Der Wald in der Culturgeschichte. VORTRAG, ' gehalten im Rathhaussaale zu Zürich am 5. Februar 1885 von l)r. A. Biihler, Professor der Forstwissenschaft am Polytechnikum in Zürich. Benno Schwabe. Schweighause rische Verlagsbuchhandlung. Basel 1885. Hochgeehrte Versammlung! Es ist eine weit verbreitete, in der Presse und in den Parlamenten unter verschiedenen Formen ausgesprochene Ansicht, dass mit der fortschreitenden Entwickelung eines Volkes, mit dem Steigen seiner Cultur nothwendig die Waldfläche eines Landes abnehmen, nach und nach fast ganz verschwinden müsse. Als eine Art extensiver Bodenbenützung, — so argumentirt man — müsse die Waldwirtschaft, ähnlich wie der Weidebetrieb, vor dem intensiven Ackerbau stetig zurückweichen; der Wald könne sich nur an solchen Stellen behaupten, welche für eine andere Culturart ungeeignet seien. Heben wir aus dem weiten Gebiete dessen, was man die Cultur eines Volkes nennt, zwei Merkmale einer höheren Entwickelung derselben für unsere Betrachtung heraus. Es bedarf keines ausführlichen Beweises, dass, wenn in einem Lande die Anzahl der Bevölkerung zunimmt und deren Bedürfnisse sich steigern und verfeinern, dass dann immer mehr Raum für Wohnung und für den Anbau der Nahrungsmittel, aber auch immer mehr Holz für Heizung, Bauten aller Art und Herstellung der unzähligen Gebrauchsgegenstände begehrt wird. Es ist ferner ohne weiteres einleuchtend, dass die Zunahme der Cultur in Bezug auf den Wald zwei entgegengesetzte Forderungen mit sich bringt: die Ansprüche an die Erzeugnisse des Waldes, vor allem an sein Hauptproduct, das Holz, werden immer grösser und 4 zahlreicher und gleichzeitig macht sich die Tendenz geltend, die Fläche, auf welcher das Holz wächst oder erzogen werden soll, zu verkleinern. Man will mehr Holz und weniger Wald haben. Diesen Interessenconfiict zu lösen ist eine Aufgabe, welche noch keinem Volke erspart geblieben ist, und wir selbst können Zeugen sein von den verschiedenen Stadien, in welchen die Cultur und mit ihr dieser Widerstreit bei den um uns lebenden Völkern sich befindet. Es ist nicht nöthig, dass wir unsere Blicke in die Urwälder des nördlichen oder südlichen Amerika wenden, um uns ein Bild vom Urzustände eines Landes zu machen. Manche Gegenden Schwedens, weite Gebiete des nördlichen Kussland und der überwiegende Theil Bosniens und der Herzegowina bieten Verhältnisse, wie sie nach den uns erhaltenen Beschreibungen die Insel Reichenau, die Gegend von St. Gallen und Einsiedeln zeigten, als Pirmin, Gallus und Meinrad in diesen Wildnissen ihre Klosterzellen gründeten. Es sind ungeheure Waldwüsten, in denen eine dünne Bevölkerung ihr unstetes Hirten- und Jägerleben führt oder auf einzelnen Lichtungen des dichten Waldes sich anzusiedeln begonnen hat. Den directen Gegensatz zu diesen, wenn Sie wollen, uncultivirten oder halbcultivirten Ländern bilden die ungemein dicht bevölkerten Gegenden Belgiens und Englands, eines Theils des Königreichs Sachsen, des Rhein- und Neckarthals, der Lombardei und, um in unsere Nähe zu kommen, von Appenzell - Ausserrhoden, Winterthur, Zürich, Aarau, Solothurn, Biel, Theile des nördlichen Ufers vom Genfersee und der südlichste Theil des Kantons Tessin. Was die Dichtigkeit der Bevölkerung betrifft, so scheinen wir noch nicht an der oberen Grenze der Cultur angekommen zu sein. Denn, wenn auch den Berechnungen unserer Historiker einige Unsicherheit stets anhaften wird, so ist doch unzweifelhaft, dass Griechenland und Italien zur Blüthezeit in manchen Gegenden eine bedeutend, vielleicht sogar um die Hälfte stärkere Bevölkerung besassen. Zwischen diesen beiden Grenzen der Culturentwickelung, von denen freilich die untere mit grösserer Genauigkeit festgestellt werden kann als die obere, stehen die meisten Staaten im Herzen Europa’s, insbesondere auch die Schweiz. Bei ihnen, die der Gegenwart angehören, ist vorerst ein genaueres Studium allein möglich, weil, wie wir sehen werden, nur aus ihnen ausser den rein historischen auch die nöthigen naturwissenschaftlichen Unterlagen für die allseitige und gründliche Untersuchung des Gegenstandes zu Gebote stehen. Wenn wir ein Land in's Auge fassen, in welchem die Niederlassungen erst sich bilden, so dürfen wir vor allem von den Ansiedlern nicht Rücksichten erwarten, die wir unter unsern Verhältnissen zu nehmen gezwungen oder gewohnt sind. Wer verlangt in Zürich oder anderswo, dass man in gewöhnlichen Jahren haushälterisch mit dem Wasser zu Werke gehe? Und doch können Jahrgänge kommen, in welchen der Ortsvorstand in manchem Dorfe Sparsamkeit im Wasserverbrauch empfehlen muss, um der Gemeinde das Herbeiholen des Getränkes aus weiter Ferne zu ersparen. Die ersten Ansiedler befinden sich in Bezug auf den Holzbedarf in derselben Lage, wie die Bewohner eines Dorfes in Bezug auf das Wasser. Eine Wasserfrage entsteht erst bei Zunahme der Bevölkerung, also vorzugsweise in den grossen Städten. Unter diesen Gesichtspunkten sind die Urtheile zu würdigen, welche von Reisenden und auch von Forstleuten über die Holzverschwendung bei den ersten Ansiedlungen gefallt werden. Der Ansiedler, der vom Ertrag seines 6 Bodens sich nähren und vom Ueberschuss sich etwas ersparen muss, ist gezwungen, mit seinen wenigen und theuren Arbeitskräften den Boden möglichst bald und mit den geringsten Kosten in ertragsfahigen Zustand zu setzen. Er nimmt die billige Kraft des Feuers zu Hilfe und brennt den Wald nieder. Soll er da mit dem Walde sparsam umgehen, der in ungemessener Ausdehnung vorhanden ist? Und für wen soll er die Holzvorräthe aufspeichern? Bis er das Holz verkaufen und absetzen kann, wären die bei seiner Ankunft vielleicht viele Hundert Jahre alten Bäume längst zu Moder zerfallen. Diese Art, Ackerland zu erwerben, ist eine