem sie äußerst feine Kleider trugen und goldenes Geschmeide, namentlich Haarkämme und Riechflaschen von Silber oder Gold. 8!. Der reichste Mann in Agrigent zu jener Zeit war wohl Gellias'). Er hatte mehrere Gastzimmer in seinem Hause und stellte Sklaven vor die Thüre, welchen aufgetragen war, alle Fremden zur Herberge einzuladen. Auch viele andere Agrigentiner thaten das Gleiche und redeten nach alter Sitte Jedermann zutraulich an. Daher sagt auch Em- pedvkles * **) ***) ')' von ihnen: Siehe, für Gast' ein heiliger Port, und fern ist die Falschheit. Als einmal fünfhundert-Reiter aus Gola bei stürmischer Witterung ankamen, nahm sie, wie Timäus im fünfzehnten Buch erzählt, jener,Mann alle auf und holte sogleich für alle aus seinem Dorrath Ober - und Unterkleider herbei, Polykletus "*) berichtet in seiner Geschichte von dem Weinkeller, der von dem Haus desselben noch übrig gewesen sey und den er selbst bei seinem Feldzug in Agrigent gesehen habe. Es seyen darin dreihundert Fässer gewesen, aus gan- *) Sonst wird er Tellias genannt. **) Ein Philosoph und Dichter aus Agrigent, der um die 84ste Olympiade blüvte. ***) Wahrscheinlich Polykletus von Lariffa, ein Geschichtschreiber, dessen Zeitalter unbekannt ist. Ol. 93, 3 . I. R. 3 ^ 8 . v. Chr. 4»6. 1079 zen Steinen gehauen, jedes hundert Eimer *) haltend; und daneben ein eingemauerter Behälter, der tausend Eimer faßte und aus dem der Wein in die Fässer floß. So achtungs- werth die Denkart des Gellias war, so unansehnlich soll sein Aeußeres gewesen seyn. Als er in Centuripa, wohin er als Gesandter geschickt wurde, vor der Volksversammlung auftrat, brach die Menge in ein ungebührliches Gelächter auS, weil seine Gestalt der Erwartung, die man von ihm hatte, nicht entsprach. Er versetzte aber darauf, sie dürfen sich nicht wundern, denn die Agrigentiner seyen gewohnt, an die berühmten Städte die schönsten Männer, an die geringen und ganz unansehnlichen aber Gesandte derselben Art zu schicken. 8z. Nicht bei Gellias allein war so glänzender Reichthum zu sehen, sondern auch bei vielen andern Agrigenti- nern. Antisthenes, mit dem Beinamen Rhodus, bewirthete bei der Hochzeitfeier seiner Tochter alle Bürger auf den Gassen vor ihren Häusern, und im Gefolge der Braut waren mehr als achthundert Wagen; überdieß begleiteten nicht blos Leute aus der Stadt, sondern auch Viele aus der Nachbarschaft, die zur Hochzeit geladen waren, zu Pferde den Brautzug. Am außerordentlichsten aber sollen die Anstalten zur Beleuchtung gewesen seyn. Er ließ nämlich'die Altäre in alle» Tempeln und in den Gaffen der ganzen *) Nach Würtemb. Maß ungefähr 15 Eimer 5h's Jini, wenn Griechische Eimer gemeint sind (oder 8 Eimer 15 Jmi wenn es Römische Eimer wären). Der große Behälter faßte also über 152 (oder über 88' Würt. Eimer. Diobor. gs Bdchn. 2 io8o Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Stadt voll Holz legen und Späne aus den Werkstätten und Reißig dazu werfen *) und forderte Jedermann auf, sobald man auf der Burg Feuer anzünde, das Gleiche zu thun. Es geschah, wie er verlangte, und so wurde denn während der Heimführung der Braut, da auch noch viele Fackelträger v.orangingen, die ganze Stadt hell erleuchtet; und die begleitende Volksmenge konnten die Hauptstraßen, durch bie der' Zug ging, nicht fassen; denn es wetteiferte Alles, an dem herrlichen Feste des Mannes Theil zu nehmen. Zu jener Zeit war nämlich die Zahl der Bürger in Agrigent über zwanzig tausend, mit den in der Stadt wohnenden Fremden aber waren es nicht weniger als zweihundert tausend *'). Man erzählt von Antisthenes, sein Sohn habe mit einem armen Manne, dessen Feld an das seinige grenzte *"), Streit geführt und ihn zwwgen wollen, ihm sein Gütchen zu verkaufen; darüber habe der Vater eine Zeit lang gelchmäklt, endlich aber, da er sah, daß sein Wunsch immer dringender wurde, ihm gesagt,,er müße nicht darauf denken, den Nach- ^ bar arm, sondern ihn reich zu machen; dann werde eS ihn nämlich nach einem größeren Stück Feldes gelüsten, und so werde er seinen bisherigen Acker verkaufen, weil er vvm Nachbar Nichts dazu kaufen könne. Wie weit bei den Agri- *) Statt daß man aus der Venet. Handschrift köwxs auf- ^ nimmt, ,ist vielleicht eher roig in roüg zu verwandeln und vor 7r«§av)-elXtts hineinznsetzen 7i«(>eAi;xL. *') Es ist wohl ein Fehler in den Zahlen. **') Wahrscheinlich ist «?ro aus entstanden. Ol. g 3 , 3 . I. R. 343. v. Chr. 406. 108- genkinern rie Ucprigkeit ging/ welche der- Reichthum der Stadt zur Folge hatte , beweist der Beschluß, den das Volk faßte, als bald nach jener Zeit die Stadt belagert winde, von Denen, die auf den Wachposten übernachten, dürfe Keiner mehr haben als ein Unterbett, eine Malraye, eine Decke und zwei Kopfkissen. Wenn soviel znm härtesten Lager gehörte, so kann man schl-cßeu, wie weichlich sonst ihre Lebensart war. Diese Nachrichten nun glaubten wir nicht üb rgebcn zu dürfen, ohne uns jedoch länger dab-i aufzuhalten, damit wir nickt das Nothwendigere versäumen- 85. Nachdem die Karthager ihre Truppen nach Stellten übergeichifft, rückten sie gegen die Stadt Agrigent und schlugen zwei Lager; das eins auf einer Anhöhe, wo sie die Iberer uns einen Theil der Libyer aufstellten, gegen vierzig tausend Mann; das andere nicht weit vsn der Stadt entfernt, mit einem tie-en Graben und einem Wall umgaben. Sie schickten fürs erste Gesandte am d'.e.Agrigentiner und begehrten zunächst, daß sie ihnen b.iständen, wo nicht, so sollten sie wenigstens in Ruhe bleiben, Freunde der Karthager seyn und Frieden halten. Da Liese Vorschläge in der Stat t nicht angenommen wurden, so schickte man sich sogleich zur Belagerung an. Die Agrigentincr bewaffneten alle dienstfähige Mannschaft und ordneten sie in zwei Abtheilungen, von welchen sich die eine auf die Mauern stellen, die andere aber sich bereit ballen mußte, in die Stelle der erschöpften Truppen nachzurücken. Beistand leistete ihnen der Laced ck- monisr Derixpus, welcher vor kurzem aus Gela mit fünfzehnhundert Söldnern angekommen war. Er hielt sich 2 * - En Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. nämlich um diese Zeit, wie Timäus erzählt, in Gela auf, und man hielt ihn aus Rücksicht auf seine Vaterstadt in Ehren. Daher baten ihn die Agrigentiner, Söldner nach Agrigent zu führen, soviel er aufbringen könnte. Außerdem nahmen sie die Cam parier in Sold, welche früher unter Hannibal gedient hatten, gegen achthundert Mann. Diese besetzten die Anhöhe oberhalb der Stadt, welche Hügel der Athene hieß und nach ihrer Lage für die Stadt sehr wichtig war. Jmilko*) und Hannibal, die Feldherrn der Karthager, untersuchten die Mauern und fanden, daß an einer Stelle der Stadt leicht beizukommen war. Hier führten sie den Mauern gegenüber zwei sehr hohe Thürme auf. Den ersten Tag nun gr ffen sie von da aus die Mauern an und ließen, nachdem sie Viele niedergemacht, zum Rückzug blasen. Als aber die Nacht einbrach, rückten die Belagerten aus der Stadt und verbrannten das Sturmzeug. 36. Hannibal und der andere Feldherr wollten an mehreren Stellen zugleich angreifen und gaben den Truppen Befehl, die Gräber zu zerstören und einen Wall bis gegen die Mauern hin auszuwerfen. Das Werk kam, da der Arbeiter so viele waren, bald zu Stande. Es entstand aber unter dem Heer eine abergläubische Angst. Es fand sich nämlich, daß Therou's Grabmal, das eine außerordentliche Größe hatte, vom Blitz getroffen war. Daher setzten sich, als man es zerstörte, einige Wahrsager, welche die Folgen ahnten, dagegen.' Wirklich brach auch sogleich eine Seuche *) Dieser Name heißt in den Handschriften bald Jmilko», bald Jmilkas. Ol. g3, 3. I. R. 348. v. Chr. 4 ° 6 . iv83 unter dem Heer aus. Nicht Wenise wurden von Bauchgrimmen und heftigen Schmerzen befallen, und Vele starben; unter diefen auch der Heerführer Hannibal; und von den Wachen, die man ausstellte, meldeten einige, es erscheinen bei Nacht Todkengestaltcn. Jmilko ließ, als er die abergläubische Furcht der Truppen nahrnahm, fiir's erste mit der Zerstörung der Gräber aufhören; darauf flehte er die Götter an nach der vaterländischen Sitte, indem er dem Kronos einen Knaben opferte und eine große Zahl von Thieren als Opfer für Poseidon ins Meer versenkte. Indessen ließ er die Arbeiten nicht einstellen, sondern den Fluß, der au der Stadt vvrübcrfl-eßt, bis an die Mauern hin verschütten, wendete dann das sämmtliche Sturmzeug an uud wiederholte die Angriffe täglich. Die Syrakusier fürchteten, als sie die Belagerung von Agrigent erfuhren, es möchte den Belagerten ergehen wie den Selinuntiern und Himeräern. Längst entschlossen Hülfe zu senden, wählten sie.endlich, als die Hülfskruppen aus Italien und Messens kamen, einen Feldherrn, Daphnäus. Sie sammelten ihr Heer und zogen aus dem Wege noch Verstärkungen aus Ka marin« und Gela au sich. Auch ließen sie Truppen aus dem Binnenlands kommen und nahmen jetzt den Weg nach Agrigent, während zugleich dreißig Schiffe nebenher fuhren. In Ganze» halten sie mehr als dreißig tausend Mann Fußvolk und nicht weniger als fünf tausend Reiter. ) ss sollte wohlrfvon für etVL heißen. !o8> Dtvdor'ö hlst. Bibliothek. Dreizehntes Buch. ' 87. Ais Jmilko von dem Llnrücken der Feinde Nachricht erhielt, schickte er iluisn die Iberer und Zampaner entgegen , und von den Ankern nickt weniger als vierzig lausend Mann. Die Syrakusker waren schon ü»,r den Fluß Himera gegangen, als ihnen die Fremden begegneten. Es' kam U! einem lange dauernden Treffen, in welchem die Sy» rakuster Sieger blieben und mehr als secks tausend Mann niedermachten. Sie brachten die ginne Schmr in völlige Verwirrung und verfolgten sie bis z»r Stadt. Allein da die Truppen ohne Oidnlmg pachsey'e«, so besorgte der Feldherr, Jmilko möchte mit dem übrigen Heer anrücken, um die Niederlage wieder gut zu machen; denn er wußte, daß gerade durch jenen Fehler die Himeräer Alles verloren hatte»!. Da indessen die Fremden in das Lager de; An igenr stoben, lo baten die Truppen in der Stadt, wclcke die Niederlage der Karthager bemerkten, ihre Anführer, sie aus, ticken zu lassen, den» jetzt sey die rechte Zeit, sie Macht der Feinde M vernichten. Allein die Anführer, sey es, daß sie bestochen waren, wie die Sage ging, oder das; sie fürchr-ren, wenn die Stadt verlassen würde , könnte sie von Jmilko eingenommen werden, hielten ihre Leute vom Angriff zurück. So entkamen denn die Fliehenden ganz ungefährdet in das Lager bei der Stadt. Daphnäus aber kam in das von den Fremden verlassene Lager und verlegte seine Truppe» darein. Bald fanden sich mit ihnen auch die Truppen aus der Stadt zusammen , und mit diesen kam Derixpus herab. Nun wurde aus dem Auflanf der Menge eine ordentliche Vermmmliing. Alle äußerten ihren Unwillen, daß man die Gelegenheit vorübergelassen und an den Fremden, nachdem man sie über- Ol. 9 a, 3. I- R. 3j8. v. Chr. L« 6 . iv85 wunden, die verdiente Rocke nicht genommen, daß namentlich die Feldherrn in der Start, die durch einen Ausfall die feindliche Macht hätten vernichten können, die vielen Lausende haben entkommen lassen. Es entstand ein lautes Gpsckrei in der stürmischen Versammlung. Da trat Mene.s von Kamarina, einer der Befehlshaber, als Ankläger der Agrigentiniscken Feldherrn auf und reizte alle Gemüther so sehr auf, daß man die Angeklagten, die sich zu verantworten suchten, gar nicht zum Wort kommen ließ, und daß die Menge anfing mit Steinen zu werfen. Vier von Denselben wurden wirklich gsst-inigt; den fünften, Namens Argons, der noch sehr jung war, ließ man frei. Auch dem Lacedämvnie-r Dexippus wurde Schuld gegeben, er habe als Verräiher gehandelt; denn er sey ja auch unter den Befehlshabern gewesen, und man wisse, daß er in der Kriegskunst nicht unerfahren sey. 88. Nachdem die Versammlung auseinander gegangen, ließen Daphnäus und seine Gefährten ihre Truppen ausrücken und versuchten, das Lager der Karthager einzuschließen. D,a sie es aber trefflich befestigt fanden, so standen sie von diesem Vorhaben ab. Auf den Straßen aber ließen sie Reiter streifen, welche die Plünderer aufhoben und die Zufuhr der Lebensmittel abschnitten, so daß der Feind großen Mangel litt. Die Karthager wagten kein Treffen zu liefern und doch herrschte drückende Hungersnvth. Sie hatten daher viel Ungemach zu dulden. Von ihren L-uten starben manche Hungers, und die Camp an er mit den übrigen Söldnern bestürmten fast insgesammt Jmilkv's Zelt und verlangten das früher bestimmte Maß von Bcoo, mit der Drohung, sie gehen io86 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. sonst zu den Feinden über. Jmilko hatte Nachricht erhalten, daß die Syrakusier zur See eine große Ladung Getreide nach Agrigent führen. Das allein gab ihm noch Hoffnung zur Rettung. Er beredete die Soldaten, wenige Tage noch zu warten, und gab ihnen zum Unterpfand die Becher, welche seine Leute aus Karthago mitgebracht hatten. Nun ließ er ausPanormus und Motya vierzig DreirNder kommen, um die Schiffe, welche die Lebensmittel führten, zu überfallen. Da früher die Fremden sich zur See nicht gezeigt hatten, und da bereits der Winter einbrach, so waren die Syraku- fler unbekümmert und dachten nicht, daß die Karthager noch Schiffe bemannen würden. Sie sorgten also wenig für die Bedeckung der Getreideschiffe. Da lief Jmilko mit vierzig Dreirudern aus, versenkte im Augenblick acht von den Kriegsschiffen und verfolgte die andern bis ans Ufer. Die andern Fahrzeuge aber brachte er alle in seine Gewalt. Dieses Ercigniß widersprach so ganz den Erwartungen beider Theile, daß die Camp an er, die im Heer der Agrigentiner dienten, die Sache der Griechen aufgaben und, durch fünfzehn Talente gewonnen, zu den Karthagern übergingen. Die Agrigentiner hatten anfangs, da es den Karthagern so schlimm erging, mit den LebenSmitteln und den andern Bedürfnisse» verschwenderisch hausgehalten, weil sie immer erwarteten, die Belagerung werde bald aufgehoben werden. Als aber die Hoffnungen der Fremden wieder stiegen, waren durch die vielen Tausende, die in der Stadt zusammengedrängt waren, die Nahrungsmittel, ehe man sich's versah, aufgezehrt. Man sagt auch, der Lacedämouier Derippus sey mit fünfzehn Talenten bestochen worden. Er gab nämlich den Feldherrn Ol. Z3, 3. I. R. 3-^8. v. Chr. 4 » 6 . ,087 der Jtaler sogleich die Antwort, es sey besser, den Kriegsschauplay anderswohin zu verlegen, denn die Lebensnurkel gehen zu Ende. Daher zogen die Feldherrn, unter dem Verwand, ihre festgesetzte Dienstzeit sey verflossen, mit ihren Truppen ab nach der Meerenge. Nach dem Abzug derselben hielten die Heerführer mir den übrigen Befehlshabern Rath und entschloßen sich den Verrath in der Stadt zu untersuchen. Da sie denselben äußerst klein fanden, so erkannten sie die Nothwendigkeit, die Stadt zu verlassen. Sie garen also sogleich Befehl zum allgemeinen Aufbruch in der nächsten Nacht. 8g. Da also die ganze Menge von Männern, Weibern und Kindern die Stadt verließ, so ertönte auf einmal in allen Häusern lautes Jammern und Weinen. Denn sowohl die Furcht vor den Feinden beängstigte die Leute, als auch die Nothwendigkeit, in d-r Eile zur Beute für die Fremden zurückzulassen, was ihnen das Theuerste war. Da ihnen das Schicksal die R ktung ihrer kostbaren Hausgeräths nicht versplinte, so mußt»» sie zufrieden seyn, wenn sie nur das Leben davon brachten. Und nicht blos die reichen Schätze der Stadt sah man da zmückbleiben, sondern auch eine große Zahl von Menschen. Um die Kränken bekümmerten sich ihre Angehörigen nicht, weil Jeder nur kür seine eigene Sicherheit sorgte; und wer schon hvchbetagt war, den ließ man wegen Altersschwäche zurück. Manche zogen auch den Tod der Wanderung aus der H-imath vor; sie entleibten sich selbst, um in den väterlichen Wohnungen das Leben auszuhauchen. Die Voikemenae nun, die aus der Stadt auszog, geleiteten die bewaffneten Schaaren nach Gela. Die ro83 Dkodor'ö bist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Straße und die ganze Gegend auf dem Weg nach Gela war voll von W ibern und K ndern. Auch die Jungfrauen, die mit dem Haufen zogen, dielten, so weichlich sie gewöknt wa- en, die anstrenaente Reise und die übermäßigen Beschwerden aus, weil die Angst ihre Kräfte spannte '). So gelangt-!! die Flüchtlings sicher nach Gela, und später siedelten sie sich in der Stadt Leontirii au, welche ihnen die Syrakusier zum Wohnsitz einräumten. 90. Imilto ließ sein Heer mit der ersten Morgendämmerung in die Sradt einrüsten und fast Alle, die darin zurückgeblieben waren, todten. Selbst Leute, die sich in die Tempel geflüchtet dakten, wurden von den Karthagern weggeschleppt und umgebracht. Auch Gellias. der reichste und rechtschaffenste unter-den Bn gern, soll beim Untergang seiner Vaterstadt umgekommen seyn. Er habe sich, sagt man, M't einigen Andern in den Tempel der Athene flüchten «ollen. in der Erwartung,'die, Karthager werden des Frevels gegen die Gö-ter sich eut-alten; da er aber ihre Kmb- losiokeik gesehen, Habs cr den Tempel angezündet und sich selbst nur den Weihgeschenken in demselben verbrannt. So daite er durch eine That die Götter gegen den Frevel der Fende und gegen den Raub so vieler Schatze, hauptsächlich aber sich selbst acgen die Mißhandlungen, die-er zu erwarten halte, zu schützen. ' Jmilko suchte, als er die Tempel und die Hä»s>-r plünderte, Alles au s Genaueste aus, und man kau» sich denken, w>e groß die Beute war, die er auf diese Art zusimmenbrachte in einer Stadt von zwe mal hundert *) Nach Diudorf Lxrkt'i'orros für ext-xziror-r-og. Ol. 9^, 5 . I. R. 348 . v. Chr. 406. 10I9 tausend Einwohnern, welch', seitdem sie stand, noch nie verheert, und beinahe die reiches unter den damalig n Griechischen Städten war, wo sich die Bürger namentlich allerlei Kunstschäye mit großen Kosten anschafften. Es wurden nämlich auch sehr viele mit dem gchßren Fleiß ausgeardeitite Gemälde gefunden, u»d von allerlei Meisterwerken der Bilk- bauerknust eine außerordentliche Menge. , Die kostbarsten Kunstwerks nun schickte er nach Karthago; darunter wurde auch der Stier des Dhalaris weggeführt; die übrige Beute bot er zum Verkauf aus. Wenn Timäns von diciem Stier in seiner Geschichte behauptet k t, er sey gar nicht vo>halben gewesen, so ist das durch den E folg widerlegt wcndeu. Denn Scipio hat, als er beinahe rweidnndert und sellnig Jahre nach der Eroberung jener Stadt Karthago zerstörte, den Agrigentincrn unter andern Stacken, die stch in Karthago noch vorfanden, den Stier zurückgegeben. Derselbe ist auch, während ich diese Geschichte schreibe, noch ia Agrigenk. Ich g'aubte dieß absichtlich bemerke» zu müßen, weil Timäus die frühern Schriftsteller aufs Bitterste tadelt und den Geschichtschreibern durchaus keine Nachsicht widerfahren läßt, während sich doch bei ihm selbst eine Nachläßrgkeii.findet, gerade wo er sich das Ansehen der aena lesten Prüfung gibt. Man muß nämlich, wie ich glaube, den Geschichtschreibern ihre Versehen zu gut halten, da sie Menschen sind, und da in den vergangenen Zeiten die Wahrheit schwer zu ermitteln ist. Gerechter Tadel hingegen trifft Diejenigen, die mir Voibe- dacht fal che Nachrichten li fern, wenn sie aus Schmeichelei gegen Diesen und Jenen.oder aus leidenschaftlicher Ichmäy- suchr von der Wahrheit abweichen. Ivgo Dl'odor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. g>. Da Jmilko nach einer achtmonatlichen Belagerung kurz vor der Wintersonnenwende die Stadt eingenommen hatte, so zerstörte er sie nicht sogleich, damit seine Truppen in den Häusern überwintern konnten Die Nachricht von dem Schicknil Agrigenl's verbreitere auf der ganzen Jnstl solchen Schrecken, daß die Sicilier theils nach Syrakus wandelt, n, theils nach Italien Weiber und Kinder und ihre übrige Habe hniüberschafflen. Die der Gefangenschaft ent- gangenen Agrigentiner kamen nach Syrakus und klagten die Feldherrn an; durch deren Verrath '), sagten sie, sey ihre Vaterstadt zu Grunde gericlnek worden. Auch von den andern Sicmern mußten die Syraknfier Vorwürfe hören, daß sie solche Anführer wählen, durch dcr«n Schuld ganz Sicilien der Untergang drohe. ES wurde eine Volksversammlung in Kyrakli» gehalten; allein bei der großen Gefahr, in der man schwebie, wagte cS Niemand, einen Rath wegen deS Knegs zu neben. Wahrend nun Jederman verlegen war, trat Dionvsius, der Sohn deS Hermvkra- teS*'), auf und klagte die Feldherrn an, sie haben die Stadt den Karihager > verrathen. Er reizte die Volksmenge zur Bestrafung derselben auf und veilangte, man sollte nicht bis zu dem geseylichen Amtswechsel warten, sondern sie ohne Verzug auf d-r Stelle zur Rechenschaft ziehen. Die Obrigkeit legte dem DionysinS als Unruhestifter nach den Gesehen eine Geldstrafe auf. Da bezahlte PhilistuS die Strafe, *) Nach Rhodomannus 7is>o§octr«n für TraswltoüttV. ") Nicht des berühmten Feldherrn Hermokrates. Dergl. Sap. 96 . Ol. 3 . I. R. 348. v. Chr. 406. 1091 welcher ein großes Vermögen hatte, Derselbe, der nachher die Geschichte ichrieb. Er munterte den Dionysius auf, zu reden, wie es ihm gefiele, und setzte hinzu, wenn man ihn auch den ganzen Tag fort «trafen wollte, so werde er das Geld für ihn bemhlen. Nun wiegelte Jener um so zuversichtlicher die Menge auf und erregte Lärmen in der Versammlung, indem er die Feldherrn beschuldigte, sie haben sich bestechen lassen, die Agrigentiner dem U tergang preiszugeben. Zugleich verklagte er auch andere der angesehensten Bürger und bezeichnete sie als Anhänger der Oligarchie. So rieth er denn, zu Feldherrn nichr die Mächtigsten zu wählen, sondern Die, welche am besten gestnnt und.eher Vvlksfreunde seyen; denn Jene werden herrische Gebieter der Buraer, die sich nichts um das Volk bekümmern und aus dem Unglück des Vaterlandes für sich Gewinn ziehen; die Geringeren aber werden sich uichrs dergleichen erlauben, weil sie in, Bewußtseyn ihrer Unmacht sich zu fürchten haben. g,. Er regte durch sei e ganz den Wünschen der Zuhörer und seinem eigenen Zweck entsprechende Rede die Gemüther des versammelten Volk« nicht wenig auf. Das Volk, das schon längst die Feldherrn haßte, weil sie den Krieg nicht mit Nachdruck zu führen ») schiene», entsetzte sie nun, durch diese Rede aufgereizt, sogleich ihres Amtes und wählte andere Heerführer; unter diesen auch den Dionysius, auf den sich in Syrakus Aller Augen richteten, weil er im Ruf stand, daß er sich in den Treffen mit den Karthagern durch *) Für ir(>ot<7ractist«t kann man «Pictra-r^at lesen ober mit Rhodvmanmis xu»w§ hineinseyen. iog2 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Tapferkeit ausgezeichnet habe. Daher war er voll stolzer Hoffnungen und verrichte jedes Mitte!, um Alleinherrscher in seiner Vaterstadt zu werden. Er nahm, nachdem er sei» Amt angetreten, an den Berathungen der Feldherrn kenie» Theil und harte überhaupt mit ihnen keinen Umgang. Zugleich streute er das Gerücht aus, sie stehen im Verkehr mit den Feinden. Denn so, hoffte er, werde ihnen am gewisse- ! sten ihre Gewalt abgenommen und ihm allein der Oberbk- ! fehl übertragen werden. Als er das that, schöpfte» die rechtlichsten Bürger Verdacht wegen der- Folgen und sagten ihm in allen Zusammenküsisten Böses nach,' der große Hanfe des Volks aber, der seinen Zweck nicht kannte, lobte ihn und sagte, so habe doch die Stadt einmal einen Mann gesunden, der sich mit Festigkeit,an tie Spiye stelle. Indessen wurden häufige Volksversammlungen wegen der Rüstung zum Kriege gehalten, uns er sah, datz den Syrakuüeru t-r? Furcht > vor den Feinden bange machte. Da gab er den Rath, die Verbannten zurückzurufen; es sey ja ungereimt, wenn mau auswärtige Hülfsvolkec aus Italien uns dem Peloponnss kommen lasse, und doch den eigenen Bürgern nicht gestatte, daß sie am Kamps Theil nehmen; ihnen, die von den F«Ü!»- den durchcho große Versprechungen zu Mitstreitern geworben werben, aber lieber als Flüchtlinge im fremden Lande sterben wollen als zu einem seindttcheu Schriet gegen ihre Vaterstadt sich entschließen. Denn wiewohl sie wegen der in der Stack entstandenen Parreizwiste oeibannk seyen, so werden sie doch nun, wenn ihnen eine solche Wohlthat zu Theil ^ werde, bereitwillig kämpfen, um sich Lautbar gegen ihre Wohlthäter zu beweisen. In diesem Sinne, machte er den ^ Ol. 95 , 3. I. R. 548. v. Chr. 406 . >og5 Syrakusiern viele Vorstellung«», wie es den Umständen angemessen war, uns erhielt ihre Zustimmung. Denn auch von seinen Mirbefehlshabern wagte es Keiner, ihm hierin zu widersprechen, weil das Volk dazu geneigt war und weil sie sahen, daß, sie sich nur Haß zuzögen, Jener aber dni Dank für den geleisteten Dienst zu erwarten hätte. Dionysins that da» in der Hoffnung, die Verbannten für sich zu gewinnen, weil sie »euennigssüchtige Menschen waren, die ihm zur Gründung der Alleinherrschaft lehr behittflich seyn konnten. Denn sie mußt«» es ja gerne sehen, wenn ihre Feinde hingerichtet, deren ^Vermögen eingezogen und ihre eigenen Güter ihnen wieder erstattet wurden. Der Vorschlag wegen der Verbannten ging endlich durch, und so kamen sie denn ungesäumt in die D terstadt zmück.. gä. ES kam ein Schreiben von Gsla man möchte noch mehr Truppen dahin, senden, und daS bot dem DionysiuS eine günstige Gelegenheit zur Ausführung seines Vorhabens dar. Er wurde nämlich mir zweitausend Mann Fußvolk und vierhundert Rettern abgeschickt und traf schleunig in der? Stadt Gela ein., zu deren Schuh damals der Lacedämonier Derippus von den Syrakusiern bestellt war. Divnvstas fand daselbst die Reichen im Zwist mir dem Volk begriffen, klagce sie in der Volksversammlung an, und Netz sie vernr- theilen und hinrichren und ihr Vermögen einziehen. Von dem Er-vs daraus bezahlte er den Leuten des Derippns, welche die Besatzung der Stadt ausmachten, den rückständigen Sold; und Denen, die er von Syrakus mitgebracht, versprach er, den Sold, welchen die Stadt ihnen ausgesetzt, zu verdoppeln. Auf diese Arr gewann er die Zuneigung der ioc)4 Dlodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Truppen in Gela sowohl als seiner eigenen vollkommen. Auch von der Voikepartei in Gela wurde er gepriesen, als Stifter ihrer Freibe t. denn sie sahen mit Mißgunst das Übergewicht der Mächtigen, welche sie ihre Zwingherrn nannse«. Sie schickten daher Abgeordnete nach Syrakus, die ihm eine Lobrede dielten und die Beschlüsse überbrachten, durch die § sie ihm große Ek>enaecche»ke zuerkannt hatten. Dionysius verbuchte den Derippus zur Theilnahme an seinem Plan zu bewegen. Da sich aber Dieser mcht dazu verstand, so schickte er sich an, mit seinen Truppen nach Syrakus umzukehren. Allein die Gelper, welche erfuhren, daß die Karthager im Begriff waren, mit dem ganzen Heer zuerst gegen Gela zu ziehen, baten den Dionysius, zu bleiben und sie nicht demselben Schicksal, das die Agrigcntiner getroffen, zu überlassen. Dionysius versprach, schleunig mit einem größeren Heer , zu kommen, und brach von Gela mit seinen Truppen auf. ! gz. Es wurde eben ein Schauspiel in Syrakus gegeben, und er kam zu der Stunde in der Stadt an, als man vom Schauplatz wegging. Da sammelte sich die Menge um ihn und erkundigte sich wegen der Karthager. Allein er sagte, sie wissen nicht, daß'sie im Innern an den Oberhäuptern des Sraats ärgere Feinde haben, als die auswärtigen; ihnen trauen die Bürger und feiern Feste, während Jene die öffentlichen Gelder verschleudern und die Truppen ohne Sold lassen, und sich nicht Die Negation ist wegzuwerfen. Sie konnte nach leicht entstehen. ") Nach Dindorf's Vermuthung in der ersten Ausgabe für 3 * 1098 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. sah sie mit trefflichen Waffen und schmeichelte ihnen durch glänzende Versprechungen. Die Söldner gewann er für sich, indem er sie anredete und sich freundlich mit ihnen unterhielt. Er nahm ferner Versetzungen vor und übertrug die Defehlshaberstellen seinen Getreuen. Den Lacedämonier De- rippus entließ er nach Griechenland. Denn er besorgte, dieser Mann möchte, sobald sich eine Gelegenheit zeigte, den ^ Syrakusiern wieder zur Freiheit verhelfen. Auch die Söldner in Gela ließ er kommen und sammelte überallher Verbannte und ruchlose Menschen; denn durch diese hoffte er am sichersten seine Alleinherrschaft zu befestigen. Indessen kam er nach Syrakus und ließ sich ein Zelt in der Nahe des Hafens errichten, wo er öffentlich als Alleinherrscher auftrat. Die Syrakusier mußten sich, so mißvergnügt sie wa- > rcn, ruhig verhalten; denn sie konnten nichts mehr aus- ^ richten, da die Stadt voll von fremden Bewaffneten war, und da sie die Karthager fürchten mußten, die eine so große Macht besaßen. Divnysius vermählte sich nun sogleich mit der Tochter des Hermo trätes, der die Athener besiegt hakte, und gab seine Schwester dem Polyre- uns, dem Bruder der Frau des Hermokrat-s, zur Ehe. Das that er, weil er in die Verwandtschaft eines angesehenen Hauses eintreten wollte, um seine Herrschaft fest zu gründen. Hierauf berief er eine Volksversammlung und ließ den Daphnäus und Temarchus, die ihm entgegen gearbeitet hatten und zu den Mächtigsten gehörten, hinrichten. So wurde denn Dionysius aus einem Schreiber und einem gemeinen Bürger der Alleinherrscher der größten Griechischen Stadt sin Sicilien^. Er behielt die Gewalt bis zu seinem Ol, 9^, 3 . I. R. 3 ^ 8 . v. Chr. 4°6. 1099 Tode und regierte acht und dreißig Jahre. Von seinen Thaten im Einzelnen und von dem Wachsthum seiner Macht werden wir zur gehörigen Zeit erzählen. Unter Allen, die sich zu Alleinherrschern ausgeworfen, kennt man wohl Kei- nen, der mächtiger geworden wäre und sich länger behauptet hätte. Die Karthager ließen nach der Eroberung der Stadt sAgrigents die Weihgescheuke, die Bildsäulen und die andern Kostbarkeiten nach Karthago bringe». Nachdem sie die Tempel verbrannt und die Stadt geplündert, überwinterten sie daselbst. Auf Las Frühjahr aber rüsteten sie Sturmzeug und Geschosse aller Art, und gerächten zuerst die Stadt Gela zu belagern. 97. Die Athener machten, da sie immer neue Niederlagen erlitten, die Beisassen und von den andern Fremdlingen, «er sich unter ihre Fahnen stellen wollte, zu Bürgern. Unter der großen Menge von neuen Bürgern, die man so schnell gewonnen, hoben nun die Feldherrn die Tauglichsten zum Kriegsdienst aus. Sie rüsteten sechzig Schiffe, die sie reichlich mit Allem versahen, und fuhren damit nach Sani vs, wo sie die andern Feldherrn antrafen, welch« von , den ') Inseln achtzig Dreiräder zusammengebracht hatten. Sie baten die Samier, noch zehn Dreiruder zur Ergänzung zu liefern; dann liefen sie mit der gesummten Flotte von hundert und fünfzig Segeln ans und fuhren nach den Ar ginn fischen Inseln, um das belagerte Mitylene zu entsetzen. Als der Befehlshaber der Laced ämonischen Flotte, ist wahrscheinlich zu tilgen. Iioo Dkodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. Kallikratidas, von dem Anrücken der Schiffe Nachricht erhielt, so ließ er den Eteonikus mit einem großen Heer zur Belagerung zurück, lief mit hundert und vierzig Schiffen aus, die er in der Eile bemannt hatte, und bog *) um die Arginusen auf die andere Seite. Diese Inseln, die damals bewohnt waren und ein Aevlisches Städtchen hatten, lagen zwischen Mitylene und Cyme, in sehr geringer Entfernung vom festen Lande, bei dem Vorgebirge von Kanä. Die Athener, die in der Nähe vor Anker lagen, erfuhren sogleich die Ankunft der Feinde, wagten aber wegen des heftigen Sturms kein Seegefecht "). Auf den folgenden Tag hingegen rüsteten sie sich zu einer Seeschlacht, während die Lacedämvnier desselbe thaten, wiewohl bei beiden Heeren *") die Wahrsager es widerriethen., Bei den Lacedämouiern nämlich war der Kopf des Opferthiers, der am Strande lag, verschwunden, weil die Wellen herschlugen. Daraus weissagte der Seher, der Befehlshaber der Flotte werde in dem Seetreffen umkommen. Auf dielen Ausspruch soll Kalli- kratidaS erwiedert haben, wenn er in der Schlacht umkomme, so werde Sparta's Ruhm dadurch nicht geschmälert werden. *) Für xal r<Äu sollte es vielleicht xcr'/liircou rääv (oder nur xcrztiirwv) heißen. Oder ist für zu lesen nksn- riiXkncre. Die Verwandlung des rc- in ro'rk ist, da rnArsg vor- > angeht, nicht nothwendig; so wenig als Cap. 94. der Zusatz «XXI zu ^xxXi^ allein, sonder» . x naF zu setzen. Ilvl Ol. 93, 3. I. R. 348. v. Chr. 406 . Bei den Athenern aber sah der Feldherr Thrasyllus, der an diesem Tage den Oberbefehl hatte, folgendes Traumgesicht. Es kam ihm vor, er und sechs von den andern Feldherrn führen zn Athen bei vollem Theater das Trauerspiel des Euripides, die Phönicierinnen, auf, während ihre Gegner die Flehenden aufführen; sie selbst gewinnen den Kadmei'schen Sieg * * ) und kommen Alle um, völlig so wie es Denen ergangen, die gegen Theben gezogen waren.. Als das der Seher hörte, erklärte er; sieben von den Feldherrn werden getödtet werden. Da aber die Opfer Sieg versprachen , so geboten die Feldherrn, von ihrem Tode sonst Niemanden etwas zu sagen; die Siegeshoffnung hingegen, welche die Opfer gaben, machten sie im ganzen Heere kund. gS. Kallikratidas, der Befehlshaber der Flotte,. versammelte die Menge, ermuthigte sie durch eine zweckmäßige Ansprache und sagte am Ende: zum Kampfe für das Vaterland bin ich ") so fest entschlossen, daß ich, wenn gleich der Seher sagt, die Opfer weissagen euch den Sieg, mir aber den Tod, doch bereit bin zu sterben. Da ich nun weiß, daß nach dem Tode des Anführers immer ***) Verwirrung unter dem Heer entsteht, so ernenne ich jetzt auf den Fall, daß mir etwas begegnet, zu meinem Nachfolger in der Anführung der Flotte den Klearchus, einen Mann, der in Kriegs- *) Vergl. XI, 12. Ausfallend ist es, daß hier die Sieben, nicht die Thebaner, als Sieger dargestellt sind. ") Nach Wcsseling's Vermuthung ke/ni für Lernt. "*) Das xcri nach mag aus «ri oder einem ähnlichen Wort entstanden sehn. iiv2 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. thaten sich erprobt bat. Durch diese Worte des Kallikrati- das wurden nickt Wenige ermuntert, seiner Tapferkeit nachzueifern und um so muthiger dem Kampf entgegenzugehen. Wie die Lacedämonier unter gegenseitigem Zuruf die Schiffe bestiegen, so eilten die Athener, von den Feldherrn zum Kampf aufgemuntert, die Dreiruder zu besehen, und stellten ' sich alle in Ordnung. Den rechten Flügel führte Thra- ! syllus an mit Perikles, dem Sohn jenes Perikles, den man wegen seines Ansehens den Olympier hieß. Er stellte auch einen Theil des rechten Flügels unter den Befehl des The r amen es, welcher damals ohne Amt den Feldzug mitmachte, früher aber oft Heerführer gewesen war. Die andern Feldherrn vertheilte er auf der ganzen Schlachtlinie, und die Arginusischeu Inseln schloß er mit in dje Reihe seiner Schiffe ein, um dieselbe so weit als möglich auszudeh- > neu. Kallikratidas hatte, als er auelief, den reckten Flügel unter seinem eigenen Befehl, und auf den linken stellte er die Böotier, welche der Thebancr Throchoudas anführte. Da er seine Schlachlrcihe nicht gleich lang mit der feindlichen machen konnte, weil die Inseln einen großen Raum einnahmen, so theilte er sein Heer und machte zwei Flotten, so daß jede Abtheilung auf zwei Punkten angriff. Es war daher ein großes Schauspiel, das in mehr als einer Hinsicht Staunen erregte; denn vier Flotten waren es, die miteinander stritten, und nicht viel weniger als dreihundert Schiffe, die auf einer Stelle versammelt waren. Man weiß von keiner größer» Seeschlacht, welche Griechen gegen Griechen geliefert hätten. Ol. 93, 3 . I- R. 3 -j 8 . v. Chr. 406. no 3 99. Im Augenblick, da die Befehlshaber der Flotten das Zeichen mit den Trompeten geben ließen, erhob das Kriegsvolk Wechselsweise ein furchtbares Schlachtgeschrei. Wetteifernd miteinander ruderten Alle hastig durch die Fluchen; denn Jeder wollte der Erste seyn, der die Schlacht ' anfinge. Die Meisten waren nämlich des Kampfs wohl kundig, da der Krieg so lange dauerte, und mir der äußersten Anstrengung wurde gefochten, weil die besten Truppen zu einem Alles entscheidenden Treffen hier versammelt waren. Denn Jedermann dachte, wer in dieser Schlacht siege, werde dem Krieg ein Ende machen. Namentlich aber strebte Kal- likratidas, der von dem Seher gehört, daß ihn der Tod erwartete, ei» ruhmvolles Ende sich zu bereiten. Er fuhr daher zuerst auf daS Schiff deS Feldherrn Lysias und die , zunächst stehenden Dreiruder zu und beschädigte es auf den ersten Anlauf so, daß es unterging. Die andern machte er theils durch Stöße mit den Schnäbeln unbrauchbar, theils durch das Wegstreifen *) der Ruder untauglich zum Kampf. Endlich brachte er dem Dreiräder des Perikles einen gewaltigen Stoß bei, wodurch ein großes Stück des Dreiruders aufgerissen wurde. Da aber der Schnabel in der Oeff- nung stecken blieb, so daß sie nicht von einander loskommen ^ konnten, so faßte Perikles das Schiff deS Kallikratidas mit einem eisernen Hacken und zog es herbei; nun umringten die Athener das Schiff, sprangen hinein, fielen über die Mannschaft her und machten Alles nieder. Da mußte nun, wie man erzählt, Kallikratidas, nachdem er tapfer gestritten und ') Nach rasserou-L konnte leicht nasscrcrr-sscoi' ausfallen. I io4 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. lange Zeit Widerstand geleistet, zuletzt, am ganzen Körper verwundet, der Uebermacht erliegen. Sobald der Verlust des Anführers kund wurde, verzagten die Peloponnesier und wichen zurück. Während auf dem rechten Flügel die Peloponnesier flohen, hielten die Böotier auf dem linken noch eine Zeit lang standhaft kämpfeud aus. Denn sie sowohl als*) die Euböer, denen das gleiche Schicksal drohte, und Alle, die von den Athenern abgefallen waren, besorgten, wenn die Alhener einmal wieder die Oberherrschaft erlangten, würden sie an ihnen für den Abfall Rache nehmen. Als sie aber sahen, daß die meisten Schiffe beschädigt waren und die ganze Menge der Sieger sich gegen sie kehrte, so waren sie genöthigt zu fliehen. Die Peloponnesier entkamen theils nach Chios, theils nach Cyme. 100. Die Athener verfolgten die Ueberwundenen ziemlich weit, so daß in der ganzen Umgegend das Meer voll von Leichen und Schiffstrümmern lag. Nun meinten einige von den Feldherrn, man sollte die Todten aufheben, weil man sich den Unwillen der Athener zuziehe, wenn man die Todten unbegraben lasse; die andern aber sagten, man müße nach Mitylene schiffen und sobald als möglich die Stadt entsetzen. Es erhob sich aber indessen ein heftiger Sturm, wodurch die Schiffe umhergeworfen wurden, so daß die Kriegsleute wegen der Ermüdung von der Schlacht sowohl als wegen der Gewalt der Wellen sich gegen das Aufheben der Todten erklärten. So geschah es am Ende, als der Sturm *) Flir aüroüg ist wohl eher aüroi rk xai als aurolfl zu setzen. no5 Ol. 9^, 3 . I. R. 3 ^ 8 . v. Chr. 406. zunahm, daß sie weder nach Mitylene fuhren, noch die Todten aufhoben, sondern durch die Winde genöthigt nach den Arginusen zurückschifften. Es waren in der Seeschlacht von den Athenischen Schiffen fünf und zwanzig untergegangen, mit dem größten Theil der Mannschaft; von den Pelo- pvnneflschen aber sieben und siebzig. Da so viele Schiffe zu Grunde gegangen, und auch die Leute auf denselben umgekommen waren, so mußte das Meer au der Küste von Cyme und Phocäa mit Leichen uud Schiffstrümmern bedeckt seyn. Als Eteonikus, welcher Mitylene belagerte, Nachricht von der Niederlage der Peloponnesier erhielt, schickte er die Schiffe nach Chios und zog sich mit den Landtruppen nach Pyrrha, einer verbündeten Stakt, zurück. Denn er fürchtete, wenn die Athener mit der Flotte gegen ihn anrückten und die Belagerten einen Ausfall machten, könnte er in Gefahr kommen, sein ganzes Heer zu verlieren. Die Feldherrn der Athener segelten nun nach Mitylene, nahmen den K o- nvn mit vierzig Schiffen mit und fuhren nach Samos zurück. Don dort aus machten sie verheerende Einfälle in das Gebiet der Feinde. Hieraus hielten die Einwohner von Aeolien und Jonien und den mit den Lacedämoniern verbündeten Inseln eine Versammlung in Ephesus, um sich zu berathen, und beschlossen, nach Sparta zu senden und den Lysander zum Befehlshaber der Flotte zu begehren. Denn ihm war während der Zeit seines Oberbefehls manche Unternehmung gelungen, uud man hielt ihn für einen geschickter» Feeldherrn als die Andern. Die Lacedämonier hatten aber das Geseh, nicht zweimal Denselben zu schicken. Um nun nicht von der väterlichen Sitte abzuweichen, wähl- i io6 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. ten sie zum Befehlshaber der Flotte den Arakus, gaben ihm aber die Anweisung, über Alles den Lysander zu hören, den sie ohne öffentliche Anstellung mitschickten. Diese Anführer wurde» also ausgesandt und brachten aus dem Pelv» ponues und von den Bundesgenossen Dreiruder, so viel nur immer möglich war, zusammen. ^ >o>. Als in Athen die Nachricht von dem glücklichen Kampf'bei den Arginusen ankam, lobte man zwar die Feldherrn wegen des Sieges, war aber sehr unzufrieden, daß fle Diejenigen, die für die Behauptung der Oberherrschaft gefallen waren, unbegraben gelassen hatten. Da nun Thera- meues und Thrasybnlus nach Athen vorausgereist waren, so vermutheten die Feldherrn, diese seyen es, die ihnen die Vorwürfe des Volks wegen *) der Todten zugezogen haben. Ihnen zum Trotz behaupteten sie nun in einem Schreiben an Las Volk, gerade Jene seyen bestellt gewesen, die Todten aufzuheben. Aber eben dar wurde die Hauptursache ihres Unglücks. Denn sie hätten an Theramenes und seinem Begleiter, welche nicht nur beredte Männer waren, sondern auch viele Freunde hatten und, was das Wichtigste war, Augenzeugen der Ereignisse bei der Seeschlacht waren, Vertheidiger vor Gericht finden können. Statt dessen aber machten sie sich dieselbe» zu Widersachern und erbitterten Anklägern. Sobald nämlich das Schreiben vor dem Volk vorgelesen wurde, ergrimmte die Menge über Theramenes und seinen Gefährten. Als aber diese sich rechtfertigten, fiel der Haß wieder auf die Feldherrn zurück. Das Volk lud sie -*) Nach ist vielleicht Tir^i einzuschieben. Ol. 93, 3 . I. R. 348. v. Chr. 406. 