# 1
■ N'*J-
* *73
''4
ORLANDO
DER
RASENDE,
MIT
ANMERKUNGEN UND VORAUSGESCHIKTEM A U S Z U G E DES
ORLANDO INAMORATO.
ERSTER BAND.
ZÜRICH
BEI HEINRICH GESSNER. 17Y7.
VERLIEBTE ORLANDO.
v ■ ■ - : ' ‘" 1 Mr " ' '■
:- «tf.:/
V ; **£?$*
•ÜF-
^f ;V
ir^- M,
!!%
!..
jä,
ii
ii
Hi-
:fe >
it
i> -
der Grosse hatte alle berühmten Ritter der Welt. zu einem grossen Turnier nach Paris eingeladen. Könige, Fürsten und Edle aus allen Reichen fanden mit grösster Pracht sich dazu ein.
Ein paar Tage vor Eröffnung des Turniers, als die sämmtliche Ritterschaft um Karls Thron versamriielt war, treten auf einmahl vier Riesen mit einem Jüngling und einer Jungfrau in den Saal;
Sie strahlte gleich dem schönen Morgenstern, Nein, wie die Sonne stralte sie; von allem,
Was Schönes nur geschaffen ist, war sie Das schönste Werk *).
Sie naht dem Kaiser, und erklärt ihm,
Mit heiterm Angesicht und einem Lächeln, Gcsehikt ein Tigerherz und kalten Stein Verliebt zu machen, — ¥f ) dass der hohe Ruf von dem Glanz seines Hofes und der Tapferkeit seiner Paladine sie mit ih-
*) Libcr I. Gant. I. Stanz. »4.
Ebcnd. St. 26. ,
4
rem Rruder von dem fernsten Ende der Welt nach Frankreich gelokt habe. Ihr Bruder, Hubert der Löwe genannt, schmeichelte sich, des Arms seiner Tapfern nicht unwerth zu seyn , und bitte um Erlaubnis, die anwesenden Ritter zu einem Speerbrechen am Stein des Merlin her- auszufodern. Wer von ihrem Bruder besiegt werde, solle, ohne weitem Kampf mit dem Schwert sich ihnen zum Gefangnen übergeben, wer, hingegen ihn aus dem Sattel werfe, seine und ihre Person zum Dank erhalten.
Alle Krieger im Saale wurden von der schönen Rednerin bezaubert. — Es war Angelika , die Tochter Galafrons, Königs von Katai, mit Argail , ihrem Bruder. — Den stärksten Eindruk machte sie indessen auf die zwei vornehmsten Paladine Karls und den furchtbarsten der anwesenden saracenischen Ritter, auf Orlando (Roland), Panaldo (Renaud) und Fer- ragu.
Orlando war der Sohn Milons von Anglante (Angers) und Bertha s , Karls des Grossen Schwester; der tapferste aller Krieger, das Schreken aller Feinde der Christenheit, gegen List jedoch schlecht gewaffnet, aber durch Stärke, Muth und Entschlossenheit den Mangel an Verstand ersezend. Liebe und Galanterie waren ihm verächtlich, weil er mit jener bisher
5
unbekannt, und für diese nicht gemacht war + ). — Unwillig auf die plözliche Verwandlung seines Herzens, suchte er daher seinen Zustand sich selbst zu verbergen. Aber vor Stolz und Scham, in seinem Innern verschlossen, entzündete diese seine erste Liebe, (die ihm Alda, welche er auf Verlangen seines Oheims geheirathet, nicht hatte einfiölsen können) in der vollen Kraft seines männlichen Alters, sein Herz nur um so mehr, und wurde, sobald ihre Flamme einmal Luft bekam, von Eifersucht und unbiegsamem Troz genährt, heftig und furchtbar wie sein kriegerischer Muth.
Wie Orlando der vollkommenste Krieger, so war Rinaldo von Montalban (Montauban), Herzog Aymons von TJorgogne ältester Sohn, der vollkommenste Mann seiner Zeit. Nicht minder schön, galant und edelmütliig, als stark, kühn und tapfer, verlor er durch den Anblik der schönen Angelika nicht, wie sein Vett.er Orlando, sich selbst: er verliebte sich in sie nur heftiger als jemals in ein Fräulein, weil sie schöner war als Klärchen, seine Frau, und die andern bisherigen Damen seines Herzens. — Aber anstatt uns die interessante Geschichte einer natürlichen Leidenschaft zu geben, erzählt
*) T1 rozzo, e poco pratico amatore,
Che molto meglio a combatter s’assetta,
Ch’all’ intrattener donne, e far l’amore.
Lib. I. C. III. St. So.
6
uns der alte Roman von Rinaldo und Angelika nur die unnatürlichen Wnkungen eines Zaubertrankes.
Ferragu, der Sohn Marxils, Königs von Spanien, ein eben so garstiger Mann als wilder und gewaltiger Kriegsheld, verliebte sich nicht sowohl m die schöne Fremde: — nur thieiischer Begierde fähig, Serien ihn ihre körperlichen Reize in Feuer und Flammen. Er wollte si e haben, und sollte er drum auch alle Welt todtschlagen und seinen Mahom selbst befehden.
Karl bewilligt das Gesuch der Angelika, Orlando und Rinaldo lodern, gleich anmass- lich und ungestüm, das erste Rennen mit Ar- gail’n. "Um ßlutvergiessen zu verhüten, wird geloset. Kaiser Karl selbst und der alte Herzog von Baiern, Nayms , können nicht umhin mit in die Reihe der Losenden zu treten. — Das erste Loos traf den Kronprinz von England, Astolfo, das zweite Ferragu n, Rinalden das dritte, Orlanden das ein und dreissigste.
Argail hatte bezauberte Waffen, eine gold- ne Lanze, die, bei der leisesten Berührung, den stärksten so gut wie den schwächsten Streiter aus dem Sattel warf, (Mahomcd führte sie bei seinen Eroberungen) und ein Pferd, von Wind und Feuer erzeugt, liabikan genannt *),
Lib. I. C. XIII. St. n.
7
der selbst vor dem Bajard, dem berühmten Streitross des Rinaldo, in jeder Rüksicht den Vorzug behauptete. Überdies war sein Körper vorn Scheitel bis zur Ferse unverwundbar (ge- feyt), ein einziges Flekchen am Nabel ausgenommen.
Von allem diesem wurde ein Ritter an Karls Hofe unterrichtet, Malgigi *), mächtiger durch seine Zauberkunst als durch persönliche Tapferkeit. Ihm schienen beim ersten Anblik die Fremdlinge verdächtig. Er citierte daher, sobald sie sich entfernt hatten, seine Teufel, und vernahm von Astarat.h, dem Obersten derselben, dass sie die Brüt eines heidnischen Königs seyen, und ihre Ankunft nichts weniger als das Verderben Karls und den Ruin der ganzen Christenheit beabsichte. Angelika solle durch ihre Reize alle Ritter bethören, und Argail durch seine gefSMe Rüstung und Haut sie besiegen und gefangen seinem Vater Galafron nach Katai überliefern.
<
Malgigi beschloss, nach dieser Offenbarung des, für das Heil der Christen besorgten Teufels, durch Ermordung der gefährlichen Jung-
Maugis, ein Vetter Rinaldo’s. Er studierte, nach dem alten Roman de Maugis d’Aigre- mont et de Vivian son frere, auf der zu seiner Zeit berühmten Teufelsschule in Toledo , die schwarze Kunst.
frau, das drohende Unglük von Karls Ritferh abzuwenden. Er liess sich daher in. der Nacht vor dem Lanzenrennen an Merlins »Steine , von seinen Geistern durch die Luft zum Zelt der Angelika tragen , sprach über die wachthabenden Riesen einen Zauberspruch aus, wodurch sie straks in Todesschlaf sanken, und nahte sich mit gezüktem Dolch der schlummernden Schonen. — Sie lag auf ihrem Bette, mit himmlischem Lächeln, den Busen halb entblößt — Malgigi sieht starr sie an, der Dolch fallt aus seiner Hand; er neigt sich ent- ziikt über die schlafende Jungfrau, und schliesst sie trunken in seine Arme. — Aber das magische Mittel, wodurch er die Riesen bezwäng, war ohne Wirkung bei Angeliken. Denn sie hatte einen Ring, der, am Finger getragen, allen Zauber entkräftete und in den Mund gestekt, unsichtbar machte, Angelika wachte auf, und that einen Schrei. Sogleich flog Argali aus seinem Zelt herzu, und band den Zauberer an Händen und Füssen mit Riemen , ehe noch seine Bestürzung ihm erlaubte, an den Gebrauch seines Zauberbuchs zu denken. Angelika , die selbst keine ungeschikte Zauberin war, und in Malgigi leicht einen Magier erkannte, zog es ihm aus seinem Busen, citierte den Astaroth mit seiner Schaar., und gebot ihm, den Verräth er nach Katai zu ihrem Vater zu tragen, um ihn in ein tiefes Gefängniß zu werfen.
9
Mit Anbrach des Tages erschien am bestimmten Orte der Prinz von England, Ast,also , der schönste und galanteste Jüngling von der Welt, auch sehr herzhaft, aber dabei ein so gewaltiger Grossprecher, dass alle Ritter ihn bei der ersten Bekanntschaft für einen Narrn halten; im Kampfe nicht selten unglüklich, *) aber bei jedem Unfall so gefasst, wizig und lustig, dass es unmöglich war, ihm Vorwürfe zu machen. — Er rennt mit Argailn zusammen, und wird weit von seinem Pferde ins Gras abgeworfen. Die Riesen nehmen ihn gefangen, und fuhren ihn Angelika's Zelt, wo er sich glüklich fühlt, ihr Sklave zu seyn, so wie sie, einen so schönen Gefangnen zu haben.
Wie ein Donnerwetter kommt hierauf Fer- ragu. Argails Lanze thut ihre Wirkung. Der- Spanier fällt, springt fürchterlich fluchend auf, und zieht sein Schwert. Argail erinnert ihn an die Bedingung , die ihm allen weitem Kampf untersage. Aber Ferragti schreit: ‘Willt du nicht schlagen, so schlag ich! " Die Riesen wollen sich seiner bemächtigen; aber er haut sie in einem wüthenden Kampf in Stüken. — Aufgebracht durch diese Verräth er ei, und voll Vertrauen auf seine Haut und Rüstung, stürmt jezt Angelika!'s Bruder mit dein Degen auf
¥ ) Un sol difetto avea, dice Turpino,
Che nel cader alquanto ura Latino. L. I. C. I. St. 6;,
IO
Ferragu. — JN'acli langer Schlacht, worin keiner verwundet wird , ( denn auch Ferragu s
Körper war gefeyt) ist Argail bereitwillig, seinem Gegner seine Schwester zu überlassen, falls sie damit zufrieden sey. Er geht zu ihr. Aber Angelika erklärt, dass sie lieber sterben, als sich dem Ungeheuer ergeben wolle, und beschwört ihren Bruder, bei Fortsezung des Kampfes mit dem schnellen llabikan zu entfliehen, und nach denArdennen zu eilen, wohin sie sogleich auf ihrem Zelter flüchten wolle. — Argail bringt dem Spanier die Antwort Angelika s un'd ihr Kampf erneuert sich mit verdoppelter Wuth. Plözlich aber sprengt Argail mit seinem Pferde über die Schranken, und ist seinem Feinde schon unsichtbar, als dieser , nach langem Lachen über den Possen, den , wie er glaubte, llabikan seinem Herrn gespielt habe, endlich den Betrug merkt, in Angelihens Zelt rennt, und, da er auch sie entflohen sieht, glühend von Zorn ihre Spur verfolgt.
Astolfo , der auf die Art sich wieder in Freiheit sah, nimmt sein Pferd und Argalis goldne Lanze, die dieser an einem Batun stellen lassen und Ferragu in der Hize nicht bemerkt hatte, und kehrt damit unverzüglich nach Paris zuriik.
II
Unweit dem Thore begegnet ihm der Herr •von Montalban, *) den das dritte Loos getroffen hatte) und frägt nach dem Treffen mit Ferragu. Astolso sagt ihm, dass Angelika und ihr Bruder entflohen seyen , und der Spanier ihnen nach der Gegend der Ardennen nachseze; worauf BInaldo mit seinem Bajard eben dahin jagt. — Am Hofe Karls war diese Nachricht keinem so schrekiich als dem Orlan > do. Er wird blafs bei ihrer Anhörung, entfernt sich, wirft sich voll Verzweiflung auf sein Bett, und springt, nach vielem Jammer , mit dem Entschluß auf, das schöne Gesicht auf Erden, im Meere, im Himmel und in der Hölle aufzusuchen bis er es gefunden habe. **) Er verliess in der Nacht heimlich Paris auf seinem wakern Pferde Brigliadoro (Bride- d’ot) , und eilte gleichfalls nach dem Ardennenwaide.
Während am folgenden Tage Astolso im Turnier mit Argalis Lanze (deren Tugend
Yon, König vonGascogne, gab dem Renault, nachdem dieser ihn von einem furchtbaren Feinde befreiet hatte, seine Tochter Klarice zum Weibe, mit einer Grafschaft, deren Hauptstadt Mon- tauban war. Renan d legte hierein festes und prächtiges Schloss an, bei dessen Erbauung die Teufel seines Vetters Maugis ihm vortreffliche Dienste thaten. S. den alten Roman des quatres fils d’Aymon.
**) L. I. C. II. St. -8.
12
1 Iim jedoch nicht bekannt war) Wunder auf Wunder that, *) kamen Angelika, Argail, Orlando, Ferragu und Rinaldo auf verschiedenen Wegen in den Ardcnnen an. — Lange irrte der lezte vergebens im Forst umher , bis er auf einen schönen Wiesenplaz kam, den ein Kranz von hohen Eichen und Buchen umgab. In der Mitte desselben sprang in einem Beken von vergoldetem Alabaster eine krystallene Quelle. Er fühlte sich müde und durstig, stieg ab und trank von dein frischem Wasser.— Welche schnelle Verwandlung; — Es war die Quelle des Hasses. **)
Ein Liebender, der aus ihr trinkt, fühlt straks Sich lieblos, und nicht lieblos nur: er hasst Was seinem Herzen lieb und theuer war. ***)
Rinaldo steht wie aus einem Traum erwacht — “ Wer bin ich ? Wie ist mir P Was will ich? Einem fremden Weibe nachlaufen?“ —
*) C. II. III.
Der berühmte Zauberer Merlin lohte sie durch einen Schlag seiner magischen Ruthe aus der Erde, um durch ihr Wasser den Ritter Tristan von Leonnois von seiner ungluklichen Liebe zur schönen Yseull zu heilen. Aber das Schiksal wollte nicht, dass Tristan diese Ouelle fand.
¥¥¥ ) Che chi amava, faceva disamare,
E noii sol disamar, ma in odio avere Ouel ch’era prima diletto, e piacere.
Erloschen sind nunmehr die schönen Augen;
Das heitere Gesicht hat sich verdunkelt.
Nicht golden mehr sind izt die blonden Loken, Der Zahne Reih’n nicht Perlenschnüre mehr.
Die Grazien sind ekle Buhlerinnen;
Beschränkt und eng ist das Unendliche.
Die Liebe hat in Hass sich schnell verkehrt,
Die Ehre sich in Schimpf und Schmach verwandelt.*)
Rinaldo sezt, voll Unwillen über seine Thorheit, sich wieder auf sein Pferd, um nach Paris zuriik zu kehren, fühlt sich aber nach kurzem Wege so matt und müde, dass er an einem Bach , von Fichten und Oliven beschattet, absteigt, um ein wenig zu schlummern. Er legt sich in’s Gras, und lässt seinen Bajard indess weiden gehn.
Kaum war er eingeschlafen , als Angelika unfern von ihm zu dem Bache kam. Sie steigt ab, um ihren Durst aus ihm zu löschen. — Es war der Bach der Liebe. **) — *d?igelika , bisher gewohnt, Helden, von ihren Heizen bezaubert . zu ihren Füssen zu sehn, und kalt und übermüthig zu verachten, Sie, die keinen
*) Cant. III. St. 40.
**) Die Feen hatten, damit durch jene Quelle das Reich der Liebe nicht zu sehr geschmählert werden möchte, dem Wasser dieses Bachs die Kraft verliebt zu machen gegeben.
-4
Mann aus Erden iln'er Liebe würdig hieb, — fühlt plozlich sich entbrannt von der Leidenschaft der Liebe, bükt verlangend umher, und sieht kaum den schlafenden Flitter, als sie ent- ziikt ihm naht, ihn mit Blumen bestreut und mit den zärtlichsten Namen ruft. — Rinaldo erwacht, erkennt Angeliken, springt auf, läuft stumm zu seinem Pferde, bezäumt und besteigt es, und jagt fort wie der Bliz. Angelika läuft ihm wehklagend nach:
“O lieber Herr, flieh nicht, flieh nicht so schnell! Fliehst iltt vor mir ? — Ich bleibe ja zrrdik ! Wenn dir vielleicht, wenn deinem guten Pferde ' Durch meine Schuld ein Leid geschähe, ach !
Ich würde dr ob mein ganzes Leben trauern,
Nein, sterben würd’ ich müssen 1 — Schöner Ritter, O htire mich! Ich flehe ‘dich beim Himmel, Schau nur dich um, und sieh vor was du fliehst! Man sollte nicht vor meiner Jugend fliehen, Vielmehr, wenn ich entflöhe, mich verfolgen."
Aber Rinaldo spornt Bajarden nur desto heftiger; er verschwindet Angelika’s Augen. Verzweifelt kehrt, sie jezt zu dem Bach zurük, kniet nieder, wo Rinaldo lag; külst das Gras, die Blumen, die er zerdrükte, und ruft:
O Gras, o Blumen, ihr beneidenswertheu,
Die ihr das köstlichste der Welt berührt!
2 S3 -
) L. I. C. III. St. ;
Du Erde, die den schönsten Leib getragen ,
O du gliikselige! — Warum ward euch Nicht das Gefühl verliehn, das in mir flammt, Ach! oder warum mir das eure nicht! *)
Erschöpft von ihrem Schmerz schlummert sie endlich ein.
Ferragu fand indessen in den Ardenncn Argailn schlafend unter einem Baume und sein Pferd nahe dabei angebunden. Er löste es ab , trieb es fort, und rief dann Argailn zu neuem Kampf mir ihm auf. — Das Ende desselben war, dass Ferragu seinen Gegner an der einzigen verwundbaren Stelle mit einem Dolch durchborte. — Argail verlangt sterbend, dass er seinen Leichnam mit allen seinen Waffen in einen nahen Fluss werfe, damit sein Geist nicht durch die schimpfliche Nachrede / dass nur ein Feiger in diesen Waffen habe besiegt werden können, beunruhigt werden möge. Ferragu verspricht es ihm, versöhnt und gerührt durch das Unglük des schönen Jünglings, erbittet sich jedoch auf ein paar Tage dessen Helm, da der seinige zerschlagen war; mit der Versicherung, dass er sich gleich einen andern zu verschaffen suchen, und dann den geheimen auch in den Fluls versenken wolle, Argail bewilligt ihm sein Gesuch und stirbt.
EbeniL St. 57.
1 6
Ferragu wirst ihn in den Strom, und reitet dann am Ufer fort.
Angelika hatte nicht lange geschlafen, als Orlando dem Bache nahte. Er sieht und erkennt das Fräulein, springt vorn Pferde, schaut entzükt ihr schönes Gesicht an, und spricht:
Bin ich auf Erden? bin ich in dem Himmel?
Seh’ ich sie 'wirklich? oder nicht? Betrügt Mein Auge mich? Wenn es mich nicht betrügt, O welch ein selig Loos ist mir gefallen! *)
Plözlich stöfst Ferragu ihm in die Seite, und befielt ihm, sich von dem Schaze fortzumachen, wofür er schon weiter sorgen wolle. Orlando antwortet ihm mit dem Schwert; Angelika erwacht über das Geräusch, und üi^ht, von der blinden Wuth der beiden Kämpfer begünstigt, auf ihrem Zelter von dannen.
Mit Schreiten bemerkt endlich Orlando, dass sie verschwunden ist; er verlangt von seinem Gegner Waffenstillstand, und lodert ihn auf, mit ihm der Entfiohnen nachzusezen, und ihren Kampf zu endigen, wenn sie den Preis desselben wieder in ihrer Gewalt hätten. Aber Ferragu antwortet ihm , weniger adelich als Ariosr ihn im ersten Gesänge schildert, dals sein Begehren sehr abgeschmakt sey; ihr Schwert
) C. III. 57.
l 7
müsse erst entscheiden, wer das Recht habe % die Jungfrau aufzusuchen. — Sie schlagen sich hierauf weiter.
In der grössten Hize ihres Kampfs sprengt ein Fräulein zu Pferde sie aus einander, und verlangt von Oi landen, mit seinem Gegner Frieden zu machen. — Es war Fiordespina (Fleur d’epine), Ferragtis Schwester Sie ermähnt ihren Bruder, schleunigst nach Spanien zurük zu kommen, weil ihr Vater von einem furchtbaren Feinde bereits in Barcellona belagert werde.
Ein Satan ist in Spanien eingefallen ,
Ein Tiger, der die Welt verschlingen möchte.
Gradasso nennt er sich, der Serikaner König.
So schreldich tobt und kracht kein Donnerwetter,
Wenn es die Saat zerschlägt, den Wald zersplittert.
Christ, Heide, alles ist ihm einerlei;
Er wüthet gegen uns und Karin und Erd’ und Himmel.
Ferragu bedurfte nur einer andern Leidenschaft , um von Angeliken abzulassen. Er warf sich sogleich auf sein Pferd, und ritt, unter heftigen Drohungen gegen den Gradass , mit Flördepinen nach Spanien.
Orlando suchte Angeliken im ganzen Ar- dennerwnld umher. Aber sie war nicht mehr
*) Cant. IV. 13.
2
i8
da. — Sie hatte Malgigis Geister citiert, und sie nach dem Namen des Ritters der sie geflohen, und nach dem Aufenthalt ihres Bruders gefragt. — Troz ihres Ungliiks, war es ihr schmeichelhaft zu hören, dass ihr Geliebter der von aller Welt gepriesene Rinaldo sey. Aber die Nachricht von der Ermordung ihres Bruders aerrils ihr das Herz. Sie liess sich von den Dämonen nach Katai auf ihr Schloss Albraka tragen.
Orlando verliess endlich die Ardennen, und ritt auf gut Gliik ostwärts von ihnen fort. Am dritten Tage begegnet ihm ein alter Alaun, der ihn mit Thränen bittet, seinen Sohn aus der Gewalt eines Riesen zu befreien, der, im Dienst eines Ungeheuers, Menschen fange, um sie demselben vorzuwerfen. Orlando erkundigt sich nach dem Aufenthalt des Riesen, findet, bekämpft und besiegt ihn*, und bringt dem Alten seinen Sohn gesund und wohlbehalten zu- rük. Der Vater dankt ihm kniend, und räth ihm, den Felsen zu meiden, worauf das Ungeheuer niste, und Orakel ertheile und Räthsel aufgebe, die man auflösen müsse, wenn man von ihm nicht verschlungen werden wolle. — Der gute Mann bedachte nicht, dass Gefahren das Element braver Bit!er und die Ausrottung verderblicher Ungeheuer eine ihrer ersten Pflichten sey. — Der Palatin dankt dem Alten für seine Sorge, und frägt ihn nach dem nächsten Wege zu dem 'Felsen des Ssynxes. Da der Greis
*9
siebt, dass sein Rath an dem Ritter verloren ist, überreicht er ihm ein Buch, welches, nach seiner Versicherung, die Auflösung aller nur möglichen Räthsel enthalte. Orlando nimmt es, und jagt nach dem Felsen.
Sein Vorsaz ist, das Ungeheu’r zu fragen,
Wo sich die Dame seines Herzens finde.
Ein jeder Vorwurf der Filosofie
Scheint hohl und leer ihm gegen diese Frage. *)
Er kommt an den Fehen des Sfynxes , bindet sein Pferd an, und steigt hinauf. Das Ungeheuer, ein Zusammensnz von Jungfrau, Löwen, Bären, Drachen und Pfauen, ist über seine Kekheit betroffen. Orlando fragt, die Hand am Degen, wie seine Geliebte heisse?— " Angelika. ’’ — Wo sie sey ? — " Auf dem Schlots Albraka in Katai. ” — Und der nächste Weg dahin? — “Durch Deutschland, Sarma- cien, Tschirkassien und die Tartarei; zunächst über die Brake des Todes. ” — Das Ungeheuer legt ihm hierauf ein Räthsel vor. Aber der Graf, statt seinen Scharfsinn zu bemühen oder sein Räthselbuch aufzuschlagen, zieht sein gutes Schwert Duründana (Dürandal), ■ und spricht: ‘'Meine Sache ist nicht zu rathen, sondern zu schlagen. Vertheidige dich ! ” — Das Ungeheuer stürmt auf ihn los; aber sein Körper war ge-
0 c. V. 73.
20
feyt; Orlando spiesst es, indem es aus der Luft auf ihn niederfallt, auf sein Schwert.
Nach glüklicher Bestellung der Abenteuer auf und an der Brühe des Todes *), koVnmt Orlando nach TschirkaaSien. Ein Stern, von dem nach allen Winden Landstrassen auslaufen, sezt ihn in grobe Verlegenheit. Glüklicher Weise kommt ein Kurier gejagt. Der Graf fragt ihn, woher er komme und wohin er wolle, und dieser erzählt ihm, er komme von Ksttai abgesandt von der Prinzessin Angelika , zum König Sakripant von Tschirkassien, um ihn seiner Gebieterin zu Hülfe zu rufen. Agrikan, der furchtbare Tartarn-Kaiser sey in die Prinzessin verliebt, und habe sie von ihrem Vater versprochen erhalten; Angelika aber wolle lieber des Todes seyn als sein Weib werden; worauf Agrikan mit einem zahllosen Kriegsheere in Katni eingefallen sey, und Angeliken auf ihrer Festung Albraka belagert halte.
Kaum konnte sich der Graf bei dieser Zeitung Des indischen Kuriers vor Freude halten,
Nun glaubt’ er seiner Schönen sich gewiss;
Er glaubte sie im Weidsak schon zu haben,
Und flog schnell wie ein Pfeil davon. — ¥¥ )
*) C. V. VI.
**) Cant. VI. 46.
2t
Abe.x ein neues Abenteuer stellte sich ihm in den Weg, und leider! keine Riesen und Ungeheuer, sondern eine schöne Frau.
Er kam an eine Brüke, die zu einem prächtigen Schloss, von paradisischen Gärten umgeben, führte. Ein Fräulein, schön wie die Liebesgöttin , trat ihm entgegen, und überreichte ihm eine goldene Schale, mit der Erklärung, dass, wer die Brüke passieren wolle, zuvor aus der Tasse trinken müsse.
Otlanden fällt bei dem so schönen Kinde
Nichts arges ein; er nimmt und leert die Schale. —
Im Nu sind ihm Verstand und Herz verwandelt;
Er weiss nicht wie, woher, warum gekommen,
Noch wer er sey, ob Franke oder Heide:
Es war ein Trank aus dem Fluss der Vergessenheit, über den die Brüke gieng. 1Dreignn t ine, die Dame des Schlosses und Gartens) bediente sich dieses Mittels, um sich durch den Besiz und die Ergebenheit tapferer Männer ihre Residenz sicher und angenehm zu machen.
Wir finden hierauf (im gten Gesang) Ortanden in Dragontinens Garten mit dem Prinzen Astolfo fechtend wieder, und wollen daher die Abenteuer dieses jungen Paladins , der im Orlando Furioso eine der interessantesten Rollen spielt, bis zu diesem Auftritte kürzlich angeben.
23
Die glänzenden Siege, die Astolfo mit !Argails Speer im Turniere davon trug, erbitterten die Ritter aus dem Hause Mainz, die, voll Feindschaft gegen das Hans Klermont, auch dessen Verwandten und Freund, Astolfo, hassten. Einer von ihnen, Anselm von Hau- terive (Altaripa), Bruder des, durch die alten Ritterromane so übel berufnen Qannelon, warf ihn daher, indem er mit einem Mainzer stritt, durch einen Lanzenstofs von hinten aus dem Sattel *). Astolfo schrie Verrätherei, sprang auf, und verfolgte Anselmen und seine Gesellen so wüthend, dass sie sich genöthigt sahen, ihre Zuflucht zu der geheiligten Person des Kaisers zu nehmen, Karl, immer von den schurkischen Mainzern betrogen und immer ihr Gönner, nahin die Verrät her in Schuz. Durch
*) Unter den ältern und jiingern Abkömmlingen des Doolin von Mainz herrschte eine Eifersucht, die durch viele gegenseitige Beleidigungen in tödt- liche Feindschaft iibergieng. Die erstem waren die Grafen von Mainz und Hohenblatt i (Hautefeuille), und Gannclon, Herzog von
Poitiers; leztere die Herzoge von Aigre- mont und Klermont (von Dordogne, von Antennen), Beuves und Aymon. Die Romane von Karl dem Grossen sind voll von den Verrä- thereien der Mainzer, und insonderheit des Ga- nes oder Gannelon (von dem das italienische ingannare, betrügen, herkommt). Er war auch der Urheber des Ungliiks, welches die Ritterschaft Karls in den engen Pässen bei Ronccvaux erlitt.
I
dieses Unrecht hoch mehr aufgebracht, zog Astolfo in Gegenwart des Kaisers sein Schwert gegen Anselmen, und wurde sogleich in Verhaft gesezt.
Nicht lange nach dem Turnier wurde Karl von dem Serikaner - König Gradasso nicht nur geschlagen , sondern in eigner Person mit seinen meisten Rittern und Paladinen gefangen genommen. *) Da es indels dem Gradasso bei seinem Einfall in Frankreich nicht um Land, sondern nur um Ruhm zu thun war, so erklärte er, dass er , zufrieden mit der Ehre, den grossen Karl mit seinen berühmten Rittern in seine Gewalt bekommen zu haben, bereit sey, sie wieder in Freiheit zu sezen und Frankreich zu verlassen, wenn der Kaiser ihm verspreche, ihm Rinaldo’s Pferd und Orlando’s Degen zu überliefern. -- Karl versprach ihm ersteres gleich zustellen zu lassen, und lezteres ihm nachzusenden, da Orlando eben abwesend sey , und schikto alsbald einen Mainzer nach Paris, um Bajarden zu hohlen.
Astolfo war indessen seines Arests entlassen worden; er war in Karls und seiner Paladine Abwesenheit Befehlshaber von Paris. Bajard befand sich in seinen Händen. — Der Mainzer erklärt ihm Karls Versprechen an Gradass,
*) Das Nähere hiervon unten hei Rinaldo’s Abenteuern.
24
und verlangt Rinaldo’s Pferd. Astolfo aber überschüttet ihn mit Schmähungen , nimmt ihn gefangen, und lälst. dem Serikaner durch einen Herold sagen. Karl habe weder über Bajarclen noch Durlindanen zu befehlen. Orlando werde sein Schwert schon selbst zu vertheidigen wissen. Er übernähme indessen Rinaldo’s Sache , und fordere den Gradass auf Morgen zu einem Zweikampf heraus, mit der Bedingung, dass Karl und seine Ritter unentgeltlich ihre Freiheit erhielten, wenn er ( Astolfo ) der Sieger sey , wenn aber der Besiegte, Bajardo unverzüglich dem Gradass überantwortet würde; da es, für den leztern Fall, keinen Zweifel leide, dass es Rinalden nicht besser als ihm ergangen wäre.
Karl war ausser sich vor Zorn über diese Verwegenheit. Gradasso fragte verwundert, wer der Astolfo sey.
Sprach Gannelon: ein Prinz von England ist’s, Ein Pikelhcring, der durch seine Spässe An unserm Hof viel Lachens macht. Du brauchst Auf seine Reden nicht zu achten. Viel Verspricht er stets, doch weiss er nichts zu halten.
Schweig! sprach Gradass mit finstrer Stirn;
wer sich
Erkühnt, zum Zweikampf mich herauszufodern, Beim Mahomet! das ist ein braver Mann.
2J
Astolf und Gradass rennen am folgenden Tage ihre Lanzen, und Argails Waffe thut ihre gewöhnliche Wirkung. Der besiegte Se- rikaner geht mit dem Prinzen ins Lager, um die Bedingung zu erfüllen. — Astolf war boshaft und unverschämt genug , dem Kaiser und seinen Lieblingen, 'den Mainzern, ehe er ihnen seinen Sieg verkündigte, derb die Wahrheit zu sagen, worüber der gute Erzbischof Turpin so in Staunen geriet!), dass er Astolfen fragte, ob er etwa den Gott der Christen 'vet'läug net habe. *) — Aber der Prinz erklärte hierauf, mit schnell geändertem Ton und Anstand, höflich und ehrbietig, dem Kaiser seine und seines Reichs Befreiung. Karl that ihm nun , ein wenig beschämt, die glänzendsten Aner- bietungen; Astolso aber schlug sie aus, und verliess Frankreich', um seine lieben Vettern und Spiefsgesellen, Orlando und Rinaldo , aufzusuchen. Er reifste mit Argails goldener Lanze und Bajarden, von Gold und Edelsteinen blizend, —
Denn nett lind köstlich aufgepuzt erschien
Der Prinz Astolso gerne vor den Leuten,* 1 ') — durch Deutschland, PoLlen , Rufsland, Siebenbürgen , die Donau hinunter, nach Tschir- hassien.
*)-puo far Sän Piero
Ch’il nostro Dio rinnegato tu abbia?
Cant. VII. 72.
**) Cant. IX, 40.
Er stiels in diesem Lande auf ein Kriegslager. König Sakripant war eben im Begriff, mit einem grossen Heer nach Katai aufzubrechen, tun Albraka zu entsezen.
Er war ein Mann von starkem Gliederban,
Gross an Verstand und Herzen, fürchterlich Mit seinem Schwert und vieler Listen kundig. Inbrünstig liebte er die schöne Tochter Des Galafron, fand aber stets ihr Herz Von Gegenliebe leer; ein schlimmeres Geschik Als sich gehasst zu sehn! Denn nichts verdriesst Und kränkt den Liebenden so sehr als Kälte.
Dem König von Tschirkassien siel das vor- theilhafte Ansehen des Slstolfo auf. Er ritt ihn an, und fragte ihn, ob er Lust habe, auf einen Feldzug in seine Dienste zu treten. — “Meine Sache ist zu herrschen, und nicht zu dienen ! “ erwiedert ihm .As toi so , sezt eine Prahlerei hinzu, und weifst dann dem König verächtlich den Büken. Sakripant hält ihn für einen Narren, und lässt ihn gehen, bemerkt aber, indem er ihm nachsieht, sein schönes Pferd, und beschliefst, nach Eriheilung einiger Befehle, dem Fremdling nachzujagen, um ihm sein Pferd abzunehmen.
Aistolfo findet inzwischen einen Ritter und ein Fräulein, die von allen Liebespaaren im verliebten und rasenden Orlando das treuste
27
und gutmüthigste sind. Der Ritter nannte sich Brandimarte vorn, wilden, Felsen ;
Sein Ruhm war in der ganzen Heidenschast Erschollen und bewährt. Im Lanzenrenncn Und anderm Kriegerspiel von keinem übertreffen, "War er von Ansehn angenehm und freundlich, Von Sitte fein. Auch war sein zärtlich Herz Von adelicher Liebe stets entzündet.
Sein Liebchen hiess Fiordelisa ( FlSrdelis ) ; Sie war so theuer ihm als schön sie war,
Und traun, sie war die Blume aller Frauen. *)
'Astolfo's Bekanntschaft mit ihnen eröffnete sich mit einem Treffen, worin Brandimart von Argails Lanze umsattelt, und sein Pferd von Bajardo’s Bruststoss getödiet wurde. Der Saracene wollte sich, aus Schmerz sein Liebchen verloren zu haben, entleiben ; a\>cv ydstol- fo hiflt ihn zurük, und schenkte ihm sein Fräulein wieder , worauf Brandimart ihm ewige Freundschaft schwur und sich erbot, ihn überall zu begleiten. Aber Brandimarten fehlte ein Pferd. Diesem Mangel abzuhelfen, erschien , wiewohl aus ariderer Utsach, der König von Tschirkassien.
Sakripant kam, um dstolfo's Pferd zu gewinnen; beschlols aber, sobald er die schöne
t
C. IX.. St. 53, 54-
Ftördclis erblikte, zuvor diese zu erobern, ttnd rief daher den Rittern zu:
Wem auch von euch die Jungfrau angehöre,
Er lasse sie, und reise seines Wegs ,
Wenn er nicht meinen Arm empfinden möchte!— Was? ruft erzürnt dagegen Brandimart,
Ein Ritter wärst du? Nein! Du bist ein Räuber, Ein Mann von schelmischer, ehrloser Seele,
Du, der du dich nicht schämst, zu Pferde einen Der nicht beritten ist, herauszufordern! *)
Brandimart bittet Astolfen um sein Pferd. Dieser aber rennt selbst ataf den Tschirkasser, wirft ihn aus dem Sattel,''nimmt ihm sein Pferd, und iibergiebt es den beiden Liebenden. Brarv» dimart sezt hierauf sein Liebchen hinten auf, und folgt dem Prinzen von England.
Sie waren nicht weit geritten , als Flo'rdelis die Ritter bat , einen andern Weg einzuschlagen. Brandimart fragt wärmn ? — ' ^ Weil dieser zu einem gefährlichen Orte führt. “ — Und zu welchem? versezt Astolf. — Zum Fluss der Vergessenheit. " — Flördelis erzählt den Rittern die vielen Gefahren, die einem an der Erüke und in dem Garten der Dragontine drohten. Aber die Ritter bitten sie , sich zu beruhigen, und kommen an die Erüke. Astol-
‘) Ebeml. St. 6r.
2 9
so reitet voran. Die Nympfe reicht ili m ^ wie dem Orlando, die Schale. Astolf aber beantwortet ihr Verlangen mit solchen Schimpfwörtern , dass sie erscltroken ihre Schale fallen lässt. Sogleich hüllen Rauch und flammen die Brüke ein. — Flördelis führt ehe Ritter hierauf zu einer andern Brüke, welche sie ungehindert passieren. Astolf und Brandimart dringen in Dragontinens Garten, Flördelis bleibt zu Fusse am Thore zurük.
Ausser dem Orlando und mehrern. andern christlichen und saracenischen Rittern, finden sich hier auch die beiden tapfern Söhne des Marquis von Olivier , Paladins von Frankreich, GrriJJoTi der VFeisse und Aqinlant der Schwarze. — Es beginnt ein grosser Kampf. Orlando war eben mit der schönen Fee in einem Pavillon. Erscltroken über das Getöse befiehlt Dragontine dem Grafen, ihren Garten zu vertheidigen. Orlando läuft mit seinem Schwert nach Astolfen , der erstaunt und freudig ihm entgegen ruft:
So helfe mir Sankt Iiirgen! Du, Orlando,
Du Krone aller Paladine, wie ?
Du hier in dem verdammten Park? Kennst du Mich denn nicht mehr? nicht deinen Vetter mehr ? Astolf von England, deinen Spiefsgesellen ? — Der Graf, der seiner sich so gut erinnert,
Als eines Ritters aus dem Sirius,
Schlägt stumm und wüthend auf den Prinzen los.
Ohne Bajarden wäre es, um Astolfen geschehen gewesen. Aber dieses eben so verständige als leichte und gewahdte Pferd , rettete ihn durch einen schnellen Sprung über die hohe Gartenmauer. Orlando rannte ihm nach durchs Thor; aber vergebens, Bajardo flog wie ein Vogel dahin. — Flördelis flüchtete auch , nachdem sie ihrem Geliebten durch das Gitterthor des Gartens zugerufen hatte, sich Dragonline}!, zu unterwerfen, um sein Leben zu erhalten. Sie wolle ihn indess nicht vergessen , sondern für seine Befreiung besorgt seyn. — Brandiinart nahm die Schale aus Dragontinens Hand.
Astolfo jagte noch immer in Furcht vor Durlindanen , den Tag und die Nacht fort, und kam am andern Morgen an ein grosses Feldlager. Er fragte, wem es gehöre und wozu es aufgeschlagen sey, und vernahm, dass der Tataren - Kaiser Agrikan die Prinzessin Angelika auf ihrem Schloss Albraka belagere. Astolfo entschloß sieh sogleich, aus guter Bekanntschaft ihr seinen Arm anzubieten, und kam glüklicha auf ihrem Schlosse an. Angelika, empsieng ihn sehr huldreich, konnte aber nicht umhin ihn zu bedauern, dass er seinen braven Vetter Rinaldo nicht mitgebracht habe. Astolfo rümpfte die Nase und sprach:
0 £
Zwar will ich nicht behaupten , dass mein Vetter Rinaldo nicht ein braver Ritter sey;
Doch, ohne mich zu rühmen, muss ich sagen, Dass ich weit sattelfester bin als er.
Wir haben mehr als Einmal uns gemessen:
Ich macht’ ihn stets im strengsten Winter schwizen. Bei mir nur stand’s, gefangen ihn zu nehmen; Allein grossmüthig liess ich ihn im Staube liegen.
Ein gleiches darf ich von Orlanden sagen,
Den jedermann den ersten Schlager nennt.
Doch fehlt’ ihm einmal sein berühmtes Schwert, (Wie wenn Fusberta dem Rinaldo fehlte)
Er würde traun ! sich gegen alle Welt Nicht mehr mit seinem Heldenthume brüsten, Geschweige gegen mich, der ich in jedem Strauss Mit ihm, ihn unsanft auf die Erde legte. *)
Am andern Morgen fodert Astolso gegen seine Person allein das ganze tatarische Heer heraus.
Mit zwei und zwanzig hundert tausend Kriegern Stand Agrikan im Feld. Turpin erzählt’s, Und nie, bekanntlich, lügt der gute Bischof. Astolso achtet sie nicht mehr als hohles Rohr. Das.Sprichwort sagt: wer gar zu hizig bellt, Füllt sich den Leib mit W ind und nicht mit Brod. YY )
*) C. X. 23, 24. **) Ebend. 30.
Astolfo war Anfangs glüklich; Argalis Lanze warf mehrere hundert Taiarn aus dem Sattel. Endlich aber schliefst man ihn einwirft ihn vorn Pferde und nimmt ihn gefangen. Bajardo kam jezt in Agrikans Hände.
Auf einmal bestürmt Sakripant, verbunden mit dem Kaiser von Trapezunt und sechs andern Königen , (unter denen auch ein König von Preussen ist, Ugna.no genannt) mit einer grossen Armee von allen Seiten das tatarische Lager.
Wer könnte wohl den fünften Theil erzählen, " Ja nur den tausendsten von dieser grossen Schlacht! Das Schreibt, der Schwerter Klang, den Sturm . der Treffen,
Das Heulen der verstümmelten Soldaten,
Die überall der Rosse Huf zerstampft!
Wer die in Blut getauchte Erde schildern,
Das Feld bedektjnlt Trümmern ehrner Schilde, Zerfczten Fahnen und zerhrochnen Lanzen!
Die Taiarn werden anfänglich geschlagen. Sie fliehen. Aber Agrihan hemmt ihre Flucht, und entflammt durch seine Tapferkeit seine Völker mit neuem Muth.
Er stürmt umher mit gränzenloser Wuth,
Selbst das Verderben, das er Schaft, nicht sehend. Wie eine Windsbraut auf dem Meere Schiff
33
Und Fluth lind Wolken fürchterlich vermengt,
Mit jähem Donner auf dem Lande dann
Die Bäume schlägt, zerbricht, zerschmettert und
entwurzelt.
Mit Schrekeu fliehn im Feld die Akerleute,
Das Wild, das Vieh, die Hirten in den Wäldern.
Endlich treffen sich die Führer der beiden Heere, Agrikan und Sakripant gleich dem Achill und Hektor im Felde bei Troja, Sakripant scliikt, vor Ansang ihres Zweikampfs,, einen Herold an Angeliken, mit der Bitte, auf die Mauer zu kommen, um ihn durch ihren Anblik unüberwindlich zu machen. Angelika erscheint nicht nur auf der Mauer, sondern sendet ihm auch eins der neun berühmtesten Schwertern der Welt. *) Beide Heere stehn, um. den Kampf der Könige anzuschauen.
*) Die Geschichte dieser neun Schwerter wird im zweiten Theil der Kronik des Erzbischofs Tur- pin erzählt. Der Riese Fierabras von Babylon durchzog mit vieren davon die Welt. Vermuthlich war eins davon in Angelika’s Hände gekommen. Die übrigen fünf waren Flamberge, fFusberta bei den Italienern) Joyeuse, Dü- randal, Keurtin und Hautekläre, welche Rinaldo, Karl der Grosse, Orlando, Ogier der Däne, und Olivier führten.
3
54
So dicht fällt Regen nicht im schwülen Sommer, Noch Hagel, Schnee im Winter nicht vorn Himmel, Als in dem wilden fürchterlichen Kampf Der Schwerter Schläge donnernd niederfallen. Zertrümmert liegt die Krone Agrikans,
Der Panzer Sakripants -verfliegt in Stiiken.
Blut sind die Streiter schon Vorn Haupte bis zur
Sohle,
Und immer wächst die Wuth der grausen Schlacht.
Aus Furcht, Agrikaneji endlich siegen zu sehen, unterbliebt Torindo , König der Türken und Sakripants Bundesgenosse, ihren Kampf durch einen heftigen Angriff der Ta- tarn. — Aber die Tschirkasser werden geschlagen. Sakripant wird, halbtodt an seinen Wunden, auf Angelika’s Schloss' getragen. Mehrere Schaaren der Katajer und Tschirkasser fliehen, von Agrikan verfolgt, nach Albraka’s Mauern. Die Brüke wird niedergelassen. Sie stürzen in die Stadt; mit ihnen Agrikan und dreihundert seiner Reisigen. Die Brüke fällt. Schreken und Verwirrung sind ohne Grenzen. Agrikan mordet drinnen, draussen erwürgen sich die Heere. — Sakripant hört auf seinem*' Bett das Geschrei und Getümmel, und fragt, was es bedeute. Bei der Nachricht, dass Agrikan in Albraka sey, vergibst er seine Wunden, springt auf, nimmt Schwert und Schild, stürmt im Hemde unter die Tataren, und füllt die
Sirassen mit Leichen. Agrikan muss sich zu- riikziehn.
Wie wenn im Forst, bedrängt vorn Volk der Jäger
Der Löwe weicht, von Scham und Stolz entgüüht;
Er wandelt Schritt vor Schritt, den IvoJ>f zurük
gewendet,
Mit seinem Schwänze wedelnd, furchtbar brüllend,
Und wirft bei jedem Ruf sich um, und steht:
So weicht jezt Agrikan, von Tausenden bestürmt,
Den Feinden stets die Stirn Von neuem bietend,
Und schrekcnd sie mit wilden Drohungen! *)
Am Ende des eilften Gesangs erscheint Jli- naldo in. Tschirkassien. — Wir verliessen ihn auf seiner Riikkehr von den Ardennen nach Paris. — Das Turnier war bereits geendigt, als er in Paris ankam. Aber statt dieses krie- ^ gerischen Spiels erwartete ihn ein ernsthafter Feldzug. — Kaiser Karl hatte die Nachricht erhalten, dass Gradasso, König von Scrihana f ganz Spanien bis Barcellona erobert habe, und nach Einnahme dieser Festung in Frankreich einfallen wolle. Er schikte daher eiligst Ronalden mit fünfzig tausend Mann über die Pyrenäen, um Barcellona zu entsezen.
Während Rinaldo in Katalonien alle Tage neue Siege einärndete, verzehrten Kummer
! ) Laut. XI. 44, 4;.
oG
und Sehnsucht nach ihm Angeliken in Albra- ka. Täglich bestieg sie den Thurm ihres Schlosses, '
Und wandte dann ihr Angesicht gen Abend,
Und seufzt’, und sprach, die Brust in Thränen
badend:
[ In Jenem Himmelsstrich, hei Jenen Menschen Ist meines herben Schmerzes süsse Wurzel!
Wer sie besizt, versucht, geniefst sie nicht. —
O Volk, du gliiklichstes von allen Völkern,
Dem es vergönnt ist, mit jenem Gut zu schwelgen,
' Nach dem ich Arme, ach! vergebens dürste!
Endlich fällt ihr ein, dass Malgigi ihr vielleicht gute Dienste thun könne. Sie geht zu ihm ins Gefängniss, und verspricht ihm seine Befreiung und die Zuriikgabe seines Zauberbuchs, wenn er Binalden bewegen könne, mit ihm nach Albraka zu kommen. Malgigi, der nicht wusste, dass sein Vetter aus der Quelle des Hasses getrunken habe, meinte, dass nichts auf der Welt leichter sey> als einen galanten Ritter zu bereden, der schönsten aller Frauen einen Besuch zu machen, nahm daher, sehr erfreut, sein Buch, und schwur der Fürstin , ihr Binalden zu Füssen zu legen , oder in seine Fesseln zurfik zu kehren. — Angelika schöpfte neue Hoffnung. Malgigi citiert sei-
Cant. V. ai.
37 .
ne Teufel, reitet auf einem von ihnen durch die Luft nach Spanien, hört von ihm unterwegs die Geschichte der Belagerung von Bar- cellona, sieht sich spät Abends über dem Lager der Franken, befiehlt seinem Teufel, ihn an Einern gewissen Ort zu erwarten, und steht plözlich vor Rinalden in dessen Zelt.
Aber wie erstaunte Malgigi , als Ritialdo seine angenehme Einladung mit der Erklärung erwiederte, dass er ihm eher in die Hölle als in Mngelika’s Arme folgen werde! — Umsonst bat ihn Malgigi wenigstens ihm zu Liebe mit nach Albraka zu kommen, um seiner Gefangenschaft ein Ende zu machen. Rinaldo kehrte ihm den Rüken zu. Zornig und drohend entfernte sich endlich Malgigi , citierte hierauf Falsetten , ein sehr gewandtes Teuselchen, und befahl ihm, erst im Anzug eines fränkischen Herolds den Gradass von Seiten Ri- nalds , und dann in der Kleidung eines In- diers, Rinalden in Gradasso’s Namen, auf morgen früh zu einem Zweikampf am Ufer des Meeres einzuladen.
Sehr willkommen war dem Herrn von Montalban ein Kampf, wodurch er dem blutigen Krieg am schnellsten ein Ende zu machen hoffte. Er kam mit der Morgenröthe aus Gestade. Noch war niemand da. Nur ein Schiff lag vor Anker. Bald aber erschien, von Mal-
38
gigi n. bestellt, JDraginazsa , ein Dämon, dem Seriknner - König an Gestalt, an Rüstung (Gradafs führte Sirnsons Waffen) und an Ungestüm vollkommen gleich. — Sie greiften sogleich sich wüthend an. Der vermeinte Gra,' dasso weicht, wie muthlos, ans Ufer. Rinal- do ruft :
Wie? ziemt Gradassen solche Heldenprobe? Schämst du dich nicht, die Schultern mir zu weisen ? Ei, sieh, Bajardo sucht so sehnlich dich'
Ist dir die Lust zu reiten denn vergangen?
Sieh doch, er ist geschmiikt mit reichem Zaum
und Sattel,
Und gestern erst liess ich ihn neu beschlagen! Was hat sich denn dein Sinn so schnell verkehrt, Da dich bisher so sehr nach ihm gelüstet? *')
Das Gespenst flieht ins Schiff. Rinaldo springt ihm nach , treibt es auf und nieder , bis es endlich auf dem Vordertheil in Nebel verschwindet. — Schon war das Schiff mitten auf der See. Mit Schreken erkennt Rinaldo jezt den Betrug. — Sich von Marsiln und
v ) Gradasso war von Indien nur ausgezogen, um Rinaldo’s Pferd, Bajardo und Durlindana, Orlando’s Degen, die in aller Weltberühmt waren , zu erobern. Er nahm indess, aus Ruhmsucht und Zum Zeitvertreib auf der Reise, alle Länder und Inseln von Japan bis nach F rankreich ein.
von seinem Heere getrennt zu sehen, durch sein Ausbleiben am Ufer in Gradasso’s und aller Augen wortbrüchig und feig zu scheinest — diese Vorstellungen sezen ihn in Verzweiflung. Er sieht nicht die 1 ehern Speisen und Weine, womit ein Tisch in seinem Schiff be_ sezt ist. Er ergiefst sich in Wehklagen.
“ O Schiff, o Meer , o Himmel, o ihr Winde ! Wohin, wohin wollt ihr mich Armen tragen! Tragt mich nicht in ein Land, Wo Menschen
wohnen;
Fernhin in eine Wildniss werft mich aus ,
Voll Tieger und voll Drachen! Oder lasst Mich schneller hier in diesen Finthen sterben ; Versenkt, mich in den tiefsten Meeresgrund ,
Dass Menschen nimmer Kunde von mir haben ! *)
Das Schiff flog Sicilien vorüber gen Morgen, bis es endlich an einem schönrn Garten landet.
Gradasso kehrte, nachdem er am Ufer des Meers bis an den Abend auf Rinalderi vergebens gewartet hatte, aufgebracht in sein Lager zuriik. — Die Eranken hatten mit ihrem General ihren Muth verloren; Rit.schardetto, Rinaldo’s Bruder, konnte ihn nicht ersezen; sie brachen daher noch in derselben Nacht eiligst nach Frankreich auf. Marsil sah sich
l ) Ebend. 57.
•jezt genöthigt, sich dem Gradqss zu unterwerfen , sein Reich zum Lehen von ihm anzunehmen, und sich mit ihm gegen Karin zu verbinden. Beide Könige marschierten hierauf nach Frankreich, und drangen bis nahe bei Paris vor. Karl wurde geschlagen, und mit den meisten seiner Ritter gefangen genommen. — Das Weitere haben wir schon oben gesehen.
Rinaldo stieg aus Land in den gedachten Garten, der Unmuthige ( Giocoso ) genannt, und gieng über blühende Wiesen zwischen Zitronen-und Pomeranzenbäumen, nach einem köstlichen Pallast. Der Pallast war schier von geschliefnem Marmor, indem sich rings der schöne Garten spiegelte. Ein Mädchen, lieblich wie Flora . kömmt ihm entgegen , und führt, ihn in einen goldenen Saal. Ein Kolir von Nymfen bekränzt ihn mit Blumen, und führt ihn dann in eine Laube von Myrten und Rosen am Rand eines krystallenen Bachs. Balsamische Früchte duften ihm liier auf einem diamantnen Tisch entgegen. Die schönste der Nymfen reicht ihm von den Früchten, während ihre Schwestern, unter Musik und Gesang, am Bache reizende Tänze schlingen. — Schon vergafs Rinald seinen Gram und Frankreich und sich selbst, als die Nyinfe zu ihm sprach: “Schöner Ritter, alles, was du hier siehst , ist Dein ; unsre Königin hat Schloss und Garten geschaffen, um dich würdig zu
4t
empfangen. " — Rbialdo fragt nach dem Namen der Königin, und hört kaum Angelika nennen, als er aufspringt , fortrennt wie von den Furien gejagt zum Ufer, ins Schiff springt, und ihm befiehlt sogleich forizufliegen. Aber es steht wie eingewurzelt. Die Schönen kommen ihm nach. Er will sich ins Meer stürzen; aber in dem Augenblik schiefst das Schiff pfeilschnell hinweg.
Er wurde jezt an dem grausamen Felsen ausgeworfen , wo ihm ein ungeheures Weib ankündigt, dass er einem Drachen, in einer Grube mit Mauern umgeben, vorgeworfen werden solle. Rinaldo verlangt dabei nur seine Waffen zu behalten, welches ihm auch erlaubt wird, da dieses zu nichts helfen könne, als seinen Tod nur noch schmerzlicher zu machen. — Er beginnt seinen Kampf mit dem Ungeheuer. Seine Pols Hing wird zertrümmert, sein Schwert Fusberta ihm entrissen. Um dem Drachen nicht gleich zur Beute zu werden, bleibt ihm nichts übrig, als sich auf einen Balken zu schwingen, der an einer Seite der Mauer hervorragte.
Voll Ungeduld erwartete indess Angelika Malgigi's Zurükkunft.
>
Sie schaut voll Sehnsucht bald zum Meer hinaus, Bald über Thal und Bergvon ihrer hohen Burg.
42
Zeigt ihrem Blik sich dann ein fernes Segel,
Sieht sie ein Schiff sich dem Gestade nahn, Kommt über Feld ein Wagen hergcrollt,
Ein Pferd gerannt: hoch wallt ihr dann das Herz Von siisser Hoffnung, dass es ihren Freund ihr
bringe.
Endlich tritt Malgigi mit trüber Stirn in ihr Zimmer. — “ Rinaldo ist todt! " ruft Angelika, vor Schrekcn erblassend, ihm entgegen. “Noch nicht todt,“ 'versezt Malgigi-, “aber dem Tode nahe. Er verschmähte dich; ich hab’ ihn bestraft; denn ich hab’ ihn in eine Gefahr gestürzt, wo alle seine Tapferkeit ihm unniiz ist. “ — Der Zauberer erzählte ihr hierauf Rinaldo's Zustand auf dem grausamen Felsen. — “Verrollter ! Bösewicht !“ rief Angelika voll Zorn und Angst; “war das mein Auftrag ? Soll Eins von uns sterben, ist's dann nicht besser, dass ich umkomme? — Rinaldo\ — ach ! wo ist ein Mann schön und tapfer wie Rinaldo\ — Er verschmäht mich, aber ich bet’ ihn an; er ist in Gefahr, ich muss ihn retten! “ — Sie liess sich sogleich mit einer Kugel von Pech, Schmeer und Haar, (wie Daniels Küchlein für den Drachen zu Babel) mit Striken und einer Pfeile von einem Dämon zum grausamen Felsen tragen.
Rinaldo glaubte in jedem Augenblik von dem Drachen erreicht und verschlungen zu
43
weiden. Auf einmal erscheint Angelika im Mondschein oben auf der Mauer. Sie bittet den Paladin mit Thränen, ihr das Unglük nicht zuzurechnen, in das ihn Malgigi ohne ihr Wissen gebracht habe. “ Aber, “ fuhr sie fort, “ich komme dich zu befreien und deine Leiden dir zu vergüten. — Aber, was wendest du dein Antliz von mir ab ? Bin ich denn hässlicher als dieser Drache? — O, komm in meine Arme ; und gebiete über mich und meine Schäze!“ *) — Rinaldo schwört, der Tod sey ihm willkommner als ihr Anblik, und droht, sich dem Ungeheuer in den Bachen zu werfen, wenn sie nicht sogleich ihn verlassen wolle. — “Grausamer! Undankbarer! “ erwiedert Angelika ; “ ich gehe! Aber , wenn du mich auch hassen kannst, so kannst du mich.doch nicht hindern, dich zu lieben.“ — Sie liess bei diesen Worten sich herab zum Drachen, warf den Kuchen ihm in den offnen Schlund, band ihn mit Striken, und verschwand , nachdem sie unbemerkt die Pfeile
¥ ) Or non t’incresca di venirmi in braccio,
Che insieme via ce ne possiamo andare,
Solo a vederti, di paura agghiaccio,
Ouesto favor, ben mio, voglimi fare;
Paura non avcr di darrai impiaccio,
Bcn mi ti sapro sotto accommodare,
E meglio, ancor che sii tanto gagliardo,
Forse ti portero, ch’l tuo Bajardo.
C. IX. si.
J
44
an der eisernen Pforte der Höhle hatte fallen lassen. — Ritiald sprang jezt vorn Balken, todtste den gefesselten Drachen, fand die Pfeile, öffnete damit die Thür , erstach das grausame Weib , zerspaltete ihre Riesen , und gierig ans Meer. Das Schiff war fort. Er reifste daher längs dem Ufer hin, und kam nach Tschirkassien.
Er fand hier in einem Walde Rrandimarts Geliebte, Fldrdelis, die seit dem Auftritt in Dragontinens Garten, in diesem Lande umher irrte. Sie erzählt ihm das Abenteuer Orlando's und Brandimarts. Voll Freude, den Aufenthalt des Grafen zu wissen, entschliefst sich Ri- naldo sogleich seinen Vetter aus der schimpflichen Gefangenschaft zu befreien, und bittet das Fräulein, sich mit auf sein Pferd zu sezen und ihm defi Weg nach der Residenz der Fee zu zeigen. Rinaldo schien dem Fräulein ein galanter Mann; wie konnte sie vermuthen, dass er aus der Quelle des Hasses getrunken habe?
Drum stand, für ihre jungfräuliche Ehre Ein wenig bang, die schöne Flördelis Ein Weilchen an, sich hinten auf zu sezen;
Und als sie endlich Plaz genommen hatte,
So sprach sie, um den Ritter zu verhindern Bei ihrer Fahrt ihr diese und das zu sagen:
45
" Herr, unser Weg ist lang und sehr beschwerlich;
Soll ich ihn durch ein Märchen euch verkürzen?
Flördelis erzählt ihm hierauf die Geschichte zweier Freunde, des l/oldo und Prasildo , nach deren Anhörung Pinaldo b< i der Ge- burtshöhle Rah Hunts ein Abenleuer besieht, worin er diefs berühmte Pferd, mit dem slrgail nach Frankreich kam und das von den Arden- nen hieher gelaufen war, eroberte, und einen gewissen Trnjsaldino , König von Ealclokko, wegen eines Meuchelmords, dessen Geschichte , ein in der Höhle befindliches Buch erzählte *), zu bestrafen schwur — Er reist sodann mit Blördelis weiter. Die Nacht überfällt sie im Walde. Rinaldo fühlt sich müde. Sie steigen ab, und legen sich beisammen ins Gras.
Die Jungfrau lag dem Ritter dicht zur Seite j
Allein Rinaldo schlief in guter Ruh.
Ihr könnt daraus das sichre Mittel lernen,
Der Liebe Uebel von euch abzutreiben:
Wer nein lieh pflügt und sä't und kämpft, mit Einem Wort,
Wer Arbeit hat, der stirbt vor Liebe nicht.
Ein Centaur raubt am folgenden Morgen, da Rinaldo noch schläft, Flördelis. Umsonst sucht der Paladin sie wieder zu erbeuten. Ohn#
*) C. XIII. 18. K
Wegweiser zu Dragontinens Garten, sezt er daher mit Ilabikanert auf gut Giük seine Reise fort.
Albraka war indessen von Agrikans Völkern geplündert und in Brand gestekt worden. Nur die hohe Burg Angelika’ s, auf welehe Saltri- ■pant sich mit einigen hundert Tschirkassern gerettet hatte, behauptete sich noch gegen die Tataren.
In dieser Noth machte sich Angelika auf, nm iin Morgenlande schleunige Hülfe zu suchen. Sie gierig mit ihrem Zauberring unsichtbar durch das feindliche Lager, und kam ,in die Gegend, wo Rinaldo reiste. Sie stiels hier auf einen alten Mann, der lautjammernd auf einem Steine sass, und fragte ihn, warum er so wehklage. Der Alte erzählt ihr, sein einziger Sohn liege in seinem Hause todtkrank danieder. —- Angelika, die auch in der Heilkunst erfahren war, verspricht ihm, seinen Sohn wieder herzustellen, wenn sie ihn nur noch arn Leben finde. — Aber der Alte war ein Betrüger; er suchte, im Dienst Poliferno’s, Königs von Orgagna, der ein grosser Liebhaber schöner Jungfrauen war, diese in die Falle zu loken. — Angelika folgt ihm in einen Thurm, und sieht sich gefangen in einer zahlreichen Gesellschaft von Frauen, unter denen sich auch Brandimarts Liebchen fand. Flor-
47
delis erzählt ihr gleich ihre ganze Geschichte. — Keine Nachricht hätte Angeliken erwünschter seyn können, als die, dass Orlando bei Dra- gontinen sey. Sie stellte daher, sobald die Thür geöffnet wurde, ihren Ring in den Mund, und entwischte, um den Grafen zu befreien.
Sie kam unsichtbar an Dragontinens Wohnung. Orlando hatte eben die Wache im Garten. Angelika stekt ihren Ring ihm an den Finger, und erscheint ihm mit ihrem himmlischen Lächeln. Sein Zauber ist gelöst; er wirft sich entzükt zu ihren Füssen. Sie erzählt ihm sodann ihr Unglük, und bittet ihn, mit seinen tapfern Freunden nach Albraka zu kommen. Diese werden sogleich durch Angelika s Ring entzaubert; Schloss, Garten, Brüke und Fluss verschwinden. Dragontine flüchtet verzweifelt in einen finstern Wald,
Orlando , Brandimart, Griffon, Aquilant und fünf andere Ritter kommen in das Feld bei Albraka, und brechen, Angeliken in der Mitte, mit gezognen Degen und votgehaltnen Schilden ins Lager der Tataren. Tausende dringen von allen Seiten gegen sie an —
Wie wenn im Feld sich eitle Heerde Schafe
Neun Wölfen oder Löwen widersezt.
Orlando stürmt den Anderen voran,
46
Und fallt mit fürchterlichen Schlägen rings Auf jeden Streich ein Hundert todt zu Boden. *)
Bei einem Kampf Orlando’s mit Agrikaneit kommt Angelika in die Gewalt eines tartari- *chen Riesen. Sie schreit Orlando!
Der Graf, der unweit der Princessin focht,
Hört ihr Geschrei; und plözlich füllt sein Herz Und sein Gesicht ein so gewaltig Feuer,
Dass durch sein Helmvisier die Funken sprühen. Er heisst die Zähne fürchterlich zusammen,
Und drükt die Kniee in seines Pferdes Seiten So heftig, dass es nicht umhin kann, brüllend Gleich einem Stier, zur Erde sich zu werfen.
Nach tausend Wundem von Tapferkeit, kam Orlando endlich, Angeliken, im linken Arm, und mit dem rechten Durlindaneu schwingend, an das untere Thor der Burg. Aber Truffal- dino, König von Baldokko, — der während Angelika’s Abwesenheit den verwundeten Sa-
*) Lome s’un branco di pecore andasse Incontro a nove lupi, brsi, o lioni,
O come il foco la paglia affrontasse, ,
E d’archibusi la polver, carboni:
Fra gli allri Orlando di schiera si trasse,
E con crudi rovesci, e stramazzoni,
Come scosse dall’ albore le pere,
Cento in un tratto ue fece cadere.
C. XV. 8.
>
49
hipant ins Gefängnifs geworfen und sich zum Herrn der Feste gemacht hatte, um sie sJgrill anen zu übergeben, wollte ihnen nicht nur das Thor nicht öffnen, sondern warf auch Steine auf sie herab.
Da droht’ und schrie der Graf so fürchterlich, Dass er den Himmel selbst in Schraken sezte, Geschweige denn den König von Baldokko. —> Furchtsam und feig, wie alle Schurken sind,
Sah Truffaldino schon mit Zittern rings Die Felsen von Orlando’s Schwert zersplittert, Die Mauer und Thurm von ihm zertrümmert, Und alles Volk geschlagen und entflohn.
Truffaldino erklärte sich bereit, ihm das Schlols zu übergeben, wenn er mit seinen Rittern ihm Schuz und Hülfe gegen alle verspreche, die ihm übe] wollen und seinem Leben nachstellen möchten. Auf Angelika’s Bitte machte Orlando und seine Freunde sich dazu anheischig, und werden sodann eingelassen.
Am andern Morgen früh stiess Orlando auf der Burgmauer in sein Horn. Panisches Schre- ken ergreift das tatarische Heer; kaum vermag Agrikan seine Völker zuritk zu halten. — Orlando lodert Agrikanen zum Zweikampf heraus. *)
*) Agrikan führte des weisen König Salompns Schwert und Helm, beide in höllischem Feuer
4
Sie fahren krachend, wie zwei Donnerschläge Vorn Morgen und vorn Abend, an einander,
Wie fortgestürmt von Loreas und Notus Zwei Wogen auf dem Meer zusammen schlagen. Tief beugen beide sich aufs Kreuz und drohn Von ihren Pferden rüklings abzustürzen. Zersplittert fliegt der Lanze Schaft gen Himmel; Die Erde bebt, der Tag hüllt sich in Dunkel.
Ihr Kampf wird durch die Ankunft eines neuen Heers unterbrochen , das Angelika’s .Vater Galafron aus Indien herbeiführte.
Tdncddo fand indessen einen der beiden Babilonier, deren Geschichte ihm Brandnniuls Liebchen erzählt hatte, den Iroldo, und befreite dessen Freund Prasildo und FUirdelis aus der Gewalt eines ungeheuern Riesen. Die Zerspaltung desselben scheint den Saracenen eine That, die nur ein Gott wie Tervagant, Mahom oder Ajiollon vollführen könne. Sie werfen ^ich daher vor Rinalden nieder, um ihn anzubeten. Dieser aber schwört, voll Abscheu gegen ihr Heidenthum ,
Er sey ein Mensch und Herr von Montalban ; Trägt ihnen dann den Christenglauben vor:
und Wasser gehärtet. Orlando’s Helm war das Meisterstiik eines grossen Schwarzkiinstsers, Hamens Albrizak. Der Paladin hatte ihn einem furchtbaren morischeu Riesen, Almonten, abgenommen.
5i
Wie Gott vordem in Fleisch sich eingekleidet Und unter uns gewohnt; mit Einem Wort,
Er predigt so verständlich und so rührend,
Dass sich Irold, Prasild und Flördelis Sogleich bekehren und vorn Paladin Am ersten besten Fluss sich taufen lassen.
Sie gehen hierauf nach Dragontinens Garten , um Orlanden und Brandimarten zu befreien , — finden aber alles wüst und leer. Während sie sich über dies Wunder besprechen, kommt ein Ritter bleich und zitternd angejagt. Sie halten ihn an und fragen ihn, woher er komme. “Von Katai !" erwiedert er. “Ein Teufel ist dort mit Angelika angekommen. Alles nimmt vor ihm die Flucht! " — Rinaldo sah leicht, dass von keinem andern als seinem. Vetter Orlando die Rede seyn könne , und eilte mit seinen Katechumenen nach Katai.
Jezt erbliken wir eine Dame, die in der Folge des Verliebten , besonders aber im Rasenden Orlando, eine grosse Rolle spielt — die Königin von Persien, Marfisa, Mars und Venus in Einer Person. *) Sie kam mit einer grossen Armee nach Katai, nicht sowohl, um
*) Eine solche Frau wäre wohl eine creatura mon- struosa, nicht aber eine Donna eccellente in qual- clie cosa, die Berni in der Einleitung des XVIIIten Gesanges, nach einem ungeheuern Rai- sonnement, dafür erklärt.
Sa
dem Galafron zu helfen, als um die Ausführung ihres grossen Plans, alle mächtige Heere der Erde zu ihren Vasallen zu machen und mit Bezwingung des Mgrikan anzufangen. — Sie stand nahe bei Albiaka mit ihrem Heer gelagert , und ritt eben auf Kundschaft aus , als Rinaldo mit seinen Begleitern daher kam. Tlürdelis , die die Königin schon kannte, bat die Flitter , ihr auszuweichen;
“ Denn, wahrlich ! auf dem ganzen Erdenrund, Im Himmel selbst ist kein Geschöpf zu finden,
So mächtig, stolz und rasend wie Marfisa.
Rinaldo lächelte über diese Beschreibung, und ritt mit eingelegtem Speer auf die Königin los. Schon wandte Marfisa ihr Rofs, um ihn für seine ■Kekheit zu bes'rafen; als ein Herold erschien , durch , welchen Galafron sie flebendlich bat, ihm eiligst gegen slgrikanen zu Hülfe zu kommen. Marfisa hiess den Boten ein wenig warten, bis sie mit den drei gegenwärtigen Rittern fertig sey ;
“Und wären dann dreitausend Agrikanc,
Ja kämen auch im Bund mit ihnen, Höll’
Und Himmel, traun! sie sollten meinen Arm Zu ihrem jähen Untergang erproben ! “
Iroldo und Prasildo werden von ihr hundert Schritte weit abgeworfen; aber nicht so
*^C. XVII. 61 .
53
Rlnaldo; Marfisci s Speer brach an ihm wie an einem Felsen. Sie zieht wüthend ihr Schwert, und es beginnt eine lange Schlacht, während welcher wir uns nach Orlando umsehen wollen.
Ein indisches Heer unterbrach, wie gemeldet , seinen Zweikampf mit Agrikanen. Die Tataren wurden aufs neue von allen Seiten angegriffen, aber mit wenigem Glük. Agfiliern lief Sturm, auf Angelika’s Feste. Orlando warf ihn zurük, und hielt das Schloss be- sezt. Indessen, schlagen die Tataren alles in die Flucht. Plözlich fällt Orlando von der Burg herab den Siegern in den Ilüken. Die Scene ändert sich.
Zum Schlagen wenden schnell sich die Geschlagnen; Verfolgt entfiiehn auf einmal die Verfolger:
So wie, wenn Mittags sich der Süd erhebt Und dike Nebel um die Sonne wälzt,
Gewaltiger der Nord ihm dann entgegen stürmet, — Die Wollten stehn und fliehen und verschwinden.
Endlich schlägt Orlando sich wieder mit Agrikanen selbst. Agrikan flieht nach kurzem Kampf, um den Grasen an einen Ort hin zu loken, wo er ungestört seine Sache mit ihm abmachen könne. Orlando jagt ihm nach bis in einen Wald. Hier beut ihm Agrikan auf einem Wiesenplaz die Stirn. Es war um Mittag. Sie schlagen sich bis Sonnenuntergang
54
ohne einander zu verwunden, Schliessen dann Waffenstillstand für die Nacht, um mit erneuter Kraft am Morgen ihren Kampf fortzusezen, und legen sich traulich zusammen unter einer Fichte nieder.
Sie lagen da, und sprachen mit einander Von Heldenthaten und von Abenteuern,
Indes; der Himmel sieh mit tausend Sternen
schmähte.
Orlando hob die Augen auf und sprach :
Fürwahr der Himmel ist ein schönes Werk!
Gott schuf ihn, dass bei seinem Anblik wir An das, was gross und ewig ist, wie Er,
Bei unsrer Fahrt auf Erden denken möchten.
“Ich merke wohl, siel Agriltan ihm ein,
Du willt vorn Glauben reden; aber ich
Weiss nicht, was Gott und Himmel ist; ich möcht
Als Knab’ es nimmer in der Schule lernen.
Mein Meister, der davon sehr viel zu schwazen
wusste,
Starb über meinen Troz am Gallenfieber.
Drauf liess man mich mit Meistern im geplagt, Und Schriften waren stets mir Gift im Auge.
Nur Waiienspiel und /agd im wilden Forst War meiner .Tugend Lust und Zeitvertreib.
Auch, mein’ ich, ist es nicht gar adelich Den Kopf sich über Bücher zu zerbrechen.
55
Ein Körper, hart wie Eisen lind gewandt,
Nur der steht braven Kavalieren an. Gelehrsamkeit mag einen Doktor zieren:
Wir sind gelehrt genug, wenn wir zu schlagen
wissen “
Gern geb’ ich zu, versezt der Graf, dass Muth Und Waffen uns vor allen Dingen ehren.
Doch obendrein ein wenig Wissenschaft Ist keinem Edelmann ein Schimpf. Allein Wer auch bisweilen nicht sein Herz zu Gott Dem Herrn, der ihn geschaffen hat, erhebt,
Und mindstens Ihm in seiner Seele dankt,
Der scheint dem Thier im Felde mir zu gleichen.
*
“Es ist nicht ritterlich, erwiedert Agrikan ,
Im Vortheil sich mit andern zu schlagen.
Ich habe dir ohn' allen Hehl gesagt,
Was an mir ist. Du bist mir zu gelehrt.
Sprächst du so fort, bei meinem Schwert! ich
bliebe
Stumm wie ein Fisch. Drum schweig und leg dich schlafen,
Wenn dir’s beliebt; dochwilltdu lieber plaudern, So sey’s von Schlachten oder Licbeshändeln! “ *)
Orlando, der nach allen seinen Kämpfen, noch nicht Lust zu schlafen hatte, gab dem
Nach Gant. XVIII. 46 — 5:0.
56
Agrikan nach, und erzählte ihm die Geschichte seines Helms, und, dann seine Liebschaft mit Angeliken. Diese war Agrihanen unbekannt. Er sprang daher wüthend auf, und schrie: “ Mein ist Angelika\ Veriheid’ge dich l ee — Ihr Kampf währte von Mitternacht bis Tagesanbruch . wo Orlando dem Tataren sein Schwert an den Leib stiess. — Orlando erkannte hierauf in Agrikans Pferd den Bajard, nahm ihn beim Zügel, und kehrte nach Albraka zu- riik, wo seine Gegenwart nie nothwendiger als jezt war.
Der Zweikampf des Rinaldo und der Mar- fisa war den Tag vorher durch einen sehr un- glüklichcn Zufall unterbrochen worden. Galafron nemlich kam, bei Verfolgung der Tataren, in die Gegend, wo jene sich schlugen, und erblikte kaum unter Rinalden den Rabi- kan, als er, in der Meinung sein jeziger Herr sey der Mörder seines Sohnes Argail , auf Rinalden zujagte und ihm von hinten einen heftigen Schwertschlag versezte. Ausgebracht über diesen unritterlichen Streich, fiel Marfisa sogleich über den Ivönig her, und sie würde ihn in Stäken gehauen haben, wenn nicht sein Heer ihm zu Hülfe geeilt wäre. Dies verursachte eine allgemeine Schlacht zwischen Marfisa’s und Galafrons Völkern, worin die lez- tern bis auf einige hundert Mann aufgerieben wurden, mit dpnen Galafron und Orlando s
57
Freunde sich auf Angelika’s Schloss flüchteten.
Rinaldo verband sich hierauf mit der Königin von Persien. Diese schwur, nicht eher das Feld zu verlassen , bis sie den Galafron mit seiner Tochter in ihre Gewalt bekommen habe. Rinaldo wollte seinen gethanen Eid , den König von Baldokko (dessen Gegenwart auf Angelika’s Schloss bekannt worden war,) aus dem Wege zu räumen, erfüllen. Sie federten daher den Trnffaldino , und seine Ritter , für den andern Tag auf Tod und Leben heraus.
