3&&3 tY 'cj(_ /$ 0 ? f i ' '^L/X-oust-dZeri üCe* <~^cXctm. Jft’ÄcZfiaL cu<_j/ *£it, Z^a£%ßö% 7 ", Lfe4cfu’ofl/LCt'cJt-L4 UstQ i^c^AMU^rti vf* ~j&,-fjjaltLOuri^ Jf- jöli ’^AoAAm. o 6 ul i/t eff. lÄ-rtAirnA&rLj frnn 7-^V- /// , < y~^fr^afrAcJ^ - £ uJUajUc ALi £j-ri**&Lj ‘J^i^y c ~ Ai- ,«^WortÄe«j Co- CftjmcJi /Z£,y~ßusUJ oU~T (zPuJßfguJL ^L^VT. ^^ TT er'L&ynXjJu) f>r^> ^ *'-PH t*r 4 W A* 9 ^ , -/2. "fnAcvz^t-SA*/ «rr>^ Jtr*. £ sAt*. cf/j^, y Jfö, H (ßHiH&rJr- Jhjt yP^a^uUtc&iL +«6-r J’cshX*^ (f-f 9 ttvnjä*b dÜA. ^t^votß $ 5 t£ 44 A*Ulf) Excursion & e e t i o n E li ä t i auf die Kliälikongcliirgc. m Chur, 1865. Druck von Braun & Jenny. L Geschichtliches nnd Excursion. Von IS. Szadrowsky. '*■**£' «r' ‘vir'* . • 5 f n i r 1 v*"5W 1 ^' S1k% J^' ; - -Trgyr „Der die Nalur durchforschen wil, der muss mit den Füssen jhre Bücher tretten. Die Geschrifft wird erforschet durch jhre Buchstaben, die Natur aber durch Iandt zu Iandt, als offt ein Landt, als offt ein Blat.“ Theophraslus Paracelsus. Ein solches Blatt im schönen Kranze der Schweizeralpen ist die Sulzfluh; und als ein Blatt in der reichen und vielseitig wissenschaftlichen Erforschung der Alpenwelt tritt unsere Broschüre in die Oeffentlichkeit und reiht sich auf diesem Gebiete bescheiden den allgemeinen vaterländischen Bestrebungen an, zunächst dem Schweizer-Alpen-Club in seiner Gesammtheit, von welchem wir eine Section bilden. Unsere spezielle Sections-Excursion richtete sich auf die Sulzfluh, dem östlichen Ausläufer des Rhätikongebirges. Die Veranlassung zu dieser Wahl gab in einer Sections-Sitzung im Februar 1864 Hr. Dr. E. Killias durch ein Referat über die Reisen von Dekan Lucius Pool und Pfarrer Catani in die Gebirge von St. Antonien, und den mehrmaligen Besuch der Höhlen an der Sulzfluh. *) Die interessanten Schil- *) Mitgetheilt im „Sammler“. Eine gemeinnützige Wochenschrift für Bünden — gewöhnlich der alte Sammler genannt, im Gegensätze zur ersten Fortsetzung: der neue Sammler, welcher im Jahre 1805 erschien, nachdem jener 1784 wegen Mangel an Theilnahme aufhörte zu erscheinen. Die betreffenden Aufsatze finden sich im 6. Bande vom Jahre 1784. 6 derungen von den mannigfaltigen Bildungen und Verzweigungen der Höhlen riefen bei den Sectionsmitgliedern den Beschluss hervor, die Höhlen zu besuchen und diesen Besuch als eine Sections-Excursion auszuführen. Die Tage des 9., 10. und 11. Septembers 1864 brachten den Beschluss zur Wirklichkeit. Freitag 9. September Morgens 8 Uhr fuhren die Churer Glubisten mit dem Bahnzuge ab. Ihr Aeusseres Hess keinen Zweifel zu, um was es sich handle. Der Inhalt der Bergtaschen vermochte noch grösseren Aufschluss zu geben. Einige hatten das Buffet des Hm. Largiader zur Post an Salami und hartgesottenen Eiern arg geplündert. Item: als dar Eisenbahnzug gen Zizers rauschte, mochte ein Jeder das wohlthuende Gefühl haben, dass er nicht in die trostlose Lage komme wie weiland die Israeliten in der Wüste. Auch für den Moysisstab war in Küblis und St. Antonien gesorgt. Und da vollends die Sonne so freundlich lachte, als es in dem wölken- und regenreichen Sommer 1864 nur immer möglich war, so hatten wir allen Grund, fidel zu sein. Unsere Mitreisenden freuten sich unserer Lustigkeit, und Mancher mochte uns beneiden. In Zizers stiegen Dr. Amstein und zwei Gäste für die Excursion ein, und nun gings der Endstation Landquart zu. Hier wurde die Dampfkraft von vier Pferdekräften abgelöst : ein Omnibus und ein bequemer Zweispänner nahm die Clubisten auf und beförderte sie nach Küblis. Nur Hr. Coaz blieb auf der Station Landquart zurück, um den untern Eisenbahnzug abzuwarten, der die Gäste der eingeladenen Sectionen St. Gallen, Zürich und Glarus zu bringen hatte, und folgte dann mit den Ankommenden per Post nach. Es war im Prätigau bekannt geworden, dass „Churer Stadtherren“ für heute ins Thal kommen, und desshalb fehlte es in den Dörfern nicht an Neugierigen und Grüssen- 7 i den, und unsere Fahrt bot manches humoristische Intermezzo. Die fröhlichen Insassen des Omnibus versäumten auch keine Gelegenheit, schönen Prätigäuerinnen den Tribut der Anerkennung und Bewunderung möglichst kräftig vielstimmig auszudrücken, wobei der auf dem Bocke Sitzende im Zwilchkittel und mit der grossen Bergflasche gewisser- massen einen ästhetischen Wachtposten versah und getreulich signalisirte, sein Amt aber nicht immer mit kritischer Strenge übte. So zogen wir unter Scherz und blühender Heiterkeit im schönen Prätigau weiter. An der Landquartbrücke, oberhalb Sehiers, erfreute uns das Motto, welches die nördliche Einfahrt ziert: Höhen und Tiefen ebnet die Zeit; aber sie bleibet. Versteh sie und schaffe. Es kam zur rechten Stunde — ein schönes Stück Schaffen stund auch uns bevor. Also weiter in Eile. Bereits hatte auch die Sonne Andeutungen gegeben, wie sie es mit ihren wohlthätigen Strahlen zu halten gedenke, wenn wir bei Küblis aufwärts steigen an der Halde. Der auf dem Kutschersitze referirte durch die Fensterlücken in den Omnibus, dass ihm die Sonne schon „wacker auf den ! Pelz brenne“. Damit wollte er nur sagen, dass die Regenwettergötter sammt ihren Propheten Butterstein und Ma- thieu de la Drome vermuthlich an diesem Tage auch irgend r ein extravagantes Unternehmen ausgeführt haben mochten und die lenkenden Zügel aus der Hand gaben, denn der Himmel war schön, eine tiefblaue Decke wölbte sich über uns, alle grämlichen Wolkengesichter waren verschwunden. Nur einzelne kleine Wölklein schlichen in grösster Gemäch- t lichkeit um die Bergspitzen, sichtlich wohlig, dass endlich ^ ein Tag gekommen, der ihnen, den Kleinen aus dem Ma- 8 thieu-Butt erstem Gebiet, auch wieder eine Bewegung gestattete. Andere hingen schon in malerischen Formen regungslos an den Bergspitzen und dekorirten den im vollen Sonnenglanze thronenden Aufbau der Hochgebirgswelt. Es waren ihrer zwar viele, aber der Bergkundige weiss, dass diese „Kleinen“ nicht gefährlich sind. Somit blieb unsere Freude ungetrübt, und der allseitig gute Humor entwickelte sich immer mehr nach Quantität und Qualität. Schallendes Gelächter bezeugte den guten Fluss der gemüthlichen Unterhaltung. Unterdessen war der auf dem Kutschersitze ebenfalls nicht unthätig. Nebst dem Genüsse in der Anschauung der schönen Umgebung lenkte er auch seine Studien unter die Wetterdecke des Omnibus und kramte in den Geheimnissen der Bergtasche — es dürften vielleicht auch Bergtaschen gewesen sein, die festgeschnürte Wetterdecke Hess wohl keine ganz genaue Unterscheidung zu. — Als unterwegs einige Clubisten die baldige Erreichung der Endstation Küblis und damit auch die Mittagstafel erwünschten, meinte der Zwilchkittier: er vermöge es noch lange auszuhalten. Endlich war Küblis erreicht. Vor Hrn. Caspars Hotel „Zur Post“ hielt der Omnibus, die Insassen desselben stäubten den Strassenstaub von sich und nun rumpelte der ganze Haufen unter dröhnendem Bergschuhtritt hinauf in das grosse Gastzimmer. Von diesem wurde im vollen Sinne des Wortes Besitz genommen : Bergtaschen, Flaschen, Stöcke, Stricke, Lampen, Messinstrumente, Fackeln, Ueberzieher, Shwals u. s. w. lagen auf Tischen und Stühlen umher, oder fanden auf dem Fussboden Platz. Es sah recht montanistisch aus. Inmitten dieser grossen Aufstappelung stand die gedeckte Tafel, der Gegenstand der Sehnsucht manches hungrigen Magens. Nur der Zwilchkittier schritt einstweilen noch theilnamslos an derselben vorüber. i i I i { > 4 : 9 Nicht lange nach unserer Ankunft ertönte von einigen Clubisten von der Strasse herauf ein Halloh. Schnell an die Fenster! Auch von hier hinunter alsbald kräftige Hailohs — Herr Peter Ben er, welcher in Davos, namentlich im berühmten Rathhausstübchen, eine gründlich durchgeführte Villegiatura machte, war von dort her angekommen, um an der Excursion theilzunehmen. Also wieder ein urfideles Haus mehr. Endlich rückte auch die Post nach und Herr Coaz brachte zwei Gäste aus den Sectionen St. Gallen und Zürich. Die Sektion Tödi (Glarus) hatte sich vorher schon durch ihren Präsidenten entschuldigen lassen. *) Nun waren wir beisammen so viel ihrer kommen wollten und erwartet werden konnten, und nun gings an die Befriedigung der drängenden Magengeister, wobei jedoch auch der Zwilchkittier durchaus nicht zu den Letzten gehörte. Die Mittagstafel zeigte folgenden Personalbestand für die Excursion: *) Wir müssen hier bemerken, dass die Excursion schon einmal festgesetzt war auf die Tage des 2., 3. und 4. Juli. Für damals war aus den Sektionen Glarus, Zürich und namentlich von St. Gallen eine zahlreiche Betheiligung zu erwarten. Jedoch am Freitag den 1. Juli trat ein so ungestümes Regenwetter ein, dass unter diesen Umstanden an die bczeichneten Orte die Einstellung der Excursion telegraphisch gemeldet werden musste. Kur zwei Mitglieder der Section Zürich, die Herren J. Krauer und J. Oberholzer in Wald konnten von der Depesche, die nach Zürich ging, keine Kenntniss mehr erhalten, verreisten am Samstag nach Kiiblis, weil das Wetter sich wieder besser gestaltete, und meldeten ihre Anwesenheit telegraphisch der Section Rhiitia. Da der Sonntag wider alles Erwarten schon war, bestiegen die beiden Herren mit Christen Flütsch als Führer die Sulzfluh, und hatten das Glück, bei einem fast wolkenlosen Himmel die Hochgebirgsansicht geniessen zu können. Spater besuchten sie noch die Höhlen. Wir fanden an beiden Orten die Wahrzeichen ihrer Anwesenheit. Hatten wir sie in Chur beneidet um diesen Tag, und zugleich auch bedauert, dass wir die Excursion aufgegeben so 10 a. Aus der Section Rhätia: HH. J. C o a z, Kantonsforstinspektor (Präsident der Section). Gr. Theobald, -Prof, der Geologie an der Kantonsschule. Dr. G. Amstein, Bezirksarzt, von Zizers. Peter Bener (Cassier der Section). Christ. Bener, Hauptmann. J. Bühl er, Major. Dr. jur. Carl Ca- viezel. Alph. Escher, Mechaniker. Leonh. Hitz, Buchhändler. C. v. Jek 1 in, Hauptmann. Gust. Kellenberg er, Buchhändler. J. Schönecker, Apotheker; und H. Szadrows ky, Direktor des Churer Männerchors (Se- cretär der Section). b, Eingeladeue: HH. D i e t r. v. J e k 1 i n , von Zizers. Id. Köder, Stud. philolog., von Hanau. II i e r o n. v. S a 1 i s, Polytechniker, von Chur. J. Severin, Stud. phil., von Dresden. M. Tschumpert, Pfarrer von Haldenstein; und A. Walther, von Chur. c. Aus der Section St. Gallen* *) als Gast: Herr August Vinnassa-Vinnassa, von St. Gallen. d. Aus der Section Zürich, als Gast: Herr J. C. Hamberger-Huber, von Zürich. waren wir schon Sonntags Abend um desto getroster — Jupiter Plu- vius schüttelte sein Haupt wieder gewaltig. *) Leider mussten wir aus dieser Section die Herren Dr. Fried, v. Tschudi, Iwan v. Tschudi, J. Weilen mann, G. Sand n A. vermissen, indem anderweitige Abhaltungen ihre Theilnahme an der Excursion nicht zuliess. Dagegen überliessen sie uns eine Anzahl Fackeln zur Untersuchung der Höhlen, wofür wir ihnen den besten Dank aussprechen. 11 In Summa: 21 Excursirende. *) Nachdem das Präsidium die gemüthliche Mittagstafel für beendet erklärt hatte, begann ein reges Leben. Ein Saumross wurde mit einem Theile der Effekten, mit den Fackeln, Laternen, Stricken, Messinstrument und ganz besonders noch mit weiteren „Nährgegenständen“ bepackt und schlug den Weg über Luzein nach St. Antonien ein. Unsere Clubisten vervollständigten noch das Inventar ihrer Bergtaschen, wobei das vorzügliche Rauchfleisch, das Hr. Caspar bot, eine grosse Abnahme fand, und dann gings hinaus und der unmittelbar bei Küblis aufsteigenden Halde zu, diesseits des Dalvazzerbaehes. Von hier an erhielt die Excur- sion erst die clubmässige Physiognomie. Bis hieher lebten und bewegten wir uns nur in den behäbigsten Dingen des Tieflandes, ohne alle und jede Anstrengung, wenn nicht etwa Hrn. Caspars vortreffliche Mittagstafel, die uns etwas viel zumuthete, als ein gewisser Anfang der Strapatzen bezeichnet werden will oder kann. Die Seufzer kamen hintennach. Als wir wacker an der Halde gegen Telfsch aufwärts stiegen, da keuchten Einige in der Sonnenhitze nicht wenig und fühlten die Folgen der Mittagstafel allzusehr. Auch der Zwilchkittier meinte, dass er für den steilen Weg zu dieser Sonnenzeit — es war gegen 2 Uhr — dem famossen Sauerkraut und Speck doch zu grosse Aufmerksamkeit gewidmet habe. Er war jedoch nicht der einzige Geplagte. Bald mässigten alle ihre Schritte, und an schattigen Orten hinter den Gaden suchten einzelne Gruppen die Fetzen der gewohnten, heute arg zerrissenen *) Unmöglich können und dürfen wir einen Theilnehmer der Ex- cursion vergessen, der uns viel Spass machte und alle Strapatzen mit uns ertrug, nämlich den Hund des Hrn. Major Buhler, den freundlichen „humps“, welcher die Excursion mitmachle und von uns als eine eigene Species — Canis glacialis, ületscherpintscher — bezeichnet wurde. 12 Verdauungsruhe auf einige Augenblicke zusammenzuhalten. Siebzehn Grad Luftwärme zeigte das Thermometer Reaumur! Nun, geneigter Leser! magst du an dir selbst ermessen, wie sehr du gekeucht haben würdest, hättest du z. B. mit dem Zwilchkittier — — — — —. Wir sind zwar Berichterstatter, aber was an der untern Ecke des Tisches vorging, dürfen wir am allerwenigsten ausplaudern, wir stehen zu intim mit dem Zwilchkittier. Trotz Sonnenhitze, trotz anziehenden kühlen Lagerplätzen rückten wir doch immer wieder weiter und kamen endlich auf die Höhe vom Weiler Telfsch, 1065 Meter. Am Wege dahin und bis hinauf zum Waldessaume liegen Gesteinstrümmer, die ursprünglich einer andern Ge- birgslokalität angehörten. Es sind erratische Blöcke, sie haben die Uebertragung hieher' auf Gletscherrücken gefunden und blieben hier liegen als Zeugen von Naturverhältnissen, die nun nicht mehr existiren, — als Spuren einer Zeit, in welcher der Boden, den heute unser Fuss betritt, dem Lichte der Sonne noch nicht blos gelegt war. Das erratische Gestein stammt vom Selvrettagebirg, ist Gneiss, besonders der prächtige, schimmernde Normalgneiss, und ist in ziemlicher Menge vorhanden, theils in grossen Blöcken, theils haben die Hirten den Gneiss als Baumaterial für ihre Häuser und zu den Mauern der Höfe benutzt. Der Freund der Mineralogie findet hier Gelegenheit, seine Sammlung um einige schöne Stücke zu bereichern. Die Höhe von Telfsch bietet schon einen hübschen Ueberblick des Prätigaus bis zurück zu den Wäldern von Valzeina, und lässt auch den nördlichen Abhang der massigen Hochwangkette überschauen. Links von Telfsch, am Abhange des- geschluchteten Dalvazzerbaches, erhebt sich zwischen Bäumen eine Ruine, Santsch genannt. Sie ist gut 13 erhalten. Wir forschten vergebens nach der Geschichte dieser alten Burg. Drüben, jenseits der Schlucht liegt auf einer sonnigen Halde Luzein. Wir können an diesem Orte nicht vorüber, ohne des Mannes zu gedenken, dessen Schriften über die Gebirge von St. Antonien die Veranlassung waren zu unserer heutigen Excursion — Dekan Lucius Pool. Am 15. (27. a. K.) März 1754 zu St. Moritz geboren, verlebte er die zehn ersten Lebensjahre in dem schönen Oberengadin, trieb sich gerne in den Bergen herum, und fand seine grösste Freude daran, Blumen zu suchen.*) Damit mochte wohl der Grund zu seinem spätem verdienstvollen Wirken auf dem Gebiete der Naturforschung gelegt worden sein. Nachher wurde er von seiner Mutter, die ihn zum geistlichen Stande bestimmte, dem Unterrichte des damals als Erzieher und Lehrer grosses Zutrauen geniessenden Pfarrer Lucas Bansi zu Ponte und Camogask anvertraut, — begleitete ihn nach Neuwied, wohin Bansi 1769 durch einen Freund berufen worden war, — kehrte im folgenden Jahre mit ihm nach Bünden zurück, besuchte die von ihm in Schiers gegründete Schule, wo er zugleich vom Ortspfarrer Simon Caspescha einige Anleitung in der Botanik erhielt, — und folgte ihm, an seine Familie und namentlich an seinen Sohn Heinrich attachirt, auch noch nach Fläsch, wohin Bansi Ende 1770 als Pfarrer berufen worden war. Nachdem so Pool bis in sein neunzehntes Jahr vorbereitenden Unterricht zu seinem künftigen Berufe erhalten hatte, wünschte er denselben auswärts auf einer Universität zu ergänzen; aber, da damals in Bünden, in Folge der Hun- gersnoth und Epidemie von 1771, viele Kirchgemeinden *) Wir entnehmen diese biographische Skizze dem Werke: „Biographien zur Kulturgeschichte der Schweiz. Von Dr. R. Wolf, Professor der Astronomie in Zürich.“ (Dritter Cyclus, 1860.) 14 ganz verwaist waren, so wurde ihm so zugesetzt, sich, ob j schon ihm noch 4 Jahre zum gesetzlichen Alter fehlten, zur theologischen Prüfung zu melden, dass er nicht länger widerstehen konnte, und dann wirklich noch 1772 auf der Synode in Zuz in dieselbe „aus Mangel an Predigern eingeschoben“ wurde. Das Loos wies Pool nach Schuders, einem im Prätigau hoch über Schiers gelegenen Bergdörfchen, wo er anfänglich ganz vergnügt war, die Naturschönheiten seiner Umgebung in vollen Zügen genoss, und, theils in erneuertem Umgänge mit Gaspescha, theils durch die Bekanntschaft mit dem älteren Dr. Amstein, einem vortrefflichen Naturforscher, seine botanischen Studien fortsetzte, — dann aber immer mehr seine ungenügende Vorbildung zum Pfarrdienste, seine Einsamkeit und den Mangel aller wissenschaftlichen Hülfsmittel fühlte. „Nein, länger hälst du mich nicht mehr, du Stätte voller Jammer!“ schrieb er in das Kirchenbuch von Schuders, und verliess den Ort 1775, um in Cellerina hei seiner Mutter zu privatisiren. Dort fand er den frommen und beredten Pfarrer Johannes Frizzoni, dessen Umgang und kirchliche Vorträge sehr gut auf ihn einwirkten, so dass er im folgenden Jahre ganz gehoben an die Synode zu Fideris ging und bei dieser Gelegenheit zu Luzein mit so viel Beifall predigte, dass er 1777 als Pfarrer dahin berufen wurde. In dieser Gemeinde fand er eine schöne amtliche Wirksamkeit, — hatte überdies vielfache Gelegenheit mit dem schon genannten Dr. Amstein, dem Pfarrer Catani zu St. Antonien, dem Landammann Gujan zu Saas, (Botaniker) und andern gebildeten Männern zu verkehren, — und vereinigte sich mit diesen Freunden zur Herausgabe einer gemeinnützigen Monatschrift, des s. g. Sammlers, sowie zur Gründung einer Lesegesellschaft. *) • *) Von diesem Sammler, dessen vollständigen Titel wir oben Eine der liebsten Erholung Pools, der neben der Botanik nun auch Entomologie trieb, war es, im Sommer bald allein, bald in Gesellschaft eines guten Freundes, Berg und Thal zu durchwandern, den Schätzen der Natur nachzuforschen, und gleichzeitig Land und Leute kennen zu lernen. Die noch vorhandenen Tagebücher über einzelne dieser Reisen in den Jahren 1782 bis 1788, sowie seine 1784 von der landwirthschaftlichen Gesellschaft Bündens mit einem Preise bedachte, im 6. Bande des Sammlers abgedruckte Abhandlung „Etwas zur Beantwortung der Frage: welches sind die vornehmsten auf den Alpen wachsenden guten und schädlichen Pflanzen“, zeigen, wie gut er dieselben für die genannten Zwecke benutzte, — und die wiederholt von ihm oder Catani im Sammler publizirten Reisebemerkungen, die sich auf fast alle Theile des Kantons erstreckten, klärten über manche Verhältnisse und Eigen- thümlichkeiten, sowie über die Flora des damals noch so wenig bekannten Landes auf. Im September 1785 machte er in Zürich die Bekanntschaft von Johann Kaspar Füssli, dessen Entomologische Bibliothek sowohl, als auch seine schätzbaren Sammlungen ihm imponirten, wie er auch „in der mündlichen Unterredung manchen Kunstgriff zur Sammlung und Versorgung der Insekten erlernte“. Diese Reise vermittelte auch die später für ihn so wichtig gewordene Befreundung mit Schellenberg und Clairville in Winterthur. Eine andere im Juli 1788 auf den Badus (Six Madun) im Bündner Oberlande und den Gotthard unternommene S. 2 schon gegeben haben, sind nur 6 Bände erschienen, welche die Jahre 1777 bis 1784 betreffen. Er ist sehr selten geworden, enthält eine Reihe vortrefflicher Aufsätze über Graubünden in topographischer, orographischer, botanischer, zoologischer, entoinologischer, etj mologischer u. a. Beziehung. Besonders Pool und Catani waren fleissige Mitarbeiter. 16 Reise führte Pool in Dissentis mit Placidus a Spescha zusammen. Er war sehr vergnügt über diese Bekanntschaft. Im Winter ordnete Pool die gesammelten Materialien für seine eigene Sammlung und den sich nach und nach anbahnenden Tauschverkehr, durch welchen er, da er viel Seltenes und manche werthvolle Notiz mittheilen konnte, bei in- und ausländischen Botanikern und Entomologen immer grössere Geltung erhielt. Nebenbei suchte er sich sonst noch gemeinnützig zu bethätigen, — schrieb so z. B. 1778 eine „Grammatik für das Engadin zur Erlärnung der deutschen Sprache“, die er im Selbstverläge herausgab, und nahm sich seiner Gemeinde so treulich thätig an, dass er von ihr mit dem Bürgerrechte beschenkt wurde. Ursprünglich war er bürgerlich in Malix. Im Jahre 1787 verehelichte sich Pool und führte nun in Luzein ein vergnügliches Stillleben, bis 1790, wie durch einen Donnerschlag aus hellem Himmel, die Ruhe plötzlich gestört wurde: die evangelische Synode liess sich nämlich in jenem Jahre verleiten, die Gemeinden durch eine Art von Interdikt zur Vermehrung der allerdings sehr kärglichen Pfrundbesoldung bis auf 400 Bündnergulden zwingen zu wollen; dies ging sehr übel an, ja die meisten Gemeinden entliessen ihre Geistlichen, sofern sie an dem Beschlüsse der Synode festhalten wollten, — und so wurde auch Pool, der sich gebunden glaubte, trotz dem frühem Verhältnisse, von seiner Pfarrei verstossen. Er lebte hierauf in Luzein als Privatmann, mit Gartenbau und Feldarbeit beschäftigt, bis er 1792 einen Ruf nach dem unterhalb Maienfeld liegenden Fläsch erhielt, wo ihm nun wieder einige ruhige Jahre vergönnt waren. Bald hatte er sich da im Steingeröll einer Rüfe ein kleines Gärtchen angelegt, in welchem er theils Alpenpflanzen, theils mit Hülfe erhaltener Sämereien ausländische Gewächse zog, — und freute sich Be- 17 Suchern erzählen zu können, dass ausser der Thüre und ihrem Schlosse Alles das Werk seiner Hände sei. Auch seine Alpenreisen hatten jetzt wieder ihren Fortgang, und damit auch seine Sammlungen. Einer seiner Lieblingspläne war, eine Geographie Bündens zu schreiben. Allein es gebrach ihm hiezu an Zeit und — Mittel. Auch die Mühe, welche sich Pool um Verbesserung der Schulen Bündens gab, obschon er sogar so weit ging, 1797 zu Erstellung billiger Schulbücher in Malans eine eigene Buchdruckerei zu errichten, hatte wenig Erfolg, — und wohl wäre er missmuthig geworden, hätte ihn nicht ein fortwährender lebhafter Verkehr mit Clairville und Schellenberg, die er wiederholt in Winterthur besuchte, immer wieder etwas aufgerichtet. Jedoch auch am stillen Pfarrhause zu Flasch sollte das Unglück nicht vorübergehen. Im Oktober 1798 besetzten die Oestreicher seine Gelände, und im März 1799 kamen die französischen Truppen um sie zu verjagen; es gelang ihnen für den Moment, und erbost darüber, dass sich die Einwohner von Fläsch an die Kaiserlichen angeschlossen hatten, schworen sie dem Dorfe Plünderung und Vernichtung. Zwar gelang es Pool durch Verwendung bei dem Anführer, dieses Aeusserste abzuwenden, und auch nach dem Einzuge der erbitterten Krieger in das Dorf mancher Gewaltthat zu wehren; aber alles konnte er nicht verhindern, und so wurde z. B. während er seine Pfarrkinder als Dolmetscher und Vermittler zu schützen suchte, sein eigenes Haus beraubt, und seine Familie in Schrecken und Noth versetzt. