MSsk' LEÄäMM KMM WE '»r, M EE WM-K ^ ''HLÄ.-Oi WM «/' M Ä-sM^ iiSE - EW .LAME B.WsO» ^1-- v- r MSW^WiK ÄtztzB AM WS4 '^M' «M! Johann Jacob Breitingers LRJTJSCHE iPkkmß Worinnen die «tische Wchlereg in Absicht auf die Erfindung Im Grunde untersuchet und mit Beyspielen aus den berühmtesten Alten und Neuern erläutert wird. Mit einer Vorrede eingeführet von Johann Jacob Bodemer. I< Zürich, bey Conrad Orell und Comp. und Leipzig bey Ioh. Fried. Gleditsch. IM Wd G < ' - - ^ - : Zü6 , j7^7)M ' - i - - r^k j , lnykMh rznurL -. ju-" j'.j-tzE «76 no« rchm ms)nch5Ä >!,' -^7 n!?s-2V ^6 «7tzryni^ rmöniH ,n^) r;7j ^-6 6rm , märclN i)jcich/)7- rilüi)M 6rm N7Z)tt7d776 N76Ä .N767VN ^--': S) 7 j^E 776 ürm.HsoP r )6 mm^rn I' s^h»6,N76mh7tz tzjjj7(jjchün 7(!sj >-< . iu-) ich.'fl ynchT nni- jscküZ 776 - v'^ !' i)«6 M rchm ^ 7uwM 776 M 76 'LL.--ch'jzO mrtutz nvN nnmE 776 .nuLrüM 'M choll , -isisG nnWnscs 7 , M-wch mjmrmtz m 6 'lun sst oj , Mtz 1? 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Wenn diese Anklage nur gewisse Kunstbücher voller X- fiüchli- Vorrede. flüchtiger, verworrener und schülerhafter Regeln treffen soll, welche von seichten und ungelernten. Köpfen der Natur und der Erfahrung zuwider ohne einen zulänglichen Grund und ohne Ordnung geschrieben sind , so habe ich nichts dagegen einzuwenden , zumahl wenn man nur diejenigen für Kunstrichter gelten läßt, welche den Geist der Poesie haben , der ihnen für alle die Schönheiten, Annehmlichkeiten und Zierrathcn der Natur und der Kunst einen sichern Geschmack mittheilet. Es ist auch nicht übel, wenn man uns auf die Wür- kungcn, so eine Rede oder Schrift auf den gemeinen Haufen thut, Achtung geben heißt, so fern man dieses nur von solchen Materien verstehet, in welchen die Affecte herrschen. In andern Fällen muß man mir vergönnen , daß ich in andern Gedanken stehe; welche ich mich befleißen will, ohne Zweydeutigkeit und Vermischung aus einander zu setzen. Es ist zwar gewiß , daß die Natur vor der Kunst gewesen ist, angesehen die Kunst nichts anders ist, als eine nachgeahmte Natur ; ich gestehe auch zu, daß Homers, Sophokles und Demosthenes Schriften ohne Vorrede. ne die Hülfe der Kunsibücher geschrieben worden, in welchen die Kunst in Regeln vorgetragen ist; alleine dieses will nicht sagen, baß besagte Schriften darum ohne Regeln vcrfaffet worden ; sonst müßte keine Kunst und folglich keine Natur darinnen vorhanden seyn, weil die Regeln nichts anders sind , als Auszüge und Anmerckungen der Kunst und der Natur; sie müßten auch ohne Annehmlichkeit und Schönheit seyn, weil die Regeln und das , was gefallt, nicht zwey streitende Dinge seyn können; al- lermassen die Regeln keinen andern Zweck haben, als den Weg zu zeigen, in den man einschlagen muß , wenn man gefallen will. Diese vortrefflichen Poeten und Redner sind vielmehr die ersten gewesen , welche die Kunst in der Natur gefunden, und uns die Regeln ihrer gefundenen Kunst in dem Wercke und der Ausführung geliefert haben. Und man hat die Kunst und die Regeln eben darum in ihren Schriften gefunden , weil sie von ihnen in selbige hineingebracht worden. Wenn seit der Zeit daß man Kunstbücher geschrieben hat, keine so vortreffliche Männer gesehen worden, so kan man die Schuld eben so wenig den )( Z Kunst- Vorrede. Kunsibüchcrn beymessen, als den Mustern, welche in den Schriften dieser Poeten und Redner die Regeln gleichsam im Leben darstellen. Und es ist wahrhaftig etwas ver- wundersames, daß dieselben es in der Spur der Natur, was die angenehme Nachahmung derselben in geschickten Reden anbelanget , ohne Lehr - und Kunstbüchcr weiter gebracht, als ihre Nachfolger es mit Hülfe der Kunstbücher und der Muster zugleich nicht haben bringen können. Weil denn Kunst und Regeln in ihren Schafften vorhanden sind, so lasset uns doch noch naher untersuchen , woher sie dieselben gcholet haben. Der Ausdruck daß ihre Wercke nicht von den Regeln entstanden seyn, scheint mir schier so viel zu sagen, daß die Regeln, welche wir doch darinnen auf eine so gleiche und beständige Weise sowohl den absonderlichsten als den Haupt- Umstanden und Absichten gemäß wahrgenommen finden, eine blosse Frucht des Eigensinnes oder des blinden Zufalles gewesen sey. Alleine was war natürlicher, als daß sie erstlich aufdasjenige Achtung gaben, was eine gewisse beständige Würckung auf das Gemüthe gethan hatte, und daß sie hernach Vorrede. hernach ferner nachdachten, warum die Stücke, so belustigten, diese Würckung nothwendiger Weise thun mußten. Es war nothwendig daß sie das letztere mit dem erstem vereinigten , weil sie sonst allzuoft in Gefahr gerathen wären sich zu bewegen. Die Erfahrungen ohne die Untersuchung sind, nach derAnmerckung eines geschickten Kunstlehrers, auf viele Weisen be- trüglich, man unterscheidet öfters in denselben die besondern Umstände nicht genug, welche zu der Hauptwürckung das ihrige beytragen; man bekriegt sich nur allzuleicht in den Ursachen; entweder fastet man sie nicht alle, oder man schätzet sie nicht, was sie wehrt sind, oder man nimmt eine für die andere. Da hingegen die allgemeine Ursache dessen, was in den Vorstellungen gefällig ist; diejenige, welche von ihrer Uebereinstimmung mit unserm Gemüthe hergenommen ist; ein so unveränderlicher Grundsatz ist, als die Natur unsers Geistes selber ist, und uns in den Stand setzet, daß wir uns der absonderlichen Umstände allezeit auf eine vortheilhafte Weise bedienen können , wie es unsrer Absicht am vorträg- lichsien ist. Wer betrachtet, mit was vor )( 4 Gewiß- Vorrede. Gewißheit die Schriften dieser alten Redner und Poeten an einem jeden Orte auf das l eigentlichste diejenige Würckung thun, welche sie auf einem bestimmten Grade thun sollen, dem wird nicht schwer fallen , zu erkennen, daß diese Würckungeu von ihren Urhebern vorherbestimmt, und die Mittel, wodurch man sie hervorgebracht hat, um eben derselben Willen mit gutem Wissen und wohlbedachten Vorsatz angewendet worden , welches uns genug saget, daß sie ihre Schriften nicht bloß auf die zweydeutigen und unsichern Erfahrungen, sondern auf den unbeweglichen Grund der Erkenntniß des menschlichen Gemüthes und auf die beständigen und übereinstimmenden Eindrü- ke der Dinge auf dasselbe nach seiner Natur, aufgeführet haben. Das wird wohl von niemanden geleugnet werden , daß es seit der Zeit kein Redner oder Poet hoch gebracht hat, der diese beyden, die Untersuchung und die Erfahrung, gesondert, und am allerwenigsten derjenige welcher sich mit der blossen Erfahrung beho'ffcn Hai. Wir müssen zwar bekennen , daß die wenigsten von denen, so bemühet gewesen die Regeln und die Kunst in Vorrede. in ihren Grund-Ursachen zu untersuchen, und Systemata davon zu verfassen , uns zugleich vortreffliche Muster in der Wohl- redenheit und der Poesie geliefert haben; die Ursache davon ist das Gegentheil dessen, warum die Poeten und Redner ihre Untersuchungen der Natur und ihre angestellten Erfahrungen lieber in wohlgesetzten Reden und Gedichten als in dem Zusammenhange truckener Regeln vorgetragen haben. Zu dem ersten gehöret ein reges und würcksa- mes Feuer, das keinen Verzug leiden kan: Poeten - Volck ist heiß, ist leichte wie ein Feuer, Geht durch, reißt aus ihm selbst. Zu dem letztem wird hingegen ein geduldigeres und arbeitsameres Naturell, ein gesetzterer Verstand, mehr kaltsinnige Behutsamkeit, und gefaßtere Schritte crfodert. Nichtsdestoweniger kennen wir auch solche glückliche Köpfe, welche diese beyden Eigenschaften auf einem hohen Grade besessen, und uns darum eben so gründliche Regeln zu Mustern, als geschickte Muster zu Vorschriften geliefert haben, welches Lob vor andern ein Tasso , ein Boilcau , ein Addi- son, und ein Pope von uns fodern kann. )( 5 Aber Vorrede. Aber insgemeine bringen die Poeten ihre Anmerckungen in den Wercken an; und überlasten den Kunstlehrern solche theils dar rinnen, theils in dem ursprünglichen Grunde derselben, der Natur, aufzusuchen, und in einer methodischen Lehrart zusammenzutragen. Diese haben als ihr Ammt und Wcrck aufsich genommen, die Regeln, auf welche die Erfahrungen zuerst geführet haben , zu prusten , und die Ursachen dessen, was nach der Natur des menschlichen Gemüthes und der Harmonie zwischen demselben und den Vorstellungen gefallen muß, damit zu vergleichen. Ein Vorhaben, welches in der That verdienet, daß geschickte Männer, und philosophische Köpfe selber, sich damit bemühen, sowohl weil die unschuldigen und lehrreichen Lustbarkeiten, die aus dem Vermögen des menschlichen Wi- zes und der Phantasie entspringen, dadurch befödert und verbessert werden ; als auch, weil diese Arbeit an sich selber ergetzlich ist, indem sie der würckenden Natur, dieser Tochter der höchsten Weißhcit, auf die Spur gehet, und mit dem Vergnügen, so die Entdeckungen derselben verursachen, dem nachsinnenden Verstände alte seine Mühe Vorrede. belohnet, ihn auch weder faul noch müde werden laßt. Dieser Arm der Philosophie ist in der That auch von den Weltweisen nicht verabsäumt , noch das Ergehen , so daher entspringt , mit gleichgültigem Kaltsinn betrachtet worden. Vielmehr können wir anmerken, daß von Aristoteles anzufangen, der seine Poetick nicht aus blossen Erfahrungen , so ihm Homers und Sophokles Schriften an die Hand gaben, sondern aus den nothwendigen Eindrücken der Dinge zusammengesetzet hat, daher auch seine Regeln so wie für seine Nation und sein Weltalter, also für alle Nationen und Zeiten insgemcine brauchbar sind , bis auf Muratori, Pope und Dübos,dieManner von philosophischem Verstände sich der rechtschaffenen Critick am glücklichsten angenommen, und das wich- tigste zu ihrer Vollkommenheit gethan haben. Die Erfahrung zeiget, daß der reine Geschmack allemahl nur bey denen Nationen allgemein geworden, welche durch die Ausübung derWeltweißheit zu critischen Untersuchungen waren vorbereitet worden. Wie könte es anders seyn? Man erinnere sich nur, daß der verderbte Geschmack sich durch Vor- Vorrede. Vcrurtheile, steiffe Gewohnheiten , Partheyen »schützen muß, und dass er durch niederträchtige Schmcicheleycn , 'die von einer dummen Bewunderung entstehen, fortge- pfiantzel wird. Er ist eine Art des Aberglaubens in der Beredsamkeit, seine Urtheile haben ihren Grund in dem Ansehen des Lehrers, in den mehrern Stimmen, in einer vermeinten Empfindung dessen, was man sich vorgenommen hat, oder gewohnt ist, für schön zu halten; er hat allen Eckel, auch gegen oen abgeschmacktesten Dingen, verlohren, und es hangt ihm zu viel Blödigkeit an , als daß er von dem gemeinen Urtheil abweichen » oder einigen Zweifel in die Richtigkeit desselben setzen dürfte; seine Lehren sind ein vernunftloser Mechanismus; der Grundsatz, daß das Urtherl des Geschmackes auf einer blossen Empfindung beruhe , verdammt, wie das fanatische Prin- cipium von dem innerlichen Licht, den Weg der Untersuchung, und leitet zu dem blinden Glauben, und unüberlegten Gehorsam ; Eigensinn, Anhang, Gewalt und Verfolgung sind, so wie des Aberglaubens, seine Waffen, womit er sich gegen die Vernunft zu schützen trachtet. Wer dieses betrachtet , Vorrede. trachtet, wird wohl begrciffen, daß der schlimme Geschmack den fürchterlichsten Feind an der gesunden Philosophie habe, indem diese durch das Mittel der Untersuchung , das ist , der Critick , alles prustet, und aus einem vorsichtigen Mißtrauen gegen der betrüglichen Empfindung und den ungenügsamen Erfahrungen nichts vor schon annimmt, wovon sie nicht zulängliche Grunde angeben kann. Durch sie werden die Quellen des Schönen entdecket, und den Poeten und Rednern gezeiget, daß sie daraus schöpfen können, wenn sie gefallen wollen. Weil diesen durch ihre Hülfe die Gründe dessen, was nothwendig gefallen muß, bekandt sind, so müssen sie nach diesem nicht auf gerathe wohl arbeiten, sondern wissen das Schicksal ihrer Schriften vorauszusehen , und es mit einer Gewißheit, die des Zweckes nicht verfehlet, zu regieren. Die billige Furcht dengescheutenKöpfen der Jezt- lebenden zu mißfallen, laßt ihnen nicht mehr zu, ihre rohen Einfalle vor einer ernsthaften Prüffung und Ausarbeitung an das Licht zu stellen. Es schreibet nicht mehr, was Hände hat, wie Opitz von seinen Zeiten geklagt hat, sondern was Kopf und Hirn hat. Vorrede. hat. Endlich wird durch die tiefsehende und freye Critick der Eifer nach Ruhm gewetzet, und die Leser überhaupt nach und nach eckler gemachet. Auf diesen Grund habe ich der Hoffnung seit einiger Zeit Platz gegeben , daß der gute Geschmack in Deutschland bäldest aufkommen werde, weil ich dieses als eine gewiffe Frucht von dem allgemeinen Durchbruchs der Leibnizischcn Philosophie erwarte, aller- maffen die Gemüther der Deutschen dadurch zu der Verbesserung desselben trefflich vorbereitet worden sind. Daß ich meine Hoffnung nicht schon würcklich erfüllet sehe, hat theils eine eitele Ruhm-Begierde, die sich auch mit dem leichten Lobe der Unverständigen sättiget, theils ein blöder und schamhafter Stoltz , der sich nicht schuldig geben kan, verhindert, indem diese beyde noch stets beflissen gewesen sind, die Freyheit der kritischen Prüffung durch List und Gewalt zu hemmen, und , wo es möglich wäre, zu unterdrücken : Also daß ein wohlbekandtcr deutscher Kunstrichter erst vor acht Jahren noch nöthig gefunden hat, die Freyheit seine Wegweisung critisch zu benennen, in der Vorrede gegen der deutschen Welt auf das Vorrede. höflichste abzubitten, und zu entschuldigen; denn er wollte es mit derselben nicht gänzlich verderben , und es schien ihm zu diesem Ende nicht genug , daß er die furchtsame Behutsamkeit gebraucht harte , durch seine Critick lieber die Verstorbenen, als die Lebenden zu beleidigen, wenn doch jemand dadurch sollte beleidiget werden. Es ist indessen richtig , daß die geschickten Verfasser nichts mehrers zu wünschen haben, als daß der Weg der Untersuchung insgemeine gebraucht werde; Massen sie mit denen Richtern, die ihr Urtheil aufdie blosse Erfahrung und Empfindung stützen, nicht wohl auskommen würden. Denn ein Scri- bent von verderbtem Geschmacke kann diese sowohl als ein guter auf seiner Seile haben. Das Schlimme gefallt öfters und das Gute gefallt nicht allemahl, wiewohl dieses nicht der vorgestellten Sache sondern des Urtheilenden Schuld ist : Daher auch der Grundsatz, daß alles, was gefällt, geschickt und gut sey , aus einem schädlichen und betrüglichen Vorurtheile fließt; und vielmehr umgekehrt und also gegeben werden muß: Daß alles was gut ist, gefalle, oder gefallen müsse; nemlich einem guten Ge- Vorrede. Geschmacke. Es ist nicht möglich , daß eine Schrift oder Stelle, die einem solchen gefallen hat, nicht die wahren Gründe dessen , was wegen der Natur der Sachen gefallen muß , in sich enthalte. Diese wird ein tiefsinniger Kunstrichter bald darinnen finden, und dem Urheber das Recht zudem Beyfall der Nachwelt viel fester versichern, als die blossen Erfahrungen thun könnten. Ich darf aber noch mehr sagen, und über dieses behaupten, daß selbst die mittelmäs- sigcn und schlechten Scribcnten ihre Rechnung besser bey dem Wege der Untersuchung, als bey den Erfahrungen finden werden. Sie stehen zwar in der Gefahr, daß ihre Schriften die Probe der Untersuchung nicht aushalten mögen; und müssen also befürchten, daß sie den Nahmen, den sie sich erworben haben, wieder verkehren werden: Alleine, dieser Verlust wird sie wenig kranken , wenn sie bedencken wollen , daß der erlangete Ruhm unbegründet war, und immerhin voller Unsicherheit gewesen wäre; also daß sie es vielmehr für ein Glück zu achten haben, daß ihnen die Nichtigkeit desselben zu einer Zeit zu erkennen gegeben worden , da sie noch im Stande find, ihren Vorrede. Nahmen auf den Grund sicherer Verdienste zu setzen , welcher ihnen in den wahren und tüchtigen Grundsätzen , wie sie gefallen können , angewiesen wird. Die Scribentm sind zwar gantz geneigt, ihre Tadler in den Verdacht der Unwissenheit oder Boßheit zu fassen, hingegen kommt es ihnen schwer an, einem crlangeten Nahmen zu mißtrauen, und den Gedanckcn Platz zu geben, daß eine bessere Einsicht sie desselben berauben mogte. Meine lasset uns setzen, daß ein Verfasser den blinden Beyfall seiner Zeiten erhalten habe; muß er nicht immerfort befahren , daß erleuchtetere diesen erschlichenen Ruhm zurückenehmen werden? Anstatt daß der Beyfall, der sich auf die gründliche Erkenntniß des Schonen gründet, allen Veränderungen der Zeiten und Menschen trutzen darf. Wir haben ein Beyspiel dessen an dem Cid , der erstlich ein allgemeines Lob erhalten hatte, das aber nur auf die Erfahrung gegründet war; als es hernach mittelst der Untersuchung geprustet worden, erkannte man durchgehends, in wie vielen Stücken diese Erfahrung aufun- richtige Wege geführet hatte. Bey uns hat Lohenstein dasselbe Schicksal gehabt. )( )( Wel- Vorrede. Welchen Beyfall hat er sich zu seiner Zeit erworben; wie zuverlässig hat Neukirch seinen Arminius den Franzosen entgegengese- zet; was vor ein Haufen Verehrerl Alleine nachdem zu unsren Zeiten der Weg der critisihen Prüffung mit ihm vorgenommen worden, wie tief ist er von dieser Höhe hinunter gefallen ? Er hat an allen Lesern, die das Urtheil von dem Werth einer Schrift auf das Innerliche zu setzen wissen, Criticos bekommen; ie erleuchteter auch die künftigen Zeiten seyn werden, desiomchr Criticos wird er antreffen , und desto scharfsichtiger und ernsthafter werden solche seyn. Diesen Ausgang haben alle diejenigen zu erwarten ,' welche den Beyfall lieber rauben, als verdienen wollen : Aber für diese Glü- kes-Verkehrung ist ihnen der Weg der Untersuchung gut, welcher sie in dem Bestreben , mit ihren Schriften zu gefallen , des Zweckes nicht verfehlen laßt. Bey so beschaffenen Sachen kann ich nicht wissen, mit was vor Recht die Scribenten der untern Classen von der Critick und dem Kunstrichter so viel böses sagen. Besteht vielleicht nach ihrem Begriff das Verbrechen eines Critiei schon in dem blossen Vornehmen Vorrede. men ohne Absicht auf dessen Ausführung, und hat er gleich so übel gefehlt, wenn fein Tadel begründet, wie, wenn er unbegründet ist ? Meinen sie, daß der unsträfliche und liebreiche Endzweck ihrer Schriften, sie für sich alleine vor allem Urtheil sicher stellen sollte, selbst auf den Fall, wenn sie fehlgctrof- fen haben? Ich will sie wenigstens nicht für so thörigt halten , daß sie der Welt zu« muthen sollten , an allem dem , was sie an den Tag bringen, Lust und Behebung zu finden. Man kann zwar zu ihrem Behufe sagen, daß die Welt eben so ungereimt begehrte , daß ein Scribent ihr gefallen sollte , es mvgte ihm kosten, was es wollte; und ich gestehe es zu, daß, wie kein einzelner Mensch ein Recht hat, für seine Schriften den Beyfall aller übrigen Menschen zu fodern , also auf der andern Seite die Welt, oder in ihrem Nahmen die Kunstrichter , unter keinem Titel begehren können , daß ein einzeler Mensch alle seine Zeit und alle seine Sorge zu ihrer Belustigung aufopfere: Alleine ohne daß ich von einigem Scribenten so schwere Sachen fodere, warum sollte ein solcher es demjenigen übel aufnehmen, welcher seine Bemühung mit X X 2 ihm Vorrede. ihm in einer gleichen Absicht vereiniget, und sich befleißet, seiner Schrift die Gabe zu ergehen mit einer grossem Gewißheit zu verschaffen , und sie auf einen hohem Grad der Vollkommenheit zu erheben? Jedermann gestehet, daß es ausgeschweifet wäre, wenn man m dem Wercke eines Menschen die höchste Vollkommenheit suchen wollte; die geschicktesten Kunstrichtcr haben gezweifelt, ob auch jemahls ein vollkommenes Werck des Geistes gefunden worden; sie ehren das beste Werck bloß mit der Benennung des Schönen , und sagen uns dabey , daß zwischen einem schönen und einem vollkommenen Wercke ein unermeßlicher Abstand sey: Warum wollte man sich denn der Unvollkommenheit, welche das gemeine Looß der Menschen ist, in einer Schrift schämen, und aus dieser Ursache verabsäumen , selbige zu verbessern und einen höhem Grad der Vollkommenheit in dieselbe hineinzubringen ? Man muß mich aber nicht so verstehen, als ob ich die Verfasser bereden wollte, daß sie sich einem jeden sich selbst so nennenden Kunstlehrer oder Kunstrichter ihrer Schriften verbunden halten, selbst denen , wel, che vermeinen ihr Ammt erfüllet zu haben, wenn Vorrede. wenn sie ausgefunden, oder nur ausgesprochen , daß der Scribent in einem Ausdeute gefehlt, oder in einem kleinen Umstände geirret habe: Ich erlaube vielmehr dem Verfasser , an dem die Critick nichts wichtigers als dieses auszusetzen hat, und ihren Tadel nicht bündiger beweisen kann, daß er sich gar in keinem Stücke schuldig gebe; auf diese Weise werden der Tadler und der Scribent gegen einander quitt seyn. Ich erkenne für Kunstlehrer nur diejenigen , die von einem rühmlichen Eifer eingenommen sind, die poetische Kunst und die Wohlredenheit ins Aufnehmen zu bringen; welche die Fehler ihrer Muster nicht aus bösem Vorsatz jemand zu kränckcn offenbar machen, sondern weil es nöthig ist , daß sie die Gründe dessen , was wegen der Natur der Sachen gefallen muß, in würcklich mißfallenden Erfahrungen und Beyspielen erklären. Die reinen und aufrichtigen Absichten eines solchen Critici kann man daraus erkennen, wenn er zeiget, daß er ander Entdeckung der Fehler mehr Verdruß als Lust und Vergnügen schöpfe, wenn er nicht das tadel- hafte allein anführet, sondern auch das lo- benswürdige gerne anpreiset, wenn er folg- XX; l'ch Vorrede. lich einem reinen Spiegel gleichet, der die Sachen so vorstellet, wie sie sind, das Schöne , als schön, das Häßliche, als häßlich, nicht, wie die falschen Spiegel thun, alles verkehrt und verstellt. Ein schlimmer Criticus , und ein schlimmer Poet verdienen eine gleiche Verurteilung; ich weiß keinen Unterschied zwischen der Ungeschicklichkeit zu machen , die sich in einer elenden Schrift oder in einem elenden Urtheil hervorthut. Ein gewisser Verfasser hat ztvar den schlimmen Kunstrichter darum für den geössern Sünder halten wollen, weil er uns nicht allein Verdruß verursachete, wie der schlimme Scribenr, sondern uns überdieß auf Irrthümer verleitete; und ich will ihm gerne einräumen, daß der Criticus der schlimmere Mann ist, wenn er uns aus Boßheit auf Irrwege führet; alleine wenn er nur aus Ungeschicklichkeit fehlet, so hat der schlimme Scribent in solchem Fall nichts voraus, weil im übrigen auch er neben dem, daß er uns Verdruß verursachet, uns eben so wohl verführet, als der schlimme Criticus , indem er uns für was schönes , für was vortreffliches giebt, was häßlich oder nur mittelmässig ist. Ich Vorrede. Ich muß mithin nicht verschweigen, daß zu befürchten ist, die meisten getadelten Skribenten messen den Kunsirichtcrn nur darum so gerne böse Absichten und Gemüths - Neigungen bey, weil es ihnen in ihrer Einbildung zum Trost dienet, wenn sie die Aussetzung der Fehler in ihren Schriften nicht der Aufrichtigkeit sondern der Tadelsucht zuschreiben können, als ob ein Fehler dadurch verringeret würde, wenn er nicht von der Begierde zu verbessern, sondern von der blossen Lust zu tadeln angemercket worden. Ohne Zweifel würden sie sich besser vertheidigen , wenn sie den Grund der Censur aus dem Wege räumcten , der in dem Urtheil selbst enthalten ist, statt desjenigen, der in der Veranlassung des Urtheiles beruhet. Wenn etwann der Kunstrichter seinem Urtheil eine lebhafte Art giebt, warum glauben sie lieber, daß dieses aus Boßheit, aus Tadelsucht, aus kritischer Herrschsucht geschehe , als, damit eine Wahrheit dadurch in ihr rechtes Licht gesetzet, und der Eindruck erhalten werde, der zu der Absicht nöthig ist ? Wie schwer ist es daneben zu entscheiden , ob ein schlimmes Urtheil nicht eben sowohl aus einer Ungeschicklichkeit, bey XX 4 der Vorrede. der dcch die beste Absicht herrschet, herrühre, als eine schlimme Stelle? Uberdieß, ist einem Scribenten wahrhaftig unrecht geschehen , wie leicht kann er selber ein Criti- cus werden, und der Critick eine andere entgegensetzen ? Ein Vortheil, dessen er durch eineruTadel, der sich auf die blosse Erfahrung gründete, beraubet, und des Rechts sich gegen die Beschuldigungen zu vertheidigen entsetzet wäre, wenn die Erfahrung zu einem unbetrüglichen Orackel des Gcschma- kcs aufgeworffcn würde! Will er aber die Müh nicht nehmen , eine Gegcncritick zu sch'-eiben, so kann er sich allemahl in seinem Gewissen dadurch beruhigen, daß die falsche Critick seine Schrift nicht schlimmer macht. Einige Critici, hat der Hr. LaBrü- jere gesagt, tasten gewisse Stellen an , deren Verstand sie nicht begriffen haben, und welche sie noch durch ihre eigene Zusätze verändern; und diese verderbten und verhutzelten stellen, welche nichts anders sind, als ihre eigene Gedancken, tadeln sie dann', und behaupten , daß sie liederlich seyn, und jedermann muß dieses mit ihnen sagen: Al- !cine die Stelle, welche diese Ecnsores vermeinen angegriffen zu haben , und die sie in der Vorrede. der That nicht angrciffen, wird darum nichts desto schlimmer. Wenn übrigens die getadelten Scribenten , nicht nur die schlechtem , sondern die geschicktem öfters selbst, nicht mehrmahls gegen die Kunstrichter eingenommen wären, so würden sie sich picht entbrechen können zu erkennen, daß ihnen durch die Critick selbst eine Ehre geschieht, welche andere Scribenten, so mit Stillschweigen vorbeygegangen werden, darum nicht erlangen mögen, weil sie den Kunstlehrern weder zum loben nach zum tadeln gut gmug sind, als die nichts bey ihnen finden , was ihnen zur Erläuterung oder Befestigung ihrer Lehrsätze dienen könnte. Man muß in der That eine gewisse Art von Verdienst an sich haben, wenn man der Critick ernsthafter Kunstrichter würdig seyn soll. Es ist endlich etwas so plumpes, frostiges, und müssiges um den Zustand eines Menschen , mit dem sich niemand einige Mühe giebt, daß man gedencken könnte, die unbilligste Critick selbst sollte manchem angenehm werden, wann sie gleich nichts anders thäte, als ihn in Bewegung zu setzen. X X 5 3ch Vorrede. Ich halte aus dieser Ursache davor, daß einige neuere Kunstrichter, welche ihreCri- ticken nur auf die Todten gerichtet, und die Lebenden ins Stillschweigen versencket haben, bey denen letztem, so ferne diese ihren eigenen Vortheil recht einsehen , mit ihrer ungebethenen Höflichkeit weniger Danck erholet haben , als sie erwartet hatten. Zudem ist die Censur entweder wohl gegründet , oder nicht : Ist das erstere, so werden die Verfasser dieselbe im Leben mehr nöthig haben , als im Tode, zumahlcn da auch die Censuren über Verstorbene nur um der Lebenden willen vorgenommen werden , weil sie sonst ohne Nutzen waren; ist das letztere, so lasse ich einen jeden bey sich ermessen , ob es nicht eine grössere Ungerechtigkeit sey, einen Todten, der sich nicht vertheidigen kann, als einen Lebenden, mit unbilligen Zulagen anzugreifen. Geht auch dem Critico die Verbesserung der Kunst wahrhaftig zu Hertzen , so wird er diese bey den lebenden Verfassern der getadelten Wercke am leichtesten erhalten können, als welche ihre eigenen Wercke am besten kennen , und am meisten Eifer hegen, sievoll- kom- Vorrede. kommen zu machen. Einem unparthevischen Kunftrichter sind sonst auch die Lebenden selbst in allen denen Stücken , mit welchen seine Critick zu thun bekömmt, wie Abgestorbene. Erhalt die Reden, Gedancken, Sprüche, Erfindungen, auf welche die Censur fallt, vor etwas , das von dem Leben der Person abgesondert ist , und istvon dem Wahne frey, daß dasjenige, was man ablegen kann, ohne daß eines Menschen Wesen zu Grund gehe, mit dem Besitzer ein Stücke ausmache. Es ist leicht zu errathen, wohin ich mit allen diesen Betrachtungen der Kunstrichter sowohl in Absicht auf ihr Ammt als auf ihr Verhältniß gegen den Scribcntcn an diesem Orte ziele. Der Geschmack an kritischen Schriften istbey der deutschen Nation noch nicht so wohl befestiget, daß man nicht nöthig hätte, sie mit Vorerinnerungen über gewisse Puncten einzuführen, wiewohl man mit der grossen Bcgründniß hoffen kan» daß er in kurtzer Zeit insgemeinc durchbrechen werde, nachdem der unerschrockene Hr. von Liscov in dem philosophischen Werck- Vorrede. Werckgen: Unpartheyische Untersuchung der Frage, ob die bekannte Satyre Bri- ontes der Jüngere eine strafbare Schrift sey; das allgemeine Recht der Menschen zu kritisieren so vollkommen bewiesen hat, daß die Deutschen ohne Zweiftl zu diesem Geschmacke nunmehr genugsam vorbereitet sind. Man ist versichert, daß der Verfasser gegenwärtiger kritischen Kunst seinen Lesern destomehr willkommen seyn werde, wenn sie hier seine eigentlichen Begriffe von diesen Sachen erlernen und gleichsam sein kritisches Glaubens - Bekenntniß antreffen werden. In der Durchlesung des Werckes selber wird man hernach den Weg der Untersuchung durch den geschicktesten Gebrauch desselben weit besser angepriesen sinden, als ich durch meine Erzehlung zu thun vermocht hatte; gestalt der Verfasser sich in die ursprünglichen und innersten Gründe des Schönen und Angenehmen so tief hin- eingcwaget, und ihren Ursprung in der Natur des Menschen, neben ihrer Mannigfaltigkeit , so scharfsinnig entdecket und aus einander gelesen hat, als man von wenigen alten oder neuern Kunstlehrern wird rüh- Vorrede. rühmen können. Nachdem er jetzo den Stand eines Kunstrichtcrs verläßt, und seine Arbeit andern zu beurtheilen übergiebt, wünschet er , daß seine Richter eben diesen Weg der Prüffung zum Grund ihrer Urtheile setzen, und er wird sich eine desto grössere Ehre daraus machen, jcmehr er Criticos unter seinen Lesern bekommen wird; nemlich solche, die nicht nur sagen können, wie ihnen etwas vorkomme, sondern auch Gründe vorzubringen wissen, warum es ihnen so und nicht änderst vorkommen müsse ; die, weil sie die Natur des Schönen kennen, Lob und Tadel nicht nach eigner WiUkuhr austheilen, sondern ihre Urtheile mit Gründen rechtfertigen. Lesern von dieser Art gebührt das Recht von einer Schrift zu urtheilen, solchen die sich zugleich als gute Criticos erweisen, indem niemand als ein Kunstverständiger im Stande ist , von der Kunst mit Grunde zu urtheilen. Dergleichen scharfsinnige und un- partheyische Leser hat er sich in dem Lauste seines Wcrckes beständig vor Augen gestel- let, und diese Vorstellung hat chn in der Sorgfalt unterhalten, etwas tüchtiges zu schrei- Vorrede. schreiben. Und eben diese Sorgfalt macht ihn jetzo so dreiste, daß er ihr Urtheil ohne Furcht erwartet. Er vor seine Person hätte auch der vorhergehenden Schutzschrift der Cntick nicht bedurft, weil er sein verdientes Lob in den reinen Absichten findet, so daß es ihm kein Neid oder Zufall rauben kann. So wenig er auch die Censur fürchtet, so wenig sucht er das Lob, ja er will lieber mit Grunde getadelt, als ohne Grund gelobet werden; daher wird er sich auch gegen die Critick nicht länger vertheidigen, als so lange er weiß , daß er die Wahrheit oder die Wahrscheinlichkeit auf seiner Seite hat; er wird sich nicht schämen, bündigern Gründen Gehör zu geben, und zu bekennen, daß er gefehlet habe, wenn er davon überführet wird; und er will lieber seinen Nahmen in der Dunckelheit verstricket wissen, als mit einem crlangetcn Ansehen jemanden in dem geringsten Theile der Wohl- redenheit auf Irrthum verleiten. Übrigens ist ihm niemahls in den Sinn gekommen, jemanden zu beleidigen ; wenn es Sachen in seinem Wercke giebt, welche einen Vorrede. einen oder den andern auf ihn verdriesi sen, so hat er keine Schuld daran, es ist nicht möglich Wercke von diesem Im halt zu schreiben, ohne daß sich dieser oder je- nerdadurch verletzet sinde; ja dieses ist'vielmehr das Wahrzeichen der rechtschaffenen Critick, so wohl als der rechtschaffenen Philosophie. G / L« ,^'v» ^ " -'-..s - -/ . -' . <-- - ' '-ss- ' » ,.- F. . ' >' ,, -B»7» »r '^. ^ - . .->- >^.«l - - - ->-? .V. , . - > r rd '- -- .S -/'' p - -- >r.» T", '.^ - !? - --P - '- - . ..--.»-kH Lkt .-^ ' a- L -< >>K », , ü- »- ,^,-7,..:-Si ^ -. -. i rv-rr/:--'? "--,-L ?-.^ ' ^ '-Ar ^ ^ r^7 /- ---'.L-^r H.-' - ^ » -Y- . --..5M-,:" -^>»4 «» r nhalt. Der erste Mschnitt. Vergleichung der Mahler-Kunst und der Dicht - Kunst. (7>Er grösietzaufen der Menschen ist nicht geschickt, die abgezogenen Wahrheiten zu fasten. Die Weltweisen müssen solche nach desselb?» Fähigkeit zurichten. Die Künste sind nichts anders, als vcr- schiedcne Arten, sie für die Leute zuzurichten. Wie die Rede-Kunst und die Dicht-Kunst die Weißheit angenehm machen. Ihr Werth und Nutzen. Plato hat nur ihren Mißbrauch befürchtet. Verdienst deren, die sich um ihre Verbesserung bekümmern. Des Verfassers Vorhaben, die Natur der poetischen Mahlerey aus dem Grunde nach allen ihren wcitlauftigen Theilen zu untersuchen. Veewandschaft der Mahler-Kunst mit der Licht-Kunst. Die Mahler und die Poeten sind nur in der Ausführung ihres Vorhabens unter.chjeden. Vergleichung der Würckungen ihrer Wercke. Die Mäh- X )()( ler- ' HZ ( o ) ZU ler s Kunst würckct durch das Auge. Ihre Eindrücke geschehen geschwinder als der Poesie. Ih.e enge Eins schranckung. Die Bildhauers Kunst hr.c eine weitere Sphar ihrer Würckung. Wcitlauftigc Wurckung der Poesie auf alle Sinnen , und auf den Verstand selbst. Ihre Gemählde sind feiner. Sie gehet einen küryern Weg. Richardson halt die Beschreibung der Alpen , die ein Poet verfertiget, vor etwas verdrießliches. Er wird widerleget , und die Widerlegung durch Halters Beschreibung der Alpen bekräftiget. Der Poet hat auch die Würckungen seiner Gemählde in seiner Gewalt. Der zweyte Abschnitt. Erklärung der poetischen Mahlerey. ^>Ie poetische Mahlerey , die sich auf die Gleichheit in der Wurckung beyder Künste, der Mahlers Kunst und der Dicht s Kunst, gründet, ist das eigents liehe Wercb der Dicht--Kunst. In wie weit der Ges schichtschruDer den Pinsel des poetischen Mahlers ges brauchen dürste. Wie ferne der Redner pflichtig sey, die poetische Mahlers Kunst ;u Hülfe zu nehmen. Hos nicrs Vortrefflichkeit in dieser Kirnst. Longins Urtheil von der Odyssea, daß sie von Homers abnehmendem Geiste zeuge, wird verdächtig gemacht. .Heinecken Entschuldigung dieses Urtheils ist unzulänglich. Ezems pel voir.Homers künstlicher Mahlerey. Seine Bes schreibung eines verwundeten Löwen ; des Abschiedes Hcctsrs von Andromacha; des Wettcsahrens bey Pas troclus Lcichbegangnißs Fest. Unterscheidende Kenns zeichen zwischen Homers Mahlerey, und Virglls. Bekräftigung dieser Kennzeichen mit Beschreibungen vom W ( v ) W vom Wettefahren aus Virgil. Opitzen Niahlerische Beschreibung von dcr stillen Ruhe des Landlebens in dein Gedichte, so er Zlacna betitelt. Königs Gemählde von dcr Erscheinung des Elb -Gottes in dem Gedickte auf die Geburt eines Chursächs. Printzen. Unterschied zwischen den poetischen Schildcreycn und den eigentlich genannten Beschreibungen oder Definitionen. Was Element«! - Beschreibuiyen seyn. Der dritte Abschnitt. Von der Nachahmung der Natur. (T^Je Poesie kan alles nachahmen, was dcr Ner- ^ stand von den Würckungen und den Kräfte» der Natur erkennet, wenig abgezogene Wahrheiten ausgenommen. Solches theilet sich in die gegenwärtige würckliche Welt, die sichtbare und die unsichtbare, und in die möglichen Welten. Der Poet nimmt die Originale seiner Nachahmung lieber aus der Welt der möglichen Dinge. Zwo Gattungen des Wahren, das Würckliche und das Mögliche, oder das historische und das poetische Wahre. Kraft des poetischen Wahren zu ergehen, wenn es auf das historische Wahre gegründet ist. Die Uebereinstimmung zwischen dem U.bild und der Schilderey ist das Haupt-Wesen der Nachahmung. Sie wird ans der Gleichheit der Wür- kungen eelennt. Die Eindrücke der Poesie sind nur in der 'Art, nickt in der Kraft, den Eindrucken der Natur gleich. Worinnen die lebhafte Deutlichkeit dcr poetischen Schildereyen beruhe. Worinnen die Wahrheit derselben bestehe. Das poetische Wahre ist eine Ueber- einjiiMMittig des Gemähldes mit möglichen Urbildern. )()()(> ' Kraft m ( o ) M Kraft der nachahmenden Kunst vor sich selbst zu erge- zcn, ohne Absicht auf die Materie. Annehmlichkeit der Beschäftigung des Gemüthes, da es eine Copie mit dem Originale vergleichet. Verwunderung , welche die Nachahmungs - Kunst bey uns gebichrt. Warum die erschrecklichen Dinge uns in der Nachahmung crgctzen. Der vierte Abschnitt. Von der Wahl der Materie. s^As Pcrwundersame in der Natur , welches in den Verstand leuchtet, bringt dem grosten Haufen der Menschen kein Ersetzen. Umer den sinnlichen Gegenständen machen nickt alle Dinge einen gleichen Eindruck. Wahl der Urbilder nach den besondern Absichten des Poeten. Ein übclgewehltcr Gegenstand bringt dem Poercn noch mehr Nachtheil als dem Mahler. Doppelter Grund des Ergehens , das von der Nachahmung entsteht, die Befriedigung des Verlangens nach Wissenschaft, und die Bewegung des GcinnchcS. Vorzug der bewegenden Bilder. Ein- schrancknng der Wahl der Bilder durch die verschiedenen Gattungen Gedichte; ferner, durch die Gesetze der Ehrbarkeit. Vertheidigung enier Stelle in der Rede des Phenix zu Achilles wider la Motte. Lehrsatz der stoischen Weltweisen lvrdcr die Ehrbarkeit. Bestraf- fung der Cynischen Poeten. Daß das Nützliche in die Absichten der Poesie einstießen mäste. Der E ( 2 ) M Der fünfte Abschnitt. Von dem Neuen. HHAcht der Gewohnheit über die Eindrücke der Na- eur. Kraft des Neuen und Ungewohnten, das Gemüthe zu rühren. Das Neue eine Mutter dcS Derwundersamcn. Verknüpfung des Neuen mit dem Wahren. tzicrinncn bestehet das poetische Schöne. Das Wunderbare ist der höchste Grad des Neuen. Die Natur ist ein unerschöpflicher Brunnen des Neuen, worinnen man beständig ^u schöpfen findet. Das Kleine ist so verwundcrnswürdig als das Grosse, wenn es ungewohnt iss. Longinus wird hierüber erkläret. Nothwendigkeit und Gebrauch des Kleinen in der Natur. Wie das poetische Auge in etwas kleinem solche Schönheit sehen kan, die dem cörperlichen Gesicht verschlossen ist. Die Neuheit lieget nicht in den Sachen , sondern in den Begriffen. Die Dichtung ist die reichste Quelle des Neuen , und mittheilet sich den meisten. Das poetische Schöne ist an keine Zeit und an keinen Ort angebunden. Der Poet muß sich nach den Landes - Gewohnheiten richten. Lob der Wahl der Materie von dem verlohrnen Paradiese in Absicht auf die unveränderlichen Gebrauche der Personen, jö darinnen vorkommen. Der sechste Abschnitt. Von dem Wunderbaren und dem Wahrscheinlichen. (^As Wunderbareist die äusserste Stafeldes Neuen. Natur des Wunderbaren. Verbindung des Wunderbaren mit dem Wahrscheinlichen. Natur des XXX r Wahr- M (O) M Wahrscheinlichen. Was in dem weitlauftigsten Verstände wahrscheinlich sey. Die Bedeutung dieses Wortes wird enger eingeschrancket. Grund der Wahrscheinlichkeit m der Uebereinstimmung mit den gegenwärtigen Gesetzen der Natur. Ein andrer Grund derselben , der in den Kräften der Natur bestehet. Genauere Grundsätze des Wahrscheinlichen. Der Poet steiler das Wahre als wahrscheinlich , und das Wahrscheinliche als wunderbar vor. Unterschied in den menschlichen Urtheilen von dem Wunderbaren und dem Wahrscheinlichen. Bezaubernde Kraft der Verbindung des Wunderbaren und des Wahrscheinlichen. Erste Quelle des Wunderbaren , das von dem möglichen Zusammenhange der Dinge nach andern Absichten, als der gegenwärtige hat, entstehet. Allegorische Art der Fabel, da der Poet neue Wesen erschaffet. Exempel derselben in Königs befriedigtem Elbe - Strohme. Von Einmischung allegorischer Personen unter historischen. Exempel von Homers Vorstellung der Zweytracht in dem Begleite des Krieges - Gottes- Dergleichnng derselben mit Virgils Beschreibung des Gerüchtes. Königs Einführung der Zwcytracht und der Eintracht in dem ersten Gesänge von dem Lager. Grund der Wahrscheinlichkeit der allegorischen Wesen. Esopische Att der Fabel, da die Wesen zu einer höhern Name erhoben werden. Eine andere Quelle des Wunderbaren entsteht von der unsichtbaren Welt der Götter und Geister. Vertheidigung Homers gegen die Beschuldigung , daß er seinen Göttern die Schwachheiten der Menschen angedichtet habe. Der Der siebende Abschnitt. Von der Esopischen Fabel. (Vi!>Idrigkeit der nackenden moralischen Wahrheiten. Wie dieser Widrigkeit in der Esopischen Fabel mittelst der Erzehlung und des Wunderbaren begegnet wird. Die Erzehlung ist der Cörper, die moralische Wahrheit ist ^>e,^eele der Fabel. Nothwendige Harmonie des corperuchen und des geistlichen Theiles derselben. Die Wahl der Erzehlung und der Umstände derselben muß sich nach dem moralischen Lehrsätze, als der Haupt-Absicht, richten. Worinnen die Einheit der Fabel bestehe. Unterschied zwischen einer Fabel und einer blossen Erzehlung. Ob es nothwendig sey, die Lehre der Fabel mit ausdrücklichen Motten auszusetzen. Gründliche Ursachen, warum die historische Lehrart, die durch Beyspiele vorgenommen wird, bey den Menschen einen so glücklichen Eingang finde. Wie die allegorische Erzehlung durch das Wunderbare eine angenehm - entzückende Kraft erhält. Wie dieses Wunderbare hervorgebracht wird. Grade desselben, und daher entstehende Classen. Der Einwurff, daß die Art von Fabeln , in welcher die Menschen aufgeführet werden , nicht genug Wunderbares an sich habe, wird gehoben. Vertheidigung derer Fabeln, da Götter , Phantasie - Wesen, Thiere und Pflantzen aufgeführet werden , gegen die Beschuldigung, daß sie an Wahrscheinlichkeit Mangel haben. Behutsamkeit, so mit Einführung der Kunst-Wercke als so vieler Personen, ür einer Fabel gebraucht werden muß. Erinnerung, daß der natürliche Character, und die wahren Eigenschaften der Thiere und der Pflantzen in Obacht genommen werden müssen. Daß die Fabel nicht zum beweisen, sondern nur zum belustigen und erklären diene. Exempel von menschlichen Fabeln. Beurtheilung der XXX 4 Zabeln «c -) M Fabeln Trillers von dem Knaben, der den Rhem- sirohnr in zween Töpfe hineinschöpscn will; von dem Kind uno dem Fröschen; von dem Hunde auf einem samtenen Küssen und dem Hausherren; von dem gereiften Mann, einem wunderlichen Koche; von der traben - Bleiche. Lob der menschlichen Fabel von dem Thracier, der auf eine verkehrte Weise die Baume schneidet. Vollkommenheit einer Fabel von der Verewigung eines Blinden mit einem Lahmen. Exempel von wunderbaren Fabeln. Geschickte Ausführung der Fabel von dem Fuchsen im Weinberge. Prüffung der Fabel von dem Fuchsen, der den Kopf eines gehaunen Bltdes gefunden hatte; der Fabel von dem Löwen , der in eine Schafferin verliebt ist, und sich aus Gefälligkeit Klar en und Zahne abbrechen laßt; der Fabel von dein Löwen, der mit der Kuh, der Geiß und dem Echaafe auf die Jagd gehet. Fehler in vielen Trillerischen Fabeln, wo eine Erzehlung keine andere Eigenschaft der Fade! hat, als daß eine absonderliche menschliche Handlung den Thieren zugeschrieben wird. Schlechte Kunst in der Erfindung der Fabeln Trillers. Der- tverffung seiner Uebersetzung von tzoratn Fabel von der Feldmäuse. Rettung der Wahrscheinlichkeit der Fabel Ioas von der unglücklichen Vermahlung des Dornstrauches mit dem Eichbaume. Trillers abgeschmackte Uebersetzung derselben. Der achte Abschnitt- Von der Verwandlung des Würcklichen mö Mögliche. (V>Och «ine Quelle des Wunderbaren , da diewürck- liehen Dinge in einer neuen Qrdnulig , doch nach ihren bekannkenGcsetzcn eingeführt werden. Meinung derer, KZ ( o) M derer, die davor halten, diese Art des Wunderbaren bestehe in einer Verbesserung der Natur. Nichardsons Gcdancken hierüber. Behutsamere und deutlichere Erklärung derselben. Die Natur ist vollkommen und unverbesserlich. Die Kunst ahmet die Natur in dem nach , was sie bey andern Absichten hätte thun können. Worinnen dieses wunderbar und woriuncn «s zugleich wahrscheinlich sey. Worinnen die mögliche Materialische Well besiehe. Wie Homer den Garten des Alcinous aus derselben genommen habe. Vertheidigung seiner Beschreibung davon wider einige Tadler. Worinnen die mögliche historische Welt bestehe. Unterschied zwischen der Historie und der Poesie , und Vortheile dieser vor jener. Der Poet darff dem Geschichtschreiber nicht widersprechen. Grund der möglichen moralischen Welt. Die Poesie musi den Menschen besser oder schlimmer vorstellen. Wie dieses zugehet. Was Abtirscilo Iinsßjiiarlonis sey. Wie durch dieselbe ein Stücke von einem Personal- Character abgesondert werde. Lehrreicher Nutzen dergleichen abgezogener Vorstellungen. In diesem Stücke wird die Historie von der Poesie übcrtroffen. Der neunte Abschnitt. Von der Kunst gemeinen Dingen das Ansehen der Neuheit beyzulegen. ^Flicht des Poeten, denen Dingen, die an sich ^ eine geringe Schönheit haben , oder selbst verächtlich und widrig sind, durch die Kunst ein Ansehen mitzutheilen. Emtheilung der Vortheile, die zu diesem Ende dienen , in solche, welche der Poet in seiner Scharfsin- nigkeit findet, und andere, die er von der Mischung der poetischen Farben erhält. Worinnen das Neue X X X 5 beste- m ( o ) M bestehe , welches die poetische Kunst bekannten Dingen mittheilen kan. Don dem Wunderbaren, das in einem Betrüge der Sinne besteht- Wie die Poeten sich dieses Schcmcs bedienen, den Wechsel des Tages und der Nacht, die Entfernung eines Schiffes von dem Gestade, Gemählde, auf eine wunderbare Weise vorzustellen. Vertheidigung des homerischen Schilds des Achilles- Hyperbolische Bilder / die sich auf den Wahn der Sinne gründen, der Himmelstützenden Berge / des Atlas, der Centauren, der Schiffe als schwimmender Inseln. Don dem Wunderbaren / das in einem Betrüge der Affecte besteht. Hyperbolische Rc- dens-Arten der Furcht in einem Sturme zur See. Wie sie die Umwelzung des Felsens vor Cacus Hole , und die nunmehr offen stehende Hole beschreibet. Wie Opitz nach Homer die Einbildung durch die Vergrößerung der Gefahr der Schiffenden in Furcht gesetzet. Wie die Traurigkeit die Sachen auf eine seltsame Weise vorstellet, vornehmlich bey Verliebten. Wie die erbitte Phantasie Dinge sieht / die nirgend, oder weit entfernet sind; daher Longin solche Phantasie - Bilder vor ein Mittel den Geist zu erheben angepriesen. Wie König nach dieser Art die Früchte einer milden Regierung, Gottsched die Sehnsucht nach dem Frieden vorstellet. Trefflichkeit der heroischen Ode Königs auf die Geburt einer Churfmstlichen Printzeffin / in dieser Absicht. Daß der Enthusiasmus der Alten nichts anders gewesen. Maaß und Ziel, das in dergleichen Verzückungen zu halten ist. Von dem Wunderbaren , das sich auf einen allgemeinen Wahn gründet. Ansetzn der gemeinen Meinungen. Behutsamkeit / so in Anwendung derselben zu gebrauchen ist. Vertheidigung der Verwandlung der Pfeile Polymne- stors, und der verbrandten Schiffe des Eneas, m- gleichcm des güldenen Zweyges des Eneas. Die rruckene txrzchlung wird durch Einstreuung solcher Zabeln vor Mattigkeit bewahret. Wie Opitz solches be- bewecck- W(°)M werckstelliget habe. Daß unsre Poeten ihre Materie durch die Hmuntersetzung der historischen Wesen der heidnischen Poelen in allegorische, in angenehme allegorische Fabeln einkleiden können. Fruchtbarkeit der Allegorie, die auf die alte Mythologie gegründet ist. Wie Opitz auf diese Weise die allgemeine Freude bey der Geburt des Herzogs von Holstein beschrieben habe. Der zehnte Abschnitt. Ob die Schrift August im Lager ein Gedicht sey. 1 INterscheidung der Materie dieser Schrift, und dct poetischen Kunst in derselben. Die Materie ist da wahrhaftig und historisch , und nicht von dem Poeten erschaffen. Die Würdigkeit derselben besteht mehr in dem Vorsatz und der Erfindung des Planes, als in der Ausführung. Es ist nur ein Lust - Spiei der Nachahmung , ohne Glücks-Wechsel, ohne hohe Regungen. Insbesondere hat die Materie des ersten Gesanges, die Einhohlung, weder Sitten noch Handlungen. Doch ist sie einer poetischen Abhandlung noch eben so fähig, als Pmdacs Olympische Spiele. Verwandtschaft beyder Materien. Mittel, derer sich der griechische Pott bedienet, seine Materie zu der Hoheit eines Gedichtes zu erheben. Wie der deutsche Poet hierauf bedacht gewesen, in der ausführlichen Vergleichung des ersten Anblickes des Lagers mit der Erblickung des Dillwarders, und in der unsichtbaren Erscheinung der Eintracht. Kürtze ihrer Rolle, und Lange ihrer Beschreibung. Wie er seine Materie durch die Einstreuung von Charactern und Reden hatte beleben können. Wie er seine Personen nach ihren Titeln und Kleidern beschreibet. Seine grössere Geschick- schicklichkeit in Characterisierung der Pferde. Seine historische Sorgfaitigkeit in Beschreibung der geringsten Umstände. Pflicht eines Pötten die prosaische Mattigkeit zu vermeiden , und das Gemüthe des Lesers aufgewecket zu behalten. Muthmaßung , daß der Mangel an Lesern von poetischem Geschmacke den Verfasser Hinterhalten habe, daß er nicht nrehr Poesie in diese Schrift hineingebracht hat. Herrschende Neigung der Deutschen zu Leibes-Uebungen und Pferden , welche macht, daß sein Merck auch in der Gestalt eines zierlich-geschriebenen Tage-Buches denselben wohlgefällt. Poetische Ausarbeitung des Einganges eines Gedichtes über diese Materie nach der poetischen Kunst. Der eilftt Abschnitt. Von etlichen absonderlichen Mitteln die schlechte Materie aufzustützen. s^Jn solches Mittel ist, wenn die Dinge nach der- jenigen Seite abgemahlet werden , die zu unsern Absichten am beförderlichsten ist. Wie Alb. Halter die verachteten Alpen - Bewohner mittelst dieses Kunstgriffes als glückselig vorgestellet. Wie Opitz dadurch die Einfalt der alren Zeiten in Absicht auf die Bau- Kunst erhoben. Wie Halter die Ehre ihres Glanzes beraubet und verächtlich gemachet hat- Wie er einen Landbezwinger in einen Cttassenräubcr erniedrigt. Wie die göttlichen Schriften dem Poeten in dieser Arbeit zu statten kommen , indem sie viele verkehrte Begriffe von dem Werth der Dinge zurecht setzen. Ein anderes Mittel ist , wenn der Poet in den Gegenständen verborgene Umstände entdecket. Wie Brockcs den Umstand W ) o ( M stand von dem Schweigen der Sonne angemercket har. Von Opitzcn angcmerckte Umstände von der Mäuse Spiel mit Degen , und der Spinnen weben in einem Helme. Ein solches Mittel ist auch der rechte Gebrauch der Umschreibungen. Zweck derselbe». Schranken , dadurch sie in ihrem Gebrauche eingefasset werden. Untersuchung der Stelle Platons von den güldenen und silbernen Reichthümern, welche von Longin unter dem Nahmen einer Umschreibung getadelt worden. Opitzens geselstckte Umschreibungen , womit er ' das Gold jezo verächtlich machet, dann lobet; aus tzoratz nachgeahmet. Eine Umschreibung Opitzens, in welcher er eine Sache durch Wcgraumung dessen, was ihr nicht zukömmt, kenubar macht. Nutzen der Umschreibung schamvolle und eckclhafce Dinge vorzustellen. Ueberspanntes Lob, das Longin einer Umschreibung des Herodotus von dieser Art beygeleget. Kunstgriff und Gebrauch der Erweiterung. Rechtfertigung der Erweiterung Homers , da er die Kesitzer des Zepters Agamemnons der Reihe nach erzchlet. Kunstgriff der Vermehrung, die mittelst eines wahrscheinlichen Grundes gcmachet wird. Wie König dadurch den Stoltz der Pserde glaubwürdig machet. Wie er das Eilen eines Alten mit einem unerwarteten Grunde vermehret. Wie Opitz die Vorstellung einer feindlichen Macht, die ihr selbst zum Nachtheil sich verstärcket hat , durch einen poetischen Grund unterstützet. Untersuchung des Grundes, womit König den ftühzeitigcn Tod seines Königs beglauben will. Original desselben in einer Grabschrift des Martialis. Von der Neuheit der Ge- danckcn in Ansehung ihres Gebrauches. Kunstgriff, da man mehr zu gedcncken giebt, als man sagt. Wie Virgil sich dessen bedienet hat, uns die Grösse Poly- phems , die Schleiffung der Stadt Troja , der Dido Unternehmen ein neues Königreich zu suchen, zu ermessen zugeben. W ) o ( M Der zwölfte Abschnitt. Von der Wahl der Umstände und ihrer Verbindung. (^Ie Wahl und Verbindung der Umstünde hat ihr ^ ren Nutzen in allen Vorstellungen , nicht in dem Erhabenen alleine, wie Longiims meinet. Die Wahl der Umstände muß sich nach der besondern Absicht in einer Stelle richten , wie die besondern Absichten nach der Haupts Absicht. Der Einwurff , daß die Harmonie der Absichten die Mannigfalcigleit der Eindrucke aufhebe, wird beantwortet. Die Wahl der Umstände ist, wie die Bestimmung der Absichten , ein Merck des guten Geschmackes. Unendliche Verschiedenheit der besondern Absichten ; welche ein Systenia der Regeln des guten Geschmackes unmöglich machet. Daß der Geschmack überhaupt lehre verholen, was der besondern Absicht nachtheilig ist , und erwehlen, was sie befödcrt. Homers Nachdruck in dem Stillschweigen des Ajax. Seine Geschicklichkeit in den Vorstellungen der Grösse seiner Götter, und in den Stürmen , mittelst der Wahl und Verbindung der Umstände. Longins Anpreisung der Beschreibung des reisenden Neptuns. Rettung derselbigen gegen die Beschuldigung des Herrn von La Motte. Lob , das Longin den Beschreibungen der Stürme bey Homer beyleget. Ovidius Beschreibung der Sündflut, gegen die Einwnrffe des Scueca und des Muratori erwogen. Horatzens übe, einstimmende Bilder mit des Ovidius. Saint - Amands gleichmässiges Bild gegen Boi- leau entschuldiget. Theopomps Beschreibung der Ge- schcncke, die einem grostrn Könige gebracht worden, aus Longin. Homers Beschreibung der Schilde und der Verwundungen gegen La Motte vertheidiget. Die Aus- Äs)o(M Aussetzung der Umstände dienet, das Gemüthe einzunehmen , und die Erzehlunq zu beglaubigen. Wie weit Postel in der Vorstellung Wittekindcs nach seiner Rettung aus dem ^chiffbruä) aus Veriaummß der Umstände hinter Homers Vorstellung des Ulylscs an dem Pheacischcn Gestade zurückgeblieben. Königs geschickte Erweiterung der becrüglichcn Liebe, die von Heinecken vor ein Exempel des Erhabenen angezogen wird. Der dreyzehnte Abschnitt. Von den Charactern, Reden und Gemüthes, Gedancken, oder Sprüchen. s^Er Mensch ist der vornehmste Gegenstand der Poe- sie, auf welchen sich alle andern beziehen. Der Grund seiner merckwürdigsten Handlungen findet sich in der Vermischung seiner Gemüthes-Neigungen. Die poetische Kunst erzehlt den Gemüthessiand ihrer Personen nicht bloß auf eine historische Weise, sondern wie er sich nach ihrem Character in ihren Reden und Handlungen offenbaret. Wie nothwendig es sey, daß der Poet die Gemüthes - Character der Menschen kenne. Erklärung, was die Sitten und Gemüthes-Character seyn. Ungcmeine Vcrschiedcnhcic, welche man in den Charactern Homers wahrnimmt- Virgils Mangel in diesem Stücke. Merckmahl eines geschickt-ausgedrückten Characcers. Die Reden und Handlungen müssen ihren Grund in demselben haben. Ein Character muß standesmästig seyn. Wie der Stand eines Menschen seinen Character auf verschiedene Weise aus einander lege. Er muß ähn- W ) o ( M sich seyn. Vorzug derer Character, die nicht allzu außerordentlich sind. Nachtheil der allzu gemeinen. Ein Eharacter muß sich selber gleich seyn. An- merckung daß alle Handlungen einer Person mit der Haupt-Summe des Charactcrs, und nicht bloß einer Eigenschaft desselben zutreffen müssen. Kunstgriff wie die poetischen Character über die gewöhnlichen erhoben werden können. Aristoteles Regel darüber , mit Daciers Anmerckung. Die Reden sind der Erfolg und die tzmtersatze der Character. Es ist genug, wenn sie eine Verhältniß-Wahrheit haben , d. i. wenn sie in Beziehung auf die Personen der Redende» wahr sind. Homers Vortrefflich- keit in orstionibus morskls. Dirgils Mangel in diesem Stücke. Vertheidigung deren Reden, die Homer den Streitenden zuschreibt. Rettung derjenigen, die an Pferde, und an Verstorbene gerichtet sind. Die Gemüthes-Meinungen oder Sprüche der Personen sind Stücke ihrer Reden. Unterschied zwischen gemeinen Wahrheiten und solchen charactermafflgen Sprüchen. Vorzug Homers über Virgil, was diese anbelanget. Lsngins Erhebung eines Spruchs, den Homer dem Ajax in einer plötzlich entstandenen Dunkelheit zuschreibet. «'»'V LL?L A' - k?7.r, ' k-Hd» W?5?- Der erste Abschnitt. Vergleichung der Mahler-Kunst und der Dicht - Kunst. f^Er gröste Haufen der Menschen ist nicht geschickt ^ die abgezogenen Wahrheiten zu fassen. Die Weltweisen müssen solche nach desselben Fähigkeit zurichten. Die Künste sind nichts anders, als verschiedene Arten, sie für die Leute zuzurichten. Wie die Rede-Kunst und die Dicht-Kunst die Weißheit angenehm machen. Ihr Werth und Nutzen. Plato hat nur ihren Mißbrauch befürchtet. Verdienst deren, die sich um ihre Verbesserung bekümmern. Des Verfassers A » Vor- 4 Vergleichung der Mahler-Kunst Vorhaben, die Natur der poetischen Mahlerey aus dem Grund nach allen ihren wemauftigcn Theilen zu untersuchen. Verwandschaft der Mahler-Kunst mit der Dicht-Kunst. Die Mahler und die Porte» sind nur in der Ausführung ihres Vorhabens unterschieden. Vergleichung der Würclungen ihrer Wercke. Die Mahler - Kunst würcket du ch das Auge. Ihre Eindrücke geschehen geschwinder als der Poesie. Ihre enge Em- schranckung. Die Bildhauer-Kunst hat eine weitere Ephar ihrer Würckung. Weitläufige Wurckung der Poesie aus alle Sinnen , und auf den Verstand selbst. Ihre Gemählde sind feiner. Sie gehet einen kürtzern Weg. Richardson hält die Beschreibung der Alpen , die ein Poet verfertiget, vor etwas verdrießliches. Er wird widerleget , und die Widerlegung durch Hallers Beschreibung der Alpen bekräftiget. Der Poec hat auch die WmÜungen seiner Gemählde in seiner Gewalt. Weltweißheit ist eine Wissenschaft ^ von allen Dingen, insofern der Mensch fähig ist, den Grund ihrer Möglichkeit oder Würcklichkeit zu erkennen. Diese Erklärung stehet einesteils der unersättlichen Wissens- Begierde der Menschen trefflich an, indem sie der menschlichen Wissenschaft ein so geraumes Feld eröffnet, daß es dem Verstände niemahls an Materie fehlen kan, seine Kräf- te in Untersuchung und Entdeckung zuvor unerkannter Wahrheiten zu prüffen: Und sie giebt anderntbcils den Menschen eine gute Lehre der Bescheidenheit, indem sie ihren 'Hochmuth dadurch zu Boden schlägt, daß und der Dicht-Kunst. 5 sie ibreFäbigkeit in diegebörigenSchrancken fasset, wann sie gleich der Wissens. Begierde kein Ziel setzet. Die unterschiedlichen Wissenschaften", nach welchen alle Erkenntniß der Menschen von den würcklichen und den möglichen Dingen in gewisse Classen eingetheilet ist, sind so viele Haupt-Theile der Weltweißheit. Eine jede von denselben suchet das wahre, insofern es von den Menschen gründlich erkennet werden mag; und sie haben sämtlich zum Zweck, durch die Erleuchtung des Verstandes das Hertz zu reinigen, und durch eine gründliche Ueberzeugung von dem wahren Werthe der Dinge den Willen des Menschen zum guten zu lencken, und seine Wohlfarlh und Glückseligkeit dadurch zu befördern. Meine da der gröste Haufen der Menschen zu den abgezogenen Untersuchungen des reinen Verstandes nicht aufgeleget, und derjenigen feinen Lust, welche die tiefe Einsicht der Wahrheit mit sich führet, nicht fähig ist, sondern alleine von den Sinnen geleitet wird, und sich nach einer empfindlichen Lust sehnet, die man ohne mühsames Bestreben erlangen kan, so ist es sich nicht zu verwundern, daß die Weltweißheit zu allen Zeiten die eigene Bemühung und Arbeit einiger weniger über das gemeine Looß der Menschen erhabener tiefsinniger Geister geblieben ist , und daß ihre so heiisamenLehren bey den wenigsten Leu- A z ten 6 Vergleichung der Mahler-Kunst ten den erforderlichen Eingang gefunden haben. Gleichwie nun ein kluger Arzt, der sich die Gesundheit seiner Krancken läßt angelegen seyn, die bittern Pillen vergüldet oder verzuckert, und durch diesen heilsamen Betrug ihnen die Artzney beybringet und die Gesundheit wieder herstellet, indem er sich nack ihrem eckeln Geschmacke richtet; also müssen diejenigen, welche die Weißheit als ein Hülfs-Mittel zur Beförderung der menschlichen Glückseligkeit gebrauchen wollen , gleicher Weise verfahren. Da die Wahrheit, die von den Weltweisen mittelst liefen Nachsinnens erkannt worden, für die groben Sinnen der meisten Menschen unge- schmackt ist, und keinen Eindruck auf sie machet, müssen sie solche nach dem Geschmacke der mehrern zubereiten , auf daß sie allgemein werde; und da ihren Lehren der Eingang in das menschliche Hertz, der durch die mühsame Ueberzeugung des Verstandes erhalten wird, meistentheils verschlossen ist, müssen sie bedacht seyn, sich derHertzen durch einen neuen Weg mittelst einer unschuldigen List zu bemächtigen. Ein solcher Weg war derjenige, den der weise Socrates gebraucht hat, da er von der gemeinen Lchrart der Weltweisen seiner Zeit abgegangen, und sich der klugen List bedienet, seine Mitbürger aus der Gleichförmigkeit unstreitiger Dinge in vertraulichen Gesprächen auf eine angenehme 7 und. der Dicht-Kunst. und leichteingehende Weise zu unterrichten und zu überführen; wie wir davon in denjenigen Gesprächen dieses Weisen , die Le- nophon ausgezeichnet hat, noch heutzutage geschickte Proben lesen können, welche uns genug zu begreiffen geben, warum seine Lehr- art auf das Gemüthe seiner Freunde eine s- heilsame Würckung gehabt habe. In keiner andern Absicht sind auch die Künste, die sämtlich in einer geschickten Nachahmung der Natur bestehen, zum allgemeinen Nutzen und Ergötzen der Menschen erfunden worden. Ich will jezo nicht von den mechanischen Künsten reden, die vornehm* sich auf das Ergehen der aufferlichen Sinnen und die Bequemlichkeit des gesellschaftlichen und bürgerlichen Lebens sehen; sondern ich richte mein Absehen insonderheit auf die edleren Künste, und vornehmlich auf die Kunst der Wohlredenheit und Poesie; Massen Weißheit und Tugend mittelst derselben dem Menschen gantz angenehm, und darum auch allgemein gemachst werden. Man hat nem- lich wahrgenommen, daß der Mensch für alles , was fremd, selzam und ungemein ist, so sehr eingenommen ist , daß er seine Auf- mercksamkeit demselben nicht entziehen kan; ferner, daß er, wie er selbst von Natur zum Nachahmen gantz aufgeleget ist, eben darum auch in Beschallung dessen , was glücklich nachgeahmet ist, ein besonderes Vergnügen A 4 8 Vergleichung der Mahler Kunst findet; endlich daß das menschliche Gemüthe gern immer rege und in Bewegung ist, und ihm nichts so sehr zuwider wird, als der Mangel der Empfindung und eine gäntzliche Stille. Auf diesen Grund sah man sich einen neuen Eingang in das Hertz des Mensel en geöffnet, und man lernete gleich aus der Erfahrung, daß die Vorstellung abgezogener Wahrheiten unter sinnlichen Bildern und Gleichnissen, durch ähnliche Beyspiele/ durch die Fabel und Dichtung, mit einem empfindlichen Ergetzen auf das menschliche Gemüthe eindringet, und dasselbe mit solcher Gewalt rühret, daß es ihr nicht leicht widerstehen mag; da die dogmatische und schließende Lehrart hingegen viel zu mühsam, beschwerlich, und für den größten Haufen der Menschen gantz dunckel und unvernehm- lich gefunden ward ; zumahl da auch die von den Sinnen abgekehrte tiefe Einsicht in den Zusammenhang der Wahrheiten vielmehr ein Merck eines Geistes ist, der von dem Cörper gantz frey ist, als einer in den groben Cörper eingesenckten Seele, das ist, eines Menschen. Daher ist es sich nicht zu verwundern , daß die Rede - und die Dicht- Kunst zu allen Zeiten vor allgemeine Doll- metscherinnen der Weißheit und vor Lehrerinnen der Tugend angesehen und geehret worden, weil sie die klugen und heilsamen Lehren des Verstandes auf eine so angeneh- 9 und der Dicht-Kunst. me und der menschlichen Natur so anständige Weise dem Gemüthe der Menschen einspielen , und sich desselben bemeistern können ; und darum geschieht es, daß man sie unter die cXnes populnes, das ist diejenigen Künste zehlct, welche ihre Absichten auf den gemeinen Haufen gerichtet haben/ weil durch ihren Dienst Tugend und Wahrheit allgemein gemachet werden. Wir haben ein berühmtes Beyspiel von der Kraft dieser Lehrart an der Fabel des Menenius Agrippa von der Empörung der Glieder wider den Magen / wodurch er den Aufstand des Römischen Pöbels, der aus Verbitterung gegen den Rath auf den heiligen Berg gewichen war, schneller und glücklicher gestillet hat, als hundert logicalische Beweise gethan hätten. Das wesentliche Wahre, das in dieser Fabel stecket, ward durchgehends, auch von den rohesten Gemüthern erkannt, dieweil die erdichteten Bildnisse die Erkanntniß der Wahrheit erleichterten , und die Macht derselben empfindlich macheten. Ich bin aus eben dieser Betrachtung versichert, daß das philosophische Gedicht des Engelländischen Poeten Pope von dem Menschen die neu-erfundenen Lehrsätze und Wahrheiten des Hrn. von Leiblich weit allgemeiner und beliebter machen werde, als alle die systematischen Beweise davon, die bißher ans Licht gekommen sind» Besagten A s beyden iO Begleichung der Mahler^Kunst beyden Künsten, und ihrer ergezenden Lehr- art dienet auch zu einem besondern Lob, daß die heiligen Scribenten denselben den Vorzug vor der systematischen und andern Lehrarten gegeben haben. Weil der göttliche Heiland selbst sie zu seiner Absicht, die beilsame Lehre von dem Wege der wahren Seligkeit recht allgemein zu machen, vor die bequemeste und für den Menschen anständigste gehalten, hat er mehr Stücke davon durch Figuren, Bilder, Gleichnisse, Parabeln, als ohne solche, vorgetragen, und ist dadurch der Schwachheit der menschlichen Natur weißlich und gütig zu Hülffe gekommen. Daraus erhellet , wie viel für das Aufnehmen der Wahrheit daran gelegen sey, daß diese beyde Künste, als die Dollmetfcherinnen der Wahrheit, die ohne ste für die meisten Menschen gantz unver- nehmlich wäre, in gutem Stande und Ansehen erhalten werden. Ohne Zweifel hat eben diese Betrachtung in den klügsten Welt-Altern die besten und zur Fortpflantzung der Tugend und Weißheit geschicktesten Köpfe vermocht, daß sie die äusserste Mühe angewendet haben, diese Künste zu reinigen und zu ihrer Vollkommenheit zu bringen; welches ihnen so weit gelungen ist, daß sie so wohl durch ihre kritischen Untersuchungen, als durch geschickte Exempel und Proben gezeigct haben, und der Dicht-Kunst. n den , daß die angenehm - ergehende Kraft, womit die Lehrart derselben auf die Gemüther der Menschen eindringet, und sie beherrschet, ihren Grund in der menschlichen Natur und der Beschaffenheit derselbigen habe. Unter denselben hat Plato zwar die Poeten aus seinem Plan eines vollkommenen Staates verwiesen; alleine er that dieses nur aus der klugen Beysorge, da die Macht der poetischen Schildercy, Nachahmung, oder Dichtung, aufdas mensch, liche Hertz so starck und gewiß ist, mögte solche durch einen schnöden Mißbrauch angewendet werden, die Menschen von der Tugend und Weißbeit auf den Genuß der sinnlichen und viehischn Wollust zu verleiten, wie der scharfsinnige Dubos in dem fünften Abschnitte des ersten Th. seiner kritischen Betrachtungen über die Poesie und die Mahlerey mit mehrerem gezeiget hat. Und es ist so ferne, daß dieser vornehme Weltweise den Werth und die Kraft dieser Künste nicht sollte erkennet, und den guten Gebrauch derselbigen gebilliget haben, daß er vielmehr in seinen eigenen Schriften das vollkommenste Muster davon hinterlassen hat, indem er, wie Longin in der dreyzehnten Abtheilung von dem Erhabenen von ihm geurtheilet hat, durch die häufige Einmischung poetischer Sachen und Redens-Ar- ten in seinen philosophischen Schriften, genugsam i r Begleichung der Mahler-Kunst nugsam mercken lassen, daß ihn ein rühmlicher Eifer eingenommen hatte, dem Homer den von aller Welt erhaltenen Preist streitig zu machen. Wer will dann mehr zweifeln, daß nicht diejenigen der Wahrheit und Weißheit einen wichtigen Dienst leisten und wacker aufhelffen, welche sich lassen angelegen seyn, die beyden belobten Künste der Wohlre- denheit und der Poesie zu verbessern und zur Vollkommenheit zu bringen, wenn sie die in der Natur des Menschen selbst gegründeten Vortheile und Kunst - Griffe, wodurch die Wahrheit so angenehm gemacht wird, und die Ursachen und Quellen dieses Ergehens mit geschicktem Fleiß aufsuchen und entdecken? In diesen Gedanckendie eine so gute Meinung von der hohen Würdigkeit der Dicht-und Rede-Kunst an den Tag legen, habe ich den Entschluß gefastet, den Ursprung und die Natur desjenigen Ergehens, das von der poetischen Mahlerey entspringt, in dem Grunde zu untersuchen; ich nehme aber bey diesem gegenwärtigen grossem Vorhaben diese Benennung nicht, wie in dem erstem Versuche geschehen ist, in dem engen Verstände, nach welchem die Gemählde der Poesie eine der sonderbarsten Schönheiten in dieser Kunst ausmachen, wenn sie dem Auge der Seelen die Gegenstände in und der Dicht-Kunst. IZ in solch einer Klarheit vorstellen, als ob sie gegenwärtig und sichtbar vor uns stühn- den, so daß das Gemüthe dadurch gantz entzücket wird; sondern ich verstehe sie all- hier nach ihrem vollkommensten Inbegriffe, so ferne sie neben der Ausdrückung, die ganhe Arbeit der poetischen Nachahmung und Erdichtung mit allen ihren Geheimnissen und Kunstgriffen in sich schliesset, dergestalt , daß die gantze Poesie eine bestan- dige und weitläufige Mahlerey genennet werden kan. Je wichtiger dieses Vorhaben und je rühmlicher der Zweck desselben ist, ich füge noch hinzu, je seltener dergleichen Arbeit von den geschickten Geistern Deutsch- landes unternommen wird, desto mehr Recht habe ich zu hoffen, daß mein Merck, so schlecht es auch in der Ausführung gerathen rnögte, bey denjenigen selbst, die seine Schwäche einsehen, Vergebung verdienen werde , in m^nis eiüin 6c voluicke kat eil. Sollte es aber bey den Kennern einigen Beyfall finden, so würde mir solches in der Absicht am meisten Vergnügen bringen, weil ich daraus erkennen könnte, daß meine Bemühung um die Fottpflantzung der Wahrheit und Weißheit in diesem absonderlichen Theile nicht umsonst gewesen wäre. tlt piÄ»i-.i poelis erit: Die beyden Künste, des Mahlers und des Poeten sind einander sehr nahe verwandt , und gleichsam ver- schwi- i4 Vergleichung der Mahler-Kunst scbwistert. Opitz hat solches in dem Gedichte an den berühmten Kunstmahler Strobel gar wohl angemercket: Dann sollt ich dich nicht kennen Ich der Poeten Theil, als wie sie mich ja nennen, Dich aller Mahler Licht? Es weiß auch fast ein Kind, Daß dein' und meine Kunst Geschwister Kinder sind: Wir schreiben auf Papier ; Ihr auf Papier und Leder, AufHoltz, Metall und Gold; Der Pinsel macht der Feder, Die Feder wiederum dem Pinsel alles nach. Dieß ists, was hiebevor der Cheroneser sprach, Der Mann, dem Griechenland u.Rom nicht kan bezahlen Der Klugheit hohen Wehrt: Daß euer edles Mahlen Ein schweigendes Gedicht, und die Pocterey Ein redendes Gemahld und Bild, das lebe, sey. Eine ausführliche Vergleichung der Poesie mit der Mahlerey, die mit vieler Geschick- lichkeit abgefasset ist, kan man in des jungem Dujon, eines berühmten Franzosen, Abhandlung von der Mahler-Kunst der Alten im ersten Cap. des vierten B. nach Belieben nachsehen. Zu meiner Absicht ist genug, daß ich hier nur die wichtigsten Stücke, die sie mit einander gemein haben, kürtzlich berühre, damit ich die Benennung der poetischen Schilderey rechtfertige. Beyde, der Mahler und der Poet, haben einerley Vorhaben, nemlich dem Menschen abwesende Dinge als gegenwärtig vorzustellen, und ihm dieselben gleichsam zu fühlen und zu empfin- 17 und der Dicht-Kunst. empfinden zu geben. Beyde arbeiten über einerley Materie, die Wercke der Natur und der Kunst sind ihre Urbilder, die sie durch eine geschickte Nachahmung auf eine fühlbare Weife auszudrücken suchen. Beyde stimmen in dem Endzweck überein, sie wollen uns durch die Aehnlichkeit ergötzen. Endlich haben beyde eine Lehrmeisterin, die Natur, bey der sie in die Schule gehen. Also bleibt übrig, daß sie alleine in der Ausführung ihres Vorhabens unterschieden sind , da der Mahler mit dem Pinsel und den Farben, der Poet mit den Worten und der Feder mahlet. Aber dieser einzige Unterschied ge- biehrt ferner andere, von welchen jegliche von diesen Künsten ihren besondern Vortheil bekömmt. Da die Mahler-Kunst durch die Art ihrer Nachahmung auf denjenigen Sinn würcket, der die gröste Macht auf die Seele hat, und am leichtesten Glauben bey ihr findet; da sie daneben die Gegenstände, Licht, Schatten, Grösse, Figur, wie sie in derNatur selbstsind, sichtbar vorstellet, so müssen ihre Schilderey- en nothwendig einen viel geschwindem Eindruck auf das Gemüthe haben, und dasselbe mit grösserm Nachdruck angreiffen und rühren, als die Schildereyen der Poesie, die ihren Eingang in das Gemüthe durch das Ohr finden, zumahl da nachHorazen Anmerkung 8exn.',us is Vcrglcichung der Mahler-Kunst 8eLi,uis irritant snimnm deniiNs ^>cr surcui; (Anilin c^iiL 5unt ociilis lnUjecia 66e!it>us. welches der tiefsinnige Dubos in dem vierzig- - sien "Abschnitte des ersten Theils der critischeu Betrachtungen weitläufrig dargethan hat, womit auch übereinkömmt, was Richardfon in seinem Aufsätze von der Wissenschaft eines Kenners der Mahlerey zum Vortheil der Mahler - Kunst über die Poesie angeführet hat, wo er diese besondere Anmerckung hinzusetzet, daß die belobte Macht der Mahlereyen auf das menschliche Gemüthe auch allgemein siy, und von allen Nationen in der Welt, was für ein; Sprache sie reden, verstanden werde. Meine eben dieses, was derMahler-Kunst einen solchen Vortheil zuwegebringet, setzet ihr zugleich ein so enges Ziel, daß sie dem Gemüthe keine andere Bilder vorstellen kan, als diejenigen, die dem Auge vernehmlich sind; Pinsel und Farben erlauben dem Mahler nicht weiter zu gehen, als das Gesicht zu rühren, in welchem Stücke er schon von dem Bildhauer übertroffen wird, der neben dem Gesichte noch einen andern Sinn, nem» lich das Gefühl, beschäftigt halt; ein Vortheil, über welchen der Engellandische Zuschauerfolgende Anmerckung gemachet hat: „ Lasset einen Blindgebohrnen eine Statue » befühlen ; wenn er mit den Fingern über „ die 17 und der Dicht-Kunst. „ die verschiedenen Spuhren undMerckmah- „ le des Grabstichels hinfahren wird, so „ wird er leicht begreiffen können, wie die „ Gestalt eines Menschen oder Thieres von „ dem Bildhauer könne vorgestellet werden: „ Aber wenn er gleich mit der Hand über „ eine Schilder-Tafel hinfahren wird/ wo „ alles glatt und einerley ist, so wird er sich „ nimmermehreinbildenkönnen/ wie esmög- „ lich sey/ die unterschiedliche Erhabenheit „ und Vertiefung von einem Cörper auf ei- „ nem Stücke Leinwand / das gantz glatt „ und eben ist , auszudrücken. „ Was vor reiche Quellen von Ergehen ertheilen uns nicht die übrigen Sinnen, und unter denselben vornehmlich das Gehör ? Aber alle diese Quellen sind für den Mahler verschlossen. Der oben angezogene Richardson siehet sich selbst gezwungen / zu bekennen / daß in der Natur unzehlig viele Schönheiten seyn / die derMahler durch seine Nachahmung unmöglich erreichen kan / und er rechnet darunter alles / was den Geist/ die Bewegung und die Schnelligkeit anbelanget. Es ist zwahr an dem / daß auch die Kunst der Mahler sich bestrebet / ihren Bildern eine Bewegung mitzutheilen / und das unsichtbare sichtbar vorzustellen. Dieses Ver- wundersame, welches die Kunst des Mahlers gewiffermaffen noch in ihrer Gewalt hat, B wird 18 Begleichung der Mahler-Kunst wird von Opitz in dem schon erwähnten Gedichte dergestalt beschrieben: Wer thut es, daß ein -Mensch, da sonst nur dieß allein Der Götter Wesen ist , kan allenthalben seynL O Strobel deine Faust, du kanst uns unser Leben Zu Trutze der Gewalt des Todes wiedergeben , ' Kanst zeigen, was für Thun ein Mensch im Schilde führt, Aus seiner Augen Art, was seine Sitten ziert, Und ihre Mängel sind ; ein flüchtiges Gemüthe, Zorn, Rachgier, Unbcstand, Gerechtigkeit und Güte, Furcht, Hoffnung, Angst und Trost, das zeigst du inniglich Mit ungefärbter Färb'. Ist Tugend gleich in sich Lolltcmmen eingehült, so will sie doch auf Erden Im Leibe, welcher sie bewohnt, gesehen werden, Das du für allen giebst. .... Meine der Mahler kan bey aller dieser gepriesenen Geschicklichkeit auf einmahl nicht mehr als eine oder zwo Seiten von einer Sache deutlich vorstellen, und dieselben nicht in mehr als einer Stellung weisen; dem unsichtbaren können seine Farben nicht bekommen , als nur insofern es sich in dem Leibe durch Merckzeichen sichtbar machet; er kan zwar einige Züge und Lineamenre der Gemüthes - Neigungen in dem Angesicht und der Stellung seiner Personen nachbilden, aber die Zeugung , den Schwung und die Verwirrung derselben kennet seine Kunst nicht, und es mangelt seinenkünstlichstenBil- dern allemahl an der Bewegung, welche das emzige und der Dicht-Kunst. i- einzige Merckmahl des Lebens ist. Hingegen sind dem Poeten, der die Wdrte, und die Feder zurAusführung seines Vornehmens gebraucht, keine solche Schrancken gesetzet; seine Kunst würcket nicht auf einen oder zween Sinnen alleine, sondern hält einen nach dem andern beschäftigt; und da die Worte alle die Vorstellungen und Begriffe, welche die Einbildung entweder von den binnen empfangen , oder selbst erschaffen hat, auszudrücken und zu schildern fähig sind, so ist in der Poesie alles das Ergehen, welches die andern Sinnen nur einzeln gewähren können, zusammen vereinet. Der Poet mahlet nicht für das Auge allein, sondern auch für die übrigen Sinnen, und er kan auch das unsichtbare sichtbar machen , er giebt dem Menschen nicht nur die vollkommenste Bildung , sondern auch die Rede; die Thiere bekommen von ihm die unterschiedlichen Handlungen, derer sie fähig sind, den Vögeln schencket er die süsse Melodie des Gesanges ; in seinen Gemählden ist alles voll Leben und wahrer Bewegung; seine Personen und Sachen ändern ihren Stand und ihre Stellung in einem Augenblicke, so bald es ihm beliebet, und er giebt sie uns gantz und von allen Seiten zu sehen. Endlich erhalt die Poesie einen besondern Vortheil daher, daß sie sich in der absonderlichen Art ihrer Nachahmung, an statt B r der 2o Begleichung der Mahler-Kunst derFarben der blossenWorte bedienet; denn da dieses willkührliche Zeichen der Begriffe und Bilder sind, die sich alleine dem Verstände vernehmlich machen, kan sie dadurch ihre Bilder unmittelbar in das Gehirn anderer Menschen schildern, und so feine Gemählde verfertigen, die für die Sinnen zu zart und unbegreiflich sind. Die Worte fallen zwar auch in die Sinnen, aber nur insoweit sie leere Thone oder zusammengeordne- te Character und Littern sind, und keineswegs als Zeichen der Gedancken und Farben der Dinge; es kömmt nur dem Verstände und nicht den Sinnen zu, die Begriffe, welche die Worte vorstellen, zu vernehmen, loß- zuwickeln, und mir einander zu verbinden. Auf diese Weise hat die poetische Mahler- Kunst in ihrer Nachahmung der Natur einen kürtzern Weg gefunden, das Gemüthe in eine angenehme Bewegung zu setzen, als die eigciulich so genannte Mahler-Kunst, in, dem sie ihre Bilder der Seelen unmittelbar einprägen, und dem Verstände zur Beurtheilung vorlegen kan, da diese, die sich des Auges bedienet, den Menschen in Bewegung zu bringen, den wettern Weg gehet. Ob nun gleich die Begriffe, welche der Mahler vermittelst der Farben durch das Auge in dem Gemüthe erwecket, weit sinnlicher und fühlbarer sind, zumahl sie gröber und eben daher auch allgemeiner sind, so sind hinge- und der Dicht-Kunst. 21 hingegen die andern Begriffe viel feiner, und darum auch deutlicher, welches einen Hähern Grad der Vollkommenheit anzeiget. Wenn sonst der Engellandische Mahler, den wir angezogen haben, den Vorzug seiner Kunst über die Dicht-Kunst behaupten will, so berufft er sich auf das Exempel von der Aussicht eines Landes: „ Was >, ists vor ein verdrießliches Unternehmen, „ sagt er, wenn man die Aussicht eines Lan- „ des, zum Exempel, der Alpen, mit Wor- „ ten beschreiben will, und wie unvollkom- „ men wird derBegriffseyn, den man auf „ diese Weise bekommen wird ? Statt daß „ der Mahler die Sachen unmittelbar und „ auf das genaueste zu sehen giebt.,, Aber wenn wir eben dieses Exempel der Alpen nehmen, wie es von dem vortrefflichen Schweb zerischen Poeten Hrn. D. Alb. Haller poetisch ausgeführet worden, so wird es uns vielmehr dienen, dasjenige Stück des Vorzuges, in welchem die Mahler-Kunst von der Poesie weit zurücke gelassen wird, in ein klareres Licht zu setzen. Oder welcher Pinsel ist geschickt, durch seine Kunst uud Farben alle dieseibigen Begriffe und Empfindungen hervorzubringen, welche dieser poetische Mahler mit einer jeden Zeile in das Gemüthe des Lesers einspielet? Wenn ich zugestehe , daß die mahlerische Vorstellung eine nicht geringere Kraft auf das menschliche Ge- B z müthe 22 Vergleichung der Mahler-Kunst müthe habe/ als das gegenwärtige Urbild selbst haben würde / so räume ich damit wahrhaftig dieser Kunst die höchste Vollkommenheit ein/ die ihr kan zugeleget werden ; aber wie dunckel und ungewiß sind mit dem allen die Begriffe/ welche das Anschauen der gegenwärtigen Gegenstände in Der Natur bey dem grösten Haufen der Menschen erwecket? Fraget ihr jemand, der entweder in der Natur, oder in der künstlichen Vorstellung eines Gemähldes eine weitläuftige Durchsicht gesehen hat/was vor einen Begriff dieselbe in seinem Gehirn hinterlassen habe, wie flüchtig / dunkel und ungewiß wird seine Beschreibung herauskommen ? Da der poetische Mahler hingegen das Auge des Gemüthes aus der Zerstreuung sammelt, von einem merckwür- digen Umstände zu dem andern gemächlich hinführet, und es nöthigt, bey jeglichem absonderlich diejenige Betrachtung zu machen, welche seinen Zweck zu befördern dienet. Denn indem dieser künstliche Mahler mit einem jeden Worte, als mit einem neuen Pinsel - Zuge, sein Gemählde in der Phantasie des Lesers vollführet, und immer einen Begriff an den andern hinzuse- zet, so läßt er demselben keine Freyheit, mit flüchtigem und ungewissem Gemüths - Auge muffig herumzuschweifen, oder sich in der Vermischung des Mannigfaltigen zu verir- und der Dicht-Kunst. 