In dieser Noth fand Orlando sich wieder ein. Mit ihm kehrte die Hoffnung in Angelika’s Brust zuriik. Sie überhäufte ihn mit Liebkosungen , entwaffnete ihn mit eignen Händen , küsste bei Abnahme des Helms ihm den Mund , führte ihn dann in ihr Badstiib- chen , entkleidete, wusch , salbte ihn , und befreite durch einen Wundeibalsam ihn von den Beulen und Fleken, die er in seinem Kampf mit Agrikanen erhalten hatte.
Stumm, schamvoll, starr wie eine- Säule stand, Beim sanften Drult der Alabasterhände,
Orlando da, und 1 war vor allzagrosser Gluth Unfähig, sein Verlangen ihr zu äussern. ¥ )
*) Stavasi il Conte cheto, e vergognoso,
Mentre ehe la douzella il maneggiava,
58
Sie führte ihn hieraus in ihre Kammer, labte ihn mit köstlichen Speisen und Getränken, und bat ihn, unter wiederholten Umarmungen, den glänzenden Erweisen seiner Ei ehe zu, ihr dadurch die Krone aufzusezen , dass er sie von der grausamen Marfisa , die ihr den Tod geschworen habe , befreie.
Die Schöne bat, mit Thränen sein Gesicht Benezend. Ausser sich vor Wuth, vermochte Der Graf sich kaum zu halten, dass er nicht Sich flugs in seine Waffen warf. Er stand Gleich einer schwarzen Wetterwolk’ und schoss Aus seinen Augen fürchterliche Blize. —
Dann warf er vor der Fürstin sich aufs Knie, Und rief: ich schwöre Tod dem tollen Weibe!
Orlando schwamm jezt im Meer der Seligkeit. Aber nicht lange blieb sein Glük unver- kümmert. Aquilant entdekte ihm beim Schlafengehen , dass er morgen sich mit keinem an-
E pcl troppo voler caldo, e focoso L’intensa voglia sua men si mostrava.
Gant. XXV. 44.
Dieser Beschreibung sehr ähnlich, aber naiver, ist folgende, die sich im i6ten Buch des Amjidis de Gaule (Chap. XCII.) findet, Amadis de Grece, vovant sa tant aimee Unedle , fut taut ravy eil extase, & son esprit offusque d’une iove & tristeste , qu’il demeuroit lä pl inte droit sans pouvoir remner aueun membre, comme une grosse pierre.
59
dern als dem Herrn von Montalban zu schlagen haben werde. — Orlando erblasste bei dieser Nachricht. — Was konnte Rinaldo anders wollen als ihm Angeliken nehmen ? — Er warf sich voll Zorn und Leid auf sein Bett und ergoss sich in Klagen und Drohungen.
“Die Liebe trieb mich von dem einen Ende Der Welt zum andern, einer Jungfrau nach;
Und endlich ward ein Tag voll Wonne mir zu
Theil.
Noch einen solchen Tag vergönnen, ach!
Mir die unfreundlichen Gestirne nicht.
Rinaldo kommt, mein Gliik mir zu zerstören. Allein bei Gott! mein Schwert soll morgen ihm Sein grosses Unrecht gegen mich beweisen.
Jezt verwünscht er Rinalden ; jezt beklagt er, dass Liebe die Bande der engsten Verwandtschaft und der zärtlichsten Freundschaft zeixeis- sen solle,
Er wirft auf seinem Bett sich hin und her, Verklagt die Sterne , die so säumig wandeln;
Den Mond, der sich so*lang’ am Himmel weilt, Die Sonne, die so ungewöhnlich zaudert,
Den jungen Tag im Ost herauf zu schiken.
Jezt, meint er, werde es Tag. Er springt auf und bewaffnet sich.
Das Mondlicht trügt ihn; es bleibt Nacht.
Laut flucht er dann dem Morgen und dem Abend.
Endlich schimmert das Morgenroth. Orlando stösst oben auf der Burg in sein elfenbeinern Horn; Rinaldo antwortet ihm unten im Felde. Ausser sich vor Wuth, stürzt Orlando, ohne Schild und Lanze, zum Thor hinunter. Das Thor ist noch verschlossen. Er zieht sein Schwert, um es zu zerschlagen, als Angelika mit einem Knappen kömmt.
Dem Paladin erstarrt bei ihrem Anblik Sein aufgeschwungner Arm, der Degen fällt Ihm aus der Hand; er wirft sich aus dem Sattel, Und kniet voll Demuth Vor der Fürstin nieder.
Der Knappe giebt ihm seine Lanze und einen kostbaren Schild; Angelika bindet ihm einen Liebesgott, mit Bogen und Köcher versehen, zum Helmschmuk an, und öffnet ihm darin das Thor mit den Worten: “Mein werther Ritter , du kämpfst für mich. ”
Er, der zuvor von wilder Kühnheit flammte,
Bebt izt die Jungfrau anzusehn, und stirbt Beinah vor Angst, Entziikeu uml Verlangen.
Dem Orlando folgten Rrandimart , Grif- fon, Aquilant und Triffaldino; mit dem Ri-
Öl
naldo kamen Marfisa, Ast also + ), Iroldo und Prasildo.
Die Beschreibung ihrer Kämpfe **) möchte, troz mancher starken und komischen Stellen, für die Leser nicht weniger ermüdend seyn, als sie für die Helden sauer zu bestehen waren. — Tausendmal brachen unter den fürchterlichen Schlägen den Rittern die Kniee; tausendmal sahn sie am Tage den Himmel voll Sterne; tausendmal hauchten sie ihre Seelen aus und wieder ein; mit Einem Wort, Tod und Leben schlugen sich immer besiegt und siegend, zwei Tage lang um Albraka herum, — bis endlich alles gesund und wohlbehalten von dannen gieng, den König von Baldokko ausgenommen, den Bitiaido am ersten Tage fieng und, an den Schweif seines Pferdes gebunden, um Albraka schleifte. Übrigens sind von der Geschichte dieser zwei Tage noch folgende Umstände zu merken.
Angeliha erfuhr bei der Redekunst ihrer Ritter am Abend des ersten Tage, dass Orlando''s furchtbarer Gegner ihr geliebter Rinaldo
*) Er hatte hei der Einnahme des tatarischen Lagers seine Freiheit wieder erhalten, und gieng, aus Verdruss dass Orlando die Vertheidigung eines Schurken übernommen habe, zum Rinaldo über.
**) Gant. XXVI-XXVIII.
6a
sey. Sie Wurde ohnmächtig bei dieser Nachricht, und brachte die Nacht in grosser Verzweiflung zu, bis sie endlich, überwältigt von, ihrer unnatürlichen Leidenschaft, sich entschloß, am andern Tage mit kis.Feld zu gehen, um ihren Geliebten zu sehen, und lieber zu sterben, als ihn unter dein Schwert ihres Freundes fallen zu lassen.
Sie tritt mit der Morgenröthe in Orlando’s Schlafkammer, wekt ihn, und bittet ihn freundlich , ihr noch eine Gunst zu gewähren. Orlando schließt sie entzükt in seine Arme. Aber sie hält ihn zuriik, und erklärt ihm, dass ihre Person mit allen ihren Schären zu seinen Diensten stehe, wenn er noch heute für sie gekämpft und ein Verlangen erfüllt haben werde, welches sie ihm im Felde, wohin sie ihn begleiten wolle, zu äussern gedenke. Nähme er aber jezt das mit Gewalt, welches sie so bald ihm freiwillig geben möchte, so werde sie sich, vor seinen Augen einen Dolch ins Fferz stossen. — Sie warf sich bei diesen Worten schluchzend an seine Brust.
Dem Sohne Milons fuhr bei dieser Drohung Durch Mark und Bein ein kalter Todessehreken; Ihm starrten beide Augen aus dem Kopf,
Die Haare standen gräßlich ihm zu Berge,
Und als er endlich sich ein wenig wieder Frliohlte, fleht’ er mit gebrochner Stimme,
Den Fehl, so nur der Liebe Uebermass Begangen, ihm in Gnaden zu verzeihen.
Angelika verzieh ihm, bewaffnet ihn, und gieng mit ihm ins Feld, wo Rinaldo seiner schon wartete.
Himmel und Erde bebten beim Kampf der beiden Paladine. Schon verloren sie Kraft und Besinnung bei jedem ihrer Schwertstreiche; Rinaldo neigte, vorn lczten Schlage betäubt, sein Haupt, wild rannte sein Pferd eine Streke mit ihm fort; Angelika’s Herz war von dem Schlag zerschmettert. Bleich und zitternd springt sie auf von ihrem Stuhl, läuft zum Grafen, der eben mit geschwungnem Schwert Rinaldert nachsezen wollte, und verlangt von ihm die Gewährung der lezten Gunst, die er ihr versprochen habe. Er solle nemlich, ohne weitem Kampf, sogleich ins Reich Orgagna eilen, um die Gärten der Eee Falerina , ihrer Feindin, zu zerstören.
Orlando, der von gutem Teige war, *)
Neigt demuthsvoll zur Erde sich, und jagt So vogelschnell hinweg, dass er verschwand,
Eh noch die Ritter seine Flucht bemerkten,
Ihm waren die Gärten der Falerina schon aus einem frühern Abenteuer bekannt. — lli-
f ) Ch’era di buona cuciiia — Gant. XXXIII. 34.
64
naldo wollte, als er sich wieder besonnen, seinem Vetter nachjagen. Aber Marjisa und Astolfo hielten ihn mit der Vorstellung zuriik, dass ihm zuvor einige Erholung nothwendig sey. — Beide Parteien giengen hierauf ohne bestimmte Erklärung für das weitere, aus einander.
Angelika hatte Orlanden nur zu einem so fernen und schwierigen Abenteuer fortgeschikt, um ungehindert von ihm alles versuchen zu können, Päualdo’s Hass gegen sie zu besiegen. Sie war daher nicht sobald in ihr Zimmer zu- rtik gekommen, als sie nachsann, wodurch sie liinalden wohl einen angenehmen Dienst erweisen könne. Ihr fiel Bajarcl ein, den Orlando ihr von seinem Kampf mit Agrikanen mitgebracht hatte. ' Was auf der Welt konnte liinalden wohl willkommner seyn, als dies sein vortreffliches und so lang vermisstes Pferd? — Angelika rief sogleich eins ihrer ICammerfräu- lein, und befahl ihr, mit dem Bajard in Marjisa’s Lager zu gehen, und ihn dem Herrn von Montalban zu übergeben, mit den Worten: " Da er Angelika’s Tod und die Zerstörung ihres Schlosses geschworen habe, so sebi- ke sie ihm zuvor seinen Bajard; es würde ihrem Herzen zu wehe thun, wenn sein gutes Pferd durch ihre Schuld gekränkt werden sollte. ” — Aber die Wirkung der Quelle des Hasses war so gross, dass Rinaldo den Bajard verschmähte, weil er aus Angelika’s Händen kam.
65
Er wies das Fräulein schimpflich von sich. «— Diese begegnete auf ihrer Rükkehr dem Astol- fo, der ihr Bajarden abnahm, weil sie sich nicht zu der Bedingung verstehen wollte, unter welcher das Pferd ihr gelassen werden sollte*
Am andern Morgen früh reisten die fränkischen Ritter beider Parteien ab. Rinaldo verliess das Lager der Königin von Persien, um sich den fernern Zudringlichkeiten der Angelika zu entziehen; Oliviers Söhne, Griff’on und Aquilant, zogen von Albraka fort, um ihren Freund Orlando wieder aufzusuchen* Diesen folgte Rrandimart; mit jenem gierigen Astolfo, Iroldo und Prasildo.
r
Die Abenteuer dieser Ritter auf ihrer Fahrt Von Katai nach Frankreich, sind so mannigfaltig und so wild vermischt und zerstreut, dass es leichter wäre, einen ganzen Orlando ina- mora.to zu schreiben, als von diesem Theil desselben einen zusammenhängenden Auszug zu geben. Zum Giük ist es für den Zwek dieser Arbeit hinreichend, nur einige von diesen vielen verwirrten Begebenheiten zu berühren.
Grijfon, Aquilant und Brandimart kommen zuförderst in ein prächtiges Schloss von herrlichen Gärten umgeben, wo sie schöne Gesellschaft finden, und sich bei Schmaus, Musik
L
68
und Tanz erlustigen bis an den Abend. In der Nacht werden sie gebunden und zu einem Drachenthurm geschleppt, aber noch vor ihrer Ankunft daselbst von Orlando’s Schwert be_ freit. *)
Orlando traf sie in der Nähe des Falerini- schen Parks. Sie bieten [ihm ihre Dienste zu dessen Zerstörung an, werden aber von ihm abgewiesen, weil Angelika nur seiner Person allein dies Geschäft aufgegeben habe. '
Orlando vernichtet die Gärten der Falcri- na, nach tausend Kämpfen mit Stieren, Sirenen, Vögeln, Eseln, Riesen und Faunen, endlich durch Abhauung eines Baumzweiges **), erobert Ballsarden, weiland Hektors Schwert, und hört dann von Falerinen, dass er nur halbe Arbeit gethan habe, wenn er nicht auch die mächtige Fee Motgane , deren Dienerin sie sey, bezwinge, Der Graf macht sich sogleich auf zu diesem Abenteuer.
Um in Morganens Residenz zu kommen, musste man sich einen See hinab stürzen. Orlando kommt an diesen See, und sieht erstaunt dort an einer Cypresse die Waffen des Herrn von Montalban hängen. Rinaldo’s Entfernung von Albraka während seiner Abwesenheit über-
*) Lib. II. Cant. II.
**) Cant. IV. V.
6?
zeugt ihn von dem Ungrund seiner Eifersucht^ Aber die aufgehängten Waffen verkünden ihm auch den Tod des Paladins. Er ruft daher weinend ;
O guter Vetter, höre mich im Himmel, fDenn sicher bist du bei den Ausenvählten)
O höre mich, den Grafen von Anglnnt,
Der immer dich so treu und herzlich liebte,
Und gern Für dich sein Blut vergossen hätte, Wenn er, von Liebe blind, dir manchmal unrecht that.
Vergieb, o Vetter, mir die schwere Sünde,
Und habe mich im Himmel wieder lieb! *)
Orlando erblikt hierauf einen Riesen, und greift, in der Meinung, dass er Rlnuldo's Mörder sey, ihn wüthend an. — Der Riese wirft sich nach langem Kampf mit ihm in den See. Sie fallen ringend hinunter, — liegen auf einer blühenden Wiese an einer krystalinen Grotte. Wie ein goldnes Gewölk glänzt über ihnen der See. Sie sind in Morganens Garten. Orlando tödtet den Riesen, besiegt die Zauberin, und erhält von ihr die Schlüssel zu einem kry, stallnen Gefängniss. Er öffnet es, und — Ritt aido und Oliviers Söhne treten mit ihren Gefährten und vielen andern Riiteru heraus. — Sie waren oben an den See gekommen, von
*) Cant. VII. St. 6;, 66, 67.
68
dem Riesen nach einander besiegt und entwaffnet, den See hinunter in Morganens Gewalt gegeben worden. *) — Orlando warf sich mit Thränen und lautem Bekenntniß seines Unrechts in die Arme Rinaldo’s , der gerührt ihm seine Verzeihung und Dankbarkeit versicherte. — Morgane führt hierauf die Ritter in eine Höhle am Fuss eines hohen Berges, und zeigt ihnen einen Stuffengang, der sie wieder an den See hinaufführt, wo sfe alle ihre Waffen und Pferde wiederfinden.
Unter den befreiten Rittern fand sich auch Dudon , Paladin von Frankreich. Dieser erklärt jezt seinen Landsleuten, dass Kaiser Karl ihn abgeschikt habe , sie aufzusuchen und zur schleunigsten Ilükkehr nach Frankreich aufzulodern , indem Agramant, König von Afrika', seinem Reiche und der ganzen Christenheit mit einer fürchterlichen Kriegsmacht drohe. — Ri- naldo und Astolfo sind gleich bereit, Karls Verlangen zu erfüllen; Orlando aber erklärt, dass ein gegebnes Wort ihn jezt anderswohin rufe, und kehrt auf den Flügeln der Liebe nach Albraka zurük. Seinen treuen Spiessge- sellen Rrandimart rief Flördelis eben dahin.
Rinaldo kömmt nach einer Tagreise mit seinen Gefährten an eine Brüke, deren Uber-
*) Lib. II. Cant. II.
SI
gang ihnen ein Riese verwehrt. Es war ein Proleus , der sich bei seinem Kampf mit den Rittern bald in einen Drachen, bald in einen Tiger, bald in ein Krokodil, in eine Feuerflamme, in eine Wasserflut!!, u. s. w. verwandelte. Alle werden von ihm besiegt und in einen Thurm geworfen. Astolfo erlag ihm, sobald er die Gestalt einer reizenden Jungfrau annahm. *) — Orlando befreit seine Freunde von neuem, indem er auf seiner Riikkehr nach Albraka sich in diese Gegend verirrte. — Duden , Rinaldo, Astolfo, Iroldo und Prasildo kommen auf ihrer weitem Reise an das Kaspi- sclie Meer, wo Astolfo durch ein Abenteuer, welches Bojardo im i3ten und i^ten Gesang des aten Buchs, besser aber Ariosto im sechsten Gesang des Käsenden Orlando erzählt, verlohnen geht. —- Sie linden hierauf in Ungarn eine Armee, womit Ottachieri , Sohn Königs Filipp von Ungarn, eben nach Frankreich Karl zu Hülfe aufbrechen will, und gehen mit ihr durch Österreich und die Lombardei nach der Provenze, wo sie den schreklichen König von Algier, Rodomonte, treffen.
Orlando fand Ajigeliken auf ihrem Schloss in grösster Verzweiflung. — Sakripant halte, gleich nach Entfernung der fränkischen Ritter, mit der Besetzung der Burg einen Ausfall auf
Gant. X.
7 °
das Lager der Königin von Persien gethan. Er war zwar von seinen Wunden nocli nicht völlig wieder hergestellt; aber der Gedanke, ^jezt allein der Vertheidiger Angelika s zu seyn, erfüllte ihn mit unendlichem Muthe. — Mitten in seinem Kampf bringt ihm ein Eilbote aus Tschirkassien die Nachricht, dass Mandrikard, Agrikans Sohn und Nachfolger, in sein Reich eingefallen sey , und alles mit Feuer und Schwert verheere. Sakripant bittet Marfisen, um Frieden mit ihm und Angelika. Aber die Königin schwört, nicht eher das Feld zu verladen, bis sie Angeliken todt oder lebendig in ihre Gewalt bekommen habe. — Sie schlagen sich hierauf von neuem, bis ihr Zweikampf von einem Zwerge unterbrochen wird.
Dieser Zwerg, den wir bald werden näher kennen lernen, war vorn König Agramant von Afrika nach Katai geschikt worden, um den Zauberring der Angelika zu entwenden. Er hiess Rrunello. Er kam nach Albraka, als Angelika eben auf der Mauer dem Kampfe JVIarfisa’s und Sakripants zusah, schwamm durch den Schlolsgraben, kletterte Felsen und Mauer hinaus, zog der Fürstin den Ring vorn Finger, und war schon wieder verschwunden, als Angelika ihren Ring vermisste. Brunell gieng hierauf zu den beiden Schlägern im Felde, die eben ein wenig einhielten, um Athem zu schöpfen. Er steht Sakripanten unvermerkt
7 *
einen Stok unter den Leib, nimmt ihm sein schönes Andalusisches Pferd ( Frontalatte genannt ), zieht Marjisen den Degen aus der Hand, und fliegt damit fort wie der Wind. Marfisa sezt wüthend ihm nach, indess Sakripant zu Angeliken, eilt, um sich ein anderes Pferd und ihren Ring, zur bessern Verfolgung des Räubers auszubitten. — Er findet die Schöne trostlos über den Verlust ihres Talismans. Aber nicht genug: in dem Augenblik kommen zwei hundert sausend Türken der Königin von Per- sien zu Hülfe. — Galafron verspricht jezt verzweifelt dem Sakripant Kat,ai und seine Tochter, wenn er seinen Vetter, den König Gra- dasso von Serikana, der vorn Abendlande in sein Reich wieder zurük gekommen sey, mit aller seiner Macht ihm eiligst zum Beistand rufen wolle. — Sakripant vergißt über dieß Versprechen sein eignes Land, nimmt ein Pferd, und jagt nach Serikana,
Jezt erschien Orlando auf dem Schloss AI- braka. *) Angelika wirft sich weinend in
Er hatte, nach dem lezten Abschied von seinen Landsleuten, den Ziliant, Sohn des Königs Monodant von Damogir, befreit, und diesen heidnischen Monarchen mit seinem ganzen Hofe bekehrt und getauft. — Sein Spiefsgesell, Bran- dimart, war schon früher von ihm zum Chri sten gemacht. — In einem Walde, unweit Albra- ka stahl Brunell dem Grafen sein elfenbeinernes
7 *
seine Arme, und bittet ihn, ohne die Erzäha lung seiner, ihr zu Ehren vollführten Thaten anhören zu wollen , mit ihr ungesäumt nach Frankreich zu flüchten, da hier zu viele Gefahren ihr drohten. Orlando, der nicht ahndete , uass nur die Hoffnung Rinal-den. in seinem Vaterlands wieder zu sehen, sie zu der Bitte bewog, war entzükt über ein Verlangen, das ihm die Erfüllung aller seiner Wünsche versprach, und reifste mit ihr gleich in der Nacht, von Brandimart und Hördelis begleitet, von Albraka ab. — Das Schloss wurde am Morgen von den Feinden berennt, erobert und zerstört, und Qalafron, gefangen genommen.
Die beiden verliebten Paare wurden bald durch ein Abenteuer von einander getrennt. — Orlando schlug sich mit seiner Schönen durch das Land der Lästrigonen , ein mensch anfressendes Volk, und reilste dann mit ihr, ohne mehr als stumme Liebesblike auf sie zu wagen, ja, ohne einmal an ihre Bekehrung zu denken, durch Persien , Mesopotamien und Syrien, zu dem Hafen Baruth. — Hier lag ein Schiff zum Auslaufen bereit. Noradino , König von Da- mask, spannte eben die Segel, um nach Cy- pern zu einem Turnier zu fahren, das Tibiano König jener Insel zu Ehren seiner Tochter Lu-
Horn und Hektors Schwert, das er in Faleri-
nens Garten gewonnen hatte.
73
cina, in welche Noradin verliebt war, halten wollte, — Orlando folgt ihm, unter einem fremden Namen , mit seiner Dame , findet an Tibians Hofe seine Freunde Griffon und Aquilant, trägt alle Turnierpreise davon , läuft dann in einer Pinke nach Frankreich, steigt beiNarbonne ans Land, und verirrt sich, auf dem Wege nach Paris, in • dem Ardenner wald. Sie kommen an die Quelle des Hasses. Angelika trinkt aus ihr, und leidet dieselbe Verwandlung, die zuvor Rinaldo gelitten hatte.
Brandiniart und Flördelis waren nicht lange von Orlando < und Angelika getrennt, als ein Ritterclien, von einer Dame verfolgt, ihnen vorüber jagte. Es war Brünett. — Mar- fisa hatte sich drei Tage und Nachte mit ihm unaufhörlich umhergetneben. Am vierten Tage fiel ihr Pferd todt zu Boden. Aber dieser Unfall hielt sie nicht ab, dem Spizbuben zu Fusse nachzurennen. Brünett ließ sie immer bis auf drei Schritte an sich kommen, und schoss dann mit Hohngelächter pfeilschnell hinweg. Marfisa flammte vor Wuth. Endlich warf sie ihre Waffen ab, um desto leichter zu Fusse zu seyn. *Sö sahen Brandimart und Flördelis sie jezt mit wildflatterndem Haar, schnell wie Kamilla , daher laufen. Aber kaum gewahrt Marfisa die beiden Liebenden, als sie zu ihnen hinfliegt, Flördelis aus dem Sattel reiset, und sie an einem Feseen
74
zu zerschmettern droht;, wenn Brandimark Sticht sogleich ihr sein Pferd und seine Waffen überlassen wolle. Brandimark springt blafs und zitternd ab, wirft seine Waffen hin, sezt sich mit auf seines Liebchens Zelter, und jagt, ohne sich nach Marjisen umzusehen, von dannen — Diese verfolgte hierauf Brunellen. noch einige Tage lang, verlor zulezt gänzlich seine Spur, und wurde durch andere Abenteuer endlich nach Frankreich in Agramants Lager
Das gute Glük ersezte Brandmarken nach wenig Augenbliken seinen Verlust. — Er fand Agrihans Leichnam mit allen seinen Waffen, wie ihn Orlando hatte liegen lassen. Brandimark erkannte den Kaiser, grösste ihn, umarmte ihn weinend , und sprach:
Verzieh mir, braver Herr, wenn ich der Waffen Dich jezt entkleide; Du hast ihrer nicht Mehr Noth; und keines schlechten Mannes Hand Entzieht sie dir. Ich nehme sie zum Heil Der schönsten aller Frau’n. Gewiss, du zürntest
nicht,
Wenn du mich hören könntest; denn du warst In deinem Leben ja so adelich.
Drum Dank dir, guter Herr, und lebe wohl! 1 ')
*) Ehe Agrikan verschied, bat er Orlanden, ihn noch zum Christen zu machen. “Nimm du
Brandimart, nahm hiermit Agrihans Waffen, sezte sich wieder zu seinem Liebchen , und erschlug nach einer Weile einige hundert Stras- senräuber, wobei er einen schönen Happen , Namens Batoldo, erbeutete. So war er auch für sein Verlornes Pferd entschädigt.
Das treue Paar kommt hierauf an ein Schloss, wo eine Jungfrau ihnen von einem Altan winkt. Sie steigen ab und treten in einen Saal. Hier federt ein Riese, der an Schwertes Statt eine grosse Schlange führt, Brandi- marten zum Schlagen heraus. Der Kampf ist ein wenig schwierig; denn der Riese wird zur Schlange, sobald diese verwundet, uhd die Schlange zum Riesen, sobald Er verwundet worden. Endlich jedoch tödtet Brandimart Riesen und Schlange, und wird von jener Jungfrau jezt zu einem Grabmahl geführt, dessen Stein er abzuwälzen, und das, was er
die Jungfrau,“ sprach er, “und gieb mir die Taufe!“ — Orlando trug ihn an 'einen Bach, taufte ihn, und bat dann knieend Gott, den Tataren in sein Paradies aufzunehmen. — Indem der Paladin ihn taufte, schwärmten viele tausend Engel vorn Himmel herab , und sangen: Unverweset bleib’
Agrikaüens Leib!
Er wurde fünfzig Jahre nachher mit grosser Feierlichkeit in die Tatarei gebracht, wo sein blosser Anblik Alles zum Christenthum bekehrte. Man verehrte ihn als den Schuzheiligen des
?6
dann erbliken Werde, zu küssen versprechen muss. — Brandimart hebt den Stein ab, und — eine hässliche Schlange richtet mit offnem Maul sich vor ihm auf. Er schauert zuriik, und zieht sein Schwert. Aber man erinnert ihn an sein gegebnes Wort. Er drükt hierauf seine Augen zu , küsst die Schlange, und eine schöne Frau steht vor ihm, mit blondem Haar und im weissen Gewände voll Gold und Edelsteinen. — Es war die Fee Febosilla , die ein mächtiger Zauberer, wegen einer Ungefällig- keit, zur Schlangengestait in dem Grabe ver- urtheilt hatte, bis ein Ritter kommen werde, der den Riesen im Saal besiege, den Stein vorn Grabe wälze, und sich durch das abscheuliche Ansehen der hervorspringenden Schlange nicht abschreiten lasse, sie zu küssen. — Fel>o~. silla umarmte ihren Befreier, feyte ihm sein Pferd und seine Waffen, und bot ihm auf immer ihre Dienste an. Jene Jungfrau, die dem Ritter vorn Altan gewinkt hatte, war die Tochter Dolistons , Königs von Liza. Sie hiess JJoristella , und halte sich dem Dienst der Fee für die Gabe der Schönheit , die sie ihr verdankte, gewidmet. — Brandimart folgte ihr mit seinem Liebchen nach Liza, wo Flür- delis für die jüngere Tochter Dolistons erkannt und mit ihrem Ritter förmlich vermählt
Reichs, baute ihm viele Kirchen und Klöster,
und schrieb viele Wunderbücher von ihm.
77
Würde ; worauf Brandimart seinen Schwiegervater mit dessen ganzem Hause bekehrte und taufte, und dann sich mit seinem Weibe nach Orlando s Vaterlande einschiffte. Ein Sturm verschlägt ihn nach Afrika, wo er, unter fremden Namen, nach Biserta kommt, als Agramant eben die Anker lichten liess ,
' um sein Kriegsheer nach Frankreich über zu sezen. — Nun zur Geschichte dieses grossen Agramantischen Krieges !
Frankreich war nicht lange von dem furchtbaren König von Serikana, Gradasso befreit, als eine noch grössere Macht gegen den Kaiser Karl und die Christenheit aufsiand. Agra- mahte, König von Afrika, ein Abkömmling Alexanders des Grossen, *) hatte seinen Grossvater Agolante durch Karls , und seinen Vater Trojano durch Orlando’s Schwert in Spanien verloren, und schon als Knabe wie Hannibal den Römern , Karin und den Franken ewigen Hass und Feindschaft geschworen Er war jezt zwei und zwanzig Jahr alt —
Gross von Person und. schön an Haupt und
Gliedern,
Von Auge fürchterlich und drohend von Geberde Kein Ritter Afrilta’s erkühnte sich
*) Seine, mit grosser Genauigkeit gemachte Namen- tafel findet sich im itcn und aten Gesang des Uten Buchs.
Ihm ins Gesicht zu schau’n , alles bebte
Vor ihm; nur Einer nicht, ein Mann, der zwah
zig Fuss
Vorn Scheitel bis zur Ferse mass, nicht minder Verwegen als gewaltig, — Rodomont, Ulieno's Sohn, der König von Algier. *)
Agramant rief zwei und dreisig Könige, seine Vasallen, nach Bisena seiner Residenz, und erklärte ihnen, dass er Karin mit Krieg überziehen wolle. Ein alter König von AI- gokko, Namens Sobrino, der mit Karls Macht und Rittern wohl bekannt war, widerrieth ihm diese Unternehmung, weil es nur zu wahrscheinlich sey, dals sie zu seinem Unglük aussclilagen werde. Rodomont sprang lachend auf, und sprach :
Habt ihr wohl je der Flamme zugesehn?
Ganz klein ist sie zuerst, sie wächst, und wächst, Bis sie, ein mächtig Feu’r, gen Himmel lodert; Dann lässt sie nach, und sinkt in jedem Nu Ermatteter, «'dunkelt und erlischt.
Seht, so ist’s auch mit dem Verstand des Menschen! Er mehrt sich mit des Leibes Kraft, nimmt ab Mit ihr, und geht im Alter ganz verloren.
*) Lib. II. Gant. I. rr, LZ.
Levossi in piede, e disse, in ogni loco Dove fiamma s’accende, alqnanLo dura,
Piccola prima, e poi si Fa gran foco,
79
Gegen Rodomonten erhob 'sich der König von Garamanta, ein Greis von hundert Jahren , Priester des Apollino und ein grosser Zauberer und Sterndeuter.
“Vernimm, andächtig Volk, und merke wohl Was dir Apollino, der grosse Gott, verkündet
Dies war der Ansang seiner Rede, worin er den Afrikanern weissagte, dass sie allesamt in Frankreich abgeschlachtet, und Rodomont den Raben zur Speise vorgeworfen werden würde.
Der Fällig von Algier brach in ein gross Gelächter Ob dieser Profezeihung aus, und rief “Ha! alter Narr, so lang wir hier verziehn, Mag’s frei dir stehn, solch Zeug uns vorzukrähen. Doch sind wir über Meer und dampft und flammt, Verheert von uns der Franken Reich. Dann
komme
Mir ja nicht mit Wahrsagen in den Weg,
Denn ich will der Profet des Landes seyn.
Agramant gebot Stillschweigen, und wie- derhohlte mit aufgehobnem Scepter, er wolle
Poi verso il fin andando, fassi oscura,
E lc manca ’l vigore a poco a poco:
E cosi fa l’innana creatura,
Che poich’ ha dell’etä passato il verde,
La forza, e l’intelleto insieme perde.
Lid. II. Cant. I. 6H.
So
Krieg; worauf der König von Garamanta erklärte, dass er in diesem Fall ihm einen Rath zu geben habe. — In seinem Lande halte sich nemlich ein junger Prinz verborgen, den er mit nach Frankreich nehmen müsse, wenn er dort nicht bloss Schimpf und Verderben davon tragen wolle. Der Prinz sey sein Vetter. Ga- larella seine Tante, habe ihn zugleich mit einer Tochter geboren, schön und tapfer wie ihr Bruder. Er nenne sich wie sein Vater, Ruggiero, und sey gleich nach seiner und seiner Schwester Geburt, die der Mutter das Leben gekostet, in die Hände eines grossen Zauberers, Namens Atlante , gekommen, der ihn mit Löwenmark ernährt, und in einem schönen Garten auf dem Gebirge Karena an Leib undSeel zu einem Helden gebildet habe.
Agramant schikte sogleich den König von Fizano , Mälabuserzo , nach dem Gebirge Karena. Aber umsonst durchsuchte dieser es die Kreuz und die Quere: er fand weder Garten noch Zauberer, kam nach Biserta zurük , und beschuldigte den Priester des Apollino , dass er seine Offenbarung nur erfunden habe, um Agramanten vorn Kriege abzuhalten. ; — Bo~ domont schwur, dass dem so sey , und rief dann :
Verwünscht sey, wer dem Andern glaubt,- wenn er
Von Dingen schwazt, die sieh nicht sehn und greifen lassen!
8t
Erfahrung ist mein Glauben; und demnach Bekenn’ ich euch, das Schwert in meiner Faust, Der Speer in meinem Arm, mein wahres Ross Und meine Seele, das sind meine Götter. *)
Das Gesicht des Königs von Garamanta verklärte sich bei Rödomon'ts Rede. Er wiederholte, als dieser schwieg, seinen obigen Rath, und sezte dann hinzu, dass es Laienaugen versagt sey, Atlants Garten anders , als mittelst eines gewissen Ringes zu entdeken, den Angelika , die TocliLer Galafrons , Königs von Katai , trage. — Der Alte sank bei diesen Worten nieder und verschied;
Alle, den König von Algier ausgenommen, erkannten diesen plözlichen Tod für ein Wunder des grossen Apollino , und erklärten mit Andacht, dals der Rath des Heiligen befolgt werden müsse. — Rodomont entfernte sich, aufgebracht über einen Entschlufs, der den Krieg noch eine gute Zeit hinauszuschieben schien, gieng in sein Land zuriik , und schiffte sich mit seinem Volk in Sarza ein.
Agramaiit versprach dem, der ihm Angelikas Ring verschaffen würde, ein Königreich zur Belohnung. Aber troz eines so. glänzenden Anerbietens wollte sich niemand an eine
¥ ) Cant. HI. 24. 26.
6
8a
Sache wagen, die nicht auf natürlichem Wege ausführbar schien. A'gramant fluchte ihrer Feigheit und Ungescbiklichkeit, als der König von iiessa (Fez) mit seinem Hofzweig in den Saal trat. Es war Rnmello.
Er war, ich glaube, kaum vier Spannen lang, Allein an Kekheit, List und Schelmerei,
Und in der Kunst zu lügen und zu stehlen Kam ihm kein Mann auf Erden gleich. Sein Haar War rabenschwarz und wollig; seine Stimme Klang rauh wie eine heisere Trompete.
Agramant fragte ihn verwundert, ob er sich getraue, der Fürstin von Katai ihren Hing zu entwenden.
Heh! riefBrunell, wenn dir’s beliebt, ich stehle Dem Windspiel seinen Lauf, ihr Lieht der Sonne, Der Nachtigall ihr Lied, dem Wasserfall sein
Rauschen.
Er bewies seine Geschiklichkeit auf- der Stelle, indem er unbemerkt vor Aller Augen Agramanten die Krone vorn Haupt und das Scepter aus der Hand stahl.
Brunell gierig hierauf nach Katai, und wie er Angelika s Ring, Sakrtpants Pferd, Mar- fisa’s Degen, und Orlandos Schwert und Horn nahm, ist schon gemeldet worden.
83
Der König von Aigier wurde indeß von widrigen Winden im Hafen vori Sarza aufgehalten. Er stand vierzehn Tage und. Nächte lang am Ufer, um bei günstiger Aenderung des Windes sogleich den Befehl zum Auslaufen zu geben. Endlich riß ihm die Geduld. Er rief:
So bloss denn, verdammter Wind! Du meinst Vielleicht, ich liesse mich von dir zum Narren
haben ?
Bei meinem Schwert, das sollt du nicht! Du bist Nicht Agramant, und ich dein Lehnsmann nicht! Ich steche dir zum Troz sogleich in See.
Er befahl hieraus seinem Obersteuermann, die Anker zu lichten. Dieser widerriefh es ihm, weil alles einen nahen Sturm ankündige.
Sturm oder nicht! erwiedert Rodomont.
Genug, ich bin des Wartens satt, ich gehe Gleich fort zum Frankenland; und komm’ ich da Lebendig an, so soll mein Arm in ein paar Tagen Von Grund aus es zerstören und verwüsten.
Ja, todt sogar, will ich das Christenvolk In Schreken sezen , schlagen und vertilgen. ¥ )
*) Es bedarf wohl nicht der Anmerkung, dass von unserm Rodomjont die Rodomontaden ihren Namen haben.
84
Rodomont lief mit seiner Flotte aus, und stieg nach einem Sturm , worin er zwei Drittel seiner Schiffe einbüsste, bei Monako ans Land.
Karl der Grosse hatte indessen, von jigra- mants Zuriistungen und Absichten unterrichtet, dem Herzog Aymon von Dordogne die Besezung und Vertheidigung der Feste Mon- taub an aufgetragen, und den Herzog von Barern, Nayms , mit einer Armee nach Marseille geschikt. Er selbst versammelte ein grosses Heer bei Paris. Ueberdiels kamen die Könige von Ungarn und Lombardei ihm zu Hülfe.
Rodomont eröffnete den Krieg bei Monako. Arcimbaldo , Graf von Kremona und Sohn des Longobarden-Königs , Desiderio, wider- sezte sich der Landung Rodomonls , ward aber von ihm in die Flucht geschlagen. Von diesem Unfall benachrichtet, brachen Desiderio (der in Savoyen stand) und Nayms mit ihren Armeen eiligst nach Monako auf. — Rodomont *') gieng ihnen entgegen, hieb sie zu Tausenden nieder, und würde sie gänzlich aufgerieben haben, wenn ihnen nicht eine eben so mächtige als unvermuthete Hülfe gekommen wäre.
*) Er.führte Nimrods Schwert, womit, wie Tnr- pin erzählt, dieser Riese vorn Babilonischen Thurm den Himmel stürmen wollte.
85
Rindldo kam. — Ein geflohner Lombarde hatte ihm das Unglük der Christen angekün- det, worauf er, dem Heer des Ottaehieri voraus zu dem Schlachtfelde jagte. — Er sah den König von Algier, rannte seinen Speer auf ihn — und warf ihn aus dem Sattel.
Der Heide fiel gleich einem Felsenberg.
Weit hallte vorn Gerassel seiner Waisen,
Das Land; die Erde bebt’ und wie geschüttelt Vorn Wintersturm, entlaubten sich die Bäume. ¥ )
Rodomont sprang fluchend auf, und schwang Ifimrods Schwert auf Rinalden. Aber in dem Augenblik kam das Ungarische Heer mit den Gefährten des Rinaldo. Rodomont liess sogleich von diesem ab, und gieng auf die Heuen Feinde los —
Dem Löwen gleich, wann ihm ein Rudel Hirsche Von fern erscheint; er schlägt 1 ein Weilchen sich Die Seiten und den Boden mit dem Schwanz, Zum voraus schon am lekern Mahl sich weidend, Und fährt auf einmal dann den Thieren an die
Drossel.
Rodomont richtet ein grosses Blutbad unter den Ungarn an, nimmt den verwundeten Pa-
Lib. II. Laut. XIV, 48, 49.
86
]a>
ORLANDO DER RASENDE,
\
ERSTER GESANG.
A 1
Orlando 1. B,
■y\ a
i; - is.;,,.- :'' -fjt/
.-
X-
;W
Von Frau’n und Rittern, Krieg und Liebes«
bändeln
Sing’ ich, von Adelsitt’ und kühnen Thaten, Zu. jener Zeit, da Tibers Meer die Moren jVon Afrika zu Frankreichs Unheil kamen, Geführt von Agramanten , ihrem König,
Der sich, erhizt von jugendlichem Zorn Und Übermuth, vermafs, den Tod Trojans An Karin, dem Röm’schen Kaiser, schwer au
rächen.
'H
Orlando»
2 -
Zugleich will ich vorn Paladin Orlando Was man in Versen nie noch Prose sang, Erzählen: wie er rasend ward vor Liehe,
Er, den man sonst für so verständig hielt; —, Wenn Sie, die mich beinah in gleichen Fall Mit ihm gesezt und stets mein bischen Witz Mir schmälert, noch genug davon mir gönnen
sollte,
Um das was ich verspreche zu vollenden.
3 .
O möchtest Du, des Herkuls edler Sprössling, Du Schmuk und Ehre unseres Jahrhunderts, HippolUo, was dir dein Diener weiht Und nur dir weihen kann, mit Huld empfangen! Durch Wort' und Schriften mag ich einen Theil iVon dem, was ich dir schuldig bin, entrichten; Und geb’ ich wenig, rechne mir’s nicht zu;
Es ist ja alles was ich geben konnte.
4 »,
Du wirst im Kreis der würdigsten Heroen, Zu deren Lob mein Lied ertönen soll,
Ruggiern erbliken, ihn, den alten Stamm
Erster Gesang.
Von dir und deinen hochberühmten Vatern. Von seiner Tugend, seinen Heldenthaten .Wirst du in folgenden Gesängen hören, Wenn, meinen Versen hold, dein hoher Geist Zu ihnen sich herab ein wenig neiget.
5 ,
'Orlando, der seit langem in die schöne Angelika verliebt, zu ihrem Preis Im Land der Indier, Meder und Tataren Trofäen, zahllos und unsterblich, hinterlassen, War jezt mit ihr ins Abendland gekehrt,
Und kam zum Fuss der hohen Pyrenäen,
Wo König Karl im Felde mit dem Heer Der Franken und der Deutschen sich gelagert,
6 ,
Um den Marsilio und Agramant Ihr thörigt Unterfangen hart bereuen Zu machen; diesen, alles Volk, das Speer Und Degen nur zu tragen fähig war,
Von Afrika geführt, und Jenen, Spaniens Krieger Mit ihm zu dem Verderb des schönen Frankreichs .Vereint zu haben. Drum kam dort Orlando Den Christen sehr erwünscht, doch nicht zu
seiner Freude.
s
Orlando.
7 -
Denn er verlor die Dame seines Herzens; (Wie irrt sich oft der Mensch!) Angelika, Die er vorn fernsten Morgen bis zum Abend Erhalten sich mit vielen sauern Kämpfen,
.Ward ohne Schwertstreich, ward bei seinen
Freunden,
In seiner Heimath jetzo ihm genommen.
Der Kaiser nahm, aus gutem Vorbedacht,
Sie ihm, um einen bösen Brand zu löschen,
8 .
Es hatte nemlich sich vor wenig Tagen
zwischen
Orlando und Rinalden, seinem Vetter,'
Ein Streit erhoben ; beider Herz war gleicht Entbrannt von Liebe für die seltne Schönheit. Karl, dem ihr Zwist sehr unlieb war, durch den Ihr Beistand ihm unsicher ward, entzog Den Paladinen die bestrittne Jungfrau,
Und übergab sie Nayms, dem Baier-Herzog.
9
9 -
Und in der Nacht vor jener grossen Schlacht Versprach er dem von ihnen sie zum Preise,
Erster Gesas ö. f
Der ihm den besten Dienst erweisen, und Die grösste Zahl von Moren todten wurde. Allein den Wünschen Karls war der Erfolg Zuwider; denn geschlagen Hohn die Christen; Der alte Nayms ward mit vielen andern Rittern Gefangen, und sein Zelt siel in des Feindes Hand.
io,
Angelika , die sich in seinem Zelt,
,Von Karin bestimmt zum Siegerlohn, befand, Sie hatte, ahndend dass für diesen Tag Der Christenheit ein schweres Ungluk dräue, Zu rechter Zeit sich auf ihr Pferd gesezt Und ihrer Lagerstatt den Rücken zugewendet. Sie floh in einen Wald, und stiefs in engem Pass Auf einen Ritter, der zu Fuss daherkam.
XI.
Den KitraTs um die Brust, auf seinem Kopf
den Helm,
Am Arm den Schild, das Schwert an seiner Hüfte, Lief durch den Forst er hin, geschwinder als Der Bauer halb entblöfst zum rothen Tuche. Niemals entsprang vor einer garst’gen Schlange So hastig die erschrokne Schäferin,
8
Ö K 1, A H n Q.
Als schnell Angelika, da ihr der Ritter Ins Auge fiel, zuriik mit ihrem Zelter floh.
12.
Es war der wahre Paladin, der Herr Von Montalban, des Aymcm ältster Sohn, Dem kurz zuvor, durch einen seltnen Einfall, Bajard, sein Streitrols, fortgelaufen war. Rinaldo warf den Blik kaum auf die Dame, Als er, wiewohl von fern, die englische Gestalt, das schöne Angesicht erkannte,
Das ihn im Liebesnetz gefangen hielt.
i3.
Sie wandte, wie gesagt, sich um, und ritt Fort in dem Walde mit verhängten Zügeln, Um dik und dünn, um Weg und Steg gleich'
wenig
Bekümmert; blafs und zitternd, ausser sich, Liess ihrem leichten Zelter sie die Sorge,
Den Weg sich selbst zu wählen und zu bahnen. So schweifte sie, bald auf bald ab, im wilden
Forst,
Bis sie zulezt an einen Fluss gelangte.
E* JII * G I S A N G.
9
-4-
Hier fand am Ufer sich, von Schweifs
durchnässt
Und dik belegt mit Staube, Ferragu.
Ermüdet und von grossem Durst gefoltert, War er vorn Schlachtfeld zu dem Fluss gekommen.
Jezt hielt ein Umstand ihn, zu seinem Arger, Dort auf: er suchte nemlich nach dem Helm, Der ihm, zu rasch gebükt bei seiner Gier Zu trinken, in das Wasser abgefallen.
i5.
In vollem Sprung und schreiend kam die
Jungfrau
Daher gejagt. Der Saracene springt Bei ihrer Stimm’ empor am Ufer, schaut Ihr ins Gesicht, und überzeugt, obgleich Sie auch von Angst erblasst ist und zerstört, Und er seit vielen Tagen keine Nachricht [Von ihr vernahm, — «ich gleich beim ersten
Blik,
Dass es Angelika die Schöne sey.
lo
O R. L A K D ö .
x6.
Und da er ritterlich gesinnt und für das
Fräulein
Vielleicht nicht minder als die beiden Vettern Entzündet war, so kam, nach seinem blossen Kopf Nichts fragend, er ihr alsobald zu Hülfe.
Er zog sein Schwert und drohte dem Fanald, Dem nicht sehr bange vor ihm war. Sie hatten Schon mehrmals sich nicht nur gesehen, sondern Im Zweikampf auch sich öfters schon gemessen.
I 7-
Der Spanier stieg ab vorn Pferd; und nun Fing eine Schlacht mit blanken Säbeln an.
Von ihren Hieben wär' ein Ambols selbst zersprungen,
Geschweige denn des Panzers dünne Blätter. Indes, sie sich einander so zerhau'n,
Spornt was sie spornen kann Angelika Ihr Pferd, und jagt in stürmendem Galop Hinweg durch Wald und über Feld und Berge,
18. .
Nachdem umsonst ein gutes Weilchen sich Die Ritter angestrengt, einander obzusiegen,
Erster Gesang.
ii
( Denn mit den Waffen in der Hand war einer
So trefflich als der andere) so ward
Der Herr von Montalban, die Flucht des
Fräuleins
Zuerst gewahr, und sprach zum Saracenen, Dem ein so grosses Feu’r im Busen brannte, Dass er vor lauter Gluth sich nicht besinnest
konnte.
19 *
et Nur mir ”, so sprach Rinald, "meinst du
zu schaden,
Und schadest doch mit mir zugleich dir selbst. Bist du so toll, weil dir die neue Sonne Dein Herz mit ihren Strahlen angezündet:
Was frommt es dir, mich hier so aufzuhalten? Denn wenn ich auch im Kampf dir unterläge, Drum würde dein die schöne Jungfrau nicht, Denn sie entrinnt, indess wir uns hier säumen.
20.
" Wie viel gescheider wär’s, im Fall auch du Sie liebst, wenn du, eh sie uns weiter noch Entkömmt, mit mir sie wieder einzuholen Und ihr die Strasse zu verrennen eiltest 1 Ist sie in unserer Gewalt, dann mag
Orlando.
JA
Das Schwert entscheiden, wer sie haben solle. Sonst seh ich nicht, was wir nach langem Schlagen anders
Als lahme Glieder uns versprechen dürfen
31.
Dem Heiden schien der Vorschlag ganz vernünftig,
So ward ihr Streit vertagt, und unter ihnen Ein solcher Waffenstillstand straks geschlossen, Und aller Zorn und Hass so sehr vergessen, Dass Ferragu beim Weggang von dem Fluss llinalden nicht zu Fusse lassen wollte.
Er bat und bat, und sezt’ ihn endlich hinten auf, Und folgte dann mit ihm der Spur des Fräuleins.
22.
O grosse Treu’ und Gutheit alter RitterL, Rivalen waren sie, sie waren Glaubensfeinde Und "fühlten noch die Weh’n der schweren
Schläge
An ihrem ganzen Leib; und dennoch ziehn In dunkeln Wäldern, auf Verlornen Pfaden, Von allem Argwohn fern, sie mit einander! Vierfach gespornt verfolgt ihr Pferd die Strasse, Bis endlich sie sich in zwei Arme theilet.
Erster Gesang.
i3
Die Ritter machen halt, und fragen sich Vergebens, welchen von den beiden Wegen Die Jungfrau wohl genommen J denn der eine War wie der andere mit frischerSpur bezeichnet. Sie wählten drum auf gutes Glüh, Rinaldo Den rechten, und den linken Ferragu.
Nach langem Irr’n im Walde fand der leztre Sich wieder dort, von wannen er gekommen.
24.
Er fand sich an demselben Fluss, in den Der Helm ihm abgefallen war. Nun gab Er alle Hoffnung auf, die Schöne wieder Zu finden, stieg vorn Pferde drum, und gieng Hinab zum feuchten Rand des Ufers, um Zum zweitenmal nach seinem Helm zu suchen. Allein es wird ihm sauer werden, eh’
Er ihn erhält; denn tief steht er im Sande.
25 .
Mit einem grossen Pappelnast, den er Sich ansgehau’n zu einer langen Ruthe,
Fühlt er im Fluss hinab bis auf den Grund, Und stösst und schlägt, so weit sie langt, umher.
*4 O R L A 3T D O»
Indess er mit dem bittersten. Verdrusse
i
Von neuem sich so lange da verweilt,
Erhebt auf einmal mitten aus dem Strom Sich bis zur Brust ein Mann von wildem Ansehn.
26.
Er war bis auf den Kopf versehn mit Waffen, Und hielt in seiner Rechten einen Helm, Denselben Helm, den Ferragu sö lange Umsonst gesucht. Er sah mit grimmem Blik Den Saracenen an , und sprach : " Ha! du
Verräthst-,
Ehrloser Bube! warum willt du noch Den Helm nicht fahren lassen, den du mir Vorsängst schon hättest wiedergeben sollen?
37.
« Erinn’re dich, da du in diesem Wald den
Bruder
Angelika’s erstachst, — denn der bin ich! — Versprachst du ihm, den Helm in wenig Tagen Den andern Waffen nach in diesen Fluss Zu werfen. Wenn das Glük izt mein Verlangen, Das du so lang betrogen hast, erfüllt,
Erster Gesang. i5
So ärgre drum dich nicht! Willt du mit Grund
dich ärgern,
So sey’s, dass treulos du an mir gehandelt!
28.
" Verlangt indessen dich nach einem keinen
Helm,
So suche dir mit Ehren einen andern. Orlando's Helm weicht meinem nicht, ihm
gleich,
Vielleicht noch besser, ist der Helm Rinaldo’s. Den einen trug Almont, Mambrin den andern. Erwirb davon durch Tapferkeit dir einen! Denn diesen, den du längst zu lassen mir versprachst,
Wirst du wohl wirklich izt mir lassen müssen.
1
29.
Der Heide ward, indem so unversehns Ihm das Gespenst erschien, im Angesicht Todtblass; es richtete sein Haar sich auf;
Die Stimme blieb ihm in der Kehle stehen. Und als dann Argali (so hiess der Ritter Den er dort umgebracht) so schmählich ihm Die Brechung seines Wortes rügt', entflammten Ihn Scham und Zorn von innen und von auss««*
1
O n t A ir d o.
r6
3o.
DoJi da die Zeit ihm auf Entschuldigung Zu denken nicht erlaubt’, er auch sein Unrecht
wohl
Empfand, so hielt er seinen Mund verschlossen, Allein die Schmach durchschnitt ihm so das Herz, Dass er beim Leben der Lanfusa schwur,
Sich nie mit einem andern Helm zu deken Als jenem trefflichen, den einst in Aspramont Almontens Haupt Orlando abgenommen.
3i.
Und besser hielt er diesen Schwur als jenen, Den er vordem dem Argali gethan.
Drauf ritt er fort, sehr übel aufgeräumt;
Ihm nagte lange noch d^r Schimpf am Herzen.
Den Paladin zu suchen war allein
Nun sein Geschäft ; er frägt’ ihm nach an allen
Orten.
Ein andres Abenteuer fand der Herr Von Montalban auf einem andern Wege,
02 .
Er hatte sich von Ferragti nicht lang Getrennt, als ihm sein Pferd vorüber rannte.
Erster Gesang. ij,
“ Halt, mein Bajard! ” so rief er, " heb ! steh still! Denn länger kann ich deiner nicht entbehren! " Allein das Pferd stand, seinem Rufe taub, Nicht still, es lief vielmehr noch schneller fort. Rinaldo folgt ihm nach, vor Zorn vergehend. Doch folgen wir Angeliken der Schönen!
33 .
Sie floh durch finstre, schauerliche Forste, Durch Streken, wild und öd’ und unbewohnt. Geschrekt von dem Geräusch der Bäum’ und
Büsche,
So oft ein Wind in ihre Zweige blies,
Trieb sie, bald hier bald dort, auf fremden Pfaden Sich hin und her. Ein jeder Schatten machte, Im Thal, am Berge, sie vor Angst erzittern, Dass jezt Rinaldo sie erhäschen würde.
34 .
Dem jungen Rehe gleich, wenn es im Dikicht, In dessen Schatten es geboren ward,
Vorn Leopard die Mutter bei der Kehle Gepakt, und ihr die Brust zerfleischen sah; Von Wald zu Wald entläuft es vor dem Wüthricb,
Orlando I, B.
B
Orlando.
iS
Und bebt vor Furcht und Angst an allen
Gliedern.
Bei jedem Strauch, den es im Flielm berührt, Glaubt es dem grausen Thier sich in dem
Rachen.
35 .
Den Tag, die Nacht, bis an den andern Mittag Irrt sie herum, unwissend wo sie irre;
Bis sie zulezt in einen schönen Hain Gelangt, den sanft ein kühler West bewegte. Zwei klare Bäche murmeln drinn umher, Durch frischen Trank die Rasen stets verjüngend. Ihr linder Fluss, auf Kieseln sanft gebrochen, Umtönt das Ohr mit sülsen Harmonien.
36 .
Hier glaubte sich die Jungfrau endlich sicher, Sie dünkte vorn Rinald sich tausend Meilen fern, Und wollte drum, ermüdet von dem Weg Und Sonnenbrand, daselbst ein Weilchen ruhen. Sie steigt auf einen Blumenteppich ab, Entzäumt ihr Pferd und lässt es auf die Weide. Froh irrt der Zelter hin am Bord der Silberflutb, Den frisches Gras in Ueberfluls bedekte.
Erster Gesang.
*9
3 ?.
Und sieb ! unfern erscheint ihr ein Gebüsch Von blühendem Hagedorn und rothen Rosen; Es spiegelt sich, von hoher Eichen Dach Dem Sonnenstrahl verschlossen, in des Baches Krystall, und beut, zum dunkeln Zimmerchen Gewölbt, sich an zur kühlen Lagerstätte.
Der Sonne Büke selbst durchdrängen das Gewebe Der Zweige nicht, geschweige Menschenaugen,
38.
Ein weiches Bett von sammtnem Grase ladet Darinn zum Ausruhn ein. Die schöne Jungfrau Tritt in die dunkle Laube, legt darin Sich nieder und versinkt in süssen Schlummer. Doch lange nicht genoss sie sein ; denn bald Erwekte sie das Stampfen eines Pferdes.
Sie richtet sacht sich auf, und sieht am Ufer Des Bachs gewahrtet einen Ritter halten.
3g.
In Zweifel, ob’s ein,freund sey oder Feind; Schlägt wechselnd ihr das Herz, von Furcht * und Hoffnung.
Um unbemerkt indefs das weitre abzuwarten,
30
Orlando.
Schöpft spähend sie so Isis' als möglich Athem. Der Ritter steigt am Rand des Flusses ab, Legt sich ins Gras, und sinkt, auf einen Arm Den Kopf sich stützend, in so tiefe Scfnvermulh, Dass er in einen Stein verwandelt schien.
40.
Gedankenvoll, mit hingesenktem Haupt Lag eine Stunde lang der Ritter da.
Dann fing er an, mit mattem Trauerton,
So rührend sich in Klagen zu ergiessen,
Dass er von Mitleid einen Fels zersprengt,
Das wildste Tigerthier besänftigt hätte.
Er seufzt’ und weinte so, dass seine Wangen Giefsbäche schienen, seine Brust ein Vulkan.
4i-
“ Gedanke, (sprach er) du, der ntif das Herz Auflodern bald und bald gefrieren macht,
Und stets mit Schmerzen es zerschneidet und
zerpfeilt!
Was soll ich thun, da mir ein anderer Zuvor geeilt, die süfse Frucht zu brechen? Kaum hab' ich Blik und Wort von ihr erhallen; Ein andrer hat die schöne Beute ganz!
Erster Gesang.
zi
Drum, — kann mir weder Frucht noch Blume
werden,
L Was will ich noch um sie mich weiter härmen ? 42.
" Die Jungfrau ist der schönen Rose ähnlich; So lange sie am Mutterbusch im Garten Allein und sicher sizt, und ihr kein Hirt Sich naht und keine Heerde, — huldigen Der sanfte West, der thaubeträufte Morgen, Die Luft, das Wasser, Erd’ und Himmel ihr; Und schöne Jünglinge, verliebte Mädchen,
Sie schmüken gern mit ihr sich Schlaf und
Busen-
43 .
.
Wie wenn, von Neid getrieben, oder sonst Einander gram, ein Paar von biss’gon Hunden,
Z w e i t e r Gesang. 47
Die Zähne bläkend und mit Augen, scheel und
roth
Wie Feuerkohlen, sich einander nähern,
Mit rauhem Knurr’n und mit zerzaustem Rtiken Sodann sich wüthend paken und zerbeissen:
So kamen -jezt von Schmähungen zum Schwert Der Herr von Montalbern und der Tschirkasser.
6 .
Zu Fuss ist jener, dieser ist zu Pferde; Meint ihr, dass Sakripant darum den Vortheil ' habe?
Auf keine Art! er spielt vielmehr so schlecht, Und schlechter als ein unerfahrner Bursche; Denn aus natürlichem Instinkte will Bajard nicht seinen Herrn beleidigen.
Vergebens reifst und spornt ihn Sakripant, er
kann
Ihn nicht zu Einem Schritt nach seinem Willen.
bringen.
7 -
Treibt er zum lausen ihn, so steht er still, Und springt und trabt umher, will er ihn halten; Dann fährt er mit dem Kopf zur Brust hinab, Schlägt liinten auf und haut’ aus allen, Kräften.
48
Orlando.
Da endlich Sakripam ersieht, dass jezt Das wilde Thier auf keine Art zu zähmen, Hält er sich mit den Händen vorn ain Sattel, Hebt sich, und springt sodann linkab zur Erde.
8 .
Sobald der Heide durch den leichten Sprung Sich von der Wuth des unlenksamen Pferdes Befreit, erhob sich ein Gefecht, vollkommen So eines wakern Paars von Kriegern würdig. Bald hoch, bald tief erklingen ihre Schwerter. Der Hammer des Vulkan schlug auf dem Ambols Nicht in so schnellem Takt die Donnerkeile Des Jupiter in Aetna’s ruls’ger Esse.
9 -
Gleich Kleister in dem Spiele, führen sie Jezt lange Hiebe, kurze jezt und fürten.
Hoch sieht man jezt sie schreiten, jezt zusammen Sich ziehn, sich dekeu jezt und jezt ein wenig
blossen,
Jezt vorwärts heben, riikwärts jezt sich biegen, Den Streich pariren, oder ihm entweichen, Steh kreisen, und wo Einer Raum giebt, flugs Den Andern mit dem Fusse hingestämmt.
Zweiter Gesang.
4s
10.
Doch endlich stürmt mit überlegner Macht Rinaldo auf den Saracenen los;
'Und dieser hält den Schild von Bein ihm vor, Gefasst in Stahl, sehr fein und wohl gehärtet. Fusberta haut ihn durch, trotz seiner Dike. Weithin erseufzt und hallt der Forst vorn Schlage; , Der Stahl, das Bein zerspringt wie sprödes Eis, Und schier gelähmt bleibt Sakripante s Arm,
11.
Die schöne Jungfrau, da sie den Tschirkasser Bei diesem Streich so übel fahren sieht,
Wird todtenblass vor Angst, dem Sünder gleich, Der sich der Richtstalt nähert; und es scheint Nicht rathsam ihr, sich länger dort zu weilen, Im Fall sie nicht dem Herrn von Montalban Zar Beute werden möchte, Ihm, den sie Nicht minder tödtlich halst als er sie sterblich
liebt.
12 .
Sie schwenkt ihr Pferd und jagt es durch
den Wald
Auf einem engen ungebahnten Pfade,
Orlando I. B. D
Orlando.
8s
Und wendet oft ihr bleiches Antlitz um,
Stets fürchtend, dass liinaldo sie verfolge.
Sie war nicht weit geflohn, als ihr in einem Thal Ein Eremit begegnet, dem die Brust Ein langer Bart hinunter fällt; ein frommer Und ehrfurchtswei ther Mann nach seinem Aus-
sem.
i3.
Gedörrt von Alter und von Fasten kömmt Er her irn Thal auf einem trägen Esel,
Und scheint von scheuerm, ängstlicherm Gewissen,
Als je ein Mensch auf dieser Welt gewesen. Da ihm der Dame feines Angesicht Von fern ins Auge fällt, so fühlt, wie schwach Und unvermögend es mit ihm auch stand,
Er doch von Zärtlichkeit sich ganz durchdrungen.
14.
Angelika erkundigt sich bei ihm Nach einem Weg zu einem Meereshasen,
Weil sie, um vorn Rinaldo sich nicht mehr Verfolgt zu sehn, Frankreich verlassen wolle. Der Bruder, der die schwarze Kunst verstand,
Zweiter G e s a h g. 6 .S
Heisst gutes Muths sie seyn, da er sogleich Aus aller Fahr zu ziehen sie vermöge,
Er greift mit diesem Wort in seine Tasche,
15.
Uncl zieht ein Buch heraus, eröffnet es, und
murmelt
Ein Sprüchlein her; und sieh, im Nu erscheint Ein Geist in der Gestalt von einem Knappen. Der Zauberer giebt ihm Befehl, worauf Er flugs sich fort, nach dem Gebot des Meisters, Zu jenen Rittern macht, die immerfort Und immer toller sich im Wald zerhieben.
Der Geist springt keklich zwischen sie und
spricht:
16.
" Mit Gunst, ihr Hexren! sage mir doch einer Von euch, was es ihm hilft, wenn er dem andern auch
Den Garaus macht! Denn welchen Lohn durft ihr Nach eurer sauern Arbeit euch versprechen, Wenn Graf Orlando ohne Zank und Streit, Und ohne nur ein Schwert gesehn zu haben, Die Jungfrau, die zu dieser Schlägerei Euch angereizt, mit sich nach Hause führet?
O R L A N D &.
5z
^ 7 -
“ Ich sah nicht weit von hier den Paladin Mit der Prinzessin nach Paris sich fluchten.
Er machte über euch sich herzlich lustig,
Dass ihr so eifrig leeres Stroh hier dröschet. Wär ’s drum wohl nicht gescheidcr, wenn ihr ihm Nachjagtet, jezt weil er noch einzuholen? Denn hat der Graf sie einmal in Paris,
So wird er sie euch schwerlich wieder weilen. ”
18.
Die Ritter standen bei der Nachricht ganz Verduzt; sie sahn sich starr, ein Weilchen an, Und schalten dann sich blind und damisch, so Des Nebenbuhlers Hohn sich preiszugeben. Drauf gieng, mit Seufzern, heiss als stiegen sie Vorn Feuer auf, Binald zu seinem Pferde, Und schwur voll Wuth, wenn ihm sein Vetter
nur
Begegnete, das Herz ihm auszureissen.
I 9-
Sein Pferd erwartet ruhig ihn; IUnaldo Schwingt sich hinauf, jagt fort, und sagt dem
Andern,
Zweiter G e s ä w ®.
Denn Merlin ,'der mir Wahrheit stets verkündet, Bestimmte diesen Tag für deine Ankunft."
13.
Die Tochter Aymons stand bei dieser Rede Erstaunet da und stumm und starr ; ihr Herz War so voll Wunders, dass sie nicht begriff, Ob sie nur schlafe, oder ob sie wache.
Und schamvoll und die Augen niederschlagend, ( Denn sie war ganz Bescheidenheit) versezt Sie dann: “O Gott, wie bin ich dessen würdig < Dass meine Ankunft ein Profet vorhersieht 1
14.
Und froh des wunderbaren Abenteuers. Folgt sie dann der Zauberin , die sie Zu jenem Grabmahl führte, das die.Seele Merlins und sein Gebein verschloss. Der Sarg Des Sehers war von hartem Stein, poliert Und strahlend einer rothen Flamme gleich,
So dass der Ort, wohin kein Sonnenlicht Hindrang, durch dessen Schein erleuchtet wurde,
15.
Sey’s nun Natur gewisser Marmorarten , Den Fakeln gleich die Schatten zu verjagen,
Dmt!» Gesang.
O
SZ
A ey’s Wirkung mag’scherRä uch erci’n und Sprüche,
Und astrolog’scher Karaktere, wie .
Am glaublichsten mir scheint: genug, das Licht.
Des Steins entdekte viele schöne Werke
Der Malerkunst und Bildnerei, womit ■
Die heil’ge Wohnung rings gezieret war.
16.
Kaum hat'die Jungfrau in die inn’re Zelle Den Fuss gesezt, so fängt mit lauter Stimme Merlinos Geist zu ihr zu sprechen an :
"Stets sey das Schiksal deinen Wünschen hold,
O keusche , edelste von allen Jungfrauen !
Du, die der Himmel zu der Gründerin Des grossen Hauses aus ersehn, dess sich Italien rühmen soll und alle Welt!
I 7-
„ Vorn alten Trojerblut, durch die zwei besten Kanäl’ in dir vereinet, wird die Blume Von allen den Geschlechtern , die , vorn Indus Zum'Tajo, von dem Nil bis zu der Donau,
Vorn Nordpol bis zum Südpol, je die Sonne Gesehen hat, entspriessen. Unter deinen Nachkommen werden mit den höchsten Uhren Markesen prangen, Herzoge und Kaiser, ”
0 R r, A K D O,
sn
18.
‘'‘'Feldherrn und Ritter, mächt’ge Helden,
sollen
,Von dir entspringen, die mit Schwert und Geist Italien wieder mit dem alten Ruhm Der Unbesiegbarkeit bekrönen werden. Gerechter Herrscher wartet dort das Scepter, Die, gleich dem weisen Nurna und August, Durch gutes und durch mildes Regiment, Zurük die goldne Zeit der Vorwelt bringen. ”
19.
“'Damit des Himmels Schluss, der dich von
Anfang
Zu dem Gemahl Ruggiers bestimmte, durch dich Sich nun vollstreke , so verfolge gutes Muths Den angetretnen Weg ; denn nichts wird sich ereignen ,
Das deinen Vorsaz dir vereiteln könnte.
Du wirst sogleich beim ersten Anfall jenen Heillosen Räuber, der dir deinen Schaz Verborgen hält, besiegt zu Boden werfen. "
20.
Merline schwieg nach diesen Worten, um Der Zauberin Zeit zu ihrem Werk zu lassen,
Dritter Gesang.
89
Die Bradamanten ihrer Erben Reihe Von Angesicht zu zeigen sich bereitet.
Sie hatte einen Schwärm von Geistern sich ei>
lesen,
Ob aus der Hölle, oder sonst woher,
Das weiss ich nicht: genug, sie standen alle, Verschieden an Gestalt und Kleidung, da in
Haufen.
21 .
Sie rief jezt Bradamanten in die Kirche Zu sich in einen frisch gezognen Kreis,
Der gross genug im Durchschnitt war, um sie, Der Länge nach gestrebt, bequem zu fassen; Hing ihr sodann , damit die Geister ihr Nicht schadeten , ein Fünfek ujn, befahl,
Ihr, stumm und unverwandt sie anzusehen , Nahm drauf ein Buch , und sprach mit den
Dämonen.
22.
Uud sieh! der vordem Höhl entschwärmt
ein Volk
Und drängt sich um den Kreis ; allein der Weg Zum innern Raum ist ihnen abgeschnitten, Als wenn ein Graben oder Mauer ihn
9 ®
O K 1 i 9 I I,
Umgäbe. Drauf umwandeln, ihrer Pflicht Gemäss , die Schatten dreimahl ihn, und weichen Denn in die Zelle, wo im schönen Marmor Des grossen Magiers Gebeine ruhn.
, 2.5.
“Wenn ich die Namen und die Thaten Aller, (So sprach die Zauberin tum Fräulein izt)
Die durch der Geister Macht, eh sie geboren sind, Vor uns erscheinen, dir erzählen wollte,
So seh ich nicht, wann ich dich von mir lassen
könnte;
Denn Eine Nacht genügte dazu nicht.
Drum will ich dir, wie es die Zeit erlaubt,
Nur einige von ihnen auserlesen.”
24.
"Wohlan! Sieh hier den ersten , dir an schöner Gestalt und adelichem Ansehn ähnlich;
Von dir empfangen vorn Ruggier , das Haupt Von deinem Hause in Italien.
Sein Schwert wird mit dem Blut von Poitiers Die Erde rothen, seine Hand das Unrecht Und den Verrath der Bösewichter rächen, l^ie seinen Vater ihm gemordet haben.”
Dritter Gesang.
2 , 5 .
" Von Land und Leuten wird sein Haldenann Den Desiderio, der Longobarden König, Verjagen; Kaiser Karl, zum Lohne dess ,
Mit Este ihn und Kalaon belehnen.
Uberto folgt, dein Enkel, ihm; die Krone Der Krieger und der Stolz Hesperiens.
Nicht einmahl nur wird gegen die Barbaren Sein frommer Muth die heil’ge Kirche schüren."
26.
u Alberto kommt, der unbesiegte Feldherr, Viel Tempel wird er mit Trofäen schmüken. Ugo mit ihm, sein Sohn; Mailands Eroberer, Wird er die Schlangenfahne siegreich schwingen, Azzo ist jener dort, nach seinem Bruder Der Herr der Insubrer. Sieh Albertazzo /
Er wird durch weisen Rath von Berengar Und dessen Sohn Italien befreien. ”
27-
Hoch wird ihn Kaiser Otto schären, und Ihm seine Tochter Adelkeit vermählen.
Sieh einen Ugo noch ! — O schöne Folge Gleich tapfrer Helden! — Dieser wird den
Troz
A2
O R L A K n 0.
Der Römer aus gerechter Ursach beugen,
Den dritten Otto und den Pabst Gregor Aus ihrer frechen Hand entziehen, und so Die Noth der drükenden Belagrung enden.
28.
Jezt naht sich Folho der sein ganzes Gut In Welschland seinem Bruder überlässt,
Und fern hinweg in Deutschlands Mitte zieht, Ein grosses Herzogthum dort in Besiz zu nehmen. Dem Hause Sachsen, das von einer Seite Gefallen ist, reicht er die Hand, und liebt, Der Mutter Erbin sich verbindend, es Durch seine Söhne wieder in die Höhe.
39.
“Azzo der zweite folgt, der Milde mehr Als Waffen hold. Ihm stehn zu beiden Seiten Bartold und Albertazzo , seine Söhne.
Der erstre wird den zweiten Heinrich schlagen, Und Parma,s sonnige Gefilde weit Mit teutschem Blute düngen; Albertazzo Sich mit Matildis , der berühmten Gräfin, Nicht minder keusch als weise, sich vermählen*
Dritter Gesas©.
^Und Tugend macht ibn solcher Ehe wertli; Denn wohl ists zu der Zeit nicht wenig Ehre, Des ersten Heinrichs Enkelin zur Frau Und halb Italien fast zur Mitgift zu bekommen. Sieh hier Batoldos theuern Sohn, den wackern Rinaldo ! Seiner harrt der hohe Ruhm,
Die Kirche aus der frevelhaften Hand Des Friedrich Barbarossa zu erretten.”
3i.
“Ein andrer Azzo naht; er wird die Stadt
Verona
Mit ihrem lachenden Gebiet besizen,
Ernannt vorn vierten Otto und Honor Dem zweiten zum Markese von Ankonat — Allein wie könnt’ ich all die Deinigen Dir zeigen, auserwählt zu Fahnenträgern Des Apostol’schen Stuhls,und alle Sieg’ erzählen, Die sie zum Heil der Röm’schen Kirch’ erkämpfen!”
52 .
" Schau hier Obizzo , Folko , andre Hzzo noch Und andre Ugo; beide Heinriche ,
Den Vater und den Sohn, und ein paar Gneisen r
t
94 - Orlando.
Von. denen Einer, Umbriens Bezwinger,
Den Herzogmantel von Spoleti trägt.
Der da (sie zeigt d en fünften Azzo ihr)
Heilt Welschlands tiefe Wunden, und verwandelt In Freude dessen Jammer ; denn von ihm Wird E^ellin gefangen und vertilgt;"
33 .
“Er, der unmenschliche Tyrann, den man Für eine Brüt des Satans halten wird ;
Er, gegen den, die Unterthanen Würger,
Des herrlichen Ausoniens Verwüsten,
Marius und Syila , Nero , Kajits und Antonios als Menschenfreund’ erschienen.
Auch wird der zweite Friedrich von dem Azzo Geschlagen und zu Grund gerichtet werden. ”
34 .
“SeinScepter wird die schöne Stadt beglüken An jenem Fluis, wo Fübus seinem Sohn,
Der schlecht das feurige Gespann gelenkt,
Mit klagendem Laute rief, und wo der fabelhafte Bernstein geweint ward, und Cygnus sich In schimmerndes Gefieder kleidete.
Für tausend Dienste wird der Apostofsche Stuhl Ihm diese Stadt mit ihrem Lande schenken- ”
Dritter Gesang.
q5
35 .
•^Siehst du Aldobrandino , seinen Bruder ? Ihn der, dem Pabst, — vorn vierten Otto hart Bedrängt und von dem Heer der Gibellinen, Die, nach der Umbrier und der Picen£n Bezähmung Meister jedes nahen Orts,
Das Kapitolium bedrohn, — zu helfen,
* Um Gelder, ohne die sein guter Willen Ohnmächtig ist, die Florentiner bittet.”
36 .
" Und da zum Unterpfand ein besser Kleinod Ihm mangelt, stellt zur Bürgschaft er den Bruder, Schwingt siegreich dann im Felde sein Panier , Und schlägt das Volk der Deutschen in die Flucht. So sezt er die befreite Kirche wieder Auf ihren Stuhl, bestraft die Grasen von Celano , Und findet in der Jugendblüthe noch Sein Lebensziel im Dienst des Oberhirten.
' 37 -
" Azzo sein Bruder folgt ihm nach , als Erbe Der Herrschaft von Ankona und Pasauro , Und jeder Stadt vorn Appennin^zum Meer ,
Und vorn Troern bis zum Isaur, — so wie
9 6
Ö R L A N D Oi
Der Grossmuth und der Redlichkeit und Güte, Die bessre Scliäze sind als Gold und Edelsteine ; Denn alles andre Gut verleiht und nimmt das
Glük ,
Nur Tugend ist vor seiner Macht geborgen. ”
58 .
“ Jezt tritt Rinaldo her, den minder liicht Das Lob der Tapferkeit verherrlichet;
Wenn Gisik und Tod des glänzenden Geschlechts Erhebung nur nicht gram und neidisch wäre ! Mir ist, ich höre von Neapel her,
Wo er des Vaters Geilsei ist, ihn klagen. — Obizzo folgt, den man sehr jung nach seinem Grofsvater auf den Fürstenstuhl erhebt.
3g.
“ Er wird sein treilich Land mit Modena, der
wilden ,
Vermehren und dem angenehmen Reggio,
Von beider Volk ob seinem Heldenmuth Zu ihrem Herrn einstimmig auserwählet.
Sieh feinen Sohn , den sechsten Azzo , dort I Der Kirche Fahnenträger, wartet seiner Das Herzogthum Adria, sowie die Tochter Karls Des zweiten, Königs von Sicilien.
Dritter Gesang.
97
40 i
"Vereint in einem schönen Frenndschaftsgrupp, Erscheinen jezt dir die erlauchten Fürsten, Obizzo , Aldobrand , Niccolo Zoppo Und Albert, alle voller Huld und Liebe.
