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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Einleitung.

Inhalt derBüdnerei.

Thierbilder.

Was aus dem Kreise der Bildnerei ausgeschlossen bleibt, ist dieDarstellung des vegetativen Lebens. Ein Baum, ein Strauch, einePflanze greifen mit dem Geflecht ihrer Wurzeln tief in die Muttererdehinein, klammern sich wie mit hundert Armen an den ernährendenBoden fest und welken dahin, wenn sie ihm entrissen werden. Schonaus diesem Grunde kann die Bildnerei die Pflanzengestalt nicht zumGegenstände der Darstellung machen. Sie vermöchte ja doch nur einStück derselben zur Anschauung zu bringen und müsste sieh eines wich-tigen Theiles gänzlich enthalten; oder sie gäbe, wie es ihre Aufgabe ist,den vollen Organismus, dann aber schwebte die Pflanze mit ihremWurzelwerk in der Luft,, fände keinen. Standpunkt, keinen Halt, undmachte, losgelöst von der Grundbedingung ihres Daseins, den traurigenEindruck einer für das Herbarium getrockneten Pflanzenleiche. Und nochein andrer Grund kommt hinzu. Die Gestalt jedes Pflanzenorganismusist so reich an Einzelheiten, die neben und an einander gereiht sich freigruppiren, eines das andere deckend und überschneidend, in dichte oderlockere Massen sich zusammenballend, dass die Plastik in dem Vielenvergeblich nach der einfachen bestimmten Form suchen würde, die alleinzu voller Erscheinung von ihr ausgeprägt werden kann. Wo demnachein Pflanzengebihle dem plastischen Werke als Zusatz zum Verständnisslokaler und anderer Beziehungen gegeben werden soll, da hat die Plastikauf ausführliche Schilderung zu verzichten und mehr eine symbolischeAndeutung und Abbreviatur als eine Nachbildung' der vollen Wirklichkeitzu liefern.

Anders verhält es sich schon mit der Thierwelt. Hier löst sichjedes Einzelwesen frei vom Boden ab und mag auch vom Plastiker sichfür ein besondrer Postament gewinnen lassen. Man kann daher alsGesetz aussprechen, dass Alles, was nach eigenem Willen den Standortverändert, Gegenstand der Bildnerei ist. Hier bietet sich nun. ein organi-sches Leben in ganzer Vollständigkeit dar, in klarer Ausprägung derForm, jedes Glied in einer Schärfe und Deutlichkeit- seine Bestimmungund seine Beziehung zum Ganzen verrathend, dass der Bildhauer sichvorzüglich angezogen fühlt, dem Gesetze der Natur mit formenfrohemAuge und nachsehaffender Hand zu folgen. Dennoch wird er auf diesemGebiete sich in dem engen Kreise rein sinnlicher Affekte beschränkt sehen,und so frisch und kräftig er aus erster Hand hier den Pulsschlag desnur von der Natur bedingten Lebens in seinem Begehren, Ringen undKämpfen zu gewinnen vermag: eine höhere Intelligenz, ein Regen derselbstbewussten Seele wird nur als dämmernde Ahnung aus solchen Ge-bilden hervorschimmern.