1107 daher vor Gericht und befahl ihnen, dem K 0 n 0 n, den es frei sprach, das Heer zu übergeben; die Andern sollten nach dem Volksbeschluß so bald als möglich erscheinen. Zwei von ihnen, Aristogenes und Protomachus, entflohen aus Furcht vor dem Haß der Menge; aber Thrasyllus, D i v- medon, Erasinidcs *), Lysias, Perikles, und Aristokrates fuhren mit dem größten Theil der Schiffe nach Arhcn, in der Hoffnung, die zahlreiche Schiffsmannschaft zum Beistand vor Gericht zu habe». Als aber die Versammlung gehalten wurde, hörte das Volk nur auf die Anklage und auf die Redner, die ihm zu Gefallen sprachen; wenn hingegen die Beklagten sich vertheidigten, lärmte Alles zusammen, so daß man sie nicht zum Wort kommen ließ. Hauptsächlich schadeten ihnen die Verwandten der Gefallenen, die in Trauerkleidern in die Versammlung kamen und das Volk baten, Die zu strafen, welche die Todten, die willig für das Vaterland gestorben, unbegraben gelassen haben. Endlich sehten es die Freunde der Letztem sowohl als die Anhänger des Theramenes und seines Gefährten, die in großer Zahl auftraten, Lurch; und so wurden die Feldherrn zum Tode vsrurtheilt, und ihr Vermögen sollte eingezogen werden. ,or. Als dieser Beschluß gefaßt war und sie eben von den Gerichtsdisnern zum Tode geführt werden sollten, trat Diomedvn, einer der Feldherrn, in der Versammlung ») Statt des zweiten und dritten Namens steht im Texte fälschlich Kalliades. Bergt. Xenophon's Griech. Gesch. no8 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. auf, welcher als ein sehr rechtlicher und überhaupt als ein tugendhafter Mann bekannt war. Nachdem Alles stille geworden, sprach ,er: ,,Bürger von Athen, möge der über uus gefaßte Beschluß der Siadt Heil bringen; für die Gelübde wegen des Sieges zu sorgen, wird nun eure Sache seyn, da wir nach dem Willen des Schicksals dieselben nicht erfüllen können; bezahlet also den Dank dem rettenden Zeus und dem Apollo und den ehrwürdigen Göttinnen *); denn sie haben wir vor der Seeschlacht, in welcher wir die Feinde besiegten, angefleht." Nachdem Diomedon also gesprochen, wurde er mit den andern Feldherrn dem Urtheil gemäß zum Tode abgeführt, was bei dem bessern Theil der Bürger inniges Mitleid und Thränen erregte. Denn wer in dem Augenblick, wo er unschuldig sterben sollte, seines eigenen Unglücks mit keinem Wort gedachte und nur , für die Stadt, die ihm Unrecht that, den Göttern die Gelübde zu bezahlen begehrte, der mußte offenbar ein edler und hochgesinnter Mann seyn und nicht dieses Schicksals werth. So wurden denn durch die Eilfe, denen von den Gesetzen dieses Amt angewiesen war, die Männer hingerichtet, die sich durchaus nicht gegen den Staat vergangen, vielmehr die größte Seeschlacht, welche Griechen gegen Griechen lieferten, gewonnen und in andern Treffen rühmlich gedämpft und durch Siegeszeichen ihre tapfere Gegenwehr gegen die Feinde beurkundet hatten. So thöricht handelte hier das Volk; von seinen Führern ohne Ursache aufgereizt, ließ es seinen Zorü *) Den Rachegöttlmien. Ol. g 3 , 3 . I. R. 348. v. Chr. 406. 1109 an Männern aus, die keine Strafe, sondern nur Lobsprüche und Ehrenkränze verdient hatten. 10-. Doch bald kam , wie durch eine Schickung der zürnenden Gottheit, die Reue für Beide, die den Rath gegeben und die ihn befolgt. Die Betrogenen empfingen den Lohn ihrer Thorheit, als sie kurze Zeit darauf unter die Gewalt nicht von einem Herrscher nur, sondern von dreißig kamen. Der Betrüger aber, Kallirenus, der den Antrag gestellt, wurde, als die Menge bald andern Sinnes gewor- den war, vor Gericht gestellt, weil er das Volk hintergan- gen. Ohne ihm eine Verantwortung zu gestatten, legte man ihn in Bande und warf ihu in das öffentliche Gefängniß. Er erbrach heimlich mit einigen Andern den Kerker und entfloh zu den Feinden nach Decelea, gewann aber nichts, indem er dem Tod einging, als daß man sein Leben lang nicht blos in Athen, sondern in ganz Griechenland auf den Elende» mit Fingern wies. Dieß sind nun ungefähr die Begebenheiten jenes Jahrs. Mit diesem Jahr, mit der Eroberung von Agrigent, bat der Geschichtschreiber Philisters sein erstes Werk über die Sicilische Geschichte beschlossen, das in sieben Büchern einen Zeitraum von mehr als achrbundert Jahren umfaßt. Sein zweites Werk fängt au, wo das vorige endet, und enthält vier Bücher. Um dieselbe Zeit starb der Trauerspieldichter Sophokles, der Sohn des Sophilus, in einem Alter von neunzig Jahren, nachdem er achrzehnmal den Preis gewonnen. Man erzählt von diesem Mann, als er mit dem letzten Trauerspiel, das er auf die Bühne gebracht, den Sieg errungen, mo Dlodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. sey er vor Uebermaß des Entzückens gestorben. Apoll oder sagt in den Jahrbüchern, die er verfaßt hat, auch Euripi- des sey in demselben Jahr gestorben. Ändere aber erzählen, er sey in Macedvnien, wo er sich bei dem König Arche- laus aufhielt, bei einer Reise aufs Land von Hunden angefallen und zerrissen worden, nicht lange vor dieser Zeit. ^ io/s. Nachdem das Jahr vergangen war, wurde in Athen Alerias Archen, und in Rom wählte man statt der Consuln drei Kriegstribunen, Casus Julius, Publius Cornelius und Casus Servilius sJ. R. äßg sv. C. 4o5s. In dem Jahr, da Dies« zur Regierung kamen, ernannten die Athener nach der Hinrichtung der Feldherrn den Philokles zum Befehlshaber, übergaben ihm die Seemacht, und schickten ihn zu Konon, mit welchem er gemeinschaftlich die Truppen anführe» sollte. Als er bci Konon in Samos ankam, bemannte er die sämmtlichen I Schiffe, hundert drei und siebzig an der Zahl. Zwanzig davon beschloß man dort zu lassen, und die übrigen alle gingen unter der Anführung des Konon' und Philokles nach dem Helle spvnt unter Segel. Lysander, der Befehlshaber der Lacedämonischen Flotte, fuhr mit fünf und dreißig Schiffen , die er von den nächsten Bundesgenossen im Pelvponnes zusammengebracht, nach Ephesus. Auch die Flotte in Chips ließ er kommen und setzte sie in Stand. Sodann reiste er zu Cyrus, dem Sohn des Königs DariuS, hinauf und empfing von ikm eine große Summe Geldes zum Unterhalt für die Truppen. ^Da Cyrus von seinem Vater nach Persien berufen wurde, so übergab er die Aufsicht über die Städte,Me er unter sich gehabt, dem Lysander und ii»r Ol. 4. I. R. 349 . v. Cbr. 4«5. befahl, an ihn die Abgaben zu bezahlen. Lysander kehrte nun mit allen Kriegsbedürfnissen reichlich versehen nach Ephe- sus zurück. Um diese Zeit stürzten in Milet Leute, die nach einer Oligarchie strebten, unter der Mitwirkung der Lacedämvnier die Volksherrschaft. Fürs erste fielen sie am Dionysosfeste in den Häusern über ihre Hauptgegner her und brachten gegen vierzig derselben um. Nachher einmal ermordeten sie auf dem vollen Markt dreihundert der Reichsten, die sie sich ausersehen. Die Rechtlichsten unter den Anhängern der Volkspartei flüchteten sich (es waren ihrer nicht weniger, als tausend) bei so mißlichen Umständen zu Dem Statthalter Pharnabazus. Er Nahm sie freundlich ant, schenkte Jedem einen goldenen Krater ') und wies ihnen in Blauda, einer Stadt in Lydicn ihren Wohnsitz an. Lysander fuhr mit dem größten Theil der Schiffe nach Jasns in Karien und eroberte diese mit den Athenern verbündete Stadt mir Sturm. Die Waffenfähigen, achthundert an der Zahl, ließ er umbringen, die Weiber und Kinder als Sklaven verkaufen und die Siadt zerstören. Hierauf schiffte er nach Attika und mehreren andern Gegenden, ohne etwas Großes oder Denkwürdiges auszurichten; daher wir uns nicht die Mühe nehmen, es aufzuzeichnen. Endlich eroberte er Lampsakus; der Athenischen Besatzung wurde freier Abzug bedungen; das Eigenthum der Einwohner plünderte er, überließ ihnen aber die Staatsverwaltung. ») Zwanzig Drachme« an Werth. *") Nach Wesseling LXavSa und ^vöias für L>avS«r und LXavötas. Diodvr. 9s Bdchn. 4 inr Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. ,o5. Als die Feldherrn der Athener erfuhren, daß die Lacedämvnier mir gesammrer Macht Lampsakus belagerten, zogen sie überallher Dreiruder zusammen und liefen eilig gegen dieselben aus mit hundert und achtzig Schiffen. Sie fanden aber die Stadt schon erobert, und legten für jetzt ihre Schiffe bei den Ziegenflüssen *) vor Anker. Nachher aber rückten sie gegen die Feinde an und forderten sie-, Tag für Tag zur Seeschlacht heraus. Da aber die Peloponnesier nicht gegen sie ausliefen, so wußten die Athener nicht, wie sie es angreifen solltenz denn länger fanden sie hier keinen Unterhalt für ihre Truppen. Nun kam Acibiades zu ihnen und sagte, Medokus und Eeuthes, die Könige von Thracien, seyen seine Freunde und haben ihm ein großes Heer zu liefern versprochen, wenn er sich mit den Lacedämoniern schlagen wollte. Er begehrte daher, sie sollten ihn als Mitbefehlshaber annehmen, und versprach ihnen dagegen eines von beiden, entweder die Feinde zu einer Seeschlacht zu zwingen, oder ihnen zu Lande mit einem Thracischen Heer ein Treffen zu liefern. Das that Alcibiades, weil er wünschte, iseinem Vaterland einen wichtigen Vortheil zu verschaffen und durch seine Dienstleistungen das vorige Wohlwollen des Volks wieder zu gewinnen. Allein die Feldherrn der Athener dachten, bei einem Verlust würde der Tadel sie treffen, wenn es aber gelänge, würde es Jedermann dem Alcibiades zuschreiben. Sie erklärten ihm daher, er solle sich schnell entfernen und nicht mehr bei dem Heer sich blicken lassen. ') Aegos Potami im Chersones, I ! r3 Ol. gZ, 4 . I- R. 3-ig. v. Chr. 4o5. 106. Da die Feinde die Seeschlacht nicht annahmen, das Heer aber *) an Lebensmitteln Mangel litt, so hieß Philoklcs, der an demselben Lag befehligte, die andern Schiffshauptleute ihre Dreiruder bemannen und ihm folgen; er selbst ging mit dreißig Schiffen, die schon fertig waren, früher unter Segel. Lysän der, der davon durch Ueberläu- fer Naäwicht erhielt, lief mit den sämmtlichen Schiffen aus, lrieö den Philoklcs zurück und verfolgte ihn bis zu den andern Schiffen. Da die Athener ihre Dreiruder noch nicht bemannt hatten, so entstand eine allgemeine Verwirrung durch die unerwartete Erscheinung der Feinde. Lysander nahm die Bestürzung der Gegner wahr, und ließ sogleich den Eteonikus mit den im Gefecht zu Lande geübten Truppen ausschiffen. Dieser benuhle schnell den günstigen Augenblick und besetzte einen Theil des Lagers, währeno Lysander selbst mit den stimmlichen wohlgecüstet-11 Dreirudern Heranfuhr, und die am Ufer vor Anker liegenden Schiffe mit eisernen Hacken faßte und wegzog. In dem Schrecken über den un- vermutheten Angriff fanden die Athener keine Zeit, mit den Schiffen auszulaufen, und auch zu Lande konnten sie kein Treffen liefern; sie wichen also nach kurzer Gegenwehr. Schnell verließen sie hier die Schiffe, dort das Lager, und flohen auf verschiedenen Wegen, wo sie irgend sich zu retten hofften. Von den Dreirubern entkamen nur zehn. Auf einem derselben flüchrcte sich der Feldherr Konon zu Evage ras, dem Fürsten von Cypern, der sein Freund war; ') Für rv re ist ru öe zu lesen. 4 * ni4 Diodor'S bist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. denn nach Athen zurückzukehren wagte er nickt, au« Furcht vor dem Unwillen des Volks. Don den Truppen floh der größte Theil zu Lande und kam glücklich nach Sestus. Die Uebrigen brachte Losander als Gefangene auf seine Schiffs *); auch der Feldherr Phi.lvklcs fiel in seine Hände; er führte ^ fle nach Lampsakus und ließ sie nmb'ingen. Hierauf ) schickte er Sicgcsboten nach Laeedämon auf dem besten Sckiff, das er mit den trefflichsten Stücken der Waffenbenke schmückte. Sodann zog er gegen die nack S-stus geflohenen Athener, und nahm die Stadt ein unter -er Bedingung des freien Abzugs für die Athener. Nun schiffte er sogleich mit seinem Heer nach SamoS Und belagerte eS, wahrend er den G y- ltppns, der in Sicllien den Svrakusiern mit einer Sckiffs- ablhcilung im Kriege Hülfe geleistet, nach Sparta schickte, um die Beute und zugleich fünfzehnhundert Talente Silbers ^ dahin zu bringen. Das Geld war in Säcken, wv»on jeder einen Rollbrief") enthielt, der die Geldsumme augab. Nun band GyUppus, der Las nicht wußte, die Säcke auf und nahm dreihundert Talente heraus. Als es vermittelst des Zettels von den Cphorsn eindeckt wurde, entfloh er und wurde zum Tode verurtheilt. Eden so war in der frühern Zeit Klearchus *'*), der Vater des Gylippus, entflohen, weck mau glaubte, er habe von Perikles, damit er keinen *) Statt rag Xoeirag rang ist vielleicht rong XoeTrovg vancri zu lesen. *') Der nur. wenn man ihn auf einen Stab von bestimmter Dicke wickelte, lesbar war. "*) Thucpd. VI, 95. nennt ihn Kleandridas. ! Ol. 9 ^, 4 . I. R. 3-jJ. v. Chr. /,o5. il,S Einfall in Attika machte, Geld empfangen, und ihn darum zum Tode verurtbeilte. So befleckten diese Männer, deren Tüchtigkeit im Uebriacn anerkannt war, durch jene Hand» lu'-gen ihr ganzes übriges Leben. 107. Auf die Nachricht von der Vernichtung ihrer Kriegsmacht thaten die Athener auf die Behauptung Lei Meeres Verzicht und beschäftigten sich blos damit, die Mauern in Stand zu setzen und die Häfen einzudämmen; denn sie hatten natürlich eine Belagerung der Stadt zu erwarten. Wirklich fielen bald die Könige der Lacedämonier, Agis und Pausauias, in Attika ein und schlugen vor teu Mauern ein Lager; Ly sän der aber lief mit mehr als zweihundert Dreirudern in den Piräeus ein. In dieser hart bedrängten Lage hielten die Athener dennoch aus, und es wurde ihnen leicht, die Stadt eine Zeit lang zu vertheidigen. Die Peloponnesier entjchloßen sich aber, da die Belagerung schwierig war, ihre Truppen aus Attika wegzuziehen und mir den Schiffen aus der Ferne aufzulauern, damit der Stadr keine Lebensrnittel zugeführt würden. Als das wirklich geschah, entstand bei den Athenern ein drückender Mangel an Allem, besonders aber an Nahrungsmittel'», weil sie dresc immer über Las Meer holen müßten. Da die Noth von Tag zu Tag zunahm, so starb ein großer Theil der Einwohner hin, und die übrigen unterhandelten mit den Lace- dämomern und schloßen Frieden unter den Bedinauugen, daß sie die langen Schenkel *) und die Mauern des Prräeus *) So heißen zwei parallele, «ine deutsche Meile lange, Masern, welch- die Stadt mit dem Piräeus verbanden. ni6 Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. abtragen, nicht mehr als zehn Kriegsschiffe halten, alle Städte abtreten und die Oberherrschaft der Lacedämonier auerksnuen sollten. Dieses Ende nahm der Pelopvnnesische Krieg, der am längsten unter allen, die wir kennen, gedauert hat, sieben und zwanzig Jahre. j 108. Bald nach dem Friedensschluß starb Darius, der König von Asien, nachdem er neunzehn Jahre regiert hatte. Es folgte ihm aus dem Throne sein ältester Sohn Artarerres, welcher drei und vierzig Jahre regierte. Um diese Zeit soll, nach Apoll odor von Athen, der Dichter Antimachns geblüht haben. In Steil isu zerstörte Jmilko, der Anführer der Karthager, mit dem Anfang des Sommers die Stadt Agrigent und ließ die eingegrabenen Bilder nnd die trefflichsten Kunstwerke in den Tempeln, wenn er meinte, das § Feuer ha»e sie noch nicht ganz *) verderbt, zerschlagend Sodann brach er mit seiner ganzen Macht auf und fiel in das Gebiet von Gela ein. Er durchzog das ganze Land und Las von Kamarina, wobei sich sein Heer mit Beute aller Art bereicherte. Hierauf rückte er vor die Stadt Gela und schlna bei dem Fluß gleichen Namens ein Lager. Außerhalb der S?adt Geta war eins sehr große eherne Bildsäule des Apollo. Diese raubten die Feinde und schickten sie nach Tyrue. Die Geloer hatten das Bild einem Orakel des ^ Goties zufolge aufgestellt; die Tyrier aber beschimpften es in der Folgezeit, als sie von Alexander dem Macedonier be- *) Nach Rhodamamius xravxxXwg (oder eher arrX«§ oder öXws) für xaXeä§. Ok. 93, 4. I. R. 349 . v. Cbr. 402. 1117 lagert wurden; denn fle meinten, der Gott helfe den Feinden. Nachdem nun Alerander die Stadt, wie Timäus erzählt, an demselben Jahrstag und zu derselben Stunde, da die Karthager den Apollo bei Gel» geraubt, erobert hatte, wurde dieser mit Opfern und mit den reichsten Gaben von den Griechen geehrt, weil sie ihm die Eroberung zu verdanken glaubren. Wir haben es nicht für unzweckmäßig pebal- ten, diese Begebenheiten, wenn sie gleich zu verschiedenen Zeiten sich zugetragen haben, der Merkwürdigkeit wegen nebeneinander zu stellen. Die Karthager hieben die Bäume in der Gegend um und zogen einen Graben um das Lager; denn sie erwarteten, Divuysius werde mit einer großen Macht den Bedrängten zu Hülfe kommen. Die Geloer faßten, weil die Gefahr so drvbend erschien, zuerst den Beschluß, Weiber und Kinder nach Syrakus in Sicherbeit zu bringen. Da aber die Weiber zu den Altären auf dem Markt ihre Zuflucht nahmen und baten, daß man fle das Schicksal ihrer Männer tke len ließe, so gab man es zu. Hierauf theilte man die Truppen in sehr viele Abtheilungen, die man einzeln auf das Land ausschickte. So überfiele» sie, da sie der Gegend kundig waren, die herumschweiseuden Feinde, brachten täglich viele Gefangene ein und lödreten nicht Wenige. Als die Kartbager auf einer Seite die Sradt angriffen und mit den Sknrmböcken die Mauern einwarfen, wehrten sie sich wacker. Denn was den Tag über an den Mauern einfiel, bauten sie bei Nacht wieder auf, wobei die Weiber und Kinder miihalfen. Wälnend nckmlicki die dienstfähigen Männer b,ständig unter den Waffen und im Gefecht waren, besorgte das übrige Volk immerfort mit aller Willig- 11 ,8 Diodor'S hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. keit die Schanzarbeiten und die andern Dienstleistungen. Kurz ste kielten den Angriff der Karthager so standhaft aus, daß sie, obgleich ihre Stavr unbefestigt war und nirgendsher Hülfe kam, ja, ob sie gleich die Mauern an mehreren Stellen fallen sahen, doch ja der drohenden Gefahr den Muth nicht verloren. -og. Indessen ließ Dionysius, der Beherrscher von Syrakus, ein Hülfsheer von den Griechen in Italien kommen und auch von den andern Bundesgenossen Truppen stellen. In Syrakus hob er den größten Theil der Waffenfähigen aus, und die, Söldner reihte er unter das Heer ein. Nun hatte er im Ganzen, wie Einige behaupten, fünfzig tausend Mann, nach Timans aber dreißig tausend Mann Fußvolk und tausend Reiter und fünfzig bewehrte Schiffe. Mit diesem großen Heer eilte er dem Lande zu Hülfe. Als ^ er in die Nähe der Stadt kam, schlug er ein Lager am Meer. Denn es war ihm darum zu thun, sein Heer nicht zu vertheilen, sondern von demselben Punkt aus zu Land und zu Wasser anzugreifen. Mit den leichten Truppen nämlich wehrte er die Feinde ab, wenn sie im Lande plündern wollten; mit den Reitern und den Schiffen aber suchte er die Lebeuemirtel aufzufangen, welche den Karthagern aus dem von ihnen eroberten Gebiet zugeführt wurden. So brachte» sie nun zwanzig Tage zu, ohne etwas Bedeutendes zu unter- f nehmen. Jetzt aber theilte Dionysius das Fußvolk- in drei j Schaaren. Eine Abtheilung bildeten die Smlier, und die-. ^ sen trug er aul, rechts an der Stadt vorbei gegen die Ver- schanzung der Feinde anzurücken; die andere Abtheilung, die aus-Bnndeskruppen bestand, hieß er links an der Stadt Ol. 9Z, 4. I- R. 349. v. Chr. 4 o 5 . 1119 vorüber längs des Ufers in Eile hinziehen; er selbst aber zog mit der Abtheilung der Söldner durch die Stadt gegen den Play, wo das Sturmzeug der Karthager war. Den ^ Reitern befahl er, sobald sie das Fußvolk angreifen sähe», i über den Fluß zu seyen und durch das Gefilde zu sprengen; > wenn sie dann wahrnähmen, daß die Ihrigen im Vortheil wären, sollten sie auch an dem Kampf Theil nehmen, wenn aber Jene verlören, den Bedrängten Gchuy gewähren. Die Schiffsmannschaft sollte, so wie die Jtaler anrückten, gegen das Lager der Feinde heransegeln. . i>o. Dieser Befehl wurde richtig befolgt. Daher eilten die Karthager jener Gegend zu , um die Landung der Schiffs-- Mannschaft zu verhindern. Denn ihr Lager war auf der ganzen Seite gegen das Meer gar nicht befestigt. Während ^ dieser Zeit hatten die Jtaler den ganzen Weg am Meer hin zurückgelegt und griffen nün das Lager der Karthager an» Sie fanden, daß die Meisten gegen die Schiffe ausgerückt waren, und Die, welche noch auf dieser Seite standen, brachten sie zum Weichen und drangen in das Lager ein. Als das geschah, kehrten die Karthager mit dem größten Theil des Heeres um und trieben endlich nach einem lange dauernden Kampf die Stürmenden, die über den Graben gekommen waren, zurück. Uebermältigt durch die Menge der Fremden geriethen die Jtaler bei ihrem Rückzug in das spikige Pfahl- werk der Derschanzung, und Niemand kam ihnen zu Hülfe. Denn die Sicilier, die durch Las Gefilde zogen, kamen zu spät, und die Söldner unter Divnyüus wanden sich mit Mühe durch die Straßen der Stadt und konnten nicht so i,2o Diodor's hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. schnell, als sie wünschten, eintreffen. Die Geloer rückten zwar aus und leisteten den Jtalern einige Zeit auf einer kleinen Strecke Beistand, blieben aber dann mit ihrer Hülfe zurück, weil sie nicht wagten, ihre Mauern unvertheidigt zu lassen. Die Iberer und Camxaner, die im Heer der Karthager dienten, setzten den Italischen Griechen hart zu und machten mehr als tausend Mann nieder. Da indessen die Schiffsmannschaft mit Geschossen die Verfolgenden abhielt, so entkamen die Uebriggebliebenen glücklich in die Stadt. Auf der andern Seite schlugen sich die Sicilier mit den Libyern, die ihnen gegenüberstanden, erlegten eine beträchtliche Zahl . und verfolgten die Uebrigen in das Lager. Als aber die Iberer,, Campaner und Karthager den Libyern zu Hülfe kamen, zogen sich Jene mit einem Verlust von ungefähr sechshundert Mann nach der Stadt zurück. Die Reiter wandten sich, als sie sahen, daß die Ihrigen überwunden waren, I ebenfalls nach der Stadt, und die Feinde drängten nach. ^ Dionysius hatte endlich die Stadt durchzogen, ging aber, da er fand, Laß das Heer geschlagen war, für jetzt in die Mau- ^ ern zurück. in. Hierauf berief er eine Versammlung seiner Freunde, um sich wegen des Kriegs zu berathen. Da Alle erklärten, der Play sey nicht günstig zu einer entscheidenden Schlacht, so sandte er gegen Abend einen Herold an die Feinde ') wegen Bestattung der Todten auf morgen. Nun schickte er um die erste Nachtwache das Volk aus der Stadt weg, und um *) Für 7i(>og wird Tikpi, und für Seci nach Reiste irpög zu lesen seyn. ii2r Ol. 9 Z, 4- I- R. 549. v. Chr. 4°5. Mitternacht bracht er selbst auf und ließ gegen zweitausend Mann lechte Truppen zurück. Diese hatten Befehl, die ganze Nackt hindurch Feuer zu brennen und Lärmen zu machen , um die Karthager in der Meinung zu erhalten, er sey noch in der Stadt. Als schon der Tag anbrack, folgten auch sie dem Heer des Dionysius nach. Als die Karthager merkten, was geschehen war, rückten sie mit dem Heer in die Stadt ein und plünderten, was noch in-den Häusern zurückgeblieben war. Dionysius kam nach Kamarina und zwang auch da die Einwohner, mit Weibern und Kindern nach Syrakus zu wandern. Die Furcht ließ keinen Aufschub zu. Einige packten Silber und Gold und. Was sich leicht fortbringen ließ, zusammen; Ankere nahmen Eltern und unmündige Kinder mit auf die Flucht. Mancher, der hochdetagt war oder krank darniederlag und keine Verwandte oder Freunde hatte, wurde zurückgelassen, weil man dachte, die Karthager können jeden Augenblick da seyn. Denn in dem Unglück, das Selinus, Himera und Aangent getroffen, stand den Leute» ein ab,ckr>-ckendes Beispiel von der Grausamkeit der Karthager deutlich genug vor Augen. Da war ja keine Schonung der Gefangenen; ohne Erbarmen wurden die Unglückliche» entwede- gekreuzigt oder auf eine unerträgliche Art mißhandelt. So war denn, da man aus zwei Städten auswanderte, der Weg voll *) von Weibern und Kindern und ') Die von Dindorf statt xx övrkv aufgenommene Lesart övokt' ist ohne Zweifel richtig, aber xv rZ in L§oiXl^ottkvwn x/eziLv ^ zu verwandeln. I! 22 Dlodor's bist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. der übrigen Volksmenge. Dieser Anblick erregte bei den Kriegsleul.» Unwillen über DwnossnS uns Mittels mit dem Schicksal der Unglücklichen» Denn da sahen sie freigedorue Knaben und mannbare Jungfrauen unter dem gemischien Haufen , wie es ihiem Aller Nicht ziemte, die Straße hinziehen, des Auslands und der Scheue vor fremden Leuten im Drang der Umstände vergessend. Eben so bedauerten sie die Ereile, die, wie man wohl sah, über ihre Kräfte laufen mußten, um mit den Jüngeren Schritt zu halten. i i-. Darüber entbrannte nun der HaZ gegen Dioiiysms. Denn mau vermuthete, er habe einer Verabredung zufolge so gehandelt uns die Furcht vor den Kartkaqcru als Mittel gebraucht , ohne Gefahr über ore andern Städte Herr zu werden. Man bedachte nämlich, wie lange er mir der Hülfe gezögert, daß von den Söldnern Niemand gefallen, daß er ohne Grund geflohen, da er kemen empstndl chen Verlust erlitten, und, Was , die Hauptsache war, daß keui einziger Heino ihnen nackaesetzt. Daher fanden denn Die, welche trüber schon eine Gelegen- heil zur Empörung suchte», jetzt wie durch eine Schickung der Götter allgemeine Unterstützung, um der Zwingherrtchaft ein Ende machen zu können *). Die Jtaler nun verließen ihn und nahmen durch das Binnenland den W?q nach Hause. Die Syrakuüschen Reirer aber versuchten anfangs, ob üe nicht auf dem Wege den Herrscher umbringen könnten. Da sie aber sahen, daß ihm die Söldner nicht von der Seite Oder wenn man mit Reiske ircrircrg in Tia'vrcr verwandelt: ,,so kam denn für Die, welche .... der günstigste Augenblick zi:m Sturz der Awingherrschast." 1123 Ol. 93 , L. 3. R. 3-Lg. v. Chr. Wicken, sprengten sie Alle zusammen Syrakus zu. Sie wurden bei den Schiffswerften ebne Schwierigkeit eingelassen, weil man da von den Ereignissen in Gela noch nichts wußte, uns plünderten das Haus des Dionysius, das voll »du Silber und Gold und von andern Kostbarkeiten aller Art war. Seine Frau schleppten sie fort und' behandelten sie so lchimpstich, Laß selbst die Truppen *) über diesen AuS- Lrnch des Zorns unzufrieden waren, weil sie dachten, die Rache an der Frau verrathe am gewissesten, daß es ein gemeinschaftlich angelegter Plan gewesen. Dionysius, der auf dem Wege das Geschehene ahnte, las sich die Getreuesten aus der Reiterei und dem Fußvolk aus, und eilte mit ihnen so geschwind als nur möglich der Stadt zu. Denn er glaubte der Reiter sich nicht anders versichern zu können, als wenn er zuvor wüßte, Was sie angerichtet *'!. Wenn er nämlich noch unerwarteter als sie ankäme, hoffte er seinen Zweck le-cht zu erreichen. Und so geschah es auch. Denn die Reiter dachten nicht, daß Divnysius kommen "*), noch, daß er bei dem Heer würde bleiben können. Sie meinten also. ihre Absicht erreicht zu haben, und sagten, er habe sich gestellt, als entliefe er ans Gela vor den Pönern, nun aber sey er in Wahrheit den Syrakusicrn entlaufest, *) 7us>avuou wird aus «rrpcrröv entstanden und vozei- die ächte Lesart seyn. "*) Für wktAor. vTikp rTioi^okV ist vielleicht irr)Ao»rg ötikp k7it>ti)k7oev zu lesen. »**) Statt sollte es «v xXAs-v heißen. 1124 Dl'odor'ö hist. Bibliothek. Dreizehntes Buch. n5. Dionysius erschien, nachdem er gegen vierhundert Stadien zurückgelegt, um Mitternacht vor dem Thor von Ackradina mit hundert Reitern und sechshundert Mann zu Fuß. Da er das Thor geschloffen fand, so ließ er vor demselben das aus den Teichen zusammengeholte Rohr anzünden , das die Syrakusier zu gebrauchen pflegen, um den Kalk > zusammenzuhalten. Wahrend nun das Thor abbrannte, trafen auch die Zurückgebliebenen bei ihm ein. Nachdem das Thor durch das Feuer zerstört war, drang er mit seinem Gefolge durch Achradina ein. Auf die Nachricht davon eilten die tüchtigsten der Reiter sogleich in sehr geringer Anzahl herbei, ohne auf die Uedrigen zu warten. Sie stellten sich auf dem Markt auf, wurden aber von den Söldnern umringt und alle niedergestochen. Dionysius durchzog die Stadt, machte die zerstreuten Haufen, die sich widersetzten, nieder und suchte Die, welche ihm schon lauge *) abgeneigt waren, in ihren Häusern auf; er ließ sie theils tödten, theils verbannte er sie aus der Stadt. Die übrige Gchaar der Rsi- rer entkam aus der Stadt, und besetzte das jetzt sogenannte Aetna. Mir Tages Aubruch traf die ganze Menge der Söldner und das Heer der Sicilier in Syrakus ein. Die Geloer und Kamarinäcr aber trennten sich im Unwillen über Dionysius und zogen nach Leontini. riä.**) Jmilkv schickte daher, durch die Um- *) Für rA TltiXkl mag ro uc-Xae zu lesen seyn. Nach Din- dors's Vermuthung rH TioXrrLia hieße es, welche mit seiner Regierung unzufrieden waren. **) Hier ist die Erzählung von einer im Karthagischen Heer entstandene» Seuche ausgefallen. Ol. 93, 4- 2- R. 349. v. Chr. 4»5. urS stände genöthigt, einen Herold nach Syrakus, um die Besiegten zu einem Vergleich aufzufordern. Dionyslus willigte gern ein und der Friede wurde unter folgenden Bedingungen geschloffen. Es sollten unter der Herrschaft der Karthager ihre ursprünglichen Kolonien, namentlich die Sicaner, stehen, die Se linuntier, Agrigentiner undHimeräer, so wie auch die Gelvrr und Kamarinäer ihre Städte ohne Mauern bewohnen und den Karthagern eine Steuer entrichten, die Leontiner und Messeuier und alle Si- culer unabhängig seyn und die Syrakusier dem Dio- nysius unterworfen bleiben; Gefangene und Schiffe, und Was sie sonst einander abgenommen, sollten Alle zurückgeben. Sobald der Vertrag geschlossen war, schifften sich die Kar- thager^nach Libyen ein, nachdem sie mehr als die Hälfte ihrer Leute durch die Krankheit verloren harten. Aber auch in LibyeuLwährte die Seuche noch fort, und raffte eine große Zahl von den Karthagern selbst sowohl als von den Bundes- truppen weg. Da wir nun bts zum Ende der Kriege, des Pelvponnesischen ia Griechenland und des ersten Kriegs der Karthager mit Dionyslus in Sicilien, also bis zu dem be- stim uken Ziel gekommen sind, so gedenken wir die folgenden Begebenheiten für das nächste Buch aufzubehalten. Inhalt des v i e r z e h n t e n B u ch s Wie die Geschichte richtet. Cap. 1. 2. . I. v. Chr. 404. 'Die dreißig Tyrannen in Athen. Cap. 5. Theramenes und Andere hingerichtet. Cap. 4. 5. Schicksal der Flüchtlinge. Cap. 6. Dionpsius nimmt Sicherheitsmaßregeln. Das Heer der Syrakusier empört sich und belagert ihn. Cap. 7. 8. Er siegt mit Hülfe der Campaner. Cap. 9. Die Lacedä- monisr, die Feinde der Volksregierungen, unterstützen ihn. Cap. 10. Alcibiades wird ermordet. Tod des DemvkrituS. Renner Lasthenes. Die Römer verlieren Berrugo. Cap. 11, . 405. Klearchus übt Gewalt in Byzanz. Er flüchtet sich zu Cprus. Cap. 12. Lysanders Versuch, die Orakel zu bestechen. Cap. 15. Dionpsius bringt Aetna, Enna, Katana, Nervs, Levntini in seine Gewalt. Cap. 14. 15. Stadt Aläsa erbaut. Die Römer bekriegen Best. Sie erobern Anrur. Cap. 18- 402. Orvpus von den Thebancrn besetzt. Einfall der La- «edä'monicr .in Elis. Cap. 17. Dionpsius befestigt Epipolä. Cap. 18. 401. Cprus, von den Lacedamonisrn unterstützt, rüstet sich gegen Artarerres. Cap. 19. Er zieht durch Cilicien, Cap. 20. durch Sprien nach Babplonien. Cap. 21. Hier kommt ihm Artarerres entgegen. Cap. 22. Cprus fällt in der Schlacht, nun weichen seine Truppen, aber die Griechischen Hülfsvölker siegen. Cap. 25. 24. Vergebliche Aufforderung des Königs an die Griechen. Cap. 25. Er vergleicht sich mit ihnen; dann beraubt er sie ihrer Anführer mit Hinterlist. Cap. 28, Sie zi«- Inhalt des vierzehnten Buchs. "»7 hen sich zurück, verfolgt bis zu den Bergen der Karduche«. Eap. 27. In Armenien leiden sie vöm Schnee und Frost. Cap. 28. Sie erreichen das Meer in Kolchis. Eap. 29. Betäubender Honig. An der Küste hinziehend komme» sie nach Europa ^ zurück. Cap. 3V. 31. Die verbannten Athener unter Thraspbu- lus besetzen Phyle und erobern den Piräeus. In Athen wird ^ die vorige Verfassung hergestellt. Cap. 32. 53. Die Messenier, von den Lacedämonier» vertrieben, kommen grvßentheils in Cprene um. Beliträ. Cap. 34. 499. Tamos von Pfammitich ermordet. Den Statten in Asien kommt Thibro« zu Hülfe gegen Tissaphernes. Eap. 35. 38. Die vom Inge des Chrus zurückgekommenen Griechen vereinigen sich mit Thibron. Stadt Adranum. Tod des Königs Archelaus. Sokrates stirbt. Eap. 37- 399- Dercpllidas Streifzüge in Troas und Bithpnien. Herixxidas in Heraklea und am Qeta. Vormauer am Eherso- nes. Cap. 38. Kvnon wird Befehlshaber der Persischen Flott«. Stillstand zwischen den Persern und Lacedämonier». Cap. 39. l Vereitelter Angriff der Rheginer gegen Dionpsius. Cap. 4V. Seine großen Rüstungen zum Krieg mit den Karthagern. Die Römer vor Veji geschlagen. Cap. 41 —43. 398. Dionpsius wirbt Truppen. Seine doppelte Heirath. Die Sprakusier geben zum Krieg ihre Zustimmung. Cap. 44. 45. Das Eigenthum der Karthager in Sicilien wird geplündert. Cap. 46. 397- Dionpsius kündigt den Krieg an, zieht gegen Motp» und greift ander« Städte an. Cap. 47. 48. Imilko läßt die Schiffe bei Sprakus zerstören. Cap. 49. Sein Angriff auf die bei Motya wird vereitelt. Cap. 5V. Motya wird mit Sturm / erobert. Cap. 51 52. Mord und Plünderung in der Stadt. ' Cap. 53. 396. Dionpsius rückt aus, kehrt aber nach Hause, da Imilko mit einer großen Flott«, von welcher Leptines ein,» Theil zerstört, in Panormus landet und Motya erobert. Cap. 54. 55. Imilko zieht gegen Messen«. Cap. 56. Di« Stadt Diodcr. gs Bdchn. 5 f 1128 In h»!t des vierzehnten Buchs. wird erstürmt. Cap. 57. Dionysius sammelt neue Streitkräfte. Zerstörung von Meffene.. Cap. 58» Die Siculer bauen Tauro- menium. Vvm Landheer des Imilko getrennt, wird Mago's Flotte bei Katana angegriffen und siegt. Cap. 59. 60. Divnp- stus wagt nicht, dem Imilko entgegenzugehen. Dieser erscheint mit gesammter Macht vor Sprakus. Sah. 61. 62. Sein Frevel gegen die Götter durch Unfälle bestraft. Cap. 65. Die Sp- rakusier nehmen Schiffe der Karthager, in Abwesenheit des Divuysius. Cap. 64. Rede des Syrakusters Theodorus gegen den Tyrannen. Cap. 65 — 69. Der Lacedämonier Phäracidas läßt die Empörung nicht zum Ausbruch kommen. Seuche im Karthagischen 'Lager. Cap. 70. 71. Dionysius überfällt die Feinde. Zerstörung ihrer Flotte. Cap. 72 — 74. Die Karthager und die Siculer entweichen, das übrige Heer ergibt sich. Cap. 75. So schnell wechselt das Glück. Cap. 76. Karthago von den Bundesgenossen belagert, ohne Erfolg. Cap. 77. Dionysius räumt seinen Söldnern Lcontini ein. bevölkert. Messens und Tpndaris und gewinnt viele Städte. Cap. 78. Agesilaus. nach Asien geschickt, macht Streifzügs von Ephesus aus. Modus fällt von den Lacedämonier ab. . Tiffaphsrnes you Agesilaus geschlagen. Er wird von seinem Nachfolger Tithraustes enthauptet. Cap. 79. 80. Lysander fällt im Böotischen Krieg. Konen erhält Vollmacht von Actarerres, Cap. 81. 595. Verein in Kvrinth gegen die Lacedämonier. Die Böotier nehmen Herakle« und siegen in Phocis. Cap. 82. Ager' stlaus wird aus Asien zurückberufen. Seeschlacht bei Knidos. von Konon und Pharuabazus gewonnen. Cap. 85. Agesilaus siegt bei Korvnea. Die Lacedämonier verlieren die Seeherr- schast. Tod des Königs Assropus. Cap. 84. 594. Konon läßt in Athen die Mauern bauen. Tiriba- zus setzt ihn gefangen. Cap. 85. Blutbad in Kvrinth. Kampf um Lechänm. Cap. 86. Die Anhänger des Dionysius iu Messen«: schlagen die Rheginer zurück und erobern Mplä. Er belagert vergeblich Tauromenium. Cap. 87. 88. Pausanias in La- ' cedämvn wird verbannt, Tod des Königs Pausanias in Makedonien. Cap. 89. Inhalt des vierzehnten Buchs. 