ganz allgemeine. Ob wir Berichte aus Australien oder vom Capland, aus Brasilien oder Indien zur Hand nehmen, stets ist der Vorgang derselbe. Auch unsere Gegenden sind theilweise auf demselben Wege in Ackerfluren umgewandelt worden; die Waldungen wurden durch Feuer ausgerottet, versengt, verbrannt, geschwendet. Den so dem Walde abgenommenen Platz nannte man Sang, Brand, Schwendi. Wurde ein Hof auf dieser Stelle erbaut, so erhielt auch er den Namen Schwendi, entweder schlechtweg oder in Verbindung mit dem Namen des Ansiedlers: Lipperschwendi, die Schwendi des Lipper. Gleichbedeutend mit Schwendi sind Schwand, Schwanden. Die Namen auf sang sind in der Schweiz seltener; häufiger ist der Name Brand und die Zusammensetzungen mit Brand: Brandacker, Brändliacker etc. etc., Brandschenke, — ausser der hiesigen kommt eine solche noch bei Uster vor — ist die Schenke im Brand. Da dieses Mittel der Urbarisirung nicht immer leicht zu bemeistern ist, so wird oft dasselbe über die ursprünglich beabsichtigte Grenze hinausgreifen und den Wald manchmal da zerstören, wohin der Pflug nicht folgen kann. Da hängt 7 es nun von den äusseren Verhältnissen ab, ob solche Stellen sich wieder mit Gebüsch und Wald bedecken, oder kürzere oder längere Zeit hindurch öde und unfruchtbar bleiben. Die meisten Oedungen stammen übrigens aus späterer Zeit. Eine Umschau in nächster Nähe belehrt uns, dass solche unproductive Flächen mitunter eine grosse Ausdehnung inmitten von cultivirten Gegenden erhalten können. Von den 800,000 Hektaren, welche in der Schweiz als Felsen und Schutthalden bezeichnet werden, sind vielleicht ein Dritttheil, wo nicht die Hälfte zu verschiedenen Zeiten und bis auf unsere Tage herein mit Feuer und Axt dem Walde entrissen worden. Dies hängt mit dem ausgedehnten Weide- und Sennhüttenbetriebe zusammen; durch das Niederschlagen der Wälder wird nicht nur das nöthige Holz gewonnen, sondern gleichzeitig auch die Weidefläche vermehrt. Letztere Hoffnung hat sich freilich oft als trügerisch erwiesen; die Grasnarbe ist verschwunden und der kahle Fels hervorgetreten. Der Unvorsichtigkeit — Böswilligkeit werden wir wohl selten voraussetzen dürfen — folgt die Strafe auf dem Fusse nach, wenn das Kalkgebirge des Waldes beraubt wird. Die verderbliche Ausübung der Weide im Gebirge ist auch theilweise der Grund, aus welchem manche Küstengegenden in den Kalkgebirgen Griechenlands heute unbewaldet erscheinen, die in der classischen Zeit als bewaldet genannt werden. Die Ebenen Attikas und anderer Provinzen mit ihrer zahlreichen Bevölkerung dienten schon in den ältesten Zeiten dem Frucht- und Obstbau. Diese fruchtbaren Ebenen waren es, aus welchen der siegreiche Eroberer die unterlegenen Gegner verdrängte. Curtius führt in seiner griechischen Geschichte zahlreiche Kämpfe dieser Art an. Aus seiner Darstellung gewinnt man den Eindruck, dass 8 schon achthundert Jahre vor Christus die Ebenen im gebirgigen Griechenland angebaut und eine erhebliche Ver- grösserung des Ackerlandes nicht möglich war. Ohne intensiven Anbau des Landes hätte die dicht bevölkerte Landschaft Attika, über deren Culturzustand wir am besten unterrichtet sind, wohl kaum den grössten Theil ihrer Lebensmittel selbst erzeugen können. Auch an Holz wurde nur Schiffsbauholz eingeführt, meist aus Macedonien. Das Holz zum Brennen zog Attika selbst in seinen gebirgigen Theilen. Diese Wälder Attika's vertheilten sich, genau wie bei uns, unter die Privaten, Gemeinden und den Staat. Die beiden letzteren verwendeten die Einkünfte zunächst zur Befriedigung der Staats- und Gemeindebedürfnisse. Die Privatwaldbesitzer verkauften ihr Holz gewöhnlich in die Stadt, wohin es auf Eseln transportirt wurde. Von dem Gutsbesitzer Phänippos im Dorfe Kythieron wissen wir, dass er täglich sechs mit Holz beladene Esel nach Athen schickte, dort wurde die Eselsladung für zwei Drachmen verkauft. Die Lage einer Stadt soll nach Aristoteles so gewählt werden, dass ihr von allen Seiten die Erzeugnisse an Vieh und Feldfrucht, sowie an Holz zugeführt werden können. Um die Ordnung in den Wäldern aufrecht zu erhalten, müssen nach demselben Schriftsteller die bXmjtoc angestellt werden, die Waldaufseher, Bannwarte oder Förster, wie wir sie nennen würden. Für sie und die Aypovofioi, die Flur- oder Feldschützen, seien Wachthäuser und gemeinsame Speiselocale erforderlich. Das Bild Griechenlands und Attikas, wie es aus den Schilderungen etwa um das 4. Jahrhundert v. Chr. sich entwerfen lässt, zeigt uns, dass das gebirgige Terrain bewaldet, die Ebene mit Obstbäumen aller Art besetzt war, zwischen welchen die dem Staate oder den Gemeinden gehörenden Haine, in welchen die Tempel standen, bunt zerstreut lagen. Das nöthige Brennholz wurde also von den Griechen auf den genannten Grundstöcken aller Art erzogen, starkes Bauholz, insbesondere für den Schiffsbau bezog man vom Auslande. Es ist dies ein forstpolitischer Standpunkt, wie ihn heute England und zum Theil Belgien und Holland einnehmen. Nur entbinden diese Länder die unterirdischen Kohlenschätze auch noch von der Pflicht, das Brennholz zu erziehen. Was Koni und Italien betrifft, so scheinen schon in der allerfrühesten Zeit die ebenen Landschaften an der West- und Södköste entwaldet gewesen zu sein ; sie wurden ja von griechischen Auswanderern besiedelt. Nur das Gebirgsland blieb mit Wäldern bedeckt. In den ersteren mangelte es, wenn auch an Wäldern, doch nicht an Holz. Denn dieses wurde auf den Privatgütern in ausreichender Menge erzogen, da ja die italienische Sonne selbst im Schatten der Bäume noch die Trauben zeitigt. Die Einnahme aus der Holzzucht wird ausdrücklich unter den Gutserträgen aufgeführt und unter den zu einem Landgut gehörenden und nach ihrer Rentabilität aneinander gereihten