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verlor selbst das „Käthchen" mehr und mehr seine Anziehungs-kraft, und der „Prinz von Homburg" wurde als krankhaft undunschön im Stich gelassen. Grillparzer's Stücke dagegen, nachSchreyvogel's Abgang zwei Jahrzehnte lang im Repertoire ver-nachlässigt, erwiesen sich sämmtlich bei ihrer Wiederaufnahmeals kräftig und tüchtig. Die bekannte „herbe Frische", welcheTieck den Kleist'schen Werken als Charakteristik zutheilte bei derHerausgabe, paßt jetzt viel eher auf Grillparzer, besonders wennman die Worte umkehrt, und frische Herbheit sagt. Sie duftetstärkend aus Grillparzer's Dramen entgegen. Fein geseheneWahrheit schlicht ausgedrückt und gesunde psychologische Ent-wickelung in den Charakteren würzt Grillparzer's Compositionen,welche nie ohne Genialität und doch immer einfach sind.
Er wurde der neue dichterische Halt des Burgtheaters vondamals bis heute. Zwei Jahre nach der „Ahnfrau" brachte erdie „Sappho", welche heute, fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung,fast noch mächtiger und schöner wirkt als damals. Wenigstenskonnte sie 1866 und 67 zahlreicher vor gedrängt vollem Hauseaufgeführt werden, als da sie neu war.
Sie ist wunderbar schnell entstanden. Auf dem Wege nachdem Prater hat ein Musiker Grillparzer angetreten mit demVorschlage, einen Operntext „Sappho" zu schreiben. Grillparzerhat Nein gesagt; der Name Sappho ist aber befruchtend inseine Seele gefallen, und einsam in den Prater tief hineinwandelnd hat sich ihm der Stoff entwickelt und gegliedert, der-gestalt leicht, natürlich und vollständig, daß er bei der Rückkehrin die Stadt die ganze Tragödie vor sich gesehen. Sogleich hater sich an's Schreiben gemacht, und in ein paar Wochen ist dasStück fertig gewesen.
Welche Freude für Schreyvogel, der sogleich an die Jn-scenesetzung gegangen. Die Melitta nur machte dramaturgischeSchwierigkeiten, weil die junge Frau Korn in die banal-weisenRathschläge der Collegen verstrickt worden war. Grillparzersitzt bei der vorletzten Probe im dunklen Parterre und leidet sehrvon der declamirenden Melitta. Endlich tritt sie ab undüberrascht ihn mit ihrer Nachbarschaft im dunklen Parterre undmit der schüchternen Frage, ob er zufrieden sei mit ihrer Auf-fassung. Er weicht aus mit der Antwort, und sie ruft: Ichhab' mir's gedacht! ich selbst bin gar nicht zufrieden; morgen