1129 > 595. Dionysius schlägt den Mago bei Abacänum. Sein Versuch auf Rhegium nußlingt. Jphikrates beschützt Korinth und rückt siegreich gegen Phliasia und Sicyvn. Cap. 90. 91. Die Argiver nehmen Besitz von Korinth. Amyntas vertrieben und wieder eingesetzt. Cap. 92. Beji von den Römern erobert. Cap. 95. 592. Thrasybulus am Chersones und aus Lesbos. ,Cap. 91. Mago rückt mit einem neuen Heer bis Agyrium. Agyris verbindet sich gegen ihn mit Dionysius. Cap. 95. Don den Syra- ^ kusiern verlassen, schließt Dionysius Frieden mit den Karthagern. Cap. 96. 391. In Rhobus siegt die Partei der Lacedamonier. Age- silaus verheert Argolis. Cav. 97. Evagoras, Fürst in Cypern, von Artarerres bekriegt. Die Römer aus Werrugo vertrieben. Cap. 98» . 590. Die Lacedamonier von Struthas bei Ephesus geschlagen, wo Thibron fällt. Thrasybulus komint bei Asxendus um. Cap. 99. Dionysius greift die Nhegiuer vorgeblich an. Cap. 100. Die Thurier von den Lucanern umzingelte Friede durch Leptines vermittelt. Kriege der Römer. Cap. 101. 102. 589. Dionysius belagert Kaulonia und s-Dlägt die Kroto- niaken. Cap. 10Z. 101. Seine Großmuth gegen die Gefangenen. Cap. 105. Die Rhegiuer erkaufen den Frieden. Zerstörung von Kaulonia. Römer und Aeguer. Cap. 106. 588- Hipponium von Dionysius zerstört, br sucht eiuen Vorwand gegen die Rhegiuer. Sie vertheidigen sich tapfer. Cap. 1o7. 108. In Olympia erndtct er Schmach statt des Preises. Cap. 109. 587. Friede des Antalcidas. Cap. 110. Rhegium durch Hunger bezwungen. Cap. 111. Phytons. Marter. Cap. 11L. Die ^Senouen, bei Clusium gereizt, ziehen gegen Rom und siegen. Cap. 115.111. Die Römer flüchten, auf das Capitolium. Cap. 115. Rettung derselben. Abzug der Gallier. Eax. 116. Thaten des Camillus. Cap. 117. 5 * !IZ0 Dlodor'S historische Bibliothek. Vierzehntes Buch. >. Es ist wohl natürlich, daß es Jeder mit Verdruß hört, wenn man ihn schilt. Denn auch, wer seine Schlechtigkeit ganz offen an den Tag legt, so daß er sie gar nicht längoet, wird doch unwillig, wenn ihn ein Tadel trifft, und sucht Entschuldigungsgründe vorzubringen. Daher sollte sich Jedermann auf alle Weise hüten, irgend etwas Böses zu thun, vorzüglich aber '), wer nach Herrschaft strebt, oder wem ei» ausgezeichnetes Glück zu Theil geworden ist. Denn Las Leben solcher Menschen wird von allen Seiten beobachtet und ist so offenkundig, daß fle ihre Fehler durchaus nicht verbergen könne». Also hoffe Niemand, wer irgend eine höhere Stelle einnimmt, in die Länge dem Tadel sich zu entziehen, wenn er große Fehler begebt. Denn wenn er auch, so lang er lebt, dem Unheil des Tadels entgeht, so hat er zu erwarten, daß ihn spätsr die Wahrheit richten wir-, welche freimüthig kund macht, was lange verschwiegen blieb. So ist eS denn für die Schlechten etwas Widriges, nach ihrem Tode ein unvergängliches Bild von ihrem ganzen Leben der Nachwelt hinterlassen zu müßen. Denn wenn auch Alles für uns mit dem Tove aus ist, wie gewissen Philosophen s» oft behaupten, so wird roch unser vorangegangenes Lebe« *) Nach SichstSdt uevror für -rev. Ol. 9 -j. i. I. R. 35o. v. Chr. ^ 04 . ii3e uns sehr verbittert, wenn es für alle Zeiten *) in schlechtem Andenken bleibt. Augenscheinliche Beispiele davon können die Leser in den Erzählungen dieses Buch« finden. . -. Die dreißig Tyrannen nämlich, die in Athen aufstanden, brachten durch ihre Habsucht großes Unglück über ihr Vaterland, verloren aber auch bald ihre Macht und hinterließen einen auf ewig beschimpften Namen. Die Lace- dämonier aber, welche sich die unbestrittene Herrschaft von Griechenland erworben, verloren dieselbe dann, als fle ungerechte Handlungen gegen ihre Bundesgenossen sich erlaubten. Denn die Macht der Oberherrn wird bewahrt durch Wohlwollen und Gerechtigkeit, geht aber verloren durch Un- rechtthun und durch den Haß der Untergebenen. Eben so war DionysiuS, der Tyrann von Syrakus, ob er gleich der glücklichste Herrscher war, doch, so lang er lebte, unaufhörlichen Nachstellungen ausgesetzt und durch Furcht genöthigt, unter dem Kleid einen eisernen Harnisch zu kragen; und das Andenken, das er im Tode hinterließ., bleibt auf ewige Zeiten vor aller Welt gebrandmarkt. Doch über daS Alles werden wir zur gehörigen Z?it genauere Nachricht geben. Jetzt wenden wir uns zum Verfolg der zuletzt erzählten Begebenheiten und geben uur vorher die Zeitbestimmungen- In den lsiebcnz vorangehenden Büchern haben wir die Geschichte von siebenhundert neun und siebzig Jahren, nämlich von der Eroberung von Troja bis zum Ende des Peloponnesischen Kriegs und der Oberherrschaft der Athener, beschrieben. I« ') Für ist aiwva nach Dobree oder Xstovon nach Dindvrf zu lesen. iiZs Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. diesem Buch nun, das als Fortsetzung die nächstfolgende» Begebenheiten enthält, fangen wir bei den zu Athen aufgestellten dreißig Tyrannen an und tzören mit der Eroberung von Rom durch die Gallier auf; was einen Zeit räum von achtzehn Jahren ausmacht. Z, Im siebenhundert und achtzigsten Jahr nach der Eroberung von Troja war in Athen kein Archen *-), weil die Stadt die Oberherrschaft verlor; in Rom ging die Gewalt der Consilia auf vier Kriegstribunen über, Lucius Furius, Casus Sersilius, Cajus Valerius, -Numeriüs Fabius; es wurde in diesem Jahr die vier und neunzigste Olympiade geleiert, wo Krocrnas -von Larissa Sieger auf der Rennbah» war sJ. R. ä5e> v. C. />o!>ch Zu dieser Zeit schloßen dir Athener, weil sie erschöpft waren, den Vertrag mit den La ced ämoniern, nach welchem sie die Mauern der Stadt abtragen und sich ,an die Staalsvsrfaffung ihrer Vater halten sollten. Die Mauern trugen fle ab, über die Verfassung aber geriethen sie in Zwist miteinander. Die nämlich, die nach der Oligarchie strebten, behaupteten, man mäße die höchste Gewalt, die nach der alren Einrichtung in den Händen gar zu weniger Männer gewesen, mehr vertheilen **); der größere Theil *) Nämlich den Archen dieses Jahrs, Pythodoru», zählte man nicht, weil er nicht gesetzlich gewählt war. Leu, , Gr. Gesch. II, 5, 1. *') Weil die Partei der Aristokraten zahlreich war, so sollte es nach ihrer Absicht eine Regierung werden, an welcher Viele Theil nehmen könnten. Nach der gewöhnlichen Erklärung hieße es: sie behaupteten, man nmß« die ur- n33 Ol. 94 , i. I. R. 35o. v. Chr. 4»4. «der, der eins Volksrsgierung wünschte, pries die Staats- verfaffung der Vater an und erklärte, diese sey ja bekanntlich demokratisch gewesen. Nachdem man sich einige Tage darüber gestritten, schickte die oligarchische Partei Abgeordnete an den Spartaner Lysander. Dieser war nämlich nach der Beendigung des Kriegs abgesandt, um die Verfassungen der Städte zu ordnen, und führte in den meisten «ine Oligarchie ein. Da nun * *) Jene mit Wahrscheinlichkeit hoffen konnten, daß er ihren Plan. unterstützen würde, so schifften sie nach Samos hinüber; denn dort hielt sich Lysander damals auf und hatte so eben die Stadt erobert. Er sagte ihnen seine Mitwirkung, um welche sie baten, zu. In Samos stellte er den Spartaner Thorar als Harmvsten ") auf und segelte mit hundert Schiffen nach dem Piräeus. In Athen berief er eine Volkssersammlung und gab den Rath, dreißig Männer zu Vorstehern der Stadt zu wählen, welche die ganze Staatsverwaltung zu besorgen hätten. Da widersprach The r amen es und las ihm aus der Fssedens- nrknnde vor, wie er darein gewilligt, daß man sich an die Verfassung der Väter Halts; es würde sehr Unrecht seyn,, sagte er, wenn sie dem beschwornen Vergleich zuwider der alte Verfassung herstellen, nach welcher ganz Wenige im Besitz der höchste« Gewalt gewesen sehen. Dann wäre aber -für ein Wort wie «vlrnr^<7ttbA«t (was Reiste vorgeschlagen) zu seyen. *) Vielleicht ist ov/ aus opn, das folgende ovn aber aus /reu entstanden. ") Bergl. XM> 66. ' r i3§ Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Freiheit beraubt werden sollten. Aber Lysander behauptete, der Vertrag sey von den Athenern gebrochen, denn sie habe» die Mauern erst später als in der bestimmten Frist abgetragen. Zugleich stieß er gegen Theramenes die heftigsten Drohungen aus und erklärte, er werde ihn tödteu lassen, wem« er nicht aufhöre, den Lacedämoniern sich zu widersetzen. So wurde denn Theramenes sowohl als das Volk eingeschüchtert und gezwungen, durch Stimmgebung die Volksregirrung aufzulösen. Es wurden demnach dreißig Männer zur Verwaltung der Staatsgeschäfte gewählt, dem Namen nach Ord- ^ uungsbeamte, in der That aber Zwingherrn. ! 4. Da das Volk die Mäßigung des Theramenes kannte ! und erwartete, daß durch dessen Rcchtschaffeuheit die Habsucht der Vorsteher einigermaßen würde in Schranken gehalten werden, so wählte es auch ihn unter die dreißig Obern, i Die Gewählten sollten den Rath und die andern Obrigkeiten ernennen und Gesetze versassen» nach welchen fle regiere» wollten. 'Das Geschäft der Gesetzgebung nun schoben sie auf, wozu sie immer einen scheinbaren Vorwand fanden. Den Rath aber und die andern Aemter besetzten sie aus der Mitte j ihrer Freunde. Dieß waren also nur Obrigkeiten dem Namen »ach, im Grunde aber Diener der Dreißig. Diese stellten im Anfang nur die schlechtesten Leute in der Stadt vor Gericht und verurtheilten sie zum Tode; und so weit hatte ihre Handlungsweise den Beifall der rechtlichsten Bürger. Da sie aber nachher gewaltsam und widerrechtlich verfahren wollten, so baten sie sich von den Lacedämoniern eine Schutzwache aus, um, wie sie sagten, den Zwecken derselben gemäß den Staat einrichten zu können. Denn fle wußten, daß sie ohne ii35 Ol. 94 , >. I. R. 356. v. Chr. 4«4- auswärtige Waffengewalt die Hinrichtungen nickt vollziehen könnten, weil für Erhaltung der öffentlichen Sicherheit sich Jedermann verwenden würde. Die Lacedämonier schickten «ine Sckutzwache und als Anführer derselben den Kalli- bius. Diesen Befehlshaber der Wache suchten die Dreißig durch Geschenk« und durch andere Gefälligkeiten zu gewinnen; und nun lasen sie unter den Reichen Diejenigen aus, die dazu geeignet schienen, und verhafteten sie als Unruhestifter, brachten sie zum Tode und zogen ihr Vermögen ein. Als Theramenes seinen Amtsgenvssen sich widersetzte und drohte, mit den Vertheidigern des vffenUicken Wohls sich zur Wehr zu stellen, so versammelten die Dreißig den Rath. Kritias stellte sich an ihre Spitze und klagte den Theramenes in einer langen Rede an, er verrathe diese Regierung, an der er doch selbst freiwillig Theil genommen. Hierauf nahm Theramenes das Wort und rechtfertigte sich über die einzelnen Punkte zur Zufriedenheit des ganzen Raths. Allein Kritias und seine Genossen, welche fürchteten, der Mann möchte die Oligarchie stürzen, stellten Kriegrleute mit gezogenen Schwertern im Kreise auf und ließen den Thcrame- neS ergreifen. Dieser sprang der Vesta des Rathssaals *) zu und erreichte sie noch. Nickt darum, sagte er, fliehe er zu den Göttern, weil er sich dadurch zu retten hoffe, sondern damit seine Mörder auch die Schuld des Frevel« gegen die Götter auf sich laden. *) Es war im Saal der Rathsversammlung ein Altar und Bild der Vesta. ii 26 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. 5. Als die Gerichtsdiener hinzutraten und ihn wegrissen, trug Theramenes sein Unglück mit edlem Muth; denn er hatte viel in der Philosophie bei SokraLes gelernt. Die Andern alle bedauerten das Mißgeschick des Theramenes, wagten jedoch nicht zu helfen, weil so viele Bewaffnete um- herstanden. Aber der Philosoph Sakrales und zwei seiner Bekannten liefen herbei und suchten die Gerichtsdiener abzuhalten. Allein Theramenes bat sie, das ja nicht zu thun; er schätze, sagte er, ihre Freundschaft und ihren Muth, aber das wäre für ihn der größte Schmerz, wenn er am Tode Derer Schuld wäre, die sich so freundlich gegen thu bezeugen. So hielten sich denn Sokrates und seine Begleiter ruhig, da sie von den Andern Niemand znr Hülfe hatten und das Drohen *) der Gewaltigen immer zunehmen sahen. Den Theramenes zogen also die dazu Befehligten Vvm Altar weg und schleppten ihn mitten über den Markt hin zum Tode. Das Volk war durch die Waffen der Schutzwache in Furcht gesetzt. Es halte Mitleid mit dem Unglücklichen und beweinte nickt nur dessen Schicksal, sondern zugleich seine eigene Knechtschaft. Denn die Geringen mußten alle denken, wenn sie einen so wackern Mann wie Therame- ncs also mißhandeln sahen, sie, die Schwachen, werde man ohne alles Bedenken auch noch dazu hinschlachten. Nach seinem Tode wählten sich die Dreißig die Reichen aus, brachten falsche Klagen gegen sie vor, richteten sie hin und theilten sich in den Raub ihres Vermögens. Unter Andern mordeten sie auch den Niceratus, einen Sohn des Ninas, *) Nach Dmdorfs Vermuthung «varaerlN slir «ncrornctev. OI. 94, i> I. R. 35 o. v. Chr. 404. 1107 des Feldherrn im Syrakusischen Krieg, einen Man», der gegen Alle billig und freundlich war und wohl der reichste und angesehenste Bürger in Athen war. Daher trauerte man denn in jedem Haus über den Verlust dieses rechtlichen Mannes, dessen man nicht ohne Thränen gedenken konnte. Indessen hörten die widerrechtlichen Handlungen der Tyrannen nicht auf; vielmehr trieben sie in jeder Rücksicht *) ihren Wahnsinn immer weiter. Sie schlachteten sechzig der reichsten Fremdlinge hin, um sich in den Besitz ihres Vermögens zu sehen, und Bürger wurden täglich gemordet; daher flohen die Wohlhabenden beinahe alle aus der Stadt. Unter den - Hingerichteten war auch Autvlykus, ein freimüthiger Mann. Ueberhan'xt wählten sie die geachtekstn; Leine ans. Eine solche Zerstörung richteten sie in Athen an, daß mehr als die Hälfte der Bürger auswanderte. . 6. Die Lacedämouier sahen mit Freuden, wie die Stadt Athen sank '*); denn sie wünschten, daß die Athener nimmer mächtig würden. Und diese Gesinnung legten sie offen an den Tag. Denn sie verordneten durch einen Volks- schlnß, die Athenischen Flüchtlinge sollten aus ganz Griechenland auf Verlangen der Dreißig ausgeliefert, und wer sich dagegen setzte, um fünf Talente gestraft werden. Diese harte Verordnung befolgten die übrigen Städte aus Furcht vor der Uebermachä der Spartaner. Die Argiver aber waren die Ersten, die die Flüchtlinge freundlich aufnahmen *) 'Av ärraorv kann neben xnsir«orr' stehe« bleiben. ") Das fehlende Wort ist vielleicht r«7r§r>>i)v, das vor rrö^rn aussallsn konnte. , - 38 Diodor's hist. Bibliothek» Vierzehntes Buch. aus Haß gegen die Grausamkeit der Lacedämonier und aus Mitleid mit dem Schicksal der Unglücklichen. Dann faßten auch die The bau er den Beschluß, wer einen Flüchtling wegführen sähe und ihm nicht, nach Kräften hälfe, sollte gestraft werde». So stand es mit den Athenern. 7. In Sicilien sorgte Divnysius, der Beherrscher von Syrakus '), nachdem er mit den Karthagern Fried» geschloffen, um so eifriger für die Befestigung seiner Gewalt. Denn er dachte, die Eyrakusirr haben nun, da sie vom Krieg befreit seyen, Muße , die Freiheit wieder zu erringen. Da er sah, daß Nesos der festeste Platz der Stadt war, der leicht vertheidigt werden konnte, so schloß er diese Insel von der übrigen Stadt durch eine treffliche Mauer ab, die mit zahlreichen hohen Thürmen versehen war. Außen erbaute er G-richlssäle und Hallen, die eine große Volksmenge fasse» konnte». Auf der Insel selbst führte er eine trefflich befestigte Burg auf, als Zufluchtsort für '»»vorgesehene Fälle, und in die Mauer derselben schloß er 'zugleich die Schiffswerft an dem kleinen Haken, Laccium genannt, ein. Dieser faßte sechzig Dreiruder und hatte ein geschlossenes Thor, durch das nicht mehr als ein Schiff einfahren konnte. Unter den Ländereien wählte er die besten aus und schenkte sie seinen Freunden und den Befehlshabern; die übrigen theilte er gleich aus unter Fremdlinge und Bürger, wobei er unter dem Namen der Bürger die freigelassenen Sklaven mit begriff, die er Reubürger nannte. Auch die Häuser vertheilte ') Nach der alten tat. Ueberseyung Zvpaxovoicor' für er er he H gi si< d< z> ri st k, L e d .« r r Ol. 9-, i. I. R. 35 o. v. Chr. 404. i'Sg er unter da« Volk, die aufNesss ausgenommen; diese schenkte er seinen Freunden und den Söldnern. Als er die Allein» Herrschaft wohl begründet zu haben glaubte, führte er sein Heer gegen dir Siculer; denn er wollte sich alle unabhängige Völkerschaften unterwerfen, besonders aber Diese, weil sie es zuvor mit den Karthagern gehalten. So rückte er denn gegen die Stadt Herbessus, und machte Anstalten zur Belagerung. Die Syrakufler, die mit zu Felde zogen, rotteten sich, da sie nun Waffen in den Händen hatten, zusammen und machten einander Vorwürfe, daß sie den Reitern zum Sturz des Tyrannen nicht mitgeholfen hätten. Einem der freimüthigen Sprecher drohte der von Dionyslu« ernannte Anführer der Truppen, und als darauf Jener widersprach , ging er übermüthig auf ihn zu, um ihn zu schlagen. Dadurch wurden die Kriegsleute so erbittert, daß sie den Befehlshaber, er hieß Dvriku«, umbrachten. Sie riefen dir Bürger znr Freiheit auf und ließen die Reiter aus Aetua kommen. Diese waren nämlich beim Anfang der Zwingherrschaft entflohen und wohnten in jener Festung. 8. Erschrocken über die Empörung der Syrakufler hob Dionyflus die Belagerung auf und eilte Syrakus zu, um sich der Stadt zu versichern. Als er entfloh, wählten die Anstifter der Empörung Die, welche den Befehlshaber ge- tödtet, zu ihren Heerführern, stellten sich, mit den Reitern aus Aetna vereinigt, dem Tyrannen gegenüber in dem Theil der Eradt auf, welcher Epipolä heißt, und schnitten ihm den Verkehr mit dem Lande ab. Sie ließen sogleich die Messe nier und Rhrginer durch Abgeordnete bitten» daß sie ihnen zur See.für die Freiheit kämpfen hälfen. Den» 1 isio Diodor's, hisi. Bibliothek. Vierzehntes Buch. diese Städte pflegten zu jener Zeit nicht weniger als achtzig Schiffe zu bemannen.' Diese schickten fle denn den Syraku- flern, um ihnen iin Kampfe für die Freiheit beiznstehen. Auch machten sie kund, daß sie Denen, welche den Tyrannen umbringen würden, eine große Summe Gelds versprechen, und ! den Fremdlingen, die übertreten würden, sagten sie das Bär- > gerrecht zu. Sie rüsteten ferner Sturmzcng, nm die Mauern damit zu erschüttern und einzuwerfen, und machten Tag für Tag Angriffe auf Ncsos. Die Miethkruppen, die übergingen, nahmen sie freundlich auf. Da sich Diönyslus vom Verkehr mit dem Lande abgeschnitten und von den Söldnern verlassen sah , so versammelte er seine Freunde, um sich wegen seiner Lage zu berathen. Denn die Hoffnung, seine Macht zu behaupten, hatte er so völlig aufgegeben, daß ersticht mehr darauf dachte, wie er die Syrakusier bezwingen könnte, sondern zu welchem Tode er sich entschließen sollte, damit ! seine Herrschaft nicht ein ganz' unrühmliches Ende nähme, f Heloris, einer seiner Freunde oder, wie Andere behaupten, sein Advptivvater sagte zu ihm, die Alleinherrschaft sey ein schönes Sterbekleiv. Sein Schwager Polyrdnus aber erklärte, er müßs das schnellste Pferd nehmen und davon reiten ins Gebiet der Karthager zu den Campauerir. Diese hatte nämlich Jmilko zur Vertheidigung der Plätze in Sicilien zurückgelassen. Philrstus hingegen, der nachher die Geschichte schrieb, widersprach dem Polyrenus und sagte, ^ von der Alleinherrschaft mäße man ja nicht freiwillig *) zu' GrXonrox ist eher in FeXonr« als in -Aronrog zu verwandeln. > Ol. 94, i I. R, 35o v. Chr. 404. ir4t Pferd wegeilen, sondern erst fallen, wenn Man a-n den Beinen gezogen werde. Diesem Rath gab Dionyslus Gehör und entschloß sich, eher Alles zu erdulden als freiwillig auf die Herrschaft zu verzichten. Er ließ also die Empörer Lurch Abgeordnete ersuchen, ihm zu gestatten, daß er mit denSei- nigen aus der Stadt abziehen dürfte, schickte aber zugleich n,geheim zu den Campanern und versprach ihnen Geld zu geben, so viel sie verlangten, wenn sie die Aufhebung der Belagerung bewirkten *>. g. Die Syrakuster gestatteten dem Tyrannen auf sein Ansuchen, mii fünf Schiffen abzusegeln, und wurden nun sorgloser. Die Reiter entließen sie, weil sie dieselben znr Belagerung nicht brauchen konnten, , und das Fußvolk zog größte,itheils auf das Land hinaus, als ob die Zwingherr- schaft schon gestürzt wäre. .Indessen kamen die Campaner, Lurch die glänzenden Versprechungen angelockt, fürs Erste nach Agyrium; dort hinterlegten sie ihr Geräth bei Agy- ris, dem Beherrscher der Stadt, und eilten nun rüstig Syrakus zu, zwölfhuvdert Reiter an der Zahl. Sie hatten den Weg bald zurückgelegt und überfielen die Syrakuster unversehens , machten Viele von ihnemnieder und schlugen sich durch zu Dionystus. Zu derselbe» Zeit kamen auch dreihundert Söldner zu Schiff für den Tyrannen an, so daß er wieder voll Hoffnung war. Die Syrakuster entzweiten sich, Ms die Macht des Herrschers wieder verstärkt wurde. Einige verlangten, die Belagerung sollte fortgesetzt werden, Andere, *) Nach «0 arre/er-vorn konnte öan ausfallen, was dann durch eis ersetzt wurde. Diydsr's hift. Bibliothrk. Vierzehntes Buch. man sollte das Heer auseinander gehen kaffen und aus der Stadt auswandern. Als Dionyflus das bemerkte, ließ er sein Heer gegen fle ausrücken, überfiel sie in ihrer Verwirrung bei der sogenannten Neustadt und brachte fle seicht zum Weichen. Umgebracht wurden nicht Viele; denn Dionyflus ritt hin und her und verbot, die Fliehenden zu körten. Die Eyrakufler zerstreuten flch für den Augenlick auf dem Lande; bald aber sammelten flch bei den Reitern über siebentausend Mann. Dionyflus ließ die gefallenen Syrakufler begraben und die Flüchtlinge durch Abgeordnete, die er nach Aetna schickte, zu einem Vergleich und zur Rückkehr in ihre Vaterstadt auffordern und ihne« das Versprechen geben, das Geschehene zu vergessen. Einig« nun, die Weiber und Kinder zurückgelassen, waren genöthigt, den Vorschlag anzunehmen. Die klebrigen aber erklärten, als die Abgeordnete» j die Wohlthat des Dionyflus priesen, daß er die Gefallenen bestattet, er sey es werth, daß man ihm denselben Dienst erweise, und flehten zu den Göttern, daß ihm doch recht bald dieser Dienst geleistet werden dürfte. Diese waren also nicht im Mindesten geneigt, dem Tyrannen zu trauen; sie blieben in Aetna und warteten eine günstige Zeit zum Angriff ab. Den zurückkehrenden Flüchtlingen begegnete Dionyflus freundlich, weil er auch die Andern bewegen wollte, wieder in die Vaterstadt zu ziehen. Die Eampaner aber entließ er aus der Stadt mit angemessenen Belohnungen; denn er mißtraute ihnen wegen ihres Wankelmuths. Sie zogen nach Entella, und nachdem ihnen die Einwohner der Stadt erlaubt hatten, sich bei ihnen niederzulassen, überfielen fle Dieselben bei Nacht, brachten die waffeufShig« Mann- Ol. 94, i. I. R. 35 o. v. Chr. 404. "43 schaft um, verehlichten sich mit den Weibern der vertragswidrig Gemordeten und blieben im Besitz der Stadt. 10. In Griechenland hatten die Lacedam 0 nie r, nachdem sie den Peloponnesischen Krieg beendigt, die unbestrittene Oberherrschaft sowohl zu Land als zur See. Den L y- sander ernanntet! sie zum Befehlshaber der Flotte und trugen ihm auf, von einer Stadt zur andern zu ziehen und überall die bei ihnen sogenannten Harmvsten einzusetzen. Denn die Vvlkrregisrungen waren den Lacedämvniern zuwider; daher wollten sie Oligarchien in den Städten eingeführt sehen. Sie legten den Besiegten auch eine Steuer auf, und statt Laß bisher kein gemünztes Geld bei ihnen im Gebrauch war, Krachten sie jetzt durch die Steuer jährlich über tausend Talente zusammen. Nachdem sie die Angelegenheiten in Griechenland nach ihrem Wunsch geordnet, schickten sie den Arist u s, einen angesehenen Mann, nach Syrakus. Sie gaben vor, sie wollten den Tyrannen stürzen; ihre wahre Absicht aber war, seine Macht zu vergrößern. Denn sie hofften, wenn sie ihm seine Herrschaft befestigen hälfen, würde'sich Dionysius aus Dankbarkeit folgsam gegen sie beweisen. Aristus fuhr also nach Syrakus und besprach sich darüber ingeheim mit dem Tyrannen, während er die Syrakusier aufwiegelte und ihnen versprach, die Freiheit wiedekherzu- stellen. Nun brachte er den Nikoteles vvn Korinth, einen Anführer der Syrakusier, um und verrieth Die, welche ihm getraut hatten. So befestigte er die Macht des Tyrannen, beschimpfte aber durch diese That sich selbst nicht allein, sondern auch seine Vaterstadt. Dionysius schickte die Syraku- Diobor. 9s Bdchn. 6 Divdor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. sier in die Erndte '), durchsuchte indessen die Häuser und nahm Allen die Waffen weg. Hierauf baute er eine zweite Mauer um die Burg, rüstete Schiffe aus, brachte Söldner in Menge zusammen und traf noch andere Anstalten, um seine Herrschaft zu sichern. Denn er hatte bereits in der That die Erfahrung gemacht, daß die Syrakusier Alles wagten, um nur nicht Sklaven zu seyn. ii. Zu derselben Zerr ließ Ph arn abazus, der Statthalter. des Königs Darius, den Athener Aleib Labes aufheben und richten, um den Laceaä monier» eine Gefälligkeit zu erweisen. Einen andern Grund der Ermordung gibt Ep Horns an, und wir kalten es nicht für überflüssig, den Bericht dieses SchnrtfleUers von dem auf Alcibiades gemachten Angriff beizufügen. Er erzählt im siebzehnte» Buch, Eyrus und die Lacedämonier haben sich inge- heim gerüstet, dessen Bruder Artarerres gemeinschaftlich zu bekriegen; Alcibiades, der vs dem Vorhaben des Cyrus Nachricht erhalten, sey zu Pharnabazns gekommen, habe ihm die ganze Sache entdeckt und ein Geleit ") von ihm begehrt, um zu Artarerr-s hlnaufreiftn uns dem König die erste Kunde von dem geheimen Plan bringen zu können. Pdarnadazus aber habe, nachdem er aas durch ihn erfahren, das Verdunst der Anzeige sich zugeeignet, indem er vertraute Männer mit dieser Nachricht an den König schick». Da ihm nun Pharnabazns kein Geleit in bis Königestadt *) Sollte es nicht flatt nö n Ae^icrzcon heißen nü tius Tbeaterl? ' ' Für ööön ist vielleicht zu lesen. Ol. 94, 2. I. R. 35 1. v. Chr. 4°3. ir/s 5 gegeben, bade sich Alcibiades an den Statthalter von Pa- phlagonien wenden wollen, um unter reffen Schutz die Reise zu machen. Hierauf bade Pharnabazns aus Furcht, der König möchte den wakren Verlauf der Sache erfahren, Leute abgesandt, um den Alcibiades auf der Reise zu ermorden. Sie haben ihn in einem Dorf in Phrygien getroffen und die Hütte, wo er übernachtete, mit einer Menge Holz umgeben. Als nun das Feuer hoch aufloderte, habe sich Alcibiades zu wehren versucht, aber in der gewaltigen Flamme und Lurch die Wurfspieße, die auf ihn zugeflogen, seine» Tod gefunden. Um eben diese Zeit starb der Philosoph Demokritus in einem Alter von neunzig Jahren. Lasthenes von Theben, der in diesem Jahr in Olympia siegle, soll eS im Lauf einem Rennpferd züsorgethan haben; und zwar sey der Lauf von Korouea bis zur Stadt Theben gegangen. In Italien wurden die Römer in Verrugo, einer Stadt der Bolsker, welche sie beseht hatten, von den Feinden überfallen; diese eroberten die Stadt und machten den größten Theil der Besatzung nieder. I-. Nachdem die Begebenheiten dieses Jahrs vorüber waren, wurde in Athen Euklid eS Archen, und in Rom ging die Gdwalr der Consuln auf vier Krregstribunen über, Publiut Cornelius, Cnejus Cornelius Numeri us FabiuS, Lncius Valerius sJ. R. L5> v. C. L»5i. In dem Jahr, da Diese die Regierung führten, erging es den Byzamiern übel. Sie waren nämlich sowohl unter sich selbst entzweit als mit den benachbarten Thraciern 6 * 1146 Diodor's h-ist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. im Krieg begriffen. Da sie mit der Schlichtung ihrer innern Streitigkeiten nicht zu Stande kamen, so begehrten sie eine« Feldherrn von den Lacedämoniern. Diese schickten den Spartaner Klearchus ab, die Angelegenheiten der Stadt zu ordnen. Es wurde ihm die oberste Leitung anvertraut Nun brachte er eine große Zahl von Söldnern zusammen und war nicht mehr Vorsteher, sondern Alleinherrscher. Fürs Erste brachte er die Obern der Stadt bei einem Opfertest» zu dem er sie einlud, um. Darauf ließ er, da keine Obrigkeit mehr in der Stadt war, die sogenannten dreißig ersten Bürger') festnehmen und mit Stricken erdrosseln. Das Vermögen aller der Ermordeten eignete er sich zu. Nun las er sich auch unter den U-brigen die Wohlhabenden aus und ließ sie auf den Grund falscher Anklagen entweder hinrichten oder verbannen. Durch die großen Reichthümer, die in seine Hände fielen, und durch die Menge von Söldnern, die er um sich sammelte, befestigte er seine Herrschaft. Da man nun überall von der Grausamkeit und der Macht des Tyrannen hörte, so sandten die Lacedämonier fürs Erste Abgeordnete an ihn, die ihn bewegen sollten, die Herrschaft niederzulegen. Als er aber nicht auf ihr Begehren achtete, so schickten sie Truppen gegen ihn unter der Anführung des Panthödas. Klearchus erhielt Nachricht, daß ein Heer im Anzug sey, und führte seine Truppen nach Selybria *) Dieser Sinn scheint in dem Zotmrove; zu liegen, daS übrigens vielleicht aus 7is>m'r'ou§ entstanden ist. Denselben Sinn gibt Reiske's Vermuthung rovg onoffa» Ol, 94 , 2. I. R. 35 r. v. Chr. 40Z. r>47 hinüber; denn auch über diese Stadt war er Herr und er da»re, in Byzanz würde er nicht blos die Lacedämonier zu Feinden haben, sondern auch die Einwohner der Stadt, Leneg er so viel zu Leide gethan. Weil er es demnach für sicherer hielt, von Selybria aus den Krieg zu führen, so brachte er dorthin seine Schätze und sein Heer. Sobald er erfuhr, daß die Lacedämonier in der Nahe seyen, ging er iln.'n entgegen und lieferte bei der sogenannten Furth den Leuten des Panthödas ein Treffen. Der Kampf währte la ige Zeit und die Lacedämonier sockten so tapfer, daß das Heer des Tyrannen aufgerieben wurde. Fürs Erste nun schloß sich Kleärchus in Selybria ein und wurde belagert; nachher aber, entwich er bei Nacht aus Furcht und kam zu Eckiff nach Jvnien. Dort wurde er mit Cyrus, dem Bruder des Königs, bekannt und wurde als Befehlehaber der Truppen angestellt. Cyrus nämlich, der zum Obsrstatt- halter der Küstenländer ernannt und voll hoher Gedanken war, hatte einen Feldzug gegen seinen Bruder Artarerres vor- Da er nun fand, daß Kleärchus Muth und rasche Entschlossenheit besaß, so gab er ihni Geld mit dem Auftrag, Söldner zu werben, so viel er könnte. Denn er hoffte für seine kühnen Entwürfe an ihm einen tüchtigen Mitstreiter zu bekommen. iä. Da der Spartaner Lysander in allen den Lacedä- moniern unterworfenen Städten eine Verfassung nach dem Sinn der Ephoren einführte, nämlich entweder eine Deka- darchie *) oder e-.ne Oligarchie, so waren auf ihn Aller *) Zehnerhcrrschaft. Unter Oligarchie ist hier eine Regierung von mehr als zehn Mitgliedern verstanden. ,i^8 Diodvr's bist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Augen in Sparia gerichtet. Er hatte ja durch die Beendigung des P lopouiiesi chen Kriegs seiurr Vaterstadt die rube- stritkene Oberherrschaft sowvbl zu Land alS zur See erworben. Diese Ehre machte ibn so stolz, daß er auf den Gedanken kam, der Regierung der Hsraklideu ein Ende zu machen, so daß alle Spartaner ohne Unterschied zur Könias- würde wählbar wären. Denn er hoffte, an ihn selbst wurde am ehesten die Regierung kommen , da er so große und herrliche Thaten ve-richtet. Er wußte, daß die Lacedämonier vorzüglich auf Göttersvrüche halte». Daher versuchte er es, die Seherin in Delphi zu bestechen. Denn er datt te, wenn er ein Orakel empfinge, das sc-ns Plane begünstigte, st würde es ihm leicht werken, sein Vorhaben auszuführen. Da es ihm aber durch die aiößteu Grleversprechungen nicht gelang, die Diener des O-akels zu gewinnen, so unterhandelte er in gleicher Ab iwr mit den Drak-lpriesterinneii in Dobvna durch einen gewissen Phcrekrates, der aus. Apvllonia gebürtig und mit, den Dienern des Heiligkhums beka-mr war. Als ec aber auch hier nichts ausrichtete, st machte der eins Reise nach Cyreus, unter dem Vormund, dem Ammon ei» Gelübde zu entrichten; seine wahre Absicht aber war, das Orakel zik besteche». Er nahm eine große Summe Gelds mir, wodurch er die Diener des Heiliathums zu gewinnen hoffte. Auch war der Kvnig über diese Gegend, Libys, sein G--stfreuns vom Vater her, und der Bruder des Lysander harre aus Veranlassung dieser Freundschaft den Namen Lidys erhalten. Durch diesen Mann nun und durch die mitgebrachten Ge der hoffte er die Leute zu gewinnen. Allein er verfehlte nicht nur seinen Zweck, sondern die Vor- Ol. 94> F. R. 35,. v. Chr. 4->3. 11 -L 9 stehsr des Orakcltempels schickten sogar Gesandte nach, um den Lösender wegen der Bestechung des Orakels anzuklagen. Lysander wurde also nach seiner Ankunft in Lacedämon vor Gericht gestellt, wußte sich aber mit gutem Schein zu rechtfertigen. Die Lacedämonier erfuhren daher für jszt nichts von dem Vorhaben des Lysander, die Abkömmlinge des Herkules der Königswürde zu entsetzen. Als er aber nach einiger Zeit starb und man in seinem Hause nach gewissen Urkunden suchte, fanden sie eine geschriebene, sorgfältig ausgearbeitete Rede, durch die er das Volk für den Plan hatte bestimmen wollen, die Könige aus der Zahl der sämmtlichen Bürger wählen zu lassen. ri. Divnysius, der Beherrscher von Syrakus, suchte, nachdem er mit den Karthagern Frieden gemacht und die Empörungen in der Stadt gedämpft, die benachbarten Chalcidischen Städte *> in seine Gewalt zu bringen. Diese waren Narvs, Katana, Levntini. Ueber diese wünschte er Herr zu werden, weil sie an das Syrakusische Gebiet grenzten und viele Hülfsmittel zur Vergrößerung seiner Macht darboten. Fürs Erste zog er nun gegen Aetna und nahm die Festung ein, da die Flüchtlinge einer solchen Heeresmacht nicht gewachsen waren. Sodann wandte er sich gegen Leoneiui und schlug in der Nähe der Start am Fluß Terias ein Lager. Er sandte zuerst, nachdem er sein Heer aufgestellt, einen Herold an die Leontiner ab und forderte sie auf, die Stadt zu übergeben. Er dachte, die drohende Gefahr würde die Einwohner schrecke». Allein die Leontiner *) Kolonien aus Chalcis von Cuböa. ri5o Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Brich. gaben ihm kein Gehör, sondern rüsteten sich ganz auf eine Belagerung. Da nun Dionysius kein Sturmzeug hatte, so stand er für jetzt ron der Belagerung ab, plünderte aber das ganze Gebiet. Von dort brach er auf gegen die Siculer und stellte sich, als wollte er mit diesen Krieg anfangen, damit in den Städten Katana und Naros die Einwohner nicht mehr so sorgfältig auf ihrer Hut wären. Als er in dir Nähe von Enna stand, beredete er den Aimnestus, einen Bürger dieser Stadt, nach der Alleinherrschaft zn streben, indem er ihm seine Unterstützung zu diesem Zweck versprach. Jenem gelang der Plan, aber er öffnete dem Dionysius die Thore nicht. Darüber aufgebracht, forderte nun Dieser umgekehrt die Ennäer auf, den Tyrannen zu stürzen. Sie liefe» bewaffnet auf dem Markt zusammen, um die Freiheit zu erkämpfen, so daß die ganze Stadt in Bewegung kam. Sobald Dionysius von dem Aufruhr Nachricht erhielt, eilte er mit seinen Freunden auf einer Seite, die unbesetzt war, herbei und drang in die Stadt ein. Den Aimnestus nahm er fest und übergab ihn den Ennäern zur Bestrafung, zog aber aus der Stadt ab, ohne sich etwas Unrechtes zn erlauben '). Das that er nicht sowohl aus Achtung für das Recht als in der Absicht, das Vertrauen der andern Städte zu gewinnen. -L. Von dort zog er weiter und schickte sich an, die Stadt Erbita zu belagern. Da er aber nichts ausrichtete, so machte er Frieden mit den Einwohnern uad führte sein Oder, wenn man arlror-g für «r)r»s lesen wollte: st« selbst aber ließ er »«gekränkt und zog wieder aus der Stadt ab. ri3r Ol. 94 , 2 . I. R. 35,. v. Chr. 4»3. Heer gegen Katana. Denn Arcesilaus, der Feldherr' der Katanäer, versprach ihm die Stadt zu überliefern. So- wurde er denn, indem ihn Dieser heimlich um Mitternacht einließ, Herr von Katana. Er nahm den Bürgern die Waffen ab und ließ eine hinreichende Besatzung daselbst zurück. Hierauf überlieferte Prvkles, der Anführer der Narier, Lurch die großen Versprechungen angelockt, dem Dionyft'us seine Vaterstadt. Dieser belohnte den Verrather und schonte ihm zu lieb seiner Verwandten, machte aber die andern Einwohner zu Sklaven. Ihre Habe gab er der Plünderung der Kriegelente preis, die Mauern und Häuser aber ließ er niederreißen. Auf dieselbe Weise behandelte er die Katanäer und verkaufte die Gefangenen als Sklaven in Syrakus. Das Gebiet von Naro s schenkte er den angrenzenden Si eitler», uud den Campanern gab er die Stadt Katana zum Wohnsitz. Hierauf zog er mit dem gesammtcn Heer gegen Leontini, schlug ein Lager um die Stadt und forderte die Einwohner durch Abgeordnete auf, sie sollten die Stadt übergeben und als Bürger in Syrakus wohnen. Die Lcontiner hatten keine Hülle zu erwarten und dachten an das Schicksal der Narier uns Kaianäer. Die Furcht, dasselbe Unglück zu erleiden, machte sie so verzagt, daß sie sich in die Umstände schickten uud einwilligten. Sie verließen also die Stadt uud wanderten nach Syrakus. ^,8. Archonrdes, der Vorsteher von Erbita, entschloß sich, nachdem das Volk der Erbitäer mit Dionyssus Frieden gemacht, eine Pflanzstadt zu bauen. Er hatte nämlich sehr viele Söldner und allerlei Volk, das zum Krieg gegen Divnyflus in der Stadt zusammengelaufen war. Auch I >52 Dlodor's hl'st. Bibliothek. Vierzehntes Buch. von den alten *) Bürgern von Erbita versprachen ihm Diele sich an die Kolonie anzuschließen. Er nahm also die ganze Gesellschaft mit sich und nahm eine Anhöhe acht Stadien vvm Meer entfernt in Besitz, wo er die'Stadt Nläsa erbaute. . Da es noch andere Städte dieses Namens auf Sici- lien gab, so hieß er es nach seinem Namen das Archonidi- sch e Alasa. Als in der Folgezeit die Stadt durch den Seehandel sowohl als durch die von den Römern bewilligte Steuerfreiheit sich bedeutend emporhob, verläugnctcn die Aläsiner die Verwandtschaft mit den Erbittern, weil sie es für schimpflich hielten, eine geringere Stadt für ihre Mutterstadt anzuerkennen. Indessen sind noch gegenwärtig in beiden Städten Merkmale der Verwandtschaft genug vorhanden , und bei den Opfern im Apollotempel finden die gleichen Gebräuche statt. Manche behaupten aber, Aläsa sey von den Karthagern erbaut, zu der Zeit, da Jmilko mit Dionysius Frieden machte. In Italien entstand ein Krieg zwischen den Römern und Vejentsrn aus folgender Veranlassung .... *')- Damals faßten, die Römer zum erstenmal den Beschluß, den Kricgsleuteu jedes Jahr einen Sold auszubezahlen. Sie eroberten auch die Stadt der Volsker, welche damals An- rur hieß und jetzt Tarracina genannt wird. Statt in zu verwandeln, kann man sich virü rwu, aus «(-xor-mi- entstanden denken. **) Hier ist eine Lücke. Die Veranlassung war eine trotzige Erklärung der Bejenter. Livins IV, 58. Ol. 94 . 