Grundstücken wird neben Wein-, Obst- und Gemüsegärten, Weidenpflanzungen, Oelplantagen, Wiesen und Getreidefeldern haubares Holz, eine Baumschule und der Eichwald genannt. In der Hauptsache dürfen wir uns diese Bäume nicht zu einem dichten Wald in unserm Sinne vereinigt vorstellen; sie waren vielmehr gruppenweise und einzeln über das Gelände vertheilt, wie wir dies heute noch an Wegen, Bächen, Gräben, Rainen u. s. w. im Gebirge und in Westfalen sehen können. Der Landwirth war zugleich 10 Holzzüchter, die Holzzucht bildete einen Zweig der Landwirtschaft und wurde mit derselben Sorgfalt betrieben, wie diese selbst. Dadurch war es möglich, den Bedarf an Holz aller Art zu decken, ohne dass ein grosser Theil des Landes dem intensiven Ackerbau entzogen zu werden brauchte. Es war das System der Baumgärtnerei, die intensivste Art der Holzzucht, die freilich italienischen Himmel voraussetzt. Die Baumfeldwirthschaft, welche nach dem Vorschlag des sächsischen Forstmanns Cotta im Anfang dieses Jahrhunderts den Streit, den die Land- und Forstwirte um den Boden führten, beendigen sollte, hat die grösste Aehnlichkeit mit der römischen Holzzucht. Zu seinem eigenen Bedarf verwendete der römische Gutsbesitzer die schlechteren und geringwertigen Sortimente, insbesondere das schwache Ast- und Reisigholz, die werthvolleren Theile wurden in die Stadt verkauft. Genau so verfahren die Bauern am Zürichsee, welche das Bau- und Sägholz verkaufen und mit dem schwachen Holz, das antallt, ihre Bedürfnisse decken. Ihre landwirtschaftlichen Grundsätze trugen die Römer auch in die von ihnen eroberten Länder, die freilich hinsichtlich der Bodencultur von Italien sehr weit abstanden. Daher das Erstaunen, wenn sie in die waldreichen Gegenden Galliens, Britanniens und Germaniens kamen und die düsteren Schilderungen, welche die an italienische Verhältnisse gewöhnten römischen Schriftsteller von den nordischen Provinzen entwerfen. Das Ausroden der Wälder musste sich ihnen als eine Forderung der Cultur aufdrängen. Dass in den neu eroberten Provinzen vielfach militärische Rücksichten bei Gründung der Niederlassungen und Anlage der Strassen ausschlaggebend waren, kann als selbstverständlich gelten. Die zahlreichen römischen Ort- 11 schäften sind aber in den Stürmen der Völkerwanderungen zum grössten Theil vernichtet worden. Die in den letzten Jahren fast allerwärts angestellten Forschungen zeigen, dass an vielen Stellen seit Jahrhunderten der Wald das Terrain bedeckt, auf welchem einst römische Colonen sich niedergelassen hatten. Andererseits deuten die Funde römischer Münzen in unsern heutigen Aeckern, Wiesen, Gärten darauf hin, dass schon zu römischer Zeit die Cultivirung de3 Landes weit vorgeschritten sein musste. Dabei ist interessant, dass der Teutoburgerwald des Tacitus, gleichgültig, ob darunter der heutige Teutoburgerwald oder, nach Mommsens neuesten Forschungen über den Ort der Varusschlacht, das Wiehengebirge zu verstehen wäre, heute noch ein ausgedehnter Gebirgswaldcomplex ist. Welch’ nachhaltigen Einfluss die Römer in unseren Gegenden auf Ackerbau und Viehzucht hatten, und dass eine grosse Anzahl land- und insbesondere auch alpwirth- schaftlicher Bezeichnungen römischen Ursprungs sind, ist bekannt. Ohne erhebliche Ausdehnung des Ackerbaues wäre diese Erscheinung aber schwer zu begreifen. Aus dem eben Gesagten erklärt sich, dass die Alamannen nach der Völkerwanderung in Süddeutschland und der heutigen deutschen Schweiz zum Zwecke ihrer Ansiedlungen abermals Rodungen im Walde vornehmen mussten. Urkundliche Nachrichten haben wir fast nur in den Klosterarchiven erhalten. Solche Urkunden forstlichen Inhalts reichen bis 499 zurück. Von den merovingischen Königen wurden Landschenkungen an die Kirche eben zum Zwecke der Urbarmachung der Wälder vorgenommen. In diesen ältesten, im 8. und 9. Jahrhundert zahlreicher werdenden Urkunden kehrt sowohl bei dem am Niederrhein gelegenen Kloster Korvey, als dem im Innern Deutschlands neu er- 12 bauten Kloster Fulda ein Ausdruck wieder, dem wir auch in der deutschen Schweiz sehr häutig begegnen. Ein ausgerodeter und zum Gau geschlagener Theil des Waldes hiess nach der Landessprache ein Bifang. Diese Bezeichnung der ältesten dem Walde abgenommenen Landstrecken hat sich überall bis nach Solothurn und Bern hin als Flurname in zahlreichen Gemeindebezirken erhalten. Es ist das Verdienst des vor wenigen Jahren verstorbenen Arnold in Marburg, auf den Werth der Flur- und Ortsnamen als Geschichtsquelle und als Ergänzung der schriftlichen Urkunden hingewiesen zu haben. Die heutigen Flurnamen beweisen durch ihre Zusammensetzung, dass der grösste Theil unseres Culturlandes bald dem Wald, bald dem sumpfigen Terrain abgewonnen wurde. Die Sprache unserer Voreltern war viel reicher in Bezug auf Namen für Wald und Sumpf. An letzteren hatten sie nicht weniger als 22, und für den Wald immerhin 11: wald, hard, hecke, holtz, forst, loh, strauch, busch, schachen, stnit und bruch. Die meisten der Waldnameu kennen wir heute nicht mehr ihrer Bedeutung nach. So bezeichnet hard ursprünglich Wald, es erscheint da und dort noch allein, vielfach aber im Ausdruck Hardtwald; ein Beweis, dass man die Bedeutung des Wortes vergessen hat. Dasselbe ist der Fall mit dem Ausdruck loh und anderen. Mit diesen ehemaligen Wald- und Sumpt'namen werden heute Ortschaften, Weiler, Höfe, Aecker, Wiesen, Weinberge, auch noch Wälder bezeichnet, was eben beweist, dass der Wald an diesen Stellen ganz oder theilweise verdrängt wurde. Verständlicher für unsere Zeit sind die vom Ausreuten des Waldes stammenden Bezeichnungen reute, rüti, gerät, neugerät. Manchmal sagen uns die Zusammensetzungen der Flur- und Ortsnamen mit eich, buch, 13 tann u. 8. w., dass ein