2Z verirren; sondern er bindet seine Aufmerck- samkeit auf das Absonderliche, dessen künstliche Verknüpfung er ihm der Ordnung nach vorweiset, auch zuweilen kurtze, aber nützliche Unterrichte miteinfliessen laßt, wodurch nothwendig Licht und Klarheit irr dem Begriff entstehen muß, und auf diese Weise bleibet er allezeit meister, den Eindruck, den jeder Zug seiner Schilderey verursachen soll, auf denjenigen Grad zu erhöhen , und auf die Weise zu massigen, wie es seiner Haupt - Absicht vertraglich seyn kan. Ich will nur ein par Strophen aus dem oben gelobten Hallerischen Gedichte , die Alpen betitelt, anführen: Wenn kaum die Lerchen noch den frühen Tag begrüßen. Und uns das Aug der Welt die ersten Blicke giebt, Entreißt der Hirt sich schon aus seiner Liebsten Küssen, Die seines Abschieds Stund zwar haßt, doch nicht verschiebt. s Kühen Er treibt den tragen Schwärm der schwer- beleibten Mit freudigem Gebrüll durch den bethauten Steg, Sie irren langsam um, wo Klee und Muttern blühen. Und mahn das zarte Graß mit scharfen Zungen weg. Er aber setzet sich bey einem Wasser-Falle, Und ruft mit seinem Horn dem lauten Widerhalle. Dieses poetische Gemählde stellet uns eine gar bekannte und einfältige Materie vor, doch bin ich versichert, daß die höchste Kunst des Mahlers nicht fähig ist, viele besondere B 4 Um- 24 Vergleichung der Mahler-Kunst Umstände desselben mit Farben sichtbar vorzustellen , die gleichwohl dem Gemählde ein besonderes Licht und Leben mittheilen, und also den Begriff und Eindruck vollkommener machen. Wie matt und kahl ist nicht die mahlerische Vorstellung eines anbrechen, den Tages gegen der angenehmen poetischen Beschreibung in den zwo ersten Zeilen der Ctropbe; welche Kunst des Mahlers kan die angenehme Empfindung von dem musikalischen Gesänge der Lerche wieder erwecken; und welche Farben sind tüchtig, den Gedancken - reichen Begriff, den die figürliche Benennung das Auge der Welr in sich einstbliesset, hervorzuruffen? Wie viel Anmuth streuet nicht in der vierten Zeile der beygefügte Character von den Gedancken und dem Gemüthes-Zustande der Hir, tin bey dem Abschied ihres Geliebten über Das gantze Gemählde ? ^Diese Schönheit aber ist der poetischen Mahler - Kunst gantz eigen. Also sind auch die angemerck- tcn Bewegungen und Veränderungen des Standes Umstände, die alle Kunst des Mahlers übertreffen. Neben dem bitte ich Achtung zu geben, wie viel kleine, aber vor die Absicht des poetischen Mahlers wichtige Umstände durch diese poetische Schilderet) in das Gemüthe des Lesers eingepräget werden, welche die achtlose Sicherheit in Beschallung einer mahlerischen Vorfiel- 2s und der Dicht-Kunst. lung, oder des wahren Gegenstandes selbst, nicht leicht wahrgenommen hätte; als wenn es in der fünften und folgenden Zeilen heißt: l Kühen Er treibt den tragen Schwärm der schwer-beleibten Mit freudigem Gebrüll durch den bethauten Sieg, Sie irren langsam um. Und mah'n das zarre Graß mit scharfcnZungen weg. Etwas ferner in demselben Gedichte beschreib bet eben dieser geschickte Poet die weitläuf- tige Durchsicht, die sich dem Auge von der Höhe eines Berges nach zertheiltem Nebel eröffnet, in dreyen Strophen: Ein angenehm Gemisch von Bergen, Felß und Seen Fällt nach und nach erbleicht, doch deutlich ins Gesicht; Dieblaue Ferne schließt ein Krantz beglänzter Höhen, Worauf ein schwartzerWald die lezten Strahlen bricht. Bald zeigt ein nah Gebürg die sanft-erhabnen Hügel, Woran ein laut Geblöck im Thale wicderhallt. Bald scheint ein breiter See ein Meilen-Ianger Spiegel Auf dessen glatter Flut ein zitternd Feuer wallt. Bald aber öffnet sich ein Strich von grünen Thälern Die hin und her gekrümmt sich im entfernen schmälern. * * * Dort fenckt ein kahler Berg die glatten Wände nieder, Den ein verjährtes Eiß dem Himmel gleich gethürmt, Sein frostiger Crystall schickt alle Strahlen wieder, Den die gestiegne Hitz im Krebß umsonst bestürmt. B 5 Nicht t 26 Vergleichung der Mahler-Kunst Nicht fern von diesem streckt, voll Futter-reicher Weide, Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her; Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide, Und seine Hügel sind von hundert Heerden schwer. Den nahen Gegenstand von unterfchiednen Zonen Trennt nur ein engcs Lhal, wo kühle Schatten wohnen. * * * Hier zeigt ein steiler Berg die Mauer-gleichen Spitzen, Ein Waldstrom eilt dadurch, n.stürtzet FallaufFall. Der dick-beschaumte Fluß dringt durch der Felsen Ritzen, Und schießt mit gaher Kraft weit über ihren Wall. Das dünne Wasser theilt des tiefen Falles Eile, In der verdickten Luft schwellt ein bewegtes Grau. Ein Regenbogen strahlt durch die zerstäubten Theile, Und das entfernte Thal trinckt ein beständig Thau. Die Gewichen sehn erstaunt im Himmel Ströme fliessen, Die Wolcken überm Kopf, und Wolcken untern Füssen. Der Poet hat in diesem Gemählde alle Kunst der Optick und Perspectiv geschickt angewendet, auch dieselbe mit unterschiedlichen lehrreichen Betrachtungen unterstö- zei, als: -Bald scheint ein breiter See ein Mcilen-langerSpiegel Auf dessen glatter Flut ein zitternd Feuer wallt. Welches Bild die Vorstellung recht angenehm-verwundersam machet. Und weiter: Sein frostiger Crystall schickt alle Stralen wieder. Diese Zeile laßt euch nicht alleine ein erge- zendeö Phänomenon sehen, sondern entdecket und der Dicht-Kunst. 27 cket euch zugleich eine wahrscheinliche Ursache davon. Ferner: Den nahen Gegenstand von unterschiednen Zonen Trennt nur ein enges Thal, wo kühle Schatten wohnen. Hier nöthigt er euch die verwundersame Vereinigung der vier Jahrszeiten oder wider- wärtigenZonen in einem BezirckeLandes mit Verwundern und Ergehen zu betrachten, welches selzame Schaugerichte das achtlose Auge der meisten Menschen in der Natur oder im Gemählde nicht rühret. Ja er treibet endlich die Verwunderung auf das höchste, wenn er am Ende der folgenden Strophe diese Anmerckung beysetzet: D« Gemschen sehn erstaunt im Himmel Ströme fliesten, Die Wolcken übermKopf, und Wolcken untern Füssen. Wahrhaftig die blosse Vorstellung mit Farben durch die Kunst desMahlers wird so wenig als das Anschauen der Aussicht selbst weder einen so deutlichen und vollkommenen Begriff erwecken, noch die angenehme Verwunderung auf einen solchen Grad erheben können; weil die wenigsten für sich selbst geschickt sind, aus dem Gemische so unzehliger Umstände alleiue diejenigen auszusuchen, und mit einander zu verbinden, die einen gewissen Eindruck auf das Gemüthe befödern können. Die Natur und der geschickt nachahmende Mäh- 28 Begleichung der Mahler-Kunst rc. Mahler legen ihre sebon verfertigten vollständigen Wercke auf einmahl zur Schaue vor, müssen aber der Fähigkeit des Zuschauers überlassen, was für einen Eindruck dieselben auf sein Gemüthe machen: Hingegen sind die Gemählde der Poesie immer mit einem lehrreichen Unterrichte vergesellschaftet, sie geben Anweisung, wie man die Sacken von Stücke zu Stücke mit Vernunft undUe- berlegung anschauen soll; der poetische Mahler bat auch die Würckung seiner Gemählde in seiner Gewalt, und regiert dieselbe nach seinem Belieben, so daß sich der Leser solcher nicht erwehren kan. Darum kan man mit Grund sagen, daß er durch seine geschickte Nachahmung die Schönheit und Kraft seines Urbildes nicht nur erreichen, sondern auch übertreffen könne; denn die Würckung einer guten poetischen Schilderey istnothwen- dig und gewiß, auch der Absicht des Poeren gemäß; da hingegen die Schönheit und Kunst eines Gemähldes, oder auch eines Originales in der Natur, den gröbern Sinnen öfters verborgen bleibet, und sich nur den Verständigen und Kennern zeiget. Der Der zweyte Abschnitt. Erklärung der poetischen Mahlerey. 29 5?>Je poetische Mahlerey , die sich auf die Gleichheit ^ in der Würckung beyder Künste, der Mahler- Kunst und der Dicht-Kunst, gründet, ist das eigentliche Merck der Dicht -Kunst. In wie weit der Geschichtschreiber den Pinsel des poetischen Mahlers gebrauchen dörffe. Wie ferne der Redner pflichtig sey, die poetische Mahler-Kunst zu Hülfe zu nehmen. Homers Dortrefflichkeit in dieser Kunst. Longins Urtheil von der Odyssee,, daß sie von Homers abnehmendem Geiste zeuge, wird verdächtig gemacht. Heinecken Entschuldigung dieses Urtheils ist unzulänglich. Exempel von Homers künstlicher Mahlerey. Seine Beschreibung eines verwundeten Löwen ; des Abschiedes tzectors von Andromacha; des Wettefahrens bey Pa- troclus Leichbegängniß-Fest. Unterscheidende Kennzeichen zwischen Homers Mahlerey, und Virgils. Bekräftigung dieser Kennzeichen mit Beschreibungen vom Wcttefahren aus Virgil. Opitzen mahlerische Beschreibung von der stillen Ruhe des Landlebens in dem Gedichte, so er Zlatna betitelt. Königs Gemählde von der Erscheinung des Elb - Gottes in dem Gedichte auf die Geburt eines Chursächs. Printzen. Unterschied zwischen den poetischen Schildereyen und den eigentlich genannten Beschreibungen oder Definitionen. Was Element«!-Beschreibungen seyn. Em Erklärung (AIn jeder guter Scribent ist in gewissem ^ Sinn ein Mahler, weil er alle die Begriffe, und Bilder, die er in seinem Kopfe, als so viele Gemählde der Dinge gesammelt, und nach einer gewissen Absicht zusammenge- vrdnet hat, mittelst der Worte in die Phantasie seiner Leser gleichsam abschildert, und ihrer Betrachtung vorleget; Und in diesem weitläufigen Sinne könnte die gan- tze Kunst der Wohlredenheit, insoferne sie die Scribenten unterrichtet, mit was vor Vortheil sie ihre Gedancken in die Phantasie anderer Leute auftragen sollen, als eine Mahler-Kunst betrachtet werden. Al- leine wenn ich von der poetischen Mahler- Kunst rede, so gebe ich dieser Benennung eine eingeschrancktere Bedeutung, und verstehe darunter diejenige höchste Kraft der Wohlredenheit, die eben so lebhafte, Hertz und Sinnen rührende Bilder in die Phantasie der Menschen einpräget, als diejenigen sind, so die Kunst des Mahlers dem sinnlichen Auge, und dadurch dem Gemüthe vorleget, die auch öfters unsere Sinnen mit solcher Kraft rühren, und entzu- ken, daß wir meinen, wir sehen die Sachen selbst gegenwärtig vor uns. Der Mahler besitzet den Vortheil, daß er diejenigen Gegenstände, so der Farben, des Lichtes und Schattens fähig sind, durch seine Kunst nach ihrer wahren Natur vorstellen, der poetischen Mahlerey. z i stellen, und dadurch das Auge einnehmen, und empfindlich ergehen kan. Hingegen ist dem Redner und dem Poeten, der sich statt der Farben der Worte bedienen muß, nicht vergönnet, durch seine Vorstellungen unmittelbar auf die äußerlichen Sinnen zu würcken; nichtsdestoweniger ist er geschickt, alle seine Begriffe in der Phantasie andrer Menschen, eben so sinnlich und fühlbar zu machen, und in ein solches Lichtzu stellen, daß sie eben so empfindlich und mit nicht geringerer Macht auf das Gemüthe würcken , als die Scbildereyen der Mahler- Kunst; dergestalt, daß das erregte Gemüthe solche Bilder wegen der gleichmässigen Kraft ibrer Würckung auf das Gemüthe, von den Begriffen, die es von aussen durch den Eingang und die Thür der Sinnen empfangen hat, nicht leicht unterscheiden kan. Und eben auf diese Gleichheit der Würckung gründet sich die Benennung der poetischen Mahler - Kuvst. Ich nenne dieselbe eine poetische Mahler - Kunst, weil dieses lebhafte und Hertz-bewegendeSchildern das eigenthümliche Merck der Dicbt- Kunst ist. Die Poesie ist ein beständiges Gemählde, denn der Poet ist so wohl, wenn er den Lauf und Zusammenhang der Begebenheiten erzehlel, als wenn er sich verweilet , das Verwundersame in den Gegenständen un Handlungen ausführlich zu beschrei- 1 zr Erklärung beschreiben, immer bemühet, die Bilder, die ihm seine glückliche Phantasie lehnet, mit solchem Nachdruck und Klarheit, solcher Lebhaftigkeit und Empfindlichkeit vorzustellen , daß das Gemüthe dadurch eben s» starck entzücket wird, als durch die sichtbare Vorstellung eines lebhaften Gemähldes. Die poetischen Scbildereyen empfangen ihr rechtes Licht, und ihren erforderlichen Nachdruck daher, wenn die glücklich gewähleten Gedancken und Begriffe des Poeten nach ihren wichtigsten, erhabensten, und beweglichsten Umständen, unter angenehmen, fremden Bildern und Figuren vorgestellet, und dadurch gantz sichtbar und sinnlich gemachet werden: Nun rühren alle diese fremden Bilder und sinnlichen Figuren von der Kraft der Dichtung her, und gehören folglich der Poesie eigenthümlich zu. Bey derselben müssen oft die Verfasser, die in einer andern Art schreiben, die höhern Farben und Figuren, die sie zur Ausbildung ihrer Gemählde gebrauchen, borgen. Denn man kan nicht in Abrede seyn , daß ;. E. der Historie - Schreiber, ungeachtet er als ein aufrichtiger Zeuge dessen, was würcklich geschehen ist, mehr durch die verwundersame Abwechselung der Glücks-und Unglücks, Fälle, als durch die entzückende Kraft und das poetische Wesen in den Beschreibungen zu belustigen suchet, der poetischen Mahlerey. z z dennoch erlaubet ist , zuweilen den Pinsel^ des poetischen Mahlers zu gebrauchen, aber dieses nur insofern er dadurch seiner Haupt» Absicht aufhelfen, und in seiner Erzehlung ein helleres Licht anzünden kan. Würde er diese geborgten Farben ohne Maaffe anbringen , so müßte die Wahrheit der Erzehlung darunter Abbruch leiden. Daher hat man an Q. Curtius nicht ohne Grund getadelt, daß er den Character und die Glaubwürdigkeit eines aufrichtigen Zeugen der Wahrheit durch den übermassigen Gebrauch des poetischen Zierraths verlaugnet habe. Und eben darinn bestehet der Unterschied zwischen der historischen und der poetischen Erzehlung und Beschreibung. Die Historie suchet, als eine Zeugin, von der Wahrheit zu unterrichten ; die Poesie aber als eine Kunst-volle Zauberin auf eine sinnliche, und eine un- schuldig-ergezende Weise zu täuschen. Doch hat auch der Redner, der die Phantasie des Richters oder des Volckes ihm zum Vortheil einnehmen will, nicht nur die Erlaubniß, sondern siebt oft in der Pflicht, die poetische Mahler-Kunst zu Hülste zu nehmen, und die Sachen lebhaft und mit Nachdruck vor Augen zu legen. Duintilianus hat sich in dem achten B. von der wahren Beredsamkeit hierüber vernehmen lassen : vn ms elk , 5es äe guibux luguimur, clure it-r ut eerui viäesiuui, emmri-,re : non eium taris ek- C jicit, Z4 Erklärung jicit, nec^ue, ut äebet, ^lene äomin^tur oratio^ 1 , ulPie 36 3 ure 8 volet, at^ue 63 libi auclitor N 3 rr 3 ri creäit , non ex^rimi 3 t«^ue oculls incntis ollenäi. Homerus war in dieser poetischen Mahler- Kunst ein vortrefflicher und unvergleichlicher Meister; nicht alleine das gantze weise Alterthum hat ihn als einen solchen verehret, sondern auch die Zoili der längst vergangenen, und der leztern Zeiten können ihm dieses Lob nicht in Abrede seyn. Cicero sagt von ihm in dem fünften B. der Tusculischen Fragen: IraäikNM eil ckiam l^c-ineruin eoe- cmn Mille: 3 t eju 8 piölurgM, nou ^oeliu viäe- inn 8 . reZio ? 01'3 ? c^ni loLU 8 6 rT- ci» ? st>ecie 8 koinv^: ? ^NAU 3 ? 3 cie 8 ? c^uoä reiriiAimii? gui molus liomimun? ciui keraruin non it3 ex^i(llu8 ell , ut qusc ipse non viäerit , nobi8 ut vicle3mu8 elLecerit ? Und der geschickte Engellandische Uebersetzer Homers , Pope, machet in seiner Vorrede zum Lob seiner Schildereyen folgende An- merckung : „ Man findet bey Homer eine wunderbare Menge Bilder von allen Gat- „ tungen, wo jeder Umstand, und jedes ab- „ sonderliche Stücke der Natur durch seine „ weit gestreckte und fruchtbare Phantasie „ herbeygebracht ist, diese konnte sich nach „ ihrem Belieben die Sache gegenwärtig vor Augen bringen, sie nach ihren verfchie- „ denen Gesichts-Puncten umwenden, und eine» der poetischen Mahlerey, z 7' „ einen deutlichen Abriß davon nehmen. Ho- „ mer hatte daran nickt genug , daß er uns „ von einer Sacke eine vollkommene Seite „ zeigete, er läßt sie uns öfters nack ihren „ verschiedenen Lagen sehen, ein Stücke nach „ dem andern, welches kein Mahler noch „ mit solcher genauen Richtigkeit gethan hat, „ wie er. Nichts ist verwundersamer, als „ seine Beschreibungen der Schlachten, sie „ machen die Helfte der Ilias aus, und sind „ mit einer so grossen Menge verschiedener « Begegnisse angefüllet, daß keine der an- „ dern gleich ist, und daß niemahls zween „ Helden auf einerley Art verwundet wer- „ den. Auch die edelsten Begriffe sind da- „ rinn mit so verschwenderischer Hand aus- „ geworffen, daß allemahl die leztere Schlacht „ an Grösse, an Grauen, und anVerwir- ,, rung über die vorhergehende hervorsticht. „ Es ist gewiß, daß man in keinem Epischen Gedichte eine so grosse Anzahl Bilder und „ Beschreibungen antreffen wird; daß alle „ Poeten, die nach Homer kommen sind, „ eine grosse Menge solcher von ihm entleh- „ net haben; und daß ins besondere Virgil „ schier keine Vergleichung hat, die er nicht „ von seinem Lehrmeister gehohlet habe. „ Die beyden Gedichte, die Alias und die -Odyffea, können wir als zween reichlich versehene Eilder-Saäle betrachten, in welchen eine unzehlige Menge der vortrefflichsten Ori- C r ging- zs Erklärung ginalien und Meisterstücke dieses berühmten Kunst-Mahlers aufgestellet, und ;ur Schaue vorgeleget werden. In jenem sind lauter Gemählde von furchtbaren, erschrecklichen Dingen, von Streit, Getümmel, Geschrey, Niederlagen, und dergleichen anzutreffen; in diesem sehet ihr hingegen Schildereyen von einem sanftmüthigern und sittsamern Inhalt. Ob aber gleich ausser Streit ist, wie der gepriesene Kunstrichter Longinus in der neunten Abtheil. vom Erhabenen angemer- cket hat, daß die Odyssea spather als die Jlias verfertiget worden, wie auch daß jenes leztereWerck diesem erstem weder an Erhabenheit ohne Erniedrigung, noch an Erregung der Leidenschaften, noch an der glaubwürdigen Wahrscheinlichkeit zukömmt, so ist doch der Schluß übereilet, den der besagte Criticus daraus herleitet, daß dieser Unterschied von einem Abnehmen und Erkalten des Homerischen Geistes herrühre, dessen Feuer durch das Alter sich vermindert habe, wenn man nicht zuvor erwiesen hat, daß die Wahl der Materie und die Absicht des Poeten eine gleiche Einrichtung, einen gleichen Grad von Hitze und Feuer des Geistes in einem dieser Gedichte wir in dem andern erfordert habe; und es ist hier zur Entschuldigung des Urtheiles Longins nicht genug mit Hcinecken anzuführen , daß Homerus auch wenn er schlaffe, dennoch nach Longins eigenem der poetischen Mahlerey. z 7 uem Geständnis jederzeit Homerus bleibe, und seine Traume göttliche Traume seyn; weil dieses Urtheil des griechischen Kunstrichters eine Ungerechtigkeit mit sich führet, so lange es nicht erwiesen wird, und diese durch ein solches abgenöthigtes Lob, das selbst die grösie Beschuldigung zum Grund hat, nicht gut gemachet werden kan. Wenn inzwischen besagtes Urtheil Longins gleich begründet wäre, so fallt dennoch dieser Tadel nicht auf den Punct der poetischen Kunst zu mahlen , die Homer in seinen beyden grossen Gedichten nach der Verschiedenheit der Materie mit einer gleichen Geschicklich, keit und gleichem Verdienste an den Tag geleget hat, welches Longinus selbst zugesteht, indem er aus der Odyssea die Beschreibungen von Stürmen und die Begebenheiten mit den Cyclopen und dem Polyphe- mus nebst einigen andern Stellen als Muster des Erhabenen angezogen und gepriesen hat. Da ich nun gesonnen bin, dieses verdiente Lob des griechischen Poeten durch einige Beyspiele in ein helleres Licht zu setzen, so macht eben diese beständig gleiche Vollkommenheit seiner Kunst, daß mir die Wahl derselben schwer fallt, um so viel mehr, weil nicht jede Materie einer gleichen Auszierung fähig ist; darum will ich vorsetzlich die Wahl Suf solche Exempel richten , die mehr bey C z mir 38 Erklärung mir einen schlimmen Geschmack und schlechtes Urtheil, als bey dem Poeten einen Mangel an Kunst entdecken könnten. In dem zwanzigsten B. derJliasv. 167. beschreibet er mit poetischen Farben die Wuth eines verwundeten Löwen: „ Dieses stoltze „ Thier gehet zuerst langsam und voller Ver- „ acbtung seinen Weg, aber wenn ihn einer „ von den wackern jungen Jägern mit sei« „ nem Spiesse berührt, stemmet er sich steif, „ mit aufgesperrtem Rachens der Schaum „ geifert ihm von den Zahnen, und das star- „ ke Hertz siedet ihm in der Brust, mit dem Scbweiffe schlägt er auf die Flancken und „ Lenden zu beyden Seiten, und spornet sich „ selbst zum Streit an, er stehet unverwen, „ det und wirfft die entzündeten Augen- „ lichter um sich herum, unter dem grossen „ Haufen der Jäger einen umzubringen, „ oder in dem dickesten Gedränge den Tod „ zu suchen. „ Sehet wie der Poet durch die Wahl der an sich selbst zwar klein scheinenden aber vor seine Absicht höchstwicbti- gen Umstände den Grimm des Löwen, den er vorstellet, auf einen solchen Grad zu erhöhen , und so sinnlich abzubilden weiß, daß euch schier eben so bange wird, als wenn ihr dieses fürchterliche Thier selber vor Augen sähet. Dieser starcken Beschreibung giebt der merkwürdige Umstand den vollen Nachdruck, « er schlägt mit dem Schwantz auf die Hüff- er schlägt mit dem Schwantz auf die Hüff- der poetischen Mahlerey. zs „ Len und Lenden zu beyden Seiten, und „ spornet sich selber zum Streit an. In dem sechsten B. der Jlias, findet sich v. 466. wo er in einem lebhaften Gemählde den zärtlichen Abschied des Hectors und der Andromacha vorstellet, folgendes natürliche Stücke: „ Als er dieses gesagt, streckte er die Armen nach dem kleinen „ Knaben aus, derselbe schmirgele sich an „ die Brust seiner Ammen, und kirrere, er scheute die kriegerische Gestalt seines Va- „ ters; das eiserne Gewand und der Helm, von welchem ein Zopf von Pferde-Haa- „ ren herunter fiel, machten ihm Furcht, „ wenn er ihn durch die Bewegung des Hauptes um den Helm fliegen sah. Der Vater und die Mutter lackten seiner „ Furcht, und Hector nahm alsobald den „ tickten Helm von dem Haupt und sezte ,, ihn auf den Boden nieder, hernach küs- „ set er den Knaben, und nimmt ihn mit „ beyden Armen.Es kan nicht fehlen, diese Schilderey wird eben diejenige zärtliche und angenehme Bewegung in unserm Gemüthe verursachen, welche das Anschauen dieses Schaustückes in der Begebenheit selbst verursachet hätte. Wo der Poet in dem drey und zwanzigsten B. der Jlias mit der Hand eines Meisters die Krieges - Spiele beschreibet, mit welchen des Patroclus Leich-Bestat- C 4 tung 4O Erklärung tung geehret worden, stehet unter andern dieses Gemählde, v. 362. „Alle diese Jüng- „ linge huben auf einmahl die Ruthen em- „ por, scblugen an die Zügel und Stan- „ gen, und sprachen den Pferden mit ei- „ nem hellen Thone zu; dieselben liefen „ plötzlich auf das schnellste durch das ebene „ Feld, und liessen das Gestade weit zu, „ rücke; unter den Füssen der Pferde er- „ hub stck ein Staub wie eine Wolcke, „ oder ein Sturm, die Mähnen erscbütter- „ ten sich wie starcke Winde; die Wagen „ näherten sich itzo der Erden, dann huben „ sie sich in die Luft; aber die Führer stuhn- ,, den aufrecht auf dem Sitze, das Hertz ,, schlug einem jeden vor Verlangen nach ,, dem Siege. „ Virgil hat dieses Gemählde in dem dritten B. von dem Feldbau v. log. glücklich nachgemachet: l^onne vicles cum prrcipiti certsmine csmpum Horripuere, ruunt^ue cüuli rsrcere currus, Lum ipes srrecise juvenum, exsultsntisrjue bsurit Lorcls psvor pulisns : illi inüsnt verbere rorto, kt proni clsnt lors : volst vi scrvtcius sxis. ^smcjue bumiles, jsmcjue elsti sublime viclentur ^ers per vscuum fcrri, stc^ue scliiirßere in mirs?, k^ec mors, ncc re^uic«, st sulvse nimbus sreiue lollittiri bumeicunt spumis, Nstu^uc le^uentum. I'sntus smor lsuäum, tsukse eli viüoris cur«. Wer die gantzen Wercke dieser beyden vortrefflichen Poeten mir einander vergleichet, wird 4l der poetischen Mahlerey. wird überhaupt wahrnehmen können, daß sie in folgenden Srücken von einander abgehen ; Homer ist viel ausführlicher und genauer in Aussetzung derjenigen Umstände, welche dienen, die Sacken sicktbar vor Augen zu stellen, und seinen Gemählden viel Bewegung, Handlung und Leben mitzutheilen : Hingegen ist Virgil viel kürtzer, und sucht seinen besten Vortheil in Beywörtern, so die Gestalten und Beschaffenheiten der Dinge erklären; die Begriffe liegen bey ihm viel enger zusammengepresset; und seine Gemählde haben ein kunstreicheres Aussehen , da in den Homerischen Scbildereyen die Kunst mehr in der Wahl der Gedan- cken und vortheilhafrigsten Umstände, als in der Höhe und dem Glantz der Farben bestehet, und unter einem einfältigen und natürlichen Ansehen verstecket lieget.' Eben diesen Unterschied erkennen wir auch gantz mercklich in den beyden angeführten absonderlichen Stellen. Homer bildet da das Verlangen der Wette-fahrenden Jünglinge nach Sieg und Ruhm, das sie sämmtlich eingenommen hat, mit drey absonderlichen Umständen aus: Alle diese Jüng- „ linge huben auf einmahl die Gerren em- „ por, schlugen an die Zieh-Riemen, und „ sprachen den Pferden mit einem hellen „ Thone zu.,. Die zween ersten Umstände reigen euch gantz sichtbar die Stellung und C 5 Gebehr- 42 Erklärung Gebehrdung des Reiters, wenn er von innerlicher Ruhm-Begierde angefiammet seine Pferde zum Wetterennen antreibet. Dieses hat Virgil im sechsten B. der Eneis, v. !45. dergestalt ausgedrücket: - lmmilUs surigL uncisntia lor» Loncuttere jiiZis, pronicjue in verbers pencient. Der dritte Umstand beziehet sich auf das, was Virgil im dritten B. vom Feldhau, v. r 8 s. angemercket hat: lum NILAI8 Streue msßis dlsnäir ALuclere msAlstrl I.Lucjibus, L plsusse lonitum cervjcis ainsre. Was Homer mit dem Gleichniß ausbildet, „ unter den Füssen der Pferde erhub sich „ ein Staub wie eine Wolcke, öder ein „ Sturm, „ das giebt Virgil durch die abgekürzte und verwandelnde Metapher: arenL rnllitni-. Den Umstand, die Mähnen erschütterten sich, wie starcke Winde , hat Virgil gar weggelassen ; aber in dem eilften B. der Eneis drücket er ihn einigermassen aus: l.r>6unt? , kulvzr srenL. Jede von diesen beyden Arten zu mahlen hat ihren besondern Werth. Die Homerische hat einen Original-Character, und machet sich dem mehreren Haufen angenehm; die Virgilische hat viel mebr Kunst, und ist gelehrter. Homer war der gröste Genius, Virgil der beste Künstler. In dem einen bewundern wir den Werkmeister, in dem andern das Merck. Homer ziehet uns fort, und versetzet uns mit einer ungestümen Gewalt, die nicht auf unsern Beyfall wartet; Virgil ziehet uns durch eine Majestät voller Lieblichkeit an sich. Ho- merus schüttet seine Güter mit einem großmüthigen Ueberfluß aus; Virgil giebt mit Pracht, aber ohne Verschwendung. Homer ergießt seine Schätze gleich idem Nil durch plötzliche Überschwemmungen; Virgil ist wie die Flüsse, die niemahls aus ihrem Bette austreten, und die sich in ihrem Laufe allezeit gleich sind. Wenn ich zur Ehre meiner Nation diesen Beyspielen einige andere aus unsern deutschen Poeten an die Seite setzen soll, damit ich zugleich meinem Leser die Kraft und den Nach- 44 Erklärung Nachdruck der poetischen Mahlereyen noch weiter ;u empfinden gebe, so muß ich vor allen Dingen anmercken, daß Opitz die Homerische Einfalt in seinen Gemählden glücklich nachgeahmet habe. Ich schlage das Gedicht, Zlama genennet, auf, wo er, v. 372. die stille Ruhe und Vergnügung des Land- Lebens in einem lebhaften Gemählde sichtbar vor Augen stellet. da gehen seine Küh Mit Lämmern untermengt ins Graß bis an die Änic. Der schwarze Schäfer steht bey einer hohen Linden Gclehner aufden Grab, und schneidet in die Rinden Der Liebsten Nahmen ein. .... Nicht allzuweit davon , da sieht er seine Statten Vor Geilheit lustig seyn , und nagen an den Ruthen. * * Indessen kömmt sein Weib, Die nicht nach Bisam reucht. Sie hat in ihren Handen Die grob durch Arbeit sind, von grünem Majoran Und Rosen einen Krantz und krönet ihren Mann. Bald sezr sie sich mit ihm bey einem Walde nieder, An dem ein schönes Quell mit Rauschen hin und wieder Fleußt Heller noch als Glaß. Der leichten Vögel Schar Springt auf den Acsten um. Und wenn er etwas ferner seine Nacht-Mahlzeit beschreibet, so sagt er unter anderm: Jßt was er kan verdeue», Legt fein ihm selber vor, darf sich mit Nichten scheuen, Ob- der poetischen Mahlerey. 45 Obgleich er auf den Tisch die Ellenbogen stüzt, Und nicht mit steifer Brust wie eine Jungfrau st;t: Dann fasset er den Krug mit allen beiden Handen, Trinckt seinen Ferne-Wein bis daß er aus den Lenden Drauf Arhcm holen muß. * Dann macht der Wirthstchrrstaus Müdigkeit zu Bette, Sie spinnt mit dem Gesind indessen in die Wette, Und nezr die Finger wo!, bis sie auch allgemach Das Hausst legt aufdie Brust, u. folgt dem Marie nach; Denssie,wie sehr er schnarcht, aus hcrtzlichem Verlangen Der keuschen Wollust küßt auf feine braune Wangen. Diese mahlerische Beschreibung ist gantz nach dem Homerischen Geschmack eingerichtet, und voller Anmuth, sie ist mit den einfältig, sten Worten und natürlichsten Farben ausgebildet, und die Kraft ihrer Würckung rühret alleine von *>er geschickten Wahl der absonderlichsten Umstände her, welche dieRuhe, die ungezwungene Freyheit, und das Anmuth-reiche Vergnügen dieses unschuldigen Feld-Lebens nach der Natur charakterisieren, und dem Auge auf eine sichtbare Weise vorstellig machen. Wenn Hr. Joh. Ulrich König in dem Gedichte aufdie Geburt des Chursäcbsischen Printzen den Gott des Elbe-Strohmes aufführet , wie er über diese frohe Zeitung ausgewertet an der allgemeinen Freude Theil nimmt, so stellet er ihn in folgendem lebhaft 46 Erklärung ten Gemählde vor Augen: Der Elbe-Gott, sagt er von ihm, Erhub sein schilfigt Haupt aus seiner Grott empor, Und strich sein tröpflend Haar neugierig hinters Ohr, Um desto deutlicher des Posthorns Schall zu hören, Das ihn izt in der Ruh so zeitlich dürfen stören. In einer von Crystall durchsichtig-hellen Kluft, Als einer ordentlich erbauten Wasser-Gruft, Worauf ein schwimmend Dach von dicht-verwachsnen Linsen, s Linsen, Don Meer-Graß, grünem Rohr, See - Lilgen, Wasser- Und schon veralterten mehr grau als grünem Mooß, Sonst aber aufersteh von allem Iicrrath bloß, Auf mürbem iLropfstein lag, mit Seegeltuch bedecket, In dieser nassen Burg der Elb-Gott ausgestrecket; Inwendig schmückt daselbst manch glantzend Schne- ken-Haus Und Muscheln mancher Art die feuchte Wohnung aus, Woran Gewölb und Wand von bunten Kieselsteinen rc. Diese Beschreibung ist ganß'Hoetisch , weil sie sich auf den Wahn in der heidnischen Religion gründet, nach welchem die Ströhme Gottheiten sind. Sie ist hiemit insoweit wahrscheinlich, als sie in der Mythologie gegründet ist. Dabey war die Absicht des Poeten die Allgemeinheit der Freude über die Geburt des neugebohrnen Printzen auszudrücken , nachdem es die Art der Freude ist, daß sie sich gerne andern mittheilet, und sich beredet, alles, auch selbst die leblosen Dinge, nehmen Antheil daran. Betrachten wir die Ausbildung und die Kunst in der Mahlerey, der poetischen Mahlerey. 47 rey, so ist dieselbe sehr geschickt angebracht. Die zweyte Zeile, Und strich sein tröpflcnd Haar neugierig hinters Ohr, begreift in sich einen solchen glücklich gewehrten Umstand, der vortrefflich dienet, die Neu« gierigkeit des Elb-Gottes recht sinnlich und sichtbarlich in dem Gehirne vorzustellen. Vir- gil hat in einer andern Absicht einen gleichmässigen Umstand von Neptun erwähnet: Zrsviter commotus üc s!to ?roi^>lcicns, tuiums caput cxtxlit uncls. Anjetzo ist zur Erläuterung meines Vorhabens vonnöthen, daß ich zu einer andern Anmcrckung schreite. Diese poetischen Schil- dereyen sind von derjenigen Art der eigentlich sogenannten Beschreibungen gantz unterschieden , welche die Natur der Sachen nach ihren wesentlichen Eigenschaften und bekanntesten Umständen erklären, und mehr besorget sind, den Verstand zu unterrichten, als die Phantasie durch eine geschickte Wahl und sinnliche Vorstellung derer Umstände, durch welche sich die Sachen den äufferlichen Sinnen am lebhaftesten eindrücken, mit Erge- zen zu rühren. Weil die vornehmste Absicht dieser Art Beschreibungen ist, den Verstand zu erleuchten , muß der philosophische Verfasser derselben alle Umstände und Merck- mahle 43 Erklärung mäkle einer Sache, dadurch dieselbe von andern unterschieden wird, sorgfältig auf-und zusammensuchen; zumahlen ein jederUmstand dem Begriff einen neuen Zusatz von Licht mittheilet ; hingegen muß der poetische Mahler,- der durch seine Gemählde die Phantasie einnehmen , und das Gemüthe in eine angenehme Bewegung setzen will, nur die kleinsten und absonderlichsten Umstände auslesen, und mit einander verbinden, durch welche ein Ding von allen andern nur dem äusserlichen Anscheine nach unterschieden ist, und die seine Absicht, das Gemüthe aus eine gewisse Weise zu rühren, am meisten befördern helf- sen; was aber wesentliche Eigenschaften eines Dinges sind, und was diese mit andern von ihrer Art gemein hat, muß er mit eben so vieler Sorgfalt hinauswerffen, als der Verfasser derer andern sie zusammenlesen muß. Und da eben diese geschickte Wahl der sonderbarsten und beweglichsten Umstände der poetischen Mahler-Kunst ihre gröste Kraft mittheilet, so kan man daher abnehmen,daßmeinVorhaben auchdiejenigenBe» schreibungen ausschließet, die nach Huintili« ans Bericht zu seiner Zeit der Jugend vor ihre ersten Uebungen vorgeschrieben wurden, und die auch in der That die Elemente der Beredsamkeit sind; gestalt denn auch Per- sius sie in seiner ersten Satyrs als solche betrachtet , wenn er über die verkehrte Manier der poetischen Mahlerey. 4- dieWohlredenheit zu studieren folgendermas- sen klaget. Lccc mocio treroos teiitii5 sciterre ctocemus Kutzsrl toINos Zrsece : nec Monere lucum ^rtiüces; nec rus tsturum laucisre, ubi corbcs, Lt focus, 6c xorci, L kumots kslilis 5oeno: tlnäe Ue>nu8, tiilco^ue kcrcns dentgUs <2>iinti, ()uem trepicis snte bove8 Oictskorem inctuic uxor, Lt rus srstrs äomuin Ii6ior tuüc. Luze koeca! Das ist : „ Sehet welche verkehrte Manier „ heutzutage üblich ist, die Jugend zu der „ Wohlredenheit anzuführen! Man fodert „ daß die Knaben, die noch über der grie- „ chischen Grammatick sitzen, sich schon hin- , ter die schwersten Wercke der Poesie/ neml. „ die heroischen Gedichte machen; da sie „ noch nicht einmahl gelernt haben einen an- „ muthigen und schattigten Lustwald mit der „ Feder nachzubilden / oder ein fruchtbares „ Feld zu beschreiben / wo man grosse Körbe „ voll schönen Obstes / einen fetten Feuer- „ Heerd / und allerley Viehe antrifft; wo „ man der gütigen Pales für den bescheerten „ Segen ein feyrliches Danck - Fest aus- „ schreibet / ein glückseliges Feld, wie das- „ jenige war/ aufwelchem Nomulus geboh- „ ren worden, oder dasjenige/ wo L)u. Cin- „ cinatus von Racilia, seiner Ehefrauen, „ als er eben den Pflug fährete, mit den Eh- », renzeicken der Dictator-Würde angeklei- D ,, det so Erklärung „ detward, und die Raths-Diener ihm die „ Pfiugschaar nach Hauß trugen. Wahr- „ hastig vortreffliche Poeten ! „ Dergleichen Elemental - Beschreibungen sind von der Kraft und dem Werth der poetischen Gemählde überaus weit entfernet, mithin aber sind es Uebungen , die jungen Leuten, ihres vortrefflichen Nutzens wegen, zum trefflichsten anzubefehlen sind ; die Aufmerksamkeit wird dadurch erhöhet, die Phantasie gefchärfet, und die Einbildung unver- merckc mit reichen Bildern angefüllet. Durch dergleichen Versuche machet man sich auch die Grade, die Vermischung und Verbindung der poetischen Farben bekannt , und bereitet sich zu dieser vortrefflichen Mahler- Kunst, von welcher wir handeln wollen. Es wäre derowegen kein geringer Vortheil, wenn die Gewohnheit der Jugend dergleichen Uebungen vorzuschreiben in den Schulen wieder eingeführet würde. Man hätte an einem glücklichen Fortgangs nicht zu zweifeln, wenn man damit der Ordnung, so die Natur selbst in ihren Wercken beobachtet, folgen, und allemahl den Anfang von dem leichtesten und einfältigsten machen wollte. Man müßte von dem einfachen zu dem zusam- mengesezttn, vor?den todten Stücken zu den beweglichen und Hertz-rührenden, aus dem Reiche der Materie in das Reich der Geister fortgehen. Wem bekannt ist, was für eine der poetischen Mahlerey. 5 l Lehrart die Kunst-Mahler in der Unterweisung ihrer Untergebenen brauchen, der wird für sich selbst sehen, daß es eben dieselbe ist, welche ich dem Redner und Poeten anbefehlen will. Zu denen Vorübungen, wodurch sich einer zu der poetischen Mahler-Kunst geschickt ma, chen kan, und welche auch selbst keine geringe Kraft haben, die Würckung der poetischen Schildereyen zu verstärken, zehle ich übrigens auch die Umschreibung und die Erweiterung , von welchen beyden ich aber verspüre weitläuftig zu handeln , bis es Zeit seyn wird, die Geheimnisse der poetischen Mahler-Kunst absonderlich zu erklären. Dr Der Der dritte Abschnitt. Von der Nachahmung der Natur. (?^Jc Poesie kan alles nachahmen, was der Ver- stand von den Würckungen und den Kräften der Natur erkennet, wenig abgezogene Wahrheiten ausgenommen. Solches theilet sich in die gegenwärtige. würckliche Welt / die sichtbare und die unsichtbare, und in die möglichen Welten. Der Poet nimmt die Originale seiner Nachahmung lieber aus der Welt der möglichen Dinge. Zwo Gattungen des Wahren, das Würckliche und das Mögliche, oder das historische und das poetische Wahre. Kraft des poetischen Wahren zu ergehen, wenn es auf das historische Wahre gegründet ist. Die Uebereinstimmung zwischen dem Urbild und der Schildere») ist das Haupt-Wesen der Nachahmung. Sie wird aus der Gleichheit der Wür- kungcn erkennt. Die Eindrücke der Poesie sind nur in i der Art nicht in der Kraft den Eindrücken der Natur - gleich. Worinncn die lebhafte Deutlichkeit der poetischen Schildereyen beruhe. Worinncn die Wahrheit derselben bestehe. Das poetische Wahre ist eine Uebereinstimmung des Gemähldes mit möglichen Urbildern. Kraft der nachahmenden Kunst vor sich selbst zu ergebn , ohne Absicht auf die Materie. Annehmlichkeit der Beschäftigung des Gemüthes, da es eine Eopie mit dem Originale vergleichet. Verwunderung, welche die Nachahmungs - Kunst bey uns gebiehrt. Warum die erschrecklichen Dinge uns in der Nachahmung ergehen. Die Von der Nachahmung der Natur, s z beyden Künste, des Mahlers und des ^ Poeten , bestehen angeregter Massen in einer geschickten Nachahmung der Natur. Die Natur ist die weise Lehrmeisters, bey welcher diese Künstler in die Schule gehen; sie leget ihnen eine unzählbare Menge der vortrefflichsten Urbilder zur Bewunderung und Nachahmung vor, woran sie das Vermögen ihrer Kunst versuchen, und auf die Probe setzen können. Wie nun der Mahler zur Materie der Nachahmung alles dasjenige nehmen kan, was dem sinnlichen Werck» zeuge des Gesichtes durch Licht und Farben kan begrifflich und vorstellig gemachet werden; also stehet es in dem Vermögen der poetischen Mahler - Kunst, alles, was mit Worten und Figuren der Rede auf eine sinnliche, fühlbare und nachdrückliche Weise kan nachgeahmet und der Phantasie, als dem Auge der Seele, eingepräget werden, nach dem Leben und der Natur abzuschildern. Hierinn übertrifft die Poesie alle anderen Künste, da ihr die gantze Natur in ihrem weite» Umkreise zum Muster der Nachahmung dienen muß. Alles was der menschliche Verstand von den Würckungen und Kräften der Natur in seinen Registern aufgezeichnet hat, kan der Poet durch sinnliche Bilder auszie- ren, und der Phantasie, als in einem sichtbaren Gemählde, vorlegen ; so daß sich das Gebiethe der Poesie fast eben so weit erstre- D z cket, s 5-4 Von der Nachahmung cket, als die menschliche Erkenntniss, welche unter dem Nahmen der WeltweissheiL ^ alles begreifst, was durch menschlichen Fleiß ^ und Nachforschen von möglichen und würck- lichen Dingen kan erkennet werden. Nur muffen wir einige allgemeine und abgezoge- , ne Wahrheiten und Begriffe/ die alleine dem reinen und von den Sinnen gantz ab- > gekehrten Verstand vernehmlich sind, von der Nachahmung der Poesie ausschliessen; von welcher Art in der Vernunft - Lehre, in der Meß-Kunst, in der Lehre von dem Wesen der Dinge/ in der Rechen-Kunst/ sehr viele enthalten sind / die man woh! durch Worte/ Zahlen und Linien dem Verstände zu begreiffen geben/ aber darum nicht abschildern / oder in Farben und Bilder einkleiden / und für die Phantasie sichtbar machen kan. Die Natur/ oder vielmehr der Schöpfer? der in derselben und durch dieselbe wurcket? hat unter allen möglichen Welt-Gebäuden das gegenwärtige erwehlet, daß er es in den Stand der Würcklichkeit überbrachte; weil er es nach seiner unbetrüglichen Einsicht vor das beste unter allen / und vor dasjenige befand / das vor seine Absichten am bequemsten war. Dasselbe kan nun füglich in die sichtbare und die unsichtbare Welt unterschieden werden. Jene/ die ficht-'" bare und materialische" Welt / begreiffet in der Natur. sf sich alle Cörper, die Elemente, die Sternen , den Menschen in Ansehung seiner äuf- serlichen Würckungen, die Thiere, diePfian- zen, die Edelsteine, und so fort, ferner alles, was die Kunst auf so verschiedene Weise nachahmet, und zum Schutz, zur Zierde und Bequemlichkeit des menschlichen Lebens erfindet ; mit einem Worte alles, was der Prüffung der Sinnen unterworffcn ist. Diese , die unsichtbare Welt, fasset in ihrem Inbegriffe Gott, die Engel, die Seelen der Menschen; ihre Gedancken, Meinungen , Zuneigungen, Handlungen, Tugenden , Kräfte. Alle diese Sachen haben, weil sie würcklich sind, eine eigentliche und festgesezte Wahrheit, die in dem Zeugniß der Sinnen, das damit übereinstimmet, dem Zeugniß des Gewissens, und der göttlichen Offenbarung gegründet ist. Wenn nun der Poet die Originale, welche ihm die grosse Künstlerin, die Natur, auf dem unendlich geraumen Schauplatz dieser würck- lichen Welt darstellet, entweder absonderlich oder in ihrem natürlichen Zusammenhang nackschildert, so handelt er bloß als ein guter Abdrücket, und unterscheidet sich von dem Historico alleine durch den Zweck und die Kunst seiner Gemählde. Was ins besondere die unsichtbare Welt der Geister anstehet, so hat dieselbe zwar eben so viel Wahrheit und Würcklichkeit als die sicht- D 4 bare, 5§ Von der Nachahmung bare, zumahl da sie den Grund und die Quelle Mer Würcklichkeit in sich hat; alleine weil sie vor den groben 'Linnen gantz verschlossen ist, so hat sie vor die Einbildung nicht mehrere Wahrheit als die möglichen Dinge, und der Poet muß diese unsichtbaren Wesen in sichtbare Cörper, hie- mit in eine gantz fremde Natur einkleiden, wvferne er sie der Phantasie vernehmlich und fühlbar vorstellen will, in welchem Stücke seine Kunsi sich ungemein geschickter uud verwundersamer erweiset, als in der Nachahmung der sichtbaren Wercke. Meine dadieserZusammenhangder würck- lichen Dinge, den wir die gegenwärtige Welt nennen, nicht lediglich nothwendig ist, und unendlich vielemahl könnte verändert werden , so müssen ausser derselben noch unfehlbar viele Welten möglich seyn, in welchen ein anderer Zusammenhang und Verknüpfung der Dinge, andere Gesetze der Natur und Bewegung, mehr oder weniger Vollkommenheit in absonderlichen Stücken, ja gar Geschöpfe uud Wesen von einer gantz neuen und besondern Art Platz haben» Alle diese mögliche Welten, ob sie gleich nicht würcklich und nicht sichtbar sind, haben dennoch eine eigentliche Wahrheit, die in ihrer Möglichkeit, so von allem Widerspruch frey ist, und in der aüesvermögen- den Kraft des Schöpfers der Natur gegründet der Natur. 57 det ist. Nun stehen auch dieselben dem poetischen Mahler zum Gebrauche bereit und offen, und leihen ibm die Muster und die Materie zu seiner Nachahmung; und da er die Natur nicht alleine in dem Würcflichen, sondern auch in dem Möglichen nachzuahmen fähig ist, so erstrecket sich das Vermögen seiner Kunst eben so weit, als die Kräfte der Natur selbst; folglich muß der Poet sich nicht alleine die Wercke der Natur, die durch die Kraft der Schöpfung ihre Würcklichkeit erlanget haben / bekannt machen, sondern auch, was in ihren Kräften annoch verborgen lieget, fieiffig studieren, um so viel mehr, da dieses leztere, nemlich die Nachahmung der Natur in den, Möglichen, das eigene und Haupt-Werck der Poesie ist. Denn ich darf vor gewiß setzen, daß die Dicht-Kunst, insoferne sie von der Historie unterschieden ist, ihre Originale und die Materie ihrer Nachahmung nicht so fast aus der gegenwärtigen, als vielmehr aus der Welt der möglichen Dinge entlehnen müsse. Es ist das Amt der natürlichen, politischen, und moralischen Historie, die sichtbaren Gegenstände und Phänome- na, den Lauff der Begebenheiten, und die Sitten und Handlungen der Menschen, wie sie würcklich sind, nach ihrer Natur und Wahrheit zu crzehlen und zu beschreiben. Ihre Absicht ist demnach diejenige Wahr- D 5 heit, s8 Von der Nachahmung heil, die in der Würcklichkeit der Dings , und dem Zeugnisse der Sinnen gegründet ist; darum ist auch ihre gantze Bemühung in den Kreiß der gegenwärtigen Welt der würcklichen Dinge eingeschlossen. Dagegen hat der Poet zur Absicht, durch wohl- erfundene und lehrreiche Schildereyen die Phantasie des Lesers angenehm einzunehmen, und sich seines Gemüthes zu bemächtigen ; Diese Absicht zu erreichen wird eben nicht erfordert, daß seine poetischen Erzeh- lungen würckliche und historische Wahrheiten seyen; sondern es ist schon genug, wenn sie nur nicht unmöglich und unwahrscheinlich sind. Der Poet sucht nicht den Glauben eines Zeugen zu erhalten, aber er vermeidet den Vorwurff eines Lügners; wenn er daher auch solche Personen in seinen Gedichten aufführet, die nach dem Zeugniß der Historie würcklich vorhanden gewesen sind, versetzet er dieselben in gantz neue Umstände , und läßt sie dann reden, thun und handeln, wie sie nach ihrer Natur und Beschaffenheit wahrscheinlicher Weise reden und handeln könnten und würden; ^tc^ue Us mcntitur, 6c veris kslsz remilcct» krimo ne weNiuni, meciio ne öilcrepet imum. Da bekümmert er sich nicht um die historische Wahrheit seiner Vorstellungen, weil er ohne dieselbe, bloß durch die Wahrscheinlich- der Natur. 59 lichkeit, seinen Zweck und Absicht erreichen kan. Die Tragödien von Cid/ Cinna,Po- lieuctes thaten auf viele tausend Zuseher in dem untern Boden des Schauspiel-Hau- ses, welche von diesen Personen niemahls zuvor reden gehöret harten, eine eben so starcke Würckung, als auf diejenigen Gelehrten, die ihre gantze Historie innen hatten. Das Wahrscheinliche, welches sich in den würcklich eingeführten Gesetzen und dem gegenwärtigen Laufe der Natur gründet, ist für den grösien Theil der Menschen eben so wahr, als das so würcklich geschehen ist, weil ihm nichts mangelt, als die Treu und Aufrichtigkeit dessen, der es er- zehlet und bezeuget; und das, so würcklich geschehen ist, kömmt ihm bloß als wahrscheinlich vor, weil ihm die Zeugnisse, worauf dessen Wahrheit beruhet, nicht bekannt sind. Daher hat auch Aristoteles gesagt: Das Mögliche ist glaubwürdig, aber das ,, würcklich geschehene ist bekannt und offen- „ bar, mästen es nicht geschehen wäre, wenn es unmöglich gewesen wäre.Nun ist die Poesie , die das Ergetzen und die Verbesserung des grossem Haufens der Menschen suchet. Zudem wird diese poetische Mahler-Kunst in Ansehung ihrer Materie und Erfindung eben darum die Dicht-Kunst genennek, weil sie sich auf das Wahrscheinliche gründet; denn was ist Dich- 63 Von der Nachahmung Dickten anders, als sich in der Phantasie neue Begriffe und Vorstellungen formieren, deren Originale nicht in der gegenwärtigen Welt der würcklichen Dinge, sondern in irgend einem andern möglichen Welt-Gebäude zu suchen sind. Ein jedes wohlerfundenes Gedicht ist darum nicht änderst anzusehen, als eine Historie aus einer andern möglichen Welt: Und in dieser Absicht kömmt auch dem Dichter alleine der Nahme eines Schöpfers, zu, weil er nicht alleine durch seine Kunst unsichtbaren Dingen sichtbare Leiber mittheilet, sondern auch die Dinge, die nicht für die Sinnen sind, gleichsam erschaffet, das ist, aus dem Stande der Möglichkeit in den Stand der Würcklichkeit hin- überbringet, und ihnen also den Schein und den Nahmen des Würcklichen mittheilet. Da nun alle Dinge, welche die Natur dem Mahler und Poeten zur Nachahmung vorleget, entweder in das Reich der möglichen oder in das Reich der würcklichen Dinge gehören, so ist hieraus offenbar, daß die Vorstellungen dieser beyden Künste in Ansehung der Materien sich auf das würckliche oder mägltche Wahre gründen müssen, wann sie uns gefallen sollen. Denn es giebt zwo Gattungen des Wahren in der Natur, eines hat alleine in der gegenwärtigen Welt Plaz, das andere aber findet sich nur in der Welt der möglichen Dinge; jenes können wir das der Natur. 6 ! historische, und dieses das poetische Wahre nennen : Beyde dienen zwar zu unterrichten, aber das leztere hat noch den besondern Vortheil , daß es uns zugleich durch das Ver-- wundersame einnimmt und belustigt, da es Dinge, die nicht würcklich sind , in unsere Gegenwart bringet; und eben hierinnen lieget der Grund des Ergehens, das von der Materie der poetischen Schildereyen herrühret ; wie Aristoteles im zweyten Cap. des ersten B. von der Rhetorick mit diesen wenigen Worten zu verstehen giebt: ^ -r-c ^ Der Mensch hat von Natur eine ange- bohrne unersättliche Wissens-Begierde, diese erstrecket sich so wohl auf das Mögliche als auf das Würckliche, ja die Erfahrung lehret, daß der Mensch noch viel begieriger ist , das Mögliche und Zukünftige zu erforschen , als sich das Würckliche und Gegenwärtige bekannt zu machen. Die Erweiterung unserer Erkenntniß geschieht darum niemahls ohne Ergehen, und dieses Ergehen ist um so viel grösser, je grösser die Begierde gewesen , von einer Sache unterrichtet zu werden , und je selhamer und wunderbarer die Sache ist, von welcher wir unterrichtet werden. Cicero hat im ersten B. von den Pflichten des Menschen angemercket, daß die Erkenntniß des Wahren nothwendig Lust gebähten müsse, eben wie hingegen die Erkennt- 62 Von dcr Nachahmung niß des Falschen natürlicher Weise Unlust und Eckel bringet. sagt er/ in veii cn^nitionL , in^xiine u^tu- r->in bnmgu.nn : oniueü eI^in^ trsbiinnr cluci- nnir sc! co^uitionis öc lcicnti»: cu^iciitrikein, in excellere pnlcbuim ^utAinn8 ; Isbi uutem, erixire, neicil'e, 6^ ciecipi, sc in-iluin öc rui-^C ch,cinE. Das poetische Schöne muß hiermit natürlich und auf die Wahrheit gegründet seyn; hingegen kan das unnatürliche/ welches immer falsch und unmöglich ist / niemahls gefallen. Der Grund und Boden des Schönen oder des Ergehens in der Mahler - Kunst ist kein anderer als die Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit. Ein Mahler macht sich lächerlich/ wenn er/ wie Horatius sagt, Oelxlnnum t>lvis iluüibus Lprum, oder eine Schiffs-Flotte auf einem Thurme an Ancker leget/ oder ein schönes Frauenzimmer aus einem Blumen - Topfe hervor schwimmen laßt; das Falsche/Unwahrscheinliche oder in gewisser Absicht Unmögliche muß dem menschlichen Verstand/ so bald es wahrgenommen wird / natürlicher Weise Wider, willen und Eckel verursachen / weil es die an- gebohrne Wissens-Begierde des Menschen in ihrem Verlangen aufziehet/ und den Fortgang in der Erkenntniß unterbricht. Der Verstand laßt sich eben so ungern mit einem äffen- der Natur. sz äffenden Blendwerck zufrieden stellen , als ein hungeriger mit gemahleten Speisen gesättigt wird. Zudem ist das Falsche/ und in gewissen Absichten Unmögliche, keiner Nach, ahmung fähig, es ist ein Zero, ein Nichts, wovon der Verstand nichts begreiffen kan; und die Natur kan nichts widersprechendes hervorbringen ; folglich hat auch das unnatürliche weder m der würcklichen noch in der möglichen Welt einiges Original, sondern es ist eine blosse Würckung des blinden und unverständigen Zufalles. Diesem gemäß ist dieses die erste und die Grund-Regel, nach welcher sich alle Künste, hiermit auch die Künste des Mahlers und des Poeten achten und richten sollen, daß sie in ihrer Nachahmung alleine auf die Kräfte der Natur sehen , ihre Materie, Muster, und Urbilder von derselben entlehnen, und hiermit ihre Arbeit auf das Wahre oder Wahrscheinliche gründen. Die Künste dieser Schüler der Natur bestehen in einer geschickten Nachahmung: Wie nun alle Nachahmung ein gewisses Urbild und Muster voraussetzet, welches die Kunst nach der Natur auszudrücken und vorzustellen beflissen ist, also schliesset der Begriff von der Nachahmung auch eine Aehnlichkeit und Uebereinstimmung mit dem Urbild in sich ein; je vollkommener diese Aehnlichkeit ist , desto glücklicher ist auch dieNachahmung gerathen. Folglich bestehet die gröste Vollkommenheit 64 Von der Nachahmung dieser beyden Künste in der vollkommenen Uebereinstimmung zwischen dem Urbild in der Natur und der durch die Kunst verfertigten Schilderey. Diese Uebereinstimmung aber wird aus der Gleichheit der Würckung unfehlbar erkennet, wenn beyde, das Original und die Copie auf ein gleiches Gemüthe eine gleiche Würckung haben, und einen gleichen Eindruck machen. Ich weiß zwar wohl, daß sich zwischen dem Eindruck, welchen die Natur durch die Gegenwart ihrer Urbilder auf das Gemüthe würcket, und demjenigen Eindruck, welchen auch die geschickteste Nachahmung der Kunst verursachet, allezeit welcher Unterschied befindet , aber dieses nicht in Ansehung der Art des Eindruckes, sondern in Ansehung seiner Kraft' denn da die Gegenstände der Natur eine wahre Würcklichkeit haben, so muß ihre Würckung anch strenger, ernsthafter, und dauerhafter seyn, als die Würckung des nachgeahmten Bildes, welches nur den Schein der Wahrheit und Würcklichkeit annimmt ; in welchem Absehen Ouintilianus im zweyten Cap. des zehnten B. gesagt hat: Ü8 gun in. exeMylmn aüluiünius, kübelt natnra öc vera vis: contra oinni8 iinitalio ltcta ell, und: (luiägniä alteri tunils eil, neceile eli intnns lit eo gnoä ünitatur. Die Kunst suchet ihren Ruhm nicht darinnen, daß sie mit der Natur um den Vorzug eifere, sondern ihr Ruhm- der Natur. Rubm ^ Eifer bestrebet sich allein durch die Nachahmung und den angenommenen Schein des Wahren die Natur in der Art und Gleichheit ihrer Würckungen zu erreichen; und da ihre Absicht ist, durch diese nachgeahmten Rührungen zu belustigen, so ist nothwendig/ daß ihre Eindrücke in einem geringern Grade streng und dauerhaft seyn / als diejenigen sind, die von der Kraft des Wahren herrühren; indem alles Widrige und Unangenehme indenGemüthes-Vewegungen von deoHef- tigkeit und Dauer derselben entstehet. Unter den Mahlern ist denn derjenige der geschickteste Meister, der so lebhafte und entzü- kende Scbildereyen verfertigt, daß die Zu- seher sich eine Weile bereden, sie sehen das Urbild selbst gegenwärtig vor Augen. Das. Gemählde des Zeuxes war ein vortreffliches Meisterstücke, da er etliche Trauben so natürlich gemahlet, daß die Vöge! selbst dadurch verführet und betrogen worden: Und unter den poetischen Mahlern verdienet ebenfalls derjenige den ersten Platz, der uns durch seine lebhaften und sinnlichen Vorstellungen so angenehm einnehmen und berücken kan, daß wir eine Zeitlang vergessen, wo wir sind, und ihm mit unserer Einbildungs-Kraft willig an den Ort folgen, wohin er uns durch die Kraft seinerVorstellungen versetzen will,daßwirauch des süssen Irrthums nicht eher gewahr werden, bis wirvon dieser Zerstreuung und Entzü- E kung 66 Von der Nachahmung kung erledigtund unsrem eigenenNacbdencken wieder überlassen werden. Horatz setzet eben hierum das grosse Lob und die grosse Kraft der Diebt-Kunst, in seinem poetischen Sendschreiben an Augustus, im zweyten V. Ille per cxtentuin tuiiem iniki pottc videtlir Ire poets , mcuin cjiii peätus inaniter Irritst, inulcet, fslliz terrorUius implet, tll ui->Zus,L modo ine Hiebis, moclo ponic ^tkeiiis. Wo er durch dasl^XULK rMAit,undh^l>- 818 kerronbuZ ilnplet, eben zu verstehen giebt, daß der Poet uns nur durch den Schein der Wahrheit zu bewegen, und die Natur alleine in der Ähnlichkeit ihrer Würckungen, nicht aber in der wahren Kraft derselben nachzuahmen suche. Auf dieser Aehnlichkeit und Uebereinstimmung der Nachahmung der Natur beruhet nun einesteils die lebhafte Deutlichkeit der Schilderten, von welcher die wunderbare Kraft die Phantasie zu rühren entstehet, die uns nöthigt, bey Anschauung einer Schildere» bey uns selbst zu sagen: In Wahrheit es ist eben das, was ich gesehen, was ich gehöret habe; oder was ich mir meinen Augen sehen, mit meinen Ohren hören würde, wenn mir das Original von dieser Sache vor Augen oder zu Ohren käme. Die alten Kunst-Lehrer haben diese lebhafte Deutlich- der Natur. 67 keit eben darum und Tviäenti-rm ge- nennet, und Ouintilianus hat im dritten Cap. des achten B. davon gesagt: innr mirem ut inrinlkeiia link , ti Uieriiit iliniÜ-i - ^tgue liujus klimme viitutjz kircilliin^i e>l vin, Andern- theils beruhet auf dieser Aehnlichkeit der Co- pie mit dem Original die Wahrheit der Schildereyen und mahlerischen Vorstellungen , insofern dieselbe in der Kunst der Nachahmung Platz hat. Je grösser und offenbarer die Aehnlichkeit mir dem Urbild ist, desto mehr Licht und Wahrheit hat das Gemählde. Im Gegentheil wenn keine Aehnlichkeit in denen ausnehmenden Merckmahlen, dadurch eine Sache von andern ihres gleichen unterschieden ist, angetroffen wird, so ist die Schilderey falsch und lügenhaft, weil sie uns etwas gantz anderes vorstellet, als was sie uns hatvorsiellen sollen oder vorgehabt harte. Diesemnach kan das poetische Wahre, welches der Grundstein alles Ergehens ist, dergestalt beschrieben werden; es sey eine deuli- che Uebereinstimmung des ähnlichen Gemähldes mit solchen Urbildern, die in dem Reiche der Natur anzutreffen, und also möglich sind. Wenn nun besagter Massen die Kunst des Mahlers und des Poeten in der Nachahmung bestehet, so lieget darum ein neuer Grund des Ergehens, so diese Künste mit E - sich 68 Von der Nachahmung sich bringen , und welches auch unmittelbar von der Kunst der Nachahmung entstehet. Die Nachahmung ist dem Menschen etwas natürliches, sie ist ihm gleichsam angebohren, wie Aristoteles im vierten Cap. von der poetischen Kunst anmercket; alle seine Handlungen sind nichts anders, als eine blosse Nachahmung , daher kömmt es auch, dass die Exempel eine so grosse Kraft auf das menschliche Gcmüthechaben ; und darum muß auch alle Nachahmung ein besonderes Ergehen bringen, welches um so viel mehr anwäcbßt, als glücklicher die Nachahmung gerathen ist. Daß die blosse Kunst der Nachahmung ohne Absiebt auf die Materie eine solche Kraft zu ergehen habe, zeiget sich unstreitig daraus, weil die künstliche Vorstellung einer Sache, die vor sich gantz unangenehme und widrige Eindrücke verursachen würde, in der Nach, ahmung belustigt. Thersites konnte in seiner häßlichen Ungestalt durch die würcklicbe Betrachtung derselben keinen angenehmen Eindruck machen, Homerus giebt das zu verstehen, wenn er ihn den häßlichste,, Mann hcisset; aber wer kan das Gemählde desselben in folgenden Versen ohne Belustigung lesen : „ Er schielete, er hunk an einem Kuß, „ die krummen Schultern warffen sich vor- „ Werts aufdie Brust. Der Kopfwar oben ,, »ugespizt, und darauf stuhnd ein Krantz .. von etlichen wenigen Haaren. „ Und wem der Natur. 69 wem gefällt nicht folgendes Gemählde von einem alten Weibe, in dem Neujahrs-Gedichte von 1722. in Brockes Jrd. Vergn. Wie häßlich ist doch ein verjährter Leib Beschau nur einst mit Ernst - - - Die grindig-gelbe Haut voll runzelichter Tiefen Der schielen Augen Rot, die unaufhörlich triefen, Ihr kal und zitternd Haupt, den Zähne-leeren Mund, Voll zähenRotz u. Schleim, die blau-gefchwollnen Lippen, Die schlaffe platte Brust, die magern dürren Rippen, Den zitternd krumen Hals, des Rückens höckricht Rund, Des Kinns entfleischte Höh, die Hölen welker Wangen. Aristoteles hat eben dieses, im vierten Cap. von der poetischen Kunst, als einen Beweist-Grund angeführet: ,> Etliche Urbil- „ der, sagt er, als abscheuliche Thiere, „ Todte, oder Sterbende, die wir in der Natur nicht anschauen dürften, oder die „ wir nickt ohne Widerwillen oder mit ,, Schrecken anschauen würden, sehen wir ,, mit Ergehen im Gemählde, und je ge- „ schickter sie nachgeahmet sind, je mitgrös- ,, serm Ergehen betrachten wir sie.Also werden uns die strengen Leidenschaften des Schreckens und des Mitleidens erträglich, ja angenehm, wenn sie durch eine geschickte Nachahmung in unsrer Brust hervorgebracht werden. Eine Art Todes, wie der Phedra war; eine junge Princeffin, die in scheußlichen Gichtern den Athem aus- E z blaßt, 70 Von der Nachahmung blaßt/ und sich selbst in ihren tezten Reden einer schwartzen Lasterthat anklaget , welches sie an sich selbst mit eingenommenem Gift gestraffet hat, wäre ein Begegniß , das jedermann fliehen wurde. Etliche Tage würden erfodert, eh wir die leidigen Gedan- cken aus dem Sinne schlagen könnten, welche ein solcher Anblick uns unfehlbar in die Phantasie tief einprägen würde. Aber Ra- cinens Tragödie von Phedra, die uns eine Nachahmung von diesem Begegniß vorstellet, beweget und rühret uns, ohne daß sie den Samen zu einer anhaltenden Traurigkeit in unsrer Brust ausstreue. Sie ma- cher daß die Thränen uns aus den Augen rinnen, ohne daß sie uns in der That traurig mache. Die Betrübniß liger so zu sagen nur an dem Rande unsers Hertzens, und wir spühren wohl, daß unsere Thränen mit der Vorstellung der sinnreichen Erfindung , die daran Ursache ist, aufhören werden. Fraget man nun, woher und auf welche Weise dieses Ergehen entstehe, welches die geschickte Nachahmung der Kunst durch ihre eigenthümliche Kraft zuwege bringet, so ist die Haupt-Ursache davon diejenige, welche Aristoteles im vierten Cap. seiner Poetlck ang ebt, weil man in einer geschickten und glücklichen Nachahmung neben der Wahrheit auch eine feine Gefchicklichkeit der Natur. ?r und Fertigkeit vor sich findet, da solches dem Geist Anlaß zu Überlegungen und Betrachtungen giebt, so daß er dergestalt allezeit erweis neues innen wird. Dieser weltweise Mann erkläret sich selbst hierum der deutlicher in dem ersten B. seiner Nhe- torick im zweyten Cap. wo er saget: „ Weil „ das Lernen und die Verwunderung et- „ was angenehmes mit sich führen, so ge- „ schicht nothwendig, daß die Sachen, die „ durch Nachahmen gemachet sind, unsEr- „ getzen verursachen, z. E. die Mahler-Kunst, die Bildhauer-Kunst, die Poesie, kurtz, alles, was wohl nachgeahmet ist, od „ die nachgebildete Sache gleich unan- „ genehm ist, weil das Ergötzen nicht vorr „ derselben entspringet, sondern von der ,, Gewabrwerdung im Uebertegen, daß die- „ sesDing eben dasselbe ist, also daß wir et- „ was lernen können.« DiezwoHuellendes Ergetzens, das von den Künsten entspringet , sind nach Aristoteles und die Erweiterung unserer Erkenntniß und die Verwunderung. Das Erge- zen ist also zweyfach, das erste entstehet eigentlich von der Materie der Nachahmung, das andere von der Kunst der Nachahmung. Gleichwohl bemercket Aristoteles, daß dieses doppelte Ergötzen auch in der Kunst der Nachahmung auf gewisse Weise vereinigt zu finden sey; und daß die Nach- E 4 ahmung 72 Von der Nachahmung ahmung nicht alleine in Absicht auf ihre Materie lehrreich sey, weil sie uns mancherley Wahrheiten der Natur vorleget; sondern auch wul die geschickte Nachahmung uns die Saclxm in einem solchen Licht vorstellet, dass wir uns nicht einschlagen können, dieselben aufmercksam zu betrachten, dabey wir Anlass zu allerley Betrachtungen bekommen. Die Nachahmung hat in der That mehr Kraft, die Aufmercksamkeit der Leute zu unterstützen, als die Natur selbst. Wir haben mehr Aufmercksamkeit für die Früchte und die Thiere, die in einem Gemählde vor- ! Bestellet werden, als wir für diese Sachen ' selber haben würden. Die Copie ziehet uns , starcker an sich, als das Original. Stellet - uns die Nachahmung einen bekannten Gegenstand vor Augen, wovon wir allbercit einen Abdruck im Kopf haben, so nöthigt sie uns zugleich die Nachahmung mit dem Urbild, die Kräfte der Kunst mit den Kräften der Natur , die Empfindungen, welche die Kunst hervorbringet, mit denen Begriffen und Empfindungen , so die würcklicben Gegenstände selbst in unserm Gemüthe hinterlassen haben, zu vergleichen, und von ihrer Uebereinstimmung und Ähnlichkeit zu urtheilen; welche Gemüthes - Beschäftigung dem Menschen nicht alleine für sich selbst sehr angenehm ist , sondern auch seine Begriffe von den Dingen Ser Natur, und der Vollkommen- der Natur. 7Z heit der Kunst nothwendig vermehren muß. Ich sage, diese Gemüthes-Beschäftigung, da die Copie mit dem Originale verglichen ward, sey dem Menschen für sich selbst ange- nehm, dieses ge''chicht nicht alleine darum, weil sie sehr leicht und natürlich ist, sondern auch, weil sie ih n eine gute Meinung von seiner Fähigkeit und Vollkommenheit beybringet, und seiner angebohrnen stoltzen Eigenliebe angenehm schmeichelt. Denn wie Ouintilianus saget : ^uäituribu8 AN 1 W ämr IiLL, cjUL c^uum intellexeriiit , acuiwne üuo äele^kantur öc Agucleiit, non c^ugli riucliveiint, kecl c>>iriii imenerint. Wir sehen NLMlich eine geschickte Nachahmung an , als einen Abdruck von seinem Urbilds, das wir schon zuvor in dem Kopfhaben ; die Nothwendigkeit selbst setzet uns gleichsam zum Richter darüber , und fordert unser Urtheil von uns. Al, so mercken wir nicht, daß der Verfasser uns hat unterrichten wollen , sondern glauben vielmehr, daß er die Demuth gehabt habe, uns seine Gemählde zur Beurtheilung zu übergeben. Mithin legen wir uns eine Herrschaft über denselben bey, und messen die Entdeckung der Schönheiten in einem Gemählde mehr unsrer Geschicklichkeit, als der Kunst des Mahlers zu. Man hat auge- mercket, daß die künstliche Abbildung von einer unbekannten Person, die wir niemahls gesehen haben, ein schwächeres Ergehen ver- > E / ursa- 74 Von der Nachahmung ursachet, als das Conterfait einer bekannten Person; was mag die Ursache dessen seyn, da doch die Vorstellung eines unbekannten Bildes den Vortheil hat, daß es uns von etwas neuem unterrichtet? Keine andere, als weil bey der Vorstellung einer unbekannten Sacke, von der wir kein Urbild in dem Kopf haben, diese angenehme Vergleickung des Abdruckes mit dem Urbilde nichtPlah hat; denn man kan von der Schönheit einerNack- ahmung nicht urtheilen, wennman das nach- geahmte Urbild nicht kennet. Aber alsdann entstehet das Ergehen, wie Aristoteles in der angezogenen Stelle sehr wohl sagt, nickt von der Schönheit der Nachahmung , sondern von der Schönheit der Schilderey , oder dem Leben und der Vermischung der Farben , oder der Wahl der Handlung, oder den Gebehrdungen der Personen, und von vielen andern Sachen, so das Auge an sich ziehen, und zugleich dem Geist etwas zu thun geben, und ihn in wahrender Ergeßung unterrichten. Gleichwohl ist hier zu erinnern , daß auch bey der Vorstellung unbekannter Dinge, von welcherArt diePoesie eine Menge aus dem Reiche der möglichen Welt vorstellet , eine ähnliche uud eben so angenehme Gemähtes-Beschäfftigung und Ueberlegung in den Gedancken statt hat, da wir nemlich diese unbekannten Bilder mit andern ähnlichen und bekannten vergleichen, und aus Susam- der Natur. 77 Zusammenhaltung der Umstände entscheiden, ob sie möglich und wahrscheinlich seyen. Mithin ist in der That das Ergehen, welches das Verwundersame in der Kunst der Nachahmung hervorbringet, viel stärcker und empfindlicher , als dasjenige, welches von dem Lehrreichen entstehen kau. Wenn die Nachahmung uns durch die vollkommene Aehnlich- keit in Zweifel setzet, ob wir nicht das Urbild selbst vor dem Gesichte haben , wenn sie eben die Empfindungen undRegungen in uns hervorbringet, welche das gegenwärtige Urbild erwecket hatte, so muß diese verwunder- same Kraft nothwendig die Betrachtung veranlassen , wie groß die Fähigkeit der menschlichen Kräfte sey, daß sie die Kräfte der Natur durch die Kunst hat erreichen mögen. Er- siaunung und Entzückung überfallen uns, wenn wir den Menschen zu solchen vortrefflichen Wercken geschickt und tüchtig finden, und füllen uns mit prächtigen Einbildungen von unsrer Würde an. Mit dieser Verwunderung über die Nachahmungs-Kunst wächßt zugleich das Ergehen, wenn wir ferner betrachten , daß dieselbe geschickt ist , nicht alleine das Gemüthe in Bewegung zu setzen, und den Verdruß, der den Mangel an Geschäften begleitet, zu verjagen, sondern auch die Gemüthes - Leidenschaften von allen widrigen Folgen und Zufällen völlig zu reinigen, also daß wir ein reines Ergehen gemessen kön- 7§ Von der Nachahmung können, auf welches keine solche Ungelegen- heiten folgen , als die ernstlichen Bewegungen zu begleiten pflegen. Lucretius Hai solches von der Furcht angemercket, welches eine ungestüme und beklemmende Leidenschaft ist; erjagt, daß die Nachahmung sie gleichsam von aller Gefährlichkeit erledige, und alle Bangigkeit davon sondere: 8uave msri mgßno turbsiilibii8 Tenors venti? L terrs slteriub msZnum l^eüsre Isborem: 8usve elism belli ccrksminL insAiis tueri ker c3in^>os instriiÄs , tui 6ne ^srte xericll. Und diese Ueberlegung tui /ine p-n-te pericli ist eben die Ursache, daß die künstlichen Vorstellungen von erschrecklichen und furchtbaren Dingen in der Nachahmung ergetzlich werden ; welches Cicero in dem Schreiben an Luccejus, in welchem er diesen geschickten Historicus auf eine feine Art aufmuntert, die Geschichte von seinem Bürgermeister- Jahre zu verfassen, mit diesen Worten bekräftigt : l^iiiil eil Aj)tius ab cieleÄationein k.e- clor>8, gu-nn tein^ornin V3riel3tS8 , kortunre- gue vicichttiäilie8 ? c^use etii nc>bi8 o^tribileb in exj)eiienclo non kuernnt, in lebendo taincn einint sticnnclA: liebet eniin ^r^terili clolori8 lecur^i recoiclatio neleclationem: ceteri8 vero null« ^>er- /nneÜ8 ^i'o^rir, molellia , c!illi8 gntein glienos Line ullo clolois iutuemibus, eliuni ipsz mikcri- coräia der Natur. 77 ecnciia eft sticnrirlg. l^nein enürr uolsrntii i'Is nioiien8 as)uci iVlairtineairr t^airiinoirck!i8 non cunr ^rrarlanr inÜLi'-inonL cieleä-rt ? ^ui nun cke- ni^ue ftbi uvelft subet lj)icnluln , ^oÜe-i^u^iui ei ^ercoirranri clickunr eft, clvpcni» efte lalvnm: rit, etiain in vnlncriü ckolore, .r^no airiino cnin laucke inorerotur. Lusnb ftuckirnn in le^encko irair erccftruu 'I'fteinilkoc1r8 su^rr reckitri^ne rotiiw- tur? Der vierte Abschnitt. Von der Wahl der Materie. (7>As Verwundersame in der Natur , welches in ^ den Verstand leuchtet, bringt dem grösten Haufen der Menschen kein Ergehen. Unter den sinnlichen Gegenständen machen nicht alle Dinge einen gleichen Eindruck. Wahl der Urbilder nach den besondern Absichten des Poeten. Ein übelgewehlter Gegenstand bringt dem Poeten noch mehr Nachtheil als dem Mahler. Doppelter Grund des Ergehens , das von der Nachahmung entsteht, die Befriedigung des Verlangens nach Wissenschaft, und die Bewegung des Gcnruthes. Vorzug der bewegenden Bilder. Ein- schranckung der Wahl der Bilder durch die verschiedenen Gattungen Gedichte; ferner, durch die Gesetze der Ehrbarkeit. Vertheidigung einer Stelle in der Rede des Phenix zu Achilles wider la Motte. Lehrsatz der stoischen Weltwcisen wider die Ehrbarkeit. Bestraf- fung der Cynischen Poeten. Daß das Nützliche in die Absichten der Poesie einstießen müsse. Nach- 78 Von der Wahl chdem ich nun ge-eiget habe, daß die Kunst des Poereu so wohl als des Mahlers in einer geschickten Nachahmung der Natur bestehet, und daß ihre vornehmste und erste Absicht ist, die Wahrheit den Gemüthern aufeine angenehm-ergetzende Weise beyzubringen, so hoffe, mein Leser werde mir mir seiner Aufmerksamkeit nicht un- gerne zu einigen absonderlichen Betrachtungen der Materie der poetischen Nachahmung nachfolgen, da ich zu untersuchen ge- dencke, was für Kraft und Nachdruck eine geschickte Wahl der Materie den Wercken der Poesie mittheilen könne. Nach Vollendung dessen wird mir obliegen, die Vortheile und Geheimnisse der poetischen Kunst, welche sie in der Ausführung ihres Vorhabens mit so erwünschtem Fortgang anwendet , zu erklären und an das Licht zu stellen. Die Kunst muß ihre Urbilder, die sie durch eine geschickte Nachahmung sinnlich vorstellen will, in der Narur aufsuchen und bey ihr entlehnen, alldieweil das Unnatürliche uns nicht gefallen kau. Die Natur hat denen Künsten des Poeten und des Mahlers alle ihre Schätze, auch die verborgensten vor den äusserlichen Sinnen, eröffnet , und ihnen ohne Maßgebung überlassen, die Wahl unter denselben nach ihren Absichten einzurichten. Nun ist die Natur der Materie. 79 tur zwar in allen ihren Wercken über die Massen verwundersam, und ein aufmerckfa- mer Geist findet in einer tiefen Betrachtung derselben immer neue Materie zu seiner Ergetzung, und gleichsam eine unerschöpfliche L)uel!e von Vergnügen, er richte seine Gemüthes-Augen auf das uncr- forschliche Wesen derselben , und auf ihre unbegreifliche Zeugung , oder auf ihre unermeßliche Mannigfaltigkeit / auf ihren Zusammenhang/ Ordnung / Ebenmaß/ Verhältniß unter und gegen einander / auf ihre weisen Absichten / auf eines jeden Stü- kes Gestaltung / innerliche Beschaffenheit, Vollkommenheit in seiner Art, und so fort. Alle diese Betrachtungen und derselben geschickte Vorstellungen müssen ohne Aus- nahm und Unterschied einen angenehm-erleuchtenden Einfluß auf den Verstand haben : Alleine dergleichen Betrachtungen erfordern ein tiefes und strenges Nachdenken , wozu die wenigsten Menschen geschickt sind / daher auch das Verwundersame in den Wercken der Natur/ welches alleine den forschenden Verstand besiralet, für den grösten Haufen der Menschen nichts empfindliches hat/ und darum auch in ihrem Kopf ungeschmackt und ohne Ergehen ist. Die Natur hat dem Menschen ein allgemeineres und vor seine Natur bequemeres Ergehen zugedacht, dessen Genuß ihm nicht so 8o Von der Wahl so schwer ankommen sollte, aus dieser Ursache hat sie ihn mit den Sinnen, als mit Wcrckzeugen begäbet, mittelst deren die Schönheiten der Natur sich ihm durch einen blossen Eindruck ohne seine Mühe of- senbarcten; welches machet, daß auch die meisten Menschen mehr nach einem sinnlichen Ergehen streben, und mehr durch das Gefühl als durch den Verstand geleitet wer, den; denn es ist viel leichter, den Eindrü- ken folgen, welche die Sachen in der Natur auf uns machen, und die meisten Leute wissen kein ander Mittel, als dieses, sich vor Verdruß zu verwahren. Und eben dieses sinnliche Ergehen ist dasjenige, wel, ches die Dicbt-nnd die Mahler Kunst durch die Nachahmung hervorzubringen suchen; da sie nervlich sich bestreben , die Sachen so lebendig nachzubilden, daß ihre Gemählde eben dieselben Eindrücke auf die Phantasie und das menschliche Gemüthe machen, als die natürlichen Gegenstände durch die Kralt ihrer würcklichen Gegenwart thun würden. Nun lehret uns aber die unwidersprechliche Erfahrung, daß nickt alle Dinge in der Natur, die eine gleiche Wahrheit haben, auch einen gleichen Eindruck in dem Gemüthe machen , oder dasselbe mit einer gleichen Kraft rühren; nicht alle Speisen reizen den sinnlichen Geschmack auf einem gleichen Grad und mit einer gleichen Lust; wir suchen der Materie. 8r suchen den widrigen Geruch, der uns von einem Todten - Aaß in die Nase steiget, durch einen angenehmern vorsichtig zu dämpfen ; eine sanfte Musik, das murmelnde Rauschen einer Bache, und das gräßliche Gebrülle des Donners machen gantz verschiedene Eindrücke auf den Sinn des Gehöres; die Morgenröthe, die untergehende Sonne, der Zug und die Bewegungen eines Kriegs - Heeres , ein Sturm auf der See, ein Wasser-Fall, die Eißberge, die von den Schweißern Glätscher genannt werden , sind alles Sachen, die nach gantz verschiedenen Weisen auf das Gemüthe wür- cken. Folglich hat unter den Urbildern, so die Natur dem Poeten und dem Mahler zum Muster ausgestellet hat, eine vernünftige Wahl Platz, welche durch die besondern Absichten eines jeden Vorhabens bestimmet wird; und es ist auch in der That sehr viel, ja alles an dieser Wahl der Bilder gelegen, angesehen der glückliche Fortgang einer Vorstellung gröstentheils von derselben abhängt, alldieweil die Nachahmungen uns nur in dem Maasse rübrcn, als die nachgeahmete Sache selbst thun würde, wenn wir sie wahrhaftig vor Augen sahen. Dergestalt wäre es an einem Poeten oder Mahler, wie Düboß wohl an, gemercket hat, das unvorsichtigste Stücke, wenn sie solche Sachen vor sich nähmen F nach- 8r Von der Wahl nachzuahmen, welche wir in der Natur mit Gleichgültigkeit anschauen würden; wenn sie ihre Kunst anwendeten , uns Handlungen vor Augen zu stellen, die nur eine Mittel- massige Aufmercksamkeit von uns erhalten würden, wenn wir sie wahrhaftig geschehen sahen. Wie wird uns die Copie rühren können, da ihr Original selbst solches nicht vermag? Wie wird ein Gemählde vermögen, unsere Augen auf sich zu ziehen, welches einen Bauer vorstellet, der zwey Last- Thiere vor sich her treibet, wenn die Handlung , die in diesem Gemählde nachgeahmet wird, unser Gesicht nicht auf sich ziehen mag? Wir loben zwar den Mahler wegen seiner Kunst, diese Sache geschickt nachzuahmen, aber wir tadeln ihn, daß er seinen Fleiß auf Sachen gewandt hat, um die wir uns so wenig bekümmern. Ja ich muß hier insbesondere anmercken, daß der Mahler in diesem Stücke noch einen wichtigen Vortheil vor dem Poeten besitzet, welchen ihm die besondere Art der Nachahmung , der er sich bedienet, einräumet; ein Gemählde kau uns durch die blosse Schönheit der Verfertigung gefallen , ohne daß die Sacke, die es vorstellet, etwas dazu beytrage; wenn schon die Materie seiner Vorstellung nichts vortreffliches oder verwundersames an sich hat, so kan dennoch sein Gemählde durch das hohe Licht der Materie. 8 ) und die Vermischung derFarben, oder durch das Leben der Vorstellung, oder durch einen andern Vortheil der Kunst das Auge ergetzen, und in dieser Absicht schätzbar seyn; wie die künstlich, gemahleten Weintrauben des Zeuxes und des Parrhasius, und der feine Pinsel-Zug, mit welchem Apelles dem berühmten Mahler Protogenes seine unerwartete Ankunft auf der Insel Rhodus verrathen hat; diese belobten Meisterstücke haben ihren Preist nicht von der Materie ihrer Vorstellung, sondern von der Kunst bekommen, die ihre Urheber in der Nachahmung erwiesen haben / man bewunderte in den, selben den Pinsel/ der die Natur so genau hat nachahmen können, woraus erhellet/ daß eine glückliche Nachahmung den Verdienst des Mahlers am meisten erhebet. Da hingegen der Poet in der Ausführung seines Vorhabens statt der sichtbaren Farben sich der Worte und ihrer harmonischen Verbindung bedienen muß / so hat die einfältige Nachahmung eines übelerwehlten Gegenstandes keine eigentümliche Schönheit oder Kraft / durch weiche sie das Gemüthe entzücken , oder in Bewegung setzen könnte. Die Schönheiten in der Ausarbeitung machen vor sich alleine kein Gedicht zu einem guten Stücke / wie sie ein Gemählde zu einem schätzbarenWercke machen. Die Welt machet niemahls viel aus den Wercken ei- F 2 nes 84 Von der Wahl nes Poeten, der keinen andern Talent hak, als daß er es in der Mechaniek seiner Kunst hoch gebracht hat. Vermöge dieser Anmerkung bestehet der wahre Verdienst eines Poeten im wenigsten darinn, daß er ohne Wahl und Unterschied alles schildere, was in der Natur vorkömmt, und es ist bey weitem nicht das vollkommenste Lob, wenn man gleich von seinen Wercken sagen kan, daß sie wahr, natürlich und ähnlich seyn; die Poesie empfängt ihrc gröste Stärcke und Schönheit von der geschickten Wahl der Bilder. Also ist leicht zu erachten, was vor ein wichtiges Ding es um die Wahl der Materie ist, vornehmlich in poetischen Wercken. Die Kunst des Poeten und des Mahlers, suchet durch den unschuldigen Betrug der künstlichen Nachahmung eben diejenigen Eindrücke in dem G.müthe der Menschen zu erwecken , welche es von den gegenwärtigen in der Natur vorkommenden Dingen selbst empfangen würde; die Kunst der Nachahmung thut mehrers nicht, als daß ste die abwesenden Gegenstände gleichsam herbey bringet und vor Augen stellet: Also muß die Kraft und Würckung der Vorstellung auf das Gemüthe unmittelbarvon derMalerie derVor- stellung herrühren. Nun hat das Ergezen, welches die Natur und hiemit auch die Nachahmung durch die Eindrücke ihrer Vorstellungen hervorbringen, einen doppelten Grund; ange- der Materie. 8s angesehen diese Vorstellungen dienen, entweder den anqebohrnen Vorwitz und dieBe- gierde nach Wissenschaft zufrieden zu stellen, oder das Gemüthe in Bewegung zu setzen, cm fiel-» zu ziehen und einzunehmen; dasselbe in einer angenehmen Unruh aufzuhalten, es beschäftigt zu halten, und dadurch den ver- dr-ßlichen Zustand einer Bewegungs-leeren Stille aufzuheben. Ihre Absicht ist demnach, entweder uns auf ihre Vorstellungen auf- rnercksam zu machen, und zu unterrichten, oder uns denselben zuGunsteinzunehmen und zu bewegen. Darum sind auch die Gegenstände , welche uns die Natur und die Nachahmung der Kunst vorstellet, entweder lehrreich oder bewegend. Meine die Sachen, die nicht weiter bequem sind, als unsern Vorwitz zu stillen, ziehen uns nicht so sehr an sich, als die Sachen, die vermögend sind uns das Hertz zu rühren. Wenn es erlaubt ist, so zu reden , so ist der Verstand in seinem Umgang schwieriger, als das Hertz. Die Unruh und Bewegung der Gemüthes - Leidenschaften ist dem Menschen etwas so natürliches und angenehmes, daß man sag.n kan, die Menschen überhaupt empfangen mehr Beschwerde von dem Leben das ohne Leidenschaften ist, als von den Leidenschaften selbst. Gleichwie die lange Weile ihnen beschwerlicher fallt, als die Unwissenheit, so ziehen sie die Lust in Bewegung gesetzet zu F z wer- 86 Von der Wahl werden, der Lust Unterricht zu empfangen vor. Die verständigen Mahler , sagt Dübos, haben diese Wahrheit so wohl eingesehen, sie so wohl empfunden, daß sie selten Landschaften ohne Personen und öde vorgestellet haben. Sie haben sie bevölckert, sie haben in diese Gemählde irgend eine Materie hinein gebracht, dazu etliche Personen gehöre- ten, die uns mit einer gewissen Handlung in Bewegung bringen und folglich an sich ziehen könnten. Und aus demselben Grund haben auch geschickte Verfasser, die lehrreiche Gedichte verfertigen, und uns in ihren Wercken Unterricht ertheilen wollen, damit sie die Aufmercksamkeit der Leser unterhielten , ihre Verse mit solchen Bildern ausge« zieret, die hertzrührende Gegenstände abschilderten ; wie Virgil in den Büchern von dem Feldbau gethan hat; und eben daher kömmt es, daß die Leute allezeit lieber die Bücher lesen werden, die sie rühren, als die, so sie unterrichten. Demnach ist ohne Streit die Wahl solcher Materien, die bequem sind, das Gemüthe zu rühren und einzunehmen, von einer kräftigern und sicherern Würckung, als die Vorstellung der todten Wercke der Natur: Ja ich darf behaupten, daß so gar unter den bewegenden Stücken diejenigen die kräftigste Würckung haben, und das strengste Ergehen gewähren, welche die heftigsten, vngestümsten und widerwärtigsten Gemüths- Leiden- der Materie. 