Ich melde nicht, ( um dich zu sehr nicht aufzuhalten )
Wie sie zu ihrem Reich Faenza sögen ,
Und fester Adria, das dem wilden Meer Den Namen gab, mit ihm verbinden werden
4t.
"80 wie die Stadt,“ die ihrer Rosensülle Die griechische Benennung dankt, und jene > Die, von Fischreichen Wassern rund umgeben; Des Po’s zweifache Mündung fürchtet, da, Wo stets des Landes Volk verlangt, das Meer Empört zu sehn von ungestümen Winden. Auch schweig ich von Argenta, Logo und Von tausend Schlössern sonst und wohlbewohn-
tcn Örtern.
43.
" Sieh Niccolo l In zarter Kindheit wählt Zum Landesherrn ihn sein getreues Volk , Und hintertreibt den Anschlag Tideo’s , Orlando L B. G
38
O r ii & x n o.
Der gegen ihn die Burgerwaffen schärft,
Sein Spiel und Zeitvertrieb im Knabenalter ist, sich in Erz für Kriegesmüli’n zu stahlen. Auch wird das Streben seiner Frühlingszeit Die Blume aller Tapfern entfalten.
43 .
"Vergebens rotten gegen ihn Rebellen Zusammen sich: er kehrt zu ihrem Unglük Stets ihren Plan, mit allen Listen so Vertraut, dass kein Betrug ihn je beruhet.
Zu spät wird dies Oto de’ Terzi sehn, Reggio’s und Parma’s grausamer Tyrann; Denn Niccolo wird mit der Herrlichkeit Des bösen Lebens ihn zugleich berauben. ”
44.
” Von Tag zu Tag wird sich das schöne Reich Vermehren, nie von gerader Bahn gelenkt, Und Anderer Besizthum nie verlezend ,
Wenn es von ihnen nicht zuvor beleidigt worden. Drum ist des Weitenherrschers Willen auch, Dass es, von keinem Ziel beschränkt, von Gliik Zu höherm GKik sich immerfort erhebe,
So lang der Himmel sich in seinen Angeln dreht
Dritter Gesang.
99
45 .
" Schau Leonello dort! und hier deö grossen
Borso ,
Den ersten Herzog, seiner Zeiten Ruhm!
Viel schöner in dem Schoss des Friedens triumt
Freud,
Als alle, die des Andern Land mit Krieg Verheert, wird er in tiefe Nacht den Mars Verschliessen und der Wuth die Hände rük-
wärts fesseln/
In seines Volkes Ruh' und Wohlstand nur Sieht er für sich die glänzendsten Trofäen.
46 -
“Jezt naht sich Herkules. Unwillig wirft, Mit halb verbranntem Fuss , er seinem Nachbar vor,
Wie er bei Budrio sein fliegend Heer Gehalten und zu neuem Kampf gewendet; Nicht dass er diesen Dienst mit Krieg ihm lohne, Und ihn verjage bis an Barko’s Mauern.
Bei diesem Herrn seh ich nicht ein, wo man Ihn grösser nennen soll, im Frieden oder Kriege"
47 -
“Puglieser und Kalabrier und Lukaner,
Nie werden seiner Thaten sie vergessen,
O R L A Bs D «i
100
Am Hof des Katalonier-Königs wartet
Sehr hoher Ruhm in. einem Zweikampf sein ;
Und zugezählt ob seiner Siege Glanz
Den grössten Feldherrn, wird sein Heldenmuth
Ihn endlich in Besiz der Herrschaft sezen,
Die schon seit dreißig Jahren ihm. gebührte."
48 -
Der höchsten Dankbarkeit Gefühle weiden Im Herzen seines Volks ihm schlagen; nicht, .Weil er aus bösen Sümpfen seine Stadt In lachender Gefilde Schoß versezt ,
Wicht, weil durch Mauer und durch Graben er Für seine Bürger sie gesichert^ und mit Tempeln, Palästen, und mit Pläzen und Theatern Geschmükt und tausend andern Gebäuden;
49 -
“Noch weil er vor den ausgestrekten Krallen Des kühnen Flügellöwen, sie vertheidigt; Noch, weil, wann Frankreichs kriegerische
Fakel
Italien weit und breit in Brand gesezt, —« Nur, sie mit ihrem Land, von aller Furcht Und Schazung frei, des Friedens sich erfreut;
Dritter G k s a n o.
ior
Für diese nicht sowohl und viele andre Wohlthaten wird «ein Volk ihn dankbar preisen;
50.
"AIs''dafür, dass er die erlauchten Söhne > Alsonso den Gerechten, und Hippolito Den Güt’gen ihm geschenkt, die, gleich Tyn-
dariden, — ,
Von denen uns die alte Fama sagt,
Dass Wechselnd sie des Sonnenlichtes sicli Beraubten, um dem Schattenreich einander Sich zu entziehn, — bereit -und muthig sind , Stets für des Andern Heil dem Tod zu trozan.
51 ,
" Die Liebe dieses Bruderpaares wird Weit sicherer ihr Volk und Land beschirmen, Als wenn es zweifach eine Mau’r von Erz, Von Vulkan selbst geschmiedet, rings umgürte« Alsonso ist’s., der ro mit Klugheit Güte Verschwistert, dass die Nachwelt glauben wird, Astriia sey vorn Himmel unter Ihm Auf Erden wiederum herabgekommen t * * 5z.
"Nur grosse Klugheit kann, zu Tapferkeit, Der väterlichen gleich, gesellt, Ihn reiten,
102
Orlando.
Wenn seinem kleinen Korps die mächtigen
Geschwader
.Venedigs von der einen Seite dräu’n,
Und von der andern Sie, — soll ich gerechter Sie Mutter oder Aftermutter nennen ?
Wenn Mutter, so ist sie Ihm wenig mütterlicher, Als ihren Kindern einst Med.ea oder Prokne. 53 .
"Lei jedem Ausfall, Tages oder Nachts ?
Mit seinem treuen Volk, wird stets der Feind, Von Ihm sehr übel zugerichtet . fliehen,
Zu Wasser und zu Land. Die Römer werden Es hart bereu’n, dass' gegen ihre Nachbarn, Verbündet ihnen sonst, sie sich bewafnet, Wenn sie mit ihrem Blut das Laisd beströmen , Begrenzt vorn Po, Zanjolo und Santerno.
54 -
"Kein bessers Glük erwartet eben dort Den Spanier, des grossen Hirten Miethling, Der kurz zuvor Ihm die Bastey genommen, Und den gefangenen Hauptmann, seinem Wort Untreu , gemordet. Schwer wird den Verrath Der Feind vorn ersten bis zum lezten büssen, So dass nach Rom kein Bote den Verlust Der Burg und der Besazung melden könnte.
Dritter Gesang.
iö3
55.
" Sein harret auch der Ruhm , dem gallischen Kriegsheer in den Gefilden von Romagna Den grossen Sieg ob Rom und Spanien Durch seinen Geist und Degen zu verschaffen. Bis an den Sattel werden weit umher,
In Strömen Menschenbluts die Pferde waden. Man wird nicht wissen, wo die Deutschen und
die Griechen,
Die Welschen, Spanier und Franken zu begraben. —
56.
"Schau in bischöflichem Gewände hier,
Und mit dem Purpurhut sein heilig Haar bedekt, Den grossen Kardinal der Römischen Kirche, Den gütigen, den edlen , den erhabnen Hippolito, der allen Sprachen Stoff Zu ew’gem Lob in Pros’ und Versen beut!
Der Himmel wird in seiner Jahre Blüte Ihm einen Maron , wie einst dem Augustus
geben.
5 7 .
"So wie vor Mond und Sternen weit die Sonne Das Weltgebäude schmukt, so wird auch Er
O R I, A N D O.
io4
Vor allen Andern sein hohes Haus Verherrlichen. Bekümmert seh’ ich ihn Mit wen’gern Volk zu Fuss, und mindern» noch
zu Pferde ,
Ausziehen und vergnügt dann wiederkehren ; Denn fünfzehn Schiffe führt mit lausend andern. Fahrzeugen Er gefangen an sein Ufer.
58.
"Sieh nun den einen und den andern Si-
gismund ,
Und des Alsonso fünf geliebte Söhne 1 Gebirge nicht noch Meere werden je Den weiten Flug von ihrem Ruhm beschränken. Der hier ist Herkules der zweite, Eidam Des Königes von Frankreich; jener dort llippolito; der mit nicht minderm Glanz In seinem Hause als sein Oheim strahlen wird.
5g.
1 “Franz nennt der dritte sich , die beiden
lezten
Alfopso. — Aber, wie gesagt, wenn ich Dir jeden Zweig von dir, der seinen Stamm Erhöhen wird und schmiiken, zeigen wollte, So müfsto mehrmahls sich der Himmel heilen
Dritter Gesang.
iq5
Und wieder dunkeln, eh’ ich fertig würde.
Jezt denk’ ich , ist es Zeit, wenn dirs beliebt, Die Schatten und die Geister zu entlassen.”
60.
So schloss die Zauberin , mit Bradamante s Genehmigung, ihr Buch. Der Geister Schaar Verschwand im Augenblik in jenes Zimmer, Worin Merlino’s Überreste ruhten.
Drauf fragte Aymons Tochter, da zu reden Nun wieder ihr verstatet war: “Wer sind Die Beiden denn, die beim Hippolüo Und beim Alfonso uns so trau er voll erscheinen ? Gi.
“ Sie kamen seufzend mit gesenkten Büken Als wie verzweifelt, und das Bruderpaar Zog fern von ihnen sich zurük, wie wenn Ihr Herz für sie voll Hass und Feindschaft wäre. Die Zauberin erblasste bei der Frage;
Ihr rann ein Strom von Thränen aus den Augen. “ Ach ! ” rief sie dann , “ in welches Unglük stürzt Euch Arme doch das Hezen böser Menschen!
62.
“O Ihr, des guten Herkuls gute Söhne, Besiege ihr Vergeht), nicht Eure Güte!
O n i a n b c>.
10 6
Die Armen sind von Eurem Blute doch.
Hier gehe Mitleid vor Gerechtigkeit! ”
Drauf sezte sie in sanfterm Ton hinzu; “Verlange nicht von ihnen mehr zu hören! Bescheide mit dem Süssen dich, das ich Am Ende dir nicht gern verbittern möchte,
65 .
u Sobald das erste Licht am Himmel schimmert. Werd’ ich mich mit dir auf den graden Weg Zum leuchtenden Kastei von Stahle machen , Wo dein Ruggier gefangen sizt; und wenn Ich dich hierauf durch den gefährlichen Und wilden Forst geführt , bis wo das Meer Sich unserm Auge zeigt, so will ich dich Vorn weitem Weg vollkommen unterrichten. ” 6 /,..
Die kühne Jungfrau unterhielt sodann Noch einen guten Theil der Nachtzeit, sich Mit Merlins Geist, der sie ermähnt, je eher Je lieber sich Rüg giern zu vermählen.
Kaum dämmert drauf der Morgen , so verlässt Sie , an der Hand der Geisterbanncrin,
Durch einen Gang, den schwarzes Dunkel lang Erfüllt, die nuterirrdischen Gewölbe.
Dritter Gelang.
107
€ 5 .
Zulezt entsteigen sie in einen Grund, Ringsum von jähen Felsen eingeschlossen, Erklimmen Höh’n, durchwaden Wetterbäche, Ohn’ auszuruhn, den ganzen Tag; und um des rauhen Wegs Beschwerden zu erleichtern Und sich die Zeit zu kürzen, pflegen sie Vertrauliche Gespräche mit einander Von lustigen und angenehmen Dingen.
66 .
Vor allem war die weise Zauberin Bedacht, das schöne Fräulein zu belehren , Durch welche List und welche Kunst allein Sie ihren lieben Freund befreien könne.
"Denn," sprach sie, "wärst du seihst Mi- — uerva oder Mars ,
Gebötest du noch grösseren Armeen Als Karl und Agramant , du würdest drum Den Negromanten nicht bezwingen können.
67.
"Denn ausser dass auf unzugangbarem Felsen .Sein Schloss erbaut und ganz mit Stahl ummauert ist,
Orlando.
108
Und mitten durch die I.ust sein Pferd den Weg Sich bahnt und pfeilschnell auf und nieder
fährt,
Trägt er auch einen Schild, dels Glanz, sobald Er ihn enthüllt, die Augen so verblendet, Und einen aller Sinne so beraubt,
Dass man wie todt sogleich zu Boden sinkt.
68 .
Und meinst du etwa, dem zu wehren, dürstest Du nur die Augen fest im Kampf verschlossen
halten ?
Wie könntest du dann wissen, wann dem Feind Du dich entrüken, wann ihn schlagen musstest? Allein ich will dir Weg und Mittel zeigen, Wodurch allein und unfehlbar und leicht Du jenes Schildes Wunderlicht sowohl Als andre Zauberei’n vereiteln kannst.
6 9 -
“ Der König Agramant hat einen Afrikanischen
Baron Bruhell genannt mit einem Ring versehn, Der einer indischen Prinzessin einst Gestohlen ward; einAmulet, das den,
So es am Finger trägt, vor Zauberei verwahrt.
Dritter Gesang. 109
Brunell , der sich auf Trug und Dieberei So gut als jener, der Ruggiern gefangen hält, Auf schwarze Kunst versteht, reist unweit uns
voraus.
70;
“Sein Herr, der Morenkönig, neinlich hat Ihn abgesendet, um durch seine List Und den besagten Ring, in solchen Dingen Schon lang erprobt, den wakeren Ruggier Dem Schloss des Ndgrorncintcn zu entziehen; Denn diess zu thun vermass Brunello sich Vor slgramanten, dem kein andrer Krieger So sehr am Herzen liegt als dein Geliebter.
7 1 -
i
"Allein nur dir, und ^4gramanten flicht, Soll dein Ruggier die Freiheit danken. Drum Vernimm aus meinem Munde jezt, was du Zu thun, um dieß Verdienst dir zu erwerben. Sechs Tage gehst du längs dem sandigen Gestade Des Meeres fort, das eben uns erscheint.
Am dritten Tage wirst du den Brunell Mit seinem Ring in einem Wirthshaus treffen;,
“"Sein Körper misst (dass du ihn gleich erkennst )
Sechs Spannen nicht; sein Haar ist schwarz und
liegt
Ihm wollig um den Kopf; braun seine Haut, Bleich sein Gesicht und übermässig bärtig;
Sein Auge schwillt hervor, scheel ist sein Blik, Gequetscht die Nase, seine Brauen borstig; Sein Kleid (um ihn dir ganz zu konterfei’n) Sehr eng und kurz, Wie es Kuriere tragen.
70.
" Du wirst mit ihm auf jene Wunderdinge Zu sprechen kommen. Äussre dann Begierde, (Wie du sie wirklich hast) mit jenem Magier Dich handgemein zu machen. Aber nimm Dich wohl in Acht, Brunellen zu verrathen> Dass seines Rings geheime Tugend dir Nicht unverborgen ist. Er wird sodann Sich dir zum Führer nach dem Schloss erbieten.
74 -
"Halt du dich Innrer ihm; und wenn die Burg Dir sichtbar wird, so haue straks ihn nieder! Kein Mitleid halte dich unzeitig ab,
Dritter Gesang.'
iii
Was dir die Klugheit räth ins Werk zu richten! Doch dass er ja nicht deine Absicht merke, Und Zeit gewinne sich durch seinen Talisman Zu retten! Denn wenn er in Mund ihn stekte, So wär er gleich vor deinemBlik verschwunden. ”
7 S.
Bei diesen Reden kamen sie zum Meer,
Wo bei Bordeaux sich die Garonn’ ergießt*. Hier nahmen sie, nicht ohne manche Thräne, Die guten trauen, von einander Abschied. Voll Ungeduld Ruggieren zu befrei’n,
Reist ohne Rast dann j4ymons Tochter fort, Bis sie am dritten Tag an eine Schenke kömmt, Wo kurz zuvor Brunell sich eingebunden-
21 .
Sie kennt beim ersten Blik den Afrikaner > Den ihre Freundin ihr so treffend abgeschildert, Und fragt ihn straks, wob er des Landes und wohin; Und er antwortet ihr mit eitel Lügen.
Allein, nichts bessers sich von ihm versehn, Lügt sie, nicht minder fertig, auf den Fuss IhmHeimath, Namen, Stamm, Geschlecht und
Glauben,
Und sieht dabei ihm fleissig auf die Finger.
X12 O R L A X D O.
17 -
Sie sieht Brunellen fleissig auf die Finger Üm ihre Kunst an sich nicht zu erfahren.
Auch hält, von seinen Eigenschaften wohl Belehrt, sie sich drei Schritte von ihm fern.
So hatten sie sich dort ein Weilchen unterhalten, Als ein Geräusch in ihre Ohren dröhnt.
Die Ursach defs will ich hernach euch melden. Wenn ich, wie billig, mich ein wenig ausgeruht.
ANMERKUNGEN*
Stanze 7. Ve rs I — 4-
— — — per dura cucurit
Ossatremor, funditque preees rex pectora ab imo.
Vieg. Aen. VI. 54, 5J.
Man vergleiche mit diesem dritten Gesänge überhaupt den sechsten der Aeneis!
Stanze 10.
Der, durch die Romane der Tafelrunde so berühmte, Zaub.erer und Weissager Merlin , verliebte sich in seinen alten Tagen in ein schönes Mädchen, Namens Viviane, die «sich ihrer Gewalt über ihn sehr geschikt dazu bediente, ihm seine magische Geheimnisse abzuloken. Eines Tages erbat sie sich von ihm die Angabe zweier Zaubermittel, wodurch sie einen Menschen auf der Stelle einschläfern und festbannen könnte. Merlin , der hieraus nichts gutes für sich ahndete , erklärte ihr, dass diese Mittel zu seinen grössten Mysterien gehörten, die er niemandem mittheilen dürfte; that es indessen doch, nachdem die Schöne ihn versichert hatte, dass sie nur bei ihren Altern, die ihren Umgang mit ihm nicht gutheissen wollten, davon Gebrauch Orlando I, B. H
Orlando.
r-4
machen würde. — Viviane, dje ihm bloss aus gelehrtem Interesse schmeichelte, bediente sich des erstem Zaubers eben so rühmlich, um ihre .Tungfrauschaft vor ihrem Lehrmeister ausser Gefahr zu sezen, als undankbar und grausam des andern, um ihn in dem Wald Broceliand, nach einigen Romanen, nach andern, denen Ar last folgt, in einem von ihm erbauten Grabmahl, (in das er sich auf ihr Gesuch legte, um zu sehen ob es für ihn lang genug sey) eingeschlossen zu halten, wo er vor Gram und Hunger seinen Geist aufgab. — Fiviane wird die Frau vorn See (Dame du lac) genannt, weil das Schloss, welches sie bewohnte, so wie das der Morgerne, einer andern Schülerin Merlins, unter einem See lag.
Stanze 17. Fers 1 — 2.
Die alten Kroniken und Romane, z. B. die gereimte Histöire de France des Filipp Mous- (jiie (aus dem r3ten Jahrhundert) und die moires des Olivier de la Marche (aus dem röten Jahrh.), leiten den Ursprung cles königlichen Hauses von Frankreich von dem König Priamus von Troja her. Nach ihnen, schiffte sich Frarikus, ein Sohn Hektors, nach der Zerstörung von Troja, mit einigen seiner-Freunde ein, kam, nach vielen Abenteuern zu Wasser und zu Lande, endlich nach Germanien, und liess sich hier bei einer Völkerschaft nieder, die ihn zu ihrem König erwählte , und nach
Dritter Gesang. ii5
seinem Namen sich stanken nannte. — Von ihm stammte Chlodwig I. — Das Haus Klermont war ein Zweig des fränkischen Königsstam- mes. — Auf ähnliche Art wird die Geschlechts-* tafel Ruggiero’s bis zum Priamus von Troja hinaufgeführt.
Vers 3 — y
Ousque nascentem videt ora solcm,
Outeque ad occasus jacet ora serös,
Si qua ferventi subjecta Cancro est,
Si qua majoris glacialis ursa —
Seneca in Hyp.
Die Geschichte der Markgrafen von Este > wovon Ariost, von der L^ten Stanze an, einen kurzen Abrits giebt, wimmelt von Ruggiero bis zum Obizzo in der ^.oten Stanze, bei allen Geschichtschreibern von Fabeln und Unrichtigkeiten, bis auf Muratori , Leibniz und Eccard. Aber auch diese (in den Antichitci Estensi und Annali d’Italia, und in den Origines Guelphicee , ed. Scheide, Hannovras. Y. Tom. in Fol.) bieten, mit einander verglichen, eine Menge Widersprüche, die sich, ohne noch andere unaufgefundene Aktenstüke, schwerlich heben lassen möchten. — Ich habe, dem Ariost und den regierenden Häusern von Modena, Braimschweig und England, die von jenen Markgrafen abstammen, zu Liebe, die benannten, und noch einige ältere Geschichtschreiber der Estensischen Familie, nachgelesen, und werde danach den Ariost , der,
O R L A N D O.
n8
so wie seine Kommentatoren, dem Ricoholdo won Ferrara (in dessen Historia Imperat. Rom . ■von Karl dem Grossen bis 1298) gefolgt zu seyn scheint, an einigen Stellen zu berichtigen suchen.
Stanze 2-4—26.
Ruggiero (Roger) wurde, laut alten Kroni- ken und Romanen, bald nach seiner Vermählung mit Bradamanten, von einem Ritter aus dem Hause Poitiers verrätherischer Weise umgebracht. Sein, nach seinem Tode geborner Sohn Ruggiero , zog mit Karl dem Grossen gegen Desiderio zu Felde, und wurde, nach dessen Besiegung und Gefangennehmung, von ihm mit den Schlössern Este und Kalaon, im Paduanischen, beschenkt.
Die Origines Gnelp/ticce wissen von diesem Ursprung des Estensischen Hauses nichts. Ihren Nachrichten zufolge, wäre Bonifacius- , der Lohn eines alten Herzogs in Baiern, Wels ( Wulfus, Unmdfus, Hunnulfus) genannt, den Karl der Grosse zum Markgrafen von Tuscien (Toscana) und Ligurien (Mailand und Genua) ernannte, der Stammvater der Estensischen und anderer fürstlichen Familien in Italien.
Stanze 26.
Statt der hier genannten Alberto , TJgo und Azzo, geben die Orig. Guelph. uns einen Adelbert uftd Wido (Guido).
Dritter G m » »; iif
Adelbert II, ein Urenkel des Bonifacitis, war, gegen Ende des gten Jahrhunderts, Markgraf von Tuscien und Ligurien und Graf von Lukka, und vermählte sich mit Berta, König Lothars von Austrasien Tochter, und Wittwe Theodalds, Grafen von Burgund dem sie zwei Söhne, Hugo undSojo, geboren hatte, von denen der erstere im Jahr gab König von Italien wurde.
Wldo , sein Sohn, starb gzg, oder g3r, nach Aussage der meisten Kroniken, ohne Kinder. Ihm folgte daher sein Bruder Lambert, welchem König Hugo., sein Stiefbruder, die Markgrafschaft Tuscien entrifs und die Augen ausstechen liess. Hugo belehnte hierauf seinen Bruder Boso , und nach dessen Vertreibung seinen, unehelichen Sohn Hubert, mit Tuscien» Diesem folgte Hugo, sein Sohn, der ioox starb. — Aber Wido hinterliess, nach Eccard, einen jungen Sohn.
Adelbert III, der sich nach dem Tode seines Oheims Lambert , mit Hülfe einiger Verwandten, in dem Besiz der Markgrafschaft Ligurien und einiger andern väterlichen Güter in der Lombardei, behauptete.
Das historische Labyrinth, in welches uns die z6te Stanze, vorn yten Verse an, und die folgenden, bis in die Mitte der Zoten, verführen, scheint besonders durch Verwechselung von Namen entstanden zu seyn, wodurch man in der ältern italienischen Geschichte so oft hin und her geworfen und irre erhalten wird. —
O R L A - S 1) O.
n8
Ich will mich an den Orig. Guelph. so gut als möglich heraus zu winden suchen. -
Der Albertazzo, von dem die beiden ler- ten Verse der äßten und die beiden ersten der .folgenden Stanze reden, ist entweder Odberto , ( Oberto, Obizzo) Markgraf Adelberts III. von Ligurien Sohn, öder Adelbert, (Alberto, oder Also, oder Azzo, oder Albertazzo *)) ein Sohn Siegfrieds, Grafen von Lukka und Altervaters der berühmten Gräfin Matildis. — Folgendes mag diess näher erläutern:
Als Berengario , Markgraf von Ivrea und Enkel Kaiser Berengario’ s I, nach König Lothars Tode, sich zum König von Italien aufgeworfen hatte, verlangte er, um sich und seinem Sohne Adelberi die Krone besser zu versichern, Lothars hinterlassene Wittwe Adelheid (Alunda, Alida, AI da) für seinen Sohn zur Gemahlin. Adelheid aber weigerte sich dessen, und schloss sich, da er ihr mit Gewalt drohte, in Pavia ein. Berengar belagerte Pavia, nahm es ein, und schikte die Königin auf eine seiner Festen am Garda-See. Adelheid fand Mittel zu entkommen, und flüchtete sich zum Markgrafen Adelbert, Siegfrieds Sohn, auf das von ihm angelegte Bergschlofs Kanossa. Beren-
*) Die eigenen Namen erlitten in jenen barbarischen Zeiten durch die Volkssprachen oft unendliche Veränderungen und Verunstaltungen; Alberto und Azzo ist ein und eben derselbe Namen, so wie Eli rico, Enzio und Arrizo, u. a. m. '
Dritter Gesang. 119
gar hielt Kanossa, drei Jahre lang vergebens belagert. Endlich jedoch schütte Adelheids Be- schfizer, Adelbert (Azzo oder Albertazzo), aus Furcht, durch Mangel an Lebensrnitteln zur Übergabe gezwungen zu werden, in Einver- ständnifs mit mehren, italienischen Herrn, einen Boten nach Deutschland an König Otto I, rief ihn gegen Berengarn zu Hülfe, und bot ihm die Königin mit der Krone Italiens an. Otto kam (501) nach Italien, entsezte Kanossa, nahm Pavia ein, liess sich zum Könige krönen, vermählte sich mit Adelheid, und kehrte, nachdem er seinem Schwiegersöhne, Konrad von Franken, Berengars Belagerung auf einem seiner Schlösser übertragen hatte, nach Deutschland zurük. Berengar ergab sich endlich an Konrad, wurde zum Otto nach Deutschland geführt, von ihm begnadigt, und mit Italien, Verona und Aquileja ausgenommen, belehnt. Aber Berengar war kaum wieder in Italien, als er die Anhänger des sächsischen Hauses verfolgte, und mit den weltlichen und geistlichen Herrn Italiens so despotisch verfuhr, dals. sie, mit Pabst Johann XII. verbunden, Ölten von neuem nach Italien riefen. — Einer der eifrigsten Gegner Berengars war nun Markgraf Od- bert (Oberto), Adelberts von Ligniten Sohn, Er hatte, um Berengars Rache zu entgehen, sich nach Deutschland geflüchtet, kam jezt mit Otten auf seinem zweiten Zuge nach Italien zurük, und machte sich durch Rath und
120
0 R L A Ss D I.
Tlmt so wohl um den König verdient, dass dieser, — nachdem er in Rom zum Kaiser gekrönt und Bcrengar gefangen worden war *), — ihn zum Comes Palatinus über ganz Italien ernannte, und seine väterliche Besizungen mit mehrern andern in der Lombardie vergrößerte. — Oberto (der erste) starb um das Jahr 972; ihm folgte sein Sohn Oberto II. — Jener Alberto, oder Azzo, Siegfrieds Sohn, erhielt vorn Kaiser Otto die Grafschaften Modena, Reggio und viele andre Güter **). Er starb im Jahr 970, Von dem im dritten Verse der z-jtcn Stanze genannten TJgo melden die Orig. Guelph. nichts. Die ältern Rroniken sind über ihn voller Widersprüche. Die in den folgenden Versen gedachte Belagerung geschah im Jahr 996. Kaiser Otto III. kam, nachdem der berüchtigte römische Konsul Krescenzius den von Otto erwählten sahst Gregor V. abgesezt und vertrieben, und an seiner Statt einen Johann von Piacenza auf den apostolischen Stuhl erhoben hatte, — nach Rom, belagerte den Krescenzius auf der Engelsburg, nahm ihn gefangen, liess ihn enthaupten, und sezte den Gregor wieder ein.
Die Irrthümer in der 28 ten bis in die Mitte der Zoten Stanze, werden sich nach Folgendem ergeben.
*) M. s. Schmidts Geschichte der Deutschen, Buch IV. Kap. 3. lind Weltmanns.
**) Hier besonders ist der Ursprung der grossen Besizungen der Gräfin Matildis zu suchen.
Dritter Gesas«
«21
Die Italiener wählten, des deutschen Jochs überdrüssig, nach Otto’s III. Tode (1002), den Markgrafen von Ivrea, Ardoino, (Hardwig) zu ihrem Könige. Dieser verheirathete sich mit Berta, der Tochter des schon erwähnten Markgrafen Oberto II, um diese reiche und mächtige Familie von der Parthei der Deutschen abzuziehen. Oberto verband sich euch gleich mit Ardoinen gegen Heinrich II, Otto’s III. Nachfolger. Als dieser aber Ardoinen besiegt, gefangen und genöthigt hatte, in das Kloster Frutturia zu gehen, verliels Oberto die italienische Parthei, und wurde von Heinrichen zu Gnaden aufgenommen. Seine Söhne hatten in der Rebellion der Römer gegen Heinrichen eine vorzügliche Rolle gespielt. Der ältestfe von ihnen,
Azzo I. (Azili, Hecil)
wurde in dieser Rebellion gelängen genommen, und nach Fulda gebracht, bald aber von Heinrichen wieder begnadigt und in seine italienischen Besizungen zurükgeschikt. Er vermählte sich, nach dem Tode seines Vaters, mit Gual- drada , der Tochter des Doge von Venedig, Kandiani des pingern, und erhielt mit ihr verschiedene um Rovigo gelegne Güter. Auch brachte er Este, Kalaon und andre Schlösser und LändereLen, die bisher im Besiz der vorn König Hugo abstammenden Markgrafen von Tuscien gewesen waren, wieder an sein Haus. Er starb 1029.
1 22
Orlando.
* Azzo II.
sein Sohn ist es, der das Herzogliche Haus in Baiern fortpflanzte. Er vermählte sieh nem- lich mit Kunigunden, der Schwester Weiss Ul, Herzogs von Baiern und Kärnthen und Markgrafen von Verona, und zeugte mit ihr einen Sohn, Weif {den vierten), der, als Wels III. im Jahr io 55 ohne Kinder gestorben war, nach Deutschland ging, und seinem Oheim in das Herzogthum Baiern folgte. — Azzo II. vermählte sich, nach Kunigundens Tode, zum zweiten Mahle, und erhielt von dieser Ehe zwei andere Söhne, den Ugo und Folco.
Weif IV. nahm, nach seines Vaters Tode, dem Ugo und Folco ihre meisten väterlichen Besizungen in Italien ab, gab sie ihnen jedoch bald gröstentheils wieder zurük, Sein Sohn, Weif V, dessen Bruder, Heinrich der Schwarze, der Grofsvater Heinrichs des Löwen ist, (dessen dritter Sohn unter dem Namen Otto IV, ny8 zum römischen König gewählt und 1309 vorn Pabst Innocenz III. zum Kaiser gekrönt wurde) — schloss, auf Anstiften Pabst Urbans II, mit der Gräfin Matildis ein Ehebundnils welches aber nach einigen Jahren wieder getrennt wurde.
Ugo vermählte sich mit Heria , der Tochter Hoben Guiskard, , Herzogs von Apulien. Er wurde , als er diese seine Gattin verstossen hatte , vorn Pabst seiner Länder entsezt und
Dritter Gksang.
123
in den Bann gethan, irrte eine Zeitlang in Europa umher, trat dann in Kriegsdienste bei der Gräfin Matildis , wurde seines Banns entladen, und-erhielt im Jahr rog 5 von seinem Bruder Folco die Hälfte seiner vorigen Besi- zungen zurük.
Die weitere Folge der Markgrafen von Este beim Ariost , bis zur Hosten Stanze , steht mit Giraldi, Pigna, Muratori, den Orig. Gitelph. und diese wieder unter sich, in so vielen und so grossen Widersprüchen, dass ich ich ihre Ausgleichung unterrichtetem und gesebiktem Geschichtsforschern überlassen muss. Ich begnüge mich mit einigen kleinen Erläuterungen des Ariostischen Textes.
Stanze 26.
Vers 4. Schlangen , das Wapen der Vis-
konti. die Mailand beherrschten.
Vers 6'. bistihrer, die Bewohner der Lombardie.
Stanze 3o. Vers. 5.—8-
Rinaldo wurde , nach Pocacchis Istorie , im Jahr 1102 Markgraf von Este,, und stritt, in dem Lombardischen Bunde gegen Kaiser Friedrich den Rothbart , für den Gegenpabst Alexander III. S. Schmidts Geschichte der Deutschen, VI. Buch, 4 Kap.
*) Die Tom II. Seit 300 ff. eine Geschlechtstafel der Estenser, von Azzo II. bis zu seinen Nachkömmlingen in der Mitte dieses Jahrhunderts geben.
tz r 4
ö r i a s » «.
Stanze 32-
Ümbrieit , das Herzogthum Spoleto. Übe* Fzzellino da Romano s. Hrn. Rath Jagemanns Magazin der italienischen Litteratur und Künste , II. Land, Seite i. ff.
Stanze 34.
Die schöne Stadt an jenem Fluss etc. Fer- rara am Po. — Bekannt ist die Fabel von Faeton , der sich von seinem Vater Apollon auf neun Tag die Führung des Sonnenwagens erbat, und, da er das Gleis verlor und die Erde in Brand sezte, von Jupiters Donnerkeil in den Fluss Eridanus (Po) hinabgeschleudert ward, an dessen Ufern seine drei Schwestern, Lampetiä , Faetusa und Aegle , in Bernstein, weinende Pappelbäume; und Cygnus , sein Busenfreund , in einen Schwan verwandelt wurden.
Stanze 35. Vers 4-
Ficenen , die Bewohner der Mark Ankona.
Stanze 3/. Vers. 4.
Troento und Isatiro , (jezt Foglia genannt) zwei Flüsse an den Grenzen der Mark Ankona.
Stanze 38
Rinaldo , ein Neffe Aldobrandind's , des ersten Markgrafen von Ferrara, wurde vorn Kaiser Friedrich II. als Geissel in Neapel gefangen gehalten, und, nach Ariosts Kommen-
D s i j i i s Gesang.
123
tatören, mit Gift hingerichtet. Obizzo , sein unehelicher Sohn, wurde vorn Pabst Irma* qenz in. mit Einwilligung des Kaisers, legitimiert und in Besiz seiner väterlichen Länder gesezt.
Stanze 3g.
Azzo VI oder VII, zog mit nach Syrien, den in Ptolemais , oderAkra, belagerten Christen zu Hülfe. Vers 7 — 8- Beatrice , die Tochter Karls von Anjou , dem der Pabst Alexander IV. im Jahr 1264 Neapel und Si- cilien geschenkt hatte.
Stanze 4°
Obizzo III. vermählte sich mit einem Bolog- nesischen Fräulein, der Lippa Ariosta , durch welche Heyrath die edle Familie unsers Dich’ ters von Bologna nach F’erara verpflanzt wurde. Obizzo zeugte mit ihr zwölf Kinder, von denen drei Söhne (die Vers 3 und 4 genannten ) ihr väterliches Land nacheinander regierten. Aldobrandino starb im Jahr r36i; Niccolo Zoppo , i388 ; Alberto II, i3g3.
' Vers 7 .
Adria , war eine römische Kolonie; sie lag auf einem Berge i5 italienische Meilen von Ferrara.
Stanze 4 1 - Vers 1—3
Bovigo , lat. Rhodigium , vorn griechischen Worte Rhodos } Rose, — Vbn 2—6. Comae '
I2Ö
O R L A N t> Oi
chio , zwischen zwei Armen des Po, dem Primär» und Volano , gelegen, deren öftere Aus- tretung das Land umher Verdirbt. Bei Stürmen flüchten eine Menge Fische den Po hinauf und in die Gewässer um Komaechio, wo sie leicht gefangen werden. Die Bewohner dieser Stadt trieben sonst in Italien den grös- ten Handel mit gesalznen Fischen.
S t a n z a 42.
Niccolo war noch sehr jung, als Alberto II, sein Vater starb. Azzo , einer der Söhne Obiz- zo’s III, der einer Verschwörung wegen, Landes verwiesen war, wollte nach Alberto’'s Tode sich in Bcsiz seiner Staaten sezen , und ruhte daher , mit Tideo , Grafen von Cunio , verbunden, vor Ferrara, wurde aber von den Vormünd ern Niccolo’s axts dem Felde geschlagen.
Stanze 4Z. f^ers 5 — 8.
Niccolo verband sich mit den Herzogen von Mailand und Mantua und andern italienischen Herrn, gegen den Tyrannen von Parma, Ot- tobuono de Terzi, nachdem dieser ihm Reggio entrissen hatte, und schlug ihn, besonders durch Hülfe des Sforza. Cotignuola , einer der wakersten Abenteurer, oder sogenannten Condottieri seiner Zeit, so lange umher, bis er sich zum Frieden willig erklärte!, und zu dem Ende mit Niccolo sich zu besprechen verlangte. Sforzu Cotignuolo begleitete den Mark-
Dritter Gesas g.
ja;
grasen zu dieser Unterredung, und rannte dabei dem Ottobuono seinen Degen durch den Leib, worauf Parma und Reggio dem Niccolo die Thore öffneten und ihn zu ihrem Herrn ausriefen, — Niccolo erhielt von Ricciarda , der Tochter des Markgrafen Hloisio von Sa- luzzo, zwei Söhne, den Herkules und Sigis~ mund, hatte aber ausser diesen noch 21 uneh- licbe Kinder, von denen die beiden ältesten, heonello und Borso, im Jahr i^.ZZ vorn Kaiser Sigismuud, zugleich mit jenen beiden etlichen Söhnen, zu Rittern geschlagen wurden.
Stanze Hh.
heonello wurde Von Niccolo zum Vormund über die, bei dessen Tode noch unmündigen. Prinzen 'Herkules und Sigismund gesezt. — heonello war, nach Muratari , einer der weisesten, tugendhaftesten und liebenswürdigsten, nach Griraldi , einer der ehrsüchtigsten, ungerechtesten und lasterhaftesten Fürsten seiner. Zeit. Muratori folgt einer Kronik von Fer- rara , die vermuthlich von einem der J'irtuo- sen abgefafst ist, die Leouello mit Geschenken überhäufte, um von ihnen panegyrisiert zu werden. Für die Wahrheit der Schilderung Gi- raldi’s ist wohl der Zauberin l'~edi heonello , evedi cref. das beste Zeugnis?; sie entrükt ihn Bradamantens Augen sogleich nach Nennung seines Namens-, und spricht ihm durch ihr Stillschweigen, das härteste Urtheil, — heonello
128
ü K L A N » O.
usurpierte die Herrschaft seines Vatets, verbannte den Herkules und Sigismund an den verderbten Hof udlfo/isd's I. von Neapel, besänftigte das Volk, dass hierüber unruhig wurde, durch Freigebigkeit und Schmeichelei, und hatte einen Trols feiler Schriftsteller in seinem Sold. Er starb indessen nach einer kurzen Regierung, nachdem er seinem Bruder Borso seinen vdnMargareta Qonzaga gezeugten Sohn Niccolo emfohlen hatte. Borso hatte sich in den Fehden und Verhandlungen verschiedner italienischer Staaten den Ruhm eines eben so klugen Geschäftsmannes als tapfern Kriegers erworben. Ihm wurde daher nach Leonelids Tode von den Edeln und vorn Volke einmü- thig die Regierung übertragen. Borso weigerte sich Anfangs einer Herrschaft, die dem Herkules bisher mit Unrecht vorenthalten sey, entschlofs sich jedoch bald, dem allgemeinen Verlangen, und wohl noch mehr seiner eigenen Neigung zu gefallen, sie anzunehmen. Herkules und Sigismund wurden indess von ihm zurük gerufen, und ersterer zum Statthalter von Modena ernannt. Niccolo, Leonello's Sohn, zeigte sich alles Antheils an der Regierung eben so unfähig als unwürdig , und blieb daher seinem Unverstand und seinen Ausschweifungen überlassen. — Wenn Borso nicht gross genug war einer Herrschaft zu entsagen, die ihm nicht, gebührte, so war er doch so edel unverheyrailiet zu bleiben, mn durch einen
Dritter Gesäng.
129
reclitmässigen Sohn nicht in Versuchung zu kommen, gegen den Herkules noch nach seinem Tode ungerecht zu seyn. — Er bewirthete im Jahr iH, 5 z. Kaiser Friedrich III. in Ferrara auf das herrlichste, und wurde von ihm zum Herzog Don Modena und Reggio ernannt. Itn Jahr 1471. gieng er mit einem prächiigen Gefolge , in dem sich auch der Graf von Scan- dian'o , Matteo Maria Bojardo , der Verfasser des Orlando inamorato, befand, nach Rom , und erhielt vorn Pabst Paul II. den Titel eines Herzogs von Ferrara . Er starb bald hierauf. Herkules wurde einstimmig zu seinem Nachfolger erwählt.
Stanze 46 — 49 >
Herkules erwarb sich, während seiner Verbannung unter Leonello , am sicilianischen Hof, durch feine Sitten und besondere Tapferkeit in den Kriegen Alfonso’s mit Johann von Anjou (St. 47. V. 1 — 2.), nicht minder den Hass des Aragonischen Adels als die Achtung des Königs. Beide wurden durch einen Zweikampf vermehrt , wozu er den Galeazzo Pan- donio , wegen Entdekung einer ihm vertrauten Liebschaft, herausfoderte, und in dem er diesen für unüberwindlich gehaltnen Rauffbold (Bravo) überwand (St.'47. V. 5 — 4 -)• Nach Alfonso’s Tod gelang es seinen Neidern, ihn
Orlando I. B.
1
ä5o ö R L A M D O
Ferdinanden Alsonso's Nachfolger verdach' tig zu machen; worauf Herkules, auf Borso’s Rath; zum Johann von Anjou übergieng. und in einem bald nachher vorfallenden Gefecht Ferdinanden ein Stük von seinem königlichen Mantel abhieb.
Im Jahr 1467. übertrug ihm die Re.publik Venedig, in ihrem Kriege mit Florenz , das Commando über 1400 Reiter , mit welchen er in dem Treffen bei Budrio in Bononien . die andern venezianischen Truppen, da sie die Flucht ergriffen, zurük hielt und wieder in Ordnung brachte, die Florentiner von neuem angriff und aus dem Felde schlug, wobei er am rechten Fuss gefährlich verwundet wurde. (St. 46. V. 1 — 4.) — Vierzehn Jahre nachher verbanden sich fast alle Mächte Italiens (zum erstenmal) gegen die eroberungssüchtigen Venezianer. Herkules war mit in diesem Bunde, und wurde von den Republikanern plözlich au Wasser und zu Lande angegriffen. Umsonst hoffte er auf seine Bundesgenossen ; er blieb der Wuth der Venezianer allein überlassen, die Rovigo mit dem ganzen Polesien eroberten und verwüsteten , und hierauf Ferrara belagerten. (St. 46. V. 5 — 6. Das hier genannte Barko war ein, in einer anmuthigen Landschaft zwischen dem Po und Ferrara gelegnes Schloss der Fürsten von Este ) Herkules sah sich daher, um Ferrara zu retten, genö-
Dritter Gesas g. i5i
thigt, mit Yenedi g einen, sehr nach th eiligen Frieden zu Schliessen, worin er Rovigo mit dem fruchtbaren Polesien und andere Oerter abtreten musste. — Venedigs Wapen war ein geflügelter Löwe (St., 49- V. 1-^2.)
Als Karl VIII, König von Frankreich, vor seiner eben so schnell wieder Verlornen als gemachten Eroberung Italiens, (149,4 —5*) ^ei den italienischen Staaten anfragen liess., wie sie sich gegen ihn zu verhalten gedächten, war Herkules der einzige , der ihm freundschaftliche Aufnahme versprach, und deshalb bei dem Zuge der Franzosen durch Italien mit aller feindlichen Behandlung verschont blieb.
(8t. 49. V. 3 - 6.)
Herkules zeugte mit Eleonora , Ferdinands von Arragoriien Tochter, vier Söhne, Alfonso , Ferdinand , Hippolito (der i/|g3< vorn Pabst Alexander VI. zum Kardinal ernannt wurde ) und Sigismund , und zwei Töchter, Alfonsina (Gemahlin des Herzogs von Mailand ■, Ludwig Sforza , der Karl VIII. nach Italien rief) und Isabella , womit Franz Gonzaga' , Markgraf von Mantua sich vermählte. Er hatte zudem zwei unehliche Kinder, Git/lio und Lukrezia. Er starb im Jahr i5o5.
Stanze 5o Fers 3.
Die Findenden , Kaslör und Pollux.
O fc k A N D O
« 3 z
Si fratrem Polhix altcrna morte reilemit,
Itgue reditque viam toties —
virg. Aen. VL 121 ff.
Stanze 5 z — 6 z.
Bald nach dem Regierungsantritt Alfonso’'s I, wurde der Frieden seiner Familie durch einen Vorfall zerstört, der durch das heftige und rachsüchtige Gemüth des Kardinals Hippolito die traurigsten Folgen nach sich zog. Dieser jiemlich verliebte sich in ein schönes Mädchen in Ferrara, die ihre Liebe bereits seinem unehelichen Bruder Giulio , einem schönen, feurigen und übermüthigen Jüngling, geschenkt hatte. Es gelang dem Kardinal jedoch endlich durch Geschenke und Schmeicheleien, ihre Gunst nebst dem Versprechen zu erhalten , ihm den Giulio aufzuopfern. Giulio aber vermochte zu viel über ihr Herz , sie konnte ihr Versprechen nicht halten. Hippolito erfuhr es, und machte ihr Vorwürfe darüber, die sie mit der naiven Erklärung erwiederte , dass es ihr unmöglich sey, Don Giuilo’s schönen Augen zu widerstehen. Der Kardinal wurde hierüber so wüthend , dass er seinem Nebenbuhler von Banditen auflauern liess, die ihm die Augen ausstechen sollten. Giulio wurde von ihnen bei einer Jagd überfallen, war aber so glüklich, mit einem heilen Auge davon zu kommen, forderte hierauf von Alfonso Ge-
/
D R I * T K * G 8 S i sr &, i35
nugthuung, und trat, da sie ihm verweigert wurde auf Anreizen einiger mifsvergnügten Edeln von Ferrara , mit Herkuls zweitem Sohne,, einem talentvollen und ehrsüchtigen Prinzen, in eine Verschwörung gegen das Leben Alsonsos und Hippnlitos. — Die ältern Ferraren- sischen Geschichtschreiber, und mit ihnen Mu- ratori verschweigen bei Erzehlung dieser Begebenheit, mehrere Umstände. Vermuthlich aber war Ferdinand der Liebling seiner Mutter .Eleonora , und wüste sie deshalb zu bewegen, der Verschwörung zu seinen Gunsten mit beizu- treten; ( Stanz 5z. V. 5 — 8) um so eher , da Eleonora , als eine Arragonische Prinzessin , mit Herkules und Alfonso’s Verbindung mit dem französischen Hofe nicht wohl zufrieden war. — Die Verschwörung wurde indessen vorn Hippolito entdekt. Giulio und Ferdinand wurden aufs Schaffen geführt, von Alfonsen aber unter dem Schwerdt begnadigt und — zum ewigen Gefängnifs verdammt. Ferdinand starb darin im Jahr i5/jo. Giulio erhielt nach Alfonso’s Tode, ( i55y) seine Freiheit wieder, starb aber bald ohne ihrer froh geworden zu seyn. — So wenig vermochten Ariosts rührende Stanzen ^6o — 6z, verglichen mit Firgils Aen. VII, 86, IF. ) über Alfonso und Hippolito ! •
Alfonso trat der Eigne von Kambray (worin , im Jahr t5o8, Kaiser Maximilian I. Lud»
134
ö n. L A K T> O.
wig XII , Ferdinand der Katholische und Pabst Julius II. sich gegen die Republik Venedig verbanden,) bei , um die seinem Vater von Venedig abgenommenen Länder wieder zu gewinnen. Der Pabst ernannte ihn zum Panierträger ( Son. Faloniere ) der römischen Kirche, und schikte ihm eine für damalige Zeit beträchtliche Artillerie. — Alfonso nahm hierauf Rovigo mit dem ganzen Polesien Este, Mon tagnana und andere ehmalige Güter des Hauses Este ein , wurde aber bald von den Venezianern nicht nur zu Lande wieder zuriikge- schlagen, sondern auch zu Wasser mit einer grossen Flotte unter Angola Treviano’s Befehl , im Po angegriffen. Vergebens suchte er die Venezianer von Aufwerfung einer Schanze am südlichen Ufer des Po abzuhalten ; sie wurde zu Stande gebracht., und Alfonso befürchtete schon den Verlust Ferrara’s , als das kriegerische Genie seines Bruders , des Kardinals , ihn aus der Gefahr rettete. Hippolito nemlich liess in der Nacht den Damm des Po, der venezianischen Flotte gegenüber, durchlöchern, und die vorn Pabst erhabne Artillerie hinein- steken. Mit Anbruch des Morgens donnerten die Feldstiike plözlich auf die feindlichen Schiffe los. Die Venezianer stürzten zerchmettert und verstümmelt in die Fluth ; Galeeren und Barken verbrannten und versanken. Nur Angela von Trevisa entkam auf einem Fahrzeuge, der
Dritter G e s A sr ». iS5
Rest der Flotte fiel, mit der Schanze, in die Hände der Sieger. ( Stanz 5j.)
Pabst Julius änderte im Jahr i5n sein politisches System ; er verband sich mit Venedig gegen Frankreich, dessen Uebergewicht in Italien er zu fürchten anfieng, und verlangte von seinem Banierträger , dem Herzog von Ferrara, ein gleiches zu thun. Alfonso aber blieb seinem Bunde mit Frankreich treu. Aufgebracht über diesen Ungehorsam, marschierte Julius mit seinen Römern gegen eine Bastey am Graben Zaniolo , die Vormauer von Ferrara, indem, von der andern Seite, zugleich eine neue venezianische Flotte in den Po einlief. Aber Alfonso schlug, von Frankreich unter- stüzt , die Römer und Venezianer so waker aufs Haupt , dass sie genöthigt waren , wieder nach Hause abzuziehen, ( Stanz. 53.) auf einmal aber belagerte ein spanisches Heer die Bastey, in welcher Alfonso den Vestidello pagano mit einer kleinen Besazung zuriik gelassen hatte. Vistidello sah sich aus Mangel an Leuten und Lebensrnitteln gezwungen zu kapitulieren. Ihm wurde mit seinen Soldaten Pardon versprochen; aber die Spanier hatten sie nicht sobald in ihrer Gewalt, als sie sie schändlicher Weise lüedermezelten. — Auf diese Nachricht flog Alfonso mit seinen Truppen über den Po herbei nahm die Bastey mit Sturm ein, und liess die Spanier, zur Strafe ihrer
i3S
O * £ A S ß 9.
Verrätherci, sämtlich über die Klinge springen. ( Stanze 54 .)
Die 55ste Stanze spricht von der Schlacht bei Ravenna, worin (im Jahr i5i2) die Franzosen über die Spanier unter Peter Navarro , und die Römer unter Fabrizio Kolonna , den blutigen Sieg davon trugen , der ihrem Gene« ral, dem jungen Helden Gaston de Foix , das Leben kostete. Alfonso’s Kanonen entschieden diese Schlacht zu Gunsten der .Franzosen.
Stanze 56.
Vorn Hippolito ist schon oben beim ersten Gesänge bemerkt worden , dass er den Ariost unter die Edlen seines Hofes aufnahm. Wie schlecht er indessen die Kunst der Musen zu sfchäzen und zu belohnen wusste, und was man vorn Lobe desselben im Orlando zu halten habe , erhellt aus den SaLyren Ariosto’s zutn Ueberfluss. Ich will hierüber nur eine Stelle aus der Satyre an AleJJand.ro Ariosto und Lndovico da Bagno , nach der Ahlwardit- schen Übersczung, *) anführen.
“Apoll, durch dich, durch euch, ihr heilgen Neune, Durch euch besiz’ ich nicht so viel, dass ich Mir einen Mantel dafür schaffen kann.
*') Lndovico Ariosto’s Satyren, aus dem Italienischen, von Christ. Wilh. Ahhvardt. Berlin, bc; Maurer. 1794.
Dkiiibb Gksano. 137
“Den gab dein Herr dir ja.,, Ich räum’ es ein;
Er gab mir mehr als ich zum Mantel brauchte; Doch nicht um euch, das glaubt mir sicherlich. “Er sagt 'es doch—” Auch ich wills aller Welt Verkünden, und dazu in wohlgereimten Zeilen; Worin ich denn fwas kümmern Verse ihn?)
In Fried’ und Ruhe Käse wikeln kann.
Sein Lob hab’ ich der Welt so laut gepriesen; Doch dies gilt mir bei ihm für kein Verdienst. Verdienstvoll ist für ihn Kurier zu reiten. *)
Wer ihm nach Barko, wer zur Villa folgt,
Den Kammerdiener spielt, und Abends schon im
Brunnen
Zum künft'geu Mittagsmahl die Flaschen kühlt; Wer ihm die Nächte wachet, bis Aurora Zur Esse ruft die Schmiede Bergamo’s,
Von Müdigkeit und Schlaf oft überrascht,
Die Fakel in der Hand, der wird belohnt.
“Ei! hab’ ich ihn gelobt in meinen Versen,
So that ichs, sagt er, mir zum Zeitvertreib;
Lass wär’s, ich fehlte niemahls hei der Cour. ”
Der Kardinal gab ihm einen Jahrgehalt ,von ungefähr hundert Thalern unsers Geldes , und glaubte sich hierdurch ein so volles Recht
Di poeta cavallar mi Feo, heisst es an einem andern Orte.
i58
[O R L A N » ».
über die Person und die Freiheit des Dichters erkauft zu haben , dass , als dieser ihm ( im Jahr i5i5) nicht aus dem schönen Himmel Italiens in das dike ungesunde Klima von Nieder ungarn. (nach Gran, mit dessen Erzbisthum Hippolito bekleidet war) folgen wollte , er ihm nicht nur seinen Jahrgehalt nahm, sondern auch die gröbsten Schmähungen über ihn aus- goss und den bittersten Groll gegen ihn hegte bis an seinen Tod , der 1020 erfolgte. Ariost trat hierauf in die Dienste Alfonso’s , der ihn freundlicher behandelte und etwas besser belohnte , wiewohl er ihm wenig genug das Glük der Iluhe und des ungestörten Umgangs mit den Musen vergönnte , welches der Dichter so schön in folgenden Versen, ausdrillet : *)
Muss, wer nach Gold so dürstet, solchem Frohn Sich weihn, und, imijicr Sklav, um seinen Herrn Sich wie Bootes um den Bären drehn:
Bereichre sich wer will, ich wähle Ruh;
Weit lieber Ruh, als mich mit andern Sorgen Zu quälen, und in Lethe’s trüben Strom Die Kunst und meine Muse zu ertränken ;
Die Muse, die den Leib zwar nicht ernährt, Allein dem Geist so edle Nahrung giebt,
Dass sie’s verdiente, ganz sich ihr zu weihn.
”) Nach der Ahl war d tisch en Uebcrsezung.
Dkutke Gesang. 109
Sie macht es , dass die Armuth mich nicht härmt;
Sie macht es, dass ich Reichthum so nicht liebe.
Um ihm die theure Freiheit aufzuopfern.
Sie macht, dass ich nach dem , was mir zu Theil
Nicht werden kann, mich nicht so gierig
s ehne;
Dass mich kein Zorn noch Neid verzehrt, wenn man
Maron und Celio nach Hofe ruft.
Det hier genannte Maron ist eben derselbe , von dem Ariost in dem lezten Verse unserer übten Stanze und an andern Orten seiner Werke spricht. Er war einer der Virtuosen an Hippoli- to 3 s Hofe, und ein berühmter Improvisators ( lateinischer Verse) seiner Zeit. Ob aber Ariost hier unter dem Maron sich selbst verstanden und seinen Freund dieses Namens bei seinem Eigenlob nur dem Neid zum Schild habe vorhalten wollen , ist, dünkt mich , nichtso ohneZweifel wie Herr Heinse glaubt. — Andreas Maron Iiels sich, wie es scheint, sehr oft in der Sprache li.rgils zu Lob und Preis seines Herrn, des Kardinals , hören , um von ihm wenn auch mit keinen Gütern , doch wenigstens mit Brod *) begna- zu werden. Aber Hippolito achtete seine Verse so wenig und lielsihn in so schmerzlicher Armuth schmachten, dals Ariost nicht umhinkonnte, ihm seine Zauberin , die Patronin der Estenser,
*) 8. Tib. Claud. Donati Ep. de Vita Virgilii.
O ä l a ar » o.
r4®
zti Hülfe zu rufen. — Hippolito ward aber durch ihre feine und schmeichelhafte Fürbitte für ihn um nichts gebessert. Ariost räth seinem Freund daher *) falls es ihm um Lohn zu thun sey, sein Singen einzustellen und eine andere Kunst zu lernen, die Se. Eminenz besser zu schäzen wussten.
In der oben angeführten Satyre.
<
ORLANDO*
VIERTER GESANG.
*
r» sÖV*| '.;*'*<■ -
liiiV &«.. S*r»^>y!***.
>J. . ul yi
(Obgleich Verstellung stets getadelt worden, Und meistens auch ein schlechtes Herz verräth, So war sie doch in mehr als einem Fall Gewiss schon heilsam auch; denn “Schimpf und
Schaden
Und Mord ward oftmals schon durch sie verhütet, Nicht immer sind es Freunde ja , womit Wir um in diesem Erdenleben gelten ,
Das weit mehr dunkel ist als hell und voller
Neid.
z.
Kann itian nur kaum nach langer Prüfung
wissen,
Ob jemand wahrer Freund uns sey, so dass,
Von allem Argwöhn frei, wir unser Herz Ihm ganz eröffnen können: wie denn sollte Ihiggicro’ s schöne Freundin mit Brunelln ' Es halten, ihm , an dem, nach der Beschreibung Der Zauberin, nicht ein Haar von Wahrheit,
sondern
Der ganz aus Trug und List ge webet ist?
*44
Orlando.
8 .
Auch sie verstellet sich, — und also war’s Ihr Noth beim Vater der Betrügereien, —
Und hält, wie schon gesagt, die Augen stets Ihm auf die diebschen Hand’. Auf einmahl schallt Ein mächtiges Geräusch in ihre Ohren.
"Glorreiche Mutter! ” ruft die Jungfrau aus,
“ O Herr des Himmels! was wird das bedeuten!” Und läuft zu sehn woher der Lärm entstehe.
4 -
Sie sieht den Wirth mit allen seinen Leuten , Am Fenster die und jene vor der Thür,
S tarr auf gen Himmel schau’n , als wenn der Mond Verfinstert oder ein Komet erschiene.
Und sieh! ein grosses Wunder zeigt sich ihr, (Das manchem nicht sehr glaublich scheinen
dürfte) *
Sie sieht ein grosses Flügelpferd, auf dem Bewaffnet durch die Luft ein Ritter reiset.
5 .
Gross sind des Pferdes Schwingen und verschieden
Von Farbe, und der Mann auf seinem Ruhen
Vierter Gesang. i45
Bewehrt mit Stahl, der wie die Sonne leuchtet. Sein Flug geht abendwärts, bis er zufezt In dämmerndes Gebirg sich niedertaucht. “Wilst,’’ sprach der Wirth, (und es war keine
Lü ge)
Das ist ein Zauberer, der oftmahls hier Zu Lande weil und breit die Luft durchreitet.
6 ,
“Zuweilen fliegt er schier bis an die Sterne, Zuweilen hart am Boden hin. Da nimmt Er denn die schönen Jungfrau’n weg, so viel Ihm nah und fern nur zu Gesichte kommen; So dass die armen (sey’n in Wahrheit sie Nun, oder nur in ihren Augen schön ;
Denn jener stiehlt die einen wie die andern) Sich nicht mehr an das Licht der Sonne wagen.
7 -
“ Nun hat er auf den Pyrenäen sich Durch schwarze Kunst ein Schloss gemacht,
von Stahl,
Von schierem Stahl, so wunderschön und blank, Dass man auf dieser Welt nicht seines gleichen
fände.
K
Orlando I. B.
Orlando.
146
Viel Ritter schon sind da hinein gefahren, Allein der erste soll noch wieder kommen! Drum denk ich, lieber Herr, und fürchte sehr, Sie sind gefangen, wo nicht gar gemordet.”
8 .
“ Sehr lieb war dies der Jungfrau zu vernehmen ;
Denn sie versprach sich, und nicht ohne
Grund,
Mit jenem Wunderring dem Magier Sein Spiel zu legen und sein Raubnest zu zerstören.
"Gieb, sprach zum Wirthe sie," sogleich mir einen Knecht,
Der mit dem Weg nach jenem Schlosse wohl Bekannt, ist ; denn ich brenne vor Verlangen, Den Zauberer zum Kampf herauszufordern. "
9 -
“An Führer soll’s nicht fehlen dir," erwiedert
Brünett; "ich selbst will mit dir gehn; ich
habe
Die Strasse schwarz auf weiss, auch noch was
anders, -
Vierter Gesang. 147
Womit ich dir vielleicht willkommen bin. “
Er meinte seinen Ring, erklärte sich Jedoch nicht deutlicher, um nicht dafür zu
hülsen.
"Lehr lieb," versezt die Jungfrau, "wird mir
deine
Gesellschaft seyn!" — Dein Ring, denkt sie im Herzen.
10 .
So sagte ferner sie, was nüzen konnte,
Was aber nicht, das hielt sie wohl verschwiegen. Der Wirth besass ein Pferd, zu Kampf und Reise Gleich wohl geschikt; es war dem Fräulein recht; Sie kauft’s ihm ab und machte sich damit, Sobald der Morgen dämmerte, von danneh, Ihr Weg gieng durch ein enges Thal, wo sie Brunell’n hinter sich, bald vor sich hatte.
11.
Von Berg zu Berg, von einem Wald zum andern,
Gelangten sie zum Pyreiütengipfel,
Von wy, bei heitrer Luft, sich Frankreich,
Spanien,
Und zwei verschiedne Meergestade zeigen ; Wie das Sklavon’sche und Toscan’sche Meer
Orlando.
i43.
.Vorn Appennin unfern Kamaldoli.
Auf klippigen und sauern Pfaden stiegen Sie in ein tiefes Thal sodann hinunter.
12 .
In dessen Mitte hebt ein Fels sein Haupt, Mit einer schönen Mau’r von Stahl bekränzt, So hoch gen Himmel, dass die andern Höhen , rings
Zu seinem Fusse tief hernieder sinken.
Der, so nicht fliegen kann, versuche nicht hinauf Zu kommen; denn umsonst verschwendet wäre Sein Athem. "Sieh! " sprach jezt Brunell, "dort hält
Der Zauberer die Frau’n und Ritter' eingeschlossen.
ib.
Vierekig war der Felsen und gerade Wie nach der Schnur des Senkbleis abgehau'n; Auf keiner Seite sah man weder Steig Noch Treppe, um zu ihm hinauf zu gehen. Geschikt genug schien dieser Siz zum Nest Und zum Yerstek für einen Räubervogel.
Jezt dünkt’s der Jungfrau Zeit, des Zauberrings Sich zu bemeistern und Brunelln zu tödten.i
.Vierter Gesang.
i49
14. .<
Allein ihr edles Herz sezt sich dagegen, Sich mit dem Blut so eines unbewehrten Und schlechten Mannes zu besudeln, da Sie ohnediess in den Besiz des llings Sich sezen kann. Sie nimmt Brunellen, drum, Der gar nichts schlimmes sich versehen war, Beim Kopf, und bindet ihn 1 , nachdem sie ihm vorn Finger
j Deji Ring gezogen, fest an eine Fichte.
15.
Vergebens weint und fleht und ächzt und heult der Arme;
Nichts kann sie rühren, wieder ihn zu lösen. Dann reitet langsam sie das Thal hinunter,
Bis sie am Fuss des schroffen Felsen hält.
Hier stölst, voll Ungeduld sich mit dem Magier Zu schlagen, sie sogleich in’s Horn, und fordert Mit lautem Ruf und keken Drohungen,
Ihn drauf in’s Feld heraus zu einem Zweikampf.
16.
Kaum war ihr Horn erschollen und ihr Ruf, So kam der Zauberer aus seinem Thor Auf dem beschwingten Renner angeflogen, '
Orlando*
Ii5o
Zur Jungfrau hin,.die einem wakern Streiter Von Ansehn glich. Allein sein Anblik macht Ihr wenig Sorge ; nicht sehr furchtbar, glaubt Sie, sey ein Mann, der weder Speer noch Schwert,
Noch Keule führt, um ihr den Panzer zu
verlezen.
/ 17.
Zur Linken hatt* er nur den Schild, bedekt Mit dem gedachten Futteral von Seide,
Und in der rechten Hand ein Buch, womit Er lesend hohe Wunderdinge that.
So schien er oft die Lanze anzurennen,
Und mancher blinkte drum schon mit den Augen; Oft war’s als schlug’ er zu mit Säbel oder Keule, Wiewohl er fern und ohne beides war.
« »
18.
Allein sein Pferd war nicht ein Blendwerk, sondern
Von einem Greif erzeugt mit einer Mähre ; Dem Vater gleich an Federn und an Schwingen, An Kopf und Vorderfüssen und an Schnabel, An allen übrigen Gliedmassen seiner Mutter.
Vierter Gesan 1 g. i5r
Es nennt sich Hippogryf, dergleichen, doch nicht oft,
Von dem sehr weit davon gelegnen Eismeer In das rMische Gebirge kommen.
19.
Von daher zog er es durch Zauberei,
Und zähmt’ und richtete mit vieler Müh In einem Mond es so dann ab, dass es Mit Zaum von ihm sich reiten liess und Sattel. So trug es nun, gehorsam ihm, auf Erden Und in den Lüften ihn, wohin er wollte. IJiefs also war kein Luftgebild wie all Das andre, sondern wirklich und natürlich.
20.
Leer war und nichtig alles andre Werk Des Magiers, der schwarz als weiss erscheinen
machte.
Doch bei der Jungfrau half ihm seine Kunst Zu nichts, da sie ihr Ring vor allem Trug verwahrte.
Nicht desto minder schlägt sie in den Wind, Und tummelt 1 sich auf ihrem Rols nicht wenig
i5a
Orlando.
Umher; mit Einem Won, sie lässt, wie ihr Zuvor die Zauberin rieth, sichs herzlich sauer
werden.
21.
Und als sie sich ein Weilchen so zu Pferde Geübt, flieg sie herab, um den Process,
Nicht minder nach Empfehlung ihrer Freundin, Zu Fusse nun geschwinder zu beenden.
Ihr Gegner greift zum lezten Zauber izt, Wogegen er kein Mittel kennt noch ahndet; Er blölst den Schild, und zweifelt nicht, sogleich Durch seinen Bliz das Fräulein hinzustreken.
22.
Er konnte freilich, ohne erst die Ritter Viel aufzuhalten, ihn gleich Anfangs blossen; Allein er liess zu seiner Lust sie erst Mit Lanz’ und Schwert ein wenig um sich
fechten.
So pflegt der schlaue Kater gern ein Weilchen, Mit der gefangnen Maus herum zu scherzen,
Eh’ er, des Spiels und Zeitvertreibes satt,
Dem armen Thier den Todesbiss versezt.
Vierter Gesang. i 55 a5.
Dem Kater, sag’ ich, war der Zauberer zu
vergleichen,
Und einer Maus die Ritter, in den Kämpfen Bisher; allein nicht so war es, nachdem Die Jungfrau ihm mit ihrem Ring begegnet. Mit festem Blik und Geist war sie bedacht, Dass er ihr keinen Vortheil abgewinne ; .
Und als sie ihn den Schild entblössen sah,
Fiel mit gcschlossnen Augen sie zur Erde.
24.
Nicht weil der Strahl des leuchtenden Metalls Nicht minder ihr als Anderen geschadet;
Nein , sondern blos , damit der Magier, Hierdurch getäuscht, vorn Hippogryfo steige. Und wie sie wollte’ so geschah’s; denn kaum Liess sie ihr Angesicht zu Boden sinken,
So kam mit schnellem Flügelschlag der Flieger In weiten Kreisen aus der Luft hernieder.
Der Zauberer lässt zuriik in seine Hülle Gestekt den Schild am Sattel, steigt herab Und geht zur Jungfrau, die auf ihn, so wie
O R L A W B O.
1 r, 4
Im Busch der Wolf auf einen Relibok, lauert; Und als er nah genug ihr ist, so springt Sie hastig auf und pakt ihn bei der Gurgel.
Er hatte jenes Buch, durch das allein Er allen Krieg gemacht, beim Pferde liegen
lassen.
26.
Mit einer Kette nur kam er herbei,
Die er bei Kämpfen stets zu Handen hatte, Weil er nicht minder diesen Schampion Als alle vorigen zu fesseln glaubte.
Allein das Fräulein wirft ihn Itraks zu Boden, Und gern verzeih’ ich ihm, wenn er ihr unterliegt.
Zu übel scliikt sich ja ein schwacher Alter
Für eine Jungfrau , stark wie Bradamante.
\
27.
Schon bebt sie siegreich ihre Hand, um ihm Den Kopf sogleich von seinem Rumpf zu
schlagen;
Doch schnell, indem sie in’s Gesicht ihm schaut, Hält sie den Streich zurük, so niedre Rache Verschmähend. Sie erblikt in dem Bezwungnen
einen
i55
Vierter G e s a x o.
Ehrwürd’gen Greis mit hochbetrübter Miene. Sein weisses Haar, sein Antliz voller Runzeln Zeigt ihr ein Alter an von siebzig oder aclizig.
28.
“Nimm, junger Mann ! " so sprach voll Zorn
und Unmut!f
Der Negromani , " bei Gott, nimm mir das
Leben! "
Allein so gern er es verlieren möchte,
So sehr sträubt sich ihr Herz es ihm zu nehmen. Sie fragt, verlangend zu erfahren wer Der Zauberer sey, zu welchem Zwek er sich Die Felsenburg in dieser wilden Gegend Erbaut und alle Menschen so befeinde.
29.
" Ach! “ sprach der alte Mann mit Thränen,
" nicli t
Aus böser Absicht hab’ ich auf dem Felsen Das schöne Schloss gebaut, noch reizt zum Rauh Mich Habgier; nein, nur Liebe ist’s, die mich Dazu vermag, um einen edlen Ritter Vorn Unglük, das ihm dräut, zurük zu halten. Er soll, wie mich der Himmel lehrt, als Christ In kurzem durch Verrät her - Hände fallen.
O R t A N B O.
i56
3o.
" Vorn Südpol bis zumNordpol sieht die Sonne Nicht einen Jüngling mehr, so gut, so scflön,
so herrlich.
Er heisst Ruggier. Von frühster Kindheit an Erzog ich ihn. Ich bin Atlant. Begierde Nach Iluhm nicht minder als sein böser Stern Hiess ihn nach Frankreich Agramanten. folgen; Und ich, der immer mehr als Sohn ihn liebte, Luch' ihn aus Frankreich und aus der Gefahr
zu ziehen.
3i.
"Nur um Rüg giern in Sicherheit zu halten Baut’ ich die schöne Festung, denn ich nahm Unlängst gefangen ihn, so wie ich auch Gefangen jezo dich zu nehmen dachte.
Auch hab’ ich, wie du seh’n wirst, Frau’n
und Ritter
Und ander Edelvolk im Schloss versammelt, Damit durch Scherz und muntere Gesellschaft Ihm die Gefangenschaft erleichtert werde.
3z.
"Kein Wunsch, den abgerechnet, aus der Burg Zu gehn, bleibt ihnen ungewährt; ich sorge
Vierter Gesang. i5/
Für alle Lust, soviel in allen Enden DerWelt nur auszutreiben : Speise , Kleidung, Gesang, Musik und Tanz und Spiel, mit
Einem Wort,
JJhzs nur das Herz erdenken und der Mund Begehren kann, ist alles dort vereint.
Schon grünte meine Saat, schon hofft’ ich
schöne Früchte;
Allein du kamst mir alles zu zerstören.
53 .
" Ach! gleicht an Schönheit deine Seele deinem Gesicht, so hindre nicht mein gutes Werk ! Nimm meinen Schild! Nimm auch mein Flügelpferd !
Ich schenke beide dir. Nur lass im Schloss Mich ferner walten. Nimm dir einen Freund Daraus noch mit; nimm ihrer zwei: doch lass Die Andern dort. Ja, nimm die Andern alle: Nur lass Ruggieren mir, Rüg gieren lass mir
einzig!
34 .
"Doch ist’s dein Willen, ihn auch mir zu
nehmen,
So löse mindstens, eh du ihn nach Frankreich
\
1.58 O R L A Is I) O.
Zurüksührst, diese leiden volle Seele Von ihrer morschen, abgestorbnen Hülle! " — “ Rüg gier will ich erlösen! “ sprach die Jungfrau; “ Was kümmert mich dein eiteles Geschwuz! Doch sprich mir nicht vorn Schenken jenes
Schild’s
Und Pferdes; denn sie sind nicht Dein mehr,
sondern Mein,
35.
"Mich würd' ich, könntest du sie noch geben oder nehmen,
Mit Richten zu dem Tausche mich verstelln. Um ihn vor seinem Unstern zu verwahren, Hältst du Ruggiern gefangen? —Thor! du kennst Entweder nicht des Himmels Willen , oder Magst ihm, wenn du ihn kennst, nicht wehren.
Aber siehst
Dein nächstes Unglük du so schlecht, so möchtest Du schlechter noch des Andern Zukunft sehen.
36.
"Begehre nicht von mir den Tod, ich gebe Ihn nimmer dir; doch ist’s um ihn dir Ernst,— Ein starkes Herz weiss, wenn ihm alle Welt Den Tod versagt, ihn selber stets zu finden.
Vierter Gesang. i5j
Doch eh du deine Seele von den Banden Des Fleisches trennst, so stelle die Gefangnen Auf freien Fuss!“ — Mit diesen Worten kehrt Die Jungfrau sich mit dem Atlant zum Felsen.
37 -
Atlante ging, mit seiner eignen Kette Gefesselt, ihr voraus; denn so auch traute Sie kaum dem Zauberer, wie ganz entfnuthet g Er auch von Anseiln schien. Sie waren nicht Viel Schritte fortgewandelt, als am Fuss Des Felsens eine Öffnung ihnen sich Und Treppe zeigte, die, empor sich windend, Sie auf zum Vorderthor des Schlosses führte.
38.
Hier wälzt Atlante einen Stein, bemalt Mit wunderlichen Zeichen, von der Schwelle, Worunter sich Geschirre finden, Ollen Genannt, die immer voll geheimen Feuers
dampften.
Der Zauberer zerschellt sie, und im Nu Steht leer der Fels und wild und unwirihbar; Nicht Mauer mehr noch Thurm sind wo zu sehn, Als wenn dort nie ein Schloss gestanden wäre.
Zugleich entwischt’ Atlante Bradamanten, Wie oft der Gimpel aus dem Garn , und liess Auf freiem Fuss die adaliche Gesellschaft,
Die er gefangen in der Burg gehalten.
Auf einmahl sahn die Frau’n lind Ritter sich In offnes Feld versezt aus ihren Zimmern. Doch manche freuten dess sich nicht im Herzen, Denn ihnen nahm die Freiheit viele Lust.
40.
Dort ist Gradasso, SakriparUe dort, Prasildo ebenfalls, der edle Ritter,
Der dem Rinaldo von Kata'i folgte,
Mit ihm Jrold, — ein Paar von wahren Freunden! Die schöne Jungfrau findet endlich auch Thtggiercn dort, den Liebling ihres Herzens, Der, als er sie von Angesicht erblikte,
Mit grosser Freude sie willkommen hiess.
4 --
Er, der sie mehr als seine Augen liebt, Mehr als sein Herz, mehr als sein eignes Leben, Seit jenem Tage, da sie seinethalb Enthelmte sich und drum verwundet wurde; Wie und vorn wem, und wie sie dann im wilden
Vierter Gbsang. 16t
Und öden Forst sich Tag und Nacht gesucht. Und eher nicht als jezt sich angetroffen,
Das wäre viel zu lang hier zu erzählen.
4 a ‘
Jezt, da Ruggier die Jungfrau sieht, und wohl Begreift, dass sie nur ihn. befreiet, ist Sein Herz so wonnevoll, dass er sich selig, Den seligsten der Sterblichen sich preiset.
Sie stiegen drauf den Berg hinab ins Thal,
Wo Bradamante den Atlant besiegte,
Und fanden dort den Hippogrifo noch,
Und jenen Schild verhüllt an seiner Seite.
43 .
Das Fräulein geht, beim Zügel ihn zu nehmen; Er wartet bis sie ihm auf ein paar Schritte Genaht; dann schwingt er auf sich durch die Luft, Und sezet sich auf einen nahen Hügel.
Sie läuft ihm nach; er fliegt nicht mehr nicht
minder ,
Von neuem auf und lässt sich unfern nieder. So pflegt die Kräh’ am sandigen Gestade Den Hund bald hier bald dort sich nach zu leiten. Orlando /. B. L
O R X, A S D ©
l6z
4 4 -
Ruggier, Gradasso, Sakripant und alle Die Ritter, die zugleich in’s Thal hinab Gestiegen, stehn, auf Höhen, die und jene In Tiefen, um den Flieger aufzufangen.
Doch Hippogryfo fuhrt die guten Ritter Vergebens viel umher auf Felsengipfel Und in morast’ge Gründe, bis er sich Am Ende bei Ruggieren ruhig sezt.
' . 45 ."