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Pool war nichts weniger als ein Freund der Franzosen; dagegen hatte er auf seinen Reisen gefunden, dass Bünden in Wissenschaft, Industrie und Landwirthschaft weit hinter andern Kantonen zurückstehe, und etwa geäussert, dass er eine engere Ver- 2 18 bindung Rhätiens mit der Schweiz für wünschbar halten würde. Dies genügte, um ihn als einen Anhänger der Revolution zu verdächtigen, und die Folge war, dass er am 20. Mai 1799, als er von einem Ausfluge ins Prätigau nach Hause zurückkehren wollte, bei Maienfeld von österreichischen Soldaten aufgegriffen, und, ohne Verhör, als Geissei über die Luziensteig abgeführt wurde, — ein Schicksal, welches damals bei 140 der angesehensten Bündner mit ihm theilten. Pool fasste sich mit wahrhafter Ergebung, und benutzte seinen unfreiwilligen Aufenthalt in Innsbruck und Grätz wie kein anderer seiner Leidensgenossen, zu seiner Ausbildung. Briefe, akademische Zeugnisse und Collegien- hefte zeigen, dass er damals Vorträge über Botanik, Thierarzneikunde, Medizin, Physiologie, Mechanik, Wasserbau etc. hörte, betreffende Examina rühmlich bestand, und auch sonst keinen Anlass unbenutzt liess Kenntnisse zu sammeln, durch die er später hoffen konnte, seinem Vaterlande nützlich zu werden. Dagegen trat keine Klage über seine Lippen, — nicht einmal, als ihm seine Frau anzeigen musste, dass ihn die undankbaren Fläscher von der Pfarrei verstossen, und sie das Haus räumen müsse. Erst im Frühjahr 1801 konnte er nach Bünden zurückkehren, reicher an Erfahrungen und Kenntnissen. Die erste Zeit brachte er mit seiner Familie auf dem kleinen Gütchen zu, das er noch aus früherer Zeit zu Luzein besass, unterrichtete seine Kinder, schrieb die gesammelten Collegien- hefte ins Reine etc. Dann unternahm er eine Reise nach Neuwied, wo seine Schwester Margaretha sich schon seit 10 Jahren bei der Brüdergemeinde aufhielt, — fand dort, obschon er sich nie an jene Gemeinde anschloss, die beste Aufnahme, wurde aufgefordert, die reformirte Stadtpredigerstelle und einigen Unterricht an dem Schellenberg’schen Institute zu übernehmen, hatte auch bei der fürstlichen 19 Familie Zutritt, und gab der Prinzessin Louisa Unterricht in der italienischen Sprache und Literatur. Trotz diesen angenehmen Verhältnissen entschloss sich doch Pool im Jahre 1803 aus Liebe zur Heimath einem Rufe der Gemeinde Malix zu folgen, die er aber schon ein Jahr später wieder gegen sein liebes Luzein vertauschte, wo er nun neuerdings eine Reihe von Jahren als Pfarrer und Dekan ruhig und segensreich wirkte und zugleich seine Besitzungen erweitern und bebauen konnte. Auch die naturhistorischen Reisen und Arbeiten, und der Verkehr mit Clairville und Schellenberg erhielt neues Leben, — die früher in Malans aufgestellte Druckerpresse wurde nach Luzein verpflanzt und lieferte Ideen zur Pterologie der Insekten, mehrere Jahrgänge des neuen Sammlers, sowie eine Reihe von Katechismen, Gebetbüchern, Blumenlesen etc., — die erworbenen medicinischen Kenntnisse gaben Gelegenheit manchem Kranken als rettender Engel zur Seite zu stehen, für Verbreitung der Schutzblattern zu wirken, und manche Impfung selbst vorzunehmen. Was aber Pool während jenen am anhaltendsten beschäftigte, war die Einwuhrung der wilden Landquart, die namentlich von Schiers abwärts wiederholt grossen Schaden angerichtet hatte. Schon 1786 hatte er dem altern Dr. Amstein eine schriftliche Arbeit darüber vorgelegt, nachher die Sache immer im Auge behalten, und namentlich desswegen in Innsbruck die bereits erwähnten Vorlesungen über Wasserbau und speziell Faschinenbau, angehört. Wieder in die Heimath zurückgekehrt, setzte sich Pool zunächst mit der Gemeinde Schiers ms Einverständniss, und übernahm gegen gewisse Landabtretungen und Leistungen die Aufgabe, der Landquart ein Bett anzuweisen und ihre Ufer zu befestigen. Dann begann er sein Werk und setzte es Jahre lang mit einer an Escher von der Linth erinnernden Opferfreudigkeit muthig 20 fort, so häufig ihm auch das wilde Wasser wieder alles zu zerstören drohte, und so wenig Unterstützungen er bei den Meisten fand, auf deren Gemeinnützigkeit er ursprünglich gerechnet hatte. Wenn Pool mit seinen Eindämmungswerken nicht das erreichte, was er wollte — sagt sein früherer Biograph,*) — so hat er doch jedenfalls durch seine Ausdauer und Erfahrungen die Anwohner belehrt, wie sie allmählig nicht nur gegen die Verwüstungen der Landquart sich sicher stellen, sondern auch ihren Baub durch Benutzung der fruchtbaren Anschwemmungen wieder ersetzen können. Und wir sehen heutigen Tages die Bewohner von Schiers auf dem Steinfelde in diesen Anschwemmungen neue Aecker anlegen und dadurch einen Anfang gemacht, diese Fläche der Verwüstung in nutzbares Land umzuwandeln. Pool fand, bei allem Misslingen, einzig im Bewusstsein edler That schon seinen Lohn: „Sterbe ich ehe ich Nutzen erlebe, so sage man: in arduis et voluisse sat est, und die Nachwelt kann fortfahren, — wenn sie will.“ Sie hat fortgefahren, wenn auch spät und noch nicht durchgreifend genug. Was er gewünscht, etwas Bleibendes, Gründliches für’s Vaterland zu wirken, das sucht endlich die Vereinigung zerstreuter Kräfte zu erzielen: den Kampf des ordnenden Geistes gegen die Naturgewalt. Im Jahre 1814 entschloss sich Pool seine Pfarrstelle in Luzein niederzulegen, um seine alten Tage in Buhe auf seinem Gute zu verleben, übernahm aber doch wieder, um seinen Mitbürgern nützlich zu sein, die Funktionen eines Gemeindevogtes, — und später auf vielfaches Zureden seiner Freunde die nahe Pfarrei Fideris. Zur Erholung ordnete er seine reichen Sammlungen, pflegte mit Naturforschern ') Bündnerigches Volksblatt. Vierter Jahrg. 1832. S. 352. 21 in der Nähe und Ferne wissenschaftlichen Verkehr, besuchte noch mit grossem Interesse die Versammlungen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft 1817 in Zürich, 1819 in St. Gallen, wo er mit Jurine, De Candolle u. A. bekannt wurde, nahm 1825 regen Antheil an der Gründung der gegenwärtig noch bestehenden strebsamen und durch ihre Leistungen im In- und Ausland sehr geschätzten Naturforschenden Gesellschaft Graubündens, und blieb überhaupt für Naturforschung in ungeschwächtem Eifer und Interesse thätig bis an sein Lebensende. Bezeichnend für sein ganzes Schaffen ist seine ablehnende Beantwortung der Einladung zur Naturforscher-Versamm- lung zu Basel, 1821: „Nahe an den Pforten der Ewigkeit hat meine grenzenlose Freude an den Herrlichkeiten der Natur, für welche mir mein Schöpfer schon in den frühen Jugendjahren ein offenes Auge, eine emsige Lernbegierde, und ein fühlendes Herz gegeben hrt, nicht nur nicht abgenommen, sondern sich neu vermehrt, — und dieser immer steigende Durst meines Geistes nach sicherer Kenntniss seiner Werke wird er mir beim Zusammenstürzen meiner sterblichen Hülle nicht unbefriedigt lassen, — diess traue ich dem zu, der mir alles in allem ist und es ewig sein wird.“ Endlich rückte auch für ihn die Stunde des Scheidens aus einem reichen Leben heran. Am 2. Dezember 1828 (in seinem 75. Lebensjahre) schloss sich der sonst so beredte Mund für immer, und die sterbliche Hülle fand ihre Ruhe in Fideris. Unermüdlich thätig war er für Landeskunde, für Naturwissenschaft, für Landbau, für Bewältigung der zerstörenden Naturgewalten, für Verbreitunng der Schutzpocken, für Gesang und Schulwesen, für die Nationalerziehung, für alles Gemeinnützige, Ordnungsvolle und für sittlich-wissenschaft- 22 liehe Hebung in Kirche und Gemeinwesen; er war nicht blos ein kalter Botaniker, Geograph, Geognost oder Ento- molog: er war ein stiller, sinnreicher Forscher, gemüth- licher Verehrer und frommer Priester Gottes in seinem grossen Tempel, der in tiefem heiligen Schauen die reiche Welt des Lebens und aus allen Bildungen der Natur die Wunder ihrer Mannigfaltigkeit und die Tiefe ihrer Geheimnisse zu vernehmen bemüht war. Sein Leben jjnjJ Streben charakterisirt sein Wahlspruch: „Alle Freunde der Natur sind auch gute Menschen * „Wer baik SiciXclu schöner Wald! aufgebaut so hoch da droben“'‘ raiRmwS'^Mendelssolm’s kräftiges Lied dem schönen Bergwalde zu, den^vir nun betraten. Die Freude über den „schattigen Wald“ ausserte sich unverhohlen und Jeder nach seiner Weise genoss seine Kühle. Hier hatte eine Gruppe beim Brunnen Platz genommen, dort streckten ein paar Beine behaglich im Grase — — Andere aber gingen vorwärts, entfernten sich von der allgemeinop Gesellschaft, — der erste Unstern drohte nicht blos, er leuch- •tete sogar recht dämonisch über uns. . Weiter in der Waldestiefe gabelt sich der Weg; die eine Richtung, eine Abzweigung nach rechts, führt in die Höhe, der eigentliche Hauptweg senkt sich links etwas in die Tiefe, ist weniger betreten und könnte gegenüber dem stark betretenen oberen Weg eher für einen Nebenweg gehalten werden. Die allgemeine Regel, dass in zweifelhaften Fällen der stark betretene Weg gewählt werden müsse, wird hier vollständig in die Luft geschlagen. An diesem „Kreuzwege“ aber sass ein neckender Kobold und verführte den grössten Theil der Gesellschaft. 23 Die Vorausgeeilten nämlich, am Gabelweg angekommen, waren nicht lange im Zweifel, den stark betretenen Pfad zur Rechten zu wählen, — andere Nachkommende folgten ihren Spuren. Nur die Herren Coaz, Theobald und einige Wenige Hessen sich von den Spässen des Koboldes am Kreuzwege nicht beirren, gingen ruhig den untern scheinbar falschen Pfad, und kamen bald hinaus auf eine offene Grasfläche. Und die Andern? Der Kobold verstand seine Verführungskünste gut und hatte sich an der geeignetsten Stelle postirt. Der obere Pfad ist nur ein s. g. Holzweg und verläuft oben an einer steilen Felswand. Schon nach etwa hundert Schritten mussten wir gefällte riesige Baumstämme überklettern. Das hätte uns — der Zwilchkittier war nämlich auch dabei — wohl die Augen öffnen können, dass dieser Pfad nur ein Holzweg und keinesfalls der gewöhnliche St. Antönierweg, mit Hindernissen, die sich je länger je mehr häuften. Aber der Kobold musste nun einmal sein boshaftes Spiel zu Ende führen. So sehr auch der Apotheker eiferte, so sehr der Zwilchkittier brummte und zur Rückkehr rief — nichts da, vorwärts, hiess es, und dem Verhängniss blindlings in die Arme. Schweisstriefend überstiegen wir bald einzelne, bald gehäufte Baumstämme, stiefelten über kleinere und grössere Tannenreiserhaufen, wobei bald Dieser, bald Jener hängen blieb und in stiller Wuth sich zu lösen suchte, — dann gings zur Abwechslung bis an die Knöchel im Koth, — dann begann das Spiel wieder von Neuem. Immer schwieriger wurde der Pfad, immer bedenklicher wurden die Gesichter, immer höher führte die eingeschlagene Richtung. Nun schien der Kobold des Spiels genug zu haben, er zog die Nebelkappe von unsern Augen und damit kehrte auch der gesunde Menschenverstand wieder. Das erste Regungs- 24 Zeichen des wieder erlangten normalen Bewusstseins war eine pneumatische Thätigkeit, — wir begannen zu rufen und der Zwilchkittier blies bausbackig die weithintragende gellende Signalpfeife. Da ertönte von tief unten zu uns herauf die Antwort von Coaz’s Signalpfeife. „Da haben wir’s“ — brummte der Apotheker. „Da haben wir’s“ — antwortete mechanisch der Chorus. Unsere Position war etwa 500 Fuss höher als der eigentliche St. Antönierweg. Nun galt es, über eine sehr steile Halde hinab zu steigen, im eigentlichen Sinne des Wortes über Stock und Stein. Jeder suchte sich seinen Weg. Von unten herauf ertönte in Intervallen der schrille Ton der Signalpfeife. Endlich hatten wir den untern Waldessaum erreicht, und bald darauf hörten wir die Stimmen unserer Genossen, welche bei Fröschenäu unserer harrten. Ein allgemeiner Hohngesang begrüsste jeden Einzelnen der Verirrten. Unterdessen waren aber oben Einige noch weiter vorgedrungen, und kamen an die bewusste Felswand, die ihnen jeden weitern Ausweg abschnitt. Der Kobold schien sie erst hier von der Nebelknappe befreit zu haben. Vier von ihnen gingen den Holzweg wieder zurück; zwei aber, die Herren Hitz und Hamberger, trotzten den koboldischen Bosheiten, umgingen die Felswand, stiegen auf mitunter bedenkliche Weise bis zum Grat empor und kamen erst geraume Zeit später nach Aschierina, als die Gesellschaft schon von den Milchtöpfen und den grossen „Gutteren“ Besitz genommen hatte. Weil sich unter den also Verirrten auch Hr. Pfarrer Tschumpert von Haldenstein befand, konnte unser witziger Hr. Prof. Theobald die treffende Bemerkung nicht unterdrücken : „Naturwissenschaft und Theologie gehen halt immer auseinander.“ 25 Sonderbarer Weise und durch einen eigentümlichen Zufall geleitet musste die Verirrung in einer Gebirgslokalität geschehen, die durch Sage und deren Verkettung eine Rolle spielt in der Geschichte der Sulzfluh-Höhlen und gerade für uns durch ein hieran geknüpftes tragisches Ereigniss von Bedeutung war. Sage und Ereigniss spielen in der Zeit der Hexenprozesse. Im alten Sammler Band 3 vom Jahre 1781 (Seite 34) macht Catani bei der Beschreibung einer mit Pool unternommenen Excursion auf die Sulzfluh und in die Höhlen derselben, folgende Mittheilung: „Der Letzte, der sie (die Höhlen) bestiegen haben soll, ist ein gewisser Einwohner von St. Antonien gewesen, dessen Name noch bekannt ist j eben dieser hat auch Kennzeichen darin aufgerichtet, dass die Grotte*) bestiegen worden. Sein Schicksal allein könnte von dem Vorhaben, es ihm nachzuthun abschrecken, denn der Aberglaube seines Jahrhunderts hielt ihn für einen Hexenmeister, und selbst das Besteigen dieser Kluft musste als ein Werk seiner Kunst wider ihn zeugen. Ein Herr Jecklin war damals reformirter Pfarrer in St. Antonien, und ob er ihm schon das Zeugniss des fleissigsten Beters und Zuhörers gab, ob er schon selbst Gott, Gewissen und alles zum Zeugen seiner Unschuld nahm, so überwand ihn doch das abscheuliche beharrliche Foltern auf das Zeugniss anderer Gerichteten, und er ward auch gerichtet.“ Diesem Brennpunkte in der Geschichte der Sulzfluhhöhlen suchten wir näher zu kommen durch die Erforschung der Zeit, des Namens des Unglücklichen und der näheren Umstände des tragischen Ereignisses. Herr Ortspfarrer G. Hitz in St. Antonien wurde von uns um Nachforschungen in den dortigen Kirchen- und Gemeindsbüchern *) Eine Grotte an der Weissfluh. Soll nun unzugänglich geworden sein. 26 angesprochen, und seinen fleissigen und unermüdlichen Bemühungen und Forschungen, sowohl in den dortigen Archiven als auch bei der Einwohnerschaft St. Antöniens verdanken wir die Aufhellung dieser dunkeln Catani’schen Mittheilung. Anfangs ergaben sich zwar nur wenig Anhaltspunkte zur Aufklärung oder geschichtlichen Feststellung des bewussten Ereignisses. Die Kirchenbücher St. Antöniens zeigen, dass allerdings ein Johann Jeklin von Schiers in den Jahren 1687 bis 1726 dort Pfarrer war. Herr Pfarrer Hitz berichtet, dass er den Zeitraum der Amtsthätigkeit dieses von Catani citirten Pfarrers iui Sterberegister der Gemeinde St. Antonien sorgfältig durchgesehen, aber keine Erwähnung irgend eines hingerichteten Bürgers oder Einwohners gefunden habe, obgleich Hr. Pfarrer Jeklin in seinen Angaben über die Todesarten, ob in Lauinen, bei Feuersbrünsten oder sonst gewaltsamer Art, sehr genaue Aufzeichnungen gemacht habe. Da St. Antonien zwei Gerichtshauptorte hatte, Luzein und Saas, abgetheilt durch den Dalvazzerbach, so spürten wir den allenfalls noch vorhandenen Akten aus der Zeit der Hexenprozesse nach. Unsere diesfalls eingeleiteten Untersuchungen führten bis in das Marugg’sche Haus in Klosters. Herr Pfarrer J. Rieder in Klosters nahm sich in verdankenswerther Weise und mit Interesse unserer Angelegenheit an, jedoch ebenfalls ohne Erfolg. Es waren zwar früher im Marugg’schen Hause Hexenprozess-Akten vorhanden, diese aber vor Jahren schon aus dem Gerichtsarchiv verschleppt worden und wahrscheinlich nun verloren gegangen, oder doch sehr und kaum auffindbar zerstreut. Ausser einer alten Druckschrift*) wusste *) „Kerze denen allgemeine Rechten und Landsbräuchen gemäss, aus Hoch-Oherkeitlichein Special-Befelch eingerichtete Jlalefizordnung in diesen Unsern Befreyten PUndtnerischen Landen, bei begebenden 27 Herr Pfarrer Rieder keine weitere Mittheilungen zu geben. Auch Herr Erziehungsrathspräsident, Staatsanwalt G. 0. Bernhard in Chur, eine Spezialität in Hexenprozess-Sachen, hatte keine Kenntniss von einem Hexenprozesse, der Ca- tani’s Mittheilung hätte erläutern oder bewahrheiten können. Anderweitig angestellte Forschungen blieben ebenfalls ohne genügende Resultate. Somit wären wir nahe daran gewesen, das tragische Ereigniss als eine blos romantische Zugabe anzusehen, hätte Catanis Art und Weise der Darstellung nicht selbst deutlich genug gesagt, dass es sich hier keineswegs um eine eingewebte Romantik handle. Catanis Schriften machen den wohlthuenden Eindruck der Wahrheit, er erzählt in möglichster Einfachheit und bisweilen nüchtern das von ihm Beobachtete, Gefundene oder Gehörte, und hält sogar absichtlich seine eigenen Gefühle zurück, z. B. bei der Anschauung der Hochgebirgswelt von einer hohen Bergspitze aus, um bei seinen Lesern nicht in den Ruf eines Schwärmers zu kommen. Dem einfachen treuherzigen Pfarrer und Gebirgsforscher boten sich nebenbei auf seinen ausgedehnten Wanderungen so viele Schönheiten und Eigen- thümlichkeiten in der Natur, so viel interessanter und anziehender Stoff, dass er wahrlich nicht nach einer Dekoration dieser Art, und am allerwenigsten in seiner unmittelbarsten Nähe zu haschen brauchte, um seinen Lesern pikant zu werden. Es musste um so mehr an Catanis Mittheilung etwas Wahres sein, als er von einem Einwohner leidigen biihlen zu observiren, und zu gebrauchen. All wo die von Alters hero bei jedem Löhl. Hochgericht üblich gewessten Formalien ond Splennitäten, in Formierung dess Malefizgerichts, und Exequie- rungsler End-Urthel, zu je desen fernerem willkührlichem Gebrauch heimgestellt werden. Chur, Gedruckt bei Andreas Pfeffer, Anno 1716.“ Handelt vom Foltern und den Hinrichtungen der wegen Zauberei etc. Angeklagten. 28 seiner eigenen Pfarrgemeinde spricht, und sich im Sammler nirgends ein Widerruf oder eine Berichtigung findet, da doch dieser in jener Gegend schon durch die dortigen Hauptmitarbeiter ebenso bekannt war und gelesen wurde wie andern Orts. Dass Catani den Namen des Unglücklichen verschwieg, mag seinen Grund in örtlichen Verhältnissen gehabt haben; dass er keine Quelle nannte, ist nicht zu rechtfertigen. Nachdem von dieser Seite keine Aufschlüsse zu gewinnen waren, wurde der Volksmund befragt. Auch hier anfangs keine Erfolge zur Feststellung des Ereignisses. Niemand wollte etwas davon wissen. Schon fing unser starker Glaube an die Wahrheit und Richtigkeit der Catani’schen Mittheilung zu wanken an, weil auch der letzte Anhaltspunkt und schliesslich die einzige Quelle, aus der Catani möglicherweise nur allein geschöpft haben könnte, zusammen zu stürzen drohte, als endlich Licht in die Sache kam und sowohl Catani’s Mittheilung rechtfertigte, wie auch noch einige Streiflichter auf das ganze Ereigniss fallen liess. Herr Pfarrer Hitz, der unermüdliche Forscher in dieser Angelegenheit, dem es mit uns darum zu thun war, die Richtigkeit der Catani’schen Mittheilung herzustellen und die Quellen aufzufinden, aus welchen die Beweise für dieselbe, wenn auch vielleicht nicht für die Sache selbst, so doch für die blosse Sage, gezogen werden könnten, schrieb uns am 15. Dezember 1864, dass er die langgesuchte und verfolgte Aufhellung endlich gefunden habe. Es lebt in St. Antonien ein Greis von über 70 Jahren: Herr Geschworner Hans Pitschi. Dieser erzählte Herrn Pfarrer Hitz: Er habe von seinem Ahni (Grossmutter) vernommen, dass vor vielen Jahren, weit über die Taufbücher der Gemeinde hinaufreichend, ein Hexenmeister, Namens Weber, in St. Antonien gewesen, von dem man 29 alleilei Hexenstückli erzähle, wornach er sich bald in eine Hummel, bald in eine Bremse etc. umgestaltet, oder Gegenstände, z. B. Fleisch und Speck im Hafen während des Siedens in Schuhsohlen etc. umgewandelt habe. In diese Hexerei sei er verflochten worden, als er eines Abends spät gegen Mitternacht von Saas über Telfsch nach St. Antonien gegangen — den gleichen Weg, den auch wir von Telfsch aus einschlugen. Dort habe er ausserhalb Fröschenäu auf einem romantisch gelegenen Egg, auf welchem der Weg einen Einschnitt oder „Bödeli“ bildet, viele Hexen tanzen sehen, sich allzulange dabei verweilt und mit dem Anführer des Hexentanzes, dem Satan, einen Bund geschlossen. Daher trage das Egg noch heutzutage den Namen „Weberlisegg“, und das Bödeli — „Weberlisbödeli“. In Folge dieses Bundes sei es ihm möglich gewesen, sowohl sich als auch beliebige Gegenstände umzugestalten und überhaut „Hexereien“ zu treiben. An die Partnunerstaffel, auf die Weissfluh, sei er oft gefahren, habe die dortigen Höhlen besucht und desshalb trage noch heute eine Höhle, wohin nun kein Mensch mehr kommen könne, den Namen „Weberlishöhle“ oder „Weberlisbalme“. Mit dem zunehmenden Alter sei die Kraft, sich und Andere umgestalten zu können, von ihm gewichen, sei er dann von der Obrigkeit eingefangen worden, habe im Verhöre seine „Hexenstückli“ und wie er dazu gekommen getreulich eingestanden, und endlich hingerichtet worden. Im Volksmunde leben uoch eine Anzahl seiner verübten Hexen- und Zauberkünste fort und werden nicht aussterben, weil sich die Sage bleibend an zwei Orten lokalisirt hat. Als Sage geben auch wir sie. Catani dagegen scheint Beweissstücke in Händen gehabt zu haben, welche dieser Sage leicht das Gepräge eines wirklichen Ereignisses geben dürften. Die genaue Mittheilung, dass Pfarrer Jecklin — 30 vielleicht auch ein früherer Pfarrer dieses Namens, denn die Kirchenbücher beginnen erst mit Johann Jeklin 1687 — ihm „das Zeugniss eines fleissigsten Beters und Zuhörers“ gegeben habe, dass er (Weber) „selbst Gott, Gewissen und Alles zum Zeugen seiner Unschuld“ genommen habe, dass „ihn doch das abscheuliche beharrliche Foltern überwunden“ habe, lässt schliessen, dass Catani aus zuverlässigen Quellen schöpfte, dass er vielleicht selbst aus einem der beiden nahegelegenen Hochgerichts-Hauptorten Luzein oder Saas die bezüglichen Akten erhielt und benützte, andererseits aber aus gewissen Rücksichten für gut fand, nur eine so kurze Mittheilung darüber zu machen, die allerdings schon genug sagt. Wir haben länger als nöthig bei dem Punkte verweilt nicht der Romantik willen — die überlassen wir gerne Anderen, — sondern um die Glaubwürdigkeit Catanis zu wahren. Er war schon durch den Volksmund allein berechtigt zur Aufnahme jener Mittheilung, ganz abgesehen von andern Quellen, die heute nicht mehr existiren oder für. den Augenblick unauffindbar sind. Kehren wir zu unseren Clubgenossen zurück. In der Lokalität der Hexenversammlungen verirrten wir uns, und just auf dem bewussten „Bödeli“ kamen die Verirrten von verschiedenen Seiten (etwa auch behext?) von ihren unfreiwilligen Nebenexcursen zusammen. Nachdem der Zauberbann durch den Hohn der Anderen glücklich gelöst war, zogen wir auf normalem Wege weiter, überschritten bald darauf den Dalvazzerbach und einige Minuten später belagerten wir das Wirthshaus von Hafner Christian Lötscher in Aschierina. *) *) Den Touristen für diese Gegend iheilen wir mit, dass unterdessen Hr. Lötseher das Wirthshaus in St. Antönien-Piatz gekauft hat nnd dasselbe entsprechend einrichten lies. 1 Hier gings anfangs etwas kunterbunt zu, und unsere Anspruchslosigkeit drohte in Conflickt zu gerathen mit dem guten Willen der Wirthsleute. Man glaubte uns nämlich mit einem förmlichen Gastmahle bewirthen zu müssen und soviel wie möglich comfortable Nachtlager zu bieten, und war nun allerdings nicht wenig erstaunt zu sehen, dass wir einfach clubistisch eine Haltstation machen, und zu erfahren, dass wir heute noch bis in die Partnuneralp vor. rücken und dort Nachtlager beziehen, wie eben die Alphütten bieten. Schliesslich wurde das Gleichgewicht wieder hergestellt, Jeder wählte nach seinem Geschmacke aus der reichen Bewirthung und bedachte auch die Bergtasche. Mittlerweile sank die Sonne immer tiefer und die Tageshelle begann zu bleichen. Das Praesidium verkündete den Abmarsch. Von hier an gingen die Gesellschaftsbande ein wenig in Fetzen. Ein Theil blieb zurück, um in vollendester Gemüthlichkeit zu restauriren; die andern jedoch drängten hinaus und eilten St. Antonien (Platz) zu. Eine schwache Dämmerung lag schon über dem schönen Hochthale. Golden leuchtete der Thurm von St. Antonien im Lichte der scheidenden Sonne, und der das Thal abschliessende Gebirgszug, die Kalkfelsen der Mittelfluh und Weissfluh, glühten in unbeschreiblicher Pracht. In üppigen Wiesen schlängelt sich der Weg sanft ansteigend bis zum Kirchdorfe hinauf, das wir erreichten, als die beginnende Nacht die Herrschaft über den Tag gewann. Vor den verwetterten Häusern begrüssten uns einzelne Gruppen der Einwohner, die schon von unserer Ankunft wussten, und nicht wenig neugierig sein mochten, eine „Gesellschaft aus der Stadt“ in ihrem abgelegenen und von Fremden so wenig besuchten Bergdorfe zu sehen. Die liebe Jugend und alte, ehrwürdige Mütterlein hatten ganz besonders viel zu schauen, und die Musterung mag eine ✓ 32 sehr strenge gewesen sein. Der Zwilchkittier wenigstens wusste zu erzählen, dass das Urtheil der St. Antönier ein treffendes war: — „Lueg, der sieht us, wie’n Mehlsack.“ Wir waren am Orte von Catani's mehrjähriger und für unsere heutige Excursion so spezielles Interesse tragenden Wirksamkeit. Von hier zog er seelenvergnügt hinaus in die Hochgebirgswelt, — hier schrieb er seine gehaltvollen Beiträge in den Sammler. Es sei uns hier um so eher gestattet, Catani’s Leben zu überblicken, als bisher noch keine Biographie dieses verdienstvollen Naturforschers aufgestellt wurde. Gehen auch wir mehr nur eine Skizze als ein Lebensbild, so legen wir unsere Entschuldigung in den Umstand, dass selbst das Wenige nur auf dem mühevollen Wege der Correspondenz gewonnen werden konnte. Alle andern wichtigen und reichen Quellen: Briefe, Tagebücher etc., wie sie z. B. bei Pool vorhanden sind, fehlen hier gänzlich. Die Länge der Zeit hat auch alle Traditionen vernichtet. Die Herren Pfarrer J. Conrad i n in Lavin, und Dekan L. Herold in Chur unterstützten die Arbeit wesentlich durch werthvolle Beiträge, wofür wir ihnen den besten Dank aussprechen. Johann Baptista Catani wurde geboren in Lavin *) den 27. Juni 1746. Sein Vater war ein Tischler. Die Familie stammt ursprünglich aus dem Veltlin, flüchtete zur Zeit des Veltlinermordes (1620) mit andern protestantischen Familien in die Schweiz und kaufte sich später in Lavin als Bürger ein. Catani studirte zuerst bei einem verwandten Landgeistlichen in Steinsberg, dann wahrscheinlich längere Zeit in Herrenhuth. Aus seiner Studienzeit ist weiter nichts zu erfahren gewesen, als dass er von 1765 auf 66 sieben Monate lang in Zürich studierte, und dann auf der Synode *) Nicht in Camogask, wie Dr. Wolf in der Pool’schen Biographie mittheilt. 