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Dazu kam eine große Abwechselung des Repertoires. Neuig-keiten folgten einander zwar nicht mehr so rasch wie zehn Jahrefrüher, aber doch immer noch in auffallend schneller Abwechselung.Schröder allein hat in seiner vierjährigen Anwesenheit gegen dreißigneue Stücke, vorzugsweise Bearbeitungen, zur Aufführung gebracht.
Wenn man fragt, woher die große Anzahl von Stücken ge-kommen sei, so lautet die Antwort wohl dahin: man war nichtallzu wählerisch, man gestattete namentlich dem Lustspiel einesehr freie Ausdehnung auch in's Gebiet der Posse und desLocalstückes, und leichte Lustspiel-Talente, wie der LeipzigerJünger, fingen an fleißig zu schreiben; man nahm vom AuslandeAlles, und man führte Trauerspiele auf, welche von dichterischerLebenskraft gar arg verlassen waren. Die von Ayrenhoff, einemeinheimischen höheren Officier, welchem die französische Tragödiedas höchste Ideal, Lessing's bürgerliches Trauerspiel höchst be-denklich, und Shakespeare ein Caricaturenzeichner war, gehörtennoch zu den besseren, und es erscheint uns jetzt recht natürlich,daß eine „Kleopatra", ein „Tumelicus" und ähnliche fern liegendeStoffe in so trockener Behandlung das Publikum nicht über-mäßig reizten für diese erhabene Gattung dramatischer Form.
Das Publikum selbst war schon damals sehr empfänglichund von der hingebendsten Aufmerksamkeit für alles irgendwieBedeutende. Da wurde „kein Laut überhört, kein Zug übersehen,jede Feinheit aufgefaßt, jeder Wink errathen. Diese Erwartungdes Lieblings, diese Freude bei seiner Erscheinung, dieseSpannung, dieses Aufmerken, dieses Begleiten, dieses Stille-gebieten vor einer bedeutenden Rede, dieses mühsam zurück-gehaltene, jede Störung des Bevorstehenden ängstlich vermeidendeEntzücken, diesen lauten, langen, wiederholten, unersättlichenAusbruch des Jubels, wenn endlich das Ersehnte vollendet war",habe man nur in den Schauspielsälen Londons, nur bei Er-zeugnissen Shakespeare's wieder gefunden. „Ein dankbareresPublikum giebt es nicht, ein strengeres, kälteres glaub' ich zukennen," — sagte Meyer, wohl in Bezug auf Hamburg. Nursetzte er hinzu, daß der Wiener Geschmack sich auch leicht habeverleiten lassen. „Falsche Anwendung gefälliger Naturgaben,glänzender Mißbrauch der Kunst mögen freilich in Wien Glückmachen und selbst die Wahrheit verdunkeln, wenn ihnen diesean innerem Leben, Kraft und Schönheit nachsteht."