Ein neues Werk des alten Zauberers,
Den seine Zärtlichkeit beständig treibt, Ruggient Dem Ungliik, das ihm drohet’ zu entziehen. Hierauf allein bedacht, hierum allein bekümmert, Schikt er ihm jezt den Hippogryfo zu,
Um so ihn aus Europa zu entführen.
Ruggiero nimmt beim Zügel ihn, um sich Ihn nachzuziehn; allein er steht und will nicht
folgen.
46 .
Er springt hierauf von dem Frontin (so nannte Sein» Reitpferd sich) und sezt sich unverzagt Aufs andere, das durch die Lüfte geht,
Vierter G « s a n o.
i63
Und reizt sein stolzes Herz ihm mit den Sporen. Der Flieger läuft ein Strekelten, dukt sich dann, Und schwingt sich zu dem Himmel auf, weit
leichter als
Der Geierfalk, indem sein Meister ihm Das Läppchen nimmt und ihm den Vogel weiset'
47-
Die schöne Jungfrau kam, da mit so grosser Gefahr sie ihren Ritter in die Luft Getragen sah, so ganz von Sinnen, dass sie erst Nach guter Weile wieder sich erhohlte.
Dann fiel ihr ein, er könne wohl das Loos Des Ganymed erfahren, der zum Himmel Vorn Ida aufgenommen; da Ruggier Nicht minder schön und fein als Ganymedes sey.
48.
Sie folgt mit starrem Blik gen Himmel ihm, Solang er ihr noch sichtbar ist; und da Ihr Auge ihm nicht weiter folgen kann,
Folgt sie ihm immer noch mit ihrer Seele.
Sie seufzt indess und ächzt und weint, nichts kann, Nichts soll sie auch beruhigen und trösten. Schort lange war Ruggiero ihr verschwunden? Als sje ihr Aug’ auf den Frontino wandte.
Orlando.
164
49-
“Nein!“ sprach sie, “du sollst nicht dem
ersten besten
Zur Beute bleiben! “ und so nahm sie ihn Mit sich, um seinem Herrn, den doch sie wieder Zu sehen sich verspricht, ihn aufzuheben. — Der Flieger schwang sich mächtig auf; ihn konnte Raggier nicht zügeln. Unter ihm versank Der höchsten Berge Haupt; die Höh’n und Ebnen .Verschmolzen sich und schwanden seinem Atige.
5o.
Als endlich er dem Blik auf Erden nur Ein kleiner Punkt noch schien, so nahm der
Flieger
Den Weg nach jener Himmelsgegend, wo Die Sonne sinkt, wann sie im Krebs sich dreht. Schnell, wie die leichte Bark im Hauch des Windes Hin über’s Meer, so flog er durch die Luft. Wir lassen ihn, — er ist auf gutem Wege! — Und wenden üns zum Paladin Rinaldo.
5r.
Rinaldo irrte schon zwei Tage lang Vorn bösen Sturm gejagt auf weitem Meere,
Bald wes t - und nordwärts bald; denn rastlos tobten
Vierter Gksakg. i65
Die Winde fort bei Nacht so wie bei Tage.
Am Ende sieht er sich an Schottland hingeworfen, Da, wo der grosse Kalidoner - Forst Sich zeigt, der oft in alter Eichen Dunkel L Vom kriegerischem Waffenklang erhallt.
52 .
Denn ihn durchziehn, sowohl von nahen
Landen
Als fernen, die berühmten fahrenden Ritter Von Schottland, Engelland, Norwegen, Frankreich
Und Deutschland. Wer nicht grosse Tapferkeit Besizt, der hüte sich hinein zu gehen:
Er würde Tod statt Ehre nur gewinnen.
Viel grosser Dinge thaten in dem Wald Einst Sirbus , Lancelot, Trist an , Gawin,
Galasso.
55-
Und andre mehr der weltbekannten Ritter Der alten und der neuen Tafelrunde.
Auch fanden sich von ihren Thaten viel Denkmähler noch und prächtige Trofäen. Rinaldo steigt bewaffnet alsobald Und mit Bajarden an das schatt’ge Ufer,
i66
O R Ii A N B O.
Und heisst den SchifFspatron von hinnen sich Nach Bervrik Spriten und ihn dort erwarten.
54 .
Dann macht er ohne Knappen und Gefährten Sich in den ungeheuern Wald, und nimmt Bald diesen Weg, bald jenen, wo er eben Die besten Abenteu’r zu finden denkt.
Am ersten Tage noch gelangt er an ein Kloster, Das einen guten Theil von seiner Habe An Frau’n und Ritter, die des Weges gehn,
In seinen saubern Wohnungen verspendet.
' 55 .
Rinaldo wird von Abt und Mönchen freundlich Empfangen. Er erkundigt sich sodann, — Nachdem an ihrem wohlbesezten Tisch Er sich’s vortrefflich hatte schmeken lassen:
Auf welchem Weg zu Lande dort bisher Von Rittern Abenteu’r gefunden seyen, . Worin durch Heldenthat man seinen Werth Und seine Tapferkeit bewähren könne.
56 .
Und sie erwiedern ihm: man könne irrend Im wilden Forst auf seltne Abenteuer
I
Vierter Gesang. 167
In Menge Stössen; doch so'wie die Lohten, blieben Die Thaten meistens auch gehüllt in Dunkel. “Geh; “ sprachen sie, “du dahin, wo du weist. Dass deine Thaten sichtbar sind, damit Der Müh und der Gefahr, die du bestanden t Der wohlverdiente Lohn und Nachruhm folge!
57.
“Wenn du von deiner Tapferkeit Beweise Zu geben wünschest, so erwartet eben dich Die würdigste von allen Ritterthaten,
Die je, in alter und in neuer Zeit,
Vollführet sind. Die Tochter unsers Königs Bedarf des Schuzes eines Tapfern izt,
Da ein Baron, Lurkan mit Namen, sich Beeifert, Ehr’ und Leben ihr zu nehmen.
58 .
“Lurkano hat beim Vater sie verklagt, (Gewiss aus Hass und ohne Grund) er habe Um Mitternacht sie einen Buhlen sich Hinauf zu einem Erker ziehn gesehen.
Des Reichs Gesez verurtheilt sie demnach
\
Zum Feuer, wenn sich binnen einem Mond, Der Morgen schon verstreicht, kein Ritter findet, Der den boshaften Kläger Lügen strafe.
168
O K I> A R B «.
69 -
" Ja, zu demTodverurtheiltSchottlands hartes, Barbarisches Gesez ein jedes Fräulein,
Wels Standes auch, die einem Mann, den sie Gemahl nicht nennt, in Liebe sich ergeben,’ Und dels beschuldigt wird; und nichts vermag Sie zu erretten, wenn kein braver Streiter Zu ihrem Beistand kommt, und ihre Unschuld Und ihre Ehre ritterlich erweist.
60.
"Der König, voller Herzleid um die schöne Ginevra , (also nennt sich seine Tochter)
Hat weit und breit in Städten und in Burgen Bekannt gemacht: wer sie vertheidigen Und der Verlautn düng Schande tilgen werde ; Der solle (falls er nur ein Edler sey)
Sie zum Gemahl nebst einer Mitgift, ihrer Geburt gemäss, zum Lohn von ihm erhalten.
6i.
"Doch kömmt in einem Mond für sie kein
Ritter, oder
Siegt er nicht, wenn er kömmt, so wird sie
hingerichtet.
Vierter Gesang.. 169
Ein solches Unternehmen ziemt dir besser Als auf gut Gliik herum in Wäldern irren.
Denn ausser, dals dich Ehre hier und Ruhm, Die ewig dich verherrlichen, erwarten,
Gewinnst du auch die schönste aller Damen , Die sich vorn Indus bis zu Herkuls Säulen finden.
62.
“ Zudem ein Land und einen Schaz, die stets, Ein sehr vergnügtes Leben dir versprechen;
Und auch des Königs Gunst, wenn seine Ehre. Wie abgeschieden jezt, durch dich von neuem lebt Doch schon als Ritter bist du ja verpflichtet, Qenevren für den schändlichen Verrath Zu rächen, sie, die der gemeine Glauben Ein Muster jungfräulicher Keuschheit nennt."
' 65 .
Rinaldo stand ein Weilchen in Gedanken, Und sprach sodann: "Wie? darum, soll ein
Mädchen
Des Todes seyn, weil sie in ihren Armen Die Gluth des Liebenden ein wenig sich Verlüften liess? —Verwünscht, wer solchGesez Gemacht! verwünscht, wer es erduldan konnte-
/
170
O R L A N D O.
Mit Recht stirbt eine Gransame, nicht die,
So treuen Liebenden das Leben schenket!
64.
“Mag die Prinzessin ihren Freund zu sich Hinauf gezogen haben oder nicht,
Das gilt mir gleich! Ich würde hoch sie loben, Wenn sie’s gethan; nur hätt’ es nicht verlauten
sollen !
Mein ganzes Herz kehrt sich zu ihrem •Schuz; Auf! gebt mir einen Knecht, der gleich zum Kläger Mich führe! denn mit Gottes Hülfe will Ich bald aus aller Noth Ginevren ziehen.
65 .
“Zwar will ich nicht, dass sie es nicht gethan, Behaupten; denn ich könnte Unrecht haben, Da ich’s nicht weiss: doch J/z.t will ich behaupten, Dass sie um solch Begehn nicht strafbar sey; Behaupten, dass, wer so ein unnatürlich Statut gemacht, gottlos, wo gar nicht toll gewesen, Und solches deshalb gleich zu wiederrufen Und ein verrtünftigers dafür zu geben sey.
Vierter G e s a k r>.
“Wenn gleicher Trieb, wenn gleiche Leidenschaft
Das Weib so wie den Mann zum süssen Ziel Der Liebe neigt und treibt, — dem blöden Wahn Ein gross Vergehn: warum wird denn das Weib Gescholten und gestraft, wenn sie mit Einem, —
oder
Mit Mehrern auch, begangen, was der Mann Ja mit so vielen er nur will begeht,
Und dafür Strafe nicht, nein Ruhm davonträgt?
. V 67.
"Ja! offenbares Unrecht ist den Frauen In dem partlieyischen Gesez geschehn.
Wohlan! ich will mit Gott den Leuten zeigen, Wie schlecht es war, so lang’ es zu ertragen!" liinalden stimmten Abt und Mönche bei,
Dass gegen alles Recht und Pflicht, die Alten
solch Gesez
Genehmigt, und es nicht vorn König löblich sey Bei seiner Macht dem Unbill nicht zu steur’n
68 .
Als drauf das Morgenroth des andern Tages Die Hemisfär’ eröffnete, so nahm
/■%
17a Orlando.
1
Rinaldo seine Waffen und sein Pferd,
Und machte sich mit einem Waffenträger Aus der Abtey auf seinen Weg. Sie reifsten Viel Meilen weit im schauerlichen Wald Hin zu der Stadt, wo der Prinzessin Sache Dem Tage der Entscheidung sich genaht.
69-
Und um den Weg sich abzukürzen, ritten Sie statt, des offnen Weges einen Steig,
Als plözlich rings herum ein lauter Jammer Den Forst erfüllt. Rittaldo spornt sogleich Bajarden, seinen Gaul der Knappe, zu dem Thal, Woher das Schrein zu tönen scheint; und siehe! In zweier Räuber Hand zeigt ihnen sich Ein Fräulein, das sehr schön von ferne schien.
7 °.
Wiewohl sie so verweint und angstvoll war, Als je ein Fräulein auf der Welt gewesen. Schon steh’n die Räuber mit gezüktem Dolch, Um gleich das Gras mit ihrem Blut zu rothen, Indess sie flehend sie zu rühren sucht,
Den Todesstreich zum mindsten zu verzögern. Kaum wird Rinaldo dess gewahr, so sprengt Mit mächtigem Geschrei und Drohen er dahin.
Vierter Gesang.
71.
Das Mörderpaar nimmt straks, da es den Ritter Herbei zu Hülfe kommen sieht, die Flucht, Um in das tiefe Thal sich zu verstehen- Rinaldo lässt sie flieh’n, naht der Jungfrau, Erkundigt sich, wodurch sie solcher Strafe Sich ausgesezt, undläfst, um Zeit nicht zu verlieren, Von seinem Knappen hinter sich auFs Kreuz Sie heben, und kehrt dann zu seinem Weg zurük.
72.
^ Jezt sieht er erst bei näherer Betrachtung, Wie schön sie sey und von wie feiner Sitte; Obgleich der Schreken vor dem Tode noch Ihr in Gesicht und allen Gliedern bebte.
Und als er drauf von neuem sie befragt,
Was sie in solch unselig Loos gesezt,
Beginnt in mattem Ton die Jungfrau zu erzählen, Was ich zum folgenden Gesang verspäte.
ANMERKUNGEN.
S t a n z e 62 — 53.
Merlin schuf durch seine magische Kunst einen Tisch, die runde Tafel genannt, der die Eigenschaft hatte, dass er nur die tapfersten Ritter an sich aufnahm, alle andre hingegen, wenn sie sich vermessen wollten Plaz an ihm zu nehmen, durch einen Donnerschlag von sich zuruk warf. Merlin schenkte ihn dem Uter Pandragon, der (er herrschte, nach den alten Romanen der Tafelrunde, um die Mitte des 5ten Jahrhunderts über Großbrittannien) hierauf, in seiner Residenz Karduel, die berühmte Ritterschaft der Tafelrunde stiftete. — Als König Uter wenig Jahre nachher, mit fast allen seinen Rittern in einer Schlacht mit den Sachsen (Sesnes) geblieben war, liess Merlin den Wundertisch von seinen Geistern zum Lao- dogon, König von Karmelide (in Schottland) tragen, der ihn in Verwahrung behielt, bis Artus, Uters Sohn, die Sachsen vertrieben, viele Eroberungen gemacht und Laodogons Tochter, die schöne Genievre , geheyrathet hatte; worauf der Zauberer die runde Tafel wieder nach Karduel versezte.
Orlando. Viert. Gesang. i—5
Artus, oder Artur, wurde vorn Ute/ Pan- dragon mit der Ygarne, Gemahlin des Herzogs Tainiiel von Korawallis, auf ähnliche Art erzeugt, wie Herkules vorn Jupiter mit der Alhnene. Merlin nemlich gab dem Uter die Gestalt des Tainticl, und führte ihn so eines Abend s, da eine Fehde den Herzog von Hause entfernt hielt, in die Arme der schönen Ygarne; worauf König Uter, ohne eine , dreimahl verlängerte Nacht nöthig zu haben, einen Held erzeugte, gegen dessen Thaten die Thaten des Herkules nur Kinderspiele sind. — Artus erneuerte, nachdem Merlin die runde Tafel nach Karduel zurük gebracht hatte, die Ritterschaft derselben, unter Gesezen, die das Evangelium aller nachfolgenden Ritter wurden. — Hiess ist die neue, jene vorn Uter gestiftete, die alte Tafelrunde.
Lancelot von Benoik und Tristan von Leonnois waren die tapfersten und schönsten Ritter der Tafelrunde. So berühmt wie die Liebe des erstem mit Genievren, der Gemahlin des Artus, ist auch die des leztern mit der schönen Ysault (Isotta), der Gemahlin des Königs Mares von Kornwalles. Auch waren beide Ritter herzliche Freunde und Waffenbruder, so wie die Königinnen, ihre Geliebten, die zärtlichsten Freundinnen. — Von ihren Geschichten, die gewiss die interessantesten von den Romanen der Tafelrunde sind, finden sich Auszüge in der Bil/liothe/jue universelle des Roman s,
i
Orlando.
17Ö
Galasso, oder Galaad, war ein Solm Lan- celots, der ihn wider seinen Willen mit der Tochter eines gewissen Königs Perles zeugte. Diesem war nemlich in einem Traum offenbart worden, seine Tochter werde, wenn Lancelot sich bewegen lasse eine Nacht bei ihr zu schlafen, einen Sohn empfangen, der alle die Eigenschaften besizen werde, die zur Eroberung des Suint - Grdaal , d. i. des Napfes, aus dem Jesus am Gründonnerstag mit seinen Jüngern als, erforderlich seyen; eine Unternehmung, wozu sich Artus mit seinen Rittern verlobt hatte, und die von ihnen bisher vergebens versucht worden war, weil es ihnen an einer der hiezu nöthigen Eigenschaften fehlte, — einer reinen Junggesellenschaft in einem Alter über zwanzig Jahre. — Als Lancelot daher auf einem seiner Züge beim König Perles einsprach, bot dieser ihm seine Tochter an. Aber Lancelot war durch nichts zu bewegen, eine Untreue gegen seine geliebte Genievre zu begehen. Die Prinzessin gab ihm deßhalb einen Liebestrank ein, und dieser machte sie zur Mutter des berühmten Eroberers des Saint-Greaal, Galaad, der Junggeselle (le V^ierge) zubenahrnt.
Gawin (Gauvain) war ein Sohn Loths , Königs von Orhanien. Seiner ist schon in einer Note beim ersten Gesang gedacht worden.
ORLANDO.
FÜNFTER GESANG.
Orlando I. B.
M
Tf ^M-
l
-I
|
l
n
Q
ifi ’. A J
er
.r> ETA
' -v -
■"i
V-
s
%
X.
Die andern Thiere all’ auf Erden leben In Ruh und Frieden mit einander, oder, Wenn sie in Streit und Krieg gerathen, führt Ihn niemahls doch das Männchen mit dem
Weibchen.
Furchtlos irrt in dem Wald die Bärin mit dem
Bären;
Zum Löwen strebt die Löwin traulich sich; Dem Wolfe folgt die Wölfin unbesorgt;
Die Kuh lebt ungefährdet mit dem Stiere.
2.
Durch welche Pest, durch welchen Höllengeist Ist denn das Herz der Menschen so entsezlich Zerrüttet worden, dass sich Mann und Weib Beständig streiten, keifen, sich das Haar Ausraufen, das Gesicht zerkrazen, braun und blau Sich schlagen, und das eheliche Bett Mit Thränen baden, und mit Thränen nicht allein, Von Zorn bethört, zuweilen, gar mit Blut?
i
Der Mann, der sich erfrecht, ein schönes Weib Zu schlagen, oder ihr ein Härchen nur zu
krümmen,
Scheint mir nicht nur sehr schlecht zu handeln*,
sondern
Selbst gegen die Natur und Gott zu frefcln. Doch wer sie gar vergiftet, oder ihr Mit Messer oder Strik das Leben raubt,
Den werd' ich ewig nicht für einen Menschen
halten:
Ein Teufel ists in menschlicher Gestalt!
4 -
Dergleichen mussten die zwei Mörder seyn^ Die Aymcms Soljn von jener Jungfrau jagte, Die sie in ein so finstres Thal geführt,
Um unbemerkt das Leben ihr zu nehmen.
Ich liess vorhin die Schöne, da sie eben Den Paladin, der ihr bereits gewogen war, ,Von ihrem Unglück unterrichten wollte. Wohlan! ich fahre fort in der Geschichte.
5 .
“Du wirst,” begann sie, "eine Grausamkeit Ei fahren, grösser, schreklicher als je
Fuitfter G f s a n g.
iSt
In Theben, Argos und Mycene, oder Wo grölsre Greuel noch geschehn, begangen
worden;
Und wenn die Sonn’ in ihrem Kreislauf minder Sich uns als andern Ländern naht, so ist ’s Glaub’ ich', weil ihr vor einem Volke graut, Das gegen die Natur so grausam frefelt.
6 .
"Von Barbareien gegen Feinde hat Man zwar aus aller Zeit Exempel; Saber Den, der dich stets nur zu beglüken strebt, Zu morden, das ist gar zu bös und ruchlos. Ich will, um dir den Grund vollkommen [zu
entdeken,
Warum ganz unverdient mein grünes Alter So grausam abgeschnitten werden sollte,
Vorn Ursprung an die Sache dir erzählen.
7 -
"Vernimm demnach, mein Herr, ich kam
sehr jung
In Dienste bei der Tochter unsers Königs, Wuchs mit ihr auf und stand bei Hofe lang In grossen Ehren. Doch, mein gliiklich Loos Beneidend, lokt mich armes Mädchen Amor,
ö n ii Ä w n o-
i8a
Der Grausame, in seine Schling’; er machte,
Dass mir der Herzog von Albanien
Der schönste schien von allen Herrn und Rittern
8 .
"Und weil er mich gar sehr zu lieben schwur» Verliebt’ ich mich in ihn von ganzem Herzen. Man hört die Rede, sieht die Miene wohl, Allein das Innre lässt sich schwer erkennen.
Ich glaubte, liebte, ruhte eher nicht,
Bis mir der Herzog in den Armen lag.
Mir fiel dabei nicht ein, dass wir uns just Im heimlichen Gemach Gincvra s fanden ;
9 -
“Worin sie ihre Kostbarkeiten hatte,
Und wo sie auch die Nacht gewöhnlich schlief. Man kann von da auf einen Erker treten,
Der von der Mau’r heraus in’s Freie geht.
Da liess, so oft nach dem Geliebten mich verlangte, Ich ihn herauf; ich schikte ziemlich eine Strikleiter von dem Erker ihm herab,
Und zog ihn so hinauf in meine Arme.
’ o
Fünfter Gelang.
iSS
10.
“ Und diefs geschah nicht selten, Dank
Ginevren,
Die oft ihr Nachtquartier veränderte,
Bald um der Sommerhize zu entgehn,
Bald um. die böse Winterluft zu meiden.
Doch niemals ward bei'm Auf- und Niedersteigen Mein Freund geseh’n; denn jener Theil des
Schlosses
Liegt nach verfallnen Hütten zu, wo nie Bei Tage noch bei Nacht ein Mensch passiert.
11.
" So sezten wir viel Tage und viel Monde Stets unbemerkt das Spiel der Liebe fort;
Und immer wuch’s die Lieb’, ich mindstens ward So ganz von ihr entflammt und so verblendet, Dass ich nicht sah, wie wenig, unter’m Schein Von vieler Liebe, er mich wirklich liebte;
Ob sein Betrug durch tausend Zeichen gleich Mir offenbar verrathen werden muhte.
12 .
"Doch bald bekannt' er seine neue Lieb« Zu der Prinzessin mir, ich weils nicht recht, Kam sie ihm jezt erst, oder hatte sie
i84 O r t a n n o.
Schon früher ihm das Herz -verwundet, Siehe, Wie schmählich er mit mir verfuhr, und wie Er meines Herzens sich bemeistert hatte,
Dass er die Liebschaft mir gestand, und sich
nicht schämte,
Dabei noch meinen Vorschub zu begehren.
i3.
war sagt er mir, er liebe die Prinzessin Mit Richten so wie mich, nicht wahrhaft, sondern Er stelle sich allein für sie entbrannt,
In Hoffnung zum Gemahl sie zu bekommen. Vorn König werd' er sie sehr leicht erhalten, Wofern er ihre Neigung nur gewinne;
Denn nach dem König sey im ganzen Reich Ihm niemand gleich an Abkunft und Vermögen.
14.
"lind wenn es ihm durch meinen Beistand
glühe,
Zu seines Herrn Eidam sich zu machen,
So werd’ er (da, wie sich leicht sehen lasse,
Er dann der erste nach dem König sey)
Mich auf das herrlichste dafür belohnen,
Und solchen Dienst mir nie vergessen; ja,
Fünfter Gesang.
185
Er wolle mich noch mehr als seine Frau Und jede andere beständig lieben.
15.
"Ich, stets beeifert nur ihm zu gefallen,
Ich konnte, wollte nie ihm widersprechen.
Nur dann fand sich mein Herz befriediget, Wenn ich sein Herz durch mich befriedigt wusste . Drum war ich bei Ginevren stets bedacht,
Von ihm zu sprechen und ihn hoch zu loben, Und sparte keine Müh und keine List ,
Um die Prinzessin ihm geneigt zu machen.
16.
" Ja, Herr! von Herzen und nach allen Kräften That ich mein möglichstes; doch alles war Verlorne Müh’; Ginevren. liess durch nichts Sich rühren, ihre Gunst ihm zuzuwenden. Allein wie konnt’ es anders seyn? Sie liebte Bereits mit ganzer Seele einen feinen Und schönen und sehr edlen Kavalier,
Der einst von weitem her nach Schottland kam.
• I 7-
"Von Welschland kam mit einem jungen
Bruder
Vor dem der Ritter her an unsern Hof.
O R L A Ss TJ O.
18G
Und ärndete so vielen Wasfenruhm,
Als kein brittan’schcr Krieger sich erworben.
Er ward des Königs Liebling, und erhielt'
Von ihm viel Schlösser, Güter und Vogteien Von grossem Werth, so dass er mit den grössten Baronen unsers Reichs auf gleichem Fusse stand.
18.
"Sehr werth war Ariodant (so hiess der Ritter) Dem Könige, weil er an Tapferkeit Ein Wunder war ; doch werther noch Qinevren, Weil er, wie ihr bekannt, sie heftig liebte.
Sie wusste wohl, dass nie Vesuv und Aetna, Noch Troja ehmals von so grosser Gluth Entzündet war, als die, wovon das Herz Des Ariodant für sie vor Liebe brannte.
jg.
" Die wahre, zärtliche und treue Liebe Ciinei’ra's für den Ritter also war’s,
Die stets ihr Ohr für meines Herzogs Preis Verschloss und ihren Mund für jedes günst’ge
Wort.
Ja, je nachdrüklicher ich für ihn bat Und mich befliess in Gnaden ihn zu sezen,
Fünfter Gesang-.
187
Je tadelnswerter fand sie ihn, je mehr Schien gegen ihn ihr Herz sich zn erbittern.
20.
“lehnet dem Herzog mehr alsEinmal drum, Sein eitles Unternehmen aufzugeben,
Und nicht zu hoffen , dass sich ihr Gemüth , Zu sehr auf andre Liebe schon gespannt,
Je zu ihm lenk’; und stellte dann ihm klar Vor Augen, wie sie so für Ariodanten brenne Dass alle Flulh des Meers, ihr unermefslich Feuer Um keinen Funken nicht vermindern würde.
2t.
" Als Polinesso (also nennet, sich Der Herzog) dieses oft von mir gehört,
Und wohl begriffen und mit eignen Augen Gesehn, wie schlecht man ihm gewogen sey, Liess nicht allein sein Liebeseifer nach, —
Sein stolzer Sinn nahnvs auch so übel auf,
Sich einem Andern naebgesezt zu finden,
Dass er sich ganz in Zorn und Hass verwandelte.
22.
" Und nun fcrsann er einen Plan, die Herzen Der Liebenden durch solchen Zwist zu trennen,
0 B T. A W B O.
188
Und mit so bittrer Feindschaft zu entzünden. Dass nie sie wieder sich versöhnen könnten, Und die Prinzessin in die ärgste Schmach, Woraus sie selbst der Tod nicht ziehen sollte, Zu stürzen. Keiner, und ich selber nicht?, Erfuhr ein Wort von dem verruchten Plan.
23 .
" Als sein Entschluss gefasst, sprach er zu mir: Dalinda ., (dieses ist mein Name) wisse,
So wie der Baum zu wiederhohlten Mahlen, Wenn man ihn abgestammt, aus seiner Wurzel
schlägt;
So schösset auch mein leidiger Troz, wie oft Ihn widriges Geschik auch abgehauen,
Rastlos von neuem auf; er will zulezt Doch sein so sehr begehrtes Ziel erreichen.
24.
"Nicht um die Lust verlang’ ich es so sehr, 'Als weil ich gern im Kampfe siegen möchte; Und kann ich es in Wahrheit nicht, so sey’s Im Wahne nur! auch dies wird mich vergnügen. Drum, Liebchen, nimm, so oft ich dich besuche, Wann ausgezogen die Prinzessin sich
Fünfter Gesano. 189
Zu Bett gelegt, nimm dann dir ihre Kleider, Und thue sie von Stük zu Stük dir an.
25 .
“Doch sorge wohl, in Puz, in Tragung
ihres Haar»
Sie nachzuahmen, kurz, so sehr als möglich Sie selbst zu seyn. Komm so auf unsern Erker Und lass die Leiter mir herab. Ich steige Dann zu dir auf, einbildend mir, du seyst Die selbst, in deren Kleidern ich dich sehe. Durch diesen Selbstbetrug hoff’ ich, mich nach Und nach von meiner Leidenschaft zu heilen.
26.
“ So sprach der Herzog. Ich, von Liebe
ganz verrükt
Und ausser mir gesezt, ich merke nicht,
Dass das , warum er mich so dringend bat, •
Den nur zu deutlichen Betrug bezweke.
Ich lasse, in Ginevrcis Tracht, die Leiter Vorn Erker jezt wie sonst zu ihm herab,
Und denke mir dabei nichts Arges, bis Dadurch sehest alles Unheil angerichtet.
i£)st Orlando
27 -
“Der Herzog hatte mit dem Ariodant Indessen ein Gespräch gehabt. Sie waren, Sehr grosse Freunde, eh zu Nebenbuhlern Die Liebe zur Prinzessin sie gemacht.
Es nimmt (so hub der Herzog an) mich Wunder, Für alle Lieb’ und Achtung, die ich stets Yor allen meines gleichen dir erweis Mich jezt von dir so schlecht belohnt zusehen.
28.
"Ich weiss, dir ist sehr wohl bekannt, wie
lang
Ich mit Ginevren schon in Liebschaft stehe, Und wie ich eben auf dem Punkte bin,
Sie zum Gemahl vorn König zu empfangen. Was störst du also mich ? was will dein Herz Sich länger noch vergebens nach ihr sehnen? Bei Gott! ich wusste besser dich zu schäzen, Wenn du an meiner Statt und ich an deiner
wäre! "
29.
“Und ich,” erwiedert Ariodant, u verwundre Mich mächtig über dich und deine Rede,
i
Fünfter Gesang.
Da ich Qinevren schon geliebt, bevor Mit deinen Augen du sie noch gesehen.
Ich weiss, dir ist sehr wohl bekannt, dass wir Einander mit der höchsten Inbrunst lieben: Und mein Gemahl nur will und mag sie werden; Auch weisst du sicher, dass sie dich nicht liebt.
So.
" Warum versagst du also mir die Achtung, Die unsre Freundschaft heischt, und du von mir Verlangst, und ich dir herzlich gern erwiese, .Wenn du an meiner Statt und ich an deiner
wäre?
Ich hoffe sie so gut wie du zur Frau,
Seyst du an Gut mir auch hier überlegen. Nicht minder wohl als dir will mir der König; Doch mehr als dich liebt mich des Königs Tochter.”
3i.
" Oho! " rief Polinesso aus, " du schlössest In der Verblendung wahrlich weit vorn Ziel! Mehr glaubst du dich geliebt ? Ich glaub’ esselbcr I Doch an der Frucht erkennt man sonst den
Baum!
Sprich, wessen hast du dich von ihr zu rühmen?
O li L A w ffl ö;
1 Nicht wohl gethan, um etwas uns zu schlagen, Das ich, wenn dir’s gefällt, dir klar vor Augen Zu stellen ohne Anstand mich erbiete. " Ariodant steht bei dem Wort erstaunt,
Ein kaltes Fieber läuft ihm durch die Glieder; Und hätt’ er völlig ihm geglaubt, so wäre Vermuthlich gleich die Seel’ ihm ausgefahren.
41.
"Das Herz durchbohrt, erbleicht fm Angesicht, Und mit gebrochner Stimm’ und bitterm Munde,
\
ifeß Orlando.
Versezt er dann: "Mein Freund, bist du so gut, Dein wunderbares Abenteu’r mich seh’n Zu lassen, gut! dann steh’ ich ab von ihr,
Die dich so überfüllt, mit mir so kargt.
Doch denke nicht, dass ich dir eher glaube,
Bis ich es hier mit diesen Augen sehe."“
42.
"schwill zu rechter Zeit dir Nachricht geben!" Antwortet Polinesso und macht sich fort.
Zwei Nachte, glaub’ ich, waren kaum vergangen. Als Poliness sich bei mir melden liess.
Um nun die Neze zuzuziehn, die er So heimlich angelegt, giengerzum Nebenbuhler’ Und bat ihn auf die nächste Nachtzeit sich In den verfallnen Hütten einzustellen;
' 43 .
"Und wies daselbst ihm einen Standpunkt an, Der unserm Erker gegenüber lag.
Allein dem Ariodant kam der Verdacht,
Man wolle nur, beim Vorwand von Ginevren Ihm das, was ihm schlechthin unmöglich schien, Zu zeigen, ihn in eine Schlinge loken,
Und an dem öden, menschenleeren Ort Durch Ueberfall verrätherisch ermorden.
F ü N f t j; n Gesang.
197
44 -
“ Deshalb beschloss er, sich in solchem Stand Dort einzusinden, dass sein Gegner ihn Nicht übermannen, noch ein Hinterhalt Gefährlich für sein Leben werden könne,
Nun hatt’ er einen Bruder, klug und kühn, Der stärkste Krieger jezt an unserm Hofe, Lurkan genannt. Mit ihm fühlt’ Ariodant Beherzter sich, als mit zehn andern Männern.
45 .
"Er rief ihn zu' sich, liess ihn sich bewaffnen, Und nahm hierauf ihn mit sich in der Nacht, Verrieth jedoch ihm sein Geheimnis« nicht,
Das Keinem auch er anvertrauet hätte;
Stellt’ ihn sodann ein 8trekelten von dein Ort, Der ihm bestimmt, und sprach: " Wenn du ' mich rufen hörst,
So komm zu mir; bis dahin aber halte j Wenn du mich liebst, dich still an diesem Flek.’’
46 -
" Schon gut; es soll geschehn! ” erwiedert ihm Sein Bruder. So schleicht Ariodant sich fort, Und stellt sich spähend in dem wüsten Häuschen, Im Angesicht von dem vertrauten Erker.
r§8 Orlando.
Indem kömmt anderseits der schändliche Betrüger ,
Erfreut, Ginevren so in Schimpf zu sezen,
Und giebt mir das gewohnte Zeichen, mir,
Die ich dabei an gar nichts Böses dachte.
47 -
" Ich mache mich in einem weissen Kleid, Mit goldnen Streifen rings verbrämt und mitten. Und oberm Kopf ein feines Nez von Gold, Besezt mit Schleifen, schön und rosenfarb;
Ein Puz, den nur Ginevra trug und keine Der andern Damen, — so geschinükt mach’ ich Mich nach vernommnem Zeichen auf den Erker, Wo man mich vorn und seitwärts sehen, konnte.
48 -
" Inzwischen hatte sich Lurkan, aus Furcht Sein Bruder laufe dort Gefahren, oder Nur dem gemeinen Triebe nach, der uns Stets reizt, nach dem zu sehn was-Andre kümmert , —
Genug, er hatte sich im diksten Dunkel So leis’ als möglich von dem Plaz entfernt, Und nur zehn Schritte weit von seinem Bruder Sich in demselben Häuschen hingestellt.
F i * i t e j Gmsakg.
f< 'Ich nun,»von allem dem nichts wissend, kam In dem beschriebnen Anzug auf den Altan, Wohin ich schon so manches Mahl gekommen Und ohne schlimme Folgen. Hell erschien Im Mondenlicbt die Kleidung der Prinzessin; Und da ich auch von Ansehn und Person Ihr eben nicht unähnlich bin, so konnte Sehr wohl die eine für die andre gelten.
50.
" Und um so mehr, da es von jener Hütte Bis wo ich stand ein ziemlich Strekchen war. Leicht also konnte Poliness die Bruder In ihrem finstern Aufenthalt betrügen.
Nun denke dir, wie übel und wie weh Dem Ariodanc zu Muthe ward, als plözlich Der Herzog kömmt, die Leiter, die ich ihm Hinabliess, sieht und fasst und zu mir steigt,
51.
" Ich schloss sogleich ihn fest in meine Arme, (Ich glaubte ja von niemand mich gesehn) Und küsst’ ihm Mund und Stirn und Wangen, wie Ich jederzeit bei seiner Ankunft es
>
300
G U L A N I) 0.
Zu halten pflegt! Doch Er, um sichrer zu be- \
trügen,
Liebkost mich mehr und feuriger als je.
Der arme jLriodante steht und sieht
Von fern das böse Schauspiel mit den Augen.
52 . 1
"Er fällt darüber in so grosses Leid,
Dass tr alsbald, des Lebens überdrüssig,
Den Knopf des Degens auf die Erde sezt,
Um sich die Spi/.e durch den Leib zu jagen. Allein Lurkan, der mit Verwunderung ■
Den Herzog zu mir hatte steigen sehen,
Doch ohn’ ihn zu erkennen, wirft, da er Den Vorsaz merkt, sich straks an seines Bru- r c ders Hals;
53 .
" Und hielt ihn ab, in seiner Raserei Mit eigner Hand das Herz sich zu durchboren. Ein Glük, dass er nicht ferner war und träger! Er wäre sonst für ihn zu spät gekommen.
" Elender! ” rief Lurkan , " Wahnsinniger ! Was hast du den Verstand verloren? Wie?
Um eines Weibes willen dich entleiben?
Ei, mögen alle doch wie Rauch im Wind vergebn!
F V V r T V. K G E S A N o.
301
Such ihrden wohlverdienten Tod zu gehen! Den deinen spare dir zur grossem Ehre!
Da ihr Betrug dir noch'verborgen war,
Konntst du sie lieben; jezt musst du sie waker
hassen,
Da du mit eignen Augen klar gesehn,
Zu welchen Dirnen sie zu zählen sey.
Heb dieses gegen dich gewandte Schwert dir aus. Um ihre Schande vor dem König zu erweisen. ”
55 .
"Da /Iri.odant vorn Bruder überrascht Sich fand, liess er vorn harten Unternehmen Zwar ab, doch gab er desshalb den gefaßten Entschluß zu sterben gar nicht auf. Er gieng Mit seinem Bruder weg, das Herz von Qual Nicht nur gestochen, sondern ganz zerschnitten. Allein er stellte sich vor dem Lurkan,
Als habe sich die erste Wuth verloren.
56 .
"Von tödlicher Verzweiflung fortgejagt, Verschwand er drauf am andern Morgen, ohne Dem Bruder oder einem andern sonst Ein Wort zu sagen. Manchen Tag vernahm
203
O R L A N D 0.
Man nichts von ihm; Lurhan nnd Poliness Erriethen nur, warum er fortgegangen.
Am Hof des Königs und im ganzen Land Ward über ihn verschiedentlich gesprochen.
67.
‘‘Nach ungefähr zehn Tagen stellt am Hof Pan Wandrer sich Ginevren vor, und bringt Die böse Nachricht ihr, dass slriodant Im Meer ertrunken sey, und zwar durch frei Gewählten Tod und nicht durch Schuld der
Winde.
Er habe nemlich sich von einem Felsen,
Der hoch vorn Ufer übers Meer sich krümme, Durch einen Sprung Kopf über abgestürzt.
58 .
“Doch vor dem Fall (so fuhr der Wandrer fort) Sprach er zu mir, der ich von ungefähr Des Weges reiste: “Folge mir, damit Durch dich Ginevra mein Geschik erfahre.
Sag ihr dann auch die Ursach dels, wozu Du mich im Augenblik wirst schreiten sehen, Sey bloss, dass ich zuviel gesehen hätte;
Wohl mir, wenn ohne Augen ich gewesen! "
Fünfter Gesang.
203
5g.
“(Wir waren eben auf dem Kapobass,
Der in die See sich gegen Irland strekt)
Mit diesen Werten sah ich ihn vorn Haupt Des Felsens sich hinab ins Wasser werfen.
Ich liess Hm in dem Meer, und habe mich Gesputet, diese Nachricht dir zu bringen." Ginevra. ward bei dieser Bothschaft ganz Entsezt und leichenblass und fast des Todes.
60.
" 0 Gott! was alles that und sprach sie nicht, Als sie sich auf ihr trautes Bett geworfen!
Sie schlug die Brust, zerriss sich das Gewand, Zerraufte sich ihr blondes Lokenhaar,
Die Worte stets von neuem wiederhohlend, Womit sich Ariodant ins Meer gestürzt:
Die Ursach seines so unseligen' Geschiks Sey bloss, dass er zuviel gesehen habe! ■
61.
" Das ganze Land durchlief nun das Gerücht, Er habe sich aus Trübsinn umgebracht.
Der König blieb dabei nicht troknes Auges, Kein lütter auch und keine Frau bei Hofe.
O R T, A N n o
204
Doch mehr als alle trauerte sein Bruder;
Dr sank darüber in so grossen Schmerz,
Dass er beinah, nach seines Bruders Beispiel, Sich selbst ein Leid gethan, um ihm zu folgen.
62.
" Und weil er'sich beständig wiederhohlte, Ginevra sey’s, die ihm den Bruder nahm,
Da nur die Schandthat, die sie ihm vor Augen Beging, zum Selbstmord ihn getrieben habe: So überwältigten ihn Schmerz und Zorn So sehr, dass er zulezt, voll blinder Rachsucht, Die Gunst des Königs und des Reichs verschmähte, Und beider Feindschaft auf sich laden wollte.
63 .
"Er trat daher, als eben in dem Saal Viel Volk „versammelt war, zum König hin, Und sprach: "Klein Herr, vernimm, dass
Ariodant
So vorn Verstände kam, sich selbst zu todten, Daran ist einzig deine Tochter Schuld.
Der Anblik eines Auftritts, wo sie eben Nicht tugendhaft erschien, zerriessihmso das Herz, Dass sterben ihm willkommner war als leben.
Fünfter Gesang. eoö
64 -
" Er liehte säe; da seine Absiebt nicht 'Unedel war, will ich es nicht verhehlen.
Durch Tugend und durch wahre Thaten hoffte Er sie von dir zur Gattin zu verdienen.
Allein indei's der Anne fern sich hält,
Und nur die Blätter riecht, so steigt ein Andrer Den ausgesparten Baum hinan, und nimmt Ihm die so sehr verlangte Frucht hinweg. “
65 .
"Hierauf erzählt’ er, wie er auf dem Erker Ginevren selbst gesehn; wie sie die Leiter Herabgelassen, und ein Buhle dann Zu ihr hinauf gestiegen; wer, das wisse Er, selber nicht, weil er , um nicht erkannt
zu werden,
Sein Haar verstekt und sich verkleidet hätte. Sodann erbot ersieh, die Wahrheit alles dessen, Was er gesagt, mit Waffen zu behaupten.
66 .
“Du kannst dir denken, ob dem Vater diese Beschuldigung der Tochter schmerzlich war: Theils, weil er von ihr hört, was niemals ilun
200
Ü R L A N U O,
In Sinn gekommen war und ihn sehr höchlich
wundert;
Theils, weil er sich gemüssigt sieht, im Fall Kein Kriegesheld zu ihrem Schuz sich stellen Und den Lurkan der Lügen zeihen werde, Das Todesurtheil über sie zu sprechen.
67 -
" Ich glaube, Herr, dir ist nicht unbewußt. Dass hier zu Lande jede Frau und Jungfrau, Von der sich zeigt, sie habe einen Andern Was nur dem Ehegemahl gebührt, verstattet, Des Todes ist. Des Todes muß sie seyn, Wenn binnen einem Mond kein Ilitter kömmt, Der gegen den Wrkhiger ihre Unschuld * Und Sittsamkeit mit seinem Schwert erweise.
68 .
"Der König hat, verlangend sie zu retten, Weil doch sein Herz sie schuldlos glaubt, bekannt Gemacht, wer sie von dieser Schmach befreie, Der solle reichlich ausgesteuert sie Zur Frau bekommen. Noch hört man von keinem Streiter;
Der eine sieht nur auf den andern: denn
Fünfter Gesang. 207
Lurkan ist ein so fürchterlicher Schläger,
Dass Schottlands Krieger sämtlich vor ihm zittern.
69.
" Ihr Ungliik hat gewollt, dass just ilir Bruder, Zerbi/t mit Namen, ausser Landes sey.
Er zieht seit vielen Monden in der Fremde Nach Abenteu’rn umher und Heldenthaten. Denn wäre dieser wahre Ritter nur Uns nah genug, um noch zu rechter Zeit Von der Gefahr der Schwester unterrichtet Zu werden, sicher eilt er ihr zu Hülfe.
70.
"Der König, der indess auf anderin Weg Als dem der Waffen zu erfahren suchte,
Ob jene Klage wahr sey oder falsch,
Sein Kind den Tod verdiene oder nicht, —• Der König hat verschiedne Kammerfrauen,
Die um die Wahrheit wissen mussten, fest Gesezt. Ich sah zu viel Gefahr für mich Und Polmess , wenn man auch mich ergriffe;
7 1 -
"Drum stahl ich mich noch in derselben Nacht Vorn Hofe fort zu Polinessq’a .Wohnung,
zo8
ORLANDO.
Und stellt ihm vor, wie viel für unser Wohl Zu fürchten sey, wenn man heim Kopf mich
nähme.
Er lobte mich, hiess gutes Muths mich seyn, Und wusste dann geschikt mich zu bereden, Mit zwei von ihm bestellten Kerlen mich Zu einer seiner Festen zu begeben.
72 .
"Du hast vernommen, Herr, wie thätig ich Dem Herzog meine Liebe stets bewiesen.
Ob ich in dem Betracht, ihm werth zu seyn
Verdiente oder nicht, das magst du selber sehen.
<
Nun höre, wie er mich belohnte ; sieh Den grossen Dank für meine grosse Dienste, Und sage dann, ob je wohl eine Frau Für Liebe Gegenliebe holten dürfe!
7 3 .
“DerUndankbare, derYerräther, der Barbar Zieht endlich meine lange Treu’ in Zweifel, Und fürchtet, dass ich seine Schurkenstreiche Einmal verrathen werde. Deshalb gab Er vor, er wolle, um vorn Hof mich zu entfernen Und zu verbergen, bis des Königs Zorn
Fünfter Gesang.
209
Vorüber sey, mich auf sein nahes Schloss ! Hinsenden.; und er schikt mich grade in den Tod'
74 -
“Denn meine Führer hatten den geheimen Befehl, sobald sie mich in diesen Wald Gebracht, zum würd'gcn Lohn für meine Treue, Mich abzuschlachten; und so wär’s geschehn, Wenn du auf mein Geschrei mich nicht gerettet
hättest,
Sieh, so lohnt Amor seinen besten Dienern! “ — So sprach Dalinda zu dem Paladin,
Indessen stets sie ihren Weg verfolgten.
1
75 . 1
Nichts hätte dem Rinald erwünschter kommen können,
Als dass er die Dalinda angetroffen,
Da die Geschichte, die sie ihm erzählt,
Ihn von Ginevra’s Unschuld überführte.
Wenn er sie schon zu retten sich versprach, Als er mit Grunde noch verklagt sie glaubte, Wie weit beherzter musst er nun sich fühlen, Da die Verläumdung ihm so klar geworden! Orlando L B. Ü
2IÖ
ORLANDO.
76 .
Er eilte hin nach Sanct Andreas, wo Der König mit dem.Hofe residierte,
Und wo Ginevra's Angelegenheit In'einem Zweikampf sich entscheiden sollte. Rinaldo eilte was er eilen konnte ,
Bis ihm, da er auf wenig Meilen schon Der Stadt genaht, ein Knapp’ entgegen kam, Der ihm die neue Zeitung überbrachte.
77 -
In Sanct Andreas sey ein fremder Ritter Ginevren zu'vertheidigen angekommen;
Man kenne nicht sein Wappen noch ihn selbst, Weil er beständig sich verborgen halte.
So lang er da sey, habe niemand ihn Mit unbedektem Angesicht gesehen.
Sein eigner Knappe schwöre bei Sanct Jürgen, Dass er von ihm kein Wort zu sagen wisse. —
78 .
Nach kurzem Ritt gelangten sie hierauf Zum Thor der Stadt. Dalinda fürchtete Sich, weiter mit zu gehn, ging aber mit,
Da ihr Rinaldo zugeredet hatte.
Das Thor ist zugesperrt; Rinaldo fragt
Fünfter Gesang.
an
Die Wache, was das zu bedeuten habe;
Und hört von ihr, das Volk von Sanct Andreas Sey fort, um einen Zweikampf anzusehn,
79 -
Der zwischen dem Lurkan und einem fremden Ritter
Sich auf der andern Seite von der Stadt,
Auf einem grossen Wiesenplan erhoben,
Und mehr als Eine Stunde schon gedauert. Das Thor ward drauf Rinalden aufgethan Und hinter ihm gleich wieder zugeschlossen.
Er reitet durch die menschenleeren Gassen, Und sezt Dalinden in ein Gasthaus ab.
80.
Und spricht zu ihr: “Bleib ruhig hier! ich
denke
Nach kleiner Frist zu dir zurük zu kehren. " Dann jagt er fort zur Wiese , wo die Streiter Schon manchen harten Schlag gewechselt hatten Und immer wechselten. Erbittert focht Der eine gegen die Prinzessin; tapfer Bestand der andere den Kampf, dem er Sich für Ginevra’s Leben unterzogen.
212
O R L A N D O.
Ll.
Versehn mit Kürass uncl zu Fuss befanden Sechs llitter sich mit ihnen im Versteh,
So wie der Herzog von Albanien Auf einem grossen Hengst von guter Abkunft. Er führte als Feldmarschal , nach des Königs Geheifs, die Aufsicht über Feld und Schranken. Ihm schwoll der Kamm , ihm sprang das Herz
vor Freude ,
So in Gefahr Ginevren zu erbliken.
82.
Rinaldo jagt durch das versammelt Volk; Sein gutes Pferd Bajard versteht sich Plaz zu
machen.
Wer seines Kommens Ungestüm vernimmt ,
Ist weder lahm noch trag' ihm auszuweichen. Erhaben sizt auf ihm Rinaldo ; wohl Scheint er die Blume aller Tapferen.
Er hält sodann dem König gegenüber,
Und alles strömt herbei ihn anzuhören.
83 .
Fanal do spricht zum König: “ Grosser Herr, Lass diesen Kampf nicht weiter gehn! denn wisse, IJ'um auch das Todesloos von beiden siele,
Fünfter Gesang. 2i3
Öu würdest ihn mit Unrecht sterben lassen.' Der eine meint, er habe recht, und irrt;
F.r sagt, was nicht ist, ohne doch zu lügen, Weil er’s nicht weiss. Der Irrthum, der den
Bruder
Zum Tode trieb, giebt ihm die Waffen in die
Hände.
S4-
"Der andre weiss nicht, ob er recht, ob unrecht habe;
Aus Edelsinn und Herzensgute nur Wagt er sein Leben, um dem Tode nicht So grosse Schönheit preiszugeben. Doch Ich bringe jezt der Unschuld Heil, Verderben’ Dem , der mit Falschheit sie verlästert hat. Allein bei Gott! lass erst die Streiter trennen; Dann höre an, was ich dir vorzutragen! “
.85:
Der König fühlte sich vorn Ansehn eines So würdigen Mannes als Rinald ihm schien, So sehr gerührt, dass er befahl und winkte t Im Augenblik den Zweikampf einzustellen. Drauf offenbart der Paladin dem König,
Den Reichsbaronen , Rittern und dem andern
214
O R L A N 39 O.
Gehäuften Volk den schändlichen Betrug,
Den Poliness Ginevrcn angezettelt.
66 .
"lind ritterlich," sezt er hinzu, "will ich Die Wahrheit dess, was ich gesagt, behaupten." Man ruft dein Herzog; Poliness erscheint, Verstört dem Ansehn nach. Nicht desto minder Beginnt er keklich alles abzuläugnen.
"Wohlan denn!" spricht Rinald , "es wird
sich zeigen!"
Das Feld ist abgestekt, bewaffnet Beide;
Sie schreiten beide ungesäumt zur Sache.
Ö7-
Wie ist’s dem König, wie dem Volk so lieb, Ginevra’s Unschuld dargetlian zu sehen!
Ein jeder hofft, Gott werde klar erweisen; Dass man mit Unrecht unkeusch sie gescholten. Der Herzog galt durchweg für übermüthig, Habsüchtig, ungerecht, heimtükisch, grausam; So dass es auch nicht Einem Wunder schien, Wenn der Betrug von ihm gesponnen sey.
88 .
i
Mit trüber Stirn stand Polinesso da ,
Mit bebendem Herzen und mit blasser Wange.
Fünfter Gesang.
2l5
Der dritte Ruf erschallt; er fasst die Lanze; Die beiden Kämpfer stürmen auf einander. Verlangend bald den Tanz zu enden, zielt Rinaldo seinem Gegner nach der Brust: Undseinem Wunsch war nicht das Glük entgegen: Tief in die Brust jagt er ihm seinen Speer.
89.
Drauf sezt er ihn, auf seinen Schaft gespiesst> Sechs Klafter weit von seinem Streitross ab , Springt dann vorn Pferd, und nimmt, eh’ er
sich hebe ,
Ihn bei dem Helm und löst die Bänder auf. Doch Poliness, zu weiterm Kampfe nicht Mehr ausgelegt, fleht demuthsvoll um Gnade, Und beichtet vor dem König und dem Hof Die Büberei, die er nun mit dem Tode büße.
90 .
Und kaum war sein Bekenntniß halb geendigt, Als Stimme schon und Leben von ihm schieden- Der König, der nun seine Tochter frei Vorn Tode sieht und von dem bösen Leumund, Fühlt froher sich und freud’ger und entzukter, Als wenn er' eine lang Verlorne Krone
2 I 6
O n r, A iido.
So eben wieder auf sich sezeh sähe.
Drum ehrt es auch Rinalden über alles.
9i-
Und als er ihn beim Abzug seines Helms Erkannt, (da er ihn früher schon gesehn)
Hob er die Hände auf zu Gott, und dankte Voll Innbrunst ihm, dass er ihm solche Hülfe So gnädig zugesandt. — Der andre Ritter,
Der unbekannt, zum Beistand der Prinzessin In ihrem Unglük, sich bewaffnet, hielt Sich still beiseit und gab auf alles Achtung.
92.
Jezt bat auch ihn der König, sich zu nennen, Zum wenigsten den Helm sich abzunehmen, Damit man ihm den wohlverdienten Lohn Für seine gütige Bemühung gebe.
Nach vielen Bitten hob er endlich sich Den Helm von seinem Haar, und zeigte—-was Im folgenden Gesang ihr sehen werdet,
Wenn die Geschichte euch gefallen sollte.
ORLANDO.
SECHSTER GESANG.
510
s*H* v
.■*■*•;* «„V* .ß
mwr*'-r: • -.
Ofötye
*$&'■- Vv
1 .
Weh dem, der in der Hoffnung Böses thut, Dass sein Verbrechen nie verlauten werde! Denn schweigt auch alles sonst, so schreit die Luft Umher, die Erde selbst, die es bedekt.
Oft lenkt, es auch der Himmel, dass den Sünder, Nachdem er eine Frist ihm nachgesehn,
Die Sünde treibt, wann niemand sich um ihn Bekümmert, unversehens sich selber zu verrathen.
2 .
So glaubte Vol'uipss , der unglükselige,
Auf immer seine Unthat zu verbergen ,
Wenn er Dalinden, welche sie allein Entdeken konnte, aus dem Wege räumte.
Und so Verbrechen zu Verbrechen fügend, Beschleunigt er den Fall, den er verzögern/ Und nicht verzögern nur, wohl gar vermeiden
konnte ,
.Doch spornstreichs trieb er selbst sich in den Tod;
220
O R I, A N D •
3 .
Und büsste mit Vermögen, Leben, Freunden Die Ehre ein, — der schmerzlichste Verlust! Doch jezt zum vorigen! Man bat demnach Sehr angelegenilich den unbekannten Ilitter, Sich zu entkeimen. Endlich gab er nach, Und zeigt’ ein liebes Angesicht, das man Schon oft gesehn; denn .Ariodante war’s,
Um den ganz Schottland so getrauert hatte.’
4 -
Er, den Ginevra, den sein Bruder und Der König und der Hof und alles Volk AIs todt beweint; so sehr gewann durch Güte Und Tapferkeit er aller Menschen Herzen! — Die Nachricht, die von ihm der Wanderer Gebracht, scheint eine Lüge drum; und doch Ist sie es nicht: er hatte wirklich ihn Vorn Felsen sich ins Meer kopfüber stürzen sehen.
5 .
Doch, — wie’s Verzweifelten zu gehen pflegt. Dass sie von fern den Tod sehr wünschenswert!], Und sehr abscheulich in der Nähe finden,
So sauer dünkt sie nun der Übergang; — Kaum sah sich Ariodant im Meer, so war’s
221
Sechster Gesang.
Ihm leid zu sterben; und da er gewandt Und stark und kühner als ein andrer war, Fieng er zu schwimmen an und kam zurük
ans Ufer.
6 .
Schwach schalt er jezt und thörigt seinen
V orsaz
Des Lebens so sich zu entäussern, gieng Dann fliesend von dem Bade fort, und kam Sehr bald an eines Eremiten Hütte.
Hier wollt’ er im geheimen sich so lang Verweilen, bis er Nachricht haben werde,
Ob die Prinzessin über seinen Tod Betrübniis oder Fröhlichkeit geäussert._
Und er vernahm zuerst, sie sey bei der Erzählung
Von seinem Tod vor Schmerz beinah gestorben; Denn das Gerücht hiervon durchlief so schnell Das Land, dass jedermann schon davon sprach. Diels widerstritt nun völlig dem, was er Zu seiner Pein gesehn zu haben glaubte. Sodann erfuhr er, wie Lwkan Ginevren Vor ihrem Vater öffentlich verklagt.
222
O Ä L A N D O.
8 .
Hierab entbrannt’ er gegen seinen Bruder Von Zorn nicht minder als er für Ginevreu Von Liebe sonst geglüht. Zu böse schien, zu
grausam
Ihm diese That, ob sie ihm gleich zu Lieb Geschah; und als zulezt er hörte, dass kein Ritter Zu der Prinzessin Schuz erscheinen wolle: (Denn Lurkan war so tapfer und so stark, Dass niemand ihm zu widerstehen wagte.,
9 -
Auch hielt ein jeder, der ihn kannte, ihn Für zu besonnen und für zu verständig,
Um über Reden ohne guten Grund Sich in Gefahr des Lebens zu begeben; Wesshalb die meisten fürchteten, mit ihm Nicht für die beste Sache sich zu schlagen)
So nahm sicli Ariodant, nach vielem Zweifel, vor, Des Bruders Klage sich zu widersezen.
io.
" Ach!" rief er aus, " ich Armer! könnt’ ich es Erdulden, dass sie meinethalben stürbe?
Zu hart, zu bitter wäre mir mein Tod,
Wenn ich sie vor mir sterben sehen musste!
Sechster Gesang. 130
Sie ist doch meine Liebe! meine Göttin,
Ist immer doch das Licht von meinen Augen! Ja! nichts soll mich verhindern, nichts! Ich will Zu ihrem Heil im Feld mein Leben opfern.
11.
" Ich streite für das Unrecht; sey es denn! Ich sterbe drum; — auch das betrübt mich nicht, Betrübt mich nur, dass eine solche Schönheit Um meinen Tod ihr Leben lassen musste. Doch Einen Trost werd' ich im Sterben haben: Klar wird Ginevra sehn, ob wirklich sie Ihr Polinesso liebt; denn noch hat er Sich nicht geregt, um Beistand ihr zu leisten.
12 .
" Und mich, den sie so hart beleidigt, ihich Wird sie, um sie zu retten, sterben sehn. Auch werd’ ich mich an meinem Bruder rächen. Der ein so grosses Feuer angeschürt;
Denn schwer wird ihn sein Unternehmen reu'n, Wenn er nun sieht, was er dadurch gestiftet. Zu rächen meint’ er seinen Bruder, und Nun hat er ihn mit eigner Hand gemordet. ”
224
O R L A N D O.
13.
Er schafft nach dem Entschluß sich unver
züglich.
Ein .neues Pferd und neue Rüstung an.
Schwarz war sein Waffenrok und schwarz sein - Schild,
In grün und gelb gefasst. Das gute Gliik Führt ihm auch einen Knappen zu, der fremd Im Lande war. Mit ihm macht er sofort Sich auf den Weg, und stellt sieht ungekanut,, Wie schon gesagt, zumZwcikn m^imilLurkanc/i.
14.
Was weiter Ward, ist gleichfalls schon gemeldet., Der König freute sich nicht minder, da er sah, Dass Ariodant der fremde Streiter sey.,
Als über die Befreiung seiner Tochter.
Nie, däucht ihn, könne sie ein Mann wahrhafter Und treuer lieben als Ariodu/U ,
Der nach so heftiger Beleidigung
Sie gegen seinen Bruder selbst vertheidigt.
15.
Er gab, aus Neigung theils, weil er ihn wirklich Sehr liebte, theils auf Bitten seines Hofs, Insonderheit des Herrn von Monutlban,
Sechster Gesang. 22S
Zur Gattin dann ihm seine schöne Tochter. Gelegner hätte nicht das Herzogthum Albanien Verfallen können; denn da nach dem Tod Des Polinesso es dem König anheim hei. Erhielt Qinevra es von ihm zur Alitgift,
16.
Auch bat Rinuld um Gnade für Dalinden? Und nicht umsonst ; ihr gross Vergehen blieb Iltr ungestraft. Sie wendete* der Welt Von Herzen satt und weil sie’s angelobt,
Drauf ihr Gemüth zu Gott, verliess ihr Vaterland Alsbald und gieng nach Dacien ins Kloster. —< Doch nun ist’s Zeit, uns nach Ruggieren um«
zuselm,
Der auf dem Vogelpferd am Himmel reitet.
* 7 -
Wiewohl Ruggier von fester Seele war Und sein Gesicht sich keineswegs verfärbte*
So möcht’ ich doch nicht sagen, dass sein Herz Ihm nicht wie Espenlaub gezittert hätte.
Er überflog das Zeichen, das vordem Der unbezwungne Herkules den Schiffern Zum Ziel gesezt; schon liegt ein gutes Strekchen Europa's leztes Land ihm hinterm Küken. Orlando /. B, P
O R 1 A H X) Ö.
226
18.
Denn Hippogryf, das wunderbare Thier, Schwingt sich mit ihm so hurtig durch den Ather> Dass der geschwinde Diener Jupiters Bei weitem ihm nicht nachgekommen wäre. Von allen Thieren, die die Luft durchziehen, Kann keins an Schnelligkeit sich mit ihm messen. Ja selbst der Donnerkeil, bedünkt mich, fährt So rasch vorn Himmel nicht herab zur Erde.
19 -
Nachdem der Flieger einen grossen Raum In grader Linie durchlaufen war,
Senkt er, der Lüfte überdrüssig, sich In weiten Kreisen auf ein Eiland nieder;
Ein Eiland jenem gleich, zu dem sich Atei.husa, Da sie den Alfeus lang gequält und sich Vor ihm versteht, auf dunkeim, seltnem Wege Fort unterm Meer, vergebens flüchtete.
Auf seiner ganzen Reise durch die Luft War ihm kein Land wie -liess, so schön und lustig Erschienen; und er hätt’ in Wahrheit auch Auf dieser Welt kein schöners finden können.
Sechster Gesang. 227
In grossen Bogen also liess das Thier Sich mit dem Ritter auf die Insel nieder.
Hier zeigen goldne Au’n und Rebenhügel sich,
Üud weiche Wiesen und krystallne Bäche.
ar.
Anmuthige Haine von balsamischen Lorbeern, Von Palmen und von lieblichen Myrten, Zedern Und Pommeranzen, voller Frucht und Blüthe, Verschlingen, in verscliiednen Formen, sich Zu schönen Lauben, die mit holden Schatten Dem heissen Brand der Sommertage wehren; Und singend hüpfen Nachtigallen rings Mit unbesorgtem Fittig in den Zweigen.
22.
Vertraulich gehn in rother Rosen Mitte Und weisser Lilien, die milde Lüfte stets Erfrischen, Hasen und Kaninchen hier,
Und Hirsche dort mit stolz erhobner Stirn. Von Nezen unbedroht und Pfeilen, weiden Sie bald umher, bald stehn sie wiederkäuend. Tanhirsclie tanzen und behende Geisse Zahlreich umher in diesen schönen Fluren.
228
ö R L a sr D o.
25 .
Als Hippogryf der Erde sich genug Genaht, um nicht durch einen Sprung von ihm Zu viel zu wagen, hebt Ruggier sich aus dem
Sattel
„ Und sezt sich auf begrasten Boden ab.
Doch hält er in der Hand die Zügel fest. Damit sein Pferd nicht wieder aufwärts steige. Drauf bindet er’s an eine grüne Myrte,
Die an demMeeresbordbei andern Bäumen stand.
24 -
An einem nahen Quell, von hohen Zedern Beschattet und fruchtbaren Palmen, legt Er dann den Schild zur Erde, nimmt den Helm [Von seiner Stirn, entbleist sich beide Hände, Und kehrt bald nach der See, bald nach dem
Land)
Sein Angesicht der kühlen Luft entgegen,
In deren Hauch der Tannen hohe Wipfel Mit lieblichem Gesäusel sich bewegten.
25 .
Er nezt die tioknen Lippen vielmahls sich Im frischen Quell, und plätschert mit den Händen Darin umher, den Brand herauszuziehn,
Sechster Gesanr. 229
In den der harte Panzer sie gesezt.
Kein Wunder auch, wenn er ihm lästig fällt; Denn es ist wohl kein Kittchen zum Vergnügen, Dreitausend Meilen, schwerbewaffnet und Rastlos im fliegenden Galopp zu reisen!
26.
Inzwischen wirft sein Pferd, dass er im Kuhlen Der dicht’sten Zweige stehen ließ, auf einmahl Sich seitwärts, um davon zu fliehn, ich weiss Richt recht durch was geschrekt. Der Myr-
tenbaum,
An dem es angebunden, wird dadurch So sehr geschüttelt, dass sein Laub zur Erde
regnet.
Die Myrte bebt, die Blätter fallen ab;
Doch glükts dem Flieger nicht sich loszureissen.
27.
Gleichwie ein Stok voll dünnen, leeren Marks, Wenn man ins Feuer ihn geworfen hat,
Und von der grossen Gluth die feuchte Luft In seiner Mitte nun verzehret wird,
Inwendig siedet, pfeift und saust, bis er Am Ende mit gewalt’gem Knall zerplazt:
Ö R i A N T> O.
sSo
So zischt und braust, beleidigt durch das
Schütteln, v
Der Myrtenbaum, und öffnet dann die Rinde. a8.
Und horch! mit weinerlichem Tone lässt Sich eine Stimme hell und deutlich hören, Und spricht: " Wenn du so gut und edel bist, Wie mich dein schönes Ansehn glauben macht, So nimm das Thier hinweg von meinem Baume, Nicht äussrer Leiden noch bedarfs, mein Loos Zum unglükseligsten der Welt zu machen: Genug schon quält mein innres Übel mich, ”
29 -
Beim ersten Ton der Stimme sieht Ruggier Sich um, springt auf, und steht, als er die Rede Dann aus der Myrte lauten hört, ein Weilchen Erstaunter da, als je zuvor. Er eilt Darauf, vorn Wunderbaum sein Pferd zu lösen, Und spricht, die Wangen roth gefärbt von Scham: " Vergieb mir, Du, wer du auch seyst, ob eine Buschgöttin oder ob ein Menschengeist!
So.
" UätP ich vorher gewusst, dass unter dieser Unebnen Rinde sich ein Geist verberge,
Sechster Gesang. aSi
So sollte wahrlich nicht dein Laub zerstört Und deinem Baum ein Leid geschehen seyn. Sey drmn auf mich nicht böse, sondern sage Mir gütig, wer du seyst, der du aus einem Körper Von Holze mit vernünft’ger Seele sprichst. Bewahre Gott auch ewig dich vor Hagel!
3i.
"Und kann ich jezt, kann ich in Zukunft dir Durch eine Wohlthat den Verdruss vergüten: Bei jener schönen Dame, die von mir Den bessern Theil besizt! es soll geschehn, Sey es mit Wort, sey es mit That; du sollst Mit Recht wahrhaftig mein dich rühmen können!" So sprach Ruggier, und als er schwieg, erbebte Der Myrtenbaum vorn Wipfel bis zur Wurzel.
3z.
Und sieh ! aus seiner Schale drang ein Schweifs, So wie aus einem frisch gefällten Zweig, Wenn er nach vielem eitlen Widerstand Des FeuersMacht erliegt. — "DeinEdelsinn, " So sprach er dann, "bewegt mich, offenherzig Dir zu gestehn, wer ich vor diesem war, Und wer in einen Myrtenbaum an diesem Anmuthigen Gestade mich verwandelt.
232
Orlando.'
33 ,
"Ich Liess Astolf, und war der Paladine Von Frankreich einer, fürchterlich in Krieg, Und Vetter des Orlando und Rinaldo.,
Der Tapfern, deren Ruhm die Welt erfüllt. Nach Otto , meinem Vater, wartete Der Thron von England mein; auch war ich schön und artig Genug, um manche Frau in Liebesbrand Zu sezen , doch zulezt mein eigener Verderb er
54 -
"Von jenen Inseln kehrend, die das Meer Von Indien im fernen Osten badet,
(Wo ich nebst dem Rinald und andern Rittern In einem düsteren Gefängniss lag,
Aus welchem nur Orlando's Riesenstärke Uns zu befrei’n vermochte) reiste ich Gen Abend längs den wüsten Steppen fort, Die oft die Wuth des Boreas empfinden.
35 .
"Von unserm Weg und feindlichen Geschik Geführt, gelangten wir an einem Morgen Auf einen schönen Strand, wo sich am Meer Ein Schloss der mächtigen Alcina findet.
Sechster Gesang.
235
Wir trafen sie, entfernt von ihrer Wohnung, Allein am Ufer an , wo , ohne Nez Und. ohne Hamen, sie der Fische Völker, Bald dies bald das, an das Gestade zog.
36 .
‘•Es tummeln die Delfine sich herbei;
Mit offnem Maule kommt der dike Thunfisch , Seekälber nahen sich mit Lamentinen,
Von ihrem trägen Schlummer aufgestört.
In bunten Haufen schwärmen schnell daher Stokfische, Lachse, Barben und Karauschen. Walisisch und andre Ungeheuer heben Die ungeschlachten Büken aus dem Meer. ;
S 7 .
' “Da sah’n wir einen Walisisch, der gewiss Der grösste war, der ie im Meer gesehen.
Eilf Fuss hoch und vielleicht noch höher strekt Er aus den Fluten seine dike Schultern;
Und weil er still , wie eingewurzelt stand,
So hielten wir, der eine wie der andre>
Aus Irrthum ihn für eine kleine Insel;
So lang war er von vorne bis nach hinten.
ö B. L 'a H B e.
“.Alcina zog durch blosse Zaubersprüclie Die Fisch’ an’s Land. Sieist Margana’s Schwester, Doch ob mit ihr zugleich, ob früher oder später Geboren, weiss ich nicht. Sie nahm mich scharf Tn’s Aug’, und wie es schien, war ich ihr nicht Missfällig; auch erfand ihr Wiz sogleich Ein Mittel; mich von meinen guten Freunden Zu trennen; und es glühte ihr vollkommen.
"Mit heiterem Gesicht und mit Geberden Voll Reiz und Anmuth kam sie uns entgegen, Und sprach: "Ihr Ritter, wenn es euch gefällt Für heut mit meinem Schloss vorlieb zu nehmen, So will ich euch bei meiner Wasserjagd Der Fische mannigfaltige Arten zeigen, MitSchuppen theils, und theils beharrt, theils glatt, Und unzählbarer als die Stern’ am Himmel.
40.
"Und wollt’ ihr eine der Sirenen sehen, Die durch ihr süsses Lied die See besänftigt, So gehen wir zu jenem Rand , wo sie Um diese Zeit sich einzustellen pflegt. "
Sechster Gesang.
a5'5
Sie wies hiemit uns auf den grossen Walisisch, Der, wie gesagt, ein Ins eichen uns schien.
Ich, der ich stets (verwünscht sey dieser Fehler!) Zu vorschnell war, trat auf das Ungeheuer.
41.
Sie brannte durch und durch für mich von Liebe ; Und weil ich sie so schön und artig fand, Entflammte sich für sie mein Herz nicht minder.
47.
" Ich weidete mich an den zarten Gliedern; In ihnen schien mir alles Wohl vereint,
Das Menschen nur zerstöbt gegeben wird, Dem mehr, dem minder, keinem aber viel. Frankreich, die ganze Welt hatt’ ich vergessen Stets liieng mein Blik an ihrem Angesicht.
Sie war das Ziel von allen meinen Wünschen ; In ihr verlor sich all’ mein Denken und mein
Sinnen.
O R L A N U <*.
20g
48-
(< Sie liebte mich zum wenigsten nicht minder; Um mich allein war sie besorgt, um mich War jeder andre Buhl’ entlassen worden: Denn freilich war mir mancher schon bei ihr Zuvor gekommen. Ich war ihr Berather,
War Herr im Schloss, ihr Tag und Nacht zur
Seite;
Nur mir vertraute sie, und sprach, bei Nacht
so wenig
Als wie bei Tage, je mit einem andern.
49-
"Doch ach! was reiss’ ich meine Wunden auf, Da mir’s unmöglich ist, sie wieder zuzuheilen ? Was denk’ ich d.er genossnen Seligkeit,
Da ich die härteste Verdammung leide ? —
Als ich mich gluklich glaubte, mir versprach Alcineris Liebe mehr noch zu gemessen ,
Da nahm sie mir das mir geschenkte Herz , Und überliess sich einem andern Buhlen.
5o.
"Zu spät erkannt' ich nun ihr wandelbares
Herz,
Gewohnt in Einem Nu zu lieben und zu hassen.
Sechster Gesang. zog
2wei Monden hatte kaum mein Reich gewährt, So ward ein Neuer schon auf meinen PJaz
erhoben ^
Und ich, nach dem Verlust von ihrer Gunst, Mit Schimpf und Schmach von ihr hinweggejagt. Drauf hört’ ich, dass schon tausend andre Buhlen Gleich unverdient, dasselbe Loos getroffen.
5i.
"Und dass sie nicht ihr lasterhaftes Leben Auf ihren Reisen durch die Welt erzählen, Verwandelt sie auf dieser Insel sie In Fichten hier und dort in Pomeranzen,
In Palmen, oder Zedern, oder so ,
Wie du mich hier an dieser Stätte siehst;
In Quellen andre, andre noch in Wild,
Wie’s eben ihrem Uebermuth gefällt.
5z.
"Jezt wartet dein, o Herr, der du auf nicht. Gewohntem Weg hieher gekommen bist, Damit ein armer Buhle deinethalb In ein Gebüsch , in Felsen , oder sonst Worin verwandelt werde,— deiner wartet 'Alcinen’s Lieb und Reich; du wirst dich selig
fühlen.
*
O K L A Jä n o.
240
Allein verlaß dich drauf ( bald in ein Thier,
In Wasser oder Holz dich iibersezt zu sehn.
1
53 .
" Gern hab’ ich diese Nachricht dir gegeben; Nicht dass ich grossen N uzen mir davon Verspräche: doch wird’s besser seyn, du gehst Mit ihren Sitten nicht ganz unbekannt zu ihr. Denn wie am Angesicht, so unterscheiden Sich auch vielleicht an Wiz und Kunst die
Menschen.
Du weifst vielleicht dem Übel vorzubeugen, Dem tausend andere zur Beute wurden.”
54.
, Rnggier , den das Gerücht Astolfen schon Als Vetter Bradamante s kennen lehrte > Bedauert sehr, ihn in ein unfruchtbares Und grämlichs Bäumchen umgeformt zu sehn, Und hätte gern, der Dame seines Herzens Zu Liebe, wenn er nur gesehen wie,
Dem Übel abgeholfen; aber so
Konnt’ er ihm nur mit seinem Troste dienen.
55 .
Und hier liess Rnggier es nicht ermangeln, Und frag te dann, ob man nach Logistilia slieich,
Sechster Gesang. 241
Auf welchem Weg es sey, gelangen könne. So dals man nicht Alcina’ s Stadt berühre.
Der Myrtenbaum versezt, es finde sich Ein solcher Weg, doch sey er sehr beschwerlich. Ein wenig vVeiter hin zur rechten Hand Erheb’ er sich auf rauhe Felsenberge.
56 .
"Doch denke nicht,” so fuhr er fort, "auf ihm Sehr weit zu kommen; denn auf einmahl wild Ein Volk von keken, seltnen Wesen dir .Mit wildem Ubermuth den Weg verrennen. Alcina hält es dort statt Mau’r und Graben Für den, der ihrer Stadt entweichen will. ” Ruggier bedankt sich für den Unterricht,
Und wünscht hierauf der Myrte Lebewohl.
5 7 .
Dann geht er hin zu seinem Pferde, löst Es ab , und zieht’s am Zaum sich nach ; besteigen Mag er es nicht, um wider Willen nicht Noch einmal in die Luft geführt zu werden.
Er sinnt nur nach, wie er am sichersten In Logistilla’s Land die Reise mache;
Orlando I. B. Q
242 O R L 1 K D 0.
Denn fest ist sein Entschluß, nicht'« unversucht
zu lassen,
Um der Gewalt Alcina’s zu entgehn.
58 .
Auf seinem Pferd von neuem durch die Luft Zu jagen, dünkt ihm zwar der leicht’ste Weg; Allein da es so ungehorsam war,
So fürchtet er dabei am Ende nur noch übler Zu fahren. " Mit Gewalt (sprach er bei sich) Wird es am besten gehn! "— Doch eitler Glaube Zwei Meilen war er kaum vorn Ufer fort,
Als ihm Alcina’s schöne Stadt erschien,
59.
Es zeigt von fern sich eine lange Mauer, Die rund umher ein grosses Land umschloss. Sie scheint bis an den Himmel aufzusteigen, Und schien von Gold von oben bis nach unten. Hier ist indeß ein Andrer andrer Meinung, Und sagt, sie sey nur Komposizion.
Er irrt vielleicht, vielleicht hat er auch recht; Ich halte sie für Gold, weil sie so glänzt.
60.
Sobald Ruggier der Mauer sich genähert, Die auf der Welt nicht ihres gleichen hat,
SECHSTER G E I A. H O. 245
Schlägt er sich aus dem breiten Weg, der grade Zum grossen Thore durch die Ebne lief,
Und nimmt den sicherern, der rechter Hand Sich auFs Gebirg erhebt. Allein sehr bald Sieht er sich von der toHen Brüt umringt*
Die wüthend ihm die weitre Reise wehrt.
