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Ihr zweiter Gatte Schröder starb in demselben Jahre 1818.Elf Jahre blieb sie Wittwe, aber 1829, also achtundvierzigJahre alt, heirathete sie, von heftiger Leidenschaft für den schönenMann getrieben, den Heldenspieler Kunst. Schon nach wenigenWochen erfolgte die Trennung dieser Ehe, und in demselbenJahre verließ sie Wien.
Sie reiste und gab zwei Jahre lang Gastrollen. 1831 tratsie in's Münchner Hoftheater. 1833 kam sie zum drittenmalenach Wien, trat im Josephstädter Theater auf und dann erst inder Burg, ging aber wieder nach München zurück und kam erst1836 zum viertenmale wiederum als engagirtes Mitglied desBurgtheaters nach Wien.
Aus dieser letzten Engagementszeit fehlt es nicht an Nach-richten, welche sie als mißvergnügt schildern, als nicht ganzzufrieden mit der Theilnahme des Publikums, und ihren letztenAbgang nach einigen Jahren motivirt man mit einer peinlichenScene. Die beinahe sechszigjährige kleine Frau habe die Elisabethin „Maria Stuart" gespielt und bei Leicester's Rede im zweitenActe:
„Ja — wenn ich jetzt die Auqen anf dich werfe —
Nie war'st du, nie zu einem Sieg der SchönheitGerüsteter als eben jetzt —"
habe das Publikum wiederum über sie gelacht. Im Innerstenempört, habe sie da den Entschluß gefaßt, von dannen zu gehenund hiemit von der Bühne abzutreten.
Achtundzwanzig Jahre noch hat sie — anfangs in Augsburg,dann in München — in der Stille gelebt. 1859 zum Schiller-feste nur ist sie auf höheren Wunsch noch einmal in Münchenauf der Scene erschienen und hat das „Lied von der Glocke"vorgetragen. Bald darauf kam sie auch noch einmal nach Wienund sprach auch hier die „Glocke" und Kopstock'sche Oden.Dann blieb sie ganz in der Münchner Zurückgezogenheit,, unter-richtete mitunter junge Schauspielerinnen und schrieb, wie mansagt, ihre Memoiren. Sind sie geschrieben, dann erscheinen siejetzt hoffentlich im Druck.
Was war nun, fragen wir im Hinblick auf dies lange,reiche Leben, was war nun der Grundcharakter ihrer Kunstund wodurch ist sie für uns die große Schauspielerin ge-worden?