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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Einleitung.

kommen und zu inniger Gemeinschaft sielt zusammenfügen. Nur beidieser Auffassung ist das Gesetz plastischen Schaffens in seiner ganzenSchärfe und Reinheit bewahrt.

Kleidung. Die Kleidung als Erzeugniss höherer Gesittung, die den Menschen

dem blossen Naturzustände entzieht, wird nur dann als Ausdruck solcherKulturverhältnisse für die Plastik verwendbar sein, wenn sie nicht denKörper völlig verbirgt, nicht seine Umrisse, seinen Gliederbau entstellt,sondern die Formen und den Organismus des Körpers, den Wohllautseiner Bewegungen in edlem Faltenwürfe nachklingen lässt, wenn siesich ihm anschmiegt und von ihm ihr Gesetz empfängt, wie in der Musikdie instrumentale Begleitung sich der Melodie, welche die menschlicheStimme ertönen lässt, anschliesst. Mit andern Worten: nur wenn dieKultur die edle Anlage der Natur weiter entwickelt und achtet, nichtwenn sie dieselbe unterdrückt und entstellt, kann ihr Erzeugniss für diehöchsten Zwecke der Plastik zur Verwendung kommen.

Die ciu-ist- Bei solch strenger Forderung wäre freilich die Geschichte der Bild-

fasstmg. nerei mit der antiken Welt zu ihrem frühen Ende gelangt; alles was unterdem Einfluss des christlichen Geistes plastisch geschaffen worden,müsste dann als Abfall, als Zeugniss des Untergangs und der Entartungbetrachtet werden, und nur was im Sinne der antiken Kunst gedacht ist,hätte Anspruch auf Geltung. In strenger Anwendung des Princips mussman allerdings so urtheilen. Um aber der christlichen Kunstepochegerecht zu werden, darf man dann nicht vergessen, neben der Plastikauch der Malerei zu gedenken, in deren Schöpfungen sich der geistigeGehalt des christlichen Zeitalters voller und mächtiger ausprägt, und dieeben desshalb erst durch das Christenthum ihre gänzliche Befreiung undhöchste Vollendung gewonnen hat. Die durch Schönheit geadelte Sinnlich-keit, wie das klassische Heidenthum sie empfand, musste mit dem Auf-treten der spiritualistischen Lehre des Christenthumes vergehen. JeneIdee hatte ihren Kreislauf von Gestaltungen erschöpft. Mit dem Christen-thume kam das Individuum in seiner tiefen Innerlichkeit zu seinemRechte. Körperliche Schönheit ward nun gleichgültig, selbst verachtet.Reinheit der Seele, Schönheit der Empfindung wurde das höchste Zielder Darstellung. Von der körperlichen Form bedurfte man nur jenestäuschenden Schimmers, den die vom Licht umflossene Oberfläche derGestalt auf die Netzhaut des Auges wirft. Damit trat die Malerei in ihreeigentliche Bestimmung. Ein Mehr von körperlicher Form, die Wirk-lichkeit der vollen lastenden Erscheinung wäre dem Aufschwünge derPsyche hinderlich gewesen. So konnte man die Plastik für beseitigthalten; ihre Rolle schien ausgespielt.

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