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wechselt, daß er die Größe der Schiller'schen Kompositionen sehrwohl zu würdigen wußte, und das Interesse Schiller's nachKräften und mit guter Einsicht förderte.
Ueberhaupt hat die Theatergeschichte Jffland viel milderund anerkennender zu behandeln, als unsere Literargeschichte esgethan hat und in manchem Betracht — aber auch nur inmanchem! — es hat thun müssen. Um das deutsche Theaterhat er unbestreitbar große Verdienste. Um das Burgtheaterinsbesondere. Seine Stücke sind demselben zum Ausgange desvorigen Jahrhunderts und zum Anfange des jetzigen ein schätz-barer Kern gewesen. Die Schröder'sche Schule der unpathetischen,einfachen Charakteristik ist durch seine Stücke im Burgtheaterfortgeführt worden. Allerdings in engeren Formen, mitunterwohl auch auf etwas niedrigerer Stufe. Aber doch zum Segen.Was wäre ohne diesen kernigen Halt für Schauspieler undPublikum aus einem Theater geworden, welches Jahrzehnte langabgesperrt wurde von jeder freieren Schöpfung, sobald dieseSchöpfung die Gedankenkreise der Zeit berührte! Verflacht wärees gänzlich. In erster Linie wären die Schauspieler haltlos ge-worden und nichtig. Das haben die Jffland'schen Ausgabenverhütet. Es ist wahr, sie reichen selten über den bescheidenenbürgerlichen Horizont hinaus, eine gewisse Moral ist ihr höchsterFlug, und ein poetischer Schwung, welcher Herz und Geistdes Menschen ausdehnt, fehlt ihnen gänzlich. Aber in ihremengen Kreise entwickeln sie tüchtige Kräfte. Sie können wieeine Vorschule angesehen werden, so wie sich aus einer gutenGemeindeleitung Fähigkeiten zu hoher Politik entwickeln.Jffland's Gestalten haben wirkliches Leben. Dadurch wurdensie für unsere Schauspieler bildende Aufgaben. Die schließ-liche Entwickelung seiner Stücke ist fast durchgehends schwäch-lich, und fordert die Kritik gegen sich heraus, aber der Wegzu dieser Entwickelung ist tüchtig. Er ist genau organisch, unddadurch bildet er die Schauspieler, bildet er das Publikum.Ihm also ist es zu verdanken, daß trotz der Ungunst politischerVerhältnisse die eigentliche Schauspielkunst im Burgtheater ge-pflegt und gefördert worden ist auch in den Jahrzehnten, welchedas Burgtheater abschlössen von den Bewegungen der Zeit.
Dies gilt durchaus nicht von Kotzebue. So lange er ernstschrieb, war er äußerlich, und griff oft nach krankhaften Reizen.