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Besonders die Jugend auf den Universitäten hat einen guten Theil des Volksgesangesfrisch erhalten und fortgepflanzt. Unser dritter Abschnitt enthält als Studentcnlieder nursolche, die das Studentenlebcn zum Gegenstände haben, und aus demselben, wie das eigent-liche Volkslied aus dem Volke, hervorgegangen sind, während die anderen Lieder, die aufUniversitäten heimisch geworden und in die Sammlungen dieses Behufs übergegangen sind,sich unter den besondern, ihnen zukommenden Abschnitten finden. Aber unter den Liedernjener lateinisch-deutschen Jugend mußten einige altväterliche, ganz oder halb lateinischeLieder, ihren Platz behaupten. Auch durfte man hier manches dulden, was nicht durchausloyal oder legal, aber doch irgend einmal gewesen ist, und ein billiges Recht hat, in seinenLiedern fortzuleben.
Wiefern besondre Verhältnisse und Stände ihre Lieder haben, ist unsre Sammlung weitlückenhafter, als z. B. das Mildheimische Liederbuch, welches Lieder enthält für Schuster,Seiler, Töpfer, Hutmachcr, Buchbinder und Schönfärber, über das Gedächtniß- und Erin-nerungsvermögen, ein Danklied für die fortschreitende Aufklärung und ein Warnungslied vordem Lotto. Obwohl das genannte Liederbuch seiner Zeit gerecht war und dem gemeinenManne ein Haussegen geworden ist, so konnten doch dergleichen Lieder, die bloß gemachtsind, um eine Lücke auszufüllen, die dazu dem ächten Volksgesange ganz fern stehn undnichts als eine gereimte Beschreibung oder Moral enthalten, nicht in unserm Plane liegen,sondern nur diejenigen, in denen wirklich Poesie und Musik durchklingt.
Wer Volkslieder haben will, kann die Thatsache, daß es zwei Geschlechter giebt, nichtignoriren. Lieder von gemeiner und sittenloser Absicht haben wir ausgeschlossen. Einigewenige, wie das Heulied und das Lied vom Michel dem Schalksknecht, haben wir ungernstehen lassen; aber sie werden so viel und oft so harmlos gesungen, daß wir in der Scheuvor aller Prüderie Gnade für Recht crgehn ließen. Für Kinder ist dieses Buch ohnedemnicht bestimmt, obwohl es mit Kinderlicdern beginnt: aber nur inwiefern auch diese Stimmedes Liedes zu den Grundtönen des Volksgesanges gehört; allein Kinder sollen ihre Liedergar nicht aus Büchern lernen, sondern durch lebendige Vermittelung.
In den Scherz- und Schelmenliedern hat meist der Volksgeist selbst im frohen Übermuthenichts verschont. Es gehört Verstand und Gutmüthigkeit dazu, Scher; zu versteh». Die Schwa-ben bewähren sich auch darin als einer unsrer geistvollsten und herzigsten Volksstämme, daßfast alle Spottgeschichten auf sie von ihnen selbst aufgebracht, oder doch unter ihnen selbstam meisten im Schwünge sind.
Das Kirchenlied als der andere höhere Theil des Nvlksgesanges ist von unsrer Samm-lung ausgeschlossen. Zwar macht den Beschluß ein Anhang von geistlichen Liedern, unterdenen einige Kirchenlieder vorkommen: aber nur wiefern sie auch eine weltliche Seite habenund nach altväterlicher Weise auch bei hohen weltlichen Festen gesungen werden, bezeichnensie den Übergang zum Gesangbuche der Kirche. Denn nur ein weltliches Gesangbuch deSdeutschen Volkes sollte hier gegeben werden, als ursprünglich gedichtet vom Volksgeiste selbst,der sein tiefstes Freud und Leid, sein Lieben und Hassen, seine Weisheit und frohe Thorheitin tausend Liedern der Natur- und Kunst-Poeste ausgesprochen hat, um in diesem Spiegelund Wiederholte sich selbst zu begrüßen und seines reichen Lebens froh zu werden.