33 la Zuz, im Juni 1766, ähnlich wie Pool, noch in jungen Jahren aus Mangel an Predigern eingeschoben wurde. Aus den Protokollen der Synode ergiebt sich, dass Catani 1767 als Pfarrer nach Fläsch kam, dem ersten Orte seiner Pastoration. Schon im Jahre 1768 verheiratliete er sich mit einer Lavinerin, Namens Barbara PL Thomas. Sein Aufenthalt in Fläsch dauerte bis zum Jahre 1771', dann zog er als Pfarrer nach Sehuders, vertauschte jedoch schon im folgenden Jahre, 1772, diese Pfarrei mit jener in St. Antonien, und begann liier ein speziell für die Erforschung Grraubündens verdienstvolles Wirken, ausser seiner heute noch im gesegneten Andenken fortlebenden seelsorgerlichen Wirksamkeit. In welcher Weise er thätig war, ist schon im biographischen Umriss des Lebens Pool angedeutet. Beide Männer führten ihre Bergtouren in der Regel auch gemeinschaftlich aus. Was speziell von Catani über die Sulzfluh und deren Höhlen herrührt, wird Herr Coaz in der Abtheilung II dieses Schriftchens an betreffenden Orten berichten. Von seinem Aufenthalte als Pfarrer in St. Antonien wissen wir, dass er dort hochverehrt wurde. Auch bei der Synode genoss er Ansehen und Vertrauen. Als auf derselben zu Sins 1.780 die Herrenliuther’sehen Streitigkeiten vorkamen, und zu Felsberg 1780, wurde er Assessor, d. h. von der versammelten Synode erwähltes Mitglied der Vor- berathungsbehörde. Bezüglich seiner ökonomichen Verhältnisse mangeln uns nähere Nachrichten. Sie scheinen, seinen Reisen nach, gut gewesen zu sein. Seine Familie hatte sich inzwischen bis zu sechs Kindern vergrössert: vier Mädchen und zwei Knaben, von denen fünf in St. Antonien geboren wurden. Nun sollte der durch seine Zwecke ihm liebgewordene Aufenthalt in. St. Antonien durch einen verhängnissreichen 3 34 Zwischenfall ein Ende erreichen. Ein Herr v. Moos von Malans und ein Basler Geistliche, beide in den deutschen Kolonien an der Wolga als Prediger angestellt, und Freunde von Catani, veranlassten die russische Regierung, für eine in der Colonie, in Norka, erledigte Predigerstelle unsern Catani zu berufen, und setzten zugleich dem Catani so sehr zu, dass, als der Ruf an ihn wirklich erfolgte und die pekuniären Verhältnisse dieser Stelle günstig waren, er zusagte und von seiner Gemeinde und der Synode die Entlassung nahm. Ohne Zweifel hat auch sein Forschertrieb, fremde Lande und Leute kennen zu lernen, einen guten Gewichtstheil mit in die Wagschale Jür Annahme der Predigerstelle gelegt. Immerhin muss der Entschluss, seiner Familie gegenüber, ein schwerer und wohlüberlegter gewesen sein, mit sechs noch unmündigen Kindern, — das Jüngste hatte noch nicht das zweite Lebensalter zurückgelegt — eine Reise nach Norka zu unternehmen, — an der Wolga, in der russischen Tartarei. Catani ging. Am 6. Mai 1784 verliess er mit seiner Familie die Schweiz und trat die Reise in seine neue Hei- math an. Ueber diese Reise ist ein interessantes Schriftchen erschienen, 1787 von Dr. Amstein in Chur durch den Druck veröffentlicht: „Eine Reise durch Deutschland und Russland, seinen P’reunden beschrieben von Johann Baptista Cata- neo*) aus Bünden, gegenwärtigem Pfarrer einer reformirten deutschen Colonie zu Norka, in der Saratofischen Statthalterschaft an der Wolga, in der russischen Tartarei in Asien.“ Eine am Schlüsse ausgesprochene Absicht, dem Schriftchen ein Zweites folgen zu lassen, das „von diesem noch wenig gekannten Lande“ mehr und ausführlicher Die Schreibweise Ca ta n i undCatnneo wechselt miteinander ab. Am häufigsten, namentlich iin Sammler, findet sich Catani geschrieben. 35 berichten soll, weil sich das Erste hauptsächlich nur mit der Reise befasste, scheint zum Bedauern für diejenigen, Welche das gegenwärtige Scbriftchen kennen, unterblieben zu sein. Wir konnten keine Kenntniss von der in Aussicht gestellten „Fortsetzung“ erhalten. Das Druekschrift- chen, Octav, 152 Seiten enthaltend, ist so interessant, dass Uns schwer fällt, nur Einzelheiten auszuheben.*) Einer rührenden Scene müssen wir vorerst noch erwähnen. Dr. Amstein kam etwa ein Jahr nach Catani’s Abreise von St. Antonien dorthin und hörte von den Einwohnern, es sei ein apostolisches Sendschreiben von ihrem ehemaligen Seelenhirten eingetroffen. Dr. Amstein liess sich den Brief geben, — er enthielt unter erbaulichen Anmerkungen eine kurze Nachricht von dem Verlaufe und der glücklichen Beendigung seiner und seiner Familie Reise. „Kaum fing ich an zu lesen, — erzählt Amstein — so entblössten die Männer ihr Haupt, und wer in der Stube war, hörte mir mit eben der Andacht zu, als wenn ich ein Gebet hergelesen hätte.“ Es war, wie schon berichtet, der 6. Mai 1784, als Ca- tani mit seiner Familie Bünden verliess, — d. h. an diesem Tage überschritt er an der Luziensteig die Grenze seines Vaterlandes. Er segnete noch den „bereits gemachten schönen Anfang zur Verbesserung des beschwerlichen und elenden Weges an St. Luzi Steig“, — der beschwerlichsten *1 Das vorliegende Exemplar verdanken wir der Güte des Herrn Hekan Herold in Chur, welcher es zufällig in seiner Bibliothek entdeckte, als er fiir uns nach anderweitigem Material für die Catani- Biograpliie forschte. Obwohl das Schriflchen selten geworden, so dürften sich im Kanton doch noch Exemplare versteckt finden. Wir ^ ara,1 f aufmerksam; und wenn der eine oder andere glückliche Finder keinen persönlichen Werth darauf legt, so bitten wir in diesem Falle um ein Exemplar für die Bibliothek der Natur- forsch enden Gesellschaft Graubündens, beziehungsweise für die Kantonsschule. 36 Strecke Weges, die er auf der ganzen Reise antraf. Wenn er dem „rühmlichen Unternehmen den besten und schnellsten Fortgang“ wünschte, so ist dies ein Beweis mehr für seine „uneigennützigste Verfassung“ — Catani konnte sein geliebtes Bünden nicht verlassen, ohne selbst noch an der äussersten Grenze, in der schweren Scheidestunde, dem Wohle des Heimathlandes persönlich den letzten Segenswunsch zu widmen. Nun gings ins heilige römische Reich, in’s „Gebiet des grossen Joseph“. Vielleicht mochte der schlechte Weg an St. Luzi Steig unsern Catani besonders veranlasst haben, die „gesetzten Wegegelder“ gerne zu bezahlen, weil er empfand, „von welchem Nutzen und welcher Bequemlichkeit wohl angelegte und gut unterhaltene Landstrassen für jeden Reisenden sind“. Wie würde Catani segnen, könnte er heutigen Tages sein geliebtes Bünden bereisen! Viel gabs für unsern „Reisenden in die weite Welt“ zu sehen, viel zu notiren, vielfache Beziehungen zum verlassenen Heimathlande anzuknüpfen. Manches passt auch noch für heute. Das Erste, was ihm Veranlassung zur Vergleichung gab, war das Torfstechen. „Das Torfsteclien, welches unserm werthen Vaterlande eben so nützlich und nöthig wäre, als andern Ländern, sah ich mit Verwunderung selbst in den holzreichsten Gegenden der Vorarlbergischen Herrschaften fleissig betrieben; und oft auf unserer Reise trafen wir die Arbeit mitten in Wäldern, in bergichten und tiefen Ländereien an. Wird, dachte ich^ mein liebes Vaterland, das auf den höchsten Gebirgen, in wilden vom Holze schon ganz entblössten Stellen, wie ich in meiner lieben St. Antönier Gemeinde, und anderswo öfter gesehen habe, sowie in Thälern und flachen Gegenden, Torfes genug hat, die voriheilhafte Gewinnung desselben noch länger und vielleicht so lange aufschieben, bis der an 37 so vielen Orten je mehr und mehr einschleichende Holzmangel allgemeiner, und endlich da und dort unheilbar werden wird? Denn mit Anpflanzung neuer Wälder, womit Deutschland an vielen Orten pranget, wird es in meinem lieben Bündnerlande wohl noch länger Anstand haben.“ Ueber Lindau, der „freien Reichsstadt“, und Memmingen gings nach Schwabmünchen. Es war am 9. Mai, einem sonnigen Tage. „Dass ich an diesem Tage meine geliebten Bündnerberge, welche an der Tyrolerseite bis hieher immer noch zu sehen waren, ganz aus den Augen verschwinden sah, ging mir nahe. Ich gab ihnen mein letztes Lebewohl: ■— Gehabt euch wohl, ihr theuren Berge, gehabt euch ewig wohl! Wahrscheinlich ist es heute das letzte Mal, dass ich mit wehmuthsvoller Empfindung meines Herzens meine Blicke auf euch hafte. 0 ihr! mein geliebtester, unvergesslicher Aufenthalt seit dreizehn Jahren! Ihr theuren, niemals genug ergründeten und bewunderten Schätze meines \aterlandes, das ihr mit euren kostbaren Alpen, ja selbst mit euren durch die hohen Wolken dringenden Eis- thürmen und ewigen Gletschern beglücket! 0 ihr Berge, die ich oft, bald einsam, bald in ermunternder Gesellschaft, bis zum höchsten Gipfel zu besteigen, mir zur Lust und nicht zur Last rechnete — denn das Beschwerliche eures Zugangs belohntet ihr mir reichlich durch das Annehmliche, welches ihr dem forschenden Sinn überall zu geniessen anbietet, durch das Nützliche, welches ihr mit dem Angenehmen verbindet, und ich beides meinen Mitbürgern mit- zutheilen das Vergnügen hatte. — Ihr Felsenklüfte und bewundernswürdigen Berggrotten! Ihr geheimnissreichen noch nicht genug untersuchten unterirdischen Gänge mit euren vielen Seltenheiten, soll ich euch nicht mehr besuchen ! Die noch mit alter Schweizer Redlichkeit und unschuldiger Einfalt der Sitten beglückten Bergbewohner, 38 sie, die unversucht vom Neide, und von der Begierlichkeit unangefochten, bald in zerstreuten Hütten, bald im stillen Dörfchen, im Genüsse der unumschränktesten Freiheit, im Schoosse des Wohlstandes, die heitersten, zufriedensten Tage verleben, soll ich sie nicht mehr sehen, und die Sprache der ungekünstelten Natur und des unverdorbenen Herzens nicht mehr hören können! Der Widerschall eurer weidenden Heerden, das sanfte Gemurmel einer kühlen Quelle, oder das lautere Rauschen eines sich kühn herabstürzenden Bergstromes, der erquickende, alles belebende Duft eurer mit so vielerlei bunten Blumen und Kräutern, alle reich an nährenden und heilsamen Kräften, besäten Bergwiesen und Weiden, o alle ihr Annehmlichkeiten meines vormaligen Aufenthaltes, ihr seid mir auf ewig verschwunden! — Aber nicht eure Erinnerung, nicht die Eindrücke, die ihr auf mein Gemüth heftet, nicht die herzerhebenden Empfindungen. Noch einmal gehabt euch wohl, ihr Gebirge, die ich verlassen musste, weil eine höhere Hand mich zu meiner Bestimmung in eine entfernte Weltgegend leitet. Ihr Rhä- tischen Gebirge, nicht minder gross und merkwürdig, als eure gekannteren Brüder, ihr verliert nichts an mir, aber ich vieles an euch'. Bald wird mancher gelehrtere Forscher als ich, auf euch erstaunen, und eure Schätze enthüllen. Bleibt, so lange ihr zu dauern bestimmt seid, durch dieselbe göttliche Hand, die euch so fest gegründet, und so wunderbar zusammengekettet hat, unübersteigliche und unüberwindliche Bollwerke der Freiheit meines Vaterlandes! Friede und Ruhe wohne innert eueren Gränzen! Und wie ihr euere unerschöpflichen Reichthümer den Einwohnern unaufhörlich zufliessen lasset, so sei auch ihr Dank gegen den, der es so geordnet hat, ohn Ende! Ja, du mein werthes, und mit den herrlichsten Vorzügen prangendes Vaterland, möchtest du dein Glück hinter diesen deinen 39 9 durch göttliche Hand rings um dich her aufgebauten Thür- nien und Mauern täglich würdiger gemessen!“ Wer wird ungerührt bleiben bei diesen heimwehatli- menden Empfindungen des scheidenden Pastors, des Freundes und Forschers der Alpenwelt, der sich aus seinen geliebten Alpengegenden nun in die Ebene hinaus versetzt sieht und vor sich eine Reise an einen Ort, dessen grosse Entfernung von seiner heimathlichen Bergwelt ihm die Gewissheit gab, dass der Abschied heute ein Scheiden auf Nimmerwiedersehen sei! In Augsburg kaufte er sich eine „Kutsche, nach Erfor- derniss der Familie und des langen zu machenden Weges“, und reiste so „viel bequemer und billiger“ weiter nach Nürnberg, Leipzig, Magdeburg, bis er endlich am 29. Mai nach Lübeck kam. Unterwegs gabs für den Mann aus den Bergen viel zu sehen, das Büchlein enthält eine treffliche Reihe der aufmerksamsten und interessantesten Beobachtungen über Land und Leute, den staatlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen u. s. w. Ueberall hin richtete er seine forschenden und beobachtenden Blicke und weiss durch seine kurzen Bemerkungen immer einen treffenden Vergleich mit seinem Heimathland zu finden. Manches Gesehene, namentlich in den Städten, wollte dem einfachen Pastor von St. Antonien allerdings nicht recht einleuchten, so bereitwillig und grösstentheils auch richtig er die praktische Seite davon erkannte und adoptirte. So z. B. freute er sich darüber, dass in Leipzig „selbst nicht gemeine Frauenzimmer, wenn sie über die Gasse gingen, sich mit Stricken beschäftigten“. Dass aber sogar auch am ersten Pfingsttage, den er in Leipzig verlebte, die Kirchgängerinnen „am Nachmittage bis vor den Tempel und wieder zurück“ sich mit Stricken beschäftigten, befremdete ihn nicht wenig und däuchte ihm „nicht sehr schicklich zu 40 sein“, wobei sein seelsorgerliches Gewissen sich damit beruhigte, dass „an dergleichen Tagen mit unanständigem Gespräch und auf andere Weise viel mehr gegen die Sittlichkeit und Erbauung gesündigt werden mag“, als durch diese „geräuschlose Beschäftigung“. Ebenso konnte er seinen Unwillen nicht unterdrücken, als er am gleichen Tage den Läta’schen Garten besuchte und „selbst an diesem ersten Pfingsttage“ bemerken musste, dass der Gärtner arbeitete, — eine Erscheinung, die „freilich einem Prediger wieder seltsam Vorkommen musste, in dessen Land sich der Bauer gewisse Notharbeiteu auf seinen Gütern an einem. Sonntag nach der Predigt vorzunehmen, ein Gewissen machen würde“. Eine ergötzliche Scene erlebte er in Magdeburg. Gegen Abend kam er in die Yorstadt, dereji Strassen mit ausgestellten Wachen lleissig besetzt waren. Catani erzählt: „Indess sich der Unteroffizier der ersten Wache mit mir unterredete, und ich seine Fragen der Wahrheit gemäss beantwortete, ihm meine Pässe und Attestate vorzeigte, und ihm auf sein bettelhaftes Zumutben ein paar Groschen, auf welche er aufmerksamer als auf Pass und Attestat war, zuwarf, so gerieth ein Tbeil der vielen Soldaten, die sich ein Trankgeld von mir zu erpressen voigenommen hatten, hinter unsere Equipage, stellten sich, als ob sie alles untersucht haben wollten, indessen andere im soldatenmässigen Ton zum Brandewein! zum Brandewein! riefen. Der Gäste waren zu viel, ich wies sie also nicht nur ab, sondern drohte ihnen, sie sammt ihrem Wachtmeister beim Polizeiamt in der Stadt zu verklagen, überhaupt, dass man in den Staaten des grossen Friedrichs auch einem Fremden werde Gerechtigkeit widerfahren lassen; sie sollten mir jeden unbilliger Weise verursachten Aufenthalt, oder jeden meiner Equipage zugefügten Schaden theuer genug bezahlen, um so mehr, da ich heim Postamt in der 41 Stadt über Nacht bleiben werde, u. s. f. Ein Offizier im Wachthaus, der den Tumult gehört und dessen Ursache erfahren hatte, kam indessen zu uns, durchlas meine Attestate mit mehr Aufmerksamkeit, und bat mich sehr, aus der unvorsichtigen Aufführung der Soldaten in der Stadt nichts zu machen. 'Da er meine Unzufriedenheit bemerkte, bat er mich, noch eine Weile still zu halten; ich that es, und bald brachte er mir einen Assekuranzschein für meine ganze Equipage durch die preussischen Lande, indem nichts Accisbares bei mir gefunden worden sei; dieses sei mit 8 Groschen vor der Untersuchung assekurirt, und nach derselben meiner' Parole gemäss befunden worden; die 8 Groschen seien mir bei der letzten preussischen Wache zu restituiren. — Mit einigem Unwillen gab ich die 8 Groschen für den Schein, der mir zugleich das Stillschweigen über das Vorgegangene auflegen sollte, im Uebrigen aber den Offizier wegen ferneren Insulten so wenig zu beruhigen schien als mich, wesswegen er mir eine treue Wache bis zum Postamt mitgab, die uns wegen der vielen Soldaten, die wir noch durch die Vorstadt zu passiren hatten, von denen mancher noch „zum Brandewein“ schrie, gut zu statten kam. Das Postamt, wo wir vergnügt und wohl behalten übernachteten, verwunderte sich über unsern Assekuranzschein, und war damit zufrieden, hiess uns die Kutsche, ohne etwas abzupacken, unbesorgt die ganze Nacht vor dem Hause auf offener Strasse zu lassen, weil, was in Preussen assekurirt sei, überall sicher sein müsse. Zwei Wachen, die Eine vor, die Andere hinter der Kutsche, bewachten dieselbe uns unentgeltlich die ganze Nacht; das Postamt wollte sichs sogar zum Schimpf anrechnen, als wir diesen guten Leuten Morgens darauf ein Trinkgeld anboten, welches sie glatterdings nicht annehmen durften. Mit der Rückgabe der 8 guten Groschen bei der letzten 42 preussischen Wache hatte es seine völlige Richtigkeit, welche dann zu ihrer Legitimation sich den Schein von uns ausbat.“ Nachdem Catani die Stadt Lübeck gründlich besehen hatte, schiffte er sich am 1. Juni in Travemünde ein, wobei der Kapitän die „Kutsche als Ballast umsonst mitnahm“. Mit der Behandlung des Kapitäns war er sehr zufrieden, nur konnte er nicht über sein seelsorgerliches Gewissen bringen, dass dieser auch gar zu sehr fluche, wesshalb er ihm schon am ersten Tage eine derbe Strafpredigt hielt. Unter Sturm und andern unvermeidlichen Dingen einer Seefahrt verging der erste Tag. Wahrscheinlich hatte die Fluch-Strafpredigt des Pastors auf den Kapitän einen grossen Eindruck gemacht, denn — erzählt Catani — „unser Kapitän war so religiös, mich (am Sonntag) um eine Predigt zu bitten, welche auch sehr andächtig angehört wurde, ohne Zweifel, weil sich Jedermann dankbar darüber erzeigen wollte, dass der Sturm sich nun ganz gelegt, und uns auf diesem klippenvollen Gewässer vollkommen unbeschädiget gelassen hatte. Von diesem Sonntag an ward ich also zum Schiflsprediger verordnet, und ich hielt noch zu drei verschiedenen Malen Predigten; auch wurde Morgens und Abends Betstunde gehalten, und gesungen. Der Gesang war wegen der Verschiedenheit der Zuhörer, die aus mancherlei Nationen bestunden, tlieils auch weil unser Vorsinger der Kapitän war, der mit seiner offi- ziermässigen Komandostimme leicht Alle in seinen Ton bringen konnte, von ganz eigener Art, und wo nicht am wohlklingendsten, doch gut gemeint.“ Die Fahrt scheint, einige weitere Stürme abgerechnet, eine recht gemüthliche gewesen zu sein. Wohlbehalten fuhren sie am 11. Juni Mittags durch den Newakanal in St. Petersburg ein. „Wir dankten Gott von Herzen, dass er uns insgesammt zu Land und See, aus Graubünden 43 bis St. Petersburg, eine Strecke von 386 Meilen, genau m Zeit von 5 Wochen glücklich und gesund zurücklegen lies, wobei wir noch manche gute Ruhestunde genossen Haben.“ Die nordische Metropole imponirte ihm gewaltig. Er besuchte alle Merkwürdigkeiten, und war von der Grossartigkeit der Gebäude und sonstigen Einrichtungen der grossen Stadt bis zum „Verwundern über die menschliche Kunst und den grossen Reichthum“ gefesselt. In seiner Beschreibung herrscht nun der Ton des geübten und schon ein Stück Welt gesehenen Reisenden. Während er am Anfang der Reise noch mit Vorliebe Kleinigkeiten und unwesentliche Dinge ausmalt, hat er jetzt nur Augen für das Grosse. Seine Anschauungen haben sich erweitert, er lebt unter einem fremden Volke. So lange er in Deutschland reiste, fanden sich immer wieder Anhaltspunkte zu Vergleichungen mit seinem geliebten Bünden. Die sind nun ganz entrückt — fremde Sprache, fremde Sitten sagen ihm, dass er weit, weit von der Heimath entfernt ist. Nur in Kronstadt fand er ein freundliches und ihn überaus anheimelndes Erinnerungszeichen an dieselbe — — Pflanzen, wie sie die Berge zeigen: Mönchsrhabarber, Alchemilla, die Alpenschafgarbe u. s. w., welche ihn „mit lebhaftem Vergnügen“ an seine „geliebtesten Bündnergegenden erinnerten“. Mit welcher Freude mögen diese lieblichen Kinder einer alpinen Zone von ihm unter dem 59 0 geographischer Breite begrüsst und gepflückt worden sein! Am 26. Juni finden wir Catani und seine Familie wieder in der Augsburger Kutsche auf der Moskauer Strasse, seinem Bestimmungsorte entgegen gehen, „mit allem versehen, was man auf einer Reise nöthig hat, wo man selber gesellschaftsweise Koch und Gast ist, sein Fuhrwerk oder wohl die Mutter Erde zum Lager und den Himmel zur 44 Decke hat“. Catani war dessen von seinen Bergfahrten her schon gewohnt; aber seinen noch zarten Kindern mag es bitter gewesen sein, bei der Unbill der Witterung dennoch weiter ziehn zu müssen. Doch verblieb Allen der gute Humor, trotz vielen Widerwärtigkeiten. Sie erreichten glücklich Moskau am 10. Juli und fanden hei Landsleuten liebevolle Auinahme für einige Tage Rast. Nachdem Catani auch hier das Merkwürdigste der alten Czaarenstadt besehen hatte, und ihm in Demitows Garten Tropfsteine von der Art, wie er in den Sulzfluhhöhlen gesehen und beschrieben, ein vorübergehendes Heimweh hervorriefen, verlies er am 13. Juli Moskau, und trat die letzte aber auch beschwerlichste und gefahrvollste Strecke seiner grossen Reise an. Die Gegenden, die er zu durchreisen hatte, waren der Aufenthaltsort alles möglichen Gesindels, dessen Diebsgelüste nur Catani’s gute Flinte zurückhalten konnte. Seine Weiterreise war überhaupt von allerlei Widerwärtigkeiten begleitet. Zuerst musste er mit einem beständig betrunkenen Kutscher reisen; dann liess ihn ein anderer Kutscher in Columna drei Tage lang bei einem rohen Wirthe sitzen und ging unterdessen nach Hause zur Heuernte. Aber der Pastor von St. Antonien liess sich künftig nicht so leichter Dinge einschüchtern; wo strenge Worte nichts bezweckten, da zeigte er nur die Flinte, und die half immer. So kam er bei allen kleineren und grösseren Anfällen diebischer Seits glücklich durch, erreichte am 31. Juli Sa- ratoff, wo er bei Vorweisung seiner „Vocation“ von den Behörden mit „vieler Gewogenheit“ und dem Ausdrucke des Wohlgefallens, „noch einen schweizerischen Pastor bei ihren deutschen Colonisten zu haben“, aufgenommen wurde, und sich durch die „Zusicherungen eines kräftigen obrigkeitlichen Schutzes sehr beruhigt und getröstet fühlte“. 45 Er sollte hier wieder lebhaft an seine Heimath erinnert Werden. Auf den Wiesen, im heissen Boden, fand er zu seiner grössten Verwunderung den Alpenwermuth (Artemisia mutellina — eine Pflanze, die an Alpen wassern und Felsen sehr hoch oben vorkommt), und zugleich sollte noch ein anderer Umstand ihn fern von seiner Heimath recht angenehm überraschen. In der Kolonie bei Saratoff, wo sein Freund v. Moos aus Malans Pfarrer war, trugen neue Dörfer die Namen Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen, Unterwalden, Glarus u. s. w. Endlich am 3. August Abends kam er in Norka an, — „voll Dankes gegen Gott, der mir diese weite Beise mit meiner ganzen Familie unbeschädigt vollenden half“. Die deutsche Colonie wurde 1764 gegründet. Jeder Colonist erhielt eine gewisse Strecke Landes als Eigenthum, und war 30 Jahre von allen Abgaben und sonstigen Verpflichtungen an die Krone befreit. Anfangs wohnten sie im Sommer in Laubhütten, im Winter in unter der Erde ausgegrabenen Häussern, die man Similinka nannte, bis die Kaiserin Katharina ziemlich bequeme Häusser nach deutscher Art aufhauen liess und Dörfer gründete. Bei Catani’s Ankunft bewohnten schon „bei vierzigtausend deutsche Christen die Colonie, (der grössere Theil Deutsche, eine erhebliche Zahl Schweizer) die sich dies- und jenseits der Wolga 200 Werste in die Länge und 80 Werste in die Breite aus- delnite — 1 Werst oder russische Meile — 3500 Fuss; 7 Werst = 1 geogr. Meile. Zur Besorgung der geistlichen Angelegenheiten waren 7 lutherische, 3 reformirte (mit Catani) und 4 katholische Pfarrer in der Colonie. Daher kams, dass Catani mehrere Dörfer zu besorgen hatte und jährlich einmal ausgedehnte Reisen bis auf 120 Werste Entfernung machen musste. 