87 Leidenschaften, als Furcht, Schrecken, Mit- leioen, erregen, weil die Kunst der Nachahmung diese Leidenschaften, wie ich an dem Ende des vorhergehnden Abschnittes gezeigt habe, von allem würcklich Widerwärtigen reiniget; daher auch die Tragödie stärker anziehet und beweget als die Comödie. Die Wahl aber der Materie wird noch näher bestimmet und eingeschräncket durch die verschiedenen Arten und Gattungen Gedichte. Diese sind so viele ungleiche Mittel und Wege, so die Kunst der poetischen Nachahmung erfunden hat, das erbauliche Erge- zen , als ihre Haupt - Absicht zu erhalten. Unter denselben dienet das Epische Gedichte vornehmlich eine allgemeine moralische Wahrheit durch die geschickte Nachahmung einer grossen Handlung, die ihrer Wichtigkeit hal- bergantzen Nationen angelegen ist, nach ihren aussührlicbenUmständen mitErgetzen begreiff- lich zu machen; die Tragödie sticket durch die lebhafte Vorstellung eines harten und unver- mutheten Schicksals, das vornehme Personen sich durch ihre Misihandlungcn zugezogen haben, bey den Zusehern Traurigkeit, Cckrecken und Mitleiden zu erwecken, und sie auf ihre eigene Unglücks - Fälle vorzubereiten; die Comödie f hret Leute von bürgerlichem Stand auf, sie durch die Nachahmung ihrer Fehler lächerlich zumachen; die Satyrs ist ein moralischrs Straf Gedicht über ein- F 4 reisten? 88 Von der Wahl reissende Lasterda entweder das Lächerliche in denselben entdecket, oder das abscheuliche Wesen der Bosheit mit lebhaften Farben abgeschildert wird; wie diese beyden die Menschen durch die Beschämung von dem Lasterhaften abschrecken, also suchen dieLobgedichte sie durch die Erhebung ungemeiner Thaten in einen nützlichen Ruhm-Eifer zu bringen; die Schäfer-Gedichte mahlen die glückselige Einfalt und Unschuld des ersten güldenen Welt Altersmitdcn anmuthigstenFarbenab; die Elegie will dem Leser durch ihre wehmüthigen und verliebten Seufzer und Klagen eine innige und Mitleidens-volle Gemüthes- Bewegung abnöthigen ; die Ode führet uns durch ihre entzükende Verwirrung aus uns sechsten; die Sinn-Gedichte belustigen durch ihre kleinen stacheligten und scharfsinnigen Einfalle; die Lehr - Gedichte unterrichten uns auf eine ergezende und leichte Weise Don den Geheimnissen gantzer Wissenschaften oder besonderer Stücke derselben. Alle diese verschiedene Arten Gedichte geben der Materie der poetischen Nachahmung eine eigene Form, welche durch gewisse Regeln, die in der besondern Art der Nachahmung gegründet sind, gantz verschieden ausgesetzet und eingcschräncket wird. Ich halte vor unnö- thig, hier die besondern Regeln, nach welchen diese verschiedenen Gattungen Gedichte müssen eingerichtet werden , anzuführen, ich der Materie. 8 ) setze voraus, daß ein Poet sieb dieselben theils aus denen berühmten Scbrifren der allen und neuen Kunstrichter, dergleichen Aristoteles, Horatius, Boileau, Dübos,Dacier, la Motte, Fontenelle, Muratori, Addison ,Pope sind, vorher bekannt gemaebet, theils den Gebrauch derselben aus eigenen Anmerckun- gen unter Lesung der besten poetischen Stücke aus den altern und den neuern Zeiten geler- net habe. Mein Vorhaben ist alleine, einige allgemeine Anmerckungen über den Unterschied der erwähnten poetischen Formen mitzutheilen, insoferne die Wahl der poetischen Materie dadurch ungleich bestimmet wird. Ich mercke vor allen Dingen an, daß in einigen Gattungen Gedichte der Poet selbst das Wort alleine führet, in andern aber fremden Personen übergiebt. In jenen Stü- ken, in welchen der Poet das Wort nimmt, herrschet die poetische Erzehlung und Beschreibung ; da erweiset er seine mahlerische Kunst bald in der lebhaften Vorstellung der Wercke der Natur und der Kunst, bald in einer nachdrücklichen Erzehlung einer gantzen Reihe merckwürdigerBegebenheiten, bald in einer natürlichen Schilderey des verächtlichen und häßlichen Lasters in Absicht auf dessen unverständiges Betragen; bald in einer prächtigen Herausstreichung des erhabenen und bewährten Tugend-Ruhmes : Die Hertz- brechenden und beweglichen Stücke beschrei- F s den 9 ^ Von der Wahl den entweder den Schwung und den Gang der Gemüthes-Bewegungen , oder sie führen dieselben selbst auf den Schauplatz / wo sie sich in ihrer angebohrnen Sprache erklären / ja sie treiben dieselben zuweilen vermittelst der erhiztcn Einbildungs-Kraft auf einen solchen Grad der Verwirrung / daß es läßt / als wenn der Poet durch eine Begeisterung in die noch zukünftige Welt wäre entzü- ket worden / und die Dinge/ die erst noch geschehen können / als gegenwärtig vor Augen sähe. Was die dramatischen Gedichte angelanget / in welchen der Poet das Wort fremden Personen überläßt/ herrschen in solchen die Handlungen / durch welche der Ge- müthes-Zustand der Menschen deutlich charakterisiert / und gleichsam sichtbar gewachst wird ; diese Handlungen aber sind vornehmlich nach dem ungleichen Stand / Alter und Würde der Personen / welche aufgeführet werden / unterschieden/ und eben daher rühret es / daß einige von diesen Gedichten in ihrer Ausführung weit prächtiger/ andere aber gar natürlich und einfältig sind. Endlich fliesten m dem Epischen Gedichte alle andere Gattungen und Formen der besondern Gedickte gleichsam zusammen / das Epische wechselt da mit dem Dramatischen / das Tragische mit drm Comischen beständig ab; gleichwie man nun angemercket hat/ daß selten ein Mensch in allen Stücken und Gattungen der Mahlerey der Materie. Al rey vortrefflich seyn könne, so ist es sich desto weniger zu verwundern , daß die wenigsten in diesem allervollkommensten Haupt-Wercke der Poesie etwas rechtschaffenes geschrieben haben. Nun ist der Schluß leicht zu machen , daß der Poet sich in der Wahl seiner Materie allezeit nach dem Unterschied dieser poetischen Formen richten müsse. „ Die Tragischen „ Begegnissen, sagt Dübos, können nicht „ in einem Sinn-Gedichte erzehlet werden; „ dieses kan zum höchsten einen scheinbaren „ Umstand solcher Begegnisse ausnehmen, „ und in sein gehöriges Licht setzen, es kan „ uns ein Stückgen davon zur Verwunde- „ rung vorlegen, aber es kan uns damit „ nicht das Hertz treffen; die Comödie will „ keine grausamen Lasterthaten vornehmen; „ Thalia kan keine Verwünschungen thun , „ noch einer schwartzen Uebelthat die gebüh- „ rende Straffe anthun. Die Ecloga scbi- ,, ket sich nicht vor gewaltthätige und blutige „ Leidenschaften.,, Endlich wird die Freyheit des Poeten und des Mahlers in der Wahl der Urbilder durch die Gesetze der Ehrbarkeit und der Sitten in engere Schrancken gesetzet. Die Natur lehret uns durch ihr eigenes Beyspiel, daß nicht alles,was natürlich ist, den Sinnen durch die Nachahmung mit Elften könne vorgestellet werden , gestalt si» Gliedmassen des mensch» Von der Wahr menscbl>'cben Leibes eine ungleiche Ehre und Mürbigkeit zugeleget , und ewige derselben nach ibrer weisen Vorsicht von r cn Sinnen weggewendet und verstecket, damit sie denselben durcb ihre natürlichen aber eckelbaften Verrichtungen nicht beschwerlich fallen, oder sie an ibrem Ergetzen stören wogten. Da der Poet nun auch in seiner Mahl der Vorschrift und dem Exempel der Natur folgen muß , so wäre es ja thörigt gehandelt, wenn er diejenigen Gliedmassen und Verrichtungen, welche die Natur so sorgfältig verborgen hat, damit sie dem Gesichte oderGerucbe keinen Eckel verursachten, durch die Nachahmung zu den Sinnen und der Einbildung herbey bringen, und ihnen nähern wollte. Zudem hat eben diese vorsichtige Natur dem Menschen, so bald die unordentliche Lust in seinem Hertzen angestammt war, und ihn angereizet hatte, die Glieder des Leibes schändlicher Weise als Waffen der Unreinigkeit zu mißbrauchen, die Scbamhaftigkeit einge- pflantzet, die sich durch eine holde Rothe in dem Angesicht zeiget, so bald er seiner nächsten Blosse gewahr wird, und ihn hinterhält, daß er nicht über die Schränken der Ehrbarkeit hinaus schweifst, sondern alles sorgfältig verbirgt, was bey andern Menschen Anstoß und Aergerniß verursachen könnte. Eben diese schamhafte Liebe der Zucht muß den Poeten in der Wahl seiner Bilder leiten, wenn der Materie. 9Z wenn er ehrbaren und vernünftigen Gemü, thern gefallen will. Und daher entstehet denn die , die Flüchtigkeit und Ehrbarkeit in den Gemählden , wenn alles auf das sorgfältigste vermieden wird, was die scham- haftigsie Tugend nur im geringste» verle- zen könnte. Dafern aber ein Poet sich gemüssiget siehet von solchen Dingen zu reden , so muß er auch alsdann von der Natur lernen, daß er solche anstößige Dinge den Sinnen nicht von ihren eckelbaften Umständen vorlege, sondern sie durch eine geschickte Umschreibung vielmehr errathen lasse, als entdecke. Die H. Spräche ist hierinnfalls überaus züchtig und eingezogen, und die dem Israel, öemei-. XXiü. iz. 14. anbefohlene Reinlichkeit läßt sich auch in den Redens-Arten der Ebreer verspnhren. Ich will nur die einzige Ausdrückung anführen , mit welcher sie eine solche natürliche Verrichtung anzudeuten pflegen, wenn sie sagen, die Füsse decken, chn.!lc. II!. 24. 1. 8 .E. XXiv. 4. womit sie zugleich die Sorgfalt gar genau anzeigen, die bey dergleichen Geschäften muß beobachtet werden. Ich erinnere mich hier eines Fehlers, welchen der Hr. la Motte in seiner Abhandlung von Homerus an diesem grossen Poeten dieses Stückes halber ausgesetzet hat. Er tadelt nemlich, daß Homerus in der Rede des Phenix, womit er den Achilles 94 Von der Wahl les durch die Erinnerung der Pflege, die er in dessen zartesten Kindheit über sich genommen , zu begütigen gesuchet, ein gantz unangenehmes und eckelhaftes Bild habe einfiiessen lassen, welches von diesem französischen Criticus dergestalt übersezet wird. „ Wie ofte habet ihr mir den Busen voll „ gespien , wie Kinder gewohnt sind zu „ thun/ und ihre Saugammen zu bespeyen. Und er führt dieses Exempel bl. XLi. vor einen Beweißthum an / daß nicht alles/ was in der Natur ist / darum weil es in der Natur ist / zu schildern sey. Alleine wenn ich den Homerus in dem neunten V. der Alias v. 48 r. selbst einsehe / so fallt diese Beschuldigung grösientheils auf die platte und ungeschickte Uebersetzung dieses französischen Academici zurück/ mästen nichts ist, das durch pöbelhaftige / niedrige Wörter und Redens-Arten nicht könne verderbet und verunglimpfet werden / so daß auch in diesem Sinne die Anmerckung gilt: ek, Huln msle nsrrrncio pollit de^ravsrler. La Motte übersezt diese Stelle mit Worten/ die zwar die Haupt-Ideen von Homers Ausdrücken in sich enthalten / aber über dem noch einige zugesezte Begriffe, die gantz eckelhaft sind / mit sich führen. Hingegen haben die Wörter / die Homerus gebraucht hat / nichts von diesen Neben- der Materie. 95 ben - Ideen , sie bringen nur den Haupt- Begriff von der Vergiessung des Weins hervor, ohne den Eckel, den das Wort, speyen, noch daneben anzeiget. Der alte Poet drücket sich ungefehr also aus: „Du „ hattest dich auch so sehr an mich gewöh- „ net, daß es schien , du könntest ohne mich „ nicht leben. Du wolltest ohne mich bey „ niemand fremdem essen, und auch selbst „ daheim nichts kosten, wenn ich dich nicht „ auf die Knie nahm, ich mußte dir die Speisen vorschneiden, bis du dich satt gegessen hattest, und wenn ich dirzu trincken „ both, hast du mir in dieser rohen und „ unbehülflichen Kindheit die Weste oft mit „ Wein benetzet und übergössen. Also ha- „ be ich viel für dich gethan und ertragen, „ denn weil die Götter mir keine Kinder „ gegeben, die von mir entsprossen waren, ,> hielt ich dich als mein eigenes Kind, und ,, Hoffete du würdest dereinst mein Trost „ seyn, und mein graues Haupt vor allem „ Ungemach bewahren. „ Die Wörter und « 770 / 3 -vuchi haben nichts widriges in sich , jenes heiffet naß machen, bene- zen, befeuchten; dieses bedeutet eigentlich das strudeln einer Quelle, und l>i- bLmium. Auch ist hier die Rede von der ersten Kindheit des Achilles, und da ärgert man sich an kleinen Kindern nicht, wenn sie sich etwa bey allzu begierigem Trincken über- 96 Von der Wahl übergießen. Alleine wenn ich dem französischen Tadler ein Genügen thun will, muß ich nicht alleine zeigen, daß dieses Bild natürlich und um etwas erträglich sey, sondern ich muß auch die Wahl desselben vertheidigen, weil er glaubet, die Weglassung dieses Bildes würde dem Nachdruck der Rede gewaltig aufgeholffen haben. Phe- nix will den zornigen Achilles auf gelindere Gedancken bringen, er erinnert ihn darum der zärtlichen und unermüdeten Sorge, die er in dessen ersten Jahren vor seine Auserziehung getragen. Sollte diese Vorstellung ihre Würckung thun, so mußte er zeigen, daß es nicht eine gemeine Vorsorge gewesen, sondern daß sie mit vieler Verdrießlichkeit und grosser Müh vergesellschaftet gewesen. Diese beyden Stücke nun hat die Einführung des erwähnten Bildes in das gehörige Licht gesetzet, und Phenix giebt an dem Schlüsse seiner Erzehlung deutlich genug zu verstehen, daß dieses seine Absicht gewesen, v. 488. 'Nr rir/ ^ Da er nun dasjenige, was die Auferziehung verdrießliches hat, eben so wohl ausdrücken wollte, als was sie mühsames hat, so mußte er nothwendig einen Umstand er- wehlen, der einen um etwas widrigen Eindruck dek Materie. 97 druck machete, wozu sich das Uebergi'essen der Kleider trefflich wohl schickete. Und es ist so ferne daß dieser Umstand die Kraft der Vorstellung schwäche , daß er dieselbe vielmehr bis auf das höchste treibet. Man lege nur diese Worte einer Mutter, Säugammen oder Pflegerin in den Mund, so wird ihreKraftje- dermann empfindlich werden; und es wird sich wohl niemand ärgern, wenn eine solche ihrem undanckbaren Sohn als ein Zeichen der eckelhaften und verdrüßlichenMuhe seiner Erziehung vorrücket, daß er sie ofte übergössen habe. Denn daß Phenix als ein fürstlicher Herr, dieMühe der Erziehung beyAckil- les selbst auf sich genommen, ist nicht alleine ein Zeugniß der zärtlichen Liebe, mit welcher er Achilles in dessen Kindheit zugethan gewesen , und machet uns eine gute und vortheil- haftige Meinung von Achilles, sondern es ist auch nach der Gewohnheit der alten heroischen Zeiten geschehen, da es sehr üblich war, daß Melden und Fürsten die Pflege junger Helden und Fürstlicher Kinder gehabt haben. Meine damit ich wieder auf mein Vorhaben komme, so muß ich in Ansehung dieser Ehrbarkeit in den Gemählden hier auch anmerken, daß der weltweise Zeno und seine Anhänger sie nicht gebilligt haben, xlscuii enl.n iliis, schreibet Cicero , läo rein noinine gppellare , wovon der Brief dieses Römischen Weltwelsen an Patus im neun- G ten 98 Von der Wahl ten B. seiner Briefe verdienet nachgelesen zu werden , in welchem er diesen unverschämten stoischen Lehrsatz verwirfst. Mit Zeno hielt <6 eine andere berüchtigte Secte der Alten, die wegen ihrer Schamlosigkeit in den Reden und auch in den Thaten die Lausche genen- net worden. Und ich werde nicht irren, wenn ick unter diese Cynische Secte alle diejenigen Poeten zehle, welche die edle Dicht-Kunst nöthigen, unter der Fahne derWollustDien- ste zu thun, und mit der Keuschheit, Zucht und Ehrbarkeit Krieg zu führen. Ich meine hier nicht die heidnischen Poeten, welche ihr Religions-Spstema und das Exempel ihrer Görcer in ihren unreinen Lüsten gestärcket, mästen sie mit dem Wahn eingenommen waren , daß sie durch die Ausübung derselben denjenigen ähnlich werden könnten, welche von ihnen angebetet wurden ; sondern ich rede von solchen, die sich vor Verehrer einer Gottheit ausgeben, die aller Unreinigkeit feind ist, die auch selbst die ersten Regungen derselben zu unterdrücken befiehlt, und um jedes garstige Wort Rechenschaft fordert; welche dennoch ihre meiste poetische Arbeit nur dazu mißbrauchen, daß sie die Mfwaliungen und Auebrücke der unreinen Lüste auf das natürlichste ausdrücken, und bey ihren Lesern eben dergleichen Regungen erwecken. Der sel. Hr. Doctor Ra ..bach har in der Vorrede zu seinen poetischen Fest-Gedanckcn, wo er der Materie. 99 er von demMißbrauche und recbtenGebrauche der Poesie handelt § z § 8> mit einem billigen Eifer über die mehr als cynische Schamlosigkeit und das grosse Aergerniß geklagt, das eine starcke Anzahl der deutschen Poelen dadurch angerichtet bat, und die Gefahr, in die sieb solche cynische Dichter muchwilli- ger Weise stürtzen, klärlich vor Augen gelc- get. Ich verweise auch meinen Leser zu dieser Abhandlung, welche wohl werth ist, baß sie mit Bedacht gelesen werde, und begnüge mich nur noch die kurtze Anmerckung hinzu zu setzen, daß solche ärgerliche Rennen-Schmiede sich vergebens schmeicheln, mit ihren unflätigen Zoten und schlüpfrigen Allusionen ehrbare und zuchtliebende Gemüther zu belustigen, Massen das Ergehen, welches die Poesie gebühren soll, der Ehrbarkeit nicht anstöffig, uud hingegen der Glückseligkeit des Menschen beförderlich seyn soll. Noch muß ich zu ihrer mehreren Beschämung gedencken, daß die verständigen Kunst- Lehrer unter den Heiden selbst den Poeten unter ihren andern Regeln die Beobachtung der Ehrbarkeit vorgeschrieben haben; also hat Hermogenes in seinem vierten B. einen Abschnitt gesetzet» Daselbst führt er ein Beyspiel aus Menan- der an, wo dieser die Schwächung einer Tochter mit dem Worte außdrücket: »«5. Wobey er diese Anmerckung hinzusetzet: G ,2 Px-7- IQO Von Der Wahl 'lUca'/xiM, erk^vor-kf« X-'/sv 51^- öko-k,. Er fuget ferner bey : Lonsi'c-iiur j^icur cjjAnitaz in wrpikuäine: vel 6 nomcu cum no- rnine coinniuteinu« : gut, cjuoä 6r^e 6t, 6 res non ex^)on!>tur, cmn omnino türkis eii : ieci iinte rcm 6cri 6o!em, 6c in ierinonil>U8 3Ai- lari, 6c cjun rein lnr^ein eonie^nuntur: ^nL neeei6irio gierte 6c cnin 6iAnitate 6Ani6eent etiinn ea c^n» 6Ientin ^rXtereuntur. 61t g^uct l^Ioineruin Oävip. x'. 7r«^>A?rnc',ir rc«?oe ik>/-f 'rrxx,/ öV kc?k< 7"5Xk7r. Hie crvr8<7E inciiern-it, cnm yo6uit c^u?e ante rein 6c con^re/Honein 5oIent 6eri , virAineain solvit rnnriin : 6c qnia klääicüt, c^nse ^06 con- bietuäinein 6nnt: 6i»:c vero Aravicis baölki ^e^e- rit, c^nein pe^criile cleceliüt. Horatius hat schon angemercket, daß die Gelehrten gantz ungleiche Meinungen von der wahren Absicht der Poesie hegen, indem einige das Ergehen, andere das Nützliche , noch andere beydes zugleich vor den Hauptzweck der Poesie angegeben haben: Hnt proöelle volunt, snt äeIeÄ3re poet«, ^ul 6mul 6c iucunäL ä iäoncL ciicere vitse. Alleine dieser Streit laßt sich leicht beylegen, wenn man einmahl bedencket, daß diePoesie, insoweit sie eine Kunst ist, die in der Nachahmung der Materie. roi abmung bestehet, nothwendig ergehen muss, uns oann ferner, daß alle Künste und Wissenschaften zu der Beförderung der menschlichen Glückieligkeit müssen gebraucht werden; dergestalt, daß folglich das Ergehen selbst ein Mittel abgeben muß, das Wohlseyn desMenschen zu befödern, gleichwie in derThat die edleren Künste durch das Ergehen den Wohlstand des Gemüthes, die mechanischen Künste aber die Vollkommenheit des äusserlichen Zustandes suchen. Woraus sich denn schlössen läßt, daß nichts in seinem rechten und vernünftigen Gebrauche könne ergötzlich seyn, was nicht zugleich nützlich ist. Demnach öffnen diejenigen, welche das Nützliche von dem Ergötzlichen sondern, zu dem schändlichsten Mißbrauche der Künste Thür und Thor, und machen solche zu Werckzeugen der garstigsten Lüste. Wenn ich dann sage, daß das Ergehen der Hauptzweck der Poesie sey, so verstehet sich da nicht ein schädliches Ergehen, welches seinen Ursprung vondemLasternimmt, und den schlimmen Lüsten schmeichelt, sondern das ist ein Ergehen, welches der Vernunft und der Würdigkeit der menschlichen Natur gemäß , und auf das Wahre und Gute gegründet ist, oder wenigst ein unschuldiges Ergehen, das der Ehrbarkeit und Tugend nicht nachteilig ist. Ein Poet ist zugleich ein Mensch, ein Bürger und Christ. Auf dieser; Titeln beruhet seine Vortrefflichst) z keik ior Von der Wahl keit und Würde, und die Hoffnung einer zeitlichen und ewigen Glückseligkeit. Nun verdienet aber dasjenige den Nahmen eines wahren Ergetzens nicht, dessen Genuß den Menschen seiner Würde entsetzet, und ihn von der wahren Glückseligkeit entfernet; folglich muß das Ergetzen, welches die poetische Kunst gewähren kan, den Menschen zur Beobachtung der natürlichen, bürgerlichen und christlichen Pflichten aufmuntern, und also seine Glückseligkeit zu befördern dienen. Der Poet ist derowegen alleine darinne von dem Weltweisen, dem Sitten, und dem Staats «Lehrer unterschieden, daß er diejenigen moralischen und politischen Wahrheiten, die das Gemüthe zum guten lencken können , auf eine angenehm - erge- zende, allgemeine und sinnliche Weise vor- Met. Also ist auch kein Zweifel, daß nicht die Dicht-Kunst um so viel höher zu schätzen, und vor vollkommener zu achten sey, jemehr sie zu der Glückseligkeit der Menschen beyträgt. Wenn nun dieselbe nicht alleine durch das Ergetzen einer geschickten Nachahmung belustigt, sondern auch das Gemüthe durch das Nützliche verbessert , so hat sie ihre grösseste Vollkommenheit erreicht: Omne tulit puiiÄuiu Hut milcuit utlle ctulci. Folglich muß ein Poet, der das höchste Lob der Materie. IOZ Lob erlangen will, sieb einig darauf befleis- sen, daß er zwar hauptsächlich ergetze, aber zugleich auch dadurch Nutzen schaffe. Die Poesie ist zu allen Zeiten von vernünftigen Kennern vor eine Lehrerin der Weißheit und Tugend und vor eine Fördererin der menschlichen Glückseligkeit angesehen worden, sie dienete gleich in ihrem ersten Gebrauche nach Aristoteles Bericht in dem vierten Cap. seiner poetischen Kunst theils zur Verherrlichung der Götter, theils zur Beschämung der Lasterhaftem; und die Fabel, die ein wesentliches Theil von der Dicht- Kunst ausmachet, hat jederzeit der Sitten- und der Staats-Lehre nützliche Dienste gethan, indem sie die Unterrichte dieser Wissenschaften mittelst ihrer Kunst auf eine angenehme Weise in die Gemüther der Menschen eingespielet hat. Die Geschichte des Menenius Agrippa kan uns ohne mehrerS davon überzeugen. Dieser kluge Römer hat durch die geschickte Fabel von der Empörung der Glieder wider den Magen die Aufruhr der Bürgerschaft von Rom gestil- let. Also war die Poesie in ihrem Ursprung und rechten Gebrauche zur Verehrung Gottes, zur Besserung des Nebenmenschen, und zu einer unschuldigen Aufmunterung und Belustigung des Gemüthesgewiedmet: Aber so bald diese edle Gabe des Himmels durch den schädlichen Mißbrauch entweihet wor- G 4 den> IO4 Von der Wahl den, ward sie nach und nach zu einem schändlichen Werckzeuge der drey vornehmsten lasterhaften Neigungen, der Wollust, der Ehrsucht, und des Geitzes gemachet, und mußte diesen Tyrannen als eine gefangene Sclavin dienen. Wenn man inzwischen die besondern Arten Gedichte, ihre verschiedene Gestalt und ihrenZweck einstehet, so zeiget sich noch klarer, daß das Ergehen der Poesie sich noch ferner die Erbauung zu seiner lezten Absiebt setzen, und dieselbe durch verschiedene Wege müsse befördern helffcn. Was zwar die kleinern Gattungen der Lyrischen Gedichte betrifft, als die Oden, Cantaten, Madrigale, Elegien, Sonnete u. a., so kan man nicht immer fordern, daß sie allemahl grossen Nutzen schaffen, allermassen sie zu einer unschuldigen Kurhweil dienen, und daher genug ist, wenn sie nur den vornehmsten und Haupt- Zweck der Poesie, nehmlich das Ergehen, gewähren. Alleine die grösser« Hauptstücke der Poesie, als die Epopee, das Trauerspiel, die Comödie, die Satyre, anbelangend, ist unstreitig, daß diese Gattungen Gedichte nicht das blosse Ergehen, sondern die Besserung des Willens zum Zwecke haben. Das epische oder heroische Gedichte ist eine Schule für den Leser, wo er zu hohen , tugendhaften und großmüthigen Unternehmungen aufgewecket und vorbereitet der Materie. tet wird; und die Epische Fabel hat allezeit eine nützliche Hauptlehre in sich; in der Tragödie kan man die Abwechselungen des menschlichen Schicksals erlernen, mittelst des Schreckens und des Mitleideus die Affekten der Leute reinigen, und die Mächtigen durch das Beyspiel anderer, die sich selbst durch ihre Tyrannie in das grösie E- tend gestürtzet haben, von Grausamkeit und Gewaltthätigkeit abhalten; die Comödie stellet uns die Mängel gemeiner Personen vor Augen, und ist ein Spiegel des bürgerlichen Lebens, damit die Haus-Väter unter dem Vvlck lernen, ihren Haushaltungen vorstehen, ihre eigenen Fehler verbessern, und sich an ihrem Stand begnügen. Derowegen muß ich die Poesie nicht nur als eine Kunst betrachten, die in der Nachahmung bestehet, sondern als ein Geschencke des Himmels, und ein köstliches Werck- zeug, dadurch Wahrheit und Tugend eingeführet und das Laster verjaget wird. Und diesemnach muß ein Poet in der Wahl seiner Materie nicht alleine auf das Wahre und Neue sehen, und es ist nicht genug, daß seine Vorstellungen natürlich und wunderbar seyn, sondern sie müssen auch ehrbar und nützlich seyn ; hiemit müssen sie die Erleuchtung des Verstandes und die Besserung des Willens zum Zwecke haben; an welchen beyden Stücken die Glückseligkeit G 5 des io6 Von dem Neuen. des menschlichen Lebens einig hangt, und ohne welche kein wahi'hafres und eigentliches , vernünftigen Geschöpfen anständiges Ergetzen statt haben kan. Der fünfte Abschnitt. Von dem Neuen. vd^Acht der Gewohnheit über die Eindrücke der Na-- tur. Kraft des Neuen und Ungewohnte», daS Gemüthe zu rühren. Das Neue eine Mutter des Verwundersamen. Verknüpfung des Neuen mit dem Wahren. tzierinncn bestehet das poetische Schöne. Das Wunderbare ist der höchste Grad des Neuen. Die Natur ist ein unerschöpflicher Brunnen des Neuen, worinnen man beständig zu schöpfen findet. Das Kleine ist so verwundernswürdig als das Grosse, wenn es ungewohnt ist. Longinus wird hierüber erkläret. Nothwendigkeit und Gebrauch des kleinen in der Natur. Wie das poetische Auge in etwas kleinem solche Schönheit sehen kan, die dem körperlichen Gesicht verschlossen ist. Die Neuheit lieget nicht in den Sachen , sondern in den Begriffen. Die Dichtung ist die reichste Quelle des Neuen , und mittheilet sich den meisten. Das poetische Schöne ist an keine Zeit und an keinen Ort angebunden. Der Poet muß sich nach den Landes - Gewohnheiten richten. Lob der Wahl der Materie von dem verlohrnen Paradiese in Absicht auf die unveränderlichen Gebräuche der Personen, 5> darinnen vorkommen. Ich Von dem Neuen. 107 muß hier wiederholen, was ich in dem vorhergehnden Abschnitte über die Wahl der Materie angemercket habe,nem- lich, daß die Absicht der Natur bey denen verschiedenen Eindrücken, so sie durch ihre Vorstellungen auf das menschliche Gemüthe machet, zweyfach sey; eine daß sie dasselbe durch die Schönheit ihrer todten Werke aufmercksam mache, und sein Verlangen nach Wissenschaft durch einen lehrreichen Unterricht befriedige; eine andere, daß sie sein Gemüthe durch starcke und heftige Eindrücke rühre, an sich ziehe, und dadurch angenehm beschäftigt halte; wobey ich ferner gezeiget habe, daß in diesen beyden Würckungen der Grund alles desjenigen Vergnügens zu suchen sey , welches die Natur und die künstliche Nachahmung derselben zuwegebringet. Dieser Anmerckung gemäß, müßte nun die glückliche Nachahmung der Wercke der Natur nothwendig eine von besagten beyden Würckungen thun, und das Gemüthe nach der einen oder der andern Weise mit einem empfindlichen Ergehen anfüllen. Dieses würde in der That also geschehen, wenn nicht auf Seite des Menschen die betäubende Gewohnheit diesen Würckungen allen Zugang und Einfluß in das Gemüthe versperrere. Die Macht dieser Gewohnheit ist so groß, daß sie die Sinnen bindet, uns aber Empfindung beraubet Von dem Neuen ro3 raubet, und in eine achtlose Dummheitversen- ket; so gar, daß uns weder das Schöne noch das Grosse, weder das Lehrreiche-, noch das Bewegende im geringsten rühren kan, wenn es uns täglich vor Augen schwebet, und wir mit ihm allzu sehr bekannt werden. Die lieblichste Aussicht vermehret durch die Gewohnheit alle Annehmlichkeit für uns; ein Bootsmann, der des Meers gewohnt ist, höret das Toben der ergrimmten See und das Brausen der Wellen mit fast gleichgültigem Gemüthe an; einem wohlgeübten Kriegömann ist das Gebrülle der Carthau- nen, das Metzeln, und die Verheerung eine Kurtzweil; die Erschütterung der Erden wird von den Nachbarn des VesuviuS nicht sonderlich geachtet; ja die Gewohnheit machet uns nicht selten so unachtsam, daß wir auch die grösten Wunder der Natur nichts achten. Unser Opitz beklaget solches in seinem Vesuvius: Dieß alles ist Natur : Wir aber sind so gar Gebender und verstockt, daß wir in allen Wercke» Des weisen Schöpfers Macht und Ordnung nimmer mercken, Als wenn was neues sich, wie schlecht es auch mag seyn, Für unsern Augen zeigt. Wie herrlich ist der Schein Der edcln Sonne doch; noch wirfst man das Gesichte Gar selten zu ihr auf! Wenn aber ihrem Lichte Ein trübes Finsterniß wird in den Weg gesezt, Da lauft der Pöbel zu, da wird es hoch geschah, Und furchtsam angeseh'n. Wir armen Leute pflegen Mehr Von dem Neuen- IO9 Mehr etwas, welches fremd, als groß ist, zu erwegen: Und da was untergeht, so zittern wir dadey, Als ob nicht alles hier bey gleichem Rechte sey, Was unterm Himmel ist. Das ist es, was Longinus in der fünf und dreyffigsten Abtheilung vom Erhabenen mit diesen Worten will zu verstehen geben: kch- Tlvkitz'vv Üb 'ro ^ Was die Menschen zu ihrem nothwendi- " gen und täglichen Gebrauche vonnöthen " haben, das hat gemeiniglich nichts erha- benes an sich, angesehen es nichts seltenes, „ sondern leicht zu bekommen ist: Hingegen „ ist das Außerordentliche allezeit ver- „ wundersam.Die Erfahrung hat diese Wahrheit genugsam bestätigt; das blosse Anschauen einer blühenden Aloe, eines Cro- codils, eines Elephanten, kan uns mit einer angenehmen Bewunderung überraschen; die Erzehlungen von den Geschichten, Gebräuchen und Gewohnheiten der ältesten Völcker, die auf Erden gewöhnet haben, bringet uns ein besonderes Vergnügen, und unsere Neu- gierigkeit verstehet uns mit so viel Gedult und Fleiß , als vonnöthen ist, den kleinsten Umständen in ihren Gebräuchen mit der beschwerlichsten Mübe nachzuforschen; die Beschreibungen der Reisen zu den entlegensten Völkern des Erdbodens sind unser angenehmster und HO Von dem Neuen. und beliebtester Zeit-Vertreib. Mit was für Ergehen vernehmen wir die seltzamen Zeitungen, welche uns die Sternseher und übrigen Schüler der Natur von den entferntesten himmlischen und andern Cörpern, von ihrer Ordnung, Grösse, Anzahl, Beschaffenheit, und von des Schöpfers weisen 'Absichten mit denselben, gebracht haben! Was zeiget uns nun dieses alles? Daß nicht alles, was natürlich und wahr ist, die Kraft habe, die Sinnen und das Gemüthe auf eine angenehm-ergehende Weise zu rühren und einzunehmen, sondern daß diese Gabe alleine dem Neuen, Ungewohnten, Seltzamen , und Aufferordentlichen zukomme; zumahl da auch das Schöne, das Grosse und Verwunder- same selbst uns ohne den Schein der Neuheit nicht bewegen kan. Also ist es nicht genug, daß die Schildereyen eines Poeten auf die Wahrheit gegründet seyn, wenn diese nicht mit einer ungemeinen und ungewohnten Neuheit gepaaret gehet. Das poetische Wahre ist der Grundstein des Ergehens, weil das Unnatürliche und Unmögliche uns niemahls gefallen kan: Aber die Neuheit ist eine Mutter desWunderbaren, und hiemir eine Quelle des Ergehens. Selbst die philosophische Wahrheit, die auf die Erleuchtung des Verstandes zielet, kan uns nicht gefallen, wenn sie nicht neu und unbekannt ist; niemand laßt sich gerne immer vorsagen, die Sonne mache Von dem Neuen. m mache helle, die Menschen können sterben, und s. f. Und aus dieser Ursache hat die Fabel schon in den ältesten Zeiten ihren Ursprung bekommen, weil man nemlich bedacht seyn müssen, dem Menschen durch dieses Mittel die nützlichsten, aber zugleich bekanntesten moralischen Wahrheiten auf eine angenehme Weise beyzubringen. Wahrhaftig, nichts zeiget deutlicher daß das Wunderbare allemahl angenehm ist , als der Fleiß , den ein jeder, der etwas erzehlet, anwendet, die Wahrheit aufzuputzen , und ihr einen Zusatz zu geben, damit sie den Zuhörenden desto gefälliger werde, wie Aristoteles in seiner poetischen Kunst angemercket hat. Wenn ich demnach sage, daß das Neue und Ungemeine die einzige Quelle des Erge- zens sey, welches die Poesie hervorbringet, so begreiffe ich unter diesem Titel des Neuen alles dasjenige, was nicht durch den täglichen Gebrauch und Umgang bekannt undgewohnt, und daher auch in demWahne der Menschen gering und verächtlich worden ist; hiemit alles , was selten gefunden wird, was der Zeit oder des Orts halber von unserer Einsicht allzuweit entfernet ist, was mit unsern Begriffen , Sitten und Gewohnheiten nicht übereinstimmet, und eben durch seinen frem- denAufzug die Sinnen kräftig einnimmt, und eine aufmerksame and angenehme Bewunderung in uns verursachet. Da wir nun alles, Von dem Neuen. IIL alles, was uns gefällig, ist und uns belustiget, schön zu nennen pstegen, uns aber nichts gefälligseyn, noch uns belustigen kan, als was aufdieWahrheitgegründetund dabey neu ist, so sehen wir zugleich, worinnen das poecisthe Scioäne bestehet, nemlich, es ist ein hell leuchtender Strahl des Wahren , welcher mit solcher Kraft auf die Sinnen und das Gemüthe eindringet, daß wir uns nicht erwehren können , so schwer die Achtlosigkeit auf uns lieget, denselbigen zu fühlen; es ist unsere angebohrne vorwitzige Begierde nach Wissenschaft , mit einem Abscheu gegen alle Unwissenheit vergesellschaftet. Wie nun eine jede Begierde ein angenehmes Vergnügen hinterläßt, wenn sie des vermeinten Gutes, wornach sie sich sehnet, theilhaftig wird, also wird auch unser Verlangen nach Wissen niemals ohne Ergehen gespeiset. Je neuer demnach, je unbekannter, je unerwarteter eine Vorstellung ist, desto grösser muß auch das Ergehen seyn. Nun aber kan nichts neueres seyn, als das Wunderbare, das uns durch das blosse Ansehen entzücket und mit Verwunderung anfüllet, und folglich ist auch nichts angenehmer. Wenn die Sache , die mir der Poet oder der Mahler vorstellet, der Zeit oder des Ortes halben von mir entfernet ist, so werde ich ihnen verbunden , wenn sie mir dieselbe durch ihre Kunst Herbeybringen, daß ich sie als mit meinen Augen . Von dem Neuen. nr Augen betrachten und bewundern kan, der- massen, daß ich ungeachtet der Entfernung des Ortes und der Seit die seltzamen Schicksale des Ulysses, des Eneas, des Oedipus, die Belagerung der Stadt Thebe, den Brand Trojens, die Sachen und die Personen vor mir gegenwärtig habe, sie handeln und reden höre, fast auf die Weise, wie mir die äusserlichen Sinnen solche hatten se, hen und hören lassen, wenn ich zu derselben Zeit und auf demselben Platz zugegen gewesen wäre. Was jezo die Wahl und Erfindung neuer Sachen und Wahrheiten angehet, die uns durch den blossen Vortheil ihrer Neuheit einnehmen und gefallen können, so muß man sich nicht einbilden, daß diese Quelle des Schonen und Neuen zu unsern Zeiten gantz- lich verseuget oder sonst erschöpfet sey ; vielweniger muß man sich bereden lassen, dass der nach neuem begierige und erpichte Fleiß des Menschen in der Zeit von etlichen Jahrtausenden schon alles erdacht und erfunden habe, was sich hat sagen lassen, so daß nichts mehr zurücke, und uns nichts als der Ruhm geschickter Uebersetzer übrig geblieben, wie jener in Terentzen Comödie geglaubt, der gesagt hat: keNnt cliÄum elt, yuo6 non ciiAum 6t priu?. Denn die Natur ist in ihrem Vermögen un- H erschöpf- H4 Von dem Neuen. erschöpflich und in dem Fleiß ihrer Arbeit gantz unermüdet , das Reich der Natur ist so geraum nnd weitlauftig, hingegen sind die menschlichen Sinnen so blöde und einge- schränckt, daß auch die allergrößte Fertigkeit des menschlichen Geistes viel zu schwach ist, den Reichthum der Natur in ihrem unbegrantz- rcn Umfange nur mit den Gedancken zu ermessen, geschweige durch die Nachahmung zu erschöpfen. Die blosseEinbildungvvn der Möglichkeit ihrer Erschöpfung leget das deutlichste Zeugniß von der hochmürhigen Unwissenheit dessen ab, der sie heget, und giebt eine nicht geringere Vermessenheit zu erkennen, als jenes Knaben, der das Welt-Meer in eine kleine an dem Ufer ausgescharrete Grube abzuzapfen vermeinete. Der nachforschende Fleiß der Menschen wird in dem Reiche der Natur immer neue Materien finden, seine Neugierigkeit zu speisen, und je tiefer er in ihre Geheimnisse eindringet, je lebendiger wird er den unerschöpflichenAbgrund derselben erkennen , und sich tausendmahl eher müde als satt sehen. Wie leicht würde man sich E. bereden lassen, die Natur müßte in der verschiedenen Bildung des menschlichen Angesichts nunmehr alle ihre Kunst erschöpfet haben, und es könnte künftighin unmöglich mebr ein Mensch gebohren werden, der nicht einem andern, so vor ihm gewesen ist, vollkommen gleich aussehen müßte, wenn uns Von dem Neuen. uns nicht die Erfahrung ein anders zeigte ? Es ist auch so ferne / daß der Vortheil, welchen diejenigen genossen haben, die vor uns gewesen sind, uns den Muth zu neuen Unternehmungen beschneiden sollte, daß uns vielmehr ihr Exempel aufmuntern und uns die guteZu- versicht beybringen kan, wenn wir diesen Riesen auf die Schultern stehen, werden wir noch viel weiter sehen können, als sie gesehen haben. Wenn diese faule und Arbeit-scheue Zaghaftigkeit jene Römischen Dichter, welche in allen Theilen der Wohlredenheit die vollkommensten Muster der Griechen vor ihnen gehabt hatten, eingenommen hätte, oder wenn noch in den jüngst vergangenen Zeiten Mokiere, Corneille, Racine, Boileau) Mil- ton, Pope, Opitz, Haller, sich durch dergleichen Wahn hätten niederschlagen lassen, wo wären ihre berühmten und unsterblichen Wercke, die kein Rost derZeitenjemahlsverzehren wird? Ja was noch mehr ist, man beliebe sich vorzustellen, wie sehr nur seit Opitzens Zeiten die Künste und Wissenschaften durch den scharfsinnigen ,vleiß grosser Geister in allen absonderlichen Theilen gestiegen sind, und erweitert worden ; welches uns in Ansehung der Materie der Nachahmung einen unbeschreiblichen Vortheil über die Alten ertheilen würde, wenn wir nicht zu langsam und ungeschmeidig wären, uns dessen zu bedienen. Da also die Geheimnisse der Na- H 2 riitf 116 Von dem Neuen. tur, und hiemit die Minen des verwunderst men Neuen in den Schriften unsrer heutigen Weltweisen aufgeschlossen vor Augen liegen, so bleibet mir nichts mehr übrig, als diesem, gen , die sich über den Pöbel unsrer heutigen Meister-Sang r und Reim.-Bezwinger erheben wollen, aufzumuntern , daß sie sich «us diesen Castalischen Brunnen berauschen. Es gilt auch hier: - - - - Lui lects potenter erit res, vtec tsenncilL lieferet Uunc nee lucicius or6o. Und was Phäder von den Esopischen Fabeln gesagt hat, können wir mit eben so viel Reckt von der Materie aller anderer Gattungen Gedichte sagen: ksateris tSnts svundst copis Usbor» tsber tit cieUt, non fsbro Isbor. Wer solches in Ansehung der Tragödie und der Comödie ausgeführet lesen will, der sehe Dübos kritische Betrachtungen über die Poesie und die Mahlerey nach, in dem sieben und zwanzigsten Abschnitte des ersten Th. Ich habe mir zuweilen in Gedancken vorgestellet, was vor unbeschreibliche Vortheile ein heutiger Lucretius nur mittelst der rohen Materie seines Gedichtes durch die blosse Neuheit und Seltzamkeit seiner Vorstellungen dem römischen Poeten abgewinnen Von dem Neuen. 117 nen könnte, und die Versuche, welche die deutschen Poeten einige Jahre daher, durch das Exempel des geschickten Hrn. Brockes aufgewecket, in dieser Art Gedichte an das Licht gesiellet haben , machen die Hoffnung bey mir rege, daß die Tage nicht mehr ferne seyn, die uns einen Poeten hervorbringen werden, der sich die bedeuteten Vortheile rechtschaffen zu Nutze machen, und dadurch sich über den Ruhm der Alten hinaufschwingen wird. Dieses, was ich von meinen Landsleuten erst hoffe, können die Engelländer an dem vortrefflichen Gedichte ihres berühmten Pope auf den Menschen würcklich ausweisen, welches sie in Absicht auf die Neubeit der Materie allen dogmatischen Gedichten der Alten mit Recht vorziehen dörfen. Diese allgemeine Betrachtung des poetischen Schönen, Neuen und Wundersamen , welches dem Wahren alle Kraft und Starcke, auf das menschliche Gemüthe einzudringen, mittheilet, muß ich nun mit einigen absonderlichen Anmerkungen begleiten , damit ich meine Gedancken in ein klares Licht setze, und gegen allen Widerspruch verwahre. Ich erkläre mich demnach zum ersten, daß ich diese entzückende Anmuth und verwundersame Kraft der Neuheit allerley Dingen ohne Unterschied ihrer Grösse oder Kleinigkeit beylege. Es scheinet zwar, H z daß 118 Von dem Neuen. daß alleine das Hohe unh Grosse verwun- dernswürdig sey, und eL hat daö Ansehen, als wenn Longinus in der.Myf und dreys- sigsien Abtheilung vom Erhabenen dem Kleinen das Vermögen, eine angenehme Verwunderung in der Brust zu erwecken, abschlagen wolle, indem er sagt: „ Das Ho- „ he und schöne behält in allem die Ober- „ Hand; deßwegen bewundern wir, gleich- „ sam aus einem natürlichen Triebe, nie- „ mahls kleine Bäche, sie mögen auch noch „ so klar und nützlich seyn; wohl aber den „ Nil, die Donau, den Rhein, und um „ so viel mehr den grossen Ocean: So „ wird auch ein Feuer, das wir selbst an- „ gesteckt,'ob es gleich beständig helle leuch- „ ret, nicht so sehr von uns bewundert, „ als jene grossen Lichter am Himmel, ob „ sie gleich zuweilen verdunckelt werden: -- Wie wir dann nicht weniger die Oef, „ nung des Berges Aetna bewundern, durch dessen Schlund aus dem innersten Ab- „ gründe grosse Steine nebst gantzen Felsen- Stücken geworffen, und feurige Schwefcl- „ Ströhme ausgcgoffen werden. „ Nun will ich in der That gerne einräumen, daß das Grosse in Vergleichung mit dem Kleinen von einer gleichen Art einen weit stär- kern Eindruck auf die Sinnen mache, und alleine die Kraft habe uns in Erstaunen zu setzen, zumahl da wohl bekannt ist, daß Von dem Neuen. 719 «in stärkerer Eindruck den schwacher» alle-» mabl auslöschet; welches eben das ist, was Louginus mir den angeführten Beyspielen beweisen wollte: Mit dem allem aber ist es so fern, daß das Grosse vor sich selbst eine genügsame Kraft haben sollte, Verwunderung zu erwecken, daß es so wohl als das Kleine alle Kraft gar vermehret, wenn es nicht neu und ungewohnt ist. Der tägliche Auf - und Untergang der Sonnen rühret uns ohne Vergleichung minder, als die Erscheinung eines Cometen oder einer feurigen Luft-Geschickte , und eine prächtige Erleuchtung von Kertzen bringet uns, wenn sie uns ungewohnt ist, mehr Ergeben , als eine Nacht, die von dem leuchtenden Monde und dem gantzen Sternen- Heer helle gemacket wird. Und auf diese Weise hat auch derjenige Unbekannte den Sinn des Longinus verstanden, der in der Überschrift dieser Abtheilung den Jnnhalt derselben mit denen Worten begriffen hat, lö , 8 T'o xs/vov sonst wurde er dem Kleinen das 'Grosse entgegen gesetzet haben ; zumahl da das Grosse nicht weniger als das Kleine -c-E, gemein und gewöhnlich seyn kan. Das Kleine ist in der Schöpfung eben so nothwendig, als das Grosse, und dienet so wohl zu der Harmonie des Gantzen als dieses, ja dieses Heiffet nur in Vergleichung mit dem Klei- H 4 nen I2O Von dem Neuen. nenso; es wäre nichts grosses, wenn nichts kleines wäre, jenes bestehet aus diesem. Zudem ist die Natur in dem Kleinen eben so groß und wunderbar als in dem Grossen; Kerum nritura nmgiz gurun in inini- ,ni>! torr, , sagt Plinius im eilften B. seiner Historie der Natur; und in der Vorrede zu dem sieben und dreißigsten B. in m--Imn co- nckri rerniu natui'g: nnijeil-is innlri8 nulla kni par- re inii-Mlior. Ja ein Reaumüre findet in dem Kleinen noch weit mehr Kunst , als in dem Grossen. Die Saft-Kügelgen, welche in den Jnsecten ihren Circkel-Lauf durch alle die kleinen Lebens-Gefässe derselben fortführen , düncken ihn der Bewunderung besser würdig, als die Bewegungen der himmlischen Sphären. Da die Poesie eine Nachahmung der Schöpfung ist , muß das Kleine eben so wohl als das Grosse seinen Platz darinnen haben. Es gehöret nur die Sorge dazu, daß es am rechten Orte und im gehörigen Lickt gesetzet werde, welches einen gesunden Verstand, der mit einem gewissen Vorsatz schreibet, und weiß , was vor Eindrücke er an jedem Ort auf das Gemüthe machen soll, und was vor Sinnbilder solches zuwegebringen, nicht schwer ankommen wird. Aristoteles gehet noch weiter, und vernei, net in dem vierten B. seiner Sittenlehre ausdrücklich, daß das Kleine könne schön ge- nennet werden: „ Die Großmuth,sagt er, ,, beste- Von dem Neuen- 121 ^ bestehet in der Grösse der Seelen, eben „ wie die Schönheit in einer gemessenen „ Grösse des Leibes. Junge Leute können, ,> wenn sie klein sind , wohl artig und wohl- ,, gemacht, aber nicht schön genannt wer- „ den. „ Und in seiner Poetick will er weder dem allzu grossen noch dem allzu kleinen den Nahmen des Schönen zugestehen. „ Nichts allzu kleines kan schön seyn , sagt ,, er im siebenden Cap. § 5. weil das Gesicht sich in einer Sache verliehret, von der „ man einen schier unvermerckten Blick ein- „ nimmt. Auch nichts allzu grosses kan schön ,, seyn, weil man es nicht auf einmahl über- siehet, und indem man seine Theile nach „ und nach, einen nach dem andern, siehet, den Begriff von dem Gantzen verfehlet, ,, wie wenn man ein Thier zehntausend Sta- diagroßübersähe.,, Aus diesem könnte nun jemand den Scbluß ziehen wollen , daß hie- mit auch in der Poesie das Schöne undVer- wundersame weder bey allzu grossen, noch bey allzu kleinen Dingen statt haben könne. Alleine man beliebe sich hier vorzustellen, daß der griechische Weltweise von der Schönheit der sichtbaren Dinge redet, insofern dieselbe durch das menschliche Auge entdecket wird; er nimmt daher dieses Wort in einem gar engen Verstand, und setzet die wesentliche Schönheit körperlicher Dinge in einer Ordnung und Uebereinstimmung der Theile, die H 5 dem 122 Von dem Neuen. dem Gantzen eine gleichgemessene Grösse mittheilet. Nun ist es zwar ohne Streit, wenn das Gantze so klein ist, daß man die Theile desselben nicht mebr deutlich unterscheiden kau, oder wenn das Gantze so ungeheuer ist, daß man kaum einige absonderliche Theile davon auf einmahl übersehen kan, so kau man beydemahl nicht sagen , daß uns etwas von dieser Art als schön vorkomme: Gleichwohl hindert dieses nicht, daß etwas nicht schön sey, wenn dessen Schönheit gleich unsrem blöden und eingeschränckten Gesichte verborgen ist, und wir die Ordnung und Harmonie der Theile mit dem blossen Auge nicht genugsam entdecken können. Es kan seyn, daß dieses alles in einen geschärften und vergrößerten Gesichtes-Sinn weit schöner fällt; man erinnere sich nur, wie viele vormahls verborgene Schönheiten das Auge, mit einem Vergrösserungs - Glase be, waffnet, uns in der Welt der kleinen Dinge entdecket hat. Da nun der poetische Pinsel das Vermögen hat, dem Gemüthe diese Schönheiten des Kleinen so wohl als des Grossen, die dem blossen Auge unbekannt sind, recht lebhaft vorzuwählen, so ist daraus offenbar, daß das poetische Schöne in dem Kleinen wie in dem Grossen Platz habe, und daß die poetischen Schildereyen dem Verstände auch in sichtbaren Dingen solche ver- wundersame Schönheiten vor Augen legen können, Von dem Neuen. !2Z können, die dem sinnlichen Auge gantz verschlossen sind. Zu diesem kömmt noch, daß wir unter dem Nahmen des poetischen Schö» nen alles begreiffen, was das Gemüthe des Lesers durch die poetische Vorstellung entzü- ket, und mit einem süssen Ersetzen erfüllet; diese Würckung aber führen, wie oben erwiesen ist, alle Dinge mit sich, die in der Wahrheit gegründet und dabey neu und ver- wundersam sind, sie kommen gleich in ihrer nackenden Gestalt den äusserlichen Sinnen groß oder klein , angenehm oder widerig vor. Eine andere Anmerckung, die sich auf die Natur dessen gründet, was wir neu und verwundernswurdig zu nennen pflegen, bestehet darinn, daß einigen etwas in der Natur als fremd, seltzam, neu und wunderbar vorkommen kan, was andern gantz bekannt und etwas gewöhnliches ist, daher es denn auch bey diesen seine angenehme Kraft zu bewegen verliehret. Diese verwundersame Neuheit in den Vorstellungen lieget demnach eigentlich nicht in denen Sachen, die uns vorgestellet werden , sondern in den Begriffen dessen , der von einer Vorstellung nach seiner Empfindung urtheilet; und das ungleiche Urtheil, welches von dem Neuen gefallet wird, rühret theils von der ungleichen Gelegenheit her, die dem Menschen in dieser Welt vergönnet ist, sich nach dem zufälligen Stan- 124 Von dem Neuen. Stande seines mit Werckzeugen der Sinnen begabten Cörpers, mit gewissen Gegenständen mehr, mit andern weniger bekannt zu machen; theils entstehet es von der ungleichen Fähigkeit und dem daher rührenden verschiedenen Maasse der Erkänntniß; welches Ursache ist, daß noch unerfahrne Kinder alle Sachen ohne Unterschied mit einer dummen Bewunderung angaffen, weil ihnen alles fremd, neu und seltzam vorkommen muß. Niemand wird sich vornehmen, erwachsene Männer, die Witz und Erfahrung haben, mit dergleichen Erzehlungen und Mährgen, an welchen er die Kinder sich belustigen siehet, erfreuen zu wollen. In die Classe der Kinder gehöret aller Pöbel des menschlichen Geschlechtes, der sich um die Erkänntniß der Wahrheit nicht bekümmert , und in derselben ein Kind ist. Dengle non omnes csäem mirsntur sinanl^uc. Vey dieser Bewandtniß, da das verwun- dersame Neue nicht in den Sachen selbst, die uns auf eine angenehme Weise entzücken , stecket, sondern in dem Urtheil der Menschen nach dem ungleichen Maasse ihrer Erkänntniß, ist es unmöglich, die Kraft, eine angenehme Verwunderung zu erwecken, die ich dem poetischen Neuen zugeeignet habe, an gewisse absonderliche Gegenstände und Arten der Vorstellung eigentlich zu binden Von dem Neuen. 127 binden und einzuschräncken: Doch kan man überhaupt sagen, daß die Dichtung die reicheste Quelle des Neuen und Verwun- dersamen sey; und, daß das Neue, welches sie aus ihrem eigenen Grund und Boden an das Licht hervorbringet, allgemein und jedermann zu rühren fähig sey; vornehmlich aber thut es diese Würckung auf einem hohen Grade auf diejenigen , für welche die Poesie eigentlich gewiedmet ist. Diese gehöret unter die ^itss und muß beflissen seyn, das Ergehen des grossen Theils der Menschen zuwege zu bringen , und nicht bloß etliche wenige an Verstand , Wissenschaft und tiefer Einsicht, über das gemeine Looß der Menschen erhabene Geister zu befriedigen; für solche ist die Poesie nicht erfunden worden, weil dieselben eines höhern, edlern, und von den Sinnen gantz abgezogenen Ergehens fähig sind. Die nackete Wahrheit hat für diese so viel anzügliches, daß es ihnen nothwendig verdrüßlich fallen muß, wenn ihre Schönheiten ihnen aus dem Gesicht entzogen und Verstecket werden, ob dieses gleich durch den prächtigsten Schmuck der Kleidung geschähe. Jedoch weil auch solche erhabene Geister einen Gefallen daran haben müssen, wenn die Wahrheiten, von ihnen durch tiefes Nachsinnen oder sonst erkannt, allgemein gemachet werden, so muß die Poesie, 126 Von dem Neuen. sie, als das bequemste Mittel dazu, bey ihnen dennoch in einem hohen Werth stehen. Was nun insbesondere die nach Zeit und Ort so verschiedenen Gewohnheiten, Sitten , Gebrauche, und Meinungen gantzer Völcker anbelanget, so muß man freylich gesteben, daß das poetische Schöne in die- . ser Absicht am wenigsten an eine besondere Zeit oder Ort kan gebunden und festgestellet werden, alldieweil diese Sachen durch ihre stete Veränderung den Begriff von dem Schönen, und den Preist des verwun- dersamen Neuen in diesem Stücke zugleich mitvcrändern. Was zu einer Zeit vor schön, anständig und vcrwundersam gehalten worden, das kan bey geänderten Sitten in Vergleichung mit neuen Begriffen von dem Schönen einen gantz widrigen Eindruck machen. Auf diesen Grund hat der Herr Datier über das fünf und zwanzigste Capitel der Poetick des Aristoteles eine gute Anmerckung gemachet: „ Virgil, „ sagt er, hat nicht alle Sachen vor brauch- „ bar gehalten, die Homerus gebraucht ,» hat, denn etwas, das in dem Welt- „ Alter des griechischen Poeten verwunder- „ sam war, hätte zu Augusts Zeit übel mö- „ gen arrfgenommen werden, darum muß „ ein Poet feine Erdichtungen nach der Ge- „ müthes-Art, dem Naturell, den Gewvhn- heilen und Sitten seiner Zeit und feines „ Landes Von dem Neuen. 127 „ Landes einrichten. „ Und dieses giebt mir Anlaß, beyläuftig die erwehlete Materie des vortrefflichen Miltons von einesVor- theils wegen zu rechtfertigen, der bißdahin nochjvon niemand bemercket oder erkanntwor- den. Solcher bestehet darinnen, daß sich schwerlich eine Materie zu einem ausführlichen Gedichte, da nur blosse Menschen aufgeführet werden, wird finden lassen, welches in Vorstellung der Sitten den Beyfall nicht nur einer, sondern aller christlichen Nationen wird erhalten können, und das nicht mit dem Lauste der Zeit in diesem Puncten einen Abgang an Schönheiten zu befahren habe: Da hingegen die Sitten rmd Gebräuche derer Wesen, die Milton aufgeführet hat, dießfalls ausser Gefahr find, weil sie nicht von mehr als einer Art seyn können, hiemit unveränderlich sind, und sich in der göttlichen Offenbarung gründen, die ewig fest bleibet, und daran alle vernünftigen Christen immerfort eine wahre Lust haben. 128 KZ ( o ) M Der stchßte Abschnitt. Von dem Wunderbaren und dem Wahrscheinlichen. (^As Wunderbareist die äusserste Stafeldes Neuen. Natur des Wunderbaren. Verbindung des Wunderbaren mit dem Wahrscheinlichen. Natur des Wahrscheinlichen. Was in dem wcitlauftigsten Verstände wahrscheinlich sey. Die Bedeutung dieses Wortes wird enger eingeschrancket. Grund der Wahrscheinlichkeit in der Uebereinstimmung mit den gegenwärtigen Gesetzen der Natur. Ein andrer Grund derselben , der in den Kräften der Natur bestehet. Genauere Grundsätze des Wahrscheinlichen. Der Poet stellet das Wahre als wahrscheinlich , und das Wahrscheinliche als wunderbar vor. Unterschied in den menschlichen Urtheilen von dem Wunderbaren und dem Wahrscheinlichen. Bezaubernde Kraft der Verbindung des Wunderbaren und des Wahrscheinlichen. Erste Quelle des Wunderbaren, das von dem möglichen Zusammenhange der Dinge nach andern Absichten, als der gegenwärtige hat, entstehet. Allegorische Art der Fabel, da der Poet neue Wesen erschaffet. Exempel derselben in Königs befriedigtem Elbe - Strohme. Von Einmischung allegorischer Personen unter historischen. Exempel von Homers Vorstellung dcr Zweytracht in dem Begleite des Krieges - Gottes. Dergleichung derselben mit Virgils Beschreibung des Gerüchtes. Königs Einführung der Zweytracht und der Eintracht in dem ersten Gesänge von dem Lager. Grund der Wahrscheinlichkeit der allegorischen Wesen. Esopische Art der Fabel, da die Wesen zu einer hohem Natur erhoben werden. Eine andere Quelle des Wunderbaren entsteht von der unsichtbaren Welt der Götter uyd Von dem Wunderbaren rc. 129 und Geister. Vertheidigung .Homers gegen die Beschuldigung , daß er seine» Göttern die Schwachheiten der Menschen angedichtet habe. 5>rrEr meine gegebene Erklärung von dem ^ Neuen, als der Urquelle aller poetischen Schönheit, vor Augen hat, wird leicht ge- dencken können, daß auch dieses Neue seine verschiedenen Grade und Staffeln haben müsse, je nachdem es mehr oder weniger von unsren Sitten abgehet, und sich entfernet. Nach dem Grade dieser Entfernung wachßt und verstärkt sich die Verwunderung, die durch das Gefühl dieser Neuheit in uns entstehet; wenn denn die Entfernung so weit fortgehet, biß eine Vorstellung unsern gewöhnlichen Begriffen, die wir von dem ordentlichen Laufe der Dinge haben , entgegen zu stehen scheinet, so verliehret sie den Nahmen des Neuen, und erhält an dessen statt den Nahmen des Wunderbaren. Sobald ein Ding, das das Zeugniß der Wahrheit oder Möglichkeit hat, mit unsren gewöhnlichen Begriffen zu streiten scheinet, so kan es uns nicht bloß als neu und ungewohnt vorkommen , sondern es wird das Gemüthe in eine angenehme und verwundernsvolle Verwirrung hinreisten, welche daher entspringet, weil wir mit unserm Verstand durch den reizenden Schein der Falschheit durchgedrun- gen, und in dem vermeinten Widerspruch 2 ein Izo Von dem Wunderbaren ein geschicktes Bild der Wahrheit und eine ergezende Uebereinstimmung gefunden haben. Demnach ist das Wunderbare in der Poesie die äusserste Staffel des Neuen , da die Entfernung von dem Wahren und Möglichen sich in einenWiderspruch zu verwandeln scheinet. Das Neue gehet zwar von dem gewöhnlichen Laufe und der Ordnung der Dinge auch ab, doch entfernet es sich niemahls über die Grantzen des Wahrscheinlichen, es mag uns in Vergleichung mit unsern Gewohnheiten und Meinungen noch so fremd und seltzam vorkommen, so behält es doch immer den Schein des Wahren und Möglichen. Hingegen leget das Wunderbare den Schein der Wahrheit und Möglichkeit ab, und nimmt einen unbetrüglichen Schein des Falschen und Widersprechenden an sich; es verkleidet die Wahrheit in eine gantz fremde aber durchsichtige Maßke, sie den achtlosen Menschen desto beliebter und angenehmer zu machen. Jn demNeuen herrschet dem Scheine nach das Wahre über das Falsche; in dem Wunderbaren hat hingegen der Schein des Falschen die Oberhand über dasWahre. Ich begreiffe demnach unter dem Nahmen des Wunderbaren alles, was von einem andern widerwärtigen Bildniß oder vor wahr angenommenen Satze ausgeschlossen wird; was uns, dem ersten Anscheine nach, »unsren gewöhnlichen Begriffen von dem Wesen der Dinge, und dem Wahrscheinlichen, r z r Dinge, von den Kräften, Gesetzen und dem Laufe der Natur, und allen vormahls erkannten Wahrheiten in dem Licht zu stehen, und dieselben zu bestreiken düncket. Folglich hat das Wunderbare für den Verstand immer einen Schein der Falschheit; weil es mit den angenommenen Sätzen desselben in eft nem offenbaren Widerspruch zu stehen scheinet: Alleine dieses ist nur ein Schein, und zwar ein unbetrüglicher Schein der Falschheit ; das Wunderbare muß immer auf die würckliche oder die mögliche Wahrheit gegründet seyn, wenn es von der Lügen unterschieden seyn und uns ergehen soll. Denn wofern der Widerspruch zwischen einer Vorstellung und unsren Gedancken eigentlich und begründet wäre, so könnte eine solche keine Verwunderung in uns gebähren, eben so wenig, als eine offenbare Lüge oder die Er- zehlung von lediglich unmöglichen und un- gläublichen Dingen den Geist des Menschen rühren und belustigen kan; und falls das Wunderbare aller Wahrheit beraubet seyn würde, so wäre der gröbeste Lügner der beste Poet, und die Poesie wäre eine verderbliche Kunst. Die Poeten sind dem Junius Brutus gleich, der witzig und gescheut war, ob er gleich dem König Tarquinius, dem Stolzen, als wahnwitzig vorkam, weil er sich mit Fleiß angestellet, als ob er im Hirn verrü- ket wäre, damit er seine Anschläge und An- I - stuft I z r Von dem Wunderbaren stalten der,Tyrannie dieses Fürsten ein Ende zu machen, unter dieser Verstellung desto sicherer verbergen möchte. Also sind auch die vermeinten Deliria und Ausschweiffun- gen der poetischen Phantasie mit einer ver- wundersamenUrtheils-Kraft begleitet, und ein bequemes Mittel, die Aufmercksamkeit der Menschen zu^erhalten, und ihre Besserung zu befördern. Das Wunderbare ist demnach nichts anders, als ein vermumme- tes Wahrscheinliches. Der Mensch wird nur durch dasjenige gerühret, was er glaubt; darum muß ihm ein Poet nur solche Sachen vorlegen, die er glauben kan, welche zum wenigsten den Schein der Wahrheit haben. Der Mensch verwundert sich nur über dasjenige, was er vor etwas ausserordencliches hält; darum muß der Poet ihm nur solche Sachen vorlegen, die ausser der Ordnung des gemeinen Laufes sind ; und diese beyden Grund-Negeln, die einander so sehr entgegen zu laufen scheinen, mit einander zu vergleichen, muß er dem Wunderbaren die Farbe derWahrheit anstreichen, und dasWahr- scheinliche in die Farbe des Wunderbaren einkleiden. Auf einer Seiten sind die Begebenheiten , die aufhören wahrscheinlich zu seyn, weil sie allzu wunderbar sind, nicht fähig die Menschen zu rühren ; auf der andern Seiten, mächen die Begebenheiten, die so wahrscheinlich sind, daß sie aufhören wunderbar und dem Wahrscheinlichen, i;; derbar zu seyn, die Leute nicht aufmercksam genug. Mit den Meinungen hat es eben die Bewandtnis, wie mit den Begebenheiten. Die Meinungen, die nichts wunderbares in sich haben , dieses mag in der Großmüthigkeit oder in der Zueigenung der Meinung, oder in der Nettigkeit des Gedanckens, oder in der Nichtigkeit des Ausdruckes bestehen, scheinen platt. Jedermann, heißt es, hatte dieses gedencken können. Hingegen scheinen allzu wunderbare Meinungen falsch, und über die Schnur getrieben. In den Romanen von Amadiß, von Lancellot, und andern irrenden Rittern, fehlet es fürwahr an Wunderbarem nicht, im Gegentheil sind sie damit angefüllet, aber ihre Erdichtungen ohne Wahrscheinlichkeit, und ihre allzu wun- derthatigen Begebenheiten verursachen bey Lesern von geseztem Urtheil, die an Virgil und seines gleichen einen Geschmack finden, lauter Eckel. Kurtz, das Wunderbare kcm einem richtigen Kopf weder gefallen, noch Ergehen bringen, wenn es nicht mit dem Wahrscheinlichen künstlich vereinigt, und auf dasselbe gegründet ist. Weil nun in dieser Verbindung des Wunderbaren mit dem Wahrscheinlichen die vornehmste Schönheit und Kraft der Poesie bestehet, so würde ich auf halbem Wege stehen bleiben, wenn ich nicht jetzo die Natnr des poetischen Wahrscheinlichen erklarete, nach- I Z dem IZ4 Von dem Wunderbaren dem ich die Natur des Wunderbaren erkläret habe. Nach diesem wird ein leichtes seyn, ein jedes von diesen beyden Stücken in seine gehörigen Gräntzen einzuschliessen. Ick verstehe durch das Wahrscheinliche in der Poesie alles, was nickt von einem andern widerwärtigen Begriff, oder für wahr angenommenen Satze ausgeschlossen wird, was nach unsren Begriffen eingerichtet zu seyn, mit unsrer Erkenntniß und dem Wesen der Dinge und dem Laufe der Natur übereinzukommen , scheinet; hiemit alles , was in gewissen Umständen und unter gewissen Bedingungen nach dem Urtheil der Verständigen möglich ist, und keinen Widerspruch in sich hat. Dieses Wahrscheinliche gründet sich demnach auf eine Vergleichung mit unsren Meinungen , Erfahrungen, und angenommenen Sätzen, nach welchen wir unsrenBey- fall einzurichten, und die Glaubwürdigkeit einer Vorstellung zu beurtheilen pflegen, und es bestehet in einer Uebereinstimmung mit denselben.Hiemit ist es nicht dem lediglich Unmöglichen, wie das Wahre, sondern dem Wunderbaren, welches nur einen Schein der Falschheit hat, entgegen gesetzet. Ich habe an einem andernOrre angemercket, daß in dem weitläuftigsten Verstände alles kan wahrscheinlich genennt werden, was durch die unendliche Kraft des Schöpfers der Natur möglich ist , hiemit alles, was mit denen und dem Wahrscheinlichen, i z 5 ersten und allgemeinen Grundsätzen/ aufweichen alle Erkenntniß der Wahrheit beruhet/ in keinem Widerspruch stehet. Das Unmögliche und sich selbst Widersprechende hat auch in der Macht des Schöpfers keinen Grund der Wahrheit / und der menschliche Verstand kan solches keinesweges begreiffen. Also ist unmöglich/ daß etwas zugleich seyn und nicht seyn / so und änderst seyn könne; daß etwas ohne einen zureichenden Grund seiner Würck- lichkeit seyn könne; daß einTheil so groß siy, als sein Gantzes; daß zwo grade Zahlen mit einander verbunden eine ungrade Zahl ausmachen , und so fort. Was mit diesen und andern dergleichen sich selbst beweisenden Grundsätzen streitet / das ist eine offenbare Lüge / und hat in keinen Umständen und unter keiner Bedingung einigeMöglichkeit; angesehen es auch lediglich unmöglich ist/ daß durch die göttliche Kraft selbst etwas von dieser Art seyn könne. Das Unwahrscheinliche in der Poesie hat allemahl eine Möglichkeit schlechterdings zureden/ die in der Macht des Schöpfers der Natur gegründet ist; es uot Nmt corpore l'oc viriles ocoli subtcr, mirskilc äiüu, (pluinT, 'I'ot IrnAUL , tociciein ors sonsnt , tot subriAlt sures. Wodurch er zwar das Wunderbare erhöhet / aber das Wahrscheinliche darunter schier erstreiket. Da auch diese Person nach seiner eigenen Erinnerung l'stn 66ii prsvi^tie tensx c^tiLm nuntis vcri» so kan ich nicht wissen, warum er sie so erschrecklich vorstellet, als monürum irorren^ chiin. Und wenn er das Maaß ihrer Grösse nach der homerischen Zweytracht mißt, ksrvs mctu priino, mox se5e sttollit in surss, InZrcciicutilie solo, cL csput intcr nubiis conciit, so hat Macrobius guten Grund gehabtem vierzehnten Cap. des fünften B. anzumerken (Uiocl Hoinern8 cle Lontentione lioc iclein ^laro äe ksinaälxit, leä inconArue. bsec^us enim X^tisitint rirAUinentg contentioni; öckrunT.' <^uis conleiuio , etli uss^ue sä inutuas v-iliatio- ne8 ae bella ^rocellerit, aclliuc contentio elk, A msnet i^6r c^uL crevit: k'ama vero cum in ilnmenttun ^roöit, Lama eile jgin äeliuit, 6t uotio rei jam coZnitL-. (chiig enün jsm 62- K 4 IUE isr Von dem Wunderbaren nranr vocet , cmir i'es aü^rra a rerr?. irr coeluin nora lrt ? Dcinde rrec i^kain ^)^ei^c>!en ^onrit «c^rmre. Ills coeluirr clixit; bic auras ju8 j^omerici loci inntAtionein volebal iniererc : nec tarnen Inrinanis viribuz illanr 6ivi- nitatein nbic^ne ^oterat rr^uare. WtNN denn die Phantasie des Lesers mit diesen grossen Ideen angefüllet auf die folgenden Verse kömmt: I.uce leitet cuktos sut summt culmme tecti, N'rmribus sut silis. , . , So werden diese hohen Begriffe auf einmahl zernichtet. Sonst ist auch Virgil mit dergleichen allegorischenPersonen so sparsam als Homerus selbst; hingegen hat Lucamis dieselben ohneMaaß und Ende angebracht. Ich erinnere mich auch hier, daß unter den deutschen Poeten der Hr. Hofrath König in seinem Gesänge von dem Lager bey Radewitz, die Einholung betitelt, die Zweytracht und die Eintracht zusammen auf den Schauplatz geführet, und mit Beschreibung derselben schier zweyhundertVerse angefüllet hat, welches den fünften Theil des Gedichtes, das aus tausend Zeilen bestehet, ausmachet. Ich bekenne zwar mit Vergnügen, daß diese Beschreibung , wenn sie als ein abgesondertes Gedicht und dem Wahrscheinlichen. r5 z Gedichte betrachtet wird, viele mahlerische Schönheiten hat, und daß der Poet dem Homer und Virgil glücklich nachgeahmet; aber da sie in einem historischen Gedickte ein, getragen wird, und die Aufmercksamkeit des Lesers mehr bemühet, und langer aufhält, als selbst ein Haupt-Stück der bistorischen Erzehlung , so verlichret sie alle Wahrscheinlichkeit, und derPoet batvergessen, was er in der Vorrede verheiffen hat: „ Ich werde „ mich solcher Erdichtungen auf das allerbe- „ hutsamste bedienen, da ich die Ehre habe, „ eine Geschichte, die erst vor kurtzem zu „ unsern Zeiten vorgegangen, nicht aber eine „ blosse Fabel aufzuführen. „ Indem die hohen Gaste an der Tafel sitzen, das Frühstücke einzunehmeu, verlaßt er sie und damit die Haupt-Materie plötzlich, und führt euch ohne einige Vorbereitung in eine Welt des Epicurus hin, wie Opitz dieselbige nennet, er halt euch eine gute Zeit darinnen auf, beschäftigt den Verstand mit emblematischen Vorstellungen und Bildern, und wenn ihr dann die erstere Materie gantz vergessen badet, so bringet er euch einesmahles wieder auf die Stelle, wo ihr die frühstückenden Gäste verlassen hattet. Als ich dieses Gedicht das erstemal)! las, so war mir bey dieser Stelle nicht änderst, als wenn ich bey der Tafel in Gorisch über dem frühstücken ein- geschlaffen wäre, und dasjenige rm Traume K s gese-- l 54 Von dem Wunderbaren gesehen hatte, was der Poet chor^ Zysten Verse biß zum 5sssten erzehlet, ich erwache- te zu allem Glücke, da sie gleich von der Tafel aufstuhnden, doch war das Frühstück Verschlüssen. Der Poet hat diese Unrichtigkeit selbst gespüret, und sie damit verbessern wollen , daß er diese chimärischen Personen unsichtbar erscheinen ließ: Sie ward zwar nicht geseh'n, doch überall verspürt, * * Als sie sich nun herab recht vor das Aelt geschwungen, Ward uns ein Segens-Lied durch sie selbst vorgesungen. * * * Ward aber nicht gehört, nur innerlich empfunden. Meine damit entfernet er sie noch mehr von derWahrscheinlichkeit: Und wenn sie unsichtbar waren, wozu dienet denn die weitläufti- ge Beschreibung ihrer Gestalt, Kleidung, ihres Aufputzes? Zu diesem allem kömmt noch, daß in der Materie des gantzen Gedichtes nichts zu finden ist, was euch eine so gewalt- thatige Entführung euer selbst sollte vermuthen lassen. kiiÄs voluptstis csuls lint proxims veris, dlcc ouoclcungue volet polest libl lsbuls crecli. Diese allegorischeWesen haben den Grund ihrer Wahrscheinlichkeit zum Theil in den Meta- und dem Wahrscheinlichen. 155- Metaphoren und andern verblümten Redens-Arten, welche in der Poesie allen leblosen Dingen die Empfindung, die Rede und die Gedancken mittheilen; und die meiste» allegorischen Beschreibungen sind nichts anders, als eine Sammlung und Verbindung solcher verblühmten Redens-Arten, die einzeln und zerstreuet gantz gewöhnlich sind, und niemanden mißfallen; und darinnen lieget auch der Grund, warum eine allegorische Beschreibung nicht zu weitläuftig , und ihre Bedeutung offenbar seyn muß. Zum Theil aber beruhet dieseWahrscheinlichkeit darauf, daß der Wahn der Menschen geneigt und gewohnt ist, sich alles unsichtbare unter einem körperlichen Bilde, und alles, wovon eine Würckung herrühret, als eine Person vorzustellen. Was waren die heidnischen Gottheiten anfangs anders als allegorische Personen, bis ihnen die Leichtgläubigkeit der Menschen eine würckliche Exisientz verliehen hat? Und hat sie nicht das Licht der christlichen Religion aus historischen Personen wiederum in allegorische erniedrigt? Ferner, da wir in dem Christenthum wissen, daß die Engel diejenigen Rüstzeugs und Mittel sind, durch welche Gott seinen allmächtigen Willen und seine Rathschlüsse gemeiniglich ausführet, so ist ja nichts gewohnteres, als daß wir die Kräfte, die Gott in die Natur geleget hat, weil sie unsichtbar und würck- 1 s6 Von dem Wunderbaren sam sind, oder auch die Triebräder und Mittel, die er in Ausführung ferner Gerichte brauchet, als Geister und würckliche Personen ansehen. Es leidet eine gesunde Auslegung , was Aratus in feinem Gedichte von den Sternen gleich beym Anfange bezeuget: Alle Gegenden sind von Gott erfüllet, alle „ Versammlungen der Menschen, das Meer „ ist voll von ihm und das Gestade... Welches mit dem übereinkömmt, was der Apostel PaulusinseinerRedezu denAthenern hat einflieffen lassen: In ihm leben, weben, und sind wir. Daher auch Brockes angemercket hat: Die Heiden haben dort bald Nymphen, bald Naiaden, Dryaden, und Hamadryaden Im Wasser , Feld und Wald erdacht, Die gleichsam jedes Kraut theils machten, theils vcrsorg- Dieß war zwar schädlicher Abgötterey (teil. Verworfne Brüt und eitle Fantasey, Die nun die Christenheit mit allem Recht verlacht: Doch die zu Gottes Ebr geschäst'ge Geistigkeiten, Die der Gewächse Pracht, den Schmuck der Busch'und Vermuthlich zubereiten, (Bäume Sind nicht wie jene leeren Träume. * » * Wer aber ihre Zier, Pracht, Farben und Figur, Nutz, Eigenschaft, Geruch und Würckung der Natur Betrachtet und besteht, Der glaubt fast offenbar zu sehn, Wie unbekannte Griffigkeiten, Auf und dem Wahrscheinlichen. 157 Äuf ibres Schöpfers Wert und einziges Geheiß, Zu seinem Ruhm in ungehemmtem Fleiß Mit unsichtbarer Hand solch künstlich Merck bereite Was endlich diejenigen Wesen anlanget/ die der Poet zu einer Hähern Würde und in den Rang vornehmer Geschöpfe erhebet/ wenn er zum Exempel den leblosen Dingen die Empfindung / und den Thieren die Gedancken und die Rede mittheilet/ so ist dieser Personen halber anzumercken, daß sie nicht tüchtig sind / eine Rolle in einer poetischen Handlung zu spielen / ausgenommen / wenn es eine Handlung in einem Apologv ist. Worauf die Wahrscheinlichkeit derselben sich gründe / ihren Ursprung und ihre gantze,, Natur will ich hiernachst in einem eigenen Abschnitte untersuchen / weil es eine Arbeit von tiefen Betrachtungen ist / die eine weitläuftige Abhandlung erfodern. Wenn wir denn ferner aus der Welt dieser phantastischen Wesen / die alleine in dem Gehirne der Poeten erzeuget / und von dem Wahne der Menschen ernehret werden , in die unsichtbare Welt der Geister hinüber gehen / so eröfnet sich uns eine neue Quelle des Wunderbaren. Denn da die Götter und Geister in allen Religionen vor Wesen von einer andern und höhern Natur / als die menschlicheist/ angesehen und geglaubet worden , da sie an sich uncörperlich und unsichtbar I f8' Von dem Wunderbaren bar sind, da ihre Macht, ihre Wissenschaft und andere Vollkommenheiten alle menschlichen Begriffe weit übersteigen, so müssen die poetischen Vorstellungen aus der Welt der Geister in dem höchsten Grade wunderbar seyn. Die Geheimnis-Lehren undWun- derwercke haben in allen Theologien dem Scheine nach und in Vergleichung mit den Begriffen der menschlichen Vernunft etwas widersinnisches; uud was die wahre Theologie insbesondere angehet, so gründet sich das Wunderbare in derselben auf den göttlichen Ausspruch: Meine Wege sind nicht wie eure Wege, und meine Gedancken sind nicht wie eure Gedancken. Der scharfsinnige Dübos hat darüber in seinen kritischen Betrachtungen über die Poesie und die Mahler-Kunst §. XXIll. folgende Anmerckung gemachet: ,, Die Wunderwerke unserer Religion ha- „ den eine Art von Wunderbarem in sich, ,, welche sich in den Fabeln desHeidenthums „ nicht findet. Man kan sehen, wie glück- ,, sich sie Corneille indemPolyeuctesundRa- „ eine in der Athalia behandelt hat. Wenn „ man Sannazar, den Ariosio und andere „ Poeten tadelt, daß sie in ihren Gedichten „ die christliche Religion eingemenget haben, „ so geschieht dieses, weil sie nicht mit der „ Ehrfurcht, der Hohheit und der Würde „ davon geredet haben, als sie von uns er- ,, fodert, weil sie die Fabeln des Heiden- „ thums und dem Wahrscheinlichen. i59 „ thums unter die Wahrheiten unserer Re^ „ ligion gemischet haben, weil sie, wie Boi- „ leau gesagt hat, in christlichen Materien „ auf eine thörigte Weise Abgötterei) treiben. „ Man tadelt sie, daß sie nicht gesehen ha- „ ben, daß es der Vemunft zuwider wäre, „ damit ich nichts harters sage, in Sachen, „ die unsre Religion angehen, sich eben so ,» viele Freyheit zu erlauben, als Virgil sich „ in der seinen herausnehmen dorfte. „ Ich bin nicht gesonnen, mich an diesem Orte in eine weitlauftige Untersuchung dieser Materie einzulassen, und die Verbindung des Wunderbaren mit dem Wahrscheinlichen, insofern sie in dergleichen Vorstellungen aus der unsichtbaren Welt Platz hat, in dogmatischen Sätzen und Regeln abzuhandeln. Mein werthester Freund Hr. Bodmer hat sich die Mühe gegeben, das vortreffliche epische Gedicht des berühmten Miltons, des christlichen Homers, von dem Verlust des Paradieses, welches so wohl in Ansehung seiner Materie, als der Kunst des Poeten den Nahmen eines göttlichen Gedichtes verdienet, gegen die Anklagen der Herren Magny, Voltaire, und einiger andern zu vertheidigen, und da ihre schwersten Beschuldigungen auf die Wahl der allzu hohen und wunderbaren Materie, welche nach ihrer Meinung in der Nachahmung keiner Wahrscheinlichkeit fähig ist, hinauslaufen, so wird mein Leser diese wichtige i so Von dem Wunderbaren wichtige Materie nach allen ihren besondern Stücken in dieser Schutzschrift für Müton ausgeführet vor sich finden. Damit ich auch denselben nicht weit verweisen müsse, ist besagte Schrift als eine Zugabe zu gegenwärtigem Wercke geleget worden. Hier will ich nur noch eine allgemeine Anmerkung hinzufügen, welche zur Vertheidigung Homers dienet. Man hat ihn beschuldigt, daß er seine Götter von ihrer Hohheit und Würde abgesetzet, sie in sterbliche Menschen verwandelt, ihnen menschliche Leidenschaften, Zufälligkeiten und Schwachheiten, zum Ex. Zancksucht/Rachgier,Verwundungen, Thränen , zugeleget, und nach Longins Anmerkung in der neunten Abtheil. sie dadurch elender vorgestellet, als die Menschen sind, weil er nicht ihre Natur, sondern ihr Elend ewig gemachet habe. Alleine diese Beschuldigung ist eben so ungereimt, als wenn sie es ihm vor ein Verbrechen anschreiben wollten, daß er kein Christ gewesen. Sie zeiget nichts mehrers, als daß die heidnische Gottes - Gelahrtheit , wenn man sie bey dem Lichte der wahren und durch die göttliche Offenbarung gereinigten Vernunft betrachtet , nur einen leeren Schein des Wunderbaren in sich habe^ in der That aber gantz abentheurlich nnd ungereimt sey: weil sie in diesem reckten Gesichtes Punct nicht die geringste Wahrscheinlichkeit übrig behält, sondern und dem Wahrscheinlichen, i sondern mit allen gesunden Begriffen von der göttlichen Natur streitet. Weil aber nickt alleine christliche Kunstrichter, sondern auch die gescheitem unter den Heiden selbst, welche sich vor der ansteckenden Seuche des unsinnigen Aberglaubens zu verwahren gewußt, als Plato und Longinus, Homer eben denselben Fehler Schuld gegeben, so möchte jemand daraus schlieffen wollen, daß er nach Longins Ausdrückung sich beflissen habe, die Götter in Menschen zu verwandeln; und daß seine Vorstellungen nach dem System« der heidnischen Theologie selbst ärgerlich und ansiössig seyn. Alleine wer also schlieffen wollte, der müßte vergessen haben, daß, die Theologie der Wektweisen Heiden gantz was anders gewesen, als die Theologie desgemeinenVolcks; unddaßdiePoesiseine Kunst ist, die für den grossen Haufen ge- wiedmetist, und durch eine geschickte Nachahmung auch die unsichtbaren Dinge der Einbildung vorstellig und sichtbar machen soll. Was konnte Homerus anders thun, da er mit sehr abergläubigen Götzendienern lebete, die sich ihre Götter nicht änderst, als unter menschlichen Gestalten vorstellten, als sich nach ihrer Schwäche richten, wenn er gleich mehr Erleuchtung gehabt haben mag, als andere; ihrer Theologie gemäß reden, und ihnen entweder eben dieselben Fabeln, welchen sie schon Glauben zu» L gestellt 162 Von dem Wunderbaren gestellet hatten, oder gantz gleichmässige vorschwatzen ? Zudem müssen auch die Tad- ler dieses Poeten selbst gestehen, daß er auch in theologischen Sachen mitten in der di- ken Finsterniß, die ihn umgeben hatte, zuweilen die Wahrheit erblicket, und zwar einige wichtige Wahrheiten erkennet, welche die Voreltern durch eine mündliche Er- zehlung auf die Nachkinder fortgepstantzet hatten. Ja was noch mehr ist, Homerus hat die fabelhafte Theologie seiner Zeiten mit so vieler Kunst nnd Weißheit anzuwenden gewußt, daß auch solche Leute, die über diese Materie eine viel grössere Erleuchtung hatten, mittelst der figürlichen Deutung und der physicalischen und moralischen Allegorien, selbst die unwahrscheinlichsten Er- dich'tungen desselben haben retten und entschuldigen können. Ueber diese Materie verdienen folgende berühmte und scharffsinnige Kunst richter aufgeschlagen zu werden. Unter den Alten : Porphyrius, Proclus, der eine besondere Vertheidigung - Schrift für Homer gegen die Beschuldigungen Platons an das Licht gestellet hat, Palephatus, Heraclides Ponticus, Eustathius, ein berühmter Bischof von Thessalonich. Unter den Neuern: die Frau Dacier in der Vorrede über ihre Jlias vom Xlü.ten Bl. biß zum xxvii.sten, und in der Streit-Schrift von den Ursachen des verderbten Geschmacks vonBl.ioo. biß und dem Wahrscheinlichen. 15z biß 114.; der Hr. Dacier über das xxvi.ste Cap. der Poetick 'Aristoteles, sonderlich Bl. 459. ; Pope in seinen Anmerckungen über Homer Bl. 41. 42. Mithin ist es ein nothwendiger Wunsch, daß diejenigen unter den Deutschen, die seit wenig Jahren angefangen haben, sich mit kritischen Schriften hervorzuthun, nicht so fertig waren, ei« nein Perrault, La Motte, Voltaire, Ma- gny und andern ihre raschen Urtheile ohne fernere Untersuchung, und ohne Erwegung desjenigen, was von andern daraus geantwortet worden, nachzuschreiben, sondern die Einbildung fahren liessen, sich dadurch in das Ansehen grosser Kunstrichter zu se- zen. Diese Lritici Xluü.icei wiederholen zum Ex. die Critick über die Unwahrscheinlicbkeit der wandelnden Dre>)füsse, des Schildes Achilles und einige andere, die Scaliger zuerst erfunden hat, ohne Aufhören; alleine wer kan sie ohne Verdruß mehr lesen, nachdem der Ungrund derselben von Dacier in seinen Anmerckungen über Aristoteles Poetick Bl. 489 - 496. so gründlich dargethan worden; und wer muß nach diesem nicht schließen, daß diese Wiederholung entweder eine grobe Unwissenheit, oder eine grosse Schwachheit des Urtheils , oder gar eine schändliche Bosheit anzeigen müsse. Ich will ihnen darum folgende Lection fleiffiglzu lernen anbefohlen haben; -vloäeile öc. ju- ^ 2 ciicicr 164 Von dem Wunderbaren rc. elieio 6e tanti8 vnis ^ronnntianstuin eck, ne ^uvc! ^leris^ue accistit, cjainnent, <^use norr intelliAunt: at sr neLosse eli in altrrairr zartem errare, oinnia cornm IsAeirtibu8 ^'acere, c^uani inu!ta ests^Iicere rualnLrüu. Der siebende Abschnitt. Von der Esopischen Fabel. Idngkeit der nackenden moralischen Wahrheiten.- Wie dieser Widrigkeit in der Esopischen Fabel mittelst der Erzehlung und des Wunderbaren begegnet wird. Die Erzehlung ist der Cörper, die moralische Wahrheit ist die Seele der Fabel. Nothwendige Harmonie des körperlichen und des geistlichen Theiles derselben. Die Wahl der Erzehlung und der Umstände derselben muß sich nach dem moralischen Lehrsätze , als der Haupt-Abstellt richten. Worinnen die Einheit der Fabel bestehe. Unterschied zwischen einer Fabel und einer blossen Erzehlung. Ob es nothweudig sey/ die Lehre der Fabel mit ausdrücklichen Worten auszusetzen. Gründliche Ursachen, warum die historische Lchrart, die durch Beyspiele vorgenommen wird, bey den Menschen einen so glücklichen Eingang finde. Wie die allegorische Erzehlung durch das Wunderbare eine angenehm - entzückende Kraft erhalt. Wie dieses Wunderbare hervorgebracht wird. Grade desselben, und daher entstehende Classen. Der Einwurff, daß die Art von Fabeln, in welcher die Menschen aufgeführet werden , nicht genug Wunderbares an sich habe, wird gehoben- Vertheidigung derer Fabeln, da Götter, Bon der Esopischen Fabel. 165 ter, Phantasie-Wesen, Thiere und Pflantzen aufgeführet werden , gegen die Beschuldigung , daß sie an Wahrscheinlichkeit Mangel haben. Behutsamkeit, so mit Einführung der Kunsi-Wercke als so vieler Personen, in einer Fabel gebraucht werden muß. Erinncmng, daß der natürliche Eharactcr, und die wahren Eigenschaften der Thiere und der Pflantzcn in Obacht genommen werden müssen. Daß die Fabel nicht zum beweisen, sondern nur zum belustigen und erklären diene. Exempel von menschlichen Fabeln. Beurtheilung der Fabeln Trillers von dem Knaben, der den Rhcin- sirohm in zween Töpfe hineinschöpfen will; von dem Kind nno dem Fröschen; von dem Hunde auf einem samtenen Küssen und dem Hausherren; von dem gcreisicn Mann, einem wunderlichen Koche; von der Naben - Bleiche. Lob der menschlichen Fabel von dem Thracier, der auf eine verkehrte Weise die Baume schneidet. Vollkommenheit einer Fabel von der Vereinigung eines Blinden mit einem Lahmen. Exempel von wunderbaren Fabeln. Geschickte Ausführung der Fabel von dem Fuchsen im Weinberge. Prüffung der Fabel von dem Fuchsen, der den Kopf eines gehaunen Bildes gefunden hatte; der Fabel von dem Löwen , der in eine Schafferin verliebt ist, und sich aus Gefälligkeit Klauen und Zähne abbrechen läßt; der Fabel von dem Löwen , der mit der Kuh, der Geiß und dem Cchaafc auf die Jagd gehet. Fehler in vielen Trillerischen Fabeln, wo eine Erzehlung keine andere Eigenschaft der Fabel hat, als daß eine absonderliche menschliche H andlung den Thieren zugeschrieben wird. Schlechte Kunst in der Erfindung der Fabeln Trillers. Dcr- wcrffung seiner Uebcrsetzung von tzoratii Fabel von der Feldmäuse. Rcttimg der Wahrscheinlichkeit der Fabel Joas von der unglücklichen Vermählung des Dornstrauches mit dem Eichbaume. Trillers abgeschmackte Uebersetzung derselben. L z Die 166 Von der Esopischm Fabel. (?