Eichen-, Buchen-, Tannenwald verschwunden ist. Wie lange die Ortsgrüudungen und Waldrodungen gedauert haben, können wir nur indirect beweisen aus den Urkunden, in welchen die einzelnen Orte erwähnt werden. Für die alamannischen Gebiete ist das Urkundenbuch von St. Gallen eine Hauptquelle. In manchen Gegenden z. B. der sog. Baar bei Donaueschingen lässt sich die grösste Zahl der Ortschaften schon im 8. und 9. Jahrhundert nach- weisen. Für die ganze deutsche Schweiz und einen Theil von Baden und Württemberg, soweit sie zum ehemaligen Bisthum Oonstanz gehörten, können wir für das Ende des 13. Jahrhunderts den Stand der Ansiedlung sehr genau bestimmen. Zum Zwecke eines Kreuzzuges war angeordnet worden, dass der Clerus in den Jahren 1274—1280 ein Zehntel seines Einkommens abtreten solle. Aus dieser Veranlassung war in der Diözese Oonstanz ein Verzeichniss aller Pfarreien angelegt worden, das wir heute etwa mit dem Namen Steuerregister belegen würden. Die Vergleichung dieser Statistik ergibt, dass fast alle heutigen Pfarreien bereits 1275 als solche bestanden haben, was doch eine gewisse Grösse der Ansiedlungen voraussetzt. Im Jahr 1353 war ein weiteres Verzeichniss der Pfarreien angefertigt worden, in welchem die Zahl der Häuser oder Höfe jeder Pfarrei beigefügt ist. Leider ist nur ein Bruch- theil dieser Statistik uns erhalten geblieben, der aber auf Landschaften jenseits des Bodensee’s sich erstreckt. Eine Gegenüberstellung der Häuserzahl von damals und jetzt zeigt natürlich ein Anwachsen der Bevölkerung, dasselbe ist aber in vielen Dörfern keineswegs so gross, als man vermuthen möchte. Diese vermehrte Bevölkerung bedurfte natürlich wei- 14 ✓ terer Feldfläche, die theilweise wiederum durch Rodung des Waldes gewonnen wurde. Aber die in dieser späteren Zeit gerodeten Flächen sind sehr unbedeutend. Dies geht mit aller Deutlichkeit aus den Entscheidungen bei den jährlichen eidgenössischen Tagsatzungen hervor, deren Verhandlungsgegenstände uns von der Mitte des 13. Jahrh. an erhalten sind; ebenso aus den jährlichen Rechnungsabnahmen in den Landvogteien, von denen Sargans, Rheinthal, Uznach, Gaster, Thurgau, Baden, Freiamt im Osten und Norden, Murten, Grandson, Schwarzenburg, Orbe im Westen, Bellenz, Lugano, Locarno und Mendrisio im Süden der Schweiz gelegen sind. Diese Vogteien umfassen allerdings nur Theile der Schweiz; allein da die übrigen Kantone die Vogteien innehatten, die Verhandlungen mit einander führten, so tritt uns in den Entscheidungen von Streitigkeiten das Bild der im übrigen Theil der Schweiz herrschenden Auffassung entgegen. Wie fast überall heute noch waren die 'Waldungen und Weiden eines Gemeindebezirks gemeinsames Eigenthum, sie gehörten zum Gemeinwerk, zur Almend u. s. w. Die Waldungen selbst dienten überall zugleich als Weideplätze. Durch Einzäunung irgend eines Platzes im Gemeinwerk, durch Umbrechen und Anbau desselben konnte ein Einzelner sein Einkommen steigern. Da er aber dadurch die allgemeine Weidefläche zum Nachtheil der Weideberechtigten verkleinerte, so veranlasste er regelmässig Klagen dieser letzteren bei der eidgenössischen Tagsatzung, bezw. bei der Landvogtei. Die Verhandlungen hierüber sind ungemein zahlreich. Es ist aber weit überwiegend von Einzäunungen auf der Almend und nur sehr selten von Ausrodungen im Walde die Rede, während sonstige Streitigkeiten im Walde z. B. über Weide und Holzhau einen ständigen Gegenstand der Tagesordnung bilden. 15 Diese Einzäunungen, welche eine Ausscheidung des eingezäunten Grundstücks aus der gemeinschaftlichen Benutzung bewirkten, nannte man Einschläge; daher stammt der so häufig wiederkehrende Flurname Einschlag. Dieser in den erwähnten Landvogteien von Ende des 15. bis Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts genau zu verfolgende Umschwung in der landwirtschaftlichen Bodenbenützung ist ein Uebergang vom extensiven Weidebetrieb zum intensiveren des Ackerbaues, hervorgerufen durch die im 16. Jahrhundert stärker zunehmende Bevölkerung. Er beweist, dass die tauglichen Grundstücke dem Walde bereits entzogen waren und vermehrter Ertrag des Landbaues nur von intensiver Bebauung erwartet werden konnte. Daraus geht hervor, dass das heutige Verhältniss zwischen Wald und Feld im grossen Ganzen schon im 13. und 14. Jahrhundert bestanden hat, dass also schon damals 2 /s bis 3 / 4 der Fläche von der Landwirthschaft in Beschlag genommen waren. Die späteren Veränderungen, die ja jährlich noch unter unsern Augen sich vollziehen, verschwinden gegenüber den gewaltigen Umgestaltungen, welche das Angesicht des Schweizerlandes in früheren Jahrhunderten erfahren hat und ändern nur sehr wenig an der Thatsache, dass vor 500 und 600 Jahren sich ein Zustand herausgebildet hat, an welchem die Jetztzeit nur sehr wenig zu ändern sich veranlasst gesehen hat. Gegenden, in welchen die ersten Ansiedler schon sich niedergelassen, haben eine dichte, immer wachsende Bevölkerung, andere, welche unsere Vorfahren gemieden, sind heute noch von Dörfern und Weilern entblösst, höchstens erscheint da und dort ein Hofgut, welches schüchtern im äussern Waldsaum stehen geblieben ist, während Sägmühlen 16 und arme Holzliauershütten in die abgeschlossenen Wald- thäler sich vorgewagt haben. Welches sind nun die Gegenden, welche die von der Landwirthschaft sich nährenden Ansiedler angezogen oder abgestossen haben r 1 Einladend mussten vor allem ebene Flächen sein, welche die landwirtschaftliche Bebauung leicht und einträglich machen, also die ebenen Flussthäler, soweit sie nicht versumpft sind, die ebenen Terrassen am Fusse der Hügelzüge und zwischen den Bergketten, endlich die weiteren Ebenen, wie sie einzelnen geologischen Formationen, insbesondere dem Diluvium eigen sind. Sind die Ebenen sehl- ausgedehnt, so