3. I. R. 352. v. Chr. 402 . i,53 >7. Nackdem das Jahr vergangen war, wurde Mikon Archvn in Athen, und in Rom erhielten die Gewalt der Consuln sechs Kriegstribunen, Titus Quinctins, Q.uin- tns Quinclins, Cajus Julius, Aulus Manlius, Lucius Fnrius, Manins Aemilius sJ. R. 55 - v. Chr. 40-1. In dem Jahr, da Diese regierten, entzweiten sich die Einwohner von Oropus miteinander, und es wurde eine Anzahl Bürger verbannt. Die Flüchtlinge versuchten es eins Zeitlang für sich allein, wieder in die Hemrakh zu kommen. Da sie aber mit der Ausführung ihres Vorhabens nicht zu Stands kamen, beredeten sie dann die Theba- ner, ihnen Truppen mitzugeben. Die Thebaner zogen gegen die Orvpier zn Felde, bekamen die Stadt in ihre Gewalt und versetzten die Einwohner gegen sieben Stadien wei- terwvm Meer weg. Einige Zeit ließen sie ihnen ihre besondere Verfassung; später aber gaben sie ihnen das Bürger- recht und schlugen ihr Gebiet zu BLotien. Wäbreno Das geschah, erhoben die Lacedämonisr mancherlei Beschwerden gegen die Eli er, namentlich daß diese den König der Lacedämonier, Pausania-, dem Gott nicht hatten opfern, und daß sie dieselben au den olympischen Kawpfspielen nicht hatten Theil nehmen lassen. Sie beschloßen daher, Krieg mit ihnen anzufangen, schickten aber zehn Gesandte ab, und verlangten fürs Erste, sie sollten den benachbarten Städten ihre Unabhängigkeit lassen; sodann forderten sie ihnen den sie betreffenden Theil an den Kosten deS Kriegs gegen die Athener ab. Das thaten sie, um einen schicklichen Verwand und eine scheinbare Veranlassung zvm Krieg zn haben. Da ihnen die Elier kein Gehör gaben, i Diodosss hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. vielmehr ihnen vorwarfen, sie unterjochen die Griechen, so schickten sie einen ihrer Könige, Pansanias * **) ), gegen sie ab mit viertausend Mann. Es begleiteten ihn auch viele Truppen beinahe von den sämmtlichen Bundesgenossen; nur die Böotier und Kvrinthier nahmen keinen Antheil an dem Fekdzug gegen Elis, weil fle mir dem Verfahren der Lacedämonier unzufrieden waren, Pansanias nahm den Weg durch Arkadien und fiel in Elis ei» und eroberte die Festung Lasion beim ersten Angriff. Hierauf führte er sein Heer durch Akrore« und brachte vier Städte in seine Gewalt, Thrästus, Alium, Eupaginm und Opus. Bon dort aus bezog er ein Lager vor Pylus und nahm auch diesen Play, der vo-u Elis gegen siebzig Stadien entfernt war, sogleich ein. Sodann rückte er gegen Elis selbst an und lagerte sich auf den Anhöhen jenseits des Flusses. Die Elier hatten kurz vorher von den Be tollern tausend Mann auserlesene Truppen zur Hülfe erhalten. Diesen übergaben sie den Platz bei der Turnschulr zur Vertheidigung. Pansanias schickte sich zuerst zur Belagerung dieses Platzes an, aber ganz sorglos, als ob die Elier gar keinen Ausfall wagen würden. Da brachen auf einmal zum Schrecken der Lacedämonier die Aetolier und viele einheimische Truppen aus der Stadt und machten beinahe dreißig *') Mann nieder. Pausanias hob für jetzt die Belagerung auf; nachher aber, da er sah, daß die Stadt schwer zu erobern *) Nach -ken. Gr. Gesch. III, 2, 2Z. und Pansanias III, 8, 2. war es der König Agis. **) Es sollte weh! dreihundert heißen. Ol. 94 , 3. I. R. 352. v. Chr. 4»2. 1155 wäre, durchzog er das Land, wiewohl es heiliges Gebiet war, plündernd und verwüstend und brachte Beute in großer Menge zusammen. Da bereits der Winter herannahte, so legte er Festungen in Elis an, ließ in denselben eine hinlängliche Trupxenzahl zurück und überwinterte mit dem übrigen Heer in Dyme. >8. In Si eilten gedachte Dionysius, der Beherrscher von Syrakus *), da sich seine Macht nach ÄZunsch vergrößerte, mit den Karthagern Krieg anzufangen. Da er aber noch nicht hinlänglich gerüstet war, so hielt^er dieses Vorhaben geheim und traf indessen zweckmäßige Vorkehrungen für den bevorstehenden Kampf. Er wußte, daß im Attischen Krieg die Stadt durch eine auf beiden Seiten bis aus Meer reichende Mauer abgeschlossen war "). Nun besorgte er, wofern ihn ähnliche Unfälle träfen, möchte ihm der Ausweg auf das Land versperrt werden. Denn er sah, wie geschickt zu einem Angriff auf Syrakus der Theil .der Stadt gelegen war, welcher Epipolä heißt. Er zog daher Baumeister zu Rarh und hielt es ihrer Meinung zufolge für das Beste, Epipolä zu befestigen, da wo j'tzk die Mauer der sechs Thore steht. Diese Stelle nämlich, auf der nördlichen Seite, ist ganz abschüssig und wegen der jähen Höhe von außen schwer zugänglich. Um nun die Mauern schnell zu Stande zu bringen, ließ er das Volk vom Lande hereinkommen, und wählte darunter sechzig tausend taugliche Leute aus, unter die er den zu befestigenden Platz vertheilte. *)-Für LxkXiwrnüv,isl Zvorrxotxaiwn zu lsken. *') X!II, 7. 1 156 Diodvr's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Für jedes Stadium stellte er zur Aufsicht einen Baumeister an, und für jedes Pieihrum * **) ) einen baukundigen Handwerker, dem er zu Gehülfen Lerne aus dem Volk bergab, zweihundert auf jedes Plrthrum. Außerdem war eine große Menge anderer Leute mit dem Behaueu der röhrn Steins beschäftigt, die durch sechstausend Paar Ochsen an den gehörigen Platz herbeigeführt wurden. Man konnte nicht genug staunen, wenn man sah, wie-viele Menschen da geschäftig waren, die alle emsig ihr Tagwerk verrichteten. Um die Leute zum Eifer zu ermuntern, hatte Dionysius für Die, welche sich auezeichneien, groß« Belohnungen ausgesetzt; eigene für die Baumeister, für die Handwecksleute besondere, und wieder andere für d;e Arbeiter. Auch war er selbst mit seinen Freunden den ganzen Tag bei den Arbeiten gegenwärtig. Man sah ihn bald da bald dort und Jedem suchte er die Mühe zu erleichtern. Ja, er entäußerte sich des Herrscherprunks und stellte sich einem gemeinen Bürger gleich; die beschwerlichsten Arbeiten leitete er ") und unterzog sich. derselben Mühe wie die Andern. Daher entstand ein gewaltiger Wettstreit, und Manche setzten der Tagesarbeit noch einen Theil der Nacbr zu; so groß war der Eifer, von dem das Volk ergriffen war. So wurde denn die Erbauung der Mauer wirer Ermatten in zwanzig Tagen vollendet. Sie hatte eine Lauge von dreißig Stadien, aber nur eine mäßige *) Hundert Fuß, der sechste Theil eines Stadmm's. **) Oder nach Dindorfs Vermuthung 7iollgi<7ra'/!5t'og für : bei den beschwerlichen Arbeiten legte er Hand an. Ol. 94, 4 - I. R. 355 . v. Chr. 4 »r. 1167 Höhe, und erhielt durch ihre Dicke *) eine solche Stärke, daß sie nickt mit Sturm zu erobern war. Denn sie war mit zahlreichen hohen Thürmen beseht und aus vier Fuß langen sorgfältig bearbeiteten Steinen erbaut. >g. Nachdem dieses Jahr vergangen war, wurde Er äs netus Archon in Athen, und in Rom erhielten die Gewalt der Consuln sechs Kriegstribunen, Publius Cornelius, Käso Fabius, Gpurius Nautius, Casus V a l e- rius, Manius Sergius, Cnejus Cornelius sJ. R. 554 v. Chr. 4c>>s. I» diese Zeit fällt der schon lange beschlossene Feldzug des Cyrns, des Oberstatthalters der Küstenländer, gegen seinen Bruder A rrarerr es. Cyrus war nämlich ein Jüngling voll hoher Gedanken und durch seine Entschlossenheit zu kriegerischen Unternehmungen ganz geeignet. Er hatte eine hinreichende Zahl von Söldnern zusammengebracht und sich zu dem Feldzuge gerüstet, ohne den Truppen seine wahre Absicht zu entdecken; sondern er gab vor, er führe das Heer nach Cilicien gegen die von dem König abgefallenen Selbstherrscher. An die Lacedämonier schickte er Gesandte, um sie an die bei dem Krieg mit den Athenern geleisteten Dienste zu erinnern und sie aufzufordern, daß sie ihm deiständen. Die Lacedämonier glaubten, der Krieg würde ihnen Vorthe-l bringen; sie beschloßen also, dem Cvrus zu helfen, und ließen sogleich dnrch Abgeordnete dem Befehlshaber ihrer Flotte, Namens Gamus, sagen, er soltte die Weisungen der Cyrus befolgen. Samus hatte fünfund zwanzig Dreiruder; mit diesen fuhr er nach Ephs- loeX*? kann aus riä/ke entstanden seyn. zi58 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. sus zum Befehlshaber der Flotte des Cyrus und erbot sich, ihm zu Allem behülflich zu seyn. Sie schickten überdieß achthundert Mann Landtruppen ab unter der Anführung des Chirisophus. Die ganze Flotte der Fremden stand unter Tamos; es waren fünfzig trefflich ausgerüstete Dreiruder. Als die Lacedämonischen Schiffe angekommen waren, liefen die Flotten aus und Nahmen die Richtung nach Cilicien. Nachdem Cyrus die in Asten ausgehobenen Truppen und drei- zehnrauseud Söldner in Sardes versammelt hatte, ernannte er zu Landpflegern für Lydicn und Phrygsten Perser aus seiner Berwandschaft, für Jonien und Aeo- kien aber und für die benachbarten Gegenden den Tamos, seinen treuen Freund, aus Memphis gebürtig. Nun brach er mit dem Heer auf in der Richtung nach Ci freien und Pisidien, während er das Gerücht ausstreute, es habe flch daselbst ein Theil der Einwohner empört. Im Ganzen hatte er aus Asten siebzig tausend Mann, darunter dreitausend Reiter, und aus dem Peloponnes und dem übrigenWrie- chenland dreizehntausend Söldner. Die Truppen aus dem Peloponnes, die Achäer ausgenommen, befehligte Klear- chus von Lacedämvn, die aus Böotien Prorenus von Theben, die Achäer Sokrates von Achaja, die auS Thessalien Meno.n von Lariffa. In dem Heer der Fremden führten Perser die einzelnen Abtheilungen an, das Ganze aber stand unter Cyrus. Den Befehlshabern hatte er entdeckt, daß er gegen seinen Bruder ziehe; den klebrigen aber verhehlte er es, aus Furcht, ste möchten ihn wegen der Schwierigkeit des Unternehmens mit seinem Plan im Stich lassen..' Aus Besorgniß wegen der Zukunft schmeichelte er Ol. 94, 4- I. R. 553. v. Chr. 4»l. »,59 dann auch den Kriegsleuten, iüdem er sich vertraulich ihnen näherte und Lebensmittel in reichem Maß herbeischaffte. - 0 . Nachdem er Lydien und Phrygien und die Grenzlandschaft von Kappadvcicn ^-durchzogen, kam er an die Grenzen von Eilicien und au den Eingang bei dem Cilici scheu Thor. Dieß ist eine enge Straße, die sich zwanzig Stadien weit hinzieht, auf beiden Seiten von den steilen Wänden außerordentlich hoher und schwer kzu ersteigender Berge eingeschlossen. Von den Bergen läuft auf jeder Seite eine Mauer herab bis an die Straße, wo ein Thor in derselben angebracht ist. Durch dieses führte er sein Heer und drang so in eine Ebene vor, die zu den schönsten Gefilde» iu Asien gehört. Er zog durch dieselbe gegen Tarsus, die größte Stadt in Eilicien, und brachte sie schnell in seine Gewalt. Syenuesi s, der Beherrscher von Eilicien, kam in große Verlegenheit, als er hörte, wie stark das feindliche Heer war; denn er konnte es mit demselben nicht aufnehmen. Aber Cyrus ließ ihn zn sich rufen und gab ihm Sicherheit. Da kam er, und als er von ihm den wahren Zweck des Kriegs erfuhr, versprach er ihm gegen Artarerres beizustehen und gab den einen seiner Söhne dem Cyrus mit sammt einer hinreichenden Zahl von Halfstruppen aus Eilicien. Der schlaue Mann wollte sich nämlich wegen des ungewisse« Erfolgs sicher stellen, und schickte daher seinen andern Sohn an ») Aus LicrtinaAoxla§ ra konnte xarer LtXexias ra owvo(>. und daraus die andern Lesarten entstehen. Diodvr. 9S Bdchn. >7 i »6o Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. den König ab, um ihm insgeheim zu melden, welche Heeresmacht gegen ihn versammelt sey; er selbst aber nehme nur gezwungen am Zuge des Cyrus Theil, und werde, in der Treue beharrend *), sobald sich Gelegenheit zeige, diese« verlassen und sich an das Heer des Königs anschließen. Cyrus ließ sein Heer zwanzig Tage in Tarsus ausruhen. Als er ^ aber nun aufbrach, vermutheten die Truppen, daß der Zug gegen Artarerres gehe. Da dachte Jeder mit ängstlicher Furcht an den weite« Weg und an die Menge der feindlichen Völker, Lurch die man ziehen müßte. Denn es hieß überall, bis nach Baktra brauche ein Kriegsheer vier Monate, und der König habe eine Macht von mehr als viermalhundert tausend Mann beisammen. Die Leute wurden also sehr zaghaft und unzufrieden, so daß sie im Unwillen ihre Anführer > umbringen wollten, weil sie von ihnen verrathen seyen. Da < sich aber Cyrus mit Bitten an die Einzelnen wandte und versicherte, er führe daS Heer nicht gegen Artarerres, sondern gegen einen Statthalter in Syrien, so ließen sich die Kriegsleule überreden und durch Bezahlung eines größeren Soldes gewann er ihre vorige Zuneigung wieder. Cyrus kam, nachdem er Cilicien durchzogen, nach Jssus, dar am Meere liegt und die äußerste Stadt in Cilicien ist. Zu gleicher Zeit lief daselbst auch die Flotte der Lacedämoniet ein und legte sich bei dem Zelt des Cyrus ' vor Anker. Die Anführer der Laccdämvnier stiegen sogleich Für txLtvor- sollte ei» Wort wie 7ix>orz«LVSp oder nassazcrvwv siehe». Ol. 94 , 4 . I. R. 333. v. Chr. 4»l. »l6l ans Land "), besuchten den Cyrus und versicherten ihn von der Freundschaft der Spartaner. Sie schifften nun die achthundert Mann Landtruppen, welche Chirisophus befehligte, aus und übergaben sie ihm. Diese Truppen wurden dem Cyrus vorgeblich von seinen Freunden als Söldner ge- lieferr; in der That aber geschah Alles mit Genehmigung der Ephoren; allein die Lacedämvnier wollten den Krieg noch nicht öffentlich erklären, sondern die Entscheidung des Kampfs abwarten und indessen ihre Absicht geheim halten. Cyrus setzte mit seinem Heer den Zug nach Syrien fort, und hieß die Befehlshaber der Flotte mit deü sämmtlichen Schiffen nebenher fahren. Als er an das sogenannte Thor kam, war er hocherfreut, daß er an dieser Stelle keine Truppen fand. Denn er hatte sehr gefürchtet, das Thor möchte schon besetzt seyn. Es ist ein enger Paß zwischen steilen Höhen, der also leicht durch wenige Leute vertheidigt werden kann. Es liegen nämlich zwei Gebirge nahe beisammen; das eine ist abschüssig und hat jähe Felsenwände; dann führt aber der Weg ay den Anfang eines anderen Gebirges, des felsigsten ") ') Nach ^«xkZlltssovtKV fehlen im Tert einige Worte, etwa xaA-spstioA?; x«r« rr)v <7x?;ri/p' ö' oi rwv ^«xköa^iovrwp. Vergl. Leno- phons Feldzug d. byr. I, 4, 5. Außerdem ist wohl nach Xlrr«irXxricr«§ ein ö' ausgefallen und dagegen das x«k vor 7r«(ik^rv^'Ai) eingeschvben worden. ") Nach Dindorfs Vermuthung crTlrXwöocrrcrrop rwv für ttl« ö' öerri rwr. Statt Llbanus vermuthet Wessc- lings Amanns. i ,6s Diodor's bist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. der ganzen Gegend, welches Libanns heißt und sich weithin längs Phönicien erstreckt. Der Raum zwischen den beiden Gebirgen ist ungefähr drei Stadien breit, ganz ummauert und, wo er sich am engsten zusammenzieht, mit Thoren versehen. Als nun Cyrus hier ohne Gefahr durchgekommen war, ließ er die Flotte mit der übrigen Mannschaft nach Ephesus zurückgehen. Denn er konnte sie nicht mehr brauchen, da der Zug jetzt durch das Binnenland ging. In zwanzig Tagen legte er den Weg bis nach der Stadt Tha- psakus zurück, die am Fluß Euphrat liegt. Hier verweilte er fünf Tage, und nachdem er die Truppen, um sie ganz für sich zu gewinnen, durch Streifzüge mit Lebensmik- teln im Ueberfluß versorgt hatte, berief er sie zu einer Versammlung und entdeckte ihnen den wahren Zweck des Feldzugs. Da aber die Kriegsleute diese Erklärung mit Wider- f willen aufnahmen, so bat er einen um den andern, ihn nicht zu verlassen, und versprach ihnen außer andern großen Be- ^ lohnungen, wenn sie nach Babylon komme», sollen sie Mann ^ für Mann fünf Silberminen erhalten. So ließen sich denn die Leute durch die glänzenden Versprechungen bewegen, ihm zu folgen, und Cyrus eilte, nachdem er mit dem Heer über den Euphrat gegangen, unausgesetzt weiter, bis er an der Grenze von Babylonien ankam, wo er seine Truppen rasten ließ. ^ Der König Artarerres hatte schon lange von Pharnabazus erfahren, daß Cyrus insgeheim ein Heer gegen ihn sammle. Als er nun hörte, daß er wirklich anrückte, so ließ er die Truppen überallher nach Ekbatana in Medien kommen. Die der Inder und einiger andern Ol. 94 , 4 . I. R. 333. v. Chr. 4oi. n63 Völker waren wegen der weiten Entfernung der Länder noch nicht eingetroffen, als er mit dem Heer, das er beisammen hatte, aufbrach, dem Cyrus entgegenznziehen. Er hatte, nach der Angabe des Ep Horns, im Ganzen mit den Reitern nicht weniger als viermalhuudert tausend Mann. Als er in das Gefilde von Babylvnien kam, schlug er am Euphrat ein Lager, in welchem er das Geräth zurückzulassen gedachte. Denn er hörte, die Feinde seyen nicht ferne, und er hegte Besorgnisse wegen ihrer verwegenen Entschlossenheit. Er zog einen Graben, sechzig Fuß breit und vierhundert Stadien *) lang, und stellte die Neisewagen, die er in seinem Gefolge hatte, rings herum wie eine Mauer. In dem Lager ließ er das Geräth und das unnütze Volk zurück, und zur Vertheidigung eine hinreichende Truppenzahl. Mit dem nun leichter beweglichen Heer zog er dann weiter, den Feinden entgegen, die schon nahe waren. Als Cyrus das Heer des Königs anrücken sah, stellte er das seinige schnell in Schlachtordnung. Auf dem rechten Flügel, der sich längs des Euphrats ausdehnte, stand das Lacedämonische Fußvolk und ein Theil der Söldner, Alle zusammen unter der Anführung des Lacedämoniers Klearchus. Auch hatte er zur Unterstützung die in Pa p hlagonien ausgehvbene» Reiter, über tausend Mann- Auf der andern Seite standen die Truppen aus Phrygien und Lydien, und ungefähr tausend Reiter. Hier befehligte Aridäus *»). Cyrus selbst stellte sich mit den besten Truppen der Perser und *) Aus 66 Diodor's hist. Bibliothek. VierzehvteS Buch. überwältigten sie ihre Gegner durch die Ueberzahl und durch « ihr Ungestüm. i »z. Aridäus, der Statthalter des Cvrus, der auf L der andern Seite als Befehlshaber stand, hielt den Angriff « der Feinde anfangs tapfer aus. Als er aber- dann durch die a weit ausgedehnte Schlachtreihe derselben umzingelt wurde, i und da er hörte, daß Cyrus umgekommen sey, floh er mit ! seinen Leuten nach einem seiner Standorte, der zu einer Zuflucht nicht übel gelegen war. Klearchus stand, als er das Mitteltreffen nnd die andern Abtheilungen seiner Mitstreiter weichen sah, von der Verfolgung ab und ließ seine Leute umkehren und Halt machen; denn er besorgte, wen» sich das ganze Heer auf die Griechen wärfe, .möchten sie umzingelt werden und alle verloren seyn. Die Abtheilung, die der König anführte, plünderte, nachdem sie ihre Gegner ^ zum Weichen gebracht, zuerst das Gepäcke des Cyrus. Sodann wandten sie sich, als schon die Nacht einbrach, vereinigt gegen die Griechen. Diese leisteten tapfern, Widerstand, und nur kurze Zeit hielten sich die Fremden; bald waren sie durch das Ungestüm und die Gewandtheit der Feinde besiegt und ergriffen die Flucht. Es war bereits Nacht, alS Klearchus und seine Gefährten umkehrten, nachdem sie viele der Fremden niedergemacht- Sie richteten ein Siegeszeichen aus und erreichten ungefähr um die zweite Nachtwache das Lager. H Ein solches Ende nahm die Schlacht. Von den Leuten des Königs waren mehr als fünfzehntauseud Mann umgekommen , und darunter waren die Meisten von den Lacedämo- niern und Söldnern, die unter Klearchus standen, getödtet worden. Auf der andern Seite waren von den Leuten des Ol. 94, 4. I. R. 333 . v. Chr. 4ol. 1167 Cyrus gegen dreitausend Mann gefallen. Bon den Griechen aber soll kein Mann umgekommen und nur Wenige verwundet worden seyn. Als die Nacht vorüber war, schickte Ari- däus, der nach seinem Standort geflohen war, Leute an Llearchus und forderte ihn auf, die Truppen ihm zuzuführen, daß sie gemeinschaftlich nach den Gegenden am Meer sich flüchten konnten. Denn da Cyrus umgekommen und die Kriegsmacht des Königs ihnen überlegen war, so hatte bange Furcht die Streiter ergriffen, die den Zug gegen Artarerres gewagt, um ihn vom Throne zu stoßen. -5. Klearchus berief die Feldherrn und die übrigen Befehlshaber, um sich über ihre Lage zu berathen. Während sie damit beschäftigt waren, kamen Abgeordnete von dem König, an deren Spitze ein Grieche stand, Namens Phali- nus, aus Zacynthus gebürtig. Sie wurden in die Versammlung eingeführt und meldeten, der König Artarerres lasse den Griechen sage» , da er gesiegt und den Cyrus ge- tödtct habe, so sollen sie die Waffen abliefern, vor seiner Thüre erscheinen und suchen, wie sie sich ihm gefällig machen und Gnade erlangen mögen. Auf diese Botschaft gab jeder der Feldherrn eine Antwort von der Art, wie einst Leonidas als er die Engpässe bei Thermopylä besetzt hielt und Nerres durch Abgeordnete verlangte, er sollte die Waffen abliefern. Leonidas hatte damals dem König melden lassen: wir glaube», wenn wir Freunde des Lerre's werden wollen, mit den Waffen bessere Mitstreiter zu seyn, und wenn wir Krieg mit ihm führen müßen, mit den Waffen den Kamps besser zu bestehen. Ebenso lautete nun die Antwort des Klearchus. Prorenus aber, der Thebancr, « n68 Dlodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. sagte: daS Andere haben wir jetzt wohl alles verloren, nur die Tapferkeit und die Waffen sind uns geblieben; nun denken mir, wenn wir die Waffen behalten, so wird uns auch die Tapferkeit nützlich seyn, liefern wir aber jene aus, so wird uns auch diese nichts mehr helfen; so wollen wir denn (das ließ er dem König sage») mit den Waffen gegen ihn kämpfen für die Güter, die uns noch übrig sind *), bis er uns ein Uebel zu senden weiß. Sophilus, einer der Befehlshaber, soll gesagt haben: mich wundert diese Erklärung des Königs; wenn er Sieger über die Griechen zu seyn glaubt, so komme er mit seinem Heer und hole unsere Waffen; will er uns aber zur Uebergabe der Waffen durch Gründe bewegen, so sage er, welche Gabe von gleichem Werth er uns dafür bietet. Sodann sprach der Achäer Sokrates: es ist höchst sonderbar, wie sich der König gegen uns benimmt; was er von uns zu erhalten wünscht, das fordert er auf der Stelle; was er uns aber dafür geben will, um das heißt er uns erst nachher bitten, wenn wir es bekommen wollen *'); wenn er nun in der That aus Unkunds von den Siegern, als wären sie die Besiegten, Gehorsam gegen seine Befehle verlangt, so komme er mit seinen zahllosen Schaaren her und sehe, auf welcher Seite der Sieg ist ; wenn er aber wohl weiß, daß wir gesiegt haben und nur heuchelt, wie können wir ihm bei *) Für xornwn ist wobl Xoerrwu z» lesen oder zeövcor (für unsere einzigen Güter). Berat. Len. Feldz. d. C. !l. 1 , 12 . ") Oder, wenn man xlkrci rcritra für zier« raur' cr§eolinr«s lesen wollte: das heißt er uns erst nachher suchen und erbitten. Ol. 94, 4 - I. R. 533 . v. Chr. 401. "69 seinen Versprechungen für die Zukunft glauben? Solche Antworten erhielten die Boten und gingen weg. Klearchus aber und seine Gefährten brachen nach dem Standort auf, wohin sich die geflnchteten Truppen zurückgezogen hatten. Als hier das ganze Heer beisammen war, beriethen sie sich gemeinschaftlich über den Rückzug an das Meer und über den Weg dahin. Sie beschloßen, nicht auf demselben Weg, den sie hergekommen, zurückzukehren. Denn ein großer Theil desselben war so öde, daß sie da, keine» Unterhalt zu finden hoffen konnten, wenn das feindliche Heer nachfolgte. Sie wollten sich lieber nach Paphlagvnien wenden. So schlugen sie denn mit ihrem Heer den Weg nach Paphlagvnien ein und zogen gemächlich weiter, indem sie zugleich Lebens- mitrel herbeischafften. -k. Auf die Nachricht von dem Abzug der Feinde sehte der König, der sich rvn seiner Wunde wieder erholt hatte, mir dem Heere eilig nach, in der Meinung, sie fliehen. Da ! ihr Zug langsam ging, so holte er sie ein. Es war schon Nacht und er schlug i» ihrer Nähe ein Lager. Ais mit Tages Anbruch die Griechen ihr Heer in Schlachtordnung stellten, schickte er Boten nnd machte für jetzt einen Stillstand aus drei Tage. Während dieser Zeit kam er mit ihnen überein, daß sein Gebiet für sie Freundcsland seyn sollte, i und er ihnen ein Geleit bis ans Meer geben und Lebensmittel da, wo sie durchzögen , zu kaufen liefern wollte, dagegen sollten sich die Söldner unter Klearchus und die sämmtlichen Truppen deS Aridäns bei ihrem Zuge durch das Land aller Feindseligkeiten enthalten. Hierauf schickten sich Diese zum Weiterziehen an, und der König kehrte mit seinen Truppen It?« Dl'odor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. nach Babylon zurück. Dort theilte er Denen, die sich in der Schlacht tapfer gehalten, Belohnungen aus, Jedem nach Verdienst. Von Tissaphernes urtheilte er, daß er sich vor allen Andern ausgezeichnet habe. Ihn belohnte er daher mit reichen Geschenken, gab ihm seine Tochter znr Ehe und betrachtete ihn seitdem beständig als seinen treusten Freund. Auch vertraute er ihm die Oberstatthalterschaft der Küstenländer an, welche Cyrus gehabt. Tissaphernes sah, daß der König über die Griechen aufgebracht war. Da versprach er ihm, sie Alle umzubringen, wenn er ihm Truppen mitgäbe und sich mit Aridäus aussöhnte; dieser würde nämlich die Griechen auf ihrem Zug in seine Gewalt liefern. Der König nahm den Vorschlag mit Freuden an und erlaubte ihm, aus dem ganzen Heer die besten Truppen auszulosen, so viel er wollte *). Sodann hieß er den Klearchus und die andern Anführer kommen und mündlich seine Botschaft vernehmen. Es kamen daher mit Klearchus beinahe alle Feldherrn und zwanzig *') Hauptleute zu Tissaphernes; auch gingen noch gegen zweihundert Mann mit, um Lebensmittel einzukaufen. Tissaphernes lud die Feldherrn in das Zelt ein; die Hauptleute blieben außen stehen. Bald nachher wurde auf dem Zelt des Tissaphernes eine purpurne Fahne aufgesteckt, wor- *) Was hier ausgefallen ist, sind wohl nur wenige Worte, wie LXr«'(»xm As x«i roeg (wo dann das zu tilgen wäre), vielleicht aber auch eine längere Srzäh/ung. Bergl. Xen. Feld;, d. C. 1l, 4, 5. *') Wahrend rkxoor in x/xo§ überging, wird zugleich daS aus Veranlassung des entstanden sey». Ol. 94, 4 - I- R. -M. v. Chr. 401. »17» auf er dann die Feldherrn drinnen verhaften ließ und über die Hauptleute die dazu bestellte Mannschaft herfiel und sie umbrachte. Andere machten die Kriegsleuke nieder, die gekommen waren, um einzukaufen. Von Diesen entfloh einer in sein Lager und brachte die Nachricht von dem Vorfall. ,7. Die Kriegsleute geriethen, als sie erfuhren, was geschehen war, im ersten Augenblick in Bestürzung und liefen nach den Waffen in völliger Unordnung, da es an Heerführern fehlte. Als sle aber von Niemand beunruhigt wurden, so wählten sie dann mehrere Anfühxer und übergaben Einem den Oberbefehl, dem Lacedäyionier Chirisophus. Diese bestimmten die Ordnung des Heerzugs nach bester Einsicht, und rückten nun weiter nach Paphlagonien. Tiffapher- nes schickte indessen die Feldherrn gebunden zu Artarerres. Dieser ließ sie alle todten außer dem Menon, den er verschonte, weil man von ihm glaubte, er allein sey mit seinen Mitstreitern nicht einig und werde die Griechen verrathen. Tiffaphernes folgte nun mit seinem Heer den Griechen nach und neckte sie, wagte aber nicht, in ein offenes Treffen sich einzulassen, weil er sich vor der Entschlossenheit und Wuth verzweifelter Kämpfer fürchtete. An Stellen, wo er Gelegenheit fand, beunruhigte er sie, daß sie einigen Verlust erlitten , ohne daß er ihnen jedoch bedeutenden Schaden zufügen konnte. So folgte er ihnen bis zum Gebiet der Kar buchen nach. Jetzt schlug Tiffaphernes, da er nichts mehr ausrichten konnte, mit seinem Heer den Weg nach Zonien ein. Die Griechen aber zogen sieben Tage lang über die Gebirge der Karduchen, wo ihnen das wilde Volk der Ein- gebornen, das der Gegend kundig war, viel Abbruch that. n?2 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. > Diese waren Feinde des Königs und unabhängig; sie beschäftigten sich mit dem Krieg und waren besonders geübt, die größten Steine mit der Schleuder zu werfen und mit ungeheuren Bogen z» schießen. Mit diesen Waffen schoßen sie ! von den Anhöhen herab nach den Griechen, so daß Viele ! umkamen und nicht Wenige schwer verwundet wurden. Denn die Pfeile waren über zwei Ellen lang und drangen durch Schild und Panzer, so daß ihre Gewalt durch keine Schuy- wehr aufzuhalten war. So groß sollen diese Pfeile gewesen seyn, daß die Griechen die hergeflogencn Geschoße an Riemen faßten und wie Speere zum Werfen gebrauchten. Nach dem beschwerlichen Zug durch dieses Land kamen sie an den Centrites, und indem sie über diesen Fluß setzten, betraten sie Armenien. Hier war Tiribazns Statthalter, mit dem sie sich verglichen, daß sie als Freunde durch das Land ziehen dursten. -8. Auf dem Weg über die Gebirge von Armenien wurden sie von einem so dichten Schnee überfallen, daß sie in Gefahr waren, alle umzukommen. Nachdem sich der Himmel getrüht hatte, trat zuerst nur ein leichtes Schneegestöber ein, so daß der.Heerzug ungehindert weiter rücken konnte. Als sich aber dann ein Wind erhob, fiel der Schnee immer stärker und bedeckte den Boden so hoch, daß man weder die Wege noch überhaupt die Kennzeichen der Gegend mehr j unterscheiden konnte. Da entstand Muthlosigkeit und Furcht unter dem Heer; denn umkehren ins Verderben wollten sie nicht, und weiter ziehen konnten sie nicht wegen der Schneemassen. Der Sturm wurde noch heftiger und es entstand ein so gewaltiges Hagelwetter, daß tat ganze .Heer Halt machen ^ Ol. 94, 4 - I- R. 35 Z. v. Chr. 401. iryS mußte, weil ihnen der Wind gerad entgegenwehte. Denn die Beschwerden des Weitergehens konnte Keiner mehr aushalten, und Jeder sah sich genöthigt, zu bleiben, wo er eben war. Des Nothwendigsten entbehrend und mit mancherlei Ungemach kämpfend brachten sie diesen Tag und die Nacht unter freiem Himmel zu. Durch die Menge von Schnee, der beständig herabfiel, wurden alleZWaffen überdeckt, und die Leute erkälteten sich in der frostigen Nachtluft am ganzen Leibe. Ihre Lage war so peinlich, daß sie die ganze Nacht nicht schlafen konnten. Einige schafften sich dadurch Hülfe, daß sie Feuer anzündeten; Andere aber verzweifelten ganz an ihrer Rettung, da ihnen von FrostMe Glieder starrte» und Hände und Füße beinahe ganz abgestorben waren. Eo fand man denn, als die Nacht vorüber war, daß nicht nur von den Lastthieren die meisten umgekommen, sondern auch vieie Menschen todt waren. Manche hatten zwar noch das Bewußtseyn, konnten aber vor Frost kein Glied rühren. Einige hatte die Kälte und der blendende Schnee auch des Gesichts beraubt. Und sie wären Alle zusammen verloren gewesen, wenn sie nicht ihr Weg bald darauf in Dörfer geführt hätte, wo sie alle Bedürfnisse fanden. Daselbst mußten die Lastthiere durch Hohlgassen hinabsteigen, und die Menschen auf Leitern, die man in die snnterirdischeni Wohnungen hinabließ. In Liesen stand das Bieh, das mit Heu gefüttert wurde, und für die Menschen waren Lebensmittel in reichem Maß bereit *). *)'Lyxara/Zcrivor'irr mag aus und -r«nrw»- rwn aus »«(-xiAMro ^^andeu ftp». 11 74 Divdvr'S hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. -g. Sie blieben in diesen Dörfern acht Tage und ka- men dann an den Fluß Phasis. Von dort zogen sie durch das Land der Taochen * *) und Phasianen, wozu sie vier Tage brauchten. Sie wurden von den Eingeboruen angegriffen , besiegten fle aber in einem Treffen und machte» Viele nieder. Nun nahmen sie die Wohnungen ") der Ein- gebornen, die voll von Vorräthen waren, in Besitz und hielten sich in denselben fünfzehn Tage auf. Als sie von da aufbrachen, hatten sie sieben Tage lakig durch das Land der Chalyben *") zu ziehen, wo sie dann au den Fluß Har- xagus kamen, der vierhundert Fuß breit ist. Hierauf führte fle der Weg durch das Land der Skntinen, eine ebene Gegend, wo sie drei Tage ausruhten und an alle» Bedürfnissen Ueberfluß hatten. Am vierten Tag, nachdem fle von da aufgebrochen , kamen sie zu einer großen Stadt, Gymnasia genannt. Hier schloß der Fürst dieser Gegend einen Vergleich mit ihnen und schaffte ihnen Wegweiser bis ans Meer. In fünfzehn Tagen kamen sie auf den Berg Chenium i) Als hier die Vordersten im Zug das Meer erblickten, waren fle hocherfreut und erhoben ein solches Oder sollte es vielleicht nach xXlMXwn heißen: xxkl ök xcrröXa/3oo ra!g osxt«lg öz-xars^crorkg rä /,ör jZocrx. ? *) Nach Wesseling für *') Für xrr/l7krg ist vielleicht oix^crktg zu lesen. Oder nach Dindorf: der Chaldäer. f) Oder Tbeches, wie es bei Xenopho» Feld;, d. C. bV, 7, 21. heißt. Ol. 94, 4- I. R. 353. v. Chr. 4or. n?5 Geschrei, daß Die von der Hinterhut einen U-rberfall der Feind« vermutheten und zu den Waffen griffen. Nachdem sie aber Alle die Höhe erstiegen hatten, von der man das Meer sehen konnte, dankten sie den Götter» mit aufgehobenen Händen; denn nun hielten sie sich für gerettet. Hierauf trugen sie Steine in großer Menge auf einen Platz zusammen und errichteten daraus hohe Hügel, auf welche sie Was« senrüstnngen der Fremden legten, nm ein unvergängliches Denkmal ihres Feldzugs zu hinterlassen. Ihrem Wegweiser schenkten sie eine silberne Schale und ein Persisches Gewand; er zeigte ihnen noch den Weg zu den Makronen und schied v»n ihnen. Mit den Makronen schloßen die Griechen, als sie in ihr Gebiet eintraten, einen Vergleich, zu dessen Bekräftigung ihnen die Fremden eine ihrer Lanzen überreichten und sich dagegen eine Griechische geben ließen; denn das, sagten sie, gelte bei ihnen von den Zeiten der Urväter her für die sicherste Gewährleistung. Als die Griechen den Weg über die Berge dieses Volks zurückgelegt, kamen sie ins Land der Kolchier. Ueber die Eiugebornen, die sich hier gegen sie vereinigten, siegten sie in einem Treffen und machten Viele nieder. Sie eroberten eine Anhöhe, die einer Festung glich, verheerten dann das Land und erlabten sich an der Beute, die sie dorthin zusammenbrachten, in reichem Maße. äo. Es fand sich in der Gegend namentlich eine große Menge von Bienenstöcken, aus denen man köstliche Honigwaben gewann. Allein diese Speise verursachte sonderbare Zufälle; wer davon aß, verlor die Besinnung, fiel zu Boden Diodor. gs Bdchn. 8 1176 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. und lag da wie ein Todter. Da nun die süße Kost Viele zum Genuß anlockte, so lag bald eine solche Menge auf dem Boden, als ob sie im Treffen eine Niederlage erlitten Hütten. Der Schrecken über die wunderbare Erscheinung, und über die Menge der Verunglückten machte die Truppen am ersten Tage ganz muthlos; am folgenden aber um dieselbe Stunde erholten sich Alle, kamen nach und nach wieder zur Besinnung und standen auf- sie hatten aber in den Gliedern ein Gefühl als ob sie von einer Vergiftung genesen wären. Als sie nach drei Tagen wiederhergestellt waren, zog das Heer nach der Griechischen Stadt Trapezus, einer Kolonie von Sinvpe, im Lande der Kolchier gelegen. Dort hielten sie sich dreißig Tage auf und wurden von den Eingebor- nen herrlich bewirthet. Dem Herkules und dem Retter Zeus brachten sie Opfer und stellten Kampfspiele au, in der Gegend, wo Jasvn mit seinen Gefährten auf dem Schiff Args angekommen seyn soll. Von hier aus schickten sie den Heerführer Chirisvphus nach Byzanz um Dreiräder und andere Fahrzeuge; denn er sagte *), Anaribius, der Befehlshaber der Flotte in Byzanz, sey sein Freund. Sie ließen ihn also auf einem Jagdschiff abgehen. Von den Tra- pezuutiern erhielten sie zwei Fahrzeuge, die nur mit Rudern getrieben wurden. Nun machten sie Streifzüge zu Land und zu Wasser gegen dir benachbarten fremden Völker. Dreißig Tage warteten sie auf Chirisvphus. Da er aber verzog und die Lebensmittel für die Mannschaft zu Ende gingen, brachen sie von Trapezus auf und erreichten am dritten Tage die *) Nach Dindvrfs Vermuthung für sXr/rro. Ol. 94 , 4 . I. R. 555. v. Chr. 4ol. "77 Griechische Stadt Cerasus, eine Kolonie von Sinvpe. Nachdem sie hier einige Tage sich aufgehalten, kamen sie in das Gebiet der Mosynöken. Dieses fremde Volk trat gegen sie zusammen, wurde aber in einem Treffen überwunden. und Viele davon getödtet. Die Feinde fluchteten sich in eine Festung, wo sie hölzerne Thürme von sieben Stockwerken bewohnten. Es wurdeü aber fortwährende Angriffe darauf gemacht und der Play mit Sturm erobert. Es war dieß unter den übrigen festen Plätzen die Hauptstadt, wo der König, und zwar auf dem höchsten Punkt, seine Wohnung hatte. Nach der hergebrachten Sitte blieb er daselbst sein Leben lang und ertheilte von dort aus dem Volk seine Befehle. Die Kriegsleute versicherten, dieß sey das wildeste Volk, das sie auf ihrem Zug gefunden; den Weibern nahen sie vor Aller Augen; die Reichsten ernähren ihre Kinder mit gekochten Kastanien; Jedermann habe von Kindheit auf den Rücken und die Brust mit eingeritzten Bildern bemalt. Dieses Land nun durchzogen sie in acht Tagen, und in dreien das nächstfolgende, Tibarene genannt. 5e. Von dort kamen sie in die Griechische Stadt Ko- tyora, eine Kolonie von Sinope. Hier verweilten sie fünfzig Tage, indem sie in dem benachbarten Paphlagonien*) und unter den übrigen fremden Völkern Streifzüge machten. Die Einwohner von Hera kl ea und Sinope schickten ihnen Fahrzeuge, auf denen sie sammt ihrem Geräth übergeschifft *) Für ist wohl zu lesen. 1178 Dkodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. wurden. Siuvpe war eine Kolonie von Milet, in Pa- phlagonien gelegen, die angesehenste Stadt in dieser Gegend. Hier hatte zn unserer Zeit Mithridates, der mit der Römern Krieg führte, seine große Königsdurg. Chirisv ohn«, den man um Dreiruder abgeschickt hatte, traf unverrichteter Dinge ebendaselbst ein. Indessen wurden die Truppen von den Siuopeern freundlich bewirthet und zu Schiff nach Hc- raklea, einer Kolonie von Megara, gebracht. Die ganze Flotte legte sich bei der Halbinsel Acherusia vor Anker, wo Herkules den Cerberus aus der Unterwelt herausgebracht haben soll. Von hier aus machten sie zu Lande den Weg durch Bithynien, wo sie von den Eingeborncn auf ihrem Zuge beunruhigt wurden und in Gefahr kamen. So gelaugten denn endlich nach Ch'rysopolis in Chalcedonieu die achttausend dreihundert *) Mann, die von zehntausend noch übrig waren. Von hier aus kam ein Theil leicht vollend- glücklich nach Hause. DieUebrigen vereinigten sich im Cher- sonnes und verheerten die angrenzende Thr arische Landschaft. Ein solches End« nahm der Feldzug des Cyrus gegen den Artarerres. 