>Je Fabel ist in ihrem Wesen und Ur- ^ sprung betrachtet nichts anders, als ein lehrreiches Wunderbares. Dieselbe ist erfunden worden, moralische Lehren und Erinnerungen auf eine verdeckte und angenehm- ergetzende Weise in die Gemüther der Menschen einzuspielen , und diesen sonst trockenen und blltern Wahrheiten, durch die künstliche Verkleidung in eine reizende Maßke, ei, nen so gewissen Eingang in das menschliche Hertz zu verschaffen , daffes sieb nicht erwehren kan , ihren heilsamen Nachdruck zu fühlen. Moralische Wahrheiten und Lehren , wenn sie mit dem gebietenden Thon und Ansehen eines Doctors vorgetragen werden, sind immer mit einer heimlichen Vorrückung unsrer moralischen UnvEommenheitverbunden , und werden daher als so viele Anklagen und Bestrafungen angesehen, die nothwendig eine Beschänung erwecken, und eben deswegen dem stoltzen Menschen nicht anders , als unangenehm und widrig vorkommen müssen. Der angebohrne Hochmuth desselben kan es nicht vertragen, wenn andere sich vermessen, mit einer gebietenden Stimme und Doctor-massigen Mine seiner Freyheit Gesetze vorzuschreiben, und ihm Schranken zusetzen, noch weniger, wenn diese Erinnerungen und Lehren ihm eine heimliche Rothe auspressen, und ihn vor seinem eigenen Gewissen beschämt machen. Daher kömmt Von der Esopischcn Fabel. 167 kömmt es , daß diese moralischen Wahrheiten , wenn sie in ihrer nackten Gestalt vorgetragen werden, den Menschen insgemein so widrig und verdrießlich vorkommen , daß sie nicht einmahl so viel Gedult haben, solche nur anzuhören. Weilen aber dennoch diese moralischen Lehren, Erinnerungen undVestraffungen das einzige Mittel sind, wodurch die Ruhe und Glückseligkeit der Menschen muß befördert werden, so fand man sich genöthigt, auf eine unschuldige List zu gedencken , wie man diese so bittern, zugleich aber auch heilsamen, Wahrheiten durch die Art des Vertrages denselben gantz angenehm machen, und dadurch ihre gewogene Aufmercksamkeit gewinnen könnte. Es fanden sich so gleich zwey Mittel, durch die man diesen Zweck zu erhalten sich getraute, und die in der That ihren zureichenden Grund in der Natur des Menschen haben : Diese sind die Erzehlungen und das Wunderbare; jenes sollte dienen die wahre Absi cht des Moralisten künstlich zu verbergen , und allen Verdacht, als ob er mit seinen Vorstellungen befehlen oder beschämen wollte, zu entfernen; dieses aber sollte dem Vortrage selbst eine anzügliche reihende Kraft mittheilen, sich die aufmercksame Gewogenheit derLeser zu erwerben und sie zu unterhalten. Der Moraliste mußte dann vor allen Dingen das Ansehen eines Gesetzgebers, Lehrers und L 4 Rich- 1 6 8 Von der Esopjschen F abel. Richters ablegen, und dagegen den Schein und Titel eines blossen Hisiorici oder Zeugen, der keine andere Absicht hat, als durch angenehme Erzehlungen zu belustigen, an sich nehmen, wofern seine Vorstellungen ihren Zweck in die menschlichen Seelen durchzu- dringen erhalten sollten: Er mußte also die dogmatische und gebietende Lehrart in die hi- liorische verwandeln, und seine wahre Absicht unter dem durchsichtigen Vorhänge einer zwar fremden aber allegorischen Geschichte so künstlich zu verbergen wissen, daß der Leser zwar anfänglich diese verborgene Absicht nicht vermuthen würde; hernach aber an dem Ende der Erzehlung aus der Aehnlickkeit des Bildes zu errathen , und den Schluß , mu- tLiro iivinwL cle le tlilnils nuri-atui' , aus sich ttk machen, gezwungen wäre. Dergleichen Erzehlungen ähnlicher Handlungen und Begeg- nisse, derer Moralität in einem und eben demselben allgemeinen moralischen Lehrsätze gegründet ist, heisset man Beyspiele und Exempel, und sie dienen als so viele Erfahrungen, die Schönheit und die glücklichen Folgen derTugend,wieeben sowohldieHäß- lichkeit und die traurigen Folgen des Lasters vor Augen zu legen. Die Fabel ist demnach nichts anders, als eine Erinnerung, die unter die Allegorie einer Handlung verstecket wird, sie ist eine historisch-symbolische Mo- rale, die durch fremde Beyspiele Klugheit lehret, Von der Esopischen Fabel. 169 lehret, und eine gantze Reihe von allegorischen Exempeln, so in dieser Absicht entworfen und verfasset waren, dürfte vielleicht, wie der Herr la Motte geschickt angemercket hat, eine Sittenlehre von dem Thun und Lassen der Menschen ausmachen, welche einer methodischer eingerichteten und grade nach dem Menschen zielenden Abhandlung wohl vorzuziehen seyn mögte. Da nun die Fabel ihre Lehre nicht anders als verdeckt untererer ähnlichen symbolischen Erzchlung vorstellet, so hat folglich eine jede Fabel zween wesentliche Haupttheile, aus welchen sie bestehet; derer einer in die äußerlichen Sinnen fällt, und gantz sichtbar ist, der andere aber durch die Vergleichung und das Nachdrucken entdecket wird. Jenen, nemlich den sichtbaren Theil, können wir füglich den Cörper der Fabel nennen, wie hingegen den unsichtbaren die Seele. Die Lehre ist also die Seele der Fabel, da die Erzehlung nur der Cörper davon ist. Die menschliche Seele ist unstreitig der vornehmere Haupttheil, in dessen Gebrauche auch der Mensch seine gröste Würde suchen muß; der Cörper hingegen muß alleine dienen, die Würckungen der Seele zu offenbaren, und sie zu dem Commercio mit der materialischen Welt tüchtig zu machen; eben so ist die Lehre die Haupt-Absicht der Fabel, und die Erzehlung wird alleine um der Lehre willen er- L s funden, Von der Esopischen Fabel. funden , selbige gantz sichtbar, und auch den Simien und der Einbildung vernehmlich zu machen: Wie nun die Vereinigung dieser zween Haupttbeile/ der Seele und des Leibes , die in einer vollkommenen Harmonie ihrer Empfindungen und Würckungen bestehet , erst einen Menschen ausmachet, bestehet auf gleiche Weise das Wesen der Fabel darinnen, daß die Erzehlung in ihren Umstanden , eben wie der Menschliche Cörper durch seine Bewegungen, die Schlüsse und den Willen der Seele so deutlich zu offenbaren aufgelegt sey, daß man den moralischen Lehrsatz, in welchem die gantze Erzehlung als ein Beyspiel und eine Erfahrung gegründet ist, aus derselben unzweifelhaft ersehen könne. Und hierinnen bestehet die Richtigkeit der Fabel, wenn sie nemlicb ohne Zweydeutigkeit dasjenige zu verstehen giebt, was man haben will. Diese nothwendige Harmonie und wesentliche Uebereinstimmung des körperlichen und geistlichen Theiles einer Fabel setzet eine kluge Wahl der Geschichte, und eine Ligentliche Bestimmung der Umstände derselben voraus: Denn da die Erzehlung dienen soll, einen gewissen allgemeinen moralischen Lehrsatz und einen andern ähnlichen Fall, der unter demselben mit eingeschlossen ist , vorzubilden, so muß ja nothwendig die Wahl der Erzehlung und der Umstände derselben sich nach dieser Haupt- Von der Esopischen Fabel. 171 Haupt-Absicht einer Fabel richten, und die Umstände müssen ordentlicher Weise in dieser Absicht gegründet seyn ; also daß man aus der moralischen Absicht einer Fabel zulängliche Gründe geben könne, warum man diese Personen, diese Handlung, diese Umstände vor andern gewehlet habe: Folglich sind alle Umstände einer Erzehlung, derer Wahl man nicht aus der Harmonie und Uebereinstimmung mit der moralischen Absicht rechtfertigen, und von denen man nicht zeigen kan, daß sie diese Absicht auf einige Weise zu unterstützen und zu befödern dienen , gantz urw nütze und müssig. Dergleichen müffige Umstände aber, wenn sie der Absicht einer Fabel nicht aufhelfen, sind derselben gemeiniglich nachteilig, und stehen ihr im Liebte. Und hierinnen bestehetdieEinheit derFabel,wenn nemlich alle Züge und Linien derselben in einem gewissen Gesichtes-Punct mit einander übercintreffen. Ferner beruhet auf dieser nothwendigen Uebereinstimmung der Erzehlung mit der Lehre, als der Haupt-Absicht der Fabel, der wesentliche Unterschied zwischen einer Fabel und einer blossen Erzehlung oder Geschichte: Der Fabulist ist ein moralischer Lehrer, seine Haupt-Absicht ist dieErbauung undVerbes- serung des Menschen; der Geschieht-Schreiber ist ein blosser Zeuge dessen, so geschehen ist, und er hat seinerAbsicht und seinem Ammt 172 Von der Esopischen Fabel. völlig genug gethan, wenn er umständlich berichtet, was er gesehen und gehöret oder von glaubwürdigen Zeugen vernommen hat. Die Geschichte erzehlet; aber die Fabel lehret, vermahnet, beschaffet: Die Erzehlung ist in der Geschichte wesentlich, und das Erbauliche ist nur zufällig; hergegcn ist in der Fabel das Lehrreiche und Erbauliche die Haupt-Absicht, die Erzehlung aber nur das Kleid oder die Maßke, in welche die Lehre künstlich verstecket wird: Die Geschichte beschreibet die Sachen obne Wahl, wie sie vorfallen, und sie muß sich allein nach derWahrheit richten; bergegen muß der Fabulist eine solche Erzehlung wehten, die bequem ist den Lehrsatz, den er in der Absicht hat, deutlich zu machen, er mag nun von ihrer Wahrheit und Würck- lichkeit versichert seyn, oder nicht, wenn sie nur möglich ist. Folglich muß man die Er- zeblung in der Fabel nicht als einen unbesee- leten und abgesonderten Cörper', oder als eine blosse Erzehlung ansehen, sondern als eine Allegorie, oder als ein moralisches Beyspiel, welches neben andern ähnlichen Handlungen in einem allgemeinen Lehrsätze gegründet ist, und uns nothwendig auf die Betrachtung desselben führet, ohne welche die Erzehlung ein leeres Kinderspiel seyn würde. Die Vergleichung der Erzehlung in der Fabel mit dem menschlichen Cörper führet mich endlich noch auf eine andereAnmerckung. Gleich- Von der Esopischen Fabel. 17z Gleichwie man nemlich eben wegen dieser genauen Harmonie und Vereinigung des menschlichen Cörpcrs mit der Seele, aus denen blossen Bewegungen und Verrichtungen des Cörpers die verborgenen Gedaneken, die Schlüsse und den Zustand, der Seele deutlich erkennen kan ; also sollte man ausgleiche Weise aus der Erzehlung, als dem Cörper einer Fabel, und aus den Umständen der ähnlichen Handlung, die darunter verborgene Lehre leicht und ohne tiefes Nachsinnen entdecken können. Diesemnach wäre es gantz unnörhig und überflüssig, die Lehre der Fabel mitausdr Glichen Worten beyzusetzen; und man könnte das mir gutem Grunde eines jeden eigenem Nacbdencken überlassen, weil nicht zu befabren ist, wenn die Wahl und Erfindung der Allegorie glücklich getrost, fen, daß jemand das Ziel verfehlen würde. Es hat auch Esopus in seinen Fabeln (*) nicht nöthig gehabt die Lehren selbst anzuhen- gen, denn sovielmanausseinerGeschichteab- neh- (*) Man kan daraus scheu, wie unbegründet die Nachricht sey, welche Triller in seiner Untersuchung von der Natur der Fabel Bl. ;6-. mit diesen Worten «gebet: „ AesopuS und Gabrias haben uns keine an- dere Exempel gegeben , als welche die Sittenlehre „ der Fabel allezeit hinten an-und nie vorhängen. Und etwas weiterhin: >> Also weiß ich nicht, aus „ was für erheblichen Ursachen wir in diesem Stücke „ unsere alten berühmten Vorgänger verlassen sollen.,, 174 Von der Esoprschen Fabel. nehmen kan , sezete er sie bey gewissen Anlässen auf, die sich etwa begaben. Er war ein allegorischer Sitten-Richter, der einem jeden die Umstände , darinnen er sich befand, i vor Augen mahlete, und ihn damit veranlas- ^ sete, dasjenige, was er ihm selbst nicht ausdrücklich sagete, zu gedencken. Er begnügte sich daran, daß er die Lehren in dem Bilde eingeschlossen hatte, und ließ dem Zuhörer die Freude, sie daraus zu ziehen. Und dieses war für denselben auch eine gantz leichte Arbeit, weil er sich allemahl in einem gantz ähnlichen Falle und Zustande befand, als Esopus in der Fabel mit veränderten Personen und Umständen ihm vor Augen legte, so daß er sich nicht erwehren konnte, sich selbst in diesem, dem Scheine nach gantz fremden, Bilde zu erkennen. Mithin da die Leser der Fabeln von ungleichem Geschmacke und Fähigkeit sind, sich auch nicht grad in demjenigen Falle befinden, den man durch ein allegorisches Beyspiel abschildern will, so mag es nichts schaden, wenn der Fabu- list die Bemühung seiner Leser um etwas zu erleichtern, und ihnen auf die Spur zu belffen, oder wenigstens sie von ihren glücklich gemachten Entdeckungen zu versichern , die in der Fabel gegründete Lehre mit ausdrücklichen und bequemen Worten aussetzet; jedoch nicht ehender als am Ende. Denn da die Erzehlung in der Fabel eben darum Von der Esopischen Fabel. 175 darum erfunden worden, die moralischen Vestraffungen dadurch gantz verdeckt vorzustellen , und die bittern Wahrheiten durch die Einkleidung in fremde Geschichten recht angenehm zu machen; so ist von sich selbst klar und offenbar, daß dieser Absicht der Erzehlung gemäß die Lehre so lange verborgen bleiben sollte, biß sie sich aus der Erzehlung nach und nach an dem Ende selbst deutlich entdecken würde. Auf diese Weise wird der Geist des Lesers angenehm grübet, und ihm überlassen, sich selbst in dem ähnlichen Beyspiele zu finden, und darinnen seine wahre Gestalt als in einem hellen Spiegel zu erkennen. Phäder hat zwar in einen gantz andern Weg eingeschlagen, und die Lehre der Fabel mehrmahlen vorne an das Haupt der Erzehlung gesetzet, worin- nen er gleichwohl nicht ohne Ursache von der Regel abgewichen (*): Dann zum ersten waren die Fabeln , die er erzehlen wollte , nicht von seiner Erfindung; sie waren unter Esopus Nahmen so bekannt, daß man selbst in dem gemeinen Sprüchworte von einem unwissenden Tropfzu sagen pfleg, te t Ouclk , ne ^elos)wn quiclem triviüi. Die Kinder selbst konnten dieselben meisientheils auswendig. Also wäre es (') Triller heisict diese Abweichung aus Unbedacht samkcit einen Irrweg. 176 Von der Esopischen Fabel. es eine vergebene Mühe gewesen, wenn Phä- der die Absicht seiner Erzehlungen mit Fleiß hätte verbergen wollen: So bald sie nur die Personen einer Fabel nennen hörten, so bald war ihnen auch der Jnnhalt der Erzehlung und die Absiebt derselben bekannt. Also mußte Phädcr alleine durch die Annehmlichkeit der Erzehlung seine Leser zu ergehen, und sie zur Bewunderung seiner Kunst zu vermögen suchen. Zu dem kömmt noch, daß dieser Poet die Esopischen Fabeln, die von ihrem Verfasser bey jbesondern Anlassen , zur Besiraffung besonderer Personen, erfunden und gebraucht worden, in allgemeine Lehrsätze zum Unterricht des gemeinen Lebens der Menschen aufgelöset hat, wie er selbst in der Vorrede zu dem dritten B. bezeuget: Lusincione li ^liis errsbit tus, Lr rspict sil le, r Von der Esopischen Fabel. als dem obersten Richter im Lande eine verübte gewaitthätige Ungerechtigkeit ohne Benennung der Personen angeben wollte , um auf diese Weise seine richterliche Unparthey- lichkeit und Liebe zur Gerechtigkeit, die keine -Person ansehen soll, aus die Probe zu setzen: Und in dieser Absicht auf den Charact;r des Königs wäre keine thierische Fabel eben so geschickt und dienlich, oder von so guter Würckung gewesen: Denn vermuthlich würde ihm eine so ungewohnte und seltsame Er- zehlung von einer erdichteten Handlung der Thiere die wahre Absicht des Propheten zu bald verrathen und den freymüthigen Ausspruch , in welchem seine eigene Verurthei- lung verborgen lag , ersiecket haben. Man kau auch die Ursachen anzeigen, in welchen diese Erfahrung gegründet ist: Dann erstlich ist die symbolische Lehr - Art der Fabel aus denen oben angeführten Ursachen für sich selbst wunderbar und angenehm, also daß sie genügsame Kraft hat, sich der Aufmercksamkeit der Leser zu versichern, wie zum Theil aus dem Lobe, welches des Socrates fruchtbare Lehr - Art erworben hat, abzunehmen ist. Darnach ist wiederum aus der Erfahrung bekannt, daßauch zuweilen in den täglichen Verrichtungen und Handlungen der Menschen sich die Thorheit und der Unverstand, oder die List und Boßheit derselben auf eine unge- meine und aufferordentliche, hiemit auch wunder- Von der Esopischen Fabel. 19r wunderbare Weise an den Tag giebt und entdecket; auch daß ihre Anschlage und Unternehmungen öfters einen gantz unvermu- theten und darum merckwürdigen Ausgang nehmen. Wobey ich dennoch zugebe, daß dergleichen ausserordentliche und wunderbare Zufalle in dem gemeinen Leben der Menschen in Vergleichung mit den übrigen , die kaum einige Achtung verdienen, etwas sehr seltenes seyn; welches dann eben auch die Ursache ist, daß die Fabeln von der andern Gattung, die wir Wunderbare genennet haben, weit zahlreicher anzutreffen sind; denn wo das Ausserordentliche in den Handlungen gefehler, Da suchte man solches durch dasWunderbare Der Personen zu ersetzen, welches bey Handlungen, die an sich selbst ungewohnt und un- gemein sind, eben nicht nothwendig erfodert wird. Was den andern Einwurff anbelanget, der sich absonderlich auf diejenige Gattung der menschlichen Fabeln beziehet, deren Er- zeblung oder Allegorie in einer wahrhaften Geschichte gegründet ist, und dessen Kraft darinnen bestehet, daß dergleichen fabeln nicht von der Dichtung herrühren, die doch etwann die Seele der Fabel genennet wird; so werde ich meine Leser nur auf die oben von Der Natur der vabel gegebene Erklärung zurücke weisen dörfen, um ihnen die Schwäche Dieser Einrede aufzudecken: Ich habe nem- N lich 194 Von der Esopischen Fabel. lich gesagt, daß die Fabel ein lehrreiches Wunderbare, oder eine unter der wohlge- rachenen Allegorie einer ähnlichen Handlung verkleidete Lehre und Unterweisung sey. Nach dieser Erklärung verdienet ein jedes lehrreiches Beyspiel, das eine nützliche moralische Lehre künstlich verbirgt, den Nahmen einer Fabel. Auf diesen Grund hat La Motte gar wohl angemercket: Nicht schlechterdings die Erdichtung, sondern die Verbindung vieler Umstände, welche mit einander übcreintref- fen, eine gewisse Wahrheit zu erkennen zu geben, macht die Fabel aus. Selbst die historische Geschichte wird dann zu einer Allegorie, man giebt sie nicht mehr vor eine würck- liche Geschichte, sondern alleine vor ein Bild, und vor etwas, das unsAnlaß zu einer wichtigen Erinnerung geben kan. Der Fabulist muß eine anständige Erzehlung aufsuchen oder erfinden, um seine moralische Lehre darein einzukleiden: Schickt sich nun die Geschichte zu seiner Absicht, es sey, daß ihm die Historie solche leihet, oder daß er sie sechsten erfunden hat, so wird sie als ein bequcmesBey- spiel zur Allegorie erwehlet; um die Wahrheit derselben bekümmert sich der Fabulist weiter nicht, wenn er nur versichert ist, daß sie vor wahrscheinlich hinlaufen kan. Nun gehöret aber ^Wahrscheinlichem das Gebiet der Dichtung, und die Wahl, die alleine durch die Absicht und das Wahrscheinliche gelen- Von der Esopischen Fabel. 195 gelencket wird , ist schon eine Art der Dichtung: Und so kan man mit Grund nicht sagen/ daß dergleichen Fabeln/ als eine würck- liche Geschichte von aller Dichtung leer seyn. Setzet den Fall / daß Nathan die Erzehlung von dem geraubten Schasgen aus seinem eigenen Kopf ersonnen und gedichtet habe/ wie es für seine Absicht erforderlich war; in diesem Fall werdet ihr derselben den Titel einer Fabel nicht absprechen. Setzet aber wiederum/ daß diese Begebenheit mit dem geraubten Schafgen sich hernach würcklich zugetragen habe ; höret sie darum auf, eine Fabel zu seyn? Eben so wenig/ als das Mögliche aufhöret möglich zu seyn/ wenn es in den Stand der Würcklichkeit hinübergehet. Endlich muß ich noch zum Schutz der menschlichen Fabeln diese Anmerckung beyfügen, daß wenn gleich die angeführten Ein- würffe mehrern Grund hattet?, als sie nicht haben, diese dennoch den Titel der Fabeln, den sie so lange Zeit ungekranckt besessen, mit eben so vielem Recht als die Erzehlung des epischen Gedichtes würden behaupten können. Denn gleichwie das Helden - Gedicht eine prächtige und ausführliche Fabel ist, so ist hergegen, wie La Motte mit Grund ange- mercket hat, die Fabel ein kleines und ins Kurze gefaßtes episches Gedichte (*). Beyde N 2 gehö- (*) Es ist ein recht kindischer Widerspruch, welchen i§6 Von der Esopischen Fabel. gehören unter ein Geschlecht und haben ein gleiches Wesen, die oben gegebene Erklärung der ^abel schliesset darum auch beyde ein. In beyden muß die Handlung, die erzehlet wird, nur einfach seyn , und eine Haupr - Lehre zur Absicht haben. Horatz hat ssvlches in dem poetischen Schreiben anLoliius mildem Exempel beyder homeriseberGedichte derIiias und der Odyssea klarlich dargethan: Irojsni bellt lcrlptorem , msxime Oolli, Olim tu cleclsmas UomX , krscnecks reletzi: Hiii, quirl 6t pulcrum, quill karge, quill utile, quill uvn; klenilis, sc melius Lkr>6^pc> l!i: Lrsntore ^icic. Lur its creäiäerim, ni6 quiä te cletinet, sucki. Hernach sagt er von der Jlias: chcn Triller Bl. 560. dagegen erreget, und seine folgende aufrichtige Bekanntniß ist eine Würekung seiner schlechten Ueberlegung. Er sagt: ,, Ich finde meines »> Orrs nicht die geringste Gleichheit unter einem Hei- den - Gedichte und einer Fabel. Es müßte denn ,, vielleicht die Gleichheit daher kommen, weil beyder- ,> ley Art Gedichte im Hanptwerck einfach seyn , und ,, auf einen einzigen Endzweck abzielen müssen. Wel- „ ches aber doch noch lange nicht alleine ausmachet, „ daß eine Fabel ein Helden - Gedicht seyn könne. „ Wird denn eine so grosse Scharfsichtigkcit erfodcrt, in Dingen von einer Art eine wesentliche Gleichheit zu entdecken? Ich mochte von Trillern wohl eine Erklärung von der epischen Fabel sehen. Es hat auch niemand gesagt, daß zu einem Helden - Gedichte nichts Wecker erfodert werde, als eine kurtze Fabel. Von der Esopischen Fabel. 197 c)N3 ? 2 riciis proper nsrrLtur smorem 6r?eclL 8Lrt)3i-lL lento collils cluello, 8luIcoru,u Keßuin 6c ^>o^uloruin continet LÜu«. Lr. Und von der Odyssea: kurüis ^uiä virtus, L c^uicl vol^t, r^tile pro^osuit nobii exem^ilsr Mallem. 6cc. Nun ist noch niemandem in den Sinn gekommen/ der epischen Erzehlung darum/ weisen die Haupt-Personen / die darinne aufgeführet werden/ Menschen sind / und weilen die Geschichte zumTheil aufdiehistorischeWahr- heit gegründet / und gröstentheils möglich und wahrscheinlich ist/ den Titel einer Fabel abzusprechen: Da doch eine epische Fabel in ihrem Grundriß und erstem Entwurfs von einer menschlichen esopischen Fabel wesentlich nicht unterschieden ist. Bey dieser wesentlichen Gleichheit herrschet dennoch folgender Unterschied zwischen beyden: Die epische Fabel hat eine grosse und wichtige / meistens politische Wahrheit / an deren Beobachtung nicht nur die Wohlfahrt einzeler Menschen, sondern das Heil gantzer Völcker hangt/ zur Haupt-Absicht; die Haupt-Personen sind darum keine schlechte Menschen von niedrigem Rang / sondern berühmte Helden von hohem Gemüthe und Character; und die Handlung muß/ der symbolischen Absicht gemäß, auch groß und wichtig seyn, die sich N z durch 7 9 8 Von der Esopischen Fabel. durch mancherley unvermuthete Zufälle und Verwirrungen nach undnachentwickelt; und in welcher durch die Zwischenkunft und den Beystand der Götter die Würdigkeit der menschlichen Personen nicht wenig erhoben wird : Die esopische Fabel hergegen regieret das gemeine bürgerliche Leben der Menschen; darum sind auch die Personen gemeiniglich, eben wie ihre Geschäfte und Verrichtungen an sich selbst betrachtet von keinem grossen Ansehn; und um eben dieser Ursache willen kan die esopische Fabel keine grosse Weitläuf- tigkeit in der Ausführung vertragen. Gehen wir nun hinüber zu der andern Classe der esopischen Fabeln , die wir mit dem gemeinen Nahmen wunderbarer Fabeln beleget haben, und in welchen heidnische Gottheiten, phantastische Wesen, Thiere, Pflanzen , oder gar leblose Dinge, als vernünftige Personen eingeführet werden; so hat es mit denselben eine gantz andere Bewandtniß, denn in diesen überwiegt das Wunderbare so sehr, daß das Wahrscheinliche davon beynahe verschlungen wird. Es giebt auch gewisse frostige Köpfe, die diese Fabeln eines Mangels der Wahrscheinlichkeit beschuldigen, und vermeinen, sie können gescheuten Lesern, die nichtsschmarkbar finden, alsdasNatürli- che, nicht gefallen, sondern sie dienen alleine zur lehrreichen Kurtzweil und nützlichen Belustigung für den unverständigen Pöbel und kleine Von der Esopischen Fabel. 799 kleine Kinder. Meine ich behaupte, daß sie so viel Wahrscheinlichkeit haben, als erfo- derr wird, auch scharfsinnige Köpfe zu vergnügen. Das Wahrscheinliche derselben beruhet erstlich insgemein auf derMöglicbkeit dieser dem ersten Anscheine nach so wunderbaren Dichtung, daß die Thiere, die Pfiantzen und die leblosen Geschöpfe, mit Vernunft und Vorsatz handeln, und ihre Gedancken in einer den Menschen vernehmlichen Sprache zu verstehen geben können. Denn da die gegenwärtige Einrichtung der Welt nicht schlechterdings nothwendig ist, so wird man zugeben müssen, daßirgendin einem andernWelt- Spsiema diese sichtbaren Geschöpfe überhaupt in eine gantz andere Ordnung gesetzet werden , und bey unveränderter äusserlicher Gestalt mehr oder weniger Fähigkeit besitzen könnten. Was hinderts z. E. daß man sich in seiner Einbildung als möglich vorstelle, daß ein allgemeiner Welt-Geist alle sichtbaren Geschöpfe beseelen, und sie also zu einem vernünftigen Commercio und Umgang unter einander tüchtig machen könne? Demnach beruhet dieWahrscheinlichkeit dieser wunderbaren Dichtung auf einem angenehmen und sehr gewohnten Betrug unsrer Einbildung; da wir dasjenige, was wir aus vernünftiger Betrachtung der Dinge zu unsrer Lehre und Unterricht unmittelbar schöpfen, der Absicht N 4 derlei- 2vo Vcn der Csopischen Fabel. derselben zuzuschreiben pflegen, und sie daher auch als unsre Lehrmeister ansehen, als ob wir diese Satze und S chlnsse durch mündlichen Unterricht von ihnen empfangen hatten. Auf diejen Betrug der Einbildung gründen sieb die gewöhnlichen und auch in der gemeinen Rede üblichen figürlichen Redens- Arten, da wir nicht alleine den Thieren, sondern auch leblosen Dingen einen ver- n nfrigcn Vorsatz und die Rede beylegen; als wenn David im neunzehnten Psalme von den Himmeln gesprochen: Sie erzehlen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt die Macht seiner Hände; ein Tag sagt sie dem andern, und eine Nacht thut sie der andern kund ; sie haben weder Sprache noch Rede, und dennoch wird ihre Stimme gehöret, und ihre Rede erschallet bis an das Ende der Welt. Und wenn Hiob Cap. xii. v. 7. gesagt hat: Frage das Vieh, das wird dich davon berichten, und die Vogel unter dem Himmel, die werden dir davon sagen, und die Fische im Meere werden dir davon erzehlen. Und wenn wir «twann im Affecte sagen: Wenn alles schweiget , so werden die Steine auf der Gasse schreyen; oder, der Schutt von Gemäuer und Steinen zeuget noch von seiner Grausamkeit; und dergleichen. In diesem Sinne läßt sich die gantze Natur einer Schule vergleichen, in welcher uns der Schöpfer unter Von der Esopischen Fabel. 201 ter mancherley Allegorien und Sinnbildern unsre Pflichten vorhält. So wohl die leblosen , als die lebendigen Geschöpfe sind unsre Lehrmeister, die uns vortreffliche Lektionen geben / so oft wir sie mir aufmerksamen und vernünftigen Augen betrachten. Eine solche Lehre ist zum Ex. folgende, von weicher Canitz uns die Sternen unterweisen läßt: Deine Pflicht kaust du erlernen Von den Sternen, Deren Gold der Sonne weicht, So laß auch vor Gott zerrinnen, Was den Sinnen Hier »m Finstern schöne beucht. Folglich ist die Dichtung der Fabel weder verwegener noch unwahrscheinlicher, als eine sehr gewohnte Metapher, die niemandem unbekannt oder anstößig seyn kan, daher kömmt es auch, daß wir an unserm Orte sehr willig und fertig sind, der Erdichtung Gehör zu geben. Was die thierischen kabeln ins besondere angehet, so haben dieselben einen mehren» Grad der Wahrscheinlichkeit, weil die Thiere in einer genauern Verwandscbaft mit dem Menschen stehen als die übrigen Geschöpfe. Dieses Geschlecht der Geschöpfe gränzet so nahe mit dem unsrigen, daß man schier nichts mehrers zu thun gehabt N s hat, 222 Von Der Esopischen Fabel. hat, als ihnen die Sprache ;u lehnen, da« mir man sie zu unsers gleichen macheke. Alles was sie thun, bat solch einen grossen Schein von einem Verstände, daß man zu allen Zeiten geglaubt hat, sie handelten mit Einsicht und Wissen. Der Hr. Hage« dorn hat in einer Erzehlung an Hrn. C. L. Lifcov von der Erkenntniß der Thiere aus» sichtlicher gehandelt, und sich unter anderm dergestalt vernehmen lassen: Wer war der Plato dieser Thiere? Wer lehrte sie, was ich hier spüre: Kunst, Ordnung, Witz, Bedachtsamkeit? Soll man die Fähigkeit, wodurch sie dieses können, Gefügter Theile Würckung nennen ? Wo ist ein Uhrwerck so gescheidt. Entdeckt man weiter nichts an ihnen, Als die Bewegung der Maschinen, Der Urtheil und Bewußtseyn fehlt? Cartestus bejahts; doch ist ihm Recht zu geben ? Die Wahrheit mag den Zweifel heben, Die Franckreichs Phadrus uns crzehlt. rc. Und wie wenig Vortheile die Menschen über die Thiere sich mit Recht anzumaßen haben, darüber kan man nachsehen, was Charron in seinem Lichte der Weißheit in dem ersten B. Cap.vm. geglaubt hat. Es leben auch die Menschen mit dem großen Theil der Thiere in einer fast eben so engen Verbindung und Gesellschaft, als mit einem Von der Esopischen Fabel. 20z einem grossen Theil der Menschen, die eine fremde Sprache reden; und wenn man ihren Umgang mit denselben betrachtet, so kan man nichts anders schließen, als daß sie fast durchgehends in der Beredung stehen , die Thiere verstehen wenigstens die menschliche Sprache, was wollte man sonst für eine Ursache davon angeben, daß ein grosser Haussen der Menschen in ihrem Leben fast eben so viel, ja noch mehr Gespräche mit den Hunden, Pferden, Katzen, Ochsen, Kühen, und mit allerley Feder- Viehe hält, als sie unter sich selbst und mit andern Menschen halten. Und wer will läugnen, daß die Thiere nicht auch selbst eine gewisse natürliche Sprache haben, dadurch sie dem Menschen ihre Gedancken fast eben so geschickt zu verstehen geben können, als Menschen von verschiedenen Nationen. Sie können sich freudig stellen, freundlich thun, sich klagen, uns zu Hülffe ruffen; sie liebkosen uns, drohen uns; ein gewisses Frauenzimmer hat einen kleinen Bologneser-Hund, den sie gar wohl verstehet, sie thut Fragen an ihn, er antwortet darauf nicht nur mit Veränderung der Gebenden , sondern auch mit verschiedenen Thönen der Stimme. Und hat es nicht berühmte Leme gehabt, welche sich gerüh- met haben, sie verstehen die Sprache der Thiere? Also erzehlet man von Apollonius Thya- 204 Von der Esopischen Fade!. Thyaneus, als er einst mit etlichen freunden auf das Land spatzieren gegangen/ haben sie eine Schaar Sperlinge beysammen gesehen / zu denselben sey einer aus ihrem Geschlechte zu fliegen gekommen, der etliche Worte zu ihnen geredet habe; worauf sie auf einmahl aufgeflogen/ und ihm nach- gefolaet seyn. Apollonius habe seinen Gekehrten erzehlet / dieser Sperling habe den andern Bericht gebracht / an einem gewissen Orte bey einer Scheune sey einem Müller ein Korn - cLack zerrissen / so daß viel Gerraydes verschüttet worden; Sie seyn mit einander auf denselben Platz hingegangen/ wo sie in der That das zerstreute Korn und die Sperlinge angetroffen haben. Wozu noch kömmt / daß uns aus der H. Historie bekannt ist / daß die Schlange/ und so gar der Esel mit menschlicher Stimme würcklicb geredet haben. Folglich wenn wir die Thiere in der Fabel in unsrer Sprache mir einander reden hören / so will uns schier bedüncken, man habe ihre Reden nur aus ihrer Sprache übersezet/ und es fehle uns allein an der Kundschaft ihrer Sprache / sonst könnte man dasjenige/ was ihnen in den Mund geleget wird / alle Tage beglaubigen. Endlich, wenn man den Menschen / nicht nach dem Rang / den er unter den sichtbaren Geschöpfen zu behaupten die Tüchtigkeit empfangen hat, sondern Von der Esopischcn Fabel. 205 nach dem moralischen Zustande, in welchem sich der gröste Haufen derselben würcklich befindet, betrachtet, so wird man noch einen geringern Abstand zwischen ihm und den Thieren finden, anerwogen der sonst stoltze Mensch sein so hoch gespanntes Vorrecht, die Vernunft, gröstentheils verwahrloset, und alleine von dem Triebe seiner Lüste geleitet wird, durch welche niederträchtige Gefälligkeit er sich bis zu den Thieren freywillig herunterläßt und erniedriget; Welches Homerus durch die Verwandlung der Geschrien Ulysses zu verstehen gegeben, und in derselben Absicht haben auch die Alten gedichtet, als Prometheus den Menschen bilden gewollt, habe er von einem jeden Thiere dessen herrschende Neigung genommen , und aus so verschiedenen Stäken unser menschliches Geschleckte zusammen gesetzet, dadurch sey das Werck entstanden , das man die kleine Welt heißt. Also sind die Fabeln eine Schilder-Tafel, worauf ein jeder von uns sein Contcrfey finden kan; wie La Motte gesagt hat: ^ou; j)ouvon? tour , tsnt I'en ^erä ricn sux ^eux äu I^eÄeur. Ich habe oben von den leblosen Dingen überhaupt geredet, und gezeiget/ worauf die Wahrscheinlichkeit beruhe/ wenn denselben durch die Freyheit der Dichtung Ge- dancken und die Rede zugeleget wird: Weil aber unter dieser allgemeinen Benennung der leblosen Dinge auch alle Wercke der Kunst miteingeschlossen sind/ so muß ich mich hier erklahren/ daß ich dem Fabulisten in Ansehung derselben bey weitem nicht so viel Freyheit einräume/ als in Ansehung der todten Wercke der Natur. Was für einen Grund der Wahrscheinlichkeit will man davor angeben können / wenn man dem Menschen die Geschicklichkeit zuleget/ durch die Zusammensetzung der Theile ein Werck hervorzubringen / welches den Verstand und die Rede eben so gut hat/ als er. Dieser Satz schliesset ja gantz widersprechende Dinge in sich ein/ und ist darum schlechterdings unmöglich. Zwar will ich nicht läugnen/ daß nicht unter denen Kunst-Wercken viele em- blematische Stücke vorkommen können/ deren Betracktung mich eben so wohl / als der Wercke der Natur / auf gewisse moralische Gedancken und Schlüsse führen kan, die ich ihnen darum auch als meinen Lehrmeistern nicht unfüglich durch die Dichtung «N ro8 Von der Esopischen Fabel. in den Mund legen darf. Wozu noch kömmt/ daß es gewisse Kunst-Wercke giebt, denen man in gewöhnlichen Reden durch die Freyheit eines Trvpi, die Gabe der Sprache, und mit derselben zugleich Gcdancken zuleget; als z. Ex. einem Gemählde, einer Statue, einem Buche, einem Briefe; dergleichen was einen gewissen Thon von sich giebt, welcher ein Analogum der Rede ist; als z. Ex. eine Glv- ke, ein Glas, eine Wein-Tonne, rc. Ein Exempel mich darüber deutlich zu erklären, leihet mir der schweitzerische Zuseher, wo ich folgende Fabel finde. Zu der Zeit, als nicht nur die Thiere, sondern auch die unbelebten Dinge, ja die Wercke der Kunst selbst mit der Sprache begäbet waren, welches eben dieselbe Zeit ist, da der eiserne Topf dem khö- nernen eine Reise zu Wasser vorgeschlagen hatte, gericth in einem Herbst die Weinlese so reichlich, daß die Pressen und Keller von Most überflössen. Ein Winzer hatte eine lange Reihe von grossen Tonnen damit angefüllet, und goß jezo davon in eine kleinere mit so vollem Maasse, daß sie ihn in ihrem höltzernen Bauche nicht fassen wogte. Sie gab ihm ein Zeichen, daß sie genug hatte, aber er fuhr fort, ihr ein weites Geschirr voll einzuschütten. Die Tonne widersezre sich und spie den süssen Most auf die Erden, die ihn begierig in sich sog. Als der Winzer diesen Verlust sah, sagte er gantz zornig zu ihr: Undanck- Von der Esopischen Fabel. 229 Undankbare , verschüttest du also mein Ge- schencke? Aber die volle Tonne gab ihm eine Antwort, die man von einem vollen Menschen vergebens erwarten würde: Begehrest du, daß ich eben so viele Eimer in meinen engen Leib einnehme, als jene riesenmässige Tonne mir gegen über behalten mag , welche fünfzig Schuh im Umkreise hat, da ich nicht fünfzehen weit bin ? In dieser Fabel ist die Tonne auch ein Kunst-Wecck: Dennoch laßt sich die Wahrscheinlichkeit dieser kühnen Dichtung damit rechtfertigen; i. Daß die Wein- Tonne nach der bekannten Metapher, die ihr einen Bauch und einen Mund zuschreibet, einige Aehnlickkeit mit dem menschlichen Cör- per hat; 2. Daß sie eine Stimme von sich giebt, als, wenn man an eine leere Tonne klopfet; z. Weil die volle Tonne, die sich übergieffet, ein gar deutliches Sinnbild von einem Menschen ist, der sich überlauft; so, daß sie gleichsam einen jeden Sauffer mit ihrem Exempel bestraffet. Diese offenbare Uebereinstimmung machet, daß man das Abentheurllche, welches in dem Grunde dieser Dichtung stecket, nickt gewahr wird; umso viel weniger, da die Tome mit wenig Worten erkläret, was sie durch die That selber gesagt, oder zu verstehen gegeben hat, und also bloß den Gedancken ausdrücket, den wir schon zuvor in Betrachtung dessen, so vorgegangen, bey uns selbst in unserm Kopf ge- H macht 21 v Von der Esopischcn Fabel. macht haben. Ich erkläre mich demnach , daß ich alle solche Fabeln, in welchen das Abentheurliche eben so künstlich verborgen, und das Wahrscheinliche in der vollkommenen Uebereinstimmung so offenbar ist, entschuldigen will. Dabey aber wollte ich dem Fabulisten nicht gerathen haben, mit Fleiß solche Personen auszusuchen, derethalben er beständig in Gefahr siehet, daß die Unmöglichkeit ihrer Existenz möchte entdeckt und verrathen werden , in welchem Falle dann ihre Einführung niemand, als Leuten von einem kindischen Verstände gefallen könnte. Das Reich der Natur wird ihm Personen und Bilder genug leihen, seine Lehrsätze darein einzukleiden, wenn er änderst eine poetische Gesichts-Kraft hat, unter der unendlichen Menge solche zu entdecken, die vor seine Absicht anständig sind; so daß er nicht nöthig hat, sich in die Gefahr zu wagen, uns aus Mangel der Wahrscheinlichkeit zu mißfallen. Wir können uns auch über die kluge Einge- zogenheit der Alten in diesem Stücke nicht genugsam verwundern, wenn wir uns erinnern , daß unter einer so grossen Menge der Esopischen Fabeln kaum zwo anzutreffen sind, die in Ansehung der Wahl der Personen in dieser Gefahr stehen: Ich meine die Fabel von den reisenden Töpfen bey Avianus, und die von der Natter und der Feile bey Phäd- rus. Aber diese Warnung wird um so viel noth- LII Von der Esopischcn Fabel. nothwendigerseyn,da einervon unsren neuesten deutschen Verfassern, mit Nahmen stoppe, so verwegen gewesen ist, zwey leinene Tücher, ein reines und ein grobes, in dem Sack eines Webers nicht nur in ein Gespräche mit einander zu verbinden, sondern sie so gar in ein Gefecht zu führen. Welche abentheuriiche Dichtung des Titels einer Fabel unwürdig und unter die kindischen Ammen-Mahrgen zu verweisen ist. Damit nun das Wahrscheinliche, ohne welches das Wunderbare seine Kraft zu ergehen vermehret, und in das Abentheuriiche verunartet, in den Wunderbaren Fabeln desto mehr in die Augen leuchte, so wird er- fodert, daß die Handlungen und Reden, die den Thieren und leblosen Dingen in der symbolischen Erzehlung zugeschrieben werden, auch wahrscheinlich seyn: Es sind aber dieselben wahrscheinlich, wenn sie mit unsern Begriffen, die wir von der Natur, dem Wesen und der Fähigkeit solcher Dinge haben , und mit dem ordentlichen Lauffe und den eingeführten Gesetzen der Natur übereinstimmen. Man muß den natürlichen Cha- racter der Thiere nickt aus der Acht lassen, ihre Anschläge müssen ihren natürlichen Begierden und Neigungen weder zuwider, noch von denselben allzu weit entfernet seyn. S>e m ssen hiemit reden und bandeln, wie man sich am glaubwürdigsten vorstellen kan, daß Q 2 sie 212 Von der Esopischen Fabel. sie reden und handeln würden, wenn sie in diesen Umstanden das Vermögen hatten die menschliche Vorsicht zu gebrauchen, und ihre Gedancken in der menschlichen Sprache zu erklären. Die Dichtung leget ihnen zwar dieses Vermögen zu, aber im übrigen bleibet ihre Natur unverändert: Ein Löw in der Fabel ist von einem Löwen in der Natur nicht änderst unterschieden, als daß er nun mit Veberlegung thut, was er sonst nach dem blinden Triebe der Natur thun würde, und daß ev seine Gedancken und Empfindungen mit Worten erklären kan. n fsut » Is I^slurc etre toüjours titele ; Ke point ksire c!u I^oup I'sIIie des krebis; I^e point vsntcr les ckants äe ktiilomelc, ^pres ^u'clle a tUt 5es petits. Wenn die Handlungen der Thiere vollkommen wahr sind, so scheinen uns die Satze und Reden, die man ihnen zuschreibet, eben so wahrhaft. Ich werde nicht nöthig haben, hier noch einmahl ausdrücklich zu erinnern, daßdemFabulistenvhneNachtheilderWahr- heit erlaubet ist, den Dingen solche Eigenschaften und Vollkommenheiten zuzuschreiben, die sich auf eine gemeine, wiewohl falsche Meinung gründen; denn was einmahl geglaubt worden, das hat für eine Allegorie seinen genügsamen Grad der Wahrscheinlichkeit. Doch wenn der Glauben von der Falsch- Von der Esopischen Fabel. 21z Falschheit eines solchen Vorgehens eben so allgemein und bekannt ist, so ist es unstreitig besser gehandelt/ wenn man ein solches Bild, das seine Glaubwürdigkeit verlohren hat, der Wahrheit aufopfert, und dafür ein anders wehlet, das von aller Beschuldigung frey ist, und von dessen gutenWürckung man zum voraus kan versichert seyn, wenn man weiß, daß es nach dem Licht der aufgeklärten Wissenschaft keinen Anstoß giebt oder findet. Wer dieses nichtbeobachtet,ist kaum jemahls genugsam zu entschuldigen, ausgenommen wo die Richtigkeit des symbolischenBildesinAb- sicht auf die darunter vorgestellte Lehre, solche rechtfertiget, und so nothwendig machet, daß man kein anders eben so bequemes Bild in der Natur finden kan, denselben Lehrsatz darein zu kleiden. Da ich oben gesagt habe, daß die Fabel nichts anders als eine historisch ausgeführte Metapher sey, so muß ich hier noch zum Beschluß anmercken, daß sie eben so wenig als eine solche beweiset, sondern wie eine andere Allegorie allein zur Absicht hat, zu belustigen und zu erklären, oder auf eine angenehme Weise zu unterrichten, und für solche Leute zu dienen, deren Verstand zur Einsicht philosophischer Erweise viel zu träg und schwach ist. Es wäre demnach widersinnig gehandelt, wenn ein Fabulist eine mathematische oder gleich so offenbare Wahrheit vor- O z stellen 214 Von der Elöptschm Fabel. stellen wollte; z.Ex. daß die krumme Linie von einer Menge grader bestehe , daß zweymahl zwey vier ausmachen, daß der Mensch eine sterbliche Creatur sey, und dergleichen. Jcb schreire nun zu dem praktischen Theile dieier Untersuchung fort, welcher den theoretischen , den ich bißdahin abgehandelt habe, in sein völliges Licht setzen soll. Von den menschlichen Fabeln. (7>Er Hr. Doctor Triller selbst hat eine Fa- ^ bei von dieser Art aus Augustin entlehnet, und in Reimen gebracht: Sie siehet Vl. s87> Es saß ein Knablein an dem Rhein , Und hakte zween? kleine Töpfe, Ein Wandrer sprach : Was soll das seyn? Hier sitz ich, rief das Kind, und schöpfe Den gantzen Rbeinstrom da hinein , Auf daß ich dessen tiefe Gründe, Und innerliches Wesen finde: Dieß schien dem Wandrer lächerlich, Doch sprach er, nein ! wer wundert sich? Der Anschlag kömmt von einem Kinde. Ihr, die ihr mit Vermefsenheir In jegliches Geheimniß dringet Und nicht bedruckt, wie schwach ihr seyd, Wie wenig euch das Merck gelinget, Mich dünckt ihr sucht mit kleinen Töpfen, Den grossen Rheinstrom auszuschöpfen. Wenn Von der Esopischen Fabel. 21 s Wenn ich dieses Scribenten seltsamen Lehrsätzen von der Natur der Fabel beypflichtete, so würde ich in seiner Sprache sagen : „ Ich „ finde in diesergantzen Erzehiung zwar nichts „ unvernünftiges und widernatürliches, aber „ auch nichts unglaubliches , daher sie folg, „ lich nicbt unter die Fabeln, sondern unter die Geschichten gehöret, welche täglich vor- gehen , zumahlen da nichts bekannter ist, „ als daß Kinder kindische Anschläge fassen, „ darum sie auch keine Verwunderung oder „ Aufmerksamkeit verdienet. „ So müßte ich reden und dencken, wenn ich in Hrn. Trillers Haut steckte. Alleine das Urtheil, welches aus meinen Lehrsätzen fliestet/ lautet gantz anders. Ich billige nemlich die Erfindung in dem höchsten Grade, wovon das Lob dem Augustinus zukömmt. Ich finde, daß obgleich die Personen dieser Fabel keine sonderliche Achtung verdienen, und von schlechtem Ansehen und Gewichte sind, die Handlung dennoch so viel von dem Wunderbaren an sich hat, als erfodert wird die Erzehlung angenehm zu machen, und ihr die nöthige Aufmcrcksamkeit zu erwerben. Dieses Wunderbare stecket in der Antwort des Kindes, womit es die stoltze Absicht seiner Handlung entdecket; die, weil sie gantz unerwartet ist , nothwendig eine angenehme Verwunderung erwecken muß. Sonst bestehet das Wesen dieser Fabel in einem ähnlichen O 4 Bey- 21 6 Von der Esopischen Fabel. Beyspiele von einem thörichten und stoltzen Unternehmen'; das Absehen derselben ist eine Besiraffung des Vorwitzes in Sachen, die für unsern engen Verstand unbegrifflich sind; aber das symbolische Beyspiel ist sehr bequem diese Absicht so lange zu verbergen, biß der Vorwitzige sein Urtheil würcklich gefallet hat, ehe er noch mercket, daß er sich selbst in einem gleichen Falle befindet, und also unwissend seine eigene Thorheit verurtheilet. Wiewohl ich nun diese Fabel in ihrer Erfindung zum höchsten gut heiffe, zumahlen da ich auch zweifle, ob dieser besondere Lehrsatz durch ein ähnliches Beyspiel von einer Handlung der Thiere, oder leblosen Geschöpfe, eben so eigentlich undglücklich könnte vorgestelletwer- den , so finde ich hergegen an der Trilleri- scken Ausführung zween Fehler auszusetzen: Der erste ist die Veränderung der Scene und des Orts, wo diese Geschichte soll geschehen seyn; der Erfinder der Fabel hat nicht ohne Grund das Gestade des Oceans dazu erwehlet; diesen verwandelt nun Hr. Triller in den Rheinsirom. Man muß nicht meinen, daß diese Veränderung gleichgültig sey; denn indem dadurch das Gleichmaaß zwischen dem (Unrineme und (^onrenin um so viel verringert wird, als der Rheinstrom kleiner ist, als das grosse Welt-Meer; so wird zugleich die Unmöglichkeit vermindert, maassen es weit unmöglicher ist, den grossen Ocean in ein klei- Von der Esopischen Fabel. 217 kleines an dem Ufer ausgescharretes Grüb- lein auszuschöpfen, als den Rheinfirom, ob beyde gleich, an sich selbst betrachtet, unmöglich sind. Also ist durch diese Veränderung die Kraft der Fabel zugleich mir der Uebereinstimmung des ähnlichen Gleichmaasses ohne Noth geschwächet worden. Der Grundsatz, auf welchem die Kraft dieser Fabel beruhet, ist t I'Hrun) inbniri niin eii x ; und die vermessene Thorheit, welche durch die Fabel bestraft werden soll, bestehet eben auf der Grösse des ungleichenMasses, das sich zwischen zweyen Dingen befindet, wovon eines das andere einschließen soll: Je grösser nun diese Ungleichheit des Maasses ist, desto grösser ist auch die Thorheit des Unternebmens. In der Lehre dieser Fabel ist diese Ungleichheit in dem Maasse zwischen dem Endlichen und Unendlichen so groß, daß sie grösser nicht seyn könte; aber in dem symbolischen Beyspiel ist dieselbe zwischen einem Topfe und dem Rheinstrohm nicht so groß als zwischen einem Grüblein und dem Ocean. Also ist durch diese Veränderung nichts gewonnen, sondern vielmehr die Uebereinstimmung zwischen dem Bilde und Gegenbilde, biemit die Deutlichkeit und der Nachdruck der Fabel, verderbet worden. Und aus eben derselben Ursache kan ich auch den zureichenden Grund der Veränderung eines Grübleins oder eines Topfs in zween Töpfe nicht sehen ; als, O 5 damit 218 Von der Esopischen Fabel. damit er Töpfe mit sthöpfe reimen könne. Der andere Fehler, den ich an der trilleri- schen Ausführung auszusetzen habe, beziehet sich auf die Absicht, welche dem Kinde bey seinem thörichten Unternehmen angedichtet, und mit denen Worten ausgedrücket wird: Auf daß ich dessen treffe Gründe Und innerliches Wesen finde. Dieses ist keine Absicht, die einem kleinen Kinde zukömmt: Auch ist diese Sprache in dem Munde eines Kindes unwahrscheinlich und lächerlich; was weiß ein solches von dem innerlichen Wesen der Dinge, und was bekümmert es sich darum? Und wie kan die Betrachtung der tieffen Gründe des Rheinstrvms mit dem Unternehmen des Knaben zugleich bestehen ? Wenn er erkennt und überlegt hat, daß diese Gründe so tief sind, so hat er schwerlich auf den thörichten Anschlag fallen können. Aber dieses ist vielmehr die Sprache eines poetischen Naturforschers , die Hr. Triller diesem Knaben geliehen hat. Also verstößt die Erzehlung in diesem Stücke gegen die Wahrscheinlichkeit. Ich ziehe hieher die erste von den Trillerischen Fabeln / wiewohl sie der Aufschrift nach unter die Classe der vermischten zu gehören scheinet. DerTitel derPersonen heißt, das Kind und der Frosch. Ein 2IA Von der Esopischen Fabel. Eitz Kind hatt' einen Frosch ^fangen, Komm, sprach es, laß dir gütlich thun, Du bist zum Glück dem Sumpf entgangen, Und sollst auf Sammt nunmehro ruhn. Drauf legt es denen kalte Glieder Auf einen Pfühl von Sammke nieder. Und trug ihn frölich hin und her; Allein der Frosch sah ohngefel.-r Im Hingehn eine trübe Pfütze; Gleich sprang er von dem weichen Sitze, Und ließ das edle Polster leer. Was schlecht gcbobrcn und erzogen, Vergißt nie, was es sonst gethan, Und scheint ihm gleich das Glück gewogen ; Hangt ihn doch stets sein Ursprung an. Man putz es noch so schön und prächtig , So bleibt es dennoch niederträchtig, Damit der Spruch erfüllet ward: Act lastet niimncrmchr von Art. Jchzehle diese Fabel unter die menschlichen, weil diegantze vernünftige Handlung darinnen dem Menschen zukömmt, woran der Frosch keinen Antheil hat. Aber wir wollen diese Fabel nach der Versicherung prüfen, die uns Hr. Triller Bl. 559. giebst, daß er sich äusserst habe angelegen seyn lassen , mir Wissen und Willen mehr wider die schweren Regeln zu verstoßen , welche eine gure Fabel erfoderc. Seine erste Regel Bl. 565. ist: „Zu einer vollkommenen Fa- „ bel wird erfodert, baß sie etwas nnglaub- liches in sich fassen muß. „ Wer nun 2LV Von der Esopischm Fabel. nach dieser Regel seine erste Fabel untersuchet , der wird ohne Mühe finden, daß sie gegen dieselbe verstößt: Oder man sage mir, was diese gantze Erzehlung unglaubliches habe? Ein Kind fangt einen Frosch, den will es gantz zärtlich wattieren, aber der Frosch nimmt seinen Vortheil in Acht, und springt wieder in die Pfütze. Ich meines Orts wollte nicht einmahl etwas unglaubliches fodern, ich würde sie nach meinen Lehrsätzen von der Natur der Fabel billigen, wenn sie nur entweder in Ansehung ihrer Personen, oder in Ansehung der Handlung selbst etwas wunderbares von dem untersten Rang oder nicht allzu gewohntes an sich hätte. Aber was ist gemeiner als die Person eines Kindes , und eines Frosches? Und die Handlung ist ein bekanntes Kinderspiel; Sie hat auch nichts angenehmes , als was die Geschäfte un- schuldigerKinder gemeiniglich mit sich führen. Ich kan selbige darum mit Recht eine kindische Fabel nennen. Sie ist aber neben diesem noch mit einem andern Fehler behaftet. In einer guten Fabel sollte man aus der symbolischen Erzehlung den Lehrsatz , der darunter verborgen stecket, ohne Mühe eben so leicht errathen können, als man aus einer Erfahrung einen Satz herausziehen kan: So muß auch dieser Lehr, satz in der Haupt-Handlung gegründet seyn; und Von der Esopischen Fabel. 22 l und wer ihn entdecken will, muss auf die Natur der Haupt-Person, und die Um. stände der Handlung genaue Achtung schlagen. Hier ist die Haupt- Person das Kind, dem eine gewisse Absicht und Handlung mit dem Fröschen zugeschrieben wird; die Haupt- Handlung bestehet darinnen, daß es dm gefangenen Frosch in der Meinung ihm wohl und zärtlich zu thun, aus kindischem Unverstand auf einen sammtenen Pfühl setzet, und liebkosend auf den Armen herumtragt: Alleine der Frosch, dem diese Aufwart nicht zum besten ansteht, fliehet in seine Pfütze, und giebt damit zu verstehen, daß er eine Lust suche, die seiner Natur mehr gemäß sey. Fraget ihr nun jemand um die Lehre, die in dieser Erzehlung verborgen lieget, so wird man in Erwegung des gesagten antworten: Dem Kinde in der Fabel sey derjenige gleich , der zwar wohl die Begierde hat, jemanden gutes zu thun, aber aus Unverstand die Gutthat nach seiner eigenen Nothdurft und Lust, nicht nach eines Andern Art und Natur abmißt. Hätte der Fabulist dem Fröschen, nachdem er sich wieder in seinem Elemente befand, den Spruch des Plautus in den Mund geleget: - - - - I^uIIuin benekciunr Llle öuco iä, Hiioä, czuoi fsciss, non zrlscet. Und hernach die Lehre des Seneca B. IV. 2-2 Von der Esoplschm Fabel. von den Gutthaten beygefüget: In beneÜLnz cianctiz i^eöletui' »ccnpiLnti!; iiiinini öc nnlikri«; So wäre die Fabel weder wegen des Man, gels am Wunderbaren, noch wegen des Mangels der Deutlichkeit, die auf der Ueber, einstimmung mit dem darausgezogenen Lehr, satze beruhet, zu tadeln gewesen; und alsdann würde selbige auch unstreitig unter die vermischten Fabeln zu zehlen gewesen seyn. Es ist zwar, wie La Motte in der cilften Fabel des ersten B. anmerckct, ein Stücke einer klugen Wahl, wenn eine Fabel neben der Haupt-Morale, die dieSee- le der Fabel ist, beyläuftig noch andere Wahrheiten einschlicffet; aber dabey muß man die Vorsorge gebrauchen, die er an eben demselben Orte mit diesem Verse an- bofiehlt: I.e tont, bicn enlendu, lsns blelker I'ldnite. Die Neben-Wahrheiten müssen der Haupt- Lehre nickt im Lichte stehen, vielweniger mit derselben streiten. Die Lehre, welche der Fabulist aus der obigen Erzehlung hergeleitet hat, scheinet vorauszusetzen, als ob der Frosch eine moralische Thorheit begangen habe, daß er seine Pfütze, die doch für ihn viel weicker und angenehmer war, dem sammtenen Pfühl vorgezogen; da doch derselbige, was er diesfalis gethan, aus einem blinden Triebe der Natur gethan bar, Von der Esopischen Fabel. 22; folglich dieses auch keine moralische Handlung ist, die Lob oder Tadel verdienet; und hiemit daraus auch keine moralische Bestraffung kan gezogen werden: Nein, sondern die Bestraffung hat alieine ihren Grund in der moralischen Handlung des Kindes, wie oben gczeiget worden. Wenn wir hiemit die obige Fabel in diesem Lichte betrachten , so muffen wir sagen, daß zwischen dem Cörper derselben und der ihr angedichteten Seele keine Harmonie oder Uebereinstimmung zu finden, und hiemit dem Cörper eine andere Seele, und der Seele ein anderer Cörper müsse zugesellet werden. Die zweyte Trillerffche Fabel, die zur Aufschrift bat: Der Hund auf einem ßrmm- renen Rüsten , und der Hausherr, gehöret gleichfalls in die Classe der menschlichen Fabeln, angesehen der Dorfhund in derselben nichts anders rbut, als was er aus blossem Triebe der Natur, ohne daß man ihm einige Gedancken oder Ueberlegungen leihen darf, thun kan. Es sind darum auch die dritte und die vierte Zeile gantz unnö- thig und überflüssig; wenn sie dem Hunde des sammtenen Polsters wegen die Worte in den Mund legen: Ey! dieß ist meinetwegen da, Ich will mich drauf zur Ruh verfügen. Nimmt man diese Zeilen heraus, so hat die ri4 Von der Esopischen Fabel. die gantze Erzehlung gar nichts wunderbares, ich will nicht sagen, unglaubliches ; und also verstößt sie wiederum gegen die erste Regel einer guten Fabel. Oder soll mir das eine unglaubliche Erzehlung seyn, wenn ich sage: Ein bescbmuzter Dorfhund legte sich in einem Zimmer eben so keck auf ein sammtenes Polster nieder, als wenn es um seinetwillen da gewesen wäre; als der Hausherr ohngefehr dazu kam, lohnte er diesem unverschämten Gast mit derben Stock- Schlägen. Das sind Historien, so die Stall-Jungen einander zu erzehlen pflegen. Wollte man sagen, das Wunderbare und Unglaubliche stecke eben in dem 8oHlo^üo, welches der Poet in oben angeführten Zeilen dem Hunde beygeleget hat; so antworte ich, daß dieses 8olllo^uüun gantz überflüssig sey, anerwogen die unvernünftigen Hunde ausser der Fabel ohne Ueberlegung eben das thun, was hier der vernünftige Dorfhund in der Fabel gethan hat. Es wird ja niemand vermuthen können, daß eben eine vernünftige Ueberlegung dazu erfodert werde , wenn man siehet, daß sich ein Hund auf einem sammtenen Polster ausstrecket: Und daraus ziehe ich diese Regel für die, Kunst des Fabulisten, daß das Wunderbare auch nothwendig seyn, und in den Umstanden der Erzeblung den Grund seiner Nothwendigkeit haben muß. Sonst wäre die Von der Msoptschen Fabel. 227 die Kunst eine Fabel zu machen, eine schlechte Künste . Die neunzehnte Fabel Bl. 614. mit der Aufschrift, der Fcreijere Mann, ein wunderlicher Roch, ist ebenfalls eine menschli- che Fabel; ja sie ist nur gar zu menschlich, und leider einen grossen Mangel am Wunderbaren. Ihr kurtzer Inhalt ist dieser: Ein Mann hatte aus Ost-Indien einen grossen Vorrath an Gewürtz und Specerepen nach Hause gebracht; weil er aber deuselben in Zurichtung derSpeisengantz rubmrätbig und ohne Maasse verschwendete, so wurden sol, cke verderbet, und den Gästen lauter Ekel erwecket. Die Haupt-Lehre, die darunter verborgen lieget, ist diese, o„E „immm, veikitcn- in viliuin ; und darum lasse dir gesagt seyn, ne cjUi'cl Iiünis. Der Verfasser ziehet es insbesondere auf die Schriften und derselben Auszierungen. Soll ich über dieses Stücke mein Urtheil geben, so kan ich es für keine Fabel gelten lassen, sondern ich sehe es an, als ein blosses Gleichniß. Gleichwie die unmässige Verschwendung des Gewürtzes die Speisen nur verderbet und Eckel erwecket; also ersiecken die überhäuften Vlumen und Zierrathen in einer Schrift die Schönheit der Materie. Ich kan auch nicht sehen, was man durch die nack Art einer Fabel angestellete Erweiterung und Ausführung gewinnet, im P Gegen- 226 Von der Esopischen Fabel. Gegentheil wird die Erzehlung dadurch nur Malt, UNd das '1 coiii^u^tionis UN- ler fremden Neben - Umständen und einer langweiligen Zubereitung beynahe aus dem Gesichte verlohren. Man entführet euern Geist zuerst in Ost - Indien , wo das Ge- würtze wächßt, euch hernach zu lebren, was Las gemeine Sprücbwort sagt: Zuviel Ge- würtze verderbt den Braten. Auf Liefe Weise könnte man bald aus jedem Gleicbniß eine Fabel schmieden. Wenn ich insbesondere auf die Art der Erweiterung, deren sich Hr. Triller bedienet hat, acblung gebe, so seh ick nicht, wozu es dienen soll, daß er den Mann in der Fabel selbst biß nach Ost- Indien führet, das Gewürtz und die Spe- cereyen daselbst einzukauffen, die er nöthig hatte, um seine Speisen damit zu überladen. Ein Fabulist, oder Dichter, muß in Erfindung der Umstände, die in seiner freyen Wahl stehen, der Natur folgen, die sich selbst diese Regel vorgeschrieben hat: tieii ^okell ^-»cg , ne tlat ^er ^luiki. NUN aber hätte er in Europa noch wohl so viel Gewürtze gefunden, als ersodert worden, die Mahlzeit seines Mannes abgeschmackt zu machen, ohne daß es nöthig gewesen wäre, ihn nach Ost-Indien selbst zu Marckt zu schicken. Horatz hatte ihn diese Behutsamkeit in der achten Sät. des zweyten B. mit dem Character des Nasidienus lehren können. Die Von der Ejopischen Fabel. 227 Die folgende zwanzigste Fabel Bl. 6iä. ist von fast demselben Schrot und Korn. Jcb darf nur die Aufschrift der Fabel her-s setzen, so wird man dieselbe ohne eine weitere Erzehlüng erkennen. Sie lautet: Vergebene Muhe, Boje zu besser» / oder, die -Raben - Bleiche. Ein jeder / der diese Aufschrift ließt, wird ohne mein erinnern von sich selbst anmercken, daß diese Fabel von der bekannten Esopifchen Fabel, welche man die Mohren-Bleiche nennen könnte, nicht unterschieden ist, die auch Erasmus in seinen ^cli,AN8 unter dem ^itel In«ni8 oj)era und bivas angeführet. Also gilt dießfalls die Anmerckung, welche La Motte in seiner Abhandlung von der Fabel angebracht hat: „Ich dörfte schier unter die schlechten Wahrheiten auch diejenigen zehlen, welche schon vordem in die Fabel eingekleidet worden, ausgenommen, wenn dieses unter einem nicht gar zu glücklichen Bilde wäre vorgenommen worden; denn das gäbe einem das Recht, dergleichen Wahrheiten noch einmahl vorzunehmen, damit man sie in ihr wahrhaftes Licht setzete. Ein Verfasser muß entweder erfinden oder vollkommener machen, da ist kein mittlerer Weg. Denn wozu dienet es, daß man mit dem Vorwand etlicher unnützen Veränderungen noch einmahl sagt, was andere schon gesagt haben? Diese Menge Schriften, in P 2 welchen 228 Von der Esoptschen Fabel. welchen nur die Worte und nicht die Sachen multipliciert werden, sind ein schändlicher Vorwurff der Gelahrrheit; und die Leser werden diese leeren Verfasser, die ihnen unter dem Schein einer falschen Neuheit ihre Stunden Hinwegrauben, allemahl mit einer gerechten Verachtung belohnen. „ Neben diesem kan ich nicht wissen, was Hrn. Triller wogte bewogen haben, das Morale hier an das Haupt der Fabel zu setzen, da er doch in seinem Vorbericbt Bl. 565'. einen Haupt-Fehler einer Fabel daraus machet: „ Das sst gewiß, daß die Versparung der Lehre biß zum Schlüsse der Erzehlung dem Leser ein neues Ergehen gewähret , nemlich das kurtzweilige Ersetzen des Aufzuges ; dessen Natur La Motte in seiner eben angezogenen Abhandlung Bl. 20. sehr deutlich also erkläret: Wenn ihr die Lehre vorne setzet, so schmäleret ihr das Ergehen, das von der Allegorie entstehet; es bleibet uns weiter nichts übrig, als daß wir urtheilen, wie weit sie richtig sey, aber wir können dann den Ruhm nicht haben, daß wir ihre Bedeutung mit unserm Verstände entdecket haben, und es verdrießt uns, daß der Verfasser uns solches nicht zugetrauet hat. Wenn ihr hingegen die Lehre biß an das Ende versperret, so bestrebet sich unser Geist in dem Laufe der Fabel , so viel er kan, und wir sind beym Schlüsse Von der Esopischen Fabel. 22- Schlüsse wohl zufrieden, daß wir mit euch auf einerley Gedancken gefallen sind, oder wir sind euch verbunden, daß ihr uns etwas besseres als wir gedachten, gelehret habet.,. Und etwas weiterhin setzet dieser Kunstlehrer hinzu : „ Der Verstand sieht es mit Ei- „ fersuchtan,wenn man ihm eineProbe weg- „ nimmt, so er gegen sich selbst von seiner „ eigenen Scharfsinnigkeit ablegen kan; und ,, er kan ohne Verdruß nicht wahrnehmen, „ daß man ihn eines Anlasses beraubet, wo „ er sich hätte groß machen können. Die „ vornehmste Kunst ist, daß man ihm so viel- ,, mahl, als möglich ist, Anlaß dazu ver- schaffe; alsdann können wir versichert seyn, daß er uns deßwegen Danck wissen wird. ,, Er wird uns um so viel lieber vor scharffsin- „ nig und geistreich erkennen, als wir ihm „ Anlaß geben werden, sich selbst diese Ei- „ genschaften zuzuschreiben. „ Und diese Ursache, die sich aus die Natur der Menschen gründet, ist auch viel gültiger, als wenn Hr. Triller eben dieselbe Regel aus der ungeschickten Vergleichung mit einem Epigramm« oder Sinngedichte herleiten will. Wie nun dieses in Absicht aus eine jegliche Fabel insbesondere seinen guten Grund hat ; so kan man hingegen einem Schreiber, der ein ganzes Buch voll Fabeln auf einmahl liefert, dießfalls eine mehrere Freyheit verstatten, weil eine andere Regel, die ebenfalls in der P z menssb- 2ZO Von der Esopischen Fabel. menschlichen Natur gegründet ist , erfordert, daß man dem Eckel, der aus der beständig gleichen Art des Vortrags entstehet, durch eine geschickte Veränderung desselben vorbie- ge; zugeschweigen, daß zuweilen ein Fabu- list sich nicht so knechtisch an die vorgeschriebene Ordnung binden kan , daß er nicht öfters der Beschaffenbeit seiner Materie und dem Triebe seines Geistes um etwas nachgeben sollte, womit la Fontaine in seiner Vorrede über die Fabeln aus Bescheidenheit denPhä- der und sich selbsten zu schützen suchet. LaMotte t at eben deßwegen seine Fabeln mit zierlichen Vorreden ausgeschmückt, damit er dadurch, wenn er seine beständige Erzehlung auf diese weise unterbräche, einekurtzweiligereAbwech- selung in sein Merck hineinbrächte, indem man mitVergnügen von der einfältigen Erzeh- lnng auf etwas ausführliche und zuweilen etwas tiefsinnige Betrachtungen verfallen würde ; wie er in dem Verfolge seiner Abhandlung von der Fabel selbst angemerket hat. Ich meines Orts wollte es Hrn. Trillern gerne verzeihen, wenn er in seinem Poetischen Anhange keinen andern Fehler hätte, als diesen, ungeachtet er denselben, wie schon gemeldet worden, vor einen Haupt-Fehler ansehen will. Weil er aber die Menschlichen oder Wahrscheinlichen Fabeln durchaus nicht vor Fabeln will gelten lassen: So wollen wir noch Von der Esopischen Fabel. 2z r ein par Exempel von dieser Art Fabeln vor uns nehmen , und mit wenigem untersuchen, mit was Recht man ihnen diesen Titel ab, sprechen könne. Ich finde dergleichen eine beym Gellius Xo8, 6c iininoki- leü volnnt, cluin nilril enpinnt, niliil clolent, niliil iraicnntnr , niliil ^andent : oninibu; vc- Iieii>entioiiliu8 aniini oilleii8 ainj)ntati8 in corpore i^nava: 6c ^nali enervat« vira: conleiiekennt. Eine andere, deren Urheber mir unbekannt ist, lautet also t körte in via conveniunk ccecu8 6c clandn8 , ubi cuni iine duce ^roAiedi non sollet coecu8, claudo etiani veliicnlo o^u8 eilet, retineliatnr nterc^ue kno inalo. ^t vero claudu8 pl o inAenü laAacirate aniniadverten8coeenni vali- do8 lacert 08 , ilrinc>8 ^ede8, robur deni^ue cor- ^>ori8 inkeAruin lrabere, nee ^nic^uain inorbi ant vitii in eo li^rere, niil i^uod c>culi8 ca^tus eilet, ^rudenter inüt rationein, nr inter te corn- inunicarent operar , 6c c^nod deeilet alter! alter larciret, keil. nt ccreu8 tnlleret in liuniero8 clan- dnin , claucln8 iili inonilrator vin eilet : ex^o- nit iunrn coniiliuin coeco at^ue o^erain ^olliee- tnr iliain ; i8 ^uainvi8.iarcina non Ievi8 ilbi köret inlicunda , 6c liumanitate iocii 6c kuo coin- »nodo addudln8 non detreciat conditioneni, ao kublato in litiinerc>8 clauclo eju8 dudluni iec^uen- do per^it : atc^ue ita connr>nnicati8 o^eri8 itsr susceptnin conilciunt. Der allgemeine Lehrsatz,so unter diesem Bilde verborgen lieget,ist folgender: Daß die Unvollkommenhrit und Dürftigkeit der Menschen, nach der je einer deö Von der Esopischen Fabel. 2z z des andern Hülfe benöthigt ist, das stärckste Band der menschlichen Gesellschaft sey. Ich habe diese symbolische Erzehlung bey einem gewissen Anlaß angewendet/ damit ru kehren/ cy>oä »rtes öc lcienNL , perteciL sch»6itio- nis nrbein sbsolvunt , iii-cliü'uno imei- 5c uoxn itri link confiinctic, nt nlteia ^lrciiux opein pob- c>t , öc coickyirent Liiuice: cum eniin crinnes IcientiL vel tlieoreticL äut, vel pi.icHcre; ch^c j)eäum, illL luininuin ubuin uc »iblciuin prse- tiant, 6c guemüinocluin corcu8 nili coimnunica- tg cuin clauclo oyera vix yeciem ycomovece yo- trilllet, ürr lcientia lins gäbione, yrLceyta line riku 6c exerLitgtione primin yroLu^t. Diese zwo Fabeln haben alle Tbeile und Eigenschaften vollkommener Fabeln / wenn schon die Personen/ welche aufgeführet werden / nichts aufferordentliches an sich haben. Beyde stellen einen nützlichen Lehrsatz vor. Dieser Lehrsatz wird in beyden durch ein geschicktes, gemäßes / und deutliches Beyspiel gantz unvermerckt vorgebildet. Die Erzcblung an sich selbst betrachtet / ist der klugen und un- vermutheten Handlungen wegen so wunderbar / daß sie in dieser Absicht alle Ausmerck- samkeit verdienet. Es findet sich auch nichts darinnen, das im geringsten wider die Wahrscheinlichkeit oder Möglichkeit anläuft. Also ist das Wunderbare und Glaubwürdige künst< lich und in dem rechten Maasse mit einander vereinigt. Und wenn ich die Natur der bcy- P 5 den 2Z4 Von der Esoptschen Fabel. den Lehrsätze betrachte, so bin ich fast beredt, daß dieselben durch eine Handlung der Thiere oder leblosen Dinge unmöglich eben so glücklich könnten ausgebildet werden. Die- femnach wird man keine Fabel mit Herm Trillern nur darum als mangelhaft verwerf- fen, weil die Personen in derselben lauter ordentliche Menschen sind ; und ich behaupte so gar, daß die Fabeln der Thiere und leblosen Geschöpfe niemahls waren erfunden worden , wenn es nickt aus Mangel des Neuen undWunderbaren in denen täglichen menschlichen Geschäften geschehen wäre; so daßäch hiemil den menschlichen Fabeln, wenn sie wie die obigen wohl gerathen sind, noch allzeit einen Vorzug über die andern einräume. Von den wunderbaren Fabeln. Iese sind von zweyerley Gattung, nach den Graden , nach welchen sie sich von dem Wahrscheinlichen entfernen. Die erste Gattung begreift diejenigen Fabeln, in welchen denThieren ohne Unterschied menschliche Vernunft und Handlungen , und darum auch die Rede mitgetheilet wird. Lasset uns nun einige Exempel von dieser Art auf die Probe nehmen. Der berühmte Herr Doc- tor Haller hat die bekannte Esopische Fabel von dem Fuchsen im Weinberge also gegeben: Ein Von -er Esopischen Fabel.' 2z e Ein Fuchs , der auf die Beute gieng, Trafeinen Weinstock an, der schwer von falben Trauben Um einen hohen Ulmbaum hieng; Sie schienen gut genug ; die Kunst war abzuklauben. Er schlich sich hin und her den Zugang abzuspah'n; Umsonst, es war zu hoch, kein Sprung warabzuseh'n. Der Schalck dacht in sich selbst, ich muß mich nicht beschämen, Er sprach, und gab dem Baum ein höllisches Gesicht: Was soll ich mir viel Mühe nehmen? Sie sind ja säur, und taugen nicht. Esopus hat daraus diesen allgemeinen Lehrsatz gezogen : Lpernit ssipert)U8 , gUL neguit assePii. Herr Haller hergegen ziehet es ins besondere auf die Verachtung der Wissenschaft : So gehts der Wissenschaft, Verachtung geht für Müh; Wer sie nicht hat, der tadelt sie. Weil die glückliche Erfindung dieser Fabel von jedermann gelobet wird, so will ich hier beyläuftig nur einige Anmerkungen zum Lobe der Kunst des Poeten in Erweiterung derselben einflieffen lassen, und damit lehren, daß diese Kunst in einer geschickten Wahl der Umstände besiehe. Die Absicht des Poeten erfoderte, daß er zeigete,daß die Verachtung der Trauben bey dem Fuchsen nur verstellt gewesen. Diese Verstellungglaubwürdig zu machen, dienen nun eines Theils die Umstände, die dem Fuchsen eine Essens-Begierde, und 2)6 "Vonder Esopjschen Fabel. das Vorhaben solche zu stillen, zulegen, als da sind, der auf die Beure gieng, welches Phädrus durch k3inecn-><5bi giebt; und wenn der Poet denn ferner diese ihm angedichtete Essens - Begierde durch die Vorstellung einer reichen und guten Nahrung, ein Wem- siock, der schwer von falben Trauben hrenF, desgleichen, sie schienen gur genug, reitzet. Ändern Theils aber dienen, die verstellte Verachtung des Fuchsen glaubwürdig zu machen, diejenigen Umstände, welche den Verdacht von der Unzeitigkeit der Trauben entfernen, ihm eine Bemühung darnach zulegen, diese Bemühung aber gantz sauer, ja unmöglich machen, wodurch dann eben die wahre Ursache seiner Verachtung offenbar wird; nem- licb', daß selbige weder von einem Mangel der Essens-Lust, noch von der unzeitigen Be, schaffenheit der Speise herrühre; sondern von dem Unvermögen solche zu erreichen. In einer guten Fabel muß demnach die symboli, sche Handlung ein deutliches Beyspiel von dem angenommenen Lehrsätze seyn: Alle Umstände dieser Handlung aber müssen in der allgemeinen Absicht derselben, und in einander gegründet seyn , d. i. alle zusammen müssen die Haupt-Absicht der Handlung, und je einer den andern unterstützen; so daß man von einem jeglichenUmsiande aus derHaupt- Absicht der gantzen Handlung einen zulänglichen Grund geben kan, warum er nothwen- Von der Esopischen Fabel, r z? dig sey. Der Herr Hagedorn hat eine andere Esopische Fabel vom Fuchsen in Verse eingekleidet, die er folgenderGestaltgegeben: Mein Freund , dir ist gewiß Esopus noch bekannt. Der klügste Phnigier, der uns vom Fuchs erzchlet, Daß er ein Bild , dem nichtshcfchlet , Den schönsten Kopf, bey einem Künstler fand. Er rief: Wie schön ist Auge, Mund und Stirne! Tewundernswehrter Kopf, ach hattest du Gehirne! Nun ist bekannt, wie auch eben dieser belobte Verfasser anmercket, daß der Hr. la Motte mit dieser Fabel in Vergleichung mit obiger nicht allerdings zufrieden ist: Er wünschet das bekannte o Quanta checies csrebrmn uoir jmbek! in dem Munde eines andern Lehrers, als des Fuchsen, angetroffen zu haben. Diese Beurtheilung findet sich in der Vorrede zu der vierten Fabel des ersten B. wo der Poet die Regel der Fabel, II saut a Is dgature elre toüjour^ tlclellc, erkläret und ausführet. Seine Worte lauten: 1.2 kable ne vcut ricn äe sorce, äs birarre. kar exemple je ine cleclare kour le Kensrcl ßascon, gui renvoye aux Lonjac« Der KaiNns mürs, gu'il n'attcinl par: dkais, il n'a plus ls xrace naturelle ^vcc la kete sanr cervelle. 8 on inot elk excellent. O'sccorä: blais un autrs «levoic le ilire. Diesel- 2 Z 8 Von der Esopischen Fabel. Dieselbe hat Hr. Dock. Triller in seiner Unglücklichen Untersuchung vonFabelnBl. 568. angebracht, und da er sonst an dem Rande mit Anzügen sich breit zu machen gewohnt ist, so hat er hier durch eine undanckbareVerschwei- gung dieser Stelle des La Motte, von dem er sie gebvrget hat , solche sich gantz eigen zu machen gesucht: Und man kan auch sagen, daß sie ihm durch die Uebersetzung aufgcwisse Weste gantz eigen geworden sey, indem La Motte sie in dieser Verstellung nicht mehr für die seine erkennen würde. Sie lautet: „ Wenn ich bey dem Phädrus lese, daß der „ Fuchs in einen Weinberg gestiegen, und „ Trauben essen wollen, die er aber nicht er- „ langen können, so finde ich hier den Fuchs, „ so zu sagen, in seinem rechten Element, „ und höre seine natürliche Sprache, wenn „ er kaltsinnig sagt: k^olo gLeibrun Unsere. „ Wenn ich aber bald darauf vernehme, „ daß er von einer hirnlosen Tragödien-Lar- „ ve, oder einem Brust-Bilde geurtheilet, und ihm den Mangel des Verstandes mit diesen hochtrabenden Worten vorgerücket: „ Schade für den wunderschönen Kopf, daß er kein Gehirn hat! Da mögte ich, wie dort Apelles über den Schuster , der sich „ über seinen Leisten verstiegen, billig auS- „ ruffen: Sachte! der Hr. Fuchs versteige „ sich nicht über seinen Weinberg! Denn was hat doch der Fuchs in einer Werck- .. statt Von der Esopischm Fabel. 2zz> „ statt des Bildhauers zu thun, wohin na- „ türlicher Weise kein Fuchs zu kommen „ pflegt, vielweniger von dem Verstände „ der Menschen urtheilen kan? „ Beyde, der Franzoß und der Deutsche tadeln diese lezte Fabel als unnatürlich; aber der Deutsche bringet aus Mißverstand gantz lächerliche Gründe , seinen geborgten Tadel zu rechtfertigen, doch immer in der steiften Be- redung, daß es eben diejenigen seyn, deren sich ?a Motte bedienet hat. Ich wollte Herrn Triller nur fragen, ob es denn wobt natürlicher sey, daß ein Fuchs rede, als daß er sich in der Werckstatt eines Bildhauers einflnde? Ist es doch nichts unerhörtes , daß ein Fuchs etwann würcklich in einem Hause angetroffen worden: Und wenn die Thiere in dem Systema der Fabel nicht weiter von den Menschen entfernet und unterschieden sind, die äußerliche Gestalt ausgenommen, als etwann eine Art Menschen von der andern Act, warum sollten sie nicht mit den Menschen einen Umgang pflegen, und zugleich von dem Verstände der Menschen urtheilen können? O- der wenn dieses unnatürlich ist, daß der Fuchs in der Fabel sich in der Werckstatt eines Bildhauers ernfindet; wie will denn Herr Triller dw vermischten Fabeln, da Menschen und Thiere in Unterredungen und gemeinsame Handlungen mit einander ver- pflich- 242 Von der Esopischen Fabel. pflichtet werden, als.natürlich und wahrscheinlich vertheidigen rönnen? Wenn er nicht gewöhnet wäre, sich selbst so oft zu widersprechen, als er sich an der Wände findet, so wäre er in seiner Untersuchung von den Fabeln wohl hundertmahl stecken geblieben. Oder wo ist dem La Motte nur in den Sinn gekommen zu behaupten, daß ein Fuchs, nemlich ein vernünftiger Fuchs in der Kerbel, nicht sollte geschickt seyn, von dem Verstände des Menschen zu urtheilen ? Wird doch dazu nicht mehr er- fodert, als die Geschicklichkeit von seinem eigenen Verstände zu urtheilen, nachdem man den Thieren einmahl die menschliche Vernunft verliehen hat. Der Franzose meinet nur, daß dieses Urtheil des Fuchsen in einem andern Munde weit anständiger und natürlicher gewesen wäre. Der oben erwähnte Herr Hagedorn versetzet zwar dagegen: „Findet man aber Ursache,warum ein so witziges Thier, als der Fuchs ist, „ von dem Rechte, ungehirnter Köpfe zu „ spotten, mehr als ein anders auögeschlos- „ sen seyn sollte ? „ Es ist auch diese Antwort so gründlich, daß man sich nothwendig daran begnügen müßte, wenn La Motte in dem Verse, un sutre clevoit le clire, durch un »Uwe. ein anders Thier dem Fuchsen Von der Esopischen Fabel. 241 seri hatte vorziehen wollen. Meine ich bin versichert, daß der Franzose mit seiner Cri- tick alleine so viel habe sagen wollen: Diese Materie hatte sich besser vor eine menschliche Fabel geschickt. Und in diesem Sinne pflichte ich ihm gäntzlich bey; es wird auch niemand laugnen dürfen , daß dieses Urtheil des Fuchsen in dem Munde eines Menschen nicht viel natürlicher gewesen wäre. Man könnte zwar sagen, auf diese Weise wäre keine Fabel herausgekommen, aber die blosse Rede eines Thiers machet auch noch keine Fabel aus. Was will man aus der Absicht oder den Umstanden dieser Fabel für einen Grund für die Wahl des Fuchsen vor andern Thieren, oder doch vor dem Menschen angeben können? Wäre dieses Urtheil nicht eben so gut und natürlich in dem Munde einer Schlange gewesen? Eine Fabel setzet nothwendig eine Absicht und Handlung voraus: Hier haben wir nichts als ein blösses Urtheil, welches ohne Unterschied allen mit Verstand begabten Wesen kan zugeschrieben werden. Doch ist es unstreitig dem Menschen mehr eigen, als den Thieren; und was kan uns bringen, ein solches Urtheil den Thieren zuzuschreiben ? Bey dem allem muß ich die Kunst loben, mit welcher La Fontaine in der I.XXiv.sten Fab. diesen Mangel des Natürlichen zu verbergen gewußt hat, wenn er -r) den 24r Voll der Esopischen Fabel. den Esel und den Fuchs über die Richtigkeit ihres Urtheils von dem wahren Werth der Dinge in eine Vergleichung stellet. Eben so verkehrt hat Herr Triller das kritische Urtheil aufgenommen, welches La Motte von der bekannten Fabel des La Fontaine gefallet hat, in welcher der Löwe in eine schöne Schäferin verliebt wird, und sich darüber Zähne und Klauen abbrechen und abfeilen läßt , daher er endlich von den Hunden zerrissen wird. Der Franzose sagt davon : Die Erdichtung dieser Liebe ist desto lächerlicher, weil der Verfasser sie unnötbiger Weise waget, denn sonst hätte man mit der Nothwendigkeit ihre Verwegenheit entschuldigen können; alleine es ist so ferne, daß ihn die Noth getrieben habe, ein so abgeschmacktes Wunderding zu erdichten , damit er die Unvorsichtigkeit der Verliebten vorstellig machte, daß er vielmehr unter tausend andern symbolischen Bildern auslösen konnte, welche solche eben so wohl vorgestellet hätten , ohne daß sie mit der Natur im Widersprüche gelegen wären. Diese wird uns allemahl zu dem verschiedenen Gebrauche der Sitkenlehre mit genug Allegorien und bequemen Allegorien versehen, ohne daß wir genöthigt werden, ihr deßwegen Gewalt anzuthun, die Kunst bestehet nur darum, daß man sich in der Erdichtung nach derselben auf eine scharfsinnige Weise Von der Esopischm Fabel. 24z Weise 'zu achten wisse. „ Hr. Triller her- gegen sagt davon Bl. 570. und 571. „ Diese Fabel ist falsch und verwerfflich, weil sie etwas unvernünftiges und widernatürliches hac; indem es wider die Natur der Löwen und Jungfrauen, sich in einander zu verlieben, oder ein Ehe-Dündniss zu stiften. Weit besser hätte sich demnach für den Löwen geschicket, wenn er sich in eine Wölfin, Füchsin oder Dächsin rc. verliebet hätte , als welche ihm eben so wobt die Zähne und Klauen nach und nach abbrechen können, als der Vater der Schäferin. Hiedurch hätte La Fontaine gleicher Gestalt seinen Zweck erhalten, und die Fabel wäre untadelhaft worden. „ Es fragt sich nicht, ob es ausser der Fabel wider die Natur der Löwen und der Jungfrauen sey, einander zu heyrathen: Und es ist wahrhaftig in der Fabel in keinem mehrern Grade wider die Natur, als daß die Ceder auf dem Llbanon , nach einer biblischen Fabel, die unser Kunstrichter von allem Verbrechen wider das Natürliche frey spricht, von dem Dornstrauchs für seinen Sohn zum Weibe begehret worden. Der Dornstrauch und die Ceder sind kaum näher mit einander an Geschlechte verwandt, als der Löwe und die Schäferin ; wie die ersten beyde aus dem Reiche der Pflantzen sind, so sind die leztern beyde aus dem Reiche der Thiere. -^2 Ich 244 Von der Esopischen Fabel. Ick kan ihm zugestehen, daß diese Fabel, wenn statt des Dornstrauchs der Löwe wäre gesetzet worden, abgeschmackt geworden wäre, weil die Naturen derselben gantz ungleich sind, und wir nur nickt einmahl die Möglichkeit einer ehlichen Vermischung zwischen ihnen begreiffen können ; aber zwischen Löw und Mensch ist dieses nicht, und man findet so gar gewisse Erzehlungen von der Vermischung der Löwen und anderer Thiere mit den Menschen, die einst für glaubwürdig angegeben worden, und auch bey den Menschen Glauben gefunden haben. Es hat auch La Fontaine diesen tLckein des Widernatürlichen eben mit der Freyheit der Fabel entschuldigen wollen: Du tems, Hue les betes p3rloient t^es I-ions ciure sutres vouloicnt ktre sämis nocre sNisnce. ?our^uvi non? leur en^ernce Vsloit I 3 nütre en cc tems-ll>, /Vv3»t coursze, intelliZence, Lt belle Uurc oucre cels. Und ich gebe auch zu, daß sie nicht Wider das Mögliche der Fabel streitet; aber ich finde sie eben darum tadelhaft, weil sie einer Entschuldigung bedarf; da doch dieser Lehrsatz von der Thorheit der Liebe mit bequemern Beyspielen, die keiner Entschuldigug bedürftigwären, könnte ausgebildet werden. Hr. Tril- Von der Esopischm Fabel. 24s Triller hat uns nach seiner Art einen Vorschlag zu einer Verbesserung gemacbet, aber sich damit verrathen , daß er weder die Natur der Fabel, noch des Wunderbaren, noch des Glaublichen kenne. Er will, daß man für die Jungfrau, eine Wölfin, Fücblm oder Dachsm hinsetze, so sey die Verbesserung gemacher.