finden wir weite Flächen, auf denen der Wald bis auf kleine Beste verschwunden ist, so, um bei den genauer erforschten Ländern stehen zu bleiben, an der West- und Nordküste von Frankreich, in Belgien, Holland, Oldenburg, Hannover, Schleswig, Mecklenburg, Pommern, in der Donauebene in Ungarn, in den Ebenen Böhmens, .Mährens, Schlesiens, Galiziens, wo dem Walde oft nur noch der 25. Theil der Oberfläche eingeräumt ist, und weite Ackerflächen oder auch grüne Weidefluren die Eintönigkeit der Ebene noch steigern. Den Gegensatz hiezu bilden die steil abfallenden, enge Thäler bildenden Gebirgsgegenden, die, wenn nicht spätere Zeiten die Berge ihres Waldkleides beraubt oder ebenere Stellen zur Anlage von Weideplätzen verlockt haben, von ausgedehnten Waldungen bedeckt sind: so der schweizerische, deutsche und französische Jura, die Ardennen, Sevennen, Vogesen, der Schwarzwald, Odenwald, Frankenwald, Spessart, der Harz, der Böhmerwald, der Manhartswald, die Karpathen u. s. w. Zwischen diesen Extremen, die, wie schon erwähnt, mit dem geologischen Baue der betreffenden Gegenden und 17 der jeder geologischen Ablagerung eigentümlichen Terrainbildung Zusammenhängen, haben wir eine bunte Mannigfaltigkeit im Wechsel zwischen Wald und Feld, wie ein Blick vom Uetliberg oder Kigi ihn etwa aufweist. Die kleinen Wälder, aus denen die aargauischen und luzernischen Dörfer hell hervorleuchten, linden wir von Freiburg, Bern und Solothurn an über Luzern, Zug, Zürich hinweg durch den Thurgau hin verbreitet. Jenseits des Bodensees setzen sie sich fort bis an die Donaugelände, wo der schwäbische und bairische Jura einstmals die Ufer des Molassemeeres gebildet haben und die hügelige Landschaft der neuesten geologischen Epochen ihre Grenze hat. Dies ist auch das Gebiet, in welchem die Ansiedlungen weniger in grossen Dörfern als in kleineren Weilern und Einzelhöfen stattgefunden hat, weil, wie man gewöhnlich annimmt, diese Art des Einzelwohnens dem Charakter der Alamannen am meisten entspricht, jedenfalls aber auch, weil nicht das Wasserbedürfniss die Ansiedlung um eine einzige Quelle herum nöthig machte. Neben der Terraingestaltung ist die Fruchtbarkeit des Bodens für die landwirtschaftliche Benutzung entscheidend. Wo nicht das Urgebirge durch seine Verwitterung die Erd- krume liefert, sondern die sedimentären Formationen bodenbildend auftreten, hat man es, wie bekannt, mit verschiedenen Schichten zu thun, deren Zusammensetzung aus Sand oder Thon und ihren Mischungen ganz verschiedene Grade der Fruchtbarkeit bedingen. Bald treten diese verschiedenen Schichten vom Buntsandstein herauf bis zum Alluvium nur in schmalen Bändern auf, wie im Kanton Basel und Aargau, oder sie bilden auf weite Strecken hin die Oberfläche, wie das Diluvium einen grossen Theil der Nordschweiz bedeckt. Nun lehrt ein genaueres Studium der Vertheilung zwischen Bd. VIII. Der Wald. 28 18 Wald und Feld, dass die Schichte und der Boden, den der Ansiedler in Aargau oder Basel zu seiner Niederlassung und zur landwirtschaftlichen Bebauung gewählt hat, überall wo er auftritt, vom Landwirth beansprucht ist, und umgekehrt: die im Aargau dem Wald überlassene Schichte erscheint auch sonst überall bewaldet. Der magere obere Keupersandstein und die auf ihn folgenden fruchtbaren Liasschichten Süddeutschlands sind besonders zu diesem Studium geeignet, weil die letzteren vielfach fruchtbare Inseln im Keupersand bilden. In der Regel ist auf der Lehmschichte des Lias ein Dorf oder wenigstens ein Hof angelegt, während ringsum Alles Waldfläche geblieben ist, so weit der Keuper reichte. Das Detail zum Belege anzuführen würde zu umständlich sein; ich muss mich auf den das Ergebniss eines genauen Studiums zusammenfassenden Satz beschränken, dass einzelne Formationen wie der Buntsandstein oder einzelne Schichten, wie die Sandsteine der Keuperformation des untern und mittleren Jura, der Meeresmolasse u. s. w. vorherrschend bewaldet sind, während die kalkreichen und thonigen Formationen oder Schichten, wie der Muschelkalk, die Lettenkohle, die Tlion- und Mergelschichten des Keuper, Jura, der Kreide und der Molasse fast überall dem Ackerbau dienen. Dass dieser endlich die trockneren, sonnigen Lagen den nassen, kühlen und schattigen vorzieht, ist allgemein bekannt; jedes Thal der Schweiz liefert Beweise hiezu. Die Süd- und Westhänge, auch noch die Osthänge dienen dem Landwirthe, auf den Nordhängen waltet der Forstmann. Es ist also kein leerer Zufall, wenn uns beispielsweise die Eisenbahn bald durch weite Ackerfiuren und grüne Wiesengründe führt, wo der Wald nur einige Augenblicke die Aussicht raubt, bald die Dörfer während langer Wald- 19 fahrt einen schnell verschwindenden Lichtpunkt bilden und links und rechts bewaldete Flächen nahe an den Schienenweg herantreten. Die Vertheilung des Waldes über ein Land hin ist also von natürlichen Gründen bedingt und von der frei sich bewegenden Bevölkerung hergestellt zu einer Zeit, wo staatliche Einwirkung noch nicht für nothwendig gehalten wird und auch ohne Erfolg wäre, wie das in unsern Tagen Nordamerika beweist, wo trotz aller zugesicherten Vortheile in ungünstigen Landstrichen keine Ansiedler sich einstellen. Gleichmässig ist jene Vertheilung überall, wo die natürlichen Verhältnisse sie hervorrufen, ungleichmässig, wo dieselben bald die Ausdehnung des Ackerlands, bald die des Waldes auf weite Gebiete hin begünstigen. Um einen richtigen Einblick in die Ursachen zu gewinnen, darf man nicht die politischen Karten zu Käthe ziehen, sondern muss die topographischen, geognostischen und klimato- logischen Aufnahmen der Untersuchung zu Grunde legen. Die durchschnittliche Bewaldungsziffer, nach welcher ein Land z. B. zu I /a bewaldet ist, gibt keinen Aufschluss über die