226
is iht dinges, daz ir widerste?
daz soltu nennen jesa (jetzt)
diu vohe sprach: entriuwen (traun) ja u. s. w-
2. Das allmähliche Abstumpfen und Verschleisen der End- und Biegungs-silben und das scharfe Betonen der Wurzel- oder vorletzten Silben in derVolkssprache, sowie die gläubige Begeisterung für das Übersinnliche der christ-lichen Lehre, die nach dem Unendlichen, mystisch Helldunkeln strebte, muhteneiner auf lediglich grammatisch prosodischen Regeln basierten Metrik und deraus dem Schönheitsgefühl für das bloß Sinnlich-Zweckmäßige hervorgegangenenplastischen Strenge und Bestimmtheit der Formen entgegen treten, so das; ebennur die Kunstpoesie sklavische Nachahmerin der altklassischen Poesie blieb.
Die christliche Poesie mußte in demselben Grade, als sie Volks mäßigwurde, immer mehr eine betonende bleiben und werden, welche ihren Schwer-punkt im rhythmischen Accent hatte. Je mehr sie sich vergeistigte, destomehr muhte sie die Fesseln stereotyper Formen einer beengenden Quantität zusprengen streben, desto mehr mußte das von Sehnsucht nach dem Über-sinnlichen erfüllte Gemüt sich in der accentuierendcn Musikäußern, welche die Form weniger beachtet und sich in rhythmischen Absätzenergießt. „Durch das volkstümlich christliche Element wurde die MittellateinischePoesie unabhängig und grundverschieden von der klassisch heidnischen; beidewurzelten zuletzt wie jede Kunst in der Religion; aber wie die christliche himmel-wärts, die heidnische erdwärts gekehrt war, die erstere in der Ahnung, dieletztere im Begriffe das Göttliche zu erfassen strebte, so vergeistigte sich diechristliche Poesie im musikalischen Idealismus, während die heidnische sich implastischen Realismus zu verkörpern gesucht hatte."
Mutzl setzt diesem Ausspruch Wolfs zu: „Mit der Sprache des ge-meinen Lebens war auch die Volkspoesie und ihr accentuierender Rhythmusgeblieben. Wie jene allmählich das ward, wozu sie die Keime seit Jahr-hunderten in ihrem Organismus getragen, ebenso entwickelte sich ihre früherdurch die quantitierende Metrik niedergehaltene betonende Rhythmik; die Zeitwar gekommen, wo auch sie ihre Blüten entfalten und sie zum Baum erwachsensollte. Weit entfernt, ein Erzeugnis der gemeinen Umgangssprache spätererJahrhunderte zu sein, war diese Volkspoesie fort und fort erklungen;sie verstummte nie, wie das Menschenherz nie aufhört zu empfinden; immersang das Volk seine Lieder, und immer ergoß sich das Gefühl der Andacht infrommen Gesängen. Und besonders war es die christliche Kircheudichtung, welche— alles gelehrte Gewand verschmähend — in ländlichen und bürgerlichenWeisen gern erschien und nur das ungekünstelte Organ der öffentlichen Gottes-verehrung sein wollte, einfach und leichtsaßlich jedem Obre, zur kunstreichenaltgriechischen Form sich ungefähr verhaltend, wie zum modernen Klapphornoder Ophiklet die kunstlose Schalmei des Alpenhirten. Vorzugsweise in denreligiösen Dichtungen zeigt sich daher das allmähliche Ver-