- Aber was für einenGrund würde man bey dieser Veränderung für die Abbrechung der Klauen und Abheilung der Zähneangeben können ? Oder ist es natürlich, daß die Wölfin fürdieSüssigkeit derKüffebesvrgetsey? Oder vielleicht will er dieArt des verliebten Thuns, die unter den Menschen üblich ist, auch unter den Thieren einführen? Diese einzigeBetrach- tung kan ihn lehren, daß sein Vorschlag wohl eine Veränderung, aber ins schlimmere , nach sich ziehen würde. Die leichteste Verbesserung dieser Fabel könnte, meines Erachtens, geschehen, wenn man an des Löwen Platz und in seine Umstände aus dem Geschlechte der Thiere einen Affen oder eine Meer-Katze setzen würde. Es ist noch eine bekannte Esopische Fabel von dem Löwen der mit der Kühe, der Geiß und dem Schafe eine Gesellschaft macht; sie kommen überein, daß sie die Beute mit einander theilen wollen; sie fangen einen Hirsch, welchen der Löw in vier Stücke theilet, wovon er unter verschiedenen Titeln Rechtens drey für sich hinwegnimmt, mit angehäng- H z ter 246 Von der Esopischen Fabel- ter Drohung, wer das vierte angreiffen dürfte, würde es mit ihm auszumachen haben. Ueber diese Fabel macht La Motte folgende kritische Anmerckung. Ein Bild, sagt er, sündiget wider die Natur, wenn es mit den Gegriffen, so man von den Dingen hat, nicht übereinstimmt; diese Gesellschaft ist nicht natürlich, der Löw lißt seine Jager nicht geschickt aus , seine drey Gesellen können ihm nichts helffen, und sie sind sonst zu furchtsam, als daß sie sich mit einem Jager in eine Gesellschaft verbinden sollten, der eben sie selbst, als sein bestes Wildprat, zu jagen pflegt. „ Auch diese Critick hat Herr Triller mit Verhehlung des Urhebers sich zugeeignet Vl. 5?r. Doch hat er sie noch mit der Anmerckung erweitert, daß dieses keine Fleischfressende Thiere seyn, dahero sie dem Löwen die gantze Beute wohl ohne Streit.werden gelassen haben. Ich muß hier noch einen Fehler rügen, dem Herr Triller in den Fabeln von seiner eigenen Erfindung sehr ergeben ist. Derselbe bestehet darinnen, daß er öfters allzu absonderliche Lehrsätze auswehlet, und dieselbe absonderliche menschliche Handlung, die in dem Lehrsatz eingeschlossen ist, den Thieren beyleget ; wodurch die Erzehlung von dem Lehr, satze nicht unterschieden wird, als durch die Nahmen der Thiere. So wenn er in der achten Fabel lehren will, daß man den Feinden Von der Esopischen Fabel. 247 nicht eher den Krieg ankündigen soll, biß man in Verfassung stehet: So ist die Handlung , derenthalben einige Klugheit anbefohlen wird, der Krieg und die Ankündigung desselben. Diesen Lehrsatz in eine Fabel einzukleiden , braucht es nach Hrn. Trillers Exempel nicht viel Kopfbrechens ; man lege nur diese Handlung und diesen Anschlag den Thieren bey, und sage: Die jungen Hirschen kündigten den Bären den Krieg an; als sie sich zur Gegenwehr stellen sollten, nahmen sie erst wahr, daß sie noch ohne Waffen wären; und darum werden sie von den Bären ohne Widerstand zerrissen. Ihr dürfet nur die Bären und Hirschen wieder in Menschen verwandeln, so hat die Erzehlung keine Eigenschaft der Fabel mehr; und ich habe schon öfters erinnert, daß die blossen Nahmen der Thiere keine Fabel ausmachen, zugeschwei- gen, daß es nicht wahrscheinlich genug ist, daß die noch jungen Hirschen ohne Geweyh sollten die Kühnheit und Verwegenheit gehabt haben, den Bären den Krieg anzusagen , da sie nach ihrer Natur gantz schüchtern und forchtsam sind. Mit demselben Fehler ist die neun und zwanzigste Fabel behaftet, welche zurAufschrift hat: Von dem Lorven, be? dem sich) das Schaf zum Abgesandte» m fremde Länder angegeben. Das Vorhaben und die Handlung des Löwen ist gqr zu menschlich, und von dem Wahrscheinli- H 4 chen 248 Von -er Esopischen Fabel. chen der Thiere zu weit entfernt. Dahin gehöret auch die Fabel Bl. 625. von dem Hamster und der Ameise, da jener von die- ser Korn geborget, und auf erfolgtes Mahnen ihr statt der Bezahlung böse Drohworte zum Lohn gab ; zu lehren, daß wer Mächtigern was leihet, esverlvhrengebensol!. Desgleichen die Fabel Bl. 618. von dem mit Schaden reisenden Eichhorn, die lehren soll, daß man bleiben soll wo man ist. So ist auch überhaupt in der Erfindung seiner Fabeln wenig Kunst; ein grosser Theil gründet sich auf bekannte Sprüchwörter und Gleichnisse , davon ihm nichts als die Ausführung zugehöret. Als z. Ex. Ein Undanckbarer ist gleich einem Schweine , das sich von den Eichnüssen mästet, ohne den Baum anzusehen , von dem sie herkommen , Fab. Xlll. Bl. 597. Eine dunckle Schrift ist gleich einer Nuß, in deren man öfters, wenn man sie mit Mühe aufgebrochen hat, statt des Kerns nichts als Staub undWürmer findet, Fab. Xiv. Bl. 598 u. s. f. Wer dergleichen Fabeln verfertigen will, darf nur eine Sam» lung von Sprüchwörtern und moralischen Gleichnissen durchblättern, so wird er Materie überflüssig finden, und keine weitere Mühe haben, als die Ausführung: Aber so wird er sich das Lob der Erfindung mit keinem Rechte zumessen können. Die Von der Esopischen Fabel- 249 s Die schöne Fabelvon derFeld-Maus und der Stadt-Maus ist aus Horatii sechsten Sät. des zweyten B. bekannt; diese hat Hr. Triller zu übersetzen und mit seinen Zusätzen auszurüsten die Kühnheit gehabt Bl. 646. Lasset uns ein wenig sehen, wie diese vermeinte Verbesserung gerathen ist. Horatz führet seine Fabel also ein: KuNicus urdsiium murem mus pruiperc sertur ^ccegille csvo, vetercn» vcms Iiospes Lmicum. Er fand nicht nöthig die Zeit, den Anlaß und die übrigen Umstände ihrer Zusammenkunft in einer langen Erzehlung zu beschreiben, zu- mahlen da dieses zu der Absicht der Fabel im geringsten nichts dienete: Genug daß sie zusammen gekommen, welche Zusammenkunft er auf das chi» chofficalitans gründet, und damit wahrscheinlich machet. Der Deutsche hingegen wollte diese treffliche Gelegenheit, seine Kunst und seinen Witz zu zeigen , nicht Vorbeygehen lassen. Er beschreibet euchalle die kleinsten Umstände, eben auf die Weise, als wenn er euch einen Besuch, den er in eigener Person bey einem Freunde auf dem Lande hätte abgelegt, beschreiben wollte, und verfällt damit in das Possierliche: Sonntags, da die Predigt aus, die ja wol so gut gewesen, Als wir sie gemeiniglich in den Hauß-Postillen lesen, Ließ die Stadt-Maus sich gefallen, für das Lbor hinaus zu gehn, 2 5 Allda 2s2 Von der Esopischen Fabel. Allda frische Luft zu schöpfen, und die Felder zu löschn: Eden dieses hatte sich auch die Feldmaus vorgenommen, Als sie nun von ohngefahr aufdem Weg zukamen körnen, Und sich unvcrmuthct sahen, war es beyden angenehm, Denn sie waren alkeFrcundeundGcvatternausscrdem. Wo ist nun der Geschmack dieses eckeln Kunst- richters , der so viel unvernünftiges und unnatürliches finden kan, wo keines ist ? Ist jemahls erhört worden , daß die Thiere einen Unterschied zwischen Feyer-und Werckel- Tagen beobachten? Ferner wie können sie unter einander Gevater seyn? Verräth nicht dieses eine heimliche Lust, mit heiligen Dingen zu spotten ? Oder ist dieses vielleicht irr der Natur der Mäuse gegründet, daß sie, wie die Bürger von Hamburg Sonntags nach der Predigt vor das Thor hinaus spazieren gehen , allda frische Luft zu schöpfetr und die Felder zu besehen ? Und was dienet endlich dieses alles zu der Absicht des Fabu, listen? Nach diesem werdet ihr selbst errathen können , daß die Feld-Mauß bey dieser glücklichen Zusammenkunft in einem höflichen Einladungs-Compliment sich die Ehre ausbitten wird, die Stadt-Mauß zu bewirthen ; und daß diese solches, aus Freundschaft, wiewohl ungerne genung, annehmen wird. Der Stadt-Mauß ihr Gegen-Com- pliment lautet: Ja! versetzte diese drauf, war es endlich in der Wochen, Könnt ich schon noch mit dir gehn; doch heut bin ich schon versprochen, Und Von der Esopischen Fabel. 25-1 Und bereits zum Schmaust gebeten, weil man nach Gewohnheit , meist Sonntags Abends in den Städten, mit einander kostbar speist. Doch es sey vor diesesmahl, ich gewahr dich deiner Bitte, Und nehm heut mir dirvorlieb , führ ..ach nur indeine Hütte Muß man doch nicht immer schmausen. - - - Ich will dabep nur diese Anmerckung machen, baß der Deutsche den Cbaracter der »Ltadt- Mauß gantz verderbet hat. Horatz hat dieselbe als von der Epikurischen Secte vorgestellet , sie spricht unten zu der Feld-Mäuse: l^errellris gusnrlo ötortsleis animss vivunt tortics; negne uüz etl, MLgno, sut ^>Lrvo letlii fußs: (chio do:iS circa vum Iicet, in rebus jncunclis vive bcskus- Vive memor, gnsm t>.s «vi brevis ! Welches Herr Triller also giebet: Alles was auf Erden lebt, muß die Seele bald verliehrcn, Höh' u. Nied'remüssen sterbe»/ dannenhero ist meinRath, Thu dir wohl, so lang du lebest,weil es schnell einEnde bar. Wie reimt sich nun mit diesen Epikurischen Grundsätzen die Lehre, die sie in ihrer ziemlich unhöflichen und höhnischen Zusage giebt, daß man sich selber Gewalt und Abbruch thun müsse: Muß man doch nicht immer schmausen. Sie 2s2 Von der EsopischenFabel. Sie gehen auf dieses mit einander «ach der Wohnung der Feld - Mauß. Bey diesem Anlasse wird wieder eine gantz unnatürliche Beschreibung derselben eingesticket , wenn es von der Stadt-Mause heißt: lind sie wünschte, daß sie sich nie, »dieses Loch begeben, Das so schmutzig, e g u. dunckel, abgelegen, fürchterlich. Weil in dieser wilden Gegend niemand leicht vorüber strich. Man würde daraus schliessen, als ob die Stadt-Mäuse in reinen, weitlauftigen, hellen Gemächer» zu wohnen, und bey der Gesellschaft der Menschen ihre Sicherheit zu suchen gewohnt waren. Aber ssr. Triller hat, da er dieses schrieb , vergessen, daß er der Mäuse sein eigenes Befinden andichte. Und ich lasse auch hier die Eritick dieser ungeschickten Uebersetzung stehen , weiche durchaus von diesem Schrot und Korn ist, weil ich selbst überdrüssig bin, diese Arbeit weiter fortzusetzen, da ich immer ein Ding wiederhohlen müßte. Ich gehe darum zu der andern Gattung der unwahrscheinlichen Fabeln fort, in welchen die Pfiantzen und leblosen Dinge als Personen ausgeführet werden. Ich will ein einziges Exempel von dieser Art untersuchen, und zeigen, wie schwer die Verbindung des Wahrscheinlichen mit demWunderbaren darinnen sey. Dazu soll uns dienen, die Fabel von der unglücklichen Vermählun-g dcs Dornbusches mit dem Eichbaume, welche Ioas den König in Israel zum Verfasser Von der Esopischcn Fabel. 2 5 >- hat, und die in dem zweyten B. der Königs Cap. XlV. 9. summarisch erzehlet wird, und also lautet: „ Der Dornstrauch im Libanon „ sandte zu der Cedcr im Libanon, und liest „ ihr sagen: Gieb deine Tochter meinem „ Sohn zum Weibe. Aber das Wild im Li- „ banon lief über den Dornstrauch, und „ rrat ihn.,. Die Personen in dieser orientali- schenFabelsindderDornstrauchunddieCeder, hiemit Personen von gantz ungleicher Grösse, Achtung und Würdigkeit. Beyde sind einander der Nachbarschaft halben verwandt, sie stuhnden beyde auf dem Libanon.; doch waren, ihre Womrstarre um etwas von einander entfernet, sonst harten sie selbst mit einander gesprochen. Der Dornstrauch ist in seiner hohen Einbildung nicht geringer als sein mächtiger Nachbar der Cederbaum; ein Zeichen dessen ist, daß er sich ohne Bedrucken vorsehet, seinem Sohne die Tochter desselben zum Weibe zu begehren. Er läßt es auch wircklich vollstrecken, aber wegen der Entfernung mußte es durch einen Mittler geschehen. Inzwischen da sich der sioltze Dornstrauch mit dieser hohen Einbildung schmeichelte, versammelten sich die wilden Thiere des Waldes wider ihn, und brachten ihn unter die Füsse. Was wollte nun König Ioas mit dieser Fabel zu verstehen geben? Ueberhaupt dieses, daß die wegen ihres Glücks Stoltzen und Uebermü- thigen, darum noch nicht vor aller Gefahr 2s4 Von Der Esoprschcn Fades. gesichert seyn; je mehr sie sich ihres Glücks überheben, desto naher sey gemeiniglich ihr Verderben; sie finden noch allemabl ihren Meister; d. i. mir einem Wort: Uebermuth kömmt vor dem Falle. Insbesondere bildet er durch den Dornstrauch den hochmü- thigen König in Juda, den Amazias, ab, der ihn aus blossem Uebermuth wegen seines Siegs über die Edomiter, durch eine Gesandtschaft zum Streit hatte auffodern lassen. Dieses Bild war um so viel bequemer, weil Joaswohlmag gewußt haben, daß Amaziaö gleich einem Dornstrauch i>np?.rien8 cultui-X ex. csüiALlioms , Lste' der Prophet an ihn legen wollen, luo iNAenio 3c libichni in- 6ulALN8 sich nur stoltzer Weise suche auszubreiten , und daß ihn Gott eben deßwegen zum Feuer des Verderbens bestimmet habe. Es stehet auch wahrscheinlich zu vermuthen, daß des Amazias vornehmste Absicht bey dieser mutwilligen Aufforderung zum Kriege diese gewesen sey, daß er die Tochter des Volcks Israels sich unterwürffig machete, und zu der Gemeinschaft der Abgötterey mit den Kindern Juda verpflichtete: Und dieses mag auch die Ursache gewesen seyn, daß Joas in der symbolischen Vorstellung dem Dornstrauchs einen hochmüthigen und tollen Vorsatz zuschreibet, der dem Scheine nach nicht auf Krieg, doch auf eine Un- terwerffuug und Verpflichtung, wie in der ehiichen Verbindung auf Seiten des Wei- Von der Esoptschen Fabel. 25s bes erfodert wird, zielet. Sich selbst stellet Joas unter dem Sinnbilde der Ceder auf dem Libanon vor; und die wilden Thiere auf dem Libanon, die den hochmüthi- gen Dornstrauch unter die Füsse treten, bedeuten entweder einen grimmigen auswer- tigen Feind, als zum Exempel die Syrer waren, oder die Kinder Israels sechsten, die unter dem Schutze und Schatten der hohen Cedern auf dem Libanon weideten, und dem Hochmuth des Amazias nach der göttlichen Verhängnis; ein Ende machen sollten. In der symbolischen Erzehlung dieser Fabel kommen zween Umstände vor, die mit der Natur der Personen nicht beym besten übereinzutreffcn , und also sich von der Wahrscheinlichkeit zu entfernen scheinen. Der eine ist der Vorschlag des Dornstrauches , sich mit der Ceder ehlich zu verbinden. Man wird dieses als eine orientalische Ausschweiffung ansehen, die alle Wahrscheinlichkeit übersteige. Ich will zwar nicht laugnen, daß diese Erfindung nicht etwas von dem orientalischen Geschmacke an sich habe; dennoch muß ich zur Rettung ihrer Wahrscheinlichkeitfolgendes anmercken. Der ' Begriff von der ehlichen Vereinigung kan den Bäumen und Pfiantzen in einem doppelten Sinne zukommen; erstlich in Absicht auf das Einpfropfen oder Impfen, welches Virgil vom Feldbau V. u. v. 7Z. also be, schreibet: Ls6 Von der Esoplschen Fabel. k§ec moijus inierere, 3tc)ue oculos imponerclimplex. !>!sm le meäio truciunt c!e corlicc Aeinmse, Ll tenucis runipunt tunicss; 2 iiAuNu 8 in i^so kit noiio linus : knc slienr ex arbore Kermen incluännc, n6oqne civccm inolelcere libro. /^ut rursum enocles trunci reiccantur, L sltc kinäitur in tolicinni vsneis vis : cieincle fcrsce; klsntL imniittuntur: nec lonAnm tempns, L in^enr Lxüc sä ccelnrn rsm»8 sclicibus srb> 08 , ^ürscurcjue novss troncle8, L non tus xoma. Heißt dieses nicht, Baume von ungleicher Art mit einander vermählen? Zwar wird niemand den Dornstrauch, der ein Fluch der Erden ist, hierzu brauchen: Aber eben dieses dienet, den Hochmuth und dieVer- messenheit desselben, daß er in der Fabel sich darauf Hoffnung machen dörffen, recht lächerlich zu machen. Darnach kömmt das Wort Vermählen, in so ferne es eine enge und genaue Verbindung bedeutet, gewissen Pflantzen auch zu, in so ferne sie gerne neben einander wachsen, einander umhalsen , und so gar in einander verwachsen, als das Epheu, desgleichen die Ulmen und Reben, die man an einander aufziehet, welches die Lateiner Minute, vermählen, heissen, wie beym Plinius und Columella zu sehen ist, und so üblich ist, daß es fast nicht mehr für eine Metapher gehalten wird. Zu dem ist ja nichts gewohnrers, als daß die Vereinigung der Ulmen und des Weinstocks, Von der Esopischen Fabel. 257 stockes, als ein Sinnbild der ehlichen Lie- begebraücht wird. Der andere dem Scheine nach unglaubliche Umstand ist dieser, da er- zehlet wird, daß der Dornstrauch durch einen Gesandten mit der Ceder habe handeln lassen: Meine dieses Unglaubliche wird in der Erzehlung sehr künstlich verheelet, wenn es einfältig heisset, der Dornstrauch sandte zur Leder, und ließ Hr sagen; und die Wahrscheinlichkeit ist gerettet, wenn man sich vorstellet, daß dieser Gesandte nicht ein Baum oder eine Pflantze, sondern entweder ein vierfüssiges Thier, oder ein Vogel gewesen sey. Also hat diese Fabel des Königs Joas neben dem Wunderbaren alle erforderliche Wahrscheinlichkeit. Hr. Triller hat sich vermessen, dieselbe weirläuftig auszuführen, von Bl. 625. bis 612. wo er sie hernach ins Kurtze also gefaßt hat: Der Dornstrauch sprach den Eichbaum an: Nimm meinen Sohn zum Tochtermann! Ich, sagte der, bin nicht darwieder. Hiemit stieg er hinab ins Thal, Und bracht das neue Ehgemahl, Dem jungen Dornbusch selbst hernieder. Doch, als er nach dem Schwieger-Sohir, Den er bekommen solte, sah, Lag dieses kleine Bürschgen schon Und sein Geschlecht zertreten da. Die Lehre, die er daraus ziehet, ist diese: In Freundschaft, Lündniß und der Eb R Such 2 s8 Von der Esopischen Fabel. Such jeder allzeit seines gleichen, Daimr es ihm nicht also geh, ' Wie hier dem Dornstrauch mit der Eichen. Wenn wir diese Copie mit dem Original in Vergleichung stellen, so finden wir, daß diese zwo Fabeln gantz verschieden sind. Die eine lehret, daß der übermüthige Stoltz gemeiniglich ein Zeichen des nahen Untergangs ; die andere, daß die Ungleichheit in Bündnissen und Freundschaften gefährlich sey. Bey dieser verschiedenen Absicht konnten darum auch die Umstände der Er- zehlung nicht durchaus einerley seyn. Dem Joas konnte in denen Umständen, da ihm der übermüthige Amazias den Krieg ansagen ließ, der Sinn nicht an ein Bündniß kommen; vielweniger wäre es ihm anständig gewesen, dcm Amazias vorstellen zu lassen, es sey gefährlich für ihn, sich mit ihm, als dem ohne Vergleichung mächtigern, in Bündniß einzulassen, da er die Bescbei- . denheit hat, den um einer andern Ursache willen über ihn verhängten Untergang, nicht sich selbst, sondern den wilden Thieren des Waldes zuzuschreiben. Es heißet also hier mit Grund: Amphora coepit Iiiliitui: currente rots, c»r urceus exik? Lasset uns demnach diese Trillerische Fabel in ihrer Erfindung und Ausführung etwas näher Von der Esoptschen Fabel. 259 näher besehen. Der Dornstrauch lässt für seinen Sohn um des Elchbaums Tochter werben; der Eichbaum williget in diese Verbindung ein, doch unter dem Bedinge, so ferne der Dornstrauch in einem so glücklichen Stande sich befinde, als ihm ist vorgegeben worden. Er macht sich darum auf, den Augenschein selbst einzunehmen, und durch seine Last, indem er fortrücket, zertritt er unvermerckt den Dornstrauch gäntz- lich, so daß man kaum mehr gewahr wiro, wo er gestanden hat. Ich will mich nicht verweilen, zu untersuchen, wie genau diese Erzehlung mit der moralischen Absicht des Poeten zutreffe; wiewohl es auch diesfalls heissen möchte, reime dich, oder ich fresse dich; sondern ich frage nur, ob man jemahls eine abentheurlickere Erzehlung gelesen habe ? Welche Einbildung! die sich einen gantzen Wald von Eichbäumen vorstellen kan, wie sie sich selbst aus der Wurtzel erheben, und in der schönsten Ordnung vom Berge herunter in den Thal angezogen kommen! Alleine wenn wir die ausf ckrli- chere Abhandlung dieser Fabel vor uns nehmen, so werden wir finden, dass Hr. Triller aller seiner Kunst aufgeboten bar, reckt lächerlich zu werden. Diese Kunst bestehet darinnen, daß er die Regel von dem Wahrscheinlichen, in so ferne dieselbe in der Natur und Beschaffenheit der Dmge gegrün- R 2 det 260 Von der Esopischen Fabel. det ist, gänhlich aus den Augen geseßet hat. Die Bäume haben ihre gantze Natur abge» legt, und können alle menschlichen Verrichtungen so gut nachahmen, als die Menschen. Sie versammeln sich zusammen in einen geheimen Rath, Bl. 605. sie halten Beylager und legen sich zusammen ins Bette, Bl. 606. sie schweeren bey ihrer Seelen; die Geschichte vom König Salomon ist ihnen im Grund bekannt; sie besitzen groß Geld und Gut, und wissen solches eben so geschickt zu gebrauchen, einander zu bestechen, als die Menschen, Bl. 627. und 628. Sie schätzen den Adel nach der Zahl der Ahnen; sie beobachten in dem geheimen Cabinete unter sich einen Rang; sie beschenckeu einander mit güldenen Ketten ; sie halten einander Hochzeit-Mähler und Gastereyen; also werden sie auch mit einander speisen , Bl. 629. und 612. Sie können sich auf ihre Füsse erheben, und nach Belieben langsam einherspa- zieren, oder geschwinde lausten, und man trift öfters gantze Caravanen auf der Strasse an, Bon Espen, Tannen, Buch und Linden, Bl. 612. Wie abentheurlich ! Man bilde sich nur ein, daß von Rosenstrauch, von Schleedornblüthe rc. adeliche Geschlechtö- Nahmen von Menschen seyn , so wird man bey Durchlesung dieser ausführlichen Erzeh- lung Von der Esopischen Fabel. 261 lung nichts anders vermuthen, als Hr. Triller wolle die Henraths - Werbung für einen jungen Grafen oder Edelmann mit dem gewohnten Ceremonie! beschreiben; so wenig Merckmahle findet man , wenigstens bis auf Vl. 6 io. daß er uns eine Geschichte derBau- me erzehlen wolle. Wer würde sich bereden können, daß der Erfinder und Verfasser dieser Fabel, eben derselbige eckle Kunst- richter wäre / der oben in der Untersuchung von der Natur der Fabel Bl. 575. geschrieben hat: „ Wenn man gedichtet hatte, daß die Ratten einen Beutel Ducaten gefun- „ den / und darüber in Streit gerathen wä- „ ren; so wäre die gantze Fabel verdorben, „ und bey dem Unglaublichen zugleich unver- „ nünftig und widernatürlich gewesen, denn wozu können diese Thiere das Gold brau- ,, eben ? Solchergestalt ist die sonst sehr sinn- „ reiche ?2sie Fabel beym La Fontaine mit ei, nem grossen Fehler behaftet, wenn darinn ,, gedichtet wird , daß der Löwe denen vier " Thieren, die dem grossen Alexander ein » freywilliges Geschencke liefern wollen, un- „ terwegens all ihrGeld weggenommen, und ,, für sich allein behalten: Denn was konnte -> der Löwe mit diesem Schatze wohl anfan- „ gen? Brauchte er es etwann, sich damit ,, zu kleiden, sich einen Palast zu bauen, sei- „ ne Zimmer kostbar auszurieren , oder seine Bedienten damit zu besolden? Oder konnte R ; ,, er 262 Von der Verwandlung „ er seine Braten in dem Walde nicht un- „ gekauft und ohne Geld bekommen?,. Wer würde glauben können, daß eben dieser eckle Criticus sollte fähig gewesen seyn, solches abenrheurlicbe Zeug auszuhecken, als wir oben geseben haben ? Ich will ihm gerathen haben, das Capitel von der Nachahmung in des La Motte Abhandlung von der Fabel mit Bedacht und mit dem Vorsatz, darinnen etwas zu lernen, nachzulesen. Der achte Abschnitt. Von der Verwandlung des Würcklichen ins Mögliche. (V>Och eine Quelle des Wunderbaren, da diewürck- lichen Dinge in einer neuen Ordnung , doch nach ihren bekannten Gesetzen eingeführt werden. Meinung derer, die davor halten, diese Art des Wunderbaren bestehe in einer Verbesserung der Natur. Nichardsons E edancken hierüber. Behutsamere und deutlichere Erklärung derselben. Die Natur ist vollkommen und unverbesserlich. Die Kunst ahmet die Natur in dem nach, was sie bey andern Absichten hatte thun können. Worinnen dieses wunderbar und worinnen es zugleich wahrscheinlich sey. Worinnen die mögliche Materialische Welt bestehe. Wie Homer den Garten des Minous. aus derselben genommen habe. Vcrthei- des Würcklichen ins Mögliche. 26; Vertheidigung seiner Beschreibung davon wider einige Tadlcr. Worinnen die mögliche historische Welt bestehe. Unterschied zwischen der Historie und der Poesie , und Vortheile dieser vor jener. Der Poet darff dem Geschichtschreiber nicht widersprechen. Grund der möglichen moralischen Welt. Die Poesie muß den Menschen bester oder schlimmer vorstellen. Wie dieses zugehet. Was imsZiiiLtionis sey. Wie durch dieselbe ein Stücke von einem Personal- Characccr abgesondert werde. Lehrreicher Nutzen der- Lleichcn abgezogener Vorstellungen. In diesem Stücke wird die Historie von der Poesie übertreffen. K^Leichwie das Wunderbare in der Poesie ^ sich auf einer Seite von dem Scheine der Wahrheit durch verschiedene Grade und Stafel bis zu dem Unglaublichen entfernet, also nähert es sieb hingegen auf der andern durch eben so viele Grade zu dem Wahrscheinlichen, bis es zulezt allen Schein des Wunderbaren gantzlich verliebtet. Es ist, wie dieMorgendämmerung, ein ungewisses Gemische von Licht und Finsterniß, da das Licht aus der Dunckelheit der Nacht nicht auf einmahl , nicht plötzlich und mit vollem Glantze hervorbricht, sondern allmählig den Sieg über die Nacht behauptet. Nachdem wir nun in der vorhergehenden Abhandlung die Quellen desjenigen Wunderbaren entdecket haben , welches sich von der Wahrscheinlichkeit am weitesten entfernet, indem es bis an die Grantzen des Abentheurlichen fortgehet, N 4 so L§4 Von der Verwandlung so ist es jezt an dem, daß wir von diesen äussersten Gräntzen desWunderbaren gegen das Gebiethe des Glaubwürdigen zurückgehen, wo das Wunderbare zu dem Wahrscheinlichen mehr und mehr hinuntersteiget. Die Duellen der erstern Art des Wunderbaren haben wir theils in demjenigen möglichen Zusammenhange der Dinge gezeiget, der nach gantz andern Absichten und Grund-Gesetzen, als der gegenwärtigen erschaffenen Welt ihre sind, eingerichtet ist, und in welchem Wesen von einer gantz besondern Natur und Fähigkeit Platz haben, theils haben wir sie in der unsichtbaren Welt derGeistergefunden, welche zwar eine standhafte Würcklichkeit haben, aber dennoch für die Phantasie des Menschen etwas so fremdes und seltsames haben, als dasjenige, was in menschlichen und sichtbaren Dingen im höchsten Grade Wunderbar genennet werden mag. Die Duellen der andern Art, die wir dem Poeten in diesem Abschnitte aufschlressen wollen, machen alle die möglichen Welten aus, die aus einer blossen Aenderung der gegenwärtigen Zusammen- ordnung der erschaffenen Dinge nach andern Absichten entstehen würden, sie sind eine unerschöpfliche Schatzkammer , woraus der Dichter seine wunderbare Materie zur Nachahmung entlehnen kan, und wir können diese Art der Dichtung, die in ihrer neuen Zu- sammenordnung der würcklichen Dinge de- des Würcklichen ins Mögliche. 26s nen bekannten von der Natur eingeführten Gesetzen folget, mit allem Recht als die reichest Miene desjenigen Wunderbaren an-> preisen, welches durch einen ziemlichen Grad der Wahrscheinlichkeit gemaffiget ist. Wenn wir einigen neuen tiefsinnigen Kunstlichtern, die ihre Lehren und ihren Unterricht selbst wunderbar zu machen beflissen sind, Glaubenzustellen,so bestehet diesesgemässigte Wunderbare darinnen, daß die Poesie durch Zusammensetzung, Vergrößerung, oder Verkleinerung die Natur crgäntzet, verbesseret, und vollkommener machet. Sie sagen , die Natur habe mehr für die Mannigfaltigkeit, als die Vollkommenheit ihrer Wercke gesor- get; sie sey, überhaupt zu reden, nicht gewöhnet , ihre Wercke und Geschöpfe auf einen hohen Grad der Vollkommenbeit oder auch der Unvollkommenheit zu führen; Cicero habe schon angemercket, nibH m feuere omuibu8 ex si-mtibus perteekuin expoliv-jsse; selbst die moralischen Handlungen der Menschen in dieser Welt seyen insgemein weder tugendhaft noch lasterhaft im höchsten Grade, sondern allemahl mit einem inässigen- den Zusatz vermenget. Sie setzen hinzu, der berühmte Zeuxes habe eben darum , weil er geglaubet, daß die Natur an einer Schönen alleine nicht alle ihre Kunst erschöpfet habe, fünf von den schönsten Frauenspersonen der Crotoner ausgelesen, damit er von einer je, R 5 den 266 Von der Verwandlung den das erhabene Stücke der Schönheit, worinnen sie die andern übertraf, entlehnen, und durch derselben kunstreiche Vereinigung und Verbindung in der Abbildung seiner Helena eine vollkommnere Schönheit, als die Natur hervorgebracht, vhneZusatz und Mangel darstellen könnte; die Kunst könne in einem königlichen Garten die Natur vollkommener machen , wenn sie die Schönheiten, welche diese in dem Reiche der Pflantzen zerstreuet hat, auf einen abgestochenen Platz'zu- sammentrage , und durch eine Kunst-volle Ordnung in dervortheilhaftestenSymmetrie und Eintheilung ausspende, und zusammen verbinde: Eben auf diese Weise müsse die Poesie der Natur zu Hülfe kommen , ihre Mangel bessern , sie so wohl in dem Kleinen als in dem Grossen, in dem Ungestalten wie in dem Schönen, auf einen höher» Grad der Vollkommenheit setzen, und also die Sachen vorstellen, nicht wie sie würcklich sind , sondern wie sie in ihrer vollkommenen Grösse seyn könnten , und sollten , wenn sie von einervollkommnerenNaturwaren hervorgebracht worden. Der geschickte Herr Richards)» hat in feiner Abhandlung von der Wissenschaft einesKennersderMahler-Kunst ausdrücklich geschrieben : „ Ihr Zweck ist „ nicht alleine die Natur vorzustellen, und dieses mit einer geschickten Wahl; sondern „ auch ssie über dasjenige, was man gemei- nig- des Würcklichen ins Mögliche. 267 „ niglich, oder nur selten siehet, zu erheben, „ und auf einen Grad der Vollkommenheit „ zu bringen, der niemahls würcklich gewesen „ ist, und vielleicht niemahls seyn wird, wie- „ wohl man die Möglichkeit desselben leicht „ begreiffen kan.„ Und gleich hernach auf dem irz.sten Bl. erklärt er sich: „ Wenn ich „ sage, daß die Mahler-Kunst die Natur „ schöner machen müsse, so muß man dadurch „ verstehen, daß man die Handlungen der Menschen in einem Vortheil vorstellen müs- se, welchen sie in der That nicht hatten, und daß man den Personen mehr Anmuth „ und mehr Ansehen zutheilen müsse, als sie gewöhnlich an sich haben. „ Was die Poesie anbetrifft, so hat der Hr. Muratori in seinem gelehrtenBuchevon dervollkomme- nen Italienischen Poesie gleichmässige Ge- dancken von dieser Verbesserung der Natur an den Tag gegeben , und damit das gantze achte Capitel des ersten B. angefüllet. Ach muß auch gestehen , daß diese Gedancken ihren guten Grund haben , und die Natur des Wunderbaren in der Dichtung deutlich erklären: Nur kan ich nicht ungeantet lassen, daß die stoltzen Ausdrücke, womit sie die Kunst des Poeten recht verwundersam erheben wollen, nicht alleine ungemessen, sondern der Ehre des Schöpfers der Natur böchst- nachtheilig und verkleinerlich seyn , wenn sie unter andern sagen, der Poet sey vermögend 268 Von der Verwandlung die Natur zn verbessern, sie vollkommener zu machen, ihre Wercke vorzustellen, nicht wie sie würcklich sind , sondern wie sie seyn könnten, und würden seyn, wenn sie von einer vollkommenem Natur waren hervorgebracht worden; wenn man diese Reden im rechten Lichte betrachtet, so wollen sie nichts mehrere sagen, als, der Poet könne vermöge ftinerKunst nicht alleine würckliche Dinge, sondern auch; mögliche, die zwar nicht sind, aber dennoch seyn könnten, geschickt vorstellen, alldieweil die vorgegebene Verbesserung der Natur nothwendig eine Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit zum Grunde haben muß, und also eigentlich nicht eine Verbesserung derselben, sondern eine Veränderung und Verwandlung des Würcklichen in das Mögliche zu nennen ist. Die Natur hat in der Erschaffung dieser gegenwärtigen Welt nicht alle ihre Kräfte erschöpfet, wenn also der Poet etwas vorstellet, das die Natur zwar nochnichtzurWürcklichkeitgebrachthat, aber doch an das Licht zu bringen vermögend ist, so kan dieses wieder keine Verbesserung der Natur, sondern nur eine Nachahmung derselben auch in dem Möglichen selbst-, geheissen werden. Ferner ist diese Welt unter allen möglichen Welten die beste. Mose bezeuget es mit denen Worten: Gott beschauete alles was er gemachet hatte, und alles war sehr gut; hiemit wars den göttlichen Absichten in des Würcklichen ins Mögliche. 2 6A in Zahl / Gewicht und Maaß gantz gemäß, und folglich nach diesen Absichten keiner Verbesserung oder grössern Vollkommenheit fähig. Diesemnach ist es ein blosser Betrug der menschlichen Unwissenheit, wenn wir wurckliche und mögliche Dinge mit einander vergleichen, und uns einige davon, ausser ihrem Zusammenhange betrachtet, von grösserer oder geringerer Schönheit und Vollkommenheit zu seyn beduncken lassen. Dieses rühret alleine daher- weil wir den Zusammenhang und die Uebereinstimmung aller Theile, als worauf die Vollkommenheit des Gantzcn beruhet, nicht vermögen auf einmahl zu übersehen. Zudem, da wir alle unsere Begriffe von dem Schönen, der Natur zu dancken haben, können wir derselben unmöglich eine Schönheit, die sie nicht würcklich hat, zutheilen, welches doch von demjenigen erfodert wird, der sich vermißt die Natur zu verbessern, und schöner zu machen; wir können nicht mehr thun, als die eigenthümlichen Schönheiten der Natur, die wir in ihren Wercken mit vieler Weißheit ausgesendet finden, in der Einbildung zusammentragen, und nach unserm Gefallen mit einander verbinden. Die Kunst, sagt einer von den geschicktesten Kunstlehrern, ist alleine eine geschickte Hauß- hälterin, weiche die Schätze der Narur zu ihrem Vortheile austheilet; was vor ein 270 Von der Verwandlung Lob man auch den Wercken des Verstandes beylegen kan , ist doch wenigstens gewiß , daß sie keine einzige Schönheit an ihnen haben , welcher erste Erfindung sie nicht der Natur schuldig seyn; also haben die künstlichst-angelegten Garten/ welchen die Kunst die vollkommenste und zierlichste Ordnung mitgetheilet hat/ nicht einen einzigen Baum / nicht eine einzige Blume , die nicht ein Geschencke der Natur sey. Alles was die Kunst thun kan / bestehet darinnen / daß sie uns die Schönheiten der Natur in einer Ordnung vor Augen leget/ die uns einnimmt / die Augen auf sich zieht, und das Gesiebt beschäftigt, ohne dasselbe zu ermüden. Aber dadurch machen wir keine neuen Urwercke, sondern ahmen die Natur alleine in demjenigen nach / was sie bey andern Absichten hatte thun können, und diese von uns verfertigte, dem L (Heine nach vollkommenere Bilder, werden allemahl ihre Urbilder in einer andern möglichen Welt finden,.so lange sie wahrscheinlich sind; ja diese neue Verbindung vieler Schönheiten in einem Bilde wird weder schön noch wahrscheinlich herauskommen , wenn wir die Natur nicht in der Art ihrer Verbindung nachahmen, und ihren Gesetzen des Ebenmasses und der Symmetrie folgen. „ Wiewohl ich nun gegen diese Geheimnißleere Prahlerey behaupte, daß die Natur des Würcklichen ins Mögliche. 271 in allen ihren Wercken vollkommen und unverbesserlich sey, und daß die Kunst ihre Vollkommenheit durch ihre Nachahmung unmöglich erreichen könne, so läugne ich darum nicht, daß die Kunst des Poeten nicht sollte tüchtig seyn, die Natur in dem Möglichen nachzuahmen, und die Dinge, die sie vorstellen will, auf einen solchen Grad der Vollkommenheit zu erheben, die sie zwar in der gegenwärtigen Welt, da ihre Beschaffenheit und Fähigkeit nack gewissen Absichten und durch gewisse Umstände determiniert und eingeschränkt ist, selten oder niemahls erreichen, aber bey andern Absichten und in einer andern Verbindung der Umstände gar wohl bekommen, und erreichen könnten. Die Natur der Dichtung, die das Wesen der Poesie ausmachet, erfodert solches, und ich habe auf eben diesen Grund schon oben angemercket, daß ein jedes wohlerfundenes Gedichte, als eine Historie,oder Erzehlung aus einer andern möglichen Welt anzusehen sey. Kennet der Poet die Gesetze, nach welchen alle Würckungen und Veränderungen in der gegenwärtigen Welt der würcklichen Dinge erfolgen, und verstehet er die Natur der Dinge genau, so kan ihm nicht verborgen seyn, was bey jeder veränderter Absicht und Umstand nach diesen Gesetzen und vermöge dieser Natur der Dinge möglich ist, 272 Von der Verwandlung ist, und erfolgen muß. Die Betrachtung der gegenwärtigen Welt ist demnach die Schule, in welcher er sich die Kräfte der Natur, und was in denselben annoch verborgen lieget, bekannt machen kan. Wie nun eines Theils die poetische Vorstellung eben dadurch wunderbar wird, daß sie die Nacur in dem möglichen nachahmet, und denen Wesen, die sie aus der gegenwärtigen Welt borget, mehrere Vollkommenheiten oder Unvollkommenheiten, einen hohem Grad der Tugend oder des Lasters, als sie gemeiniglich haben, beyleget, auch dieselben nach gantz besondern Absichten m neue Umstände verbindet, in welchen sie nach ihrer natürlichen Fähigkeit reden, thun und handeln, also lieget andern Theils der Grund ihrer Wahrscheinlichkeit darinnen, daß die Dichtung, wenn sie die Natur in dem Möglichen nachahmen will, den Stof und die Materie aus der Welt der wirklichen Dinge entlehnen muß; sie kan zwar dieselben in eine willkürliche und vor ihre Absichten vortheilhaftere Verknüpfung versetzen, dennoch muß sie auch in dieser Arbeit das Beyspiel der Natur zum Muster nehmen, und die Umstände so künstlich mit einander zu verbinden wissen, daß sie weder mit der bekannten Natur und Zähigkeit der eingeführten Wesen streiten, noch sich selbst unter einander im geringsten stossen; uni> desMürcklichen ins Mögliche. 27z und darum so fremd, seltsam, und unerwartet sie sind, dennoch eben so möglich scheinen, als die historischen Wahrheiten, die sich würcklich zugetragen haben, und durch glaubwürdige Zeugen bekräftigt sind. Wie nun die sichtbare Welt der würek- lichen Dinge in die materialische, historische, und moralische eingetheilet wird, also kan man diese Eintheilung auch von jeder möglichen Welt machen. Was die materialische Welt anbetrifft, so ist ohne Streit die Natur mehr für die Mannigfaltigkeit, als die höchste Vollkommenheit ihrer Werke besorget gewesen, sie hat ihr Vermögen nicht etwann an einzelen Dingen erschöpfet, sondern ihre Schönheiten unter die Dinge von einer gleichen Art nach Zahl, Gewicht und Maaß ausgesendet. Der grosseWeltweise unsersDeutschlandes, derHr.vonLeib- nitz, hat gezeiget, daß die Natur nicht zwey vollkommen gleiche Dinge hervorgebracht habe, an denen nicht einiger Unterschied könne wahrgenommen werden: Da gleichwohl bey dieser unendlichen Verschiedenheit der Wercke der Natur ein jedes seine wesentliche Schönheit hat, müssen in denselben unendlich viele Grade der Vollkommenheit anzutreffen seyn. Nun stehet es in der Macht des Poeten durch die Kraft seiner Einbildung die vortrefflichsten Schönheiten und mercklichsten Eigenschaften, S die 274 Von der Verwandlung» die er bey Dingen von einer Art antrifft, zusammenzutragen, und in einem neuen Bilde geschickt zu verbinden: Und hierin- nen liegt der Grund alles dessen, was die Künste vortreffliches in sich haben, als welche den Stof zu ihren Wercken von der Natur borgen, dieselbe in der regelmässigen Zusammensetzung nachahmen, undgrö- stentheüs in dem Kleinen versuchen müssen, was diese in dem Grossen auf eine so er- siaunenswürdige Weise gethan hat. Wenn also der Poer einen Garten, eine Grotte, einen Pallast, eine Aussicht , ein Schiff, einen Meerbusen und s. f. schildern will, so stellet er sich in seiner Einbildung alle diejenigen Bilder vor, die er mittelst der Smne von den Originalien aus der Weit der würcklichen Dinge empfangen hat, er betrachtet dasjenige, wvrinnen die Bilder einer Art von einander unterschieden seyn, mit genauer Sorgfalt, und verbindet dann die unterschiedlichen Vollkommenheiten und Eigenschaften, die er in allen diesen ihm bekannten Bildern einer Art vertheilet findet, nach seinen besondern Absichten in einem Bilde zusammen, welches sein Original nicht in der gegenwärtigen, sondern in einer andern möglichen Welt hat. Auf diese Weise hat Homer im siebenten B. der Odyssea v. 112. den prächtigen Garten des Königs Aicinous beschrieben: «Vor des Würcklichen ins Mögliche. 277 „ Vor dem Hofe nahe an der Pforte ist „ ein grosser Garten von vier Huben an- „ geleget; denselben umschleußt zu beyden „ Seiten ein Hag. Hier wuchsen hohe „ Baume mit grünen und blühenden Wi- „ pfeln, man sah da Birn-Granat-Aepsel- ,, Citronen-Orangen-Bäume, mit holder ,, Frucht, süsse Feigen-und grünende Oel- ,, Bäume. Denselben gebricht es niemahls „ an Obst, weder im Sommer noch im „ Winter; sanft-blasende Lüfte bringen be- „ ständig einiges an den Tag, und anderes zur Zeitigung. Eine Birne wird über ,, Verändern alt, eine Citrone über der an- » dern, eine Feige über der andern, eine Weintraube über der andern. Dort ist ,, ein Weingarten mit Trauben beladen, ,, einige derren an einem saubern Platz in „ der offenen Sonnen, andere werden schon abgelesen, da sind sie noch in der Blüche, „ und hier weinen sie erst. An einem an- „ dern Orte zu sinterst sind Beete angele- get, die das gantze Jahr mir grünen .. Krautern den Besitzer erfreuen. Es sind » zwo Brunnquellen da, eine schlangelt sich ,, in dem Garren herum, die andere fleußt neben dem Palast her in ein grosses Becke, wo die Einwohner der Stadt Wasser schöpfen. Mit diesen anmuthigen Gaben ,, hatten die Götter den König Alcinous beschenket.Wenn man diese Bescbrei- S - bung ^76 Von der Verwandlung bung nach dem Licht derjenigen Seiten betrachtet , in welchen Homerus, für welche, und von weichen er geschrieben, da die Kunst und die Ueppigkeit der Menschen noch nicht gewohnt waren, der Natur Gewalt anzuthun , und sie durch Zwang ihrem Eigensinn unterwürffig zu machen, so muß man die Geschicklickkeit des poetischen Mahlers zum höchsten loben, der gewußt hat den Reichthum aller vierIahreszeiten auf einen kleinen Raum von vier Huben so künstlich zu vereinen, und alles, was die milde Freygebigkeit der gütigen und immer fruchtbaren Natur unmuthiges und nützliches gewahren kan, so geschickt zu verbinden, daß derjenige einen gantz verzärtelten Geschmack haben muß, der von dieser Anmuth-vollen Schilderey nicht auf eine angenehme Weise gerühret wird ; und ich kan dieAnmerckung, welche der Hr. Düboß in seinen critischen Betrachtungen über diese Stelle in dem Z7sten Absch. des zweyten Th. gemacht hat, nicht mit Stillschweigen übergehen. Er sagt: „ Man hat „ den Homer getadelt, daß er den Garten „ des Königs Minous mit reinem Geschmack „ beschrieben hat; man sagte, daß er einem „ Weingarten, den ein fleiffiger Bauer um „ Paris herum pflantzet, gantz gleich säbe. Aber gesezt, daß dem also wäre, sogehör- „ te es dem Baumeister zu, einen wunder- „ baren Gatten zu erfinden; ihn mit grossem ,.Ko- .des Würcklichen ins Mögliche. 277 „ Kosten pfiantzen zu lassen, ist vielleicht ei- „ nem Fürsten anständig; des Poeten Amt „ ist , die Garten wohl zu schildern, welche „ die Menschen , die zu seiner Zeit lebetcn, ,, anzulegen wußten. Homerus ist in der ,, Beschreibung des Gartens des Königs Al- „ cinouö kein geringerer Kunstmahler, als „ wenn er die Garten von Versailles beschrie- .. den hatte.» Gehen wir nun in die historische Welt der möglichen Dinge hinüber, so hat der Poet ein Vermögen , die seltsamsten Schicksale und Begebenheiten dieser gegenwärtigen Welt aus ihrer Verknüpfung aufzulösen, und in eine andere Verbindung zu stellen, oder aus einer andern möglichen Welt-Verfassung eine neue Reyhe Begegnissen herauszunehmen , und in den Zusammenhang des gegenwärtigen künstlich hineinzuschieben. Der Poet beschreibet nicht was würcklich geschehen ist, sondern was in veränderten Umständen, in die er seine Personen versetzet, wahrscheinlich hätte geschehen und erfolgen können. In jenem bestehet das Amt eines Historie- Schreibers; derselbe muß die Materie seiner Erzehlung in der gegenwärtigen Welt der würcklichen Dinge suchen; seine gantze Bemühung ist in diesen engen Schrancken eingeschlos- en, zumahl da er keineandereAbsichthat, als uns von demjenigen, was würcklich geschehen ist , als ein aufrichtiger Zeuge zu unterrich- S z ten. 278 Von der Verwandlung - ten. Nun haben die gewöhnlichen Veränderungen des Schicksals, und der Wechsel der Begegnisse gemeiniglich nichts außerordentliches , neues und unpermuthetes, sondern die wunderbaren Zufalle sind nach dem gewohnten Laufe der Dinge etwas seltenes, dünn gesäet, und nach Zeit und Ort zerstreuet. Diese kan nun der Poet nach Belieben, rmd wie es mit seinen Absichten am besten übereinkömmt, zusammentragen/ und mit einander verbinden, weil es ihm frey stehet, die Umstände selbst zu erdichten, in die er seine Personen versetzen will; daher denn kömmt, daß die poetische Erzehlung weit mehr Annehmlichkeit, eine vollkommnere Ordnung und einen seltsamern Wechsel der wunderbarsten Glückes-und Unglückes-Fälle mit sich führet, als man in den wahrhaften Geschichten findet. Weil aber der Poet richt allemahl die gantze Erzehlung erdichtet, sondern dieselbe öfters , zum Exempel in der Epopee und der Tragödie, auf eine wahrhaftige Geschickte gründet, so giebt ihm seine Kunst auch in diesem Fall einen besondern Vortheil über die Historie, indem sie ihm erlaubet, die mangelhaften Nachrichten derselben durch geschickte Zusätze auszuführen rmd zu ergäntzen, es heißt auch dießfa'ls, cle MNilo iBcitnn yiliori?. Der Poet führet seine wahrhaften aus der Historie entlehnten Personen nicht alleine in denen Um- des Würcklichen ins Mögliche. 27- siänden auf, in welchen sie sich nach dem Zeugnisse der Geschickte ehmahls befunden hatten , sondern er erweitert diese bekannten Umstände, und versetzet sie in gantz neue, in die sie nach dem Laufe der Dinge hatten ge, rathen können, er laßt sie in diesen erdichteten Umständen reden und handeln, was sie in solchen ihrem bekannten Character nach wahrscheinlich würden geredet und gehandelt haben. Und eben dadurch machet er seine Erzehlung erst reckt wunderbar, da er das Falsche mit dem Wahren so geschickt zu verbinden weiß, und uns eine vollständigeNach- richt nicht nur von demjenigen mittheilet, was würcklich begegnet ist, sondern auch von dem, so da hätte geschehen können. Alleine in dieser Verbindung des Erdichteten mit dem Wahren braucht es eine grosse Behutsamkeit, wenn man das Wahrscheinliche nicht verfehlen will. Da muß die poetische Dichtung nicht mit der historischen Wahrheit streiten ; der Poet hat freylich die Freyheit, die historische Erzehlung durch Zusätze zu ergantzen und zu vermehren, aber er darf sie darum nicht verderben. Wenn die wahrhaften und die erdichteten Umstände mit einander streiten, so wird seine Erzehlung keinen Glauben finden, weil die Wahrscheinlichkeit einer Erzehlung eben in der Uebereinstimmung aller Umstände gegründet ist. «, Gleichwie nichts bequemer ist, erkläret S 4 »sich 280 Von der Verwandlung „ sieb Düboß über diese Materie, im neun und zwanzigsten Abschnitte des ersten Th. „ die Wahrscheinlichkeit einer Geschichte zu „ zerstören, als die Gewißheit, die der Zu- „ Hörer haben kan, daß dieselbe sich auf eine „ andere Weise zugetragen habe, als der ,, Poet sie erzehler, so glaube ich, daß die „ Poeten, die in ihren Wercken sehr be- „ kannten historischen Stücken widersprechen, „ der Wahrscheinlichkeit ihrer Erdichtungen dadurch einen grossen Abbruch thun. Ich „ weiß wohl, daß das Falsche zuweilen wahr- „ scheinlicher ist, als das Wahre, aber wir „ achten uns in dem, was wir von geschehe- „ nen Sa6>en glauben, nicht nach der nie- „ taphysicalischen Wahrscheinlichkeit, und „ nach dem Maasse ihrer Möglichkeit, son- ->, dern nach der historischen Wahrscheinlich- ,, keit. Wir untersuchen nicht, was am ver- ,, muthlichsten hatte geschehen sollen, sondern ,, was gültige Zeugen, was die Geschicht- schreibet davon erzehlen , und ihre Erzeh- „ lung, und nicht die Wahrscheinlichkeit ver- „ mag uns, etwas zu glauben. Wir glau- „ ben nicht die Begebenheit, die am wahr- scheinlichsten ist , sondern diejenige, von der sie uns berichten , daß sie sich wahr- " hastig zugetragen habe. Da ibreAussa- ,, ge die Regel ist, wörnach wir uns dießfalls ,, in unsrem Glauben richten, so kan uns „ dasjenige, was ihrer Aussage zuwider laust, des Würckltchen ins Mögliche. 28 r „ läuft , nicht wahrscheinlich vorkommen. „ Wie nun die Wahrheit die Seele der Hi, „ siorie ist, so ist die Wahrscheinlichkeit die „ Seele der Poesie. Ich glaube derowegen, „ daß ein Poet seiner Kunst zuwider handelt, „ wenn er allzu grob wider die Historie, die „ Chronologie, und die Geographie sündigt, „ insoweit er Geschichten vorbringet, die mit „ diesen Wissenschaften nicht bestehen. Je „ mehr das Gegentheil dessen, was er vor- „ bringt, bekannt ist, desto mehr thut sein „ Fehler seinemWerckeSchaden. DieLeute „ verzeihen einem dergleichen Fehler nicht, „ wenn sie davon Wissenschaft haben; und „ wenn sie solche einem zugutehalten, so ge- ,, schicht dieses niemahls so völlig, daß dem „ Werck« dadurch nicht viel von dem Bey- „ fall abgehe, den es sonst erhalten hätte. „ Ich glaube ferner, daß ein Poet auch die „ Fabel, die durcbgehends angenommen ist, « in der Achtung haben müsse, wie die Histo- „ rie. Was die Fabel uns von ihren Hel- „ den und Göttern saget, hat das Recht „ erworben, daß es in den Gedichten für „ Wahrheit angenommen wird, und wir „ sind nicht mehr im Stande, uns dagegen „ zu setzen, und ihren Erzehlungen zu wider- „ sprechen. Ein Poet muß auch ohne eine ,, grosse Noth nichts an dem ändern, was „ die Historie und die Fabel uns von dem », Thun, den Sitten, den Gewohnheiten S 5 «und 28r Von der Verwandlung ,, und Gebräuchen derer Lander berichten, „ wo sie ihre Personen aufführen.,. Und ebendaher zeiget sich, warum dieComödie, wo die Personen und die gantze Handlung die meisten mahl nur erdichtet sind , dock dabey selten Mangel an Wahrscheinlichkeit lei- ' det; nemlich weil in derselben lauter schlechte, geringe Privat. Personen aufgeführet werden , derer Nahmen und Gedächtniß weder durch die Historie noch durch das Gerückte ausgebreitet worden , kan die Geschichte der Wahrscheinlichkeit einer solchen wohlerdich- kewn Fabel unmöglich im Wege stehen. Was endlich die moralische Welt der möglichen Dinge angehet, so muß ick anmercken, daß der mit Verstand und Weißheit begabte Mensch, gleichwie er das edelste Geschöpfe dieser sichtbaren Welt ist, dem zum Vortheile und Ergehen die Natur sich in der Erschaffung der materialiscken Welt so verwun- dersam erwiesen hat, also auch die vornehmste und wichtigste Materie vor die Poesie ab- giebt; wie denn der Mensch in allen Gattungen Gedicbte, in der Epopee, der Tragödie , der Comödie, der Satyre, dem Echäfer-Gedichte, u. s. f. die Haupt-Person ist, welche darinnen aufgeführet wird, dessen Handlungen, Thun, Sitten, Gewohnheiten , Meinungen und Gemüthsbewegungen allda in verschiedenem Licht vorgestellet werden. Da nun der Mensch in Ansehung des Würcklichen ins Mögliche. 28z seiner freyen Handlungen , und seiner dieß- mabligen moralischen Fähigkeit/bloss zu Mitteldingen / gäntzlich aber zu keinen äussersten tüchtig ist / da seine tägliche Geschäfte und Handlungen von schlechter Erheblichkeit sind, und keinen mercklichen Einfluß in den Lauf dieser Welt haben, daher auch Leute von un- gemeiner Tugend oder Boßheit sehr selten gefunden werden, so ist dem Poeten erlaubet, außerordentliche Personen, die es entweder im Guten oder im Bösen auf das Höchste gebracht haben, aufzuführen, ja das ist es eben , wodurch er sich über den Geschichtschreiber erhebet, wenn er dergleichen vollkommene Muster zur Nachfolge und zum Abscheu vorleget, nachdem das Mittelmäßige in den Sitten das Gemüthe nicht starck ge- nung rühret. Und in diesem Sinne ist es freylich das eigene Thun der Poesie, die moralische Fähigkeit des Menschen zu dem guten oder zu dem bösen vollkommener zu machen, und sie auf einen höhern Grad, als sie gewöhnlich steiget, zu setzen; eine Art der Vorstellung , die nothwendig einen erbaulichen und nützlichen Einfluss auf die Verbesserung der Sitten haben muß! So wunderbar und lehrreich diese moralischenVorstellungen sind, so sind sie doch eben so wahrscheinlich, weil die Poesie in dieser Arbeit der Nachahmung sich die Narur selbst zum Muster vorstellet, die anfänglich den Menschen zu dem Guten 284 Von -er Verwandlung aufgeleget, und in der grösten Vollkommenheit , der er als ein unvollkommenes moralisches Wesen fähig war, erschaffen har, auch selbst nachdem der Mensch durch den schnöden Mißbrauch der angebvhrnen Freyheit die ihm eingepflanzte Liebe zum guten verlohren, und sich muthwilliger Weise in das gegenwärtige Elend gestürtzet hat, uns dennoch als etwas seltenes einige grosse und erhabene Menschen vor Augen stellet, die in dem Guten oder dem Bösen das gemeine Maaß der menschlichen Fähigkeit übersteigen, und sich vor andern ungemein hervorthun und berühmt machen: Welches sie ohne Zweifel in der wichtigen Absicht thut, damit sie uns durch diese großmüthigen Unternehmungen und Thaten aufmuntere , und von der Schande des Lasters abhalte. Und dieses ist eben dasjenige, was Aristoteles in dem zweyten Cap. seiner Dicht-Kunst mit folgenden Worten geleh- ret hat: „ Die Nachahmung beziehet sich „ hauptsächlich auf die Handlungen : Alle ,> Handlungen aber sind in ihrer Natur „ nothwendig entweder gut oder böse, „ alldieweil die Sitten durch keine andere Eigenschaften von einander können unter- „ schieden werden, auch die Menschen ein- „ ander bloß durch die Tugend oder das „ Lasier übertreffen. Hieraus muß man » nothwendig schließen , daß die Poeten eben des Würcklichen ins Mögliche. 28s ,, eben wie die Mahler in ihrer Nachah- ,, mung die Menschen in Vergleichung mit ,, uns entweder besser oder schlimmer/ oder „ fo vorstellen müssen/ wie sie sind.,. Und nach etlichen Zeilen heisset es ferner: „Der- „ selbe Unterschied findet sich auch in der „ Kunst zu tantzen / in den Gesangweisen „ der Flöte / in den Musick -- Stücken der „ Leyer/ und aller anderen Instrumente/ „ ja in allen Schriften so wohl in gebun- „ dener als ungebundener Rede. So hat „ z. Ex. Homer die Menscben vortrefflicher „ gemachet/ als sie sind: Cleophon hat sie „ vorgestellet wie sie sind : Hegemon und „ Nicvchares aber haben dieselben weit „ schlimmer gemachet. Und eben dieses ma- „ chet den Unterschied zwischen der Tragö- „ die und der Comödie ; jene stellet die „ Menschen besser / diese schlimmer vor.,. Da aber die Unvvllkommenbeit der moralischen Handlungen von der Vermischung gantz widerwärtiger Neigungen und Begierden / die einander fast immer die Wage halten / entstehet / so muß der Poet/ wenn er die Menschen besser oder schlimmer machen will / als sie sind / dieses abwechselnde Gleichgewicht der Regungen noth, wendig aufheben / und eine gewisse Begierde / die am geschwindesten zu hohen Verrichtungen hinausschlägt/ auf einen solchen Gbad erhöhen, daß sie bey einer Person 286 Von der Verwandlung über alle andern Leidenschaften die Oberhand gewinnet / und in alle Handlungen derselben einsliesset; da er dann ihren Cha- racter, vornehmlich von dieser Seite, in das recbte Licht setzen muß. Auf diese Meise hat Homer den Character von dem unerbittlichen und unversöhnlichen Zorn Achilles durch seine gantze Geschichte auf das künstlichste fortgeführet, und bis auf den höchsten Grad der Widersetzlichkeit getrieben. Eben so glücklich hat Canitz in einer Parodie den Charactcr eines Geitzhalses unter dem Nahmen Harpax auf dem höchsten Grade lächerlich gemachst. Es ist ohne Zweifel der Mühe wohl werth, daß wir bedacht seyn, diesen Kunst« griff der Einbildungskraft, welchem die Poesie ihren gröstcn Ruhm zu dancken hat, um etwas näher zu erklären. Ich nenne diejenige Würckung der Seele, die durch eine neue Zusamnjenordnung der Bilder aus der materialischen so wohl als aus der moralischen Welt so wunderbare Vorstellungen hervorbringet, ^btl,^Ie Poesie ist eine Nachahmung der Na- —^ tur: Nun muß man bey einer jeden Nachahmung zwo Sachen absonderlich in Betrachtung ziehen, eine ist dasjenige, so nachgeahmet wird, die andere, wie und auf was vor eine Weise es nachgeahmet wird; jenes ist die Materie, dieses die Weise und Kunst der Nachahmung. In beyden, so wohl m der Materie der poetischen Nachahmung , als in der Kunst derselben muß das verwundersame Neue herrschen, als welches ein Schein der Neuheit zu geben. 2- z die einzige Quelle des poetischen Schönen ist. Ist die Materie/ die der Poet erwehket hat, mit einer eigenthümlichen verwundersamen Neuheit begäbet, so wird sie das Gemüthe durch ihre eigene Kraft, auch ohne die Hülfe der Kunst, einnehmen und entzücken , wenn sie in ähnlichen Bildern und übereintreffen- den Ausdrücken nureinfältig vorgestellet wird. Weil aber der Poet nicht immer neue und ungemeine Dinge findet, oder vorzustellen Gelegenheit hat; so muß er auch wissen, gemeinen und bekannten Wahrheiten durch die Kunst der Nachahmung ein neues Ansehen mitzutheilen, und sie in ihrem vortheilhaftesten Licht vorzustellen. Er muß hierinnfalls den Frauenspersonen folgen, die entweder durch die angebohrne oder durch eine angenommene Schönheit den Männern zu gefallen suchen. Also kömmt eine mittelmässige, ja eine geringe Schönheit dem Mangel derselben durch den prächtigen Zusatz eines entlehnten Schmuckes verständig zu z?ülfe, und macht sich durch die Kunst angenehm, mit welcher sie die Fehler der Natur auf eine geschickte Weise verbirgt, und den angenommenen Glantz eines auswärtigenZierrarhes sich ganz gerecht und zu eigen machet: Hingegen haben diejenigen, die von Natur schön sind, eines solchen geborgten Glantzes nicht von- nöthen, ihre nackende Schönheit hat ohne fremde Hülfe für sich selbst Kraft genung sich T z der 294 Wie gemeinen Dingen der Hertzen zu bemeisiern; und der überflüssige Gebrauch eines fremden Schmuckes würde dem natürlichen Ansehen der Schönheit nur nachteilig seyn, und sie verdunckeln. Eben diese Bewandtniß hat es auch mit den rmedlern mechanischen Künsten, die so wohl als die höhern in einer Nachahmung der Natur bestehen; ibre Wercke können entweder durch den Zeug oder durch die Kunst schätzbar werden ; wenn jedoch der Werth von beyden in einem Wercke vereinigt ist, so bekommen sie eine gedoppelte Kraft die Gemüther zu entzücken, und mit Verwunderung einzunehmen. Also preiset der Schäfer Menal- cas in der dritten Eclvga desVirgilius v. zck. das hölzerne Trinckgescbirr, das er zum Gewinn aufsetzet, alleine der Kunst halber, von welcher es seinen gantzen Werth empfangen hat: - - - - - - koculs ponai» ksZing, cselstum ciivini opus ^Icimeciontis: I.enis yuibiis torno fscili inpersciciits viti8 Oitkusos Iieciers vcNIc ^ZÜente corymkos. In rneäto ciuo 6ßNL, Conon; 6c ivem!onis oder dieMienen des poetischen Schönen seyn , und wie diesen Nahmen nichts verdienet, was sich nicht auf die Wahrheit gründet, was nicht die Aufmunterung zur Tugend und guten Sitten zum Zweck hat, was nicht das Auge der Seele durch den Glantz einer verwundersa- men Neuheit aus eine angenehme Weise entzücket, und das Gemüthe mit einer stissen Unruhe anfüllet: So ist es nun an dem, daß ich ferner die Vortheile und Geheimnisse der poetischen Mahler-Kunst in Absicht auf die Art und Weise der Nachahmung entdecke, mittelst deren der Poet alle seine Vorstellungen beleben, ihnen ein wunderbares Ansehen und eine entzückende Kraft mittheilen , oder zum wenigsten ihren eigenen Werth um einige Grade erhöhen und in das rechte Licht fegen kan. Nun sind diese Kunstgriffe und geheimen Vortheile der poetischen Mahler- Kunst von zweyerley Gattung; einige rühren von der eigenen Scharfsinnigkeit des ein Schein der Neuheit zu geben. 297 Poeten her, welche ihm hilft, in allen Dingen, so er sich vorstellet, verborgene Schön- Heiken zu entdecken, und diese regieren ihn in der Anordnung und Ausführung seines Plans; die andern Vortheile gehören zu der mechanischen Kunst des poetischen Mahlers, und entstehen von der Kundschaft in der Sprache und der Mischung der poetischen Farben. Mit diesen leztern gedencke ich eine eigene Untersuchung anzustellen, wenn ich zuerst die Kunst-Streiche der erstem Gattung werde angezeiget haben, welche dem Poeten dienen , theils bekannten und unachrbaren Dingen ein herrliches Ansehen zu lehnen; theils alle seine Vorstellungen ohne Absicht auf ihren innerlichen Werth nach einem so vortheilhaftigen Licht aufzuführen, bey welchem man ihre vollkommene Schönheit nicht ohne Verwunderung erblicken muß. In der gegenwärtigen Abhandlung will ich erstlich erklären, wie die Kunst des Poeten auch bekannten und täglich vorkommenden Dingen ein gantz neues und verwundersameS Ansehen beyleget. Ich verstehe durch bekannte und unackt- bare Dinge solche Sachen in der materiali- scken, der historischen, und der moralischen Welt der Würcklicken Dinge, welche nicht bloß eine gewisse Wahrscheinlichkeit, sondern das Siegel und Zeugniß der Wahrheit selbst haben, und uns durck den täglichen Umgang Ts und 25 8 Wie gemeinen Dingen und Gebrauch so bekannt und gewöhnlich worden , daß sie in ihrer nacketen Vorstellung weder Aufmercksamkeit noch Verwunderung erwecken könnten, sondern gantz unachtsam und kaltsinnig vorbeygegangen würden. Da nun der Poet sich unmöglich ent- schlagen kan, von solchen Dingen zu reden, und dergleichen Umstände in den Zusammenhang seiner Erzehlung einzutragen, so muß er die Kunst lernen, wie dem Eckel vorzubauen sey, den eine solche Vorstellung gewöhnlicher Dinge, die entweder durch den beständigen Gebrauch, oder m dem Munde des Pöbels etwas verächtliches an sich genommen haben, nothwendig verursachen muß. Ich habe an seinem eigenen Orte die Anmerkung gemacbet, daß der Poet, dessen Kunst in einer geschickten Nachahmung der Natur bestehet, sich wenig darum bekümmert, daß seine Vorstellungen vor wahrhaft und würck- lich angesehen werden; er kan diese Sorge dem Geschichtschreiber überlassen, weil er seinen Zweck erreichen, und durch die blosse Ähnlichkeit seiner Vorstellungen mit der Wahrheit ein nützliches Ergetzen verschaffen ran, wenn solche sich nur auf die Wahrscheinlichkeit gründen, und nicht unglaublich sind. Sein gantzes Vermögen bestehet m der geschickten Verbindung des Wunderbaren mit dem Wahrscheinlichen; dieses erwirbt seiner Erzehlung Glauben, und jenes verlei- ein Schein der Neuheit zu ge ben. 299 verleihet ihr eine Kraft, die Aufmerksamkeit des Lesers zu erhalten, und eine angenehme Verwunderung zu gebühren. Wie nun das Wunderbare vhne die Wahrscheinlichkeit abentheurlich und unglaublich wmd, so hat andern Theils das Wahrscheinliche, wenn es von dem Verwundersamen nich>t unterstü- zet wird , keine genügsame Kraft auf das menschliche Gemüthe, selbiges angenehm zu rühren, oder mit Ergehen anzufüllen. Darum muß der Poet wissen, diejenigen Dinge , die das Zeugniß der Wahrheit und Würcklichkeit haben, von dem Ansehn der Wahrheit bis auf einen gewissen Grad zu entfernen, und ihnen eine wunderbare aber dabey unbetrüglicke Gestalt anzuziehen. Dieses geschickt, wenn er die Sachen vorstellet, nicht wie sie würcklich sind, sondern wie sie uns in verschiedenen Gesichts-Puncten vorkommen. Diesemnach bestehet das Wun, derbare, welches die poetische Kunst bekannten und würcklichen Dingen zulegen kan, in einem angenommenen unbetrüglicken Schein der Falschheit, der entweder in einem angenehmen Betrug der Sinne, oder in einem Betrug der Affecte und Gemüthes - Leidenschaften , oder endlich in einem Betrug einer allgemeinen Sage oder eines eingewurzelten Wahnes beruhet. Der erstere dienet die bekannresten Phänomen« aus der materiali- scheu Well, der andere diejenigen, welche zoo Wie gemeinen Dingen in der moralischen Welt, und der dritte die so in der historischen Welt der würck- lieben Dinge vorkommen, wunderbar vor- ! zustellen. Was denn zum ersten das Wunderbare anlangt, so in einem Betrüge der Sinnen bestehet, so ist aus der Erfahrung bekannt, daß uns öfters die äufferlichen Sinne eine Sache gantz änderst vorstellen, als der Verstand sie einstehet; dieses äufferlichen Scheines der Falschheit weiß sich nun die poetische Kunst meisterlich zu bedienen, damit sie eine gar bekannte Wahrheit auf eine wunderbare und ergetzliche Weise vorstelle. Wenn die Poeten den Wechsel des Tages und der Nacht durch den Aufgang und den Untergang der Sonnen anzeigen wollen , so sagen ste: Ocesmum intere» lui^ens suror» religuit. Vir§. I.. IV. Husylill pstent orms , L gus Uuitsntibu« uncU, 8olis »nkelantels sbluic smms c^uos. 1'iduII. U. II. Ließ. Welches Opitz in dem ersten B. seiner Trost - Gedichte dergestalt gegeben: Es gierig in ihrem Reiche Zu Abend in die See der göldncn Sonnen Lauf, Und stuhnd zu Morgen auch in ihrer Herrschaft auf. Und von dem Untergang des Mondes saget Posiel im dritten B. des Wittekindes; v. 5Z7. So ein Schein der Neuheit zu geben. zo i So bald nach Mitternacht zum Untergang sich lenkte Der weiß-gehörnte Mond , und seine Pferde tränkte Im Spiegel-Hellem Flach der grünen Abend-See« Nun scheinet es ja gantz wunderbar und in dem Verstände recht widersinnig, daß der feurige Cörper der Sonne sich alle Abende ins Meer versencken, und gleichwohl jeden Morgen Heller und reiner aus demselben wieder hervorsteigen sollte. Diese Vorstellung verbindet unsren Begriffen nach zwey gantz widerwärtige und streitende Dinge , nemlich Glut und Flut. Nichtsdestoweniger gründet sich dieses nach dem ersten Anschein unglaubliche Phänomenen auf das Zeugniß der Sinne. Die Seefahrer, die je;o auf dem hohen Meer nichts anders vor sich sehen , als die unermeßliche See rund herum mit dem Himmel begrantzet, würden betheuren, daß die Sonne des Morgens aus dem Wasser aufsteiget, und des Abends an dem Ende gegenüber in das Meer sincket. Und weil nach des Herrn Brockes Worten Wann ein schnelles Schiff der Wellen Fläche theilet, Und neben einem Strand mit vollen Segeln eilet, Der unbewegte Strand sich zu bewegen scheint; so bedienet sich der Poet dieser sinnlichen Vorstellung eine bekannte Sache undWahr- heit, nemlich die Entfernung von.dem Ge» stade zoL Wie gemeinen Dingen stade und die Veränderung des Ufers recht wunderbar vorzustellen: kroveiNmur portu, terrL^ue urbes^ue receäunt. Und Seneca in den Trojanerinnen : Lum tcmel ventis ^ro^erante remc> krenäerint sltuin , ttiziecc^ue liltus. Und im Agamemnon: terrs; procu! l^isnluin receännt vels , fuziemes nocst. Ausonius in seiner Mosel redet von einem andern wunderbaren Phänomenen: ()uis color il!e vsciis , leras czuuni ^rotulit umbrss ties^erns, 6c viriiü ^criunciit luonte .^oseliLm? lots n3l2nt cris^>is juZ» motibus : 6c treniir sizscnz käm^inus, 6c vicreis vi>i.!emis kürzet in nncüs: 6cinumerst viriäes äeriüis nsvits vites. 6ce. Also wenn Herr Brookes in der Betrachtung des Mond - Scheines in einer Frühlings-Nacht sagt es habe sich gleich nach eingebrochener Naebr ein neuer Tag sehen lassen, so ist diese Vorstellung, die lelbst die Nacht gleichsam in den Tag verwandelt , wunderbar. Auf denselben Grund und nach dem Scheine des Gesichtes sagen die Poeten von den Figuren eines Gemähldes , sie leben und reden, die Mahlerey ein Schein der Neuheit zu geben, z o z und die Bildhauerey, schrieb einer, sind zwar stumm , und haben doch eine Sprache ; und Plinius sagt von Apelles: Ni»- xit pinAi non Foliant; UNd VvN TimaN- thes: In onnnbns cjuz opeiibus inkelliAitur j)1u8 iein^er c^uinn jnnAitnr; öe c»in ars lumina ktt , in^eninin rainen nlrra iirrein ell. lMeNN denn ein Poet ein vortreffliches Merck und Meisterstück dieser Künste beschreiben soll, so erzehler er nicht bloß, wie die Figuren in der That beschaffen sind, sondern wie sie einem aufmercksamen Zuschauer wabr- scheinlich vorkommen. Die gemahlete Bilder haben freylich kein wahres Leben, noch eine wahre und würckliche Bewegung; es stehet nicht in dem Vermögen der Kunst, diese ihren Wercken mitzutheilen, aber sie kan ihnen dennoch den Schein eines Lebens und einer Bewegung mittheilen. Die Zeichen, durch welche ein Mahler seinen in dem Kopf wohl eingerichteten Plan andern offenbaret und erkläret, sind die Farben und die mahlerische Vorstellung; da nun reden nichte anders ist, als seine Begriffe und Gedancken durch Zeichen zu verstehen geben, so kan man von einem jeden woblgemachte« Gemählde im eigentlichen Sinne sagen, es rede, und alles was ein verständiger und aufmerckfamec Kenner aus desselben Betrackrung anmercker und lernet , hat der Mahler in demselben auch würck- z 04 Wie gemeinen Dingen würcklich vorgestellet. Also beschreibet der Poet, wenn er von einem Gemählde redet , nicht nur ici ijuocl pinAittil' , sondern auch quoä intelliAitu, ; und dieses machet seine Beschreibung und die Kunst des Mahlers zugleich recht wunderbar. So wenn Virgilius in der Beschreibung des Schildes seines Helden unter anderm sagt, ^tkjuc Nie surscis voliksns srZenteuz snler vorricibuz, Lallos in limine säelle csnebat ; beschreibet er damit, was keine Kunst einiges Mahlers erreichen, oder genugsam ausdrü- kcn ran; aber was die Betrachtung dieser künstlichen Vorstellung auf Eneas Schilde dennoch nicht undeutlich zu verstehen giebt; und gleichwie Virgil in dieser Dichtung von Eneas Schild das homerische Schild des Achilles zum Muster genommen, also lieget in der eben angeführten Anmerckung der Grund zu der bündigen Vertheidigung dieses kunstvollen Schildes von göttlicher Arbeit wider die übereilten Criticken des gelehrten Scaligers, wie solche von dem verständigen Herrn Dacier in seinen Anmerkungen über Aristoteles Poetick gründlich ausgeführet worden; daher es mir nicht wenig ansiössig vorgekommen, als ich in einem neuen kritischen Wercke eines deutschen Kunstrichters diese Anklage Scaligers unbedachtsamer Weise wieder aufgewärmet ein Schein der Neuheit zugeben, zof fand , wo sie mit ungemelner Dreistigkeit also beschlossen wird: Kurtz, Homer hat sich versehen, und die Wahrscheinlichkeit nicht recht beobachtet. Opitz hat die Verwunderung , die ihn bey der ersten Erblickung eines Conterfeys von einer Frauensperson überfallen, welches von der kunstreichen Hand des berühmten Strobels verfertiget war, in einer Aufschrift sehr natürlich also ausgedrücket: Wem seh' ich, oder wer sieht mir vom Bilde ;u? Hals die Natur gemacht, Herr Strobel, oder du? OBild! o nicht ein Bild! dieß lieblich seh'n, dieß Lachen, Den Hals, dieß Haar, den Mund, kan dieß der Pinsel machen? Wo bleibet dann der Geist ? Das Antlitz ist allhier; Der Geist sey wo er will, das Menlch steht dochHey mir: Es lebet!, oder muß ja etwas in ihm leben. Bist» Bild, oder Mensch? Willst» nicht Antwort geben? Auf diesen Grund sind viele hyperbolische Bilder erwachsen , welche auf einem Wahn der Sinne beruhen. Der Herr Brockeö sagt in dem ersten Th. des Jrd. Verg. von den Gipfeln der Berge, daß sie Wenn sie voll Wolcken hangen, Nach dem blöden Augenschein Selbst des Himmels Stützen seyn. Daher Virgilius in dem ersten B. der E-» neis noch ziemlich bescheiden, aber ungemein nachdrücklich sagt: U ?2§ Wie gemeinen Dingen Hinc atgue bi»c vstiL rapes, Zeminic^iie minsntuo In coeluin lcopuli. .... Welches Amthor in seiner Uebersetzung sehr matt also giebt: Das Ufer zeiget sich von Felsen aufgeführet. Wovon das höchste Paar bis an den Himmel rühret. Wo das Wunderbare zwar beybehalten, aber der Nachdruck des Wortes niinamur, welches das erschreckliche Aussehen dieser ungeheuren Felsen kräftig bezeichnet, übel aus der Acht gelassen wird. Und aus diesem optischen Betrug ist die Fabel von dem Atlas entsprungen, welche Opitz in dem Lob des Krieges - Gottes v. 648. in dem schertzreichen Einfall angeführet hat: Es trug vor dieser Zeit Den grossen Himmels-Bau der Atlas, wie sie jagen: Jezr wird auf einer Hos'ein gabtzes Dorf getragen, Die Bauren und der Schultz. Wie auch einige davor halten, ist die Fabel von den Centauren, einem Volck in Thessalien, aus einem solchen Betrug entstanden , weil diese Leute zuerst die Pferde gebändiget, und zum Reuten abgerichtet haben, da der unwissende Zuseher anfänglich nach dem ersten Anschein den Reuter und das Pferd vor ein Stücke genommen hat. Wenn Virgü im achten B. der Eneis von ejn Schein der Neuheit zugeben. von den Flotten Marc-Antons und Augusts in der Schlacht bey Actium gedencket: . - pclsZoyue creciss innsre revuldss So gründet sich dieser vorgegebene Wahn ebenfalls auf einen Betrug der Äugen, indem unstreitig ist, daß die schwimmenden Inseln dem Auge in einem gewissen Gesichtes-Punct nicht änderst vorkommen, als eine Schiffs - Flotte; und hinwiederum wird einem Menschen, der eine Flotte zum ersten mahl siehet,solcheinsAugefallen,wie schwimmende Inseln. Ich könnte noch einen reichen Vorrath von dergleichen Beyspielen zusammentragen, wenn ich nicht die schon angeführten vor zulänglich hielte, diesen Kunstgriff der poetischen Mahler - Kunst deutlich zu erklären. Ich gehe darum weiter fort, eine andere Quelle des Wunderbaren in der Kunst der Nachahmung- zu entdecken, die aus einem angenehmen Betrüge der Begierden oder Gemüthes - Neigungen entspringet. Von dieser hat schon Aristoteles in dem zweyten B. seiner Rede-Kunst angemercket, daß liebende und hassende, entrüstete und gesezte Menschen eine Sache nickt auf einerley Werfe ansehen, sondern daß sie ihnen entweder gantz änderst, oder in einem U Z an» z 08 Wie gemeinen Dingen andern Grade der Grösse vorkommt. Durch einen Affect in Verwirrung gesezte Gemüther hören den Verstand nicht, und sind zu ungedultig, sich der Leitung desselben zu unterwerffen; je heftiger die Leidenschaft ist, desto schwerer kan die Vernunft Gehör erlangen; die erhizte Phantasie ist von ihrem Gegenstände so sehr eingenommen, und damit so siarck beschäftiget, daß sie auch der Vorstellung der Sinnen, die von aussen auf sie eindringet, nichts achtet; sie ist von dem Verstände und den Sinnen gantz abgezogen,.und in sich selbst hinein gekehret, sie hanget ihren Traumen nach, und stellet sich die Gegenstände ihrer Betrachtung vor, nicht wie sie an sich selbst und in ihrer Natur beschaffen sind , oder wie sie von den Sinnen und dem Verstände eingesehen werden, sondern wie sie dieselbigen wünschet. Man saget darum mit Recht, daß die Leidenschaften alles mit eigenen und gantz andern Augen anschauen, als ein geseztes und der Leitung seiner Vernunft gehorchendes Gemüthe: Und wie Aristoteles in der angeführten Stelle anmerket , so ändert sich die Vorstellung eines gleichen Gegenstandes ab, je nachdem die Phantasie von einer Regung aufgebracht und entzündet worden; Die Liebe sieht die Vollkommenheiten durch ein Vergrösserungs- Glaß an; hingegen kehret der Haß den lulxmr ein Schein der Neuheit zu geben, z o- l'ukuin opticum UM, und sieht dieselben in Der Entfernung gantz verkleinert; die Liebe ist blind, wenn es die Fehler und Gebrechen ihres geliebten Gegenstandes angehet, eben wie der Haß hingegen blind ist, wenn er die Vollkommenheiten desselben Gegenstandes der Liebe wahrnehmen soll. Kurtz, die Phantasie, die durch die Leidenschaften erhitzet ihren Traumen nachhangt, sieht die Dinge, die vor Augen liegen, entweder gar nicht, oder in einer gantz andern Grösse, Figur und Gestalt, als sie haben: Hingegen bildet sie sich ein, daß sie dasjenige rvürcklich sehe, was sie wünschet oder fürchtet, wenn es schon nicht vorhanden ist, und daher entstehen die wunderbaren und seltsamen Vorstellungen der Phantasie, die poetischen Entzückungen, Gesichter, Weissagungen, Traume, welche vornehmlich in der Ode herrschen, und von dem poetischen Enthusiafmo oder der Begeisterung herrühren. Da nun dem Poeten sehr viel daran gelegen ist, daß er das Gemüthe des Lesers mit seiner Materie und dem Schicksal seiner Personen einnehme, und in einer beständigen Unruhe unterhalte, so muß er in beschreibung der Umstände, in die er seine Personen versetzet, die Sachen nicht immer in ihrer wahren und natürlichen Grosse vorstellen, wie sie demjenigen vorkommen , der keinen Antheil an einer Bett z geben- z io Wie gemeinen Dingen gebenheit hat, sondern er muß sie nach dem Maasse künstlich vergrößern oder verringern , wie sie denen Personen, für die er seine Le'er einnehmen will, nach ihrem Gemüthes-Zustande wahrscheinlicher Weise vorkommen mußten; und durch diese kunstreiche Anwendung des Betrugs der Affecte werden seine Vorstellungen nicht alleine wunderbar, sondern auch hertzrührend. Wenn Virgil im dritten B. der Eneis v. 564. seinen Helden einführet, wie er die Gefahr beschreibet, in welcher die Flotte bey der Charpbdis geschwebet, so sagt er: lollimur in coeliin, curvzto ZurZite , L iclem LubciuÄs sci msneis imos 6e5eciimus uncis : 1er lcopuli clsmorem inker csvs isxs cleciere ; 1er stiumsm clisini! L rorsntis viäimus süra. Diese hyperbolischeNedens-Arten der Furcht, welche gleichsam mir der Gefahr anwachsen, erwecken bey dem Leser nicht alleine einen lebhaften Begriff von der Grösse der Gefahr, mit der die schiffenden umgeben waren, sondern entdecken uns zugleich, wie solche ihrer mit Furcht eingenommenen Phantasie vorgekommen sey. Opitz sagt im vierten B. der Poet. W. in dem Gedichte an Nüßlern von einem Sturm nach einem gleichen Betrug der Einbildung: - . Wie die grüne See, im Fall sie durch Gewalt Des Nordens wird gezwängt, bald ihre trüden Wellen Bis ein Schein der Neuheit zugeben, zu k is ?.n die Welcken führt, bald an den Schlund derHöllen Las Hosnungs-blosse Schiff mit Sturm undBrausen schlagt. Und wenn Virgil im achten B. der Eneis v. 242. die Auffthliessung der ungeheuren Hole des Cacus beschreiben will, so sagt er erstlich von Der Wegweltzung des Felsen- Stuckes , womit der Eingang verschlossen war: - - Impullu, g»o msximus intonat Ltlier! Oillultsnt rij)L, retluitgne cxlcrritus sinnis. Aller Grund erzittert, Die.Wasser fürchten sich, und fliehen von dem Lande. Hernach wenn er die erschreckliche Gestalt der nunmehr offen stehenden Hole, wie sie Leuten beym ersten Anblicke vorgekommen, beschreibet, so sagt er: Kon lecus, 3c 6 gl>3 penitus vi terra clekilcen« Inkernss releret seclcs, L reZnL reclucist ksllicis, Ols invils; lupcrgnc immane bsratkrum <^ernstnr, trexiäentgue immillo lumiiie mane«. So wenn Opitz in dem Lob des Krieges- Gottes v. 749. demselben die Erfindung der Schiffahrt zuschreibet, sagt er: Du hast den Fichten - Baum zuerst gebeiffen hauen, Hast unsern Muth gereizt ein Holk-Pserd aufzubauen, Das Segel hoch zu zieh'», zu reisen durch den Wind, Wo Meer und Tod von uns in gleicher Weite sind. U 4 Hier z 12 Wie gemeinen Dingen Hier ist zwar die lezte Anmerckung, daß das Meer und der gleich nahe bey den Eingeschiffeten ilchn, nicht von der Phantasie,' sondern durch den überlegenden Verstand erfunden worden, nicbts destoweniger ist sie wunderbar, und dienet vortrefflich, die Einbildung durch die Vergrösserung der Gefahr in Furcln zu setzen, wie Homer in dem vierzehnten B. der Ilias v. 624. zu erkennen Hiebt: „ Die Schiffenden zittern in ihren „ Hertzen vor Furcht, weil sie nur einen Schritt weit von dem Tode fahren. „ Auch kau die aus Opitz angeführte Stelle die Gründlichkeit der Critick, die Longinus in Der zehnten Abtheilung über eine Stelle aus einem gewissen Gedichte, Arimaspia genannt, «gemachet hat, genugsam erweisen, Massen Der einzige Umstand, den er von Homer glücklich hinübergetragen, Wo Meer und Tod von uns in gleicher Weite sind, Die Grösse der Gefahr, und hiemit die kühne Verwegenheit der Seefahrenden weit erschrecklicher und erstaunlicher machet, als alle Die daselbst angebrachte kleinenUmstände und spitzfündige Gegensätze, welche mehr von Den« spielenden Witz des Poeten , als einer ron Furcht eingenommenen Phantasie und richtigen Urtheile Anzeige geben. Gleichwie die Furcht das vergangene und Das zukünftige Uebel, also siehet hingegen die ein Schein der Neuheit zu geben, g i z die Traurigkeit das gegenwärtige immer vor grosser an, als es an sich selbst ist ; diese beredet die Einbildung, daß allemahl das gegenwärtige Leid das schwerste und schmertz- lichste sey, und daß beynahe dre gantze Natur Theil daran nehme: Ein Gemüthe, das von Traurigkeit gantz eingenommen ist, sieht alles mit andern Augen an, es hat keine Empfindlichkeit für das Angenehme und Er- getzliche, auch der helleste Tag düncker ihm mit einer traurigen Finsterniß umnebelt zu seyn, daher auch die Vorstellungen dieser Leidenschaft sehr seltsam herauskommen. Opitz sagte unter anderm in seinem Trauergedichte des dritten B. der Poet. W. wo er die allgemeine Trauer über den tödtlicben Abschied Ertz-Herzog Carls von Oesterreich beschreibet : Die Donau schwellt fichaus, Der Wasser Königin , und-ändert ihren Lauff: Der strengen Multe Strohm scheint röther noch zu fliesten, Als damals wie man sah' in solcher Menge schießen An seinem Ufer her so vieler Menschen Blut. Und bald hernach: - - - Die Felsen in Tirol Und Hügel allesamt find grossen Lraurens voll. Und in einem andern Gedichte, über das Absterben einer hochgebohrnen Fürstin: rr; Und z 14 Wie gemeinen Dingen Und unsr Liqnitz auch , die sonst so schöne Stadt Verbieget ihre Zier : die Oder will nicht fliesten Co klar mcbr als zuvor : die Najadcs begicffen Jl,r weisses 'Angesicht aus grosser Traurigkeit Mit Zcbreii mannigfalt : das Feld sieht weit und breit Oed' uud verwüstet aus : Pandions Tochter singet Mir kläglichem Geschrey, daß Wies' und Wald erklinget r Wo die Violen vor bey solcher Frühlings-Zeit Im grünen liessen seh'n ihr Wolken - blaues Kleid, Wächst Raul und Wermurh auf: Ein jedes ist verzaget Um diesen Todes- Fall. .... Welcbeö mit folgender Stelle in der zehnten Ecloge des römischen Poeten übereinkömmt: Illum etism lzui-i, illum elism llevere m^ricr; ?iniüer illum erism sols snb rupe csnencem ölTNslus , L gelicli lleverunt sntrs l.>c»i. Wie nun die Traurigkeit nichts anders ist, als die lezte Wuth der Liebe über den Verlust eines besessenen Gutes, so ist keine Leidenschaft unter allen fruchtbarer an Bildern, als die Liebe. Diese füllet die Einbildung gäntzlich mit dem geliebten Gegenstände an, und mahlet ihr dessen Schönheit und Vollkommenheit in einem solchen Lichte vor, daß sie dadurch gantz entzücket, denselben als den einzigen Mittelpunct und die Quelle aller Schönheit, alles Ergehens, aller Glückseligkeit anstehet, und sich darum nach ihm alleine sehnet, alles andere in Vergleichung mit dem einig geliebten Gegenstand verachtet, und einen Eckel davor empfindet, und nichts anders ein Schein der Neuheit zu geben, z i f anders, als nur um desselben Willen liebet. Diese Liebe hat eine verwundersame Kraft, welche Opitz in der Hercynia also beschrieben hat: „ Sie will über alle Furcht und „ Nothwendigkeit siegen, und ihre Freyheit „ unbeleidiget wissen. Sie verwundert sich „ über keinen Reichthum , sie fürchtet keinen „ König, scheuet kein Gerichte, und pfleget „ keinen Tod zuziehen : Sie läßt sich durch „ kein Feuer, kein Wasser, keinen Degen, „ keinThier, noch Menschen, keine Hoffnung „ des Glückes, noch Verlust der Wohlfahrt „ von ihrem Vorsatz bringen : Was andere „ meiden, das verachtet sie; und was an- „ dern schwer fürkommt, das macht sie ihr ,, leichte. Sie schwimmet durch die Tieffe „ der Flüsse, segelt im Ungewitter und klet- „ tert über alle Berge. Sie hat alles in ih- „ rer Gewalt, und macht ihr alle Gewalt ,, unterwürffig. Ein herrliches Wesen, wenn „ dieses alles aus einem Muth der Tugend, „ und nicht aus Verwegenheit, oftmahls „ auch ausVerzweiffelungherrühretc; wenn ,, ihre End-Ursache mit den Umständen über, einstimmcte , ja wenn sie nicht eben dieje- „ nige wäre , darüber so viel Hirten - Ge- ,, dichte schreyen , welche aus allen Scbau- " Plätzen gezeiget, und in allen Fabeln ver- „ klaget wird, voll Wütens, voll Ungedult, „ voll Weinens, und Jammers ist.Wenn diese Liebe der-Vernunft nicht mehrgehorsamt, und z l 6 Wie'getneinen Dingen und sich nur von dem Glantz einer betrügst 6)en S6)önheit beherrschen läßt, wird sie toll und ausgelassen, sie verfällt in alle Ausschweifungen, sie vereiniget sich mit allen andern Leidenschaften, Schmertz, Verachtung, Furcht, Verzweifelung sind ihre beständigen Gefährten und Hencker; mit einem Wort, sie macbt den Menschen zum Narren. Cornelius Gallus hat einige dergleichen wunderbare Würckungen der sinnlichen Liebe in seiner vierten Elegie beschrieben: 8in»ii>s viss temcl lcmper mkmorsre livebst, snimo no6te dicc^ue meo. §Xjie velut visrc imszine tormX, ^rocul skkenti voce msnii^ue tui. 8rpe velut kucrit, mccum ipte loc^uelzrr ' L-mrslzsm dulcei^, c^uos tolec ills inodos. O c^nslies deincns ! r^uotles 6ne menke ^»iks'llsr! krcss, Lxntkis rion illss iiomcn lisbeic tin«. In der achten und der neunten Elegie fleht er sie vor die L)uelle aller Freude an , ohne welche ihm Rom, seine Freunde, seine Ael- tern, ja das Leben selbst verhaßt seyn könnte: IlN ein Schein der Neuheit zu geben. § 17 Ull czniz eZo , 6c f>cr mc czriüims Koma Oiclttir, 6c 6ne ine 6ulcis regns liegst. Und wiederum: inibi 6t mzjcrr csrT cuUoclia matris? ^ut 6ne te vitx cura 6l n!!