46 Die Colonie stand unter der Statthalterschaft Saratoff; der oberste Gerichtshof war in Petersburg. Jedoch hatten die Geistlichen und Kirchenältesten unumschränkte Macht, die sich auch auf eine gewisse polizeiliche Aufsicht erstreckte. Die s. g. Schweizerdörfer suchten zwar ihre Einrichtungen auf einen gewissermassen schweizerischen Fuss zu bringen, allein ohne Erfolg, — Catani sagt, aus Neid und Politik sei ihr Vorhaben als verdächtig erklärt worden und sei desshalb unausgeführt geblieben. Auf der Colonie sah es schlimm aus. Die Räubereien waren noch an der Tagesordnung, namentlich von den Kirgisen, die ihre empfindlichen und barbarischen Handlungen in geschlossenen Haufen und am hellen Tage trieben. Catani war nicht ohne Sorge, und mag, namentlich in Erinnerung an das stille friedliche St. Antonien, anfangs nicht die angenehmsten Tage verlebt haben. Die Räuber trieben ihr Handwerk zunftmässig und unter Beobachtung gewisser Ceremonien. Bei ihren Ueberfällen hiessen sie die Betroffenen auf das Gesicht liegen, dann riefen sie Gott um Glück und Beistand zu ihrem Vorhaben an, segneten sich mit dem Zeichen des Kreuzes über Angesicht und Brust, raubten dann, weihten de»i abgenommenen Raub mit den gleichen Ceremonien ein und verwahrten ihn mit Dank gegen Gott, — in ihrer Meinung vermuthlich sehr fromme Räuber. Dem vereinten "Wirken der Colonisten und der Regierung gelang es nach und nach, den Räubereien ein Ende zu machen, und Catani fühlte sich nun wohl und zufrieden. Wie in St. Antonien und überhaupt in Bünden, so folgte er auch an der Wolga dem Zuge seines Herzens für Nützlichsein und Uneigennützigkeit. Die grossen Beschwerlichkeiten in seinem „Kirchspiele“ trat er muthvoll und getrost an. „Die Liebe zum Nützlicusein, wozu wir alle 47 erschaffen sind, machen mir auch dieses Schwere leicht. Jeder ist. däuchts mich, in seinem Stande und Amte glücklich, wenn er mit Hintansetzung mancher entbehrlichen Gemächlichkeit und mit entschlossener Verachtung einer sträflichen Unthätigkeit der Gelegenheit zur nützlichen Anstrengung seiner ihm von Gott geschenkten Kräfte sich bedient. Nicht weniger verschwindet das Beschwerliche in der hier beschaffenen Lage unserer Amtsverrichtungen durch die Betrachtung und gewisse Bemerkung, dass das "Wort Gottes mit mehr Angelegenheit, Kraft und Wirkung verkündet und gehöret wird, wo die Gelegenheit dazu so selten ist, als wo es täglich von der Menge zwar meist wohlmeinender Prediger, dem schon satten, oder unbedürftig sich achtenden Volke gleichsam aufgedrungen wird.“ Als Naturforscher lenkte er auch bald seine Aufmerksamkeit auf seine Umgebung, und giebt über Bodenverhältnisse, Klima, Land- und Wasserthiere interessante Mit- theilungen. Eine Beobachtung über die Wölfe geben wir wörtlich: „Von den Wölfen wird hier behauptet, dass unter jeder Zucht seiner Jungen eins sich befinde, das Hundeart an sich habe, zahm zu ziehen, und dann als einer der besten Haus- und Jagdhunde zu gebrauchen sei; desnahen leite die Wölfin, wenn sie ihre Jungen aus der Grube führe, dieselben alle zum Wasser, denn da die ächten Wölfe alle wie die Kälber saufen, der Wolfhund aber wie ein natürlicher Hund das Wasser lappe, so erkenne sie ihn an dieser Probe und mache ihn, besonders wenn es eine ausgelernte alte Wolfsmutter sei, auf der Stelle todt; nicht ohne Grund, weil ein solcher Wolfshund, wenn er erwachsen sei, die andern Wölfe todt heisse und aufzehre. Um zu erfahren, was an dieser märclienartigen Erzählung sein möchte, als auch um andere Beobachtungen über die Natur der Wölfe 48 zu machen, liess ich mir im Maimonat des verflossenen Jahres (1785) ein Wolfsnest von 9 Jungen aufheben, machte mit ihnen am Wasser und an der Milch die nämliche Probe, und sah, dass der Grösste und Stärkste unter ihnen wirklich nach Art der Hunde lappte, indessen die übrigen 8 Andern alle das Wasser nur in sich schlurften. Ich liess also Jenen und einen von diesen Achten beisammen auf- ziehen. Sobald nun der Erstere stärker geworden war, zefriss er seinen Gesellschafter, mit dem er bisher in bester Harmonie gelebt hatte, in kleine Stücke. Dem ungeachtet, obwohl er auch so zahm und schmeichelhaft war, dass er mir und den Meinigen allenthalben nachging, auch auf den Ruf bei seinem Namen Strem augenblicklich da war, so hatte er doch weder an der Stimme noch sonst wahre Ilundesart an sich; er stahl wo er konnte und mochte, und war mit Schlägen wohl listiger und bei seinen Räubereien vorsichtiger, aber nicht getreuer zu machen. Zum Beispiel, man schlug ihn einmal, als er einen Topf mit Fleisch umgeworfen hatte, weil er mit dem Kopf nicht in den Topf hinein konnte, um das Fleisch zu erbeuten. Sobald er die Gelegenheit dazu ersah, that er das Gleiche wiederum, richtete aber den ausgeleerten Topf an seiner vorigen Stelle wieder auf, dass man wirklich um den leeren Topf feuerte, bis man endlich des Räubers Spuren bemerkte. Ein ander Mal stahl er dem Nachbar eine Gans; die Federn verriethen ihn, und er ward bei diesen ver- rätherischen Resten seines Raubes abgestraft. In der folgenden Nacht stahl er demselben Manne die zweite Gans, — kein Federchen, kein Tröpfchen Blut klagten ihn als Thäter an, er lag diesesmal sogar mit dem grössten Scheine der Unschuld im Neste, in eben der Positur noch, wie er sich Abends hingelegt hatte, nur sein Abgang verrieth ihn. Er war gegen Jedermann schmeichelhaft, blos in der Absicht, — 49 ihm, wenn er sich erst recht vertraut gemacht hatte, etwas Unvermerkt wegzukappern. Einem andern Nachbar, der eben seine Frucht dreschete, legte er sich vor die Küsse hin; sobald sich die Hühner, die neben hin springenden Körner zu sammeln naheten,. schlief er ein; man liess ihn ruhig liegen. Sein verstellter Schlaf dauerte aber nur so iange, bis ihm ein Huhn so nahe war, dass er es unvermerkt und ohne Geräusch bei der Kehle packen, und damit fortschleichen konnte. Keiner von den Dreschern und Anwesenden bemerkte es, bis er mit seinem Raube über den Hofzaun sprang. Seine vielen Streiche brachten ihn an die Kette. So oft man sich ihm nahete, gebertete er sich so demüthig und schmeichelte, bis man ihn losliess. Wenn er losgelassen wurde, ward er nach und nach nicht leicht mehr an die Kette zu bringen, man musste ihn beständig gebunden lassen. Nachdem alle möglichen Versuche umsonst gewesen, ihn mit dem nämlichen Haushund, der mit ihm aufgewachsen war, und mit dem er allezeit spielte, auch mit andern, die ihm bekannt waren, zu paaren, wegen Abneigung von Seiten der Hündin, so liess ich ihm unlängst lieber den zierlichen Balg abziehen.“ Neben der seelsorgerlichen Thätigkeit bot der Kirch- sprengel und die Colonie überhaupt für Catani ein reiches Feld der Wirksamkeit. Seine medicinischen und chirurgischen Kenntnisse gaben ihm Gelegenheit, seine Menschenliebe in der schönsten aber auch aufopferndsten Weise zum Wöhle Armer und Hülfloser walten zu lassen. In Anerkennung dieser nicht geringen Verdienste um das Gedeihen der Colonie und für die Bemühungen um Einführung der Schutzpockenimpfung, beschenkte ihn Kaiser Alexander 1., a ls er diesem auf einer Reise nach Dorpat, wohin er seinen Sohn Lukas auf die Universität brachte, vorgestellt wurde, mit einer goldenen Tabatiere, und fügte die weitere und 4 grössere Anerkennung bei, dass Lukas die Universitäts- Studien als Theologe auf Staatskosten geniessen konnte, Catanis Uneigennützigkeit und Hülfsbereitwilligkeit wurde jedoch nicht überall gelohnt, und er selbst mochte bei seinem Naturell nicht die gehörige Vorsicht, auch im Hinblick auf seine Familie, beobachtet und eingehalten haben. Er lieh Geld nach rechts und links, ohne wieder etwas zurück zu erhalten, und kam desshalb in die traurige Lage, nach einer 46 jährigen Wirksamkeit seinen Hinterlassenen auch nicht das Geringste erspart zu haben. Im Jahre 1830 starb Catani in Norka im Alter von 84 Jahren. Von seinen Kindern wurde Lukas, der jüngste Sohn und in Norka geboren, sein Nachfolger als Pfarrer, starb aber schon bald und hinterliess keine männlichen Nachkommen. Der älteste Sohn Johannes (geboren in St. Antonien 1773) zog von Norka weg nach Moskau, und verheirathete sich dort mit einer Bonnorand aus Lavin. Ein Sohn von ihm, Thomas, Enkel unseres Catani, kam nach Leipzig zu den Brüdern seiner Mutter, den bekannten Herren Bonnorand im Rosenthal, und lebt gegenwärtig in wohlhabenden Verhältnissen in Lavin. Ein anderer Sohn Catani’s, David, ebenfalls in Norka geboren, war Militärarzt, starb jung und unverheirathet. Thomas, ein St. Antönier von 1777, wurde Kaufmann, hinterliess einen Sohn, von dem aber die Verwandten in Lavin keine Kunde mehr erhielten. \on den vier Töchtern Catani’s fehlen alle Nachrichten. Dagegen berichtet uns Herr Pfarrer J. Conradin in Lavin, dass von Catani’s Urenkeln, zwei Knaben und zwei Mädchen, die Ersteren sehr fleissig und talentvoll seien und gegenwärtig noch die Laviner Schule besuchen. Mögen sie der Gemeinde Lavin ebenfalls Ehre bereiten, wie deren verdienstvoller Bürger, ihr Urgrossvater: Johann Baptista Catani. 51 In St. Antonien engagirten wir Christen Flütsch und seinen Sohn als Führer für heute in die Alphütten und zu den montanistischen Arbeiten des folgenden Tages, und nun gings in die Nacht hinein, den Hütten der Partnun- Alp zu. Irgendwo war Mondenschein, von dem wir zwar nichts sahen, aber doch so viel spürten, dass wir nicht noch mehr stolperten, als dies schon der Fall war. Der Gipfel der Sulzfluh ragte gespensterhaftbleich aus der Nacht empor und zeigte die riesigen Dimensionen des schönen Gebirgsstockes. Eine majestätische Ruhe lag über Gebirg und Thal. Es war eine schöne warme Nacht, die Sterne schimmerten, das kleine Bergwässerlein uns zur Seite floss leise murmelnd über die Steine, von der Höhe herunter klang schwach das melodische Glockengeläute der weidenden Heerden, — schweigsam stiegen wir aufwärts, nur der Schall der Tritte unter den beschlagenen Bergschuhen und das eintönige Aufschlagen der Bergstöcke unterbrach die Stille unserer Umgebung. Kein Lüftchen regte sich. Wir kamen an die letzte Erhebung des Thaies, stiegen direkt über die Wiesen empor und betraten die obere Hütte der Partnun-Alp, einem Flütsch von St. Antonien zugehörend. Für Jene, welche nur eine gewöhnliche Sennhütte anzutreffen glaubten, wie man gewohnt ist in den Bergen zu finden, gab’s heim Betreten dieser Hütte eine Ueberraschung. Wir fanden ein gemüthliclies Wohnhaus mit einer grossen Stube, zwei grossen Tischen, einer Anzahl Stühlen, d. h. „Höckerli“, nicht für gumpende Amerikaner eingerichtet, aber bequem für bescheidenere Menschenkinder, einen grossen Ofen, und sogar eine breite und lange Ofenbank, vulgo Sopha, mit abgerutschten Polstern, auf welchen^gjcü auch alsbald ein paar Beine behaglich ausstreckten. Wer einmal in einer Sennhütte Einkehr gethan, der weiss auch, dass das Studium der Speisekarte weder anstrengend noch zeitraubend ist. So waren auch unsere Bestellungen bald besorgt: — viel Kafe, Butter und Käs. Es währte auch nicht lange, so kamen die grossen dampfenden Töpfe auf den Tisch und wir begannen bei dem spärlichen Lichte einer Sennenlampe die grosse That der Ausfüllung verschiedener leerer Räume. Der Bergfahrer weiss, dass dieser Moment ein unbeschreiblicher ist, und auch die Kinder des Tieflandes, die Menschen der breiten Strassen wissen es. Es schmeckt nirgends besser als in der Sennhütte. Etwa eine Stunde später, gegen 9 1 / 2 Uhr kamen auch die Nachzügler auf der Partnunalp an und brachten das Saumross mit, das noch mit einem „Lägeli Veltliner“ bepackt war. Nachdem auch sie ihre drängenden Magengeister beruhigt hatten, und sich schon eine vorgerückte Stundenzeit zeigte, wurden Anstalten getroffen, den clubi- stischen Leib zur Ruhe zu bringen. Eine Abtheilung bezog eine tiefer gelegene Hütte, und zog damit ein Heulager einem s. g. Bette in der oberen Hütte vor. In der Dunkelheit stolperten wir über die Wiese hinab zu einer Hütte, und stiegen mit Hülfe einer Leiter auf den frischen Heustock. Dort streckten schon Zwei, von denen man glaubte, dass sie „z ! hengert“ gegangen seien, die Köpfe aus dem Heu empor, erstaunt, dass sie das breit und behäbig eingenommene Lager nun mit Andern theilen müssen. Es waren die I1H. Hieronymus v. Salis und Alfred Escher. *) Aber ») In die schönen Erinnerungen drangt sieh ein Todtenkranz. Unser liebenswürdiger Genosse auf dieser genussreichen Bergfahrt, Hr. H. v Salis, hat im stillen Grabe Hube gelnnden, hat auf einer kurzen hoffnungsvollen Lebenslnhrt frühe schon den Gipfel erreicht. In einem Duell in Zürich, verwundet, — an sich eine unbedeutende Kopfwunde, entwickelte sich später eine Gehirnentzündung, welche sein junges. 53 der Gaden war gross, und schliesslich Raum genug für Alle- Haser Hr. Prof. Theohaid verschwand augenblicklich im Heu und rührte sieh nicht mehr. Etwas länger hatte das löbliche Sektions-Präsidium, Coaz, zu thun, bis die schwarzseidene Zipfelmütze eine entsprechende Form, am Haupte gefunden, und dann verschwand auch er im Heu. Rur Hauptmann Christ. Bener und der Secretarius Hessen sich Zeit, bis alle Anforderungen an die Bequemlichkeit erfüllt waren, ein verlorner Strumpf seinen Fuss wieder gefunden hatte, und dann schloffen auch sie in die gemachten Aushöhlungen im Heu. Als nun endlich Alle im Heu stacken, blies Flutsch das Licht aus, stieg die Leiter hinab, schloss die Thüre des Gaden, und bald darauf verkündete ein nach Tonlage verschiedenes Schnarchen, dass Gott Morpheus sich herabgesenkt habe auf einige Mitglieder der Section Rhätia. Während so diese den Schlaf des Gerechten schliefen, wachte ein böser Berggeist oben in der Hütte und schürte sein Feuer so eifrig, dass alle noch am Tische Zurückgebliebenen trockene Kehlen bekamen. Die Geschichte sagt nichts davon, wie sehr und ob sich überhaupt unsere liehen Freunde Clubisten gegen den hereinbrechenden eigenthivm- hclien Föhn wehrten. Es hat sich später blos lierausge- stellt, dass man zur Erleichterung in dieser Noth statt zur »Milchgebse“ zu greifen, heim „Lägeli“ Zuflucht nahm, und dabei, um das clubistische Gewissen einigermassen zu be- l 'uhigen ! vom Inhalt des „Lägeli“ aus der „Gebse“ trank. ■ Jllll ge waren der Meinung und behaupteten steif und fest: die lvühe auf der Partnunalp hätten am Abend des 9. Sept. H36-1 r othe Milch gegeben. kaum 20 Jahre zählendes Leben am 9. März 1865 in Zürich schmerzlich zerriss. D„s Gral) nnhm ;iin auf in Chur in den Nachiniltags- s nnuen des 11. März. JN’un schläft er den ewigen Schlaf, umragt 'on der erhabenen Hochgebirgswelt, die er so innig liebte und so curig un< ' genussreich suchte. Omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci! Unter solchen Umständen ists auch erklärlich, dass die zahlreichen Pulicidae Partnunii bei ihren nächtlichen Arbeiten wenig verscheucht wurden. Noch dämmerte der neue Tag nur schwach zwischen den Balken des Gaden herein, polterte Flutsch schon an der Thüre der Hütte. „Use, ’s ischt Zyt!“ Alsbald rasehelte es auch im Heu, und ein Gähnen und Strecken war die erste clubistische Arbeit des vielversprechenden Tages. Bei unserer Ankunft in der oberen Hütte waren die „Uebergekneipten“ vom vorherigen Abend schon munter und sprachen den grossen Kafetöpfen und dem „Pressakäs“ fleissig zu. Waren aber mäuschenstille über die Milch- Metamorphose des gestrigen Abends. Erst später wurde das geheimnissvolle Wunder ruchbar. Endlich gings hinaus. Bleifarben lag das Uebergangs- licht von Nacht zu Tag noch über den Thälern; nur die ferneren Spitzen der Davosergebirge begannen sich mit dem zarten Roth des jungen Tages zu schmücken. Von den Hütten weg führte unser Weg in geringer Steigung über die oberen Alpen, die viel mit Gesteinstrümmem übersät sind und allenthalben die Spuren von Verwüstungen durch herabstürzende Wildbäche zur Zeit der Schneeschmelze zeigen. Immer enger geschlossen treten die mächtigen, steil und kühn aufsteigenden Felswände zusammen. Leicht fortrückend entwand sich der neue Tag den nächtlichen Schatten, und lies die vielgefurchten und in seltsamen Bildungen ausgewaschenen Felsparthien der einzelnen Gruppen wie gespensterhafte Zeichen erscheinen. Massig und kühn aufgebaut erhebt sich links die graue Spitze der Sulzfluh, — von hier aus gesehen furchtbar steil abfallend und un- 00 zugänglich. Es hatte mancher aus unserer Gesellschaft fragend den Blick hinaufgesondet an die glatten Wände, um die Richtung zu erspähen, die uns über die drohenden Felsenwände auf die Spitze, zum Ziele des Tages, zu führen hatte, und Mancher mochte nicht besonders erbaut gewesen sein, überall nur die grauen glatten Wände zu sehen und das Gefühl von einer „grausigen Fahrt“ zu bekommen. Aber es sollten die still genährten Befürchtungen bald verwischt werden, wie die Schatten der Nacht, die noch unsere Blicke unsicher an den Lokalitäten haften Hessen. Als wir am Partuunersee angekommen waren und der neue Tag seine völlige Herrschaft erreicht hatte, entdeckte das Auge einen östlich von der Sulzfluh fortlaufenden Grat, über den unser Weg gefahrlos zu führen hatte. Die Sonne stieg am wolkenlosen Himmel empor und warf ihre Strahlen auf die Spitzen der Hochgebirge. Auch die Sulzfluh leuchtete im Lichte der Sonne. Wir wanderten noch im Schatten. Truppweise stiegen wir aufwärts, zuerst über eine sumpfige Fläche, dann über feines Geröll, der Eine hier, der Andere dort «einen Weg suchend. Wir nahmen unsere Lichtung direkt der Sulzfluhspitze zu, überschritten oben ^iue steile aber kurze Geröllbalde, kletterten an einer Felswand empor, die aber überall sichern Tritt bietet, und kamen auf ein Plateau mit einigen wenigen Spuren von ^getatioa. Hier traten wir in das volle Sonnenlicht. Lii)g siim Hochgebirgscharakter. Ein Stück Fernsicht öffnet Slc h durcjj Lücke nach Osten hin, bis in die Gegend VOn ^althür, und lässt noch die Spitzen des Fluchthorns eikenneu. y on Süden her leuchtete das Juliergebirg. Vom Plateau aus führt die Richtung über ein beschwerliches und theilweise steiles Geröll in einer Mulde aufwärts zu einem Sattel, der steil von der Sulzfluhseite abfällt. Eine Abtheilung von unsern Leuten war ohne 56 Aufenthalt vorausgeeilt, wir sahen sie schon am Sattel, hofsh droben, emporklettern, als die Zurückbleibenden, die auf dem Plateau einen Rast gemacht hatten, erst die Geröll- Mulde betraten. Wir stiegen ihnen gemächlich nach; und als wir oben am Sattel den kleinen, von der Sulzfluh sich in massig schiefer Ebene herabsenkenden Gletscher betraten, jubelte uns der helle Haufen von der Spitze herab zu. Wir überschritten den mit einer leichten Schneedecke belegten Gletscher, und betraten unter Hailoh die Spitze — 2842 Meter. Es war Morgens 9 Uhr. Ein sonnenheller Tag krönte unsere Excursion. Rings um uns ausgebreitet schimmerte in hoheitsvoller Ruhe die Hochgebirgswelt mit ihren blauduftigen Spitzen und leuchtenden Schneefeldern. Eine ungetrübte Rundsicht öffnete sich dem Auge von tief im Osten an bis weit hinab nach Westen, — eine langgezogene Linie über tausende von Spitzen und tiefen, vielfach verzweigten Thälern, massigen Gruppen u. einzelnen dominirenden Gebirgsliäuptern. Suchen wir die weitausgedehnte Ilochgebirgsansicht zu ordnen. Vor allem fällt beim Versuch, sich im Gewirr des grossen Ganzen zurecht zu finden und sieh dasselbe klar zu machen, der überaus günstige Umstand auf, wie die Lage des Sulzfiuhstockes für den Hoeligebirgsüberblick den Yortheil bietet, dass sich die Hauptmassen nicht nur günstig für den Beschauer vom Hauptzuge abheben, sondern dass auch die einzelnen Hauptgruppen sich besonders schön zeigen in ihren eigenen und eigenthümlichsten Bildungen. Dieser Vortheil, der z. ß. auch dem Standpunkte Piz Lanquart eigen ist, gehört aber der Sulzfluh noch in ver- grössertem Masse an, weil seine ziemlich nach Norden zurücktretende Lage einen weitausgedehnten Ueberblick aus einer nicht zu grossen Entfernung gestattet, wodurch die Schönheiten der Hochgebirgserhebungon viel malerischer hervortreten, als bei andern Punkten, die zwar die Sulzflnli Höhe bedeutend überragen, aber dafür mehr im Centrnm der Alpenwelt liegen und von andern, gleich hohen Bergspitzen beherrscht und in der instruktiven Totalübersicbt beeinträchtigt werden. Ein anderer höchst bedeutender Vorzug ist ferner die Aussicht in die ebene Schweiz, auf den Bodensee und hinaus nach Süddeutschland. Durch den Gegensatz der Ebene, namentlich in der Begrenzung durch den Schwarzwald, hebt sich die Hochgebirgsansicht ungemein hervor. "Wenn Kenner der bündnerischen Alpenwelt, wie Prof. Theobald Und J. Coaz, die Aussicht von der Sulzfluh — und dieser gleichstehend auch jene der nahen Scesaplana — als eine der schönsten und grossartigsten in Graubündens Bergen erklären, so hat es damit seine Richtigkeit, und ist nicht zu viel gesagt. Zum Einzelnen übergehend und nur die Hauptmassen berührend, zeigt die Sulzfluh •. Im Osten: Das obere Montafun, die Bergerhebungen von Patznaun, das herrliche zackige Fluchthorn, den Piz Mondin bei Finstermünz, und über diesen hinaus die'zahlreichen Bergspitzen Tyrols, für deren einzelne Namen uns die Ortskenntniss mangelt. Im Süd-Ost: Ueber den Grat des Madrisahorns hin 111 herrlicher Bildung die Silvrettagruppe: Grosslitzner, Piz Kuin, Plattenhörner, Piz Linard (nur den oberen Theil) un d die gewaltigen Gletscher des. Silvrettagehietes: im Hintergründe die Berge von Unterengadin gegen den Aus- g ai ’g des Münsterthaies hin, und •— wenn wir uns nicht getäuscht haben — ganz unten rechts die weisse Spitze des Ortles. Im Süden: Dominirend die Beininagruppe, welche den Abschluss bildet. Vor ihr Piz Kesch, Piz Julier, Piz d’Aela, 58 Tinzeuhorn, Piz San Michel, — überhaupt die formenschone Gruppe des Juliergebirges mit den Verzweigungen nach beiden Seiten. Im Süd-W est: Ueher das Thal bei Chur und Reichenau hinaus, Piz ßeverin, Tambohorn, die gewaltige Masse der Adulagruppe mit dem leuchtenden Piz Val-Rhein, die Me- delser- und Lukmaniergebiete; im Hintergründe links die Bergspitzen von Südwallis, und rechts die Massen des Berneroberlandes (wir glaubten durch das Perspektiv das Finsteraarhorn zu erkennen). Im Westen: Die langgestreckte Tödikette, vom Ca- landa bei Chur bis zum majestätischen Tödi, den zackigen Piz Tumbif, die Glarnerberge, unter denen ganz besonders der Mürtschenstock und der Glärnisch hervortreten. Die Umrahmungen des Wallensees, die Churfirsten, zogen sich bescheiden zurück; dagegen traten die Zacken vom Pilatus (durch das Perspektiv gesehen) hervor. Im Nord-West fesselte hauptsächlich das Appenzellergebirge ; aber der wohlbekannte Sentis hatte sein stolzes Haupt gebeugt, und Kamor und Kasten, und selbst der finstere Altmann verzichteten auf grössere Effekte. Im Norden dehnte sich das Land von Bayern, Wür- teuxberg und Baden aus, schweiften unsere Blicke über den Bodensee, aus welchem in der schönen Ueberlingerbucht die herrliche Meinau im Lichte der Sonne strahlte. Unsere nächste Umgebung zeigte die Thäler: Montafuu mit dem weidenreichen. Bartholomäusberg; das St. Antönier- thal; oberes Prätigau; Valzeina; die langgestreckte Hochwangkette mit ihren Einschnitten und gras- und waldreichen Nordabdachungen; die Klus und die Eisenbahnlinie bei Landquart; Mastrilserberg; Scesaplana (ganz in der Nähe); Falknissgruppe; Graue Hörner — — — ad vocem „graue Hörner“ — Sehen Sie, Coaz, die verfl — Grauen 59 Horner und den griesgrämigen Piz Sol diüben stehen? — Es ärgert mich doch ingrimmig, dass unsere Freunde Clu- bisten von St. G. das ersehnte Ziel erreichten, während 'wir am Wildsee hockten, ihrer harrten, und schliesslich doch unverrichteter Dinge in Nebel und Graupeln abziehen mussten. Coaz. So, ärgert Sie’s? Mich ärgerts nun nicht mehr. Szadrowslcy. Ja, bei Ihrer Gemüthsruhe mag es sich schon verschmerzen lassen. Aber ich bin dem Burschen Sol zweimal auf den Pelz gegangen, habe mich verregnen und einschneien lassen, und schliesslich musste ich erfahren, dass man mir die Beute vor der Nase wegfischte. Dess- halb wurmt’s -- — —. Coaz. Verderben Sie sich den schönen Tag nicht — — (geheimnissvoll) Ihre Aufregung ist unnötliig, die Freunde Clubisten sind auch nicht oben gewesen — Szadrowsky. Juaho! Jetzt ist mir wieder wohl! Coaz. —. (j ei . Christian II., ihr Führer, hat sie arg angeführt, — statt auf den Piz Sol schleppte er sie auf die Eränalisspitz — dort sahen sie im Nebel nur so viel, dass sie nicht auf dem Piz Sol stehen. — Freund T. hat mir alles im köstlichsten Humor mitgetheilt — Ql —■ mich aber schön blau anlaufen lassen! Nachdem die herrliche Gebirgsaussicht genossen war, entwickelte sich auf der Spitze eiu reges Leben. Einzelne gingen unter der Führung unseres Geologen-Meister Theobald den Steinen nach und machten gute Be an versteinerten Muscheln, besonders schönen Agaric u. s. w. Das Präsidium zeichnete einzelne Berggruppen. Eine Abtheilung erlustigte sich am Steinwerfen auf eine am alten Steiumannli ausgestellte leere Flasche. Her un vergesslichste Genuss aber war, als sich Alle zu einem Chorus vereinigten, und von schönen Stimmen gesungen 60 unsere schönsten Volkslieder erklangen. Scherz und Ernst wechselte miteinander ab. Nachdem die „Pinschgauer wallfahrten“ gegangen, rauschte „das Mühlenrad in einem kühlen Grunde“, kämmte sich Loreley „das goldene Haar mit einem goldenen Kamme“, zogen „drei Burschen wohl über den Rhein“, mussten Einige „zum Städteli naus“, Andere waren erfüllt von der „Freiheit, die ich meine“, wieder Andere stach „das Röslein auf der Haide“; und als schliesslich Wilhelm Baumgartner’s herrliches Lied „Will ruhen unter den Bäumen hier“ verklungen war, trat eine grosse Generalpause ein, und ein Jeder suchte in seiner Bergtasche nach anderm nicht gesanglichen Stoff. Eine Ueberraschung und ein höchst seltener Genuss ward uns zu Theil. Bald nach unserer Ankunft auf der Spitze kreiste ein mächtiger Adler kaum höher als Schussweite über uns. Schnell griffen Einige zu den Gewehren, die wir bei uns hatten, allein ebenso schnell hob sich der prächtige Raubvogel vollends in eine für den Schuss unerreichbare Höhe, zog noch einige Kreise und war bald in kühnem Fluge unsern Augen entschwunden. Ob etwa seine Liebesblicke unserm Lumps galten, der auf den Steinen lag und schlief?! Da das alte Steinmannli klein und unbedeutend ist, und zudem auf der südlichen Abdachung steht und nicht auf dem absolut höchsten Punkte der ein Plateau bildenden Spitze, so errichteten wir einen grossen Steinmann auf der Höhe und decorirten denselben mit einer Flasche, in welche die Section Rhätia einen Wahrzettel des Schweizer-Alpen- Club versenkte, enthaltend, die Namen der Theilnehmer an der Excursion. Bevor wir von der Spitze scheiden, seien noch einige „Wegenotitzen“ erwähnt. 