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Neuntes Kapitel
blieb Raphael immer nur der Maler der Grazie*. Seineim Louvre sichtbaren Werke bestätigten das. Die fürFranz I. von Raphael gelieferten Gemälde streifen an'sAffectirte. Mir ist der Gedanke gekommen, ob Raphael,bei den drei Werken, die von Ansang an für Frankreich gemalt wurden, nicht absichtlich das Element dieser Graziebis zur Eleganz steigerte um dem französischen Geschmackezu entsprechen. Es ist diesen Gemälden ein gewisseshöfisches Wesen eigen, das übrigens auch aus anderenWerken der letzten Jahre Raphael's uns anspricht, unddas zumal dem für Frankreich bestimmten Porträt derJohanna von Aragonien nicht fremd ist. Das Meiste andiesen Gemälden haben seine Schüler gethan.
Diese Werke bestimmten das Urtheil des PariserPublicums. Aus den Cartons für die Teppiche dagegenleuchten Wahrheit und Charakter uns entgegen. DerAnblick von Dorignp's kraftvollen Blättern zeigt Raphael als Darsteller der wichtigsten Begebenheiten des NeuenTestamentes nicht nur Lionardo und Michelangelo alsebenbürtig, sondern, weil Raphael die Natur in beinahezusatzloser Reinheit giebt, fast überlegen. Hatte Raphael bis zum Erscheinen von Dorigny's Stichen in erster Linieals Vertreter des Madonnencultus gegolten, hatte keinanderer Meister die Verbindung irdischer und überirdischerSchönheit in die Bilder der heiligen Jungfrau hinein-zulegen erlaubt, so erhob er sich durch Dorigny nun auchin den Augen protestantischer Völker zur Würde einesMeisters, der im Geiste des über die Konfessionen er-habenen Christenthums die wichtigsten Ereignisse der sichbildenden christlichen Kirche darstellte.