5-. Die dreißig Tyrannen, die in Athen herrschten , fuhren täglich fort, Bürger zu verbannen und hinzu- richteü. Die Thebaner waren über dieses Verfahren unzufrieden und nahmen die Flüchtlinge freundlich anf. Einer der Athener-, die von den Dreißigen verbannt waren, Thra- sybulns, der Stirier ") genannt, nahm Phyle, eine *) Nach Dindorfs Vermuthung. Im Tert heißt «L dreitausend achthundert. Bergt. Eap. Z7. ") Stiria war «in Dorf in Attika. Ol. 94 , 4. I- R. 335. v. Chr. 4»i. "79 Festung in Attika, ein, wozu ihm die Thebaner insgeheim ! behülflich waren. Der Platz war sehr fest und von Athen ! hundert Stadien entfernt; er bot also zum Angriff auf die j Stadt eine bequeme Gelegenheit dar. Als die dreißig Tyran- j neu erfuhren, was geschehen war, ließen sie sogleich die Truppen gegen den Feind ausrücken, um den Platz zu belagern. Während sie aber in der Nähe von Phyle gelagert waren, fiel ein tiefer Schnee. Da nun Einige die Zelle zu verrücken anfingen *), so glaubte die Menge, sie wollen fliehen und es sey eine feindliche Kriegsmacht in der Näh». So entstand denn unter dem Heer der sogenannte panische Schrecken, uns man versetzte das Lager an einen andern Ort. Die Dreißig sahen, daß außer den Dreitausend, die an der Staatsverwaltung Theil hatten, alle Bürger in Athen mit Verlangen auf den Sturz der Zwinghcrrschaft harrten. Daher versetzte» sie dieselben nach dem Piräeus und erhielte» dnrch Miethtruppen die Ruhe in der Stadt. Die Eleusi- nier und Datamini er wurden von ihnen unter dem Vor- wand, sie halten es mit den Verbannten, alle hingerichtet. Während das geschah, erschienen viele der Tyrannen **) Paffender wäre: ihr Gepäck, hereintrugen. Aus cr«»rcov z«kr« crxkvwn könnte kTrlXkt^iZtravrw»' /lk- geworden seyn. ") Ss ist «her in (oder vielleicht in zu verwandeln als nach «ine Lücke anzunehmen. Zu/r/ZovXkviN' entstand vor «vrw reicht aus crvfffZovXkvcravr'wt-, das bann zum folgende» Satz gehörte. i i8o Di'odor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. häufig bei Thrasybulus und seinen Gefährten, vorgeblich um wegen einiger Gefangenen zu unterhandeln; insgeheim aber gaben sie ihm den Rath, die Schaaren der Verbannten ans- «inandergehen zu lassen und sich, in die Stelle des Thera- menes eintretend, mit ihnen in die Herrschaft über die Stadt zu theilen; es sollte ihm auch gestattet seyn, zehn von den Verbannten, welche er wollte, in die Vaterstadt zurückzuführen. Thrasybulus erklärte aber, seine Verbannung sey ihm lieber als die Herrschaft der Dreißig, und er werde vom Krieg nicht ablassen, wenn nickt alle Bürger zurückkehren dürfen und das Volk die Regierung wieder erhalte wie zur Zeit der Väter. Als nun die Dreißig sahe», Laß Viele aus Haß ihnen untreu wurden und das Heer der Verbannten sich immer vermehrte, so schickten sie Abgeordnete nach Sparta nm Beistand. Indessen brachten sie Truppen auf, so viel sie konnten, und schlugen im Freien ein Lager in der Gegend von Acharnä. 55. Thrasybulus ließ in der Festung eine hinlängliche Besatzung zurück"und zog mit den Verbannten zwölfhundert Mann stark aus. Er überfiel bei Nacht das Lager der Feinte unvermuthet und tödtete ziemlich Viele; die Uebrigen mußten in der Bestürzung über den unerwarteten Angriff nach Athen fliehen. Nach dem Treffen rückte Thrasybulus sogleich gegen den Piräeus und nahm Munychia ein, eine haltbare Anhöhe, die unbesetzt war. Die Tyrannen kamen mit der gesammten Macht in den Piräeus herab und griffen unter der Anführung des Kritias Munychia an. Es kam zu einem lange dauernden hitzigen Treffen, in welchem die Tyrannen an Truppcuzahl überlegen waren, die Verbannten Ol. 9 -i, j. I. R. 333. v. Chr. 4 oi. n 8 e aber den Vortheil einer festen Stellung hatten. Endlich fiel Kritias, und dadurch muthlos gemacht flohen die Truppen der Dreißig ins ebene Feld hinab, wohin die Verbannten nicht nachzufolgen wagten. Hierauf gingen ziemlich Viele zu den Verbannten über; Thrasybukus griff mit seinen Gefährten die Gegner unversehens an und bekam durch ein siegreiches Treffen den Piräens in seine Gewalt. Nun strömten sogleich dem Piräens nicht nur viele Leute ausMthcn zu, die von der Zwingherrschaft frei zu werden wünschten, sondern aus allen Städten, wohin sie zerstreut waren, kamen die Verbannten nach dem Piräeus, da sie von dem Waffen- glück der Truppen des Lhrasybulus hörten. So hatten denn bereits die Verbannten bei weitem die stärkere Kriegsmacht. Sie schickten sich daher an, die Stadt zu belagern. In Athen entsetzte man die Dreißig ihrer Herrschaft, schickte sie aus der Stadt weg und stellte zehn Männer auf mit 'unbe-. schränkter Vollmacht, um, wenn es immer möglich wäre, den Streit gütlich beizulegen. Allein statt dafür zu sorgen benahmen sich Diese, sobald sie die Herrschaft angetreten, als Tyrannen und ließen von Lacedämvn vierzig Schiffe kommen und tausend Mann unter Lysanders Befehl. P a n- sanias aber, der König der Lacedämonier, der auf Lysau- dcr eifersüchtig war und wohl sah, daß Sparta in Übeln Ruf bei den Griechen kam, brach mit einem großen Heer auf, rückte in Athen ein und söhnte die Bürger in der Stadt mit den Verbannten aus. So wurde den Athenern ihre Vaterstadt zurückgegeben und sie durften nunmehr nach ihren eigenen Gesetzen den Staat verwalten. Den Leuten, denen wegen ihrer lange fortgesetzten widerrechtlichen Hand- i i8r Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. lungen für ihr Schicksal bange war, wurde gestattet, sich in Tlrusis niederzulassen. Zä- Die Elier machten aus Furcht vor der Uebermacht der Lacedämonier dem Krieg mit denselben ein Ende unter den Bedingungen, daß sie ihre Dreiruder den Lacrdämo- nieru auslieferten und den benachbarten Städten ihre Unabhängigkeit ließen. Da die Lacedämonier nach der Beendigung der Kriege Muffe hatten, so zogen sie gegen die Messenier zu Felde, von welchen ein Theil eine Festung in Sep halle uia, ein anderer die von den Athenern ihnen eingeräumte Stadt Naupaktns im Lande der westlichen Lvkrer bewohnte. Von den Lacedämoniern wurden sie aus diesen Blähen vertrieben und die eine Festung den Bewohnern von Cephaüenia, die andere den Lvkrern zurückgegeben. Als so die Messenier wegen ihres alten Hasses gegen die Spar- raner überall verjagt wurden, wanderten sie bewaffnet auS Griechenland aus. Einige von ihnen schifften nach Gicilien und traten bei Dionysius in Sold; die Andern, ungefähr dreitausend Mann, fuhren nach Cyrene und kämpften in den Reihen der dortigen Verbannten. In Cyrene waren nämlich um diese Zeit Unruhen entstanden, indem die Gtadt in die Gewalt Aristons und einiger Andern gekommen war. Erst kürzlich waren fünfhundert der angesehensten Cy- renäer hingerichtet und unter den Uebrigen die rechtlichsten Bürger verwiesen worden. Nun aber lieferten die Verbannten, mit den Meffeniern vereinigt, Denen, welche die Stadt inne hatten , ein Treffen. Von den Cyrenäern fiel eine große Zahl auf beiden Seiten, die Messenier aber kamen beinahe alle um. Nach der Schlacht unterhandelten die Cyrenäer miteinander und söhnten sich aus. Sie sagten sich auf der Stelle eidlich Vergessenheit des Vergangenen zu und wohnten dann nebeneinander in der Stadt. Um eben diese Zeih verstärkten die Römer die Zahl der Ansiedler in der jVolskischenj Stadt Veliträ. (Schluß folgt.) Griechische Prosaiker in neuen Übersetzungen. Herausgegegeben von G. L. F. Tafel, Professor zu Tübingen, C.N.Osiander und G.Schwab, Professoren zu Stuttgart. Hundert vier und zwanzigstes Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Meyler'scheu Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner uud Jasper in Wien. / 4 8 5 2 . 4 -LGHM -WEM li§^Sß M?AM 8MK8 Diodor's von Sicilien historische Bibliothek, übersetzt von Julius Friedrich Wurm, Professor am Seminar zu Blaubeuren. Zehntes Bändchen. Stuttgart, Verlag der I. B. Metzler'schen Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörfchner und Jasper in Wien. 1 8 5 2 . E 0 ? yck -O' Vierzehntes Buch. (S ch c u ß). 55. Als dieses Jahr vergangen war, wurde Lach es Archen in Athen, und in Rom verwalteten das Amt der Consuln Kriegstribunen, Manius Aemilius, Bppius Claudius, Marcus Quinctilius, Lucius Julius, Marcus Furius und Lucius Dalerinsz es wurde die fünf und neunzigste Olympiade gefeiert, wo Minvs von Athen S'cger auf der Rennbahn war sJ. R. 554 v. Chr 4 »oj, Zu dieser Zeit hatte Artarerres, der König von Asien, nachdem er den Cyrus überwunden, den Pharnabazus *) abgeschickt, um die sämmtlichen Statthalterschaften am Meer zu übernehmen. Daher waren die Statthalter und Städte, die dem Cyrus Beistand geleistet hatten, in großer Furcht, es möchte sie die Strafe für ihre Verschuldung gegen den König treffen. Die übrigen Statthalter nun schickten Abgeordnete zu Tissaphernes, und suchten sich ihm gefällig zu machen und auf jede mögliche Weise sich mit ihm abzufinden. Tamvs aber, der Mächtigste unter ihnen, welcher Ion jen unter sich hatte, brachte sein Der- ss sollt« heißen Tissaphernes. n83 Diodor'S bist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. mögen und alle seine Söhne zu Schiffe, einen einzigen, Gaos, ausgenommen, der nach einiger Zeit Anführer der königlichen Truppen wurde. Aus Furcht vor TissapherneS fuhr nun Tamos mit der Flotte nach Aegypten und suchte Zuflucht bei Psammitich, dem König von Aegypten, einem Abkömmling des alten Psammitich. Da er früher dem König einen Dienst erwiesen hatte, so dachte er bei ihm Schutz zu finden gegen die Merfolgungen des sPcrsischenf Königs. Allein für Psammitich war weder die Pflicht der Dankbarkeit noch das Recht der Schutzflehendrn heilig. Er ermordete den Schützling und Freund mit seinen Kindern, um die Scbätze Und die Flotte in seine Gewalt zu bekommen. Die Griechischen Städte in Asien schickten auf die Nachricht, daß Tiffaphernes im Anzug sey, aus Besorgnis für ihr Schicksal Gesandte an die Lacedämonier mit der Bitte, nicht zu dulden, Laß sie von den Fremden entvölkert würden. Die Lacedämonier versprachen Hülfe und ließen durch Gesandte dem Tiffaphernes sagen, er solle sich keine Feindseligkeiten gegen die Griechischen Städte erlauben. Tiffapherues aber rückte mit seinem Heer zuerst gegen die Stadt Cyme an, verwüstete die ganze Gegend und machte viele Gefangene. Hierauf schloß er die Stadt ein, um sie zu belagern. Da aber der Winter herannahte und er sie nicht erobern konnte, so gab er die Gefangenen gegen eine große Geldsumme frei und hob die Belagerung auf. 56. Die Lacedämonier wählten für den Krieg gegen den König den Thibron zum Feldherrn, gaben ihm tausend Mann einheimische Truppen und hießen ihn unter den Bundesgenossen aushebeu, so viel er für gut fände. Thibron Ol. 95 , i. I. R. 354. v. Chr. 400. 1189 zog nach Korinth, ließ daselbst Truppen von den Bundesgenossen kommen, und ging nach Epbesns unter Segel mit nicht mehr als fünftausend Mann. Dort hob er in den La- eedämonischeu und den andern Städten gegen zweitausend Man« aus, so daß er im Ganzen über sieben tausend hatte, als er aufbrach. Er rückte ungefähr hundert und zwanzig Stadien weiter, gegen Magnesia, das in der Gewalt des Tissavhernes war und sich auf den ersten Angriff ihm ergab. Gleich darauf zog er gegen Tralles in Ionien und schickte sich zur Belagerung an. Er konnte aber gegen diese feste Stadt nichts ausrichten und zog sich wieder nach Magnesia zurück. Diese Stadt war unbefestigt, und er fürchtete daher, nach seinem Abzug möchte sich Tiffaphernes derselben bemächtigen; darum versetzte er die Einwohner auf den benachbarten Berg, mit Namen Thorar. Hierauf fiel er in das feindliche Gebiet ein, wo seine Truppen reiche Beute aller Art fanden. Als aber Tiffaphernes mit ciner?zahlrei<- chen Reiterei erschien, zog er sich aus Furcht nach Ephesus zurück. ^7. Um dieselbe Zeit geschah es, daß von den Hülfs- truppen des Cyrus, die wieder glücklich in Griechenland angekommen waren, ein Theil in die Heimath zurückkehrte, die Meisten aber, beinahe fünftausend Mann, an das Soldatenleben gewöhnt, den Leu 0 Phon zu ihrem Heerführer wählten. Dieser unternahm nun mit dem Heer einen Kriegszug gegen die Thracier, die in der Nähe pon Salmy- dessus wohnten. Dieß ist eine Küste auf der linken Seite des Pontus, die sich weit hin erstreckt und wo es sehr viele Schiffbrüche gibt. Die Thracier pflegten nun in dieser i Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Gegend aufzulauern und die Kaufleute, welche strandeten, zu Gefangenen zu machen. Xencphvn fiel mit den Truppen, die er beisammen hatte, in das Gebiet derselben ein, schlug sie in einem Treffen und verbrannte die meisten ihrer Dörfer. Hierauf folgten die Truppen der Aufforderung des Thi- bron, der ihnen Sold versprach, und vereinigten sich mit den Laced «moniern, um gegen die Perser zu kämpfen. Während das geschah, erbaute Div n ysiu s in Sicilien eine Stadt am Fuß des Berges Aetna und nannte sie nach einem berühmten Tempel Adran um. In Macedonien endete der König Arche laus sein Leben, indem er von seinem Liebling Kraterus auf der Jagd »»vorsätzlich getroffen wurde. Er hatte siebzehn *) Jahre regiert, und es folgte ihm auf dem Thron Orestes, noch ein Knabe. Dessen Vormund, Aeropas, tödtete ihn und führte die Regierung sechs Jahre. In Athen wurde der Philosoph -Sokrates, von Anytus und Melekus als Götterverächter und Verführer der Jünglinge augeklagt, zum Tode verurtheilr. Er trank den Giftbecher und starb. Nachher aber sah das Volk ein, daß die Anklage ungerecht war, und bereute es, daß ein so edler Mann hingerichtet worden war. Seine Ankläger wurden daher so verhaßt, daß man sie am Ende ohne förmlichen Proceß tödtete. - 58. Nachdem das Jahr vergangen war, wurde Aristo- krates Archon in Athen, und in Rom ging die Consals- 2>n Tert fleht sieben. Bergt, dagegen Xlil, 48. und unter den Bruchstücken aus dem 7ten Buch 15. Ol, 95, 2. I. R. 355 . v. Chr. 399. 1191 würde auf sechs Kriegstribunen über, Casus Servilius, Lucius Virginius, O-vintus Sulpicius, Aulus Manlius, Q. uintus Servilius und Manius Ser- gius sJ. R. 555 v. Chr. 5ygs. Zu dem Jahr, da Diese die Regierung führten-, schickten die Lacedämvnier, weil sie erfuhren, daß Thibron den Krieg nicht auf die rechte Art führte, den Dercyllidas als Feldherrn nach Asien. Dieser zog, nachdem er das Heer übernommen, gegen die Stätte in Troas zu Felde. Hamaritus, Kolonä und Arisda ergaben sich ihm auf den ersten Angriff. Sodann bekam er Jlium, Cebrenia und alle andern Städte in Troas entweder mit List oder Lurch Sturm in seine Gewalt. Hierauf schloß er mit Pharnabazus einen achtmonatlichen Waffenstillstand und zog gegen die Thracier, welche damals in der Gegend von Bithynien wohnten. Er verwüstete ihr Gebiet und führte dann sein Heer ins Winterlager. In Hergklea bei Trachin waren Zwistigkeiten aus- gebrocheu. Die Lacedämvnier schickten dahin den H e- rixpidas, um die Ordnung herzustellen. Als er in Herakles ankam, berief er eine Volksversammlung, umstellte sie mit Bewaffneten und ließ die Schuldigen verhaften und alle hinrichten; es waren ungefähr fünfhundert. Er bekriegte auch die Einwohner am Oeta, welche abgefallen waren, und zwang sie durch vielerlei Plagen, womit er sie quälte, das Land zu verlassen. Die Meisten flüchteten sich mit Weibern und Kindern nach Thessalien, wurden aber nach fünf Jahren von den Böotiern ') wieder zurückgeführt. *> Nach Dindorf üti» für kig Zc>eVrt«n. Divdvr. IVs Bdchn, 3 1192 Dlodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Während das geschah, fielen die Thracier in große« Heerschaaren in den Chersvnes ein, verwüsteten das ganze Land und hielten die Städte desselben eingeschlossen. Unter diesen Kriegsdrangsalen ließen die Chersoneflten den Lace- dämonier Dercyllidas aus Asien rufen. Er kam mit seinem Heet herüber, vertrieb die Thracier aus dem Lande und schloß den Chersvnes durch eine Mauer ab, die er von einem Meer zum andern zog. Durch dieses Unternehmen wehrte er für die Zukunft den Einfällen der Thracier, und mit reichen Geschenken belohnt sehte er mit seinem Heer wieder nach Asien über. Lg. Pharnabazus begab sich, nachdem er den Waffenstillstand mit den Lacedämvnieru geschlossen, zu dem König und bewog ihn, eiue Flotte auszurüsten und zum Befehlshaber derselben den Athener Konon zu ernennen. Dieser war nämlich im Kriegswesen und namentlich in den Seegefechten *) wohl erfahren. Er hielt sich, weil er sehr kriegslustig war, in Cypern bei dem König Evagvras auf. Der König willigte ein; Pharnabazus erhielt fünfhundert Silbertalente und schickte sich an, eine Seemacht aufzustellen. Er fuhr nach Cypern, gebot den dortigen Fürsten^ hundert Dreiruder zu rüsten, besprach sich mit Konon wegen der Anführung der Flotte und machte ihn zum Oberbefehlshaber zur See, indem er ihm im Namen des Königs glänzende Aussichten eröffnete. Konon nahm die Feldherrnstelle Nach Wesseling r«vri,XMt> für noXk/liwu. Vielleicht ist Er noXe/ulmn durch Dittographie, und zt«Xc§rcr rwn aus vanzravt«»' entstanden. Ol. 95, 2. I. R. 355 . v. Chr. 399. 1198 an, weil er hoffte, seiner Vaterstadt wieder zur Oberherrschaft zu helfen, wenn die Lacedämonier überwunden würden , und zugleich sich selbst großen Ruhm zu erwerben. Ehe noch die gesamnite Flotte ausgerüstet war, fuhr er mit den vierzig segelfertigen Schiffen nach Cilicien und sorgte dort für Kriegsbedürfnisse. Pharnabazus und Tissap Heines brachen mit den Truppen auf, die sie in ihren Statthalterschaften zusammengebracht, und nahmen den Weg nach Ephcsus; denn dort stand die feindliche Kriegsmacht. Sie hatten ein Heer von zwanzig tausend Mann zu Fuß und zehn tausend Reitern. Auf die-Nachricht, daß die Perser heranziehen, ließ Dercyllidas, der Anführer der Lacedämonier, sein Heer ausrücken, das im Ganzen aus nicht mehr als sieben tausend Mann bestand. Als die Heere ein- ander nahe kamen, wurde eine Uebereinkunft geschloffen und eine Frist bestimmt, in welcher Pharnabazus den König über die Bedingungen, unter denen er Frieden machen würde, fragen lassen und Dercyllidas den Spartanern die Sache melden sollte. 40. Die Einwohner von Rhegium, einer Pflanzstadt von Chalcis, sahen ungern, wie die Macht des Diony- sius wuchs. Die N ari e r und Katanäer, welche Stammverwandte waren , hatte er zu Sklaven gemacht. Das erregte unter den Rheginern, die mit diesen Unglücklichen einerlei Abkunft hatten *), keine geringe Angst; Alle besorgten, es mochte auch sie dasselbe Schicksal treffen. Daher beschloßen sie, ungesäumt gegen den Tyrannen zu Felde zu *) Nach Reiste, der nach hmeinsetzt: ri94 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. ziehen, ehe er gar zu mächtig würde. Nicht wenig trugen auch die von Dionystus verbannten Ey r akusier dazu bei, Alles für den Krieg zu stimmen "). Die Meisten von ihnen hielten sich nämlich damals beständig in Rhegium auf. Sie besprachen sich darüber und versicherten, alle Syrakusier werden den Augenblick benutzen und mithelfen. Mau wählte endlich Feldherrn und gab ihnen sechstausend Mann Fußvolk , sechshundert Reiter und fünfzig Dreiruder mit. Sie fuhren durch die Meerenge und bewogen die Feldherrn der Messenier, an dem Krieg Theil zu nehmen, indem sie ihnen vorstellten, daß man unmöglich zusehen könne, wenn benachbarte Griechische Städte von dem Tyrannen ganz zu Grunde gerichtet werden. Die Feldherrn ließen sich von den Rheginern überreden, ohne Genehmigung des Volks mit ihrem Heer auszurücken. Dieses bestand aus vier tausend Mann Fußvolk, vierhundert Reitern und dreißig Dreirudern. Als aber diese Kriegsmacht die Grenze von Meffene erreichte, entstand ein Aufruhr unter den Truppen durch eine Rede, die der Messenier Lavmedvn hielt. Er gab den Rath, mit Dionystus, der ihnen nichts zu Leide gethan, keinen Krieg anzufangen. Damit waren die Kriegsleute der Messenier sogleich einverstanden, da das Volk seine Zustimmung zu dem Krieg nicht gegeben hatte. Sie verließen ihre Feld- ») Nach Dindorfs Vorschlag Tiapesss/rwu ö' «7i«ur«§ für Tiafxr rä-v Xas!or-r«g. Wenn man läse agoo(>zthv, ovu (oder xm(>öv ö' eriFkrov) XcrfZöurxg Tryög röv riöXrzrov «rvneztcrxrfcroev, so heiße es: auch die von D. verbannten Syrakusier schloßen sich an, denen die Gelegenheit zum Krieg erwünscht war. Ol. 95, 2. I. R. 355 . v. Chr. 899. 1190 Herrn und kehrten nach Hause zurück. Sobald die Rheginer sahen, daß das Heer der Meffenier sich auflöste, wandten auch sie schnell um nach Rhegium; denn für sich waren sie dem Feind nicht gewachsen. Dionyflus war bereits mit seiner Kriegsmacht bis an die Grenze des Syraknsischen Gebiets gerückt und erwartete den Angriff der Feinde. Als er hörte, fle seyen abgezogen, führte er das Heer nach Gyrobus zurück. Die Rheginer und Meffenier schickten eine Frie- densgesaudtschaft; da hielt er es für das Beste, den Streit mit diesen Städten beizulegen und machte Frieden. 4>. Er sah, daß ihm von den Griechen manche ins Gebiet der Karthager entliefen und dort wieder eine Hcimath und ein Besitzthnm fanden. Nun dachte er, wenn der Friede mit den Karthagern fortbestände, so würden viele seiner Unterthanen dem Beispiel dieser Abtrünnigen *) zu folgen geneigt seyn; wenn der Krieg ausbräche, würden die von den Karthagern Unterjochten Alle zu ihm übergehen. Er hörte überdieß, es seyen in Libyen viele Karthager durch eine Seuche; die unter ihnen geherrscht, weggerafft worden. Es schien ihm daher die Zeit günstig zu einem Krieg. Zuvor aber glaubte er Anstalten treffen zu müßen; denn er mußte sich auf einen schweren und lange dauernden Krieg gefaßt halten, da er sich mit dem mächtigsten Volk in Europa ") in einen Kampf einlassen wollte. Er ließ daher sogleich Handwerker zusammenkommen, aus den ihm unterworfenen Städten durch ein Aufgebot, aus Italien, Grie- *) Für LNt Nachdem das Jahr vergangen war, wurde Sunia- deS Archon in Athen, und in Rom verwalteten das Amt der Consuln sechs Kriegstribunen, Publius Mälius, Publius Mänius, Spurius Furius, Lucius Pu- blilius, Lucius Titinius, Publius Licinius ') sJ. R. 55 / v. Chr. 5 g/H. Divnysius, der Beherrscher von Syrakus, schickte seinem Vorhaben gemäß, nachdem er Alles zum Krieg gerüstet hatte, einen Herold nach Karthago mit einem Brief an den Senat, des Inhalts, daß die Syrakuster beschlossen haben, die Karthager zu bekriegen, wenn diese nicht die Griechischen Städte abträten. Der Herold übergab, wie ihm befohlen war, bei seiner Ankunft in Libyen das Schreiben dem Senat. Als dasselbe in der *) Die drei letzten Namen fehlen im Text. Für den zweiten steht Manius. Vielleicht sollte es heißen Luintus Man- lius, wie Eap. go. 1204 Di'odor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Rathsversammlung und nachher vor dem Volk vorgelesen wurde, geriethen die Karthager in große Furcht wegen des Kriegs. Denn die Seuche hatte unter ihnen so viele Menschen getödtet, und sie waren durchaus ungerüstet. Sie erwarteten , was die Syrakuster beginnen würden, und schickten unterdessen einige Senatoren mit einer großen Summe Gelds ab, um fremde Gruppen in Europa zu werben. Dionyflus ließ das Heer der Syrakuster, der Söldner und der Bundesgenossen aus Syrakus ausrücken und nahm den Weg nach dem Eryr. Denn nicht weit von diesem Berge lag die Stadt Motya, eine Kolonie der Karthager, die i ihnen hauptsächlich zum Stützpunkt bei ihren Angriffen auf Eicilien diente. Durch die Eroberung dieser Stadt hoffte er keinen geringen Vortheil über die Feinde zu erlangen. Auf > dem Weg dahin erhielt er überall Verstärkungen aus den Griechischen Städten, in welche» Alles unter die Waffen trat. Denn es schloß sich Jedermann willig an den Zug an, weil die drückende Herrschaft der Pöner verhaßt war, und man die Freiheit einmal zu erlangen wünschte. Zuerst zog er die Kamarinäer an sich, sodann die Geloer und Agrigeutiner; hierauf ließ er die Himeräer zu sich entbieten, die auf der andern Seite von Sieilieu wohnten, und nahm unterwegs die Selin untier mit. So erschien er vor Motya mit der ganzen Heeresmacht. Er hatte achtzig tausend Mann Fußvolk, über drei tausend Reiter und nicht viel weniger als zweihundert Kriegsschiffe. Auch folgten dem Zug Lastschiffe, mit einer Menge von Maschinen und mit dem ganzen übrigen Eeräth angefüllt; es waren nicht weniger als fünfhundert. Ol. 95 , 4. I. R. 357 . v. Chr. 397. ir «5 48 . Die Eryciner, die vor der Macht eines so wohl gerüsteten Feindes sich fürchteten und die Karthager haßten, traten auf die Seite des Dionysius. Die Einwohner von Mvtya aber ließen sich durch die Heeresmacht des Dionysius nicht schrecken, sondern erwarteten Hülfe von Karthago- und rüsteten sich auf die Belagerung. Denn das wußten sie wohl, daß die Syrakufler zuerst Motya belagern würden, da die Stadt den Karthagern am meisten ergeben war. Sie lag auf einer Insel, von Sicilien sechs Stadien entfernt, und die Menge und Schönheit ihrer Häuser und die äußerst künstliche Anlage der Stadt, zeugte von dem Wohlstand der Einwohner. Mit dem Ufer von Sicilien war sie durch eine« von Menschenhänden angelegten schmalen Weg verbunden. Diesen trugen die Motyener damals ab, um den Feinden den Zugang zur Stadt abzuschneiden. Dionysius untersuchte nun mit den Baumeistern den Platz und fing an, gegen Motya hin Dämme zu bauen. Die Kriegsschiffe ließ er neben der Einfahrt des Hafens aufs Trockene bringen, die Lastschiffe aber am Ufer vor Anker legen. Hierauf ließ er als Aufseher über die Arbeiten den Leptines, den Befehlshaber der Flotte, zurück und wandte sich mit dem Laudheer gegen die Städte, welche den Karthagern Beistand geleistet. Die Sie an er gingen aus Furcht vor der großen Heeresmacht alle zu den Syrakusiern über; und von den übrigen Städten blieben nur fünf den Karthagern treu; diese waren Halicyä, Solus, Egesta, PanormuS, Entella. In dem Gebiet von Solus, Panormus und Halicyä ließ Dionysius plündern und die Bäume umhauen. Egesta aber und Entella belagerte er mit einer großen Truppenzahl und ir»6 Diodor'ö hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. machte beständige Angriffe, um die Städte mit Sturm zu erobern. Dort stand also Divuystus mit seinem Heer. 4g. Imilko aber, der Feldherr der Karthager, schickte, während er selbst mit der Zusammenziehung der Streitkräfte und mit den übrigen Rüstungen beschäftigt war» den Befehlshaber der Flotte mit zehn Dreirudern ab und hieß ihn schnell und unbemerkt nach Syrakus segeln, bei Nacht in den Hasen einlaufen und, was daselbst noch von Fahrzeugen wäre, zerstören. Er dachte, diese Unternehmung würde dem Dionyslns seinen Plan durchkreuzen und ihn nöthigen , einen Theil der Fahrzeuge nach Syrakus zu schicken. Der abgesandte "Befehlshaber vollzog seinen Auftrag schleunig und lief bei Nacht in den Hafen von SyrakuS ein, ohne daß ein Mensch wußte, was geschah. Es gelang ihm bei diesem unvermutiheten Ueberfall die vor Anker liegenden Schiffe durch Stöße mit den Schnäbeln beinahe alle in den Grund zu bohren; worauf er nach Karthago umkehrte. Dio- nysius rückt- indessen, nachdem er das ganze den Karthagern unterworfene Gebiet verheert und die Feinde in ihre Städte getrieben, mit dem gesammten Heer gegen Motya. Denn er hoffte, wenn diese Stadt erobert wäre, so würden sich die andern bald ergeben. Er ließ also au dem Damm über die Meerenge schnell fortarbeiten, indem er noch eine viel größere Zahl von Leuten dabei anstellte, und so wie der Damm weiter geführt würde, brachte er das Stnrmzeug den Mauern allmählich immer näher. 5o. Zu derselben Zeit bemannte Imilko, der Befehlshaber der Karthagischen Flotre, sobald er hörte, daß Divnv- sius die Schiffe aufs Trockene gebracht, hundert der besten Ol. 95, 4. I. R. 337 - v. Chr. 397. 1207 Dreirudcr. Denn er dacht«, wenn er unerwartet erscheine, werde er die am Hafen auf dem Trockenen liegenden Fahrzeuge leicht in seine Gewalt bringen, da er Herr auf dem Meere sey; und wenn das gelängt, hoffte er das belagerte Motya entsetzen und den Krieg nach der Stadt Eyrakus hinüberspielcn zu könne». Er lief also mit hundert Schiffen aus, fuhr bei Nacht in der Gegend von Selinus au, umschiffte das Vorgebirge Lilybäum und erschien mit Tages Anbruch vor Motya. So überraschte er die Feinde und ließ die vor Anker liegenden Schiffe theils zertrümmern, theils verbrennen, ohne daß die Leute des Divnystns zu Hülfe kommen konnten. Hierauf lief >r in den Hafen «in und kündigte durch die Stellung der Schiffe den Angriff auf die feindlichen Fahrzeuge, die auf dem Trockenen lagen, an. Divnystns zog seine Truvpen bei der Mündung des Hafens zusammen; da er aber sah, daß die Feinde die Einfahrt des Hafens besetzt hielten, so wagte er nicht, die Fahrzeuge innerhalb desselben ins Meer zu lassen; denn er erkannte wohl, daß man an der engen Mündung mit wenigen Schiften den Kampf gegen eine viel größere Zahl bestehen müßte. Daher ließ er die Fahrzeuge zu Land an das Meer außerhalb des Hafens hinüberschaffen, was durch die Menge seiner Kriegsleute leicht und glücklich ausgeführt wurde. Die vordersten Schiffe griff Imilko an, wurde aber durch einen Hagel von Geschoßen zurückgetrieben. Denn eine Menge von Bogenschützen und Schleuderen! hatte sich eingeschifft, And vom Ufer aus schoßen die Syrakusier mit den gewaltigen Katapulten, wodurch ziemlich viele Feinde getödtet wur- Divdor. 10s Bdchn. 3 1208 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. den. Dieses Geschoß verbreitete auch großen Schrecken, weit es damals eine ganz neue Erfindung war. Da nun Jmilko seinen Zweck nicht erreichen konnte, so fuhr er nach Libyen zurück; denn ein Seetreffen hielt er nicht für räthlich, da die Feinde zweimal so viel Schiffe hatten. 5 i. Nachdem Dionyflus durch die Menge von Arbeitern, die er angestellt, den Damm zu Stande gebracht hatte, griff er mit mancherlei Werkzeugen die Mauer an. Mit den Sturmböcken stieß er an die Thürme, und mit den Katapulten vertrieb er die Vertheidiger von den Mauerzinncn. Auch ließ er haushoch gebaute Thürme von sechs Stockwerken auf Rädern gegen die Mauer herführen. Die Einwohner von Motya ließen sich aber durch die Kriegsmacht des Dionyslus nicht schrecken, ob sie gleich für jetzt von aller Hülfe cntblvSt waren, und sich nur auf ihre eigene Kraft verlassen konnten. Sie übertrafen die Belagerer noch an Ruhmbegierde. Fürs Erste hoben sie au aufgerichteten Stangen von den größten Mastbäumen.Gerüste in die Hohe, worin Leute standen, welche angezündete Fackeln und brennendes Werg mit Pech von oben herab auf das Skurmzeng der Feinde warfen. Die Flamme ergriff das Holz schnell, wurde aber von den herbeieilenden Smliern bald gelöscht. Es gelang ihnen nun, durch häufige Stöße mit den Sturmböcken eine» Theil der Mauer einzuwerfen. Diesem Platz lief und drängte sich dann von beiden Seiten Alles zu, nud es entstand ein hitziger Kampf. Denn die Sicilicr meinten die Stadt schon in ihrer Gewalt zu haben und boten alle Kräfte auf, um sich an den Pöncrn zu rächen für die Kränkungen, die sie früher von ihnen erlitten; die Leute in der Stadt Ol. 93, 4. I- R. 337. v. Chr. 397. 1209 aber, denen das Elend der Gefangenschaft vor Augen und kein Ausweg, weder zu Land noch zur See, offen stand, gingen muthvoll dem Tod entgegen. Da fle des Schutzes der Mauer sich beraubt sahen, so verrammelten fle die Gaffen, und die letzten Häuser leisteten ihnen den Dienst einer trefflich gebauten Mauer. So fanden denn die Truppen des Diouyflus jetzt noch größere Schwierigkeiten. Denn nachdem sie innerhalb der Mauer eingedrungen waren und schon Meister der Stadt zu seyn glaubten, flogen Geschosse von oben herab aus den Häusern auf fle zu. Indessen führten fle die hölzernen Thürme an die äußersten Häuser herzu und legten Stege hinüber. Da diese Maschinen den Gebäuden gleich waren, so kam es nunmehr zum Handgemenge. Denn die Sicilier drangen auf den Stegen, die fle dazwischenlegten, mit Gewalt in die Häuser ein. 5-. Die Motyener aber, die an die Größe der Gefahr dachten und ihre Weiber und Kinder vor Augen hatten, fochten aus Besvrgniß für Diese um so tapferer. Entweder standen Eltern neben ihnen, die durch ihre Bitten, fle doch nicht den Mißhandlungen jener Leute preiszugeben, ihren Muth anfeuerten, daß sie ihres Lebens nimmer schonten; oder warcu es die Wehklagen von Weiber» und unmündigen Kindern, was fle antrieb, eher rühmlich zu sterben, als ihre Kinder in Gefangenschaft zu sehen. Denn fliehen konnten sie nicht aus der Stadt, da sie vom Meer umgeben waren und die Feinde das Meer beherrschten. Was ihnen aber bange machte und was namentlich den Pönern alle Hoffnung benahm, war die Grausamkeit, welche Diese an den gefan- 5 * i2lo Di'odor'ö hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch., genen Griechen verübt und weßwegen sie also das gleiche Schicksal zu erwarten hatten'). Es blieb ihnen also Nichts übrig als tapfer kämpfend entweder zu siegen oder zu sterben. Der standhafte Muth, der nun die Belagerten erfüllte, brachte die Sicilier in große Verlegenheit. Denn auf den übergelegten Bretern fechtend hatten sie einen schlimmen Stand, wegen des engen Raumes und weil die Feinde dem gewissen Tode sich wüthend entgegenstürzten. So kamen die Einen im Handgemenge um, während sie Wunden schlugen und empfingen; die Andern wurden von den Motyenern weggedrängt , daß sie von den Bretern auf die Erde herab todt fielen. Auf diese Art setzte Diouysius einige Tage die Bestürmung fort, indem er jedesmal gegen Abend den Streitern zum Rückzug blasen und dem Angriff ein Ende machen ließ. Als er nun daran die Motyener gewöhnt hatte, schickte er einmal, nachdem auf beiden Seiten die Kämpfenden sich zurückgezogen hatten und es schon Nacht war, den Archy- lus, einen Thurier, mit den besten Truppen ab. Dieser legte an den eingefallenen Häusern Leitern an, stieg daran hinauf und besetzte einen geschickten Platz, wo er den Leuten des Dionysius den Zugang öffnen konnte. Sobald die Motyener erfuhren, was geschehen war, liefen sie in größter Eile herbei und wehrten sich dennoch tapfer, ob sie gleich zu spät kamen. Es entstand ein hitziges Gefecht, und mit Mühe gelang es den Siciliern, nachdem eine größere'Zahl heraufgestiegen war, durch die Uebermacht den Widerstand zu bezwingen. *) Für xkXstMLi-ovs ist wohl xexstHcrFe" zu lesen, für ol aber olg. I2H Ol. 95, 4. I. R. 337. v. Chr. 397. 5;. Sogleich drang nun über den Damm die gesammte Macht des Dionystus in die Stadt ein, und überall wüthete der Mord. Denn die Sicilier wollten die Grausamkeit vergelten, indem fle Alles ohne Unterschied niedermachten und durchaus weder Kinder, noch Weiber, noch Greise verschonten. Dionyslus aber wünschte die Einwohner zu Sklaven zu 'machen, um Geld auszubringen. Daher verbot er fürs Erste den Kriegsleutcn, die Gefangenen zu tödten. Als er aber sah, daß Niemand gehorchte und sich die Mordlust der Sicilier nicht bezähmen ließ, stellte er Herolde auf, die mit lauter Stimme den Motyeuern kund machten, fle sollten in die Tempel der Griechischen Gottheiten fliehen. Als das geschah, hörten die Kriegsleute auf zu morden und fingen dagegen an das Eigenthum zu plündern. Es wurde viel Silber geraubt und nicht wenig Gold und prächtige Kleider und eine Menge anderer Kostbarkeiten. Die Plünderung der Stadt erlaubte Dionystus den Kriegsleuten, um ste zu den bevorstehenden Kämpfen bereitwillig zu machen. Außerdem belohnte er den Archylus, der die Mauer zuerst erstiegen, mit hundert Minen, und die Andern, die sich ausgezeichnet, jeden nach Verdienst. Die Motyener, so viel noch übrig waren, ließ er verkaufen, den Da'tmenes aber und andere Griechen, die für die Karthager gefochten hatten und in Gefangenschaft gerathen waren, kreuzigen. Hierauf legte er eine Besatzung in die Sradt und ernannte zum Befehlshaber derselben den Syrakufler Biton; der größte Theil bestand aus Sieulern. Leptines, der Anführer der Flotte- sollte mit hundert und zwanzig Schiffen den Karthagern bei ihrer Ueberfahrt auflauern. Er trug ihm auf, die 72 l 2 Dkodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Belagerung von Egesta und Entella fortzusetzen, die er gleich anfangs begonnen hatte. Er selbst zog, da der Sommer bereits zu Ende ging, mit dem Heer nach Syrakns. In Athen brachte Sophokles, der Sohn *) des Sophokles, sein erstes Trauerspiel auf die Bühne. Er gewann zwölfmal den Preis. 54 . Nachdem das Jahr vergangen war, wurde Phor- mion Archon in Athen, und in Rom wählte'man statt der Cvnsuln sechs Kriegstribunen, Cnejus Genueins, Lucius Atilius, Marcus Pomponius, Casus Dui- lius, Marcus Veturius und Volero Pnblilius; es wurde die sechs und neunzigste Olympiade gefeiert, wo Eupvlis von Elis Sieger war sJ. R. 558 v. Chr. Zg6s. In dem Jahr, da Jene die Regierung führten, brach Dionysius, der Beherrscher der Syrakusier, mit der gesammten Macht von Syrakus auf und fiel in das Gebiet der Karthager ein. Durch seine Verheerung deS Landes geschreckt unterhandelten die Halicyäer und schloßen ein Bündniß mit ihm. Die Egestäer aber machten unvermiithet bei Nacht einen Ausfall gegen die Belagerer, legten in den Zelten des Lagers Feuer ein und brachten die Truppen in große Verwirrung. Die Flamme griff weit um sich und das Feuer war so unaufhaltsam, daß von den hülfe- leistenden Kriegsleuten einige umkamen und von den Pferden der größte Theil in den Zelten verbrannte. Dionysius ver- ! wüstere das Land, ohne Widerstand zu finden. Leptines, der Befehlshaber zur See, stand bei Motya und wartete *) Ss sollte heißen: Sudel. I2l3 Ol. 96, i. I. R. 3 Z 3 . v. Chr. 396. auf die Ankunft der feindlichen Flotte. Als die Karthager erfuhren, daß die Kriegsmacht des Dionysius so groß war, beschloßen fle, noch viel größere Rüstungen, als er, zu machen. Sie brachten daher, nachdem fle dem Jmilko die bei ihnen so genannte KönigSwürde übertragen, aus ganz Libyen und aus Jberien Truppen zusammen, die sie theils von den Bundesgenossen sich stellen ließen, theils in Sold nahmen. So hatten fle denn am Ende über dreimal hundert tausend Mann Fußvolk beisammen und viertausend Reiter, noch außer den Wagen, deren eS vierhundert waren; ferner vierhundert Kriegsschiffe und zur Ueberfahrt der Lebensrnittel , des Sturmzeugs und der andern Bedürfnisse mehr alS sechshundert Schiffe. So berichtet wenigstens EphvruS. TimäuS hingegen versichert, die ans Libyen übcrgeschifften Truppe» haben sich nicht auf mehr als hundert taufend Mann belaufen, und dazu seyen dann noch dreißig tausend Mann in Sicilien ausgehobeu worden. 