61 Von der Station Landquart bis Ivüblis Poststrasse 4 ’/ 2 Stunden. Von Ivüblis nach Aschierina (über Telfsch) 2 St.; über Luzein etwas weiter, aber besserer Weg. Von Aschierina nach St. Antonien 1 St. Von hier bis in die Hütten der Partnuneralp 2 St. Von da aus bis auf die Spitze 3 Stunden. Um 11 Uhr 30 Minuten sagten wir der Sulzfluhspitze Lebewohl auf Bergsteigerart — mit einem weitliinschal- lenden Halloh, und traten den Rückweg an zum Besuch der Höhlen. Ueber den Gletscher hinab gabs einige köstliche Rutschparthien, dann gingen wir links auf dem ziemlich breiten Bergrücken abwärts und kamen später über steilabfallenden aber ungefährlichen Terrassen an die östliche Wand des Sulzfluhstockes, oberhalb der Thalmulde „in den Gruben“, wo sich die Höhlen befinden. Für heute begnügten wir uns nur mit dem flüchtigen Besuche; die Untersuchungen und Vermessungen der Höhlen war die Aufgabe des folgenden Tages. Nachdem wir mit Fackeln und Laternen in den Höhlen, mitunter nach Art der Murmelthiere herumgekrochen waren, und einige Höhlen bei einer von Herrn Apotheker Schönecker produzirten bengalischen Beleuchtung bewunderten, stiegen wir vollends in das Hochthal „Gruben“ hinab und lagerten uus zum Genüsse des Schafbratens und der „rothen Milch“, die sich als guter Veltliner documentirte. Nun sollten die Gesellschaftsbande gelockert werden, da noch einige Projekte der Ausführung harrten. Den Rückweg nach Ktiblis traten an die Herren: Vin- nassa, Hamburger, Jeklin, Vater und Sohn, Stud. Röder und Pfarrer Tscliumpert. Uebers Joch und ins Montafun, nach Schruns, hinab stiegen die Herren: Peter Bener, Dr. Caviezel, Schönecker, Major Bühler und Leonhard Hitz. Cie Hütte auf der Partnunalp bezogen wieder die Herren: Coaz, Theobald, Christian Bener, Dr. Amstein, Kellenbergei-, Eseher, Salis, Walther, Severin und Sza- drowsky, und waren in derselben gut geborgen. Ein Gewitter zog sich vom Oberlande her, und nöthigte die Clubisten der Küblisrichtung, in Aschierina Quartier zu beziehen. Auf der Partnunalp war der Regen nur vorübergehend, wir selber in der Hütte gut geborgen. Schlimmer ergings deu Wanderern ins Montafun. Glücklich überschritten sie zwar den Pass, allein auf den Alpen vor Tschaguns ereilte sie das Gewitter, nöthigte sie iu eine Hütte zu flüchten und den Regen abzuwarten. Durch die verlorne Zeit kamen sie auf dem Weitermarsche tief in die Nacht hinein und erreichten erst um 10 Uhr Schruns, wo sie Nachtquartier bezogen. Demnach hatten diese Excur- sionsgenossen eine ganz wackere clubistische Aufgabe gelöst. Sie erzählen zwar auch von grosser Müdigkeit, haben aber den guten Humor dabei nicht verloren, und selbst in Schruns wussten sie durch ihren Scherz und sprudelnden Humor die Müdigkeit zu verbergen. Nur Lumps allein hatte den Humor verloren, litt an wunden I' üssen und verschmähte die dargei otenen Speisen. Des andern Morgens fuhren unsere Wanderer durchs Montafun hinab nach Feldkirch und benützten dort die Post nach der Eisenbahnstation Haag. Auf der Partnunalp entwickelte sich für die Zurückbleibenden ein gemüthlicher Abend, — wir sassen in der warmen Stube, rauchten, conversirten und verlebten einige angenehme Stunden im traulichen Beisammensein. Dann suchten wir unsere Schlafstätten auf, diesmal alle in der Hütte. Draussen fegte der Wind die Gewitterwolke vom Himmel, und die Sterne funkelten vielversprechend für den kommenden Tag. G3 Sonntag Morgens um 6 Ulir rückte die Gesellschaft wieder aus und zog abermals hinauf in das Ilochthaä „Gruben“, zur genaueren Untersuchung und Vermessung der Höhlen. Nur der Schreiber dieser Zeilen musste leider davon ausgeschlossen werden. Erst zurückgekehrt von einer ausgedehnten Excursion in die ostrhätischen Gebirge, erlaubte ein bedenklich schlimmer gewordenes krankes Hein keine „weiteren Sprünge“. Nur ungern trennte er sich von den Genossen, schleppte sich langsamen Schrittes nach Küblis und pflegte sein Knie auf dem Sopha in der „Post“, während die clubistischen Freunde genussreich in den Höhlen herumkrochen. Abends 7 Uhr kamen sie über Luzein in Küblis an, wohlversehen mit Spuren ihrer heut'gen Arbeit. Somit war die Excursion zu Ende. Von Küblis beförderte uns der Omnibus nach Landquart, wo wir den bereits um 8 Uhr erfolgten Heimmarsch der Montafuner erfuhren, und Nachts 11 Uhr brachte auch uns der Bahnzug unter einem sehr ungebührlichen liegen nach Chur. 4*r Ä ar &ä^ M & Ir » I !£.* io geologische und petrographische Beschaffenheit der Gebirge Graubündens ist der Höhlenbildung im All- ^ gemeinen nicht günstig und die wenigen Höhlen, die d l yorkommen, sind entweder reine Felsspalten, wie diejenigen der Fontauna cisterna im Val d’Assa bei Rernüs, oder durch Bergstürze entstanden, wie die Windlöcher bei Flims und manche Grotten im Misox und Bergeil. Von den mir bekannten ist einzig die Barettobalma in Vereina bei Klosters rein durch Verwitterung und Auswaschung entstanden. Die Anregung zum Besuche der im alten Sammler von Pfarrer Catani und Pool in den Jahren 1782 und 83 beschriebenen, seither aber ziemlich wieder in Vergessenheit gerathenen Höhlen der Sulzfluh fand daher bei der Rhätia, Sektion des Schweiz. Alpenclubs, allgemeinen Anklang, es ergriff die Mitglieder ein gewaltiger Drang zu untersuchen, ob Catani und Pool richtig beobachtet und die durch dieselben begonnenen Forschungen weiter fortzusetzen; auch var für Manche das Gebiet der Gebirgshöhlen ein noch ^bekanntes, nie betretenes Feld, daher denn auch die natürliche Neugierde ihre Rolle dabei spielte. Die Beschreibung der Reise im Allgemeinen dem betreffenden Referenten überlassend, führe ich die Leser G8 sogleich in die Gegend der Sulzfluh und Sclieienfluh *) zu hinterst in St. Antonien. Weitaus die meisten Höhlen und Felsvertiefungen kommen an der südöstlichen Wand der Sulzfluh in einer mittleren Höhe von etwa 2200 Mtr. vor. Das landschaftliche Bild dieser Alpengegend hat einen ganz eigenthümlichen, den übrigen bündnerischen Landschaften ziemlich fremden Charakter, welcher ihr hauptsächlich gegeben wird durch die links und rechts des Thaies in fast senkrechten Felswänden sich erhebende Sulz- und Sclieienfluh. Wir haben sie am ersten Abend gespensterartig hoch oben schweben sehen, wir sahen sie im hellen Tageslicht in den rein blauen Aether ihre kahlen Häupter erheben und denselben Tag noch vom grauem Gewölk umwogt. Aber nie verleugneten sie ihren Charakter, immer zeigten sie dieselbe Kühnheit in ihrem Felsenbau, dieselben scharfen Prophile, dasselbe blasse, weisslichgraue Antlitz, mit den alterstiefen Runzeln und zahlreichen dunkeln Augenhöhlen. Nur spärlich hat die eigenthümbche Kalkflora auf Felsengesimsen und kleinen Terrassen farbige Kränzchen eingeflochten oder schwache Rasenteppiche ausgebreitet, während dagegen die Flechten an wassergetränkten Stellen dem Felsen eine dunkle, oft schwarze Färbung gegeben. Wenn man von Partnun her sich dieser Gegend nähert, so folgt man ansteigend dem Rauschen eines Baches. Nach einer schwachen halben Stunde erreicht man eine schmale Thalschwelle und sieht sich unerwartet am Ausfluss eines kleinen Sees, des Partnuner-Sees. Hier liegt der Glanzpunkt unserer Hochgebirgslandschaft, hier würde der Künstler unzweifelhaft seinen Standpunkt wählen, um das schöne Bild in seine Mappe aufzunehmen. *) Scheien oder ScheinIi nennt man in Bünden diu schmalen Brettchen der Zäune und einen solchen Zaun Scheren- oder Scheiali-Zu. 69 Während wir am östlichen Ufer des Sees hinschritten, waren seine Wasser tief dunkelgrün, gegen die Ränder gelblich gefärbt. Die Sulzfluh, die an ihrem Fuss liegenden Weiden und die kleine Alphütte, an einem grossen Felsblock angehaut, vereinten ihr verjüngstes Bild im ruhigen, hellen Seespiegel. Kolossale Felstrümmer liegen an seinen Ufern und zerstreut an den beiden Thalhängen, zahlreicher jedoch am Westhange, der nur spärliche Weidflächen zeigt und weiter thaleinwärts, unterm Scheienhorn hin, von zwei grossen, grauen Guferkegeln durchzogen ist. Unter diesem weiten Trümmergestein liegt manches Stück, das einer ferneren Heimat als den über ihnen hängenden Felswänden angehört, es sind erratische Blöcke, welche vorgeschichtliche Gletscher mit sich führten und bei ihrem Abschmelzen hier zurüeldiessen. Der grösste Felsblock der Gegend liegt zu hinterst am See und stürzte von der Scbeienfluh herunter. Er ragt ungefähr 46' über den Boden, misst 86' in die Länge und 59' in die Breite und hat somit einen Kubikinhalt von annähernd 233,000 K.' Eine halbe Stunde vom See einwärts steigt die Thalsohle nur allmählig an und nicht viel stärker der Saumweg am Westhange des Thaies hin. Dann folgt ein ziemlich schroffer Absatz, der sich schief über die Thalsohle hinlegt und über den sich der Weg auf die Ostseite des Thaies hinüberzieht. Wir folgten dem Wege nicht so weit, sondern lenkten vorher links ab und betraten bald eine felsige, kesselartig vertiefte Fläche. Diese Bodenbildung wiederholt sich, weiter gegen den Pass hin, noch häufig und hat der Gegend den Namen in den Gruben gegeben. Wir sind der Höhlengruppe der Sulzfluh unterdessen ziemlich nahe gerückt und von Partnun etwa 1 ’/ a Stunden 70 entfernt. Hier verlässt man die Thalsohle und steigt die westgekehrte Wand hinan. Sie sieht von unten gefährlicher aus als sie näher betrachtet ist, indem die Felsparthien vortreten und die berasten, sich weit hinaufziehenden Flächen dem Blicke verdecken. Also nur frischen Mutlies an’s Werk. Der leichte Marsch von Partnun erlaubt einem ordentlichen Mitglied des Schweizer Alpenclubs noch keinen Halt. Ohnedem ist hier kein Wasser zu finden, während oben in der Nähe der Seehöhle ein schwacher aber guter Quell aus dem Felsen rieselt. In 3 / 4 Stunden sind wir dort, wenn wir nicht zu oft anhalten und nach den Davoser- und Klosterserbergen uns umsehen, die allmählig an den Horizont treten. Besser wir steuei'n gleichmässig aber unausgesetzt der frischen Quelle zu und lagern uns auf dem grünen Rasenband, welches das belebende Wässerchen dem Boden entlockt. Wir können dann unsere Aeugelein mit aller Ruhe und wohlgemuth um und um gehen lassen von den Bergen, die aus dem nahen Muntafun ihre Spitzen hervorstrecken, bis hinüber zum Madriserhorn, Casanna und dem Weisshorn im Schanfigg. Auch die grauen zerklüfteten Felswände der gegenüberliegenden Scheienfiuh können wir dann in vollem Masse und bis ins Kleinste überschauen und ihren geologischen Bau erforschen. Auffallen wird uns sogleich eine blutrothgefärbte Stelle am Fusse der Fluh und der Geologe sagt uns, dass es Atneter Marmor sei, zu dem übrigens auch der denselben überlagernde mehr gelbliche Kalk gehört. Nach V 4 Stunde Rast bei der Quelle machten wir uns wieder auf, erquickt, gestärkt und abgekühlt und näherten uns nun den Eingängen der Höhlen, die als schwarze Punkte schon vom Thal aus sichtbar waren. 71 Wir schritten über ein schmales Rasenband hin und stunden bald vor dem Eingang einer Höhle, die sich indess nur 20 — 30 Schritte tief in den Fels hineinzieht, dann wendet und unweit des Einganges durch eine andere Oeff- nung wieder zu Tage führt. Wir folgten der schmalen Rasenterrasse weiter und kamen zur Seehöhle. Der Eingang hat 10' Breite und 8—9' Höhe. Eine Menge Namen von früheren Besuchern sind an die glättern Flächen des Felsens mitr other Kreide hingeschrieben. Bevor wir die Höhle betraten, knüpften wir unsere Röeke gehörig zu. Die Naturforscher rüsteten ihre Hämmer, Fläschchen und Taschen und Jeder zündete sein mitgebrachtes Laternchen an. Diese kleine Lichtquelle vor sich hinhaltend schritt Einer nach dem Andern behutsam in das Innere des Berges. Zunächst kommt man über etwas Schutt und feine Schlammmasse, welche die ziemlich breite Sohle der Höhle bedeckt, bald aber vertieft sich der Boden, die Basis der Höhle wird schmäler und der Querschnitt hierdurch keilförmiger. Oben wölbt sich die Höhle cir. 20' hoch vollständig, so dass man sogleich sieht, dass man sich hier nicht in einer Felsspalte, sondern in einer Verwitterungsund Auswaschungs-Höhle befindet. Je nach der Härte der Gesteinsschicht sind die Wände verschieden tief ausgewaschen und ausgerieben, ja es treten feste gesimsartige Vorsprünge symetrisch von beiden Seiten ein bis zwei Fuss von den Wandungen vor. Ueber eine solche schritten wir nun hin, zu unseren Füssen eine enge, dunkle Kluft. Tiefer in der Höhle verschmälert sich das Gesims, wir zündeten nach der Tiefe der Kluft, fanden dieselbe zu unserer Beruhigung nur 4—5' tief und sprangen hinunter. Hier 72 zweigt sieh eine Höhle rechts ab, wird aber bald so niedrig, dass man sie nur mit Mühe weiter verfolgen kann. Wir kehrten daher in den Hanptgang zurück und drangen durch denselben weiter vor, einige durch die Tiefe der Höhle, andeie über das sich fortsetzende Gesims. Die Stimmen der Kobolde, die sich in das Innere der Sulzfluh gewagt, klangen hell wie in einem Kellergewölbe durch die Höhle. Nach einiger Zeit stiess die Expedition auf einen grossen Felsblock, der den Weg sperrte und wie die Wände der Höhle feucht und schmierig anzufühlen war. Dessenungeachtet erstieg, ohne Schonung der Kleidung, ein Laternenträger nach dem Andern das Felsstück und verschwand hinter demselben den Blicken der Nachfolgenden. Bald über Trümmergestein, dann wieder über Schlammboden uns weiter bewegend kamen wir zu einer zweiten Gabelung der Höhle. Der grösseren Wölbung folgend wandten wir uns links, kamen wieder über grosse, schlüpfrige Felstrümmer und endlich an eine schöne, gewölbte, etwa 20' hohe und 15' breite Nische, in welcher die Höhle zu Ende gieng und deren Grund mit klarem Wasser gefüllt war. Das ist der winzige See, von dem die Höhle ihren Namen erhalten. Da im Höhlengang kaum 2 Personen neben einander stehen konnten, so gruppirte sich die übrige Gesellschaft auf Felstrümmern und Gesimsen des Nischeneingangs, um das Gewölbe und den kleinen See besser zu überblicken. Man hätte meinen mögen, ein Maler habe die Gruppe mit Künstlersinn geordnet, so gelungen sah die Staffage aus. Ein Augenblick war Alles ruhig, jeder streckte sein schwaches Lichtlein in die Nische hinein und bog sich gegen dieselbe vor. Da plötzlich zischt es durch die Höhle und gleichzeitig ist dieselbe und der kleine See von einem grellen röthlichen Licht erfüllt, in dessen Sehein auch der 73 Kobolde Gestalten und blasse Gesichter aus dem Dunkel des Hintergrundes hervortreten. Aber kaum Minute dauert das Licht der abgebrannten bengalischen Flamme, das Bild verliert sich wieder in den matten Schein der schwachen Laternenlichter. Dagegen ertönte der Beifall der Gesellschaft laut durch die unterirdischen Hallen und als ob die heftig bewegten Schallwellen sich an den Wänden entzündet, wurde es wieder helle und die dunkeln Höhlenwände zeigten sich von einem mattgrünen Lichte übergossen von ganz anderm Effekt als das röthliche. Unser Sektions-Feuerwerker wollte uns wahrscheinlich durch diese verschiedenartige Beleuchtung auf eine schöne, augenfällige Art sagen, wie sehr es darauf ankomme, in welchem Lichte man eine Sache betrachte. Hach Aussage des Führers soll das Wasser des Höhlenbeckens seinen Stand ändern, bald so niedrig sein, dass man an den Rand des Bekens hinaustreten könne, bald durch den Höhlengang abfliesse. Wir trafen einen mittleren Wasserstand. Das Wasser war krystallhell und besass eine Temperatur von -j- 2 H R. bei einer Luftwärme von 6° IL Catani beobachtete im J. 1783 ebenfalls -|~ 2° R. Wassertemperatur, dagegen diejenige der Luft nur zu -)- 4° R. Die von Hrn. Dr. Killias besorgte Untersuchung des hier Vorgefundenen Schlammes folgt im Anhang. Merkwürdigerweise besitzt die Seehöhle, wie auch die übrigen von uns besuchten Höhlen der Sulzfluh, nur winzige Rudimente von Stalaktiten und begreiflicherweise noch geringere Entwicklung der Stalakmiten. Wir fanden einen einzigen grösseren Stalaktit von 1'Länge und 2 ’/a" mittlerem Durchmesser. Dagegen erzählt Catani *) im Sammler von einer Höhle der Sulzfluh: „Sie ist in ihren inneren Theilen *) Seite 216 im 6. Jahrgang des Sammlers. 74 eine wahre Werkstatt der kristallisirenden Natur. Die weissen Wände mit grotesken Figuren von erhabener Arbeit gezieret, worinn die Einbildungskraft so gut, als in der berühmten Baumannshöhle, allerlei Bilder finden kann, Altarstüke, Statuen, Gesimse — kleine Eisberge, oder was man will. Die obern Gewölbe sind ganz glatt und haben sogar verschiedene artige Eselsrüken, als wären sie mit Menschenkunst gemacht, alles ist nett und mit einem schönen Weiss übertüncht. Unzählbare Wassertropfen hängen in diesem Gewölbe und doch kann man lange horchen, bis ein einzelner hier oder dort fällt.“ Von den hier Vorgefundenen Stalaktiten sagt er sie seien „kegelförmig, dick, inwendig porös, voll kleiner Schwammlöchergen“ und nennt sie, nach der damals üblichen Linneisclien Classifikation: Stalactites Stillatitus. Von den da Vorgefundenen Stalakmiten *) sagt Gatani: „Die Spize eines solchen Kegels ist meistens an dem Ort des einfallenden Tropfens ausgehöhlt. Wenn ein solcher Stein gebrochen wird, so erscheint er im Bruch aus Theilen von halbdurchsichtigem Spat, in christallinischen, länglich rhomboidischen Streifen, die concentrisch aufeinanderliegen, ungefähr wie beim Blutstein. Er nennt diesen St. spatotus (Linne). Nicht uninteressant ist ferner folgende Angabe Catanis über Tropfsteinbildung in der gleichen Höhle: „Am Boden unter andern Kalksteinen fanden wir grosse Bruchplatten, die nach genauerer Untersuchung aus purem spatösem Tropfstein bestunden, die Lage der Spatschieferchen war aber hier nicht gegen einen Mittelpunkt gekehrt oder con- centrirt; sondern sie lagen vertikal in geraden Winkeln ®) Eine Tropfsteinhildung die durch das Auflallen der Wassertropfen auf den Boden oder sonstigen Gegenstand hervorgerufen wird, und welche nach oben sich vergrössert. 75 auf einer ITorizontalfläche, also dass drei, vier Schichten solcher Schiefer aufeinander lagen.“ Leider wurden wir nicht in diese interessante Höhle geführt, wesshalb ich mir erlaubt das von Catani über dieselbe Geschriebene theilweise anzuführen. Woher nun aber dieser Mangel an Tropfsteinbildung in den übrigen Höhlen der Sulzfluh ? Hr. Prof. Theobald bespricht diesen Gegenstand in seiner geologischen Arbeit über dieses Gebirge sehr eingehend, wesshalb ich hier auf die Beantwortung obiger Frage nicht näher eintreten, sondern nur die Ansicht hinwerfen will, dass, ausser der Dichtigkeit der Felsmassen, welche ein reichlicheres Durchsickern des Wassers verhindert, vielleicht der gänzliche Mangel oder die nur schwache Lage einer äussern vegetabilischen Bodendecke der Sulzfluh mit dazu beiträgt, dass die Tropfsteinbildung im Allgemeinen so schwach ist, indem hiedurch dem Sickerwasser zu wenig Kohlensäure geboten wird um eine zur Tropfsteinbildung hinreichende Kalkmasse in sich aufzulösen. Wir kehren von unserer mineralogischen Abschweifung zurück zu den Clubisten in der kleinen Seegrotte. Nachdem die bengalischen Flammen abgebrannt waren löste sich die Gruppe wieder auf, die Laternchen stiegen von den Wandgesimsen und Felsblöcken herunter in den engen Gang und der Zug ordnete sich nothgedrungen wieder in eine Einzelreihe zum Rückweg. Bald aber trennte sich die Gesellschaft, indem hei der erwähnten Gabelung Einige in den noch nicht besuchten Höhlengang links sich wandten, der nach Angabe meiner Gefährten, allmählig ansteigt und weiter hinten niedriger wird, so dass man auf den Knien fortrutschen muss, aber dennoch weit verfolgt werden kann. Sie schätzen die Länge des Ganges, soweit 76 sie in denselben vorgedrungen, gleich der Länge des Hauptganges von Aussen bis zur Gabelung. *) Catani hatte die Länge des Hauptganges mit einem Bindfaden gemessen, der am Eingang befestigt worden war und gefunden, dass dieselbe bis zum See 130 Churer Ellen messe, = cir. 282 Schw. Fuss. Auf dem Kückmarsch wurden die Vertiefungen rechts und links, der Schlamm und das Geschiebe durchsucht und die Taschen mit den merkwürdigsten Naturalien gefüllt. Thiere oder Thierreste fanden wir keine, erst gegen den Ausgang hin bemerkten wir in den Gewölben eine Fledermaus hin- und herschiessen. Abwohl wir nicht länger als etwa 1 */ 2 , höchstens 2 Stunden in der Seehöhle uns aufgehalten, sehnten wir uns doch wieder hinaus in die warme Luft und das Sonnenlicht, wir athmeten wieder wohlig auf, als wir uns dem Ausgang näherten und endlich wieder in unsere Welt hinaustraten. Aber welch’ traurigen Anblick boten die Einzeln dem Felsen nach und nach entschlüpfenden Clubisten! Welch’ merkwürdige Metamorphose ist mit ihnen da drinnen vorgegangen! Alle, ohne Ausnahme, so verschiedenfarbig auch ihre Kleidung vor dem Einfahren gewesen, alle tragen jetzt nur eine Farbe, die mattgelbe und nur an wenigen Stellen tritt das ursprüngliche Colorit in unbestimmten Umrissen hervor. Haben die guten Leute in den unterirdischen Räumen ein Schlammbad genommen? Und die Hüte, wie sind die verbogen und getüncht und wie garstig sehen *) Catani sagt Seite 219 des 6. Jahrgangs vom Sammler über einen Höhlengang, der nach der Richtung diesem entspricht, betreffs des Gefälles aber nicht übereinstimmt: „Die Kluft zog sich von der Horizontalfliichc hinab, wir fuhren merklich hinunter als wir unsere Reise förtsetzten; endlich kam unser Vorgänger an einen Abgrund, der zwar geräumiger war, allein weil die hineingeworfenen Steine lange in dumpfem Getöse fortrollten, so getrauten wir uns nicht hin- ahzus'eigen.