VI.
Zu Anfang des Jahrhunderts wiederholte man den Versuch,von Außen her dem Nationaltheater eine leitende und befruchtendeKraft anzueignen. Obwohl dies mit Schröder nicht gelungenwar, weil das Herrschbedürfniß des „Ausschusses" sich standhaftwidersetzt hatte, so tauchte doch nach etwa fünfzehn Jahren derGedanke wieder auf. Unbefangene Cavaliere und feinere Zu-schauer machten höheren Ortes die Bemerkung geltend: DieSchröder'sche Erbschaft an Grundsätzen und Stücken ist doch sehrwohlthätig gewesen; sie hat sich nun vielfach abgenutzt — wärenicht eine neue Aneignung an der Zeit? Und da es mit einemSchauspieler auf die Dauer nicht möglich gewesen, sollte es nichtmöglich sein mit einem dramatischen Schriftsteller? Ein solchersei ja neuerdings aufgetreten in voller Kraft der Jugend undProductivität und mit ganz besonderer theatralischer Befähigung,denn seine Stücke gefielen überall. Dieser Schriftsteller mitrespectabler wissenschaftlicher Bildung sei — August von Kotzebue.
An maßgebender Stelle fand man dies einleuchtend. Kotzebuewurde berufen und angestellt als Theatersecretär. Dieser Titelblieb Jahrzehnte lang beliebt für die zweifelhafte Stellung einesDramaturgen, welcher die geistige Aufgabe der Leitung zu er-füllen hatte, ohne eine wirkliche Macht in Anspruch zu nehmen.
Kotzebue war ein Mann von Energie und wollte seine Kraftgeltend machen. Da stieß er denn natürlich wieder an den„Ausschuß", an das schauspielerische Familienregiment, welchessich immer bedroht fühlte, wenn von außen her eine schöpferischePotenz eindrang in das cameradschaftliche Getriebe. Die In-triguen begannen und der Kampf brach endlich aus in HellerLohe. Die oberste Direction schützte wohl Kotzebue. Aber derSchutz war mäßig, war vorsichtig. Es kam zu einer Art ge-richtlichen Verfahrens, in welchem die Mitglieder des Ausschusses