55. Jmilko gab den sämmtlichen Steuermännern ein versiegeltes Schreiben mit, das fle erst, wenn fle ausgelaufen wären, öffnen und nach dem sie sich dann richten sollten. Diese Maßregel traf er, damit kein Kundschafter dem Div- nysinS die Richtung der Fahrt verrathen könnte. ES hieß in dem Schreiben, sie sollten nach ParivrmuS schiffen. ES gingen bei günstigem Winde alle Schiff- zugleich unter Segel. Nun fuhren die Frachtschiffe über die hohe See, die Dreiräder aber nach Lilybäum ') und von dort längs der Nach Dobree rö für rrzv Uebri- geus dursten sie nicht zu nahe an der Küste yinsahren, 1214 Diodor'ö hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Küste hin. Da der Wind stark wehte, so wurde man von Sicilien aus die vordersten Frachtschiffe bald gewahr. Daher schickte Diouyffus den Leptines mit dreißig Dreirudern ab und hieß ihn alle, die er erreichen könnte durch Stöße mit den Schnäbeln zerstören. Dieser lief eilig aus, griff die »ordern Schiffe an und versenkte schnell einige sammt der Mannschaft. Die übrigen aber, welch« Dreiruder ') waren, entkamen leicht, indem sie den Wind mit den Segeln faßten. U-brigens waren es fünfzig Schiffe, die er versenkte, und auf denselben befanden sich fünf tausend Mann und zweihundert Wagen. Imilko laugte in Panormus an, schiffte das Heer aus und führte es gegen den Feind. Die Dreiruder ließ er nebenher fahren. Nachdem er unterwegs Eryx durch Verrätherei in seine Gewalt bekommen, schlug er ein Lager bei Mvtya. Da Diouyffus um diese Zeit mit seinem Heere bei Egesta stand, l rön '/fttkxWvll ist vielleicht Tipln «xovsar ausgefallen und dann zur Ergänzung Ae« eingeschaltet worden. Ol. 96, 3 - R. 553 . v. Chr. 596. iruL die in Aetna wohnten, Lurch Abgeordnete auf, dem Dio »ysius abtrünnig zu werden. Er versprach, ihnen «ine große Strecke Landes zu geben und sie an der Kriegsbeute Theil nehme» zu lassen; auch versicherte er sie, die zu Entella wohnenden Campaner seyen den Karthagern geneigt und stehen ihnen gegen die Sicilier bei; das Gnechenvvlk sey ja durchaus allen andern Stämmen teind. Allein die Campaner hatten dem Dionysius Geisel gegeben und ihre besten Truppen nach Syrakus geschickt; sie waren also genöthigt, im Bunde mit Dionysius zu bleiben, so gern sie auch auf die Seite der Karthager getreten wären. K-. Dionysius. dem vor den Karthagern bange wurde, schickte nun seinen Schwager Pvlyrenus als Gesandten an die Griechen in Italien und an die Laced«monier und Korinthen, mit der Bitte, daß sie ihm hälfen und die Griechischen Städte in Sicilien nicht gänzlich zu Grunde richten ließen. Auch sandte er Werber in den Pelvponnes mit einer großen Summe Gelds und hieß sie Truppen zusammenbringen, so viel sie könnten und den Sold nicht sparen. Jmilko zierte seine Schiffe mit den Rüstungen, dir man den Feinden abgenommen, und lief in den großen Hafen von SyrakuS ein, was großen Schrecken in der Stadt erregte. Es fuhren nämlich zweihundert und fünfzig Kriegsschiffe mit gleichmäßigem Ruderschlag herein, mit der Kriegs - beute prächtig geschmückt; darauf mehr als fünfhundert Frachtschiffe, welche vielerlei Kriegsgeräthe führten. Im Ganzen waren es beinahe achthundert *) Schiffe. Daher wurde der «) Die Zahl zwei tausend, die im Text steht, ist nach Cap. 54. unrichtig. Es ist wohl K mit verwechselt worden, Dioder. 10s Bdchn. 1 2Z4 Dkodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Hafen von Syrakus, so groß er auch war, von Fahrzeugen gedrängt voll und fast ganz mit Segeln überdeckt. Bald nachdem sich die Schiffe vor Anker gelegt, rückte dagegen von der andern Seite aus das Landheer an, das nach der Angabe einiger Schriftsteller aus dreimal hunderttausend Mann zu Fuß und drei tausend Reitern bestand. Jmilko, der Anführer der ganzen Kriegsmacht, nahm in dem Tempel des Zeus seine Herberge; das übrige Heer lagerte sich in der Nahe des Tempels, zwölf Stadien von der Stadt entfernt. Hierauf ließ Jmilko das ganze Heer ausrücken und forderte die Syrakusier zur Schlacht heraus, indem er seine Truppen vor den Mauern aufstellte. Zugleich ließ er hundert von den besten Schiffen gegen die Mauern *) heranse- geln, um die Einwohner in Furcht zu sehen und zu dem , Geständniß zu zwingen, daß er auch zur See ihnen übe! le- ! gen sey. Da sich kein Feind aus der Stadt heraus wagte, so führte er das Heer für jetzt ins Lager zurück; sodann durchzog er das Land dreißig Tage lang, hieb die Bäume um und verwüstete Alles; er wollte damit nicht nur seinen Truppen reich- Beute verschaffen, sondern zugleich die Belagerten muthlos machen. nach chL(>ovcr«e aber vüsou ausgefallen. Für rfgAeo- llkvcrr freu dürste vielleicht Leg -loXkztou ftßv virtMaeag TioXXäg oder etwas dergleichen zu setzen seyn. Oder sollte es keg Xr/nLU« zexv etiwovg geheißen haben (fünfhundert Frachtschiffe, welche drei 'tausend Pferde in den Hasen fübrten) - *) wird aus rkexrerev entstanden seyn. 1225 Ol. 96 . i. Z. R. 338. v. Chr. 3g6. Sä. Er nahm die Vorstadt Achradina ein, und plünderte die Tempel der Demeter und Köre. Bald aber traf ihn für diesen Frevel gegen die Gottheit die verdiente Strafe. Denn seitdem verschlimmerten sich seine Angelegenheiten von Tag zu Tag, und kleine Gefechte, welche DivnysiuL wagte, entschieden sich zum Vortheil der Syrakusier. Es entstand ferner manchmal bei Nacht ein unerklärbarer Lärm im Lager, so daß man meinte, der Feind wolle den Wall erstürmen, und Alles zu den Waffen griff. Dazu kam noch eins Seuche, die allerlei Ungemach zur Folge hatte; wovon wir weiter unten sprechen werden, damit wir der Zeitordnung nickt vorgreifen. Ars Jmilko sein Lager mit einer Mauer umgab, " zerstörte er beinahe alle Gräber in der Nähe, unter andern auch die prächtigen Grabmäler des Gelen und seiner Gemahlin Demarere. Er baute überdieß drei Festungen am Meer, eine auf dem ^Vorgebirge; Plemmyrium, die andere an der Mitte des Hafens und die dritte bei dem Tempel des Zeus, und versah dieselben mit Wein und Getreide und den übrigen Bedürfnissen; weil er dachte, es werde eine langwierige Belagerung werden. Auch schickte er Lastschiffe «ach Sardinien und Libyen, um Getreide und andere Lebsnömittcl zu hole». Polyrenus, der Schwager des Div- uysius, brachte aus dem Peloponnes und aus Italien dreißig Kriegsschiffe von den Bundesgenvsseu mit und den Pharacidas von La c eL ämvu als Befehlshaber der Flotte. 6t. Hierauf geschah es einmal, daß Dionysius uns Lep- tines mit den Kriegsschiffen «Miefen '), um Lebensmutes *) Nach Reiske'S SrgAnzuttg «Ti^au. 4* I,u6 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. herbeizuschaffen. Da sahen die Syrakusier, die nun sich selbst überlassen waren, zufällig ein Fahrzeug mit Getreide heransegeln, fuhren mit fünf Schiffen darauf zu, bemächtigten sich desselben und brachten es nach der Stadt. Die Karthager rückten mit vierzig Schiffen gegen sie an; aber die Syraknsier bemannten alle ihre Schiffe und ließen sich in ein Treffen ein, in welchem sie das Schiff des Befehlshabers eroberten und vier und zwanzig von den andern zu Grunde richteten. Sie verfolgten die Fliehenden bis zum Standort der feindlichen Schiffe und forderten die Karthager zu einer Seeschlacht heraus. Betroffen über den unerwarteten Zufall hielten sich diese ruhig. Nun banden die Syraknsier die eroberten Schiffe anS Schlepptau und führten sie nach der Stadt. Sie freuten sich des errungenen Vortheils, und mit stolzem Vertrauen erfüllte sie der Gedanke, daß Diony- siuS mehrere Niederlagen erlitten, sie hingegen ohne ihn über die Karthager gesiegt hatten. Sie versammelten sich und sprachen mit einander über die Gleichgültigkeit, womit sie Sklaven deS DionysiuS blieben, da sie doch gerade jetzt Gelegenheit hätten, ihn zu stürzen; statt daß sie früher entwaffnet waren, hatten sie ja nun durch den Krieg Waffen in die Hände bekommen. Während man sich aber noch darüber besprach, kam DionysiuS zurück und berief eine Volksversammlung, in welcher er die Syrakusier lobte und sie guten Muths seyn hieß, indem er versprach, dem Krieg bald «in Ende zu machen. Er wollte die Versammlung eben auS einander gehen lassen, als der Syrakusier TheodoruS, ein angesehener Ritter, der als ein unternehmender Mann be- Ol. 96, i. I. R< 538 . v. Chr. 3 g 6 . 1227 kannt war, auftrat und es wagte, für die Freiheit also zu sprechen. 65. ,,Jn der Rede des Dionysius ist, wenn auch manche Lüge mit unterläuft, doch der Schluß wahr, daß er dem Kriege bald ein Ende machen kann. Allerdings könnte er das bewirken, wenn er nicht selbst befehligte (er ist ja oft geschlagen worden), sondern den Bürgern ihre alte Freiheit wieder gäbe. Gegenwärtig freilich geht Niemand von uns freudig in den Kampf, da auch der Sieg so viel ist als eine Niederlage. Denn werden wir überwunden, so müßen wir thun, was die Karthager befehle»; siegen wir aber, so haben wir an Dionysius noch einen strengeren Gebieter als Jene sind. Die Karthager hätten sich ja, wenn sie die Oberhand im Kriege behalten hätten, nur die angesetzte Steuer zahlen lassen, aber uns nicht gehindert, nach den Gesetzen der Bäter den Staat zu verwalten; Dieser hingegen hat die Tempel geplündert, und Bürgern ihr Vermögen genommen und mit dem Eigenthum zugleich auch das Leben; nun besoldet er die Sklaven, um die Herrn zu Sklaven zu machen; und während er im Frieden so schrecklich verfährt, wie es sonst in einer eroberten Stadt geschieht, verspricht er, dem Krieg mit den Karthagern ein Ende zu machen. Aber, Freunde, nicht minder als dem Punische» Krieg müßen wir der Zwing- herrschaft innerhalb der Mauern ein Ende machen. Ist doch die Burg mit bewaffneten Sklaven besetzt, um zum Bollwerk gegen die Stadt zu dienen, und die Menge der Söldner gedungen, um die Syrakuster zu unterjochen. Und er waltet in der Stadt nicht als Richter, der ein unparteiisches Urtheil spricht, sondern als Alleinherrscher, bei dessen Hand- 12-8 Dlvdor's hkst. Bibliothek. Vierzehntes Buch. lungrn überall der Eigennutz entscheidet. Was die Feinde gegenwärtig vvm Lande inne haben, ist ein kleiner Theil; DionysiuS hingegen hat überall die Einwohner verjagt und Las Land den Gehülfen seiner Zwinghsrrschaft geschenkt. Wie lange wollen wir nun geduldig eine Behandlung ertragen, die sich rechtliche Männer nimmermehr gefallen lassen, son, dern lieber zu sterben sich entschließen? Im Kampf mit den Karthagern gehen wir den drohendsten Gefahren mnkhvoll entgegen. und gegen einen grausamen Tyrannen wagen wir für die Freiheit und für das Vaterland nicht einmal ein freimüthiger Wort zu sprechen. So vielen Tausenden von Feinden stellen rvir uns gegenüber, und vor einem Alleinherrscher zittern wir, der nicht so viel Muth als ein tüchtiger Sklave besitzt." 66. „Denn eS wird doch Niemand glauben, dem alten Gelen den Dionyssns an die Seite seyen zu dürfen. Jener machte in Vereinigung mit den Syrakustern und den übrigen Siciliern durch seine Tapferkeit ganz Sicilien frei;' Dieser hingegen, der die Städte frei gefunden, hat die andern alle in die Gewalt der Feinde überliefert, seine Vaterstadt aber selbst unterjocht. Jener stritt so eifrig für Sicilien, da» seine Bundesgenossen in den Städten keinen Feind sahen; dieser aber hak sich, nachdem er von Motya durch die ganze Insel geflohen, in den Mauern eingeschlossen, nr.d während er seinen Mitbürgern Trotz bietet, kann er dem Feind gegenüber nicht einmal dessen Anblick ertragen. Ko hat man denn Jenem wegen seiner Vorzüge und seiner großen Thaten die höchste Gewalt nicht nur in Syrakus, sondern auf ganz Sicilien freiwillig übertragen; Der aber, der als Heerführer Ol. 96, i. I. R. 338. v. Chr. 396. 1229 die Bundesgenossen zu Grunde gerichtet und seine Mitbürger zu Sklaven gemacht, wird Der nickt mit vollem Recht von Jedermann gehaßt? Ja, nicht blos der Oberherrschaft ist er unwürdig; sondern einen tausendfachen Tod hat er verdient. Durch seine Schuld sind Gela und Kamariiia zerstört, Messens dem Boden gleich gemacht, in der Seeschlacht *) zwanzig tausend Mann von den Bundesgenossen umgekommen, kurz, alle Griechischen Städte in Sicilien vernichtet worden, so daß wir seht in eine einzige Stadt eingeschlossen sind. Denn unter andern Ungerechtigkeiten —) hat er ja die Einwohner von Narvs und Katanä als Sklaven verkauft und Liese Bundesstädte, so gut gelegene Städte, gänzlich zerstört. Den Karthagern hat er zwei Schlackten geliefert und ist in Heiden besiegt worden. Und seinen Mitbürgern hat er, sobald sie ihm einmal den Oberbefehl über das Heer anvertraut hatten, die Freiheit geraubt, indem er Jeden, der freimüthig für die Gesehe sprach, hinrichten ließ und die begütertsten Männer verbannte, die Gattinnen der Verbannten Sklaven und den gemeinsten Leuten zur Ehe, und die Waffen der Bürger Barbaren und Fremdlingen in die Hände gab. Und das hat, 0 Zeus und alle Götter, ein Rathsdiener, ein Taugenichts gethan." 67. ,,Wv ist denn die Freiheitsliebe der Syrakusier? wo die Thaten der Voreltern? Ich will nicht von den dreimal hundert tausend Karthazern sprechen, die bei Himera Statt ctvztzia/lccv sollte es heißen. Vergl. Cap. 6g. ") Für ist «öex^'zicecrt zu lesen. isZo Dlodor's bist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. gefallen sind, nicht von, Sturz der Herrscher, die auf Gelen folgten. Aber war eS nicht gestern und xhegestern, als von der großen Heeresmacht, welche die Athener gegen Syrakus gesandt, unsere Vater nicht einen Boten, der das Unglück meldete, entkommen ließen? Ein solches Vorbild der Tapferkeit haben uns die Vater hinterlassen, und wir gehorchen den Befehlen eines Dionysius und haben doch die Waffen in der Hand? Eine Fügung der Götter hat uns ja mit den Bundesgenossen bewaffnet zusammengeführt, um die Freiheit wieder zu erringen, und in unserer Macht steht es deute, als wackere Männer zusammenzutreten und das drückende Joch abzuschütteln. In der vorigen Zeit, da wir l entwaffnet und ohne Bundesgenossen waren und von einer i Menge von Söldnern bewacht, mußten wir uns freilich in die gebieterischen Umstände schicken. Nun aber, da wir dir ! Waffen in Händen und die Bundesgenossen zur Hülfe und auch zu Zeugen unserer Tapferkeit haben, nun wollen wir , nicht nachgeben, sondern öffentlich beweisen, daß wir aus Rücksicht auf die Umstände, nicht auS Feigheit die Sklaverei uns haben gefallen lassen. Schämen wir uns nicht, im Krieg einen Anführer zu haben, der die Tempel der Stadt geplündert hat, und so wichtige Geschäfte durch einen Menschen besorgen zu lassen, dem kein Vernünftiger die Verwaltung seines eigenen Vermögens anvertrauen möchte? Und ' wenn Andere im Krieg vorzüglich, wo die Gefahr so groß ist, die Pflichten gegen die Götter heilig halten, so hoffen dagegen wir von einem berüchtigten Göttervrrächter, er werde dem Krieg ein Ende machen?" Ol. 96, i. I. R. 358 . v. Chr. 396. ruZi 63. „Uebrigens wem, man die Sache genauer betrachtet, so steht man woh!, daß sich Divuysius nicht minder vor dem Frieden fürchtet, als vor dem Krieg. Gegenwärtig, denkt er, werden die Syrakusier Nichts gegen ihn unternehmen, aus Furcht vor den F-inden; sobald aber die Karthager bezwungen seyen, werden sie frei zu werden trachten, da sie dann nicht nur mit Waffe» versehen, sondern auch durch ihre Thaten ermnthigt seyen. Deßwegen hat er ja wohl im erste» Krieg Gela und Kamarina verrathen und zur Einöde gemacht, sodann im Friedensvertrag die meisten Griechischen Städte dem Feind überlassen, und nachher bundbrüchig gehandelt, indem er die Einwohner von Naros und Katana als Sklaven verkaufte und die eine dieser Städte zerstörte, die andere den Campanern aus Italien zum Wohnsitz gab. Als aber auch nach dem Untergang derselben die Uebriggebliebenen mehrere Versuche machten, der Zwingherrschaft sich zu entledigen, so kündigte er den Karrhagern wieder Krieg an. Denn einen beschworenen Vertrag zu brechen, scheute er sich nicht so sehr, als er vor den noch übriggebliebenen Staaten in Sicilien sich fürchtete. Und offenbar hat er Alles auf die Vernichtung derselben berechnet. Er hätte ja sogleich bei Pauormus den Feinden ein Treffen liefern können, als sie aus Land stiegen und vom Schwindel der Seefahrt noch ergriffen waren, aber das wollte er nicht. Sodann ließ er Meffene, diese gutgelegene und wichtige Stadt, ohne Hülfe und sah ihrer Zerstörung ruhig zu, damit nämlich nicht nur den Hülfsvölksrn aus Italien, sondern auch den Flotten aus dem Peloponnes der Weg von den Karthagern versperrt würde. Endlich schlug er sich, aber an den Küste von Katana, anstatt die Schlacht in der Nähe 1232 Dl'odor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. der Stadt zu liefern, daß man im unglücklichen Fall in die Häfen der Heimath sich hätte flüchten können. Als sich nach der Seeschlacht ein heftiger Sturm erhob, der die Karthager zwang, ihre Flotte aufs Trockene zu bringen, hatte er die schönste Gelegenheit zum Sieg. Denn das Landheer der Feinde war noch nicht angekommen, und ihre Schiffe warf die Gewalt des Sturmes gegen das Ufer. Hätten wir sie da mit gesammtsr Macht angegriffen, so wären sie genöthigt gewesen, entweder aus Land zu gehen und sich geradezu gefangen zu geben oder gegen die Wellen anzukämpfen und ihre Schiffe am Ufer zertrümmern zu lassen." 6g. ,,Doch es ist, glaube ich, in Syrakus nicht nöthig, bei den Klagen über Dionyflns länger zu verweilen. Denn wenn nicht Diejenigen, die in der That seine schonungslose Härte erfahren haben, entrüstet sich erheben, werden sie wohl durch Worts sich zur Rache gegen ihn bewegen lassen? Sehen sie es dock selbst, daß er der schlechteste Bürger, dem gräßlichste Tyrann und der allerelendeste Feldherr ist. Denn so oft wir unter seiner Anführung ein Treffen geliefert, so oft sind wir besiegt worden; für uns allein hingegen haben wir so eben mit wenigen Schiffen die ganze Seemacht der Feinde überwunden. Also müßen wir uns nach einem andern Feldhern umsehen; sonst kämpfen wir gegen die Gottheit, wenn wir den Anführer im Krieg behalten, der die Tempel der Götter geplündert hat. Offenbar widersteht ja eine höhere Mackst Denen, die dem gottlosesten Menschen die höchste Gewalt übertragen haben. Denn wenn mit ihm die ganze Kriegsmacht besiegt worden ist, ohne ihn aber schon ein kleiner Theil derselben im Staude war, die Karthager zu über- Ol. 96 , 1 . I. R. 358. v. Chr. 3g6. rsZ3 winden, muß darin nicht Jedermann den offenbaren. Wink der Götter e> kennen? So wollen wir denn, Freunde, wenn er freiwillig seine Gewalt niederlegt, ihn mit seinen Angehörigen aus der Stadt ziehen lassen; will er aber nicht, so haben wir in diesem Augenblick die schönste Gelegenheit, die Freiheir wieder zu erringen. Wir sind alle versammelt mit Leu Waffen in der Hand, und als Mitstreiter stehen uns zur Seite die Griechen aus Italien nicht nur, sondern auch die aus dem Pelvpvnnes. Die Oberherrschaft aber müßen den Gesehen gemäß die Bürger erhalten, ober die Einwohner unserer Mutterstadt Koririth, oder die Oberhsrru in Griechenland, die Spartaner." 70. Durch diese Rede des Theodorus wurden die Syra- kusier mit hoher Zuversicht erfüllt und sahen die Bundesgenossen an. Da trat der Lacedamonier Pharacidas, der die Seemacht der Bundesgenossen befehligte, auf die Redxerbühnsund Jedermann glaubte, er werde für die Sache der Freiheit sprechen. Allein er war im Eiuverständ- niß mit dem Tyrannen und versicherte, er sey von den Lace- dämoniern gesandt, den, Syraknstern und dem Dionysins gegen die Karthager beizustehen, nicht aber, der Herrschaft des Dionysins ein Ende zu machen. Auf diese unerwartete Erklärung sammelten sich die Söldner um Dionysins, die Syrakusier aber ließen sich schrecken und blieben ruhig, wiewohl unter heftigen Verwünschungen gegen die Spartaner. Denn als sie früher einmal die Freiheit zu erlangen suchten, wurde der Lacedamonier Aretas *) au ihnen zum *) Cap. 10. heißt er Aristns. 1234 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Verräther; und jetzt widersetzte sich Pharacidas den Wünschen der Syrakusier. Dionysius wurde sehr ängstlich und ließ die Versammlung sür jetzt auseinander gehen. Er bewies sich dann gefällig gegen das Volk und sprach freundlich mit den Leuten, zeichnete einige durch Geschenke aus und zog andere zur Tafel. Unter dem Heer der Karthager brach nach der Besetzung der Vorstadt und der Plünderung des Heilißthums der Demeter und Köre eine Seuche aus. Diese Strafe *) der Gottheit wurde dadurch noch befördert, daß viele Tausende auf einem Punkt zusammengedrängt waren, daß es gerade die Jahrszcit, da Seuchen am leichtesten entstehen, und daß überdieß der damalige Sommer ungewöhnlich heiß war. Auch die Beschaffenheit der Gegend scheint zur Verschlimmerung des Uebels beigetragen zu haben. Denn auch die Athener, die einst auf derselben Stelle ihr Lager hatten, verloren viele Leute durch eine Seuche, weil es ein sumpfiger und tiefliegender Ort ist. In der Frühe vor Sonnenaufgang fühlte man sich von einem Schauer ergriffen, wegen der kalten Ausdünstung des Wassers; um Mittag hingegen mußte unter der großen Menschenmenge, die auf einem so engen Raum beisammen war, eine drückende Hitze entstehen. 71. Die Seuche ergriff zuerst die Libyer, »nd von diesen starben viele. Anfangs zwar begrub man die Verstorbene»; da es aber nachher der Leichen so viele und da auch die Krankenwärter von der Seuche angesteckt wurden, so *) Für crr-ztwoo« ist vielleicht zu lesen. Ol. 96 , >. I. R. 558. v. Chr. 5g6. 12 Z» wagt« Niemand mehr, den Danken *) sich zu nähern. Die Leitenden wurden also nicht einmal gepflegt und blieben demnach völlig hülflos. Die Krankheit fing, da fle durch den Geruch der »»begrabenen Leichen und des faulenden Snmpf- wassers verursacht wurde, zuerst mit einem Katarrh an; sodann bekam man geschwollene Mandeln; nach und nach stellte sich nun Fieber ein und Schmerzen in den Wirbeln des Rückgrats und Schwere an den Beinen; dazu kam noch ein Durchfall und Blattern auf der ganzen Oberfläche des Körpers. Dieß war der Verlauf bei den meisten Kranken. Einige aber geriethen in Raserei und verloren das Gedächtniß völlig; sie liefen im Lager umher und schlugen sinnlos auf Jeden zu, der ihnen begegnete. Es war sticht einmal ärztliche Hülfe anwendbar; so groß war die Macht der Krankheit und so schnell erfolgte der Tod; denn am fünften oder höchstens am sechsten Tag starben die Kranken unter is schrecklichen Q.ualen, daß Jedermann dagegen die im Krieg Gefallenen glücklich pries. Alle, die den Kranken beistanden, wurden auch von der Seuche befallen; um so trauriger war daö Loos der Unglücklichen, welche krank lagen, da ihnen N'emand Hülfe leisten wollte. Nicht blos Leute, die einander nichts angingen, verließen einander, sondern der Bruder mußte den Bruder, der Freund mußte den Freund aufopfern aus Furcht für sein eigenes Leben. 72. Als Divnysius von dem Mißgeschick der Karthager Nachricht erhielt, bemannte er achtzig Schiffe und trug den Befehlshabern der Flotte, Pharacidas und *) Vielleicht ist ausgefallen: oder den Verstorbenen. 1236 Diodvr's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Leptines, auf, mir Tages Anbruch gegen die feindlichen Schiffe anzurücken. Er selbst führte das Heer in der mondlosen Nacht aus einem Umweg bis zum Heilizthum der Spane *) und näherte sich, von den Feinden unbemerkt, mit Tages Anbruch ihrem Lager. Die Reiter und raufend Fußgänger von den Söldnern schickt- er voraus gegen den Theil des Lagers der Karthager, der sich snach dem Binnenland hin erstreckte. Diese Söldner waren dem Dionyslus am abgeneigtesten unter allen, und hatten mehr als einmal Unruhen niid Empörungen angefangen. Deßwegen hatte Diony- ffus den Reitern Befehl gegeben, sobald das Gefecht begon-. neu hätte, sollten sie fliehen und die Söldner im Stich lassen. Sie thaien, wie ihnen besohlen war, und so wurden Jene alle zusammengehalten. 'Dionyslus schickte sich an, daS Lager und zugleich die Festungen einzuschließen. Während die Fremden, erschreckt durch den unverw.uthemi Usberfali in Unordnung herbeieilten, nahm er einp Festung, Polich na genannt, mit Sturm , und zugleich eroberten auf der andern Seite die Reiter in Verbindung mit einigen DreirnSern, welche herangesegelt waren, den Platz bei Daskon. Sogleich machten nun die sämmtlichen Schiffe den Angriff, das. Heer jubelte über die Einnahme der Festungen nud die Fremden geriethen in große Angst. Denn anfangs eilte Alles dem Laudheer zu, um das Lager gegen den Angriff zu vertheidigen. Als sie aber auch die Sänfte anrücken sahen, liefen sie Wiederum nach dem Standort der Flotte. Allein der Augenblick der Rettung war schon versäumt und ihre Mühe ver- «) Bergt. V, 4. Ol. 96, 1. I. R. 553 . v. Chr. 096. 1237 geblich. Denn während fle auf die Verdecke stoßen und die Dreiruder bemannten, liefen dagegen die feindlichen Schiffe, mit Rudern getrieben, von der Seite an. Zwar gelang es Diesen nicht leicht durch einen einzigen entscheidenden Stoß das beschädigte Schiff zu versenken; aber wenn fle durch wiederholte Stöße die zusammengenagelten Breter aus- einanderrißen, so verbreitete das großen Schrecken unter den Feinden. Die vorzüglichsten Schiffe gingen völlig in Stücke, so daß ein fürchterliches Krachen von den durch die Stöße losgerissenen Bretern entstand, und am Ufer längs der Schlachtreihe Alles voll Schiffstrümmer und *") Leichen lag. 7a. Die Syrakusier wetteiferten voll Begierde den Sieg zu benutzen, und jeder wollte der Erste seyn, der aus ein feindliches Schiff hinüberspränge; so wurden die Fremden, in der Bestürzung über ihre schreckliche Lage, überfallen und hingeschlachtet. Nicht weniger Eifer bewiesen Die, welche zu Lande gegen den Standort der Schiffs anrückten. Unter Diesen war Dionysius selbst , der auf die Seite von Daskon herübergeritten war. Sie fanden nämlich vierzig fünfzigru- drige Schiffe auf dem Trockenen, und neben denselben tagen Lastschiffe und einige Dreiruder vor Anker. Nun legten sie in jene Schiffe Feuer ein, und schnell schlug die Flamme in die Höhe und verbreitete sich weit umher. Die Fahrzeuge *) Wenn man rrxu osso dem rx ooransetzt, so kann zro/rK als zum folgenden Satze gehörig stehen bleiben, wofern man es nicht nach Dindors in rrUkg verwandeln will. *') Bor rkxown ist wohl navrrviwn x«i ausgefallen. Bergt. XUI, 100. ,238 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. verbrannten und niemand von den Kaufleuten und den Schiffsherrn war im Stande, der Gewalt des Feuers Einhalt zu thun. Es kam ein starker Wind dazu, der das Feuer vv» den trocken gelegten Schiffen auf die vor Anker liegenden Lastschiffe hinüberwehte. Aus Furcht zu ersticken schwamm die Mannschaft heraus. Da nun die Ankertaue wegbrann- ten, so wurden die Schiffe von den Wellen gegeneinander getrieben, und es gingen einige zu Grunde, weil sie aneinander anstießen, andere, weil sie der Sturm hin und her warf; die meisten aber wurde» ein Raub der Flammen. Von der Stadt aus war das ein malerischer Anblick, wie die Flamme auf den Frachtschiffen an den Masten herausschlug und die Segelstangen verzehrte; wer dem Untergänge der Fremden zuschaute, glaubte vorn Donnerkeil getroffene Götterverächter zu sehen. 7-. Der glückliche Erfolg machte die Leute so kühn, daß heranwachsende Knaben und abgelebte, aber noch nicht ganz vorn Alter entkräftete Greise schaarenweise Boote bestiegen und, wie es der Zufall gab, auf die Schiffe im Hafen zufuhren. Die, welche schon vom Feuer zerstört waren, plünderten sie, indem ffe auslasen, was brauchbar und noch zu retten war; die unversehrten aber banden fle an und führten sie nach der Stadt. Auch die also, die Alters halber vom Kriegsdienst frei waren, konnten sich nicht halten und im Uebermaß der Freude leisteten sie mehr als von ihrem Alter zu erwarten war *). Als die Nachricht von dem Siea in der Stadt sich verbreitete, lief Alles aus den Häusern, *) scheint auS xarioxrek entstanden zu seyn. 1 . Ol. 96, I. R. 338. v. Chr. 096 . ir3g Sklaven und Kinder und Weiber und eilte auf die Mauer. Da war es überall voll von Zuschauern. Der Eine dankte den Göttern mit gen Himmel aufgehobenen Händen, der Andere rief, nun habe die Fremden einmal die Strafe der Gottheit für die Plünderung der Tempel getroffen. Denn es sah wirklich von weitem aus wie ein Kampf mit den Göttern , wenn so viele Schiffe zusammenbrannten und die Flamme an den Masten *) in die Höhe schlug, wenn die Griechen jeden gewonnenen Vortheil mit lautschallendem Jubel ankündigten, die Fremden hingegen in ihrer schrecklichen Noth einen gewaltigen Lärm und ein verwirrtes Geschrei erhoben. Indessen machte die Nacht dem Kampf ein Ende, und DionysiuS schlug für seine Truppen ein Lager den Fremden gegenüber bei dem Tempel dem Zeus. 75. Zu Land und zu Wasser besiegt, schickten die Karthager Abgeordnete an Dionyflus ohne Wissen der Syraku- sier. Sie begehrten von ihm die Erlaubniß, ihre noch übrigen Truppen nach Libyen überschiffen zu dürfen, und versprachen ihm dagegen die dreihundert Talente, die sie im Lager hätten, zu bezahlen. DionysiuS erklärte, Alle könne er unmöglich entkommen lassen, aber das wolle er gestatten, daß allein die Bürger der Stadt Karthago absegeln, doch insgeheim bei Nacht. Denn er wußte wohl, daß die Syra- kufler und die Bundesgenossen in diese Erlaubniß, die er *) Für lerrksi- ist wohl icrrwv zu lesen, ober im vorigen Cap. ikrrwn in iorlwv z» verwandeln, so daß es beidemal hieße: an den Segeln, Diodor. 10s Bdchn. 5 i24o Diodor's hift. Bibliothek. Vierzehntes Buch. den Feinden ertheilte, nicht willigen würden. Dionyflus that das, weil er nicht wünschte, daß die Kriegsmacht der Karthager gänzlich zu Grunde ginge, sondern vielmehr, daß die Furcht vor denselben den Eyrakuflern nimmermehr Zeit ließe, nach der Freiheit zu trachten. Nachdem er die Nacht des vierten Tages zur Flucht für die Karthager bestimmt, führte Dionyflus sein Heer in die Stadt zurück. Jmilko ließ die Dreihundert Talente bei Nacht auf die Burg bringen und den von dem Tyrannen dazu bestellten Leuten auf Nesvs übergeben. Und als die verabredete Zeit erschien, schiffte er bei Nacht die einheimischen Truppen auf vierzig Dreirudern ein, ließ das ganze übrige Heer im Stich und machte sich auf die Flucht. Schon war er aus dem Hafen ausgelaufen, als von den Korinthiern einige die Flucht bemerkten, und es dem Dionyflus sogleich meldeten. Da er aber die Kriegsleute nicht einmal *) zu den Waffen rief, sondern erst langsam die Anführer versammelte, so warteten sie nicht auf ihn, sondern fuhren schnell den Karthagern nach, holten, da sie miteinander wetteifernd fortruderten, die letzten Punischeu Schiffe ein und richteten fle durch Stöße mit den Schnäbeln zu Grunde. Nachher rückte zwar Diony- sius mit seinen Truppen aus; allein die Siculer, die im Heer der Karthager dienten, flohen, noch ehe die Syrakufler erschienen, dem Innern des Landes zu und gelangten beinahe alle glücklich in ihre Heimath. Dionyflus besetzte die Wege mit Wachposten und führte das Heer noch während der Nacht gegen das feindliche Lager. Verlassen von dem Feldherrn *) Für rork sollte es vielleicht ovöö heißen. Ol. 96, 1. I. R. 338 . v. Chr. 3 g 6 . 1241 und den Karthagern und auch von den Si'culern, verloren die Fremden den Muth und ergriffen angstvoll die Flucht. Manche wurden von den Wachposten, denen sie auf dem Wege begegneten, aufgefangen; die Meisten aber warfen die Waffen weg, ergaben sich und baten um ihr Leben. Die Iberer allein traten bewaffnet zusammen und unterhandelte» wegen eines Vergleichs. Divnysius kam mit ihnen überein und reihte die Iberer unter seine Söldner ein; das übrige Volk aber machte er zu Gefangenen, und das zurückgebliebene Geräth überließ er den Truppen zur Plünderung. 76. So schnell erfuhren die Karthager den Wechsel des Glücks, und aller Welt bewies ihr Beispiel, daß, wer sich über Gebühr erhebt, auf einmal seine Schwachheit verräth. Denn sie, die beinahe alle Städte auf Siciiicn außen Syrakus inue hatten und auch diese zu erobern hofften, sie mußten unversehens für ihr eigenes Vaterland zittern. Die vor Syrakus die Gräber aufgewühlt hatten, sahen hundert und fünfzigtausende der Ihrigen *), von der Seuche haufenweise hingerafft, unbegraben liegen. Die im Lande der Sy- rakusier gesengt und gebrannt, sahen nun umgekehrt ihre Flotte plötzlich in Flammen. Die so stolz mit gesammter Macht in den Hafen einliefen und ihre Herrlichkeit den Sy- raknsiern zeigten, sse wußten nicht, daß sie selbst würden bei Nacht entweichen und die verlassenen Streitgefährten dem Feinde preisgeben müßen. Der Feldherr selbst, der das *) Wie vorher TröXsMN nach so ist wohl hier- rwu lFtcov nach rTieiAou ausgefallen. 1242 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Heiligthum des Zeus zu seiner Herberge, und die in den Tempeln geraubten Schätze zu seinem Eigenthum gemacht, mußte schimpflich mit Wenigen nach Karthago fliehen. Er sollte nicht durch den Tod dem Geschick die Schuld bezahlen und der Strase seiner Frevel entgehen, sondern in der Hei- 7 ' Math, von Jedermann verwünscht, in öffentlicher Schande seine Tage verleben. 'So weit kam es mit dem Unglücklichen, daß er in dem elendesten Aufzug durch die Stadt von einem Tempel zum andern lief, sich seiner Ruchlosigkeit anklagend und augenscheinlich durch höhere Fügung für seine Verbrechen gegen die Götter büßend. Endlich verdammte er sich selbst zum Tode und hungerte sich aus. Aber auch unter seinen Mitbürgern blieb eine bange Furcht vor den Göttern zurück. Denn das Schicksal ließ sie zu derselben Zeit noch andere Kriegsunfälle treffen. 77. Als nämlich die Nachricht von ihrem Unglück in Libyen sich verbreitete, brach der Haß der Bundesgenossen, die schon längst über die drückende Oberherrschaft der Karthager unzufrieden waren, in volle Flammen aus, da eben jetzt ihre Truppen vor Syrakus verrathen waren. Aus Erbitterung sowohl als weil sie den Karthagern nach jenem Verlust trotzen zu können glaubten, suchten sie sich frei zu machen. Sie trafen Verabredungen miteinander und brachten eine Kriegsmacht zusammen, mit welcher sie heranzogen und sich im Freien lagerten. In kurzer Zeit waren zweimal hundert tausend Mann bei einander; denn eS hakten sich sogleich nicht blos Freie, sondern auch Sklaven gesammelt. Nun besetzten sie Tun es, eine nicht fern von Karthago gelegene Stadt, lieferten von dort aus Gefechte, in welchen Ol. 96, i. I. R. 338 . v. Chr. 396. 1243 fle die Oberhand behielte» und schloßen die Pöner in ihre Mauern ein. Nach und uach sahen die Karthager ein *), daß offenbar die Götter wider sie stritten, und fingen an unruhig zu werden und die Gottheit anzuflehen, daß ihr Zorn abließe; endlich wurde die ganze Stadt von Angst und Furcht vor den Göttern ergriffen, und Jedermann sah schon im Geiste die Einwohner als Sklaven verkaufen. Es wurde also beschlossen, auf jede Weise die beleidigten Gottheiten zu versöhnen. Da nun in ihren Tempeln weder Köre noch De Meter bisher verehrt worden war, so bestimmten sie die angesehensten Bürger zu Priestern derselben, stellten mit aller Feierlichkeit Bilder dieser Göttinnen auf, brachte» ihnen Opfer nach der Sitte der Griechen und wählten unter den Griechen, die bei ihnen wohnten, die geachtetsten Männer aus, um den Dienst der Göttinnen zu besorgen. Hierauf rüsteten sie Schiffe aus und versahen sich sorgfältig mit Kriegsbedürfnissen. Den Empörern, die aus allerlei Volk bestanden, fehlte es an tüchtigen Anführern, und sie stritten sich untereinander über den Oberbefehl. Auch ließen sich Manche mit Geld von den Karthagern bestechen, der gemeinsamen Hoffnung zu entsagen. Was aber die Hauptsache war, es gingen diesem zahlreichen Heer die Lebensmittel aus, während sie den Karthagern zur See aus Sardinien zugeführt wurden "). So ging denn das Heer aus Mangel an Lebensrnitteln sowohl als, weil ein Theil zu Verräthern wurde, *) Für Ernno'vrLg ist vielleicht zu lesen. *») Nach Eichstädt, der rö ör — ricr(>rxostl^ovro erst auf xXTriöcre folgen läßt. 4244 Diodor's hl'st. Bibliothek. Vierzehntes Buch. aus einander und nach Hause, und die Karthager waren der bangen Furcht entledigt. So stand es in Libyen. Dionysius sah, daß ihm die Söldner äußerst abgeneigt waren und er fürchtete, durch sie gestürzt zu werben. Daher sehte er fürs Erste ihren Anführer Aristoteles gefangen. Als fle aber darauf bewaffnet sich versammelten und ungestüm ihren Sold verlangten, so erklärte er, Leu Aristoteles schicke er nach Lacedämon, daß er unter seinen Mitbürgern vor Gericht gestellt werde; den Söldnern aber, die ungefähr aus zehntausend Mann bestanden, wies er statt des Soldes die Stadt und das Land der Leonti- ner an. Sie ließen sich das gern gefallen, ein so schönes Land unter sich zu vertheilen und in Lrvntini ihren Wohnsitz zu nehmen. Dionysius warb nun andere Söldner und vertraute ihnen und den freigelassenen Sklaven seine Herrschaft an. Nach dem Unfall der Karthager sammelten sich die noch übrigen Bewohner der Städte auf Sicilien, deren Bürger als Sklaven verkauft waren, und kamen in ihre Hcimath zurück, wo sie sich wieder erholten. Nach Messens verpflanzte Dionysius tausend Lokrer, viertausend Medim- näer*) und sechshundert Messenier aus dem Pelopon- nes, die aus Zacynthus und Naupaktus hatten fliehen müßen. Da er aber sah, wie unzufrieden die Lacedä- mvnier waren, daß er die von ihnen vertriebenen Messenier in einer so bedeutenden Stadt sich ansiedeln ließ, so versetzte er sie von Meffene weg in einen Platz am Meer und wies ihnen dazu ein Stück Landes, das er vom Gebiet von N b a- *) Oder Medmäer, »ach Weffeling. Ol. 96, i. I. R. 553 . v. Chr. 596. is §5 eä»um wegnahm, an, so viel als ihnen vorher zugetheilt war*). Die Meffenier nannten die Stadt Tyndaris, lebten friedlich unter einander und nahmen so viel Auswärtige als Bürger auf, daß ihre Zahl bald über fünftausend stieg. Hierauf unternahm Dionysius mehrere Züge gegen die Siculer, eroberte Smeneum **) und Morganti- num und schloß Bündnisse mit Agyris, dem Tyrannen von Agyrium und Dämon, dem Beherrscher von Cen- turipa, auch mit den Erbitäern und Assorinern. Cephalödium, Sslus und Euua fielen durch Verrath in seine Hände. Ferner machte er Frieden mit den Herbes- sinrrn. So stand es in Sicilieu. 7g. In Griechenland übertrugen die Lacedämvnicr, die wohl voraussahen, wie schwer ihnen der Krieg mit den Persern werden müßte, die Führung desselben dem eiuen ihrer Könige. Agesilaus. Er hob ein Heer von sechstausend Mann aus, bildete einen Kriegsrath aus dreißig der angesehensten Bürger und schiffte seine Truppen nach Affen über und zwar nach Ephesus. Dort brachte er noch viertausend Mann zusammen und ließ seine Kriegsmacht, die nun aus zehntausend Fußgängern und vierhundert Reitern bestand, in ein Lager ausrücken. Nicht geringer an Zahl war der Troß, der blos des Raubes wegen mitzog. Er durchstreifte das Gefilde am Kayster und verwüstete das den Persern unterworfene Land bis nach Cyme hin. Hier *) Für avros wird «vrolg, für das zweite «nerLzlkro aber änknenxze^ro (oder «Trenr/lSno) zu lesen seyn. **) Oder, nach Wesseling, Menanum. 72^6 Dkodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. blieb er und machte von da aus in Phrygien und die benachbarte Gegend verheerende Einfälle, die er den größten Theil des Sommers hindurch fortsetzte. Gegen das Spät- jahr führte er seine Truppen mit Beute beladen nach Ephe- sus zurück. Während das geschah, schickten die Lacedämo- nier Gesandte an Nephereus» den König von Aegyp- ten, um Beistand im Krieg. Er lieferte den Spartanern statt derHülfstruppen Bauholz zu hundert Dreirudern, auch fünfmal hundert tallsend Medimnen Getreide. Pharar, der Anführer der Lacedämonischen Flotte, lief von Rhodus mit hundert und zwanzig Schiffen aus und segelte nach Sa- sanda, einer Festung in Karien, hundert und fünfzig Stadien von Kauuus entfernt. Von dort aus griff er Kaunus an und belagerte daselbst, den Konen, der den Oberbefehl über die königliche Flotte hatte und mit vierzig Schiffen bei Kaunus stand. Da aber Artaphernes und Pharnabazus mit einer großen Kriegsmacht den Kanniern zu Hülfe kamen, so hob Pharar die Belagerung auf und kehrte mit der ganzen Flotte nach Rhodus zurück. Hierauf nahm Kvnou achtzig Dreiruder zusammen und fuhr nach dem Cherfones *). Die Rhodier trieben die Flotte der Pelo- ponnefler zurück, fielen ab von den Lacedämoniern und nahmen den Konon mit seiner ganzen Flotte im Hafen der Staot auf. Die Lacedämvuier, welche die Lieferung an Getreide aus Aegypten herführten, segelten unbesorgt der Insel *) Nämlich dem Karischen, der Insel Rhodus gegenüber. Es sollte aber vielleicht heißen kec rnn nHcrov, nach der Insel. Ol. 96, r. 3 - R. 333 . v. Chr. 396. 