“ 77 Gesicht und Hände aus! Jeder lachte seinen Nachbar aus wegen seines komischen Aussehens und musste erstaunt dem gleichen Gelächter verfallen. An der nahen Quelle wurde der Höhlenschlamm von Gesicht und Händen weggewaschen, eine Wasche unserer Kleider konnten wir unter obwaltenden Verhältnissen nicht vornehmen und die Meisten trugen Spuren ihrer heutigen Forschung in dieser auffallenden, nichts weniger als gentlemenmässigen Weise bis in die Hauptstadt mit sich. Nun wurden Steine, Geschiebe und Schlammballen ausgepackt, erstere rein gewaschen und bei hellem Tageslicht besichtigt. Welche Freude, als wir die Angaben von C. und P. über die grünen Bachsteine, wie sie dieselben nannten, bestätigt fanden und in denselben Serpentingeschiebe erkannten. Wenn die s. g. Gletschertheorie sich nicht längst dem Zusti nd der Hypothese entwunden hätte, so wäre dieser E'und ein Beleg mehr für dieselbe, denn wie anders wollte man das Vorhandensein solcher Geschiebe in diesen Kalkhöhlen sich erklären, als durch den Transport. auf Gletscher von entfernten Serpentinlagern her? C. und P. fielen diese dunkelgrünen, lichtgrün mar- morirten und z. Th. wie polirt abgeschliffenen Sternchen, die sonst der Sulzfluh fremd sind, mit Recht auf. Aber wie gespannt hätten sie zugehört, wenn man vor ihren Augen das grossartige Gletscherbild vorgeschichtlicher Zeiten entrollt und die Wahrheit desselben mit den schlagenden Beweisen belegt hätte, welche wir hiefür besitzen. Wie aufmerksam wären sie unserem Blick über St. Antonien und das Prätigau gefolgt, wenn man ihnen gesagt hätte: Sehet, all’ diese Thäler waren vor tausenden von Jahren mit Gletschern ausgefüllt. Die Gletscher die heute an der Silvretta, den Plattenhörnern, der Weissüuh, Pischa und Rothfurka liegen, sind kleine Ueberreste jenes grossen 78 Gletschers, der aus allen Seitenthälern Zuflüsse mit ihren Guferzügen erhielt und an unseren Sulzfluhhöhlen langsam aber gewaltig vorbeistrich, all’ die Gesteinarten auf seinem rechten Ufer mit sich führend, welche von den diesseitigen Felsen des Prätigau auf ihn herniedergestürzt. Auf diese Weise, werthe Naturfreunde, wurden auch unsere grünen Steine, die Serpentine, hieher getragen und z. Th. durch Oeffnungen von oben herab, z. Th. durch die Seiteneingänge vom Gletscher in die Höhlen hineingespült. Manche dieser Steinchen mögen schon beim Transport auf dem Gletscher an den Ufern desselben im Schlamm der Moränen, in Gletschermühlen und auf ähnliche Weise, andere grösstentheils erst beim Durchgang durch die Höhlen und durch das anhaltende Auswaschen ihrer Lagerungsplätze durch Gletscherwasser abgeschliffen worden sein. Welch’ ein Genuss wäre es für unsere, für die Naturforschung so begeisterten Pfarrer gewesen unseren Gedanken über die s. g. Eiszeit dieser Gegend zu folgen, das grossartige Bild derselben in ihr geistiges Auge aufzunehmen, diesen prophetischen, aber streng wissenschaftlich prophetischen Blick mit uns in weite Vergangenheit zu werfen! Die Geschiebe der Sulzfluhhöhlen enthalten indess nicht nur Serpentin und Kalk, sondern auch anderes, besonders granitisches Gestein, welches, wie auch die Serpentine, z. Th. in Kalkkonglomerate eingebacken sind. Manche dieser Fündlinge finden sich mit einer harten Kalksinterkruste überzogen. Die uns so willkommenen grünen Leitsteinchen wurden nun sammt ihren Schicksals- und Lagergenossen in unsere Taschen wohl verpackt und die Gesellschaft brach zum Besuche der nächsten, der s. g. Kirchhöhle auf. Steil, meist über Geröll ansteigend, erreichten wir dieselbe in einer schwachen */a Stunde. Die Herrenhöhle, die wir 79 Tags zuvor besucht hatten, liegt noch ’/ 4 Stunde höher und ist nicht ganz leicht zugänglich. (Die Winkel in beiliegendem Plan derselben wurde nach Aug bestimmt.) Am Eingänge der Kirchhöhle erhebt sich ein kleiner Wall, von dem es einerseits steil den Berg hinabgeht, anderseits mit etwa 30° Gefall nach dem Innern der Höhle. Der Eingang mag etwa 8' hoch und 12' breit sein. Mehrere Fackeln, die vom gestrigen ersten flüchtigen Besuch der Section zerstreut umherlagen, wurden wieder zur Hand genommen, während andere ihre Laternen zurüsteten. Vom Eingang der Kirchhöhle steigt man über Trümmergestein in gerader Richtung etwa 50' einwärts, (siehe Plan) dann verzweigt sie sich. Der Gang links senkt sich, durch das von uns so benannte Kirchenschiff, ebenfalls in ungefähr 30" Gefall in gerader Linie 85' weit. In seiner Mitte wölbt sich das Kirchsehiff kuppelförmig etwa 30' hoch. In der Tiefe des Ganges findet sich eine kleine 8' hohe Seitenhöhlung, in welcher zahlreiche Gletscherfündlinge in einem feinen Kalkschlamm begraben liegen. In diesem fand ich einen Serpentin von 11 Cm. Durchmesser, das grösste Stück, das unsere Sammlung aufweist. Von hier geht ein anfangs niedriger, später zu 8' sich erhebender Seitengang links ab. Er ist 30' lang und der Boden mit Trümmer bedeckt. In das Kirchenschiff zurückgekehrt wurden diese, in ewiger Finsterniss sich wölbenden Hallen, in verschiedenfarbigen bengalischen Flammen endlich einmal an’s Licht gezogen, um von ihren Formen und Dimensionen nähere Kenntniss zu nehmen und neue effektvolle Ansichten dieser Höhlenwelt unserem Auge zu verschaffen. Nach diesem kurzen Schauspiel kletterten wir über Trümmergestein und grosse Felsblöcke wieder bis zur Ga- 80 belung mit dem ersten, von Aussen schwach erhellten Gang zurück. Einige Schritte von dort, bergeinwärts, erweitert sich die Höhle links zu einer Nische, während rechts ein enger, dunkler Gang weiter führt, zuerst in nördlicher dann in nordöstlicher Richtung und endlich in einer Entfernung von 92' in eine 12 bis 15' weite nnd etwa 14' hohe Halle einmündet. Diese Halle spielte 1782 Catani und Pool einen Possen. Sie waren nämlich ohne Licht bis hieher vorgedrungen, tappten rings an den Wänden der Halle hin und gelangten schliesslich in den gleichen Gang zurück, durch den sie hergekommen, durchwanderten denselben in der Beglaubigung tiefer in’s Gebirg einzudringen und waren nicht wenig erstaunt sich zum Eingang der Höhle zurückgeführt zu sehen. Von der von uns so benannten „Halle“ geht nördlich, auf ganz kurze Strecke eine nur 3' hohe Vertiefung ab, eine andere in östlicher Richtung, anfangs auch nicht höher als etwa 3', später sich aber hebend und in die s. g. „Capelle“ ausmündend, von der sich nordöstlich eine kleine Nische öffnet und südlich ein Gang sich abzweigt, der schwach ansteigt und durch einen Schuttkegel geschlossen wird, der allem Anscheine nach durch eine Oeffnung von Aussen her angehäuft wurde. In der Capelle findet sich ein kleiner Felsblock, auf dem wir einige Holzstücke mit Na- mensinschriften fanden, unter welchen die ältesten diejenigen von Pfarrer Catani und Pool waren. Letztere besuchten nämlich im J. 1783 die Höhle zum 2. Mal, orientirten sich, mit Lichter versehen, etwas genauer und gelangten bis in die Capelle. Auf dem erwähnten Stein tafelten sie, sangen Lieder dazu und fanden, „dass diese unterirdische Musik, wegen des nahen dumpfen Wiederhalles von besonderer Art war“. 81 Nach dieser allseitigen Durchwanderung der Höhle wurden Anordnungen zur Vermessung derselben getroffen, bei welcher mich die Herren H. Salis *), Escher und Walther auf’s thätigste unterstützen. Die Aufnahme wurde mit der Boussole vorgenommen, Fakeln und Laternen dienten als Visirpunkte. Die schwierigste Arbeit hatten wir in dem niedern Gang, der zur Capelle führt, wo man eine Strecke weit sich auf den Knien kriechend fortbewegen musste und wo der Qualm der Fakeln, bei fast gänzlichem Mangel an Luftzug, die Höhle so erfüllte, dass das Athmen erschwert und das ganze Vermessungscorps von Husten befallen wurde. Als Beleg für die intensive Wirkung der pecherfüllten Luft mag den Lesern die Thatsache gelten, dass, als wir draussen im Tageslicht einander wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, unsere Nasenhöhlen wie verrusste Kamine aussahen. Das Resultat der Vermessung ist aus dem beigelegten Plane der Kirchhöhle ersichtlich. Die eingeschriebenen Zahlen geben das Höhenmass der Höhle an den bezeichnten Stellen an. Noch mache ich auf den Umstand aufmerksam, dass der Eingang der Höhle, die beiden Seitenvertiefungen der Capelle und der untere Seitengang des Schiffes in einer geraden, der Richtung des Berghanges ziemlich entsprechenden Linie liegen. Die Gesammtlänge der verschiedenen Verzweigungen der Höhle betragen 667'. Am Eingang der Höhle warfen wir die Reste der Fakeln wie üblich auf einen Haufen zusammen und liessen zum Abschied und zum Zeichen der Zufriedenheit mit unserer Arbeit die Pechflammen zu einem Freudenfeuer auflodern. *) Hr. Szadrowsky hat des frühen Hinschiedcs dieses unseren vrthen Gefährten Erwähnung gethan. 6 82 Während der Vermessung der Kirchbalme hatten einige unserer Gefährten andere unbedeutende Höhlen in der Nähe besucht. Sie liegen etwas tiefer und östlicher. Die eine wurde nach dem zahlreich aufgefundenen Geschiebe die Geschiebbalme, eine andere der inneren, stellenweis starken Bekleidung mit Moos wegen, die Moosbalme und eine dritte, in der noch etwas Schnee lag, die Schneebai m e genannt. Von hier lockte uns das grossartige Portal der, nordöstlich von uns, jenseits einer kleinen Geschiebshalde liegenden Abgrundhöhle an. In ungefähr 20 Minuten gelangt man hinüber. Sie liegt am Fusse der Felswand, deren Höhe die Schweizer-Oestreichische Grenze bildet und öffnet sich gegen Süden, oder wie Catani sagte: „Sie sperrt ihren Rachen nach Süden auf.“ Der Eingang hat 13' Breite und 15 bis 18' Höhe. Wie ein grossartiges Füllhorn wöblt sich die Höhle in die Tiefe des Felsens hinein. Anfänglich getrauten wir uns nicht in dieselbe hinunterzusteigen ; es ergieng uns ähnlich wie Catani und Pool bei ihrem Besuch im Juli 1782. Indess sahen wir bald, dass die Höhle eine Strecke weit zugänglich sei, obwohl die Neigung dem natürlichen Gefälle von 45° nahe kommen mag. Die Rinne, die sich hinunterzieht, ist mit Geschiebe bedeckt, was um so mehr Vorsicht erfordert. Bei 66' Tiefe tritt der nackte Fels zu Tage und die Senkung wird sehr steil, so dass sich nur noch unser kühne Führer, an einem Strick sich haltend, eine kleine Strecke weiter wagte, von w't.dann die Höhlung sich fast senkrecht in die Tiefe verliert. Die Sondirung ergab 100', die Gesammttiefe aber vom Eingang 191'. Bei 66' Tiefe befindet sich rechts eine kleine Nische (welche auch Catani und Genossen im Jahr 1783 besuchten), aus deren Wandung spärlich Wasser hervorrieselt. Die Nische ist mit zahlreichen rothen Namen' 83 Inschriften bedeckt und gegen die Tiefe der Höhle mit einer natürlichen Brustwehr versehen. Die Breite der Höhle beträgt an dieser Stelle ungefähr 19', die Höhe 25—30'. Die Nische misst 10' in die Tiefe, 4'/a' in die Breite und 14' in die Höhe. Von der Abgrundhöhle folgten wir unserem Führer und seinem Hinken Sohn, längs dem Felsen hin über eine Geröllhalde und dann über schwach berasten, z. Th. felsichten Boden in die eigentlichen Gruben hinunter, durchwanderten dieselben und stiegen auf der entgegengesetzten Seite gegen den Fuss des Scheienhorns, zur s. g. Grubenbalme. Sie liegt auf einer Anhöhe und besteht aus einer kleinen, kellerartigen Vertiefung im Boden mit einer Grundfläche von nur 12 bis 14' Durchmesser und 8' Höhe. Man steigt von der Seite in dieselbe hinunter; in der Decke befindet sich eine, kleine Oeffnung. Sie mag als Unterschlauf für die Hirten bei Wind und schlechtem Wetter bequem sein, bietet aber sonst wenig Interesse. Von hier zogen wir raschen Schrittes, denn die Zeit drängte, über ein hüjjlichtes Terrain weiter südlich, unweit der Scheienfluh hin, von deren Felsen an einer Stelle ein 3faclies, deutliches Echo zurückgeworfen wurde und Veranlassung zu einer Stimmprobe in allen möglichen Modulationen gab. Endlich gelangten wir zur bereits erwähnten rothen Fluh, wo der rothe Atnether Kalk ansteht und wo nach Angabe des Führers eine unergründliche Felsspalte sich öffnen soll. Die Spalte besitzt wenige Fuss Breite un L die hineingeworfenen Steine fallen, nach Zufall, etwa in 2 -—3 Sekunden auf: auch geognostisch bietet die Höhle kein Interesse, indem sie nicht etwa, wie wir vermutheten, die Grenze zwischen zwei Formationen oder Formationsglieder bildet. 84 Damit war unser Höhlenbesuch geschlossen und leider nicht auf eine Weise, welche geeignet wäre die Aufmerksamkeit des Lesers bis zum letzten Moment in immer steigendem Masse zu gewinnen. Ich musste mich aber an die Reihenfolge halten, in welcher die Höhlen und Klüfte bei der Excursion besucht wurden, um meine Gefährten, beim Lesen dieser Zeilen in der Orientation nicht zu verwirren und zugleich künftigen Besuchern dieser Gegend als Wegweiser zu dienen. Müde von den heutigen anstrengenden Gängen.-lagerten wir uns auf einem berasten Hügel gegenüber der Sulzfluh, die uns ihre zahlreichen Höhleflöffnungen und sonstigen höhlenähnlichen Auswaschungen gleich unregelmässig angebrachten Schiessscharten zukehrte. Unser Führer zeigte uns eine Felsenvertiefung an der Sulzfluh, in der Gegend ob dem See, in welcher 200 Schafe Platz haben sollen und welche Gemstobelbalme genannt wird. Am Blässecker-Pass befinde sich eine solche, in welcher 100 Stück Grossvieh untergebracht werden können. Die vorgerückte Zeit, ein scharfe^Wind aus Süden und bedrohliche Wolkenbildungen liessen uns nicht langer Ruhe gemessen. Wir richteten uns also wieder auf und wandten uns nördlich gegen den Saumpfad hinunter, um ohne weiteren Verzug der Thaltiefe zuzueilen. Ein kleines Kreuz- chen auf einem Felskopf unweit des Weges sagte uns im Vorbeigehen, dass dieser Pass auch schon seine Opfer gefordert, wenn Nacht oder Nebel oder wildes Schneegestöber den Wanderer überfiel. Bei der Hirtenhütte am See, dem Sommeraufenthalt unseres Führers (vulgo Gemsen-Flütsch) angelangt, lagerte sich die Gesellschaft auf einem Rasengelände zum Mittagsmahl, zu dem Flütsch uns einige Gebsen süsser Milch aus seinem Keller in kräftiger Hand kredenzte. 85 Der Weg von hier bis Küblis wurde mit zwei kurzen Unterbrechungen, die eine in Partnun, die andere in Aschierina, in raschem Marsche zurückgelegt, diejenige von letzterm Ort über Pany und Luzein streckenweise im Laufschritt, wozu uns der gute Schoppen Wein bei Lötscher die nöthigen Kräfte verliehen. A n h a n g. Chemische Analyse zweier Bodenarten aus der Seehöhie. Von IH\ E. lilllias. Durch Herrn Forstinspektor Coaz wurden mir am Neujahr zwei faustgrosse, weissliche Knollen einer erdigen Masse, die aus der Seehöhle in St. Antonien stammt, zur Untersuchung gegeben. 1. Geschlemmt erwiesen sich die Massen als ein Gemenge von feinem kreidigem Detritus mit kleineren, sämmtlich mit Salzsäure stark aufbrausenden und darin beinahe vollkommen löslichen, also kalkartigen Gesteinstrümmern. 2. Die geschlemmte. kreidige Erde liess unter dem Mieroskop zwischen der Masse amorphen mineralischen Pulvers vereinzelte Trümmer offenbar vegetabilischen Ursprunges erkennen, mit mehr oder weniger macerirtem Zellenbau; ganz selten fanden 88 3. 4. 5 . sich darunter erkennbare Reste von Conferven, sowie intensiv braun und violett gefärbte stumpf viereckige Körper, die ich als Algensporen deutete. Dagegen fehlte jede Spur von Diatomeen, Navicu- larien u. dgl. Im Platintiegel geglüht nahm die weisse Erde eine leichte bräunliche Färbung an, die bei stärkerem Glühen wieder verschwand. Die weisse Erde zeigte sich in Salzsäure unter starkem Aufbrausen fast vollkommen löslich. Die Analyse ergab auf 100 Theile: Kohlensaurer Kalk. 94,0075 Kohlensäure Magnesia. 1,5648 Eisenoxyd. 0,0300 Thonerde und Silicate. 1,9700 Wasser, organ. Substanz u. Verlust 2,4277 lööiöööö Demnach erweist sich die untersuchte weisse Erde als Detritus von Kalk und Dolomit, dem durch Sickerwasser u. s. f. vereinzelte Pflanzenreste, darunter erkenntlich von Algen, beigemengt sind. III. Topographisch - kulturhistorische Skizze über St. Antonien. Vou . 1 . ( onü. * S ) ll§ >aoll(iem vorausgegangenen Arbeiten die Excursion der Section Rhätia nach St. Antonien, auf die Sulz- Jlt fluh und in die dortigen Höhlen besprochen, dürfte

!*. 93 Gargella hinüberführt und der begangenste dieser Saumpfade ist. 2. Der Blässeeken-Pass (2321 Mt.)*) und 3. „ Partnuner- ,, (2240 Mt ). Beide in ungefähr 6 Stunden St. Antonien (Kirche) mit Tsehaguns oder Scbruns vei bindend. Diese Pässe können auch im Winter bei gefrornem Schnee und Windstille benutzt werden. Die westliche Grenzscheide von St. Antonien gegen Schiers ist weit niedriger, meist breit gewölbt, und bis zu oberst mit Weiden bedeckt. Der tiefste Punkt dieses Grates liegt bei Aschüel (1621 Mt.), von wo ein schlechter Fussweg nach Schuders und Schiers führt. Bequemer ist der Weg über Yalpün nach letzterem Ort. Am südlichen Fusse der Sulzfluh hin gelangt man zum Drusenthor**) und nach Tsehaguns (cir. 6 '/ 2 Std.). Auf dem südlichsten Punkt dieses Grates, dem Kreuz, ob der Alp Valpün (2200 Mt.), welcher sehr leicht zu ersteigen ist, hat man eine sehr lohnende Aussicht nach *) Der Name Blässecke, wird nach einer Mittheilung des Herrn Pfarrer Hitz in St. Antonien, dessen Güte ich mehrere Berichtigungen meiner Arbeit verdanke, von folgender Sage abgeleitet: Einem St. Antönier entwich im Herbst von der Alpweide seine Stute, Bläss, (so werden Pferde, Rindvieh, Hunde etc. genannt, welche von der Stirn zur Nase weiss gezeichnet sind) sarnmt Fohlen und konnte ungeachtet alles Suchens nicht gefunden werden. Im darauffolgenden Frühjahr bemerkte ein über den Pass Reisender die Bläss mit dem Fohlen in einer geschützten llulde des weilen Kessels herseits des Passes wohl überwintert, und überbrachte diese freudige Kunde dem Eigenthümer des Thieres. Der aber antwortete undankbar und herzlos zugleich: „Nun mag die Bläss bis zur Alpfahrt oben bleiben.“ Sie blieb, ging aber, wie auch ihr Fohlen, bis dahin zu Grunde. Als Warnung vor Undank und Herzlosigkeit trägt der Pass seither den Namen ßlasseck. **) Drusenfluh und Drusenthor kommt wahrscheinlich von Drosen, Drausen her, mit welchen Worten man die Alpenerlen, Ainus viridis (D. C.) bezeichnet. St. Antünien, einem grossen Tlieil des Prätigaus nnd seinem schönen Gebirgshintergrund am Silvretta. Die rechte Thalseite von St. Antonien steigt durch- gehends unmittelbar von der engen Thalsohle empor und ist nur von einigen Bachrinnen und muldenartigen Vertiefungen durchzogen, keine Seitenthäler schneiden in dieselbe ein. Der untere Theil des Hanges gegenüber Aschierina *) ist mit Wald bekleidet, in dem die Fichte den Hauptbestand bildet**) und der nach Luzein gehört. Weiter thaleinwärts trifft man diesseits zwar auch noch vereinzelte Ueberreste früherer Whldvegetation mitten in Bergmäder an, welch’ letztere die früheren schützenden Waldungen allmählig verdrängt haben. Zwar liefern diese Mäder ein sehr feines, kräftiges Heu, das jährlich oder alle 2 Jahre ohne Düngung gewonnen wird, dagegen gleiten im Winter über ihre glatten Flächen zahlreiche Lawinen in die Thaltiefe, die schon manche Hütte zertrümmert und manches Leben verkürzt. Gegen die Sulzfluh hin wird diese Thalseite breiter und verflacht sich in mittlerer Höhe zu den Alpweiden von Caschina (1896 Mt.), Eigenthum der Gemeinde Schiers. Ueber grosse Strecken dieser Gegend breiten sich in Gruppen Bergerlengebüsche aus. Anders gestaltet sich die westlich gewendete Thalseite, links vom. St. Antönierbach. ***) Während zu äusserst ob dem Fröschenäu und bis gegen Aschierina das Thal in *) Man schreibt jetzt gewöhnlich Ascherina oder Ascharina, das richtige ist aber Aschierina von Aschier (romanisch), deutsch Ahorn (Acer lat.) und wirklich kommen in dortiger Gegend, besonders bei den Gadenstiitt, am Wege von Pany naeh Aschierina noch jetzt viele Ahorn vor. **) Nach Catani sollen in dortigen Waldungen auch die Eibe, Taxus baccata L. und die Stechpalme Ilex aqnifolia Vorkommen. ***) Auch Dalvazza- und Schanierbach, von den Thalbewohnern kurzweg „der Bach“ genannt. wilden, felsigen Rüfen, unter denen das Hornertobel am bedeutendsten, emporsteigt, ziehen sich weiter hinten in südöstlicher Richtung 2 Parallelthäler in’s Gebirge hinauf, das Aschieriner- und Gafier-Thal, das erstere von Aschierina. das andere von Rüti ansteigend. Beide Seitenthäler sind nur im Sommer von den Sennen und Viehherden bewohnt, im Winter verlassen. Mit Ausnahme der Gafier Galtvieh- Alp, welche der Gemeinde Jenaz gehört, sind die Alpen dieser Thäler, sowie auch die Partnuner-Alp, Eigenthum der St. Antönier und zwar nicht der Gemeinde, sondern einzelner Privat-Oorporationen. Die Alp am St. Antönier-Joch und diejenige von Aschül gehören einzelnen Familien. Die geringen Waldungen von St. Antonien liegen zwischen den Töbeln ausser Aschierina und ob dieser Ortschaft, ein anderes Waldstück an der Ausmündung des Gafierthales. Casteis besitzt einen Wald hinter Aschül. Es ist sehr zu wünschen, dass diesem wichtigen Besitzthum bessere Pflege zu Theil werde als dies bisher geschehen. Durch obgenannte Thäler ist auch das Flussgebiet von St. Antonien bezeichnet. Der Bach des Hauptthaies, der in Dalvazza in die Landquart sich ergiesst, empfängt seine Hauptzuflüsse vom Aschieriner-, Gafier- und Partnuner-Bach und ausserdem durch zahlreiche kleine Rinnsale und Quellen- Diese Bäche wirken, trotz ihres streckenweis starken Gefälles, selten verrüfend auf ihre Ufer und wo es geschieht, dadurch, dass dem wasserzügigen Erdreich allmählig der Fuss weggespült und dasselbe zu Abrutschungen veranlasst wird. Der St. Antönierbach hatte in früheren Zeiten eine politische Bedeutung, indem er. die Grenze bildete zwischen den Hochgerichten Casteis und Klosters. Jetzt gehört St. Antonien zum Kreise Luzein. 96 Drei kleine Seespiegel breiten sieb in Alpweiden von St. Antonien aus, diejenigen von Partnun, Gafia und Ca- scbina. Letztere beiden Seen sind fiscblos. Der nutzbare Grund und Boden in St. Antonien besteht zum weitaus grössten Theil in Alpweiden und Berginäder, nur auf den unteren Terrassen und massig steilen Hängen des Hauptthaies findet Wies- und geringer Ackerbau Statt. Der Boden ist thonreich, daher ziemlich schwer und bindig, durch das häufig vorkommende Sickerwasser zugleich aber auch flüssig. Er eignet sich daher auch ganz vorzüglich zum Wiesbau; die St. Antönier Wiesen gehören zu den schönsten und heureichsten im Kanton. Sie werden im Herbst stark und gut gedüngt und im Sommer theilweise bewässert. Mancher saurer Grund könnte aber durch zweckmässige Entwässerung besseren Kräutern zugänglich gemacht werden. Für den Ackerbau ist der Boden in dieser Höhenlage zu schwer. Am häufigsten noch werden Kartoffeln gepflanzt und zwar bis zu 1640 Mt. ü. M. unter der Alp Partnun. Ausserdem wird etwas Gerste, Hanf und Flachs gepflanzt. Die Gerste wächst aber zu sehr in’s Stroh, legt sich leicht und verfault dann oft; und ebenso ergeht es häufig dem Hanf. Hier auf diesen sonnigen Wiesen-Terrassen und Hängen von wenigen Aeckerchen unterbrochen liegen die Häuser der Bewohner St. Antöniens, meist vereinzelt oder in kleine Gruppen zusammengebaut. Sie werden in 3 Ortschaften getrennt, welche zugleich auch 3 Gemeinden bilden, nämlich zunächst Aschierina (1441 Mt.) auf einer westseitigen Terrasse, Casteis *) mit Kirche, Pfarr- und Schulhaus, auf südöstlichem Hang, da wo das Thal einwärtsgehend, von *) Casteis besteht ans den Höfen: Schwendi, Platz, Hof und anderen Hiiusergruppen und wird so benannt wegen seinem früheren politischen Verband mit Caslels-Luzein. 4 seiner NNO. Richtung in OSO. übergeht und endlich Rüti auf der rechten und linken Seite der Ausmündung des Gafierbaches. Die Hauptwindzüge des Thaies streichen, wie begreiflich in der Hauptrichtung des Thaies so ziemlich von N. nach S. und umgekehrt. Westwind bringt amorphische Niederschläge, Ostwind bringt schöne Wetter, besonders der Nordostwind. Die wenigen Nebel, die im Herbst im Thal liegen, steigen aus dem Prätigau empor. Der durchschnittliche Schneefall wird für Casteis zu 3—4' Höhe angegeben. Die Bevölkerung St. Antöniens hat in den verflossenen 80 Jahren abgenommen, was von der Entlegenheit des Thaies und den besonderen Eigenthumsverhältnissen herrühren mag, wodurch mancher zum Aus-, weniger aber zum Einwandern bewogen wurden. Im Jahr 1781 hatte St. Antonien 440 Einwohner. „ „ 1805 „ „ „ 388 „ *) * 1860 „ „ „ 364 „ **) somit im Jahr 1860 76 Personen weniger als im Jahr 1781. Die Bevölkerung spricht deutsch und wurde 1542, zugleich mit der Gemeinde Fläsch, durch den Prediger Jacob Spreiter von St. Gailenkirch im nahen Montafun zur Annahme des Protestantismus bewogen. Die Kirche am Platz wurde aber bereits 1493 erbaut und noch früher war St. Antonien in der Gemeinde Jenaz kirchgenössig. Die einzige Schule des Thaies, in eine Unter- und Oberklasse getheilt, ist am Platz, wo die Kinder aus dem ganzen Thal täglich Zusammenkommen. Der Schulfond der 3 Gemeinden beträgt Fr. 9107. *) Nach dem neuen Sammler. **) Nach der eidg. Volkszählung. 98 Das an den Kanton zu versteuernde Vermögen St. An- töniens beträgt annähernd */ a Million, nicht inbegriffen diejenigen dortigen Waldungen und Alpen, welche andern Gemeinden angehören. Der Viehstand und die landwirtschaftlichen Gerätschaften bezahlen laut Kantons-Steuer- gesetz nichts und sind daher in obiger Summe nicht enthalten. Die Beschäftigung der St. Antönier lässt sich aus ihrem Grundbesitz entnehmen. Sie besteht in Alp- und Landwirtschaft und in der damit zusammenhängenden Viehzucht. Von technischen Gewerken finden sich hier ausser einer Holzsäge und zwei kleinen Mühlen, nur eine Hafnerei, die aber zweckmässig und nett eingerichtet ist. Die Töpfer- waaren werden über Pany auf Saumpferden in’s Prätigau geschafft. Der Jahreskreislauf in der Beschäftigung der St. Antönier ist kurz gefasst folgender: Im Winter besorgt die männliche Bevölkerung das Vieh in den s. g. Heimstallungen, schlittet bei überfornem Schnee das Madheu aus den kleinen Heuställen*) der Mäder in’s Thal herunter, rüstet Holz und verfertigt und reparirt ihre Geräthe. Die Weiber spinnen, stricken und weben. Nachdem der Schnee von den Feldern weggeschmolzen, werden die wenigen Grundstücke gedüngt, wo dieses Geschäft nicht zu der geeigneteren Zeit im Herbst besorgt werden konnte. Die im Herbst gedüngten werden jetzt geräumt und sobald etwas trockene Witterung eintritt auch bewässert. Beschädigte Umzäunungen werden ausgebessert und das geringe Ackerland und die kleinen Gärtchen neben den Häusern bearbeitet und besät. ' Die kleinen Heuställe der Müder werden ßargiin genannt, ein Mort, das wie die meisten Ortsnamen in St. Anlönien aus dem Romanischen stammt. 99 Mitte Juni beginnt gewöhnlich die Heuerndte und dauert fast ununterbrochen bis Mitte September. Obwohl diese Arbeit sehr strenge ist, indem alles Heu auf die Ställe getragen wird und vom frühen Morgen bis spät Abends fort dauert, so ist dies doch die Freudezeit der Thalbewohner. Auch auf den Touristen macht das geschäftige, gewandte 'Treiben dieser Leute auf den Wiesen und Mädern, in der kühlen Alpenluft und umweht vom aromatischen Duft des Bergheues einen freundlichen Eindruck. Man weilt gern in der Nähe der Gruppen von Heuer und Heuerinnen. Wenn regnerisches Wetter droht oder die Witterung feucht ist, wird das Gras oder Heu auf Fleinzen gebracht, um es vor Nässe zu schützen und dem Windzug stärker auszusetzen. Nach 8—10 Tagen ist die Heuerndte der tiefstgelegenen Wiesen gewöhnlich zu Ende. Man steigt dann in die höher gelegenen und Ende Juli oder im August auf die Mäder, steile, hohe Bergseiten, wohin das Grossvieh nicht zur Weide getrieben werden darf. Auf diese Bergmäder wird das erforderliche Kochgeräth und der Speisevorrath auf längere Zeit mitgenommen; auf den Heuställen wird übex - - nachtet. In früheren Jahren waren die Wohnungen des Thaies zu dieser Zeit wie ausgestorben, nur hie und da sah ein wundriges altes Mütterchen zum engen Fensterchen hinaus oder sass an der Thürschwelle. Desshalb wurden (und dies geschah bis vor 6 Jahren) in den einzelnen Dorfschaften W achen aufgestellt. Jetzt ist dies nicht mehr nöthig, weil wenige Häuser gänzlich unbewohnt bleiben und die Sicherheit grösser ist. Sind die Bergwiesen geerndtet, so zieht wieder alles in’s Thal herunter, wo unterdessen die Wiesen sich mit einem zweiten grünen Kleid überzogen haben, dem Krumet oder 100 Emd, das vor Eintritt des kalten Herbstes auch noch getrocknet und unter Dach und Fach gebracht wird. Unterdessen mussten aber die Alpen auch besorgt werden und da dieselben Privatkorporationen angehören und fast jede Familie auf den Alpen ihre eigene Stallung und Sennerei hat, so erfordert hier die Alpwirthschaft ein zahlreicheres Personal als auf Gemeindealpen. Die Hut des Grossviehes besorgen Männer, diejenige der Schaf- und Ziegenherden wird meist Kindern überlassen. Um Mitte September gewöhnlich werden die Alpen verlassen und es sammelt sich in den Häusern des Thaies und den Heimställen wieder fleuer, Sennen, Hirten und das liebe Vieh und erwarten den Winter ab. Der Viehstand der 5 Alpen, welche St. Antonien gehören, war 1782:*) 600 Küh, 300 Gälte, 40 Pferde, 700 Ziegen. 