Wirklichkeit. So kann man öfters die Bewaldung von Deutschland als nacliahmungswerth hingestellt finden, während dort Gebiete vom halben Fläcbengehalt der Schweiz Vorkommen, welche in der Bewaldung hinter den Kantonen Genf und Uri zurückstehen. Wenn es nun ausgedehnte Landstriche gibt, in welchen der Wald seit vielen Jahrhunderten — im Rheinthal an manchen Orten seit zwei Jahrtausenden — ausgerodet und bis auf kleine Reste verschwunden ist, und wenn man in wenigen Jahrhunderten die ursprünglich unübersehbaren Waldflächeu auf den vierten Theil reduziren konnte, ohne dass die Elemente der Natur entfesselt und die betreffenden 20 Gegenden unbewohnbar wurden, so darf man es heutzutage gewiss nicht allzu ängstlich beurtheilen, wenn da und dort einmal eine kleine Waldfläche in Ackerfeld umgewandelt wird, während an anderer Stelle dem Wald ebenso viel Land oder mehr wieder zuwächst. Dabei denke ich nicht an eigentliche Gebirgsgegenden, wo der Wald seine besondere Bedeutung hat. In Gebirgslagen ist er oftmals die einzige Culturart, durch welche dem Boden noch einiger Ertrag abgewonnen werden kann, weil Steilheit und Unzugänglichkeit der Felsen und die dünne Bodenkrume eine jede andere ausschliessen. Dort treten nicht wie in tieferen Regionen an die Stelle des Waldes Ackerflächen und Weideplätze, sondern öde Geröllhalden und ertragslose Schuttflächen. Oftmals verzichtet der Sohn des Gebirges selbst auf den geringen Holzertrag, er verbietet die Axt in den Bergwald zu tragen und die Bäume zu fällen, die Jahrhunderte lang schon sein Thal beschützt haben, er stempelt ihn zum Bannwald, in dem nicht die Hand des Menschen regieren darf, sondern die Natur mit ihrer vernichtenden und wieder schaffenden Gewalt allein herrschen soll. Der Bannwald mit seiner urwüchsigen Kraft soll die Lawinenbildung verhindern, den Fels mit seinen Wurzeln umklammern und festhalten, oder dem rollenden Gestein die kräftige Schutzwehr eines alten Baumriesen entgegenstellen. Aeste und Nadeln sollen die Wucht der dichten Gebirgsregengüsse brechen, die Geschwindigkeit des zu Thal rinnenden Wassers verkleinern, die wenigen Bodentheilchen zurückhalten und so die Thallandschaft vor verheerenden Wasserfluthen und die Berglehne vor Verödung bewahren. Am Engpässe, durch welchen die kalten Luftschichten den Durchgang sich erzwingen, am Felsgrate, über den sie alle Vegetation bedrohend herabstürzen, am Berghange, 21 an dem sie mit grosser Heftigkeit in’s Thal eilen, soll der Bannwald ihre Bewegung massigen, damit in den von ihm umsäumten und geschützten Alpweiden das Gedeihen der Gräser ermöglicht und die Existenz des Bergbewohners gesichert bleibe. Bis zu einem gewissen Grade hängt also die Bewohnbarkeit und Fruchtbarkeit des Gebirgslandes an einzelnen Stellen von der Erhaltung des Waldes ab. Wenn nun aber ein solcher Zusammenhang zwischen Bewaldung und Bewohnbarkeit eines Landes ganz allgemein, auch im Hügelland und der Ebene unserer Breiten angenommen werden wollte, so widersprechen einer solchen Auffassung die geschichtlichen Thatsachen, von denen bereits einige angeführt wurden. Die Mittelmeerländer, auf welche gewöhnlich Bezug genommen wird, können schon wegen der dort mangelnden Sommerregen und des Vorherrschens der Kalkgebirge neben einer weit höheren Temperatur nicht mit unsern Gegenden verglichen werden. Und sind etwa England, Nordwestfrankreich, Belgien, Holland, Norddeutschland, Dänemark und zahlreiche kleine Gebiete in andern Staaten einem ähnlichen Schicksal wie die südlichen Länder verfallen, nachdem sie vor Jahrhunderten den Wald ausgerottet haben und in der Bewaldung theilweise sogar unter die Gegenden am Mittelmeer gesunken sind? Unter Kaiser Hadrian, der im 2. Jahrhundert sein ganzes Reich durchreiste, waren Spanien, der hellenische Orient, Syrien, Arabien, Aegypten, Nordafrika mit Städten und Handelsplätzen bedeckt, während Italien und Griechenland bereits im Niedergange sich befanden. Spanien, Gallien und Afrika, die unter der Republik halb verödet waren, blühten wieder auf. Hing dieses Aufblühen und jener Niedergang vielleicht mit der Bewaldung zusammen? Soweit die neueren Forsch- 22 ungen reichen, waren diese Länder auch zu ihrer Blüthe- zeit kaum viel stärker bewaldet als heutzutage. Dasselbe Aegypten, in welchem Herodot schon im 5. Jahrhundert v. Ohr. drückenden Holzmangel traf, preist Plinius als ein sehr fruchtbares Kornland; der Ackerbau war also ergiebig trotz der Waldlosigkeit des Nilthaies. Die Bürgerkriege am Ende der Republik hatten Italiens und Griechenlands Blüthe zum Sinken gebracht. Die späteren Einfälle nordischer Völkerschaften und die Jahrhunderte dauernden Kämpfe vollendeten ihren Zerfall. Palästina wurde bei Unterdrückung des Aufstandes unter Hadrian verwüstet und in eine Oede verwandelt. Ein gleiches Schicksal bereiteten Sarazenen und Türken den asiatischen und afrikanischen Ländern am Mittelmeer und theilweise auch Spanien. Die Bevölkerung schmolz zusammen und verarmte; die Bewässerungseinrichtungen, auf welchen in jenen Gegenden die Fruchtbarkeit des Landes beruht, zerfielen; an die Stelle üppiger Getreidefelder traten öde, sterile Sandflächen und ertragslose Kalkberge. Wo Menschenhände fehlen, muss der Ackerbau zerfallen, wie das nach den hussitischen Kriegen in Böhmen und Sachsen, nach dem dreissigjährigen Kriege in andern Gegenden von Deutschland der Fall war. Die vielen verschwundenen Dörfer, wüste Marken oder Wüstungen heute benannt, sind lautredende Zeugen hiefür. Welche Arbeit und Sorgfalt erforderte aber der einstige Landbau am Mittelmeere, wie er aus Tertullians Schriften sich darstellt! Einst unfruchtbare Einöden, schreibt dieser Schriftsteller des 2. Jahrhunderts n. Chr., sind von schönen Landgütern bedeckt, Getreidefluren haben die Wälder, zahme Heer- den die reissenden Thiere verdrängt, Getreide wächst im Wüsten- sande, die Felsen werden bepflanzt und Sümpfe trocken gelegt. 