61,
- Nie sah man wohl ein Volk so seltnen Schlags,
So garstig , und so ungeheu’r gebildet.
Den einen steht auf einem Menschenrumpf Ein Affen-oder Kazenkopf; es stampfen Mit Ziegenfüssen andere den Boden. Verschiedne sind Centauren, rasch und Hink. Bethörte Greise gehn mit unverständ’gen Jungen, Hier nahend, dort gehüllt in sonderbare Feilet
62.
Die tummeln sich auf unbezäumten Gäulen 5 Langsam gehn die auf Eseln oder Ochsen.
Hier springt man den Centauren hinten auf; AufSträussen sizt man dort und Kranichen und
Adlern. J
Die führen Hörner, Becher die zum Mund; Die männlich, weiblich die, und andre beiden
1
O R L A N D Oi
*44
Strikleiter tragen diese, jene Haken , Brecheisen andre noch und andre taube Feile.
63 .
Mit aufgedunsenem Bauch und fettem Ant Hz Erscheint der Hauptmann dieses bunten Heers. Mit grosser Langenweile wandelt er auf einer Schildkröte sizend her. Man stüzt: zur Rechten Und Linken ihn , weil er betrunken ist,
Und schwer an seinen Augenliedern trägt.
Ihm troknen ein’ge Stirn und Kinn, mit Tüchern Umwehn ihn andre , um ihn abzukühlen.
64.
Ein Ding, dass einem Menschen gleich an Füssen Und Leib, an Hals und Kopf und Ohren einem
Hund,
Wirft bellend sich auf auf den Ruggier, um ihn Zur Stadt, die er im ROken lässt, zu treiben. Doch erversezt: “ dahin geht’s nicht mit mir, Solang ich diesen noch in Händen habe! "
Er zeigt dem Thier sein Schwert, und giebt ihm eins Mit dessen Spize auf sein klaffend Maul.
65 .
Das Ungeheuer droht mit einer Lanze ;
Allein Ruggier macht mit ihm kurzes Spiel:
Sechster Gesang. 2^5
Er jagt ihm seinen Degen in den Wanst Bis eine gute Handbreit durch den Rüken.
Mit vorgehaltnem Schilde wirft er dann Sich hin und her; allein die Feinde sind Zu dicht um ihn; liier sticht, dort zwakt ihn einer. Ersteht daher, und nun beginnt ein hartes Treffen.
66 . * Bis zu den Zähnen bald, und bald bis zu derBrust Zerspaltet er das hässliche Gesindes.
Helm, Panzer, Kürass, Schild, nichts kann dem
Schwert
Ruggiero’s widersteht!. Allein er wird Von allen Seiten her so sehr gedrängt,
Dass, um sich Luft zu machen und sich ab Das ungestalte Volk zu halten, er mehr Arme Und Hand' als Briareus besizen musste-
67.
Hätt*er den Schild entbleist, (ich meine jenen,
Den sonst Atlant besass, den blendenden,
Und den er an dem Sattel Hippogryfs Zuriike liess) so würde straks der Schwärm Der Ungeheuer blind und überwältigt Zur Erde hingefallen seyn. Jedoch Vielleicht verwarf er diese Art zu kriegen,
Um seiner Tapferkeit allein den Sieg zu danken.
O R L A ND O.
-46
' 68 .
Dem sey nun wie ihm sey, genug er will weit
lieber
Des Todes seyn, als sich dem Lumpenvolk Ergeben. — Aber sieh ! auf einmal ziehn Vorn Thor der Mauer (die von Gold mir scheint) Zwei Fraulein her, die, ihrem Anzug nach Und ihrem Wesen, nicht von schlechter Abkunft
waren ,
Noch aufgenähet in armen Hütten , sondern In fürstlichen und lustigen Palästen.
69.
Sie kamen beid’ auf einem Einhorn, weiss Und weiss er noch als Hermelin, daher,
Die eine wie die andere so schön ,
So köstlich und so ungemein geschmükt,
Dals man ein göttlich Auge haben musste ,
Um nach dem Aeussern über sie ein Urtheil Zufällen. £0 erschiene, dünkt mich, Schönheit, Wenn sie in Körper und in Reiz sich zeigte,
70. '
Sie kamen beide hinzum Plaz, wo sich Ruggier Von der verruchten Brüt umzingelt fand.
Da wich der Schwärm zurük. Die Fräulein bieten Dem Ritter ihre Hand; und dieser dankt
Sechster Gesang.
Mit rosenrothem Angesicht den Damen Für ihre Menschenfreundlichkeit, und ist Sogleich bereit, den Schönen zu gefallen. Zum goldn'en Thor mit ihnen umzukehren.
7 1, .
Die Zierath' die, ein wenig vorgehoben, Sich oben um die schöne Pforte windet,
Ist mit den köstlichsten der Edelsteine Des Morgenlandes dicht und schier bedekt. Vier dike Säulen, all’ aus Einem Diamant Gehauen, stüzen sie an den vier Eken.
Sey wirklich oder nicht, das, was dem Aug’ Erscheint, genug nie sah man etwas schöners.
73,
Im Thor und an den Säulen hüpfen scherzend Verliebte Mädchen, die vermuthlich nur Noch schöner wären, wenn sie sich der Sittsamkeit, Die Frauen ziemt, ein wenig mehr beflissen, Sie waren sämtlich grün gekleidet und Mit frischem Laub bekränzt. Sie führen hold Und lächelnd und mit manchem Anerbieten Ritggieren in den Schoofs des Paradieses.
245 Orlando
73 .
Denn §0 kann man mit Recht den Ort wohl
nennen,
Wo, glaub’ ich, Amor selbst geboren ward. Nur Spiele herrschen hier und Lustbarkeiten ; Bei Tanz und Scherz vergeht ein jedesStündchen. Nie schleicht ein grämlicher Gedanke hier Auch keinen Augenblik sich in die Seele.
Nie kehrt hier Mangel ein und Armuth ; immer Steht da der Ueberfluss mit vollem Horn;
74 -
Hier, wo herab mit froher, heitrer Stirn Der May beständig lächelt; in dem Land Der Jünglinge und Mädchen. — Lieblich singt Der ein’ am Bach ein süsses Minnelied,
In eines Baums , in eines Hügels Schatten Ein anderer. Hier schlingt man Reihentänze, Dort schäkert man bei anderen Vergnügen.
In stiller Einsamkeit ergielst auch mancher Dem trauten Freund sein liebekrankes Herz.
75 .
Und in den Wipfeln rauher Tannen, Fichten, Bejahrter Buchen , Lorbern und Oliven Und Zedern flattern Liebesgötter scherzend.
Sechster Gesang. 2^9
Ein Theil erfreut sich innig seiner Siege,
Auf Herzen zielt ein andrer seine Pfeile,
, Ein andrer noch stellt Neze. Diese härten In einem Wiesenbach sich ihr Geschoss,
Und jene wezen es an einem Schleifstein.
76 .
Ruggier empfieng hierauf im Thor ein Pferd, Das gross und stark und muthig war und braun, Und aufgeschinükt mit schönem Sattelzeug Yon Gold und übersä’t mit Edelsteinen.
Den Flieger, der den alten Moren einst Getragen , nahm ein junger Bursch’ ihm ab. Der ihn am Ziigel fälst’, und so dem guten Ruggier mit ihm langsamen Schrittes folgte.
77 -
Das Paar der schönen Jungfrau’n, deren
Huld
Den Ritter von dem bösen Volk befreite, Vorn bösen Volk, das ihm den Weg zur Rechten Verrente, sprach jezt also zu Ruggiern:
“ Herr, deine tugendhaften Thaten, die auch wir Vernommen haben, machen uns so kühn,
Dich zu ersuchen, uns in einer IVoth Mit deinem tapfern Arme beizustellen.
J.
2SÜ
Orlando,
78, -
"Bald führt uns unser Weg zu einem Fluss, Der diese Ebne in zwei Hälften theilet.
Dort wehrt ein grausam Weib, Erifila genannt, Die Brake, und trügt, bezwingt, beraubt Den , der zum andern Ufer will. Sie ist Von Ansehn schreklich, einer Riesin gleich,
* Hat lange Zahn’, ein giftiges Gebifs,
Und scharfe Klau’n, und krazjt wie eine Bärin.
79 -
"Und ausser, dass sie dort den Weg versperrt, Den ohne sie ein jeder frei passierte, Durchstreicht sie oft noch unsern schönen Park, Bald dies, bald das darin zerstörend. Wisse ,
Herr ,
Das mörderische Volk, das dich vorhin So grob und unverschämt beleidigt, ist Theils ihre Brüt, und sämtlich ihr ergeben,' Ruchlos , wie sie und wild und räuberisch."
80.
" Nicht Einen Kampf, " erwiederte Ruggier, "Nein, hundert will ich gern für euch bestehn.
Sechster Gesang.
2 5r
•[Verlangt, was euch gefällt! ich bin mit meiner ( ganzen
Person, so viel sie gilt, zu euern Diensten. Denn nicht um Land und Schäze zu gewinnen Bin ich wie ihr mich seht, bewafnet, sondern Um andern wohlzuthun, und ganz besonders So schönen Damen, als ich vor mir sehe."
81.
Die Fräulein sagten ihm den schönsten Dank, So wie’s ein Ritter auch , wie er, verdiente; Und so gelangten sie bei freundlichem Gespräch Zu jenem Fluss und zur besagten Briike.
Hier stand das ausgelassne Weib, in Waffen Von Gold, besezt mit Safyr’n und Smaragden. Wie sich Ruggier mit ihr im Zweikampf maß', [Will ich im folgenden Gesang erzählen.
ANMERKUNGEN.
Stanze 17. Vers 5 — 7.
Herkules durchbrach, am Ende der alt,en Welt, die Erdenge zwischen Europa und Afrika, vereinte dadurch den Ocean mit dem mittelländischen Meer, unfl errichtete, zum Andenken seiner vollbrachten Thaten, auf den sich gegen über liegenden Bergen Kalpe und Abesa zwei Säulen, zu deren Andenken die Nachwelt die Berge selbst die Säulen des Herkules nannte.
Stanze 18. V . 3 .
Der Adler.
Stanze 19. V . 5 — 8.
Das Abenteur Puiggiers (Stanze 26. fk.) mit Astollen vergleiche man mit Vir'gils Aen. lib. III. 23. seqq. und Ovids Metamorph. lib. VIII. 738 . seqq. Mit Astolfos nach folgender Erzählung des Filokopo des Boccaccio.
Stanze 27.
Come d’un stizzo verde, ch’arso sia ,
Da l’nn de’ capi, ehe da l’altro gerne,
E cigola per vento, ehe va via.
Dante’s Hölle rzter Gesang.
mamtm wm
Zentralbibliothek Zürich
ZM01653533
ST V
MH
■h
' * ■' <7 ""
ßtU.
D O
FF
'f^O
O R
L
A N
DER
R
A S
END
MIT
ANMERKUNGEN.
ZWEITER BAND.
ZÜRICH
BEI HEINRICH GESSNER. 1^98.
0
\
(M*
ORLANDO
SIEBENTER GESANG.
Orlando II. B, £
i
's"*
f.
^^er fern von seiner Heimath reist, sieht
Dinge ,
"Von dem was er bisher gesehn so fern,
Dass, wenn er sie nachher erzählt, man ihn Ungläubig einen Lügner schilt; denn wenn Das thörigt Volk sie nicht mit Augen si^it Und Händen greift, so mag es ihm nicht trauen. Drum weiss ich wohl, die Unerfahrenheit Wird meinem Sang sehr wenig Glauben schenken.
2.
Doch wenig oder viel, ich brauche mich Um dummes Volk mit nichten zu bekümmern. Euch, die die Leuchte des Verstand’s erhellt, Wird mein Gesang gewiss nicht Lüge scheinen; Und Euern Beifall nur verlangt mein Herz Für meiner Arbeit Früchte zu gewinnen. —.
Ich meldete vorhin, dass sie zum Flusse kamen Und zu der Brüke, die Erifila bewachte.
4
Ü E U S B O,
3 .
Das freche Weib trug Waffen von dem feinsten Metall, voll Edelstein von mancher Farbe.
Da prangt der röthliche Rubin, der grüne Smaragd, der gelbe Chrysolit, der blaue Safir. Sie war beritten, doch zu Pferde nicht:
Statt dessen hatte sie auf einem Wolf, Geschmükt mit ungewöhnlich reichem Sattel, Zum Heb er gang des Flusses sich getummelt.
4 -
Ein Wolf so gross ist schwerlich in Apulien Zu finden; er war dik und grösser als ein Ochs. Kein Zügel machte seine Lefzen schäumen; Wie sie ihn nach Belieben lenken mochte, Begreif’ ich nicht. Ein Rok t sandfarben Hing dem verwünschten Unhold ob der Rüstung; Ein Rok, bis auf die Farbe von der Art,
Wie ihn beim Hof Prälat und Bischof tragen. ’.
* 5 .
Und in dem Schild und auf dem Helme führte Sie eine gift'ge, aufgeblas’ne Kröte.
Die Fräulein zeigen sie Ruggiern , wie sie Zur Brücke sich verfügt, um sich zu schlagen, Ihm Hohn zu sprechen und den Pass zu wehren,
Siebenter Gesang.
5
Wie sie zuvor schon vielen andern that.
Jezt ruft sie dem Ruggier, zurükzukehren: Doch dieser fasst den Speer und beut ihr drohend Kampf.
6.
Nicht minder kühn und hastig spornt die Riesin Den grossen Wolf, und schliesst im Sattel sich., Und legt im halben Lauf die Lanze an,
Und macht den Boden unter sich erzittern. Doch schlecht bekam ihr das gewalt’ge Treffen: Ruggier , der wahre, trifft sie unter’m Helm, Und jagt mit solcher Wuth sie aus dem Sattel, Dass sie sechs Klafter weit zurükgesclileudert wird. 7 -
Schon rennt er mit geschwungnem Degen hin. Um ihr das freche Haupt vorn Rumpf zu schlagen; (Und leicht war dies zu thun, denn wie entseelt Lag sie der Länge nach gestrekt im Grase) Allein die Fräulein riefen: „Halt! sie ist Durch ihren harten Fall genug gestraft!
Stek’, edler Held, dein Schwert zurük, und lass Uns über diese Brük’ izt weiter ziehen."
8 .
Sie nahmen drauf durch Waldung einen Weg, Ein wenig rauh und mühsam; denn geschweige
6 '
Orlando.
Dass er sehr felsigt war und schmahl, so ging Er senkrecht fast den Berg hinan. Allein Als sie zum Gipfel angelangt, verbreitet Vor ihnen sich ein weiter Wiesengrund ,
Wo sie den schönsten und erfreulichsten Ballast, der auf der Welt nur je gesehn, erblikten.
9 -
Und sieh! Alcina kam, die Schöne, dem
Ruggier
Ein Strekchen aus dem Vorderthor entgegen, Und hiess , umringt von ihrem prächt’genHof, Mit herrlichem Benehmen ihn willkommen; Worauf die Andern sämtlich in die Wette Dem tapfern Rittersmann die höchsten Ehr’it
erwiesen;
Nicht anders als wenn selber Gott von oben In ihren Kreis herabgesiiegen wäre.
io.
Alcina s Schloss war nicht sowohl vortrefflich, Weil ihm an Köstlichkeit ein jedes andre wich, Als weil die feinsten, artigsten Geschöpfe,
Die man sich denken könnte, es bevölkern. An Jugend und an Schönheit war das eine Vorn andern wenig unterschieden; nur
Siebenter Gesang.
7
Alcinn überstrahlt an Schönheit alle andern So wie die Sonn’ am Himmel alle Sterne.
11.
Nie möchte wohl des Malers höchste Kunst Ein Bild so schön, wie sie von Körper war,
erschaffen.
Ihr blondes Haupthaar, lang und aufgebunden, Glänzt mit dem feinsten Golde in die Wette
>
Und streut sich um die zarte Wange hin,
Auf welcher Rosen sich und Lilien mischen. Die heitre Stirne, nach dem rechten Mass Gemessen, scheint von glattem Eisenbeine.
12 .
Zwei schwarze und höchst felneBogen kränzen Zwei schwarze Augen, nein, zwei helle Sonnen, Im Büken huldreich , sparsam im Bewegen.
Um sie herum scherzt Amor flatternd, leert Von da den ganzen Köcher, und entwendet Die Herzen Sichtbarkeit. Von ihnen steigt In Mitte des Gesichts die Nase nieder ,
Woran der Neid nichts zu verbessern fände.
i3.
Darunter zeigt, sich, zwischen ein paar Grübelten, Der Mund, gefärbt mit angebornem Rotb.
Orlando.
S
Hier sind zwei Reihen auserlesener Perlen,
Die eine Lippe,schön und lieblich, blösst unddekt. Hier kommen sie hervor die holdenWörtchen, Die sauft und zart die rauhsten Herzen machen; Hier bildet sich das anmuthsvolle Lächeln,
Das auf der Erde, nach Gefall’n, den Himmel h öffnet.
r-4-
Der schöne Hals ist Schnee, und Milch der
Busen,
Der Hals istjrund, der Busen volUund breit: Zwei herbe Aepfel, schier von Elfenbeine,
kommen
Und gehen, wie die Well’ am Userrande, Wann ein gelinder Wind das Meer bestreichti Das Wehre hätte selbst ein Argus nicht Erspähen können ; doch ersah man wohl,
Dals das Verborgne dem was sichtbar war
entspreche.
i5.
Im schönsten Masse zeigen sich die Arme, Und öfter lässt die weisse Hand sich sehn,
Ein wenig länglich, aber ziemlich schmahl; Kein Knöchel hebt sich hier , es schwillt hier keine Ader.
SlIBUTIR GüSANG.
9
Am Ende ihrer englischen Person
Erscheint der Fuss, kurz, zart und rundlich. —
In keinem Schleier hätten sich die Reitze ,
Im Paradies erzeugt^ versteken können.
iG.
In allem war an ihr ein Netz gestellt,
Sie mochte sprechen, lachen, singen, gehen. Kein Wunder drum, wenn sie Ri/ggieren sing; Zumahl da sie sich ihm besonders huldreich zeigte. Des Myrtenbaumes Lehre , wie sie bös Und treulos sey, war jezt an ihm verloren; Denn ganz unmöglich schien’s ihm, dass Betrug Und Tiike bei so süssem Lächeln wohne, i/-
Er glaubt vielmehr, AsColfo werde seine Verwandlung am Gestade *inem schlechten, Leichtfertigen Verhalten danken müssen,
Und diese Strafe, wo nicht grösste noch, verdienen. Drum hält er alles , was ihm über Jene Gesagt, für grundlos und für eitel Lästerung, Wozu nur Rache, Neid und Groll den Sünder In seinem Schmerzenstand getrieben habe.
18.
Die schöne Jungfrau, die er so inbrünstig Geliebt, 'ist nun aus seinem Herzen ganz
0
i » .Orlando.
Verschwunden; denn Alcinds Zauber wascht Es rein von jeder alten Liebesvvunde , Beschwert es nur mit sich und ihrer Liebe, Und bleibt allein ihm eingegraben. Drum Wird man Ruggiereu wohl den Schein von
Leichtsinn
Und Unbeständigkeit verzeihen müssen.
19.
Bei Tafel drauf, erklang von Zitter, HarP und Leier
Und andern angenehmen Instrumenten, Ringsum die Luft von schmeichelhaften Tönen
Und sfisser Harmonie. Auch sang dort mancher
/''
Mit zauberischer Stimme bald die Freuden Der Liebe , bald der Liebe Schmerzen , oder Befiiis sich, in Erfindungen und Versen Anmuth'ge Fantasien vorzustellen.
Welch schwelgerisches Mahl von allen, die des Kinns
Nachfolger je gehalten; welches noch So sehr berufne der Kleqpatra Für jenen Röm’schen Sieger, könnte sich Mit dem vergleichen, welches die verliebte
Siuihtis G B S. A N «. I £
j4lcina unser m Paladin bereifet!
Nie, glaub’ ich^ ward. ein solches dort gesehn,
[Wo Ganymed die Götterherrn bedient.
2t.
Als Tisch’ und Speisen dann hinweg geräumt, Begann ein artig Spiel ; sie sagten nemlich,
Im Kreise sitzend, sachte sich in’s Ohr Einander ein beliebiges Geheimnis. - Verliebten Herzen war dies sehr bequem,
Um ihre Liebe frei sich zu entdeken.
Auch war das Ende dieser Unterhaltung,
Sich auf die Nacht zusammen zu versprechen, 22.
Bald war das Spiel vorbei, viel eher als Sich drinnen Spiele sonst zu enden pflegten. Jezt traten Diener her mit Takeln, und verjagten Mit reichem Licht die Dunkelheit. Ruggier Erhob sich izt, mit schönem Volklein vor Und hinter sich, zu seinem Flaumenbette.
Ihm war das zierlichste und frischeste Von allen Kämmerchen im Schloss erlesen worden.
Und als nach neuer schuldiger Nöthigung Zu Bakwerk und zu guten Weinen, alles
Orlando.
13
Mit tiefem, ehrfurchtsvollem Compliment,
In seine Kammern sich entfernet, legt Ruggier sich in die parfümirlen Linnen Die aus Arachn.e s Hand geflossen schienen ; Mit weitem Ohr beständig horchend, ob Die schöne Dame noch ihm nach nicht komme.
24.
Bei jeder leisesten Bewegung, die er hört, Und oft nicht: hört, erhebt er, hoffend izt Erscheine die Geliebte, seinen Kopf,
Und senkt ihn seufzend dann, wenn er getauscht sich sieht.
Oft springt er aus dem Bett, und öffnet rasch Die Thür, und schaut hinaus, und findet keine
Seele.
"Viel tausendmal verwünscht er nun die Stunde, Die mit so grosser Zögerung ihn martert.
2 , 5 .
Oft spricht er bei sich selbst: jezt geht sie fort! — Und fängt zu zählen an, wie viele Schritte Von ihrem Zimmer sie zu jenem, wo Ihn das Verlangen sticht, wohl haben möge.— Er trieb noch solchen eiteln Wesens mehr, Allein was soll ich alles euch erzählen?
Siebenter Gesang.
j.j
Ost fürchtet er , es sey ein Hinderniß
Ihm zwischen Frucht undHand geschoben worden.
26.
Alcina trat, — als sie nach langer Weile Mit köstlichen Gerüchen endlich sich Genug durchräuchert’glaubt’, und nun dieZeit, Gekommen war, wo in dem Pallast alles In Ruhe lag — allein aus ihrem Zimmer, Und schlüpfte leise auf geheimem Gang Dahin, wo Furcht und Hoffnung lange schon Sich um Ruggiero’s Herz gestritten hatten.
27.
Kaum sah Astolfos Folget über sich Die lächelnden Gestirn’ erscheinen, als Wie wenn ein Lavastrom in seinen Adern glühe, Er sich in seiner Haut nicht halten konnte. Wohl schwimmt er jeztbis an die Augenwimpern Im Meer der Wollust. Trunken springt er auf Von seinem Lager, fasst Alcina in die Arme, Und kann nicht warten bis sie sich entkleidet;
28.
Obgleich sie weder Reif-noch TJnterrok be- * schwert;
Denn sie erschien, bloss einen leichten Zendel
iH. Orlando.
Um’s Hemd von weißem allerfeinsten Flor, Indem der Ritter sie umarmt, entfällt Ihr seidne Mantel, und Ruggier erblikt Sie in dem feinsten, dünnsten Spinngewebe, Das vorn und hinten ihm von ihr nicht mehr
verbirgt,
Als helles Glas von Lilien und Rosen.
29-
So eng drfikt Efeu nicht sich an die Ulme, Um die es eingewurzelt , als das Paar Verliebte sich umschlungen hält. Sie pflüken Auf ihren Lippen sich die süsse Blume .
Der Seele , wie sie Indiens Flure nicht,
Noch Saba’s baisamreicher Sand erzeugt.
Ihr erstes Wörtchen spricht von ihrer Wonne; Sie hatten oft auch mehr als eineZung’ im Munde.
3o.
Dies und das weiter blieb im Kämmerei) en verborgen,
Und wenn verborgen nicht, so doch verschwiegen; Und selten schwieg die Lippe von dem Schimpf Des Andern, aber oft von seiner Tugend. — Gar freundlich kam Ruggierti mit allen Diensten Und Anerbietungen das schlaue Volk entgegen.
Siebenter Gesang. i5
Ein jedes ehrt ihn, bükt sich vor ihm tief; Denn also will’s die zärtliche Alcina.
5i.
Nicht Ein Vergnügen bleibt ihm ungenossen; Denn keines fehlt dort in der Liebe Reich. Zwei, dreimal tauscht man täglich seine Kleider, Nach dieser Mode jezt, jezt nach der andern. Gelage hält man oft, nie endigen die Feste, Turniere, Ringen, Spiele, Bäder, Bälle.
Jezt liest man sich im Schatten schöner Hügel An einem Quell der Vorzeit Liebessagen.
Z2.
Durch frische Gründe, über schatt’ge Höh’n Verfolgt man jezt furchtsame Hasen, jagt Man rauschend auf mit klugen Hühnerhunden, Aus Dorn und Stoppeln schüchterne Fasanen. Jezt legt man Drosseln in Wachholderbüschen Leimruthen hier; dort Schlingen, oder stört, Mit Hamen bald voll Köder, bald mit Nezen, Die Fisch* aus ihren angenehmen, Winkeln.
33,
So gieng Ruggisr von Lust zu Lust, indes* Im Kampf sich Karl und Agramante plagten.
O S L 4 H D O,
16
Doch will ich seinethalb nicht ihre Sache Vergessen, auch die edle Jungfrau nicht,
Die manchen Tag mit schwerem Leid und Kummer Um ihren so geliebten Ritter klagt,
Den sie, auf neuem ungewohnten Wege,
Wer weiss wohin sich hat entführen sehen.
34 .
Von Bradamanten drum will ich für jezt euch melden,
Dass sie viel Tage lang den theuern Freund Durch dunkle Waldung, offnes Feld, durch Städte Und Flehen, über Berg’ und Thaler suchte, Doch nie die kleinste Spur von ihm entdekte, Was uns, die wie so fern ihn wissen, nicht Verwundern wird. Oft kam sie in das Lager Der Moren, und vernahm auch da nichts von
Raggieren.
35 .
Nach ihm fragt sie des Tages mehr als hundert, Und nie weiss einer ihr ein Wort von ihm zu sagen. Sie gehet von Quartiere zu Quartiere , Durchspaltet alle Zelte, alle Buden;
Und leicht war dieses ihr, denn ohne Hinderung Ging sie dahin durch Reiterei und Fußvolk,
Siebenter Gesang. i^r
Dank jenem Ring, dess zauberische Kraft Unsichtbar macht, sobald er in den Mund
genommen.
36 ,
Todt kann sie ihn, todt will sie ihn nicht
glauben;
Denn der Ruin so eines grossen Mannes,
Er hätte von des Ganges Ufern ja
Bis Wo die Sonne sinkt, erschallen müssen.
Wo mag er reisen wohl, auf Erden, an dem
Himmel?
Sie weiss es nicht, sie kann es nicht erdenken. Doch sucht sie ihn, die Arme, stets, begleitet .Von Seufzern, Thränen, und von allen Leiden.
37 -
Zulezt entschliefst sie sich, zur Höhle, wo Merlins Gebeine ruhn, zurük zu kehren,
Und um den Sarg zu jammern, bis zu Mitleid Der kalte Marmor sich bewegen lasse.
Denn ob Ruggier noch lebe, oder ob Das hohe Schiksal ihm das liebe Leben Gekürzt, das könnte sie daselbst erfahren, Und dann den besten Rath, der ihr ertheilt,
befolgen;.
2
Orlando II. B.
%s
Orlando.
38 .
In dieser Absicht nahm sie nun den Weg Zum nahen Walde von Poitiers ,
Wo sich in tiefer rauher Felsengrotte Das redend Grabmahl des Profeten fand.
Doch jener Schülerin Merlino’s , deren Gedanke stets bei Bradamanten weilt, —- (Ich meine Jene, die von ihrem herrlichen Geschlecht sie in der Höhle unterrichtet.)
3 9 . ^
Die gütige, die weise Frau, die immer Für Aymons Tochter sorgt, wohl wissend wie
zur Ahne
Von unbesieglichen Helden, ja Halbgöttern, Sie ausersehn, und deshalb , im Verlangen Zu wissen, was sie mache, was sie spreche , An jedem Tag das Loos darum befragt; —
Ihr war Raggiers Befreiung und Verlust Sehr wohl bekannt, so wie sein Zug nach Indien.
40.
Sie hatte wohl auf jenem seltnen Hofs,
Das, zügellos, Rnggier nicht lenken konnte, Auf fähr lieh em, und nie betretnem Pfad,
Ins fernste Morgenland ihn reisen sehen,
Siebenter Gesang.
*9
Und wusste wohl, wie er, in Spielin Tanz, In Schmaus, in weichem Miissiggang versunken, So wenig seines Herrn mehr gedachte,
Als seiner lieben Braut, und seiner Ehre.
41.
Und also wurde so ein feiner Ritter Der schönsten Jahre Bluxn’ in langer Trägheit Zerstöret haben , um , nach diesem , Leib Und Seel’ in einem Augenblik verloren,
Und jenen Ruf (der, wenn die morsche Hülle Zu Staube kehrt, von uns allein noch bleibt Uns aus demGrabe zieht und nimmer sterben lässt,) Im Grünen abgeschnitten sich zu sehen.
42.
Doch jene gute Zauberin, die mehr Für ihn bedacht ist als er selber, will,
Auf rauhem, hartem Weg, gern oder ungern, Ruggiern zuriik zur wahren Tugend führen; Dem wohlerfahrnen Arzte gleich, der oft Mit Eisen, Feuer und mit Gift kuriert,
Und, so viel Weh er auch zuerst verursacht, Zulezt doch wohlthut und sich Dank verdient. 40.
Sie war nicht so gefällig gegen ihn,
Nicht so für ihn von übermäfs’ger Lieb#
20
Orlando.
Bethört, dass, so wie dem Atlant, sein Leben Allein am Herzen ihr gelegen hätte.
Viel lieber wollte der ihn ohne Ruhm Und-Ehre , wenn nur lange , leben , als I'ür allen Preis der Welt sein süsses Leben Nur um Ein Jährchen ihm geschmählert sehen.
44.
Drum hatt’ er auf Alcinens Eiland ihn Geschikt, dass er des Kriegs an ihrem Hof vergässe, Und , als ein höchst gelehrter Magier Dem aller Zauber zu Gebote stand,
Alcinens Herz an seines Zöglings Liebe So fest gebunden, dass es nimmer, wenn Rnggier auch Nestors Aller überlebte ,
Von ihr sich wieder lösen lassen sollte.
45 .
■Doch um zu Jener, der Verkünderin Der Dinge, die da kommen sollen, mich Zurük, zu wenden, so begab sie jezt Sich gerades Wegs dahin, wo Aymons Tochter Umher sich irrend trieb. Als Bradamante sie Gewahrte, ward ihr Weh in Hoffnung schnell Verkehrt. — Die Zauberin entdekt ihr chauf die Wahrheit,
.Wie ihr Ruggier sich bei Alcinen finde.
Siebenter Gesang.
Ll
46 -
' Das Fräulein war beinah des Todes, alssie hörte, Dass er so weit entfernt und ihre Liebe Zudem gar sehr bedrohet sey , wenn dem Nicht schnell und kräftiglich begegnet werde. Doch ihre güt'ge Freundin tröstet sie ,
Und legt ihr gleich ein Pflaster auf die Wunde , Indem sie ihr verspricht und schwört, sie wolle In wenig Tagen ihr Ruggiern wieder bringen.
47 -
,, Du hast, “ so sprach sie, „ edle Jungfrau, ja Den Ring bei dir, der allen Zauber löst.
Wenn ich mit diesem auf das Eiland komme, Wo Jene deinen Schaz verborgen hält,
So zweifl’ ich nicht, ihr Werk ihr zu vereiteln, Und mit mir deine siisse Sorge dir Zuriik zu führen. Wohl ! ich geh gleich diesen Abend,
Und bin in Indien mit dem Morgenroth. “
48 .
Sie trägt hierauf dem Fräulein vor , wie sie Es machen wolle, um ihren werthen Ritter Aus jenem weibischen, wollüst’gen Ort Zu ziehen und nach Frankreich ihn zu schiken.
Z3
On.hA.sno.
Froh zog vorn Finger Bradamcmte sich Den Ring, und hätte nicht nur ihn, mit Fi enden
hätte
Sie auch ihr Herz , ihr Leben hingegeben,
Um ihren lieben Freund dadurch zu retten.
49-
Sie gab den Ring der Zauberin , empfahl Ihr sich und mehr noch ihren Auserwählten , (An den sie tausend Grosse ihr bestellt)
Und nahm sodann den Weg nach der Pro venze. Auf anderm Pfade ging die weise Frau,
Und liess , um ihren Vorsaz auszuführen ,
Zur Abendstund’ ein Ross vor sich erscheinen, Roth an dem einen Fuss, im übrigen rabenschwarz.
5o.
Vermuthlich war’s ein Kobold oder Teufel, Den sie in der Gestalt der Hüll’ enlrufen.
Mit losem, wildzerstreutem Haare schwingt Sie barfuls und entgürtelt sich hinaus,
Und zieht den Ring, damit er ihrem Zauber Nicht wehre, wohlbedacht von ihrem Finger. Nun ging’sso schnell dahin, dass sie frühmorgens Sich auf Alcina’s Insel schon befand.
Siebenter Gesang,
20
51.
Hier nun verwandelt sie sich wunderbarlich, Sie wuchs noch über eine Spanne, schwoll An allen Gliedern nach Verhältniß aus,
Bis sie genau, vorn Scheitel bis zur Ferse, DemZaubrer gleichzuseyn, sich dünkte, Jenem,' Der den Ruggier mit so viel Sorg’ erzogen. Drauf hing sie um das Kinn sich einen langen Bart, Und grub in Stirn und Haut sich tiefe Furchen.
52 .
Sie konterfeit’ in Angesicht, in Sprache Und in Gebehrden, den Atlante so .Vollkommen, dass sie ihn gar wohl vertretest
konnte.
Hierauf verbarg sie sorgsam sich, und spähte, Bis die verliebte Königin zulezt.
Von ihrem schönen Freund sich einmal trennte* Ein grosses Glük! denn ohne ihn ein Stündchen Zu seyn, beimRuhn, beim Gehn, ward ihr von Herzen sauer,
53.
* Siefand, nach Wunsch, ihneinsam, weil er eben, Den frischen, heitern Morgen zu gemessen, Längs einem schönen Bache sich erging,
Der murmelnd sich herab von einem Hügel schlang
n
Orlando.
Zu einem hellen, anmiuhsvollen Teiche.
Sein weiches , üppiges Gewand, das ihm Alcina selbst mit feiner Kunst aus Seide Und Gold gewoben , troff von Müssigang und
Unzucht.
54 .
Ein funkelndes Geschmeid von Edelsteinen Fiel von dem Hals ihm auf die Brust hinab. Und um den einen und den andern, sonst Mannhaften Arm, wandsinh einglänzendReifchen. Ein seiner Faden Gold, durchlöchert’, in Gestalt Von einem Ring, ihm seine beiden Ohren; Und daran baumelten zwei “Perlen , grösser Als je in Indien und Arabien gesehen.
55 .
Sein vielgeloktes Haar war mit den süssesten Und köstlichsten Gerüchen angefeuchtet;
Sein ganzes Thun so liebehaft , als hätte Er Harnen in Valenza stets bedienet.
Kurz, an Ruggiern war nur sein Name noch Gesund, der ganze Rest war mehr als halb
verdorben.
So ward Ruggier gefunden, so verändert Durch schwarze Kunst von seinem ersten Wesen.
S i e i i k I i it Gesang.
z5
56 .
Auf einmal tritt, in der Gestalt, des alten At.lante , die Wahrsagerin, ihn an, —
Mit jenem Antliz, ernst und F.lirfi.irchtlmischend, Vor dem Ruggiero stets voll Achtung stand; Mit jenem Auge, zürnend und bcdräuend,
Das ihm alsKnabe sonst so fürchterlich gewesen,— Und spricht zu ihm : „ Dies also ist die Frucht, Die ich von meiner Müh so lang erwartet ?
57 .
„Wie? Darum also hab’ ich dich als Kind Genährt mit Mark von Löwen und von Bären In Höhlen uncl in grausenvollen Klüften Als Knabe Schlangen dich gewöhnt zu würgen. Der Klau’n den Panther zu entwaffnen und
den Tiger,
Den wüthigen Eber der gewezten Hauer,
Dass du nach so viel Zucht uncl Müh Alcinens Adonis oder Alys werden möchtest ?
„Ist dies was die beachteten Gestirne ,
Die heil’gen Fibern, die gepaarten Punkte , Antworten, Vogelflüge, Träume, Loose, Womit mein Geist nur zu beschäftigt, war,
2b
Orlando.
Von deinen Windeln an mir über dich geweisagt, Dass, wenn zu diesen Jahren du gelangt,
Du dich durch Heldenthaten sonder gleichen Zum Wunder aller Welt erheben würdest ?
5 . 9 -
„ Fürwahr, dies ist ein hoher Anfang! tfo Wirst du wohl dem Alexander bald , (
Dem Julius, dem Scipio gleichen! — Wehe Wer hätte je von dir gedacht, dass du Dich zu AlcinenS Sklaven machen würdest I Und dass hieran ja niemand zweifeln könne, So siehe da an Hals und Arm die Ketten, Woran nach Herzenslust sie den Gefangnen
gängelt.
' 60.
„ Wenn dich dein eigner Ruhm nicht rühret,
* nicht
Der Thaten Glanz, wozu der Himmel dichberufen: Was willst du deine Söhne denn betrügen Um jenes Gut, das ich dir tausendmal verheisen ? Ach ! was verschliefst du ewig jenen Leib, Bestimmt, in deinen Armen zu empfangen Das herrliche, das göttliche Geschlecht,
Das heller als die Sonn’ am Himmel leuchten soll?
Siebenter. Gesang. 27
61.
,,O hindre die erhabnen Seelen nicht,
Sie, in den ewigen Ideen gebildet,
.In körperliche Stoffe von dem Stamm ,
Der in dir wurzeln soll sich einzukleiden !
O wehre nicht den tausend Siegespalmen, Wodurch, nach herben Schäden, bösen Wunden, Ich deine Sühn', und Enkel und Urenkel Zu seinem ersten Glanz Italien heben sehe!
62.
„Nicht dass zu diesem dich vermögen sollten So viele viele schöne Seelen , die Siegreich, berühmt, erlaucht und heilig, deinem Fruchtbaren Baum entbiethen werden : nein! Ein Paar von ihnen sollte dir genügen, Ilippolito und dessen Bruder ! Denn Bis heute hat die Welt, auf allen Stufen Zur Tugend , solcher wenig sich erfreut.
63 .
„Ich pflegte stets von diesen Beiden mehr Dir zu erzählen als von allen Andern ;
Sowohl, weil unter all den Deinen Sie Die höchsten Tugenden verherrlichen werden;. Als weil ich dich, wann ich von ihnen sprach,
s8
Orlando.
Weit aufmerksamer sah , als wann von andern. Ich sah, du warst entzükt, dass so erlauchte Helden Ja deiner Enkel Reihen strahlen sollten.
64 -
„Was hat nun Jene , der du jezo ixöhnst , Was tausend andre Dirnen nicht besässen?
Sie , die so vielen Andern Preis sich giebt, Und dann — du weifst, wie höchlich siebeglükt 1 Doch , dass du deine Herzenskönigin Enlblüst von allem Trug erkennen mögest,
So nimm hier diesen Ring, geh zu Alcinen, Und schaue dann die Wunder ihrer Schönheit!"
65 .
Rüg gier stand schamvoll da, die Augen nieder Geschlagen, sprachlos, ganz verwirrt, als Jene Den Ring ihm auf den kleinen Finger stekte, Und wieder ihn zu Sinnen brachte. Jezt ,
Zu wohl nur seiner sich bewusst, drükt ihn Die Schmach so fürchterlich, dass er gern tausend
Klafter
Sich in der Erde Schoss versenkt gesehen hätte, Dais keiner ins Gesicht ihm sehen möchte.
66 .
Die weise Frau stand bei den lezten Worten In Einem Nu vor ihm in ihrer eignen
Siebenter Gesang.
a 9
Gestalt. Auch hatte sie, da ihrer Ankunft Zwek Erreicht, Atlants Gestalt nicht mehr vonnotheni Die Zauberin, die, — um endlich eiich zu sagen Was ich bisher verschwieg, ■— Melissa hiess , Gab jezt sich ihm leibhaftig zu erkennen,
Und sagt’ ihm dann, weshalb sie hergekommen;
67.
Yon Jener nemlich, die stets liebevoll nach ihm Verlang’ und länger sonder ihm zu bleiben Nicht fähig sey, gesandt, ihn von den Banden, Die magische Gewalt ihm angelegt, zu lösen, Die Form Atlantds von Karena habe Sie blos geborgt, um mehr Vertrauen zu finden ; Doch da er bei Verstand nun wieder sey,
So wolle sie ihm weiter nichts verbergen.
68 .
„Sie, jene Jungfrau, die so sehr dich liebt, Sie, die so würdig deiner Liebe wäre,
Und der, (wenn du!es nicht vergessen,) deine
Freiheit,
Ihr Werk, so vieles schuldig ist; die Edle,
Sie schikt dir diesen Hing, der allen Zauber Zerstört, und hätte so ihr eignes Herz
öo
O R L A Is 1) O.
Gesell ikt, wenn dieses, wie der Hing, die Kraft Gehabt, dich von der Schande zu befreien. "
69.
Und so erzählte sie ihm ferner, wie Ihn Aymons Tochter stets geliebt und liebe , Empfahl, nach Wahrheit und Gewogenheit , Zugleich ihm ßradamante’s tapfern Arm , (Und alles mit der besten Art und Hede,
Wie’s einer klugen Abgesandten ziemte)
Und macht’ ihm dann Alcinen so verhaßt, Dass er vor Abscheu kaum sich halten konnte.
70 .
Sie macht’ ihm die verbalst, die er zuvor So sehr geliebt; und laßt euch das nicht wundern: Denn seine Liebe kam durch Zauber nur gezwungen,
Und ging dahin, als ihn der Hing berührte. Zudem erhellte durch den Hing,” daß alle Reize Alcinens nur erborgte Dinge waren,
Erborgt, ihr eigen nicht, vorn Haupthaar bis znr
Sohle;
Das Schöne schwand, und nur der Hefen blieb. 7 1 -
Wie wenn ein Knabe, der sich eine reife Birn Versteht, und dann vergibst, wo sie verborgen,
Siebenter Gesang.
3i
Und , wann nach guter Zeit ein Ungefähr Zu der verlangten Fracht ihn wieder fuhrt, Sehr grosse Augen macht, sie ganz verwandelt, Verfault und unesbar zu sehn, und sie,
Wie lieb und werth sie ihm auch ehmals war, Nun hasst, verschmäht, verwünscht, mit Ekel
wegwirft;
72 .
So war Rüg gier, — indem er auf Verlangen Melissen y wieder vor sileinen. trat,
Mit jenem Ring, vor dem am Finger sizend, Ein jedes Zauberwerk verschwinden muss, — Gar sehr betroffen, statt der schönen Dame, Die noch vor einem Stündchen ihn entziikt , Das garstigste von allen alten Weibern Zu finden, dje die Erde je besudelt.
?<>■
Todtbleich und dürr und nützlich war Alcinens Gesicht, ihr Haar sehr dünn und schimmelfaib ; Ihr Körper mass sechs Spannen nicht; gefallen War jeder Zahn aus ihren alten Kiefern,
Sie übersraf an Alter Priams Gattin Und die Kmnäiscbe Sibylle; weit allein Durch Künste , die in unsern Tagen nicht
Orlando.
%?>
Bekannt mehr sind, vermochte sie so schön Und jugendlich sie wollte , zu erscheinen.
* -d
/ -+•
Sie machte sich durch Künste jung und schön?.
So dass sie Viele wie Ruggiern täuschte.
Allein jezt kam der Hing, die Karten zu erklären, . Die lange Zeit die Wahrheit schon verborgen. Kein Wunder drum, wenn in R-uggiero's Sinn Von Diebe zu Alcincn kein Gedanke Mehr übrig blieb ; jezt, da vor seinen Augen Ihr alles Blendwerk nichts mehr nüzen konnte
? 5 .
Allein, wie ihm Melissa rieth, so nahm Er sich in Acht, sein Anseiln zu verändern,
Bis er mit seinen Waffen lang' von ihm Verschmäht, von Kopf zu Fusse sich bekleidet; Und dals Alcina nichts vermuthe, so gab Er vor, er wolle nur in ihnen sich versuchen, Versuchen nur, ob er vielleicht an Dike Gewachsen sey, seitdem er sie nicht angehabt.
76.
Drauf hing er Ralisarden (also nannte Sein Degen sich) an seine Seite, nahm
Siebenter Gesang. 33
Vorn Nagel dann den wundervollen Schild, Der nicht die Augen nur zu blenden, sondern Auch so die Seele zu zerstören pflegte,
Dass sie dem Leibe ganz entflohen schien; — Ihn nahm er, mit dem seidnen Futteral Bedekt wie er ihn fand, und warf ihn auf die
Schulter;
77 -
Kam in den Stall und liess sich einenRappen, Schwarz wie Achat, bezäumen und besatteln. Er war ihm von Melissen angewiesen,
Weil sie wohl wusste, wie schnellfüssig er Im Laufen war. Man hiess ihn Rabikan ,
Der nemliche, der ehmals nebst dem Ritter, Mit dem die Winde jezt am Meere spielen, Der Walisisch zu der Insel hergetragen.'
78.
Ruggiero konnt’ auch Hippogryfen nehmen, Der neben jenem angehalftert stand ;
Allein Melissa hatte ihm gesagt:
,, Nimm dich in Acht! Du weisst, du kannst iha nicht regieren, "
Und dann erklärt, sie woll’ am andern Tag Orlando II. U. 5
54 Orlando. Achter Gesang.
Den Flieger fort von da nach einem Orte dringen. Wo er bequem ihn zügeln und, wohin Es ihm beliebe, lenken lernen solle.
79 -
Auch werd' er, wenn er ihn nicht nehme, allen Verdacht von der geheimen Flucht verhüten. Ruggiero that wie ihm Melissa hiess ,
Die unsichtbar, ihm stets im Ohre stellte. Durch diese List entging der Ritter nun Dem liederlichen Schloss der alten Buhlerin, Und ritt so fort zu einem Thor, von dem Der Weg nach Logistilla’s Wohnsiz führte.
80.
Auf einmal wirft er auf die Wachen sich , Sprengt unter sie, den Degen in der Faust, Strebt diesen todt, verwundet jenen hin ,
Jagt im Galoppe dann die Brük’ hinüber,
Und ist, eh’ man Alcinen diesen Streich Berichtet, schon sehr weit von ihrer Stadt entfernt. —
Im andern Gesang will ich erzählen,
Was ihm auf seinem W.ege zugestoßen.
~7
ANMERKUNGEN.
35
Stanze 8 , Vers i — 2.
Ouale potentum neque militaris D a u n i a in latis alit esculctis.
Horat. Od. I, 2 2.
Poracchi bemerkt bei dieser Stelle sehr aufrichtig, er erinnere sich nicht, in einem andern Autor als dem Ariost gelesen zu haben, dals es in Apulien wirklich Wölfe grösser als ein Ochs gegeben habe.
Stanze i 3 , V. 7 — 8.
Ouivi si forma. quel soave riso,
Ch’apre a sna posta in terra il paradiso.
Es wollte mir nicht gelingen, den lezfen Vers meiner Uebersezung von einer Härte zu befreien , ohne das a sua posta auszulösen, wozu ich mich aber aus zwei Gründen nicht entschliessen konnte. 1) Das a sua posta ist, richtig verstanden, nichts weniger als überflüssig , wie die Leser von selbst fühlen werden. 2) Meinhard und Heinse haben es nicht richtig verstanden. Des Ersten Uebersezung des achten Verses (die Lessing im Laokon angenommen hat) lautet : „ Welches , (Lächeln) für sielt schon , ein Paradies auf Erden eröffnet; " des Leztern : Das an seiner Stelle den Himmel auf Erden aufihut." — A sua posta hat aber nie einen andern Sinn als nach seinem (ihrem) VT'illen, Gefallen, Belieben, äsongre. Nach M.. . s Uebersezung möchte es ein frostiger Zusaz seyn.
36
Stanzt: ,20.
Unter dem römischen Sieger V. 4. wäre wohl vielmehr Antonius als Cäsar zu verstellen; wenigstens führte Kleopatra nach ihrer berühmten Fahrt auf dem Cydnus , mit dem Antonius ein ähnliches Leben, wie, nach unsers Dichters Beschreibung, Alcina mit dem Buggier. Ich kann nicht umhin hierüber eine Stelle aus einem Historiensammler des vorigen Jahrhunderts anzuführen.
„ In derselbigen Nacht (nach jener Fahrt) lud j, Kleopatra Antonium auf ein kostbares ban- „quet, welcher denn gleich von ihrer Liebko- „ sung ungemein eingenommen ward, da sie „ ihrer seits nichts unterliesse ihn zu gewinnen, „ihm täglich neue Lust zu verschaffen wüste, „sich in seinen humeur vollkommen richtete, „ an allen Lustbarkeiten und Zeitvertreib theil „nahm, mit ihm auf die Jagd ginge, sischete, „ grosse Mahlzeiten hielte, im Bret spielte, ja „ des Nachts verkleidet in der Stadt herum „liefe, den Leuten allerhand Possen anzuthun, „ und Scheltwort in die Häuser zu schreyen ; und „ zwar so , dass sie in einem jeden dieser Stüke, ,, womit sich Antonius zu belustigen pflegte, „alle andern übertraf, und die Vergnügung, „welche er darin suchte, viel grösser machen „konnte, als er sie vorher nie empfunden. Bei , diesen Umständen ist leichtlich zu erachten, wie „weit es zwischen diesen beiden Personen in der „Wollust gegangen sey,“ u. s. w.
ORLANDO.
ACHTER GESANG.
r.
ie viele Zauberer, wie viele Zauberinnen Giebt’s unter uns, die, unerkannt, durch künstlich Verwandelte Gesichter Frau’n und Männer In sich verliebt gemacht! Durch schwarzer Geister Bemühung nicht, noch durch Beobachtung Der Sterne wirken sie dergleichen Zauber: Verstellung ist’s und Lug und Trug, wodurch Sie Herzen unauflöslich an sich fesseln.
Ja, wer den Ring Angelika’s , ich meine Vielmehr den der Vernunft, besässe, könnte Das Angesicht von Jedermann, entbleist Von aller Kunst und aller Falschheit, sehen. So manches scheint uns schön und gut, das ohne Schminke
Gar hässlich uns und böse scheinen würde.
Ein grosses Glük für den Ibtggrer , den Ring Zu haben, der die Wahrheit ihm entdekt!
4 »
O R L A K ü O.
3 .
Er kam, wie schon gesagt, durch last bewaffnet, Auf Rabikanen zu dem Thore , fand Die Wachen keines Angriffs sich gewärtig,
Und liess sein Schwert in ihrem Kreis nicht feiern. Den todt, den übel auf verlassend, jagt Er hin zur Brüke, schlägt die Gatterthür in
Trümmer,
Und fliegt dem Walde zu. Doch plözlich kömmt Ein Diener der Alcina ihm entgegen.
4 -
Er kam, von einem treuen Hund begleitet, Auf einem nicht sehr stattlichen Wallachen , Die Hand besezt mit einem Räubervogel ,
Mit dem er alle Tage auf die Jagd Zu gehen pflegt’, im Felde bald, und bald Am nahen See, wo Beute stets zu machen.
Die Schnelligkeit, womit Ruggiero ritt, [Verrieth ihm gleich, dass er entfliehen wolle,
5 .
Drum stellt er ihm sich in den Weg und fragt MitKekheit ihn : ,, wohin so rasch, Herr Ritter V ( Allein Ruggier erwiedert ihm kein Wort ; Weshalb, gewiss nun, dass er fliehe, Jener
Achter G- e s a n «.
41
Sich straks entschliefst ihn anzuhalten, und,
Den linken Arm ausstrekend, zu ihm spricht:
,, Wie wenn ich dir das Laufen so verwehrte, Und diesen Vogel auf dfin Hals dir schikte? se
6 .
■J
Er lässt den Vogel los, und dieser schlägt die Schwingen
So schnell, dass Rabiknn den Vorsprang ihm Nicht abgewinnt. Zugleich wirft sich der Jäger, Den abgestreiften Zaum in seinerHand, vorn Pferd, Das, einem abgeschossnen Pfeile gleich,
Dahin sich wirft mit fürchterlichem Laken. Alcinens Knecht rennt ihm so hurtig nach,
AIs wie von Sturm und Wetter fortgeschleudert. (
7 -
Der Hund, der ihnen an Schnellfüssigkeit Nicht weichen wollte folgt dem Rabikan So hastig wie der Leopard dem Hasen.
Jezt schämt Ruggiero sich zu fliehn ; er kehrt Sich um zu dem , der ihm so muntern Fusses Nachsezt, und mag, da er ihn nur bewehrt Mit einer Gerte sieht, womit er seinen Hund Zu Paaren treibt, nicht seinen Degen rühren.
.Orlando.
4a
8 .
Der Weidmann naht, und haut mit seiner
Ruthe
lluggieren, während ihm zugleich der Hund Am linken Fusse heisst. Das zügellose Pferd Schlägt dreimal hinten aus ihm an die rechte Hüfte. Der Geier kreist um ihn in tausend Rädern, Und lässt ihn oft die scharfenKlau’n empfinden. Der Lärm macht Rabikanen scheu , so dass Um Sporn undHand er wenig mehr sich kümmert.
9 -
Gezwungen endlich zieht Rüg gier sein Eisen, Und weist, um die Beschwerlichkeit sich ab Zu treiben, bald den Thieren, bald dem Schlingel Die Spize und die Schneide seines Schwerts. Allein der tolle Trupp wird immer toller;
Er sperrt ihm hier und dort den Weg, und wohl Begreift der Ritter, welch’ ein Schimpf undSchaden Ihm drohe, wenn er dort sich länger weile.
io.
Er weiss, Alcina werde sich nicht säumen, Mit allem ihrem Volk ihm nachzusezen.
Schon hallet weit in Thälern das Getön Von Trommelnund Drommeten und von Gloken.
Achter Gesang.
43
Doch gegen einen uhbewehrten Wicht Und einen Hund das Schwert zu brauchen, scheint Zu ehrlos ihm. Atlants entblößter Schild Kann besser und geschwinder ihn belrei’n.
1 r.
Er zieht demnach vorn Schild das rothe Tuch, In dem er lange sich verhüllt gehalten,
Und sieht, indem sein Glanz die Augen schlägt, Die tausendmal zuvor geschehne Wirkung.
Der Jäger stürzt von Sinnen schier zu Boden , Es fällt der Hund, das Pferd, die Flügel sinken , Ohnmächtig, in der Luft den Vogel noch zu
halten ;
Und fröhlich überlässt der Ritter sie dem Schlaf.
12 .
Alcina, der indess gemeldet, wie Ruggier das Thor gestürmt, und einen guten Theil Von ihren Wachen todtgeschlagen habe,
Gab ihren Geist beinah vor Herzleid aus.
Sie riss die Kleider sich entzwei, zerschlug Sich das Gesicht und schalt sich dumm und unvorsichtig,
Liess auf der Stelle zu den Waffen greifen, Und alles Volk sich um sie her versammeln.
44
O F, h A N D o.
i3.
Sie theilt es in zwei Scharen dann, und heisst Die eine des Eniflohnen Weg verfolgen, Kommt eilends mit der andern in den Hafen, Wirft sie zu Schiff und jagt sie in die Flulh. Das Meer erdunkelt unter tausend Segeln.
Mit diesen geht die Fee verzweiflungsvoll; Verlangen nach Ruggiero zehrt ihre Seele so, Dass sie in ihrer Stadt nicht Einen lässt.
-4-
Nicht Eine Wache lässt sie in dem Fallast; Wodurch Melissa (die stets auf der Lauer stand, Das Volk, das dort im Elend schmachtete, Aus diesem schnöden Reiche zu befrei’n) Gelegenheit und gute Zeit erhielt,
An seinem Orte alles zu beschaun,
t
Und Bilder zu verbrennen, Siegel abzunehmen, Und Knoten, Rauten, Schneiten aufzulösen.
i5.
Sodann beschleunigte sie sich ins Feld,
Und liess die Haufen alter Liebesritter Verwandelt dort in Wild, in Wasser, Holz • und Stein,
In ihre erste Körper um sich kleiden;
Achter Gesang. 4^
Und alle folgten, als mit freiem Fuss sie wieder Begabt sich sahn, den Spuren des Ruggier.
Sie flohn zu Logistillens Stadt, und kehrten Von da nach Griechenland, nach Norden und nach Westen.
16.
Melissa sclnkte sie, mit einer nie Lösbaren Schuld, zurük in ihre Heimath.
Vor allen Andern sah der Prinz von England In einen Menschenleib sich wieder übersezt; Wofür er bei der Vetterschaft des guten Ruggier sich zu bedanken und bei dessen Freundlichem Wort. Er bat sie drum und gab Den Ring ihr zu Astolf's Entzauberung.
* 7 -
Auf das Gesuch Ruggiers fand sich demnach Der Paladin entbaumt. Allein Melissen Schien nichts gethan zu seyn, bis sie dem Prinzen auch
Zu seiner Rüstung wiederum verhelfen; Insonderheit zu jenem goldnen Speer,
Der jeden, den er nur berührt, entsattelt. Sonst Argails , Astolfo’s dann, verschaffte Die Lanz in Frankreich Beiden vielen Ruhm.
Orlando.
'46
18.
Melissa fand den goldnen Speer verstekt In einem Winkel von Alcinens Schloss,
So wie die andern Waffen, die dem Prinzen Bei seiner Ankunft abgenommen worden. Hierauf bestieg sie das geflügelt Pferd,
Liess Jenen hinten auf bequem sich sezen, Stieg in die Luft, und kam bei Logislilien, Ein Stündchen noch vor dem Ruggiero an.
■ig.
Ruggiero ging indes« auf harten Felsen , Durch scharfen Dorn nach Logistillas Siz, VonSturz zu Sturz, von einem Pfad zum andern, Rauh, einsam, unbewohnt und wild verwachsen; Bis er zulezf, mit vielem sauern Schwell«,
Im Brand der zwölften Stund’ in eine Ebne tritt, Begrenzt von Meer und Berg, dem Mittag blossgestellt,
Versengt und nakend , unfruchtbar und öd.
20.
Der Sonne Gluth fällt auf den nahen Berg, Prallt doppelt beiss von ihm zurük, und macht Das Sandfeld und die Luft so heftig sieden, Dass sprödes Glas darin zerflossen wäre.
47
Achter Gesang.
Still lechzt der Vogel Volk in wannen Schatten, Im dichten Werg der Heide nnr betäubt Die Grille mit verdriesslichem Geschrill Die Thäler und dieHöh’n und Meer und Himmel.
21.
Der Brand, der Durst, die Mühe leisteten, Bei diesem Wege durch das sonnige Und wüste Sandgefilde dem Ruggier Gar saure und beschwerliche Gesellschaft^ — Doch da mir’s nicht geziemt, euch immerfort Mit Einem Gegenstand zu unterhalten,
Will ich Ruggiern derweil im Heifsen lassen , Und mich nach Schottland zu Rinaldo wenden.
22 .
Rinaldo war dem König, seiner Tochter Und seinem Land ein herzlich werther Gast- Sobald indefs die Zeit es ihm erlaubte ,
That er die Absicht seiner Ankunft kund ,
Um nemlich, in dem Namen seines Herrn, L Von Schottland und von England Hülfe zu
begehren ;
Und schloss dann Karls Gesuch mit der Erklärung, Wie man verpflichtet sey es zu erfüllen.
48
Orlando,
/
2 , 0 .
Der König gab sofort dem Paladin zur Antwort: Er werde nie mit aller seiner Macht Zu Nuz und Ehre Karls und seines Reichs Bereit zu stehn ermangeln. Was sein Land' An Ritterschaft nur zähle, solle fertig In wenig Tagen sich vereinigt haben ;
Und wenn sein Alter ihm’s nicht wehrte, würd* Er selbst sein Heer als General begleiten.
24.
Auch dieser Umstand sollt ihn nicht vermögen Daheim zu bleiben, wenn er einen Sonn Nicht hätte, dessen Geist und Tapferkeit Vollkommen würdig sey sein Kriegsvolk anzuführen.
Zwar sey cler Prinz jezt eben ausser Landes ; Allein er werde hoffentlich, indess Sein Heer sielt sammle, wieder kommen, und Sodann damit gleich abmarschieren können.
2 , 5 .
Drauf schikt der König durch sein ganzes Reich Schazmeister aus, um Pferd und Volk zu heben, Sorgt schnell für Schiffe und fürKriegsbedürfaifs, Für Lebensrnittel und für bares Geld.
Achter Gesang;
£9
Inzwischen brach Rinald nach England an5, Und ging sehr freundlich von dem guten König Begleitet bis nach Berwik wo sie Abschied, Nicht ohne Thränen von einander nahmen.
26.
Und als ein günst’ger Wind sieh dann erhob Stieg Aymons Sohn an Bord, und wünschte Allen Recht wohl zu leben, stach in See, und fuhr Südwärts, bis wo die bitterliche Themse Der salz’gen See begegnet. Drauf gelangen Die Schiffenden, von grosser Eluth des Aleerz Dahin getrieben, ohne Fiihrhchkeif ,
Alit Segeln und mit Rudern bis nach London.
27.
Rinahlo trug von Karin und König Otto’n, Der in Paris mit jenem eingesperrt ,
Die eigenhändig unterzeichnete Ermahnung an den Prinz von Waels , alles Was nur in allen Winkeln Englands sich An Reiterei und Fussvolk machen lasse,
Straks über nach Kaiais zu sezen, um
Der Christenheit und Karin in ihrer Noth zu
helfen.
Orlando II, 3. 4
Orlando . 1
ho
28.
Der Prinz, der auf dem königlichen Stuhl An Otto's Statt dermahlen sass, erwies Dem Herrn von Montalban mehr Ehren, als Er seinem König selbst erwiesen haben würde, Und that sodann was ihm geheißen war, Indem er allem kriegerischen Volk Von ganz Britanien und den Inseln rings Den Tagbestimmte, wo man sie amMeer erwarte
29-
Mir steht es zu, des guten Spielmanns Weis* Bei seinem Instrumente nachzuahmen.
Er tauscht die Saite, wechselt oft den Ton, Und lässt den tiefen bald und bald den hohen
hören.
So fällt mir, weil ich von Rinalden spreche, Auf einmal jene schöne Jungfrau ein, Angelika, von der ich euch erzählt, ihr sey Auf ihrer Flucht im Wald ein Eremit begegnet.
3o.
Ich will deshalb von ihr das Weitre melden. — Sie fragte, wie gesagt, sehr angelegentlich Nach einem Weg zum Hafen. Denn Rincdd War to gehässig ihr, dass sie gestorben wäre,
Achter Gesang.
5t
Wenn sie in Frankreich hätte bleiben sollen.. In ganz Europa glaubt sie sich nicht sicher. Allein der alte Bruder hält sie auf,
Weil es bei ihr ihm gar zu wohl behagte.
5i.
Die seltne Schönheit sezt sein Herz in Brand, Und macht sein kaltes Mark ihm ganz erwärmen. Doch da er sieht, wie wenig ihr an ihm Gelegen sey, und er ihr Langeweile mache, Sticht er dem Eselchen die Seiten wund,
Um ihm die Trägheit zu verleiden; aber Umsonst! er bringt es kaum in Schritt, zum
Trabe nie:
Das Thierchen hat nicht Lust, sich unter ihm
zu streken.
3a.
So kam das Fräulein stets ihm ferner, bis Sie endlich seinem Blik verschwand. Was blieb’ Ihm nun zu thun ? — Er ging zur schwarzen Hole, Rief einen Schwärm von Teufeln sich hervor, Und las vorn ganzen Haufen Einen aus , Erklärt’ ihm erstlich, was ihm nöthig sey, Und hiess sodann ihn in den Zelter fahren , Der mit derSchönen ihm sein Herz hinwegtrug.
Sz O R I, A tf D O.
35 .
Gleichwie der schlaue Hund, wenn er im wohlbekannten
Gehölz den Füchsen nachjagt oder Hasen,
Oft, wann das Wild nach dieser Seite läuft, liacbjener rennt, wie dessen Spur verschmähend, Und dann in einem Pass sich hören lässt,
Den Fang im Maul, ihn schüttelnd und zerfleischend :
So wird, auf wie verschiednem Weg sie jezt Auch gehn , der Eremit die Dame treffen.
34 -
Des Bruders Absicht weiss ich wohl, und will Sie euch auch sagen, doch an einem andern Ort. Angelika ritt, von dem allem nichts Besorgend, Tage lang, bald viel, bald wenig. Das Teufelchen verbarg sich in ihr Pferd,
So wie bisweilen Feu’r versteht sich hält,
Und mit so grosser Flamm’ auf einmal dann hervorbricht.
Dass rnan’s nicht löschen kann, und kaum sich
rettet
55 .
Nachdem die Jungfrau zu dem Ocean ,
Der dieGascogner wäscht, den Pfad genommen
A c h t e n Gesang.
53
Wird, weil sie längs dem Ufer, das die Fluthen Des Meers besprengen, ihren Zelter treibt,
Ihr plözlich dieser von dem bösen Dämon Ins Meer geworfen. Schwimmend jezt mit ihm, Weiss die furchtsame Jungfrau ihrem Leibe Nicht bessernjlath, als fest im Sattel sich zu halten.
36 .
Sie zupft ihr Pferd am Zügel, doch umsonst; Es jagt nur höher stets und höher sich ins Meer. Sie hält ihr Kleid sich auf, damit es nicht Bewässre sich und zieht die Füsse in die Höhe. Wild flattert um die Schultern ihr das Haar , Um das die Luft wollüstig buhlt. Es ruht Verstummt der starkem Winde Schaar, vielleicht So grosse Schönheit mit dem Meer bewundernd.
3 7 .
Vergebens wendet sie die schönen Augen, Die Wang’ und Busen ihr mit Thränen nezen, Dem Ufer zu; sie sieht es stets sich mehr entfernen Und stets sich mehr verkleinern und verringern. Doch rechtshin schwimmend sezt nach weitem Kreise endlich
Das Pferd, da schon die graue Nacht herauszog, Ans LaAd sie ab, in eine Bucht, umstarrt Von dunkeln Felsen und grauenvollen Höhlen.
54
OlUS'B o.i
38.
Die.Tungsrau blieb, — da sie in dieser Wildniss, Die durch ihr blosses Ansehn Furcht erwekt, Sich einsam fand, zur Stunde, da die Sonn’, Ins Meer getaucht, im Finstern Erd’ und Luft Gelassen hatt’ — in einer Stellung stehn,
Bei deren Anblik man gezweifelt hätte ,
Ob’s wirklich ein lebendig Weib sey , oder Ob nur ein Bild von angefärbtem Stein.
3 9 .
Betäubt , im ungewissen Sand gefesselt,
Mit losem und zerzaustem Haar, die Hände Gefaltet, unbewegt die Lippen , hielt Die matten Augen sie gen Himmel, wie Den grossen Herrn verklagend, alles Unheil Der Welt so über sie gehäuft zu haben.
So stand sie stumm ein Weilchen da, und löste Die Zunge dann dem Schmerz, den Thränen ihre
Augen.
40.
„ O Schiksal ! " sprach sie, " was bleibt dir noch übrig,
Um deiner Feindschaft Durst an mir zu löschen ? Was kann ich mehr dir geben denn, als dies
Achte« Gesang.
SS
Elende Leben ? Doch das magst du nicht!
Du warst ja so besorgtes aus dem Meer zu retten. Wo leicht sein Gram sich hätte enden können! Du wünschest, ach ! bevor mein Auge bricht, Mit grossem Martern noch mich zu verfolgen,
41.
„Allein ich sehe nicht, wie du noch mehr Mich quälen könntest als bisher. Durch dich Bm ich vorn Königssiz verjagt, und darf Ni^ hoffen wieder ihn zu sehn. Durch dich Verlor ich meine Ehr’ ein schlimmerer Verlust - Denn wenn ich gleich nicht thätlich mich . vergangen,
So gab ich durch mein schweifend Leben doch Den Menschen Anlass, unkeuschmich zu schelten.
4z.
„Und was hat eine Frau noch Gutes auf der
Welt,
Wenn ihr der Keuschheit Ruhm genommen
worden!
Ach! schädlich ist mir’s, dass ich jung bin, und Mit Unrecht o der Rech t, für schön gehalten werde. Ich danke Gott für diese Gabe nicht;
Denn ihr verdank’ ich alle meine Leiden ;
56
Orlando.
Um sie ward Argail, mein lieber Bruder,
Mir umgebracht, troz seiner Zauberwaffen.
43 .
„Um sie schlug Agrihan, der Tatarn König, In Indien meinen Vater Galafron ,
Der Grosskan von Katajo war; ein Unglük, Das mich dahin gebracht, dass ich am Morgen Und Abend mein Quartier verändern muss ,* Wenn Gut, wenn Ehre, wenn den Iezten Freund Du mir geraubt, erschöpft an mir dich hast an Uebeln,
Zu welchem Leid, o Gliik, willst du mich denn noch sparen ?
44 -
„ Wenn in dem Meer mich zu ertränken deinem Grausamen Sinn zu leichte Strafe schien ,
So sebik’, um endlich meiner dich zu sätt’gen, Ein wildes Thier, das mich und meine Schmach verschlinge!
Für jede Qual, wie schmerzlich auch, will ich Dir gerne danken, wenn sie nur mich tödtet. “ So sprach Angelika mit lautem Schluchzen,' Als ihr zur Rechten — sich der Bruder naht.
Achter G e s a » g.
07
45 .
Vorn Gipfel eines hohen Berges hatte Der Eremit Angeliken gesehn ,
Wie sie am Fuss des Felsens ganz zerstört Von Trauer und Verzweiflung stand. Er safs, Von einem Dämon durch die Luft getragen, Sechs Tage schon auflauernd da, und kam Zur Schönen jezt, dem Ansehn nach so fromm Als je Hilarion und Pmilus waren. '
46 -
Da ihn Angelika gewahrte, schöpfte,
Da sie ihn nicht erkannte , ihre Seele
Ein wenig Trost; die Furcht verliess sie nach
Und nach , ob Blässe gleich noch ihr Gesicht
bedekte;
Und wie er ihr genaht, rief sie: „Erbarme Dich mein, o Vater, hier in meiner Noth!“ Und sagt' ihm, oft vorn Aechzen unterbrochen^ Dann alles was ihm kein Geheimnis» war.
47 -
- Der Bruder fängt mit ein paar schönen Sprüchen Und frommen Reden sie zu trösten an,
Und legt bei seiner Predigt kühn. die Hand Bald auf den Busen ihr, bald auf die Wange.
\
58
Orlando.
Sodann will er, noch kühner, sie umarmen; Allein die Dame schlägt ihm zorniglich Mit einer Hand die Brust, wirft ihn zurük, Und färbt ihr Angesicht mit keuschem Rröth.
48 .
Er greift hierauf in einen Sak, der ihm Zur Seite hing, und zieht ein Fläschgen Wasser Heraus, 'und sprizt davon in jenes Augenpaar, Aus denen Amors heiss’ste Flamme lodert ,
Mit leichter Hand zwei Tropfen, von der Kraft Sie mit dem tiefsten Schlaf sogleich zu fesseln. Schon liegt die Schöne riiklmgs auf dem Sand, Der Lust des Alten völlig preisgegeben.
49 -
Inbrünstig drükt er sie an seine Brust;
Die Jungfrau schläft, und kann es ihm nicht
wehren.
Er küsst den Busen jezt, und jezt den Mund; Kein Auge sieht ihn in der rauhen Oede. Allein sein Streitrols stolpert in dem Treffen ; Sein schwacher Leib entspricht dem Willen nicht. Er. war zu ungeschikt, weil er zu abgelebt, Und wird bei jeder Mühe nur verlier^"
AchtnER Gesamg.
r-9
50.
Umsonst versucht er es auf alle Art;
Nichts kann den trägen Klepper ihm ermuntern. Vergehens rüttelt er den Zügel ihm,
Er kann den Kopf ihn auf nicht halten machen. Am Ende schläft er bei der Schönen ein ;
Und nun kam über sie ein neues Ungliik.
Nie ist das Glük mit wenigem zufrieden , Wenn es zu Schimpf und Hohn sich einen
ausersehn.
51.
Allein eh ich den Unfall euch erzähle,
Muss ich ein wenig ab vorn graden Weg mixh
wenden. —
Im Nordmeer strekt, gen Abend oberhalb Von Irland, eine Insel sich, Ebuda Genannt, wo nur ein sparsam Volk geblieben, Seitdem ein ungestaltet Kraken nebst Viel anderxn Meervieh , von Protein ihr Aus Rache zugeschikt, sie jämmerlich zerstörte. 62.
Die alten Sagen, wahrhaft oder falsch, Vermelden, dass vordem ein mächt'ger König Dort herrschte, der sich einer Tochter freute, Von solcher Schönheit, solchem Heize, dass,
Orlando.
Go
Wann sie am Ufer sich erging, sie leicht DenSeegoti in dcrFluthiiiFlammensezenkonntc. lisch als er eines Tages allein sie fand,
Ergriff er sie, und liess sie von sich schwanger.
53.
Dem Vater, der sehr streng und unbarmherzig,
war
Der Vorfall so eitipsindlich und verdriesslich,
Dass keine Bitten ihn bewegen konnten,
Der Tochter zu verzeibn. Sein wilder Zorn Sprach, ihrer Schwangerschaft zu Troz, sogleich Das harte Urtheil über sie , und liess Demnach sein Enkel eben, das nichts verbrochen, Bevor es noch das Licht gesehn , ermorden. 5/j.
Als Proteus, der das wilde Vieh Neptuns, Des Meerbeberrschers, weidet, seiner Dame Grausames Schiksal hört, bricht er, entilammt Von Wuth, Gesez und Ordnung, und gebeut Sofort dem Kraken, Meerkalb und dem ganzen Seeheere, stürmend sich aufs Land zu werfen. Und diese richten nicht nur.Schaf und Ochsen,
sondern
Auch Dörfer, Fleken und die Menschen drin«
zu Grund,
Achter Gesang.
61
55 .
Oft zichn sie auch zu Städten hin, und haltest Die Mauern rings belagert. Tag und Nacht Stehn voller Angst, der Plage herzlich satt,
Die armen Insulaner in den Waffen.
Verlassen liegen alle Felder, bis
Man endlich sich vorn Unheil zu befrei’n,
Sich auf macht , um darüber ein Orakel Zu Rath zu ziehn; und dieses gab zur Antwort :
56 .
Man habe eine Jungfrau zu erkiesen,
Die der Gemordeten an Schönheit gleiche,
Und sie dem aufgebrachten Protens statt Der ersten an dem Meerestrand zu bieten.
Wenn sie ihm schön genug, so werd’ er sie Sich nehmen, und das Land nicht mehr beschweren :
Wenn nicht, so muss’ ihm eine zweite, dritte, Bis er zufrieden sey, gestehet werden. /
5j.
Und so begann das Leiden aller Jungf'rau’n, Die Gott mit einem schönen Leib geziert ;
Denn jeden Tag bringt man dem Protein eine , Eis endlich eine ihm gefallen mög».
i
6z
Orlando.
Die erste unu die andern alle kan.^ iv Dort um ihr liebes Leben; denn ein Kraken, Der von dem grausen Heer allein am Bord Geblieben, jagte sie sich in den Magen.
58.
Sey Wahrheit oder Lüge nun die Sage Vorn Proteus, (denn ich kann es nicht entscheiden). Genug, man übte auf Ebuda gegen Die Frau’n ein altes grausames Gesez,
Mit solcher Glosse, dass ein ungeheurer Kraken Mit ihrem Fleische täglich an dem Ufer 7,u füttern sey. — Zwar ist es überall Ein Unglük Weib zu seyn, doch nirgend so
wie dort.
5 9 .
O arme Mädchen, die ein unverdientes Gescluk an das heillose Land verschlägt,
Wo man am Meere stets auf Fremde lauert, Um sie barbarisch aufzuopfern! Denn Je mehr von aussen man erhält, je minder * Verkleinert sich die Zahl der heim’schen
Jungfrau’n.
Doch da der Wind nicht immer Beute bringt, So jagen sie danach an allen Küsten,;
Achter Gesang.
63
60.
Sie kreuzen in der weiten See umher Mit Jachten, Brigantinen und Schaluppen, Und holden sich von nahem und von weitem Erleichterung für ihre schwere Last. .
Viel Schöne raubten sie gewaltsam; andre Verführten sie durch Gold und Schmeicheleien ; Und immer sind von Frau’n aus aller Welt Die Thürme dort und Kerker angefüllt.
61.
Von ihren Kapern strich nun einer hart An jener wilden Felsenbucht vorüber ,
Wo unter Büschen auf begrastem Grund 'Angelika, vorn Schlaf bezwungen lag. ,
Ein Theil der Schiffer sezt, um frisches Wasser Und Holz sich einzuhohlen, sich ans Land, Und sieht erstaunt die Blume aller Schönen Und Reizenden im Arm des frommen Vaters.
62.
O allzutlieurer, atlzuedler Raub Für Leute so barbarisch und verächtlich!
O Glük, wer sollte glauben, du vermöchtest So grausam mit dem Menschen zu verfahren, Dass einem Ungeheu’r zur Speise du
Die grosse Schönheit gäb’st, die Agrikanen Vorn Kaukasus gelokt, um mit halb Scythien In Indien den Tod davon zu tragen!
63 .