1860:**) 391 „ 98 „ 41 „ 241 Die Herbstbeschäftigung der St. Antönier besteht ausser Besorgung des Viehes hauptsächlich im Düngen der Wiesen und Fällen des Holzes. Wieder zum Winter zurückgekehrt wollen wir der Lawinen noch Erwähnung thun, die nicht leicht in einem andern Thal so häufig Vorkommen wie hier. Es hat im Ganzen 6 grössere Lawinenzüge, durch die der Schnee jährlich abfährt: 1. Bärentobel-Lawine, Gemeinde Rüti. 2. Bachtel 5 ? „ Casteis. 3. Schleuss 77 » n 4. Ischen 77 „ Aschierina. 5. Eck 77 n n 6. Horntobel 77 77 V *) Aach Angabe des neuen Sammlers. ®*J Aach der kantonalen Viehzählung. 101 Je nach der Witterung, Windrichtung und Form des Schnees, ziehen die Lawinen als Staub- oder Grundlawinen (Schlag oder Schiass). Die letztem setzen sich gewöhnlich im Monat März bei warmer Witterung in Bewegung. Ton 1689 bis 1804 sind*) 34, von da bis 1842 5 Personen in St. Antonien durch Lawinen umgekommen. Catani erzählt im Sammler einige Lawinen-Unglücke wie folgt: „So war eine Frau 7 Tage lang in einem Keller begraben, indem eine Schneelawine, während sie Milch in den Keller trug, das Haus wegschleuderte. Sie versicherte, alles, was über dem Schnee gesprochen wurde, deutlich gehört zu haben. Allein ihr Geschrei und um Hülfe rufen hörte man erst am 7. Tag, da man bis zum Keller durchgegraben hatte. Sie lebte nach dieser Gefangenschaft noch lange. 1776 wurde ein 13jähriger Sohn in seinem Bett noch ganz ordentlich bedeckt in der 3. Woche zur Seite der Lawine todt ausgegraben, da das Haus und seine eigene Bettstatt in der Lawine zerstört wurde. Seine 2 Brüder und eine Base wurden mit getödtet, hingegen der Vater lebendig herausgebracht. Nun (1782) sind aber die gefährlichsten Häuser alle von den Lawinen genommen und nicht mehr gebaut worden.“ Um die von Lawinen bedrohten Gebäulichkeiten zu sichern, werden auf der obern, gegen den Lawinenzug gerichteten Seite der Gebäude Erd- oder Steinwälle bis in die Höhe des Daches errichtet und denselben gegen die Richtung der Lawine eine spitzzulaufende Form gegeben. Die horunterstürzenden Schneemassen werden hiedurch ge- theilt oder wenn sie sehr hoch sind, sowie auch die Staub- *) Noch Angabe im neuen Sammler. 102 lawinen, über die Gebäude hinausgeworfen. Diese Wälle werden Ebenhöh genannt. Der Verkehr der St. Antönier nach Aussen findet theils mit dem Prätigau theils mit Montafun Statt und besteht in Viehhandel, Ausfuhr von Butter und Käse und Einfuhr von Korn, Colonialwaaren, Salz, Ellenwaaren, Gerätlie, etwas Wein und in was die geringen Bedürfnisse dieser nüchternen, einfachen Thalbewohner sonst noch bestehen. Ein Fussbote geht wöchentlich 3 Mal, Dienstag, Donnerstag und Samstag nach Küblis und über Pany zurück in’s Thal. Mit Montafun besteht keine regelmässige Verbindung. Aus dieser Landesbeschaffenheit und Lebensweise, aus diesen inneren Verhältnissen und Beziehungen nach Aussen, hei der politischen Stellung in einem Kanton, dessen Souveränität in der Gesammtheit des Volkes beruht, ist ein im Allgemeinen körperlich kräftiger, gesunder, abgehärteter Menschenschlag hervorgegangen, willenskräftig und beharrlich bei Umsicht und Besonnenheit, arbeitsam, anstellig, sparsam, nüchtern und streng sittlich; daher die St. Antönier im Allgemeinen hablieh sind und zufrieden in ihren einfachen Verhältnissen. Die fast unbeschränkte Freiheit in ihrer inneren Verwaltung, die kaum merkliche Einmischung der Kantonsregierung in ihre ökonomischen Verhältnisse und öffentlichen Institutionen geben dem Volk Selbstbewusstsein, das sich in Offenheit, Geradheit und Entschiedenheit ausprägt, wo es nicht in Selbstüberschätzung ausartet oder in einem Alleswissen und Alleskönnen unangenehm zu Tage tritt. Das bei der Abgeschlossenheit der St. Antönier erklärliche Heirathen unter nahen Verwandten scheint nicht ohne nachtheilige Folgen für die jetzige jüngere Generation zu sein, eine Beobachtung, die auch in verschiedenen anderen .103 Gegenden im Kanton von gleicher Abgeschlossenheit gemacht wurde und sich theils in Kinderlosigkeit, theils in einzelnen taubstummen und blödsinnigen Kindern, mitten unter der sonst blühensten Jugend zeigt. Hiemit schliessen wir unsere topographisch-kulturhistorische Skizze von St. Antonien, einem Ländchen und Völkchen, das klein und entlegen, wenig gekannt und wenig besucht ist, das aber ein eigenthümliches, abgerundetes Gepräge trägt, welches für viele Reisenden anziehender und von grösserem Interesse sein dürfte als manches weit ausgedehntere und bevölkertere Land. •—» « C - g-g - IV. Geologische Beschreibung der Sulzfluh. Von Prof. CJ. Theobald. ni on der mächtigen Centralmasse des Selvretta, zwischen deren scharfkantig aufsteigenden Gräten und Hörnern weit ausgedehnte Gletschermassen lagern und sich in die benachbarten Thäler hinabsenken, zieht sich eine hohe Bergkette, der Rhätikon bis an die Ufer des Rheins, wo sie sich mehrfach verzweigt und in steilen Vorgebirgen, Falkniss, Fläscher Berg und den drei Schwestern von Vaduz endigt. Der Rhätikon scheidet das Prätigau von dem Ulthal und bildet in seiner ganzen Länge die Grenzscheide zwischen Bünden und Vorarlberg. Er fällt von weitem auf durch die steile Form seines felsigen Kammes, welcher aus Kalkgebirgen besteht, deren kühne Umrisse riesigen Mauerzinnen und Festungswerken gleichen, denen thurmartig wie verwitterte Ruinen alter Burgen die Spitzen aufgesetzt sind. Es folgen hier von der Selvretta aus zuerst die Berge, welche das Schlapiner Thal umgeben, dann die hohe Madrisa mit dem Prätigauer Calanda, die Berge des St. Antönierjoches in Gafia, die Mittelfluh, Sulzfluh, Drusenfluh, Kirchlispitze, die hohe Scesaplana, der Tschingel (Bartkiimelberg), das Grauhorn (Nafkopf) und die zackige Reihe des Falknissgipfel, bis als letztes Vorwerk der Fläscher Berg mit Luziensteig die Felsenkette als Hoch wacht des Schweizergebietes schliesst. Nur wenige 108 Pässe führen durch den Rhätikon und von diesem sind die meisten nur für Fussgänger gangbar; manche sind nur Spalten in der langen Felsenmauer und werden selten von andern als von Hirten, Jägern und andern guten Bergsteigern benutzt, wie das Schweizerthor, Drusenthor, die beiden Furken an der Scesaplana u. a. m. Zunächst an der Selvretta besteht der Rhätikon aus denselben krystallinisch schiefrigen Gesteinen, wie diese. Ilornblendeschiefer herrscht vor, ihm untergeordnet sind Gneiss und Glimmerschiefer. Je weiter westlich man gelangt, desto mehr nimmt letzterer an Ausdehnung und Mächtigkeit zu und geht in jenes vielgestaltige Gestein über, das wir in Bünden Casannaschiefer genannt haben, und das zwischen Glimmerschiefer, Talkschiefer und Gneiss schwankt, oft auch in Thonschiefer und Yerrucano über- g'ejit. Es schieben sich diese krystallinischen Schiefer, indem sie fortwährend mächtige Hörner und hohe felsige Gräte bilden bis zum Gafier Thal bei St. Antonien und zum Plassegger Pass vor, hinter demselben selbst weiter, indem ein Vorsprung derselben bis zum Hohen Mann auf der rechten Seite des Rellsthals reicht. Sie sind theils wirklich primitives Gestein, welches der ersten Rinde der erkaltenden Erde angehörte, theils aber sind es die Felsarten, welche man anderweitig in anderer Form unter dem Namen der Uebergangs- und Kohlenformation kennt. Durch Einwirkung von Wärme und Wasser wurden die letzteren Formationen krystallinisch, nahmen in Folge dessen grösseren Raum ein und erhoben sich, worauf das gespaltene Gewölbe in die Gräte und Kämme zerriss, welche gegenwärtig die Selvretta und Madrisa bilden, die geologisch ein untrennbares Ganzes ausmachen. Als die Selvretta solchergestalt dem alten Meeresboden entstieg, erhob sie mit sich ihre ganze Umgebung, aber die 109 abgelagerten Schichtengesteine wurden nicht bloss einfach gehoben, sondern auch zurückgeschoben, gebogen und zu langen Wellenlinien aufgestaut, welche dem Relief der Sel- vretta folgend dieselbe westlich und nördlich in weiten Bogen umziehen. Solche Hebungswellen bilden den Rhä- tikon, sowie die angrenzenden Vorarlberger-, Tyroler- und Baierischen Kalkalpen. Wo sie zunächst an das krystal- linische Gebirg grenzen, fallen ihre Schichten steil oder in schiefen Mulden gegen dasselbe ein, ja es legen sich sogar an vielen Orten die Glimmerschiefer und Gneisse über die Kalkformationen weg, so dass hier das Untere zu oberst gekehrt ist; je weiter man sich aber von der Kernmasse entfernt, desto flacher werden die Wellen, desto weniger häufig die steilen Felsenmauern, bis das Ganze sich in der süddeutschen Hochebene verflacht. Auf der Bündner Seite lagert vor den hohen Kalkriffen des Rliätikon ein System von wellenförmig gebogenen Schieferschichten, die ebenfalls hohe Berge bilden. Ihre Thäler sind viel gebogene und verzweigte Einfaltungen, von Wald und üppiger Weide bedeckt, doch ist die weiche Felsart oft zu tiefen Schluchten und Tobeln ausgewaschen. Auf der Vorarlberger Seite dagegen behauptet sich das Kalkgebirg weithin und gibt dem ganzen Lande auf grosse Erstreckung das Aussehen von Zerrissenheit, welches man von hohen Standpunkten bemerkt und anstaunt, denn nur selten erkennt das Auge in der grauen Steinwüste die dazwischen in der Tiefe gelagerten grünen Thäler. Das kry- stallinische Gebirg erlangt diesen Charakter von Kahlheit und Wildheit nicht, denn mit den nackten dunkel gefärbten Felsen seiner Gräte und Spitzen wechseln grüne Halden und reiche Alpentriften. Darin sind das Gargellen- und Garapadelthal fast ganz, das Gauer- und Kellsthal znm Theil eingeschnitten, die andern Thäler des Rliätikon verlaufen 110 auf der Nordseite im Kalkgebirg, auf der Südseite in IHindner Schiefer. Es ist wegen der Grenzen, die dieser Arbeit gesteckt sind, nicht möglich, eine genaue Beschreibung der im Rhä- tikon vorkommenden Felsarten zu geben; wo es nöthig ist, werden wir diejenigen näher beschreiben, die an der Sulzfluh Vorkommen. Die Formationsreihe im Rhätikon ist nachstehende von unten nach oben. I. Krystallinisches Gebirg. 1) Gneiss; 2) Hornblende- schiefer; 3) Glimmerschiefer; 4) Casannaschiefer. II. Trias. (Bunter Sandstein, Muschelkalk, Keuper.) 1) Verrucano, rothes Conglomerat und rother Schiefer, vertritt in den Alpen den bunten Sandstein; 2) Virgloriakalk, ein schwarzer Plattenkalk; 3) Partnachschiefer, graue mergelige Schiefer mit Halobia und Bactryllium Schmidtii; 4) Arlbergkalk, ein grauer, theils zelliger, theils glasig glatter Kalk; 5) Lüner Schichten obere Rauhwacke und Schiefer; 6) Hauptdolomit, die grosse graue Kalkbildung der Scesaplana, welche meist aus Dolomit besteht; 7) Ivöss- ner Schichten, dunkelgrauer schiefriger Kalk mit vielen Versteinerungen, welcher die Spitze der Scesaplana bildet; 8) Dachsteinkalk, ein hellgrauer Kalk in dicken Bänken oder auch in dünnen Schichten, meist dicht. III. Lias und JuraKalk. 1) Steinsberger Kalk (Hirlazer und Adnether Kalk der Oesterreichischen Geologen), theils dicke Kalkbänke von weisslicher, gelblicher oder röthlicher Farbe, wie sie die Hauptmasse der Sulzfluh bilden, theils dünnere blutrothe Schichten, zuweilen auch rothe Kalk- breccien; 2) Algauschiefer, Oberlias, zu unterst graue und rothe Kalkschiefer, die in die vorige Formation übergehen, dann graue Kalk-, Sand- und Thonschiefer oft mit Abdrücken von Meerpflanzen (Fucoiden); 3) unterer und mitt- 111 lerer Jurakalk, grauer Kalk und Kalkschiefer, die erst um Falkniss und Fläscher llerg Bedeutung gewinnen. IV. Eocenschiefer, Flysch, Graue oder braune Schiefer, welche den Algauschiefern gleichen und ebenfalls Fucoiden enthalten, die aber von den Liasfucoiden verschieden sind. Diese Formation trifft im Prätigau mit dem Lias auf solche Weise zusammen, dass man wegen der auffallenden mineralogischen Aehnlichkeit bis jetzt, an mehreren Stellen noch keine scharfe Trennung hat vornehmen können. Wir bezeichnen solche zweifelhafte Schichten als Bündnerschiefer. Nach dieser allgemeinen Betrachtung gehen wir zu unserm speziellen Gegenstand über. Aus weiter Ferne erkennt man die Sulzfluh als hohe, kegelförmige Felsengestalt, 2842 Met., im Hintergrund des Thaies von St. Antonien. Links von ihr erhebt sich, durch das Drusenthor, 2384 Met., und den Sporner Gletscher davon getrennt, die Drusenfluh, 2834 Met., zur rechten, jenseits des Partnuner Passes, 2240 Met., die Mittelfluh (Windeck), 2573 Met., beides hohe Felsenketten, der Sulzfluh in den Formen sowohl als in der Felsbildung ähnlich. Steigt man von Küblis aus in dem Thal des Schaniel- baches aufwärts, so bleibt man auf Bündner Schiefer, welcher nördlich, nordöstlich und seihst östlich einfällt und im Ganzen genommen NW. SO. ffreicht. Die Schichten sind sehr verbogen und stehen an den steilen Gehängen und in dem zur Schlucht ausgefressenen Bette des Baches als graue Wände und Zacken hervor. Oben auf diesen Schiefern lagern aber eine Menge eckige Blöcke von kry- stallinischem Gestein, mitunter in solcher Menge, dass man 'sie für anstehend halten könnte. Sie sind erratische Blöcke, welche von der Selvretta aus liieher geschoben wurden, als in der Eiszeit die Gletscher alle diese Thiiler füllten. Auf der rechten Seite, sowie weiter innen im Tliale mischen 112 sich mit ihnen die Gesteine des Plassegger Passes, Sulzfluh u. s. w. In der Gegend von Ascharina, wo man wieder in die Thalsohle kommt, trifft man in diesem Schiefer Fucoiden, welche für Flyschfucoiden gehalten werden. Auch der ganze Thalgrund von St. Antonien ist mit diesen Bündner Schiefern gefüllt, welche sich bis an den Fuss der Sulzfluh erstrecken, auch das hohe Jäglishorn und der nördliche Ausläufer des Rätsehenhorns bestehen aus dieser Felsart. Hoch über dieselbe erheben sich aber auf der linken Seite die weissen Felsenzinnen des Calanda und Rätschenhornes. Sie bestehen aus Steinsberger- und Dachsteinkalk, vor welchem der Schiefer so lagert, dass er vor der Kalkmauer eine schief östlich einfallende Mulde bildet, dergestalt, dass der Kalk auf ihm zu liegen kommt, welchen in der That unter ihn gehört. Auf den Dachsteinkalk folgt nun östlich gegen die Madrisa erst die Reihe der Trias, in der die Kössner Schichten und der Hauptdolomit so schwach repräsentirt sind, dass sie zu fehlen scheinen, dann Verrucano (rothes Conglomerat) nur schwach, und endlich das krystallinische Gestein, Casannaschiefer, Hornblendeschiefer und Gneiss, woraus sich die imposante Masse der t Madrisa aufbaut. Die krystallinischen Felsarten haben sich hier über die Kalkbildungen gelegt, wie diese über den Bündner Schiefer. Es ist dies ein klassisches Beispiel von Ueberwerfung der Schichten. Die Stelle, wo der Prätigauer Calanda an die Madrisa grenzt, heisst „Gafier Platten“. Der Steinsberger- und Dachsteinkalk fallen hier in mächtigen plattenförmigen Massen gegen das krystallinische Gestein. Aber diese gewaltige Kalkmasse zieht sich auf der rechten Seite des, Gafier Thaies, das sich bald mit dem Partnuner Thal zum Hauptthal von St. Antonien vereinigt, auf einen schmalen Streif zusammen, welcher zwischen dem Bündner Schiefer 113 und dem krystallinischen Gebirg des St. Antönier Joches im Zickzack hinstreicht. Der Kalk -bildet fortwährend eine leicht übersehbare Muldenbiegung, welche am Schollberg sich wieder erweitert, dann nochmals verschmälert, endlich jenseits des Plassegger Passes in der Mittelfluh sich zu einem mächtigen Gebirgsstock erhebt, der sich durch den Kücken des Partnuner Passes mit der Sulzfluh vereinigt. Auf der ganzen langen Strecke bleibt die Ordnung der Formationen dieselbe wie an den Gafier Platten, was sich namentlich auf dem St. Antönier Joch und an der Stelle, wo man nach dem Plassegger Pass aufsteigt, sehr gut beobachten lässt. Auch hier ist der Hauptdolomit kaum nachweisbar, eine Sonderbarkeit, welche um so mehr auffällt, da diese Felsart sonst in den Bündner Gebirgen die Hauptmasse der Kalkformationen ist. Schon nahe bei St. Antonien, etwas oberhalb der Vereinigung der Thäler Gafia und Partnun, findet man grosse Haufwerke von Kalksteinen; es sind alte Moränen, welche seiner Zeit die Gletscher hervorgeschoben haben. Deutlicher bemerkt man solche, aus sehr ansehnlichen Kalkblöcken bestehende Haufwerke auf dem Schiefergrund des Schafberges, oberhalb Garschuna, welche sehr gut ihie halbkreisförmige Gestalt beibehalten haben und jenseits oberhalb der Drusenalp, die vom Drusenthor stammen. Auch das Alpendorf Partnun liegt auf mächtigen Trümmerhaufwerken von Kalk, unter welchem grauer Fucoiden- schiefer steckt. Solchen trifft mau dann auch im Bache, auf dem VVege zum Partnuner See mit Fucoiden, die denen des Flysch gleichen; dennoch gehören diese Schiefer wahrscheinlich zu den Algauschiefern. Vor dem See bilden die Schiefer eine felsige Thalschwelle; er ist durch eine Moräne geschlossen, auf beiden Seiten aber ist das kleine tiefe Seebecken von mächtigen Trümmerhaufwerken um- 8 114 geben, die theils von der Sulzfluli, tlieils von der Mittel- fluh herabgestürzt sind. Der Schiefer setzt sich als ziemlich tiefe Einbucht noch eine Strecke gegen die Lücke fort, welche hier zwischen SulzfLih und Mittelfluh gegen den l’artnuner- oder Lysumi- pass vordringt. Dieses ganz eingesenkte Terrain wird mit einem wohlbezeichnenden Ausdruck „die Gruben“ genannt. Geht man in der untersten Grube eine Strecke vom See aufwärts, so ist man überrascht, plötzlich auf Gneiss und granitische Gesteine zu kommen, welche nicht erratisch sind, sondern anstehen. Diese Felsarten sind entschieden eruptiv, d. h. sie haben sich durch unterirdische Gewalt aus dem Boden gehoben. Wir werden alsbald sehen, zu welchen Schlüssen uns die Anwesenheit dieser bis jetzt der Beobachtung entgangenen Felsbank berechtigt. Merkwürdig ist, dass sie unmittelbar unter dem Lias und Dachsteinkalk hervortritt, ohne die Reihe von Zwischengesteinen, welche man vermutken sollte; nur wenig unbestimmbares schiefriges Gestein liegt zwischen Gneiss und Dachsteinkalk. Auch nach dem See hin bemerkt man zwischen dem Gneiss und Fucoidenschiefer keine Zwischengesteine. Die niedrige Felsenterrasse, zu welcher man nun gelangt, besteht aus grauem Dachsteinkalk, welcher nördlich vom Gneiss abfällt: aber durch eine Art Schieferung sind die Bänke desselben so gespalten, dass ein steilsüdliches Fallen statt zu finden scheint, ein Verbältniss, welches an diesem ganzen Theil des Rhätikon bemerkbar ist. Hinter der Felsenschwelle folgt eine Einsenkung mit weniger Vegetation. Der Dachsteinkalk ist in der Richtung der oben bemerkten Schieferung oder vielmehr Plattung eingerissen und ausgewaschen, so dass dadurch ein Karrenfeld entsteht, dessen Spalten die spärliche Vegetation noch nicht auszufüllen vermochte. 115 Eine zweite höhere Felsenterrasse, ebenfalls theils aus Dachstein-, theils aus weisslichem und röthlichem Steinsberger Kalk bestehend, muss nun erstiegen werden. Auf der Höhe derselben so wie an den Felsenabsätzen befinden sich einige kleine, durch Auswaschung entstandene Höhlen und vor dem steilen Abhang der Mittelfiuh ein auffallend tiefer Spalt von 5—6' Breite. Gleich dabei an der Mittelfiuh selbst ist eine Mulde von blutrothem Kalk und sehr ansehnlicher Ausdehnung nach KO. einfallend, in den grauen Kalk der Felswand eingesenkt. Beide gehören der Steinsberger Formation an (Adnether- und Hirlazerkalk) und könnten als Marmor benutzt werden. Hinter der Thalschwelle senkt sich ein ziemlich tiefer Felsencircus ein. Er scheint durch Einsturz entstanden und hat ganz das Ansehen der trichterförmigen Erdfälle, welche da entstehen, wo Gypslager ausgewaschen worden und dann die Felsendecken nachgebrochen sind. Die in der Tiefe gelegenen Felsbänke sind dolomitisch und zwischen diesem Dolomit und dem dichten Dachsteinkalk liegen schiefrige Kalkschichten, welche zwar hier keine Versteinerungen enthalten, jedoch der Lage und dem Aussehen nach Kössner Schichten sind. Hier hat also erst eine Erhebung statt gefunden, welche die Felsendecke sprengte und die tiefere Formation zu Tage brachte, dann aber ein Einsturz der gehobenen Schichten. In dieser Grube sammelt sich in der nassen Jahreszeit viel Wasser, so dass ein kleiner See entsteht, der aber nicht bleibend ist. Bei unserer Anwesenheit war er nahezu ganz verschwunden. Noch einmal erhebt sich eine steile Felsenschwelle von Kalkmassen, die unten dem Dachstein-, oben dem Steinsberger Kalk angehören. Wie die vorigen Terrassen, aber deutlicher, sind sie zu Rundhöckern abgeschliffen und beweisen dadurch, dass hier ehemals durch die Felsenlücke 116 des Passes ein Gletscher sich in das Partnuner Thal herabsenkte. Der Passweg steigt, die glatten Felsen vermeidend, östlich im Zickzack an der Terrasse aufwärts. Hat man diese überschritten, so folgt ein überraschender Anblick. Eine schöne grüne Fläche dehnt sich hinter den kahlen Kalkfelsen aus und darin liegt in schweigender Einsamkeit ein kleines grünes "Wasserbecken, der Lysunasee. Hinter demselben erheben sich schwarze Halden und Felsenwände eines fremdartigen Gesteins. Es ist das Lysuner-Schwarz- horn; die schwarzen Felsen, welche unheimlich gegen die weissen Kalkfelsen des Passes und der Sulzfluh abstechen, sind Serpentin und Diorit und lehnen sich an krystallinische Schiefer an, die dahinter, so wie rechts und links sich ausdehnen, die grüne Alpenfläche aber, die vor dem See liegt, besteht aus Fucoidenschiefer, welcher dem Steinsberger Kalk aufgelagert ist und jenseits ohne Zwischenlage von weiteren Sedimentgesteinen an den Serpentin grenzt. Letzterer zieht sich noch eine Strecke westlich und senkt sich in das Gauerthai hinab, in welches dann auch von der Sulzfluh die Kalkfelsen in furchtbar steilen Wänden ab- fallen. Der Schieferstreif setzt sich aber hinter diesen und hinter Drusenfluh und Kirchlispitze fort und verbindet sich mit dem Schiefer, welcher über das Cavelljoch gegen den Lüner See vorgeschoben ist. Hinter der Drusenfluh in dem wilden Ofentobel erscheint auch wieder ein vereinzelter Gneissrücken und nördlich davon erhebt sich die aus Dolomit bestehende Geisspitze. Oestlich uud südöstlich setzt sich der Schiefer auch noch eine Strecke hinter der Mittelfluh fort, verschwindet aber noch vor dem Plassegger Pass auf den Triasbildungen, hinter welchen sich dann die ausgedehnten krystallinischen Massen des Quellenjochs, Keutihorns und der Sarotlaspitze 117 erheben. Hinter dem Schwarzliorn aber erscheint noch einmal ein mächtiger Kalkstock, die Mittagsspitze, worauf der Glimmerschiefer die vorherrschende Felsart wird und weiter unten bei Tschaguns rothes Conglomerat und Triasbildungen efntreten. Vom Lysunasee abwärts führt ein ziemlich bequemer Pfad fast ganz über Glimmerschiefer durch das Gampadelthal hinab zur 111. Es erscheint hiernach die ganze Kalkmasse des Part- nuner Passes als eine schmale Brücke über dem krystalli- nischen Gestein, welches zu beiden Seiten hervortritt, so wie die ganze Felseukette des östlichen Ehätikon als ein durch die Erhebung des krystallinischen Gesteins losgetrenntes Stück einer von OW. fortstreichenden Erhebungswelle, die Sulzfluh selbst nur als ein zwischen zwei aufgerissenen Spalten, dem Drusenthor und Partnuner Pass gelagertes Fragment dieses Eiffes. Wir haben nun noch einige Blicke auf diesen kolossalen Felsblock selbst zu werfen. ^ om Partnuner See aufsteigend, kommt man über grosse Massen von Kalktrümmern zunächst 'auf Fucoidenschiefer, der meist ein sandiger Thonschiefer ist. Diese Felsart umzieht den ganzen Südfuss des Berges und setzt sich dann überhaupt am Südabhang des Ehätikon fort, überall nördlich unter die Kalkformation einfallend, vor welchem sie aber eigentlich nur eine Muldenbiegung macht. Ueber diesem grauen Bündner Schiefer liegt ein System von hellgrauen Kalkschiefern, welche zum Theil auch roth werden und die ohne Widerrede zu den Algauschiefern, also zum oberen Lias gehören. Sie fallen unter die folgende Formation ein, da sie aber eigentlich darauf liegen sollten, so müssen wir auch hier annehmen, dass die ganze Masse der Sulzfluh übergeworfen ist. 118 Es folgt nun der rothe Kalk, den wir oben als Steinsberger oder Adnether Kalk bezeichneten. Man hat