^: me^:? Du inib» 5 ola 6oinus , tu Lyntlna lola jiarentes, Oninia tu noltrsc temgora lanitiL. In diesen beyden leztern Stellen wird Herr Heinecken dasOriginal von dem Besserischen Gedancken finden: „ Sie hatten weder „ Vaterland noch Freundschaft , aber sie waren sich das alles. „ Welchen er in seiner eigenen Untersuchung vvm Erhabenen Vl. Z46. nicht genung zu bewundern weiß, und bey Sophocles und Ovidius vergeblich gesuchet hat; woraus er leicht erkennen wird, daß dießfalls dem deutschen Poeten nicht mehr gebührt, als das Lob einer nicht unglücklichen Nachahmung. Aber auch unser Opitz hat die wunderbaren Würckungen der Liebe an seiner eigenen Person, in dem Gedichte an Nüßlern ausführlich beschrieben; in dem vierten B. der Poet. W. Mir graut vor allen Dingen Die sonst die Iugendliebt: derTantz, das Spiel, der Wein, Der Freunde Gegenwart, die sonst pflegt lieb zu sey», Ist lauter Gallund Gift: Die Einsamkeit, die Wüsten, Ein melancholscyer Berg, ein Thal, da Eulen nisten, Ein trüber Fluß, ein Ort, da nichts gls trauren ist, Dieß z 18 Wie gemeinen Dingen Dieß hab ich einig mir zu lieben auserkicßt. Hier ist mein Aufenthalt; Hier irr ich bin und wieder, Und rede mit mir selbst: dann fetz'ich bald mich nieder, Bald steh' ich wieder auf, und wann ich müde bin Vom klagen und voin geh'n, so streck ich dann mich hin Bey einem dicken Baum , eriemze mit Verlangen, Bis an statt Flavien mich pfleget zu umfangen Der Schlaff des Todes Bild , des Todes den ich mir Gezwungen durch Gewalt der närrischen Begier Von Hertzen wünschen muß. Und gleich darauf beschreibet er uns seinen Gemüthes-Zustaud überaus nachdrücklich, und mit solchen Zügen , daß man glauben könnte, er hätte zum Theil die berühmte Ode der Sappho, die Catullus in Latein übersetzet hat, vor Augen gehabt: Ich fürcht' und hoffe doch, ich bitt' und schwdig auch stille, Ich bin wie kaltes Eys und fühle Gluth die Fülle, Ich löß und binde mich , ich wünsche frey zu seyn, Und wenn ich denn frey bin , so geh' ich wieder ein. Wie einer dem der Trunck den Kopfgantz eingenommen, Und nun nicht ist sein selbst, wenn er das Schwert bekommen, Läufst rasend in den Feind, und fühlt die Wunden nicht: So bin auch eben ich dem Rath und Sinn gebricht. Ich eil', ich wart', ichzörn', ich weiß nicht was ich treibe, Was mein Be.ebren ist , zugleich in einem Leibe Haß' ich die Härtigkeil, und Liebe die Gestalt, rc. Eben dieser ruhmwürdige Poet soll uns auch einige Exempel von dem wunderbaren Betrug seiner von Liebe entzündeten Phantasie lehnen. In dem ersten B. der Poet. W. ein Schein der Neuheit zu geben, z 19 sagt er über die Zurückkauft der Herzog», von Braunschweig: O Dluhme dieser Zeit ? O Fürstin aller Frauen, So Titan irgend kan von seiner Bahn beschauen! O edke Halb-Göttin ! Kommt der gewünschte Tag Da unsre Erde dich nun wieder sehen mag , Die sonst in Trauren stuhnd? Als des Geblütes Liebe Dich vormahls von uns trug, war alles öd und trübe, Du andre Morgen - Röt': Es lag das bleiche Land Mit strengem Schnee bedeckt, und deiner Oder Strand Trug fort bereitstes Eyß auf seinem grauen Rücken; Es ließ kein Tbal sich mehr , und kein Gefilde blicken; Der Wald war ohne Wald: Jetzt mebret seine Zier „ Das ungedeckte Dach des Himmels über dir: „ Wirseh'n das göldne Licht der Sonne besser blincken, „ Den sanften West-Wind geh'n, die Sternen auf dich „ winken: „ Dir grünet Berg und Thal, dir läutert sich die Luft, „ Die Brunnen fliesten mehr. Womit übereinstimmet, was Virgil in der siebenten Ecloge sagt: Omnis tunc rrclent : ^t 6 kormofiis ^lexi, kvionkibus bis sbcLl , viäe35 L tkumiris iiccs. Und wiederum: kb>IIillir sclventu nolki-» nemus omnc virebic, chijrjcer 0c Irto cleicenilet ^Inrimus imbri. Auf denselben Thon singt Opitz in dem vier» trn B. der Poet. W. in der dreyzehnlen Ode: Allhi»r z 20 Wie gemeinen Dingen Lllhier in dieser wüsten Hcyd' Ist gar kein Mensch nicht weit und breit, Die wilden Thier allein Die seh' ich selbst Mitleiden kragen; Die Vogel traurig seyn, Und mich mit schwacher Stimme klagen, Die kalten Brunnen starker fliesten, Viel Thränen gleichfalls zu vergiessen. * Stein, Wälder, Wiesen, Feld und Thal Hör' ich beklagen meinen Fall; Sie fühlen meine Pein; Die Schafe wollen gar nicht weiden: Du Delia allein Wirst nicht beweget durch mein Leiden. Und wie seltsam, ja närrisch lauten nicht die Wünsche in dem Gedicht an die Jungfrauen in Deutschland, welches Opitz aus Daniel Heinstus Holländischem übersetzet hat: O daß ich Sonne war', und ihren hohen Magen Einmahl regierete nach meinem Wohlbehagen; Daß ich nur von der Luft herab recht schauen kunt Auf derer Angesicht, die mich so sehr verwundt! O daß ich Sonne wär', ich wollt' ihr' Augen machen An Sternen in der Luft, sie frölich anzulachen, Und jederzeit zu sehn ; sie sollte nahe stehn Dem Monden, und mit ihm doch nimmer untergehn. Wie oft hab ich gewünscht, wie ofte dörffen sagen, Daß ich war' eine Dien und Honig sollte wagen Aus ihrem rothen Mund. rc. Ach Amor daß ich mögt' als eine Fliege werden, Mich dünckt ich stühnde wohl am besten hier auf Erden; Ich wollt' ein tzäusichen aufbauen bey dem Mund Derjenen, die ich weiß, dannn ich wohnen kunt. ein Schein der Neuheiten geben, z 2 r Bey dieser Stelle muß ich die Anmerckung hinzuthun, daß die Leidenschaft der Liebe sich von der Art der Traurigkeit unter anderm darinnen unterscheidet, daß sie sich an seltsamen Einfüllen des Witzes belustigen kan. Wenn ein verliebter Mensch Geist besitzet, so suchet er sich auch dadurch bey seiner Geliebten in Gunst zu setzen , daher sagte Pro- pertius in der ersten El. des zweyten B. Leu tecit, Nve eN i^ioclcim^ue Iocut3, cie ntUUc» rultcicur Uiüorra. Da hingegen die Traurigkeit nur bemühet ist sich selbst zu erkennen zu geben, und alle Spiele und Einfalle des Witzes, als die einen freyen und ausgeklarten Sinn erfodern, gantzlich verwirfst. Ich habe Aristoteles Anmerckung von dem wunderbaren Betrug der Gemüthes-Leiden- schaften so viel erweitert, daß icb mit wenigem angedeutet habe, wie der Geist, der durch eine heftige Leidenschaft aufgebracht ist, die Dinge nicht nur in einer andern Gestalt, Figur, und Grösse sehe, sondern auch durch die Hitze der Gemüthes - Bewegung öfters so gar getauschet, und verblendet werde, daß er sich beredet, solche Dinge zu sehen, die nirgend sind, oder wenigstens von dem Gesicht weit entfernet und erst noch zukünftig sind. Dem ist auch in der That also; die X aufge» Z2L Wie gemeinen Dingen aufgebrachte, und durch eine strenge anhaltende Leidenschaft erhizte Phantasie wird öfters so sehr verzücket, daß sie ihre lebhaften Einbildungen von den Empfindungen gegenwärtiger Dinge nicht wohl unterscheiden kan; der Poet, der das Wort für sie führet, wird daher in wahrender Entzückung von solchen als von würcklich gegenwärtigen Dingen reden , und sie dem Leser gleichsam mit dem Finger zeigen; er wird sie anreden, als ob sie ihm vor Augen stühnden, sie werden eben dieselben Empfindungen bey ihm erregen, und er wird euch mitten in dem Irrthum zu Zeugen nehmen, und sich aus eure eigenen Empfindungen beruften; seine Aussprüche werden von ihm nicht als blosse Wünsche und Muthmaßungen vorgetragen, sondern sind den Weissagungen ähnlich, und sie schliesscn das künftige Geschicke auf eine sichtbare Wei, se auf, und legen es vor Augen; die sehnst, che Hoffnung stellet sich das zukünftige und gewünschte Gur als gegenwärtig vor, und belustigt sich an dessen Genuß in dem süssen Traume ihrerEinbildung; die verzagte Furcht holet nicht alleine alles mögliche Unglück, das noch ferne von uns ist, auf die Stelle herbey, sondern jagt sich selber durch die Vorstellung scheußlicher Gespenster und Plage-Geister, die nirgends sind, Angst und Schrecken ein; die Eifersucht hält ihre Träume vor unfehlbare Wahrheiten; und die brünstige Liebe, ein Schein der Neuheit zu geben, z r; die unter allen Leidenschaften die verwegenste, mächtigste, und in ihrem Betragen die wunderlichste ist, wird ihren geliebten Gegenstand , seiner Abwesenheit und Entfernung ungeachtet, niemahls aus dem Gesichte verliehren. Der berühmte griechische Lehrer des Erhabenen hat daher in der fünfzehnten Abtheilung diese Phantasie-Bilder als ein nahmhaftes Mittel den Geist zu erheben angewiesen, da er insbesondere den Euripides als einen solchen kunstreichen Phantasierenden rühmet, und desselben Ge- schicklichkeit mit vielen Exempeln erwesiet. Seine Lehre davon beruhet hauptsächlich auf folgendem: Die Einbildungen in der Rede seyn ein vornehmer Kunstgriff, die Rede zu erheben, prächtig und nachdrücklich-lebhaft zu machen. Er verstehe durch das Wort Einbildungen in einem engen Verstand diejenigen Reden, die eine ungewohnte Bewegung und Verzückung in der Seele zu erkennen geben, da es das Ansehen hat, als ob die Sacke, von der sie gerühret wird, würcklick gesehen, und den Zuhörern vor Augen gesicllet würde. Die Einbildungen werden zu einem andern Ende von den Rednern, zu einem andern von den Poeten gebraucht. Diese brauchen sie, das Gemüthe in Bestürtzung zu setzen, jene die Sachen deutlich zu schildern: Beyden müssen sie dienen , das Hertz zu r- hren. T 2 Gleich, z24 Wie gemeinen Dingen Gleichwie man sich von demjenigen gerne einnehmen und an sich ziehen lasse, was einen vortrefflichen Schein von sich giebt, also werde das Gemüthe durch eine solche Einbildung, die man ihm vorleget, leicht gerühret; das grosse Ansehn , womit sie die Rede umgebe, lbemachtige sich des Gemüthes so vollkommen, daß es uns auch hindere, auf die Richtigkeit eines Beweißthums, wo es um einen solchen zu thun ist, Achtung zu geben. Und dieses sey etwas natürliches , weil unter zweyen Dingen, so zusammen gefüget werden, allemahl das schwächere das stärckere an sich reistet. Lasset uns diesen Schwung der Einbil- dungs-Kraft, der von der höchsten Srärcke derselben- Anzeige giebt, mit etlichen Exempeln aus unsern einheimischen Poeten erläutern. Wenn der Herr Cerimonien-Rath I. U. König in dem Glückwunsch-Gedichte an den Königl. Printzen Friederich August am Tage der Dreßdnischen Erbhuldigung die gesegneten Früchte der künftigen Regierung desselben vorstellen will, so schleußt er also: Ich sehe schon voraus, daßZwevtracht samt dem Kriege Gefesselt am Altar des Friedens künftig liege. Es stellt die güldne Zeit mit dir sich wieder ein. V q- * Pas aber fliehet dort für eine wilde Schaar? Mit blassem Angesicht und mit zerstreutem Haar? Es ein Schein der Neuheit zu geben, z rf Es istdcrsAtcr Schwärm, den du nicht kaust ertragen, Und den dem blosser Blick von hinnen wird verjagen. Und wenn Hr. Pros. Gottsched die Sehn« sucht nach friedlichen Zeiten in dem Gedicht, Las er bey demselbigen Anlaß verfertiget hat, lebhaft ausdrücken will, so singet er: Wenn wird das menschliche Geschlecht Doch endlich seiner Wuth vergessen, Und sich nach Billigkeit und Recht , Nicht nach der blinde» Macht gestählter Fauste messen! Zurück , ihr Furien , zurück! Verbergt nur euren finstern Blick In des Avcrnus Pfuhl, und räumt den Kreis der Erden: Irenens Gottheit zeigt sich schon, Sie pflanzt sich unter uns den Thron, Und gantz Europa soll ein Friedens - Tempel werden. Insbesondere muß ich in dieser Absicht die heroische Ode loben, welche der Herr Hof- rath König 1725. auf die Geburt einer Ehursachsischen Printzessin herausgegeben, in welcher durchgehends eine künstliche Verwirrung und durch den Verstand geleitete Entzückung herrschet. Die gantze Ode Verdienste vor ein Muster hier ausgesetzet zu werden, alleine Weitläufigkeit zu vermeiden , muß ich mich begnügen lassen, ein paar Stellen daraus anzuführen: Du aller Schönheit reinste Quelle, Du besserst den Geschmack, du leitest den Verstand, Daß ich nicht, als berauscht, mich aus mir selbst verliere, T z Noch z 26 Wie gemeinen Dikigcn Noch auch mit Flitter-Gold den falschen Einfall ziere/ Du Wahrheit! - . Doch was Hh ich da ? Was für ein Aufzug kommt uns nah ? * * * Wer ist die, die hier in der Mittk Bey so viel Pracht und Majestät, Doch mit so Demurhs-vollem Schritte In einer langen Ordnung geht? Zu deren Seiten man die Tugenden erblicket, Die bey so keuscher Fruchtbarkeit, Und edler Eingczogenheit, Sich mehr mitGottesfurcht,als reichenSteinen schmükct. Ceot wie die Laster flicb'n vor ihrem Angesicht! O ! wer erkennt sie wohl im ersten Anblick nicht! Josepha kommt in diesem Reihen Den ersten Ausgang Gott zu weihen. Nachdem der Poet voll von der Hoheit und Wichtigkeit seiner Materie den Geist angespornet, und statt der Muse die Wahrheit um ihren Beystand angerussen, damit er sein Vorhaben nach Würde ausführen rnögte, und jezo der Erhörung vergewissert, die strengen Triebe derselben nicht ohne Verwunderung inwendig fühlete, welchen er sich auch gantzlich überließ, reißt ihn die erhizce Phantasie plötzlich aus sich selbst, und stellt ihm die königliche Wöchnerin, die im Begleit der Tugenden nach dem Tempel gehet, gleichsam auf eine sichtbare Weise vor Augen ; der majestätische Aufzug setzer ihn in eine solche Verwunderung , daß er eine ein Schein der Neuheit zu geben, z 27 Zeitlang diejenige nicht zu kennen scheinet, welche niemand mißkennen kan, und dieses giebt ihm Gelegenheit, ihr dasjenige wahre Lob beyzulegen, welches sie vor allen andern Frauen kenntlich machet, und euch durch die Betrachtung derselben in eine gleiche Verwunderung zu setzen. In der folgenden Strophe, wo er die Kraft der allgemeinen Fürbitte für die neugebohrne Prinzessin vorstellen will, sagt er in einer prophetischen Entzückung: Ich seh schon aus und ab, mit jauchzendem Gethön, Die ihm zum sichern Schutz bestellten Engel fliegen, Und dieses Töehterchen auf ihren Armen wiegen, Sie lächeln es holdselig an, Und singen : Folg der Mutter Bahn ! Und wenn er weiterhin die Zurückkunft dieser königlichen Mutter aus dem Tempel nach vollendeter Einsegnung beschreiben will, so stellet er euch alle Dinge so sichtbar vor Augen, als ob er euch ein Schauspiel geben wollte: Macht Platz! Es kommt schon mit Vergnügen Zurück die hohe Wöchnerin: Man legt jezt wieder in die Wiegen Die kleine zarte Prinzessin. Schlaffwohl, hcldseligs Kind, damit nichts möge'störe» Die dir so nöthig - süsse Ruh, So deckt dich jelost die Liebe zu. Weil du mein Lied noch nicht verstehen kanst und hören, L 4 Hin- Z28 Wie gemeinen Dingen Hingegen unser Hof solch einen Künstler nährt, Den in der Thon-Kunst selbst ein jeder Meister ehrt, So mag , dich in den Schlaffzu bringen , Von ihm ein Wiegen-Aed erklingen. * * * Wie ist mir ? Hör ich dich nicht schon ? Du, der sich selbst nur zu vergleichen, Du weltberühmter Pantalon. » » * Hört'doch wie fremd, wie sanft, wie rein, Wie süß! - - Doch still! sie schlaft schon ein. ^och ein poetisches Gesicht findet sich in dem Verfolge dieses Gedichtes: Wohin? wohin , ihr jungen Krieger? Wohin du Paar von grossem Muth? Man sieht es wohl, ihr frühen Sieger, Ihr stammt aus Wittekindens Blut. Ihr eilt des Erbfeinds Sitz im Anhang zu bestrciten, Und für uns Christen wiederum Von Ncms zerstückten Kayserkhvm Den abgerißnen Theil zurücke zu erbeuthen. Nur fort! Nur frisch gewagt! der Pforte Fall ist nah. * * * Die Flucht vor euch ist allgemein. Ihr brecht mit «»zertrenntem Haussen Als eine Straff - und Sund-Fluch ein. Seht! Sehr, wie die Beschnitcnen lausten ! Nur Muth! Seht, wie es euch als Siegern schon gelingt, Daß ein Schein -er Neuheit zu gebeg. z 2- Daß aus des Nils fruchtbaren Wellen Vc n euren tapfern Spieß - Gesellen Ein deurscher Kürassier aus feinem Sturmhut trinckt. rc. Die Alten haben diese äusserste Bestrebung einer aufgerührten und durch die Leidenschaften erhizten Phantasie einer göttlichen Begeisterung zugeschrieben , und in derThat geglaubt, daß ihre Poeten von Apollo, oder den Musen, oder einer andern Gottheit gantz angefüllet und gleichsam aus sich selbst verzücket würden, da sie dann solche.wunderbare Dinge sähen, höreten, und nach der göttlichen Eingebung auch redeten, und aus- sprächen. Plato und Democritus selber siuhnden nach Cicerons Zeugniß in diesem Wahn, wie er uns in dem zweyten B. von dem Redner, und in dem ersten B. von der Wahrsagung berichtet: M-r conci- latio sseclaimt viin in aissnsss eile cssvümin ; ne- ^at eniin ssue ssurore Deinocritnx ?oetain maAnwn esse passe. ()noä iäein äieit rlmo. Daher sie auch, wenn sie etwas wichtiges besingen wollen, den Apollo, die Musen, oder irgend eine höhere Gottheit um ihre Hülfe angeruffen haben. Ja auch einige unserer heutigen Scribenten, die von dem Enthusiasmo reden, schwatzen auf eine Weise davon, als ob sie selber in der Verwirrung siühnden, von der sie uns eine Erklärung geben wollen. Sie kommen mit A' s lauter z;o s> Wie gemeinen Dingm lauter prächtigen Wörtern von einem heiligen Rausch / einer göttlichen Raserey, Licht, Verzückungen des Gemüthes, Auswallun, gen, aufgezogen, welche neben einander gesellet vortrefflich klingende vLätze machen, aber in dem Gemüthe keinen deutlichen Begriff hervorbringen. Aber dieses alles giebt uns alleine zu verstehen, daß die Poeten bey der alten Welt in einem nicht geringern Ansehen gestanden, als die Wahrsager und Propheten, und daß die Leichtgläubigkeit ihnen mächtig dazu behülflich gewesen ; und wenn die neuern Scribenten von dieser poetischen Begeisterung mit eben so hochtrabenden Worten reden alsjene,muß man sich dadurch nicht blenden lassen, und sie vor nichts anders, als vor freye Metaphoren ansehen, die sich aus eine Vergleichung der erhizten Phantasie mit der Raserey der Priester gründen, wenn diese von ihrem Gott entzündet wurden, und ihre Orackel aussprachen ; gestalt Herr Gottsched solches in der Ode, der wahre Held Friederich August betitelt, auf eine geschickte Art ausgeführet hat: Wie dort Apollens Priesterin, Wenn unter ihr die Klüfte keichen, Sich selber fast vergißt, indem ihr schwacher Sinn Der st.irckern Gottheit Kraft muß weichen; Gantz Delphos bebt, der Tempel kracht, Aus. Ehrfurcht vor den hohem Sprüchen: So ein Schein der Neuheit zu geben, z z'i So ist mein blöder Geist den Musen jezt gewichen, Er fühlt der hohen Triebe Macht, Und kan sich selber dem, was sie ihn singen heistcn, So wenig als den Kiel einreisten. Kurz, das Geheimniß, so darunter verborgen liegt, will nichts ivelters sagen, als eme Hi- ze der Einbildungskraft, in die man sich selber jagt, und der man sich gerne ergiebt, woraus Schönheiten und Fehler entspringen können, je nachdem sie blind oder scharfsichtig ist. Es ist auch so ferne, daß diefe poetische Begeisterung von einer übernatürlichen Kraft und Entzückung herrühre, daß sie vielmehr nichts anders ist, als eine künstliche Nachahmung der Reden und Ausfprüche solcher Personen, die sich himmlischer Erscheinungen und prophetischer Eingebungen rühmen. Auf diesem Grund berufet die Verwirrung, welche die Kunst in der Ode erfo> dert; der Enthusiasmus mag da noch so starck seyn, so muß er doch allezeit von der Vernunft geleitet werden, und der erhizrestePocO muß sich öfters fassen , damit er von den Dingen , die ihm die Einbildung vorleget, ein gesundes Urtbeil fällen möge; und die Kunst muß selbst die Unordnung in der Ode in «Lchrancken fassen. Also siehet man, daß die Begeisterung zur Kunst des Poeten gebäret , und das Ansehen von etwas göttlichem dadurch erworben, weil sie die göttlichen Begeisterungen geschickt nachzuahmen gewußt, hat. 'z z 2 Wie gemeinen Dingen bat. Damit nun der Poet die Phantasie mir dergleichen Raserey anfülle, muß er bey sich selbst einen Affect der Materie halber , die er vor sich hat, rege machen, indem er sie als' etwas gutes oder schlimmes, etwas vortreffliches oder schnödes betrachtet, so ferne die Materie nicht selbst schon zuvor in dem Gemüthe eine von diesen verschiedenen Bewegungen erzeuget hat, wie bey verliebten Poeten zu geschehen pfleget. Ferner wird er unter den Bildern der Phantasie diejenigen auslesen müssen, welche ihm anmuthiger, oder prächtiger, oder schnöder, oder lächerlicher , oder erschrecklicher, oder lebhafter vorkommen werden, mit einem Wort, welche die absonderliche Art und Beschaffenheit der Materie, von der er handelt, am besten ausdrücken können. Wie nun gewiß ist, daß wir die Affecte in unserer Brust natürlicher Weise aufwecken können, und daß eine jede Sache, die uns vorgeleget wird, in uns Liebe, oder Furcht, oder Zorn , oder Verwunderung, oder einige andere Leidenschaft gebähren kan, also ist nichts gewisser, als daß eine jede Materie unsre Phantasie auf gewisse Weise entzünden, und uns folglich in Raserey versetzen , und mit einem guten Vorratb von Bildern versehen kan. Derowegen müssen die Poeten Fleiß anwenden , daß sie mittelst der Kunst einen Affect in Absicht auf die Materie, von der sie han- deln ein Schein der Neuheit zu geben, zzz dein wollen, bey sich rege machen. Die Seele muß ihrer Embildungs-Kraft befehlen , den vorgelegten Gegenstand zu besichtigen , alle Eigenschaften, Umstände , Zufälligkeiten desselben zu betrachten, wenn sie dann von dem Affekte mit aller Mackt angespornet / und in eine starrte Bewegung gebracht worden, wird sie neue und wunderbare Bilder hervorbringen*, welche, so ferne wir sie mit einer verständigen Wahl auserlesen haben, der Materie ein ungewöhnliches Licht und Leben mittheilen werden. Alleine in der Anwendung dieser seltsamen .Vorstellungen, deren Wahrscheinlichkeit in einem Betrüge der Affecte gegründet ist, kömmt es hauptsächlich darauf an, daß man das rechte Maaß nicht übersteige; der Poet soll zwar die Natur in ihrem Betragen künstlich nachahmen, aber er muß dabey immer in Obacht nehmen, wie weit er die Affecte seinen besondern Absichten gemäß zu führen habe, damit er sie in ihrer erfoderlichen und wahrscheinlichen Grösse vorstelle. Derjenige würde thörigt handeln, der seinen verliebten Personen alle die lächerlichen Einfälle in den Münd legete, welche den Leuten in diesem Gemüthes-Stande in den Sinn kommen können, und der sie auf alle die Ausschweifungen führete, womit dieselben sich thörig- ter Weise vergehen; so wohl als ein anderer, der in seinen Trauer-Elegien alle die gekün- z?4 Wie gemeinen Dingen gekünstelten Seufzer und gezwungenen Klagen , die man oft in dergleichen Fällen hören muß/ anbringen; oder der bey allen Anlässen fiel) zu Entzückungen/ Gesichtern / Traumen versteigen wollte. Cicero hat in dem zweyten B. von dem Redner weißlich erinnert: In p-rrvis I'cbn8 N(1N lnnt -läilibencl.r clicenäi hicen. Wer etwas von dieser Art vorzustellen hat, der muß sich selber fragen: Wenn ich diese Person wäre / in diesem Affecte stühnde / in solchen Umstände» schwebete / könnte ich auf diese Weise reden? Würde ich so starck nachsinnen / damit ich diesen Gedancken so spitzfündig vortragen könnte? Oder würde ich ihn lieber aus eine einfältigere Art ausdrücken ? Würde mir die Leidenschaft solche Künstelei) erlauben? Solche und dergleichen Fragen soll der Poet in allen Affecten, die er seinen Perlonen zuleget/ an ihn selbst thun / also daß er allezeit die Natur im Gesichte habe / welche von ihm nachgeahmet, nickt verwirret werden muß. Omntilianus hat dieses gantze Kunst-Geheimniß/ insofern es dienet der Rede einen bewegenden Nachdruck zu geben / und den Richter einzunehmen / in dem dritten Cap. des sechßten B. so deutlich vorgestellet/daß ich mich nicht enthalten kan/ diegantze Stelle hier auszuschreiben : 8i milii cracütir pnepts luckiceret, ImickeLerain buic mbi! eoruin , Hure le^i, ciläiLi, Huoä moclo ^robabile kuü, owuütteuclo. ein Schein der Neuheit zu geben, zz? 8ccl iniln in snirno eil, <^NT Istent ^enitu8, i^ür lnijU8 ioci a^enne ^enetruiin ; <^ni6em non sli^no trr,6ente, ie6 ex^eriinento inco, gc nn- tnra i^is 6uee aecepi. 8ninina eniin , c^nnntnin eZo ^uiciein ienrio, circii inovencio8 ailecln8 in linc ))oül.i eil, nt inovemnur i^ü. ^3n> 6c 1n6lu8 öc irT 6c 1n6iAN?nionis, nü^ngn-lo riciienia ^nerit iinitatio, il ver8n, vniunn^ne rsnrnin, non ctiinn ^niinnni gLcoinino6aveciinu8. (^nict eniin 3Üuc1 eil cnnile, nr iuZenke^ nti^ne in re- centi 6olone 6iiertiilline ^n^Liin exeluinare vi- 6eirntnr; 6c i ni nonnnn^n-nn in6ocli8 ^uooue elo^uentiknn Lucist , cjurnn c^no6 ÜÜ8 ineil viz inenris 6c veritgs i^ilr inornm ? (^nrire in iis , csNT x'criilinilirr eile volunin8 , innn8 i^ii ilini!e8 eoriun , Hui vere ^otinnrur gile6lii>n8, 6c a tsli iiniino ^rollciseutnr oratio, ^in'.icin llreeie jn^icem volet. ^n ille 6oIeliit, c^ni unäiel ine, cuin live clieain, non 6olentein ? ünicetur, 6 niliü ij)5e, ^ni in ii-rnn concinn , icic^ue exi^it, llinile ^akietur? i>cci8 n^ens ocnÜ8 iricinnnris bit? lleri non ^oteil. l^ec inccnäit nili iZni^, nee inriilelciinns niil lnin^ore , ncc res n!!a 6-n glreri colorein, ^nein ipiii non Ininet. ?ri- innin eil iAitiic , ut g^inl no8 x^.ie^nt ea , c^NL vulcre jnclicein vuilnnus, !>ilieii!iniir^ne, gntecjnnn nillcei e euneinnr. ^noinuclo tlet, nt »tllci-nnnr ? ^e^ue enini sunk motN8 in no- ilrg j>oreilate. 1enti>l>o eriuin cle lioeäicete, ^n.i8 P«v?«o-/«L' Zrxci vocgnt, nos iane viiione8 z z 6 Wie gemeinen Dingen g^e!1enin8, im^Ainex rernm rilzsentinm jrs re^rrctentgninr nniino, nk ea8 cerneie ocnli8, aL j)l'Llenle8 Inrbcre vic!e-nnui'. j^^,8 ^ui^air bcne coucejic^it, is erir in r>6ecHI)U8 ^otenki^I- INN8. ^Inno c^üc^in 6icnnl xu^>«v7'«o'/L?ov, c^ni rcs , voce8, 3ciu8 lecnnciuin vernin j^nAet, c^noä ^uiciein nol)i8 voleinitrns ^Iicile continAet. ^itLN nt inter ori-r ^niinoruin l^ez ingne8, öc velnt loinnin ^ua:clgni viAilmitiuin, itrr no8 Iise, cie <^niin>8 lo^uiinnr, iingAins8 ^^oie^nuntur, ut ^erc«-rin-,lj , nrrviAkire , ^icrliari , ^o^nlog ulloc^ni , ^ivitiarmn , c^nA8 non Iir>beinu8, uü»n viäeainnr ciisponeie ; iiec co^itsre , leä ^icere z Iioc nniini vikiuin gcl utilitgtein non tran85ere- mu8 ? lot tioininein occilmn ^ueror, non om- nia , c^niL in re ^rnlenki acci6i6e cre6ibi!e eH, in ocnÜ8 Iiabebo ? non ^crcuüor ille ^ubituS eruni^et? non ex^gveloet ciicuinvontn8 ? exolrr- inal)it? vel roZribit? vel ^iZiet ? non Serien-. tein, non conci6enteni viciebo ? non aniino l!wAni8 , öc ^avon , L ALinitn8, extrenni8 cle- nic^ue inalns exl^)N»nU8 in66er ? Inle^nernr , c^nL A Lieerone illnllrrikio öc evicien- ria noininstur , non lain ^icei'e viclecnr, c^unin oilen6ere , öc sl?ei8 ea, cle ^nibnr c^ueriinur , gcciclille cre6sinn8 , gl^ne icl aniino noliro ^ersusäernnns. I §08 üli t'nnus, ^nos Zravirl, In^iZna , lriiljg ^üllos ^nerainur. ^eo ein Schein der Neuheit zu geben, z z 7 3 AÜMU 8 rem gurrst rrlienrun , stecl astuiuginu8 ^r>- ruin^LL' illuur stolorern. Itg cljLLiuu8 , guse in stustli nostrc» csku cticsturi est'enru8. Vicii e^o str^e stistrioue8 rrtgue cornoeclo8 , cuin ex rrli- guo A7-iviore rxstu ^erlou^iu stepostiistent, sten- re8 gäliuc e^restr. ()uoä st ru allenib lostr ^ro- nuntiäNo itä 5allis Aeeeäir gstüctibug, guiä uos Lreienius, gui illrr coAitrrtc clebeurri8 , ut uro- veri jiericlitanrium viee polstiru>8 ? 8ecj in icstolr» rebu8 guogue utstci couveuit, ealgue veiar stbj sturere , stoc mriAis , guis illie ut liti^rrto- re8 logururur stregueutiu8 , grirun ut rrcivoerrti. Orbuin k>Aiinu8 , öL usukr-r^uin, öc ^eiielilau- teru, Quorum iucluets ^ec'lc>ur>8 uou r>6liuet, rrist rrstecstu8 rrstmrrimu?. I^Xc stistunulauclrr mi- str uuu fueruut, guibu8 ipte gurrutu8cungue stim , aut stri ( nrun ^ervenisto me rrä allgrioä ucuueu rnoeuü crecio), stregueuter inotu8 stun, ut ms nun Incr)unL loluui cie^ielienciei'eut, stecl ^sllor, «Zc verc, Ii,ni>i8 c!nlor. Zu dieser weitläuftigen Stelle habe ich nichts weiter als die kurtze Anmerckung hinzuzufügen; weil die Einbildung der Poeten heftiger soll und muss erreget werden, als der Redner, so kan deßwegen der Poet künstlichere, fremdere und ungewöhnlichere Bilder, als die einfältigen sind/ formieren, damit er mittelst derselben nach Belieben diesen oder jenen Affecr in das Gemüthe der Leser oder Hörer mit Gewalt Hineindrücke. z; 8 Wie gemeinen Dingen Ich habe noch die dritte Quelle des Wunderbaren in der Kunst der Nachahmung zu untersuchen, welche auf einem angenehmen Eerrug einer alten Sage und eines allgemein angenommenen Wahnes beruhet. Die Sage ist eine After-Historie, die nichtsdestoweniger bey dem gröstenHaufen der Menschen mehr Glauben findet, als die wahrhafte Historie, indem sie ihre Nachrichten durch solche Personen, die bey uns gleichsam in einem heiligen Ansehen stehen, zu einer Zeit, da wir noch keine eigene Einsicht haben , und zwar von Mund mit einem gebietenden Thone fortzupfiantzen pfieget. Was vor seltsame Meinungen haben nicht bey gantzcn Geschlechtern und Völckern einen allgemeinen Beyfall erhalten, und sich durch die Verjährung ein solches Ansehen erworben, daß die Vernunft, da sie sich unterstanden , diese so tief eingewurtzelten Meinungen zu bestreiken, dadurch eine allgemeine Empörung des menschlichen Geschlechts wider sich veranlasset, und sieb in den verhaßten Ruf einer abgesagten Feindin der Religion gese- zet hat. Man erinnere sich nur, was vor Lermcn sich in der gelehrten Welt selbst wider diejenigen erhoben, welche sich erkühnet haben, die durchgängige Meinung von den Gegenfüffern, von dem Umlaufe der Sonnen um die Erden, von den Cometen, als Weissagern allgemeiner Land-Plagen, und an- ein Schein der Neuheit zu geben, z zs andere dergleichen anzutasten. Die Unwissenheit und der Aberglaube sind die Zeuge- Mütter dergleichen seltsamen Meinungen, daher solche auch in denen Zeiten, da sie die Welt beherrscheten, ihre Brüt am meisten vermehret haben. Schon in den ältesten Zeiten mag die hieroglyphische und allegorische Lehrart, in welche die göttlichen und die natürlichen Wahrheiten eingehüllet wurden, erstlich Anlaß zu den Fabeln der heidnischen Mythologie gegeben haben, indem der Aberglaube die Personen , die zuerst bloß allegorisch waren, hernach in historische verwandelte. Da nun die gemeine Sage bey dem grösten Haufen der Menschen in einem so grossen Ansehen stehet, und ihre Lehren und Meinungen so leicht Eingang finden, so ist es sich nicht zu verwundern, daß die poetische Kunst der Nachahmung, die sich begnüget, ihre Vorstellungen wahrscheinlich zu macben, sich öfters der Sage mit gutem Nutzen bedienet , damit sie ihre Erzehlungen und Beschreibungen recht wunderbar mache, ohne Besorgniß, daß sie die Wahrscheinlichkeit verlieren. Indessen ist in dem Gebrauche dieses Kunstgriffes grosse Behutsamkeit nöthig ; ich wollte nicht, daß die Poesie mißbrauchet würde, den Aberglauben in seinen abentheurlichen Traumen zu bestechen, und dieselben noch weiter auszubreiten, Der Poet muß sich freylich die Historie des Aber- D s glau- Z4O Wie gemeinen Dingen glaubens und die verschiedenen Meinungen, die von Zeit zu Zeit einen allgemeinen Glauben bey den Leuren erhalten haben, bekannt machen, damit er das Wunderbare in seinen Vorstellungen nack Beschaffenheit der Materie allemahl auf solche Meinungen gründen könne, die zu der Zeit, da die Personen , die er aufführet, gelebet, einen durchgehenden Beyfall gehabt hatten. Die Meinung , die er ihnen zuschreibet, muß zu derselben Zeit allgemein gewesen seyn, keine geschickter erklärte und besser bekannte Wahrheiten müssen damahls mit ihr im Widersprüche gelegen haben, sonst würden diese wunderbaren Vorstellungen alle Glaubwürdigkeit verlieren, und also gantz abenlheur- kich werden. Aristoteles hat in seiner Poetick, im sechs und zwanzigsten Cap. §. 9. die Götter Homers gegen die Beschuldigungen PlatonS damit gerettet, daß er zeiget, dieses sey zur selben Zeit das allgemein angenommene Sy- siema gewesen, Orpheus und andere Poeten haben schon vor Homer dieselben Fabeln von den Göttern in ihren Gedichten eingestreuet, und dieser habe ihnen lediglich gefolget. Die Lehren und Meinungen, welche durch die Eage forrgepflantzet, und von der Unwissenheit und dem Aberglauben unterstützet werden, bleiben nicht immer in einerley Ansehen , sie sind einer beständigen Veränderung unter- ein Schein der Neuheit zu gehen, z 4 r unterworffen. Unsere erleuchteten Zeiten haben einer unzehlbaren Menge dergleichen wunderbaren Meinungen den Glauben gantz- lich verderbet; die abentheurlichen Geschichten von den weisen Frauen, den Zauberern, von der Verwandlung in andere Gestalten, und dergleichen, haben wenig Beyfall mehr; daher man sich nicht verwundern muß, daß die Erzehlungen beym Virgil von der Ver- wandelung der Pfeile Polymnestors in die Zieste eines Baumes, im dritten B.; von der Verwandelung der verbrannten Schiffe des Eneas in Meer-Nymfen, im eilften B.; und das Wunder in dem sechsten B. da ein güldener Ast an einem Baum hervorgewach- sen, einigen philosophischen Köpfen unserer Zeiten gantz unwahrscheinlich und lächerlich vorgekommen ; welches Urtheil aber nicht auf Virgil und die Zeiten desselben zu erstreiken ist, gestalt dergleichen Legenden in denselben einen so grossen und allgemeinen Beyfall gefunden haben, daß Ovidius sich getrauet, den Römern ein gantzes langesWcrck von dergleichen wunderbaren Verwandlungen vor Augen zu legen, und dabey nicht gefürchtet hat, daß es ihnen wegen Mangel der Wahrscheinlichkeit, als etwas abentheur- liches, mißfallen würde. Ja was noch mehr ist, die Geschichtschreiber selbst, Herodotus, Livius und andere, haben dergleichen seltsamen und wundmhatigen Begebenheiten, P z welche 342 Wie gemeinen Dingen welche die gemeine Sage aufbebenswürdig gemacht/ ohne Bedencken neben ihren wahr- ! haften Erzehlungen einen Platz gegönnet. Wie es rinn recht lächerlich wäre / wenn man zum Exempel den Livius tadeln wollte / daß er den Aberglauben so beschrieben hat / wie er solchen in den alten Urkunden und der gemeinen Sage gefunden ; so würde man sich riocb weit mehr zum Gelächter machen/ wenn man den Poeten im Ernst tadeln wollte / daß er in der poetischen Erzehlung der Geschichten weit älterer und leichtgläubigerer Zeiten einige wenige Beyspiele von dergleichen ausser- vrdentlichen Begebenheiten einflieffen lassen; angesehen der Poet durch das Wunderbare in seinen Erzehlungen die AufmercksamkeiL und die'Verwunderung des Lesers beständig unterhalten muß. Wiewohl nun solche wunderthätige Erzehlungen uns bey dem Licht unsrer erleuchteten Zeiten nicht mehr glaubwürdig vorkommen / und es also den Anschein hat / als ob diese Quelle von Wunderbarem nunmehro gäntzlich verfallen und mit Schutt verworffen wäre / so ist nichtsdestoweniger gewiß / daß auch dieselbe unsren heutigen Poeten trefflich zu statten kommen kan / indem sie die rruckene Erzehlung durch die geschickte Einstreuung dergleichen angenehmer Fabeln vor Mattigkeit bewahren können, welches sie vornehmlich dadurch zuwegebringen, daß sie ihre Gedancken und ein Schein der Neuheit zu geben. Z4r ihre Materie in allegorische Fabeln einklei- den, wenn sie die historischen Personen der heidnischen Gottheiten wieder in ihren ersten Stand allegorischer Wesen hinunterse- zen. Macrobius hat in dem sechszchn- ten Cap. des fünften B. seiner Saturna- lien angemercket , daß schon Homerus sich der Eintragung fremder Fabeln auf eine geschickte Art bedienet habe, seinen geographischen Er;ehlungen ein angenehmes poetisches Aussehen zu geben, welche dem Leser ohne diese Auszierung wegen ihrer Gleichförmigkeit verdrüßlich gefallen waren. No- !NLl'U8 , sagt er, inter emimerruwla NLAIONUIN öc urdiuiu noinina kacit lncuin kabulis, guar chorrorem ßitielatis excluclant, - - plt llc smc>enitk!8 intertexta sk,fticiio narratioinim inccle- iur. Demselben ist Opitz gefolget, wenn er in seinem Vesuvius die Landschaft Cam- panien beschreibet: Der Himmel lacht dich an, die Lüfte so hier streiche» Sind nimmer ungesund ; hier will noch Ceres weichen, NochBaehus, jene rühmt ihr Korn, der seinen Wein; Und Flora heisset es zweymahl hier Frühling seyn, Leblühmet zwier das Feld. Kein Meer ist mehr bebauet, Kein Hafen weit und breit wird schöner nicht geschauet, Als um Cajera her, um den Miscner-Strand, Und wo Anchrsen Sohn den Weg zur Hollen fand Durch stilles Finsterniß geführet von Sibyllen : Auch wo das Römer-Volck der schönen Bader Willen In voller Ueppigkeit die lange Zeit vollbracht, Und selbst der.Hannibal verkehren seineMacht, A 4 Durch Z44 Wie gemeinen Dingen Durch Laster nicht durch Krieg. An Büschen zwar und Wilde Sind viel Gebirge reich; hier stehn die Wein-Gefilde, Der edle Mafsicus, das trächtige Surrent, Und Gaurus, welchen. Pan vor allen Klippen kennt, Wo oftmahls Nereis bey stiller Nacht gegangen , Und in ein Reben-Dlat die Thräne» aufgefangen Für Liebe, die sie trug , und etwan Galathee Den wilden Satyren nebst dem Lucriner-Sce Durch List entgangen ist. .... Wahrhaftig, es scheint nicht änderst, als wenn der Poet mit dem Leser an diese Oer- ter gereiset wäre, und als derjenigen kundig ihn bey einem jeden erinnerte, was sich vor Zeiten daselbst merckwürdiges zugetragen habe. Wenn eben dieser vornehme Poet die Lage des herzoglichen Meyerhofes Äielgut beschreiben will, so weiß er seine Beschreibung durch die Einstreuung solcher Allegorien und Fabeln überaus angenehm zu machen: Hier ziert der Herr das Haus, Das Haus, so ferne liegt von Falschheit, von dem Neide, Der in Pallasten wachßt. Der stille Strom die Weide Laufst ringes hier umher, und wird doch kaum gehört; Und dieses hat ihn auch sein Herzog selbst gelehrt. Das Bild der Gültigkeit. Hier wohnen die Najaden, Der keuschen Nymphen Chor, so mit den Schwanen baden: Die unser Phöbus liebt, weil keiner, wie manlsagt, Wenn Zeit zu sterben ist. sich über dieß beklagt, Was Tod genennct wird ; sie fangen an zu singen Ein süffes Grabe-Lied, und gehn von diesen Dingen Mit ein Schein der Neuheit zu geben. Z45 Mit solcher Fröligkeit, ob ihnen auch bewußt Wie uns und kündig sey , daß dieser Erden Lust Zergeht und eitel ist. ^ Vornehmlich aber gewinnen die Gedancken eine reckt wunderbare Gestalt, wenn der Poet sie, mittelst der Verwandlung der historischen Wesen in allegorische Wesen, in Fabeln dieser allegorischen Art einkleidet. Auch dieser Handgriff der Kunst war den alten Poeten nicht unbekannt; die Geschichte des NarciffuS warnet vor übermaffiger Eigenliebe; die Erreichung von Midas zeiget, wie thörigt die Gold-Begierde sey; des Bacchus Auferstehung von denNymfen sollte die Massigkeit im trincken anbefehlen; Phae- tons Fall sollte lehren / wie übel es ausfalle , wenn die Regierung unerfahrnen und ungeschickten Jünglingen anvertrauet wird; die Verwandlungen der Circe sollten die verderbliche Zauberey der fleischlichen Wollüste anzeigen: Und es ist langst bekannt, daß nickt alleine die alten sondern auch die neuern Critici viele Stellen der homerischen Gedichte mittelst der Allegorie wider die Beschuldigung der Unwahrscbeinlichkeit retten. Auf diese Weise ist auch die Allego, rie, die auf die alte Mythologie gebauet ist, eine der reichsten und fruchtbarsten Quellen des poetischen Schonen, inmaffen sie dem Poeren eine Menge wunderbarer Bil- P s dex z 46 Wie gemeinen Dingen der an die Hand giebt, durch die er gantz bekannte Gedanckcn auszieren und erbeben kan. Wenn er sagen will, ein König sey allzeit stegbaft, so drücket er diesen nicht allgemeinen Gedancken durch das Bildniß aus , daß der Sieg ibm aller Orten auf dem Fuß nachfolge; will er die gottesver- gcsscnde Bosheit der Menschen Geschreiben, so leibet ihm die Fabel von den Aloiden oder Riesen ein edeles Bildniß, auf welches Horatius mit den Worten gesehen hat: Loelmu ich.nni Zeriums ltulcitia. TOill er die allgemeine Freude beschreiben, die über die Geburt eines klugen und dapfern Feldherrn entstanden war, so sagt er, wie Opitz an den Hertzog Ulrichen zu Holstein: Ich glaube für gewiß , es ist an allen Seiten Die Enge des Eodans mit Vluhmcn übcrseet Gestanden, Acpbvrus hat um und um geweht, Der weilen Nonnen Schaarein Freudcn-Lied gesungen, Davon die reiche See durch Grund u. Strand erklungen, Als du, 0 Huiderich , bist kommen auf die Welt, Die dich für ihre Aicrd und Lust der Menschen halt. Du hast den Wunder-Muth bald mit der Milch gesogen, Bist zu der Tapferkeit von Kindheit an erzogen : Mars kam zur Wiegen hin und gab dir seine Kraft, L'tonen weiser Sohn den Preiß der Wissenschaft, Mercur den freyen Sinn , der nie kan stille stehen, Pfleat, wie sein erstes Quell, der Himmel umzugehen. In lebhaft, stareker Art, als eine schnelle Bach, Dre alles , was sie rührt, zeucht hinter sich hernach. Wenn Besser die Vereinigung der Schönheit ciir Schein der Neuheit zu geben, z 47 * heit mit der Dapferkeit vorstellen will, so sagt er nach dieser Weise: Dcn ihr jezt seht Pfeile tragen, Der wie seine Mutter schön, Wird bald mit des Vaters Wagen Auch als Mars zu Felde gehn. Er redet von eines Helden noch jungem Sohne, der in einem Lustspiele in einen Cupidon verkleidet, und mit dessen Pfeil und Bogen ausgerüstet worden. Und Posiel giebt diesen Gedancken im achten V. seines Wittekindes also: So daß ihm nichts zu gleichen, Was Saracenisch war, und dabey mußt ihm weichen Der Frauen Lieblichkeit. Wer ihn gemäss,ict sah Vermeinte Venus siühnd' in Pallas Kleidern da. Wenn der Poet nur bloß gesagt hatte, wenn ihr ihn in einer Schlacht sehet, so erkennet ihr ihn vor den dapfersien, und wenn ihr sein Angesicht sehet, so hattet ibr ihn vor den schönsten; so würde es keine ausserordentliche Artigkeit haben. Doch kan ich nicht unangemercket lassen , daß diese Vorstellung ungemein mehr Nachdruck hat, wie der Italienische Tasso sie ausgebildet hat: 8e 'I mii'i sulrnlnLr trr l'zrme svvolto, Klsrce i> äirelii, ^.mor , sc Ko^re il volto. Der Z4S . Von Königs Gedichte Der zehnte Abschnitt. Ob die Schrift August im Lager ein Gedicht sey. 1 tNterschcidung der Materie dieser Schrift, und der poetischen Kunst in derselben. Die Materie ist da wahrhaftig und historisch , und nicht von dem Poeten erschaffen. Die Würdigkeit derselben besteht mehr in dem Vorsatz und der Erfindung des Planes / als in der Ausführung. Es ist nur ein Lust - Spiel der Nachahmung , ohne Glücks-Wechsel, ohne hohe Regungen. Insbesondere hat die Materie des ersten Gesanges, die Einhohlung, weder Sitten noch Handlungen. Doch ist sie einer poetischen Abhandlung noch eben so fähig, als Pindars Olympische Spiele. Verwandtschaft beyder Materien. Mittel derer sich dek griechische Poet bedienet, seine Materie zu der Hoheit eines Gedichtes zu erheben. Wie der deutsche Poet hierauf bedacht gewesen, in der ausführlichen Derglcichung des ersten Anblickes des Lagers mit der Erblickung des Billwardcrs, und in der unsichtbaren Erscheinung der Eintracht. Kürtze ihrer Rolle, und Lange ihrer Beschreibung. Wie er seine Materie durch die Einstreuung von Charactcrn und Reden hatte beleben können. Wie er seine Personen nach ihren Titeln und Kleidern beschreibet. Seine grössere Ge- schicklichkeit in Characterisierung der Pferde. Seine historische Sorgfaltigkeit in Beschreibung der geringsten Umstände. Pflicht eines Poeten die prosaische Mattig- teic zu vermeiden , und das Gemüthe des Lesers aufgewecket zu behalten. Muthmaßung , daß der Mangel an Lesern von poetischem Geschmack den Verfasser hinter- Z49 auf das Lager. Hinterhalten habe, daß er nicht mehr Poesie in diese, Schrift hineingebracht hat- Herrschende Neigung der Deutschen zu Leibes-Uebungen und Pferden , welche macht, daß sein Werck auch in der Gestalt eines zierlich-geschriebenen Tage- Buches denselben wohlgefallt. Poetische Ausarbeitung des Einganges eines Gedichtes über diese Materie nach der poetischen Kunst. (?^Je Materie, die ich in dem nächstvor- ^ hergehenden Abschnitt abgehandelt habe , giebt mir Anlaß, eh ich weiter gehe, eine besondere Frage zu erörtern, die ein deutscher Kunstrichrer , der von der Verbindung der historischen Wahrheit mit dem poetischen Wunderbaren in einem Gedichte einiges Licht gehabt , nur neulich aufgeworfen hat. Diese trifft das berühmte so genannte Helden-Gedicht an , welches betitelt ist, August im Lager; von welchem bißdahin, so viel mir noch bekannt ist, mehr nicht als der erste Gesang, die Einhohlung benannt, zum Vorscheine gekommen ist. Der oben angeregte Kunstrichter stellete sich in seinem Gemüthe vor, daß das Wesen der Poesie in der Dichtung und einer ge> schickten Nachahmung der Natur bestehe; daß das Sylbenmaß und die Reimen nur zufällige Auszierungen seyn, die nicht mehr zu bedeuten haben, als eine zierliche Rahme, womit ein kunstreiches Gemählde ein- gefasser wird. Dahero konnte er sich nicht darein zso Von Königs Gedichte darein finden, wie ein Gebäude von Versen, das durchgehends auf die historische Wahrheit gegründet ist, und da die poetischen Erfindungen nur zufällige Schönheiten sind, ein,Gedicht heissen könne. Er legete mir de- rowegen die Frage vor, mit^waö vor Recht dergleichen Gesänge ein Gedicht können ge- nennet werden. Wenn wir diese Frage gründlich beantworten wollen, müssen wir einestheils die Materie dieses so geheissenen Gedichtes, und anderntheils die poetische Kunst, die der Verfasser in der Ausarbeitung des ersten Gesanges erwiesen hat , absonderlich betrachten. Die Materie dieser Gesänge trägt der Urheber in diesen Zeilen vor: Der Sachsen Musterung, Volck, Lager Waffen, Helden, Und Krieges-Übungen will ich der Nachwelt melden, Was auf der Ebene bey Radewitz geschehn / Das soll man künftig noch in diesen Blättern sehn. Vor allen Dingen ist hier ünzumercken, daß diese Materie, von der der Poet singen will, eine wahrhafte und neue Beschicht ist, die gar unlängst, nemlich vor wenig Monaten vorgegangen ; und daß er sich mit Fleisse vorgesetzet hat, der Zeitordnung und Wahrheit der Geschichte überall zu folgen, und in Anwendung poetischer Auszierungen so bescheiden und behutsam zu gehen, daß die Wahrheit davon weder verdunckelt werden. auf das Lager. zfi den, noch sonst den geringsten Abbruch leiden mögte. Diesen gefaffcten Vorsatz erkläret er euch nicht alleine in dem Vor- berichte, sondern auch in der Anrufung der Muse: Auf! Dicht - Kunst, stch'mir bey! Verkehr die sanfte Flöte In eine murhige lamschallende Trompete, Damit mein kühner Reim erhaben , edel, frey, So grosser Dinge mehrt, des lescns würdig sey.. Erinnre mich genau , was täglich vorgegangen, Wie schön man aufgehört, wie schon man angefangen , Wie zahlreich Hof und Heer, wie vielfachPracht und Lust, Kurtz , wie im Lager war mein göttlicher August. Auf diese Erklärung hat man nichts anders zu erwarten , als ein ordentliches Tage- Buch in Reimen, das mit natürlichen Beschreibungen , mit Lust-und Pracht-reichen Dingen angefüllet ist; ein Werck, welches zu seiner Ausführung eben keine ausseror- dentliche Begeisterung, noch weniger eine Anstrengung der Dichtungs-Kraft, sondern alleine eine gute Einbildung, und Gedächtniß erfodert, damit die Sachen so vorgestellet werden, wie sie sich würcklich zugetragen haben; da hingegen die Dichtung ihre Materie selbst erschaffet, und nur auf das Wahrscheinliche siehet. Mit dem allem kan zuweilen eine wahrhafte Begebenheit von dem gewöhnlichen Laufe der Dinge und den Grund - Regeln des Wahrscheinlichen zs2 Von KönigS Gedichte so weit abgehen, daß sie in der That viel wunderbarer und reizender ist, als eine bloß mögliche und erdichtete Begebenheit. Es scheinet auch aus dem Vorbericht unsers «Verfassers, daß er keine schlechtere Meinung von der Würdigkeit seiner Materie gefasser hatte, indem er sich vernehmen laßt : .. Es gehe ihm dabey nichts ab, „ daß er eine, und zwar neue, Geschichte „ aufführe, weil zu besorgen sey, es wer- „ de die Beschreibung, welche er mitthei- „ let, weil sie so viel unerhörte Seltsam- „ ketten m sich beschlicsse, dereinst unsern „ Nachkommen, so wahrhaft a's sie auch „ ist, gleichwohl fabelhaft genug scheinen.,. Womit er deutlich genug zu verstehen giebt, daß diese Materie bey ihrer Neuigkeit und Wahrheit so viel wunderbares in sich be- greiffe, daß sie wenigst mit dem Laufe der Zeit das Ansehen der Wahrheit verliehren, und vor eine blosse poetische Erdichtung gehalten werden dörfte. Meine es fraget sich jezo nicht , was diese Lust-Geschichte in spätern Zeiten' vor Glauben finden werde ; sondern ob eine bloß historische Erzeh- lung und Beschreibung derselbigen die Benennung eines Gedicktes verdiene; welches ja damit noch nicht bewiesen ist, wenn ich einräume, daß sie viel unerhörte vLeltsam- keiten in sich beschließe ; denn auf diesen Grund müßte man alle historischen Tage- Bücher auf das Lager. zsz Bücher, in welchen seltsame und unerhörte Begebenheiten ausführlich erzehlet werden, vor so viele Gedichte erklären, weil sie eben so wohl das Schicksal bekommen können, daß ihre Wahrscheinlichkeit sich dermahleinst verleurt. Wenn ich mithin die Lust-Geschichte, welche der Poet zur Materie seiner Gesänge ausgeiesen hat, in Absicht auf ihre seit-' samkeit und Würdigkeit absonderlich betrachte , so habe ich dabey zwey Dinge zu erinnern. Eines ist, daß ich das Seltsame und Hohe, welches diese gantze Geschichte wunderbar machet, nicht so sehr in der Ausführung , als in dem Vorhaben, der Erfindung und Einrichtung des Planes, nach welchem alles sollte ausgeführet werden, setze und bewundere. Die Ausführung bestehet aus blossen mechanischen zu einer gewissen Fertigkeit gebrachten Uebungen und Bewegungen , und hat nichts grosses in sich, als die kostbare und recht königliche Pracht; aber der Vorsatz zeiget euch einen grossen Heldenmuth, der seine Lust und Kurtzweil an kriegerischen Handlungen sucht, und weil er ungerne die Gelegenheit misset, seine Dapferkeit anzuwenden, die Gedancken mitten in dem Frieden und dem Genuß der anzüglichsten Lustbarkeiten auf kriegerische Verrichtungen richtet, und die Gefahr mit schwerem Golde kauft, damit er seine Z Begier- Z54 Von Königs Gedichte Begierde zu gewaltigen Thaten einigermassen damit stillen könne; und die Erfindung und Einrichtung des Planes geben euch einen so klugen als grossen Geist und einen vortrefflichen Geschmack zu erkennen. Ich sehe das Lager bey Zeithayn vor einen kriegerischen Schauplatz an, wo die auftretenden Personen kein grösseres Lob erwerben können, als dieActores oderSpielenden in einer Comüdie, die ihre Rolle mit guter Geschick- lichkeit aufsagen. Und nach diesem Licht ist nicht der Hr. Hofrath König der Poet, sondern der grosse Friederich August, der die Einrichtung des Plans ohne jemandes Beyhülfe in seinem hohen Geist abgefasset, und seinen vornehmen Staats - und Krieges-Bedienten zur Vollziehung übergeben, denn eben diese exfoderte eine lebhafte von Wissenschaft und reiffem Urtheil geleitete Dichtungs-Kraft; da hingegen die ausführliche Erzehlung und Beschreibung derer Dinge , die vorgegangen sind, nichts mehrers erfodern, als scharfe Augen, ein behaltsa- mes Gedächtniß und eine gute Kundschaft in der Sprache, welches dem Verdienst eines Dichters oder Poeten noch bey weitem nicht beykömmt. Das andere, das ick in Ansehung der Würdigkeit dieser Materie zu bemercken habe, besteht darinnen, daß alle diese gepriesenen unerhörten Seltsamkeiten nur ein blosses Lust - Spiel der Nach- auf das Lager. zsf Nachahmung sind, wo die gröste Geschick- lichkeit derer Personen, die zum Vorscheine kommen, nur in einer abgerichteten Fertigkeit des Cörpers bestehet; wo dieselben allezeit ausser Gefahr in der vollkommensten Sicherheit sind, und darum auch keine nahmhafte Veränderungen oder Glückes-Wechsel , weder in das schlimmere, noch in das bessere erfolgen können ; wo die Vorstellungen das Hertz des Zusehers nicht ungestüm angerissen, noch dasselbe mit einem angenehmen Schrecken erfüllen, oder in eine süsse Unruh und Verwirrung stürzen können, sondern immer einerley Wür- kung haben, nemlich daß sie die Zusehenden in einer stummen und aufmerksamen Bewunderung aufhalten, welche alleine nach den Graden ihrer Grösse veränderlich ist, daher auch die Personen selbst, welche an dieser Lust - Geschichte Antheil haben , als die immer gantz ruhig sind, keiner hertzrüh- renden Reden fähig sind; wo endlich die Begebenheiten selbst in keiner nothwendigen Verknüpfung stehen, und weder in einander gegründet sind, noch aus einander hervorwachsen, sondern wenn eine vollendet ist, dann sogleich eine andere anfängt. In allen diesen Absichten steht diese Materie weit hinter einer ernsthaften Original-Geschichte zurücke, und sie ist, für sich selbst betrachtet, kaum zu etwas mehrerm tüchtig, Z r als zs6 Von Königs Gedichte als zu Beschreibungen von Zügen, Ordnungen , WendungenStellungen , Kleidungen/ Zelten/ Kutschen/ Pferden / Mahlzeiten und dergleichen Sachen. Wenn wir die Materie des ersten Gesanges / welches die besondere Benennung der Einhohlung bekommen hat / absonderlich betrachten / so wird uns die Wahrheit dessen / was ich biödahin von der Wurde der Materie überhaupt angemercket habe / noch klarer in die Augen leuchten. Diese Materie des ersten Gesanges hat gar nichts/ was das Gemüthe nur im geringsten unruhig machen konnte / da sind weder Sitten noch Handlungen / sondern eine beständige Zug - Ordnung der Pferde und Wagen; die beyden Könige mit ihrem hohen Begleite erscheinen selten / und ihre gantze Handlung bestehet in zwo oder drey Mahlzeiten / und in einem nach dem Ceremoniel eingerichteten Bewillkommungs Empfang. Aus welchem allem ich nicht ein mehrers stbliessen will / als daß ich nicht sehen kan< daß die Materie / vor sich alleine betrachtet / das "Vorhaben des Poeten zu der Würde eines Gedichtes habe erbeben können; angesehen einestheils die DichtungsKraft nicht das geringste dazu beyträgt / anderntheils dieselbe nicht vermögend ist / diejenige Würckung zu thun / durch welche die Poesie das Gemüthe des Lesers in eine ange» auf das Lager. zf7 angenehme Verwirrung der Neigungen hin/ reisset, und mit so empfindlicher Lust anfüllet. Alleine da eine vor sich selbst untüchtige Materie durch die poetische Kunst der Nachahmung ohne Abbruch der Wahrscheinlichkeit zu einer solchen Kraft und Würde erhoben werden kau, daß man ihrer ersten Ge- ringheit nur nicht mehr gewahr wird, so haben wir ferner zu untersuchen , ob der Verfasser in der Ausführung des ersten Gesanges vermittelst der poetischen Kunst dasjenige nachgebracht habe, was erfodert ward, damit sein Werck die Benennung eines Gedichtes Verdienste. Die Materie, die unser deutsche Poet sich vorgenommen hat auf eine poetische Weise auszuführen , ist noch eben fo fruchtbar und reich, als diejenige war, auf welche der unvergleichlichegriechische Poet gefallen ist, der die Olympischen und andere alte Krieges-Spiele besungen hat. Ich finde auch, daß dieMaterien dieser beydenPoe- ten einander ziemlich nahe verwandt, und meistentheils von einer Art sind. Zu Gunst des neuen Gedichtes kan man zwar anmerken , daß da gantz andere Krieges-Uebungen vorkommen, insonderheit daß da nicht nur einzele Personen mit einander kämpfen, sondern gantze Geschwader auf einander loß gehen ; aber man muß hingegen zum Vorzug der Materie des griechischen Poeten nicht vergessen, daß die Olympischen Spiele, wie Z z Pin- Zs8 Von Königs Gedichte Pindarus selbst in der zweyten Ode von denselben bezeuget , von Hercules angeordnet worden , und ein Stücke des Gottesdienstes ausmacheten , auch daß den Siegern in denselben gewisse Preise aufgesetzet worden, derer Horatius in der zweyten Ode des vierten B. erwähnet, ceMum poüor« ÜAM8 immer«, welche ihre Nahmen in gantz Griechenland berühmt machten , und sie eines ewigen An- gedenckens versicherten, also daß dadurch die Ruhm - Begierde bey den Kämpfenden auf die höchste Stufte geführet ward, und diese Uebungen ein ernstlicheres Aussehen bekamen. Indessen bleiben es allezeit Spiele, so wohl die Olympischen als die Zeithayni- schen, wiewohl es heldenmäffige Spiele sind, dadurch die Leibes - Kraft zu der schweren Krieges - Arbeit gehärtet ward , daher sie Pindarus , jmrefencer jai^sis äe balle eireoiillanee. Pindarus hätte eine so gute Gelegenheit gehabt als unser Verfasser, ausführliche Betreibungen mit Anführung aller Kleinigkeiten zu verfertigen, indessen hat er lieber in einer Sache nur die merckwürdigsien Umstände ausgelesen, welche der Neigung, die er erregen will, gemäß sind. Ein Dichter, sagt Hr. Doctor Haller in seiner Schutzschrift für einige von seinen eigenen Schriften, wehtet einen gewissen Gegenstand, nicht eine vollständige Abhandlung davon zu machen , sondern einige besondere Gcdancken darüber anzubringen, welche den Leser in eine gewisse Regung zu setzen, oder chm «ine auf das Lager. zyr eine wichtige Lehre beyzubringen fähig sind. Was sind sonst diese angezogenen Verse änderst als eine gereimete Prosa ohne poetischen Aierrath; wer dörfte nicht in der "gemeinen Rede sagen , wenn er die Verse auflistete und von dem Reimen befreyete: Er legete sich in seines Försters Hause zur Ruhe nieder , und schlief daselbst gantz erwünscht und frey von allen Sorgen. Er träumete alleine von Lust und von Hoffnung den Herrn der Preussen Morgens frühe zu empfangen. Die Poesie hätte sich wenigstens also hören lassen: Ihm nahm ein ssisser Schlaf die Augenlider ein; EiNLraum voll stolz.-rPracht flog spielend um seinHaupf. Vor einen Poeten gehöret o§ iona° wl-mn; er muß mehr als gemeine, wunderbare Dinge sagen; die stärksten, zärtlichsten, und keinesweges pöbelhafte Ausdrücke brauchen; fremde Phantasie-oder Verstau- des-Bildereyen erfinden; die Reden unter- fiechten und unterbrechen mit Ausrüsten - mit Anreden, kurhen Abweichungen, und andern astectmäffigen, herrlichen und an- muthigen Figuren; mit lebhaften Meta- phoren, mit unerwarteten Betrachtungen; er muß die lebhaftesten Abbildungen der Sitten, der Affecte, der Handlungen und der Urtheile der Menschen machen, jedvch Aar daß Z72 Von Königs Gedichte daß er die Augen beständig auf das Wahre und das Anständige richte. Die Poesie muß mit einem Worte den Zuhörer aufgeweckt, erfreut und entzücket behalten. Ohne diesen Preiß kan keiner ein vortrefflicher Poet seyn. Ich kan zwar mit dem jün- geru Plmius nicht sagen, daß diejenigen, bey welchen sich dieses nicht findet, darum fehlen, weil sie nicht zu fehlen wissen ; aber das ist gewiß, daß ihre überfh-ssrge Einge- zvgenheic sie schlecht macht, und daß sie eben darum fehlen, weil sie allzu übel fürchten, daß sie fehlen mvgten, indem sie in ein verdrüßliches und halb liederliches bxnenmn verfallen, l^iex HW, sagt Omntilianus, wow'.te, öc fiiclicil loco inlirmitax eil; öc ch„n üms putant vitio carere, in icl ipünn Weichlot vitioin, c)unä vjttotibux carein. Und WLNN Cicero in einem Schreiben an Brutus gesagt : bllo^oeiui-un, c^use «ämwltiooein nou bsbet , nullltm ,uclien , Wie Viel Mehr Müssen wir dieses von der Poesie sagen, deren Wesen darinnen bestehet, daß sie dieAugbrau- nen aufsirauffet, das Gemüthe einnimmt, hohe Sachen vorträgt, in Ersiaunung versetzet ? Wenn denn der Herr Ceremonien-Rath die Lust dieses angefangene Werck fortzusetzen nicht verlvhren hat, so kan ick mich nicht enthalten zu wünschen, daß er mehr von diesem poetischen Wesen in dasselbe hinein- auf das Lager. z?z hineinbringen mögte. Meine ich muß schier fürchten , daß er mir bierinnen nicht folgen werde, wiewohl es ihm hiezu keinesweges an Geschicknchkeit fehlet. Denn er weiß, wenn er seine Materie nach der wahren poetischen und Pindarischen Art ausarbeitete , daß das Gedichte dadurch zwar überaus reizende Eigenschaften bekommen würde , aber alsdann auch Leser vonnöthen hatte, welche selbst den poetischemGeschmack besässen/ welchen die Kraft und das Wesen der Poesie, ihre schönen Gaben, ihre eigene Sprache, nicht verborgen waren. Nun ,'st ihm nicht unbekannt, was vor ein Mangel sich dießfalls bey dem gemeinen Haufen der deutschen Leser findet, da in Ansehen der meisten die wahren Erfindungen der Poesie stumpfe Pfeile sind , die weder auf ihren Geist noch auf ihr Hertz durch- dringen mögen. Daneben schwebet ihm auch vor Augen, wie die deutsche Nation eine herrschende Neigung zu Waffen, Pferden, Leibes-Uebungen, Musterungen, hat, so daß darinnen ein wichtiges Stücke des National - Charakters zu beruhen scheinet. In der That, gleichwie die Deutschen ins- gemeine von der Natur grosse, ansehnliche und starcke Gliedmaffen bekommen, also sind sie auch vornehmlich beflissen , dieselben zu fertigen Uebungen zu gewöhnen, und machen sich eine Ehre daraus aufPrunck- A a z Plä- Z74 Von Königs Gedichte Plätzenzu erscheinen. Daher kan eine Materie, wie Herrn Königs ist , auch in der Prosa leibst, und ohne Sylbenmasse und Reimen, ihren Beyfall erhallen; wie viel mehr denn, wenn sie noch mit diesen Zier- rathen der Poesie versehen ist. Diesemnach kan er seinen Endzweck auch erreichen, wenn er seinem Wercke gleich nur die Gestalt eines zierlich - geschriebenen Tage - Buches mit einigen poetischen Verzierungen ausgeschmücket anzieht, ungeachtet es nach sei, nem innerlichen Wesen des nöthigen Feuers, der Erdichtung, der Neigungen und Empfindungen, beraubet ist. Und ich zweifele nicht, daß es auch auf diese Weise seine Bewunderer bekommen werde, welche es zu einem Gedichte werden erheben wollen, das nicht unmöglich ist, wenn sie das Wort Gedlchr in einem gantz weitlauftigen Sinne nehmen, also daß dieser Titel auch sorgfältigen, historischen Abhandlungen, die in Reimen eingekleidet sind, zukömmt. In dieser Absicht werden dann die fieissigen Beschreibungen der kleinesten Umstände, welche unser Verfasser vorgestellet, und fein Merck meisientheils aus solchen zusammengesetzet hat, nothwendige Stücke seyn. Was mich anbelanget, nachdem ich in dieser kritischen Untersuchung gantz andere Meinungen an den Tag geleger habe, will ick meine Kühnheit noch weiter treiben, und zu meiner Lehre auf das Lager. Z7f Lehre jezo noch das Exempel hinzufügen. Nach meinen Begriffen könnte der Eingang eines Gedichtes über diese unfruchtbare Materie ungefehr also lauten: Ich singe einen Krieg, den mir znr Lust und Pracht Die Sachs.» unter sich im Frieden nachgemacht, Als Freunde wider Freund' auf MartiS Felde ritten, Und Adler eineS Herrn an beyden Seiten stritten: Doch daß vor dieser Schlacht der Mutter noch der Braut Im Sturme deS GesechtS, noch der Gemahlin graut: Weil diese Laeer nicht auf Blutvergießen zielen, Und in dem Busen Lust statt Mord - Begierde fühlen. Noch warS kein schlechtes Spiel, noch eine blöde Lust; Sie war recht königlich , sie war recht für August; Der stetS ein Held verbleibt, auch im gemeinen Leben, Und in der Kurtzweil selbst sich weiß empor zu heben; Da ein gemeiner Held allein durch Schlag' und Blut Erweißr die edle Schlacht, den angestammten Muth. Mit so gescztem Sinn, so in sich selbst gerichtet, Als die'cn Kunst-Krieg jüngst sein grosser Geist erdichtet, Sieht man ihn andremahl in einem ernsten Streit, Windt Unrecht mit Gewalt daS Schwerdt ihm auS der Scheid, Mit ««verwirrtem Sinn den Lauf der Schlacht erwezen, Und jcdcS HeereS Stand und Vortheil überlegen. Brüllt gleich Bellona laut auf dem geharnschten Feld, Und schlaget Helm auf Helm; bestzt sich doch der Held. So wenn ein Cherubim die böse Welt zu straffen, AuS GotteS Zeu bauS selbst versehn mit feurgen Waffen Ein schwaches Wolcken-Hcer unWest zusnnmcnzieht, Bcb.ilr derselbe stetS die Ruh in dem Gemüth, Und bleibt sich selber gleich , weil er iin Würdet reitet, Und im > essmmten Kreiß daS Ungew'tker leitet: AuS göttlichem G-wichc weht auS ZerstörunaS - Lust, Denn Rachgicr, Zorn u. Wuth. bleu t Cnrplrr unbewußt. Aa 4 D« z 76 Von Königs Ged. aufdas Lager. Du kärgliches Haupt von Brandenburg «.Preussen; Anjezt ein neuer Gast in dem erfreuten Meisten; Wie du Augustus Plan von diesem falschen Streit Durch alle Scenen fort begierig und erfreut M,t deinem Blick gefolgt; der beste Zeug' und Kenner Der Waffen - Wissenschaft, so wohl alsgrösic Gönner, So folge gleichfalls jczt mit einem günst'gen Blick Der Kunst des Dichters nach, weil sie von Stück;« Stück Augustus Krieges-Kunst in tausend Streitens-Bildcrn, Von nnterschiedner Art, bemüht ist abzuschildern. Vielleicht gelingt es mir, daß meiner Muse Kraft Ein neues Radcwitz in ihrem Vers erschuft, UndSachsens Musterung, Dolck, Lager, Waffen, Thaten, Mit gleicher Fertigkeit allhier, wie dort, gerathen. Z77 Der cilfte Abschnitt. Von etlichen absonderlichen Mitteln die schlechte Materie aufzustützen. (VlIn solches Mittel ist, wenn die Dinge nach der- ^ jenigen Seite abgemahlet werden , die zu unsern Absichten am beförderlichsten ist. Wie Alb. tzaller die verachteten Alpen - Bewohner mittelst dieses Kunstgriffes als glückselig vorgestellet. W.e Opitz dadurch die Einfalt der alten Zeiten in Absicht auf die Bau- Kunst erhoben. Wie tzaller die Ehre ihres Glanzes beraubet und verächtlich gewachst hat. Wie er einen Landbezwinger in einen Strassenraubcr erniedrigt. Wie die göttlichen Schriften dem Poeten in dieser Arbeit zu statten kommen , indem sie viele verkehrte Begriffe von dem Werth der Dinge zurecht setzen. Ein anderes Mittel ist , wenn der Poet in den Gegenständen verborgene Umstände entdecket. Wie Brockes den Umstand von dem Schweigen der Sonne angemcrckct hat. Von Opitzcn angcmerckte Umstände von der Mäuse Spiclsmit Degen , und der Spinnen weben in einem tzelme. Ein solches Mittel ist auch der rechte Gebrauch der Umschreibungen. Zweck derselben. Schranken , dadurch sie in ihrem Gebrauche cingefassek werden. Untersuchung der Stelle Platons von den güldenen und silbernen Reichthümern, welche von Long.n unter dem Nahmen einer Umschreibung getadelt wo.« den. Opitzens geschickte Umschreibungen, womit er das Gold jczo verächtlich machet, dann lobet; aus tzoratz nachgeahmet. Eine Umschreibung Opitzens, in welcher er eine Sache durch Wegräunmng dessen, was ihr nicht zukömmt, kenubar macht. Nutzen der Umschreibung schamvolle und eckelhafre Dinge vorzustellen. Ueberspamms Lob , das Longin einer Umschreibung Aa 5 des z?8 Von absonderlichen Mitteln dcs tzcrodotus von dieser Art beygeleget. Kunstgriff und Gebraucl^dcr Erweiterung. Rechtfertigung der Erweiterung Homers , da er die Besitzer des Zepters Agamcmnons der Reihe nach er;chlet. Kunstgriff der Vermehrung, die mittelst eines wahrscheinlichen Grundes gemaehct wird. Wie König dadurch den Stoltz der Pferde glaubwürdig machet. Wie er das Eilen cmcs Alten mit einem unerwarteten Grunde vermehret. Wie Opitz die Vorstellung einer feindlichen Macht, die ihr selbst ;um Nachtheil sich vcrstarckct hat , durch einen poetischen Grund unterstützet. Untersuchung dcs Grundes , womit König den frühzeitigen Tod seines Königs beglaubcn will. Original desselben in einer Grabschrift dcs Martialis. Don der Neuheit der Ge- dancken in Ansehung ihres Gebrauches. Kunstgriff, da man mehr zu gcdcnckcn giebt, als man sagt. Wir Nirgil sich dessen bedienet hat, uns die Grösse Poly- phcms, die Schlciffnng der Stadt Troja , der Dido Unternehmen ein neues Königreich ;u suchen, zu ermessen zu geben. ^-E;o Kaste ich zwar die vornehmste» Ge- ^ Heimnisse der poetischen Mahler-Kunst, wie man auch gemeinen Wahrheiten und Gedanckcn ein wunderstar-entzückendeö Ansehen mittheilen könne, mit aller Sorgfalt entdecket; indessen sind mir noch etliche besondere Anmerckungen stinterstellig geblieben , welche dienen sollen, die poetische Kunst der Nachahmung in ihrer Arbeit und in der Anordnung ihres Plans, ohne Absicht auf den inwendigen Werth der Materie, bey der Hand zu leiten; und dieselben die Materie aufzustützen. den will ick>, bevorich weiter gebe, in diesem gegenwärtigen Abschnitt in einer ungezwungenen Ordnung, als eine Zugabe zu den erstern hinzufügen. Was ich zum ersten zu erinnern habe, gründet sich auf den moralischen Grundsatz, dass ein jedes Ding zwo Seiten habe, eine schöne und eine häßliche. Nun bestehet die Kunst des Poeten darinnen, daß er eine jede Sache, die er in ihrem Vortheil zeigen soll, nach derjenigen Seite vorstelle, die vor seine Absichten am beförderlichsten ist, und daß er hingegen die andere Seite, die gantz widrige Eindrücke machen könnte, vor den 'Augen des Lesers künstlich verberge. Unter den erschaffenen und vollkommenen Dingen ist keines von allem Zusatz des Widrigen befreyt, und gantz unver- mischet: Und wie diejenige Vollkommenheit , deren sie fähig sind, immer eine Beziehung auf gewisse Umstände hat, also muß ihre Uuvolikommcnheit bey veränderten Absichten nothwendig jedermann in die Augen leuchten. Da nun eine Sache nach ihrer schönen Seite zeigen, nichts anders ist, als sie loben; hingegen eben dieselbe nach ihrer hässlichen Eeite vorweisen, das ist, was wir radeln heissen; so ist wieder offenbar , daß dieser Vortheil der Kunst sehr nothwendig und nützlich sey, wenn man etwas durch Lob oder Tadel in seinem rechten z8o Von absonderlichen Mitteln ten Licht ohne Schmeichelei) oder Boßbeik vorstellen soll. Die Geschichte derer drey berühmten alten Mahler ist bekannt, welchen der einaugigte König Antigonus aufgetragen hatte, sein Conterfey zu verfertigen. Der erste mablete ihn, wie er war, nur mir einem Auge, der andere, wie er hätte seyn können , mit beyden Augen , wo- rinnen jener wider den Wohlstand, und dieser wider die Wahrheit gefehlet; aber der dritte, nemlich Apelles, wußte durch diesen Vortheil der Kunst, von welchem wir reden / sein Gemählde ohne Verletzung weder des Wohlstandes, noch der Wahrheit so geschickt vorzustellen, daß jedermann dasselbe bewundern mußte; er mablete den König im Prosit, da er diejenige Seite vorstellete, die mit dem gesunden Auge ge- zieret war. Diese Geschichte kan dem Poeten vor eine lehrreiche Fabel dienen, ihn zu unterrichten, wie er die Sachen mit Bestand der Wahrheit in einem solch angenehmen Vortheil vorstellen könne, daß man des Widrigen, und der Mangel, die ihnen anhangen, nicht so leichte gewahr werden kan. So wenn der scharfsinnige Schweizerische Poet Hr. D. Albr. Haller sich vorgenommen , das bekannte kelic-ei y.inperei, 11 b-!Ni, norint, mit dem Beyspiel der schweitzeriscben Alpen - Bewohner auf eine poetische Weise auszuführen, so ist dieses Vor- die Materie aufzustützen, z 81 Vorhaben zwar schon an sich selbst der gemeinen Meinung entgegen und verwunder- sam, doch kan die Ausführung dieses Sa- zes zu einem überzeugenden Beyspiele dienen / wie bequem dieser Kunstgriff sey, einem gewissen in den Augen der Weit ganz verachteten Gegenstand ein edles Ansehen mitzutheilen, allermassen das ganße Gedichte von den Alpen mit so vieler Kunst und Geschicklichkeit verfertiget ist, daß man sich bey der Durcblesung nicht erwehren kan, denen sonst verachteten Einwohnern derselben einen ungemeinen Vorzug an Glückseligkeit einzuräumen, und Ursachen genug findet, ihr Glück zu beneiden. Ich will nicht mehr als die vierzehnte Strophe anführen: Die Sehnsucht wird hier nicht mit eitler Pracht belästigt, Er liebet sie, sie ihn, dieß macht den Heyraih-Schluß. Die Eh' wird oft durch nichts als beyder Treu befestigt, Der Schwüre dient ein Ja, das Siegel ist ein Kuß. Die holde Nachtigall grüßt sie auf nahen Zweigen, Die Wollust deckt ihr Bett auf sauft - gefchwollucs Moos, Aum Vorhang dient ein Baum, die Einsamkeit zum Zeugen, Die Liebe fuhrt die Braut in ihres Hirten Schoos. O dreymahl selige' Euch muß ein Fürst beneiden, Denn Liebe balfamt Gras, und Eckel herrscht auf Seiden. Wie geschickt weiß der Poet nicht alles was die ungedulkige Sehnsucht von dem Genuß ihres geliebten Gegenstandes entfernet z8r Von absonderlichen Mitteln net, aus dem Wege zu räumen, und den Genuß selbst von allem eiffersüchrigen Mißtrauen zu reinigen? Und wie neu und unerwartet sind nicht die angefahrten Umstände, welche lehren , dass der Liebe bey aller dieser Einfalt der Sitten an lustreicher Pracht im geringsten nichts abgehe. Schier von derselben Art sind die beyden ruhigen Gedichte unsers Opitzen, Viclqut und Zlatna benannt, in welchen durebgebends eben dieselbe Kunst herrschet; icb will aus dem leztern nur eine kleine Stelle zum Bcweissrhum anführen, in welcher dieser Vater der deutschen Poesie die glückselige Einfalt der ersten Welt in Absicht auf die Bau - Kunst erheben und der Pracht der heutigen Zeiten vorziehen wollen. Da weiss er die Sache so geschickt zu kehren, dass man die Armuth und den Mangel der alten Zeiten nicht wahrnimmt. Er sagt: Wie noch dir alte Welt mit Keylen Holtz gespalten, Und nur ein dürres Scheit zum Feuer fürbehalten, Lon Balken nicht gewußt, da keine Sege war, Da lebten sie mit Ruh und ausser der Gefahr. Es stuhnden ohngesthr vier Gabeln ausgerichtet, Darüber her ward Stroh, das nunmehr wird vernichtet, AufAesten umgcstreuc, darunter lag ein Mann, Die Freyheit neben ihm, so jezt ist abgethan. Und wenn der oben gelobte Schweitzerische Poet die Nichtigkeit der von jedermann so hochgeschäzten Ehre in dem Gedichte anHrn. D. Gil- Die Materie aufzustützen, z 8 z D. Giller entdecken will, sv zeiget er sie euch nach derjenigen Seile, nach welcher sie von allem täuschenden Scheine gantz entblößet, euch gantz verächtlich vorkommen wird. Eine Probe davon kau die zwölfte Strophe seyn: Doch ach was haben sie verlobren ! Das beben in der Menschen Ohren Geht na h dem Tod uns wenig an; Achilles, dessen kübne Tugend Noch beul ein D y.piel ist der Jugend, Ist ja so todt als jedermann. Und wenn er euch in der zwey und dreyssig- sien Strophe einen grossen Kriegs - Helden nach der schlimmen Seite vorstellet, so wird dieser euch eben so häßlich vorkommen, als ein öffentlicher Strassen-Räuber: Bekennt ibr grösten von den Helden, Was kan die Nachwelt von euch melden, Als die beglücke Raserey? Nehmt weg , daß ihr die Welt verheeret, Geraubt, gemordt, gebrennt, zerstöret, Was bleibt, das Wissens-würdig sey ? Eben dieses hat der Herr Brockes in dem ersten Th. des Jrd. Bergn. in acht und dreyssig Strophen, denen er die Benennung Helden-Gedicht gegeben, weitläuftiger ausgeführet. Diesen Beyspielen muß ich noch beyfügen, daß die wahre Glaubens-Lehre, wie z 84 Von absonderlichen Mitteln wie sie in den heiligen Schriften gegründet ist, sich auch dadurch anpreiset, daß sie viele verkehrte Begriffe der Menschen von dem wahren Wehrte der Dinge zu rechte bringet, und, indem sie die Wege Gottes mit den Menschen rechtfertiget, uns viele Dinge, die sonst der Natur erschrecklich vorkommen, nach einem solchen Licht vorstellet, daß die Beschallung derselben uns mit einem angenehmen Ergehen erfüllen kan. So beschreibet sie uns das Leiden der Gläubigen als eine väterliche zur Verbesserung und Aufwerfung zielende Prüffung und Züchtigung, und als eine zwar bittere, aber heilende Arzney: Und wenn sie uns den Tod der Frommen vorstellet, als einen süssen Schlaf, ja als einen Ueberschritt und Durchgang zu einem unvergleichlich seligern Leben, so heißt dieses nichts anders , als das erschrecklichste unter allen erschrecklichen Dingen nach einer schönenSei- te vorlegen. Und dieses führet mich auf eine andere Anmerckung, welche darinnen bestehet, daß die Kunst der Nachahmung ihre Vorstellungen auch dadurch gantz angenehm, beliebt, und verwundersam machen kan, wenn der Poet in den Gegenständen durch feine Scharf- sinnigkeit gantz neue, verborgene, und unerwartete Umstände entdecket, und dieselben deutlich vor Äugen leget. Die Unachtsamkeit der Menschen ist insgemeine so groß, daß die Materie aufzustützen, z 8 f auch die bekanntesten und Me Tage vorschwebende Dinge den meisten in Ansehung ihrer wahren Natur und Beschaffenheit ihres innerlichen Wehrtes und rechten Gebrauches unbekannt bleiben, weil diese nur den äußerlichen Schein begaffen, und durch die stete Wiedechohlung eines immer gleichen Eindruckes betäubet in eine dumme Achtlosigkeit verfallen. Daher ist sich nicht zu verwundern , daß scharfsinnige Köpfe auch in solchen gemeinen und bekannten Dingen allemahl neue , unerwartete und verborgene Umstände entdecken können, weil sie die Sachen mit aufmeccksamen und durch den Verstand geschärften Augen besichtigen. Die Vorstellung solcher Umstände muß auch nothwendig um so viel angenehmer seyn , je gewöhnlicher und gemeiner der Gegenstand an sich selbst ist, zumahl da wir nicht ohne Verwunderung vernehmen können, daß solche Dinge, mit denen wir täglich umgehen, uns zuvor noch verborgen und unbekannt gewesen waren. Was ist zum Exempel bekannter als die Sonne? Alle Tage sehen wir sie über unsrem Haupte aufgeben , wir empfinden und genießen ihre gesegneten Einflüsse und Wirkungen immerhin, aber in Ansehung des grö- sten Haufens ohne Ueberlegung; man kan darüber das lehrreiche Gesichte in dem erste» Theil des Jrd. Vergn. m G. nachlesen, und man wird da so viele neue sonderbare Um- B d stände, z 8 6 Von absonderlichen Mitteln stände, an welcl« wohl der tausendste nickt gedackt hat, nicht ohne Verwunderung wahrnehmen. Ich will nur die achte Strophe zum Beweißlhum anziehen: Wenn du dich drauf selber zeigest, Und den diamant'nen Thron Der durchslchr'gen Lust besteigest, Bist du selbst dein' eigne Krön, Wovor Aug und Hertz sich beugen; Ja dein majestätisch Schweigen Präg't uns, bcv so heiterm Schein, Anmuth , Lust und Ehrfurcht ein. Das majestätische Schweigen der Sonne ist ein neuer und den meisten Leuten verborgener Umstand von der Art, von welcher ick rede , und der Eindruck, den derselbe auf das Gemüthe machen kan , ist nicht vor einen jeden vernehmlich. Homerus weiß durch dieses Mittel, da er die Sacken nickt alleine von ihrer äufferlicken Figur und Beschaffenheit, sondern von ihrer Absiebt und Würckung betrachtet, solche über die Massen zu erhöhen, und recht beweglich vorzustellen, als, wenn er in dem vierten B. der Ilias v. 117. einen AeslüFelcen s)seil 0eine O.uelle der hässlicksten Schmerrzen nennet, wodurch er dieses Gewehr in Wahrheit reckt fürchterlich machet. Ein Exempel von einer angenehmern Vorstellung kan uns Opitz lehnen, wenn er in dem ersten B. der poet. W. die Materie aufzustützen, z 87 in dem Gedickte an den Freyherrn von Burg- hausen die Glückseligkeit der vorigen Zeilen mir der damahls vor Augen liegenden Unruh und Verheerung in Vergleickung stellet, und unter andern Vortheilen, so ein vor, mahls lebender genossen, anmercket: Kein Krieg war ihm bekannt, Sein Spieß und Degen hieng verrostet an der Wand, Und war der Mäuse Spiel. Dieses ist zwar ein kleiner aber gantz neuer, und unerwarteter Umstand, der die tiese und sichere Ruhe der vorigen Zeiten auf eine reckt sichtbare Weise schildert; und die Erwähnung, daß die blutigen Mord-Waffen, die so viel Verderben unter den Menschen anrichten , auch den verzagtesten Thieren zur Kurtzweile dieneren , ist ein recht angenehmwunderbares Paradoxum. Von derselben Art ist , was in dem Gedickte an den Stifter des Ordens der Vertraulichkeit sieht, wenn der Poet sich im Geiste die sehnlich gewünschten Vortheile des Friedens vorstellet: Wir möchten kurtz hernach Schild, Harnisch , Spieß und Wehren Mit Freuden in den Pflug, der besser ist, verlebten: Wir würden bald die Spinn (Ey der gewünschten Lust!) Ihr Netze weben sehn um einen Helm voll Rost. Der dritte Vortheil, dessen sich die Kunst d§r Nachahmung in der Ausbildung ihrer Bb 2 Vor, z 8 8 Von absonderlichen Mitteln Vorstellungen mit Nutzen bedienen kan, bestehet in dem reckten Gebrauche der Umschrei, bung. Der griechische Kunstlehrer Lvnginus hat in der acht und zwanzigsten Abtheilung von dem Erhabenen die Umschreibung als einen sonderbaren Zierrath der Rede angepriesen , als womit das Erhabene durch den Wohlklang , den sie vollkommener machete, unterstützet würde. Alleine ich finde , daß sie dem Poeten in Absicht auf den Verstand wichtigere Dienste leisten kan , als nur das Ergehen des Ohres zu befödern. Sie ist so viel als die Quintessenz einer vollständigen poetischen Beschreibung, denn sie ziehet durch eine geschickte Wahl nur das wichtigste und kennbarste Merckmahl aus einer Sacke heraus , weiches solche in einer gewissen Absicht und in einem Umstand entweder schätzbar oder verwerfflich machen kan. Wenn der Redner oder Poet eine Sacke nach seiner besondern Absicht nur von einer gewissen Eigenschaft charakterisieren will, und er in Furcht steht, der Leser mögte bey der blossen Benennung derSache auf diese absonderliche Eigenschaft nickt genugsam Acht geben, so kan er desselben Aufmercksamkeit mittelst der Umschreibung auf dieses besondere Stücke lencken, von welchem seine Vorstellung, wenn es recht betrachtet wird , die beste Starcke und den wichtigsten Nachdruck empfangen soll. Gleichwie der Weltweise die Materie aufzustützen, z 8- eine vollständige Erklärung ohne Gefahr mit der Benenung verwechseln, und sie statt derselben auf das Papier setzen kan, also kan der Poet eine Sache durch die Umschreibung viel kenntlicher und nachdrücklicher nach einem gewissen Gesichts-Punct vorstellen, als durch die blosse Benennung, die uns eine Sache nur überhaupt in das Gedächtniß bringt, und uns im übrigen in der Ungewißheit läßt, in welcher Absicht wir dieselbe vornehmlich betrachten sollen. Daher ist auch offenbar, daß die erste und vornehmste Eigenschaft einer guten Umschreibung die Klarheit sey, weil sie statt der eigentlichen aber ungewissen Benennung gebrauchet wird, eine Sache nach demjenigen Mcrckmahle vorzustellen, wodurch sie nach einer gewissen besondern Absicht am sichersten erkannt wird. Denn wo bey dem Gebrauche der Umschreibung diese