124-7 zu, da sie vorn Abfall der Rhodier nichts wußten. Nun brachten die Rhodier und Konou die Schiffe in die Häfen, so daß die Stadt reichlich mit Getreide versehen wurde. Kvnon erhielt auch noch neunzig Dreiruder, zehn aus Cili- cien, und achtzig aus Phönicien unter der Anführung des Fürsten der Sidonier. 80. Hierauf ließ Agcsilaus seine Truppen in das Gefilde amKayster und in die Gegend am Berg Sipylus ausrücken und verheerte die Zänkereien der Einwohner. Tis- sapheroes brachte zehntausend Reiter und fünfzig tausend Mann Fußvolk zusammen, folgte den Lacedämoniecn nach und machte die Streifenden, wenn sie sich von dem Heer entfernten, nieder. Agefllaus stellte seine Truppen in ein Viereck und lehnte sich an den Abhang des Sipylus, um eine gute Gelegenheit zum Angriff gegen die Feinde abzuwarten. Er durchzog nun das Land bis nach Sardes und verwüstete die Gärten und den Park des Tissaphernes, der mit Gewächsen reichlich versehen und überhaupt für die üppigen Genüsse der Friedenszeiten trefflich eingerichtet war. Hierauf kehrte er um, und als er in der Mitte zwischen Sardes und Tybarnä war, schickte er den Spartaner Nenvkles mit vierzehnhuudert Mann bei Nacht in ein dichtes Gehölz, um den Fremden aufzulauern. Mit Tages An- bruch zog er mit dem Heere weiter, und als er an dem Hinterhalt vorüber war, wandte er sich gegen die Fremden, die ohne Ordnung heranrückten und den Nachzug angriffen, auf einmal um, unerwartet für die Perser. Es kam zu einem hitzigen Gefecht, und nun wurde den im Hinterhalt Liegenden das Zeichen gegeben. Sie stürmten unter Slachtchge- 12^3 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. sang gegen die Feinde a»; die Perser aber nahmen mit Schrecken wahr, daß sie in die Mitte genommen waren, und flohen im Augenblick. Die Leute des Agesilans verfolgten sie eine Strecke weit, tödteten über sechstausend Mann, brachten eine große Zahl von Gefangenen zusammen und plünderten das Lager, das voll von allerlei Vvrräthen war. Nach dem Treffen zog sich Tissaphernes, durch die Kühnheit der Lace- dämonier in Furcht gesetzt, nach Sardes zurück. Agesilans wollte in die Statthalterschaften des Binnenlandes einrücken, führte aber sein Heer wieder ans Meer zurück, weil seine Opfer in den Tempeln nicht günstig ausfielen. Artarer- res, der König vonMsien, gerieth bei der Nachricht von diesen Unfällen in Besorgniß wegen des Kriegs mit den Griechen und wurde aufgebracht über Tissaphernes. Denn ihn betrachtete er als den Anstifter des Kriegs, und schon lange *) hatte seine Mutter Parysatis Rache an Tissaphernes von ihm begehrt; denn sie war demselben gram, seitdem er den Angeber gemacht hatte , als ihr Sohn Cyrns den Feldzug gegen seinen Bruder unternahm Der König ernannte daher den Tithraustes zum Heerführer, trug ihm auf, den Tissaphernes zu verhaften, und gab den Städten nnd Statthaltern allen durch Briefe die Weisung, dessen Befehlen zu gehorchen. Tithraustes ließ, als er zu Kv lossä in Phrygien ankam, durch einen Statthalter Laris- säus **), den Tissaphernes im Bade festnehmen, und so- *) Die Lücke »ach ist etwa durch x«i iraXae zu ergänzen. **) Bei Polyän VII, 16. heißt er Ariäus. Ol. 96, 1. I. R. 538 . v. Chr. 896. 1249 dann enthaupten und schickte den Kopf dem König. Den Agesilaus bewog er zu einer Zusammenkunft, und schloß mit ihm einen Stillstand auf sechs Monate. 81. Als die Ereignisse in Assen diesen Gang genommen hatten, ließen sich die L a c e d ä m 0 n i e r von den Ph 0 cie r n, die mit den Bövtiern wegen gewisser Beschwerden Krieg angefangen, bewegen, sie gegen die Bövtier zu unterstützen. Zuerst schickten sie ihnen den Lysän der mit einer geringen Truppenzahl; er brachte dann, nachdem er in Phocis eingerückt, eine Kriegsmacht zusammen. Später wurde auch der König Pausanias mit sechstausend Mann abgesandt. Die Bövtier bestimmten die Athener, auch an dem Krieg Theil zu nehmen; unterdessen aber zogen sie für sich allein ins Feld. Sie fanden Haliartus von Lysander und den Phvceern belagert. Es kam zu einem Gefecht, in welchem Lysander umkam, und noch viele von den Lacedämoniern und den Bundesgenossen. Die ganze Phalanx der Bövtier kehrte bald von der Verfolgung um; gegen zweihundert Thebaner aber wagten sich zu unvorsichtig in die Bergschluchten und wurden niedergemacht. Diesen Krieg naunte man den B ö 0-' tischen. Pausanias, der König der Lacedämvnier, schloß auf die Nachricht von der Niederlage einen Stillstand mit den Bövtiern und führte das Heer in den Pelvpvnnes zurück. Konon, der Befehlshaber der Persischen Seemacht, wünscht- vor dem König zu erscheinen. Er vertraute also die Flotte den Athenern Hiervnymus und Nikodemus an, schiffte an der Küste hin nach Cilicien, reiste von dort nach Thapsakus in Syrien und fuhr auf dem Fluß Euphrat nach Babylon. Hier erschien er vor dem König is5o Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. und versprach ihm, die Lacedämonier zur See zu überwinden, wenn ihm Geld und andere Hülfsmittel unbedingt zu seiner Verfügung gestellt würden. Artarerres bezeugte ihm seine Zufriedenheit, beschenkte ihn reichlich und stellte einen Verwalter auf, der große Geldsummen liefern sollte, so viel als Konon verlangen würde. Auch gab er ihm die Erlaubniß, nach seinem Gutdünken einen Perser zu wählen, mit dem er sich in die Leitung des Krieges theilen wollte. Konon wählte den Statthalter Pharnabazus und begab sich, nachdem er Alles nach seinem Sinn') eingerichtet, wieder auf die See. 8-. Nachdem dieses Jahr vergangen war, wurde Dio- phantus Archon in Athen, und in Rom verwalteten statt der Consuln das Amt derselben sechs Kriegstribunen, Lucius Valerius, Marcus Furius, Quintus Ser- vilius, Quintus Sulpicius, Lucius Furius und Marcus Valerius sJ. R. 55g v. Chr. 5g5s. In dem Jahr, da Diese die Regierung führten, schloßen die Böo- tier und Athener und mit ihnen die Korinther und Argiver ein Bündniß unter einander. Sie hofften nämlich, da die Lacedämonier wegen ihrer drückenden Herrschaft bei den Bundesgenossen verhaßt waren, der Vorsteherschaft derselben leicht ein Ende zu machen, wenn die bedeutendsten Städte mit ihnen einverstanden wären. Zuerst bildeten sie in Korinth durch Abgeordnete, die sie dahin sandten, eine berathende Versammlung, welche gemeinschaftliche *) Nach Reiske. Uebrigens ist für övnazetU eher )-vwz»7zv als ötcr'notav zu setzen. Vo Ge der E> die T> P lei la, p° in P de h> dl C A T ei li n r d L r r , i Ol. 96, 2. I. R. 35 g. v. Chr. 39b. 1261 Vorkehrungen znm Krieg verabredete. Hierauf schickten fle Gesandte in die Städte und machten viele Bundesgenossen den Lacedämoniern abtrünnig. Bald nämlich trat ihnen ganz Euboa bei und die Leukadier, ferner die Akarnanier, die Ambracier und die Chalcidicr an der Grenze von Thraciern Sie versuchten es auch, die Bewohner des Pelvpvnnes zum Abfall von den Lacedämoniern zu verleiten. Da fanden sie aber kein Gehör. Denn Sparta lag allzunahe; es galt für eine Burg, die den ganzen Pelo- ponnes beherrschte. MeLius, dem Fürsten von Larissa in Thessalien, der mit Lykophron, dem Tyrannen von Pherä, Krieg führte und Hülfstruppen begehrte, schickte der Verein zweitausend Mann. Als Medius diese Unterstützung erhielt, eroberte er Pharsalus, wo eine Besatzung der Lacedämonier lag, und "erkaufte die Einwohner der Stadt als Sklaven. Nachher nahmen die Bdotier und Argiver, ohne Mitwirkung des Medius, Herakles in Trachin ein. Bei Nacht durch Verrather zu den Thoren eingelassen, mordeten sie, wen fle von Lacedämoniern fanden, ließen aber die andern Peloponnefler mit ihrer Habe frei abziehen. Sie beriefen in die Stadt die von den Lacedämoniern aus ihrer Heimath vertriebenen Trachinier und räumten ihnen, als den ältesten Bewohnern dieser Gegend, die Stadt zum Wohnsitz ein. Hierauf ließ Jsmenias, der Anführer der BLotier, die Argiver als Besatzung in der Stadt zurück und bot unter den Aenianen und Atha- manen, die er zum Abfall von den Lacedämoniern beredete, und unter den Bundesgenossen Truppen auf. Er hatte nun im Ganzen nicht viel weniger als sechstausend Mann und 1252 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. damit zog er gegen die Phocicr zu Felde. Als er bei Naryr in Lokris, woher Ajar gebürtig gewesen seyn soll, sich gelagert hatte, kam ihm das Volk der Phocier bewaffnet entgegen, unter der Anführung des Lacedämouiers L a- ciffhenes *). Es kam zu einem langedaueruden hitzigen Kampf, in welchem die Böotier siegten. Sie verfolgten die Fliehenden bis in die Nacht und tödteten nicht viel weniger als tausend Mann, während sie von den Ihrigen gegen fünfhundert Mann im Gefecht verloren. Nach dem Treffen entließen beide Theile ihre Truppen in die Heimath *'). Der in Korinth gebildete Verein aber ließ, da die Unternehmungen nach Wunsch von statten gingen, Truppen aus allen Städten in Korinth zusammenkommen, über fünfzehn tausend Mann Fußvolk und gegen fünfhundert Reiter. 85. Als die Laced«monier sahen, daß die bedeutendsten Städte sich gegen sie vereinigten, so beschloßen sie, den Agesilaus mit seinem Heer aus Asien kommen zu lassen. Unterdessen zogen sie mit drei und zwanzig tausend Mann Fußvolk und fünfhundert Reitern, die sie aus ihrem Lande und von den Bundesgenossen zusammengebracht, den Feinden entgegen. In einem Treffen am Fluß N emea, das bis in die Nacht währte, behielt auf beiden Seiten ein Theil des Heeres die Oberhand. Von den Lacedämoniern und den Bundesgenossen fielen eilfhundert Mann, von den Böotiern *) Oder Alcisthenes nach Dindorf. ") Wenn man öroXveran rv sr^aröneäov ktg für öia- -.ncranrks ro srrULöplo»', ol /«ßv kl'x liest, so ist im Folgenden keine Lücke. 1253 Ol. 96, 2. I. R. 35 g. v. Chr. 395. aber und deren Verbündeten gegen zweitausend achthundert. Agefllaus führte sein Heer aus Asien nach Europa hinüber. Hier stellte sich ihm fürs Erste eine Thracische Völkerschaft mit bedeutenden Streitkräfteu entgegen. Er gewann ein Treffen und machte den größten Theil der Fremden nieder. Hierauf nahm er seinen Weg durch Macedonien, wo er durch dieselben Gegenden kam, wie einst Xerres auf seinem Zug gegen !die Griechen. So rückte denn Agefllaus, nachdem er Macedonien und Thessalien durchzogen hatte, durch die Engpässe von Thermo pylä bis nach Koronca in Böotien vor *). Konvn von Athen und Pharuabazus, welche die königliche Flotte befehligten, standen mit mehr als neunzig Dreirudcrn am sKarischeni Chers0 nes bei L 0 rym a. Als sie hörten, daß die Seemacht der Feinde bei Knidos war, rüsteten sie sich zur Schlacht. Pi fand er, der Befehlshaber der Lacedämonischen Flotte, lief-mit fünf und achtzig Dreirudern von Knidos aus und fuhr nach Physkus im Chcrsones. Als er von dort weiter schiffte, stieß er auf die Flotte des Königs und ließ sich mit den vordersten Schiffen in ein Gefecht ein, das zu seinem Vortheil ausfiel. Als aber die Phönicier **) mit ihren Dreirudern in geschlossener Reihe herbeieilten, flohen die Bundesgenossen alle aus Land, *) Für ,)v rr)v Twpxicrv riroikkro mög es ungefähr geheißen haben crrrvcc, i)xrv ksg Ro^cönera»' (rHg) Loewriag. ") Hk(>ct-xwn ist eher aus Oorvixwv als aus entstanden. Vergl. Xen. Gr. Gesch. IV, Z, 11. ir54 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. während er allein sein Schiff gegen den Feind kehrte. Denn feige Flucht hielt er für schimpflich und Spartas unwürdig. Nachdem er tapfer gestritten und viele Feinde getödtet, starb er einen seines Vaterlands würdigen Tod im Gefecht. Konon nnd sein Gefährte verfolgten die Lacedämonier bis ans Land und eroberten fünfzig Dreiruder; die Mannschaft aber entkam größtentheils durch Schwimmen ans Ufer; gefangen wurden gegen fünfhundert Mann. Die übrigen Dreiruder flüchteten sich nach Knidos. 8t. Sobald Agesilaus, der aus dem Peloponnes Verstärkung erhalten, mit seinem Heer in Böotien eingerückt war, gingen ihm die BLotier und ihre Verbündeten nach Koronea entzogen, wo es zu einer Schlacht kam. Die Thebaner brachten auf ihrer Seite den Feind zum Weichen und verfolgten ihn bis zum Lager. Die Uebrigen aber hielten nur kurze Zeit Stand und wurden von Agest« laus genöthigt, nach dem Helikon *) zu fliehen. Die Lacedämonier, die demnach die Schlacht gewonnen zu haben glaubten, errichteten ein Siegeszeichen und lieferten dem Feind seine Todten aus. Von den Böotiern nnd ihren Verbündeten waren mehr als sechshundert Mann umgekommen, von den Lacedämoniern aber und ihren Mitstreitern dreihundert und fünfzig. Agesilaus selbst hatte viele Wunden erhalten; er wurde nach Delphi gebracht und pflegte dort feiner Gesundheit. *) Für xal rwu «Hwn ist wahrscheinlich xirl röv 'LXe- xsva zu lesen. Ol. 96, 2. I. R. 559. v. Chr. 395. 1255 Pharnabazus und K 0 n 0 n zogen nach der Seeschlacht mit den sämmtlichen Schiffen gegen die Bundesgenossen der Lacedä monier. Zuerst machten sle die Koer abtrünnig, dann die Nisyräer und Tejer. Hierauf vertrieben die Ehier ihre Besatzung und schlugen sich auf Konons Seite. Eben so traten die Mitylenäer, Epheser und Ery- thräer über. Es entstand bei dieser Wendnug der Umstände ein Wetteifer unter den Städten. Einige vertrieben nur die Lacedämvnischen Besatzungen und behaupteten ihre Unabhängigkeit; andere aber schlugen sich auf Konons Seite. Seit dieser Zeit ging für die Lacedämonier die Herrschaft auf dem Meer verloren. Konon und sein Gefährte beschloßen, mit der ganzen Flotte nach Attika zu schiffen. Nachdem sie unterwegs die Cykladi scheu Inseln gewonnen, fuhren sie nach der Insel Cythera. Diese fiel auf den ersten Angriff in ihre Gewalt. Sie gestatteten den Einwohnern freien Abzug nach Lakonicn, ließen in der Stadt eine hinreichende Besatzung zurück und schifften nach Kvrinth. Hier landeten sie und knüpften, wie es ihre Absicht gewesen *), mit dem Verein Unterhandlungen an. Sie ließen demselben, nachdem das Bündniß zu Stande gekommen, Geld zurück und segelten wieder nach Asien. Um dieselbe Zeit starb Aeropus, der König von Ma- redvnien, an einer Krankheit, nachdem er sechs Jahre regiert hatte. Es folgte ihm auf dem Throne sein Sohn Pausanias, der ein Jahr-König war. *) Nach Dvbree für Diodsr. 10s Bdchn. , 6 1256 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Thevpompus von Chios schließt mit diesem Jahr, nämlich mit der Seeschlacht bei Knidos seine Griechische Geschichte, welche zwölf Bücher enthält. Dieser Geschichtschreiber fängt mit der Seeschlacht bei Cynoffema an, womit Thucydides sein Werk endigt, und seine Erzählung umfaßt siebzehn Jahre. 85. Nachdem das Jahr vergangen war, wurde Eubu- lides Archvn in Athen, und in Rom verwalteten das Amt der Consuln sechs Kriegstribunen, Lucius Sergius, Aulus Postumius, Publius Cornelius, Lucius Julius, Furius Medullinus und Aulus Man- lius sJ. R. 5So. v. Chr. 5gzs. In diesem Jahr lief Konen, der Befehlshaber der königlichen Flotte, mit achtzig Dreirudern in den Piräeus ein und versprach seinen Mitbürgern, die Ummaurung der Stadt wiederherzustellen. Die Mauern des Piräeus nämlich und die langen Schenkel hatten sie dem Vertrag mit den Lacedämoniern zufolge niederreißen müßen, als sie im PeloponuMchen Krieg unterlegen waren. Konvn stellte nun Bauleute in Menge an und gab ihnen das zahlreiche Schiffsvolk zu Gehülfen. So war in kurzer Zeit der größte Theil der Mauer wieder gebaut. Denn auch die Thebaner schickten fünfhundert Bauleute und Steinhauer, und noch andere Städte leisteten Hülfe. Tiribazus aber, der Anführer des Landheers in Asien, mißgönnte dem Konon sein Glück und gab ihm Schuld, durch die Kriegsmacht des Königs gewinnne er die Städte nur für die Athener. Daher lockte er ihn nach Sardes, wo er ihn verhaften und gebunden ins Gefängniß führen ließ. Ol. 96, 3 . I. R. 36 o. v. Chr. 394. 125 ? 86. In Korinth rotteten sich Leute, die eine Volks- regierung wünschten *), zusammen und richteten während der Kampfspiele im Theater ein Blutbad an, so daß die ganze Stadt in Aufruhr gerieth. Von den Argivern wurde ihr freches Beginnen unterstützt, nnd so mordeten sie hundert und zwanzig Bürger und vertrieben fünfhundert. Als die Lacedämonier Anstalt machten, diese durch eine bewaffnete Macht zurückzuführen, so leisteten die Athener und Böo- tier den Mördern Hülfe, um die Stadt völlig in ihre Hände zn bekommen. Die Vertriebenen mst den Lacedämoniern und den Bundesgenossen rückten bei Nacht vor Lechäum und den Hafenplatz und nahmen ihn mit Sturm. Am folgenden Tag zogen die Truppen aus der Stadt unter der Anführung des Jphikrates gegen sie aus, und es kam zu einem Treffen , in welchem die Lacedämonier siegten und nicht Wenige tödteten. Hierauf griffen die vereinigten Böotier, Athener, Argiver und Korinther mit gesammter Macht Lechänm an. Es gelang ihnen zwar fürs Erste, die Verschanzungen des belagerten Platzes zu erstürmen. Darauf aber fochten die Lacedämonier und die Vertriebenen so tapfer, daß die Böotier und alle ihre Streitgefährten wieder daraus verdrängt wurden. Diese zogen sich mit einem Verlust von ungefähr tausend Mann >in die Stadt zurück. Da die Jsthmischen Spiele nahe bevorstanden, so stritt man sich über die Anordnung derselben. Nach langem Zank setzten es die Lacedämo- *) Für LTnAvni« xoarovorwv kann es LM-Ar-zcor-r-rwv öMoxpcrrias geheißen haben. 6 * ir53 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. nier durch, daß die Vertriebenen die Kampfspiele anordnen durften. Weil das Kriegsungemach fast blos die Gegend von Kvrinth traf, so nannte man diesen Krieg den Korinthischen. Er dauerte acht Jahre. 87. Gegen Dionysius in Sicilien führten die Rhe- giner Beschwerde, weil er gegen sie Messen« inVerthei- digungsstand setzte. Fürs Erste nahmen fle daher die von Dionystus Verbannten, und die ihm entgegenarbeiteten, auf. Sodann räumten sie den noch übrigen Nariern und Käta- näern Mylä zum Wohnsitz ein und rüsteten ein Heer, das sie unter der Anführung des Heloris absandten, um Messen« zu belagern. Als Dieser auf die Burg einen sehr gewagten Angriff machte, kamen ihm die Messenier und die Söldner des Dionysius, welche die Stadt besetzt hielten, mit vereinigter Macht entgegen. Es wurde ein Treffen geliefert, in welchem die Messenier siegten und mehr als fünfhundert Mann tödteten. Nun wandten fle sich sogleich gegen Mylä und eroberten die Stadt, gewährten aber den daselbst einge- wanderten Nariern und Katanäeru *) freien Abzug. Diese begaben sich zu den Siculern und in die **) Gri e- chischen Städte und siedelten sich an verschiedenen Orten an. Dionysius gedachte einen Feldzug gegen Rhegium zu unternehmen, da die Orte an der Meerenge auf seine Seite gebracht waren. Nur die Siculer, welche Taurome- uiiim inne hätten, standen ihm im Wege. Daher dünkte es ihm besser, diese zuerst anzugreifen. Er ließ seine'Trup- *) Nach fiel xcri Xarcrnalovb leicht aus. **) Wahrscheinlich ist rcrg zu tilgen. Ol, 96, 3. I. R. 36o. v. Chr. 894. ir5g pen gegen fle ausrücken, schlug ein Lager auf der Seite von Naros und sehte den ganzen Winter hindurch die Belagerung fort, in der Erwartung, die Siculer würden den Berg verlassen, da fle noch nicht sehr lange da wohnten. 8S. Allein die Siculer hatten eine alte Ueberlieferung von den Vatern her, daß diesen Theil der Insel die Siculer inne gehabt und daß dann erst die Griechen, die da gelandet, Naros erbaut und die damaligen Bewohner, die Siculer , aus der Gegend vertrieben haben. Sie behaupteten daher, fle haben nur das Land ihrer Vater wieder eingenommen und für das Unrecht, das die Griechen ihren Vorfahren angethan, die verdiente Rache geübt; und darum vertheidigten fle den Berg hartnäckig. Während so beide Theile irr der Beharrlichkeit wetteiferten, war die Wintersonnenwende gekommen und der Frost eingetreten, so daß der Platz um die Burg voll Schnee lag. Da nun Divnyflus sah, daß in Bewachung der Burg die Siculer nachläßiger wurden, weil es ein so fester Platz und die Mauer so hoch war, so rückte er in einer mondlosen und stürmischen Nacht dagegen an und erreichte die oberste Höhe. Er hatte aber bei der Menge von Schnee an dem steilen Abhang mit viel Beschwerden zu kämpfen, bis er sich nur der Burg bemeisterte z vor Kälte sprang ihm die Haut des Gesichts auf und seine Augen litten Schaden. Von da aus schlug er sich durch nach der andern Seite und öffnete seinem Heere die Stadt. Da aber die Siculer in dichten Schaaren herbeieilten, so wurde Dionysius mit seinen Leuten hinausgedrängt, und er selbst gerieth auf der Flucht beinahe in Gefangenlchaft, indem er durch einen Stoß, der seinen Panzer traf, zu Boden geworfen wurde. iZ6o Dkodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Die Siculer drangen von oben herab auf den Feind ein; «vd so kamen von den Truppen des Dionysius sechshundert Mann um, und die Meisten warfen ihre Waffenrüstung weg; Divnyflus selbst behielt nichts mehr als den Panzer. Nach diesem Unfall suchten sich die Agrigentiner und Messeni er, indem sie sich der Anhänger des Dionysius entledigten, unabhängig zu machen und sagten sich von dem Bündniß mit dem Tyrannen los. 8g. Päusanias, der König der Lacedämonier, wurde von seinen Mitbürgern angeklagt und verbannt, nachdem er vierzehn Jahre regiert hatte. Sein Sohn Agesi- polis, der ihm in der Regierung folgte, war eben so laug König als der Vater. Es starb auch Pausanias, der König der Maced linier, von Amyntas mit List umgebracht, nachdem er ein Jahr regiert hatte. Amyntas kam auf den Thron und war vier und zwanzig Jahre König. go. Nachdem dieses Jahr vergangen war, wurde De- mostratus Archon in Athen, und in Rom verwalteten das Amt der Consuln sechs Kriegstribunen, Lucius Titinius, Publius Licinius, Publius Mälius, Quintus Manlius,Cnejus Genucius und Lucius Atilius fJ. R. 56- v. Chr. Lgäs. In dem Jahr, da Diese die Regierung führten, stand Mago, der Feldherr der Karthager, in Sicilien, um der Sache der Karthager wieder aufzuhelfen und den Verlust zu ersetzen. Gegen die unterworfenen Städte bewies er sich freundlich und nahm die von Dionysius Verfolgten auf. Auch schloß er Bündnisse mit dem größten Theil der Siculer und rückte mit den Trup- Ol. 96, 4. I. R. 36 ,. v. Chr. 395. 1261 pen, die er zusammengebracht, in das Gebiet von Messens ein. Er verheerte das Land und machte reiche Beute. Sodann zog er weiter und schlug ein Lager bei Abacänum, einer verbündeten Stadt. Dionysius rückte ihm mit seinem Heer entgegen und man stellte sich in Schlachtordnung. Es kam zu einem hitzigen Gefecht, in welchem die Leute des Dionysius siegten. Die Karthager ^flohen nach der Stadt mit einem Verlust von mehr als achthundert Mann. Dionysius aber kehrte für jetzt nach Syrakus zurück. Einige Tags darauf bemannte er hundert Dreiruder und zog gegen Rhe- gium. Er erschien unvermuthst bei Nacht vor der Stadt, zündete das Thor an und legte Leitern an die Mauern. Die Rheginer, die in geringer Anzahl herbeieilten, suchten anfangs die Flamme zu löschen. Der FeldherrHelvris aber, der dann dazu kam, gab den Rath, das Gegentheil zu thun; und dadurch wurde die Stadt gerettet. Denn hätten sie das Feuer gelöscht, so wären sie, da ihrer äußerst Wenige waren, nicht im Stande gewesen, das Eindringen des Divny- sius zu verhindern. Statt dessen aber trugen sie anS den benachbarten Häusern Reiser und Holz herbei und machten die Flamme noch größer, bis die gesammte Bürgerschaft unter den Waffen war, um mitzuhelfen. Dionysius durchzog nun das Land, da sein Vorhaben mißlungen war; er sengte und brannte und hieb die Bäume um. Hierauf schloß er eine» Stillstand auf ein Jahr und schiffte nach Syrakus zurück. 9>. Di-in Italien wohnenden Griechen sahen nun, baß bis nach ihrem Lande die Eroberuugsplane des Diony- fl»S sich ausdehnten. Sie schloßen daher ein Bündniß mit i26r Dlodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. einander und veranstalteten eine Versammlung. Sie hofften nämlich sich leicht gegen Dionystus vertheidigen und zugleich ihren Nachbar», einem Stamm der Lucaner, Widerstand leisten zu können; denn auch von Diesen wurden sie damals bekriegt. Die Verbannten, welche Lechäum im Gebiet von Ko- rinth inne hatten, suchten bei Nacht durch Hülfe von Der- räthern die Stadt zu gewinnen. Allein Jphikrates mit seinen Gefährten zog ihnen entgegenund sie mußten mit einem Verlust von dreihundert Mann nach dem Hafenplatz fliehen. Einige Tage darauf zog eine Abtheilung des Lace- däm »irischen Heers durch das Korinthische Gebiet, wurde aber von Jphikrates und einem Theil der Verbündeten überfallen und größtentheils niedergemacht. Jphikrates rückte mit den Leichtbewaffneten gegen Phliasia, lieferte den Truppen der Stadt ein Treffen und tödtete von denselben mehr als dreihundert Mann. Hierauf zog er gegen Sicyon. Vor den Thoren schlugen sich die Sicyonier, verloren aber gegen fünfhundert Mann und mußten sich in die Stadt flüchten. g-. Während das geschah, rückte die gesammte Macht der Argiver bewaffnet in Korinth ein. Sie besetzten die Burg, brachten die Stadt völlig in ihre Gewalt und erklärten das Land der Korinther für Argivisches Gebiet. Auch der Athener Jphikrates hatte im Sinn, von diesem Land Besitz zu nehmen, das für die Oberherrschaft über Griechenland so gut gelegen war. Allein das Volk gab seine Genehmigung nicht; daher legte er seine Stelle nieder, und Ol. 96 , I. R. 56,. v. Chr. 394. 126s die Athener schickten an seiner Statt den Chabrias als Heerführer nach Kvrinth. In Macedonien wurde Amyntas, der Vater des Philippus, durch die Jllyrier, die in Macedonien einfielen, aus seiner Hauptstadt vertrieben. Er that Verzicht auf die Regierung und schenkte den Olynthiern die nächstgelegene Landschaft. > So verlor er für jetzt die Krone, wurde aber nach kurzer Zeit, von den Thessaliern wieder auf den Thron gesetzt, und herrschte vier und zwanzig Jahre. Einige behaupten, nach der Vertreibung des Amyntas sey Arg aus zwei Jahre König der Macedvuicr gewesen, und dann habe Amyntas die Herrschaft wieder erlangt. gä. Um dieselbe Zeit starb Satyr us, der Sohn des Spartakus, König am Bosporus, nachdem er vierzehn Jahre regiert hatte. Es folgte ihm sei» Sohn Leukon, der vierzig Jahre König war. ^ In Italien belagerten die Römer Veji ins eikfte Jahr. Nun ernannten sie den Marcus Furius zum Diktator und den Publius Cornelius zum Obersten der Reiterei. Diese übernahmen das Heer und eroberten Veji, indem sie einen Erdgaug graben ließen. Sie machte» die Einwohner der Stadt zu Sklaven und verkauften sie öffentlich mit der übrigen Beute. Der Diktator hielt einen Triumph, und das Römische Volk nahm von der Beute den Zehnten und ließ davon einen goldenen Krug fertigen zu einem Weihgeschenk nach Delphi. Die Gesandten, die eS überbringen sollten, fielen Liparischen Seeräubern in die Hände und wurden alle gefangen nach Lipara gebracht. Sobald aber die Sache vor Timasttheus, den Feldherrn der 1264 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Liparäer, kam, setzte er die Gesandten in Freiheit, gab ihnen das Gold zurück und geleitete sie nach Delphi. Die Üeberbringer des Kruges stellten denselben unter den Weihe- gaben der Massilier auf und kehrten nach Rom zurück, Das Römische Volk nun belohnte den Timasitheus, als es dessen edle Handlung erfuhr, sogleich durch Ertheilung des Gastrechks im Namen des Staats, und hundert und sieben und dreißig Jahre später, als die Römer Lipara den Karthagern entrissen, ließen sie die Nachkommen des Tima- fltheus von Abgaben frei und machten sie unabhängig. g4. Nachdem das Jahr vergangen war, wurde Phi- lokles Archen in Athen, und in Rom übernahmen das Amt der Consuln sechs Kriegstribnnen, Publius Scipio, Cornelius Cossus, Käso Fabius, Lucius Furius, Quintus Servilius und Marcus Valerius; es wurde in diesem Jahr die sieben und neunzigste Olympiade gefeiert, wo Lerires siegte s§. R. 36- v. Chr. 5g,s. Zu dieser Zeit wählten die Athener den Thrasy- bulus zum Feldherrn und sandten ihn mit vierzig Dreirudern aus. Er fuhr nach Jonien, und nachdem er Geld von den Bundesgenossen empfangen, schiffte er weiter und stellte sich am Chersones auf, wo er mit Medokus und Seuthes, den Königen der Thracier, eiu Bündniß schloß. Nach einiger Zeit fuhr er vom Hellespont nach Lesbos und legte an der Küste bei Eresus an. Da entstand ein heftiger Sturm, wodurch drei und zwanzig Drei- ruder zu Grunde gingen. Mit den übrigen, die gerettet wurden, fuhr er nach den Städten vonLesb 0 s, um sie wieder zu gewinnen; denn außer Mitplane waren alle ab- 1265 Ol- 97, i. I. R. 562. v. Chr. 692. gefallen. Zuerst erschien er vor Methymna. Er ließ sich mit den Einwohnern der Stadt, die unter der Anführung des Spartaners Therimachus standen, in ein Treffen ein, schlug sich tapfer und tvdtete nicht wenige von den Me- thymnäern, darunter den Therimachus selbst. Die Uebrigen nöthigte er, sich in die Stadt einzuschließen, und verheerte das Land derMethymnäer. Eresus und Antissa ergaben sich ihm durch Vergleich. Hierauf brachte er Schiffe der Bundesgenossen aus Chios und Mitylene zusammen und segelte, nach Rh 0 dus. 98. Die Karthager dachten, nachdem sie sich von dem Verlust bei Syrakus langsam erholt hatten, wieder auf eine Unternehmung in Sicilien. Sie entschloßen sich den Kampf fortzusetzen, ließen aber nur wenige Kriegsschiffe hinüberfahren, und brachten dagegen aus Libyen und Sardinien und aus dem nichtgriechischen Italien Truppen zusammen, welche sie vollständig, jede Völkerschaft mit ihren eigenthümlichen Waffen, ausrüsteten. So schifften sie nach Sicilien über, nicht weniger als achtzig tausend Mann stark, unter der Anführung des Magv. Er zog durch das Land der Siculer, wo er die Städte größtentheils von Diony- sins abwendig machte, und schlug ein Lager im Gebiet von Agyrium an demZFlnß Chrysas, nicht weit von der Straße, die nach Morgantina führt. Da sich nämlich die Agyriner nicht bewegen ließen, seine Bundesgenossen zu werden, so wollte er nicht weiter vorrücken; denn er hörte, die Feinde seyen von Syrakus her im Anzug. Divnysius hatte auf die Nachricht, daß die Karthager ihren Weg dürch das Binnenland nahmen, Syrakusier und Söldner, so viel 1266 Divdor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. als in der Eile möglich war, zusammengebracht, und war mit nicht weniger als zwanzig tausend Mann im Ganzen ausgerückt. Als er nun in die Nähe der Feinde kam, schickte er Abgeordnete an Agyris, den Fürsten von Agyrium. Dieser war unter den damaligen Herrschern auf Sicilien der mächtigste nach Dionysius; denn er war im Besitz beinahe aller umliegenden festen Plätze und herrschte über die zu jener^Zeit sehr volkreiche Stadt Agyrium; sie hatte nicht weniger als zwanzig tausend Bürger. Es lag aber auch zum Unterhalt für diese Menschenmenge, die in der Stadt beisammen war, ein reicher Schatz auf der Burg bereit, welchen Agyris gesammelt, indem er die wohlhabendsten Bürger hatte hinrichten lassen. Dionysius bewog nun den Agyris, indem er sich selbst, von Wenigen begleitet, in die Stadt begab, entschieden auf seine Seite zu treten und versprach, ihm eine weite Strecke des angrenzenden Landes zu überlassen, wenn der Krieg glücklich beendigt wäre. Agyris lieferte anfangs bereitwillig für das ganze Heer des Dionysius Lebensmittel und alle andern Bedürfnisse; auch ließ er seine ganze Kriegsmacht ausrücken und führte mit Dionysius vereinigt den Krieg gegen die Karthager fort. g6. Mago, der mit seinem Heer in Feindesland stand und an allen Bedürfnissen immer größeren Mangel litt, hatte bedeutenden Verlust. Denn die Leute des Agyris waren im Vortheil, weil sie, der Gegend kundig, sich in den Hinterhalt stellen und die Zufuhr der Feinde auffangen konnten. Die Syrakufler verlangten so bald als möglich «ine entscheidende Schlacht zu liefern. Allein Dionysius gab seine Zustimmung nicht, sondern behauptete, die Fremden werden Ol. 97, 2. I. R- 363. v. Chr. 39,. 1267 mit der Zeit schon , ohne daß man sich in einen Kampf einlasse, durch Hunger aufgerieben werden. Darüber aufgebracht verließen die Syrakusier den Dionyflus. Nun ließ er im ersten Schrecken die Sklaven in Freiheit setzen. Als aber darauf die Karthager Friedensvvrschläge machten , ließ er sich Las gefallen, gab Jene ihren Herrn wieder zurück und schloß Frieden mit den Karthagern. Die Bedingungen des Vertrags waren im klebrigen dieselben wie früher; die Si- culer aber svlltenZdem Dionysius unterworfen seyn und Tauromenium von ihm besetzt werden. Nach dem Friedensschluß segelte Mago ab, und Dionyflus nahm Taurome- Aium in Besitz, vertrieb die daselbst wohnenden Siculer größtentheils und verpflanzte dahin die ergebensten von seinen Söldnern, die er dazu auswähte. So stand es in Sicilien. In Italien eroberten die Römer die Stadt Faliskus sFaleriif im Sand der Falisker. g/. Als dieses Jahr vergangen war, wurde Nrksteiles Archon in Athen, und in Rom verwalteten das Amt der Consuln sechs ") Kriegstribunen, Marcus Furius, Casus Aemilius, Lucius Valerius, Spurius Po- stumius, Publius Cornelius und Lucius Furius sJ. R. LKL v. Chr. Lgif. Als Diese die Regierung führten, standen in Rhodus die Lacedämonischgesi,nuten gegen die Volksparkei auf und vertrieben die Freunde der Athener aus der Stadt. Diese vereinigten sich zwar und suchten mit den Waffen ihre Macht zu behaupten. Allein *) Im Text sieht drei, weil drei Namen ausgefallen sind. 1268 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Luch. die Anhänger der Lacedämonier behielten die Oberhand. Sie tödteten viele Leute und erklärten die Entflohenen in die Acht. Auch schickten sie sogleich eine Gesandtschaft nach La- cedämon um Hülfe; denn sie besorgten, es möchten Unruhen unter den Bürgern ausbrechen. Da schickten ihnen die Lacedämonier sieben Dreiruder und zur Leitung der Angelegenheiten drei Männer, Eudocimus, Philodokus und Diphilas*). Diese fuhren zuerst nach Samos und machten die Stadt von den Athenern abwendig; sodann schifften sie nach Rhodus und trugen Sorge für die dortigen Angelegenheiten. Nun trachteten die Lacedämonier, da ihre Unternehmungen so gut von statten gingen, nach der Herrschaft auf dem Meer und unterwarfen sich nach und nach die Bundesgenossen wieder, indem sie eine Seemacht zusammenbrachten. Während jene Feldherrn nach Samos, Kni- dos und Rhodus schifften und sich überall Schiffe und zur Bemannung die besten Truppen liefern ließen, rückte Agesilaus, der König der Lacedämonier, auf die Nachricht, daß die Argiver bei Korinth stehen, mit der gestimmten Macht der Lacedämonier aus, eine einzige Mora**) ausgenommen. Er durchzog das Gebiet von Argos und im ganzen Lande plünderte er die Besitzungen der Einwohner und hieb die Bäume um. Hierauf kehrte er nach Sparta zurück. ») Wie der dritte Name aus Diphridas entstanden ist. so vielleicht die beide» ersten ans Skdikus und Teleu- tias. Bergt. Xeu. Gr. Gesch. tV, 8. 20 ff. **) So hießen in Lacedämon Truppenabtheilungen von fünfhundert Mann, XV, 52. Ol. 97, 2. I. R. 363 . v. Chr. 3 gi. 1,69 98. In Cypern war Evagoras von Salamis, einer der vornehmsten Männer (denn er stammte von den Erbauern der Stadt ab) bei einem Parteizwist in der frühern Zeit verbannt, später aber in Begleitung von einigen Andern zurückgekommen und hatte den Beherrscher der Stadt, Abdemon von Tyrus, einen Freund des Perfcrkö- nigs, vertrieben und sich selbst zum Herrn der Stadt gemacht. Nun regierte er zuerst nur in Salamis, der größten und mächtigsten Stadt in Cypern. Bald aber hatte er sich so reiche Schätze gesammelt und eine solche Macht erworben, daß er die ganze Insel in seine Gewalt zu bringen suchte. Er unterwarf sick> die Städte theils mit Gewalt, theils gewann er sie durch Zureden. Während er in den andern Städten die Herrschaft leicht erhielt, ergriffe» die Einwohner von Amathus, Soli und Citinm die Waffen und baten durch eine Gesandtschaft den Perserkönig Arta- rerres um Hülfe. Sie beschuldigten den Evagoras, er habe den Fürsten Agyris, einen Bundesgenossen der Perser, getödtet, und versprachen, dem König die Insel wieder erobern zu helfen. Er wollte die Macht des Evagoras nicht noch größer werden lassen; auch sah er wohl ein, daß Cypern gut gelegen war und daß man daselbst eine große Seemacht aufstellen könnte, die zur Schutzwehr für Asien dienen würde. Daher entschloß er sich, Beistand zu leisten und schickte, nachdem er die Gesandten entlassen, Schreiben an die Seestädte und an die denselben vorgesetzten Statthalter, mit dem Befehl, Dreiruder zu bauen und die Bedürfnisse für die Flotte in Eile herbeizuschaffen. Dem Hekatom- nus, dem Fürsten von Karien, trug er auf, den Evago- 1270 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. ras zu bekriegen. Derselbe *) durchzog die Städte in den obern Statthalterschaften und setzte dann mit großer Heeresmacht nach Cypern über. So stand es iü Asien. In Italien führten die Römer, nachdem sie mit den Faliskern Frieden gemacht, mit den Aequern zum vier- tenmal Krieg **). Sutrium war ihr Waffenplatz; aus der Stadt Verrugo aber pourden sie von den Feinden vertrieben. Zg. Als dieses Jahr vergangen war, wurde Demo- stratus Archon in Athen, und in Rom übernahmen als Consuln die Regierung Lucius Lucretius und Servius Sulpicius sJ. R. 56t v. Chr. 5gos. Zu der Zeit ernannte Artaxerres den Struthas zum Feldherrn und schickte ihn mit einem Heer an die Küste, um die Lacedä- mouier zu bekriegen. Auf die Nachricht von dem Anrücken desselben sandten die Spartaner den Thibron als Heerführer nach Asien ab. Er besetzte eine Festung Jonda. und einen hohen Berg, Koressus, vierzig Stadien von Ephesus entfernt. Mit den Truppen, die er in Asien zusammengebracht, hatte er nun achttausend Mann, und rückte verheerend in das Gebiet des Königs ein. Struthas aber *) Nach Dindorfs Vermuthung ovrc>§ für avrög. »») Bergt. XI, 40. XU, 64. XIII, 6. (Bon einer bloßen Fortsetzung des dritten Kriegs ist XIII, 42. die Rede.) Es ist vielleicht so zu lesen 7r(>ög öe -^txXovg Tro^L/tovnrkg nö rßrapron, rx 2ovr(>l0l- jULU wpzr^crcrv, oder etwa irpög ^ixFoug xirokLzlovn rö röra(>ron, ^ourcton juen yxecran (sie schickten Ansiedler nach Sutrium). Bergt. XIV, 417. XX, Z5. Ol. 97, 3 . I. R- 264. v. Chr. 390. 