Die grosse Schönheit, die dem Saftripant Vor seiner Ehre ging und seinem Reiche ;
Die grosse Schönheit, die den hohen Geist Und hellen Ruhm Orlando s so beflekte;
Die grosse Schönheit, dite ganz Morgenland In Aufruhr sezt 1 und in Gehorsam hielt;
Sie ist jezt so verlassen, dass ihr Niemand Auch nur mit einem Wörtchen helfen könnte!
64 -
Angelika ward, eh sie noch erwacht Vorn tiefen Schlafe war , belegt mit Ketten. Dann warf man mit dem alten Bruder sie Ins Schiff, erfüllt mit kummervollem Volke, Und trieb mit aufgespanntem Segel werk Die Barke zum verwünschten Eiland, wo Das Fräulein sich in einem festen Thurm Geschlossen fand, bis sie das Loos des Todes treffe. 65 .
Doch so gewaltig war der Zauber ihrer Schönheit,
Dass selbst das wilde Volk von ijir gerührt,
Achter GesanCt.
65
Den Tod ihr viele Tag’ erliess, und ihn Nur für den höchsten Nothfall ihr bestimmte. Solang man drum noch andre fremde Jungfrau’a Besass, verschonte man die seltne Schönheit. Doch endlich wurde sie, begleitet von denThränen Des ganzen Volks, dem Kraken zugeführt.
66 . '
Wer wird das Aechzen, Klagen und Geschrei Erzählen, die bis in den Himmel drangen ?
Ein Wunder, dass die Ufer nicht zerbrachen, Als man sie auf die kalte Klippe sezte,
Wo sie, gefesselt, aller Hülfe los,
Dem gräulichsten der Tod’ entgegen bebte. —. Genug davon! Mich schmerzt der Anblik so, Dass ich genöthigt bin, mich von ihm abzuwenden»
67.
Und minder traur’ge Verse zu versuchen,
Bis wieder sich mein matter Geist ei höhlt; Denn selbst Hyänen nicht, noch die beraubten, Von höchster Wuth entflammten Tiger, noch Was sonst vorn Atlas bis zum rothen Meer Nur Giftig's irrt im heisen Sande, könnten u Angeliken unmöglich ohne Leid Am nakten Stein gebunden sehn noch denken, Orlando II, ß. 5
66
Orlando.
68 .
O! hätte ihr Orlando es gewnsst,
Der, sie zu finden, nach Paris geeilt,
Und jenes Ritterpaar, das der verschmizte Bruder Durch einen Boten von dem Styx betrogen: Durch tausend Tode hätten sie die Spur Der Englischen gesucht, um sie zu retten. Doch was vermochten sie, wenn sie von ihr Auch Kunde hätten, da sie ihr so ferne waren?
69.
Inzwischen sah Paris sich von Trojans Nahmhaften Sohn berennt A und eines Tages So weit gebracht, dass es in Feindes Hand Zu fallen droht’ ; und wenn Gelübde nicht Den Himmel so versöhnt, dass er das Feld Mit finsterm Regen überschwemmt’, es wäre Den Tag das Christenreich mit Kaiser Karin iVor Afrika’s furchtbarem Schwert gesunken.
7 °-
Allein der Schöpfer wandte seinen Blik Auf des bejahrten Karls gerechten Jammer, Und dämpfte schnell mit Regengufs den Brand, Den menschliche Gewalt nicht hätte löschen
können.
Achter Gesang.
67
Stets w.endet der Verstäncl’ge sich zu Gott, Denn besser möcht’ ihm nie ein Andrer helfen. Auch sah der fromme Karl vollkommen ein , Dass er allein durch Gottes Hand gerettet.
7 1 -
Orlando plagt die Nacht in seinem Bett Sich viel mit seinem flüchtigen Gedanken.
Er wendet ihn jezt hierhin, dorthin jezt ,
Fasst jezt zusammen ihn, und hält ihn niemals fest: So wie das Sonnen-oder Mondlicht, zitternd Zurükgeworfen von krystallner Fluth,
Mit schnellem Sprung an grossen Häusern hüpft. Bald rechts, bald links, bald oben und bald unten.
72.
Die Schöne, die in seinem Sinn zuriik Ihm kehrt, ja, die nie daraus gewichen, Entzündet lieisser jezt in seinem Herzen Die Flamme , die bei Tag erloschen schien.
Er hatte sie geleitet von Katajo
Zum Abendland , sie hier verloren , und,
Seit Karl an der Garonn’ aufs Haupt geschlagen, Nicht eine Spur von ihr entdeken können.
68
Orlando.
7 3 .
Wie schmerzlich war ihm dies ! Er machte sich Ob seiner Thorheit viel vergebliche Gedanken. „ Ach!" rief er aus, ,, mein Herz, wie schmählich
habe
jch mich verhalten gegen dich! Wie driikt Es mich, da ich von deiner Huld beseligt,
Bei Tag und Nacht dich bei mir haben konnte, Dem alten Nay/ns gelassen dich zu haben, Weil mir’s an Wiz gebrach, es zu verhüten !
74 -
,, Warum behauptet’ ich nicht laut mein Recht ? Karl hätte mir vermuthlich nachgegeben ;
Und wenn auch nicht, wer konnte mich denn
zwingen ?
Wer mir zum Hohn denn meinen Schaz mir
nehmen ?
Konnt ich viel eher nicht zum Säbel greifen, Das Herz mir aus der Brust nicht eher reissen
lassen P
Doch, weder Karl, noch all sein Volk vermochte Mir mit Gewalt mein Liebchen zu entreissen.
? 5 .
„ Wenn er sie noch in Sicherheit gebracht, Sey’s in Paris , sey’s sonst in einer Feste!
Achter G e s a n ®. 69
Denn dass sie Nayms erhielt, klingt mir nicht
anders,
Als dass ich nie sie wieder haben soll.
Wer sollte sie denn besser wohl als ich Bewahren? Ach! ich sollt’s bis an den Tod; Sie mehr bewahren als mein Aug’ und Herz , Das sollt’ und konnt’ ich thun , und that es dennoch nicht!
76 .
„Wo bist du ohne mich, mein siisses Leben, So jung, so reizend! wo bist du geblieben ? Dem Lämmchen gleich, das nach erloschnem Tag Verirrt im dunkeln Walde bleibt, und hoffend Den Schäfer endlich zu sich her zu rufen, Hierhin und dorthin kläglich blökend läuft,
Bis es den Wolf von ferne lokt, und dann Der arme Hirt vergebens es beweint.
77 -
Wo, meine Hoffnung, wo verweilst dujezt? Gehst du vielleicht noch einsam irrend ? Haben Dich , ohne deines treuen Freundes Schuz,
Die bösen Wölfe schon gefunden? — Ach!
Das Blümchen, das in Himmel zu den Göttern Mich sezen konnt’ und das ich unberührt
7°
O K L A N B O.
Mir aufgespart, um dir die keusche Seele nicht Zu kränken, ach! dies Blümchen haben sie Vielleicht schon mit Gewalt zerstört und abgebrochen!
78.
,, Ich Unglükseliger ! muss ich nicht sterben, Wenn mir mein Blümchen abgepflüket ist!
O Gott, lass eher jeden andern Schmerz,
Als den Verlust mich leiden! Ja! ist dies Geschehn , so nehm’ ich selber mir das Leben, Und schike meine Seele in die Hölle! "
So sprach mit heisen Thränen und mit Seufzern Bei sich der hochbetrübte Graf Orlando.
79 «
Schon labten überall die müden Wesen Mit Ruh und Schlaf die matten Lebensgeister, Auf Federn hier, und dort auf hartem Stein, Im Grase die, und die in grünen Zweigen. Doch du, Orlando , senkst gequält von deinen
scharfen
Gedanken, kaum einmal die Augenlieder;
Und auch so kurzen, fliicht’gen Schlummer wollen Sie dich in Frieden nicht geniesen lassen.
Achter Gelang.
7 £
So.
Dem Paladin erschien auf einem Strand, Geschmäht mit buntem Schmelz von würz’ger
Blumen,
Das schone Elfenbein, das Amors eigne Hand Gefärbt mit angebornem Purpur, und Das helle Sternenpaar, mit welchem er die Seele, Versinkt in Liebesnez, ernährt’; — ich meine Das schöne Antliz und die schönen Augen,
Die ihm das Herz aus seiner Brust genommen*
81. .
Er suhlt die höchste Lust, die höchste Wonne, Die je beglükt ein Liebender empfand.
Doch sieh ! auf einmal bricht ein Sturm hervor, Zerknikt die Blumen, schlägt die Pflanzen nieder, Und tobt mit schreklicherm Getös als wenn Der Süd und Nord und Ost zusammen kämpfen. Orlanden war, wie wenn durch wüsten Sand Nach einem Obdach er vergebens irrte.
82.
tlndefs verliert, er weiss nicht wie, der Arme In düsterm Nebel seine Dam’. Er macht Drauf weit und breit die Wälder und Gefilde Von ihrem Namen mächtig wiederhallen;
73
Orlasij o«
Und. wahrend er umsonst ,, o weh mir! " ruft, „Wer hat mir meinen Honigseim in Gift ■Verwandelt! “ — hört’ auf einmal er sein Liebchen Um Hülfe schrei’n und laut sich ihm empfehlen.
83 .
Er eilt dahin, woher ihm das Geschrei Zu kommen scheint, und sucht mit vieler Müh’ Umher; und o! wie grausam ist sein Schmerz, Da nirgend ihm die holden Augen strahlen!
Da ruft ihm plözlich eine andre Stimme:
„ Nie wirst auf Erden du dich ihrer mehr erfreu’n!" Bei diesem schrekenvol'ien Wort erwacht Der Paladin und sieht in Thränen sich gebadet.
84.
Und ohne an die Nichtigkeit der Bilder, Wenn man voll Furcht und Sehnsucht träumt,
zu denken,
Lag ihm Angelika, die er in Schimpf Und Schande glaubt, so sehr an seinem Herzen, Dass er dem Bette wie ein Donnerstrahl Entfuhr, mit Panzer, Helm, und allem was Ihm Noth dünkt, sich versah, und Brigliadoren Ergriff, und keines Knappen Dienst begehrte.
Achter Gesang.
75
Und um nicht seiner Würde irgendwo Auf seinem Zug ein Flekchen anzuhängen, Liess er das vielgeehrte Zeichen seines Quartieres, roth und weiss, an seinem Ort, Und nahm statt dessen einen schwarzen Schmuk, [Vielleicht auch seiner Trauerfarbe wegen.
Ihn trug einst Amostant , den er vor'nicht Gar langer Zeit mit eigner Hand getödtet.
86 .
Um Mitternacht macht er sich aus Paris, Ohn’ Gruss und Wort an seinen Oheim, ohne Selbst Brandhnarton, seinem Spießgesellen Und lieben Freund, ein Lebewohl zu sagen. Als drauf mit ihrem goldnenHaar die Sonne , Aus Titons reichem Fallest sich erhob,
Und fltehn d;n schwarzen feuchten Schatten
machte,
[Vermisste Karl mit Schmerz 4en tapfern Neffen.
87.
Mit grossem Missvergnügen sah der Kaiser, Dass ihm Orlando in der Nacht cntfloh'a,
74 O £ L A N 1> O.
Da just sein Beistand ihm so nöthig war,
Und blieb nicht Herr genug von seinem
Zorn,
Um nicht in Klagen über ihn hervor Zu brechen und in Schmähungen, zu droh’n, Wenn er nicht wiederkehrn, und zu schwören, Ihn sein Vergehen schwer bereu’n zu machen.
88 .
Sogleich ging Brcmdimart, der den Orlando Mehr als sich selber liebte , fort , entweder In Hoffnung ihn zurük zu bringen , oder Weil’« ihn verdroß, ihn so beschimpft zu
hören.
Er konnte kaum die Abenddämmerung Für seine Fahrt erwarten. Hordelis Eifuhr kein Wort davon, damit sie ihm Kickt hinderlich in seinem Vorsaz wäre.
89- 1
Dies Fräulein war seit langem die Geliebte Des wakern Brandimarte. Selten nur Sah man ihn ohne sie. Sie war mit Reiz und
Anmuth
und mit Wiz und Klugheit;
Begabt und Sitten
Und wenn er diesmal sich ihr nicht empfahl,
So war es blos, weil er den Tag sie wieder
Zu sehen hofft’; allein Zufälle hielten
Ein gut Theil länger ihn zuriik als er gedachte.
9 °-
Ais Flördelis fast einen ganzen Mond Umsonst auf seine Wiederkunft geharrt, Entbrannte sie so heftig von Verlangen Nach ihm, dass ohne führ er und Begleiter Sie fort ging, ihn in aller Welt zu suchen ; Wie wir an seinem Ort vernehmen werden.
Für jezt kein Wort von Beiden mehr; denn
mehr
Liegt mir der Ritter von Aglcmt am Herzen. 9 1 *
Orlando kam mit obgedachtem schwarzen Und unbekannten Zeichen an das Thor ,
Und sagte einem Hauptmann, der die Wache Dort hatte, leis’ ins Ohr: „ich bin der Graf."’*' , Und straks liess sich die Brüke vor ihm nieder, Woraus er fort auf einem Wege jagt.
Der ihn gerade zu den Feinden führte.
Der andre Gesang wird uns das Weitre melden.
76
ANMERKUNGEN.
Stanze 1 4., Vers 7—8.
Bildar , Karaktere , Rauten , Schrieben , Rombi , Turbini, magisclie Verschlingungen. Wer Lust haben sollte, sich über diese Dinge und die schwarze Kunst überhaupt näher zu belehren, der sehe die im Jahr isioo in Eisleben gedrohten Magica, und besonders Nicolai llemigii Daemonolatria, oder Beschreibung von Zauberern und Zauberinnen. Mit •wunderlichen Erzehlungen, vielen natürlichen Fragen und teufelischen Geheimnissen 'vermischet. Hamburg bei Thomas Wiering im güldenen A, B, C. Anno 1698; eine merkwürdige Aktensamtnlung für die Geschichte des menschlichen Unverstandes.
Nikolaus Remigius lebte in der lezten Hälfte des löten Jahrhunderts, und hatte, als Kriminalrath des Herzogs von Lothringen, Gelegenheit, viele Hexen zu inquiriren und zum Feuer zu verdammen. Da er nun, wie er in seiner Vorrede sagt, die Weise mancher^ Menschen an sich hatte, in miissigen Stunden die Koncepte und Sjieculationes von allerhand Dingen zu Nuz und Frommen Anderer in Schriften zu sezen, so brachte er alles, was er von schwarzer
77
Kunst gelesen, gehört, erfahren und gedacht hatte , nach und nach in eine sorgfältige Sammlung. Hierin belegt er tausend Teufeleien und Ifexenpossen mit gerichtlichen Urkunden und — schönen Versikuln aus lateinischen Poeten , zieht hieraus die Folge, „dass Hexen und Uni holde gewilslich zu finden seyn, wenn wir nicht gar blind und dumm seyn wollen , " und widerlegt (im zZten Kapitel des ersten Theils) ,, das, was gewisse Philosophier, als Democri- tus, Averroes und alle Peripatetici fabuliert haben , dass nämlich die bösen Geister für die bösen Affectus in dem Menschen zu halten, und nicht vielmehr wesentliche Geister seyn , welche für sich bestehen und sind, “ — mit folgender, für sein Zeitalter niederdonnernden Frage: „Da im Evangelio erzehlet wird, dass den bösen Geistern auf ihre Bitten und Begehren gestattet worden, in die Heerde der Säue zu fahren , wie wollten , so sie Affectus wären, dergleichen der Geiz, die Ehrgeizigkeit und die Untreu ist, solche Laster in die Schweine kommen ? "
Stanze 20 , Y. f— 8 - At me cum raucis, tua cum vestigia lustro,
Sole sub ardenti resonant arbusta cicadis.
Virg. Ecl. II, 12, 13.
Stanze 4° > f
Dieser Anklage des Schiksals ähnlich ist folgende Stelle eines Briefes der HeloUe an .
Doch unter Zelten nicht; der grosse Regen Hat unter Bäum’ und Dächer sie zerstreut.
Zu zehen, zwanzigen , zu vieren, achten,
Die fern, die nahe,* liegen sie herum,
Und schlafen allesamt erschöpft und matt,
Der langgestrekt, der auf das Haupt gestüzt. Leicht konnte ihrer viel Orlando todten ; Allein er zog drum Durindanen nicht.
4 -
So grols und edel ist Orlando ’s Herz,
Dass es verschmäht, einV elk das schläft zu morden! Er lälst sie ruh’n, und sucht bald hier, bald doit, Nach Spuren von Angelika, der Schönen; Und trifft er einen Wachenden , so malt Er seufzend ihm die Kleidung und Gestalt Der Jungfrau ab , und bittet ihn , ihm doch Den. Weg zu ihr gefälligst anzuzeigen.
o.
Und als hierauf der helle Tag erschien , Durchwandelt er das ganze Heer der Moren ; Und ungehindert konnt’ er dies, da er Arabisch ging. Allein ihm half dabei Nicht weniger, dass er nicht blos Französisch
Neunter Gesang.
85
Verstand. Der Paladin sprach Afrikanisch auch, Und zwar so fertig, dass es schien, er wäre In Tripolis geboren und erzogen.
6 .
Nichts blieb von ihm dort unbeschaut, erspähte Drei Tage lang dort unaufhörlich fort.
Dann spürt’ er nach in Städten und in Pieken, Und nicht allein durch Frankreichs Länder; auch Bei den Auvergnern und Gaskognern sah Er alles durch bis zu dem lezten Dorfe.
Er suchte von dem Var bis nach Bretagne, Und von der Pikkardie bis an die Pyrenäen.
7 -
Zu End’ Oktobers und Novembers Anfang, Zur Zeit, wo sich der Baum sein laubig Kleid Ausziehen und die lebenden Glieder sich Entblössen sieht, bis er ganz nakend bleibt, Und wo die Vogel fort in dichten Schaaren reisen, Begann Orlando die verliebte Fahrt,
Und liess von ihr den ganzen Winter nicht, Und nicht den neuen Frühling von ihr ab.
8 .
Indem er eines Tages, wie gewöhnlich,
Von Land zu Lande zog, kam er an einen Fluss,
86
Orlando,
Der von der Normandie Bretagne scheidet, Und ruhig sich ins nahe Meer bewegt.
Jezt aber strömt’ er weiss von Schämn, geschwellt Von aufgethautem Schnee und Regengüssen. Zertrümmert war von der Gewalt der Flutli Die Brück’ und fort der Uebergang geschwemmt.
9 -
Der Paladin blikt mit den Augen rechts Und links am Ufer, um zu sehen, wie (Da er so wenig Fisch als? Vogel war)
Der wilde FIuls sich wohl passiren lasse.
Und sieh! es schwimmt ein Kahn daher, indem Ein Mädchen sizt , das ihm von ferne winkt, Sie wolle zu ihm hin ; allein sie lässt Hierauf den Nachen nicht das Land berühren.
10.
Sie stößt aus Ufer nicht, weil sie vielleicht Besorgt , sich wider Willen zu beladen.
Der Graf versucht sie, ihn mit in den Kahn Zu nehmen und den Strom zu überfahren. Allein sie spricht': „Hier geht kein Ritter über, Der mir sein Ehrenwort nicht giebt, auf mein Verlangen einen Kampf zu übernehmen,
So rühmlich und gerecht als je gekämpfet worden.
Neunter Gesang.
«7
" II,
„Darum, Herr Ritter, wenn in Wahrheit ihr Von mir an jenes Ufer euch gesezt Zu sehen wünscht, so musst ihr mir geloben, Bevor der nächste Mond zu Ende geht,
Zum Könige von Irland hinzuziehn,
Bei dem ein schönesHeer sich sammelt, um ein
Eiland
Zu Grund zu richten, das an Grausamkeit Im ganzen Meer nicht seines. Gleichen hat.
12.
„Denn wisset, oberhalb von Irland liegt. Bei manchen andern, eine Insel, Namens Ebuda, die ihr Volk gesezlich rings Umher auf Rauben schikt, und alle Damen , So viel es ihrer habhaft wird, lebendig Zum Futter für ein Ungebeu’r bestimmt,
Das täglich ans Gestade kömmt, und stets Frau oder Jungfrau da zu fressen findet.
io.
„Denn Handelsschiff und Kaper fangen ihrer Sehr viel umher, die schönsten sonderlich.
Ihr könnet leicht berechnen, wie viel Frau'n Und Jungfrau’n, Eine auf den Tag, schon dort
«8
O R Ii A H D O.
Verschlungen sind. Deshalb, wenn Mitleid bei euch wohnt,
Und ihr der Liebe nicht ganz widerspenstig seyd* So zählet euch den Kriegern bei, die auf Sich machen, solchem Ungemach zu steuern."
4 -
Orlando hörte kaum sie aus, so schwur er laut, Bei diesem Zug der erste Mann zu se^m;
Denn ganz unleidlich war es seinem Ohr,
Von schlechter, gottvergessner That zu hören. Auch kam ihm der Gedanke, dann die Furcht, Dass jenes Volk Angeliken gefangen;
Da er sie weit und breit gesucht, und noch Nicht Eine Spur von ihr gefunden habe.
i5.
Der Argwohn macht ihn so verwirrt, und bringt So ganz ihn ab von jedem ersten Plan ,
Dass er beschließt , in grösster Eile hin Zu dem verruchten Lande sich zu schiffen. Noch tauchte sich die andre Sonne nicht Ins Meer, als er ein Fahrzeug bei Sankt Malo Bestieg, die Segel spannen liess, und so Die Nacht vorbei dem Berg Sankt Michel fuhr.
Neunter Gesang.
§9
16.
Er lässt Brehat und Landrillier zur Linken, Bestreicht die grosse Küste von Bretagne,
Und richtet dann sich nach dem weissen Land' ,Von welchem England Albion sich nennt. Allein der Wind verlässt den Süd, und blässt Auf einmal so gewaltig von Nordwesten,
Dass man gemüssigt ist, die Segel ein Zu ziehen und ihn hinten auf zu nehmen.
17.
So weit die Barke in vier Tagen vorwärts Gekommen war , lief sie in Einem Tag zurük, Vorn Steuermann auf hohem Meer gehalten , Dass sie an Klippen nicht wie Glas zerbreche» Nachdem der Wind drei Tage lang getobt, Verändert' er ein wenig seinen Takt,
Und liess das Schiff gemächlich in den Fluss, Der von Antwerpen sich ins Meer ergiesset.
18.
Sobald der gute Steuermann die Mündung Mit seinem matten Schiff hineingelaufen,
Und Land genommen, stieg von einem Ort, Der rechts am Ufer lag, ein Mann hernieder, Von hohem Alter, wie sein weiss es Haar
9 °
Orlando.
Verkündete, und wandte sich gar höflich, Nach ausgesproebnem Grafs, zum Paladin , Der seiner Meinung nach das Haupt der Andern war.
i9-
Er bat von Seiten einer Jungfrau ihn.
Mit seiner Gegenwart sie zu beehren,
Die er, von ihrer Schönheit nichts zu sagen, Vor allen sanft und sehr gesprächig finden werde. Doch wenn der Gang ihm zu beschwerlich sey, So mög’ er sie am Schiffe selbst erwarten,
Und doch nicht ungefäll’gern Sinnes seyn Als alle, die vor ihm dort eingetroffen.
20.
Kein Ritter , der zu Wasser oder Land Dort angelanget, habe sich geweigert,
Mit ihr zu sprechen und ihr guten Räth In einem bösen Schiksal zu ertheilen. — Orlando war, sobald er dies gehört,
Sogleich mit Einem Sprung auf dem Gestade, Und nahm, als ein sehr menschenfreundlicher Und edler Mann, denWeg, den ihm der Alte zeigte.
21.
Von ihm geführt, sah sich der Paladin Bald in der Stadt, und trat in einen Ballast,
Neunter Gesang.
Vi
Wo auf der Trepp’ ein Fräulein ihm begegnet, .Voll Trauer , wie ihr Angesicht erwies,
So wie das schwane Tuch, das überall die Zimmer, Die Kammern und die Sähl im Schloss bedekte. Sie hiess, nach freundlichem Willkommen, ihn Sich sezen, und begann betrübt dann also:
22.
„Vernehmt', mein lieber Herr, ich bin des
Grafen
Von Holland Tochter, die so lieb und werth Ihm war, (wiewohl ich nicht sein einzig Kind, Ich hatte nemlich noch ein Paar Gebrüder) Dass es ihm ganz unmöglich schien, mir je, Was ich auch loderte, was abzuschlagen. Indem ich so vergnügt und guter Dinge bin, Kömmt eines Tags ein Fürst in unser Haus.
2 , 3 .
„Es war der Fürst von Seeland, und er ging Nach Spanien, zum Kriege mit den Moren. Die Jugend und die Schönheit, die ihm blühten, Und die von mir noch nie empfundne Liebe Ergaben mich mit wenig Mühe ihm ;
Und um so eher, da, nach allem was ich sah,
92
Orlando.
Ich glaubt.’, und glaub’; und, glaub’ ich, nicht
mit Unrecht,
Dass er von Herzen lieb mich hatt’ und habe.
24.
„Die Tage nun, da niedrer Wind (den Andern Ungünstig, günstig mir) ihn bei uns hielt,
(Ein Jahr den Andern , mir ein Augenblik,
So hurtig flogen sie für mich dahin) Besprachen wir uns öfter mit einander,
Und gaben wechselzeitig uns das Wort,
Bei seiner Wiederkunft, mit der gehör’gen Feier, Das Ehebündniss unter uns zu Schliessen.
25 .
„Kaum war Bireno abgereifst, (Bireno Nennt sich der Prinz von Seeland) als der König Von Friesland, (das von «ns so weit entlegen ist AIs jene Flutli des Meeres Ufer trennt)
Im Vorsaz, seinen Sohn, sein einzig Kind, Arbant mit Namen mir zumEhgemahl zu geben, Die Ersten seines Staats nach Holland schikt, Um mich von meinem Vater zu begehren.
26.
„Ich, die ich dem Geliebten jenes Wort, Das ich ihm gab, nich t brechen kann, ~ und könnte
Neunter Gesang. <}5
Ich’s auch, so lässt doch Amor keineswegs Mir zft, so undankbar ihm seyn zu wollen-, — Ich , um die Unterhandlung umzustossen ,
Die frisch im Gange war , und nah am Ende, Erkläre meinem Vater, dass der Tod Willkommner mir, als jener Friese sey.
27.
„Mein gut« 1 Vater, dem nur das gefiel Was mir gefiel, und der mich nie betrüben wollte, Brach, um die bittern Thränen, die ich weinte, Zu stillen, gleich die Unterhandlung ab ;
War ob der stolze Friesenkönig ro Entrüstet ward, und so von Zorn erglühte, Dals er in Holland fiel und einen Krieg begann, Der all mein Blut versprizet und begraben.
28.
„Denn ausser, dass er stark und so gewaltig ist, Als heut zu Tage sich sehr wenig finden,
Und so verschmizt zum Bösen, dass bei ihm Des Andern Wiz und Kraft und Kühnheit nichts verschlagen,
So führt er eine Waffe, die vordem Man nie gesehn, .und jezt in seiner Hand Nur sieht; ein Eisen, hohl, zwei Ellen lang, Worein ex Pulver treibt und eine Kugel.
Ö R L A K D O.
Öl
29.
„Sodann berührt er hinten, wo das Rohr Sich schliesst, ein Loch, das man kaum sehen kann, Mit Feuer; wie der Arzt den Ort berührt,
Wo er die Ader schlagen will. Da fährt Die Kugel mit so grossem Knall heraus,
Dass man es Bliz und Donner nennen könnte: Denn was sie trifft wird wie vorn Wetterstrahl 'Verbrannt, zerslükt, zerrissen und zertrümmert.
3ö.
„ Mit dieser Waffe schlug er zweimal unser Heer Und tödtete mir meine lieben Bruder,
Den ersten in der ersten Schlacht; die Kugel Fuhr durch den Kürass mitten ihm ins Herz. Den andern trennt’ er in der anderen,
Indem er floh, die Seele von dem Leibe.
Ihn traf von fern die Kugel in die Schulter, Und flog ihm vorn aus seiner Brust heraus.
5i.
„ Als drauf mein Vater sich in einem Schloss Vertheidigte, das ihm allein noch übrig,
Denn alles andre war bereits verloren;
So schikt der König ihn n)it gleichem Schuß In jene Welt. Denn weil er dort herumging,
Neunter Gesang. §5
Um bald für dies, und bald für das zu sorgen, Traf der Verräther. der von weitem her Auf ihn gezielt, ihn zwischen beiden Augen.
32 .
„Izt, da die Linder und der Vater todt, Und ich allein die Erbin Hollands war,'
Liess mjr der Friesenkönig, — weil ihn sehr Verlangte, festen Fuss in meinem Staat zu fassen, — So wie auch meinem Volke, Fried’ und Ruhe Versichern, unter der Bedingung, wenn Ich , was ich früher nicht gewollt, anjezt Arbanten zum Gemahl mir nehmen wollte.
33 .
„ Ich, nicht sowohl aus Hass und Groll, den ich Natürlich gegen ihn und sein Gezücht empfand, Da er zwei Briider mir und Vater umgebracht, Und meinen Staat verheert, versengt und ausgeplündert ;
Als, weil ich gegen den nicht fehlen mochte, Dem ich gelobt, dass nie ein andrer Mann Als er zu seiner Frau mich haben sollte,
Bis er von Spanien zurükgekehrt; — j
96
Orlando.
34 -
„Ich gab zur Antwort; eh’ ich dazu mich
verstehe,
Will zwanzig Uebel ich für .eins erdulden , Gehängt, geköpft, und bei lebend’gem Leib zu
Asche
Verbrannt und in den Wind gestreuet werden! — Mein Volk bot alles auf, von dem Entschluß Mich abzuziehn; man bat, man schwur sogar, Mich mit der Burg dem Feind zu überliefern, Bevor mein Troz sie allesamt verderbe.
35 .
„Und als man endlich sah, dass alles Flehn Und Drohn an mir verloren war, so wurde Man wirklich mit den Friesen Handels eins,- Und gab mich mit .dem Schloss in seine Hände. Er, ohne wehre Schmach mir anzuthun , Verspricht mir Reich und Leben, wie zuvor, Wenn ich den harten Sinn erweichen wolle, Und seinem Sohn die Hand als Gattin gebe.
36 .
„Allein, um diesem Drangsal zu entgeht!, Will ich des Todes seyn. Doch wenn ich nicht
vorher
Neuster Gesang.
97
Mich räche, o ! so wird mich dieses mehr Als alles, was ich schon gelitten schmerzen. Drum sinn' ich hin und her, undlinde meinem Leid Nicht andern Rath als List, und stelle mich
demnach ,
Als wenn ich endlich wünschte, dass er mir L Verzeihe und zu seiner Schnur mich mache.
37.
„ Drauf les’ ich aus der alten Dienerschaft Von meinem Vater mir zwei Bruder aus,
Mit grossem Geist begabt und grossem Herzen, Und grösster Treue noch. Sie sind am Hof Erwachsen, und mit uns von Kindesbeinen an Erzogen, und mit Leib und Seele mir So zugethan, dass sie zu meinem Heil Ihr Leben hin mit Freuden geben würden.
38 .
„Ich deke meinen Anschlag ihnen auf,
1 Und sie versprechen mir, mir beizustehn.
Der eine geht nach Flandern, und bereitet Ein Fahrzeug dort; nach Holland kehrt mit mir Der andere. — Indefs man Heimische Und Fremde zu der Hochzeit ladet, kömmt Orlando II. B.
7
98
Orlando.
Die Zeitung, dass Bireno von Biskaya Mit einem Ivriegsheer nach Holland segle.
5g-
„ Ich schikte nemlich nach der erstenSchlacht, Worin mein einer Bruder fiel, sogleich Nach Spanien einen Boten ab, Birenen Die Trauerpost zu bringen. Während nun Sich dieser dort aus aller Macht bewaffnet, Wird von den Friesen mir der Rest genommen. Bireno , der hiervon nichts wusste, kam Mit einem Schilfsgeschwader uns zu Hülfe.
40. » ,, Sobald der Friesenkönig dies erfuhr,
Liess er den Sohn allein für seine Hochzeit sorgen, Und stach in See, und fand Birenen , schlug, - Verbrannt’und bort’in Grund ihm seine Flotte, Und nahm, o grausam Loos! ihn selbst gefangen. Doch hörten wir davon noch nichts, ^ärbante wird Indess mir angetraut, und will, so wie die Sonne Sich niederlegt, mit mir sich niederlegen.
41.
„ Allein ich hatte hinter den Gardinen Den obgedachten Freund versteht, der sich nicht rührte ,
Neunter Gesang.
99
Bis er den Prinzen zu mir treten sah.
Jezt schwang er, ehe dieser noch ins Bett Gestiegen war , ein Beil, und schlug damit Ihm so gewaltig hinten auf den Kopf, DassSprach’ und Leben von ihm flohn. Da sprang Ich hastig auf, und schnitt den Hals ihm ab.
43.
„Wie man den Stier zur Schlachtbank fallen
sieht,
So fiel der unglüksel’ge Jüngling dort,
Zum Troze des Cimosko, (wie der König Von Friesland heilst) des grössten Bösewichts, Der meine Bruder mir und meinen Vater Ermordet, und, um besser noch mein Land Zu unterjochen, mich zur Schnur verlangte, Und eines Tags vielleicht auch mich getödtet hätte.
43 .
„Mein Treuer rafft, bevor ein Hinderniss In Weg uns trete, was von meistern Werth Und mindestem Gewichte war , zusammen , Und lässt an einem Seil vorn Fenster mich
geschwind
'Hinab zum Meere, wo sein Bruder harrt Auf einer' Jacht, die er in Flandern nahm.
S.
IOO
O K L, A. N 1) O.
Wir gaben drauf dem Wind die Segel, der Fluth Die Ruder, und retten uns mit Gottes Hülfe.
44 -
„Ich weiss nicht, ob Cimosk betrübter über Den Tod des Sohnes, oder gegen mich Erbosster war , als er am andern Tage Zur Stätte kam, wo er so schwer beleidigt. Stolz über seinen Sieg und den gefangenen Hireno , zog mit seinem Volk er her,
Und fand nur Hochzeitsfest und Jubel sich t V erstreckend, alles still und trüb’ und dunkel.
45 .
„Das Leid um seinen Sohn, die Feindschaft gegen mich
Vergönnten nie bei Tag noch Nacht ihm Ruhe. Allein da Trauer nicht die Todten auferwekt, Und Rache Luft dem Hasse macht, so liess Er die Gedanken, die zu Seufzen und Zu Klagen er. verwenden sollte, sich Mit seinem Hass vereinen, um zu sehn,
Wie ich zu fangen sey und zu bestrafen.
46 -
„Drauf bringt er alle, die als meine Freunde Und deren, die mir Vorschub' leisteten,
Neunter Gesang.
ior.
Bekannt ihm oder angegeben sind,
Ums Leben, legt ihr Gut in Asche, sie in Bann, Und will auch mir zum Hohn Birenen todten, Da mich kein andrer Streich so tief verwunden
könnte;
Doch er besann sich, dass, wenn er ihn leben lasse, DasNez zu meinem Fang in seinen Händen sey.
47 -
„ Allein er legt ihm eine schrekliche Bedingung vor: er giebt ein Jahr ihm Frist, Nach deren Ablauf er ihm finstern Tod Verheilst, im Fall er eher nicht durch Freunde, Durch Anverwandte, sey’s mit List, mit Zwang, Nach bestem Wissen und Vermögen, mich Ihm überliefere; so dass mein Tod Allein der Weg zu seinem Leben wäre.
48 -
„ Was nur zu seiner Rettung thunlich war, Nur nicht mein Leben, ward für ihn gewagt. Ich hatt’ in Flandern noch sechs Schlösser, und
sie sind
Verkauft; und was ich, minder oder mehr, Daraus gelöst, verwandt’ ich, theils, um die
Bewacher
102
Orlando.
\
Bireno’s durch Spione zu bestechen,
Und theils, um gegen den Barbaren bald Die Britten, bald die Deutschen aufzusliften.
4.9-
„Die Mittler, konnten sie nun, oder wollten Sie ihre Schuldigkeit nicht thun, genug,
Sie gaben Worte mir, nicht Hüls’, und sehen Izt, da mein Geld erschöpft, mich mit dem
Küken an.
Und ach f dem Ende nah ist schon die Frist, Nach welcher alle Macht und alles Geld Zu späte kömmt , um Tod und Marter ab Von meinem theuern Bräutigam zu wenden.
5o.
,, Um ihn bin ich des Vaters und der Bruder Beraubt; mein Reich ist mir um ihn entrissen; Um ihn gab ich mein leztes Gut dahin,
Das, wenig wie's auch war, mich doch ernährte, Damit ich dem Gefängnifs ihn entzöge.
Nun ist mir nichts mehr übrig, ihm zu helfen, Als hinzu gehn und mich zum Lösegeld Dem so grausamen Feind zu übergeben.
Neunter Gesang,
io5
,, Wenn also mir nichts weiter übrig ist.
Und sich kein andrer Weg zu seiner Rettung findet, Als für ihn in den Tod zu gehen, nun,
So will ich in den Tod für ihn mitFreuden gehen. Nur Eine Furcht beängstigt mich : ich möchte So deutlichen Vertrag nicht machen können. Dass ich versichert sey, dass der Tyrann,
Wenn er mich hat, mich nicht betrügen werde.
52.
„ Ich fürchte nemlich, dass, wenn er im Garn Mich hält und alles Leid mir angethan ,
Er deshalb den Biren nicht lösen werde,
So dals er seine Freiheit mir verdanke.
Denn treulos wie Cimosho ist und wüthend, Wird ihn mein Tod allein nicht sättigen;
Er wird mit dem unglüklichen Bi'ren Hierauf nicht anders als mit mir verfahren.
55.
,, Die Ursach nun, warum ich euch, mein Herr, Mein Loos erzähle, so wie allen Rittern ,
Die ihr Geschik in diese Gegend führt,
Ist blos, damit von allen Einer mich Belehre, was zu machen sey, um ganz
O R L A N ü O.
104
Gewiss zu seyn, dass, wenn der Wüthrich mich Erhalten hat, Biren entlassen werde,
Den ich durch meinen Tod doch retten möchte.
54 .
,, Schon manchen Ritter hab’ich drum ersucht, Dem Friesenkönige mich vorzustellen;
Allem er sollte mir versprechen und betheuern, Der Austausch werde so geschehen, dass Zu Einer Zeit ich übergeben und Biren befreiet sey, damit ich dann,
Wenn man mich todte, gern und freudig sterbe, Weil meinem Bräutigam in ein Tod das Leben gebe.
55 .
,, Doch bis auf diesen Tag fand niemand sich, Der mir sein Ehrenwort verpfänden mochte, Dass, wenn Cimosko, ohne den Biren Zu lösen, mich verhaftet halten wollte ,
Er aus der Hand des schändlichen Verräthers Mich ziehen werde. So ist Jedermann In Furcht vor jenem Feuerrohr, wogegen Kein Panzer schirmt, und sey er noch so dikl
56 -
„Wohnt nun in euch nicht mindre Tapferkeit, Als eure mächtige und drohende Gestalt
r.
Neunter Gesang. io5
Verkündet, und getraut ihr euch, so gut Cimosken mich zu nehmen als zu geben, Wenn er nicht redlich ist; o Herr, so bringt Mich hin zu ihm! Wenn ihr mir eucrn Schus Gelobt, so fürcht’ ich nicht, und mag auch ich Des Todes seyn, dass mein Geliebter sterbe.“
57.
Hier endigte die Jungfrau ihre Hede ,
Die sie mit Weinen oft und Seufzen unterbrach. Als sie die Lippen schloss, liess Graf Orlando, Dess Willen nie zum Guten hinkend war,
Sich gegen sie in nicht viel Worte aus,
Die auch ihm von Natur nicht sehr geläufig waren: Er schwur ihr blos bei seiner Piitterehre ,
Noch mehr zu thun, als sie von ihm verlange.
58.
Ihr Vorsaz, sich dem Feinde Preis zu geben Zum Heil Birens, hat seinen Beifall nicht.
Sie beide wird er retten, wenn sein Schwert Und Arm ihm nicht den alten Dienst versagen. Sie machen' sich noch an demselben Tag,
Bei gutem Wind und heiterm Himmel, auf.
Der Paladin beschleunigt, sich, da ihn Verlangt, Ebuda’s Kraken zu besuchen.
Orlando.
ioÖ
5.9.
Der gme Schiffer lenkt die Pinke hin Und wieder aus der hohen Meeresflutli,
Erbiikt von Seeland diese, jene Insel,
Entdekt die eine vorn, verbirgt die andre hinten. Am dritten Tage steigt der Graf auf Holland aus, Doch Jene nicht mit ihm, die ob dem König Von Friesland klagt. Orlando will, sie soll Cimosko’s Tod noch auf dem Wasser hören.
(So.
Bewaffnet sezt der Paladin ans Ufer,
Auf einem Renner schwärzlich grau von Haar,
In Dänemark erzeugt, in Flandern aufgezogen» Mehr gross und stark als leicht auf seinen Füssen. Er hatte nendich , als er in Bretagne Zu Schiffe ging, sein Pferd zurfikgelassen,
Den Brigliadoro, der an Schönheit und an Muth Flicht seines gleichen hat,.Bajavden ausgenommen.
61.
Orlando kam nach Dordrecht, wo am Thor Ein Haufen Volks bewehrt zur Wache stand, Sowohl, weil jede Herrschaft stets Verdacht, Insonders wenn sie neu ist, bei sich trägt; Als, weil zuvor die Nachricht eingelaufen,
Neunter Gesang.
107
Ein Vetter von dem Herrn, der in Verhaft Dort sizet, sey mit einem Schiffsgeschwader Und Kriegesvolk von Seeland auf dem Wege.
62.
Der Graf verlangt von einem dort, zum König Zu gelm und ihm zu sagen, dass ein Hitler AufSpeer undDegcn sich mit ihm versuchen wolle; Jedoch verlang’ er den Vertrag, dass wenn Er, der da lodere, den kürzern ziehe ,
Der König des strbante Mörderin Bekomme, die nicht ferne sey, so dass Man sie ihm stets zu Handen stellen könne.
60.
Im Gegentheile, wenn. der König nicht In ihrem Kampf der bessre sey, so solle Er den Biren sofort in Freiheit sezen,
Und ruhig seines Wegs ihn gehen lassen.
Der Fussknecht eilt mit seinerBothschaft straks Zum Könige ; doch dieser, der von Muth Und Adelsinn nie wusste, spannt sogleich All seinen Sinn auf Arglist und Verrath.
64 -
Ilnn däucht , wenn er den Ritter habe, sey Auch Jene sein, die ihn so schwer beleidigt ;
Orlando.
ioS
Wenn. anders sie in Wahrheit in Gewalt Des Ritters sey, und nicht der Fussknecht falsch
gehöret.
Er schikt drum dreissig Mann auf anderm Weg Als dem zum Thor., wo er erwartet wird,
Die nach verborgnem und sehr langem Gang Hervor dem Paladin iin Rüken kommen.
65 .
Inzwischen wusste der Verrät her ihn Mit Worten auszuhalten, bis er Roß Und Mann an dem bestimmten Orte sah.
Nun kömmt er aus dem Thor mit dreissig andern
Leuten.
Wie Holz und Wild von allen Seiten rund Der kluge Weidmann zu umzingeln pflegt, Und wie der Fischer bei Volana Fische Und Wasser rings mit langem Nez umzieht:
66 .
So ist Cimosho allerwegs besorgt ,
Daß ihm der kühne Ritter nicht entkomme, Lebendig will er ihn und anders nicht;
Und dieses hält er für so leicht, daß er Sogar den irdischen Bliz , womit er schon so
manchen
Neunter Gesang. 109
Und manchen Mann erlegt, zu Hause lässt.
Er findet ihn ganz überflüssig dort,
Wo er nur fangen und nicht todten will.
67.
Dem schlauen Vogler gleich, der, auf vermehrte Beute
Bedacht, die ersten Vogel leben lässt, '
Damit er ddrch ihr Spiel und ihr Gelok Noch andere gefangen nehmen möge;
Ihm gleich verhielt sich dort der Friesenkönig. Allein Orlando will nicht jenen gleichen ,
Die auf den ersten Zug sich greifen lassen;
Er bricht sogleich den Kreis der Knechte durch, 68 -
0
Der Ritter von Aglatite senkt die Lanze Wo er am diksten Volk und Waffen sieht, Spielst einen jezt, und jezt den andern, auf, Und den, und den, als wären sie von Teig. Er reihet sechs von ihnen auf, und hält Sie all’ an einem Speer; und weil er mehr Nicht fassen kann, so lässt den siebenten er aussen, Doch so gebort, dass er des Todes stirbt.
69-
So und nicht anders sehn die Frösche wir Am feuchten, Rand der Graben und Kanäle
HO
Orlando.
Vorn Schüzen in denSchenkeln und imRüken, Den einen dicht am anderen, durchbort,
Und eher nicht vorn Pfeil gezogen, bis er voll Von einem Ende zu dem andern ist.
Orlando wirft die schwere Lanze weg,
Und geht nun mit dem Degen ins Gefecht.
70.
Er zieht, da ihm derSchaft zerbrach, seinSchwert, Das nie umsonst von ihm geschwungen wurde; Auf jeden''Hieb, auf jeden Stich erlegt Es seinen Mann, zu Busse wie zu Pferde, ' Wohin es schlug, da färbt',es purpurn stets Das Blau’ und Grün’ und Weis’ und Schwarz’
und Gelbe.
Cimosho flucht’, dass er sein B’euerrohr,
Wo es am meisten Notb ihm ist, nicht hat.
7 1 *
Er brüllt und droht, man soll’ es augenbliks Ihm bringen. Doch man hört ihn wenig; denn
wer heil
Zur Stadt zurükgekonunen ist, der hat Nicht Lust zum andernmal hinaus zu gehen. Da drauf Cimosko alles fliehen sieht,
So scheints ihm gut sich auch davon zu machen.
Neunter Gesang.
iii
Er jagt ins Thor, und will die Brake ziehn; Allein der Graf ist ihm zu hastig auf die Fersen.
72 -
Er weisst daher dem Paladin die Schultern, Und überlässt ihm Brük’ und beide Thore,
Und läuft den andern allesammt voraus,
Dank seinem Ross, das schnell zu Fusse war. Orlando sieht das Volk sieht an; er will Den Bösewicht und nicht die andern todten. Jedoch sein Reitpferd rennt so schlecht, dals es Von Blei, und das was flieht ein Vogel scheinet.
7 3 .
Cimosk entzieht im Zikzak fliehend sich Des Ritters Blik ; allein nach kurzer Weile Kömmt er zurük mit seinem Donnerrohr,
Das er indess sich hatte hohlen lassen,
Und passt, gedukt an eine Strasseneke,
Ihm auf; so wie an seinem Stand der Jäger Mit Hunden und mit Spiels das wilde Schwein Erwartet, das verwüstend niedersteigt,
74 -
Die Aeste bricht und Felsenstüke rollt;
Und wo es hin die drohende Stirne kehrt,
112
Orlando.
Hallt solch Getös, als wenn ringsum der Forst Zerschmettert und der Berg entwurzelt würde. Der König lauert, damit der kühne Graf Nicht ohne Trinkgeld ihm vorüber komme, Und schlägt, sobald er sichtbar wird, mit Feuer Aus Loch des Pcohrs, und dies geht plözlich los.
70.
Es flammt von hinten wie der Bliz, und kracht Dem Donner gleich von vorne durch die Luft. Die Mauern zitiern, unten bebt der Grund, Der Himmel hallt vorn fürchterlichen Knall. Das glühende Geschoss, das was es trifft zersprengt Und ohne Gnad erschlaget, zischt und pfeift; Allein es fährt für dieses Mahl nicht so Wie der verruchte Mörder es verlangte.
76.
Sey's Schuld der Hast, zu heftiger Begier Den lütter zu erschlossen, dass er fehlt;
Sey 's, dass sein Herz, das wie ein Laub ihm bebte, Audi Hand’ und Arm’ ihm zittern machte, oder Des Himmels Güte, die nicht wollte, dass Sein treuer Schampion so bald von hinnen fahre : Genug, der Schuss ging in des Pferdes Bauch,, Und warf auf immer es zur Erde nieder.
Neunter Gesang.
x x3
//•
Zu Boden hin stürzt Ross und Mann; das erste Belastet sie, der andere berührt >.
Sie kaum, als er leicht und flink empor Sich wirft, als wäre Kraft und Athem ihm
gewachsen.
Gleichwie Aniäus stets von dem zerstosnen Sand f urchtbarer aufzustehen pflegte, so Schien auch Orlando’s Stärke sich, indem Die Erde sie berührte, zu verdoppeln.
78 .
Wer je den Feuerstrahl, den Jupiter Mit so gewaltigem Geräusch vorn Himmel
schleudert,
Hernieder fallen und in ein Gewölb Voll Schwefel, Kohlen und Salpeter dringen sah' Kaum langt es an, kaum kikt es auf, so scheint Die Erde sammt dem Himmel aufzulodern;
Es malmt die Mauern, sprengt die schweren
Marmel,
Und schnreisst die Stein’ hinauf bis zu den Sternen -
79-
Der kann sich denken, wie Orlando war, Als niederstürzend er an Boden schlug. Orlando II, B. 8
"4
Orlando.
Er sprang so wild und fürchterlich empor. Dass Mars im Himmel selbst vor ihm gezittert hätte* Der Friesenkönig lenkt sogleich entsezt Die Zügel rükwärts, um davon zu fliehen; Allein der Graf ist so geschwind ihm nach,,
Als kaum ein Pfeil von seiner Senne fährt.
So.
Und was vorher zu Pferd’ ihm nicht gelang, Das wird er izt zu Fusse thun. Er läuft So schnell, dass wer es nicht mit Augen sah, Unmöglich es begreifen kann noch glauben. Und bald hat er ihn eingehohk. Da fährt Sein Schwert zum Helm und haut so kräftig ein, Dass es den Kopf ihm bis zum Halse spaltet, Und ab ihn wirft, um sich zum leztenmahl zu regen. ■ - . 8t.
Und sieh! ein neuer Lärm, ein neues Schwertgeklirr
Erhebt sich plözlich in der Stadt. Es war Bireno’s Vetter, der mit jenem Volk,
Das er von Seelands Ufern hergeführt,
Da er das Thor geöffnet fand, hinein Zur Stadt gedrungen, die vorn Paladin In solche Angst gesezet war, dass man Sie ohne Anstoss gan* durchlaufen konnte.'
Neuster Gesang. tx5
\
82.
Das Volk flieht über Hals und Kopf, weils Nicht sieht, woher das Heer und was es wollen Doch da hierauf an Sprach’ und Kleidung manchen Erkennt, daß sie von Seeland sind, begehrt Man Fried’ und strekt die weisse Fahne dar,
Und spricht dem Hauptmann zu, der sie befehligt,
Und beut ihm Hülfe gegen den Cimosh ,
Der seinen Fürsten ihm verhaftet hatte.
83-
Dies Volk war dem Cimosk stets, und jedem,
Dei’s mit ihm hielt, von Herzen gram, da er Den alten Herrn ihm umgebracht, doch mehr Noch, weil er ungerecht und gottlos war,
Und räuberisch. Orlando stiftet Frieden,
Als Freund von beiden Theilen, unter ihnen;
Und nun blieb auch kein Friese, den sie nicht Erschlugen oder ins Gefängniß.warfen.
84.
Die Pforten von den Kerkern werden straks Gesprengt, und niemand sucht nach einem
Schlüssel.
Biren erkennt mit vielem Danke sich Dem Grafen für den grossen Dienst verbunden.
Drauf gehen sie, von vielen Schaaren Volks
Orlando.
116
Umringt, zum Schiffe der Olimpia;
So nannte sich die Jungfrau, der mit Recht Die Herrschaft über Holland zugehörte;
85 .
Sie, die vorn Paladin dahingesührt,
So viel von ihm nicht hoffte, denn es schien Ihr schon genug, wenn sie durch ihr Verderben Den Bräutigam aus seiner Trübsal ziehe.
Das ganze Volk. verehrt und hält sie hoch. Unmöglich kann ich euch erzählen, wie Bireno sie und sie Birenen liebkost, '
Und wie sie beide sich beim Paladin bedanken.
86 .
Das Volk erhebt Olimpien mit Jubel Auf ihres Vaters Siz, und huldigt ihr;
Worauf sie dem Biren, an den die Liebe Mit harter Kett’ auf immer sie gefesselt,
Die Herrschaft über sich und ihren Staat ertheilt, Biren, bewegt von andrer Sorge, giebt Die Festen und das gänzliche Gebiet Von Holland in die Obhut seines Vetters.
87.
Sein Vorsaz war, von seiner treuen Gattin Begleitet, sich nach Seeland aufzumachen,
Von wo aus er in Frieslaud, wie er sagt,
Neunter G e s a n «.
"7
Sein Glük versuchen wollte; denn er hatte Ein Pfand in Händen, das für dieses Reich Ihm Bürge war und ihm sehr lieb, — die Tochter Cimosko’s, die sich unter den Gefangnen,
Die man in Dordrecht nahm, gefunden hatte.
88 .
Er wollte sie, erklärt er, seinem Bruder,
Der jünger war als er, zum Weibe geben; Orlando reitst am selben Tage, da Bireno sich entfernte, ab von dort,
Und mochte von der ungeheuern Beute,
Die man gemacht, nichts anders mit sich nehmen Als das Gewehr, das, wie bereits gedacht.
In jedem Stük dem Wetterstrahle glich.
89.
Allein er nahm’s nicht in der Absicht mit, Um seiner sich zur Wehre zu bedienen;
Denn immer hielt er es für feig und schlecht,. Mit Vortheil an ein Unternehmen sich Zu machen; sondern blos, um es an einen Ort Zu werfen, wo es nie mehr Menschen schaden
könnte.
Nicht minder trug er Pulver, Blei und a,lles Was sonst dazu gehörte, mit an Bord.
O U i E B *,
118
9 °-
Und als er drauf sich ausserhalb der Ebbe Und Fluth auf hohem Meere sah, so dass Von demGestad auch nicht ein Pünktchen mehr, Zur Linken nicht noch Rechten, sichtbar war, Ergriff er es und sprach: ,, Damit forthin kein
Ritter
Mehr Anstand nehme, kühn zu seyn, und nie Der Feige mehr sich rühmen könne, gleich Dem Tapfern es zu thun, so fahre in den Abgrund !
9 1 -
„O du abscheuliches, verfluchtes Rohr",
Im tiefsten Grund der Hölle von der Hand Beelzebubs geschmiedet, der durch dich Die Welt zerstören wollte, fort! ich schike Dich in den Tartarus, woher du kamst, zurükU' Mit diesen Worten warf er’s in die Tiefe. Indessen trieb der Wind die vollen Segel Gerades Weges gen Ebuda bin.
92.
Den Grafen drükt so heftiges Verlangen,
Zu sehn ob dort die Schöne sey, die ihm Weit lieber ist als alle Welt zusammen,
Und ohne die er auch kein Stündchen leben mag. Dass nirgendwo er landen will, um nicht
I
Neunter Gesas 6. iif
Dadurch zu etwas Neuem Zeit zu geben,
So dass es dann vergebens sey, zu rufen:
O weh mir! warum kam ich doch nicht schneller her!
9 ^-
Deshalb berührt er Engelland so wenig 'Als Irland und die Küste gegenüber.
Doch, mag er gehn, wohin der nakte Schüze, Der ihm ins Herz geschossen hat, ihn treibt! Ich wende mich nach Holland um, und lade Euch freundlich ein, mit mir dahin zu kehren. Es wäre euch ia, so wie mir, nicht recht, Wenn ohne uns daselbst man Hochzeit hielte.
94 -
Sehr schön und prächtig ist dieHocbzeit dort, Doch nicht so prächtig und so schön, als sie In Seeland, wie es heisst, gehalten werden soll. Allein ich möchte doch, ihr ginget nicht dahin. Weil neue Dinge sich begeben wollen,
Um sie zu stören. Diese werdet ihr Im anderen Gesang von mir erfahren,
Im Fall es euch beliebt, ihn anzuhören.
u
126
ANMERKUNGEN.
Stanze 13, Vers 8 .
„Frau oder Jungfrau “ — Donna e Donzella,
Donzella bedeutet, im Gegensaz von Donna, (über welches Wort Ruscelli eine grosse Abhandlung geschrieben hat) zweierlei: i) eine Jungfrau, Vergüte, und 2) eine Jungfer , d. h. ein junges Frauenzimmer im Dienst einer Dame, mit einem ultramatomschen Wort auch Dami- gella genannt. — Ich merke dieses nicht sowohl des Ariost, als eines traurigen Streites halben an, den einsmals der Doppelsinn dieses Wortes in einer hohen italienischen Familie anstiftete. Ein vornehmer Herr nemlich vermählte sich mit einem vornehmen Fräulein, und that zur Nacht beim Schlafengehen an sie die Frage, „ob sie eine Donzella (Jungfrau) wäre ?" Er nahm dieses Wort also in der ersten gedachten Bedeutung. Seine Gemahlin hingegen, die aus einer andern Landschaft gebürtig war, nahm es in der zweiten, und antwortete daher: „Mein Herr, bei mir zu Lande „ sind Meinesgleichen keine Jungfern , und „wenn Sie mich für eine solche halten, so thut ,, es mir leid , dass ein so hochedler Herr so ,, übel angekommen ist, eine Jungfer zu hei-
121
„rathen." — Sie verliess mit diesen Worten ihren Ehegemahl, beklagte sieh bei ihren Verwandten über den erlittnen Schimpf; lind so erhob sich ein grosser Fnmilienkrieg, der erst nach- Anrieh tun g vieles Unheils, durch viel Beredsamkeit und Sprachknnde beigelegt werden konnte.
Stanze 16, V. 3 — 4.
Ich weiss nicht, woher Ariost die Nachricht hat, dass Bruanien von dem weissen Sande an seinen Küsten 'Albion genannt worden sey. Nach Sebastian Münsters Cosmograp/iey (oder vielmehr nach Ptolomäus, dem er es nachsagt) wird England Albion oder Albania , ,, das ist „zu teutsch, Wyslancl, in Sonderheit deshalb ,,geheissen, dass gegen Oirrent am Mure vil „weisser und kreidn er Berg oder Felsen gelo- „ gen seind. " — Noch anders erklären alte Romane diese Benennung. Ihnen zufolge iioh eine Syrische Prinzessin, Namens Albina, nachdem sie ihren Zo Schwestern nebst deren Männern die' Hälse abgeschnitten hatte und deshalb von ihrem Vater aus dem Lande gejagt worden war, — nach Britanien, wo man sie zur Königin machte, und das Reich nach Untern Namen benannte.
Stanze 2Z , V. 7.
Jo credea, e crcdn, c cteder eredo 11 vero —
Auf ähnliche, aber noch unangenehmere Art, sagt Dante irgendwo :
1S3
Jo credo, ch'ci credette, ch’io credessi —
Für die italienischen Kommentatoren sind solche Spielereien natürlich sehr artig und an- mulhig, molto piacevolj.
Stanze 4 2 - V r.
Sterjiitur, exanimisque tremens procumbit hnmi bos.
V i r g. Aen. V. 481.
Stanze 61 . V. 1 4.
Rcs dura, & regni novitas me talia cogunt
Moliri, & late finis custode tueri — sagt Dido zum Aeneas, Virg. I. 563 — 4 .
Stanze 76. V, 5 — 6.
Lavezuala macht hier dem Ariost den Vori wurf, dass er, Horazens Regel zuwider, ser- •vetur ad imum caet. sich selbst über den Orlando widerspreche , da er ihn mit einer ge~ feyten , d. i. unverwundbaren, und mithin auch gegen einen Büchsenschuss unverwundbaren Haut bedekt habe; weshalb ihm zu seiner Erhaltung keine besondere Gnade des Himmels vonnöthen gewesen wäre. — Es ist wahr, eine solche Vergeßlichkeit, oder Vergebung gegen den Horaz, (wie es die ältern italienischen Kunstrichter zu nennen pflegen) ist, wie kritische Leser leicht bemerken werden, von den poetischen Sünden und Sündchen unsers Dich-
ters nicht die seltenste; aber an dieser Stelle möchte Ariost von ihr vielleicht loszusprechen seyn. Orlando’sWawl War freilich gefeyt; aber unter allen Feyen, die jemals Ritter unverwundbar machten, war, laut der alten Romane, keine, die von Cimos'kos Feuerrohr, welches damals das einzige in der Welt war, gehört , oder, ihrer sonst sehr grossen Varhersehungs- gabe unbeschadet, vermuthet hätte, dass je ein solches erfunden werden würde. Ihre Fey- ung sicherte daher zwar gegen alle Waffen, Mordgewehre, Geschosse, Ungeheuer und Fel- senstiike, die in der Ritter - und Feenzeit bekannt und gebräuchlich waren, ja sogar gegen den Donnerstrahl des Himmels, aber nicht — gegen eine Flinte.
Stanze 77. V. 5 — 6.
Antäus war ein Sohn der Erde und König in Libyen. Herkules liess sich, auf seiner Reise zu Geryons Rindern, in einen Kampf mit ihm ein , wobei er bemerkte, dass die Erde, so oft Antäus auf sie niederfiel, die Verlorne Kraft desselben verdoppelte. Er fasste daher, um am Ende nicht den kürzern zu zielm, den Riesen (der nach Benjamins Hederichs Berechnung 90 Ellen Berliner Mass gross und verhält- nissmässig dik war) mit beiden Armen um den Unterleib , hob ihn in die Luft, und drükte ihn so gewaltig zusammen, dass ihm der Athem ausging.
124
Stanze 78.
Alberto Lavezuola erzählt bei dieser Stanze, dass er das Schauspiel, welches Ariost hier so prächtig beschreibe, im Jahr i56g. in Venedig mit Augen gesehen habe. Das dasige Arsenal nerrilich habe Feuer gefangen, und sey so fürchterlich in die Luft gefahren, dass die Mar- morsteine bis nach Murano geflogen, die dik- sten Mauern der Kirchen entzwei gerissen und niedergestürzt, und alle Gebäude in Venedig zersprengt oder erschüttert worden wären.
ORLANDO.
ZEHNTER GESANG.
■i s.
wwi
I.
V
* on allen, die auf dieser Erde je Geliebt und treu gewesen und beständig;
Von allen weltberühmten Liebespaaren,
Die je im Glük und Unglük sich erprobt,
Geb’ ich Olimpien -vielmehr den ersten Als zweiten Plazund wenn sie allen vor nicht geht, So sag’ich doch, dass bei den Alten und den Neuen Sich g rössre Liebe nicht als ihre findet;
2.
Und dass sie mit so vielen und so klaren Beweisen den Biren hievon versichert hat,
Dass nie ein Weib den Mann gewisser machen
könnte,
Wenn sie auch Brust und Herz ihm offen zeigte. Und wenn so treue, So ergebne Seelen Der Gegenliebe würdig sind, so sag’ ich, Olimpia ist werth, dass sie Biren Nicht minder als sich selbst, ja mehr noch liebe;
128
Orlando.
3 .
Und dass er nicht allein sie nie verschmähe Um eine Andre, selbst um Die nicht, die Europa Und Asien so in Wehe seztb und wenn Ein schöners Fräulein noch sich fände ; sondern Das Augenlicht, Geruch, Geschmak, und Sprache Und Ruhm und Leben, und wenn sonsten noch Was köstlichers auf dieser Welt zu nennen Und zu erdenken ist, vielmehr als sie verlasse.
4 -
Ob nun Biren nicht minder sie als sie Birenen liebt'; ob er ihr so getreu Als sie ilun war; ob nie er anderwärts '■*
Als hin zu ihr gesteuert, oder ob So grossen Dienst mit Undank er belohnt,
Mit Grausamkeit,so grosse Lieb’ und Treue, — Das will ich euch erzählen und vor Wunder Die Augen aus dem Kopf euch starren machen.
o.
Und wird euch kund die Bosheit seyn, womit So viele Güte ihr vergolten wurde ;
Ihr Schonen, o! so glaube nimmermehr Von euch noch Eine des Verliebten Wort! Denn dieser häuft, um das was er begehrt
Zehnter Gesanö. 129
Zu haben, ohne Acht auf Gott, der alles Vernimmt und sieht, Versprechungen und
Schwüre,
Die in die Luft die Winde dann verwehn,
6 .
Verweht von Winden gehn in Luft dahin Die Schwüre und Versprechungen, sobald Verliebte den begier’gen Durst, der sie Verzehrt und brennt, gestillet haben. Drum, Vertraut, des Beispiels wegen, ihren Bitten Und ihren Thränen nicht so leicht und gern! Wohl dem, liebwerthe Damen, der bei Zeiten Auf fremde Kosten klug zu werden lernt!
7 -
Seht euch vor denen vor, die in der Blüthe Der schönen Jahr’ ein glatt Gesichtchen haben! Denn schnell entsteht und schnell vergeht, wie
Feuer
Von Stroh, in ihnen jegliches Verlangen. Gleichwie der Jäger nach dem Hasen läuft .
Im Kalten, Warmen, auf dem Berg, am Ufer, Und ihn, sobald er ihn gefangen, nicht Mehr achtet, und nur den, der flieht, verfolgt: Orlando 11. ß.
9
O R h A N a o.
8 .
So machen’s jene Jungen auch ; so lang Ihr ihnen hart und unerbittlich seyd,
Sind lauter Liebe sie für euch, und dienen Euch mit dem grösten Eifer von der Welt. Kaum aber dürfen sie des Siegs sich rühmen, So seyd ihr aus Gebieterinnen Mägde Geworden, und die falsche Liebe nimmt Abschied von euch und wendet sich zu Andern.
9 -
Ich untersage drum, (was auch sehr unrecht
wäre)
Euch alles Lieben nicht; denn ohne Liebenden Glicht ihr der ungepflegten Reb’ im Garten, Die keinen Pfahl, sich dran zu klammern, hat. Die ersten Flaumen nur, die alle flüchtig sind Und unbeständig, rath’ ich euch zu fliehen, Und solche Frucht zu brechen, die nicht herb Und hart, doch auch nicht allzu zeitig ist.
io.
Ich meldete vorhin, dass eine Tochter Cimosko’s da sich fand, die, seinem Worte nach, Biren zur Frau dem Bruder geben wollte. Allein, die Wahrheit zu gestehn, er hatte
Zehnter si e $ a k g.
i3i
Selbst Appetit ztt ihr, die ihm ein gar Zu Iekerer Bissen schien, und hätte es Für dumme Höflichkeit gehalten, sie vorn Mund Sich wegzunehmen, um sie Andern darzureichen;
11.
Das Fräulein hatte fünfzehn Frühlinge Noch nicht erlebt, und war sehr schön und frisch, Der Rose gleich, die eben aus der Hülle Sich drängt und an der neuen Sonne wächst. Bireno ward in sie nicht nur verliebt ;
Nie loderte ein Stoff so heftig auf-,
Selbst dürre Halmen nicht, wenn neidische Und böse Hände sie in Feuer sezen;
12 .
Als sich Biren für sie sogleich entflammte Und bii im Mark erglühte, da er sie Ob ihres Vaters Tod mit Thränen sich Ihr schönes Angesicht benezen sah.
Wie Wasser, das zuvor am Feuer siedet, Wenn kaltes zugegossen wird, erküblt:
So ward der Brand, den ihm Olimpia zuerst Erwekt, vorn folgenden besiegt, in ihm gelöscht. i3.
Nicht satt nur ist er ihrer, sondern schon So ekel, dass er kaum sie sehen mag,
lSa
Orlando.
Und so von Lust zur Anderen erb izt,
Dass langes Warten ihn zu Grunde richten wird. Doch zähmt er die Begier bis an den Tag, Den er zum Ziel ihr anberaumt, so sehr,
Dass er Olimpien unendlich lieb zu haben, Und nur was sie verlangt zu wollen scheint.
14.
Und liebkost er der Andern auch, (was ihm Unmöglich war nicht etwas weit zu treiben)
So deutet’s niemand übel ihm, vielmehr Man schreibt’s dem Mitleid und der Güte zu. Denn einen , den das Glük zu Boden warf, Empor zu richten und den Traurigen zu trösten, Ward nie getadelt, sondern oft gerühmt, Insonders wars ein junges liebes Mädchen.
r5.
O grosser Gott, wie oftmahls ist des Menschen Verstand vorn diken Nebel doch verdunkelt! Birens gottloses , schändliches Benehmen Hält man für löblich und für gottgefällig! — Schon trägt, die Hand am Ruder und entfernt Vorn sicheren Gestade, frohes Sinns Das Seevolk durch die salzigen Gewässer Den Prinzen hin und die, so ihn begleiten. _
Zehnter Gesang. i35 i 6.
Schon waren hinterrüks die Küsten Hollands Geblieben, dem Gesicht schon ganz verschwunden, (Denn um nicht Friesland zu berühren, hatten Sie links sich gegen Schottland hin gehalten) Als sie ein Sturm befiel, der sie umher Drei Tage lang auf hohem Meere jagte.
Am dritten, da’s schon Abend ward, gelangen. Sie an ein ödes, unbewohntes Eiland.
l 7-
Als sie in eine Bucht gelaufen, stieg Olimpia aus Land, und als mit Freuden Und fern von allem Argwohn, in Gesellschaft Birens, des Ungetreuen, Abendbrod,
Und ging sodann, da wo im Grünen man Ein Zelt gespannt, vergnügt mit ihm zu Bette. Die andern zogen sich zurük und legten Auf ihrem Schiff sich sammt und sonders schlafen.
18.
Das Ungestüm des Meeres und die Furcht, Die ein’ge Tage lang sie wach gehalten;
Die Sicherheit, die jezt am Üfer sie Im schweigenden Gebüsche fand, und dass Sie kein Gedank’ und keine Sorge drükt,
O R L A. « D 0 .
4S4
Da sie den Lieben bei sich hat; dies alles Versenkt die Jungfrau in so tiefen Schlaf,
AIs Bären kaum und Razen schlafen können.
I 9-
Der Falsche, den der ausgedachte Trug Nicht schlummern liess, entsteigt, da er sie schlafen sieht,
Ganz sacht dem Bette, rafft seinZeug zusammen, Macht, ohne sich mit Anziehn zu verweilen, Sich aus dem Zelt, und fliegt, als wären Schwingen ihm
Gewachsen, fort zu seinen Leuten, wekt Sie auf, und stölst so still als möglich dann Geschwind vorn Ufer ab ins weite Meer.
20.
Dahinten blieb das Ufer und die arme Olimpia, die fort in Einem Zuge schlief,
Bis dass Aurora von den goldnen Rädern Gefrornen Thau herab auf Erden streute,
Und am Gestade man die Halcyonen Ihr altes Miiigcschik beklagen hörte.
Nicht wach, nicht schlafend strekt die Hand sie aus, Birenen zu umarmen; doch vergebens.
Zehnter Gesas».
i55
" ai.
Kein Mensch ist da; sie zieht die Hand zurüK* Fühlt wieder hin, und findet wieder keinen, Wirft hier den linkenArm, den rechten dort umher, Und diesen Fuss , und jenen; doch umsonst. Die Furcht verjagt den Schlaf; sie schlägt die
Augen auf,
Und schaut, und siehet niemand. Jezo wärmt Sie die verwaisten Federn länger nicht;
Sie wirft sich aus dem Bett zum Zelt hinaus,
22 .
Und läuft ansMeer, die Wangen sich zerkrazend, Ihr Schiksal ahndend, dessen schon gewiss; Zerrauft ihr Haar, zerschlägt sich ihre Brust, Und bükt umher, (denn es war Mondenlicht) Ob sie nichts weiter als das Ufer sehen könne, Und kann nichts weiter als das Ufer sehen.
Sie ruft Bireno l und Bireno rufen Die Felsenklüfte mitleidsvoll zursik.
- 5 .
Dort hob am Userrand ein Felsen sich,
Der von dem langen Schlag der Wogen unte», Gleich einem Bogen ausgehöhlet war,
Und krum zum Meere sich hinüber bog.
i35
Orlando.
Mit grossen Schritten steigt die Jungfrau ihn Hinan, (so viele Kraft gab ihr das Herz)
Und sieht von weitem die geschwollnen Segel Mit ihrem Herrn, dem Ungetreuen, fliehn.
24.
Sie sieht von weitem, oder glaubt sie doch Zu sehen, (denn die Luftwar eben noch nicht hell) Und sinkt dahin an allen Gliedern zitternd, Und weiss er im Gesicht als Schnee und kälter. Und als sie wieder aufzustehn vermochte,
So rief sie, zu dem fliehenden Schiffe hin Gekehrt, so laut sie rufen konnte, oft Den Namen des grausamen Ehgemahls.
26.
Und wenn die schwache Stimme ihr versagte, So weinte sie und schlug die Hände an einander. „Wohin, Grausamer, fliehest du so schnell? Dein Schiff hat nicht die volle Ladung! O, Nimm mich mit ein ! Es thut dem Schiffe nichts, Wenn es den Körper, da’s die Seele hat, noch
trägt. "
Sie winkt in Einem fort mit Armen und mit
Kleidern
Dem Schiff, dass es zurük sich zu ihr wende.
Z E K N T 1 R G E S A H ft. 1S7 26.
Allein die Winde, die auf hoher See Hinweg die Segel des Verräthers hauchten, Verwehten auch des armen Fräuleins Bitten Und Klagen, ihr Geschrei und ihre Thränen, Drei Mahle sezt, sich selber grausam, sie Am Ufer an, sich zu ertränken ; doch Zulezt entzieht sie sich des Meeres Blik,
Und geht dahin, wo sie die Nacht geschlafen hatte.
27.
Sie wirft mit dem Gesicht sich auf das Bett, Und spricht zu ihm, mit Thränen es benezend: „Du nähmest unser zwei ja gestern ein; Warum stehn unser zwei wir heut nicht auf ? — O ungetreuer Mann! O du verwünschter Tag, An welchem meine Mutter mich gebar !
Was soll ich thun ? Was kann ich hier allein ? Wer wird mir helfen, ach! und wer mich trösten?
28.
„Kein Mensch ist hier zu sehn, zu sehn kein
Werk,
Das mir verriethe, dass ein Mensch hier weile; Kein Schiff zu sehn, worauf ich steigen und Gerettet mich z.u finden hoffen dürfte!
O R L A I* B ©.
j.üS
*
Vor Mangel Sterb’ ich hier, und keine Hand Wird mir die Augen Schliessen und ins Grab Mich legen; wenn in ihrem Bauche mich Die Wölfe, die hier hausen, nicht begraben.
29-
„O wehe mir! schon, dünkt mich, kommen
Bären
Aus jenem Walde her, und Löwen, Tiger Und andre Thiere , welche die Natur Mit scharfen Klan’n bewehrt und spizen Zähnen. Doch welch ein wildes Thier wird schlimmer mich Als du, Barbar ermorden ! Jenem ist Es doch genug , mir Einen Tod zu geben; Und du machst ach ! mich tausend Tode sterben.
3o.
„ Allein wenn auch sogleich ein Schiff erschiene, Das voll Erbarmen mich von hinnen trüge, Und so mich rettetg vor Wolf und Bär und Löwen, Und Angst und Noth und fürchterlichen Toden: Wird’s mich nach Holland bringen, wenn für dich Die Festen dort und Hafen sich bewachen ? Mich bringen in die Stadt, wo ich geboren ward, Wenn du sie durch Verrath bereits genommen?
Z*. hstkr Gesaw®.
i3g
5i.
„Du hast mein Land betrügrisch, unterm
Vorwand
Von Freundschaft und Verwandtschaft , mir
entrissen.
O, hurtig legtest du dein Volk hinein.
Um dir die schöne Herrschaft zuzusichern ! — Soll ich nach Flandern gehn, wo ich meinleztes
Gut,
Zwar wenig, doch genug für mich, verkaufte. Um aus dem Kerker dich zu ziehn ? — Ich Arme! Wo soll ich hin ? Ich sehe nicht wohin!
3z.
„Vielleicht nach Friesland, wo als Königin Ich herrschen konnt’ und deinetbalb nicht wollte: Wodurch mir Vater, Bruder, Reich und alles, Was mein war,unterging? — Ich will dir nicht,
. O undankbarer Mann, was ich für dich gethan Vorwerfen, noch der Reihe nach erzählen:
Du weilst es alles ja so gut wie ich.
Doch sieh, wie du dafür mich jezt belohnest!
33-
„ Ach! werd’ ich nur von keinem Ränberschiff Gefangen und als Sklavin dann verkauft!
Orlando.
1/j.O
Eh dies geschieht, mag Wolf und Löw’und Bär Und Tiger und was sonst ein wildes Thier erscheinen,
Zerfleischen mich mit Krallen und mit Zähnen Zerknirschen, und mich todt in seine Höhle
schleifen ! <(
So sprechend fährt sie mit den Händen sich In’s goldne Haar und teilst es Lok’ auf Loke aus.
34.
Dann läuft sie wiederum aufs Ufer hin,
Und dreht den Kopf, und streuet in die Luft Ihr Haar, und ras’t umher, als wären ihr Ein Duzend Teufel in den Leib gefahren ; Hekuben gleich , da endlich , nach Erblikung Des todten Polidor , sie wüthend ward.
Dann bleibt sie stehn auf einem Stein, und schaut Ins Meer, und scheinet selbst in Stein verwandelt.
35 ,
Doch lassen wir das Fräulein stehen, bis Ich wieder komme! denn ich will auch von
Ruggiern
Erzählen, der im grösten Mittagsbrand Ermüdet und erschöpft am Ufer reitet.
Der Sonne Gluth fällt auf die Höh' und prallt
Zehnter Gesang. 141
Zurük; der klareSandkocht unter seinenFüssen. Pen Waffen, die ihn deken, fehlte wenig, Dass sie nicht schier, wie ernst, von Feuer waren-
36 .
Indels der Durst, der mühevolle Weg Durch tiefen Sand , so wie die Einsamkeit, Ihm längs dem Sonnenfeld verdrüssliche Und unbehagliche Gesellschaft leisten,
Sieht er im Schatten eines alten Thurms,
Der aus der Fluth empor am Ufer stieg,
Drei Damen von Alcina's Hof, die er An Kleidung und Gebehrden gleich erkannte.