Deutlichkeit, die aus einer Ueberein, siimmung des ausgesezten Merckmahles mit denen übrigen Umständen entspringet, aus der Acht gelassen wird, da muß die Vorstellung nothwendig in ein Räthsel verunarten, und die Umschreibung wird alsdann mehr dienen, eine Sache zu verdunckeln, als kenn- bar zu machen. Longinus hat in der neun und zwanzigsten Abtheilung wohl erinnert, daß dieser Kunstgriff, ob er gleich sehr brauchbar sey, vor kleine Geister, die gerne über die Schrancken ausschweifen, Z9O Von absonderlichen Mitteln sehr viel Gefährlichkeit mit sich führe, weil eine solche austretende Beschreibung gar zu leicht matt und kindisch wird. Indessen har er versäumet diese Schränken, welche uns vor dieser Gefahr des Mißbrauches und der Ausschweifung bewahren sollen, auszusehen, woran doch das meiste gelegen ist. Wenn wir inzwischen auf die oben angeführten Grundsätze Achtung geben, so wird solches eben nichrgarschwer seyn, und derZweck der Umschreibung wird uns schon sagen, wie wir vor ihren rechten Gebrauch die gehörigen Schmucken finden sollen. Sie muß uemlich alleine gebraucht werden, wo die Absicht des Poeren ersodert, daß die Aufmerck- samkeir des Lesers von einem weitläuftigen und ungewissen Begriffe, den die blosse Benennung einer Sacke erwecken würde, auf eine absonderliche Eigenschaft oder Würckung derselben hingelencket, und gleichsam darauf fest gemacht werde. Wo dieser Grund den Gebrauch einer Umschreibung nicht rechtfertiget, da ist sie müssig , und wird also nothwendig die Vorstellung matt machen , weil sie etwas unnöthiges in die Rede hineinwirfst, das den Verstand weder vollkommener noch gewisser machet. Lasset uns nach dieser Regel folgende Stelle Platons untersuchen, da er in dem fünften B. von den Gesetzen saget: „ Man muß nicht leiden, daß die güldene „ und silberne Kostbarkeiten in der Stadt die Materie aufzustützen. i „ Fuß fassen, oder ibre Wohnung darinnen „ aufschlagen.Longin berichtet uns, daß diese Stelle von einigen getadelt worden als eine ungeschickte Umschreibung. Sie sagten zu Behauptung ihres Urtheils, wenn Plato die Besitzung des Viehs harte verbieten wollen , so würde er gewiß auf dieselbe Weise die rinderne und schäferne Reichthümer gesagt haben. Ich will bald zeigen, daß dieser Grund ihres Tadels, der auf der blossen Analogie einer ähnlichen gantz ungewohnten Umschreibung beruhet, nichts werth ist. Sie hätten mit mehrerer« Scheine sagen können, daß diese Umschreibung, güldene und silberne Reichthümer, an statt Gold und Silber, (wenn das sonst eine Umschreibung heißen kan,) gantz überflüssig wäre, weil sie den weit- läuftigen Begriff, den die eigene Benennung , Gold und Silber in sich schleußt, nicht auf eine absonderliche Betrachtung ein- schranckete, auch die Absicht dieses philosophischen Gesetzgebers eine solche Einschränckung gar nicht erfodert hätte, indem er vielmehr alles Gold und Silber, vornehmlich auch güldene und silberne Gefasse, womit der Reichthum pranget, hätte verbieten wollen; daher er nicht ohne Ursache statt der Haupt- Nahmen nur die zufälligen gebraucht, damit zu verstehen zu geben, daß er sein Gesetze auch auf alles, was von Gold und Silber gear- beiretist, erstrrckete: Wiewir denn insbeson- Vb 4 dere Z92 Von absonderlichen Mitteln Lere anmerken können, daß diese Art der Zusammensetzung bey den Griechen nicht so vnaewobnt ist, wie in andern Sprachen. Dlt-n diese Tadler auch auf diese Weue menr bündig geurrheilet. Denn wir' nu.isen ferner betrachten, daß die wahre Absicht PlaronS kemesweges war, durch dieses Geietze allen Gebrauch des Goldes lind Silbers gantzlicb aufzubeben, sondern nur der Ueppigkeit und übermässigen Pracht zu steuren, wie das beygefügte Wort solches genugsam andeutet, und zeiget, dass er seine Satzung nur von dem über« massigen Ueberfluß wolle verstanden baden. Woraus denn ofenbar erhellet, daß Plato sieb gantz genau und deutlich ausgedrücket habe, wie einem Gesetzgeber gebührete, und daß dieses eigentlich keine Umschreibung sey , und derowegen auch nicht nach den Regeln einer solchen untersuchet werden müsse; wie die ungenannten Tadler beym Longin gethan haben, deren Critick diesem Kunstlehrer, wie es scheinet, nicht gantzlich mißfallen hat. Wenn aber dieselben ihr Urtheil mit der Analogie schützen wollen, indem sie durch eine höhnische Nachahmung hinzusetzen; „ Wenn Pluto also die Be- „ sitzung des Viehes hätte verbieten wollen, „ so würde er gewiß die rinderne und schä- „ ferne Reichthümer gesagt haben „ ; so geben sie damit mehr ihre Lust zu spotten, als eine crili- Die Materie aufzustützen, z9 z kritische Gerechtigkeit zu erkennen: Denn erstlich hat der Schluß von der Analogie keine Kraft zu beweisen, ausgenommen in vollkommen gleichen Fällen; hier aber wird in der kritischen Nachahmung der Fall gantz änderst gesetzet; Gold und Silber sind leblose Materie, die durch die Kunst in vielerlei) Formen verarbeitet werden kan, hingegen sind Schafe und Rinder lebendige Geschöpfe, absonderliche Arten von Substanzen , die keinem andern Dinge als desselben Arten können zugeschrieben, noch mit dem Begriffe einer Materie zusammenver- bunden werden, daher ihre Neben-Wörter niemahls zu andern als solchen Haupt- Nahmen gesetzet werden können, die eine gewisse Materie anzeigen, also daß die verschiedene Art der Materie dadurch angezeiget wird, als wenn ich sage, schäfern Fleisch. Hingegen bezeichnen die aus dem Nahmen Gold und Silber formierten Neben- Wörter allezeit diese Materien, und werden solchen Haupt-Nahmen beygeleget, die eine Form derselben bedeuten. Wenn wir nun nach den Gesetzen der Analogie schließen wollen, so müssen wir sagen, mMuiünim ch- vei'ia eü r-ttio. Es ist bekannt, daß man gar wohl sagen kan, silberne und güldene Götzen; aber wenn man darum von den Egyptern sagen wollte, sie hätten kälberne und rinderne Götzen verehret, so wäre die- Vb s ftS Z94 Von absonderlichen Mitteln ses eben so lächerlich als die scbafernen und silbernen Reichthümer. Zu diesem kömmt noch/ daß der Beweiß von der Analogie, wenn er nicht durch das Ansehen des Gebrauches unterstützet wird, von den Sprachlehrern in Fvrmierrng und Zusammense- zung der Wörter und Redens-Arten schon längst vor unzulänglich erkläret worden. Je- zo will ich diesen Gebrauch der Umschreibung noch mit einigen Exempeln aus unsern deutschen Poeten erklären. Opitz bedient sich dieses Kunstgriffes in seinem Vielgut v. 46. wo er die grosse Geld- Begierde der Menschen, die dem Reichthum als einem wahren Gut nachjagen, verächtlich anschreiben will; er sagt: Sie scharren aus der Erden Wodurch sie mehr und mehr dem Himmel fremde werden, Darein kein Gold nicht kömmt. Sie hohlen über Meer Aus einer andern Welt der Laster werckzcug her. Und etwas ferner v. 51. l Gründen O Mensch, du Glückes-Ball, was haust du aus den Und suchest in der Bach im Sande deine Sünden? Und in seinem Zlatna, wo er diese Gegend von dem Gold-trächtigen Erdreich rühmen will, sagt er unter anderm v. 196. Geringe Bauren wissen Mit die Materie aufzustützen, zsf Mit Waschen gut Bescheid, und lesen einen Sand, Der auch mit seiner Slarck erobert Leut' und Land. Der Poet nennet das Gold in den zwo ersten stellen der Laster Werckzeug , ja unsere Sünden; in der dritten Stelle aber bezeichnet er es, als einen Sand, der mit seiner Stärcke Land und Leute erobern kan. Diese beyden Umschreibungen charakterisieren das Gold durch einen absonderlichen Gebrauch, oder Mißbrauch, und dessen Wür- kung/ eine von denselben dienet, das Gold in Verachtung zu bringen, die andere eben dasselbe wegen seiner Nothwendigkeit zu loben; eine solche ungleiche Vorstellung erfo- derte die verschiedene Absicht des Poeten; und beyde sind vortrefflich bequem, solche zu befödern, den Gedancken zu erhöhen, und recht wunderbar zu machen. Auch sind beyde aus Horatzens Oden nachgeahmet worden, der in der vier und zwanzigsten Ode des dritten B. gesagt hat: Vel nos in msre proximum Lemmris, L lapiiles, surum L inutile, Lummi msteiiam ms!i, MttLiruis, scelerum 6 bene poenitet. Und in der sechzehnten Ode desselben B. ^urum per mcclios ire latellites, Lt perrumpere smat lsxs, potentiu; lÄu tiilmineo. Ofte zs6 Von absonderlichen Mitteln Ofte wird eine Sacke mittelst der Umschreibung nickt so wohl durch dasjenige charakterisiert, was ihr zukömmt, als vielmehr durch den Gegensatz und die Weg- räumung dessen, was ihr nicht zukömmt, kennbar und verwundersam gemacht. So sagt Opitz im Zlatna: Verleiht mir Gott das Leben, So bin auch ich geneigt, euch künftig das zu gedcn. Was Reichthum nicht vermag. Die Nahmen so anizr Auf blossen Steinen stehn , und sind fast abgenüzt Durch Rost der stillen Zeit, die will ich dahin schreiben, Da sie kein Schnee, kein Plitz,keinRegen wird vertreiben; Da euch der Gethen Schar, wie sie verweilen pflag, Mit ihrer Grimmigkeit zu schaden nicht vermag. Womit er ohne Zweifel auf folgende Stelle m der dreyssigstest Ode des dritten B. Ho- ratzens gesehen hat: LxcZi monimentum scre perennius, Nczsügue litu k> lgmic!um allius : (choci non lmber eclsx, non^uilo Notlrk cüruei-e, sut lnmimerabilis ^„noinim serlss, ftiZa temziorum. Was diejenige Art einer Umschreibung anbelanget, da eine bekannte Sacke durch eine verblümte Redens-Art, und gleichsam unrer einem allegorischen Bilde vorgestellet wird, so gedencke ich solcher an diesem Orte nicht, als die nicht hieher gehöret, weil sie allen die Materie aufzustützen. Z97 allen ihren Nachdruck von dem ähnlichen und richtigen Bilde und der Metapher empfängt. So wenn Plato beym Longin den Tod eine unumgängliche Reise, und die lezte Pflicht, die den Verstorbenen bey ihrer Bestattung abgestatter wird, eine öffentliche Begleitung des Vaterlandes nennet , fo ist dieses vielmebr eine allegorische Vorstellung, als eine Umschreibung. Endlich muß ich von dem Gebrauche der Umschreibung noch anmercken, daß sie ei- nen besondern Nutzen hat, indem sie auch solche Dinge, die in ihrer nacketen Vorstellung Schamrotste und Eckel verursachen müßten nach demjenigen Gesichtes-Punct und derjenigen Entfernung zeiget, in welcher alles häßliche und eckelhafte unsichtbar wird und sich verliehrt. Gleichwie die mahlerische Perspectivj-Kunst in der Anordnung eines Planes lehret, in was vor Grösse, Vorrheil,und Entfernung, die Bilder vorgestellet werden müssen, also hat auch die Poesie ihre Perspectiv - Kunst; und wie der Mahler in allen seinen Vorstellungen den Wohlstand beobachten, und alles Aergerniß sorgfältig vermelden muß, also ist einem Poeten eben so viel daran gelegen, daß er sich hüte, durch seine Vorstellungen die Zucht und Ehrbarkeit zu ver, letzen. Zu diesem Ende dienet ihm die Umschreibung, wenn er etwann auch von garstigen zs8 Von absonderlichen Mitteln siigen Dingen reden soll, dieselben in einer solchen Entfernung vorzustellen/ wo sie keinen widrigen Eindruck auf das Gemüthe des Lesers machen können. So fagt Opitz in seinem Zlatna v. 162. Nicht wie zwar jene thun, die etwas heute schreiben, Das morgen kommt dahin , wo es zu kommen wehrt, Da wo man auf die Wand den blossen Rücken kehrt. Und etwas ferner v. 349. Da sieht man eine Frau , die ihren Mann zu schonen, Dcrobnc dieß schwach ist, den Knechten pflegt zn lohnen, Und giebt umsonst hinweg das, was ihr dennoch bleibt. -Von derselben Art ist diejenige Stelle bey Herodotus / welche Longinus in der acht und zwanzigsten Abtheilung anführet / und gantz ungemein lobet / als ob sie schier ihres gleichen nicht harte. Dieses berühmten Geschichtschreibers Worte lauten im ersten V. Cap. ios. „ Denjenigen Scythen, „ welche den Tempel der Venus geplün- „ dert hatten / schickte diese Göttin „ vvua-ev, eine weibische oderweiblicheKranck- „ heit. „ Ich will mich hier nicht in den Streit mischen / welchen die zwey gelehrten Franzosen Girac und Costar über diese Weiber - Kranckheit angefangen / diese galanten Franzosen mögen die Heimlichkeiten der Weiber vor sich entdecken und benr- die Materie aufzustützen. z§9 theilen, nur hab ich dabey die Anmerekung zu machen, daß ich den Grund nicht sehen kan, wenn Herodotus durch diese weibliche Kranckheit nichts anders versteht, als einen weibischen Sinn und ein wollüstiges Leben, warum Longinus dieses Exempel einer Umschreibung als unnachahmbar lobet. Es gebühret sich zwar, wie Herr Heine- ken in seiner Anmerckung hinzusetzet, allen denjenigen ein billigmässiges Lob, welche züchtigen Ohren zu schonen, und aus Ehrbarkeit , eine Sache, die der Wohlstand verbeut bey dem rechten Nahmen zu nennen, mit andern Worten umschreiben; aber darum nicht ein solch ausnehmendes und auf das höchste gestellctes Lob, als Longinus diesem Exempel beyleget, wenn er bezeuget, daß es seines gleichen nicht habe. Wie nun die Umschreibung dienet, die Sachen nur in einem gewissen Gesichtes- Punct und in der Entfernung vorzustellen, so ist hingegen die Erweiterung ein Mittel, die Sachen gantz nahe zu dem Auge des Lesers herbeyzubringen, und ihn so lange bey der Betrachtung derselben aufzuhalten, bis er sie um und an nach ihrem Werth und ihrer Grösse beschauet hat; und diese Erweiterung weiset der Kunst der poetischen Nachahmung einen neuen Vortheil, durch welchen die Sachen gantz beweglich und nach ihrer wahren Grösse und Würde vorgestellet Von absonderlichen Mitteln gestellet werden können. Was in derWeiß- heits-Lehre die ausführliche und vollständige Erklärung ist, das ist die Erweiterung in der Beredtsamkeic. Wenn hie blosse Benennung einer Sache oder Handlung in ihrem Inbegriffe viele Absätze, verschiedene Eigenschaften und Umstände einschleußt, da je ein Stücke das andere unterstützet und erhebet ; und wenn denn die Absicht des Poeren erfodert, daß alle diese Absätze von dem Leser genau bemercket und erwogen werden, so muß er die^Lacbe nicht nur überhaupt vorstellen , sondern er muß den weitlauftigen Begriff in seine verschiedene Absätze zergliedern, und diese nach einander in ihrer natürlichen Verknüpfung zur Betrachtung vorlegen ; welches eben durch die Erweiterung geschieht. Diese ist nach Longins Erklärung, die wir am Ende der eilften Abtheilung von dem Erhabenen finden, „ eine vollständige „ Zusammenhausung aller bey einer Sache „ vorkommender Umstände und Eigenschaf- „ ten , wodurch eine Vorstellung erst ihre „ wahre Grösse und Stärcke empfängt. „ Diese Erweiterung dienet demnach eine Sache oder Handlung zu erklären und in ihr rechtes Licht zu setzen, damit dadurch entweder der Nachdruck der angeführten Gründe besödert, und die Ueberzeugung unterstützet, oder die Leidenschaften, als, die Bewunderung , der Zorn, das Schrecken, die Verachtung, die Materie aufzustützen. 421 achtung, das Mitleiden und andere, durch die geschickte Vergrößerung oder Verkleinerung angefeuret werden. Ein Poete und Redner, welcher weiß was er an jedem Orte vor Eindrücke zu Beföderung seiner Absichten erwecken soll, wird nun ohne mehrern Unterricht von sich selbst zu beurtheilen wissen , wo er diesen Kunstgriff mit Nutzen anwenden könne, und welche unter sounzehli» gen Arten der Erweiterung sich vor sein Vorhaben am besten schicke. Die geschickten Kunstlehrer der vorigen und der heutigen Zeiten haben auch dieses Kunst - Stücke in ihren Schriften so ausführlich abgehandelt, und mit Beyspielen aus alten und neuern Poeten so wohl erläutert, daß ich vor gantz überflüssig halte, mich länger darüber aufzuhalten ; man sehe nur unter andern Omnti- lianus im dritten Cap. des achten V. nach. Doch will ich diesen Anlaß ergreiffen, als im Vorbeygehen eine Art der Erweiterung, die Homer so viel als eigen zugehöret, die aber von verschiedenen Kunstrichtern, vornehmlich von La Motte in seiner Schrift von Ho- merus, vor ausschweifend und kindisch ausgegeben worden, zu rechtfertigen. Diese besteht darinnen , daß er öfters, wenn er den Werth einer Sache, z. Ex. eines Schildes oder Gewehres erhöhen will, ausführlich erzehlet, von was vor Helden dieselben vordem gebraucht, und wie sie von C c einem 422 Von absonderlichen Mitteln einem auf den andern gekommen seyn. Zu einem Beyspiel kan dienen/ was er von Aga- memnons Scepter in dem zweyten B. der Jlias v. iQO. rühmt: ,, Darauf stuhnd der „ König Agamemnvn auf/ mit dem Scep- ,, ter in der Hand; Vulcanus hatte dieses „ gearbeitet/ und dem König Jupiter Sa- „ turnus Sohne gegeben; Jupiter gab es „ dem himmlischen Bothen / der den Argus „ erschlagen / und Mercurius dem Pelops dem geschickten Führer der neu - erfunde- „ nen Wagen ; Pelops gab es dem Atreus ,, dem Beherrscher vieler Völcker; Atreus ,, hinterließ es/als er starb/ dem Thyestes, der eine so grosse Habe an Schäfereyen besaß; Thyestes gab es dem Agamemnvn „ zu führendamit er in vielen Inseln und „ in dem grossen und mächtigen Argos herr- „ schete.,, Dieses alles ist eine Erweiterung dessen/ was er v. 46. das väterliche Scepter, das beständig in dem Hause geblieben war, genennet hat. Der Poet bedient sich dieser Erweiterung an denen Orten / wo er die Rüstzeuge und Ehrenzeichen der alten Helden nach ihrem Alterthum und gleichsam an- geerbten Ruhm erheben will. Der Werth eines solchen Rüstzeuges ward um so viel höher geschähet, je mehrere dapfere Hände es nach einander geführet und sich damit einen unsterblichen Ruhm erworben hatten; es ward durch einen solchen genealogischen Er- die Materie aufzustützen. 42z weiß recht geadelt, und man hielt es vor ein besonderes Glücks-Zeichen, so man mit einem Gewehre von dieser Art stritt, welches bißdahin niemahls gesehlet, und den Best, zern so viel Ehre gebracht hatte, ja der Aberglaube selbiger Zeiten legete ihm gar etwas göttliches bey. Und daß auch in weit spätern Zeiten der Werth eines solchen Gerä- thes nicht so sehr nach der Kostbarkeit der Materie, oder nach der kunstreichen Arbeit, fondernvornehmlich nach dem Ruhme der vorigen Besitzer, von denen es in einer ordentlichen Folge an die Nachkindergekommen war, geschätzet worden sey , können wir aus einer Stelle beym Seneca, im ersten Cap. von der Ruhe des Gemüthes, abnehmen, wo es heißt: klacst nünilier wculmz öc rucils venmlu, «rALMuln Arave rulliLi patris, wie ullo opere öc nnmine Arrüiciz, öc ineiila non varietate >n-rcu- 1-irum conlpicuri , nec per inult-is eleL^ntium äominormn kiiccellionc!? civitgti nota. Also daß diese homerische Art der Erweiterung in der Gewohnheit der damahligen Seiten ihren guten Grund hat. Mit dieser Erweiterung stehet fünftens ein anderer Kunstgriff der Nachahmung in eurer engen Verwandtschaft, welchen ich zum Unterschied die Vermehrung nennen will. Diese bestehet in einer kurzen Ausführung eines Gedanckes , da man das Wunderbare in einer Vorstellung glaubwürdig zu machen, Cc r und 424 Von absonderlichen Mitteln und gleichsam zu rechtfertigen, noch etwann einen wahrscheinlichen aber unerwarteten Grund oder Schluß hinzusetzet, und den Einfall dadurch vermehret. So wenn König in dem ersten Gesänge seines HeldenGe- dichtes den Aufbruch des königlichen Gastes in das Lager bey Radewitz beschreibet, so saget er unter andecm v. 82;. Die Pferde siehet man den Dampf aus ihren Nasen, Mit leichtem Staub erfüllt, wie Wolcken von sich blasen; Indem ein jegliches, sich brüstend, herstolziert; Dieweil es solch ein Paar gekrönter Häupter führt. Und ihr findet in dieses Poeten Helden - Lobe des Königs Augustus eben denselben Gedanken in folgenden Versen: Es scheint, daß jedes Pferd, !o dich nach Hofe führt, Heut einen rühmlichen und edeln Ehrgeitz fpührt; Sie brüsten sich erfreut vor deinem Ehren-Wagen, Aus Sroltz,die schönste Last der gantzen Welt zu tragen. Ich mercke bey diestr Stelle an, daß der wahrscheinliche Grund, der in der lezten Zeile von einer jeden beygefüget wird, von dem sich brüstenden Stoltz der Pferde, in der Dichtung gegründet ist, nach welcher man wegen einer ziemlichen Aehnlicbkeit der thierischen Handlungen mit den menschlichen den Tbieren menschliche Absichten, Gemüthes-Neigungen und Gedancken zuschreibet. Also wird hier der Ehr-begierige Stoltz der Pferde die Materie aufzustützen. 405- Pferde da uit gerechtfertiget, daß der Poet ihnen die hochmürhigen Gedancken zuleget, daß sie die ausnehmende Ehre haben, ge- salbete Häupter zu führen, da der Wohlstand bey dergleichen Aufzuge nichts niederträchtiges leiden würde. Äon einer gleichen Art ist eine andere Stelle in dem Helden-Gedichte auf das Pohlnische Lager: Ein anders geht zwar gut, doch mit dem Kopfe krumm, Und sieht neugierig sich nach allen Leuten um : Als wollt' es seinen Gang nur darum unterbrechen, Zu hören, ob von ihm die Kenner rühmlich sprechen. Die Neugierigkeit ist Ursache, daß diejenigen, die etwann in einem prächtigen Einzüge gehen, sich selber nach allen Leuten umsehen , und die Ehr-Begierde unterstützet manchmahl die Neugierigkeit durch die Hoffnung ein vor sie vortheilhaftiges Urtheil von den Zuschauern zu vernehmen. Da nun das Pferd, das der Poet hier beschreibet, nach seiner eigenen Art, und aus blossem Triebe der Natur eine ähnliche Stellung und Gebehrdung, wie jene Leute, an sich gehabt, so hat der Poet selbige von einer gleichen Beweg-Ursache hergeleitet, und seine Beschreibung dadurch recht wunderbar gemachet, wobey er dennoch das Wunderbare durch die Art des Vortrages auf eine geschickte Weise gemäffiget hat, indem er dem Pferde diese ehrdegierige Ab- Cc z ficht 4vs Von absonderlichen Mitteln ficht nur dem Scheine nach zuschreibet. In dein oben angeführten Helden-Lobe dieses sinnreichen Poeten kömmt mir noch eine Stelle von dieser Art ins Gesicht: Mut willig gaukelt dort ein Heer von jungen Kindern, In Hoffnung daß du wirst der Vater Nothvermindern; Hier kriecht ein Älter her, und eilt, obwohl gebückt, Weil er in dir annoch, Printz, seinen Stab erblickt. Der Trost in einem hohen Alter wird sehr wohl unter dem Sinnbilde eines Stabes vorgestellet, und dieses ist die wahre Ursache , daß auch die alten Greisen bey dem Einzüge des Königs hervorgebrochen, weil sie an ihm denjenigen zu sehen und zu ver, ehren gemeinet, der ihnen die Beschwerlichkeit des Alters vermindern und den Rest ihrer Tage versüßen würde. Alleine diese Absicht hat der Poet durch die figürliche Vorstellung gantz wunderbar gewachst. O- pitz hat diesen Kunstgriff gleicher Weise in dem Lob - Gedichte an den König Ladisla sehr geschickt angewendet: Kommt laßt dem Feinde zeigen, Er soll uns nimmer sehn für seinem Monde neigen; Er habe darum sich an Leuten starck gemacht, Daß ihrer mehr durch uns auch würden umgebracht. Die grosse und fast unglaubliche Anzahl der Feinde des christlichen Nahmens ist ein solcher die Materie aufzustützen. 427 cher Umstand, der den nordischen Völckern leicht den Muth hätte daniedcrschlagen können , aber wie geschickt weiß König Ladis- la, dem der Poet hier das Wort leihet, diesen Umstand so zu kehren, daß er selbst dienen muß, ihren Muth anzuflammen, wenn er ihnen diese grosse Anzahl der Fein, de als eine schöne Gelegenheit vorstellet, den verhofften Sieg über dieselben desto herrlicher und ruhmwürdiger zu machen, indem er ihnen die verborgene Absicht der göttlichen Schickung dergestalt ausleget, daß dieselbe diese Versiärckung ihrer Feinde darum verhänget habe", damit ihre Straffe ihnen desto empfindlicher und ihre Niederlage desto grösser würde, und sie hernach aufmuntert, diese Absichten der göttlichen Rache an ihnen zu vollführen, und in der That zu zeigen, daß jene sich nur zu ihrem grössern Unglücke so sehr versiärcket haben. Diese Betrachtung ist auch vor einen unverzagten auf Gott und seinen dapfern Muth sich verlassenden Sinn gantz wahrscheinlich , so wunderbar sie an ihr selber ist. Und dieses giebt mir Gelegenheit hier überhaupt anzumercken, daß die Gründe und Schlüsse, womit eine poetische Wahrheit künstlich ausgeführet und unterstützet werden kan, gemeiniglich nur Einfälle eines sinnreichen Witzes und scharfsinnigen Geistes sind, die sich nur auf das Wahr- Cc 4 schein- '403 Von absonderlichen Mitteln schemlicbe und Mögliche gründen/ und eben darum meistens gantz neu und wunderbar herauskommen; woraus zu ersehen ist/ daß die Abhandlung von demjenigen/ was sinnreich und scharfsinnig genannt wird, die Kunst poetische Schlüsse zu machen / und einen poetischen Erweiß auszuführen / in sich begreifst. Nach dieser beyläuftigen Anmerckung will ich noch ein Exempel aus Herrn Königs Trauer - Gedichte über den allzu frühen Tod des Königs Augustus von Pvblen beybringen / wo er in der fünften Strophe klaget: O Gott! wir haben ihn zu kurtz für uns besessen! War feiner Jahre Laufs bereits vor dir zu viel? O wolltest du sie nicht nach unsrer Liebe messen , Nach seiner Wercke Zahl, nach unsrer Wünsche Ziel? Ach ja, nach unsrer Treu! Ach ja. nach seinen Gaben! So würden wir ihn erst nach spather Zeit begraben. Unwiederrusslicher zu strenger Schicksals-Schluß! Wie liebenswürdig war, der hier erblassen muß! Dem Tod ist dieser Streich durch Hinterlist gerathen, ßr rechnet nicht die Jahr, er zehlt des Königs Thaten. Der Poet suchete in dieser Stelle die Klage um den Verlust seines Königs zu rechtfertigen ; zu dem Ende tragt er mancherley Gründe und Ursachen auf einen Haufen/ welche denselben eines langem Lebens würdig macheten / wenn das unvermeidliche Schicksal nicht seinetwegen etwas anders beschlossen gehabt Hütte; dann schleußt er die Materie aufzustützen. 409 er diese Affects - volle Erweiterung mit einem Einfall, den er mit einem wahrschein, liehen Grund unterstützet. Ich könnte zwar über diese Stelle verschiedenes erinnern, al- leine solches würde mich allzuweit von meinem Vorhaben abführen, darum will ich meine Betrachtungen nur über den Schluß dieser Strophe ergehen lassen, und solchen theils in seiner Verbindung mit der ganzen Klage, theils vor sich absonderlich er- wegen. In der ersten Absicht muß ich sagen, daß dieser sinnreiche Schluß hier nicht glücklich noch an seinem rechten Ort angebracht wird, weil er die inwendige Wehmuth des klagenden Poeten weder unterstützet noch rechtfertiget, sondern eine spielende Kaltsinnigkeit offenbaret. Ouintilia- nus hat sehr wohl angemerket: in -naZnc, äolore null-, eii oblei'v^tio ani«; daher auch Persius in seiner ersten Satyrs gesagt: . , - Veruin, nec nocic pLrsrum kiorsbit, xi'imun etl, pitn-e certe varum. Betrachten wir sezo diesen sinnreichen Schluß - Einfall absonderlich ausser dem Zusammenhange, so finden wir das Originals desselben in Martialis Grabschrift eines gewissen Scorpus, der wegen vieler Gewinnste, so er in öffentlichen Schauspielen erhalten hatte, berühmt war: INe exo Nun Lcorpus clsmoli xloris Lirci, ?l2uN>8 NoriiL cui, cieliti»:c)lie breves: lnviiiL c^uem Nsc!ie 6 s r 3 pluiii trietericie nons, Oum »umerst , creUiäit esse tenew. Wenn ich dieses Original mit der deutschen Copie zusammenhalte, so erblicke ich zwischen beyden einen grossen Unterschied, die leztere geht von dem ersten hauptsächlich darinnen ab, daß dem Tode da eine List zugeschrieben wird, dadurch er andere betrogen, die sich noch auf ein längeres Leben ihres Kö- 412 Von absonderlichen Mitteln nigs Hoffnung gemachet hatten; da hingegen in dem Lateinischen der Betrug der La- chesrs selbst beygeleget, und dabey zu vermuthen gegeben wird, dieser wiewohl für den Verstorbenen rühmliche Irrthum habe sie gereuet. Die Abweichung ist desto weniger zu loben, weil sie den Tod, als eine phantastische Person, mit wahren Wesen in eine Handlung verbindet, indem derselbe die getreuen Unterthanen des Königs Augustus bamitberückethat, daß er ihnen alle die rühmlichen Thaten desselben vorgezehlet , und sie dadurch auf den Wahn verleitet hat, daß er ungleich mehr Jahr auf sich haben müßte, als er in der That gehabt. Und eben durch diese Abweichung hat der Einfall seine Wahrscheinlichkeit u.Möglichkeit verrohren. Sonst kan ich nicht mit Stillschweigen Vorbeygehen , daß Salvini in seinen Anmerkungen über Muratori Werck von der vollkommenen Ital. Poesie im ein und zwanzigsten Cap. des ersten B. diesen poetischen'Einfall des Martialis aus dem Grunde getadelt, weil er auf das Falsche gebauet wäre, als ob der Tod nicht eben so wobt Jünglinge, als abgelebte Greisen hinraffete, da doch bekannt wäre, daß die wenigsten Menschen das höchste Ziel des Alters erreichten. Alleine gese- zet, daß dieser Einfall nicht auf das Wahre gegründet sey, so fehlet es ihm nicht an einem wahrscheinlichen Grunde. indem die Men- die Materie aufzustützen. 41; Menschen gewohnt sind, sich in ihrer Hoffnung das weiteste Ziel des menschlichen Lebens zu versprechen; und je weiter sie von diesem Ziele noch entfernet sind, desto weni- gevglauben, daß der Tod einiges Recht über sie besitze; daher man im gemeinen Spruch- worte, dre Jungen können, die alren muff sen sterben, dem Tod nr-c über die Alten ein Recht einräumet, und in Ansehung der Jungen bloß eine Möglichkeit zugesteht: Und auf diesen allgemeinen Wahn gründet sich der poetische Einfall. In demselben Sinn hat auch Opitz im dritten V. der Poet. W. die Traurigkeit über dem frühzeitigen Absterben einer Fürstinn zu tauschen gesucht, wenn er sagt: Wer ist doch unter uns, der eure Jahre zehlet? Die Tugend bringt es ein, was euch am Alter fehlet. Die Vergleichung dieser zwo Stellen giebt mir Anlaß von der Neuheit der Gedancken, nicht in Ansehung ihrer Erfindung, sondern ihres Gebrauches , zu reden. Es ist wahr, daß ein Gedancke oder Einfall, wenn man ihn bloß in seinem Ursprung betrachtet, und sich in diejenigen Zeiten versetzet, in welchen er zuerst hervorgebracht worden, gantz neu und wundersam scheinen, und man sich wohl vorstellen kan , daß er damahls habe entzücken muffen; alleine wenn derselbe öfters wiederholet wird, so verleurt er durch diesen Gebrauch 4i4 Von absonderlichen Mitteln Gebrauch seine reizende Kraft und Schönheit, er wird abgenutzet, und denen, die in poetischen Schriften nicht unbewandert sind, so geläufig, daß er endlich einen sehr schwachen Eindruck auf ihr Gemüthe thut. Dergleichen wiederhohlete Gedancken und Ueber- setzungen können einen Poeten alleine bey den Unwissenden in Hochachtung bringen, welche vor eine Würckung seines lebhaften Geistes halten , was eine blosse Wohlthat des Gedächtnisses ist; und wenn die Schriften eines Poeten an eigenen Erfindungen leer sind, so kan ein solcher sich keinen mehrern Verdienst beymessen, als daß er wohl lesen und übersetzen könne. Von solchem Gelichter sind folgende Einfälle: Du würdest König seyn, Und wäre nichts um dich, als dein Verdienst allein. Zngleichem: Es ist an dir der Held so groß, als wie der König, Und: Das heißt recht edel kriegen, DenFeind, sich selbst und auch denSieg zugleich besiegen. Dahin gehören auch, was die Nachkömmlinge in Ansehung grosser und wunderbarer Verrichtungen wohl glauben werden ; daß einer sich selbst übertreffe, und andere mehr. Diese die Materie aufzustützen. 4i5 Diese sind in den Lobfchriften so gemeine, daß sie fast alle Annehmlichkeit der Neuheit verlohren haben. Die schönsten Sachen , wenn sie öfters gesagt und wiederholet werden , haben keinen Reitz mehr. Alleine die Neuheit ist es, die den Gedanken einen reitzenden Werth und Glantz mittheilet. Die meisten Scribenten sollten sich mehr der Neuheit befleissigen, gese;t daß sie uns dann nicht so viele Wercke lieferten; sie meinen, wenn sie abschreiben, was grosse Männer gesagt haben , seyn sie selber grosse Leute. Aber sie betriegen nur sich selbst, und nicht die Leser, die solchen Scribenten mit Verachtung begegnen, welche ihnen nichts mehrers sagen, als was sie schon hundertmahl bewundert haben. Iedennoch, weil diese Anmerckung den Geist unsrer heutigen Poeten allzu sehr daniederschlagen möchte, will ich ihnen den Trost nicht entliehen , den La Motte in der Ode, die Neuheit betitelt, angeführet hat: Huoy! fsut-il llonc svec lcrujiule Lviter, ä'un loin riciicule, kesu Hu'Us nou; ont enleve? ; msis Hu'» 1'art «tont on l'emplo/e, I^'Lvenir e^uilsble cro^e, tsns eux nou; I'surions trouve. Wie nun alle bißdahin erzehlten Kunstgriffe der Nachahmungs-Kunst dienen, eine Sache nach denen verschiedenen Absichten 416 Von absonderlichen Mitteln ten in ihrem rechten Licht und nach dem rechten Gesichtes-Puncten vorzustellen, und derjenige Poet höchlich zu loben ist, der die Sachen so deutlich und lebhaft vorstellet, daß man dieselben würcklich gegenwärtig zu sehen meinet, so ist auf der andern Seiten derjenige Kunst-Streich zuweilen ebenso vortrefflich , da der Poet die Sachen also vorstellet, daß er der Phantasie anderer Leute die Sorge überlaßt, sich mehr vorzubilden, und ih- remVerstand dasVergnügen gönnet,mehr zu verstehen, als die Worte lauten. Eine vollständige und ausführliche Beschreibung, dir dem Leser oder Zuschauer nichts überläßt, sondern eine Sache von allen ihren Seiten, Absätzen und Umständen vorstellet, setzet ihn freylich in eine angenehme Verwunderung über die reiche Einbildungs-Kraft des Poeten, wodurch er ihm die Gegenstände so vollkommen und so nahe vor Augen leget: Aber eine Beschreibung , die mehr zu verstehen giebt, als sie mit Worten ausdrucket, und hiemit den Geist des Lesers beschäftiget, dasjenige selbst zu finden und gleichsam aus den Fördersätzen herzuleiten , was darinnen ver, borgen lieget, würcket neben dem angeregten noch ein besonderes Ergetzen , welches Huintilianus, zwar in einem andern Absehen, mit diesen Worten ausgedrucket: /cu- chtoribu8 grars iunt hrec , cum inkellexe- riat, ssumilitz 8V0 Lchleälsmur , non »uäi- öl'e Materie aufzustützen. 4 7 7 auclivennt, lecl gnrili invenen'm. Und Deme- trius Phalereus hat sich hierüber noch naher erkläret, wenn er §. 229. sagt: Gk-- , «Ä-.' 5»« X«?«^<7r'k7^ , ><§-/ T'L -<-/ ?^s'//^5cAa:< E «ss?eu. cimn LlüilV intellexerit, <^uc>6 omi/Ilun eil a te, non rru- äitvr loluin , lecl öe tcllis ruus ellicimr. Lt ti- mul benovolentiuL eil: gcurior enim ilbi vicle- lur tu^i Opera, mißt er ihn nicht mit der Meßrutbe, wie Lu- cilius, der von ibm gesagt, daß er zweihundert Schuhe hoch gewesen sey; sondern Dd er 4i8 Von absonderlichen Mitteln er giebt solches im dritten B. der Eneis v. 6zO. dergestalt zu verstehen : Lxplctus ctspibus, vino^lie tcputttis, Lcrv»-:cm inltexLin posuit, jLcuitHuc per sntrum Iiumen5um. Und etwas ferner v. 655. 8umn>o cuin monte victem^is Ipsum inter pccuäe; vaUs le mole niovcnke» keNorein kolypkemum, ... kitonNruni tiorrcnUuni, inkormc, ingens. Iruncs msnum pinus rezic, ü< veUlZiL Lrmst. Und V. 664. ... - 6rscliturc)ue per ie^»c»r ^sm ineiltum, necctum 6uÄu; Isierr srcius tinxit. Gleichwie man nemlich die Grösse eines Riesen aus einem Finger ermessen kan, also sind die Merkmahle, durch welche der lateinische Poet Polpphems ungeheure Grösse zu erkennen giebt, noch viel deutlicher, wenn er die Höhe seiner Schenckel nach der Tiefe des Meers abmißt, wenn er ihm statt eines Stabes eine Tanne in die ^and giebt, und seine Länge nach der Weite der ungeheuren Höle ausstrecket; da er dem Leser selbst überläßt, die ungemeine Grösse desselben auszu- meffen und zu bestimmen. Dahin gehöret auch der bekannte halbe Vers: ^ Lc csmpos ubi l'rojs 5uit. Worü» die Materie aufzustützen. 4 r 9 WorüberMacrobiusim fünften B. der Sa- turnalien Cap. i. folgendes anmercket: ^ruiLilHini» verbis inaxiin-im civitnrein iizust L, fuimus l'roes, kuit lilium , öc inzcns Lloris l'eucrorum. kerus omnis /ti-ßcrz Irsmtuiu : incenls OsnLr äonnnsncur in urde, Vers. 242. O katris, o vivum gomus IIüim, L incl/ts bei!» ^lvk!N3 Oarc!sni6üm. Vers z6i. <^ui, cisciein illiu» noctis, c^uis funers tsncio Lxplicet ? s»c poNIc lacr^mis secjusre Isbores? l-lrbs snti^iis ruit mnltos cioininrtL ^>er snnos äc. soii; , io verbiz imiriclx>vit > Ern anderesExempel von dieserArt liegt in den wenigen Worten, Oux soe.nin^ welche dieser Poet im ersten B. der Eneis von der Dido brauchet , wo er erzebl-t, daß sie auf die empfangene Nachricht von der Grausamkeit Pigmalions, der ihren geliebten Sichaus meuchelmvrderisch um das Leben gebracht hatte, sich einen Anhang gemachst , und mit alle den Schätzen dieses Dd - geitzi- 4LQ Von absonderlichen Mitteln rc. geitzigen Bruders zu Schiffe gegangen, ein neues Vaterland und ein neues Reich in einer andern Welt-Gegend zu suchen. Durch dieses Unternehmen hatte sie sich dem Eneas, Dem Antenor, dem Jdomeneus und an» Lern Stiftern neuer Reiche gleich gemacht; anstatt daß eine andere Frau sich darüber mit vergeblichem Leid gegramet hätte, oder in unnützlicheVerwünschungen ausgebrochen wäre. Daher verwandelt Virgilius sie in diesen Worten gleichsam in einen Mann: er laßt den Leser eben so grosse Entschlüsse von ihr gedencken, als er von diesem Helden vernommen hat, und er bereitet uns damit zu den vortrefflichen Wercken, wel, che diese heldenmüthige Frau in Africa vollführet hat , die er uns in dem Verfolge des Gedichtes vor Augen leget. Der G ) o ( G 42l Der zwölfte Abschnitt. Von der Wahl der Umstände und ihrer Verbindung. f^Ie Wahl und Verbindung der Umstände hat ih- ^ ren Nutzen in allen Vorstellungen , nicht in dem Erhabenen alleine, wie Longinus meinet. Die Wahl der Umstände muß sich nach der besondern Absicht in einer Stelle richten , wie die besondern Absichten nach der Haupt - Absicht. Der Einwurff , daß die Harmonie der Absichten die Mannigfaltigkeit der Eindrücke aufhebe , wird beantwortet. Die Wahl der Umstände ist , wie die Bestimmung der Absichten , ein Merck des guten Geschmackes. Unendliche Verschiedenheit der besondern Absichten ; welche ein Systems der Regeln des guten Geschmackes unmöglich machet. Daß der Geschmack überhaupt lehre verheeleu, was der besondern Absicht nachtheilig ist , und erwehlen, waS sie befödert. Homers Nachdruck in dem Stilleschweigen des Ajax. Seine Geschicklichkeit in den Vorstellungen der Grösse seiner Götter, und in den Stürmen , mittelst der Wahl und Verbindung der Umstände. Longins Anpreisung der Beschreibung des reisenden Neptuns. Rettung derselbigen gegen die Beschuldigung des Herrn von La Motte. Lob, das Longin den Beschreibungen der Stürme bey Homer beyleget. Ovidius Beschreibung der Sündflut, gegen die Einwürffe des Seneca und des Muratori erwogen. Horatzcns übereinstimmende Bilder mit des Ovis dius. Samt - Amands gleichmässiges Bild gegen Boi- leau entschuldiget. Lheopomps Beschreibung der Ge- schencke, die einem grossen Könige gebracht worden, aus Longin. Homers Beschreibung der Schilde und der Verwundungen gegen La Motte vertheidiget. Die D d ; Aus- 42L Von der Wahl Aussetzung der Umstände dienet, das Gemüthe einzunehmen , und die Erzchlung zu beglaubigen. Wie weit Postck in der Vorstellung Wittekindes nach seiner Rettung aus dem Schiffbruch aus Versäumnis der Umstände hinter Homers Vorstellung des Ulysses an dem Pheacischen Gestade zurückgeblieben. Königs geschickte Erweiterung der betrüglichen Liebe, die von Hemccken vor ein Exempel des Erhabenen angezogen wird. <^CHHabe nunmehr die besonderen Geheim- nisse der poetischen Mahlerkunst genugsam entdecket, und ausführlich angezeiget, wie die Sachen durch die künstliche Art der Nachahmung in einem gantz vortheilhaftigen und entzückenden Lichte vorgestellet werden können, daß dergestalt das Ergehen, welsches die poetischen Vorstellungen begleitet, nicht alleine von der Materie, sondern auch Don der Kunst herrühret. Indessen habe ich in dieser gantzen ausführlichen Abhandlung mit Fleiß und Vorbedacht ein allgemeines Mittel dieser poetischen Kunst der Nachahmung, vonj welchem die Poesie ihre grosse *L>tarcke, ihre vornehmste Schönheit, auch eine überzeugende Wahrscheinlichkeit empfängt, in eine besondere und eigene Abhandlung verspüret. Dieses allgemeine Mittel besteht in der Wahl und der Verbindung der wichtigsten und bequemsten Umstände. Longinus hat, in der zehnten Abtheilung v«n dem Erhabenen, 42) der Umstände. nen , schon angemercket, daß natürlicher Weise nichts in der Welt begegnet, das nicht von vielerlei) Umständen begleitet werde , also daß überall gewisse mit jeder Sache zugleich entstehende Umstände vorkommen müssen; woraus er den Schluß gezogen, daß also dieses nothwendig ein unfehlbarer Kunstgriff zu dem Erhabenen zu gelangen seyn würde, wenn man allemahl die vornehmsten Umstände auszulesen, und aus solchen durch eine genaue Verbindung gleichsam nur einen Cörper zu machen wüßte; und Diesen Schluß hat er mit folgendem Grund unterstützet: Weil auf diese Weise das Erhabene theils durch die Wahl der Haupt- Stücke , theils durch die Zusammensetzung der ausgesuchten Dinge entstühnde. Zur Erklärung seiner Gedancken führet er als ein Exempel die berühmte Ode der griechischen Poetin Sappho an, welche Catullus in dem Lateinischen glücklich nachgeahmet, und die ein unbekannter Deutscher eben so geschickt in folgenden Strophen übersetzet hat: Der ist den Göttern gleich zu schätzen, Der sich dir ins Gesichte setzen, Die Stimme , die so susse klingt, Das Lächeln , das die Seele zwingt, Recht hören und betrachten kan. Dieß dringt mir oft durch Hertz und Sinne, Und wenn ich dich zu sehn beginne, Erstickt die Rede in dem Schlunde; Dd 4 Dis 424 Von der Wahl Die Zunge stirbt mir in dem Munde; Die Gluth durchlauft mir Marck und Bein. Mein Auge hat sein Licht verlohrcn; Ein Brausen fallt mir vor die Ohren; Ich schwitze kalt; die Glieder beben; Die Farbe welckt; bald geht das Leben Mir vollend mit dem Odem aus. Und zu diesem Exempel füget Longinus folgende Anmerckung hinzu: „ Bewunderst „ du nicht, wie sie bey einer einzigen Sache „ die Seele, den Leib., das Gehör, die „ Zunge, die Augen, die Farbe, mit ein- „ mahl herzuholet, als ob es so viele ver- „ schiedene Personen wären , die gleich den „ Athem ausblasen wollten? Von was vor „ widrigen Bewegungen wird sie nicht zu- „ gleich eingenommen ? Sie friert, ihr ist „ heiß, sie ist thörigt, sie ist klug ; sie ist ,, entweder ausser sich, oder sie ist beynahe ,, todt. Kurtz man könnte sagen, sie wäre „ nicht von einer Leidenschaft alleine einge- „ nommen, sondern ihr Hertz wäre ein rech- „ ter Sammelplatz aller Leidenschaften. Und „ dieses begegnet den Verliebten in derThat. „ Also hat besagtermassen dieWahl der Um- stände und ihre geschickte Verbindung das „ Erhabene allhier zuwege gebracht.,. Was dieser griechische Kunstlehrer hiemit alleine vor ein Mittel, das Erhabene hervorzubringen, vorgeschlagen hat, können wir auf alle Anen der der Umstände. 425 der poetischen Vorstellungen erstrecken; oder man müßte sagen, Longmus halte durch das Erhabene selbst nichts anders verstanden/ als solche Vorstellungen / die ohne Absicht auf die Hoheit der Materie und der Gedancken / durch die Kunst so glücklich ausgebildet wor- den / daß sie der Absicht des Poeten oder Redners allerdings ein Genügen tbun/ welches einige Ausleger seines Werckgens in der Thal aus verschiedenen Exempeln / die darinnen angeführet werden/ haben schlieffen wollen ; denn in solchem Fall hatte das von Longin angegebene Kunst-Mittel ohne dieß seine genügsame Ausbreitung. Dem mag aber seyn / wie ihm will / so wird es nichtsdestoweniger seinen guten Nutzen haben, wenn ich mich an diesem Ort erkläre / daß diese Wahl und Verbindung der bequemsten und wichtigsten Umstände in allen Vorstellungen / die eine gewisse Würckung thun sollen / ohne Unterschied der Materie beobachtet werden müsse. Es ist unleugbar / daß diese Wahl nach denen besondern Absichten/ die ein Poet oder Redner in einer jeden absonderlichen Stelle auf verschiedene Weise haben kan / vorgenommen, und folglich nach eben denselben beurtheilet werden muß / woraus ferner offenbar ist, daß die bequemsten und wichtigsten Umstände diejenigen sind , welche sich mic der Absicht eines Verfassers am besten Do ; reu 426 Von der Wahl ^ reimen, und dieselbe zu befödern dienen. Ich ^ sehe den Poeren an, als einen weisen Schö, pfer einer neuen idealiscben Well oder eines ! neuen Zusammenhanges der Dinge, der nickt alleine Fug und Macht hat, denen Dingen, die nickt sind, eine wahrscheinliche Würcklickkeit mitzutheilen , sondern daneben so vielen Verstand besitzet, daß er seine Haupt.Absicht zu erreichen , die besondern Absichten dergestalt mir einander verknüpfet , daß immer eine ein Mittel für die andere, alle insgesammt aber ein Mittel für die Haupt-Absicht abgeben, müssen. Demnach muß in dieser poetischen Welt, wie in der Welt der würcklichen Dinge, alles der Zeit und dem Raume nach in einander gegründet seyn: Und die Uebereinstimmung dieser Absichten zu einem Zwecke machet eben die Vollkommenheit des Gantzen aus. Derowegen muß die Vollkommenheit eines Gedicktes aus der Haupt-Absicht und aus der Verknüpfung der besondern Absichten mit dieser und mit den Umständen der Dinge beurtheilet werden. Der Poet kan frevlich nach Belieben solche Geschichten erfinden , die bequem sind, die Verwunderung, das Mitleiden, das Schrecken, die Freude, oder irgend eine andere Gemüthes, Vewegung zu erwecken; aber wenn sie einmahl erwehler sind, so muß die Ausführung das Absehen derselbigen unterstützen. 4-7 der Umstände. Ist die Begebenheit vortrefflich, so müssen die Umstände auch vortrefflich und wichtig seyn, einer muß den andern zn einer grossen Würde erheben. Ist sie einnehmend und anziehend / so muß in die Ausführung nichts gemischet werden / als was die Anzüglichkeit vermehret. Also muß die Einheit / die in dem Gantzen herrschen soll, auch in einem jeden absonderlichen Stücke herrschen. Das will sagen; wie die Verbindung aller Begebenheiten, die das gantze Gedichte ausmachennur eine einzige allgemeine Würckung haben muß, also muß auch die Verbindung der Umstände in einer jeden absonderlichen Geschichte nur eine Würckung thun, welche auf gewisse Weise auf den Haupt - Zweck siehet, und denselben zu befödern dienet. Mithin muß man nickt fürchten, daß durch diese künstliche Verbindung und Harmonie der Absichten und Würckungen die ersetzende Mannigfaltigkeit und Veränderung der Eindrücke aufgehoben, und an deren statt eine ver- drüßliche Gleichförmigkeit und Monotonie eingeführet werde; denn wie in der Mustek aus der Verbindung unendlich verschiede- nerThöne eine lieblickeHarmonie entspringt; also muß diese Einheit der Würckungen durch die kunstreiche Verbindung unendlich verst, iedener Eindrücke befödert und erhalten werden. Die weise und gütige Natur lehret 428 Von der Wahl 1 lehret uns solches mit ihrem eigenen Epem-i pel, indem sie durch die mannigfaltige Ver-^ Mischung der Eindrücke, die durch so unendliche Gegenstände auf die Sinne und die Gemüther würcken, eben für die Vermehrung unsrer Lust gesorget hat; denn ohne diese regelmässige Abwechselung der Empfindungen würden uns hier lauter star, ke und anhaltende Eindrücke in eine dumme Entzückung mit sich-fortreissen; dorten aber würden uns lauter matte und gleichmässige Eindrücke in einen beständigen Eckel ver- sencken. Nun war aber die Absicht des Schöpfers, den Menschen eine vernünftige und stets reitzende Lust empfinden zu lassen, und darum hat er in unsren Empfindungen eine so regelmässige Abänderung und ergez- liche Harmonie eingeführet, die kein menschlicher Verstand genug zu ergründen, noch eiüige Kunst nachzuahmen tauget. Es beruhet aber diese Harmonie der Empfindungen eben so wohl auf gewissen Grund Gesetzen als die ergehende Vermischung der Thone in der Musick; und wie in einer guten Composition jeder absonderliche Thon die ergehende Kraft erst aus der künstlichen Verbindung mit andern Thonen erhält, eine jede Verbindung aber ihren gewissen Grund, theils in der Natur der Thone, theils in der Absicht des Virtuosen haben muß, also sind auch die Dinge, von wcl- 42-9 der Umstände. chen die Harmonie der Empfindungen herrühret, so wohl in der Welt der würckli- chen Dinge, als in einem guten Gedichte, welches uns das Systema einer möglichen Welt vorstellet, der Zeit und des Ortes halber so künstlich zusammengeordnet, daß je eines in dem andern gegründet, und ein jedes von seinem eigenen ihm angewiesenen Stande die gehörige Kraft erhält, mir welcher es auf das Gemüthe würcket. Wie nun die Bestimmung und Einrichtung der Absichten, also ist auch die Wahl und Verbindung der Umstände, durch welche alleine diese Absichten erhalten werden können, eben so wohl ein Merck des guten Geschmackes oder eines richtigen Urtheiles, und einer feinen Wahl. Da nun die besondern Absichten eines verständigen Scri- denten unendlich verschieden seyn können, indem er seinen Haupt-Zweck durch die Verbindung so unendlich vieler und verschiedener Eindrücke zu befödern suchen muß, so sind auch die Gesetze und Regeln, nach welchen sich das Urtheil in der Wahl der Umstände richten muß, eben so unzehlbar und unendlich verschieden, als die besondern Absichten sind, so diese Wahl bestimmen. Das Urtheil wird zum Exempel erlauben oder gar befehlen, daß in einem gewissen Fall und Umstand ein Einfall angebracht , und ein Bild gebraucht werde, welche 4ZO Von der Wahl welche in demselben Ort und derselben Zeit vortrefflich schön seyn werden: Aber so der Fall und Umstand sich verändern, werden eben derselbe Einfall und dasselbe Bild ungereimt und häßlich herauskommen; und bann wird der urtheilende Verstand dieselben nicht brauchen wollen, Massen die Bilder , ob sie gleich an sich schön sind, den Gewicht - Steinen einer Uhr gleich sind, welche zwar dienen die Stunden in der Uhr, für welche sie bestimmet worden, richtig anzuzeigen; aber wenn sie von da in eine andere versetzet werden, dieselbe an ihrer Nichtigkeit übel hnidern können. Darum ist es auch unmöglich, daß der gute Geschmack durch Regeln, die ein vollständiges Sysiema der Kunst ausmachen, ge- lehret und vorgetragen werde, weil seine Urtheile sich auf besondere Stellen beziehen , die nach ihren besondern Absichten, und nach der Beschaffenheit besonderer Dinge beurtheilet werden müssen. Wenn wir aber dieses Urtheil, welches nach einer gantz bekannten verblümten Redens-Art vergüte Geschmack genannt wird, überhaupt beschreiben und erklären wollen, so können wir sagen, daß es eine Kraft des Verstandes sey, welche uns einestheils in der Wahl besonderer Dinge und Umstände also leitet, daß wir alles dasjenige vermeiden und auslasten , was der vorgenommenen Materie und der Umstände. 4?r und unsren besondern Absichten nachtheilig und widrig seyn wogte, hingegen alles aufsuchen und zusammentragen, was dieselben nur einigermassen befödern kan; eine Kraft, die uns anderntheils auch in der Verbindung der ausgelesenen Dinge und Umstände statt eines Compaffes dienet, vermittelst dessen wir denen zwo Klippen, dem Gemeinen und dem Unglaublichen, zwischen denen das poetische Schöne lieget, und an welche es ziemlich nahe grantzer, glücklich entgehen können. Dieses wehlende Urtheil lehret uns demnach das Wunderbare und Wahrscheinliche künstlich mit einander verbinden , ihm hat man es zu dancken, daß man die Natur und den Wohlstand niemahls aus den Augen setzet, es Hinterhalt die Einbildung vor Ausschweiffungen, es macht, daß die Kürtze nicht dunckel, das Zierliche nicht schülerhaft, das Reiche nicht übermassig, das Prächtige nicht schwülstig, wird; daß eine Vorstellung sinnreich ohne Spitzfün- digkeit, bescheiden ohne Niedrigkeit, erhaben ohne Aufgeblasenheit, herauskömmt. Aöeine da ich an seinem Orte von der Natur und Verbindung des Wunderbaren und Wahrscheinlichen mit besondern, Fleisse ausführlich gebandelt habe, so lasse ich hier diese zweyte Würckung des poetischen Urtheiles stehen, und füge nur noch eine An- mer- 4Z2 Von der Wahl merckung hinzu, welche in Ansehen der ersten Würckung derselben zu meinem gegenwärtigen Vorhaben dienet, und von Mu- ratori in seinem Wercke von der vollkommenen Poesie angeführet worden, dadurch die oben gegebene Erklärung in ein helleres Licht gesetzet wird. Er sagt in dem zehnten Cap. des zweyten B. Man sollte derowe- „ gen neben der Wohlredenheit, die aus „ Worten bestehet, noch eine andere studie- „ ren, die man die schweigende Beredtsam- „ keit nennen kan. Jene ist eine Tochter des „ Geistes und der Phantasie, diese des Ur- „ theiles. Die Pflicht der erstem besteht „ darinnen, daß sie alles dasjenige sage, „ was man nur nachdrücklichstes, schönstes, „ vortrefflichstes gedencken kan, die vorge- „ nommene Sache auszudrücken, und aus- „ zuputzen. Der andern Pflicht besteht da- „ rinnen, daß sie nicht sage, das ist, daß » sie auslaste, was so wohl in der Erfindung „ als in den Reden und Gedancken übcrflüs- „ sig ist, oder sich vor die Personen, vor den „ Ort, die Zeit, die Affekte, die Materie, den Redenden, nicht schicket.,, Eeneca meldet, daß Scaurus öfters gesagt habe: viiriikeni eile, Icil-e cleii- kciie äicei-e. Und Cicero giebt uns aufleben diesen Grund den heilsamen Rath: In omnibuz rebus viclenäum eli , Huittenu8. Lt- L enün 5uur cui^us uioäus eii, läineii vtkeii- der Umstände. 4z; offenciit nimium , guain prirum. In guo /gelles ^iöloies giiugue eo8 peccrn e äicebrir, gui nnn lenkilent, gui^l eilet I^ti8. Vor ein Beyspiel von der besondern Kraft eines wohlberedcen Slittschwcigens kan uns dasjenige dienen, welches Homerus dem Ajax zuschreibet, als dieser in der Hölle von Ulysses angeredec worden ; im eilften Buche der Odyssea v. 562. ,, Ick) sprach also zu ihm , aber er gab mir „ keine Antwort, sondern gierig mit andern „ Seelen der verstorbenen Todten in den „ Erebos. .. Worüber Longinus in der neuntenAbtheilung recht geurtbeilet, daß dieses Stillschweigen mehrHvhes in sich einhielte , als alles, was Ajax sonst halle vorbringen können. Es ist in der That Homers eigenes Lob , und das weise Alterthum hat es ihm einbettig zugestanden, daß er ein gleich geschickterMei- ster in dieser schweigenden Beredtsamkeit und in der Wahl der Umstände und dersclbigen kunstvolles Verbindung gewesen sey. Die neunte und zehnte Abtheilung des berühmten Werckgens von dem Erhabenen scheinet von Longinus mit allem Fleisse dazu gewiedmet zu seyn, daß er die Verdienste Homers in diesen Stücken anpreisete, und die Begründ, niß dieses Lobes erwiese. Wie werden daselbst insbesondere berichtet, daß Homerus in denjenigen Vorstellungen überaus vortrefflich sey, da er eine Gottheit in ihrem voll- E e konp 4?4 Von der Wahl kommenen Wesen und ihrer wahren Grösse ohne Flecken abbildet/ jmgleicben da er durch i die Verbindung der erhabensten und erschrek- lichsten Umstände / Stürme und Ungewitter beschreibet. Von der erstern Art führt dieser Kunstlehrer aus dem dreyzehnten B. der Jlias die Beschreibung des Gottes Neptu- nus an/ von welchem der Poet erzehlet/ daß er aus dem Meer hervorgegangen/ und auf den hohen Rückgrat deswaldigten thraciscben Samos hinaufgestiegen/damit er von derHö- he dasGefechtederTrojaner und der Griechen betrachtete / weil ihm allda der gantze Berg Jda/ die Haupt-Stadt des Königs Pria- nius / und die Schiffe der Acheer im Gesichte gestanden hatten. Die gantze Stelle lautet bey Homer dergestalt: „ Er saß daselbst voll „ Mitleidens mit den Griechen / welche von „ den Trojanern so übel geschlagen worden /. „ und über den Jupiter sehr entrüstet. Plötz- „ lich stieg er den heckigten Berg)nit schnel- „ len Füssen hinunter. Das lange Gebürge „ und derWald erbebeten unter denunsierb- „ lichen Füssen / als er einhergieng. Er „ hatte drey Schritte gethan / mit dem vier- „ ten kam er nach Aega; wo er in der Tiefe „ des Meers einen güldenen / helleleuchten- den/ewigdaurendenPalast hat. AIs er da „ angelanget war/ spannete er seine Vogel- ,, schnellen mit güldenen Mähnen zierlich be- » deck- der Umstände „ deckten Pferde an den Wagen ; er hengte „ ein güldenes Schild auf den Rücken, nahm die künstlich gearbeitete Gerte in dieHand, „ stieg auf den Wagen , und jagete auf dem „ Wasser fort. Die Walisische sprangen „ an allen Orten aus ihren Grüften hervor, weil sie ihren Herrn wohl kenneten, uns „ das Meer ebnete sich vor Freude vor ihm ,, her. Die Pferde flogen mit solcher Ge- „ schwindigkeit davon, daß die eherne Axe „ unterhalb nicht benetzet ward. Sie brach- „ ten ihn bald an den Ort, wo die Schiffe „ der Acheer lagen. Eine weite Grotte ist „ in den tiefen Gründen des Meeres, zwi- „ schen Tcnedos und dem heckigten Imbros, „ allda ließ Neptunus seine Pferde halten. „ Er spannete sie aus dem Wagen, und „ warf ihnen eine Ambrosialische Speise zu essen vor; und an die Füsse legete er ihnen güldene, unzerbrüchliche , unauflößlicke „ Fessel, damit sie daselbst auf die Zurück- kunft ihres Herren beständig marteren. Hernach gieng,'er in das Lager der Grie- „ chen. „ Ich habe diese'Stelle der Länge nach ausgesetzet, weil Longinus, der nur etliche Stücke davon angezogen, uns an einem Orte berichtet, daß dieselbe schon vor ihm ihrer besondern Schönheit halber von vielen Kunstrichtern abgehandelt und gelobet worden. Ich habe mich auch beynahe vor schuldig gehalten, sie anzuführen, weil der Hr. Ee r von 4Z6 Von der Wahl von La Motte solche in seiner Schrift von Homer in zwey verschiedenen Orten beschul, diget hat, als ob sie mit allzu vielen kleinen, überflüssigen und unbequemen Umständen be- lastecwäre,welche dieAbsicht dcsPoeten hinderten und verzögerten , und einen gantz widerwärtigen Eindruck hinterliessen. Terselbs sagt in dem Abschnitte von den Beschreibungen in Absicht auf eben diese Stelle: „Wenn „ Homer die Reisen der Götter beschreibet, „ so thut er das mit einem Haufen Umstände, ,, welche den Leser ungedultig machen: Man „ bringet die Pferde aus dem Stalle hervor, „ man zieht den Wagen aus dem Hofe, „ man spannet vor, der Gott verreiset, er ,, rastet an gewissen Orten aus, welche der „ Poet auch beschreibet; der Gott sezt die <>, Reife fort, und er kömmt endlich an. A- „ ber das ist noch nicht genug; man muß „ auch die Rückreise mit ihm aushalten , die mit langweiligen Umständen eben so sehr ,, beschwert ist, als die Hinreise. Ist mir „ recht, so müssen die Poeten nickt auf diese „ Weise schildern , sie müssen alles gleich- ,, viel geltende ausmerzen , und nichts vor- bringen, als was der Neugier und der „ Aufmercksamkeit der Leser würdig ist. „ Und in dem Abschnitte von der Erzehlung hat er ebenfalls diese Stelle vor Augen, wenn er sagt: „ Daß so viele ausgesezte Umstände ,, sich weder vor die Majestät dieses Gottes » noch 4Z7 der Umstände. noch vor desselben Eilfertigkeit schicken.,. Die gelehrte §rau Datier bat sieb in ihrem Werckgen von den Ursachen des verderbten Geschmackes damit begnügen lassen/ daß sie diese Beschuldigung mit einer Gegen - Beschuldigung abgefertiget / und dem nachtheiligen Urtheil des Herrn La Motte das vvrtheilhafcere des Longinus entgegen gesetzet hat: Ich zweifele/ daß dieses Leuten , die nicht gewohnt sind / auf das blosse Ansehen zu gehen/ ein Genügen thun würde , daher will ich mich bemühen / etwas tiefer auf den Grund dieser Critick zu kommen / damit ich die Wahl und das Ur- - theil / so wohl Longins als Homers / die hier zusammen angegriffen worden / mit tüchtigen Gründen rette und rechtfertige. Mein Vorhaben verpflichtet mich dazu, indem es dadurch desto mehr Licht empfangen wird. Ich muß denn vor allen Dingen erinnern / daß Longinus in der neunten Abtheilung seiner Schrift aus der homerischen Beschreibung von N'eptuns Reise nur diejenigen Umstände anführet und erhebet / welche das majestätische Wesen der Gottheit des Meeres ohne einige Vermischung mit der Niedrigkeit der Sterblichen vortrefflich charakterisieren / und von der Hoheit der Gedancken des Poeten zeugen; nemlich: „ Das lange Gebürge und der Wald er- Ee 3 «bebe- 4)8 Von der Wahl „ bebeten unter den unsterblichen Füssen, „ als er einhergieng. - - Die Wallfi- „ sehe sprangen an allen Orten aus ihren „ Klüften hervor , weil sie ihren Herren „ wohl kenneten ; und das Meer ebnete „ sich vor Lust vor ihm her.,, Die Critick des französischen Kunstrichters gehet auch nicht auf diesen Theil der Beschreibung, der nach Longins eigenem Bericht einen allgemeinen Beyfall mit bestem Recht erhalten hat, sondern sie fällt auf die Um, stände, mit welchen die Zurüstung zu der Reise des Gottes Neptunus und die Ausführung derselben beschrieben wird; er siehet diese Sacken vor überflüssig an, und» hält sie vor nachtheiiig für das Ansehen des Gottes, und zu weitläuftig und langsam für die Eilfertigkeit und die Angelegenheit desselben. Ich darf wohl sagen, daß dieser Einwurff in der That nicht so gar unbegründet wäre, wenn die Rede hier nicht von einer göttlichen Person lautete, Massen Die Umstände von der Zurüstung zu einer Reise, welche von Menschen vorgenommen wird, gantz bekannt und überhaupt von einer Art sind, so daß sie nichts merkwürdiges in sich haben, auch die Erwähnung derselben eineBeschreibung nothwendig matt und langsam machen muß, weil der Leser solche ohne eine so sorgfältige Erzehlung schon zuvor weiß , und seine ungedultige B cgicrde der Umstände. 4;9 Begierde etwas neues und unbekanntes zu lesen dadurch nur unnöthiger Weise verzögert siehet. Hier aber, da die Person, deren Reise der Poet beschreibet, eine göttliche Person ist, so ist ja offenbar, daß diese Umstände nicht müssig oder überflüssig sind, sondern vielmehr überaus bequem, den Leser auf eine angenehme Weise in der Aufmercksamkeit zu behalten, nachdem unstreitig ist, daß alles, was die Götter angehet , die Aufmercksamkeit der Sterblichen wohl verdienet, wie denn diese poetisch? Beschreibung nicht änderst anzusehen ist, als eine merckwürdige und recht verwundersa- me Zeitung aus der Welt der Götter, die weder in Ansehung ihrer prächtigen und künstlichen Ausbildung, noch auch in Absicht auf das System« der heidnischen Mythologie etwas in sich hält, was der Majestät des Meer-Gottes im geringsten nachteilig seyn mögte. Daneben hat man auch nicht zu fürchten , daß desselben ungedulti- ge Eilfertigkeit den Griechen Rettung zu thun, durch diese Umstände einigermassen sollte vermindert oder unterbrochen werden. Denn man muß sich erinnern, daß die Götter alle ihre Geschäfte mit einer so behenden Schnelligkeit verrichten, daß ihnen kein Gedancke an Geschwindigkeit gleichkömmt , wie denn unser Poet durch die gantze Beschreibung überaus sorgfältig ge- E e 4 wesen, 442 Von der Wahl wesen*, den Begriff von dieser Schnelligkeit der göttlichen Reise beständig zu erneu- ren, und zu unterhalten, so das der Leser sola en niemahls aus dem Gesichte vermehren kan. Es heißt v. 17. Plötzlich stieg er den Berg hinunter, v. 18. Mit schnellen Aussen; da man niemahls vergessen muss, daß diese Schnelligkeit eine göttliche Schnel- ! ligkeit gewesen ; daher in dem zwanzigsten i v. angemercket wird, daß er mit dem vier- len Schritte zu Argen angelanget sey. Und die Pferde des Gottes nennet er v. 2z. Vogelschnell; und v. zo. sagt er: Die ^ Pferde flogen so geschwinde davon, daß die eherne Axe unterhalb nicht einmahl benetzet ward. Kurtz der Poet hatte in Beschreibung der göttlichen Verrichtungen nicht alleine aus die Schnelligkeit, womit sie vollzogen werden, zu sehen, sondern mußte eben so wohl auf die Grösse und Herrlichkeit derselben Achtung geben; nun ist es nicht möglich, diese leztere nach Würden und ausführlich zu erkennen zu geben , ohne daß die Schnelligkeit dadurch in dem Ausdrucke einigen Abbruch leide. Dre andere Art Vorstellungen , in welchen Homerus nach dem Zeugniß Lvngins vortrefflich ist, wenn es um die Wahl und Verbindung der wichtigsten und erschrecklichsten Umstände zu thun ist, sind die Beschreibungen der Stürme und Ungewittev. Die- Der Umstände. 441 Dieser angesehne Kunstlehrer führet in der zehnten Abtheilung vvr vielen andern diejenige zu einem Beyspiel an, da Hector im fünfzehnten B. der Jlias v. 624. mit der ergrimmten See verglichen wird: „Hec- tor, heißt es da, fiel unter die griechischen „ Truppen , wie wenn die See von dem „ Wind erreget und in die Höhe gezogen, „ mit Macht in ein Schiffhinunter stürtzet, „ und dieses mit Schaume gantz und gar be- decket wird, und eine gefährliche Winds- „ braut in den Segeln brauset, die Schif- „ senden zittern , und sich im Hertzen fürch- „ ten, da sie dem Tod so nahe sind. , Von dieser Beschreibung sagt Longin, Homerus habe sich beflissen , darinn alles zusammenzufassen, was ein Sturm gräßliches in sich hat, er stelle die Gefahr der Schiffenden nicht bloß ein einziges mahl vor Augen ; er zeige sie, als in einem Gemählde, wie sie alle Augenblickeauf dem Tritte stehen, von denWel- len überschwemmet zu werden, uud drücke das Bildniß der Gefahr selbst aufseineWörter und Sylben. Aratus, der diese Stelle nachgeahmet, habe dem Bildnis einen Zusatz zu geben gemeinst, welches Homer von den Schiffern macht, die auf allen Seiten den Tod vor sich sehen , da er gesagt, nur ein kleines Holtz habe den Tod von ihnen zurück gehalten. Alleine da er den Gedancken Homers auf diese Weise gesch.mncket, habe Ee s er 44r Von der Wahl er ihn niedrig und bunt gemacht, statt daß er zuvor erschrecklich gewesen wäre, und er verringere dadurch die Gefahr, und entferne sie vielmehr, als er ste vermehre und nahe herbeyführe. Denn das einzige Wort, von ihnen zurückgehalten , beruhige den zuvor fürchtenden Leser, und stelle die Schiffer in Sicherheit. Man sagt, daß Anacharsis, da er auf dem Meer gefahren. den Steuermann gefragt! habe, wie dicke wohl die Bretter des Schiffes seyn mögten ; dieser habe geantwortet , daß sie so viele Daumen hielten. Woraufjencr erwiedert habe: Wohl denn, so sind wir denn nur so viel von dem Tode entfernet. Aber auch dieses führet die Gefahr noch nicht so nahe herzu, als das Bildnis Homers. Wer mehr von dieser Mate, rie der Stürme zu lesen verlangt, mag meinen critifchen Versuch von poetischen Gemählden aufschlagen, wo in einem besondern Abschnitte weitläuftig davon gehandelt, und auch aus unfern deutschen Poeten ein paar Exempel zur Erläuterung angezogen werden. Jezo führet mich die homerische Beschreibung eines Sturmes , der nur ein kleines Schiff betroffen, auf die Beschreibung der allgemeinen Sündflut, die den Untergang des gantzen Erdbodens nach sich gezogen hat; und welche mir neue Gelegenheit geben wird, meine Lehre von der Wahl und Verbindung der 44Z der Umstände. der Umstände zu erklären. Es ist genug bekannt , wie Ovidius denselben in seinem ersten B. von den Verwandlungen beschrieben hat, und ich kan mir die Mühe sparen, seine Verse davon allhier auszuschreiben. Aber ich kan nicht Vorbeygehen, das Urtheil hier auszusetzen, welches Seneca im dritten B. seiner Fragen von der Natur der Dinge davon gefällst hat: llle poetarum, sagt er, in- AenioliNunus eArezie pro mgAnituäine rei äixit: Omnis ponlus ersnt; öeersnt cpioyne liitora ponto. nili tanNiin iinpetuin iuAenii öc msreriL gä pueriles inepliZs reäuxiäet. I^st lupus inler ove^, fnlvos vebit uncis Icones. d^on e/i res Irttis lobriu, lalcivire äevorrito orbe terrgrum. Oixit inAenriu, 6c lgntre conkuäoiü iingZiuem cepit, cuur äixit: Lxi^stista rnunt per spertos Kumins csmoos. kreNHoue iLbsnt s»b ZurZite turres. ^riInilrce Iroc, II non curavit, c^uiä oves 6c lupi kiiciäut. dlstLri autein in äiluvio 6c in illz rripiua potelk? aut uou eoäeni iinpetu pecus oinne , <^uo rapttun erut, meräiiu eil? Lon- cepilii iinsAiuem c^ugutum äebebus, obrutis Omnibus terris , coelo ipko in terrrun rucure. ?er- ker. Zcies c^uiä äeceat, il co^itaveris orbein ter- raruin 444 Von der Wahl v-irmn Dieses Urtheil des Genera, womit er des Ovidius Beschreibung der allgemeinen Flut tadelt, weil er unter die grossen und erbabenen Umstände, die vor ein so erschreckliches Schaugerichte wahrhaftig anständig sind, einige schülerhafte Einfälle ge- miscbet, könnten wir ferner mitLongins Anmerkung befestigen, daß niederträchtige und kindische Einfälle, wenn sie in einer wichtigen und nahmhaften Erzehlung oder Beschreibung miteingetragen werden,'die gantzeVor- stellung bestecken und verderben , wie wenn man bey Aufführung eines prächtigen Gebäudes neben den grossen Ouaderstücken schlechte Schiefersteine gebrauchete, wodurch es nicht nur an dem Ansehen, sondern auch an der Festigkeit Abbruch leiden mußte. Dieser Poet scheint in der That weit glücklicher das Wunderbare in den Umständen zu entdecken, als die Gemüthes - Bewegungen in ihrer Reinigkeit zu unterstützen. Aber das Ver- wundersame, das hier von der Vereinigung der Schafe, der Wölfe und der Leuen entstehet, die ihre Feindschaft in diesem gemei- nenschaftlichen und erschrecklichen Unglück auf einmahl geendiget haben, ist an diesem Orte zu angenehm , und muß nothwendig durch seine Annehmlichkeit den Eindruck einer Vorstellung, die das Gemüthe mit Schrecken erfüllen sollte, verringern, zumahl da sich keine Leidenschaft weniger im Schertze tractieren 445 der Umstände. und auf Spielwercke abführen läßt, als die Furcht. Jcb weiß zwar wohl, dass der ge. schickte Florentiner Salvini einen Theil der Beschuldigung des Scneca damit von Ovi- dius ablehnen wollen, weil das Wvrtlein Schwimmen von dem Poeten hier nicht in der Bedeutung genommen werde, da es die Bewegung anzeiget, welche lebendige Eör- per in Durchschneidung des Wassere machen, sondern in derjenigen, da das Wasser etwas hin und her treibet, wie mit todten Cörpern geschieht, und ich will ihm dieses gerne zugestehen ; alleine da es nichts wunderbares ist, daß die todten Leichnahme der Schafe und Wölfe vermischt unter einander schwimmen, und sich wohl mir einander vertragen, so hat derPvet sich genöthigtgesehen, wenn er diesen kurtzweiligen Einfall dem Gebeine nach wunderbar machen wollte, das Wort Schwimmen zu gebrauchen, welches zweydeulig ist, und von der Bewegung so wohl der lebendi, gen als der todten Cörper in dem Wasser, ja noch öfter von jenen als von diesen gesetzet wird ; der Leser mußte durch diese Zweydeutigkeit getäufchet werden, und folglich ist das Wunderbare in diesem lustigen Einfall auf einen blossen Betrug und ein Wortspiel ge- bauer. Sonst setzet der Herr Wuratori an dieser ovidiscben Beschreibung der Sündflut noch einen Umstand aus, der nach seinem Bedüncken eben so kindisch und schülerhaft 446 Von der Wahl ist, als Verschon gemeldete; wenn der Poet sagt: ttic iumms piiccm cie^rrniüc in ulmo. Ich kan auch hier nicht leugnen , daß dieser Umstand die Beschreibung von den grossen und erschrecklichen Begegnisseii/ die der Poet bis zum ryzsten v. hatte vorhergehen lassen, überall verderbt und ihren Eindruck störet. Und man kan dieses von dem gantzen Hintern Theil dieser weitläuftigen Beschreibung von der Sündfiut, der von besagtem Verse anfängt , und das Wunderbare in derselben aussetzet, überhaupt sagen, weil er alle Gefahr aus dem Gesicht entfernet, und den Leser nur mir angenehmen Bildern und Umständen aufhält, und über die erfolgte grosse Veränderung in Verwunderung setzet. Wenn man also demPoeten dasVorhaben zuschreibet , daß er mit diesen Bildern das Schreien habe vermehren wollen , kan ich keinen Umweg nehmen, diese gantze angehängteBe- schreibung, die von so wunderbaren Dingen bestehet, zu verwerffen, und in dieses verfäl- lende Urtheil zugleich alle diejenigen zu be- greiffen, die steh in ihren Beschreibungen der Stürme verweilen, dergleichen seltsame Betrachtungen auf eine so unbedachtsame Weise anzustellen. Aber wenn man diese Beschreibung von dem Wunderbaren in der Sünd- 447 der Umstände. Sündflut lieber nach der besondern Absicht des Poeten betrachten, und erwegen will, daß sein Hauptzweck in diesen Gedichten von den Verwandlungen war, den Leser mit dek Erzehlung der seltsamsten Veränderungen der Gestalten und Arten in eine angenehme Erstürmung zu setzen , so kan ich nicht finde» , daß diese Beschreibung des Wunderbaren ungeschickter oder unglücklicher, als die Beschreibung des Grossen und Erschrecklichen, ausgeführet sey. Was absonderlich den Umstand in dem Verse, lchc iumMgpilcemäepi-en- äit in ulmn, anbelanget, so streitet derselbe nicht mit der Wahrheit, indem mancher Hmeciilu- vi-inns, der sich an den Zweigen eines Baumes noch fest halten wollen, von ungefehr mit dem Aste einen Fisch angefasset haben mag. Wenn also der Italienische Criticus den Poeten zum Gelächter zu machen , von ihm schreibet, er habe die ersaufenden Leute vorgestellet, als ob sie auf den Bäumen haben fischen wollen, so ist dieses von dem Censor und nicht von dem Poeten wahr. Hora- tius hatte in der zweyten Ode des ersten B. eben die Absicht, welche Ovidius hier gehabt hatte,nemlich dasWunderbare in derSünd- fiut vorzustellen, und er bedienete sich auch eben desselben Bildnisses: ^errnit ßentes, ßrrve ne rciUret Zcculum kyrrtne, nov» moolirs ^usettse, Omne 448 Von der Wahl Omne c^uum krotcus pecus exit sltos Viscre muiitc8: kilcium L summa xcnur u>mv: Koks H»se tecies sucrat collmioi^ : Lk tu^erjeüo ^Lviciv nstsrunt ^cc^uore cism?:. Daß in der That Horatius einerley Absicht mit Ovidius gehabt habe, geben die 26 orte, äLLulum ?vrrinL Nova moniira ^UL'- ÜL, klar genug zu verstehen. Und ich habe kein Bedrucken auf diesen Grund den Einfall in dem französischen Gedichte des Hrn. Sainr-Amand von dem geretteten Moses zu entschuldigen, da er in Beschreibung des Durchzuges durch das rothe Meer den wunderbaren Umstand bemercket: Lt la, pre8 cles remparcs ^ue I'oeil pent trsnsjrercer, I,es ^oiüons eUadis ies rezarcient ^süer. Was die Wahrscheinlichkeit dieses Um- standes anbetrifft, so ist er auf einen Be, trug der Sinne und der Phantasie gegründet; und er dienet im übrigen nicht wenig, die Grösse dieses Wunderwerckes zu erheben. Es ist so viel gesagt, als: Es schien als wenn die Fische selbst diesem Durcbzug mit Erstaunen zugesehen hatten. Das Lächerliche und Comische, welches Boileau in der sechßten kritischen Betrachtung darinnen zu finden vermeint hat, liegt bloß 449 der Umstände. in seiner Critick, wenn er sagt: „ Es scheint, „ die Fische hatten Fenster gemietet, das „ hebräische Volck durchmarfchiercu zu se- hen. „ Des Poeten Einfall wird durch diesen Ausdruck gäntzlich verkleidet. Obiges erinnert mich einer Stelle aus dem alten Geschichtschreiber Theopvmpus, welche Longinus in der drey und vienig- sten Abtheilung zu dem Ende angeführet hat, damit er zeigete, wie sehr niedrige und schlechte Wörter das Erhabene ver- unehren. Dieselbe dienet vortrefflich, diesen Satz des besagten Kunsilehrers zu erläutern , weil sie aus einem Gefchichtschrei. der genommen ist. Ein solcher erfindet die Umstände seiner Erzehlung nicht nach seinem Gefallen, sondern bauet sie auf die Wahrheit, und muß anderntheils eben darum , weil ihm die Wahl der Umstände nicht frey stehet 7- desto sorgfältiger seyn, die schlechten Umstände durch die Schönheit und Herrlichkeit des Ausdruckes zu erhöhen , und die widrigen künstlich zu verbergen. Alleine wenn wir auch setzeten, daß Theopompus ein Poet gewesen wäre, oder sich in dieser Beschreibung eine poetische Freyheit herausgenommen, und die Umstände selber erdichtet hätte, so giebt eben dieses Exempel klar und deutlich zu erkennen, wie die Einmischung kleiner Umstände eine sonst prächtige Erzehlung verunehre und ver, Ff derbe. 450 Von der Wahl Derbe. Aus dieser Ursache wird man mit vergönnen, daß ich die gantze Stelle mit Longins Anmerkungen darüber allhier ausschreibe. „ Wenn Theopompus die Landung „ der Persen in Egypten beschreiben will, „ sagt er: Welche >Ltadt / oder welches „ Volck in gantz Wen chat nicht Gesandten „ zum König abgeschickt? Kan man was „ kostbares oder was schönes nennen, es sey nun von der Natur, oder Kunst her- „ vorgebracht, womit er nicht beschencket „ worden? Sind nicht die Decken und „ Kleider an Zahl und Werth unendlich „ gewesen? einige weiß, andere purpur, und „ noch andere bunt gefärbt. Was für ei- „ ne Menge von vergüteten Zelten, mit „ allen Nothwendigkeiten versehen? Wie „ viele Röcke und prächtige Bette? Wie „ viel getrieben Silber, und künstlich aus- ,, gearbeitetes Gold , auch Becher, und „ Schalen? von denen einige mit Edelstei- „ nen versetzet, andere sehr zierlich gearbei- tet waren. Ueberdem, unzehlich viel tau- „ send Stück Waffen, theils von griechi- „ scher, theils von ausländischer Art; nebst einer unglaublichen Menge Lastthiere, und „ allerhand Vieh zum Schlachten. Hier- ,> nächst gantze Scheffel mit Gewürtze, nicht „weniger Kisten, Säcke, gantze Ballen „ Papier, und anderes Hausgeräthe. End, lich, so viel eingesaltzen Kteisch von aller- .. Hand der Umstände. 451 „ Hand Thieren, dergestalt über einander gehäuft, daß es die Ankommenden von „ weiten vor Hügel und zusammengetrage- ne Schober ansahen. „ Von dem Erhabensten verfällt er aufs „ Allerniedrigste, eben da er sich erst recht „ in die Höhe heben sollte; er bringet Ge- « würtze, Kisten und Säcke unter jene präch- „ tige Beschreibung des ganßen Vorrarhs, „ als ob er dem Leser eine Küche vorwählen „ wollte. „ Denn wie es schleckt aussehen würde, „ wenn jemand würcklich neben solchen Kost- „ barkeiten, zwischen güldene mit Edelsteinen „ versezte Sckalen, zwischen getrieben Sil- „ bepwerck, zwischen gantz vergüldete Zelten „ und Gefäffe, in die Mitte Kisten und Sa- „ ke, zur Schau hinstellete; eben so sind diese „ Nahmen der Vorstellung unanständig, und gleichsam ein Brandmahl, weil ste zurUn- „ zeit angebracht worden. Er durfte nur über- „ Haupt diejenigen Dinge berühren, von de- „ nen er vorgiebt, daß man sie für Hügel gehalten, die andern Anstalten aber ein we- „ nig herumdrehen, und sich also ausdrücken : ,, Es wurden auf vielen Cameelen und Last- „ thieren allerhand Sacken herbeygeführet, „ welche zum Genuß und zur ErgetzlichkeiL „ vor die Tafel gehöreten. Oder er konnte ,, solches benennen: Haussen von unterschied ,, denen Früchten, und desjenigen insgesamt, §f - was 452 Von der Wahl „ was zur Anrichtung der Speisen und zum „ Wohlschmecken dienet. Oder wenn ja al- „ les, wie erwill, genau beschrieben seyn muß, „ so wäre es sehr gut gesagt: Was nur ir- „ gend dieTafelbedienten undKüchenmeister „ schmackhaftes oder niedliches aussinnen konnten. Denn man muß von grossen Sa- „ chen niemahls aufgeringe nichtswürdige „ Dinge verfallen,wo uns nicht eine dringende „ Noth dazu treibet. Wir müssen vielmehr „ Ausdrückungen suchen, die mit der Würde „ unsers Vorhabens übereinkommen, und „ hierinnen des Menschen Zeugemutter die ,, Natur nachahmen, welche bey uns diejeni- „ gen Theile, soman nichtwohl nennen darf, „ nebst dem Abflusse des gantzen Gebäudes, ,, den Augen nicht bloß stellen wollen, son- .. dern so viel als möglich verstecket, und mit „ demA'enophon zureden, dieseGänge sehr „ weitabgeleitethat, damitdievölligeSchön« „ heit des gantzen Wesens nicht verdorben „ würde.,, SoweitgehetTheopompusBe- schreibung mit Longins kritischen Beurthei-- lung, wozu ich nur dieses wenige hinzufü» gen will; wenn man voraussetzet, daß daS Vorhaben eines Verfassers sey, zu schreiben , mit was vor einer Art so wohl die Geringen als die Grossen einem König ihre Ergebenheit bezeuget haben, so stehet derselbe, er mag nun ein Poet oder ein Geschichtschreiber seyn , in der Verpflichtung, der Umstände. 