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in Wien ging man vorwärts unter Schreyvogel. Und dieserMann wurde 1832 durch den damaligen Oberstkämmerer GrafenCzernin plötzlich und schnöde beseitigt.
Schreyvogel war ernst, kurz, zuweilen schroff. Er lebte undwebte ganz in seiner Aufgabe. Nur während des Ferienmonats inBaden ruhte er aus vom Theater, und dort schrieb er alljährlicheine Novelle für das Taschenbuch Aglaja. Das Gedeihen seinesInstituts beschäftigte ihn sonst früh und spät, und der Gewinneines so zahlreichen Personals war das Ergebniß seiner rastlosenBemühung. Unnütze Störungen, zweckwidrige Befehle vonSeiten der obersten Direction machten ihn ungeduldig und ent-rissen ihm mitunter herbe Aeußerungen. Die Schauspieler abersind nie alle zufrieden mit ihrem Director, und sind in der Un-zufriedenheit und Klatschsucht immer geneigt, solche Aeußerungenweiter zu tragen. Namentlich sagte man dies damals jungenLiebhaberinnen nach, welche beim obersten Chef gern gehörtwurden. So kamen denn solche Aeußerungen zum Grafen Czernin.Ihm war der ernsthafte Schreyvogel mit seiner Logik beitheatralischen Streitfragen schon lange unbequem, und er warvon seinen Herrschaften gewohnt, mit einem unbequemen Beamtenkurzen Proceß zu machen. Es kam ihm nicht in den Sinn, daßein gewöhnlicher Herrschaftsbeamter weniger bedeute, als der er-probte Leiter eines Kunstinstitutes, und daß beide nicht mitgleicher Elle zu messen seien. Er maß mit gleicher Elle, undjagte Schreyvogel fort, wie er einen seiner Beamten fortzujagenpflegte. Schreyvogel erhielt plötzlich, aller Welt unerwartet,seinen Abschied, und wurde so roh behandelt, daß man ihmuntersagte, den vergessenen Regenschirm aus dem Burgtheater zuholen. Er sollte es nicht mehr betreten, nnd man rief ihm zu:„Der Regenschirm wird Ihnen geschickt werden." So war erhinausgewiesen, der Schöpfer des damaligen ersten deutschenTheaters, aus den Räumen dieser Schöpfung. Der Aerger verzehrteihn mit glühender Flamme, und warf ihn der harrenden Cholerain die Arme. Zwei Monate nach seinem Austritte war er todt.
Graf Czernin hatte dabei Nichts weiter beabsichtigt, als einerCavalierslaune zu dienen. Die Beseitigung Schreyvogel's warihm eine Bagatelle, und um darüber keinen Zweifel aufkommenzu lassen, übergab er die Direction — Herrn Deinhardstein.