23 Während Jahrhunderte langer Kämpfe und verheerender Kriegszüge geriethen die Völker und ihre einst blühende Landwirtschaft in Verfall. Ehemals fruchtbare Landschaften sind entvölkert und verödet, nicht weil die Axt des Holzhackers die Wälder, sondern weil das Schwert des Kriegers die Menschen vernichtet hat. Oben hat sich für uns ergeben, dass die anbaufähige Fläche — was heutzutage in Amerika sich wiederholt — schon von den ersten Ansiedlern zum grössten Theil dem Feldbau überwiesen wird. Wie war es nun möglich — muss man sich fragen — dass bei ungefähr gleichbleibender Fläche die immer zahlreicher werdende Bevölkerung die nötigen Lebensmittel sowohl, als den Bedarf an Holz sich verschaffte? Wir haben bereits Beispiele kennen gelernt, wie die Weiden umgebrochen und in Acker-, Wiesen-, Reben- und Gartenland verwandelt und durch die menschliche Thätigkeit im Ertrag gehoben wurden. Neben diesem intensiveren Anbau ging eine Vergrösserung der Feldfläche her: ertragslos liegende Oedungen wurden angebaut, Sümpfe wurden entwässert, Wasserstücke trocken gelegt. Aus mehreren Ländern sind neben den historischen Zeugnissen statistische Nachweisungen über die Ausbreitung der Cultur- arten vorhanden; von Westfalen gehen sie bis 1818 zurück. Es ergibt sich aus ihnen, dass in längeren 20—50 Jahre umfassenden Zeiträumen der Wald manchmal sogar zugenommen, jedenfalls aber weit weniger abgenommen hat, als Weiden, Wasserflächen, Sümpfe und Oedungen, dass also der Fortschritt in der Bodencultur nicht im Ausrotten des Waldes, sondern in der Verbesserung des landwirtschaftlichen Betriebs, der Trockenlegung von Sümpfen und dem Anbau öder Stellen besteht. Wo blühender Landbau herrscht, finden wir eine 24 dichte Bevölkerung. Dort haben auch die Producte des Waldes höhere Preise, der Betrieb der Waldwirtschaft bringt höhere Erträge, der Wald wird mehr geschätzt und dadurch in seinem Verbleiben mehr geschützt, als wo sein Product mehr oder weniger werthlos ist. Die im Eingang erwähnten bevölkertsten Gegenden Deutschlands und der Schweiz sind eher waldreich als waldarm zu nennen. Freilich reicht in mancher Gegend das vorhandene Holz nicht zu und es muss der Ausfall durch Einfuhr gedeckt w'erden. Dies ist bei Zürich schon lange der Fall. Schon vor drei und wohl mehr Jahrhunderten bezog es Holz aus dem Sarganserland, aus Utznach, Gaster und über Schindellegi; heute liefern die Gegenden jenseits des Bodensees den grössten Theil unseres Bedarfes, der vielleicht nicht sehr viel grösser ist, als in früheren Perioden. Der steigende Bedarf und die höheren Preise haben nämlich eine sparsamere Verwendung des Holzes und eine Verbesserung der Feuerungseinrichtungen zur Folge. Vergleichen wir einmal den Holzverbrauch früherer Jahrhunderte. 1538 wurde angeordnet, dass im thur- gauischen Kloster Feldbach die grosse Conventsstube auf die Hälfte verkleinert werde, da jeden Tag zum Wärmen so viel Holz verbraucht werde, als zwei Pferde in einer Ladung führen mögen. 1757 beschweren sich der Schul t- heiss, der Statthalter und die Geistlichen zu Murten, dass ihre Holzbesoldung auf */‘* reducirt worden sei. Nach dieser Reduction erhielt der Schultheiss immer noch jährlich 68 Klafter. Bekannt sind ferner die hohen Holzbesoldungen von Geistlichen und Schullehrern, die in früherer Zeit normirt wurden. Wir staunen heute über den Holzbedarf unserer Vorfahren, haben aber wenig Grund, auf sie herabzublicken. 25 Mit dem in Zürich verbrannten Holzquantum könnte man eine doppelt so grosse Stadt versehen, denn bei den meisten Herden und Oefen gehen wenigstens 5 / 10 t bei manchen sicher 8 / 10 — 7 10 der Wärme unbenützt durch den Rauchfang ab. In Bezug auf das Holz besteht der Culturfortschritt in besserer Ausnützung der Heizkraft, der sparsameren Verwendung desselben, im Ersatz durch Torf und Kohle, sowie durch Stein und Eisen, also durch Schätze, die sonst ungehoben im Schooss der Erde ruhen würden. Dadurch erwächst dem Walde allerdings Concurrenz, die aber nicht zu seinem Untergange führt, sondern nur eine andere Be- wirthschaftung desselben nothwendig macht. Denn die von der Kohle genährte Industrie beansprucht Holz zu Zwecken, zu denen es früher nicht gebraucht wurde; es genügt in dieser Beziehung an die Papierfabrikation zu erinnern. Das Holz wird Gegenstand der industriellen Verarbeitung, beschäftigt zahlreichere Hände bei seiner Umformung, nimmt Theil am Charakter des Industriezeitalters, während ehedem der Wald im Dienste der bäuerlichen Landwirthschaft stand. Die aus den geschilderten Ursachen zunehmenden Ansprüche an den Wald haben eine sehr wichtige Folge in Bezug auf die Bewirthschaftung desselben. Wenn bei dünner Bevölkerung der Natur es überlassen wird, den Bedarf der künftigen Generationen zu erzeugen, muss bei dichterer Volkszahl eine besondere Sorgfalt zu jenem Zweck angewendet werden. Der Wald wird gepflegt, die leeren Stellen werden mit Bäumen bepflanzt, der Wuchs der Bäume wird beschleunigt, die werthvolleren Arten werden bevorzugt, Schaden aller Art wird vom Walde abzuwenden gesucht. Vielenorts ist die Furcht vor Holzmangel die Veranlassung zu dieser Verbesserung des Waldes; so im 16. Jahr- 26 hundert und abermals im 18. in Deutschland, am Ende des vorigen auch in der Schweiz, heutzutage in Amerika. Diese Furcht treibt zu den abenteuerlichsten Maassregeln. Noch 1784 verbot bekanntlich Joseph II. den Gebrauch der Särge und verordnete, dass die Todten in Säcken begraben werden sollten. Unter den jetzigen Verkehrsverhältnissen ist diese Furcht vollends ungerechtfertigt; amerikanisches und australisches Holz