45z die Geschencke der Geringern, die allen ihren Werth von dem ehrfurcbtvollen Gemüthe der Geber empfangen, in einem solchen Lichte und Vortheil vorzustellen, damit ihre Geringheit und Niedrigkeit nicht in das Auge falle, und die Pracht der Erzehlung verderbe. Der eckle französische Criticus La Motte war weit entfernet, Homer das Lob einzuräumen , welches ihm Longinus wegen der glücklichen Wahl der Umstände beygeleget hat. Er kan Homer zwar in seiner Schrift von diesem Poeten, wo er die Beschaffenheit der Beschreibungen desselben in einem eigenen Abschnitte untersuchet hat, den Ruhm eines vortrefflichen Mahlers, nicht nehmen , sondern sieht sich gezwungen ihm den Nachklang, den er hierinnfalls erhalten hat, einzuräumen; Er ziehet auch etliche Exempel an, welche nach seinem Ge- ständniß alles des Lobes werth sind, das Homer beygeleget worden, nemlich die Beschreibung des Kampfes Achilles mit dem Lanthus, die feyrlichen Spiele bey dem Leichen - Begängniß des Patroclus , und einige andere Gemählde, so in den Zwi- schengesängen stehen : Dennoch konnte er seine eyfersüchtige Tadelsucht, die er so vielmahl verrathen, auch da nicht bezaumen, derowegen er dieses Lob alsobald mit dem Zusatz verbittert , daß Homer nicht alle Ffz Ge- 454 Von der Wahl Gemählde so gut gerathen seyn , daß er gemeiniglich in allzu grosse Weitläuftigkeit verfalle , und daß seine Gemählde wegen allzu vieler Kleinigkeiten seicht und matt werden. Er beruft sich zu Bescbützung seines dreisten Ausspruches auf drey verschiedene Gattungen der Beschreibungen Homers, nemlich der Reifen der Götter, der Schilde seiner Helden, und der anatomischen Verwundungen. Was die erste Gattung dieser Beschreibungen anbetrift, so hat mir schon oben der Ruhm , den Lvnginus Homers Vorstellungen der göttlichen Personen beyleget, Gelegenheit an die Hand gegeben , davon zu handeln , weil La Motte zum Behuf seines ungleichen Urtheiles von denselben eben die Reise des Neptunus angezogen hat; daß demnach nicht nöthig ist , ein mehrers davon an diesem Orte zu sagen. Was die Beschreibungen der Schilde sind , so setzet La Motte an denselben aus, daß Homer sich nicht begnügen lasse , die Materie und die Form derselben überhaupt zu beschreiben, sondern daß er alle ihre Theile von einem Stücke zum andern abschildere, und gleichsam ein Inventarium davon mache; und da muß ich insgemeine erinnern, daß kleine und absonderliche Umstände öfters dienen, eine Beschreibung aus einander zu setzen, den Werth einer Sache zu erhöhen, und in das rechte Licht zu stellen, schier auf die Weise, wie die 475 der Umstände. die Schminck-Pflastergen dienen, dieweisse Farbe der Haut zu erheben. Darum hat auch Aristoteles schon Homer zum Ruhme angemercket, daß er darinnen vortrefflich gewesen sey / indem er die kleinsten Umstände in den Sachen, den Handlungen und den Sitten, auf eine solche Weise beschrieben habe , daß die Leser meineten sie säben solche würcklich vor Augen. Womit die Frau Datier übereinstimmt, wenn sie sagt; „ Wahr- „ hastig Homer giebt sich eben in denen klei- „ nen Dingen als den grösten Mahler zu er- „ kennen , denn er stellt sie mit einem so vor- „ trefflichen Ansetzn und einer solchen Fertig- „ keit vor, daß man es den Triumpf der ,, Poesie nennen kan. Der Poet macht sich ,, nicht verdrießlich, welcher auf eine treffli- „ che und lebhafte Weise kleine Sachensagt, „ sondern derjenige, der wichtige Dinge matt „ und niederig sagt.,, Daneben braucht eS auch viel mehr Kunst dazu, wenn man kleine Dinge mit der gehörigen Erhabenheit vorlegen soll , als eine Sache nur überhin zu beschreiben. Wozu noch kömmt, daß die so vollständige Beschreibungen der Schilde bey Homer nicht alleine dienen, den Werth derselben zu erhöhen, sondern auch an dem Orte, wo sie sieben, nothwendig sind, die strengen Leidenschaften, wodurch das Gemüthe deck Lesers abgemattet worden, durch eine geschickte Veränderung der Eindrücke einiger- F f 4 Massen 456 Von der Wahl müssen zu besänftigen , und auf eine ange- nebme Weise zu massigen. Was endlich die V e'chretbungen der Verwundungen anbelanget , so finde ich die Arbeit solche zu ver- Ibeidigen, in denen vortrefflichen Betrachtungen , welche der Cngellandische Poet und Kunstlichter Pope über die Gefechte in der Ilias ergeben lassen, schon vollführet. Der ! aufmerck.ame Leser wird da bald wahrnehmen , daß des französischen Tadlers Ecket ! nur von einem verderbten Geschmacke herge- rühret , und daß eben dasjenige , was er des Tadels würdig geachtet hatte, ein beson- ! deres Lob verdienet. Ich will eine einzige Stelle, die vornehmlich hieher gehöret, ausschreiben : Homer, sagt er, beobachtet „ auch in den Verwundungen seiner Strei- „ ter eine wunderbare Verschiedenheit. Er „ verwundet sie nicht, wie andere Poeten „ thun, an gewöhnlichen Oertern : Das « Hertz und dasHaupt sind die einzigenOer- » ter, nach welchen sie zielen, weil sie die „ Anatomie nicht verstehen, und sie schlagen „ oft Wunden, welche nirgend als in ihren » Köpfen tödlich sind. Da in einem Gefech- „ te der gantze Leib in Gefahr stehet, so ist ,, nothwendig, daß einer, der Gefechte be- » schreiben will, eine genaue Wissenschaft » von seinem Bau habe; es ist wahr, der » Poet ist kein Anatomicus, aber er ist ein Mahler. Nun muß ein Mahler die Lage der 477 der Umstände. ^ der Tbeike des Leibes genau kennen, damit „ er nackende Leute mahlen könne, wiewohl „ er nickt verbunden ist , alle Mäuschen und „ alle Gefäffe so sorgfältig zu bezeichnen, wie „ in einem anatomischen Wercke. „ Wer überhaupt betrachtet, daß die Sa, chen ordentlicher Weise uns nickt rühren, wenn der Geist sich nicht eine Zeitlang dabey verweilet, und wenn sie ihm nicht in verschiedenem Lichte vorgeleget werden, der wird sich allemahl in die Beschreibung der kleinern Theile so weit hineinlassen , als es die Hoheit und Würde desWerckes erlaubet. Und es ist offenbar, daß die beständige Beobachtung dieser Regel die Wercke des Homerus überhaupt so einnehmend und unmuthig gemacht habe. La Motte selbst hat uns davon die starckeste Probe wider seinen Willen an die Hand gegeben. Sein übersetzter Homer, den er durch die sorgfältige Vermeidung der kleinen und ausführlichen Beschreibungen auf die Helfte verkürtzet hat, ist dadurch einem Schattenbilde gleich geworden, welches nicht mehrere Anmuth hat, als ein Schatten neben den Leib gestellet. Wer sich nur bemühen will, eine solche Stelle in beyden Poeten , dem griechischen und dem französischen , aufzuschlagen, wird sich hievon aus der ungleichen Würckung, so sie auf sein Gemüthe thun werden, bald überzeugen können. Ich will mich begnügen lassen, eben Ff 5 dieses 4^8 Von der Wahl dieses mit einem einheimischen Exempel empfindlich zu machen. Postel hat die Begeg- Nissen Ulysses von seinem Schiffbruch an, biß zu seiner Ankunft an dem Hofe des Königes Alcinous gegen dem Ende des vierten und in dem fünften B. dergestalt wiederholet, daß er nur in der Art zu erzehlen, und der Ausführung der kleinern Umstände von dem Original abgewichen ist. Es ist für ihn rühmlich, wenn wir setzen, daß er in diesem Stücke seines Gedichtes vorgehabt, sich mit dem griechischen Poeten in einen Wettstreit einzulassen, aber es ist für ihn eben so gefährlich. Ich will seinen Witteki'nd alleine in denen ersten Minuten betrachten, die von seiner Errettung aus den Wellen bis zu seinem Schlaffe auf dem Gestade verflossen. Der Leser sah ihn zwar sezo auf trockenem Lande, aber die Entkräftung desselben durch die ausgestandene Arbeit und seine Erkaltung in den Wellen, halten ihn noch immer für sein Leben und Gesundheit besorget. Ueber- dieß hat er seinetwegen die Seeluft, die einbrechende Nacht, die wilden Thiere, und die unbekannten Einwohner zu befürchten. Auf diese Sachen mußte der Poet seine nacb> sie Absicht richten, und in der Wahl der Umstände eben diese vor Augen haben. Er sagk: Als er nun gan^ verlassest Von allen Kräften lag, und keinen Rath zu fassen der Umstände. 459 Hier wuss in fremder Welt; redt' er sich selber an, Und sprach: Nun Wittekind, zeig izt, was Großmuth kan Dom Königsstuhl gestür t, verjaget aus dem Lande, Verarmet durch die See, in einem lo chen Stande, Darinn kein Mensch dich kennt, beraubt von allem Gut, Von Freunden, ja, ach weh, vomfeztcii Tropfen Blut, Von meinem ein'gen Sohn ! Verhängniß, sag', ach sage, Ist noch ein übrigs da? Ist auch noch eine P age, Die mich nicht troffen hat f Ich weiß, du sagest nein. Wo soll denn endlich noch mein's Elends Ende sepn? Als er so seuftete; sah er nicht ferne grünen Ein niedriges Gesträuch, deß er sich zu bedienen Aur Ruh erwablete, es trug ihn kaum so weit Sein abgematt'ter Fuß , da fiel aus Müdigkeit Der nasse Leib daselbst in das Gebüsche nieder, Er deckete mit Laub die gantz erkalten Glieder, Und schloß der Augen Licht vor lauter Trauren zu, Bis daß der Schlafihn bracht'aus Mitleid in die Ruh'. DieKlageWittekinds ist so verzagt/ so rath- loß, und hülfloß/ daß der Held darüber gar verschwindet. Wir verliehren ihn aus dem Gesichte, und zugleich die Sorge für seine Erhaltung / nachdem er sich selber verlohren hat. Und mit der weibischen Klage reimt sich der schülerische Ausdruck: Beraubt von allem Gut, Von Freunden, ja, ach weh, vom lezten Tropfen Blut; Don meinem eignen Sohn! Verhängniß, sag, ach sage, Ist noch ein übrigs da? .... - Ich weiß, du sagest nein. Wenn 'jezo der Poet selbst redet / so scheinet er eben so sehr von sich selbst entaussert, und eben 46s Von der Wahl eben so unberathen. Diese Zeilen zeigen uns weder den Ort, wohin sieb Wittekind an dem Gestade begeben, nocb die Art, wie er sich da behalfen habe. Das niedrige Gesträuche stellet ihn nicht genug sicher vor dem Anlauffe der Wellen, vor wilden Thieren, und Menschen. Wir sehen nicht, wo in - dem Gesträuche das Laub in solchem Ueber- stuß hergekommen sey, daß es ihn bedecken und vor der strengen Luft verwahren mögen. Wir finden wenig Vorsicht bey ihm, er leidet mehr, als er thut, und seine Erhaltung kömmt von dem blossen Zufall. Auf diesem ist alle Wahrscheinlichkeit derselben gegründet, welches aber unsere Sorge für ihn weder unterhält noch vergnüget. Wenn wir Homers Ulyssen dagegen in einem gleichmäs- ^ sigen Zustande betrachten, so werden wir auf gantz andere Weise gerühret, und Postels > Erzehlung ist davon kaum ein übelgerathener Auszug zu nennen, wo man noch einige zer- ! tretene Fußtapfen von dem Originale ver- spühret. So bald Ulysses sich auf den Binsen ! im Trockenen befunden, küssete er das Land; ein kleiner Umstand, der uns doch das Hertz ^ desselben ausschließt; und sagte seufzend-zu ^ sich selbst:,, O ihr Götter, was habe ich „ noch zu leiden l Was wird noch mit mir „ werden l Bringe ich die Nacht an dem « Flusse zu, so wird mich die kalte Nacht, „ oder der ungesunde Morgenthau, des ge- ringen der Umstände. 461 „ ringen Athems, der noch in meiner Brust „ lebet, berauben; gehe ich dorthin auf den „ Hügel, und entschlaffe unter den dichten „ Bäumen in dem Schatten, so ferne meine „ Erkaltung und Müdigkeit solches zugiebt, „ so furchte ich, daß mich die wilden Thie- „ re angreiffen und zerreissen. „ Das sind die ersten Gedancken eines ausgeschwomme- nen Schiffbrüchigen, der die Sorge für sich selbst nicht abgeleget hat, und auch uns damit einnimmt. „ Das leztere dünckere „ chn doch das beste. Er gieng auf den „ Hügel, und fand daß dieser nahe an dem Wasser in einer offenen Gegend gelegen „ war. Daselbst zog er sich unter zween „ Olivbäume , welche neben einander ge- „ wachsen waren. Einer war wild, der „ andere zahm; niemahls drang der feuch- ,, te Hauch der Winde bis zu ihrem Stam- ,, me; niemahls verletzete sie die Sonne mit ihren brennenden Strahlen ; der Re- „ gen schlug niemahls biß zu ihnen hin- „ durch, so dicht waren sie beyde durch ,, einander gewachsen. Unter dieselben zog ,, sich Ulysses, und sammelte alfobald mit « seinen Handen ein geraumes Bette von ,, Laub und Blutern , welche daselbst in solchem Ueberfluß zerstreuet lagen, daß zween oder drey Männer mitten in dem ,, herben Winter darunter beschirmet ge- wesen wären. Ulysses sah dieses Lager » an, 462 Von der Wahl „ an, und freuete sich in seinem leidenden ,, Hertzen. Er legete sich gemächlich hin- : ein, und raffele oberhalb eine gute Decke „ von Laub zusammen. „ Hierauf bildet der Poet diese vorsichtige Sorgfalt Ulysses , seine erkalteten Glieder zu erwärmen, mit dem überaus geschickten Gleichniß von einem Brändling unter der Asche, welches ^ ich an einem andern Orte angeführet habe, ^ vor Augen , und füget dann noch dieses j hinzu: „ Minerva senckete ihm den Schlaf ' „ in die Augen, damit er von der ausge- ' „ standenen schweren Müh und Arbeit aus- ^ „ ruhere, und seine Augbraunen wurden mit ^ „ Dunckelheit umgeben.Keiner von diesen Umständen ist uns gleichgültig; die Erfindung der Zusammengewachsenen Oelbäu- me , ihr Schirm vor Sonne, Luft, und Wetter, das häufige Laub, Ulysses Hin- einliegen, und das Zusammenraffen einer O- berdecke, machen auf einmahl die Erzeh- lung wahrscheinlich , indem sie uns die Möglichkeit und Art seiner Erhaltung erklären , und erfreuen uns zugleich, da sie unsre Hoffnung Ulysses völlig gerettet uud erquicket zu sehen, so sorgfältig befriedigen. Sie bringen uns gäntzlich an den Ort, wo Ulysses war, den sie uns von allen Seiten vor Augen legen, wir bemüben uns mit ihm, und empfinden von diesen Sachen denselben Eindruck, den er empfunden 46) der Umstände.^ hat. Alles dieses haben wir der Wahl der ausführlichen Umstände zu dancken , die mit der Absicht so wohl übereinstimmt. Wie matt und mager ist hingegen Postel in seinen Umständen, wie flüchtig ist daher der Eindruck derselben! Der lezce Umstand, den Homer anmercket, wenn er saget, Minerva habe Ulyffen den Schlaf in die Augen gesencket, beruhiget unsere Sorge für den Helden vollends, und sencket uns gleichsam mit ihm in einen sichern Schlaf, indem er uns diese Schutzgöttin vor das Gesichte bringet, welche denselben unsichtbarer Weise begleitete; da Postels Ausdruck, Bis daß der Schlaf ihn bracht aus Mitleid in die Ruh; nichts mehr als eine Figur ist, welche niemand nach dem Buchstaben verstehet. Der Herr Heinecken hat uns in seiner Untersuchung vom Erhabenen ein Exempel aus Herren Königs Gedichte auf das hohe Beylager seiner Excel!, des Hrn. von Brüht vorgeleget, welches ich an diesem Orte nicht mit Stillschweigen Vorbeygehen darf, weil er eben damit die Wahl und Verbindung der Umstände nach Longins Lehrsätze als das vornehmste Mittel zum Erhabenen anbefehlen will. Der blinde Liebesgott wird da beschrieben, als Ein Meister im Betrug, leichstnnig im Versprechen, Der allzeit fertig ist, den ersten Bund zu brechen; - Auch 464 Von der Wahl Auch, als ein schleichender, mitFleiß verstellter Feind, Uns in sein Netze zieht, geschwinder als man meint, Und,wan er uns berückt, sein schmeicheln u.scin Scherzen Mit nichts alsUngedult,mit pochcn.Murren,Schmerzen Mit Weinen,Klagen, Zanck.mit Qual u. Seufzen würzt; Selbst aus dcmAbgrund steigtnind in den Abgrund stürzt Was ihm am liebsten war. Nie mit sich selbstzufrieden, In allem, aber nicht im Wechseln zu ermüden, Im Eyfer ungezaumt, erpicht auf Hinterlist, Undkurtz,von der Vernunft ein Erz-Erb-Todfeindist. Ueber diese Zeilen giebet uns der Ueberfe- jer Longins sein Urtheil in folgender Lobrede zu vernehmen : „ Der Verfasser sam- „ melk hier alles, wodurch er sein Vor- „ haben am stärcksien ausdrücken kan; er „ verbindet solches genau mit einander, „ und machet aus allem nur ein Bild: Kurtz, er hat hierinnen das Erhabene „ würcklich erreichet. „ Nach meinem Urtheil verdienet diese Vorstellung der unächten Liebe das Lob einer sebr geschickten Erweiterung , der Poet wollte die Untreue und denWanckelmuth derselben ausdrücken , und dieses thut er mittelst einer Aussetzung und Zusammenhaufung derjenigen Würckungen und Umstände, welche diese betrügliche Falscbbeit offenbahren. Er> sagt: „ Die Liebe ist voll Verrug; sie ist im ver- der Umstände. 46? „ Versprechen leichtsinnig / und macht sich „ wenig Bedrucken ihr Gelübde zu brechen; „ sie weiß uns durch ihre künstliche Versiel- „ lungen und Reitzungen eher, alsmansichs ^ versiehet/ in ihr Garn zu ziehen/ und wenn „ sie uns bcthöret hat / so verwandelt sich „ ihr Schmeicheln und Schertzen in Unge- „ dult / Schmertzen / Weinen / LZual und „ Seufzen ; wie sie ihren Ursprung aus dem „ Abgrund hat / also stürtzet sie auch ihre ,, Liebhaber in denselben : Sie ist mit sich „ selbst nie zufrieden / in allen andern Din- „ gen bald / aber in dem Wechseln niemahls „ müde; im Eyfer ist sie gantz ungezaumt, ,, und allezeit auf Hinterlist bedacht; mit ei- „ nem Wort/ ein abgesagter Feind von der „ Vernunft. „ Wenn aber gleich dieser Character der Wanckelmuth der Liebe wohl getroffen / und natürlich ausgedrücket ist / ss kan man doch weder in Absicht auf die Materie noch in Absicht auf den Ausdruck sagen, daß er eine Probe von dem Erhabenen abgebe ; wenn Hr. Heinecken dieses behaupten wollte / so müßte er alles dasjenige vor erhaben wollen angesehen wissen / was nicht unglücklich und nicht unnatürlich ist. Nach diesem Begriffe aber würde die Kunst des Erhabenen nicht so was schweres und seltenes seyn, wieLonginusdavorgehaltenhat, und dielezte Abtheilung der Schrift dieses Kunstlehrers würde gantz überflüssig seyn. Gg Der 466 Bonden Charactem, Der dreyzehnte Abschn-tt. Von den Charactern, Reden und Gemüthes- Gedancken, oder Sprüchen. (^Er Mensch ist der vornehmste Gegenstand derPoe- sie, auf welchen sich alle andern beziehen. Der Grund seiner mcrckwürdigsten Handlungen findet sich in der Vermischung seiner Gemüthes - Neigungen. Die poetische Kunst erzehlt den Gcmüthesstand ihrer Per- souen nicht bloß auf eine historische Weise, sondern wie er sich nach ihrem Character in ihren Reden und Handlungen offenbaret. Wie nothwendig es sey daß der Poet die Gemüthes - Character der Menschen kenne. Erklärung . was die Sitten und Gemüthes-Character seyn. Üngemeine Verschiedenheit, welche man in den Charactem Homers wahrnimmt. Virgils Mangel in diesem Stücke. Merckmcchl eines geschickt-ausgedrückten Characcers. Die Reden und Handlungen müssen ihren Grund in demselben haben. Ein Characrer muß siandcsmäffig seyn. Wie der Stand eines Menschen seinen Character auf verschiedene Weise aus einander leget. Er muß ähnlich seyn. Vorzug derer Character, die nicht allzu außerordentlich sind. Nachtheil der allzu gemeinen. Ein Character muß sich selber gleich seyn. An- merckung daß alle Handlungen einer Person mit der Haupt-Summe des Characters, und nicht bloß einer Eigenschaft desselben zutreffen müssen. Kunstgriff wie die poetischen Character über die gewöhnlichen erhoben werden können. Aristoteles Regel darüber , mit Datiert Anmerckung. Die Reden findet Reden und Sprüchen. 467 der Erfolg und die Hinteisatze der Charakter. Es ist genug , wenn sie eine Verhältniß-Wahrheit haben , d. i. wenn sie in Beziehung auf die Personen der Redenden wahr sind. Homers Vortrefflich- kcit in orsiionibu-. moratis. Virgils Mangel in diesem Stücke. Vertheidigung deren Reden, die Heiner den Streitenden zuschreibt. Rettung derjenigen, die an Pferde, und an Verstorbene gerichtet sind. Die Gemüthes - Meinungen oder Sprüche der Personen sind Stücke ihrer Reden. Unterschied zwischen gemeinen Wahrheiten und solchen charactennassgen Sprüchen. Vorzug Homers über Virgil, was diese anbelanget. Longins Erhebung eines Spruchs, den Homer dem Ajax in einer plötzlich engrandcuen Dunkelheit zuschreibet. (7>Je Geheimnisse der poetischen Nachah- ^ mung , die ich bisdahin ausführlich und ohne eigennützigen Vorbehalt offenbaret habe , haben jegliches seine eigene und vortreffliche Kraft, womit ihr Werth sich denen, die es in dieser Kunst hoch bringen wollen, anpreiset: Mithin habe ich noch einen Kunstgriff derselben unberührt gelassen , bey dessen Ermangelung oder Versaumung den andern ein Grosses an Vollkommenheit abgeben würde, weil dieser der Poesie unlaugbar die meiste Kraft zur Bewegung der Gemüther mittheilet. Und eben deßwegen habe ich ihn verspüret, damit ich ihm seiner Wichtigkeit gemäß einen besondern Abschnitt wiedmete, wo ick ihn absonderlich und mit dem besten Fleiffe ausführere. Gg 2 Der 468 Von den Charactem, Der vernünftige mit Verstand undWeiß, heit begabete Mensch ist ohne Streit das wichtigste Stück der göttlichen Schöpfung, mästen alle übrige Sachen gleichsam nur ihm zum Dienst und Nutzen erschaffen worden. Da nun die Poesie eine geschickte Nachahmung der Schöpfung ist, so ist demnach eben derselbe der vornehmste Gegenstand, mit welchem die poetische Kunst beschäftiget ist. Diese betrachtet den Menschen nicht bloß überhaupt und nach seiner unveränderlichen Natur, nach welcher die Menschen alle nur derZahl nach von einander unterschieden sind; denn auf diese Weise könnte der Poet die Personen, die er ausführet, nicht änderst als dem Nahmen nach unterscheiden : Sondern sie stellet sich denselben so vor, wie er nach dem verschiedenen Zustande des Gemüthes, und der mannigfaltigen Vermischung der Regungen und Begierden, wie auch nach der unendlichen Verschiedenheit der äußerlichen Umstände beschaffen ist ; welches die Sachen sind, wovon die so grosse Ungleich, heit der menschlichen Gedancken und Entschlüsse , die sich in Reden und Handlungen offenbaret, einzig und alleine herrühret. formst cnim testurs x>ruis nos intu» sä omnen» forlunsrum Usbitum : juvst sut impellit sä irsm; A,ut sä kumum mocrorc Zrsvi äeäucit ck snziti kok e§crt »niw» motu« »nterzrrete Nnxus. Die Reden und Sprüchen. 469 Die Menschen werden nicht Meine durch die Vernunft geleitet , sondern sie folgen mebreremahl und gemeiniglich dem Trieb ihrer Neigungen. Diese sind dem Menschen so natürlich worden, und haben in seinem Hertzen so tief gewurtzelt, daß die Vernunft selbst mit ihren heilsamen Erinnerungen weit dahinten stehen muß, wenn sie die Affekte nicht ihren Absichten gemäß einnehmen kan. Und wenn man betrachtet, daß die Menschen ohne die Neigungen in eine verdrüßliche und unschlüssige Unthätigkeit verfallen würden, wird man sich nicht verwundern , daß sie dieselben mit so vielem Fleiße zu unterhalten und zu ernehren trachten. Daher kömmt auch, daß der Grund der merckwürdigsten menschlichen Handlungen in der ungleichen Vermischung der Gemüthes - Neigungen zu suchen ist, welche durch die äußerlichen Umstände aufgebracht, und gantz verschiedentlich aus einander gese- zet werden. Indessen hat die poetische Kunst der Nachahmung in der Vorstellung des Menschen einen gantz besondern und vortheilhaf- tigen Weg genommen, sie giebt sich damit nicht zufrieden, daß sie seine Neigungen nur erzehle/ sondern sie leget dieselben vor Augen , damit ihr Merck desto mehr Leben und desto mehr Bewegung bekomme. Und also bestehet das Geheimniß der Poesie, Gg Z von 472 Von den Charactern, von welchem ich gegenwärtig handeln will, darinnen, daß sie den verschiedenen Gemüthes - Zustand nicht bloß hisiorisch beschreibet und erzehlet, sondern die Personen wi rcklich auf den Schauplatz bringet, und ihnen solche Reden und Handlungen beyleget, wie es der Gemüthes - Charac- ter, der ihnen angedichtet wird, und die Imstande, in welche sie der Poet nach seinem belieben geletzet hat, ersodcrn. Denn «s ist ein gewisser Unterschied zwischen diesen beyden Sachen, da der Inhalt einer Rede erzehlet, oder da die Rede selbst jemanden in den Mund geleget wird. Der Poer würde die Gemüthes - Gedaneken seiner Personen durch das einsaitige Erzehlen nur frostig machen, die starekgez'eichneten Züge und die Heftigkeit werden verschwinden ; wenn ich hingegen die Person selber vernehme, und so zu sagen, die Leidenschaft von der ersten Hand empfange, so nehme ich dieselbe alsobald an mich, ich theile sie mit ihm, die Anreden und andere Figuren hintergehen mich, ich werde aus einem Leser ein Zuseher, ich vergesse den Poecen, und ich sebe, ich höre alleine, die Person, die er einführet, und der er etwas zu reden giebt. Darum ist der dramatische Theil der Poesie auch der vornehmste und beweg- lie! sie , weil er die vollkommenste Art der Nachahmung ist. Die Reden und Sprüchen. 471 Die Poesie ist demnach gröstentheils eine Nachahmung der menschlichen Handlungen ; wie diese von den Gedancken, Sitten, und Neigungen der Menschen herrühren: denn in einer Handlung ist nichtsjalS die Sitten und die Gedancken, welche sie charakterisieren, und von allen andern unterscheiden können. Die Sitten formieren solche, und die Gedancken erklären sie und geben zu erkennen , was sie vor Ursachen und Beweggründe gehabt habe. Vermöge dessen muß der Poet, welcher sein Werck vermittelst einer geschickten Nachahmung der menschlichen Natur beleben will, die Sitten und die verschiedenen Gemüthes-Charakter der Menschen genau innen haben, und wissen, welche Sprache, was vor Grundsätze und Handlungen vor einen jeden Character anständig und bequem sind. Ohne diese Wissenschaft wird zwischen seinen Personen kein mehrerer Unterschied seyn, als nur dem Nahmen nach, und eine wird der andern Stelle einnehmen und vertreten können, ohne daß sie ihren Character verleugne ; oder wenn sich zwischen denselben noch einiger Unterschied befindet, so muß derselbe nothwendig gantz ohne Grund und ungewiß seyn, weil er von dem blossen ungefährlichen Zufall herrühret. Diese Erkenntniß ist auch desto nothwendiger, weil die Personen, die der Poet aufführet, die Gg 4 wenig- 472 Von den Charactern, wenigsten mahl historische, sondern meistens al'gemeine moralische Personen sind, derer Character alleine aus der Vorstellung des' Poeren und sonst nirgend her erkannt werden mag , so daß die Wahrscheinlichkeit der ihnen angedichteten Reden und Hand- lunaen alleine aus den Umstanden beurtheilet werden muß. Aus dieser Ursache wird nicht undienlich seyn, wenn ich von der Natur Vieler Wissenschaft und wie dieselbe zu erlangen sey, eine nähere Untersuchung anstellen werde. Aristoteles beschreibet die Sitten in dem sechsten Cap. seiner Poetick dergestalt. Die Sitten, sagt er, sind dasjenige, was die Eigenschaften der aufgeführten Person bezeichnet , und was uns den Entschluß, und die Wahl, so sie in einem besondern Umstände nehmen und treffen wird , voraussehen läßt. In der That sind die Gemüthes - Character nichts anders, als ein Zusammenhang von Eigenschaften, Neigungen und Geistes - Arten, die man in einer einzigen Person zusammen verbindet. Wer Character sagt, der sagt so viel als eine Vermischung, eine Zusammensetzung vieler Fehler und vieler Tugenden, unter welchen ein gewisses Laster die Oberhand behält, wenn der Character lasterhaft ist; und wo eine Tugend regiert, wenn derselbe tugendhaft seyn soll. Daher Aristoteles an dem ange- Reden und Sprüchen. 47 z angezogenen Orte schließt, daß alle Handlungen von diesen beyden LZu.ellen entspringen, nemlick den Meinungen und den (Litten , und daß diese beyden «Dachen das' Glück oder das Unglück der Menschen verursachen. Und diese verschiedenen Charac- ter der Menschen sind durch diese Vermischung der Fehler, der Laster, der Tugenden und der Einsichten, welche auf verschiedene Weise unter einander versetzet werden, dermaßen vermannigfaltiget, daß zween Character, die einander vollkommen gleich seyn, in der Natur eben so selten gefunden werden, als zwey gantz gleiche Ange, sichter. Diesen unerschöpflichen Reichthum der Natur hat Homer durch die Fruchtbarkeit seiner Erfindungs - Kraft geschickt nachgeahmet, und das Lob, welches ihm der Herr Pope in dieser Absicht beygeleget hat, ist vollkommen wohl gegründet, wenn er in der Vorrede zu seiner Übersetzung der Jlias schreibet: ,, Wenn wir jezo die Cha- „ racter seiner Personen betrachten, so wer- „ den wir finden, daß noch kein Verfasser „ eine so grosse Anzahl derselben auf die „ Schaubühne gebracht hat; daß sie alle ungemein von einander unterschieden sind, „ und daß sie uns mit einem unermeßli, »> chen Nachdruck und Lebhaftigkeit einneh- „ men. Ein jeder Held, den er aufführet, Gg 5 »hat 474 Von den Charactern, „ hat etwas an sich, das ihm so eigenthüm, „ lich ist/ daß kein Mahler sie in ihren Linea- „ menten auf verschiedenere Weise hätte vor- „ stellen können, als Homerus sie in Anse- „ hung ihrer Sitten vorzustellen gewußt hat. „ Man kan nichts genaueres sehen, als die „ Art, wie er die verschiedenen Grade zwi- „ schen der Tugend und dem Laster aus ein- „ ander setzet. Die einzige Eigenschaft der „ Dapferkeit ändert in den Charactern der „ Alias, die doch so zahlreich sind, auf er- „ staunlich verfchiedeneWeise. DesAchilles » Hertzhaftigkeit macht ihn wild und unbän- „ dig, des Diomedes ist ungestüm, und hin- dert ihn doch nicht, guten Rath anzuhö- ren und dem Befehl seiner Obern nachzu- „ gehen. Des Ajax Dapferkeit hat etwas „ plumpes und hochmütiges in sich, Hectors „ ist geschäftig und wachtbar. Die Liebe „ zum Befehlen und die Ehrsuchr sind die „ Grundquellen derHertzhaftigkcitAgamem- » nons; des Menelaus ist mit Gütigkejt ,, und zärtlicher Liebe für seine Untergebenen ,, vermischet. An Jdomeneus haben wir ei- nen natürlichen Helden ohne Verstellung; „ und bey Sarpedon finden wir einen Muth, ,, den dieHvfiichkeitangenehm machet. Die- -- se verwunderfame und verständige Ver- „ schiedenheit erzeiget sich nicht alleine in der „ Haupt - Eigenschaft, welche das Wesen „ in einem Charakter ausmachet, sondern „ man Reden und Sprüchen. 475 man kan sie auch in den geringern Theilen „ des Charakters wahrnehmen, indem Ho- „ merus Sorge trägt, daß die Haupt - Ei- „ geistchafr ihre Herrschaft und ihren Einfluß „ über dieselben auf eine mercklicbe Weise „ erzeige. Also ist die Vorsichtigkeit der „ herrschende Character bey Ulysses und bey „ Nestor; aber bey jenem ist sie schlau und ,, verschlagen; bey diesem ist sie natürlich-of- „ fenhertzig , und weiß von keinen andern „ als gerechten Anschlägen ; diese verschiede- „ ne Art Vorsichtigkeit bringet dann auch eineVerschiedenheit in ihrenMuth: Denn „ der erste bauet in allen seinen Krieges-Un- „ ternehmungen auf die Behutsamkeit und „ der andere auf die Erfahrung. Man wür- „ de niemahls zum Ende kommen, wenn „ man alle Exempel von dieser Art anführen „ wollte.,. Er verfällt hernach auf die Ver- gieichung Homers mitVirgil in diesein Scü- ke, und zeiget, daß dieser ihm bey weitem nicht beykomme. „ Virgil, sagt er, giebt „ uns keine Character, die auf eine so ver- „ schiedene Weise ausgesetzet seyn, ihre Ver- „ schiedenheit ist schier nicht zu mercken ; und „ in solchen Charactern, wo sie am deutlicb- ,, sten ausgedrücket ist, rühret sie uns nicht ,, so lebhaftig, wie bey Homer. Alle seine „ Character der Hertzhaftigkeit sind schier „ einandergleich,selbstdesTurnushatnichts „ besonderes und eigenes in sich, als einen hohem 476 Vvn den Charactem, „ höhern Grad, worinnen sie anderer über- „ trifft; und wir sehen nichts, was den „ Muth des Mnestheus, des Sergestes, „ des Cleanthes und anderer gegen einander „ absetze. Man kan gleichfalls wahrnehmen, daß bey allen Helden des Poeten StatiuS eine gleichmäffigeArtGewalthatigkeit herr- „ sehet. Ein wilder und troziger Muth of- „ fenbaret sich bey Capaneus, Tydeus,Hip- „ pomedon. Kurtz sie sind einander so gleich, „ daß man sie sämmtlich vorBrüder hielte.,. Die Character müssen aber nach der oben gegebenen Erklärung des griechischen Weltweisen den Gemüthes - Zustand einer poetischen Person so deutlich entdecken, daß man daraus leicht abnehmen kan, was dieselbe in einem besondern Umstand ihrer Gemüthes- Art gemäß vor einen Entschluß fassen werde, solche mag sie dann zum Guten oder zum Bösen vermögen. Und hierinnen besieht die Ge- schicklichkeit der Sitten , welche Aristoteles in dem sechszehnten Cap. der Poetick die vornehmste und wichtigste Eigenschaft eines Charakters nennet. Der Poet muß die Fertigkeit besitzen, uns den Characrer einer Person dergestalt zu erkennen zu geben, daß wir in einem Fall, da sie sich in einem schweren und gefährlichen Zustande befindet, vorherfehen können , was sie vor einen Weg ergreiffen, wozu sie sich entschliessen, und was sie erwehrn wird. Auf diese Meise haben Homer, Virgil Reden und Sprüchen. 47? Virgil und Sophokles ihre Personen mit Sitten versehen. Wenn Agamemnon Gesandte zum Achilles abfertiget/ so können wir urtheilen, was sie ausrichten werben, wenn wir dasjenige überlegen, was uns dieser vortreffliche Poet von seinem Helden berichtet hat. Wenn Eneas in dem vierten V. der Eneis von den Göttern einen Beseht empfängt, daß er sich einer söffen und noch neuen Liebe in ihrem Anfang entschlafen und die Königin Dido verlassen sollte, laßt uns dasjenige, was uns Virgil von der Gottesfurcht dieses Fürsten gesagt hat, den Entschluß , den er fassen wird, voraus vermuthen, und eh Mercurius ihm seinen Befehl vollends vorgetragen hat, mercken wir, daß er sich nach der Flucht sehnet, und der Poet bestätigt uns in der Meinung, die wir schon von uns selbst seinetwegen gefastet hatten, wenn er uns hernach meldet: ^r1u1ts rececientes sciimunc: k>Ie torte t'eiiilc» ^Isnäentur juveni psrces; pucro^ue viriles. Zem^isr in säjunÄi», sevoijue morsbiiuur s^lis. Das ist, was die Italiener mit einem mahlerischen Wort ü cnttume heissen, worauf sich auch die Wahrscheinlichkeit eines Cha- racters vornehmlich gründet. Und weil die Poesie mit der Mahlerkunst auch in diesem Stücke eine genaue Verwandschaft hat, so kan ich mich nicht entbrechen, die Exempel , welche der gelehrte Iranzoß Düboß in seinen kritischen Betrachtungen über die Poesie und die Mahlerey in dem dreyssig- sien Abschnitte des ersten Th. hierüber zur Erläuterung anführet, an diesem Ort auszuschreiben. ,, Wiewohl alle Arischer in ei- ,, nem Gemählde in Actores verwandelt „ werden, so muß ihre Handlung nickts- „ destoweniger nur insoferne lebhaft seyn, „ als sie an der Begebenheit, für die sie 7- zu Zeugen gemachet werden, Antheil neh- men. Also muß zwar der Soldat, der „ der Aufopferung der Jphigenia zustehet, in Bewegung stehen, aber seine Bewe- ,, gung muß nickt so groß seyn, als eines ,, Bruders des Opfers. Ein junger Mensch muß seinen Beyfall mit mehr Ei er ge- ben, als ein alter Mann. Diese zwo „ Personen müssen auch mehr und weniger Aus- Reden und Sprüchen. 48 r ,, Aufm?rcksamkeit auf etwas bezeigen ; der „ junge Mensch muß über einen gewissen An- „ blick völlig eingenommen scheinen; da ein „ Mann von vieler Erfahrenheit nur eine „ flüchtige Achtung daraufgehen muß. Der „ Zuseher, dem man die Physiognomie ei- „ nes geistreichen Mannes giebt, muß ein „ anderer seyn, und ein anderer derjenige, den man durch eine dumme Physiognomie „ charakterisiert hat. Die Verwunderung „ eines Königs muß änderst aussehen, als „ eines schlechten Menschen. Die Ehrfurcht „ und die Aufwart, die der Hof eines Per- „ fischen Königes gegen seinen Herren bezeiget, müssen durch Gebehrdungen ausge, „ drücket werden, welche sich vor das Be- tragen des Gefolges eines römischen Bür- „ germeisters gegen seinen Höhern keineswe- ,, ges schicketen. Die Furcht eines Sclaven, „ und dieFurcht eines Bedienten, das Schre- „ ken eines Weibes und das Schrecken ei- „ nes Soldaten sind nicht einerley. Ein „ Soldat, der den Himmel sich von einan- „ der spalten sähe, sollte davon kein solches » Schrecken einnehmen, wie eine Person ei- » nes andern Standes. Ein grosses Schre- » ken kan eine Frau des Gebrauches ihrer »' Glieder berauben, aber ein Soldat muß „ sich in einem.solchen noch in Verfassung » stellen, nnd zu seinem Gewehr greissen, „ wenigstens aus einer bloß mechanischen Hh blin- 48r Von den Charactem, blinden Bewegung. Ein entschlossener „ Mann, den ein grosser Schmertze angefal- „ len hat, läßt sein Leiden zwar auf seinem „ Angesichts gemahlet sehen, aber es muß „ da nicht auf die Weise hervorblicken, wie „ es sich auf dem Angesicht einer Frauen würde zeigen. Der Zorn eines vergällten „ Menschen ist nicbk wie der Zorn eines me- „ lancholischen. Und so ist es mit allen Em, „ pfindungen und mit allen Leidenschaften be- „ wandt.« Die zweyte Regel des Aristoteles will haben , daß die Sitten ähnlich seyn, sie sollen mmlich eine Ähnlichkeit und Uebereinstimmung mit einem gewissen Original haben, welches entweder in der Natur oder der Historie und der Fabel gefunden wird. Und zwar sieht dieser weltweise Lehrer mit dieser Regel vornehmlich auf die leztere Gattung der Character, da die Personen in der Historie oder der Fabel schon bekannt und be- j rüchtlgr sind. Wenn der Poet solche Per, fönen einführen will, so muß er dem Rath folgen, den Hora; in der Poet. Kunst gegeben : fsmsm legiere, sut convcnientis 6n§e. Das will sagen, er muß sie abschildern, wie wir sie in den Geschichten finden. Dieser kunstverständige Poet erkläret sich darüber alsobald selber: Lcrip- Reden und Sprüchen. 48Z 8c>-ipcor, Iionorslinn 6 5orte rcponis ImpiZer, irs^^iiiius, inexorsbiüz, scer, netzet iivi nrtz , niki! non serotzet semis. 8ic k^ieilea teiox, invictaoue: ücbili; Ino: kertiuus Ixion : vsZL i criNis Orelie-. Zum wenigsten muß der Poet solchen Personen nichts andichten, das mit ihrem uns bekannten Character streitet, und im Widerspruch stehet, wenn er sie gleich in gantz neue Umstände setzet; er muß einen unanständigen Zug eines Cbaracters ehender verhohlen, als verändern. Er ist eben nicht allemahl gezwungen alles zu sagen, was von einer Person bekannt ist, aber es ist ihm niemahls erlaubet, das Gegentheil dessen , was wir von ihr wissen , zu sagen. Weil aber auch diejenigen Character, die der Poet von neuen erfindet, ihr Original in der Natur haben, und damit übereinstimmen müssen , so läßt sich diese Regel eich auf diese Gattung Character erstreben, und man kan mir Reckt fodern, daß sie ähnlich seyn, welches da so viel gilt, als natürlich. Nun ist zwar schwerlich ein Character zu erfinden, der nicht sein Original in der Natur habe, so seltsam er auch seyn mag, dock sind hier zwo Vorsorgen nicht aus der Acht zu lassen. Es giebt erstlich gewisse Character , die in der Natur so selten vorkommen , daß die wenigsten Leute die Wahrscheinlichkeit derselben in ihrer Uebereinstimmung mit den Originalien, als die ihnen Hh » gantz 484 Von den Charactern, gantz unbekannt sind, erkennen, und darum auch kein Ersetzen daran finden. Es sind allzu wunderliche Gemüthes-Meinungen und Eigensinnigkeiten, von welchen die Leser kei- rienSamen oderFuncken bey sich empfinden, und solch keine Erfahrung von andern bekommen haben. Nun will man den Menschen in allen Sachen erkennen. Wie könnte man chimärische Gemählde lieben, die keiner Sache, die wir kennen, gleichen? Ich weiß zwar wohl>, daß in der Natur die Verschiedenheit der Gemüthes-Begriffe wundergroß isi, und daß die allerseltsamsten in irgend einem Kopf Platz finden können ; aber diese allzu besondere Fälle sind Ausnahmen, welche zwar in der Historie ihren grossen Werth haben, aber in Gedichten und insonderheit in theatralischen Vorstellungen nicht taugen, denn da sie keinen Glauben erlangen, so können siedasErgetzen nicht zuwegebringen,welches die poetische und theatralische Vorstellung gewähren muß, und das von der Nachahmung entstehet. Deßgleichen kommen die allzu vollkommenen und allzu tugendhaften Character in der Natur überaus selten zum Vorschein, und sind daher auch in der Vorstellung nicht von den angenehmsten, denn sie stellen uns Seelen von einem höhern Rang vor, welche uns allzu wenig gleichen, als daß sie uns einnehmen könnten; und da sie über ihre Neigungen allzu geschwinde siegen, geben Reden und Sprüchen. 485 geben sie uns nickt Zeit genug , daß wir sie in der Brust fühlen. Zugeschweigen, daß in dergleichen Character sich keine Verschiedenheit hineinbringen läßt, weil die Tugend von nicht mehr als einer Artist, und auf einem Pfade mit gleichen Schritten fort- wandelt; in gleichmässigen Umständen wird sie allemahl einen gleichen Weg nehmen; sie herrschet über alle Begierden gleich; und wer sie in allen seinen Helden auf ihrem höchsten Grade schildern wollte/ der würde mit dem Nahmen und den Begebenheiten ändern, aber nicht mit den Personen. An der andern Seite giebt es in der Natur so viele Character von einem gantz niedrigen und verächtlichen Rang, die nichts anziehendes oder einnehmendes an sich haben, daß daher die Vorstellung derselben von keinem sonderlichen Ergötzen begleitet wird; und dieserhalber giebt Horatz folgenden Rath: OlKcile eli proprie communis «licere: tü^ue N,e6tius Iliscum csrmen lieilucis in sÄus; <2usrn 6 prokerres iZnota inöiÄs^ne ^rimur: kublica matcries privaci juriz erit, 6 k§cc circa vilem, xatuIumHue morsberis orbem. Denn wir müssen uns selbst zur Schande bekennen, daß die bescheidene Tugend mit ihren gemessenen Schritten uns nicht starck aufbringet; wir wollen übermässige Thaten haben, und alle Uebermässigkeit ist ein Laster. Hh z Die 486 Von den Charactem, Die dritte Regel, welche Aristoteles dem Poeten, der einen guten Characrer machen will, vorschreibet, befiehlt daß die Sitten sich selber gleich seyn; so daß wir ein Original , we'ches wir zur Nachahmung genommen haben, ebenfalls durchgehende ungleich vorstellen müssen, wenn es in seinen Sitten ursprünglich ungleich ist. Dieses ist eben diejenige Regel, welche Horanus in diesen Zeilen erkläret hat: 8i quicl inexpertlim scenL committiz , '6c 2116er kertonsin tormsre novsm, lervetur 26 imum, <2iiLlir Lt> incoe^to xrocellerit, 6c tibi conüet. Sie wollen uns in dieser Regel alleine anbefehlen , daß wir die beyden erstem in der gantzen Ausführung eines Characters nirgend aus der Acht lassen; daher ich un- nöthig achte, mich lange darüber aufzuhalten. Ich will es bey einer einzigen Ueber- legung bewenden lassen. Man weiß überhaupt wohl, daß die Character sich nicht selber umstoßen und gleichsam verleugnen müssen ; daß ein dapferer Mensch keine That einer feigen Memme, noch ein Weiser eine Unvorsichtigkeit begehen kan; aber man weiß nicht eben so standhaft, daß alle Handlungen einer Person mit der Hauptsumme des Characters übereintreffen müssen, und daß es nicht genug »st, eine sonder- Reden und Sprüchen. 487 derbare Handlung damit zu entschuldigen, daß sie mit einer gewissen Eigenschaft des Characters übereinkömmt, wenn die übrigen Stücke desselben damit streiken. Man höret alle Tage, daß gewisse Thorheiten der Verliebten , die auf der Schaubühne vorkommen, mit der Natur der Liebe wollen entschuldiget werden; die Entschuldigung wäre gültig, wenn man diese Leidenschaft nur an ihr selbst betrachten müßte; alleine da sie bey den Personen mit andern Eigenschaften und andern eingewurtzelten Gewohnheiten verknüpfet ist, muß sie bey ihnen gantz verschiedene Würckungen hervorbringen. Die Liebe wird bey dem Böß- wicht nicht auf die Art gedencken und schlies- sen, wie bey dem Tugendhaften, sie wird den Dapfern und den Furchtsamen nicht vermögen, daß sie einen gleichen Entschluß fassen, und so weiter. Die Kunst dergleichen Character zu erfinden, ist keine Sache von kurtzem Inbegriff. Wer entscheiden will, was einen Character formieren kan, muß die Geschick- lichkeit haben, unter zwanzig oder dreyjsig Sachen, die ein Mensch sagt oder thut, drey o^er vier Linien auszulösen , welche desselben absonderlichem Character auf eine eigentliche und sonderbare Weise zukommen. Man muß diese Linien oder Züge zusammenlesen , und durch eine fieiffige Vetrach- Hh 4 tung 488 Bonden Charactem, tung seines Models, aus seinen Handlungen und Reden diejenigen Linien heraus-», ziehen, welche am bequemsten sind, das Gemählde kennbar zu machen. Solches sind die Linien, welche von denen gleichgültigen Sachen, die alle Menschen auf einerley Weise machen, einer wie der andere, abgesondert werden, die dann von neuem mit ein ander zusammengesetzet und vereinigt, einen Charactcr formieren, und ihm so zu sagen seine theatralische runde Form mittheilen. Geistern von kleiner Einsicht scheinen alle Menschen von einerley Art, solchen die weiter sehen, scheinen sie von verschiedener Art zu seyn; aber alle Menschen sind absonderliche Originale für einen Poeten , der mit einer poetischen Geistes - Art gebohren worden. Die Erfahrung hilft einem solchen überdieß nicht wenig, den Unterschied auszufinden, der würcklich zwischen Sachen Platz hat, die im ersten Anblick einerley scheinen. Diejenigen, welche das erstemahl Mohren sehen, glauben, alle An, gesichter derselben seyen einander beynahe gleich; aber wenn sie selbige fieiffiger anschauen , so finden sie in den Angesichtern dieser Schwachen eben so viel Unterschied, als in den Angesichtern der Meisten. Wer aber in dieser Arbeit eine geschickte Fertigkeit erlangen will, der muß den Menschen, die Zeugung, die Natur und die Wür- kun- Reden und Sprüchen. 4§- kungen der Leidenschaften, und den moralischen Abstand der Menschen von einander nach ihren unendlich verschiedenen Verhältnissen unter einander auf das genaueste kennen. Einen Theil dessen, was ein Poet, der hierin» etwas rechtschaffenes thun will, wissen muß, können wir mit den Worten des lateinischen Poeten , der die poetische Kunst geschrieben hat, vortragen: <2>>I llicti>.lt vskrise onlc! liebest L c^iiicl smicls : (Zno 6t swore psrens, yuo lrater gmsnclcis L bossics: (Zuocl 6t eonlcripti, c^uocl juclieis oKcimn : <^use ksrtcs in bellum milsi clncis : Ille pi-oteÄo Keliciere Person» feit convenientis cui^ue. Ket/liccre exemplsr vitL mornm^ue jnbebo OoÄum lmitstorcm, Üc verss tiinc ciucere voce». Der Rath, den dieser Kunstlehrer dem poe- tilchen/Mahler in den zwo leztern Zeilen mittheilet, daß er lieber die Natur, weiche das wahrhafte Original ist, zum Muster nehmen, als sich verweilen solle, ein besonderes Merck nachzuahmen , welches nur ein unvollkommener und verworrener, ja vielleicht ungeschickter Abdruck derselben ist, wovor sich der Poet hüten muß, entdecket ihm das vornehmste Geheimniß, wie er die Character seiner Personen, die keine Jndividua, oder historische, sondern allgemeine moralische Personen sind, üb?r die unachtbare Niedrigkeit der gewöhnlichen Hh 5 Cha- 452 Von den Charactern, Character, die wir alle Tage in dem gemeinen Umgänge bey Haufen antreffen , erheben und sie ohne Verletzung der Wahrscheinlichkeit mir neuer Schönheit und neuer Annehmlichkeit begaben und herausstreichen könne. Es ist eben das, was Aristoteles in dem sechzehnten Cap. seiner Poetick §. io. erinnert hat: „ Wie die geschickten „ Mahler , indem sie einer jeden Person „ ihre wahre Gestalt geben, und sie sich „ selber gleich vorstellen , sie dennoch alle- „ mahl schöner vorstellen , also muß ein „ Poet, der einen zornigen und erboßten „ Menschen, oder einen andern so beschaf- „ fenen Character nachahmen will, sich mir einem gröffern Fleiß vor Augen stellen, „ was der Zorn wahrscheinlicher Weise ,, thun kan, als was er gethan hat, und „ aus diese Art haben Homer und Agathon „ den Character des Achilles formiert. Und hier kan ich freylich nicht Vorbeygehen, der geschickten Anmerckung, mit welcher der scharfsinnige Herr Datier diese Regel in ein volles Licht gesetzet hat, einen Platz einzuräumen: „ Ein Poet, sagt er, „ will einen zornigen, ungerechten, erboß- „ ten Menschen abschildern , da ist er zwar „ verbunden, die wahrhaften Lineamente dieses Menschen beyzubehalten , seinen ,, Zo*ri, seine Ungerechtigkeit, seine Ent- „ rüstung; aber indem er sie beybehäll, >, hat Reden und Sprüchen. 49 c „ hat er doch , so wohl als der Mahler, die „ Freyheit, sie schöner zu machen , und auf „ den Schein zu rüsten. Zu diesem Ende ist „ er nickt so unbesonnen , daß er die Augen „ auf einen besondern Menschen werffe, der „ zornig gewesen ist, sondern er wird mit der Natur zu Rathe gehen, damit er die „ Farben von ihr entlehne, welche sein Ge- „ mählde ohne Verletzung der Aehnlichkeit „ schöner machen. Ein zorniger Mensch kau „ zugleich eine feige Memme, ein Treubrü, ckiger, ein Verräther seyn. Wenn der „ Poet diese Eigenschaften zu seinem Cha- ,, racter hinzusetzet, so wird er sein Gemählde nicht schöner sondern ungestalteter machen, ,, und wider diese Regel des Aristoteles sün- »> digen. Darum muß er andere Farben su- „ cken, und die Natur, die das allererste Original, und das erste Muster des Sckö- „ neu ist, wird ihn bald damit versehen; sie „ wird ihm zeigen, daß die Dapferkeik sich „ für den Grund seines Characters vortreff- lich schicket, und folglich muß er seinem Helden eine weltberuffene Dapferkeik zu, schreiben. Also hat es Homer mit dem Achilles gemacht, er hat in diesem Cha- „ racter alles behalten , was die Fabel da- „ rinnen unverändert haben wollte; aber in „ denen Stücken , wo sie ihm seine Freyheit ,, gelassen, hat er sie dergestalt seinem Hel- „ den zum Vortheil gebraucht, undihnsol- « cher 492 Von den Charattem, „ cber Massen verbessert, daß seine grosse „ Laster bey dem Glantz einer wunderbaren „ Dapferkeit, der unzehlig viele Leute betro- „ gen hat,schiergäntzlich verschwinden. So- „ phocles hat es in seinem Oedipus auf eben „ dieselbe Weise gemachet. Er will einen Jähzornigen, gewaltthatigen, verwegenen ,, Menschen vorstellen ; da behält er zwar „ immer, was in diesem Character noth- „ wendiges und für diese Materie tüchtiges „ ist, aber er erhebet ihn mit alle dem Schein und Glantz, den er fähig ist anzunehmen. „ Er macht weder einen feigen noch einen ,, tugendhaftenMenschen aus ihm,dieAehn- ,, lichkeit würde dadurch verderbet werden, sondern er macht aus ihm einen dapsern Mann und einen gütigen Fürsten, der nichts verabsäumet, was seine Untextha- „ nen glückselig machen kan. Da nun obenerzehltermassen alle Handlungen und Reden der poetischen Personen in dem Character derselben gegründet seyn, und, wie in der Natur, nothwendig daraus berfliessen müssen, so hat man folglich die Reden, welche die Poeten ihren Personen leihen, nicht änderst anzusehn, als die Folgen und Hintersätze der Character; weil sie vollkommen oder unvollkommen sind,je nachdem sie dem Character derer, die man redend einführet, gemäß sind. Das ist eben dasjenige , was Aristoteles in dem sechsten Cap. seiner Reden und Sprüchen. 49z seiner Poetick §. 17. lehret, wenn er sagt: „ Die Sitten sind dasjenige, was die Nei. „ gung des Redenden, und den Entschluß „ offenbaret, den er in Fällen, da man ihn „ sonst nicht leicht erkennen könnte, fassen „ wird; Daher sind alle Reden, welche nicht „ gleich zu vernehmen geben, was der Re- „ dende vor einen Rath ergreiffen wird, „ ohne Sitten und Characrer. „ Wenn der Poet in seinem eigenen Nahmen redet, so muffen seine Reden und Sätze auf die eigentlichste und bündigste Wahrheit als ihr Wesen gebauet seyn, weil er verbunden ist, richtig zu gedencken. Ja er muß in diesen Stücken um so viel sorgfältiger seyn, weil mehr oder weniger Verstand, den er darinnen zeiget, ihm auch in den übrigen mehrodev weniger Ansehen erwirbt. Was aber die Reden sind, die er seinen Personen in den Mundleget, so isis genug, wennste eineVer- hältniß-oderBeziehungs, Wahrheit in sich haben , das will sagen, wenn sie mit dem Character und dem Zustande des Redenden übereinstimmen; weil alsdann der Poet nicht auf die Wahrheit des Satzes, sondern auf die Wahrheit des Charäcters und der Leidenschaft sieht: Also können wahrk Sätze in dem Mund einer Person sehr tadel- haft seyn, wenn sie nicht in solchen Umständen steht, daß sie solche gedencken kan; da hingegen ein falscher Satz darinn viel Artigkeit 494 Von den Charactern, keit haben kan, wenn er das Blendwerck abschildert, womit die Leidenschaften ihren Geist rauschen. Man muß sich auch hier dessen erinnern, was ich mehr als einmahl ein- > gescharffet habe, nervlich, daß die Poesie als j eineKunst derNachahmung durch dasWahr- scheinliche zu ergehen trachte. Wie nun Homerus sich in Zeichnung der Character überaus geschickt erwiesen, so finden wir eben so viel Geschicklichkeit in seinen Or^tionilms n>oii,n8, oder charactermaffig erdichteten Reden. Wir wollen vernehmen, was der Herr Pope in derVorrede zu seinem übersezten Homerus diesem Poeten zum Lob über diesen Punct gesagt hat: „ In der Alias / sagt er, trifft die Mannigfaltig- „ keit in den Reden mit der Mannigfaltig- kert in den Charactern überein; sie ist grös- „ ser / als sonst in einigem Gedichte ; ein i „ jedes Ding hat da seine Mitten / wie Ari, „ stoteles sagt / das will sagen , alles sey „ Handlung oder Rede. Man hat M he „ zu begreiffen / wie so gar klein die Anzahl der Verse ist/ welche Homer in einem Wer, „ ke von solcher Langezu Erzeblungen braucht. Bey Virgil ist der dramatische Theil des ,, Gedichtes kleiner/ als der erzehlende/ und seine Reden sind öfters allgemeine Gedan, „ ken und Betrachtungen/ welche sich in dem Mund einer jeden andern Person bey einer „ gleichen Gelegenheit eben r» wohl schicken wür- Reden und Sprüchen. 49 s „ würden. Aber da seine meisten Personen keinen ausgedrückten Character haben, so „ kau man diese Reden aus dein Grunde der „ Uebereinstimmung noch leicbl entschuldigen. „ Wenn wir Virgil lesen, so haben wir den „ Verfasser weit mehrere mahl vor Auge», als wenn wir Homer lesen. Alle diese « Fehler sind Würckungen einer frostigem ,, Elnbiidungs-Kraft, die uns mit der be- „ schriebenen Handlung nicht so starck einzu- „ nehmen weiß. Homer macht uns zu Zu- Hörern , Virgil läßt uns Leser bleiben. „ Selbst der Herr La Motte, der sonst auf Homer so böse war, hat ihm, viöws vem. ri; vii-iku8, dieses wohlverdiente Lob zugestehen müssen; er erkennt, daß die Reden, die Homer seinen Personen lehnet, einer von den ansehnlichsten Theilen seines Gedichtes find, ja er glaubt, daß ste das kostbarste Stücke darinnen sind, wo er am meisten Schönheiten aufgetragen har, und er findet darinnen öfters einen Schatz von Hoheit und hertzrüh- render Bewegung. Nichsdestoweniger hat er auch in diesem Stück etliche Fehler ausgesetzet. Er greiffet vornehmlich drey Gattungen Reden an, die er vor unzeitig ausgiebt. Die ersten sind die Reden der Streitenden. „ Ist es möglich, sagt er, daß Kriegsmänner, -- denen ein grosses daran gelegen ist, daß sie geschwinde siegen, mitten in der Schlacht die Zeit damit zubringen, daß sie ihre Feinde mit Schma- 496 Von den Charattern, Schmähungen übergiessen , oder ihnen Abentbeuer und Geschlechts-Register er- „ zehlen ? „ Meine der Herr Dübos hat den griechischen Poeten in dem sieben und dreyffigsten Abschnitte des zweyten Th. wo er von denen Fehleren handelt, die man an den Alten aussetzet, aus das gründlichste vertheidigt , wenn er sagt: „ Wenn die Hel- „ den sich nicht so gleich mit einander rauf- „ fen, nachdem sie einander ausgefodert ha- „ den, so ist die Ursache, daß sie in dem „ Punct der Ehre nicht die Gewohnheit der „ Gothen und ihres gleichen zur Richtschnur „ genommen hatten. Die Griechen und die „ Römer, welche vor dem Verfall ihrer Na- „ tionen gelebet, fürchteten sich noch weni- ,, ger vor dem Tod, als die Engelländer, . „ alleine sie glaubeten, daß eine ungegrün, ! „ dete Scheltung keinen andern verunehrete, „ als denjenigen, der sie ausgestoffen hätte. ^ „ Wenn die Scheltung einen gegründeten „ Vorwurff in sich enthielt, so glaubten sie, „ daß derjenige, der sie eingenommen, seine „ Ehre nicht besser erhalten könnte, als wenn „ er sich besserte. Die wohlgesitteten Völ- „ ker hatten sich noch nicht aufsteigen lassen, ,, daß ein Zweykampf, in welchem ein Zu- fall oder, wenn es wohl geht, die Fecht- „ kunst, welche sie vor ein Handwerck ihrer ,, Sclaven ansahen, den Sacken den Aus- .. Was giebt , ein rechtes Mittel wäre sich .. gegen Neden und Sprüchen. 497 „ gegen einen Vorwurffzu schützen, der öf- „ ters den Muth nicht berühret. - - Hin- „ derte die Furcht Cäsar und Cato, daß sie „ einander kein Cartel schickeren, als Cäsar „ im öffentlichen Rath das Liebesschreiben „ der Schwester Catons zerriß? - - Die „ Griechen und Römer, die so erpicht auf ,, den Ruhm waren , liessen sich niemahls in „ die Gedancken kommen, daß es einem Re- „ publicaner eine Schande wäre, wenn er „ seine Rache von der obrigkeitlichen Gewalt „ erwarten sollte. Erst die Völcker, welche die ,, Dürftigkeit dereinst aus dem beeißtenNor- ,, den heraustreiben sollte, mußten den Be- „ griff mit sick bringen, daß der beste Mann „ im Feld nothwendig auch der ehrlichste seyn ,, müßte, und daß eine Gesellschaft, wo die „ Ehre die Glieder derselben verbände, daß „ sie ein empfangenes Unrecht selbst mit be- „ waffneterHand rächeten, es mögte Grun- haben oder nur in der Einbildung bestehen, „ den Nahmen eines Staates Verdienste. Daneben muß man sich auch erinnern , daß vor der Erfindung des Geschützes man in dem Streit mehr Weile hatte, und daß dieHeer- führer ungehindert mit einander reden konnten. Zu mehrerer Ablehnung der Klage des Herren von La Motte kan man auch nachschlagen , was der gderr Dacier in seinen An- merckungen über Aristoteles Poetick beym sechs und zwanzigsten Cap. zu diesem Ende Ii hat 498 Von den Charactern, hat einfliessen lassen / welches dieser Mühe allerdings werth ist. Die andere Art Reden / welche La Motte verwirfst, sind diejenigen, welche an die Pferde gethan werden. .Dergleichen that Hecror in einem Streit an seine Pferde, den Aanthus, den Podargus, den Aethon und den Lampus, und an einem andern Ort An- tilocbus an seine Hengste. Dieser Criticus sinder sie so beschaffen, daß Homerus keinen grossen Unterschied zwischen den Menschen und den Pferden machete; daß er sie an allen denen Orten angriffe, welche in dem menschlichen Hertzen empfindlich waren, bey dem Nutzen, der Ehre, dem Vergnügen, der Tugend selbst. Alleine auch über diesen Punct hat der geschickte Herr Dübos den Poeten umständlich und gründlich vertheidiget , wie ich nur in einem kurtzen Auszuge zeigen will. „ Die Art, sagt er , wie wir » mit unsren Pferden leben, ist Ursache, daß „ wir darüber stutzen, wenn die Poeten ih- ^ re Helden Reden an dieselben halten las- sen. Aber diese Reden schicketen sich in ei- nem Gedichte, das für Leute geschrieben war, bey welchen das Pferd auf gewisse ,, Weise mit seinem Herren an einem Tische « aß. Diese Reden mußten solchen Leuten ,, Wohlgefallen, welche den Thieren einen » Grad von Erkenntniß einraumeten, den ,, wir ihnen nicht iugestehen,undwelche selbst „ mit Reden und Sprüchen. 499 mit ihren Pferden manchmahl dergleichen „ Reden geführet hatten. Ob die Meinung, „ daß die Thiere eine gewisse schier menschli- che Vernunft haben , falsch sep oder nicht, „ bekümmert sich der Poete nicht. Ein Poet „ ist nickt dazu bestellet, daß er feinen Ne- „ benmenscken ihre physikalischenFehler aus- „ nehme. Sein Ammt ist, daß er überein- „ stimmende Gemählde von den Sitten und „ Gebrauchen seines Landes macke, damit „ seine Nachahmung dem Wahrscheinlichen ,, so nahe komme , als es ihm möglich ist. „ Homerus würde noch heutzutage in eben ,, diesen Stellen , die ihm diesen Tadel zu- „ ziehen, vielen Völckern issAfia und Afrika „ wohl gefallen, welche die alte Art mit ihs „ ren Pferden umzugehn, so wohl als viele „ andere Gebrauche behalten haben.Jezo beweiset er dieses mit einem par Exempel aus Busbecken Briefen, und Darvieux Beschreibung der Sitten der Araber; worauf er schließt: „ Es ist nicht genug, daß eines „ eine Sprache wohl schreibt, wenn er von „ der Poesie der Alten und der Auslandes „ verständige Critiken machen will, er muß „ überdieß eine rechte Wissenschaft von des „ nen Sachen haben, von welchen sie reden« ,, Was zu ihren Zeiten gewöhnlich war, was „ in ihrem Vaterlande gemein ist, kan sols „ chen Tadlern, die nur ihre eigene Zeiten „ und ihr Vaterland kennen, unwahrscheinlich und unvernünftig vorkommen« Ich Ii r will 5O2 Von den Charactern, will zu diesem allem alleine noch zu betrachten geben , wie hoch die Pferde von den Kriegs- leuten geschahet worden , als diese edle Thiere zuerst in Griechenland angekommen waren: Wenn wir dieses betrachten, so werden wir uns nicht mehr über das unge- meine Lob verwundern, welches Homerus ihnen beyleget, indem er sie einigermassen mit den Menschen in Vergleichung stellet, angesehen damahls das Lösegeld eines Pferdes und eines Menschen gleich groß war. Zum dritten verwirffr der Herr La Motte noch diejenigen Reden bey Homer, die et- wann von den Ueberwindern an die Todten gerichtet werden, welche sie selber umgebracht haben. Er meinet daß diese doppelt unzei- lig waren, weil sie in der Hitze des Gefechtes gehalten würden, und weil sie an Todte gestellet waren, welche sie nicht mehr vernehmen, und nicht daraus antworten könnten. Er führet zu einem Beyspiel die Rede an, mit welcher Jdomcneus im drey- zehnten B. der Alias den Orhryoneus, der eben von ihm war erstochen worden, auf eine bittere Art auslacht; und er hält davor, daß dieses Gehöne eben so frostig als unzeitig sey. Meine ich will mich begnügen , ihm das Urtheil der Frau Datier entgegen zu setzen, welche mit dem besten Reckt angemercket hat, daß Homer selbst in der Alias, welche ein heroisches und Rede» und Sprüchen. 521 folglich ernsthaftes Gedicht ist, wo der Poet nicht so viel Freyheit hat, vornehmlich in den Streiten nicht, als in einem andern moralischen Gedichte, das Geheimniß gefunden habe, zwo Sachen, die gantz ungleicher Art zu seyn schienen, zusammen zu reimen. Er habe ncmlich mit grosser Ge- schicklichkeit solche Spöttereyen einflieffen lassen , welche von einem heroischen Heldenmuth herrühren, und sehr tüchtig sind den Muth der Streitenden, die sie vernehmen, anzufeuren, und den ruhigen Leser, der sie liest, zu belustigen. Redendem bemerket sie von dem angezogenen Exempel, daß Homer dadurch den Character des Jdomeneus in ein höheres Lickt setzet, indem er zu mercken giebt, daß er mitten in der grö- sten Gefahr aufgeräumet bleibet; welches ein Kennzeichen eines grossen Heldenmuthes ist. Wer die Vertheidigung Homers über diesen Punct vollkommen ausführen wollte, könnte hier noch einige Beschuldigungen anführen , womit der Herr Muratori in dem Merck von der vollkommenen Poesie, etliche Reden desselben vor unwahrscheinlich angegeben hat, wo aber der Hr. Salvini an demselben Orte in den beygefügten Anmerkungen schon den Weg angewiesen hat, wie sie zu widerlegen sind. Was endlich die Gemüths-Meinungen, Sprüche und Sätze anbelangt, so ist leicht zu 2 i z fas; 5OL VondenCharactem, fassen, daß sie eben auf die Weise müssen angesehen werden, wie dieVorträge und Reden der poetischen Worthalter, nachdem sie einen Theil in denselben ausmachen. Sie entdecken uns mehrentheils die Grundsätze, nach welchen sich eine Person in ihrem Thun und Lassen richtet, und sie dienen vortrefflich, durch kurtze Lehren, welche sich dem Gedächtniß von sich selber anbefehlen, die Eindrü- ke, so eine solche aufgeführte Person durch ihre beweglichen Vorstellungen auf die Einbildung und das Hertz des Lesers gemachet hat, in dem Geist zu befestigen. Au diesem Ende müssen sie an dem rechten Orte gesetzet, deutlich und von wichtigem Inhalt seyn. Hier muß man sich aber nicht einbilden , daß eine jede Wahrheit ein Spruch sey; ich verstehe durch Sprüche alleine solche moralische Grundsätze, die einen nothwendigen Einfluß auf die Sitten und Handlungen haben, und sich in hohen Entschlüssen offenbaren. Ein vortrefflicher heutiger Scribent, der die beyden grossen Poeten des Alterthums in diesem Stücke betrachtet hat, hat mit Grund der Wahrheit gesagt, Virgil habe zwar wenig schlechte und gemeine Gedancken, aber er habe auch bey weitem nicht so viele herrliche und erhabene; er erhebe sich selten zu hohen Sätzen, wenn er nicht durch die Exempel in der Alias aufgtz- Reden und Sprüchen. 505 Aufgemuntert werde. Wir müssen nicht tange suchen, wenn wir dergleichen bey dem griechischen Poeten antreffen wollen. Jezo fällt mir der Spruch bey, der m dem siebenzehnten B. der Alias v. 645. sieht, und zur Erläuterung dieser Materie am bequemsten dienen mag. Jupiter hatte die griechischen Truppen mit einem di- ken Nebel umgeben, welcher sie in dem Streite mächtig hinderte. Patroclus war von Hector erschlagen worden; Ajax wußte schier nicht mehr, was er vor einen Entschluß fassen sollte; und bricht einsmahlS in diese Worte aus: „ Vater Jupiter, „ erlöse doch die Acheer aus dieser blinden „ dunckeln Luft, laß es helle werden, und „ giel>, daß wir die Augen brauchen kön- „ nen. Erschlage uns wenigstens am Ta- „ ge, wenn es dir doch so beliebt.,, Das ist es, was ich einen Spruch oder eine Gemüthes - Meinung nenne, und ist zwar diese so beschaffen, daß sie nach LonginS Anmerckung die wahren Gemüthes - Begriffe eines solchen Krieges - Helden, wie Ajax war , an den Tag legete. „ Ajax, „ sagt dieser Kunstlehrer , bat nicht um „ das Leben, ein Held konnte diese Nie- „ drigkeit nicht begehen ; aber weil ihm ,, mitten in dieser Dunkelheit die Gele- « genheit benommen war, seine Dapfer- Ji 4 sv4 Von den Charactern, rc. „ keit auszuüben, verdrießt es ihn, daß „ er nicht streiten kan, daher er nur bit- „ tet, daß es helle werde, damit er we- „ nigsiens am hellen Tage ein solches En- „ de nehmen mvgce, wie es seine Groß- „ muth veroienete, sollte er denn gleich den „ Jupiter selbst seinen Feinden beystehend se- „ hen. Fürwahr Homer ist in dieser Stelle „ einem Winde gleich, welcher die Hitze der .. Streiter anschüret. „ Regi- Register der angeführten Autoren und der vornehmsten Sachen. A ABstcht, nach der besondern muß sich die Wahl der ök» Umstände richten, wie die besondern Absichten nach der Hauvt-Absicht 42; die Harmonie derselben hebet die Mannigfaltigkeit der Eindrücke nicht auf 427 ihre Bestimmung ist ein Merck des Geschmackes 429. Unendliche Verschiedenheit der besondern Absichten 4;». Abziehung der Einbildungs - Kraft 286. Affecte , wie ihr Betrug ein Ding wunderbar mache ,07. Behutsamkeit , so in den seltsamen Vorstellungen der Affecte zu gebrauchen ist Mittel sich selbst in einen Affect zu setzen ;;4. Allegorie, Fruchtbarkeit der mythologischen Allegorie ) 45 - Allegorisch, allegorische Art der Fabel 144. Einmischung allegorischer Personen unter historische 147. Grund der Wahrscheinlichkeit der allegorischen Wesen 154. Allegorische Fabeln, die mittelst eer Hiuuntec- setzung der heidnischen historischen Wesen entstehen ? 4 ?> Anstoteles , angezogen 59. 61. 69. 71 von dem Mangel der Schönheit in dem Kleinen erklärt 120 von den Eigenschaften der poetischen Materie i;? von dem Vorzug des Wahrscheinlichen i;9 von der Pflicht des Poeten die moralischen Handlungen zu verbessern 284 worinn er die Poesie der Historie vorzieht 290. Vertheidiget Homers System« von den Göttern zg.-. Von den Sitten 472. 482. 486. 490 von den Reden der Personen 49;. 2t; Beschrei- 506 Register. " B Beschreibungen, Unterschied Mischen den poetische» und den dogmatischen 47. Elemental - Beschreibungen 48 . Besser, ein Gedancke desselben im Propertius entdecket ;i7 angezogen ; 47 - Bildhauerkunst, ihre Würckung erstrecket stch weiter, als die Mahlcrkunst 16. j Bilder, Vorzug deren, die das Gemüthe in Bewegung setzen 86 Einschränckung ihrer Wahl durch die Gattungen der Gedichte 87 durch die Gesetze der Ehrbarkeit 91 hyperbolische ! Dodeiner, seine Schutzschrift für Miltons verlohrnes Paradies wird der critjschen Dichtkunst für eine Zugabe beygeleget r6o. Brockes /117 seine geschickte Anmcrckung von dem Still, schweigen der Sonne ;86. Beschreibung eines Alten 69. C Lharacter, was sie seyn 472 Eigenschaften eines solchen ^ 479 . 482. 486. Lrcero angezogen 61. 76. Lurtius/ sein übermäßiger Gebrauch des poetischen Zierraths D Datier, seine Ausführung der Regel des Aristoteles von 507 Register. von der Verschönerung eines Charakters 490 der Frau Datier Vertheidigung der Reden Homers an die Pferde » ;oo. Demetrius phalereus angezogen 417 Deutlichkeit, worinn die Deutlichkeit der poetischen Schildereyen bestehe 66. Dichtkunst / wie sie die Weißheit angenehm mache 7 ihr Werth und Nutzen 8 > 9 ihre Verwandtschaft mit der Mahlerkunst 14 welches ihr eigenes Thun siy z r wie viel Welten sie nachahmen könne 5; Unterschied zwischen ihren Eindrücken und den Eindrücken der Natur 64, Die Dichtung die reichste Quelle des Neuen ir; ist Lre popularis 125. Dübos , von dem Vorzug der Hertzrührenden Bilder 86 Unterschied der Gattungen Gedichte 91 Entdeckung neuer Materien für die Tragödie und die Comödie n6 von dem Lolkums 480 Vertheidigung der Reden der Streitenden den Homer 496 der Reden an die Pferde 498 von dem Wunderbaren, das von der christlichen Religion entspringt i;8 Vertheidigung des Gartens Alcinous 276 von der Uebereinstimmung der poetischen Dichtung mit der Wahrheit 279. E Ehrbarkeit, wie sie die Wahl der Bilder einschräncket yi Lehrsatz der stoischen Wellweiscn wider dieselbe 97. Ehrbarkeit der hebräischen Sprache 9;. Einbildung, ihre Abziehung 286. Einbildungen in der Rede ; r;. Einheit der Fabel 17^ Enthlt- 508 Register. Enthusiasmus der Alten, was er gewesen sey ;ry. Ergeyen 61 doppelter Grund dessen, so von der Nachahmung entstehet 71. Grösseres Ergehen der bewe» genben Stücke 86. Erweiterung zr ihr Gebrauch ;yy und folg. Erzchlung 8? Unterschied zwischen der Erzchlung und der Fabel 171 Wie sie durch Einstreuung gewisser Fabeln vor Mattigkeit bewahret wird 46 wird durch die Aussetzung der Umstände beglaubt 4; 4. F Fabel, allegorische 144 Esopische 16S und folgende. Ihre Natur 169 wornach sich die Wahl der Erzchlung richten müsse 170 Einheit der Fabel 171 ob es nothwendig sey die Lehre der Fabel auszusetzen 17;. 228 warum diese Lehrart einen so glücklichen Eingang finde 179 Grade und Classen der Fabeln ! 187 Rettung der menschlichen Fabeln wider den ! Einwurff, daß sie nicht genug wunderbares an sich ! haben i88- Vertheidigung derjenigen, darinnen Gör- ! 1er und Phantasie - Wesen 20z Thiere und Pstantzen , eingeführt werden 201 Daß die Eigenschaften der Thiere und Pstantzen darinnen in Obacht genommen werden müssen 2n daß diese Fabel keine Kraft habe zu beweisen 21z Rettung der Fabel Joas wider Trillers Anklage 25? Vergleichung der Esopi- schen Fabel mit der Epischen 197. Falsches 6;. i?9. Das Wunderbare hat nur einen Schein der Falschheit izi. Furcht, ihre, hyperbolische Redens-Arten ;io. Ge- O Register. 509 G Gebrauch/ öfterer eines Gebancken benimmt ihm sei- nen Werth 414. Gedancke / Neuheit derselben in Ansehung ihres Gebrauches 414. Kunstgriff/ da man mehr zu gedenken giebt / als man sagt 416. Gebancken und Meinungen 47;. Gedichte 60. Endzweck der verschiedenen Arten Gedichte 104. Geschichtschreiber / in wie weit er poetische Gemählde andringen dörse ;r ihm darf der Poet nicht widersprechen 279. Geschmack / der gute regiert die Wahl der Umstände und bestimmet die Absichten 429. Die unendliche Verschiedenheit der besondern Absichten macht ehr System« von dem guten Geschmacke unmöglich 4;« er lehrt verhöhlen/ was der besondern Absicht nachthei- lig ist / und erwehlen / was sie beföberl 4z i. Gewohnheit/ ihre Macht über die Eindrücke der Natur 107. Der Poet muß sich nach den Landes-Gewohnheiten richten 126. Gottsched/ seine phantasierende Vorstellung der Sehnsucht nach dem Frieden er bürdet Homer in der Beschreibung des Schildes Achilles ein Versehen auf §04. Grund / wie mittelst eines wahrscheinlichen eine Vorstellung unterstützet wird 4°?. H Hagedorn gelobet . » 78 . i8o. 2;7. Halker, siO Register. » Haller, seine Beschreibung der Alpen Richardson entgegen gcsizt 2; Kunstgriff , womit er die Alpenbe- wohner als glückselig vorstellt ;8o. Wie er die Ehre ihres Glantzes beraubt 18; wie er einen Landbe- zwingcr erniedriget ;8; seine Fabel vom Fuchse rz;. Handlung / sie bestehet aus Sitten und Gedancken . / ux 471. Heitieeken, seine Entsthuldigung des Urtheils Longins von der Odvssca unzulänglich zä zieht Königs Erweiterung der bctcüglichen Liebe ohne Grund für ein Exempel des Erhabenen an 4S4 verlanget einen Best serischen Gedancken im Sophocles und Ovidius zn finden , der ihm im Propertius gezeiget wird z > 7. Hermogenes, von der Ehrbarkeit 9-. Historie, Unterschied zwischen ihr und der Poesie 57. Historisch , warum die historische Lehrart durch Beyspiele einen so glücklichen Eingang finde 178. Mögliche historische Welt 277. Hinuntersetzung der heidnischen historischen Wesen in allegorische 14;. Homer, seine Vortrefflichkeit in der poetischen Mah- lcrkunsr Beschreibung eines verwundeten Löwen ,8 des Abschiedes Heetors von Andromacha des Wettefahrcns 40 ' Kennzeichen zwischen seiner Mahlerey und Virgils 41 sein Thersites 68 ein Stücke der Rede des Phenix wider La Motte verthei- get 94 sinne allegorische Vorstellung der Zweytracht 149 wider die Anklage , daß er den Göttern die Schwachheiten der Menschen zugeschrieben habe, ver- ' theidiget 160 wie er den Garten des Alcinous aus der möglichen materialischen Welt genommen habe 274 Vertheidigung dicsis Gartens 276 Rettung des Schildes des Achilles 104 wie er die zachen durch die Betrachtung ihrer Absicht und Würckung erhöhet 186 Rechtfertigung seiner Erweiterung, womit er Agamemnons Zepter beschreibet 4^2 Nach- Register. 511 ' druck in des Aiax Stillschweigen 4;; Geschickiich- keit in der Wahl und Verbindung der Umstände -dick. Ercmpel von «einen Vorstellungen der Grösse der Götter 4)8 der stürme 441 der Reise Neptuns 4; 4 seine Schilde und Verwundungen gegen La Motte vertheidiget 454 Vorstellung Ulysses am Phea- cischen Gestade 4;8 seine Gcschichlichkeit in der Mannigfaltigkeit der Charactcr 474 der Reden 494 seine Reden der Streitenden 496»rLvruchFes Ajax Horaz , seine und des Ovidius übereinstimmende Bilder von der Sündflur 447 von den Sitten 468. 479. 480. 482. 48;. 486. .489. Hyperbolische Bilder K Rleines, das Kleine ist oft so venvunderungswürdig als das Grosse 117 wie sich die Schönheit des Kleinen von dem poetischen Auge erblicken lasse 122. Röntg, sein Gemählde von der Erscheinung des Abgottes 145 allegorische Fabel von dem Elbestrohme 46 Einführung der Zweylracht und der Eintracht 152 phantasierende Vorstellung der Früchte einer milden Regierung ;24 Trefflichkeit seiner phantasierenden Ode vollständige Beurtheilung seines Gedichtes auf das Lager «49 u. folg. Kunstgriff den Stolss der Pferde glaubwürdig zu machen 404 das Eilen eines Allen mit einem unerwarteten Grund zu vermehren 406 Untersuchung des Grundes, womit er den ftühzeüigen Tod seines Königs beglauben will 40z dessen Original 411 seine geschickte Erweiterung der betrüglichen Liebe 46;. Runst , worinnen sie die Natur nachahme 271. Rünste siL Register. Aünste , sie sind so viele Arten die abgezogenen Wahrheiten nach der Fähigkeit der Leute zuzurichten 7. 8. Aunstwercke , mit welcher Behutsamkeit sie in einer Esopischen Fabsi einzuführen seyn 207. r Leidenschaften sehen die Dinge mit eigenen Augen an ;° 8 . Liebe, wie sie sich von der Traurigkeit unterscheidet ;2i. Longin, sein Urtheil von Homers abnehmendem Geist in der Odyssea wird untergraben ;6 seine Gedancken anlangend das verwunderungswürdige Kleine erkläret ii8 preiset die Phantasie-Bilder als ein Mittel den Geist zu erheben zr; tadelt Platons Stelle von den güldenen und silbernen Kostbarkeiten ohne Grund ?yr sein überspanntes Lob einer Umschreibung im Hcro-- dotus ;y8. Er schliesset den Nutzen der Umstände, und ihrerWahl und Verbindung zu enge ein z88. 42; seine Anpreisung der Beschreibung Homers von dem reisenden Neptun 4; g. 4; 7 sein Lob der Homerischen Beschreibungen der Stürme 440 sein Urtheil von Thcvpomps Beschreibung königlicher Geschencke 4?c» von der Macht der Gewohnheit ioy Gründlichkeit seiner Critick über eine Stelle des' Gedichtes Arimaspia z 12 Erklärung der Erweiterung 40s Anmcrckung über einen Spruch des Ajax 52^ M Macrobius, seine Vertheidigung zwischen HomerS Zweytracht und Virgiis Gerüchte i;r angezogen ,4;. rNahler- Registcr. 51 z Mahlcrkunst, ihre Vekwa»dtsche,st mit der Dichtkunst 14. Wonnn Mahler und Poeren unterschiede» sey» 16 Vergleichung der Würckungen ihrer Wcrcke 17 >u f. was die poekische sty i; ;i. Materie, Mittel die schlecht aufzustützen 299. Materialisch, mögliche matcrialische Welt 27;. Mensch , die Poeste muß ihn besser oder schlimmer als er ist vorstellen -8t er ist der vornehmste Gegenstand der Poeste 468. Grund der menschlichen Handlungen 469, Mögliche, Welt ;6. 2S4 mögliche historische Welt 277 mögliche malerialische Welt 27; der mögliche Zusam- . menhang der Dinge nach andern Absichten eine Quelle des Wunderbaren 272. Moralisch / mögliche moralische Welt 282. La Motte tadelt ein Stücke in der Rede des Phenix beym Homer ohne Grund 9; seine Beschuldigung der Beschreibung Homers von dem reisenden Ncvtun wird abgelehnet 4 ;6 seine Einwürffe gegen die Schilde und die Verwundungen beym Homer werden gehoben 4t4- 4t7 sein Urtheil von'dem Fuchsen im Weinberge erkläret 2;? von dem verliebten Löwen 242 Von der Adziehung der Einbildung 287 Entwendungen wider Homers Reden 49; u. f. Muratori, seine Gedancken von der Verbesserung der Natur 267 Urtheil von Ovivius Beschreibung der Eündflul wird erwogen 44t von der schweigenden Beredlsamkil 4z 2 tadelt einige Reden bey Homer; 01. N Nachahmung , wie viel Welten der poetischen Nachahmung unterworffen seyn;; aus welcher der Poet K k seine 5!4 Register. seine Urbilder am liebsten nehme 58 worinn ihr Haupt« Wesen bestehe 66 woher erkennt werde , daß dieses in der Nachahmung vorhanden ist 64 kraft der Nachahmung für sich selbst zu ergehen 68- Ursache, warum die erschrecklichen Dinge in der Nachahmung ergehen 69 doppelter Grund des Ergehens der Nachahmung 71. Natur, Unterschied zwischen ihren Eindrücken , und den ' Eindrücken der Poesie 64 ob sie verbessert werden könne 265 worinnen die Kunst sie nachahme 271 ist nicht zu erschöpfen 114. Neues in dessen Kraft die Gemüther zu rühren no es ist eine Mutter des Verwundersamen 110 die Natur ein uncrscböpflichcr Brunnen desselben >14 die Neuheit lieget nicht in den Lachen, sondern in den, Begriffen 12; die Dichtung die reichste Quelle des Neste» irz wie bekannten Dingen ein Schein der Neuheit zu geben sey 299. Neuheit der Gedanckcn in Austhung ihres Gebrauches 41;. Nützliches, daß es in die Absichten des Poeten emflief- sen müsse 101. O Dpi; , seine Beschreibung der Ruhe des Landlebens 44 wie er die Einbildung durch die Vergrößerung der Gefahr der Schiffenden in Furcht gesetzel ;,o. ; 11 sein Gebrauch des gemeinen Wahnes seine Er- zchlung vor Mattigkeit zu bewahren zgz. ;44 seine mythologisch-allegorische Vorstellung euier allgemeinen Freude zg.6 Kunstgriff, womit er die Einfalt der alten Baukunst erhoben hat ;8- von ihm ange- merckle Umstände 00» der Mäuse Spiel mit Degen, unb der Spinnen Weben in einem Helm ;8? Etliche geschickte Umschreibungen desselben 194-; 98 sein Kunstgriff, die Vorstellung einer feindlichen Macht / die sich zu ihrem eigenen Nachtheil verstärcket hat, zu unter- Register. 515 unterstützen 406 seine Gedancken von der Macht der Gewohnheit 108 Beschreibung der wunderbaren Wur- kungen der Liede z 18 wunderbarer Betrug der Liebe ;iy. siine Vorstellung einer allgemeine» Trauer nach einem Betrüge dieses Zlssectes ;i; angezogen 41;. Ovidius Beschreibung der Sundstut gegen die Einwüchse des Sencca und Muralori cnvogen 44;. P persius angezogen ' 49» Phantasie - Wesen , mögen in einer Fabel wohl ein-» geführet werden- . 20z. phantasierende Vorstellungen , ein Mittel den Geist zu erheben zrz. pindarus , Mittel, deren er sich bedienet, seine Materie zu der Hoheit eines Gedichtes zu erheben ;zy. plato , seine Stelle von den güldenen und silbernen Reichthümern gegen Longin vertheidiget; y r warum er die Poeien aus seinem Staat verwiesen habe n. Poesie, Unterschied zwischen ihr und der Historie übertrifft die Historie durch die Abziehung ihrer Vorstellungen 2ycs ihr Endzweck 100 Vorzug des dramatischen Theils der Poesie 470. Poeten , worinncn sie und die Mahler unterschieden seyn 19 Vergleichunq der Würckungen ihrer Wercke 17 sie haben auch die Würckungen ihrer Gemählde in ihrer Gewalt 28 Bestraffung der cymschen Poeten 98 Ihre Wicht die prosaische Mattigkeit zu vermeiden z 71 reden selten in ihrer eigenen Person 470. Pope, Trefflichkeit seines Gedichtes von dem Menschen 9. 177 er lobt Homer ? z vornehmlich dessen Verschick enheit der Character 47; und dessen Reden 494 vertheidiget Homers Reden an die Pferde ?oo. Kk 2 . Posteil sis Register. Postei, feine Vorstellung Wittekinds nach seiner Rettung aus dem Schiffdruche mit Homers Vorstellung des Ulysses am pheacischen Gestade verglichen 4Z 8 angezogen ; 47 - 0 tp.uintilianus angezogen ;z. 48. 64, 67. 7; von ihm vorgeschlagenes Mittel, sich selbst in einen Affcct zu setzen ;Z4> N Rambach ys- Reden, die Reden der Personen sind die Hintersätze der Characier ' 4yr. Redner, wiefern er pßichtig sey die poetische Mahlerkunst zu Hülfe zu nehmen ;;. Richardson, sein nachtheiliges Urtheil von dem verdrießlichen Wesen einer Beschreibung der Alpen widerlegt 21 seine Gedancken von der Verbesserung der Natur behutsamer erklärt »66. S Saint-Amand, sein Bild von der Sündfiut wird gegen Bvileans Gespötte entschuldiget 448. Salvini widerleget 41;. 44; angezogen. 501- Schildcreyen , worinn die Deutlichkeit der poetischen bestehe 66. Schriften, die göttlichen geben Mittel an die Hand, die Materie aufzustützen ;84. Schönes, worinn das poetische Schöne bestehe nr dieses ist an keine Zeil n w an keinen Ort gebunden 126 wie den Sachen voi einer erringen Schönheit durch die Knust ein Ansehen mitgetheilet werde 29,-. S ene- Register. 517 Seneca, sein Urtheil von Ovidius Beschreibung der Sündflut wird erwogen 444 - Sinnen , wie ihr Betrug ein Ding wunderbar mache ;oc>. Wahn derselben dienet das Wunderbare hervorzubringen ;oo. und folg. Sinnlich, unter den sinnlichen Sachen machen nicht alle einen gleichen Eindruck Sinnreiches, dieses nnd das Scharffsinnige schließen die Kunst in sich, poetische Schlüsse zu machen 407. Sitten 472 ReA'ln derselben 479- Sprüche 502 Theopomp, seine Beschreibung königlicher Geschencke 450° Traurigkeit, wie seltsam sie die Sachen vorstelle ;i;. Triller, seine Derwcrffung der menschlichen Fabel 188 Beurtheilung etlicher Fabeln desselben 214 Rettung und Pcüffnng etlicher alten von ihm angegriffenen Fabeln r;8- 242. 245 gemeiner Fehler in seinen Fabeln 246 schlecht Kunst in ihrer Erfindung 247 abgeschmackte Uebersctzungen der Fabeln von der Feldmäuse , und von dem Dornstrauche 249. V Vermehrung mittelst eines wahrscheinlichen Grunds 40;. Verwun-ersames , das so in den Verstand leuchtet, führt für den gemeinen Hansen kein Ergetzen mir sich 79 es ist der höchste Grad des Neuen 112. 129 wie das Kleine verwundersam sev 117 Natur des Vcrwundcriamcn i;o dessen Verbindung mit dem Wahrscheinlichen izi etliche Quellen desselben 142 Kraft desselben in einer allegorischen Erzehlung 14; wie dasselbe in einer solchen hervorgebracht iverde Kk; 299 fi8 Register. 199 Grade und Classen desselben 140 wie es von einem Betrug der Sinnen entstehe ;c-o wie von einem Betrug der Affecte ;c>7 wie von einem allgemeinen Wahne ;;z. Umschreibung ihr Gebrauch ?88 Zweck ;8g Schmücken ;go ihr Nutzen schamvolle und eckelhafce Dinge vorzustellen ;97. ILinstände, wie die Materie durch Entdeckung der verborgenen Umstände erhoben werde ;84 ihr Nutzen in allen Vorstellungen 42; ihre Verbindung 427 wornach man sich in ihrer Wahl zu richten hat 429 ihre Wahl ein Merck des guten Geschmackes 429 ihr Nutzen das Gemüth einzunehmen und die Erzeh- lung zu beglaubigen 454. Virgil, Kennzeichen zwischen seiner Mahlerey und Homers 41 seine Beschreibungen vom Wettcfahren 40. 42 allegorische Vorstellung des Gerüchtes mit Homers Vorstellung der Zweytracht verglichen iseine Verwandlung der Pfeile Polmnnestors , der verbrannten Schisse des Eneas, und des güldenen Zweyges vertheidiget 141 s.in Kunstgriff die Grösse Polyphems, die ^chleiffung der Stadt Troja, der Dido Unternehmen ein Königreich zu suchen, uns selber gedenken zu lassen 418 - 420 Beschreibung eines Mtzernen Trinckgesthirres 294 Vertheidigung des Schildes des Eneas z o4 hyverbolische Redens - Arten der Furcht zio. ;n kömmt dem Homer in der Verschiedenheit der Character nicht bey Urbilder, ihre Wahl 47;. 8 -. W n> cchl der Urbilder 81 die ungeschickte Wahl der Umstände ist dcnr Poeten nachtheiliger als dem Mahler 82 Einschränckung der Wahl durch die Gattungen der Gedichte 8" durch die Ehrbarkeit 9a Lob der Wahl der Malerte von dem verl. Par. 127. Wahn, Register. 519 Wahn, wie ein allgemeiner das Wunderbare znwege- bringt ;;8 wie der Wahn der eftnne dasselbe befö- deck wahre, das historische 60 das poetische 67 Kraft des poetischen Wahren zu ergehen 61 der Poet stellt das Wahre als wahrscheinlich vor i;r. Wahrheiten, Widrigkeit der nacketcn moralischen 6. 1Ü6 wie gemeine zu erheben seyn 29;. Wahrscheinliches ; 9 leine Natur 1; 4 dessen ^Verbindung mit dem Wunderbaren i;i verschiedene Gründe der Wahrscheinlichkeit i;8 Unterschied in den Urtheilen von dein Wahrscheinlichen und dem Wunderbaren 140 Kraft der Perbindung dieser beyden 141- welt, mögliche 56 würckliche 54 sichtbare und unsichtbare mögliche historische 277 mögliche ma- terialische 27; mögliche moralische 282 die mögliche Welten nach einem andern Zusammenhange eine Quelle des Wunderbaren i;s. 142 die unsichtbare Welt der Götter und Geister desgleichen 157 -wie auch die Welt der würcklichev Dinge in einer neuen Ordnung 264. Weltweiten, warum auch sie die Poesie hoch achten ^ 126. * Witz , gehöret zu der Kunst poetische Schlüsse zu machen 427. Wunderbares, siehe Verwundersirmes. würckliches, gegenwärtige Welt des Würcklichen 94. ENDE. Nachricht des Verlegers. ( 7 >Er geneigte Leser wird hoffentlich mit ^ Vergnügen an diesem One vernehmen, daß die Untersuchung derjenigen Vortheile der poetischen Mahlerkuust, welche zu der i mechanischen Kunst des Poeten gehören, und ^ von der Kundschaft in der Sprache und der ! Mischung der poetischen Farben entstehen, > so wie sie in dem neunten Abschn. Bl. 297. von dem Verfasser versprochen worden, würck- lich unter der Presse ist, und zum spathesten auf künftige Michaelis--Messe an das Licht kommen wird. Die Titel der Abschnitte sind diese: Von dem Wohlklang der Wörter. von den Machtwörtern. von den gleichgültigen Wörtern. von der Übersetzung. von der höhern Würde einiger Wörter. von den Beywörtern. von der Schreibart überhaupt. von der pathetischen Schreibart. von den poetischen Farben. von der Mechanik des deutschen Verses. K-V'e L^eMtL 1>UL '» °'. 'M i>^ 7 '/^ MMML MES -Er/ ^ ' WM-M MSKMKMSK-L ÄWW WA 2^/' MMWW-8^