in ihm schon verschiedentlich Ammoniten gefunden, deren schlechte Erhaltung jedoch keine genauere Bestimmung zulässt. Dicke rothe Bänke wechseln mit schiefrigen Schichten. Wir sahen oben, dass diese Formation sich an der Mittelfluh fortsetzt, nachdem sie durch den See und die Gruben unterbrochen war. Die ganze vordere Kegelspitze der Sulzfluh besteht von da an aus nördlich fallenden, jedoch senkrecht mit etwas Neigung nach S. in Platten zerspaltenen Bänken eines grauen und weisslichen, oft auch röthlichen, dichten Kalksteins, welcher auch zum Steinsberger Kalk, mithin zum Lias gehört und die Hirlazer Schichten repräsentirt. Es finden sich viele Versteinerungen darin, Ammoniten, Bival- ven, Gastenopoden, Corallen, welche aber noch nicht haben bestimmt werden können. Die höchste Spitze, so wie die Partie unter dem Gletscher sind am reichsten daran. Ueberschreitet man den Gletscher in nordöstlicher Richtung, so bleibt man fortwährend auf diesem Kalk, welcher dann ohne recht scharfe Scheidung in einen grauen Kalk übergeht, welcher derselben Lage an der Scesaplana entspricht und Dachsteinkalk ist. Man findet darin verschiedene Corallen (Lithodendron), aber sonst viel weniger organische Reste. Wo die Kalkbänke an den Fucoiden- schiefer der Nordseite stossen, der eine Mulde darin bildet, ist wieder Steinsberger Kalk. An den Serpentin und Diorit des Schwarzhorns brechen alle diese Formationen plötzlich ab. Er ist bei der Erhebung daran vorbeigeschoben, ganz wie der Granit am Partnuner See und der Gneiss im Ofentobel. Es ist also die Sulzfluh eine doppelt gebogene Mulde von Lias- und Infraliasbildungen zwischen zwei krystalli- nischen Erhebungen, deren eine, die untere am See jedoch 119 nur liier, und zwar unbedeutend hervortritt, während man Gründe hat, in der Tiefe eine Fortsetzung bis zum Samina- .joch anzunehmen, wo ebenfalls unerwartet dioritisches Gestein aus den Triasbildungen hervortritt. Auf dem hohen Plateau, welches zwischen dem Gletscher und dem Partnuner Passe liegt, findet man überall Spuren, dass der Sporer Gletscher es ehemals bedeckte; die Felsenflächen sind abgerieben, die Ecken geglättet, Schluchten und Thälchen, die es durchziehen, sind an den Wänden und in der Sohle ebenfalls glatt abgerieben. Dabei in die ganze Oberfläche der Kalkfelsen zu einem Karrenfeld zerrissen, d. h. es wechseln lange tief ausgewaschene Risse mit scharfen hervorstehenden Kanten, so dass das Gehen auf diesem Boden sehr beschwerlich ist. Die Risse stimmen mit den Spalten der Schieferung überein und gehen tief hinab; andere noch tiefere Spalten dringen von der Oberfläche tief ins Innere des Gebirges, welches von einem Netzwerk derselben durchzogen ist. In diese Risse, sowie in die des Karrenfeldes sinkt alles Regen- und Schneewasser ein, und als noch hohe Gletsehermassen dieses Plateau bedeckten, senkte sich das Wasser des schmelzenden Eises ebenfalls in dieselben, erweiterte die tiefer gelegenen Spalten zu unterirdischen Wasserläufen und bildete durch solche Auswaschung die Höhlen der Sulzfluh. Aber auch die Felsenwände, welche gegen die Gruben in steilen Terrassen abfallen, zeigten die Spuren der alten Gletscher der Eiszeit. Nicht bloss die Felsenschwellen der verschiedenen Thalstufen in der Grub sind glatt geschliffen, sondern auch die Ostseite der Sulzfluh hat nur abgerundete Felsenkanten, an welchen man an geschützten Stellen auch horizontale Streifung wahrnimmt. Wo aber das Regen- und Schneewasser an den steilen Wänden lierabfliesst, da entstehen in Folge dessen ur.d unter Einfluss der senkrechten Schie- 120 ferung senkrechte Auswaschungsstreifen auf deren Oberfläche, welche die Gletscherschliffe verwischen. Nur die höchsten Spitzen der Sulzfluh und der Drusenfluh zeigen eckige Felsenkanten. Sie ragten also über das Eismeer hervor, welches alle Thäler des Rliätikon einnahm und aus den Passlücken dem tiefer gelegenen Selvretta- gletscher, welcher damals das Prätigau ausfüllte, seine Arme entgegenstreckte, wie man an den abgeschliffenen Felsen dieser Pässe und an den unten gelagerten Moränen deutlich sieht. Wir bemerkten so eben schon, dass die Entstehung der Sulzfluhhöhlen mit eben dieser Eisbedeckung zusammenhängt. Diese Höhlen tragen einen gemeinsamen Charakter. Es sind lange, meist in westlicher und nordwestlicher Richtung in das Gebirg eindringende stollenartige Gänge von verschiedener Länge und Weite. Die grossen Weitungen, welche man in andern Höhlen findet, werden vermisst, doch finden sich einige, welche schon eine ziemliche W eite besitzen 5 in einer derselben (Seehöhle) ein ausgewaschenes Becken, in welchem klares Wasser von etwa 4 — 6' Tiefe sich sammelt. Durch engere, für Menschen nicht gangbare Röhren, durch erweiterte Spalten und schachtartige Gesenke stehen die verschiedenen Höhlen mit einander in Verbindung, einige sind senkrechte Abgründe, in welchen man lange die hinabgeworfenen Steine rollen und anschlagen hört. In allen Höhlen sieht man deutliche Spuren der Auswaschung, wodurch die weniger festen Schichten zerstört wurden, während die festeren weniger angegriffen wurden und daher als scharfe Kanten wie Gesimse hervorstehen, auf welchen man z. B. in der Seehöhle bequemer fortgeht, als auf dem mit Felstrümmern bedeckten Boden. Auch ausserdem nahmen die Vorsprünge der Wände eben durch die Auswaschung mitunter seltsame Formen an, tlieils 121 abgerundet, tlieils zugeschärft und gespitzt, ausgefressen u. s. w. Dagegen sind schöne Stalaktiten nicht häufig, nur in einer, der sog. Kirche, zeigen die Wände uud die Decke diesen gewöhnlichen Schmuck unterirdischer Bäume, so wie den lockern tufartigen Ueberzug, den man gewöhnlich Montmilch nennt, und verschiedene andere ähnliche lieber* ziige. Auf dem Boden hingegen liegen meist eine Menge zerbrochener Stalaktiten umher, und unten entstandene Stalagmiten sind häufig. Es kommt dies daher, dass die Wände und Decken der Höhlen einige Linien dick mit zähem, weichem Thonschlamm überzogen sind, der ebenfalls ein Wasserabsatz ist, welcher sich bei höher stehendem Wasser bildete, während der constante Wasserlauf, welcher die Auswaschungen bewirkte, sich mit deren Fortschreiten nachgerade tiefer legte. Setzen sich nun auf diesem Schlamm Stalaktiten an, so erlangen sie niemals eine bedeutende Grösse, weil sie durch ihr Gewicht abfallen müssen, sobald dieses die haltende Kraft der Thonlage überschreitet. — Der Boden ist ausserdem mit einer dicken Thonschichte von gelber Farbe bedeckt, in der wir vergeblich nach Knochen und andern urweltlichen Resten suchten. Dagegen fanden wir die schon von Ul. v. Salis angegebenen fremdartigen Geschiebe. In den höheren Höhlen ist es meist schwarzer Kalk und Dolomit, in den unteren dagegen bestehen diese Geschiebe aus Quarz, Glimmerschiefer, Hornblendeschiefer, Gneiss, Verrucano, Diorit und Serpentin. Die letzteren beiden Felsarten können nur von dem Schwarzhorn gekommen sein, denn sonst kommen sie in der ganzen Umgegend nicht vor; der nächste Serpentin liegt nämlich ausserdem in der Thalsohle von Klosters, der nächste Diorit auf der Dörfii Schafalp von Davos. Diese Geschiebe sind abgerundet wie Rachkiesel und zeigen zum Theil die dem Gletschergeschiebe eigentluimliehe Streifung 122 Durch Wasserläufe können sie durchaus nicht gebracht sein, denn welches Wasser hätte in diese Höhe Kiesel von Faustgrösse tragen können ? Das Räthsel, welches Salis unlösbar war, weil man damals von den Gletschern der Eiszeit nichts wusste, löst sich sehr leicht, wenn man bedenkt, dass das ganze Thal der Gruben damals mit Eis gefüllt war. Die Serpentin- und Dioritstiicke, welche an dem Schwarzhorn auf die Gletscher und dann in den Zwischenraum zwischen der Eismasse und der Felswand der Sulzfluh geriethen. wurden an dieser abgerieben und da ihrer eine grosse Menge war, so kamen auch viele davon in die Eingänge der Höhlen, in welche sie bis in eine gewisse Tiefe hineingeschoben oder von dem Gletscherwasser hineingespült wurden. Eben daher stammt der Lehm, welcher den Boden bedeckt, so weit er nicht mit dem Wasser, das durch die Spalten einsank und die Auswaschungen verursachte, von oben her eindrang. Es ist leicht möglich, dass zur Zeit der Schneeschmelze manche dieser Höhlen sich noch jetzt mit Wasser füllen, doch wird dies nicht leicht zu ermitteln sein, da sie zu dieser Zeit sehr schwer zugänglich sein mögen. Die Erosionen an den Wänden u. s. w. gehören einer weit entfernten Vorzeit an, wo der Rhätikon wie das ganze Alpengebirg unter einer Eisdecke lag, aus welcher nur die höchsten Spitzen kervorragten, und unter welcher die Gletscherwasser ähnlich wie unter den Gletschern der jetzigen Weltperiode ganz andere Wirkungen der Erosion hervorbrachten, als bloss athmosphärische Wasser vermögen. V. Botanische Beobachtungen im St. Antönierthal Von Prof. G. Theobald. *- a|||pas Thal von St. Antonien bietet dem Botaniker eine sehr ansehnliche Ausbeute, wie überhaupt alle die- jenigen Gegenden, wo verschiedene Formationen zu- is sammeutreffen. Man findet auf den Gneiss- und Glimmerschiefergebirgen der östlichen Seite die meisten Pflanzen, welche man im östlichen Bünden auf diesem Boden gewöhnlich antrifft, eine andere Flora auf den Schiefern der Vorberge und eine dritte auf den kahlen, jedoch nicht ganz vegetationslossen Kalkbergen, zu welchen die.Sulzflnh selbst gehört. Steigt man von Küblis aufwärts, so durchwandert man zu beiden Seiten des Schanieibaches erst kultivirte, theil- weise auch grasige Halden und zunächst um das Dorf so wie auch um das benachbarte Luzein schöne Obstbaumpflanzungen, welche reichlichen Ertrag liefern. Die Luzeiner Wiesen prangen in üppigem Grün und sind mit den gewöhnlichen Wiesenpflauzen der unteren Alpenthäler geziert. Buschwerk und Bäume wechseln anmuthig mit Grashalden. So auch auf der Höhe von Pany. Auf der rechten Seite fortgehend, findet man noch ziemlich viel Laubholz, namentlich prachtvolle Stämme von Acer Pseudoplatanus, Buchen, Aspen u. s. w. gemischt mit Nadelholz, welches auf der Höhe, die über dem Wege ansteigt, bald allein herrscht. 12G Auf der linken Seite findet man fast nur solches und zwar meist Rothtanneu: im Grunde von Ascliarina vieles Laub- holz, besonders Ahorn, wovon der Ort den Namen hat. Unter dem Schatten dieser Iliiume gedeiht eine schöne Waldflora, welche hohe üppige Formen, doch gerade keine besonders auffallende oder seltene Pflanzen liefert; die Ahorne tragen viel Moose und Flechten und von den alten Tannen hängen die ehrwürdigen Bärte der Usneen und Bryopogon herab. Die Wiesen in Ascliarina und St. Antönion tragen schon mehr einen alpinen Charakter, doch herrschen auch hier die Pflanzen vor, die wir beim Ansteigen von Küblis her fanden Eine sehr reiche Alpenflora finden wir in dem Thale - von Gafia. Hier mischen sich schon die höheren alpinen Formen mit den vorhergehenden, die Kalkfelsen sind mit Saxifragen, Ilieracien, Umbelliferen, Rhododendron hirsu- tum, Alpenweiden, Loniceren, Yaccinien etc. geschmückt, viele z. Th. seltene Alpenpflanzen wachsen in überraschender Menge zwischen den Steintrümmern. Steigt man über die Kalkplatten gegen den Grat auf, welcher die Madrisa mit dem Calanda verbindet, so findet inan dort die schöne An- drosace glacialis, Ränunculus glacialis, Geum reptaus u. a. Pflanzen des krystallinischen Gesteins, auf dem Kalkboden aber eine reiche Erndte von Pflanzen der höheren Regionen, welche die Spalten und Rasenplätzchen beleben, die mit dem kahlen weissen Gestein wechseln und jenseits auf der Saaser Alp das seltene Eryngium alpinuni, überhaupt eine Mannigfaltigkeit von Pflanzen, wie sie selten vorkommt. Einem ähnlichen Reichthum von Alpenpflanzen begeguen wir auf den Halden des Alpendorfes Partnun und an den grünen Ufern des Partnuner Sees. Die Wiesen sind mit einem bunten Teppich der verschiedensten Pflanzen ge- 127 schmückt; die felsigen Halden der oberen Region sind mit kurzem Buschwerke bewachsen, aus welchem das glühende Roth der Alpenrosen uns entgegenleuchtet, die Felsblöcke selbst sind, wo einige "Vegetation haften kann, mit frischem Grün und Blüthen geschmückt, mit Moosen und Flechten überzogen, sumpfige Stellen und Quellenboden, nähren eine Menge Riedgräser und andere Cyperaceen und einen freudig grünen Teppich von üppigen Moosen. Steigt man endlich gegen die Passhöhe, so findet man auf begrasten Stellen zwischen den Kalkfelsen eine weit reichere Vegetation, als man von diesem kahlen Gestein erwarten sollte. Die Natur scheint hier jedes Plätzchen benutzen zu wollen, wo noch Pflanzen wachsen können, um Orte zu zieren, welche dem starren Reiche des Unorganischen anzugehören scheinen. Eben diese Erscheinung überrascht uns beim Ansteigen auf die Sulzfluh selbst. Zwischen dem Steingeröll sprossen die blühenden Rasen der Cerastium, die schönen rosen- rothen Blüthen des zierlichen Thlaspi rotundifolium, der Saxifraga oppositifolia und verschiedene Gramineen, die kleinen Rasenbänke auf den Felsen, die Spalten zwischen denselben sind dicht mit schönen Pflanzen bedeckt, welche der entschiedenen Kalkflora angeboren, an den kahlen Wänden seihst entdeckt man hier und da auf kleinen Vorsprüngen kleine Pflänzchen, welche sich solche Stellen aussuchen, die ihrer Natur besser Zusagen als fruchtbarer Boden. Aber höher und höher führt der Weg aufwärts, immer rauher wird der Boden und nach und nach erstirbt der Pflanzenwuchs in der eisigen Region der Gletscher. Die höchste Spitze ist fast ohne organisches Leben; nur einige Lecideen u. a. Flechten wachsen spärlich auf dem kahlen Gestein. 128 Die Eingänge der Höhlen zeigen meist wegen der dort herrschenden Feuchtigkeit eine ziemlich reiche Vegetation von Laubmoosen und Lebermoosen verschiedener Art, auch einige phanerogamische Pflanzen wachsen noch eine Strecke einwärts; der Moosteppich bekleidet Wände und Boden bis auch er in den unterirdischen Räumen verkümmert. Dann bemerkt man noch Ueberzüge von Conferven, endlich wo das Licht nicht mehr hindringt, hört in den dunklen kalten Gewölben das Pflanzenleben auf und nur di s Reich des Unorganischen umgiebt uns mit seinen starren Gebilden. Es war wegen der vorgerückten Jahreszeit nicht mehr möglich die Flora der durchwanderten Gegend in ihrer Vollständigkeit zu beobachten ; fast keine blühenden Pflanzen wurden mehr angetroffeu. Das hier gegebene kurz hingeworfene Bild beruht auf früheren Beobachtungen in der besseren Jahreszeit; doch konnten auch in den damals nicht besuchten Stellen die Reste der Vegetation noch hin- reichen, um zu beurtheilen, wie schön und reich die Flora auch da ist, wo nur die flüchtige Gemse dem wissenschaftlichen Forscher seine Ausbeute streitig macht. Nicht um etwas Vollständiges zu liefern, sondern nur um dem Leser eine ungefähre Idee von der Flora der Sulzfluh zu geben, fügen wir das folgende kleine Verzeichniss bei. Die nicht näher bezeichneten Pflanzen sind von der Sulzfluh selbst und ihrer nächsten Umgebung, die übrigen aus anderweitigen Theilen des St. Antönierthals. Ranunculus alpestris. glacialis auf den kry- stallinischen Hörnern der Umgebung. Papaver alpinum ? Phaca frig'ida, astragalia am Partnuner See. Orobus luteus in Gafia. Potentilla minima, aurea. Dryas octopetala. Möhringia polygonoides. Cherleria sedoides. Silene aeaulis. Cardamine alpina. 129 Ilutcliinsia alpina. Arabis bellidifolia. coerulea. pumila. alpina in den Höhlen. Draba tomentosa. frigida. aizoides. Thlaspi rotundifolium. Viola calcarata. Comollia ? rhaetiea, eine noch nicht genügend bestimmte Pflanze. Saxifraga stenopetala. androsacea. muscoides. caesia. oppositifolia. autumnalis. Galium helveticum. Laserpitium siler. latifolium. Meum mutellina. Gaya simplex. Eryngium alpinum, Saaser Alp an der Madrisa. Aronicum scorpioides. Achillea atrata. Mulgedium alpinum, "Wälder unter St. Antonien. Senecio ovatus. cordifolius um die Alphütten. Homogyne alpina. Saussurea alpina. Hieracium villosum. glaucum. alpinum. Crepis aurea. Soyeria montana. Hypochaeris helvetica. Myosotis alpestris. Veronica alpina. bellidifolia. fruticulosa. aphylla. Pedicularis foliosa. recutita. verticillata. Gentiana acaulis. bavarica.. verna. Tozzia alpina, Wiesen. Bartsia alpina. Primula auricula. Androsace chamaejasme. glacialis (pennina), Madrisa etc. — helvetica. .Rhododendron ferrrugineum. hirsutum. intermedium. Arbutus alpina. uva ursi. Rumex nivalis. Oxyria digyna. Polygonum viviparum. Salix herbacea. retusa. serpyllifolia. reticulata. arbuscula. hastata. myrsinetes. Garex nigra, firma. ferrugenea. semperoirens. davalliana. 9 130 Elyna spicata. Poa minor. alpina. Avena distichophylla. Festuca ovina varr. Halleri. Scheuchzeri. Cystopteris regia, fragilis. Polypodium calcareum. Hypnum commutatum am Eingang der Höhlen. Bartramea caloarea. Mnium serratum. Fegatella conica. March antia polymorpha. Preissia commutata. Cetraria islandia. juniperina. cucullata. nivalis. Endocarpon miniatum. Gyrophora polymorpha. vellea. Cladonia neglecta. vermicularis. Stereocunlon alpinum. Biatora candida. lurida. decipiens. vesicularis. rupestris. Solorina saccata. Imbricaria olivacea. Amphiloma hypnorum. Lecanora muralis. radiosa. crassa gypsacea. Lamarkii. cenisia. badia. hypnorum. upsaliensis. verrucosa. Placodium elegans. murorum. callopismum. aurellum. Psora turfucea. Urceolaria scruposa. var cretacea. calcarea. cinerea. Collema multifidum. plicatile. turgidum. Verrucaria rupestris. fusco-atra. Vi. Zoologische Beobachtungen im St. Antönierthal. Von ür. C-. Am Stein. ff* vi .fe» •<«. 4\y?.** 'ftl'tP*- jW’ÜL Kaäfi&S.'’ .35. % i'-W 1 '^SKS/TTT«: v lei dem Besuche, den die Seetion Rhätia des Schweiz. Alpenclubs den Höhlen in der Sulzfluh den 11. Sept. 1864 machte, erwartete man auch etwelche zoologische S Ausbeute; für diese Tour aber entsprach dieselbe keineswegs der Erwartung. Diesmal waren es hauptsächlich die Höhlen der westlichen oder rechten Thalseite, denen unser Besuch galt. Die gewölbartige Bildung ihrer Gänge, die sich bei den höhern selbst mehrfach übereinander wiederholt, das durchgehend kanalartige derselben, ihre vielfachen bogenförmigen Verbindungen und endlich das gerundete und geglättete Flussgeschiebe, das meist und besonders in den tieferu Klüften den Boden deckt, deuten darauf hin, dass es alte Wasserrinnsale sind. Die Mineurs dieser Felsengänge, die steinhöhlenden Gletscherbäche sind zwar versiegt und verstummt, die hohen und niedern Bogengewölbe und ihre Flanken aber glänzen noch in einem Nass, das aus Millionen Tropfen vom Kalk- sinter-Ueberzug die Fackeln der Besucher wiederstrahlt. Kommt man jedoch mit dieser glänzenden Tapezierung in nähere Berührung, so schwindet das Poetische. Es ist meisten Orts eine schmierige Masse, die diese Felsflächen sowohl als die Rollsteine des Bodens überzieht, so dass letztere meist in dieselbe förmlich eingebettet erscheinen. 134 Wenn nun dieser meist breiartige Ueberzug ein reiches thierisches Höhlenleben nichts weniger als begünstigend sein kann, so hoffte ich trotzdem irgend welche Dunkel und Feuchtigkeit liebende Wesen zu entdecken. Für diesmal .jedoch war mein eifrigstes Suchen ohne Erfolg. In einer der Höhlen wurde endlich von glücklichern Mitgliedern der Gesellschaft eine Fledermaus bemerkt, ohne jedoch derselben habhaft zu werden, und auf dem Boden einer andern fand man die Hälfte eines Unterkiefers der Gemse mit Zahnspuren eines reissenden Thiers, wahrscheinlich des Fuchses, zum Beweis wenigstens, dass auch er mitunter hier einkehrt um gelegentlichen Fund mit mehr Gemüthlichkeit zu verspeisen. Dies die einstweilige höchst kärgliche Ausbeute im Innern der Höhlen. Aber selbst in den Eingängen derselben schien alles Thierleben ausgestorben. Trat man aus den öden feuchtkalten Felsenräumen heraus ans Tageslicht, dann entzückte doppelt der freundliche Tag und die sommerliche Herbstsonne, aber herbstlich sah es allerdings bereits auch da aussen herum aus. Auf den schmalen mit dürftigem Rasen bekleideten felsenbändern bot Flora nur noch vereinzelt ihre Blüthen dar, einige Gentianen und in einer Felsspalte ein einziges verspätetes Alpenröschen. Der zur Ruhe gehenden Vegetation entsprechend fehlte auch das Flattern der Alpenschmetterlinge und das Gesumse der Fliegen, ln den Grasbüscheln kroch noch hie und da eine Helix arbustorum L. var. alpestris Ziegl. umher, von der auch öfter leere Gehäuse sich finden. Die Färbung derselben ist meist schmutzig gelblich, Sprengsel schwach bis fehlend, Binde dünn, matter werdend bis ganz schwindend. Die Thiere selbst sind bräunlich gefärbt, ins fahlgelbliche übergehend, seltener aschgrau oder 135 — schwärzlich. Au einem Felsblock fand sich auch Delorn- phalus saxatilis Hast, in wenigen Exemplaren. Beim Lüften von Steinen, um auch diese Schlupfwinkel des Lebens nicht ungesehen zu lassen, huschte hie und da eine schnellläufige Spinne davon, ein flüchtiger Tausend- füssler musste sich gefangen ergeben, es ist Lithobius al- pinus K.; endlich zum Schluss glotzten noch einige Exemplare von Salamandra atra L. verwundert den unberufenen Störefried an. Wahrlich ein kleiner Fang! Zu erwarten ist aber doch, dass spätere Besuche und zu anderer Jahreszeit ergiebigere Funde aufzuweisen haben. Im Rückwege auf der östlichen Seite des Thalkessels flüchtete ein Trupp Weisshühner, Tetrao lagopus, um eine Bergecke; im Niedersteigen kamen wir an einer sehr zahlreichen Gesellschaft von Alpenkrähen vorüber, die rechts oben in einer Geröllhalde ihre lebhafte Unterhaltung pflogen. Auf den Steinblöcken am See wiegte ein Pieper seine Verwunderung den fremden Gästen entgegen und in der klaren Fluth tummelten sich besonders an den Einflüssen der Quellbäche und am Ausfluss des Sees muntere Schaaren von Bammeli, Cyprinus phoxinus L. Die vorgerückte Zeit erlaubte uns nicht einen Fang zu versuchen um denselben genauerer Untersuchung unterstellen zu können. Nach den Aussagen der hier anwesenden Thalbewohner soll auch die Groppe, Cottus gobio L., hier Vorkommen, von Forellen aber will Niemand etwas gesehen haben und doch soll der See bedeutende Tiefe haben und ist keineswegs höher über Meer gelegen als manche unserer Alpenseen mit vortrefflichen Forellen. Nach dem Neuen Sammler B. I. p. 472 wurden den 17. Juni 1799 Forellen daselbst eingesetzt, während sehr viele Bammeli vorhanden waren; die letztem blieben, aber von den Forellen sah schon M. v. Salis Marschlins 1811 (N. Sammler B. VI. p. 356) nichts mehr; 136 dagegen führt der letztere bereits die Groppe als hier einheimisch an. Ueber der Spitze des Berges wurde ein Steinadler schwebend bemerkt, auch zeigten sich Spuren von Gemsen und Nester von Schneemäusen (Hypudaeus nivalis) auf grasigen Abhängen. Gegen das untere Ende des Sees machte endlich ein Frosch (Rana esculenta L.) mit seinen Quersprüngen zwischen Fussweg und Wasser den Begleiter, musste sich fangen lassen und schloss, frei geworden, mit einem freudigen Sprung in sein feuchtes Element die zoologische Excursion. Glück auf ein andermal. Wegen periodischer Abwesenheit einiger Herren Mitarbeiter vom Druckorte sind trotz sorgfältiger Revision einige störende Druckfehler stehen geblieben. Ueber unwesentliche Druckfehler möge der Leser entschuldigend hinweg gehen. Seite II, Anmerkung*!, Zeile 1. statt „viel“ lies „vielen“ « 21, Zeile 13 von unten., statt „Nebelknappe“ 1. „Nebelkappe“. 11 56, 11 3 „ oben, „ „einen“ 1. „eine“. 56, Al 5 ,, unten. ,, „Lanquart“ 1. „I.anguard“. 56, AI 4 11 11 11 „seine“ 1. „ihre“ " 62, •> 4 ., oben, die Worte nach dem Komma als Revisions-Versetzung zu streichen. 62, 11 3 ,. unten, statt „Gewitterwolke“ 1. „Gewitterwolken“. 11 97, 6 ,, oben, „ „amorphische“ lies „allunosphä- rische“. 97, 11 15 i» 11 11 „mancher“ lies „Mancher“, statt „weniger“ lies „Wenige“. „ 98, 12 ,. unten, ,, „iiberfornem“ 1. „überlrornem“. 110, ■ 1 17 „ oben, nuch ..Liiner Schichten“ ein Komma. 112, 11 14 „ „ statt „welchen“ lies „welcher“. 11 181, 11 12 ,, unten, lies „Kelsenbändern“. 1» 196, 11 8 „ oben, in einem Theile der Auflage lies „Kana“ statt „Bana“. ;.ft * i t H r. -/-■«. _ w - & 4 *A *\4r. ■ 'VrtS/’lAfMÜS»*?* 2*'»■*■•«*. «Ä*saKB2^*«& s ‘ iC4' ■•. Höhlen der Sulzfluh C apelle. Halle Herren - Halme Nische. 8.1 ;io (/h'r A :u -i-oo?) 8 Ü u>' i\. Sfnja DER THÄLSCHÄFT »• ST ANTONIEN m i l Nach AuIiKiiiiiK'ii des Kiduvii. lü]»««r Bureaus. »Vtll Im H ^ ÜlÜSb \2 M Shell ft Druck der topo^r. AnsUll von WTKSTER , RAM) KG Ci ER ft C° in Vintprtliui XfTZtkaa . 22ög 2069— v Mafsslab 1 ! äOOOO tioo tooo ftMV tioIn d>|iut.t s=^Tb*j: HlJllcek ScJuiH'i'.er Stand \ 2060 &\ni\ >~* r - _ mmm ffiS« M60Ü, itfavvpltoi nlomen / /JVOV 0 - ‘ vülUHl ,- f i ffit'i \ \ l (/ / / ‘* l \ t \ \ i vS I /« mm. ■n. Ladern Obrrsäss /,&* A 2200 '1»#3 . 2374 I wo: G juiis g^Fialspli?V^ Aurdrv/iüin h. 23'2rt^. ■Reu Calaiulo «.'. ;afi&CBrafö& mmm ^w ,• i2:»o* r 2007 >e:nns •J802 •Millefb Gar£fhemju<£. C^sr -y ff Rouen SnuiJdi Sfitlelle« litlAtMlY'* I" .•■■ : ■' C ■:.//.HüDlis . Da] lay.z.i £■ j ■ »•'Misch /***•> ♦min ^ GaHrioU Alp f/ «ßciitotlm ufL^Üj )/ i • 21«-» ■Mtizss?',/ ffa., ‘hlatfmni '■i '•: ST M 8 ?: vii