findet seit Jahren Verwendung bei unserm Schiffsbau, nicht nur auf dem Meere, sondern auch auf den Schweizer-Seen; die Nordkantone der Schweiz beziehen ihren Holzbedarf aus deutschen Wäldern, die bis 200 Kilometer entfernt sind. Auf die Verhütung künftigen Holzmangels Beschränkungen der Waldbesitzer zu gründen hätte denselben Sinn, wie wenn man in einer kleinen Stadt den Häuserbau verbieten wollte, weil später das Quellwasser nicht mehr zureichen könnte. Die erwähnte Verbesserung der Waldwirthschaft geht vor sich, wie diejenige der Landwirtschaft. Der Waldbau ist, wie der Landbau, eine practische Kunst, welche von den einzelnen Besitzern heutzutage noch in allen Privatwäldem und, wo nicht die politischen Einrichtungen es verbieten, auch in den gemeinschaftlichen Wäldern geübt wird. Das eigentliche Forstpersonal wird erst notwendig, wo grösserer Besitz die Uebersicht erschwert und eine stellvertretende Mittelsperson für den Eigenthümer fordert. In den Landvogteien wurden zuerst die Bannwarte im 15. und 16. Jahrhundert eingeführt und die Landvögte mit der Aufsicht über die Waldwirthschaft betraut. Ohne die Säculari- sation gewaltiger Waldflächen seitens des Staates im 16. und im Anfang des 19. Jahrhunderts wäre wohl auch Deutschland nicht die Wiege der Forstwirtschaft und der Forstwissenschaft geworden. 27 Ursprünglich hat der Förster die rein polizeiliche Function, etwaige Uebergriffe der lebenden Generation auf Kosten der künftigen zu verhindern. ' Diese mitunter ja nothwendige Seite des Försterberufes erscheint vielfach noch als die wichtigste in Zeiten, in denen dem Forstmanne längst eine höhere Aufgabe zu Theil geworden ist. Diese besteht nicht in mechanischer Controle über die Einhaltung polizeilicher Vorschriften, sondern in der speciellen Leitung der Wirtschaft, der Anpassung derselben an die Bedürfnisse des Waldbesitzers, in der zweckmässigsten und vollkommensten Ausnützung der natürlichen Productionskräfte, in der Steigerung der Erträge, in der Vereinigung des Waldwirth- schaftsbetriebs mit den socialen Interessen verschiedener Länder und Zeiten. Diesen Anforderungen kann nur der Forstwirt mit wissenschaftlicher Bildung genügen, denn diese allein vermag ihn über den engherzigen polizeilichen Standpunkt hinauszuheben. Wo dieser herrscht, — und das ist noch in manchen für Dorf und Stadt massgebenden Kreisen der Fall — wird er nicht nur lästig empfunden, sondern immer einen Hemmschuh in der Entwickelung des Forstwesens bilden. Die Schweiz, als Ganzes betrachtet, erzieht ihren Holzbedarf bei weitem nicht selbst. Die dünnbevölkerten Ge- birgs- und die starkbewaldeten Westkantone unterhalten allerdings eine Holzausfuhr im Werth von 7 Millionen Franken, die Nordkantone dagegen führen für 9 Millionen Franken jährlich ein, so dass der Werth der Mehreinfuhr von Holz und zwar vorherrschend von Brennholz 2 Millionen Franken jährlich beträgt. Gewiss Grund genug für die Schweiz, der Holzzucht die grösste Aufmerksamkeit zu schenken und den Wald zu vermehren auf 28 den Stellen, die ohne ihn einen geringeren oder auch gar keinen Beitrag zum Volkseinkommen liefern, nicht etwa auf Kosten des Feldes, das eine 4 bis 7 mal höhere Rente gewährt und zahlreichen Händen Arbeit und Verdienst sichert. Angesichts der Thatsache, dass auch der grössere Theil der Lebensmittel eingeführt wird, und bei der Nothwendigkeit, dass eine zahlreiche Bevölkerung möglichst lohnende Beschäftigung finden soll, muss das Bestreben dahin gerichtet sein, die Waldfläche auf den gelängst möglichen Umfang zu beschränken und Waldformen einzuführen, welche die Verwerthung möglichst vieler Arbeitskraft gestatten. Dieser materielle Standpunkt, so sehr er im Laufe der Geschichte deutlich hervortritt, ist doch im Einzelnen nicht immer festgehalten worden. In manchem Thal und in mancher Ebene hat sich ein Waldstück erhalten, das im Sommer mit seinem satten Grün aus dem gelben Aehren- meere wie eine Oase sich abhebt, die Eintönigkeit des Stoppelfeldes und das Grau der Ackerfurchen mit seinem bunten Blätterschmuck im Herbste unterbricht. In der Umgebung volkreicher Städte — einem der am meisten bezeichnenden Merkmale vorgeschrittener Entwickelung eines Volkes — treffen wir vielfach grosse Wälder, die dem Städter körperliche Erholung und geistige Erfrischung gewähren. Selbst auf dem Lande, wo die Bevölkerung in den modernen Industriesälen die Woche über ihren Unterhalt erwirbt, beginnt wie in St. Immer der Wald mit Spazierwegen durchschnitten zu werden, damit der Arbeiter sich erholen und die gesundheitsschädliche Wirkung seiner Beschäftigung vermindern kann. Die Feriencolonien, die unsern schwachen Kleinen Stärkung der in der modernen Schule geschwächten Gesundheit bringen sollen, werden in 29 Waldgegenden verlegt. Die würzige Luft des Tannenforsts ist als heilkräftig täglich mehr gesucht. In seine majestätisch ruhigen Hallen flüchtet der Kaufherr vor dem Geräusche und der Aufregung des heutigen Erwerbslebens. Kurorte, wie Ragaz und Magglingen, halten einen grossen Wald für einen unentbehrlichen Bestandtheil ihrer Anlagen und erwerben ausgedehnte Waldflächen zu hygieinischem Zwecke. Und wir Städter selbst suchen durch unsere Alleen und schattigen Plätze ein Stück Waldes in unsere Mauern zu versetzen. Wir vermeinen kein Fest feiern zu können, selbst im tiefen Winter nicht, ohne dass das natürliche Grün des Tannenbaums auf einige Zeit uns dem alltäglichen Einerlei entreisst und in den stets neuen Wald uns versetzt. Die innige Verschmelzung der materiellen und idealen Interessen des Volkslebens sind ein Zeichen wahrer Cultur. Wo und so lange diese Harmonie auch in Bezug auf den Wald vorhanden ist, hat der Forstmann am wenigsten Ursache, dem Fortschreiten der Cultur zu grollen.