1271 mit einer zahlreichen nichtgriechischen Reiterei und mit fünftausend Schwerbewaffneten und mehr als zwanzig tausend Mann leichter Truppen lagerte sich nicht ferne von den La- cedämoniern. Als einmal Thibrvn mit einem Theil seines Heers einen Streifzug machte, auf dem er reiche Beute zusammenbrachte, überfiel ihn Struthas, tödtete im Gefecht den Thibron selbst, machte den größten Theil seiner Leute nieder und nahm die übrigen gefangen, Wenige ausgenommen, die sich in die Festung Knidinium flüchteten. Thra- sybülus, der Feldherr der Athener, fuhr von Lesbos mit der Flotte nach Aspendus und legte die Dreiruder im Fluß Eurymedon vor Anker. Ungeachtet er Geld von den Aspendiern empfangen hatte, verheerte doch ein Theil seiner Truppen das Land. Aufgebracht über diese Gewaltthat fielen die Aspendier bei Nacht über die Athener her und tödteten den Thrasybnlus und einige Andere. Die Schiffshauptleute der Athener geriethen in große Furcht, bemannten schnell die Schiffe und segelten nach Rhodus ab. Da aber die Stadt abgefallen war, so vereinigten sie sich mit den Flüchtlingen, die eine Festung beseyt hatten, zum ferneren Kampf gegen die Stadt. Auf die Nachricht vvm Tode des Feldherrn Thrasybulus sandten die Athener den Agyrrhius als Feldherrn ab. So stand es in Asien. 100. In Sicilien wollte D ionysins, der Beherrscher von Syrakus, die Macht, die er auf der Insel besaß, auch über die Griechen in Italien ausdehnen. Den allgemeinen Krieg gegen Dieselben verschob er indessen auf eine andere Zeit. Er hielt es für besser, zuerst nur die Stadt Diodor. 10 s Bdchu. 7 1272 Diodor's hift. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Rhegium.anzugreifen, weil fle die Vormauer von Italien war. Er zog also von Syrakus aus mit seiner Kriegsmacht, die aus zwanzig tausend Mann Fußvolk, tausend Reitern und hundert und zwanzig Schiffen bestand. Im Gebiet von Lvkris landete er mit seinen Truppen, und von dort aus nahm er den Weg durch das Binnenland und verheerte mit Feuer und Schwert die Landschaft der Rheginer. Zugleich fuhr die Flotte neben dem andern Weg am Ufex hin. Er lagerte sich mit der gesammten Macht an der Meerenge. Auf die Nachricht von der Ueberfahrt des Dionyflus nach Rhegium schickten die Jtaler von Kroton sechzig Schiffe ab, die sie den Rheginern liefern wollten. Während nun dieselben auf der hohen See fuhren,' rückte Dionyflus mit fünfzig Schiffen dagegen an und ließ auch, da sie nach dem Lande flüchteten, nicht ab, sondern wollte sie, als sie am Ufer vor Anker lagen, mit Seilen wegziehen. Da zu fürchten war, daß die sechzig Dreiruder genommen würden, so kamen die Rheginer mit gesammter Macht zu Hülfe und wehrten vvm Ufer aus den Dionyflus durch einen Regen von Geschehen ab. Es erhob sich ein starker Wind, und die Rheginer zogen die Schiffe aufs Land, Dionyflus aber verlor durch den heftigen Sturm sieben Schiffe und mit denselben nicht weniger als fünfzehnhundert Mann. Die Schiffsmannschaft wurde mit den Fahrzeugen an die Küste von Rhegium geworfen und gerieth großentheils in die Gefangenschaft der Rheginer. Dionysius selbst, der auf einem drei- rudrigen Schiffe fuhr, kam mehr als einmal in Gefahr unterzusinken , und mit Mühe erreichte er um Mitternacht den Ol. 97, 3 . I. R. 564 . v. Chr. 090. 1273 Hafen vonMessene. Da bereits auch die stürmische Jahrszeit anfing, so kehrte er mit seinen Truppen nach Syrakus zurück, nachdem er ein Bündniß mit den Lucanern geschloffen. 101. Hierauf fielen die Lucaner ins Gebiet von Thulium ein. Da forderten die Thurier die Bundesgenossen aus, sich in Eile bewaffnet zu stellen. Es war nämlich durch einen Vertrag zwischen den Griechischen Städten in Italien bestimmt, daß jeder Stadt, in deren Gebiet die Lucaner einen Raubzug unternähmen, die andern alle zu Hülfe kommen, und daß, wenn von irgend einer Stadt kein Hülfsheer einträfe, die Feldherrn derselben die Todesstrafe leiden sollten. Als daher die Thurier bei dem Einfall der Lucaner Briefboten in die Städte aussandten, so rüstete mau sich überall zum Ausrücken. Sie selbst aber machten sich roll Kampflust früher auf, ohne die sämmtlichen Bundes- rruppen zu erwarten, und zogen wider die Lucaner aus mit mehr als vierzehn tausend Mann Fußvolk und beinahe tausend Reitern. Als die Lucaner von dem Anrücken der Feinde hörten, zogen sie sich in ihr Land zurück. Die Thurier aber fielen rasch in Lucanien ein, nahmen die erste Festung und machten reiche Beute; und dadurch ließen sie sich in ihr Verderben locken. Denn im stolzen Vertrauen auf ihr Glück zogen sie sorglos durch enge Hohlwege, in der Absicht, die reiche Stadt Laus zu belagern. Nun waren sie in eine von hohen, steilen Bergen rings umschlossene Ebene gekommen , als die Lucaner mit gesammter Macht sie umzingelten und jede Hoffnung der Heimkehr ihnen abschnitten. Die 7 * 1-74 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Griechen geriethen in Schrecken wegen der ungünstigen Beschaffenheit des Orts sowohl als wegen der Größe des Heers, das so unerwartet vor ihren Augen auf der Höhe sich aufstellte ; denn die Lucaner hatten damals dreißig tausend Mann Fußvolk und nicht weniger als viertausend Reiter. ior. Während sich die Griechen auf einmal von dieser drohenden Gefahr umgeben sahen, rückten die Fremde» in die Ebene herab. Es kam zum Treffen, und es fielen von den Jtalioten *), die durch die Menge der Lucaner überwältigt wurden, mehr als zehntausend Mann; denn die Ln- caner gaben Befehl, Keinem das Leben zu schenken. Von den klebrigen floh ein Theil auf eine Anhöhe am Meer; Andere wollten sich auf dem Wasser retten, weil sie Kriegsschiffe, die sie für die Rheginischeu hielten, heransegeln sahen, und schwammen zu den Dreirudern hinüber. Allein es war die Flotte des Dionysius, die Heranfuhr; sie war von dessen Bruder Leptines befehligt und sollte den Luca- nern Hülfe bringen. Leptines nahm die Schwimmenden freundlich auf, setzte sie aus Land und bewog die Lucaner, für jeden Gefangenen eine Mine Silbers anzunehmen. Die Zahl derselben belief sich über tausend Mann. Er wurde Bürge für das Geld, söhnte die Jtalioten mit den Lucanern aus und beredete sie, Frieden zu schließen. So machte er sich bei den Jtalioten sehr beliebt, indem er den Krieg auf eine für ihn selbst, aber nicht für Dionysius Vortheilhafte Weise beilegte. Dionysius hoffte uämlich, wenn die Jtalioten mit *) Den Italischen Griechen. Ol. 97 , 4. I. R. 365. v. Chr. 36g. 1275 den Lucanern im Krieg begriffen wären, könnte er durch seine Dazwischenkunft leicht die Oberhand in Italien gewinnen; waren sie aber dieses gefährlichen Kriegs entledigt, so mußte ihm der Sieg schwer werden. Er setzte daher diesen Befehlshaber ab und ernannte seinen andern Bruder Thea- rides zum Anführer der Flotte. Zu dieser Zeit vertheilten die Römer das Land der Vejenter, .indem sie jedem Bürger vier Jaucherte oder nach einer andern Angabe acht und zwanzig anwiesen. Den Krieg mit den Aequern setzten sie fort und eroberten die Stadt Lavici *) mit Sturm. Mit Veliträ, das abgefallen war, fingen sie Krieg an. Auch Satricum fiel von den Römern ab. Nach Circeji schickten sie Ansiedler. ioä. Nachdem das Jahr vergangen war, wurde Anti- patcr Archen in Athen, und in Rom verwalteten das Amt der Consuln Lucius Dalerius und Marcus Manlius sJ. R. 5L5 v. Chr. Z8gi. Zu der Zeit gab Dionysius, der Beherrscher von Syrakus, seine Absicht, gegen Italien zu Felde zu ziehen, öffentlich zu erkennen und rückte von Syrakus mit einem sehr zahlreichen Heer aus. Er hatte mehr als zwanzig tausend Mann Fußvolk, gegen dreitausend Reiter, vierzig '*) Kriegsschiffe und nicht weniger als dreihundert Getreideschiffe. Als er am fünften Tag in Messen e ankam, ließ er das Heer in der Stadt ausruhen und *) Nach Niekuhr. Im Tert steht dafür LiphluS und §ap. 106. LixhLkua. *') Diese Zahl ist nach Sintenis Bemerkung zu klein. 12-6 Diodor's hift. Bibliothek. Vierzehntes Buch. schickte seinen Bruder Thearides mit dreißig Schiffen nach den Lip arischen Inseln, weil er hörte, daß zehn Schiffe der Rheginer in jener Gegend standen. Thearides segelte ab und traf die zehn Schiffe der Rheginer an einem geschickten Platz, so daß er die Fahrzeuge sammt der Mannschaft in seine Gewalt bekam. Nun kehrte er sogleich »ach Messene zu Dionysius zurück. Dieser legte die Gefangenen in Fesseln und gab- sie den Meffcniern zur Verwahrung. Indessen setzte er sein Heer nach Kaulouia über , schloß die Stadt ein, ließ das Sturmzcug anwenden und machte wiederholte Angriffe. Als die Griechen in Italien erfuhren, daß die Truppen des Dionysius über die Meerenge, die sie von ihnen trennte, gesetzt waren, so sammelten auch sie ihre Streit- kräfte. In der Stadt Krvton, wo die Volksmenge am größten war und sehr viele Syraku fische Flüchtlinge sich aufhielten, übergab-man diesen die Leitung des Kriegs. Die Krotoniaten wählten, nachdem sie überallher Truppen zusammengebracht, den Syrakusier Heloris zum Feldherrn. Da er von Dionysius verbannt war und für einen kühnen, unternehmenden Mann galt, so glaubte man ihm als einem Feinde des Tyrannen die Führung des Kriegs am sichersten anvertrauen zu dürfen. Sobald die sämmtlichen Bundestruppen in Kroton eingetroffen waren, rückte Heloris, einem von ihm selbst entworfenen Plan zufolge, mit, der ganzen Kriegsmacht gegen Kaulonia an. Er dachte nämlich, außerdem daß durch seine Erscheinung die belagerte Stadt entsetzt würde, hätte er dann mit Feinden zu kämpfen, die durch die täglichen Angriffe abgemattet wären. Im Ganzen Ol. 97, 4. I. R. 365 . v. Chr. 389. 1277 hatte er gegen fünf und zwanzig tausend Mann Fußvolk und gegen zweitausend Reiter. 10-. Sie hatten schon den größten Theil des Wegs zurückgelegt und sich am Fluß Helorus gelagert, als Dio- nyfluS vor der Stadt aufbrach und de^ Jtalivten entgegenging. Heloris zog mit fünfhundert Mann der besten Truppen dem Heer voraus. Divnysius aber hatte sich eben damals nur vierzig Stadien weit von den Feinden gelagert. Da er nun durch Kundschafter erfuhr, daß der Feind in der Nähe sey, so weckte er seine Truppen am frühen Morgen und zog weiter mit ihnen. Mit Anbruch des Tages stieß er auf die kleine Schaar des Heloris und griff, da sein Heer gerüstet war, sogleich an, ohne dem Feind einen Augenblick Zeit zu lassen. Heloris gerieth in große Bedrängniß, hielt aber doch mit seinen Leuten den Angriff,aus, während er einige seiner Freunde nach dem Lager schickte, mit dem Befehl, das ganze Heer solle schleunig nachfolgen. Sie richteten schnell den Auftrag aus, und die Jtalivten kamen auf die Nachricht, Laß der Feldherr und seine Leute in Gefahr seyen, in vollem Lauf zur Hülfe herbei. Allein Divnysius warf sich in geschlossenen Reihen auf Heloris und seine Gefährten, und so kamen sie nach einer tapfern Gegenwehr beinahe sämmtlich nm. Da die Jtalivten in der Eile nur in zerstreuten Haufen zum Kampf anrückten, so wurde es den Siciliern, die noch in Slachtordnung standen, leicht, die Feinde zu überwältige». Eine Zeit lang jedoch hielten die Italischen Griechen Stand im Gefecht, so viele der Ihrigen sie auch fallen sahen. Da sie aber hörten, der Feldherr sey todt, und da 1278 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. fle durch ihre eigenen Leute, die in der Verwirrung übereinander herfielen, großen Verlust erlitten, so verloren fle den Muth völlig und ergriffen die Flucht. io5. Auf dem Rückzug durch das Blachfeld wurden Viele niedergemacht; der größte Theil aber flüchtete flch auf eine Anhöhe, die haltbar genug für eine Belagerung war, aber kein Wasser hatte und leicht von dem Feind eingeschlossen werden kouvte. Dionyflus schlug ein Lager um die Anhöhe und blieb denselben Tag und die Nacht über unter den Waffen und auf der Hut und sorgte, daß die Wachen ihre Schuldigkeit thaten. Am folgenden Tag kamen die Geflüch- teten durch die Hiye und den Wassermangel in große Noth. Sie unterhandelten daher mit Dionyflus und baten ihn, Lösegeld anzunehmen. Statt aber Mäßigung im Glück zu beweisen *), verlangte er, fle sollten die Waffen niederlegen und sich dem Sieger unbedingt ergeben. Sie fanden die Forderung hart und hielten noch eine Zeitlang aus, bis fle endlich durch das Gebot der Natur gezwungen um die achte Stunde sich ergaben, da ihre Kraft völlig erschöpft war. Dionyflus nahm einen Stab und zählte, indem er damit auf den Boden**) schlug, die Gefangenen, während fle herabzogen. Es waren mehr als zehntausend Mann. Allen war vor seinen Grausamkeit bange; aber er behandelte fle im Gegentheil auf die allerschvnendste Weise. Die Gefange- *) Wollte man wg' juerk«>(>os rwi statt ov ^ lesen, so hieße es: er stellte sich, als macht« ihn das Glück übermüthig und verlangte u. s. w. **) Für XoPov wird xöocPovs zu lesen seyn. Ol. 97?, 4 > I. R. 365 . v. Chr. 889. ,279 neu stellte er auf freien Fuß ohne Lösegeld, und mit den meisten Städten schloß er Frieden und ließ ihnen ihre Unabhängigkeit. Dafür wurde er als Wohlthäter gepriesen und mit goldenen Kronen belohnt und man urtheilte, es sey.das wohl die schönste Handlung seines Lebens. >o6. Nun brach er auf gegen Rhegium und rüstete sich mit seinem Heer die Stadt zu belagern wegen der schimpflichen Abweisung des Heirathsantrags *). Da geriethen die Rheginer in große Angst. Denn sie hatten weder Bundesgenossen noch hinreichende Streitkrafte. Uebcrdieß wußten sie, daß, wenn die Stadt erobert würde, für sie kein Erbarmen und keine Fürbitte stattfände. Sie beschloßen daher, den Divnysius durch Abgeordnete Um eine schonende Behandlung bitten zu lassen und ihm vorzustellen, daß er nicht unmenschlich gegen sie verfahren sollte. Hierauf ließ er sich dreihundert Talente bezahlen, die ganze Flotte, siebzig Segel stark, ausliefern und hundert Geisel stellen. Nachdem er Alles erhalten, brach er gegen Kaulonia auf. Nach der Eroberung **) dieser Stadt verpflanzte er die Einwohner nach Syrakns und ertheilte ihnen das Bürgerrecht und auf fünf Jahre Steuerfreiheit. Die Stadt aber zerstörte er und räumte den Lokrern das Gebiet von Kaulv- nia ein. Die Römer feierten, nachdem sie die Stadt La- vici im Lande der Aequer eingenommen, einem Gelübde *) Cax. 44. **) Nach öo scheint ei» Wort wie xv^ikrlcrers ausgefallen zu seyn. ! 23 o Di'odor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. der Consnln zufolge glänzende Kampfspiele dem Zeus zu Ehren. 107 . Als dieses Jahr vergangen war, wurde Pyr- rhion Archen in Athen, und in Rom bekleideten das Amt der Consnln sechs *) Kriegstribunen, Lucius Lmcretius, Servius Sulpicius, Casus Aemilius, Marcus Aemilius, Lucius Furins und Agrippa Furius; es wurde die acht und neunzigste Olympiade gefeiert, wo Svsippus von Athen Sieger war sJ. R. 566 v. Chr. 588s. Als Jene die Regierung führten, zog Dionysius, der Beherrscher von Syrakus, mit seinem Heer nach Hipponium, verpflanzte die Einwohner nach Syrakus, zerstörte die Stadt und theilte das Gebiet den Lokrern zu. Denn er war immerfort darauf bedacht, den Lokrern Wohlthaten zu erweisen, weil sie zu der Heirath ihre Zustimmung gegeben; an den Rheginern hingegen wünschte er sich zu rächen wegen des Schimpfs, womit sie die Verwandtschaft zurückgewiesen hatten "). Als er nämlich durch Abgeordnete von ihnen begehrte, daß sie ihm eine Jungfrau aus ihrer Stadt zur Ehe gäben, antworteten die Rheginer, wie man erzählt, öffentlich, nur des Scharfrichters Tochter würden sie ihm zur Ehe überlassen. Das nahm er übel auf, uud für diese äußerste Beschimpfung glaubte er sich auf alle Art an ihnen rächen zu müßen. Daß er im vorigen Jahr Frieden mit ihnen geschloffen, war nicht aus Versöhnlichkeit ge- *) Im Tert heißt es vier, weil zwei Rainen übersehen worden sind. Für öixizn sollte es wohl oder «rr/tiav heißen. Ol. 98, 1. I. R. 866. v. Chr. 588 . 128» schehen, sondern weil er in. den Besitz ihrer Seemacht zu kommen wünschte, die aus siebzig Dreirüdern bestand; denn er dachte, wenn sie von der See her keine Hülfe mehr hätten, so würde ihm die Belagerung leichter werden. So suchte er denn, indem er sich noch in Italien verweilte, einen schicklichen Borwand, nm den Frieden auf eine für ihn nicht entehrende Weise brechen zu können. 108. Er führte also seine Truppen an die Meerenge und machte Anstalten zur Ueberfahrt. Nun bat er fürs Erste die Rheginer um Lebensmittel und versprach, ihnen sogleich von SyrakuS zu schicken, was sie ihm geliefert hätten. Das that er, damit er, wenn sie die Bitte nicht gewährten, mit einem Schein des Rechts die Stadt erobern könnte; willfahrten sie aber, dachte er,, so würde ihr Getreidevorrath aufgezehrt, und die Stadt wäre, wenn er sie belagerte, durch Hunger, bald bezwungen. Die Rhe- gincr, die Nichts dergleichen vermutheten, lieferten ihm zuerst auf einige Tage Lebensmittel in reichem Maß. Als er aber längere Zeit verzog, indem er sich bald krank stellte bald andere Verwände brauchte, so fingen sie an, seine Hinterlist *) zu merken, und lieferten ihm.Nichts mehr zum Unterhalt für seine Truppen. Hierauf gab Dionysius, als wäre er darüber entrüstet, den Rhegiuern die Geisel zurück, schlug ein Lager nm die Stadt und machte tägliche Angriffe. Er schaffte BelagerungsWerkzeuge in Menge und von unglaublicher Größe herbei; damit erschütterte er die Mauer und gab sich alle Mühe, die Stadt mit Sturm zu erobern. Die *) Vielleicht ist für zu lesen. 1282 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Rheginer aber, die zum Feldherrn den Phyton gewählt und alle dienstfähige Mannschaft bewaffnet hatten, hielten sorgfältig Wache und benutzten jede Gelegenheit zu Ausfällen , wobei sie das Sturmzeug der Feinde anzündeten. In mehreren Gefechten unter den Mauern stritten sie rühmlich für das Vaterland und reizten dadurch den Zorn der Feinde; während sie viele von den Ihrigen verloren, erlegten sie auch nicht wenige Sicilier. Dem Dionysius selbst begegnete es, daß er, mit einer Lanze in den Unterleib getroffen, beinahe das Leben verlor, und nur mit Mühe wurde die Wunde geheilt. Die Belagerung zog sich in die Länge, weil die Rheginer mit der äußersten Anstrengung sich für ihre Freiheit wehrten. Aber Dionysius ließ dennoch seine Truppen Tag für Tag die Angriffe fortsetzen und gab sein anfängliches Vorhaben nicht auf. ,og. Auf die olympischen Spieledie nahe bevor-, standen, schickte er mehrere Viergespanne, die au Schnelligkeit andere weit übertrafen. Auch ließ er goldgewirkte Zeltteppiche, mit kostbaren bunten Decken verziert, in die Festversammlung bringen. Ferner sandte er die besten Meistersänger, daß sie in der Versammlung seine Gedichte vortragen sollten, um dem Dionysius Ruhm zn erwerben; denn er trieb die Dichtkunst mit einer wahren Raserei. Zur Besorgung aller dieser Geschäfte schickte er seinen Bruder Thea- rides mit. Als Derselbe in der Festversammlung erschien, zog er Aller Augen auf sich wegen der Schönheit der Teppiche und der Menge der Gespanne. Da aber die Meistersänger anfingen, die Gedichte des Dionysius vorzutragen, 1283 Ol. 98 , i. I. R. 366. v. Chr. 388. lief zwar anfangs die Menge zusammen, weil die angenehme Stimme der Schauspieler allgemeine Bewunderung erregte; sobald man aber dann fand, wie schlecht die Gedichte waren, wurde Divnystus ausgezischt und mit solcher Verachtung behandelt, daß Einige sogar die Teppiche zu zerreißen wagten. Auch der Redner Lysias, der sich damals in Olympia ein- gefunden, forderte das Volk auf, bei den heiligen Kampfspielen die Festgesandten der gottlosesten Zwingherrschaft nicht als Theilnehmer zuzulassin; er hielt nämlich da seine sogenannte olympische Rede. Als es denn zum Wettrennen kam, fügte es der Zufall, daß die Wagen des Diony- sius theils über die Bahn hinausrannten-, theils aneinander stießen mid zerbrachen. Eben so wurde das Schiff» das die Fcstgesandten hergeführt, auf dem Rückweg von den Spielen nach Sicilien durch einen Sturm bei Tarent an die Küste von Italien geworfen. Daher sollen die Schiffsleute, welche glücklich nachSycakus kamen, in der Stadt ausgesagt haben, die Gedichte seyen so schlecht gewesen, daß nicht nur die Meistersänger durchgefallen seyen, sondern mit ihnen auch die Wagen und das Schiff. Als Dionysius hörte, wie man seine Gedichte verspottet habe, sagten ihm die Schmeichler, alles Schöne sey ein Gegenstand des Neides und erst später der Bewunderung. Er ließ daher in seinem Dichtereifer doch nicht nach. Die Römer lieferten den Volsinieru bei Gura- sium eine Schlacht, in welcher sie viele Feinde tödteten. 110. Unter diesen Ereignissen war das Jahr vorübergegangen, und nun wurde Thevdotus Archon in Athen, 1284 Diodor's hi'st. Bibliothek. Vierzehntes Buch. lind in Rom erhielten die Gewalt der Consuln sechs Kriegs- kribunen, Quintus Fabius, Sulpieius Longus, Käso Fabius, Quintus Servilius, Servius Cornelius und Cajus Fabius sJ. R. 567 v. Chr. 587s. Als Diese die Regierung führten, schickten die Laccdämo- nier, denen der Krieg mit den Griechen und den Persern beschwerlich wurde, den Befehlshaber der Flotte, Antal- cidas, mit Friedensvvrschlägen an Artarerres ab. Er nahm bei der ihm aufgetragenen Unterhandlung auf die Umstände Rücksicht, und der König erklärte, unter folgenden Bedingungen wolle er Frieden machen; die Griechischen Städte in Asien sollen dem König unterworfen, die andern Griechen aber alle unabhängig seyn; die sich widersetzen und den Vertrag nicht annehmen, die werde er durch die Betretenden bekriegen lassen. Die Lacedä monier nun ließen sich diese Bedingungen ruhig gefallen; Die Athener und Theil an er aber und einige andere Griechische Staaten *) waren unzufrieden, daß man die Städte in Asien aufgeopfert. Da sie aber für sich allein zu schwach zum Krieg waren, so gaben sie der Nothwendigkeit nach und nahmen den Frieden an. Da nun der König des Kampfs mit den Griechen entledigt war, so rüstete er Truppen zum Zyprischen Krieg. Denn Evagoras hatte beinahe ganz Cypern in Besitz genommen und bedeutende Streitkräfte gesammelt, weil Artarerres durch den Krieg gegen die Griechen beschäftigt war. in. Es waren beinahe eilf Monate, seit Di 0 nysius Rhegium belagerte. Er schnitt jede Zufuhr ab, sodass ») Nach Dindvrs für 1285 Ol. 98, 2. I. R. 067. v. Chr. 337. ein drückender Mangel an Lebensmitteln in der Stadt entstand. Es soll damals in Rhegium ein Medimnus Getreide fünf Minen gekostet haben. Durch die Hungersnoth gezwungen aßen die Einwohner zuerst das Fleisch von Pferden und andern Lastthierei;; sodann verkochte Häute; endlich nährten sie sich, wie das Vieh, von Kraulern, die sie außerhalb der Stadt an der Mauer holten. So nöthigte das Gebot der Natur die Menschen, ihre Kost durch die Nahrung unvernünftiger Thiere zu ersetze». Als Dionystus erfuhr, was da geschah, ließ er, statt sich zu erbarmen der Noth, die über . menschliche Kräfte ging, vielmehr gerade das Vieh Hintreiben und den Platz abgrasen, daß kein Halm mehr übrig blieb. So erlagen denn die Rkeginsr dem Uebermaße der Noth und übergaben die Stadt dem Tyrannen, so daß er nach seiner Willkühr über die Einwohner verfügen konnte. Dionystus traf in der Stadt ganze Hansen von Todten an, die Hungers gestorben waren; und die Lebenden fand er den Todten ähnlich und völlig entkräftet. Es waren über sechstausend Mann, die er zu Gefangenen machte. Er schickte die ganze Menge nach Syrakus und ließ Die, welche eine Mine Silbers bezahlten, in Freiheit setzen, Die aber das nicht aufbringe» konnten, als Sklaven verkaufen. 11-. Auch Phyton, der Feldherr der Rheginer, fiel in seine Gewalt. Dessen Sohn ließ er ins Meer stürzen, und ihn selbst fürs Erste an eines der höchsten BelagerungsWerkzeuge binden; eine Marter, wie mau sie in Trauerspielen sieht. Durch einen seiner Diener ließ er ihm sagen, seinen Sohn habe .gestern DionyfluS ins Meer gestürzt. ir86 Diodör's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Darauf erwiederte Phyton, der sey also um einen Tag'glücklicher a.ls der Vater. Ferner wurde er auf Dionysius Befehl unter Geißelhieben und Mißhandlungen aller Art in der Stadt herumgeführt , in Begleitung eines Herolds, welcher kundmachte, daß Dionysius diesen Mann auf eine ausgezeichnete Weise bestrafe, weil Derselbe die Stadt beredet habe, den Krieg zu unternehmen. Phyton, der sich bei der Belagerung als tüchtiger Feldherr bewährt hatte und auch wegen seines übrigen Verhaltens geachtet war, ertrug mit edlem Sinn die Martern, die seinem Tode vorangingen; er behielt einen unerschrockenen Muth und rief laut, weil er die Stadt nicht habe verrathen wollen, darum lasse ihn Dionysius diese Strafe leiden, wofür aber bald ihn selbst die Rache der Gottheit treffen werde. Durch seine Standhaftigkeit erregte der Mann selbst unter den Truppen des Dionyslus Theilnahme, so- daß Manche anfingen zu murren. Da besorgte Dionystus, es mochte ein Theil der Truppen es wage», den Phyton zu befreien. Er ließ daher mit der Marter aufhören, und den Unglücklichen sammt seinen Verwandten ins Meer stürzen. So litt der tapfere Mann eine seiner unwürdige, gesetzwidrige Strafe; und wie schon zu seiner Zeit viele Griechen sein Schicksal bedauerten, so wurde später von Dichtern sein trauriges Ende beklagt. i>5. Gerade zu der Zeit, als Dionysius Rhegium belagerte, zogen die jenseits der Alpen wohnenden Celten mit großer Heeresmacht durch die Engpässe und besetzten das Land zwischen den Apenninen und den Alpen, indem sie die Tyrrhener, die daselbst wohnten, vertrieben. Einige Ol. 98, 2. I. R. 367. v. Chr. 387. 1287 behaupten, es seyen Ansiedler aus den zwölf Städten von Tyrrhenien, Andere, es haben sich Pelasger, die auS Thessalien vor der Fluth zur Zeit Deukalivns, noch vor dem Trojanischen Krieg, sich geflüchtet, in jener Gegend niedergelassen. Einer von den Stämmen der-Celten, die sich in das Land getheilt, waren die Sen 0 nen, welchen der entfernteste, am Meer gelegene Theil des Gebirges zugefallen war. Da es hier sehr heiß war, so entschloßt» sie sich, den ungünstigen Wohnsitz zu verlassen, und sandte» die junge Mannschaft bewaffnet aus, ein Land zu suchen, wo sie sich niederlassen könnten. Sie fielen gegen, dreißig tausend Mann stark'in Tyrrhenien ein und verheerten das Gebiet der Cl listn er. Zu der Zeit schickte das Römische Volk Abgeordnete nach Tyrrhenien, um sich wegen des Zuges der Celten zn erkundigen. Als die Gesandte» in Clusium ankamen, sahen sie, wie man eben zur Schlacht sich rüstete. Entschlossen, aber unbesonnen genug, stellten sie sich in die Reihen der Cluflnier den Belagerern gegenüber. Der eine der Gesandten focht glücklich und tödtete einen der vornehmsten.Befehlshaber der Reiterei *). Dadurch wurde die Sache den Celten bekannt; sie schickten Abgeordnete nach Rom und verlangten die Auslieferung des Gesandten, der einen ungerechten Krieg angefangen. Der Senat suchte zuerst die Abgeordneten der Celte» zu bewegen, daß sie Geld für die Rechtsverletzung annähmen; da sie aber das sich nicht gefall *) Nach Niet-uhr für r-7i«'s>x«n, woraus trittst» entstanden. Diobor, 10s Bdchn. 8 rr88 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. len ließen, so wurde beschlossen, den Beklagten auszuliefern. Der Vater Dessen, der ausgeliefert werden sollte, einer der Kriegstribuuen, welche die Gewalt der Consnln hatten, ließ die Entscheidung vor das Volk bringen, und durch seinen Einfluß bestimmte er die Menge, den Beschluß des Raths für ungültig zu erklären. Damals fing das Volk, das in den frühern Zeiten sich ganz dem Senat gefügt hatte, zuerst an, Beschlüsse des Raths aufzuheben. uz. Die Abgeordneten der Celten meldeten, als sie in ihr Lager zurückkamen, die Antwort der Römer. Darüber höchlich entrüstet, gingeu die Celten, nachdem sie noch Truppen von ihren Stammverwandten an sich gezogen, mit mehr als siebzig tausend Mann gerade auf Rom los. DieKriegs- tribunen der Römer, die ihre Gewalt behielten *1, bewaffneten auf die Nachricht von dem Anrücken der Celten alle dienstfähige Mannschaft. Sie zogen mit gesammter Macht aus, gingen über die Tiber und führten ihre Truppen längs des Flusses achtzig Stadien weit. Als sie nun hörten, daß die Gallier in der Nähe seyen, stellten sie das Heer in Schlachtordnung. Mit vier und zwanzig tausend Mann der Tapferste» besetzten sie den Platz vsm Fluß bis zu den Anhöhen; auf die höchsten Berge aber stellten sie die Schwächsten. Die Celten, die ihre Schlachtreihe weit ausdehnten, stellten, sey es durch Zufall oder aus Vorbedacht, die besten Truppen auf die Berge. Auf beiden Seiten gaben die Trom- Für cirr-xg .hat ,S vielleicht.uxrorrLg geheißen. Bergt. Livins V. 37, 1 - Z. Ol. 98, 2. I. R. Z67. v. Chr. 387. 128Z peten zu gleicher Zeit das Zeichen» und mit lautem Geschrei gingen die Heere i»s Treffen. Die auserlesene Mannschaft der Celten» die den schwächsten Truppen der Römer gegenüberstand , vertrieb diese mit leichter Mühe von den Bergen, Da sie in gedrängten Schaareu den Römern in der Ebene zustehen, so geriethen die Reihen derselben in Unordnung und voll Schrecken ergriffen sie die Flucht vor den heran- stürmenden. Celten. Die Meisten eilten längs des Flusses hin und fielen in der Verwirrung über einander her. Die Celten aber blieben nicht zurück *) und machten immer die Hintersten nieder. Von Denen, die nach dem Fluß flohen, schwammen die Wüthigsten mit den Waffen durch; denn ihre Rüstung war ihnen, so viel werth als das Leben. In der gewaltigen Strömung kamen aber Manche um, ck>ie das Gewicht ihrer Waffen niederzog; Andere wurden eine bedeutende Strecke weit fortgerissen und retteten sich kaum mit großer Anstrengung. Da aber die Feinde drängten und neben dem Fluß Viele Mieten, so warfen die noch Zurückgebliebenen größtentheils die Waffen weg und schwammen so über die Tiber. >>5. So viele Leute die Celten auch schon am Uier niedergemacht hakten, so ließen sie dennoch in ihrem Eifer nicht nach, sondern schvßen auf die Schwimmenden. Da auf die dichten Haufen im Fluß so viele Pfeile abgedrückt wurden, so trafen die Schützen nicht fehl. Manche empfingen daher gefährliche Wunden und waren sogleich todt; Andere, vbschon *) Nach Weffeling vTkkXwstor'p für vwHpr'roDi'. 3 * rsgc» Dlodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. leicht verwundet, wurden durch den Blutverlust erschöpft und durch die heftige Strömung fortgerissen. Die Meisten, die bei dieser schweren Niederlage der Römer sich retteten, besetzten die Stadt Besä, die noch nicht lange von ihnen neu eingerichtet war, und befestigten den Platz so gut als möglich, daß die Entronnenen da eine Zuflucht fanden. Wenige von Denen, die herübsrgeschwommen waren, flohen ohne Waffen nach Rom und meldeten, es seyen Alle umgekommen. Bei der Nachricht *) von dem großen Unglück wurden Alle ratblos, die in der Stadt zurückgeblieben waren. Denn Widerstand zn leisten hielten sie für unmöglich, da die ge- sammte junge Mannschaft umgekommen sey; zu fliehen aber mit Weibern und Kindern war sehr gefährlich, weil der Feind in der Nähe war. Viele Bürger flohen mit allen ihren Angehörigen in die benachbarte« Städte. Die Obrigkeiten der Stadt aber sprachen dem Volk Muth ein und befahlen, die Lebensmittel und die übrigen Bedürfnisse, schnell auf das Capitolinm zu schaffen. Das geschah, und nun war die Burg und das Capitolinm voll nicht nur von Nahrungsmitteln, sondern auch von Silber und Gold und den kostbarsten Gewändern; denn aus der ganzen Stadt brachte man die Habe an denselben Ort zusammen. Drei Tage hatte man noch Zeit, die bewegliche Habe fortzuschaffen »nd jenen Platz zu befestigen. Denn den ersten Tag brachten die Celten mit dem Abhauen der Köpfe der Erschlagenen nach väterlicher Sitte zu; die zwei folgenden aber blieben sie in der *) Nach Diniwrf für ^kNiMLVoi»'. Ol. 9L, 2. I. R« 367. v. Chr. 387. 1291 Nähe der Stadt gelagert. Denn da sie die Mauer unbesetzt sahen und das Geschrei hörten, das bei dem Fortschaffen der nöthigsten Habe auf die Burg entstand, da glaubten fle, die Römer wollen fle aus einem Hinterhalt überfallen. Am Vierten Tag aber, als sie den wahre» Stand der Dinge erkannten, erbrachen sie die Thore und zerstörten die Stadt, wenige Häuser auf dem Palatium ausgenommen. Hierauf machten fle Tag für Tag Angriffe auf die festen Plätze, ohne jedoch dem Feind bedeutenden Schaden zuzufügen, während fle selbst viele Leute verloren. Indessen ließ ihr Eifer nicht nach; denn fle hofften, wofern fle nicht durch Sturm Meister würden, den Feind mit der Länge der Zeit zu bezwingen, wenn alle Lebensmittel zu Ende gehen. 'iS. Während die Römer in solcher Bedrängnis waren, rückten die benachbarten Tyrr hener mit bedeutenden Streit- kräften an und verheerten das Gebiet der Römer, wobei viele Menschen und reiche Beute in ihre Hände fielen. Dir nach Beji entronnenen Römer überfielen aber die Tyrrhe- «er unvermuthet, trieben sie zurück, nahmen ihnen die Beute ab und besetzten ihr Lager. Da fle hier viele Waffen fanden, so theilten fle davon an die Unbewehrten aus und bewaffneten auch die Leute, die sie vom Lande zusammenbrachten. Denn fle wollten das Capitolium, wo die Gezüchteten belagert wurden, entsetzen. Aber fle wußten nicht, wie fle es den Eingeschlossenen kund machen sollten, da zahlreiche Schaaren der Celten rings umher gelagert warey. Da erbot sich ein gewisser Cvmiuius Pontius, die Leute auf dem Capitolium zu ermuthigen. Er machte sich allein »292 Dkodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. auf den Weg, schwamm bei Nacht über den Fluß und kam unbemerkt bis an einen schwer zu ersteigenden Felsen des Capikoliums. Mit Mühe arbeitete er sich an demselben hinauf und meldete auf dem Capitolimn, daß Jene in Deji vereinigt seyen und eine Gelegenheit abwarten, die Celten zu überfallen- Nun kam er wieder herab, wo er hinaufgestiegen war, schwamm über die Tiber und kehrte nach Veji zurück. Die Celten nahmen aber an den frischen Fußstapfen wahr, daß Jemand hinaufgestiegen war. und beschloßen, an demselben Felsen in der Nacht hinaufzusteigen. Um Mitternacht also, da die Wachen wegen der Festigkeit des Platzes sorglos sich dem Schlaf überließln, stieg ein Theil der Celten an dem Felsen hinauf. Von den Wachen nun blieben sie unbemerkt; die Gänse aber, die man hielt, weil sie der Hera heilig waren, sahen die Heraufsteigenden und erhoben ein Geschrei. Da liefen die Wachen jener Stelle zu, waren aber so erschrocken, daß sie sich nicht zu nähern wagten. Marcus Manlius hingegen, ein angesehener Mann, eilte nach dem Ort hin, hieb mit dem Schwert dem Heransteigen, den die Hand ab und stieß ihn mit dem Schild auf die Brust, daß er über den Felsen hinabstürzte. Da auf dieselbe Weise der Zweite, der Heranstieg, den Tod fand, so flohen die Uebrigen alle schnell. Weil aber der Fels so abschüssig war, so stürzten sie alle über einander und kamen um. Als nun die Römer Friedensvorschläge machten, ließen sich die Feinde bewegen, um den Preis von tausend Pfund Goldes die Stadt zu verlassen und aus dem Römischen Gebiet abzuziehen. Da die Häuser niedergerissen und die meisten Bürger Ol. 98, 2. I. R. 367. v. Chr. 387. irgZ umgekommen waren, so gestatteten Hie Römer Jedem, der da wollte, ein Haus zu bauen auf welchem Platz es ihm gefiele, und lieferten ihm auf öffentliche Kosten die Ziegel. Diese heißen daher noch gegenwärtig die Stadtzicgel. Weil nun Jeder nach eigenem Gutdünken baute, so geschah es, daß die Straßen der Stadt eng und krumm wurden. Man konnte daher auch später in glücklicheren Zeiten die Straßen nicht gerade machen. Man erzählt, den Weibern sey, weil sie ihr goldenes Geschmeide,für das Wohl des Staats zum Opfer gebrächt, von dem Volk die Ehre zuerkannt worden, daß fie auf Wagen durch die Stadt fahren durften. 117. Da die Römer durch die vorhin erzählte Niederlage geschwächt waren, so fingen die Volsker Kneg mit ihnen an. Die Kriegstribunen der Römer hoben Truppen aus, ließen das Heer ins Feld xückcn und schlugen ein Lager am Berg Marcius zweihundert Stadien von Rom entfernt. Da die Volsker mit einem stärker« Heer ihnen gegenüber standen und das Lager angriffen» so fürchtete man in Rom für die Truppen im Lager und ernannte den Marcus Fu- rius zum Dictator ....*). Diese bewaffneten alle dienstfähige Mannschaft, zogen bei Nacht aus und fanden mit Tages Andruck) die Volsker mit dem Sturm gegen das Lager beschäftigt. Sie rückten von hinten an und brachten sie leicht zum Weichen. Da nun auch das Heer aus dem Lager einen Ausfall machte, so sahen sich die Volsker von beide» *) Es ist ausgefallen: und den Cajus Servilius zum Obersten der Reiter. A294 Diodor's hist. Bibliothek. Vierzehntes Buch. Seiten angegriffen und wurden beinahe völlig aufgerieben. So wurde denn das Volk, das in der frühern Zeit für mächtig galt, durch diese Niederlage eines der schwächsten unter den Nachbarvölkern. Nach der Schlacht hörte der Dictator, daß die Stadt Bolä von den Aequern belagert wurde, die jetzt Aequicoler heißen. Er führte das Heer dorthin und machte den größten Theil der Belagerer nieder. Won da brach er nach Sutriom auf. Diese Pflanzstadt hatten die Tyrrhener mit Sturm eingenommen. Nun überfiel er die Tyrrhener unversehens, ködtete Viele von ihnen und gewann den Sutrinern ihre Stakt wieder. Als die Gallier auf dem Rückweg von Rom Volsinium *), - eins Bundesstadt der Römer, belagerten, griff sie der Die- ! tator an und machte sie größtentheils nieder. Alle« Peräth fiel in seine Hände, darunter auch das Gold, das sie in Rom erhalten und fast Alles, was sie bei der Einnahme der Stadt geraubt hatten. Nach so großen Thaten einen Triumph zu halten wehrte ihm die Mißgunst der Volkstribunen. Einige behaupten übrigens, er habe über die Tusker doch einen Triumph gehalten mit einem weißen Viergespann, und dafür sey er zwei Jahre darauf von dem Volk um eine große Summe Gelds gestraft worden. Wir werde» dessen zur gehörigen Zeit gedenken. Der Theil der Celten, der nach Japygien gekommen war, kehrte durch das Römische Gebiet zurück. Bald darauf wurden sie von den Einwohnern p *) So oder Tusculum sollte es nach Niebuhr heißen statt Veascium. Ol. 98, 2. I. R. 367. v. Chr. 337. 1295 von Cäre *) bei Nacht aus einem Hinterhalt überfallen und auf der Trausischen Ebene völlig aufgerieben. Der Geschichtschreiber Kallistkenes fängt seine Erzählung der Griechischen Geschichte mit dem in diesem Jahr zwischen den Griechen und dem Perserkönig Artarerres geschlossenen Frieden an. Sem Werk umfaßt eine» Zeitraum von dreißig Jahren, enthält zehn Bücher und endet zuletzt mit der Besetzung des Tempels in Delphi durch den Phocier Philomelus. Da wir nun bis zu dem Frieden der Griechen mit Artarerres und bis zu der Gefahr, welche Rom von den Galliern drohte, gekommen sind, so mache» wir unserem anfänglichen Vorhaben gemäß hier den Schluß dieses Buchs. *) Nach Weffelings Vermuthung ° für Vielleicht ist aber zu lesen zier' üXl-'NV V7iö Aor-piou (sie wurden von Furius mit einer kleinen Schaar bei Nacht überfallen). Vergl. PlutarchS Camillus 41. 7