37.
Auf Teppiche von Alexandrien Gestrekt, genossen sie mit grossem Wohlbehagen Der Kühle dort, mit vielen Flaschen Wein Um geben und Konfekten aller Art.
Am Ufer wartet ihrer, mit der Fluth Des Meeres spielend, ein behendes Schiff,
Bis ein gelinder Wind die Segel schwelle; Denn eben haucht’ auch nicht das kleinsteLüftchen
28 -
Da sie Ruggiern durch den nicht festen Sand Gerades Weges gehen sahn, und merkten,
142
Orlando.
Wie auf den Lippen ihm der Durst geäzt Und ganz voll Schweifs sein trübes Antliz war ; So sprachen sie ihm zu, er möchte doch Nicht so erpicht auf seine Reise seyn,
Dals er den kühlen Schatten unbesucht Und unerfrischt den müden Körper lasse.
39 -
Und eine von den Damen tritt ihn an,
Den Bügel ihm zu halten, während ihm Die andere mit einem Becher von Krystall Voll schäumenden Weins den Durst noch heiser macht.
Allein Patggier will nicht nach ihrer Pfeife tanzen, Weil jeder Aufenthalt auf seinem Weg Ihm mit der Ankunft der Alcina drohte,
Die nach ihm kam und schon ihm nahe war.
40.
So schnell entzündet, angerührt von Feuer, Nicht feines Steinsalz sich und reiner Schwefel; So braust das Meer nicht auf, wenn finstrer Sturm Herniederfährt und mitten drauf sich lagert,
Als schnell von Zorn und Wuth die dritte Dame Entbrannte, da sie sah, dass mir nichts, dir nichts
Zehnter Gesang.
i45
Der Ritter fort den Sand durchstampft’ und sie Verschmähte, die sich doch sehr schön bediinkte.
4t.
„Du hast nicht Lebensart, du bist kein Ritter! (Schrie sie ihm nach so laut sie schreien konnte) Geraubt hast du die Waffen und gestohlen Das Pferd dazu! Und möcht’ ich so gewiss Als ich die Wahrheit sage, das verdiente Verderben auf dich niederfallen sehn!
Dass du gehenkt, verbrannt, geviertheilt werdest, Du Grobian, du Dieb, du stolzer Narr! “
42.
Nach diesen und viel andern Schmähungen, Die, aufgebracht, das Fräulein gegen ihn Ausstiels, (wiewohl er nichts erwiederte,
Da von so schlechtem Streit er wenig Ehre hoffte) Sprang mit den Schwestern sie sofort ins Schiff, Das dort zu ihren Diensten stand, und fuhr Mit schnellem Ruderwerk ihm nach, indem Er längs dem Ufer seinen Weg verfolgte.
43 .
Sie droht’ und schimpfte fort, und bürdete Ein, Bubenstük ihm nach dem andern auf.
144 Orlando.
Indessen kam Ruggier zur Meeresenge, Worüber man zu Logistillen ging.
So eben stiess vorn anderen Gestade Mit einem Kalm ein Fährmann ab,
Der dort bestellt und unterrichtet harrte,
Dass diesen Tag Ruggier dahin gelangen werde.
44 -
Der Fährmann kömmt, sobald er ihn erblikt, Um fröhlich ihn an bessers Land zu sezen.
Es war, wenn das Gesicht vorn Herzen zeugt, Ein ehrlicher und guter Mann, Ruggier Seztaugenbliks, mit Dank gen Himmel schauend, Den Fuss an Bord, und fährt das stille Meer Hinüber, mit dem Schiffer sich besprechend. Der sehr verständig war und vielerfahren.
45 .
Er rühmte den Ruggier , dass er bei Zeiten Sich von Alcinen fortgemacht, bevor Sie ihm den Zaubertrank gereicht, den sis Zulezt den Anderen gegeben habe ;
Und dass er hin z vl Logistillen gehe,
Bei der er reine Sitten finden werde , 1 Und ew’ge Schönheit, grenzenlose Anmuth, Die Herzen speist, nie aber sättiget.
Zehnter Gesang. 145
46. '
,, Ihr erster Anblik füllt ’, c< so fuhr er fort, Die Seele mit Erstaunen und mit Ehrfurcht. Betrachtest näher du dann ihre Hoheit,
So scheint dir jedes andre Gut gering.
Ganz anders ist bei ihr und Anderen die Liebe; Bei diesen plagt und zehret wechselnd Furcht Und Hoffnung dir das Herz ; bei ihr begehrt Man weiter nichts als sie nur anzusehen.
47 -
„ Sie wird dich auch was bessers lehren, als Musik und Tanz und Bad und Schmaus undSalben; Dich lehren, wie veredelt die Gedanken Sich auf zum Himmel, wie die Weihen in die Luft, Erheben, und ein Ehelichen von der Wonne Der Seligen sich hier schon schlürfen lasse." So redend kahnt der alte Fährmann fort,
Und nahte bald dem sicheren Gestade ;
48 .
Als er die See mit vielen Schiffen sich Bedeken sah , die alle zu ihm steuern.
Mit ihnen kam Alcina, die sich auf Mit ihrem Volk gemacht, um den Verlornen Orlando II. B. 10
t O R L A N ß O.
I46
Geliebten wieder zu gewinnen, oder
Ihr Reich und sich dazu zu Grund zu richten.
Ganz sicher ist die Liebe mit im Spiel ;
Doch minder nicht der Schimpf, den sie erlitten.
49-
Nie hatte sie, von ihren Windeln an,
So nagenden Verdruss als jezt empfunden. Drum schlägt sie so' geschwind die Fluth mit
Rudern ,
Dass rech ts und links der Schaum dasSchiff besprizt- Bei dem Geräusch schwieg Meer und Küste nicht; Die Echo tönt von allen Seiten wieder. „Heraus mit deinem Schild, Ruggier! er ist
dir Noth;
Sonst yvirst du schmählich hier zum wenigsten gefangen ! "
5o.
So rief der Fährmann, und er rief nicht nur; Er griff mit eignen Händen auch sogleich Zum seidnen Futteral, rils es herab,
Und liess das helle Licht des Schildes blizen. Der Zauberglanz, der fernhin ihm entstrahlt, Schiefst dergestalt den Feinden ins Gesicht,
Zehnter. Gesang. 147
Dass sie sich straks erblindet sehn, und hinten Und vorn ins Meer von ihren Schiffen purzeln.
51.
Ein Mann, der Logistillens Burg bewachte, Schlug, da Alcinens Flott’ er kommen sah, Gleich mit dem Hammer an die grosse Gloke; Und plözlieh füllt der Hafen sich mit Volk. Und wie das Wetter hageln Kriegsmaschinen Auf jeden , der sich an lieg gieren wagt ;
So dals der Ritter bald, so kräftig unterstüzt, Das Leben und die Freiheit rettete.
52.
Schon warten sein vier Damen am Gestade, Von Logistille/i eilig abgeschikt:
Die wakere Andronika , Dicilla,
Die edle, Fronesia, die gescheide,
Die keusche Sofrosyna. Diese brennt Und funkelt, gleich als hätte sie besonders Dort viel zu thun. Ein fürchterliches Heer Strömt von der Burg herab, und dehnt sich längs
dem Ufer.
Im stillen Hafen unter dem Kastell Lag eine Menge mächtiger Fregatten,
143
fr
Orlando.
Auf einen Glokensclilag, auf einen Ruf Bereit, bei Tag und Nacht, zum Schlagen auszulauten.
Und so begann zu Wasser und zu Land Nunmehr ein hartes, mörderisches Treffen, Wodurch das Reich, das ihrer Schwester einst !'Alcina nahm, ganz umgekehret wurde.
54 .
O wie so vieler Schlachten Ausgang siel Ganz anders aus als man vorher gedacht!
Nicht nur bekam Alcina den enlflohnen Geliebten nicht (wie sie es hoffte) wieder;
Die Schiffe auch, so zahlreich, dass für sie Das Meer zu enge war, verlor sie bis auf eins, Worauf sie mit genauer Noth entkam ;
Die andern wurden all ein Raub der Flamme.
55 .
Alcina floh ; ihr armes Volk blieb dort Verbrannt, ersäuft, zerstümmelt und gefangen. Allein viel weher als ihr ander Mifsgescbik That ihrem Herzen der Verlust Ruggiers.
Sie seufzte Tag und Nachts ohn’ Unterlass um ihn, Vergofs um ihn die bitterlichsten Thränen,
Zehnter Gesang.
Und wünschte mehrmals, um so grosses Leiden Zu enden, dass sie nicht unsterblich wäre.
56.
Denn nie, solang die Sonne kreist und sich Der Himmel dreht, kann eine Fee sterben. Sonst hätte, glaub’ ich, Atropos ihr gern Den Faden mitleidsvoll gekürzet; oder Sie hätte selbst, wie Dido, mit dem Schwert Ihr Weh geendigt, oder mit den Nattern Die Königin des Nil es nachgeahmt.
Doch, wie gesagt, die Feen sind nicht sterblich.
,5y.
Alcina mag in ihren Nöthen stehn !
Ich wende mich zum ewig rühmenswerthen Rüg gier zurük, und melde, dass, — nachdem Er aus dem Kahn auf festen Grund gestiegen, Dem Himmel dankend, dass er ihm so gut Geholfen, — er der See den Küken wiess, Und, auf dem Land die Füsse fördernd, sich Zum Schloss erhob , das nah am Ufer lag.
58.
Ein festeres und schöners sah gewiss Kein Menschenauge je zuvor oder nachher.
Orlando.
i5o
Die Mauern sind noch köstlicher als wären Sie von Karfunkel oder Diamant.
Von solchen Edelsteinen ist hier unten Die Rede nicht, und wer sie sehen will,
Muss dorthin, gehn ; denn anderswo, wenn nicht Im Himmel, glaub’ ich, findet man dergleichen.
5g.
Und das, was über andre Edelsteine Vorzüglich sie erhebt, ist, dass der Mensch Beim Blik in sie sich ganz und gar durchschaut, Und seine Tugenden und seine Laster So deutlich sieht, dass er dem Schmeichler nicht Mehr glaubt, noch dem, der ihn mit Unrecht tadelt. Man wird, indem man in dem hellen Spiegel Sich selber keime» lernt, gescheit! und weise.
60.
Ihr hoher Glanz, der gleich der Sonne strahlt, Schikt Licht in solcher Menge rings herum, Dass wer es hat, sich wo und wann es ihm Gefällt, ylpollctj dir zum Troze, Tag kann machen. Und nicht die Steine nur sind so fürtrefflich ; Die Kunst auch isl’s, die mit dem Stoffe so Wetteifert, dass nicht wohl zu sagen wäre, Wer in dem schönen Streit der Sieger sey.
Zehnter Gesang.
i5i
61.
Auf Bogen, mächtig hoch, so dass sie StüzeTi Des Himmels schienen, lagern Gärten sich,
So schön und so geräumig, als man schwerlich Auf einer Ebne selbst sie haben könnte.
Hier sieht hervor man über lichte Zinnen Erhabne und balsamische Bäume grünen, Geschmükt im Sommer und im Winter stets Mit schönen Blüthen und mit reisen Früchten.
62.
So edle Bäum' erwachsen anderswo ,
Als hier in diesen schönen Gärten, nicht; Noch solche Hosen, solche Lilien,
Violen, Amaranihen und Jasmine.
An andern Orten sieht man, wie die Blume, Der Aenderung des Himmels Unterthan,
An Einer Sonn' entstellt und lebt und sterbend Sich neigt, und ihren Stil verwaist zurüklässt.
63.
Nicht also hier, hier ist ein immerwährend Grün, 1
Der Blumen Pracht und Jugend immerwährend ; Nicht etwa, weil die gütige Natur Besondre Wohlthat über sie ergösse :
Nein, Logistilla hielt durch ihre Kunst
Orlando.
i5z
Und Sorgfalt, ohne dass von oben ihr Was nöthig war, (was Andern nicht gelingt) Beständig ihren schönsten Frühling fest.
64 -
Die weise Dame war recht sehr erfreut,
So einen feinen Herrn bei sich zu sehen ,
Und gab Befehl, dass man recht höflich ihm Begegne, und ihm alle Ehr* erweise.
Astolfo war ein Weilchen früher schon Dort angelangt ; Ruggier umarmt’ihn freundlich Bald kamen auch die Andern, die Melissa Mit ihrem ersten Leib bekleidet hatte.
4
65 .
Nachdem sie einen Tag sich ausgeruht, Verfügte sich Ruggier zu Logistillen Mit dem Astolf, der minder nicht als er Verlangen trug ins Abendland zu kehren. Melissa auch verwandte sich für sie,
Und bat die Fee demuthsvoll, mit Rath Und That den Rittern beizustehn, so dass Sie wohl und heil zurük nach Hause kämen.
66 .
,,Schon gut! " verseztesie \ <( ich wills bedenken, Und übermorgen dir die Ritter übergeben. “
Zehwter Qejang«
i53
Drauf sann sie bei sich nach, wie dem Ruggier , Und dann, wie dem Astolf zu helfen sey,
Und fand zulezt, dass ersteren am besten Das Vogelpferd nach Frankreich bringen werde. Allein er soll zuvor sich einen Zaum verschaffen/' Womit er ’s lenken und regieren könne.
67.
Drauf lehrt sie ihn, wie er’s zu machen habe, Dass es empor sich schwinge; wie, dass es Hinunter sinke ; wie, dass es sich kreise, Schnell fliege, oder schwebend sich erhalte, Und wie er eines guten Rosses sich Auf ebnem Boden zu bedienen habe;
So dass Ruggier des Hippogrifo nun Vollkommen Meister ist in LüftenundaufErden.
68 .
Und als er reisefertig war, empfahl Er höfllich sich der guten Logis tilla,
Der forthin er mit grosser Liebe stets Ergeben blieb, und machte sich von dannen. Ich will zuerst von ihm, der gutes Reisen hatte, Erzählen, und sodann von dem Astolf,
Der nicht so schnell und leicht zu Karl demGrossen Und seinen Vettern und Gesellen kehrte.
Orlando.
69 -
Ruggicr gellt ab, doch nicht desselben Wegs, Den wider Willen er daher gekommen,
Da Hippogryf beständig über'in Meer Ihn hielt und selten Land erbliken liess.
Doch jezo, da er links und rechts, wohin Es ihm beliebt, ihn fliegen lassen konnte,
Will er zurük auf neuem Wege reisen,
Wie einst die Weisen aus dem Morgenland,
70.
Er war von Spanien in grader Richtung Zum fernen Indien gekommen , da,
Wo es die Flnth des Morgenmeers bespült> Und eine Fee mit der andern kriegte.
ISTun will er andre Länder schau’n als das,
Von welchem Aeolus die Winde liezt ,
Und ganz die an gefangne R unde enden ,
Um, wie die Sonne, rings die Erde zu umlaufen.
Er sah Katai im Vorbeiflug liier,
Und Mangi dort am grossen Quinsay, lenkte
Dann i'sber’n Imaus, liess Serikana
Zur Rechten, kam von den hyperbolischen
Scythen :.s.t
Zehnter’ G e -s a n g.
Stets seitwärts zu der Fluth Ilirkaniens Sich neigend, nach Sarmazien, und sah ,
Wo sich von Asien Europa scheidet,
Die Russen dann, und dann die Preussen und die
Pommern.
7 z.
Pu/ggiero sehnte freilich sich von Herzen , *
v.
Sein Liebchen baldigst wieder zu erbliken; Indessen da er einmahl nun die Lust ,
Die Welt herum zu ziehn , gekostet hatte :
So konnt*« er nicht umhin die Fohlen auch Und Ungarn zu besuchen, und die Deutschen, Und was für Völker sonst den rauhen Nord
bewohnen.
Bis er zulezt nach Engelland gelangte.
7 3 .
Doch denket nicht, dass auf so langem Weg Er immer auf den Flügeln sals ; er kehrte An jedem Abend ein , und mied so viel Ais möglich schlechtes Nachtquartier. Viel Tage, Viel Monde lang ging seine Reise fort,
So sehr gefiel es ihm, bald Land bald Meer zu sehen; Und als er eines Morgens früh nach London Gekommen, stieg er an die Themse nieder.
i56
Orlando.
74-
Hier fand er auf den Wiesen um die Stadt Viel Leute, theils zu Fuss theils zu Pferde , Die unter’m Schall von Pauken und Trompeten, In Schaaren abgetheilt, dem wakeren Rinald, Der Paladine Stolz, vorüber zogen,
Der, wie bereits gemeldet ist, wenn ihr Euch del's erinnert, abgeschikt von Karin, Nach England ging, um Hülfe zu begehren.
75 -
Rnggiero traf dort ein, als just bei London Die schöne Heeresschau gehalten wurde,
Und fragte, da das Schauspiel ihm nicht ganz Begreiflich war, darüber einen Ritter;
Und dieser, ein beredter Mann, erzählt Umständlich ihm, wie die Armee, die dort Umher marschiert , von Irland , Schottland ,
England ,
Und von den Inseln rings sich da versammelt habe.
76.
„ Und wenn die Musterung geendigt ist ,
(So fuhr er fort.) gehn sie ans Meer hinab,
Wo in dem Hafen Schiffe warten, um Den Ocean mit ihnen zu durchpflügen.
Zehnter Gesang. i5j
Die Franken, in Paris belagert, schöpfen Von neuem Muth, ihr Heil von ihnen hoffend Doch, um vollkommen mit dem Heere dich Bekannt zu. machen, will ich’s haufenweis dir
zeigen.
77 -
Schau hier zuerst das prächtige Panier Voll Lilien und Panther! Dieses lässt Der Oberfeldherr in die Lüfte wehn ;
Ihm folgen alle andere Standarten.
Des Helden weit und breit berühmter Name Ist Lionel , an Weisheit minder nicht AIs Muth und Tapferkeit ganz ohne gleichen, Des Königs Neffe, Herzog von Lankaster.
78.
„ Die erste nach der königlichen Fahne,
Die nach dem Berge zu im Winde flattert,
Im grünen Feld drei weisse Flügel, trägt Der Graf von Vf^arwili, der sich Richard nennt. Die dort, mit Hirschgeweih auf halber Stirn, Zeigt dir den Herzog von Glocester an;
Den Herzog von Karence jene Fakel,
Und den von York verkündigt jener Baum.
Orlando.
i5L
79 -
„ Siehst du den Speer zerbrochen in drei Stäke ? Der Herzog Norsolks führet ihn zum Zeichen, Und dem von Sttffolk ist die Waage dort.
Der Bhz gehört dem braven Graf von Kent\ Der Graf von Peinbrok hat den Vogel Greif. Sieh dort zwei Schlangen um ein J och sich winden! Der Graf von £ssex führt’s, und jenen Kranz Im blauen Feld, der von 1Vorihumberland.
So.
,, Der Graf von ArundeL ist jener, der ins Meer Die Barke taucht, die in den Grund versinkt. Schau den Marquis von Barkley, und den Grafen Von March dort hinter ihm, und den von * Hichmond l
Den ersten zeigt dir ein gespaltner Berg,
Den andern eine Palm’, und eine Ficht’ im Wasser Den dritten. Der ist Graf von Dorset, der von
Hampton ,
Mit einem Karrn; mit einem Kranze jener.
81.
,, Den Falken, der die Schwingen über’s Nest Ausbreitet, fuhrt der Graf von Devonshire;
Der von i'ifiorc dort das Gelb’ und Schwarze;
Zehnter Gesang. i5y
Den Löwen cler von Oxford , der von Derby Den Hund. Dort blizt dir ein kiys!alines Kreuz; Hieran erkennst du Bachs sehr reichen Bischof, Sieh dort im Grauen den zerbrochnen Stuld ! Ihn trägt der Herzog Hans von ■ Sommer seit,
8a.
„Die Kürassier’ und die besinnen Schüren Sind drei und vierzig tausend an der Zahl; Zweimahl so viel (und wennauch hundert fehlen) Sind jene, die zu Fuss ins Treffen gehn.
Schau die Standarten dort, die grau, die grün, Die gelb, und eine schwarz und blau gestreift! Von Qottfried , Heinrich , Herrmann, Kduard Getragen, führen sie vier Schaaren Fussvolk,
83 .
,, Als Herzog ehrt den ersten Bukingham ; Der andre hat die Grafschaft Salisbury;
Von Burien ist der dritte Herr; den vierten Nennt Krosber seinen Grasen. — Alle die Du gegen Morgen hin geordnet siehest, sind Von England. Wende jezt dich abendwärts! Hier zeigen sich an dreisig tausend Schotten, Befehligt von dem königlichen Prinzen.
„ Sahst du den Löwen zwischen zwei Einhomen Das silbern Schwert in seiner Taze haltend ? Das ist des Königes von Schottland Fahne.
Sein Sohn Zerbino lagert dort, ein Mann So schön als Niemand mehr; ihn bildete Natur, und brach sodann die Form entzwei.
Tn Keinem glänzt so viele Tugend, Kraft Und Anmuth; und er herrscht in Ross als Herzog,
85 .
„Den goldnen Balken dort im blauen Felde Führt in der Fahne Graf von Ottonley;
Und dem von Murr gehört die andere,
Die einen Leopard im Nothstall trägt.
Von manchen Farben, manchen Vögeln bunt, Weht das Panier des tapfern Alkabrun,
Der weder Graf, noch Herzog, noch Marquis, Allein der erste Held im Hochland ist.
86 .
„Die Fahne, wo mit freiem Blik der Vogel Hinein zur Sonne schaut, zeigt dir den Herzog Von Strajjord an. Lurkan, der Graf von Angus, Hat jenen Stier, zwei Hunde an den Seiten.
Zehnter Gesang.
i6i
Sieh dort den Herzog von Albanien !
Er malt das Feld mit weiss und himmelblau. Der Geier da, der mit dem Drachen kämpft,
Ist das Panier des Grasen von Bukan .
87.
„Dem starken Armand , der voll Schwarz und Weiss
Sein Zeichen hat, ist Forbes Unterthan.
Zu seiner Rechten steht der Graf von Erel,
Bei dem ein Licht im- grünen Felde strahlt. — Schau an der Ebne nun das Volk von Irland!. Zwei Schaaren sinds; die eine führt der »Graf Von Kildar, Graf von Desmond hat von wildem Gebirg die andere herabgebracht.
88 -
„ Dem einen brennt im Grauen eine Fichte, Und eine Binde räthst sich dem andern Im weissen Feld. —■ Doch England nicht allein Und Schott - und Irland geht dem Kaiser Karl
zu Hülfe ;
Norwegen auch und Schweden sendet Volk , Und Tyle, und das ferne Island; kurz, Orlando II. B. ix
Orlando.
Ein jedes Land, das in dem Norden Hegt, Und von Natur dem Frieden abhold ist.
Ö9-
,, Aus Höhlen auch und Wäldern haben sich An sechszehn tausend Mann hervor gemacht, Behaart im Angesicht, an Brust, an Schenkeln, AnRiiken, Arm und Fuss, gleich wilden Thieren. Schau , wie die Ebne dort um ihre weisse Standarte dik mit Lanzen sich bewaldet!
Morat, ihr Hauptmann, trägt sie völlig weiss, Um sie hernach im Morenblut zu rothen."
90.
Indem Ruggiero die verschiednen Fahnen Des schönen Volks, das sich gerüstet hat Um Frankreich beizustehn, besieht und drüber
spricht,
Und jene Herrn mit Namen kennen lernt, Läuft einer nach dem anderen bestürzt Und wundersvoll herbei, das seltne Thier,
Auf dem er sizt, mit Augen zu betrachten ; Und so wird bald um ihn ein Kreis geschlossen. 9 1 -
Auf einmahl zupft, — sowohl um das Erstaunen Zu mehren, als um selbst sich grossem 8pals zu machen, —
Zehnter Gesang. x63
Ruggiero sein geflügelt Pferd am Zaum,
Und kizelt ihm die Seiten mit den Sporen.
Da schwingt es durch die Lüfte sich gen Himmel, Und lässt ganz ausser sich das Volk auf Erden
gaffen.
Als drauf der Ritter England rund umher Beaugenscheinigt, flog er fort nach Irland. ■
93.
Er sah in diesem fabelhaften Reich Die Höhle, die vordem der fromme Greis gemacht, Und die so ganz voll Gnaden ist, dass man Darin von allem Sündenschmuz sich säubert. Von dorten jagt er weiter über’s Meer,
Hin wo es Kleinbritanien wascht, und sieht, Indem er unterwegs hinunterblikt,
Am nakten Stein Angelika gekettet.
Aufs Schwert im Schiff, und fuhr sodann zimi Fclsenstrande.
3z.
Er zieht die Ruder an die Brust und weist Der Stätte, wo er landen will, die Schultern; Dem Hummer gleich, indem er aus der See, Aus einem Thal an das Gestade kömmt.
Es war zur Stunde, wo die frühe Göttin Dem Föhns, halb emporgestiegen, halb Versunken noch, zu Titon’s höchlichem Verdruss, ihr goldnesHaar entgegen wallen liess.
O R I. A H D «.
iya
Sobald der Paladin der harten Küste Auf einen Steinwurf sich genähert hat,
Ist ihm, als hör’ und hör er nicht ein Wimmern, So schwach und so verhallend tönt es her.
Er dreht sogleich sich um zur Linken , schau* Die dunkle Flulh hinunter, und erblikt Ein Fräulein, naht, wie sie geboren wurde, An einem Pi'al, den F'uls vorn Meer bespült.
34 -
Koch kann er sie von weitem nicht erkennen., Zumal da sie gesenkt ihr Antliz hielt.
Er fährt mit schnellen Rudern zu ihr hin Und grosser Lust, mit ihr bekannt zu werden. Doch plözlich brüllt der Ocean; es hallen Die Wälder und die Felsenhöhlen wieder.
/ Hoch schwillt die Fluth, und sieh! das Ungeheuer kommt,
Mit seiner Brust beinah das ganze Meer verbergend.
35 .
Wie wenn aus dunklem, feuchtem Thal, von
Sturm
Und Regen schwanger, ein Gewölk sich hebt,'
1
Eilftkr. Gesang. 193
Und schwärzer als die finstre Nacht sich auf Den Erdball lagert und den Tag erlöscht:
So schwimmt das Thier daher, so unermeßlich, Dass es die ganze See zu fassen scheint,
Die Wogen brausen. Stolz und unverändert An Herz und Anseiln, bükt der Paladin es än.
, 56 .
Und fest in seinem Sinn bestimmt, was er Beginnen wollte , riikt er hastig vor, ^
Und stellt sich, um zu gleicher Zeit die Dame Zu schüzen und den Kraken'anzugreifen,
Mit seinem Kahn in ihre Mitte, lässt Sein gutes Schwert iri seiner Scheide ruhn, Fälst Kabeltau und Anker, und erwartet Mit grossem Herzen so das Ungeheuer.
3 /.
Der Kraken öffnet, als er in dem Kahn Vor sich den Paladin erblikt, um ihn Hinab zu schluken , ein so grosses Maul,
Dass man zu Pferde leicht hineingeritten wäre, Orlando fährt hinzu, taucht mit dem Anker sich, Und, wenn mir Recht ist, mit dem Nachen auch, Dem Fisch in Schlund, und bort den Anker tief Ihm in den Gaumen und die weiche Zunge,
Orlando II, U, l5
O A i, JL $ I) U.
So dass die grossen Kiefern oben sich Nicht senken, unten sich nicht heben können. So stört der Bergmann in der Eisenschacht, Wohin er geht, die Erde auf, damit,
Indem er unbesorgt sich weiter gräbt,
Ihn nicht ein plözlicher Ruin begrabe.
Der Anker kriimmt so hoch sich auf, dass ihn Orlando kaum mit einem Sprung erlangt.
3 9 .
Jezt, da er wohl versichert war, dals sich Das aufgesperrte Maul nicht wieder Schliessen
könne,
Zieht er sein Schwert, und haut und sticht umher, Bald hier bald da, in dieser finstern Höhle. Wie eine Festung sich , nachdem der Feind In ihre Mauern ein gerannt, vertheidigt,
So gut vertheidigt auch der Fisch sich gegen Orlanden , der in seinem Rachen stekte.
40.
Von Schmerz bezwungen, fährt er jezt hinaus Auls Meer, und zeigt den Büken und die Seiten, Taucht dann hinunter, röhrt mit seinem Bauch Im Sand, und spült ihn auf bis an die Wolken.
E I L F x E R G £ * A N 0. jgß
Der Paladin von Frankreich kömmt, indem Er sich zu sehr bewässert fühlt, hervor,
Lässt eingehakt den Anker , und ergreift Das Tau, das an ihm fest gebunden wer.
4.1.
Mit diesem schwimmt er hastig an den Felsen, Und zieht, sobald er festen Fuss gefasst,
Das Anker an, das mit den beiden Enden Im offnen Schlund sich eingegraben hatte.
Der Kraken folgt dem starken Sei!, genöthigt Von jener Kraft, die alles überwältigt,
Von jener Kraft, die mehr in Einern Ruk Zu ziehn- vermag, als eine Hiss’ in zelten.
42 .
So wie ein wilder Stier, der unversehens Sich einen Strik nm’s Horn geworfen fühlt, Hechts, linkshin springt, sich umwirft, niederstürzt, Sich aufrafft, und nicht los sich reissen kann: So folgt der Fisch aus seiner trauten Wohnung, Gezogen von dem Atm des Paladins,
Mit tausend seltnen Schwenkungen und Sprüngen Dem Tau, und kann davon sich nicht befreien*
43 . 1
Aus seinem Rachen stürzt so vieles Blut, Dass man das Meer das Rothe nennen konnte.
O R L A * D O.
jcjü
Jezt schlägt er so die Fluthen, dass man sie Bis in dem tiefsten Grund sich öffnen sieht; Dann stürmt er sie so fürchterlich empor,
Dass sie den Himmel und die Sonne baden. Vorn scbreklicben Getöse hallen weit Gebirge, Wälder und entfernte Küsten.
44.
Der alte Proleus kam, vorn Lärm geschrekt, Aus seiner Grott’ hervor, und floh, — da er Den Paladin den Fisch hinein, und wieder Heraus passieren und an Strand ihn ziehn gesehn,— Auf hohem Meer hinweg, sein Wasservieh
vergessend.
Dann wuchs der Aufruhr so, dass sich Neptun Vor seinen Wagen die Delßne spannte Und fort zum Land der Aethiopen jagte,
45 .
1
Wehklagend, Melicerten an dem Halse , Flieht Zwo, es entfliehn mit wildzerstreutem Haar Die Nereiden, Glauktts, die Tritonen Entfliehn verwirrt umher, um sich zu retten. Orlando zog den Fisch aus Ufer hin,
Der jezt ihm wenig mehr zu schaffen machte ;
Eilfter Gksaws. 197
Denn^abgequält und ganz verblutet, starb Er eher noch als er das Land berührte.
46 -
Den seltnen Kampf mit anzusehen, war Viel Volk- herbei gelaufen, welches nun,
Von eiteler Religion gebissen ,
Ein so verdienstlich Werk für gottlos hielt.
,, Wie ? " sprach ein Alter, ,, heisst dies nicht, den Proteiu
Von neuem Feind sich machen und ergrimmen, 80 dass er mit dem wilden Wasserheer In unserm Reich den alten Krieg erneuert.
47 -
„Das beste wäre, den erzürnten Gott Bei Zeiten zu besänftigen, eh’ uns Das ärgste trifft; und dieses wird geschehn, Wenn wir den Frefler in das Wasser werfen." Wie ein entbrannter Stok den anderen entzündet, Und bald ein ganzes Land in Feuer sezt;
So goss aus einem Herzen sich ins andre Der Zorn, der in das Meer Orlanden werfen will.
48.
Mit Bogen theils bewehrt, und theils mit Schleudern,
Mit Spiessen hier, und da mit Keulen, rennen
Orlando,
19 S
Ans Ufer sie, und greifen vorn und hinten, Und nah. und fern, aus aller Macht ihn an. Den Grafen nimmt der unvennuthete Und flegelhafte Anfall höchlich Wunder ,
Da er für das , wofür er Preis und Dank Erwartete, mit Kriegs belohnt sieh findet.
49-
Doch, wie der Bär, von Russen oder fohlen Auf Märkten weit und breit herumgeführt.
Auf seinem Weg von dem verdriesslichen Gebell von Hündchen wenig Furcht empfindet, Und seines Anbliks sie nicht würdig hält :
So war dem Paladin auch wenig bang
Vor jenem Volk, das er mit Einem Hauch,
Wie leichte Spreu der Wind, zerstäuben konnte.
5o.
Und traun ! man säumte nicht, ihm Plaz zu
machen,
Sobald er Dmindanen blizen liess.
Das dumme Volk ! es dachte , dass der Ritter Ihm nicht viel Arbeit machen würde, da Es seinen Leib von Panzer unbeschirmt,
Und nnbeschildet seinen Arm erblikte.
E I 1 ! I ES G I i 1 K ft.
*99
Allein es wusste nicht , dass seine Haut vorn
Scheitel
Zur Ferse härter war als Diamant.
öi.
Was Andre nicht an ihm vermochten, war !Nicht ihm bei Anderen versagt ; er schlug Ein halbes Schok darnieder, mit zehn Hieben In allem, oder wären auch ein paar Darüber. So war bald der Strand geräumt. Schon geht der Graf, die Jungfrau abzulösen, Als weit umher das Küstenland von neuem Geheul und Kriegsgetümmel wiedertönt.
52 .
Indess der Paladin an seinem Plaz So schlimmes Spiel den Ebudensern machte, War ohne Widerstand das Irenheer Von mehrern Seiten an das Land gestiegen. Und richtete mit schreklicliem Gemezel Die Insulaner überall zu Grund.
War’s grausam, oder war's verdienter Lohn, Genug, man sah nicht auf Geschlecht noch Alter.
53 .
Das Volk vertheidigt wenig sich, sowohl, Weil man zu unversehens es überfiel,
200
Orlando.
\ Als auch, weil ihrer gar zu wenig Waren,
Und diese wenigen sich nicht zu rathen wussten. Geplündert ward ihr Habe, Haus und Hof In Brand gesteht, erschlagen Gross und Klein, Die Mauern auf den Grund geschleift, und auch Nicht Ein lebendig Haupt zurükgelassen.
54 .
Orlando kam, als ginge der Tumult,
Das Schreien und die grässliche Verwüstung Ihn gar nichts an, zu Jener, die am Bord Dem Kraken vorgesezet war. Er schaut Sie an, und glaubt das schöne Kind zu kennen, Und immer mehr, je mehr er naht; ihm dünkt, Olimpia sey's , und wirklich war’s die Dame, Der man so grosse Treu so schlecht vergolten hatte-
55 .
O arme Frau , die nach dem grossen Weh, Das Amor ihr gethan , das Glük so grausam In Räuberhände gab ! Sie war den Morgen früh Von ihnen auf den kahlen Strand gebracht, Und ward vorn Paladin nunmehr erkannt. Doch , da sie nakend war, hielt sie ihr Haupt Geneigt, und schwieg, und wagte nicht einmal, Die Augen auf Orlanden zu erheben.
»
K u j t i > G i s i x *. 201
56 .
Orlando fragt, welch feindliches Geschik
Von jenem Land , wo er mit ihrem Gatten
Sie so vergnügt nnd wohlgemuth verlassen ,
An diese Insel sie geworfen habe.
Und sie erwiedert: „Ach! ich weiss nicht, soll \
Ich danken dir , dass du vorn Tode mich
Gerettet, oder mich beklagen, dass
Durch deine Schuld mein Elend sich verlängert ?
67.
„Ich danke dir, dass ich durch deine Hülfe So grausenvollem Tod entgangen bin ;
Denn zuentsezlich wär's gewesen, wenn das Thier Lebendig mich hinabgeschlungen hätte.
Doch für mein Leben dank’ ich nicht; denn nur Der Tod vermag vorn Elend mich zu retten.
O lieber Herr, gib gütig mir den Tod,
Der all mein Leid auf einmal enden würde!"
58 .
Dann fuhr sie fort, mit vielen Thränen ihm Zu sagen , wie ihr Gatte sie verrathen,
Indem er sie entschlummert auf dem Eiland Verliess, wo sie die Kaper fortgeraubt.
102
O R r A N T> O.
Indess sie dieses ihm erzählte, ging Sie so gewendet, wie im Bad Diana Von Künstlern abgebildet ist, indem Mit Wasser sie Aktäons Stirn hesprizt,
29 -
Denn sie verbarg so gut als möglich Brust Und Unterleib , uin's andre nicht bekümmert. Orlando wünschte, dass sein Schiff im Hafen sey, Da er die Dame , die er abgelöst,
Sehr gern mit einem Kleid bedekt gesehen hätte. Dieweil er hieran denkt, erscheint Oberlo,
Der Irenkönig, dem gemeldet worden war, Dass auf dem Strand das Ungeheuer liege,
60.
Und dass ein Ritter angeschwommen sey, Um in den Schltmd ihm einen grossen Anker Zu steken, und dem Meer ihn so entzogen habe, Wie man ein Schiff stroman zu ziehen pflegt. Qberto kam , zu sehen ob man ihm Die Sache recht berichtet, ans Gestade ,
Indes- sein Volk Ebuda allenthalben Mit Feuer und mit Schwert verheerete,
61.
Wie sehr Orlando auch von Wasser nass Und schmuzig war, und ganz mit Blut geröthet.
Eiutj* Gesang.
205
Womit bespvudelt er dem grossen l'iseli,
In den er eingelaufen war, ontschwamm ;
So kannt’ Gberto doch den Paladin,
Und um so mehr, weil er bei Vernehmung Der Heldenthat, sogleich im Geist ermass,
Das nur Orlando sie vollführet haben könne.
62.
Der Graf war ihm sehr wohl bekannt, da er In Frankreich lange sich verweilt und erst Vor wenig Monden es verlassen hatte,
Um auf den Thron des Vaters sich zu sezen. Viel tausend Mahle sah und sprach Oberto Den Paladin ; drum läuft er auf ihn zu,
Und heisst mit offnen Armen ihn willkommen, Nachdem er sich den Helm vorn Kopf gezogen.
63 .
Orlando war nieht weniger erfreut,
Den König, als der König , ihn zu sehen ; Und als sie beide die Umarmung ein Und noch ein Mahl recht herzlich wiederliohlet, Erzählt der Graf Oberten den Verrath ,
Der an dem schönen Fräulein ausgeübt.
Und wer ihn ausgeübt, Bireno nemlich,
Der just am wenigsten so hätte handeln sollen;
20 ,,.
Orlando.
64.
T t jk 1 sagt ihm dann die grossen Liebesproben, Die sie so oft Birenen abgelegt :
Wie sie Verwandte , Reich und Gut verloren. Und endlich selbst für ihn sich habe opfern wollen.; Wovon er grossen Theiles Zeuge sey Und gute Rechenschaft erstatten könne*
Indem er sprach , erfüllten sich mit Thränen Die heitern Augen der Olimpia.
65 .
Ihr schönes Angesicht war so wie oft Der Frühlingshimmel uns erscheint, wann Rege» Hernieder fällt, und wann zugleich die Sonne Den Nebelschleier um sich her entfernt ,
Und in den Zweigen grünender Gebüsche Die Nachtigall die süssen Klagen singt.
So badet Amor in den schönen Thränen DieF'ittige, undsonnt sich in den holden Strahlen.
66 .
Er glühet in dem Feu’r der schönen Augen Den goldnen Pfeil, und kühlt ihn in dem Bach, Der unter Lilien und Rosen niederrinnt;
Und als er ihn gehärtet, schiefst er flugs
Eiltter Gesano.
ao5
Ihn auf den König, den kein Schild vertheidigt, Noch Kürass oder Waffenhemd; er fühlt, Indem er starr die Augen und das Haar Anbükt, sein Herz, er weiss nicht wie, verwundet.
67.
Die Schönheit der Olimpia gehörte Zu den vollkommensten und seltensten. 'Nicht
Stirn
Allein, und Augen, Wangen, Haar und Mund, Und Nase, Brust und Schultern waren schön; Nicht minder waren es die untern Theile,
Die man gewöhnnch mit dem Ilok bedekt;
Sie waren so vortrefflich, dass man schwerlich Auf dieser Welt noch ihres gleichen findet.
68 .
So weiss wie sie ist nicht der reinste Schnee, Das feinste Elfenbein so weich nicht anzufühlen. Die runden Brüstchen scheinen Milch, so frisch Wie man sie eben in die Butten seigt;
Und zwischen ihnen steigt ein Raum hinab. Dem Thale gleich, das zwischen kleinen Hügeln Sich schattig senkt, (zu seinerzeit voll Anmuth) Wann es mit Schnee der Winter angefüllt.
O R L A S D O,
üoS
6g-
Die schönen Hüften, die erhobnen Seiten, Der ebrt« Spiegel helle Bauch, so wie Die glatten Schenkel , waren wie gedrechselt Von iidias ; wenn nicht von noch geschikt’rer
Hand.
Soll ich von jenen Theilen auch erzählen,
Die sie vergebens zu verbergen sucht ? —
Mit Einem Wort, sie war vorn Scheitel bis zurSohl® So schön, dass ich es nicht beschreiben kann.
70.
Ein Gliik. für Wenns, dass sie Paris nicht Inlda’s Thälern sah ! Die Göttin hätte schwerlich, So wenig wie die andern sonst, den Preis Davon getragen, noch der Frygier Sich in den Amyklä’schen Gefilden Am Gastrecht so vergangen, sondern wohl Gesagt: „bleib hier bei deinem Mann, Helene! Ich mag kein ander Weib als Jene haben ! “
71.
Und hätte damals in Krotona sie Verweilt, als *Zeuxis das berühmte Bild,
Zum Schmuk des Junotempels malen wollte;
E i i f i i 8 Geang. aoj
Wozu er so viel nahte Schönen sah ,
Uud, um die allerschönste Frau zu machen, Von jener dies, von dieser jenes nahm:
So wäre sie allein ihm g’nng gewesen,
Da alles Schöne sich in ihr beisammen fand.
73.
Ich glaube nicht, dass ihren schönen Leib Bireno jemahls nahend sah ; denn sonst Wär’ es gewiss unmöglich ihm gewesen ,
In jener Wildniss sie zuriik zu lassen.
Oberto kam für sie so sehr in Brand,
Dass sich sein Feuer nicht verbergen konnte. Er muntert sie sehr eifrig auf, und schwurt, Ihr Uebel werde sich in Wohl verwandeln.
7 3 .
Er wolle sie in ihre Heimath bringen,
Und eher nicht, mit allem was sein Reich Vermöchte, ruhn, als bis er Holland ihr Erobert und den schändlichen Verräth er Mit schwerer und verdienter Rache heim Gesucht , und alles dies so bald als möglich. Inzwischen liess er hier und da herum Nach Rohen und nach Weiberkleidern suchen.
Orlando.
74 -
Er brauchte, um dergleichen auszutreiben, Nicht auswärts hinzuschiken; auf Ebuda Gab’s deren viel, von jenen Frauenzimmern,, Die dort- der Fisch gefressen hatte. Bald Bekam Oberto Kleider aller Art Zu ganzen Haufen uyd nach allen Moden.
Er zog die Jungfrau an, und war sehr ärgerlich, Dass er sie nicht noch besser kleiden konnte.
70.
Allein so schöner Stoff, so feines Gold Ward von den Florentinern nie gewebt,
Noch je, mit aller Kunst und Zeit und Sorge, Ein Zeug gestikt, (und wär’ es von der Hund Mineryens selber) das ein Schmuk für sie Genannt zu werden werth gewesen wäre ,
Und die so schönen Glieder zu bedeken,
An die man nicht umhin kann stets zu denken»
7 6 .
Orlanden war aus mehr als Einer Ursach Die Liebschaft sehr erwünscht; denn ausser dass Der König dem Biren den Hochverrath Gewiss nicht unvergolten, lassen würde,
Eilfter Gesang.
209
Sah er durch dieses Mittel auch sich frei Von einer lästigen Verhinderung.
Nicht um Olimpien, vielmehr ^Angeliken Zu helfen, war der Graf daher gekommen,
77.
Dass diese da nicht war, erhellte bald,
Doch nicht, ob sie nicht da gewesen wäre ; Weil alles Volk der Insel, von dem ersten Bis zu dem lezten todtgeschlagen war.
Sie schifften drauf den andern Tag sich ein, Und liefen sammt und sonders aus dem Hafen. Der Paladin ging mit nach Irland, um Von da zum Frankenreich zurük zu gehen.
78.
Er blieb in Irland einen Tag, und liess Sich nicht erbitten, länger da zu bleiben.
Die Liebe, die nach seinem Schaz ihn jagt, Erlaubt ihm nicht, sich länger auszuhalten.
Er macht sich fort, nachdem er dem Obere Olimpien und sein Wort empfohlen hatte; Obgleich zum Ueberffuss ; der König hielt Es ihr von selbst schon über die Gebühr.
Orlando II. B.
*4
210
Orlando.
79 -
Er bringt in Eil ein schönes Heer zusammen; Schliesst mit den Königen von Engelland Und Schottland einen Bund, und nimmt Birenen Ganz Holland und ganz Friesland wieder ab, Empöret dann auch Seeland gegen ihn ,
Und steht sein Schwert nicht eher ein, bis er Das Haupt ihm abgeschlagen hat; wiewohl Er to zu leicht noch sein Verbrechen biilste.
So.
Drauf nahm er Jene zum Gemahl, und machte Aus einer Gräfin sie zur grossen Königin.
Doch kehren wir zum Paladin, der Tag Und Nacht mit ausgespannten Segeln schiffte, Bis er sie ein im selben Hafen zog.
Wo er zuerst sie ausgebreitet hatte.
Er sprang bewaffnet auf sein wahres Pferd , Und liess die Wind’ und Fluthen hinter’m Puiken. 81.
Vermuthlich that er in demRest des Winters Noch manche denkenswertlie That; allein Sie blieben bis auf diesen Tag verborgen ,
So dass ich leider 1 nichts von ihnen sagen kann. Der Graf war stets geneigter, grosse Dinge Zu thun, als die gethanen zu erzählen.
Eilfter Gesang.
au
Drum hörte man von ihnen nichts, wenn nicht Zu gutem Glük sie Augenzeugen hatten.
82.
Er blieb den Rest des Winters so verborgen, Dass nichts gewisses man von ihm erfuhr.
Doch als die Sonn’ in dem bescheidnen Thier, Das F'rixus ritt, der Erde leuchtete,
Und Zefyr mit dem jungen Frühling sanft Und freudig wiederkam , da brachen auch Orlando s Thaten mit den schönen Blumen Und mit den neuen Kräutern wieder aus.
83 .
Von Thal zu Berg, von Busch zu Felde zog Er eben voller Leid und Schwermuth hin ,
Als ihm aus einem Hain ein langer Schrei Und hoher Jammer an die Ohren schlug.
Er spornt sein Ross und zieht sein treues Schwert, Und jagt dahin, woher der Schall ertönt. — Das Folgende sey' für ein andermal Euch aufgespart, wenn ihr es hören mögt.
Jl z
[ANMERKUNGEN,
Stanze 3 . V. i — 2.
Xenokrales vonChalcedon, der, bekanntlich, eine Nacht bei der schönen Fryne lag, ohne sie anzurühren; eine Probe von Enthaltsamkeit, die ihm einige Eitler, ohne Filosofen zu seyn, mit viel grössrer Seelenkrast nachmachten. Denn diese waren in die Schönen, bei denen sie diese Probe anstellten und, besage der alten Romane, glitklich bestanden, heftig verliebt; welches beim Xenokrates nicht der Fall war.
Stanze 58. Y. 6 — 8.
Petrark sagt, Diana habe dem Aktiion nicht mehr gesallen,sobald er sie riakend gesehen habe;— N 011 al sno amante piü Diana piacque,
Onando per tal Ventura tutta ignuda La vide in mezzo de le gelide aeque — so dass die Göttin demnach aus mehr als bloss jungfräulicher Erbitterung den Sohn des Arist aus mit Wasser besprengt und in einen Hirsch verwandelt haben möchte.
Stanze 70. V. 5 .
Xmykläische Gefilde, Lakonien, von der Stadt jimyklä so genannt, wo sich ein berührn-- t.er Tempel Xpollons fand.
Stanze 62. V. 3 .
Das bescheidne Thier, animal discreto, der Widder, auf welchem Priocus von Büoticn- durch die Luft nach Kolchis ritt.
ORLANDO.
ZWÖLFTER GESANG.
I.
Als Ceres, von der Frygischen Cyhcle In Eile zum einsamen Thale kehrend,
Wo Aetna den in Grund gedonnerten Enceladus die Schultern niedertritt ,
Die Tochter in der pfadelosen Stätte,
Wo sie geblieben war, nicht wieder fand:
So that dem Haare sie, der Brust, den Wangen Und Augen Leid, undriss hierauf zwei Fichten aus
Entzündete sie beim Vulkan, so dass Sie nie erlöschen konnten , sezte, sie In Händen haltend, sich auf ihren Wagen, Gezogen von zwei Drachen, und durchsuchte Gefilde, Wälder, Ebnen und Gebirge,
Und Fluls und See, und Erd’ und Ocean; Und da sie ganz die Oberwelt durchspüln, Stieg sie zum finstern Tartarus hinunter.
216
Orlando.
3 .
Wenn Milom Sohn der Göttin so an Macht Wie an Verlangen gleich gewesen wäre,
So hätt' er ebenfalls nach seiner Dame NichtWald und Feld, noch Fluss und See, und Thal Und flaches Land, und Meer und Erde,
Und HÖH’ und Himmel undurchsucht gelassen. Doch soj da Wagen ihm und Drachen fehlten, Strich er so gut ihm möglich war umher.
4 -
Er hat bereits durch Frankreich sie gesucht. Nun will er durch stallen und Deutschland, Und Alt und Neu-Kastilien sie suchen,
Und dann nach Afrika sich iiberschiffen.
Indem er diesen Zug bedenkt, erschallt Ein Kfaggeschrei ihm plözlich in die Ohren.
Er spornt hinzu, und sieh! ein Ritter jagt Dahin im Wald auf einem grossen Renner.
5 .
Er hielt im Arm und vor sich auf dem Sattel Ein höchst betrübtes Mädchen mit Gewalt.
Sie weint und jammert, schlägt mit Hand und Fuss, Wie ganz verzweifelt, um sich her, und ruft Den tapfern Paladin zu Hülfe, dem,
ZWÖLFTE* G E S A N «.
2X7
Sobald er sie erblikt, sie Jene schien,
Um die er ohne Rast bei Tag imd Nacht Frankreich durchsucht von innen und von aussen.
6 .
Ich sage nicht, dass sie es war allein Sie schien Angelika, die er so schmerzlich liebt. Orlando ward sein Liebchen, seine Göttin Kaum so voll Gram und Leid gewahr, als er, Von Zorn entflammt und von heilloser Wuth, Dem Ritter rief mit fürchterlicher Stimme : „Halt! duUnsel’ger, halt l“ so rief er drohend, Und sezt’ ihm nach in stürmenden Galopp.
7 -
Doch dieser hielt, nicht an und sprach kein Wort, Aul seinen herrlichen Gewinn nur achtend ;
Er flog vielmehr so schnell von Busch zu Busch, Dass ihn der Wind nicht eingeliohlet hätte. Der eine flieht, der andre folgt; die tiefen Wälder Ertönen von der Jungfrau Klaggeschrei.
So kamen sie hinaus auf eine Wiese,
Wo mitten sich ein grosses Schloss erhob.
8 .
Der stolze Bau war von verschiednem Marmor Mit feiner Kunst und Arbeit aufgeführt.
2lK
Orlando.
Der Ritter mit Angeliken im Arm Schiefst in das goldne Thor hinein. Sehr bald Kömmt Brigliador auch an in vollem Sprung Mit seinem hochergrimmten Herrn. Orlando Dreht in dem Hof die Augen rund umher , Allein er sieht nicht Ritter mehr noch Fräulein.
9 -
Er springt vorn Pferd hinab und wirft sich
wetternd
Ins Innere der schönen Wohnung, läuft Nach allen Seiten hin und her, und lässt Kein Zimmer, kein Gemach dort unbesehen; Und als er alles in dem untern Plan Umsonst durchsuchet, rennt er auf die Treppe. Doch er verlor mit seinem Suchen oben So gut als unten alle Zeit und Mühe.
jt».
Er sieht geschmiikt mit Gold und Seide dort Die Stähl’ und Betten; Wand und Mauer Waren, So wie der Boden, den der Fuss betritt,
Mit reichen Teppichen verhüllet und behängen. Orlando lief ein, zwei Mahl auf und ab ,
Und konnte nie die Augen mit dem Anblik Angelika s erfreun , noch jenes Räubers,
Der ihm das schöne Kind hinweg getragen.
X W Ö !i T I K G X S A H «.
2IZ
11.
Indess der Graf sich hier und da umsonst Unmuthig und gedankenvoll bemüht, Erscheinen Ferragu und Brandimart- ,
Gradass und Sakripant und andre Ritter,
Die ebenfalls dort auf und nieder gehn,
Und minder nicht als er vergebne Gänge machen; Wobei sie tüchtig auf den schelmischen Und unsichtbaren Herrn des Schlosses schimpfen-
12 .
Sie suchen sämmtlich ihn und klagen sämmtlich Ihn eines Raubes an. Der eine flucht,
Dass er sein Reitpferd ihm gestohlen habe ; Sein Liebchen fodert voller Wuth der andre Von ihm zuriik , und andre noch was anders. So treiben sie sich da herum , und können Dem Käfig nicht entgehn, in dem schon mancher Sich viele Wochen lang gefangen findet.
i3.
Nachdem Orlando fünf bis sieben Mahle Den seltnen Pallast gänzlich durchgesucht, Sprach er bei sich: „Ein längers Zaudern hier Das hiese, glaub’ ich, Zeit und Müh um nichts verschwenden.
220
Orlando.
Kann nicht der Dieb aus einer andern Thür Mit ihr entwichen und wer weiss wie weit schon seyn ? “
Er lief demnach hinaus zur grünen Wiese ,
Die rings sich um das schöne Waldbaus wand.
14.
.Indem er um das Schloss die Runde macht, Die Blike stets zur Erde hingerichtet,
Ob ihm zur rechten oder linken Hand Nicht eine frische Spur erscheinen wolle,
Hort er von einem Fenster her sich rufen.
Er schaut hinauf, und meint die süsse Hede Zu hören und das Angesicht zu sehn ,
Das ihn so wunderbar verwandelt hat.
15.
Er glaubt Angeliken zu hören, die ihm flehend Und weinend rufe: „Hülfe, Hülfe! Ich Empfehle meine Jungfrauschaft dir an,|
Mehr als mein Herz, mehr als mein junges Leben ; Soll denn der Bube sie in Gegenwart Von meinem theuern Paladin mir rauben ?
Ach ! eher todte mich mit deiner Hand ,
Als dass ich so ein grauses Loos erfahre ! "
Zwölfter Gesang.
22 i.
1 6.
Der Ritter von jdglant durchlauft auf diese
Worte
Noch ein und noch ein Mahl ein jedes Zimmer Im Schloss, mit vieler Müh und grosser Leidenschaft,
Wiewohl gemässiget von hoher Hoffnung.
Oft steht er still und hört auf einen Laut, Der Stimme seiner Dame gleich; doch kaum Eilt er dahin, so ruft von anderswo Sie ihn herbei, und nie kann er sie finden.
i7-
Doch, um zu dem Ruggier zurük zu kehren, Den ich verliess, da er, auf dunklem Weg Dem Riesen und der Jungfrau folgend, endlich Hinaus auf eine grosse Wiese kam, —
So meld’ ich euch, dass er (wenn ich den Orts
erkenne)
Dahin, wo Graf Orlando war, gelangte.
Der Riese jagt ins Thor hinein; Ruggier Rennt unermiidet auf dem Fuss ihm nach.
ts-
Und als er drinnen war, sieht er sich um Im grossen Hof und auf den Galerie«.
O K L A SF D O.
Allein verschwunden war der Riese mit der Dame; Vergebens gukt er hier und dort umher.
Er lauft im Fallest vielmahls auf und ab,
Doch nie erblikt er das, was er zu sehn verlangte.
Ganz unbegreiflich ist es ihm, wo sich
Der Unhold mit dem Raub so schnell verborgen
habe.
I 9‘
Nachdem er Zimmer, Säl’ und Kammern oben Und unten vier und fünfmahl durchgesehn , Durchgeht er sie von neuem allesammt,
Und sucht sogar bis unter Bett und Treppe.
In Hoffnung endlich, dass im nahen Waid Sie sind , geht er dahin. Doch eine Stimm« Ruft ihm , so wie sie dem Orlando rief,
Und lokt auch ihn zurük in den verwünschten
Fallast.
20.
Dieselbe Stimm und’ Dame, die Orlanden Die Tochter Gatafrons geschienen hatte, Schien dem Riuggier das Fräulein von Dordogne, Das von’sich selbst verbannt ihn hielt. Wenn si« Zu dem Gradetss und einem anderen
Zwöleter Gesang.
220
Von denen sprach, die sich herum im Schloss#
tummeln,
So schien sie jedem der geliebte Schaz.
Nach welchem jeder sich so herzlich sehnte.
3l.
Dies war ein neuer unerhörter Zauber, Ersonnen von dem sorglichen Allant ,
Damit Rüg gier, im Schloss mit dieser Arbeit Und diesem aussen Schmerz beschäftigt,
Den bösen Einfluss der Gestirne meide,
Die ihn zu frühem Tod zu führen drohen. Nach jener Burg von Stahl, die nichts ihm half, Und nach Alcinen machiAtlant noch diese Probe.
23 .
Und nicht Ruggiern allein, er sucht auch alle. Die man die Tapfersten in Frankreich rühmt, Damit sein Pflegesohn von ihrer Hand nicht falle, In diesen Zaubcrsiz hinein zu ziehen.
Und während er sie da gefangen hält,
Ist er besorgt, dass sie nicht Hunger leiden.
Er hat sein Schloss mit allem so versehn ,
Dass Frau’n und Ritter datSn gemächlich leben.
Ü m i s j) o.
aa 4
20 .
Doch wenden wir uns zu Angeliken ,
Die, (mit dem unschäzbaren Hing versehen, Der, in dem Mund, dem Auge sie verbirgt,
Am Finger, sie vor Zauberei verwahrt) Nachdem sie in der Höhle Speis’ und Zeug, Und Pferd und was ihr sonst noch nöthig war, Genommen, — sich'entschloß , nach Indien Ins liebe Vaterland zurük zu kehren.
a 4-
Orlando wäre, oder Sdkripant ,
Zum Führer sehr willkommen ihr gewesen ; Nicht dass zu einem sie besondre Neigung hatte Sie war vielmehr den Wünschen Beider gleich Zuwider. Aber da der Weg ins Morgenland Durch viele Stadt’ und wüste Streken ging ,
So war Gesellschaft ihr und Schuz nothwendig; Und diese fand bei Jenen sie «m besten.
a5.
Viel irrte sie, izt den, izt jenen suchend, Bevor sie eine Spur von ihnen fand,
•Umher, in Städten bald und bald in Flekcn, In hohen Wäldern und in offnen Fluren.
Am Ende führt ihr Glük sie dahin , wo
Zwölfter Gesang. aa5
Orlando, Ferragu und Sakripant,
Ruggier, Gradass und Andre , vorn Atlant Im eiteln Labyrinth verwikelt waren.
26.
Sie geht hinein, Atlanten unsichtbar,
Sucht alles durch, von ihrem Ring verborgen,
Und sieht den Grafen und den Sakripant ,
Wie sie iin Schloss vergebens' nach ihr jagen.
Sie sieht, wie durch ein Luftgebild, ihr gleich,
Atlant das Ritterpaar zum besten hat,
Denkt hin und her, wen sie von beiden sich erkiese.
Und kann darüber mit sich eins nicht werden.
27. -
Sie nimmt nicht ab, wer ihr der bessre sey,
Orlando oder Sakripant. Zwar wird Orlando''s stärkrer Arm sie in Gefahren Am besten schüzen ; doch , zum Schirmen ihn Sich nehmen, heilst zum Herrn ihn sich machen.
Wie möchte sie den stolzen Krieger beugen,
Warm , seiner satt, sie sich von ihm befrei’n Und ihn zurük nach Hause schiken wollte ?
28.
Allein den Andern kann sie stets herunter sezen, /
Und hätte sie ihn bis zum Himmel auch erhoben-
i5‘
Orlando II. B.
Orlando.
a2Ö
Bloss deshalb will sie zum Geleiter ihn Erwählen, und sich hold und eifrig ihm erweisen Sie zieht den Ring aus ihrem Mund, und nimmt Dem Sakripant den Nebel von den Augen. Sie glaubt sich nur von ihm gesehn, allein Der Graf und Ferragu sehn sie nicht minder.
29.
Sie wird vorn Grafen und von Ferragu Erblikt ; denn beide suchten, wie ihr wisst, Gleichfalls im Schloss hinauf, hinab, und drinnen Und draussen sie, die ihre Göttin war.
Sie liefen alle drei zu ihrer Dame,
Indem kein Zauber mehr sie hinderte:
Da jener Ring, den sie an Finger stekte. Atlante’s Kunst sogleich zu Schanden machte.
3o.
Zwei von den liebeskranken Helden waren Versehn mit Panzer und mit Helm, die sie, Seitdem sie in das Wundethaus getreten,
Nie abgelegt, bei Tage nicht und Nacht, Indem , durch lange Uebung, sie daran Nicht schwerer als an Kapp’ und Weste trugen. Der dritte, Ferragu , war auch bewaffnet,
Bis auf den Kopf, den er nicht deken wollte,
Zwölfter Gesang. 337
3i.
Bis er den Helm, den ehmals dem ylhnont Der Graf Orlando nahm , gewonnen habe ; Wie er am Flusse schwur, in welchem er yjrgails feinen Helm vergebens suchte.
Und wenn er, da der Paladin ihm dort So nahe war, sich nicht an ihm vergriff,
So kam dies daher blos , weil sich die Ilitter Im Schloss einander nicht erkennen konnten.
52 .
So war das Schloss gezaubert, dass sie sich Einander drinnen nicht erkennen konnten.
Nie legten sie, bei Nacht so wenig als Bei Tagt;, Schwert und Schild und Panzer ab. Den Sattel auf dem Rüken, das Gebiss Am Naken, liessen ihre Pferde sich’s Indel's am Thor in einem Stalle schlucken, Der wohl versorgt mit Heu und Hafer war.
;Atlante sieht zu seinem Leid kein Mittel, Die Krieger zu verhindern, sich zu Ross Zu sezen , um den rosenfarbnen Wangen, Dem goldnen Haar, den schönen schwarzen Augen Der Jungfrau nachzujagen. Diese stöst
Orlando,
228
Aus Leibeskraft ibr Pferd, weil sie nicht gern Auf einmal die drei Buhlen haben möchte,
Die nach einander sie vielleicht genommen hätte.
34.
Und als sie weit genug vorn Pallast sich Befand, um nicht befürchten mehr zu dürfen, Dass der vertrakte Zauberer ihr noch Mit seinen Teufelskimsten schaden könne, Nahm sie den Hing, der sie aus mehr als Einer Verlegenheit schon half, in ihren Rurpurmund; Worauf sie straks verschwunden war, und Jene Wie Narren und Verriikte stehen liess.
35 .
Verseil wunden war ihr erster Vorsaz auch , Vorn Grafen oder vorn Tschirkasser - König In ihres Vaters Reich am fernsten Ende Des Oriejits geleiten sich zu lassen.
•Denn plözlich wurden sie ihr so verbalst,
Ihr Sinn und Wille schnell so sehr verwandelt, Dass, Beider Dienst verschmähend, sie beschloss, Mit ihrem Ring allein sich auf den Weg zu machen.
36 . ■
Die Ritter drehn ganz damisch ihr Gesicht Bald hier, bald dorthin in dem öden Walde.
Zwölfter Gesang. 22Z
Dem Hunde gleich, wenn mitten in der Jagd Der Hase oder.Fuchs auf einmal ihm Verschwunden ist, indem er in der Höhle,
Im Dikicht oder Graben sich versteht. Muthwillig lacht Angelika sie aujr,
Die unsichtbar auf ihre Schritte merkt.
37 -
Im Walde fand sich nur ein Weg, weshalb Die Ritter gar nicht zweifelten, dass ihnen Voraus Angelika auf diesem reise,
Weil sie auf anderem nicht reisen konnte. Orlando eilt, der Spanier säumt nicht,
Nicht minder treibt und stachelt Sahipant. Die Jungfrau hält ihr Pferd in Zaum, und reitet In kurzem Trab den Kriegern hintennach.
33 .’
Indem sie so im Forst dahin gelangen,
Wo der betretne Weg verloren ging,
Und nun ins Gras mit ihren Augen sahn,
Ob drinnen sich nicht frische Spuren zeigten', • Kehrt Fcrragu , der unter allen Koken Auf dieser Welt die Krone tragen konnte ,
.Mit hämischem Gesicht sich zu den Anderen, Und ruft: „ Hell da ! ihr Herren, wo hinaus ?
I
a3o
Orlando.
3g.
„ Zurük da, sag ich ! pakt euch fort, wenn ihr Nicht;Lust habt, hier zum Icztenmal zu athmen! Denn wisset, wenn ich Jagd auf eine Dirne mache, So lass ich mir nicht gern Gesellschaft leisten! “ (Orlando sprach zum König Sdkripanti „Bei meinem Schwert! heisst das was anders als Wie feige Memmen, wie die jämmerlichstenHuren* Die jemals Wolle kämmten, uns behandeln
40.
Drauf wandt’ er sich zu Ferragn, und sprach : „ Trossbube du ! wenn ich dich ohne Helm Nicht sähe, traun J ich wollte gleich dir zeigen, Ob du wie sich’s geziemt geredet habest 1"
Der Heide sprach: ,, Du Narr ! was hast du dich Um das was mir nicht Sorge macht zu kümmern? Wie du mich siehst, mit blosem Kopfe, bin Ich gut genug, euch beiden Wort zu halten."
4t.
„ Freund ! " sprach der Graf zum Sakripant , ,, sey doch
So gut und leihe dem da deinen Helm,
Bis ich die Narrheil ausgeschneuzt ihm habe;
Zwölfter G * » a n «. a3r
Denn wahrlich, solche kam mir nie vor Augen!" ,, Bist du wohl selbst gesell eid ?“ versezt der König. „Leih du den deinen ihm, wenn sein Begehr Dir ziemlich dünkt! Denn ich bin wenigstens nicht minder
Als du im Stande, Narr’n zurecht zu weisen."
42.
Strohköpfe! " rief der Spanier, „als wenn, Im Fall ich meinen Kopf bedeken möchte,
Ihr nicht schon ohne Helme wärt! Ich würde Die euren euch vorn Hirn schon abgenommen
haben.
Doch höret, wie die Sache sich verhält!
Um ein Gelübde geh ich ohne Helm ,
Und will so gehn , bis ich den feinen habe, Den Graf Orlando auf dem Kopfe trägt. "
43 .
„Du meinst demnach ,“ versezt der Paladin mit Lächeln,
, Dass du mit blossem Kopf vermögend seyst, Orlanden das zu thun , was er in Aspramont Dem Sohn des Agolant vor diesem that ? Mich däucht vielmehr, du würdest, wenn du ihn
Orlando.
tZz
Vor Augen sähst, vorn Kopf bis zu den Sohlen
zittern,
Und, fern den Helm ihm abzuziehn, dich vollends Von seiner Hand getrost entwaffnen lassen."
44 -
„ Oho ! “ sprach Ferragu , „ich’ habe schon wer weiss
Wie oft Orlanden so beim Schöpf gehabt, Dass ich die Waffen leicht, so viel er ihrer trug, Geschweige seinen Helm, ihm hätte nehmen
können.
Und wenn ich’s unterliess, so kommen einem oft Gedanken, die man erst im Sinn nicht hatte. Ich wollte sonst es nicht, jezt will ich es,
Und hoffe leicht damit zu Stand zu kommen.
45 .
Jezt konnte sich der Graf nicht länger halten; Er rief: ,, Du Lügner ! du verdammter Heide.' Sprich, wo und wann geschah es, dass du mir Im Zvveikampf überlegen warst ? Denn wisse Der Paladin, def's du dich rühmst und den Du ferne glaubst, bin ich ! Wohlauf! lass sehn, Ob du den Helm mir abnimmst, oder ob Mein Arm der andern Waffen dich entkleidet.'
Zwölfter G f, s a r s.
46 -
„Jedoch, ich mag den kleinsten "V ortheil nich t \“ Er band hiermit den Helm sich los, und hängt© An einen Buchenast ihn auf, und riss Dann Durindanen hastig aus der Scheide.
Der Spanier verlor drum nicht den Muth ;
Er zog seinScbwert, und nahm sich so zusammen, Dass er mit ihm und den erhobnen Schild Sein unbeliebtes Haupt beschirmen konnte.
* 47 -
Und so begannen die zwei Krieger jezt Auf ihren Pferden sich herum zu tummeln, Und wo die Rüstung schloss und sich das Eisen Verzinnte, mit dem Schwert sich zu versuchen. Kein ander Paar auf dieser ganzen Welt Kann sich mit Diesem messen und vergleichen. Sie waren gleich an Kraft, an Kühnheit gleich, Und konnten beide nicht verwundet werden.
48 .
Ihr habt, so vieHcb weiss, bereits vernommen, Dass Farragu von Haut gefeyet war,
Das Flekchen ausgenommen, wo das Kind Im Mutterleib die erste Nahrung nimmt.
254
Orlando.
Und bis der düstre Leim' des Grabes ihm Die Augen deke, trug er stets den Ort,
Wo die Gefahr sich fand, mit sieben Platten Von wohlgehärtetem MeLall bewaffnet.
49»
Nicht minder war dem Herrn von Anglant Die Haut gezaubert bis zu seinen Fersen ; ’
An ihnen nur war er verwundbar, drum Verwahrt’ er sie mit aller Kunst und Sorge. Sonst war er hart wie Diamant, und härter, (Wenn anders das Gerücht die Wahrheit sagt). Auch gingen Er und Jener mehr zum Schrnuk Als aus Bedarf gerüstet in Gefechte.
5o.
Erbittert wird und grimmig ihre Schlacht, Von Anselm fürchterlich und voller Grausen. Der Heide sticht und haut bald hier bald da,
und führt
Nie einen leeren Streich. Ein jeder Hieb Des Paladins entzweit , zerreibt, zerschlägt Und streut umher die Schienen und die Ringe. Angelika sieht ungesehen zu ,
Allein so wildem Schauspiel gegenwärtig.
Zwölfter G e s a n *. a55
61.
Denn Sakripant war, in der guten Meinung Dass wenig vor ihm hin die Jungfrau reite, Sobald er Jene so "gewaltig sich Zerdröschen sah, fort auf dem Weg gejagt, Den, wie er glaubt, Angelika, als sie Aus ihren Augen schwand , verfolget habe ;
So dass die Tochter Galafrons allein Von jenem Zweikampf Augenzeuge war.
52 .
Nachdem sie,schreklich wie er war und grausam, Ein Weilchen ihm verborgen zugesehn,
Und er ihr sehr gefährlich schien, sowohl Für diesen als für jenen ; fiel ihr, lüstern Nach etwas Neuem, ein, Orlando s Helm Hinweg zu nehmen, um zu sehn, wie sich Die Krieger, wenn sie ihn vermissten, haben
w ürden ;
Doch, mit dem Vorsaz, ihn nicht lange zu behalten*
55 .
Sie will den Helm Orlanden wiedergeben, Wenn sie mit ihm erst einen Spass gehabt.
Sie nimmt ihn ab, legt ihn in ihren Schoss, Und schauet noch ein wenig auf du: Streiter.
236
O k u s n o.
Dann geht sie, ohn’ ein Wort zu sagen, weg, Und war bereits ein gutes Strekchen fern ,
Als noch die Ilitter nicht den Diebstahl merken’ So heftig waren sie auf ihren Kampf erpicht. 04.
Jedoch, als endlich Ferragu den Raub Gewahrt, springt er zurük und spricht zum Grafen : ,,0 weh! wie schmählich sind wir von dem Ritter, Der bei uns war , geprellt und übertölpelt ! Was bleibt dem Sieger für ein Lohn, wenn Der Mit deinem Helm uns durchgegangen ist P " Orlando stuzt, bükt auf den Ast, und lodert, Da er ihn ledig sieht, von Zorn und Rachsucht.
55.
Er glaubt wie Ferragu , dass niemand als Der Ritter, der mit ihnen kam, den Helm Gestohlen habe , schwenkt sogleich sich um. Und lässt den Biigliaclor die Sporen fühlen. Der Saracene sezt in vollem Sprung Alsbald ihm nach. Und als nach kurzem Laufe Sie frische Spur im Grase sahn, gemacht Vorn Sakripant und von Angeliken ;
66 .
So schlug der Graf sich links auf einen Weg Zu einem Thal, wo Sakripant geritten,
Zwölfter Gesang. 287
Der Spanier auf einem Pfad am Berge ,
Auf dem Angelika geflohen war.
Sie war indess zu einem Quell gelangt,
Der schattenreich und von erfreulicher Lage, Den Nahenden in seine Kühlung ladet,
Und keinen ohne Trank von dannen lässt.
57.
Angelika hält an dem Quelle still,
Vor Ueberfall nicht bang; auch hatte sie,
Von ihrem Ring beschüzt, nicht zu besorgen, Dass etwas schlimmes ihr begegnen könne.
Sie hängt, sobald sie den begrasten Rand Des Bachs genaht, den Schild an einen Zaken, Und sucht im Busch umher nach einem kühlern
Stand,
Um da ihr Pferd ein wenig anzubinden.
58 .
Auf einmal kommt der wilde Ferragu ,
Der ihre Spur verfolgt, daher gejagt.
Die Jungfrau stekt bei seinem Anblik straks ,
Den Ring in Mund, und flieht hinweg. Allein Die Eil erlaubt ihr nicht , den Helm, der ab Vorn Ast gefallen war, zurük zu nehmen.
O R L A N 1) O.
z3S
Kaum ward der Heide sie gewahr, als er Voll Freude zu ihr hin gesprungen kam.
5g.
Doch sie verschwand vor ihm, Wie bei des
Schlafs
Entweichung eine Traumgestalt. Er sucht Sie weit herum in Thal und Wald, allein Die armen Augen sehn sie nirgend wieder. Dem Mahom fluchend und dem Trivigant , Und jedem Herrn und Meister seines Glaubens, Kehrt Ferragu hinauf zum Bach zuriik ,
Und sieht Orlando s Helm im Grase liegen.
So.
Er kannte ihn, sobald er ihn erblikte,
Gleich an der Schrift, die sich arn Rande fand Und meldete, wo Graf Orlando ihn Gewann, von wem, und wie und wann. Der Heide Bewaffnet flugs mit ihm sich Haupt und Hals, \ or grosser Freude fast sein Leid vergessend, Das Leid um Jene, die vor ihm verschwand, So wie ein nächtliches Gesicht verschwindet.
61.
Nachdem er ihm sich angescheüret, scheint Zu seinem vollen Gliik ihm nichts zu fehlen,
Zwölfter Gesang. 239
Als noch Angeliken zu finden , die
Ihm wie der Bliz erscheinet und verscheint.
Er sucht sie weit und breit im hohen Wald, Und als zulezt ihm alle Hoffnung schwindet Ihr wieder auf die Spur zu kommen, geht Er nach Paris zurük ins span’sche Lager.
62.
Almontens Helm auf seinem Kopf zu haben, Nach seinem alten Schwur, dies kühlt ein wenig Den Schmerz, der ihm im Busen kocht, dass er So grosse Lust nicht ausgelassen - halte. OrlAndo ritt, da seines Helms Geschik Bekannt ihm war, sehr lange nach den Heiden; Allein er zog den Helm ihm eher nicht vorn
Kopf,
Bis er ihm eines Tags das Leben raubte.
63 .
Angelika verfolgt allein und ungesehn Und mit betrübtem Antliz ihre Strasse.
Es that ihr Leid, dass sie Orlando s Helm Aus grosser Eil am Bach gelassen hatte.
,, So nahm ich denn um eines Einfalls willen ''Sprach sie für sich) dem Grafen seine Waffe ?
240
U K L A B U 0.
Ein schöner Anfang, um für alles was Er mir zu Eiehe that, ihn zu belohnen!
64 -
„Allein Gott weiss, aus keiner schlimmen
Absicht
(Wenn auch was schlimmes nun daraus erfolgt) Verfuhr ich so ! ich wollte dadurch blos Den fürchterlichen Kampf zum Stillstand bringen, Und wahrlich nicht dem garst’gen Ferragu Zu dem von ihm begehrten Helm verhelfen. *«&■■'
■ M '
£*&* V '.• ' i
O goldne Zeit, wo überall die Ritter,
In grünem Thal, in Höhlen voller Graun,
In wilden Waldungen, den Lagerstätten Von Schlangen und von Bären und von Löwen, Das fanden, was izt gute Kenner kaum In herrlichen Pallästen finden können !
Ich meine Frau’n in frischer Jugend, die Den Titel schön mit vollem Recht verdienen» a.
ß Ich meldete vorhin, wie Graf Orlando Ein schönes Fräulein in der Grotte fand,
Und fragte, wer sie in den Finstern Schlund Gesezt. Nun fahr’ ich fort , und sage dass , (Als mancher Schluchz sie unterbrochen hatte) Mit sanfter und sehr rührender Rede > sie Dem Herren von Anglant , so kurz als es Ihr möglich war, ihr Milsgeschik erzählte» Orlando II. II.
Q R L A JT B Ö.
»5t
o.
,, Ob zwar ich weiss, (so hub sie an) o Ritter, Dass mir mein Reden schwer vergolten werden
wird ,
Weil Diese da nicht säumen wird, es Dem, Der mich hier eingesperrt, zu hinterbringen: So will ich dennoch dir die Wahrheit nicht
verhalten,
Und mag mein Leben gleich zu Grunde gehn. Was soll ich auch vor einem Mann mich fürchten, Der doch beschlossen hat mich in den Tod zu
scliiken ?
