366
Drittes Buch.
Eindringendes goth.Styies.
Liebfrauen-kirche zuTrier.
der Maria, der Apostel und Evangelisten, aus deren Reihe mehrere zer-stört sind; darüber ein etwas späteres grosses Cruzifix nebst Maria undJohannes; ferner zur Seite der Altarnische unter reichen Baldachinen dieHeiligen Barbara und Katharina, endlich an der Seite neben dem Altareine grosse Darstellung der Verkündigung. Es sind fein in Stuck aus-geführte, reich bemalte Arbeiten, die durch dies Material, mehr nochdurch den Styl an die sächsischen Werke der romanischen Schlussepocheerinnern. Die Auffassung ist auch hier noch stark antikisirend, jedocliin dem freieren Sinne dieser Z'eit, und von frischer Lebensregung erfüllt.Die Apostelköpfe zeigen eine mannichfaltige entschiedene Charakteristik,die jugendlichen sind besonders anmuthig in mildem Lächeln dargestellt.Vorzüglich liebenswürdig ist die Verkündigung; die thronende Madonna,zu deren Ohr sich die Taube niedergelassen hat, wendet sich aufmerk-sam dem Engel zu, welcher gar sittig heranschreitet. Die Erbauungder Kapelle scheint unter Ludwig dem Kehlheimer bis 1231 erfolgt zusein, und dieser Zeit entspricht auch der Styl der Bildwerke. DerselbenSchule gehören die aus Holz geschnitzten mit Stuck überzogenen undbemalten Statuen Ludwigs des Kehlheimers und seiner Gemahlin Lud-milla, welche sich in der Afra-Kapelle zu Landshut befinden.
Wie die romanische Architektur, so vermochte auch die reife Blütlieihrer Sculptur sich vor dem übermächtig eindringenden gothischen StyleFrankreichs nicht zu halten. Die erregte Empfindung der Zeit fand ihreGedanken verständlicher und ergreifender in den neuen energischenFormen ausgesprochen als in den noch so fein durchgebildeten Gestaltendes früheren Styies, der doch immerhin den wenn auch fernen Zusammen-hang mit der Antike nicht verleugnen konnte. So sehen wir denn in denersten. Decennien des dreizehnten Jahrhunderts den neuen Styl im Gefolgeder Architektur eindringen und bald in den verschiedensten Gegendenselbständig geübt. Bisweilen eilt er sogar der Architektur voraus undtritt an Bauwerken auf, die noch ganz im romanischen Styl der soge-nannten Uebergangszeit ausgeführt sind. So zuerst an dem romanischenPortal der Liebfrauenkirche zu Trier, einem der frühesten Gebäude desgothischen Styls in Deutschland, von 1227 bis 1243 erbaut. Das Bogen-feld giebt Scenen aus der Jugendgeschichte Christi, sodann die thronendeMaria, von den drei Königen verehrt; die Archivolten enthalten die klugenund tliörieilten Jungfrauen, Heilige und Engel, Bischöfe und Kirchen-väter; an den Wänden ehemals sechs, jetzt noch drei Statuen, welchedie Kirche, die Synagoge und einen Heiligen darstellen. Die übrigenTheile der Fagade setzen diesen Bilderkreis fort; an den Strebepfeilernsind als vorbildliche Typen die Opfer Abrahams und Noahs, an der