4 -
„ Ich heisse Isabell’ und war die Tochter Des Königs von Gallizien. Ja wohl,
Ich wars! bin's nun nicht mehr; ich bin Das Kind des Leides izt, der Noth und Traurigkeit; Dank Amorn! denn ich weils nicht, über wen Ich mehr als über ihn mich zu beklagen hätte, Der freundlich mir im Ansang Beifall klatschte, Und im Verborgnen Trug und Tüke spann.
5 .
,, Sehr glüklich lebt’ ich sonst mit meinem Loose, Jung, vornehm, reich und schön, und tugendhaft.
Dreizehnter Gesang. z 5 g
Arm bin ich nun , erniedriget und elend,
Und wenn's auf Erden noch was schlimmers giebt. Jedoch, mein Hefr, du sollst die Wurzel sehn, Aus der das Uebel sprosste, das mich quält; Und kannst du auch mir helfen nicht, so ist’s Schon viel für mich, dein Mitleid zu erregen.
' 6 .
„Mein Vater hielt ein Stechen in Bayonne, Es werden, glaub' ich, jezt zwölf Monde seyn. Der Ruf zog zu dem Spiel in unsre Stadt Aus vielen Landen Ritter her. Von allen — (War’s nun, dass Amor mirs so zeigte, oder Dass Tugend stets sich selber offenbart)
Von allen schien allein Zerbin mir riihmenswerth, Der Sohn dgtz grossen Königes von Schottland.
7 -
„Indem ich den Zerbin im Felde Wunder Von Ritterschaft verrichten sah, ward ich In ihn verliebt, und merkt’ es eher nicht,
Bis ich ersah, dass ich nicht mein mehr war. Und immer noch, so übel mir die Liebe Auch mitgespielt, denk’ ich mit Lust daran, Dass ich mein Herz an keinen schlechten, sondern Gewiss den schönsten Ort auf dieser Welt gelegt.
Orlando*
zGo
L.
>, Zerbino war an Schönheit, Muth und Kraft Den andern Herrn bey weitem überlegen.
Er äusserte mir Lieb’, und brannte, glaub’ ich>
■wirklich
Für mich nicht weniger als ich für ihn.
Auch fehlt’ es uns an Weg und Mittel nicht- Einander unsre Gluth uns zu zusichern;
So dass, da sichtbar wir geschieden waren, Wir mit den Seelen doch vereinigt blieben.
9 -
,, Denn nach geendigtem Turnier und Fest Ging mein Zerbin zurük nach Schottland. ■— Wenn du weifst
Was Lieben ist, so weisst du auch, dass ich Sehr traurig war, und immer an ihn dachte. Und sicherlich, das Herz des Prinzen litt Nicht weniger als meins am Liebesbrand.
Er fand, dass sein Verlangen eher nicht Zu stillen sey, bis er mich bei sich habe.
xo.
„Und da verschiedner Glauben es verwehrt, (Indem er Christ, ich Saracenin bin)
Dass er beim Vater sich um mich bewerbe,
Dreizkhntkr G * i a s s. 261
Nahm er sich vor, mich heimlich zu entführen. Nun lag in grünen Feldern ausserhalb Der Stadt, nicht weit vorn Seegestade, mir An einem Fluss ein Park, der rings Die Höhen und das weite Meer beschaute.
n.
„Der Ort schien ihm gelegen, das was uns Religion verbot, ins Werk zu richten.
Er that mir kund, wie er’s geordnet habe,
Um uns ein frölichs Leben zu verschaffen.
Er hatte bei Sankt Marta insgeheim
Ein Schiff mit kriegerischem Volk verstekt,
Befehliget von Odrich von Biskajen,
Der auf dem Land und Meer im Schlage* Meister war.
12 ,
„Da nemlich er nicht selbst erscheinen konnte, Weil eben ihn sein alter Vater zwang,
Nach Frankreich Karin zu Hülfe zu marschieren. So scliikt’ an seiner Statt er Oderich ,
Den er aus seiner treuen Freunde Schaar Als den getreusten sich erlesen hatte.
Und freilich musst’ er dieses seyn, wenn stets Wohlthaten Freunde uns erwerben könnten.
O R L A K D O.
aöa
i3.
,,Der also kam mit einer Kriegsgaleere Zu der bestimmten Zeit mich abzuhohlen, Und so erschien der lang ersehnte Tag,
An dem ich mich im Garten finden liess. Begleitet von sehr wakerm Volk zu Wasser Und Lande, sezt sich Oderich, zur Nacht, Vorn Fluss bei unsrer Stadt ans Ufer aus,
Und kommt so still als möglich zu mir her.
14.
,, Man zog mich hurtig in das schnelle Schiff, Bevor die Stadt vorn Vorfall was vernähme. Von meiner Dienerschaft, die nakt und'wehrlos
war,
Entfloh ein Theil, ein Theil ward umgebracht, Ein andrer noch mit mir gefangen fortgeführt. So trennt’ ich mich von meinem Vaterland, Mit welcher Lust, das lässt sich nicbtbeschreiben, Weil ich mich bald Zerbins zu freuen hoffte.
15.
„Kaum waren über Mongia wir hinaus,
Als links ein Sturm uns überfiel, dar straks Die heitre Luft verdunkelte, das Meer
Dreizehnter, Gesang. 265
Erhob und himmelan das Wasser stürmte.
Ein Nordwest kömmt, und bläst uns in die Queere, < Und wächst von Stund zu Stund, und wächst
und nimfnt
So heftig überhand, dass es nichts hilft,
Den rechten Rahen mit dem linken zu vertauschen.
16.
,,Umsonst zieht man die Segel ein; umsonst Kappt man den Mast, zerstört man das Castell. Wir sehen, uns zu Troz, uns fortgeworfen Nach scharfen Klippen unfern von Rochelle. Wenn Der da über uns nicht hilft, so schleudert Der grause Sturm uns jämmerlich an Strand. Der böse Wind jagt uns geschwinder weg,
Als je ein Pfed sich ab vorn Bogen schnellte.
-7-
„ Odrich sieht die Gefahr, und braucht dagegen Ein Mittel, das nicht immer glükt. Er nahm Das Boot, liess es hinab, und mich und sich Hinein. Zwei andre folgten, und es wären Wer weiss wie viel uns sonst noch nachgefolgt, Wenn es die ersteren verstattet hätten.
Doch diese schlugen sie zurük, durchhieben Das Seil; und so gings mit uns durch die Flutb.
264
O R X, A W B O.
18,
,, Bald sahen wir, die wir in Kahn gestiegen, Uns glüklich auf das Trokene gesezt.
Die Andern gingen mit dem Schiff zu Grund, Und alles Gut ward von dem Meer verschlungen. Ich dankte mit gefaltnen Händen laut Der ew'gen Güt' und grenzenlosen Liebe, Dass mir die wilde See es nicht benahm, Zerbinen wieder von Gesicht zu sehen.
-9-
„ Obgleich viel Kleider mir und Kostbarkeiten Mit dem zerbrochnen Schilf verloren gingen,
So will ich doch, wenn nur die Hoffnung auf
Zerbinen
Mir bleibt, das Andre gern dem Meere lassen. Wir sahen, wo wir landeten, nicht Weg Und Steg, und weit umher kein Obdach, sondern Blos einen Berg, den stets das grüne Haupt Die Winde, und den Fuss die Wogen schlagen.
20.
„ Hier war es nun, wo Amor, der Tyrann, (Der niemahls sein Versprechen hielt, und stets Bedacht ist, wie er jeden löblichen
Dreizehnter Gesang. 2,65
Vorsaz verrüke und zu Schanden mache)
Auf eine schmählich e, grausame Art,
Mir meinen Trost in Leid verwandelte ;
Denn Jener, dem Zerbin so sehr vertraute, Entbrannte von Begier und ward an Treue kalt.
21 .
,, Hatt’ er im Schiff schon mein begehrt, und nur Es mir zu äussern sich gescheuet, oder Kam das Gelüst erst jezt ihn an, da es Die Einsamkeit des Orts begünstigte ;
Genug, er wollte da der wüthenden Begier Die Zügel schlössen lassen, doch zuvor Sich einen von den Zweien, die mit uns Im Boot sich retteten, vorn Halse schaffen.
22.
„ Dies war ein Schotte , Amory genannt, Zerbinen herzlich zugethan , und auch Von ihm mit grossem Ruhm dem Oderich Als ein sehr braver Mann empfohlen worden. „Es wäre doch," sprach Oder ich zu ihm,
Ein Schimpf und Fehl, zu Fuss uns nachRochelle Zu schleppen. Geh deshalb voraus zur Stadt, Und bring ein Pferd, das sich mit Ehren reiten
lässt."
-66
O R L A. K B ©.
* 3 .
„DerSchotte, der dabei nichts Arges dachte, Macht ungesäumt sich auf den Weg zur Stadt, Die, unserm Aug von Berg und Wald verborgen, Zwei Meilen kaum von uns entlegen war. Drauf nimmt sich der Biskajer vor, dem Andern Sein schändliches Verlangen zu entdeken , Theils, weil er ihn nicht zu entfernen weiss, Theils, weil er viel Vertrauen zu ihm hatte.
24.
„ Korsbo von Bilbao nannte sich Der andre Kavalier, von dem ich rede.
Er war mit Oderich Von Kindheit an Zusammen aufgezogen und erwachsen.
Ihm den heillosen Anschlag mitzutheilen ,
Steht izt der Bösewicht nicht an; in Hoffnung, Dass ohne vielen Widerspsuch sein Freund Ihm die begehrte Lust vergönnen werde.
25 .
„Doch dieser, ein sehr edelherz’ger Mann» Vermochte nicht ihn ruhig anzuhören.
Er schalt Verräther ihn, und widerstritt Mit Wort und That so einem Bubenstük.
So wurden sie von Zorn erhi'zt, und gaben
Dreizehnter Gesan«. 267
Davon mit blossem Degen den Beweis.
Beim Ziiken ihres Schwerts floh ich voll Angst Von dannen durch den hohen dunkeln Forst.
26.
„Doch der Biskajer, der im Schlagen Meister
war,
Kam nach sehr wenig Streichen so in Vortheils E)als er für todt Kor eben niederhieb ,
Und meine Spur dann nnverwehrt verfolgte. Ihm lieh (wenn ich nicht irre) Amor , um Sehr bald mich einzuhohlen, seine Flügel, Und lehrt’ ihn viele Schmeichelei’n und Bitten, Um mich dadurch zum Lieben zu bewegen.
27.
„ Allein umsonst; denn fest stand mein Entschluss,
Viel eh’r zu sterben als ihm nachzugeben.
Als er an Bitten, Schmeicheln und an Drohen Sich ganz erschöpft, und alles nichts verschlug, So schritt mit frecher Stirn er zur Gewalt. Vergebens stellt' ich auf den Knie’n ihm vor, Wie grosse Zuversicht Zerbin in ihn Gesezt, und seiner Hand mich anvertrauet habe,
265
O R L X H D ®.
28.
. „Da ich mein Flehn verloren sah, und mir Kein Beistand sonst woher zu hoffen war,
Und er stets gieriger und toller auf
Mich los ging, wie derBär, gebeizt von heifsem
Hunger:
So wehrt' ich heftig mich mit Hand und Fuss, Und brauchte selbst die Nagel und die Zähne, Rupft' ihm sein Kinn, zerkrazt’ ihm seine Haut, Und schrie, dass man’s im Himmel hören konnte.
29.
„War's Zufall, oder war es mein Geschrei, Das meilenweit erschallen musste, oder Pflegt man an Strand zu laufen, wenn ein Schiff Dort scheitert oder sinkt; dem sey nun wie ihm sey, Der Berg bedekt auf einmal sich mit Leuten, Die hin zum Meer und gegen uns sich wandten. ,Wie Oderich sie kommen sah, so liess Er ab vorn Werk, und machte sich davon.
3o.
,, Die Leute, Herr, befreiten mich demnach Von der Gewalt des schändlichen Biskajers; Wiewohl ich, nach dem wohlbekannten Sprichwort,
Dreizehnter Gesang. 269
Vorn Regen eben in die Traufe kam.
Zwar war dabei ich so unglüklich nicht,
Noch Jener Sinn so ruchlos, dass sie sich An mir vergriffen hätten ; aber dies Verblieb aus Tugend nicht, noch gutem Willen*
3i.
„ Sie liessen mich so wie ich bin, als Jungfrau, Blos deshalb, um mich theurer zu verkaufen. Acht Monden ist es schon und einen Tag,
Als ich lebendig hier begraben wurde.
Ach ! auf Zerbinen hoff' ich gar nicht mehr; . Denn wie ich merke, haben sie bereits An einen Kaufmann mich versprochen und verhandelt,
Der mich ins Morgenland zum Sultan bringen
soll."
22 .
So sprach das schöne Kind zum Paladin , Und unterbrach mit Seufzen und mit Schluchz«* Sehr oft ihr englisches Gespräch, das Tiger Und Nattern rühren und erweichen konnte. Derweil sie so ihr Leid erneuert, oder Vielleicht ihr Weh ein wenig lindert, tritt
Orlando.
270
Ein Trupp von zwanzig in die Grotte, theils Mit Spießen in der Hand, und theils mit Hippen-
' 33 .
Her Yord erm ann, ein Kerl mit nnbarmh erzigen Gesicht, hat nur ein Aug und einen dunkeln Und scheelen Blik ; das andre hatt’ ein Hieb, DerNas’ und Kiefer ihm zerschnitt, herausge
schlagen.
Als er beim Eintritt in den Felsengründ Den Ritter bei der Jungfrau sah, so rief Er, hingekehrt zu seinen Leuten: ,, Huh !
Ein frischer Vogel, der sich selbst gefangen!"
34.
Dann sprach er zu dem Grafen: ,,NiemaIs kam Ein Bursche mir bequemer und gelegner Als du! Ich weiss nicht, hast du es von selbst Errathen, oder hat dir’s wer gesagt,
Dass ich schon lang so schöne Waffen suchte Und so ein braun es hübsch es Wamms ! Wahrhaftig, Du hast dich eben recht hier eingestellt,
Um meiner Noth auf einmal abzuhelfen. “
55 .
Orlando warf mit bitterlichem Lächeln Von seinem Siz sich auf, und gab zur Antwort:
Dreizehnter Gesang. 271
„Ich will dieWaffen dir um einen Preis verhandeln, Den nie ein Kaufmann in sein Konto schrieb; " Er griff damit zum Feuer neben ihm ,
Riss einen Brand voll Gluth und Rauch heraus, Schwang ihn und traf den Gaudieb auf die Nase, Wo mit den Brauen sie zusammengrenzt.
36/
Der Feuerbrand versengt ihm beide Wimper, Jedoch, den grössten Schaden füget er Der linken zu ; so dass elendiglich der Theil Verloren ging, der ihn allein mitlacht bediente. Und ihn zu blinden war dem grausen Schlag Noch nicht genug ; er reiht ihn überdies Den Geistern ein, die Charon, wie ihr wisst, Bis an den Hals in siedende Pfuhle steht.
S 7-
Nun fand sich in der Höhl' ein schwerer Tisch, Ein grosses Vierek, und zwei Spannen dik , Auf einem groben schlecht polierten Fuss,
An den auf dreissig Mann sich sezen konnten, Orlando schleuderl, leicht wie man das Rohr Von dem gelenken Spanier werfen sieht,
Den plumpen Tisch dahin, wo dicht zusammen Gedrängt das räubrische Gesindel stand.
Orlando.
38.
Und sieh! Dem wird der Kopf, das Brustbein
dem
Zerschellt, und dem die Fuss’, und dem die Arme' Todt liegt der eine da, der andere verstümmelt, Und wer am besten fuhr, der macht sich auf
die Fersen.
So morsest und zerschmettert und zerquetscht Ein Felsenstük die Seiten, Bauch’ und Köpfe, Geworfen auf ein grosses Schlangenvolk,
Das an der Sonne sich im Frühling glättet,
3g.
Da siehet man wer weiss wie viele Fälle; Eins stirbt, eins tummelt ohne Schwanz hinweg; Ein anders kann von vorn sich nicht bewegen, Und dreht und schlingt vergebens sich von hinten. Ein anders, dem der Himmel gniid’ger war, Zischt fort im Gras und kömmt an Ort und Stelle.— Der Wurf war schreklich, doch nicht wunderbar, Weil ihn der Paladin Orlando that.
40.
Die, so. der Tisch am wenigsten verlezt,
(Und wie Turpin erzählt, so waren’s ihrer sieben
Dreizehnter Gesang. 278
Empfahlen flugs dem schnellen Fuss ihr Heil, Allein Orlando wirft sich vor den Ausgang, Nimmt ohne Widerspruch sie bei der Gurgel, Und bindet dann die Hände ihnen fest Mit einem Strik, der just zu seinen Diensten Sich in der wilden Mördergrubp fand*
4 1 *
Er schleppt sie drauf hinaus ins Freie , wd Ein alter Elsbeerbaum viel Schatten machte. Orlando kürzt die Aeste mit dem Schwert; Und hängt die Diebe dran zur Speise für die Raben* Ihm waren Ketten nicht mit Haken Noth ;
Der Elsbeerbaum lieh, um von dieser Pest Die Welt zu säubern, ihm gekrümmte Zaken, Auf die der Graf mit ihrem Kann sie hakte*
42.
Das alte Weib, der Räuber Freundin, floh, Als diese sammt und sonders ausgetilgt,
Mit Heulen und die Haare sich zerraufend, Hinweg durch Wald und busch'ge, Labyrinthe. Nach rauhen und sehr unbequemen Wegen Kam sie, von Furcht gejagt, mit schwerem Schritt Orlando II. B. i§
274 ö R L A W D O.
Zu einem Fluss, an dem sie einen Ritter And; Doch, wer es war, das will ich noch nicht sagen.
43 .
Ich wende zu der Jungfrau mich. Sie fleht Den Paladin, sie nicht allein zu lassen ,
Und schwört, sie sey bereit, ihm überall zu folgen. Der Ritter tröstet sie mit höflicher Gebehrde; Und als hierauf, geschmstkt mit Rosenkränzen Und purpurnemGewand, die schimmerndeAurora Empor zu dem gewohnten Pfade stieg t Ritt Graf Orlando fort mit Tabellen.
44 ' #
Sie reisten manchen Tag beisammen,'ohne Was anzutreffen, das erzählungswürdig wäre. Zulezt begegneten sie einem Ritter,
Den man gelängen führte. Wer es war,
Will ich zu seiner Zeit euch melden. Jezo lenkt Mich jemand ab, von dem ihr ohne Zweifel Sehr gerne hört; — die Tochter Herzog Aymons, Die oben ich im Liebesweh verliess.
\)
45 .
Die schöne Dame weilt, umsonst verlangend Dass ihr Geliebter zu ihr wiederkehre,
D a i n t h s i m Gesang, 27S
Noch in Marseille, wo fast jeden Tag
Sie viel dem Heidenvolk zu Schaffen machte,
Das in Provence und in Languedok
Auf Berg und Plan umher sieh raubend jagte*
Das Fräulein hielt gewiss dabei sich als
Ein kluger Fürst und wakrer General,
46 -
Sehr lange war bereits die Zeit verstrichen. Wo den Ruggier sie wiedersehen sollte;
Und da der Ritter immer noch nicht kam,
So war sie seinethalb in tausend Sorgen. Indem sie eines Tages einsam sich Darüber grämt und härmt, erscheint ihr plözlicil Die weise Frau, die mit dem Wunderring Das Herz, verwundet von Alcinert , heilte,
4 7 - *
Wie Bradämahte nach so langer Zeit Sie ohne den Ersehnten kommen sieht, Erschrikt sie und erblasst und zittert dergestalt^ Dass sie kaum aufrecht sich erhalten konnte. Allein die gute Zauberin geht lächelnd,
Da sie die Furcht bemerkt, zur Iungfrau hin, Und spricht ihr zu mit freudigern Gesicht, Wie der zu haben pflegt, der gute Zeitung bringt.
2/6
O Ä L A äs, D O,
- 48.'
„ Sey gutes Muths," so sagte sie, „o Fräulein! Denn dein Geliebter lebt, ist wohl, undbetet dich Wie immer an; nur ist er noch nicht frei; Dein Feind hält ihn schon wieder wo gefangen. Wenn du daher ihn haben willst, so steig Zu Pferd, und folge mir ohn' allen Aufenthalt. Ich will dir zeigen, wie durch deine Hand Ruggicr sehr bald befreiet werden kann/'
49*
Sie legt ihr drauf umständlichen Bericht Vorn neuen Zauberstük Atlantes ab:
Wie er durch eine Truggestalt, die ihr Von Änsehn glich und überwältigt schien Von einem Riesen, den Ruggier ins Schloss Gezogen, wo dann alles ihm verschwand;
Und wie auf gleiche Art er Frau'n und Ritter Dahin geführt und dort bezaubert halte.
5o,
„Ein jeder glaubt beim Anblik des Atlant Das zu erbliken, was sein Herz begehrt,
Frau, Jungfrau, Knappe*Freund,'Gefährte; denn Die Menschen wollen überall nicht Eins.
•Dreizehnter Gesang. 277
Dram suchen sie den Pallast durch und durch. Mit vieler Müh und ohne alle Frucht,
Und immer so voll Hoffnung und Verlangen Des Wiederlindens, dass sie nicht von dannen
mögen. .
5i.
,, Hast du, so fuhr Melissa fort, dem Schloss Bis ungefähr ein Stündchen dich genähert,
So wird der Zauberer in Weg dir" kommen, Ruggieren gleich an Rüstung und Gestalt,
t *
Und dir’s durch seine Kunst so scheinen machen^ Als wenn ein Stärkerer ihn überwinde;
Auf dass, wenn du ihm helfen willst, er dich Dahin, wo er die Andern hat, verloke.
5a.
„Damit das Blendwerk nun, das schon so viele Befangen hat, an dir sein Ziel verfehle,
So glaube dem, der dich zu Hülfe ruft,'
Und mag er noch so se\u„Ruggieren , gleichen, Bei,Leibe nicht; verkürze ihm vielmehr Sogleich mit deinem Schwert sein schmählich«
Leben,
Ö R t A N B «.
L7K
Und furchte dabefnkht, dass dein Geliebter sterbe; Dein Feind nur stirbt, der dir so vielen Kummer
macht.
53 .
„Zwar seh’ ich wohl, es wird sehr hart dir fallen, Den, der Ruggier leibhaftig scheint, zu todten; Doch, traue nicht dem Auge, das der Zauber Blödsichtig für das Wahre macht und blind, Befest’ge dein Gemüth, eh du mir folgst, Damit es drauf nicht wank’ und sich verkehre. Denn immer bleibt Ruggiero dir versagt, Wenn du den Magier aus Schwachheit leben
lässest. “
54 .
Die wahre Jungfrau macht sofort sich auf. Entschlossen den Betrüger umzubringen, Bewaffnet sich, besteigt ihr Hofs, und folgt Mit scb'uld’ger Zuversicht Melissen, die,
In grossen Tagereisen, eilig sie Bald über Feld und bald durch Waldung führt, Und stets besorgt ist, mit gefälligem Gespräch Den mühevollen Weg ihr zu erleichtern.
Dreizehnter Gesang. 273
55 .
Insonders wiederhohlt sie ihr die schöne Erzählung von den hocherhabnen Fürsten Und glänzenden Heroen, die der Himmel Von ihr und dem Ruggier entspringen lassen ,
wolle.
Denn da Melissen die Geheimnisse Der ew’gen Götter all’ enthüllet waren,
So kpnnte sie von allen Dingen sprechen,
Die nach Jahrhunderten erst kommen sollten,
56 .
„Ei, werthe Führerin," sprach Rradamante t Die Herrliche, zur weisen Seherin,
„ Du hast von meiner schönen männlichen Nachkommenschaft vorlängst mich schon belehrt. Erfreue nun mich bald mit einer Frau •Von meinem Stamm, falls eine ihm entspriesst, Die schön und tugendhaft zu nennen ist !" iWorauf Melissa freundlich ihr erwiedert;
„Ich sehe zücht’ge Frau’n von dir entspries;* seit, Mütter
Von Kaisern und von grossen Königen; Herstflicrinnen, dauerhafte Säulen
Orlando.
280
Erlauchter Häuser, hoher Herrlichkeiten,
Des höchsten Preises werth in ihren Röken Nicht minder als im Waffenschmuk die Männer; Fromm, von erhabnem Herzen, grosser Klugheit Und unvergleichlicher Enthaltsamkeit,
58 .
,, Wenn ich von -jeder dir erzählen wollte, Die dein Geschlecht verschönern wird und ehren, Sq käm’ ich nie zu Ende ; denn ich sehe,
Ich kann mitRecht auch nicht von Einer schweigen. Allein ich werde dir von tausend nur ein paar Erlesen, blos um dich zu lang nicht aufzuhalten. Warum hast du mir in der Höhle nichts Gesagt? Da hältst du .sie im Bildauchsehen können,
69-
„Aus deinem hohen Stamm wird Sie erwachsen, Ruhmvoller That und schönen Künsten hold, Ich weiss nicht, soll ich reizender und schöner Sie nennen, oder züchtiger und weiser?
Sie, die großmüthige, glorreiche Isabelle ,
Die Tag und Nacht mit ihrem schönen Licht Die Stadt bestrahlen wird, die, von demMincio Berpült, nach Okno’s Mutter sich benennt;
Dreizehntür Gesang. 281
„Wo sie mit ihrem würdigsten Gemahl,
Der höchlichst sie verehrt und liebt, und bestens Der Huld und Freundlichkeit die Thore öffnet, An Tugend und Fürtreflichkeit wetteifert. Wenn einer sagt, dass er durch Heldenmuth Italien von den Galliern befreit,
So wird ein andrer sagen, dass durch Keuschheit Penelope an llulim Ulisseit gleich sich machte,
61,
„Viel fass' ich dir mit wenigem zusammen, Von dieser Frau, und lasse mehr noch aus, Das damals, als ich mich vorn Haufen schied, Merlin im hohlen Stein mir offenbarte.
Wenn ich dies grosse Meer besegeln wollte, So musst ich weit den Tifys überschiffen.
Mit Einem Wort, was Himmel nur und Tugend An Gutem haben, wird zu Theil Ihr werden,
62,
„Sie freut als Schwester Beatrice’s sich.
Die mit der That den schönen Namen führt; Denn nicht nur wird sie alles Glük, so viel Hier unten schmekbar ist, ihr Lebenlang gemessen; t Vor allen reichen Herrn auf dieser Welt
Orlando.
zSe.
Wird sie auch iheen Ehgemahl beglüken,
Der, so wie sie von hinnen scheidet, auch Hinab in tiefes Unglük fallen wird.
63 .
„ So lang sie lebt, wird Sforza. Moro werden Die Viskonteischen Schlangen furchtbar seyn, /Vorn Nordenschnee bis zu den rothen Fluthen, Vorn Indus bis zum Ausfluss deines Meers. Sobald sie stirbt mit den Insubriern ,
Zum Unheil ganz Italiensins Joch
Sich beugen; und wer sieh durch grosse Klugheit
Sodann erhält, der hat von Glük zu sagen.
64.
„ Noch andere, die lange Zeit vor ihr Geboren, werden sich mit ihrem Namen nennen ; Von welchen eine auf ihr heilig Haar Panoniens reiche Krone sezen wird.
Und eine andre noch, nachdem die Erdenlast Sie abgelegt, wird in Ausonien Der Scbaar der Göttlichen hinzugesellt, Gelobter Bilder sich und Rauchwerks freuen.
65 .
„Von Andern schweig’ ich still, denn,wie gesagt, Es wäre lang, von allen was zu melden;
D n f. i z * « t? t k r Gesang. 2 83
Ob jede gleich gerechten Anspruch hat.
Dass die heroische Drommet’ ihr töne.
Die Blanken , die Lukrezien, die Konstanzen , Und andre mehr behalte ich im Sinn.
Wiewohl sie allesammt Erneuerinnen Und Mütter sind von herrschenden Familien. 66 .
„Dein Haus wird mehr als alle, so viel je Gewesen sind, an Damen glüklich seyn ;
Und zwar nicht blos an seinen Töchtern, sondern Auch an denGattinnep, die eingeführt ihm werden. Da Merlin mich von diesen minder nicht Als von den Andern unterrichtet hat, (Vermuthlich deinethalb insonderheit)
So will ich hiervon auch dir etwas sagen.
67.
„ Ricciarda nenn ich dir zuerst, ein Muster jVoii Sittsamkeit und grosser Seelenkiaft.
Sie wird verwittwet, jung, von dem Geschik Befeindet, (was den Guten oft begegnet)
Und sieht vorn Vaterreieh verbannt die Söhne Allein herum in fremden Ländern ziehn,
Den Feinden ausgesezt in früher Jugend; Doch endlich wird ihr Leid vollkommen ihr
Vergütet.
O R L A K J» O.
*84
68 . .
„Verschweigen darf ich nicht die hohe Fürstin Vorn alten Stamm der Arragonier.
Nicht Griechenlands noch Latiums Geschichte Rühmt einer Dame sich, so ehrbar und verständig, Noch einer, der das Glük so günstig war ; Indem die Huld des Himmels sie ersehn,
Zur Mutter der vortreflichen Geschwister ,
1 'jälfons und Hippolyt und Isabelle.
69 -
,,Lenora ist’s, die Würd'ge, die deinem Beglükten Stammbaum ein sich impfen wird. .Was soll ich dir von ihrer zweiten Schnur Und nächsten Folgerin im Reich erzählen,
Von der Lukrezia Borgia ? deren Schönheit Und Tugend, Ehrenruf und gutes Glük Von Stund zu Stunde wachsen wird, nicht minder Als wie die junge Pflanz’ im mürben Erdreich.
70,
„Was Zinn zu Silber ist, zu Golde Kupfer, •Der wilde Mohn im Feld zur Gartenrose,
D er blasseWeidenbaum zum immergrünenLorber, Zu feinem Edelstein gefärbtes Glas ,
Das werden alle Frau’n, die bis auf ihren Tag
Dreizehnter Gesang. 2 85
Gepriesen wurden, zur Lukrezia seyn;
Zu Ihr, an Reiz und Geist ganz ohne gleichen, Und allen anderen Vollkommenheiten.
7 1 -
„Jedoch, vor allen anderen Verdiensten, Die man ihr jemals zuerkennet, wird Man’s rühmen, dass mit königlichen Sitten Sie Herkules und ihre andern Kinder,
Begabt, und den so reichen Schaz gegründet, Mit dem sie sich im Krieg und Frieden schmukea
werden.
Denn der Geruch, der in ein neu Gefäls,
Gut oder schlecht sich legt, geht nicht so bald
verloren.
72.
,, Auch bleibt mit nichten ihre Schnur, Renate Hon Frankreich , von mir ungenennet; Sie, Die von Bretagne's ew'ger Glorie Dem zwölften Ludewig geboren wird.
So viele Tugenden je Frau’n zierten,
Seitdem das Feuer brennt, das Wasser näßt,' Der Himmel kreist, seh ich in einen Kranz Zum Schmuk Renaten* sich zusammenschlinges.
286
Orlando.
73 -
,, Soll ich von I Adelheit von Sachsen dir Noch sagen, von der Gräfin von Celano, Blanko. Maria von Katalonien,
Von Karls, des Königs von Sicilien, Tochter, Und von der schönen Lippa von Bologna, Und andern mehr ? — Wenn aller dieser Lob Ich dir verkünden wollte, so geriethe Ich in ein hohes Meer, das keine Ufer hat. "
74 -
Nachdem Melissa Bradamante's Herz Durch diese Reden hoch erfreuet hatte, Erzählte sie ihr wieder den Betrug,
Der dem lhiggier gespielet war; und als .Sie beide drauf dem Ballast des Allante Auf eine Weile sich genähert, stand Melissa still, und wollte mit der Jungfrau Nicht weiter gehn, damit der Zauberer sie
nicht sehe.
7 5 -
Sie wiederhoblt der Jungfrau noch einmal Was sie ihr tausend Mahle schon gesagt,
Und wünscht sodann ihr wohl zu leben.
Bradamante
Dreizehnter G esang. 2Ö7
War tausendSchritte nicht auf engemPfad geritten, AIs ihr der Negromant, Ruggioren gleich, Erschien, bekämpf t von zwei sehr starken Riesen, Die ihm bereits so heftig zugesezt,
Dass er an dem war, todt sich hinzustreken,
76 .
Sobald die Jungfrau den vermeintlichen Ruggier o in so grosser NolIi erblikte Verwandelte sogleich in Argwohn sich ihr Glaube, Ihr schöner Vorsaz ward sogleich vergessen.
Sie glaubt, Melissa hasse den Ruggier ,
Wer weiss wodurch beleidigt und erzürnt,
Und suche ihn, auf unerhörte Weise,
Durch sie, die ihn so herzlich liebt, zu tödten 2
77 -
„Ist Der da nicht Ruggier , (sprach sie bei sich) Den ich im Herzen stets, und jezt mit Augen
sehe ?
Wenn ihn ich jezt nicht sehe und erkenne, Wen soll ich je dann sehen und erkennen ? Was soll ich blos auf eines Andern Wort,
Das was ich sehe nicht zu sehen glauben ? Selbst ohne Augen, durch das Herz allein Erfühlt sich's schon, ob er mir fern ist oder nah/*
Ö a l a s i) ü,
aöü;
78.
Derweil sie also denkt, hört sie die Stimme, Ruggierds, wie ihr’s dünkt, um Hülfe rufen, Und siehti sogleich sein Pferd in grosser Hast Ihn spornen und die Zügel ihm verhängen, Indem das fürchterliche Schlägerpaar In vollem Lauf ihm folgt und auf ihn jagt. Die Jungfrau sezt den Priesen rastlos nach ,
Bis sie zum Zauberschloss gekommen ist.
79 -
Sie rennt ins Thor hinein, und sieht alsbald In allgemeinen Irrthum sich verfallen.
Sie sucht Riiggiern den ganzen Pallast durch, Hinauf hinab, hinaus hinein, und ruht Bei Tage nicht und Nacht; so kräftig war Der Zauber. Immer sieht sie, durch das Spiel * Adants, Riiggiern, und spricht mit ihm; allein Nie kennt Ruggiero sie, noch sie Ruggieren.
80.
Doch, Bradamante mag im Schlosse bleiben! Und lasst euch das nur nicht verdrießen ; denn Ich werde schon, wenn’s Zeit ist, sie heraus, Zubringen wissen, und Ruggiern nicht minder. Wie dem Geschmak der Speisewechsel reizt,
Dreizehnter Gesang. 289
So, (Jaucht’ mich, werden meine Verse auch, Wenn sie von diesem bald, und bald von dem
erzählen,
Sich nicht so bald dem, der sie liest, verleiden.
81.
Viel Fäden scheinen mir erforderlich *
Für ein so grosses Zeug, als ich euch webe. Auf denn, und hört gefälligst jezt von mir, Wie aus dem Lager sich das Heer der Moren Bewaffnet vor den Agramante stellt,
Der es, die goldnen Lilien bedrohend,
Zu neuer Musterung sich versammlet! lässt,
Um zu ersehn, wie stark es sey an Kriegern.
82,
Denn ausser vielem Volk zu Fuss und Pferde, Das sich zuvor in seinem Heer befand,
Verlor er mehr als Einen Hauptmann auch Von Spanien, Libyen und Aethiopien ;
So dass er ohne'Führer hier und dort Manch Volk und manch Geschwader irren sah. Um diesen Haupt und Ordnung zu ertheilen, Rief Agramant sein ganzes Heer zusammen. Orlando II, B.
-9
290 Orlando. Dreizehnter Gesang.
83 .
Und zum Ersaz der Haufen, die in Schlacht Und blutigem Gefecht geblieben waren,
^ Schikt’ er nach Spanien und Afrika zwei Herrn, Um frische Truppen ihm herbei zu holden , Schaart’ alle dann nach Nazionen ab,
Und übergiebt sie ihren Generalen.
Die Ordnung und die Heeresschau will ich Mir für den anderen Gesang versparen.
ANMERKUNGEN.
291
„Ariosto nahm die Erzählung von Isabelta und Zerhino, ohne alle Veränderung , aus dem Heinrich , einem Erzählungsmacher im Dienst Kais’er Heinrichs des 4ten “ — sagt Lavezuola in seinen Anmerkungen. Ich bin nicht so glüklich gewesen, von jenem Heinrich und seinen Erzählungen nähere Nachricht zu linden. Aber mag er immer gelebt und favol- leggiert, und Lavezuola seine Favole gekannt und gelesen, und eine von ihnen mit der Erzählung unsers Dichters verglichen haben; ich bin dennoch gewiss, dass Ariost sie nicht „ohne alle Veränderung " kopierte, weil dieses nicht möglich war , indem sie für einen Plaz im Orlando besondern Personen und Umständen angepafst werden musste, und übrigens Ariost sie nicht, ohne sie mit seinem Geist zu beleben , wiedergeben konnte.
Stanze 3g. V. 5.
Im Original: Un’ altra, ch’ebbe piü propizi Santi.
Das Wort Santi ist hier mehrern italienischen Kunstrichtern ein Stein des Anstosses gewesen. Wie konnte Ariost doch sagen," sprach eines Tages Doktor Ottavio Godi da Cervia zu Tommaso Porcacchi, „dass den Schlangen, diesen bösen, uns Menschen höchst feindseligen Thieren, die Heiligen , die immer von Gott unser Bestes erbitten, günstig waren?" —
292
Porcacchi geileth über diese Frage in keine geringe Verlegenheit; aber endlich half seine Gelehrsamkeit ihm und dem Ariost aus der Noth. Er erinnerte sich , dass auch die heidnischen Gottheiten heilig genannt wurden, und erklärte demnach, dass Ariost unter den, den Schlangen günstigen Heiligen , ohne allen Zweifel die bösen Dämonen der alten Fabellehre verstanden wissen wollte; welcher Meinung der Doktor Ottavio Godi, ,, ein sehr scharfsinniger , feiner und fürtreflicher Herr, die vorher Balzotteti Gehorcht, befehliget izt Rodomont ,
Der König von Algier, der neues Volk Zu Fuss und Rols von Sarza hergehohlt;
Denn weil die Sonne unter’m neblichten
r
Vierzehnter Gesang. Sog
Centauren und den starren Hörnern sich Verbarg, schikt' Agramant ihn nach Algier, Von wannen er erst gestern wiederkehrte,
26.
Im ganzen Heer der Afrikaner war Kein Mann so stark und kühn wie Rodomont , Auch fürchteten die Thore von Paris,
Und zwar mit gutem Grund, sich vor ihm mehr Als vor dem Agramant und vor Marsiln , Und dem gesammten Hof, der sie umgab. Zudem war keiner von den Saracenen Dem Christenglauben, so wie er von Herzen gram.
27.
Der König von Alvratti, Prusso, folgt ,
Und Dardinell, der König von Zumara.
Ich weiss nicht, war von Käuzen, Krähen, oder Von anderm Unglüksvogel, der von Dach Und Baum herab zukünftiges Uebel krächzt, Den beiden Königen vorhergesagt ,
Dass ihnen auf den andern Tag im Himmel Die Todesstunde angesezet sey.
28.
Jezt fehlte niemand in dem Felde mehr Als die von Tremisen und von Norizien,
> ,
Orlando.
3 10
Von denen man kein Zeichen irgendwo Gewahrt, und keine Nachricht auch vernimmt; Zum Wunder Agramaiits, der nicht begriff, Was er von ihrer Trägheit denken sollte. Zulezt jedoch erschien ein Tremisener Knapp, Und meldete was vorgefallen war.
29 -
Er meldet, wie Alzird und Manilard Mit ihrem meisten Volk im Felde lägen.
,, Herr, (fuhr er fort) der Schampion, der uns Erschlug, erschlüge dir dein ganzes Heer, Wenn’s minder schnell sich auf die Fersen machte Als ich, der so ich kaum mit heiler Haut entkam. Er geht mit Reisigen und Fussvolk um ,
Nicht anders als mit Ziegen und mit Hammeln.
- 3o.
Vor wenig Tagen hatt' im Feld des Königs Von Afrika ein Herr sich eingefunden ,
Dem in dem Morgenland und Abendland Kein Mann an Leibeskraft und Kühnheit glich ; Und Agramant erwies ihm viele Ehre ,
Weil er der Sohn und Erbe Agrikans ,
Des schi cklichen Tatarenkaisers, war.
Er nannte sich der wilde Mandrikard.
V i i k z i « * f ? b Gr.sAsrc.5ii
3 t.
Viel grosser Dinge that er schon, auch war Die ganze Welt von seinem Namen voll.
Allein um nichts pries man ihn mehr als darum, Dass er im Feenschloss in Syrien Die strahlende Rüstung, die vor mehr als tausend Jahren
llektor von Troja trug , erobert hatte,
In einem Abenteuer so fürchterlich
Dass man’s nicht ohne Grau’n erzählen könnte,
32 ,
Indem nun Mandrikard denTremisaner hörte, Warf er sein kühnes Angesicht empor,
Mit dem Entschluß gleich fortzuziehn, um sich Mit einem Krieger solches Schlags zu messen. Er sagt indessen nicht was er gedenkt,
Sey’s, weil er niemand achtet, oder weil Er fürchtet, dass, wenn er den Vorsaz offenbare, Ein andrer ihm vorweg das Abenteuer nehme,
33.
Er fragt den Knappen blos, in welcher Farbe Der Mann, von dem die Rede sey, erscheine; Und hört von ihm, sein Waffenrok sey schwarz, Schwarz sey sein Schild und ohne Busch scinHelm:
Orlando.
Siz
Und wie er sagte, also war’s, indem Der Ilerr von Jirava so verkleidet ging, Weil, wie er im Gemüth voll Trauer war,
Er so auch äusserlich erscheinen, wollte;
54 -
Nun hatte Manclrikard , von dem Marsil Geschenkt, ein Streitross, braun von Haar, und
schwarz
An Füssen, Mähn’ und Schwanz, von einer Friesin Geboren und von einem Spanier.
Auf dieses springt bewaffnet der Tatar,
Und galoppiert hinfort von Feld zu Feld,
Und schwört, nicht eher Feiertag zu halten, Eis er den schwarzen Ritters mann gefunden,
35 .
Er stiess auf manchen von dem armen Volk, Das vor Orlando’'s Schwert die Flucht genommen, Den Bruder dieser, jener seinen Sohn Bejammernd, den der Graf vor seinen Augen Daniederhieb. Noch zitterte ihr Weh Und ihre Feigheit ihnen im Gesicht;
Noch liefen sie von der gehabten Angst .Todtbleich dahin, und stumm, und ganz von
Sinnen.
VmzE unter Gesang. 3t3
56.
Nach kurzem Wege stellt sich ihm eis grausames ,
Unmenschlichs Schauspiel dar, das nur zu sehr Die That bezeugte, die der Tremisaner Voran Agramant erzählte. Mandrikard Beschauet und bewegt, izt hier izt dort,dieLeichen, Und misst die Wunden mit der Hand, und fühlt Sein Herz genagt von ungewohntem Neid Zu dem, der so viel Volk erschlagen hatte.
3 7 <
Dem Wolfe gleich, wenn er zum Ochsen kömmt, Den man gehäutet in die Grube warf, '
Und Horn und Bein und Huf nur findet, da
am andern
Sich Vogel schon und Hunde satt gefressen; Er sieht umsonst den Schädel an utid heult: Ihm gleich betrug sich der Barbar ; er flucht Vor Aerger und vor grenzenlosem Neid ,
Dass er zu spät zu solchem Schmaus gekommen,
•38.
Er sucht und fragt hierauf bis an den andern
Mittag
Dem schwarzen Ritter nach. Auf einmal zeigt
3x4
O R l a n n #.
Sich ihm ein Wiesengrund voll kühler Schatten, Der sich mit tiefem Fluss bekränzt, so dass Ein Pläzgen kaum geöffnet blieb, wo sich Die Fluthen ab in andrer Richtung winden.
So einen Ort umgiebt hei Otrikoli Der Tyberstroxn mit kreisendem Gewässer.
3 9 .
Den engen Pafs der Wiese hält, bewaffnet Von Haupt zu Fuss, ein Rittertrupp besezt. Der Heide fragt, von wem und zu was Ende Sie da so dicht zuhauf gestehet sind;
Worauf der Hauptmann ihm versezt, — bewogen Vorn herrischen Ansehn und vorn reichen Zeug Mit Gold verbrämt und schwer voll Fidelsteine, Die einen Mann von hohem Stand verriethen:
40.
„Von unserm König von Granada, Herr, Sind wir bestellt, zum Schirm für seine Tochter, Die kürzlich mit dem König von Algier Vermählet ist, obgleich noch nichts davon
verlautet.
Wenn um die Abendzeit die Grille schweigt, Die man allein izt hört, so bringen wir
Vierzehnter Gesang. 3i5
Ins spanische Lager sie zu ihrem Vater hin;
Sie macht derweil im Grünen da ein Schleichen."
4-W
Dem Mandrikardo, der nach aller Welt Nichts fragt, kömmt gleich die Lust, zu sehen, ob Das liittervolk, in deren Hut die Dame Gegeben ist, sie gut vertheidigen werde.
Er spricht: „Sieist, so viel man hört, recht hübsch. Ich will sie sehn; führt mich 'mal zu ihr , oder Höhlt sie mir her ! Doch macht geschwinde! denn Ich habe Eil und muls gleich weiter reiten."
4a.
„Du musst' ein Narr vorn ersten Range seyn!" Erwiedert höhnisch ihm der Granadiner.
Doch der Tatar rennt mit gesenktem Speer Gleich auf ihn los, durchbort ihm seine Brust, (Denn wie von Teig schien bei dem Stoss sein
KÜrass)
Und schmeisst ihn todt vorn Sattel ab ins Gras. Drauf zieht er seinen Speer zurük, indem Er weiter nichts zum Schlagen bei sich hat.
43.
Erbat nicht Schwert no chKeuIe, weil im S chlols, Wo er die Waffen Hektars sich erstritt,
5x6
Orlando,
Woran kein Stük ab blos der Degen fehlte, Er schwur, (und zwar nicht für die Langeweile) Nie seine Hand mit etwas zu bewaffnen , Wenn nicht mit Durindanen, diesem Schwert, Das sonst Trojano's Bruder trug, und jczt Orlando führt, und ehmals Hektor schwang.
44.
Gross ist die Kühnheit Mandrikards, der so Mit Nachtheil sich dem Volk zum Kampfe beut. Er ruft: „Wer mag die Strasse mir verwehren ?" Und wirft sich mitten in den Ritterschwarm. Der senkt den Speer, der reifst den Pallasch aus ; In einem Nu hat man ihn rings umzingelt. Schon lag ein Rudel todt dahingestrekt,
Als ihm sein Spiels noch unzerbrochen war,
45.
Und als erbrach, fälst er den schwersten Stumpf, Der heil ihm blieb, mit beiden Handen auf, Und droscht damit so vieles Volk zu Tode, Dass es ein Gran’n und grosser Jammer war, Wie der hebrä’sche Simson mit dem Kiefer Des Esels unter dem Filistervolk,
So bricht er Schild, zertrümmert Helm, und fällt Mit Einem Schlag oft Mann und Ross au Boden.
y I £ K Z E H N T E R G £ S * ä (i. 5l/
46 .
Man rennt zum Tode in die Wett*, und keiner Lässt, weil der andre fällt, vorn Laufen ab.
i
Denn weit empfindlicher als selbst der Tod Dünkt sie die Todesart. Unleidlich ist Es ihnen , dass ein Lanzensplitter sie So um ihr liebes Leben bringen solle ;
Indess die Armen unter dem Geklopf
Wie Frosch’ und Ottern hier und da verreken;
47 -
Doch als auf ihre Kosten sie gelernt Wie da auf keine Art gut sterben wäre,
Indem iw'ei Drittel schon zerschmettert lagen, So warfen sich die Andern in die Flucht.< Allein der Wüthrich will nicht leiden, just Als wenn man durch mit seiner Habe ginge, Dass einer von dem angst und bangen Volk Mit seinem Leben sich von dannen mache.
48 -
Wie in dem troknen Sümpf sich pfeifend Rohr* Verdorrte Stoppel im Gefilde sich Vor’m Nordenwind vertheidigt und vor’m Feuer> (Die klug der Akermann zusammenpaart)
Orlando.
3-L
Indem die Flamme lüstern um sich lekt,
Und durch die Furchen läuft-, und zischt und
knistert;
So gut vertheidigten auch Jene sich
Vor dem von Wuth entflammten Mandrikard.
49-
Da der Tatar den Eingang, der so schlecht Verwehret ward, izt ohne Wache sieht,
Folgt er der frischen Spur im Grase nach , Wie auch dem Wehgeklag, das ihm ertönt, Zur Dame von Granada, um zu sehn ,
Ob ihre Schönheit ihren Preis verdiene.
Er reilet durch die todten Körper hin,
Da wo des Flusses Bug’ ihm Thorweg giebt.
5o.
Und siehe! mitten auf der Wies’ erscheint Ilun .Doralice (so hiess die Prinzessin).
Sie stand am Fuss von einem Esclienbaum Gelehnt und jammerte, und Thränen rannen, Gleich einem Bach, der aus lebend’ger Ader Entquillt, herab ihr in den schönen Busen.
In ihrem feinen, lieblichen Gesicht Vermischte Mitleid sich mit Furcht und Schreiten.
I
Vierzehnter Gesang. Siy
5i.
Ihr Schreken wuchs, da sie in Blut gebadet Und wilden Bliks den Ritter kommen sah.
Sie schrie so laut, dass weit der Himmel hallte, Aus Angst für sich und ihren Hof; denn ausser Der Ritterschaft am Eingang, fanden sich Noch viele da zu Diensten der Infantin, Bejahrte Herrn, und viele Frau’n und Fräulein, Und zwar die schönsten, die Granada hatte.
5a.
Als Mandrikard ihr schönes Angesicht Erblikt, das wirklich unvergleichlich war,
Und selbst im Weinen (was im Lächeln erst ?.) Ein Liebesnez, ganz undurchschlüpflich, stellte, Glaubt er im Paradies zu seyn, und hat Von seinem Sieg nicht anderen Gewinn,
Als dass er der Gefangenen , er weiss Nicht wie, sich zum Gefangnen überliefert.
53.
Er hat jedoch darum nicht Lust, die Frucht ,Von seiner Müh und Arbeit ihr zu ‘schenken; Obgleich sie heftiger als je ein schönes Kind Auf Erden, schluchzt und ächzt und schier vor
Gram vergeht.
5ao
O Ii L A N li O.i'j
Er hofft gar bald ihr Leid in Lust zu wandeln, Sezt ohne weiteres sie auf ein graues Pferd, Und kehrt mit ihr zu seinem Weg zurük»
54 .
Frau’n, Fräulein, alte Herrn, und was für Volk Sonst von Granada mit ihr kam, entliefe Er allesamt sehr huldreich mit den Worten: „Sie soll an mir allein genug Gesellschaft haben; Ich will ihr Marschal, Vogt und Diener seyn In aller ihrer Noth. Hiermit ade, Geleit!“ Und diese , da sie dem nicht wehren konnten, Entfernten sich mit Seufzen und mit Weinen.
55 .
Und sprachen unter sich : „ Wie trostlos wird Ihr Vater seyn , wenn er das Unglük hört! Wie wird voi«Zorn und Schmerz ihr Gatte toben, Und o! wie gräfelich die Gewaltthat rächen! Ach ! warum kömmt er doch nicht augenbliks Hieher, um Dem da das erlauchte Blut Des Königs Nordilan bei Zeiten abzujagen>
Eh es der Bösewicht zu weit entführt!"
56 .
Vergnügt mit dem Gewinn, den er dem Glük Und seiner ^Tapferkeit verdankt, hat Mandrikard
V i e n z « h » i b e Gesahg. 3ai
Izt nicht mehr Eil, wie er vorher sie hatte, Sich mit dem Schampion in Schwarz zu treffen. Er lief vorhin, nun geht er ganz gemach, Und sieht verlangend, sich wo abzusezen,
Sich stets nach einem Ort umher, bequem Um seinen Liebesbrand ein wenig abzukühlen;
57.
Indessen muntert er die Dafne auf,
Die Aug’ und Wange stets mit Thränen feuchtet* Lügt mancherlei ihr vor, und sagt, er liebe Sie, auf den Ruf, schon seit geraumer Zeit, Und habe Vaterstadt und sein glükselig Reich* Das allen andern den Ruhm der Grösse nehme* Verlassen, nicht um fremdes Land zu sehn, Nein! blos um ihre Schönheit zu betrachten;
58 ;
"„Wenn man um Liebe werth geliebt zu werden ist,
Kann mehr als ich ein Erdensohn dich lieben ? Und wenn um Stamm, wer ward so hoch geboren Als ich , da Agrikan mein Vater ist ?
Und wenn um Gut, wer gleicht an Habe mir? Denn an Besizthum weich’ ich Gott allein.
2t
Orlando II. B.
O a i * s b o.
Z2L
Und wenn um Tapferkeit, so hab* ich heut
erwiesen ,
Ob ihrenthalb ich liebenswürdig bin."
5 9 .
Dies und viel anderes Gespräch , das Amor Dem Mandrikard aus seinem Mund diktierte, Ging sänftlich in der Jungfrau Herz, um es Von Aengsten zu befreien und zu stillen.
Die Furcht vergeht, sodann vergeht der Schmerz, Der ihre Seele last zerschnitten hatte;
Und sie beginnt, mit grösserer Geduld,
Den neuen Freund gefällig anzuhören;
60.
Hierauf , viel gütiger in Worten ihm Sich höflich und gesprächig zu erweisen; Hernach, ihm dann und wann mit ihren ^ Augenlichtern,
Mit vieler Huld, in's Angesicht zu strahlen ; Woraus der Heide, der mit Amors Spiel Nicht unbekannt mehr war, Gewissheit fasste, Nicht Hoffnung nur, dass die Infantin nicht Beständig seiner Lust entgegen streiten werde. Gi.
So reifste Mandrikard mit Doraliäen Sehr wohlgemuthet fort; und als sodanjj
ViBHZKMNTiiR Gesang. 3a5
Die Stunde nahte, wo die kühle Nacht Die müde Schöpfung ein zur Rathe ladet ,
Und schon dieSonne tief und halb versunken stand; Sezt J er,init der Prinzessin sich in Trab,
Bis ihnen Tuten und Schalmeien tönen ,
Und sie drauf Haus und Hütte rauchen sehn-
6a.
Es waren Wohnungen für Hirten, zwar Nicht schön, doch gut genug und ganz gemächlich. Der Oberhirt empfing den Ritter und die Dame' Sehr artig , und bewirthete sie so,
Dals sie mit ihm recht sehr zufrieden waren. Denn nicht in Städten und Ballasten nur,
In Dörfern auch und schlechten Hütten findet Mau öfters freundliche und gute Reute-
63.
Was drauf im Dunkeln zwischen Mandrikärd Und Nordilands Tochter sich begab,
Getrau^ ich mir nicht eben zu erzählen;
Ein jeder denk’ es selbst] Vermuthlich ist’s> bei den Eliasschülern*
Und in den Klöstern, da sie neu noch waren. Auch hielt es länger sich in Schulen auf,
Zu des Pythagoras und des Archytas Zeiten.
r
O R L A « D O.
254
89.
„Doch als die Heiligen und Filosofen,
Die es auf rechtem Weg erhielten , siarben, Verliess es Tugenden und Ehrbarkeit, und ging Zur Schändlichkeit und allen Lastern über. Erst schlich es mit Verliebten Nachts umher, Sodann mit Dieben und mit allen Schelmen, Hielt auch sich oft zu der Verrätherey ;
Auch hab’ ich es beim Menschenmord gesehen.
90.
„ Mit Münzverfälschern pflegt es ebenfalls Sich gern in .dunkle Löcher zu verkriechen. Kurz, es verändert Wohnung und Gesellschaft So oft, dass man von Glük zu sagen hat, Wenn man es trifft. Allein arn sichersten Wirst du es in des Schlafs Behausung finden, Wenn du dich pünktlich dort um Mitternacht Einstellest; denn es pflegt dann dort zu wachen.
9 1 ’
Ob zwar Betrügerei gewöhnlich lügt,
So sah doch dieses ihr Gespräch der Wahrheit So gleich, dass ihr der Engel glaubt. Er flog Demnach vorn Kloster ab , und mässigte
Vierzehnter Gesang. 35#
Den Flügelschlag, mit grosser Acht, das Ziel Von seiner Reise zu erreichen, wann Der Schlaf gewiss zu Hause sey, weil nur Sodann Stillschweigen da verweilen solle.
92 -
Im Land Arabien liegt, fern von StacJt Und Dorf, ein kleines anmuthsvolles Thal, Das, von zwei Bergen eingeschränkt, sich ganz Mit starken Buchen und bejahrten Tannen füllt* Vergebens senkt sich dort der helle Tag hernieder, Nie dringt er durch mit seinem Licht; so ist Durch dichtes Laub der Pass ihm abgeschnitten. Dort öffnet in den Grund sich eine Grotte.
93 .
In einem Felsen unter’tn schwarzen Wald Höhlt eine weite Grotte sich hinunter ,
Um deren Stirn folgsamer Efeu rings Herum mit ausgeglittnem Schritte läuft.
In dieser Wohnung liegt der ernste Schlaf; Rechts sizt der dike, fette Müssiggang Platt auf dem Boden, und die Faulheit links, Die immer gähnt und schwer sich auf die Beine
h.eb!»
ü # L A K 1) O.
4ii0
94 -
Den Eingang hütet die Gedächtnisslose Vergessenheit) die Keinen kennt und einläßt, Auf keine Boi hschaft hört und keine je bestellt, Und jeden ohne Unterschied verweist. Stillschweigen macht die Runde dort und wacht, Hat Schuhe an von Filz und einen braunen
Mantel,
Und winkt von Weitem jedem mit der Hand, Dass er zurük vorn stummen Lager bleibe*
95 -
Der Engel tritt ihn an, und flüstert ihm Ganz sacht in’s Ohr: „Gott will, dass du Binalden Mit der Armee, die er dem Kaiser Karl Zu Hülfe führt, gleich nach Paris geleitest. Doch, dass es ja recht still geschieht, damit Das Saracenenvolk nichts lauten höre ,
Und so, eh das Gerücht noch was davon Verrathen kann, den Feind schon-auf dem Naken
habe ! rf
96.
Stillschweigen nikt, statt aller andern Antwort, Dem Hiinmelsboten mit dem Kopf, und folgt Sodann gehyrsamlich ihm hinten nach.
Vierzehnter Gesang. 337
Sie sind mit Einem Flug in Pikardie. '
Der Engel regt die mmhigen Geschwader,
Und rükt sie schnell viel Weges fort, so dass In Einem Tag sie nach Paris gelangen;
Und niemand merkt, dass es ein Wunder war.
97-
Stillschweigen lief dahin daher, und liess Vor’m Angesicht des Heers und rund herum Ein dunkelndes Gewölk empor sich winden, Indem der klare Tag sonst alles überschien. Auch liess der hohe Nebel nicht den Klang' Von Trommel und von Horn. hinaus ertönen, Stillschweigen ging drauf zu den Moren, mit, Ich weiss nicht wem, derblind und hörlos machte.
98.
Indess Rinaldo so geschwinde kam Als nur eiu Himmlischer ihn führen konnte Und mit so grosser Stille, dass davon Im Saracenenheer kein Laut zu hören war, Stand König Agramant mit seinen Kriegern Bereits in den Vorstädten von Paris Und unter den bedrohten Mauern, um An diesem Tag sein Aeusserstes zu wagen. Orlando II. B.
32
338 '
O R L A N B 0.
99 -
Wer alles Volk, das König Agramani Izt gegen Karin, gest eilet, zählen kann,
Der zählt die Bäume auch, soviel der Büken Des wald’gen Appenino trägt, und sagt JVie viele Wellen bei geschwollnem Meer Den Fuss des Mauritan’schen Atlas baden,
Und mit wie vielen Augen Mitternachts ^
Der Himmel die verstohlne Lieb’ enldekt.
100 .
Die Gloken stürmen überall, mit Hammer Und schwerem Klöpfel furchtbar-angeschlagen. In allen Kirchen von Paris sieht man Viel Handaufhebens und viel Mundgewakels ; Und dünkte Schaz und Pracht dem lieben Gott So schön als unsern dummen Meinungen,
So konnt’ er diesen Tag mit seinen Heiligen Im Bild auf Erden schier sich i'ibergülden.
IOI.
Rechtschaffne Greise klagen bitterlich,
Zu dieser Drangsal sich gespart zu sehen ,
Und preisen die geweihten Leiber gliiklich,
Die lange schon im Scliooss der Erde ruhn. Allein das muntre Volk beherzter Jungen,
Vierzehnter Gesang. 339
Die nicht aus drohende Gefahren sehn. Verschmähen den Verstand der Reiferen,
Und rennen liier und dorthin zu den Mauern.
102.
Barone stehen da und Paladine ,
Herzoge, Könige, Markesen, Grafen, Ritter, Ausländer und Inländer, allesamt Bereit für Gott und seinen Ruhm zu sterben, Und flehen Karin , die Briiken abzulassen ,
Um auf die Feinde loszugehn. Der Kaiser Freut ihrer Kühnheit herzlich sich ; allein Ihn dünkt nicht gut, ihr freien Raum zu lassen.
103.
Er stellt an manche Posten sie herum,
Wo sie dem Feind den Weg verwehren sollen. Hier däucht’ ihm eine kleine Schaar genug, Ein ganzes Heer scheint dort ihm noch nicht zuzureichen.
Dem einen Hauken sind die Feuer anvertraut, Dem anderen das Spiel der Kriegsmaschinen. Karl selbst verweilt sich nirgends, sondern läuft Beständig hin und her, und s,orgt für alles.
104.
Paris erhebt auf einer grossen Ebne Im Nabel Frankreichs sich, wenn nicht int Herzen.
O 1\ L A Is B O.
34 °
Die Seine läuft von einer Seit’ hinein ,
Und von der andern wiederum hinaus ;
Allein sie macht ein Eiland erst und, sichert So einen, und den besten Theil der Stadt. Die andern zwei (drei Theile hat Paris) Schliefst innerhalb der Fluss und ausserhalb der Graben.
jo5.
* Die Stadt, viel Meilen in die Runde, ist Von mehrern Seiten angreifbar. 'Allein Weil gramant sie nur von Einer Seite Bestürmen undsein Heer nicht gern zertheilen will, So zieht er über’n Fluss sich abendwärts Zurük , damit bei seinem Angriff ihm
Nicht Stadt, noch Dorf noch Land, das sein nicht wäre,
Bis hin nach Spanien, im Büken bleibe.
106.
Karl hatte länger schon die grosse Mauer Rundum mit starkem Festungswerk versehn, Und einen hohen Damm rings aufgeworfen, Mit Wehren innerhalb und Kasematten,
Und wo die Fluth hinein geht und hinaus, Sehr dike Ketten hin und her gezogen.
*
Vierzehnter. Gesang. 3/j-I
Besonders fest ist jeder Ort verwahrt,
Wo man am meisten Grund zu fürchten hatte.
107. /
Mit Argusaugen sieht der Sohn Pipins
Vorher, wohin der Feind zu stürmen denkt; So dals von ihm kein Plan sobald entworfen ist, Als er ihm schon zuvor gekommen findet.
Mit Ferragu, Isolier und Balugant, Qrandonio, Falsiron und Serpentin,
Und allem, was von Spanien gekommen,
Blieb wohlbewehrt Marsil im Felde stehen,
108.
Sobrino hielt zur Linken an der Seine Mit Pulian und Dardinel und Murzo,
Dem König von Oran, beinah ein Riese,
Sechs Ellen lang vorn Kopf bis zu den Zehen. Ei! warum kann ich doch die Feder nicht so schnell, Als jenes Volk die Waisen rührt, bewegen? Schon flucht und brüllt der König von Algier, [Voll Zorn und Wuth, und kann nicht länger
warten.
109.
Wie sich auf Milchgebisse, oder auf Den siissen Rest von lek er haften Mahlen,
34 «
Orlando.
Am heissen Sommertag die ungestümen Fliegen Mit dröhnendem Gesums zu werfen pflegen; Wie der geschwäz’gen Staare Volk im Herbst Auf rötliliche Traubenpfähle niederschwärmt: So kam, mit Schrein und Lärmen den Himmel
stillend ,
Das Morenheer heran zum wilden Angriff, no.
Furchtlos und jach vertheidigt von denMauern, Mit Spiels und Schwert und Axt, mit Stein und Feuer,
Das Christenvolk die Stadt Paris, und achtet Der Feinde Troz gering ; und wo der Tod Hinweg den einen und den andern raubt, Säumt keiner feig, sich an den Plaz zu stellen. Die Heiden warfen sich beim fürchterlichen Wetter Der Schlag’ und Stoss’ hinunter in die Graben.
iii.
NichtEisen nur gebraucht man dort; man spielt Mit Felsenmassen auch, und ganzen Zinnen, Mit Wänden zwanzig Fuss in Vierek, und mit
Dächern
Von Thürmen und gewaltigen Erkerstilken. Ganz unerträglich heils wird es indels den Moren
V i e r i , b h n x e r Gesang. 543
Vorn siedenden Wasser, das von oben niederrauscht;
Und schlecht wahrt man vor diesem Regen sich. Der durch die Helme dringt und das Gesicht
verblendet.
I 12.
Er war beinah verderblicher als Eisen.
Was muss der Nebel nun von Kalk nicht thun ? Was nicht die glühende Gelasse voll Salpeter, Schwefel, Pech und Terpentin?
Auch liegen keineswegs die Ringel in Verwahrung, Die rundherum das Haar voll Flammen haben; Sie sezen, hier und dahin fortgeschleudert, Den Saracenen läst’ge Kränze auf.
ri3.
Inzwischen hatte Rodomont von Sarza Die zweite Heeresschaar den Mauern zugejagt, Begleitet von Burald und von Ormid ,
Der eine von Marmond, von Garamant der andre, Klarind und Soridan sind ihm zur Seite; Auch hält sich Dorilon von Setta nicht versteht. Afarokko’s König folgt und Koska’s. Jeder will Mit seiner Tapferkeit sich sehen lassen.
O R L A N ü «.
54 \
Il4.
^Schau ! imBanier, ganz jcharlachrolh, entfaltet TJlie.no s Solm den Löwen, welcher sich Nicht weigert, dem Gebiss, das ihm ein Fräulein Vorhält, sein wildes Maul weit aufzusperren. Dem Thiere selbst vergleicht sich RodornoiiC , Und unter Der, die ihn beräumt und bändigt, Stellt er die schöne Doralice vor,
Die Tochter Nordilans, des Königs von Granada;
115.
Sie, die, wie schon erzählt ist, Mandrihard Entführte, (wie und wo, das wißt ihr gleichfalls
schon)
Sie , eben war’s, die Rödoinonte liebte ,
Mehr als sein IIeich, mehr als sein Augenlicht; Auch schlug er ihr zu lieb schon manchen todt. Er wußt’ indessen nicht, dass sie ein Andrer hatte; Wenn er’s gewußt, er hätte sicherlich Sogleich gethan, was wir noch von ilnn sehen
werden.
rx6.
Im Nu sind tausend Leitern angelegt,
Die minder nicht als zwei auf jeder Sprosse haben. Den ersten drängt der zweite fort, der sich
Vierzehnter Gesang. 345
Vorn dritten mit Gewalt hinausgestoßen findet. .Der wagt aus Muth, und der aus Furcht; ein jeder Muss, woll’ er oder woll' er nicht, hinan.
Denn wer sich säumt, dem fliegt sogleich vorn
Schwert
Des grausen Rodomont sein Kopf hinunter.
117.
Ein jeder strebt demnach mit Macht empor Zum Feuer und Verderben auf der Mauer.
Die andern spähn umher, wo sich vielleicht Ein Pals von leichterer Gefahr eröffne.
Nur Rodomont verschmäht, auf anderm Weg Als wo der Graus am ärgsten ist, zu gehen Und wo verzweifelt, in heillosem Fall Die andern beten, flucht er ganz entsezlich.
118.
Ein harter Panzer wehrt ihm seinen Leib;
Es war ein schuppiges Drachenfell, mit welchem Vorlängst sein alter Ahn’, der Babylon Erbaute, Brust und Rüken sich bedekte,
Indem er Gott vorn goldnen Siz verjagen Und seines Sternenreichs berauben wollte. Auch liess er sich zu diesem Ende Helm Und Schild und Schwert ganz ohne gleichen
machen.
546 O r l a » » ®.
ng.
Nicht minder kek und wild und toll als Ni/nrod, war
Nun Rodomont, so dass er gleich, und selbst Bei Nacht gen Himmel Sturm gelaufen wäre, Wann auf der Welt hinan ein Weg nur ginge. Er steht nicht da und gafft nach Löchern in
der Mauer
Und Grund im Wasserstraks durchschreitet er Den Graben, nein ! er läuft vielmehr und fliegt Im Wasser und im Schlamm bis an die Kehle.
. X 20.
Mit Koth bekleibt und triefend geht er fort Durch Feuer, Stein’ und tausend Schießgewehre; So wie durch dichtgedrängtes Rohr im Sumpf Das wilde Schwein zu gehen pflegt, indem Es mit der Brust, dem Rüssel und den Hauern Wohin sich'skehrt, sich Thür und Fenster macht. Mit hohem Schild verachtet Rodomont Den Himmel selbst, geschweige dann die Mauer.
IZT.
Er war sobald aufs Trokne nicht gelangt,
Als man ihn auf den Streitgerüsten fühlte ,
Die innerhalb der Mau'r den christlichen
Vierzehnter G e s a h g. 547
Geschwadern breiten Weg und Briike machten. Izt sieht man Stirnen abgescheibt, und Platten Geschoren, grösser als der Pfaffen ihre/
Rings fliegen Köpf’ und Arm’, ein rother Fluss Stürzt von der Mau’r hinunter in den Graben.
122.
Der Heide wirft den Schild hinweg, und
schwingt
Sein Schwert mit beiden Händen auf, undschlägt Den Herzog Arnolf , der von dorther kam, Wo sich der Rhein in’s salz’ge Meer verläuft. Der Arme wehrt sich gegen Rodomonten So gut als Schwefel gegen Feu’r, und fallt Dahin und zukt zum leztenmal, vorn Kopf Bis in die Brust hinein entzwei gehauen.
123 .
Ein Piükenhieb erschlägt mit einemmalil Dann Randolf, Spin n elol:, An sehn und Pr ander. Der enge Raum und das gedrängte Volk Liess den verkehrten Streich so reichlich erndten, Die eine Hälfte ward der Normandie Entwandt, die andre bÄfste Flandern ein. Hierauf zerspaltet Rodomont den Ulrich Von Luxemburg vorn Wirbel bis zum Nabel.
548
Orlando.
124.
Er wirft den Andropon \m
Die nach August geherrscht und herrschen
werden.'
„ Von Arragons und Oestreichs Blut seh ich Im Lande links am ltheinflufs einen Fürsten Erzeugt, mit dessen Heldenmuth sich keiner
r
Fünfzehnter Gesang. 3 y 5
Yon dem man spricht und schreibt, vergleichen
lässt.
Er hebt Asträen wieder auf den Stuhl ,
(Ja, von dem Tod erwekt er sie in’s Leben) Und führt die Tugend von der Welt zugleich Mit ihr verjagt, zurük aus der Veibannung.
26.
„Zum Lohn so herrlicher Verdienste hat Der Himmel ihm nicht nur das Diadem Vorn grossen Reich bestimmt, das einst August, Trajan und Antonin beherrschten, sondern Von allem Land in beider Welten Ende,
Das nie der Sonne noch dem Jahr dieBahn eröffnet. Nur Einen Schafstall, Einen Hirten nur Soll’s unter diesem Herrn hienieden geben,
27.
„Und dass des Himmels ewige Beschlüsse Mit leichterem Erfolg geschehn, so sezt Die höchste Fürsicht Feldherrn ihm zur Hand, Zu Wasser und zu Land gleich unbesieglich. Ich sehe Ferdinand von Kort es , der des Kaisers Geboten neue Städte unterwirft Und Reich’, so fern im Orient gelegen,
Dass wir, in Indien, von ihnen gar nichts wissen.
3;4
Orlando.
28.
„Prosper Kolanna zeigt sich mir, und ein Markese von Peskara, und nach ihnen Ein junger J^asto, die Italien Den goldnen Lilien sehr 1 heuer machen.
Ich sehe, wie der dritte sich bestrebt ,
Den anderen voraus den Lorber zu gewinnen ; Dem guten Renner gleich, der spät die Schranken Verlässt und allen frühem zuvorläuit.
39.
,, So gross an Tapferkeit, so gross an Treue Seh ich Alfonseii, (denn so heilst der Jüngling) Dass in so herbem Alter, da er noch Nicht volle sechs und zwanzig Jahre zählt , Der Kaiser ihm sein Kriegsheer anvertrauet. Mit diesem Feldherrn sieht sich Karl im Stand,
nicht nur
Den Rest sich zu erhalten , sondern auch Die ganze Welt sich Unterthan zu machen.
5o.
„ Wie sich durch diese Helden überall Zu Land das alte Reich vermehren wird,
So wird es auf dem Meer, das dort Europa Lind da das heise Afrika beschränkt ,
Fünfzehnter Gesang. 370
In jedem Kriege siegreich seyn, wenn. ihm Andrea Doria Freund geworden ist.
Er ist'«, der euer Meer an allen Enden Und Orten vor Seeräubern sichern wird.
51 .
„ Ihm gleich t an Put hm Pompejus nich t, wenn er Gleich die Korsaren schlug und allesammt
verjagte;
Denn diese konnten nicht dem grösten B.eich, Das jemahls war, gewachsen seyn. Hingegen Andreas Doria wird allein mit eignem Geist Und eigner Macht die Meeresfluthen säubern, So dass vor seinem Namen überall, t Von Kalpe bis zum Nil, die Küsten zittern«.
3z.
„Von ihm, gesichert und' von ihm geleitet, Seh ich den Kaiser in Italien ,
Wozu er ihm das Thor geöffnet hat, Einziehen, hin zur Krön’; und fern, den Lohn Den Karl dafür ihm beut, für sich zu nehmen, Schenkt er dem Vaterland ihn, und erbittet Sich dessen Freiheit, wo ein Anderer Vermuthlich es sich unterworfen hätte.
L ■ •
3"6 Orlando.
33.
„So eine Liebe für sein Vaterland Ist, hohem Preises werth als alle Schlachten, Die Julius in Spanien, in Frankreich ,
In Afrika und anderswo gewann.
Ohtavius auch nicht, und nicht sein Gegenmann, \Antonim , sind ihrer Thaten halben So ehrenwerlh ; denn all ihr Ruhm verwelkt Dadurch, dass sie ihr Vaterland befeindet.
34 .
„ Sie, Jeder, der sein freies Vaterland In Knechtschaft sezt, erräthe vor dem Doria, Und wage nicht, wo er ihn nennen hört,
In jemands Angesicht die Augen zu erheben! Ich sehe, wie ihm Karl den Lohn vermehrt ; Denn ausser dem was er mit Anderen geniefst, .Wird ihm das reiche Land geschenkt, das den Normnnnern
Den grossen Staat in Puglien begründet.
35.
,, Nicht diesem Helden nur hat Kaiser Karl Sich huldreich zu erweisen, sondern allen,
Die in den Unternehmungen für ihn Mit ihrem Blut nicht geizig sich erwiesen.
Fünfzehnter Gesang. Z77
Auch seh ich mit vergniigterm Herzen ihn Ein ganzes Land und Städte seinen Treuen Und allen Würdigen verleibn, als wenn Er andre neue Reich’ erobert hätte. "
36 .
So sprach Andronika zum Paladin Astolso von den Siegen , deren sich Nach Ablauf langer Zeit der Kaiser Karl Durch seine Tapferen erfreuen werde.
Indels hielt Fronesina stets die Winde,
Bald mehr bald weniger in Zügel , liess Izt diesen günstigen, izt jenen wehn ,
Und schwächt’ und stärkte sie nach Gutbefinden.
37.
Sie hatten unterdefs gesehn, wie weit Das Persermeer herum sich dehnt, und strichen Nach wenig Tagen in den Golf hinein ,
Der nach den alten Magiern sich nennt.
Hier wandten sie das Vordertheil des Schiffs Dem Ufer zu, und liefen ein in Hafen;
Von wo aus, vor Alcinens Zaubernacht * Geborgen, Prinz Astolf ztt Lande weiter reifste.
(
378 Orlando.
38 .
Er kam durch manche Flur, durch manchen
Hain ,
Durch manches Thal und über manchen Berg, Wo er, im Dunkeln und im Hellen , oft Bald vorn, bald hinten Diebsgesindel hatte. Auch rannten mehrmahls Löwen ihm in Weg, Und Drachen voller Gift und andre Ungethüme; Allein er hatte nicht sobald sein Horn An Mund gesezt, als sie mit Schreken rings
enthoben.
3 9 .
Er reist Arabien, das Glükliche, hindurch, An Myrrhen reich und Weihrauch, (welches Land Yon allen Gegenden der weiten Welt Der einz/ge Fönix sich zum Siz .erkoren)
Bis er die Fluth passirt, die Israeln Einst rächte; denn auf göttliches Geheifs Verschlang sie Farao’n mit allen seinen Reutern. Sodann gelangt er zur Heroenstadt.
40.
Er reitet längs dem Fluss Trojano fort,
''Auf jenem Rofs, das seines gleichen nicht Auf Erden hat. Es rennt und trabt so leicht.
Fünfzehnter Gesang. 5 79
Dass keine Spur im Sand erscheinet, tritt Nicht Gras danieder und nicht Schnee, und konnte Mit troknem Huf aufs Meer hin galoppieren, Strekt so sich aus zum Lauf und fahrt so schnell
dahin,
Dass Wind und Pfeil und Bliz dahinten bleiben.
41.
Dies ist das Pferd, das weiland Argail Besass; es war erzeugt von Wind und Feuer, Und nährte ohne Heu und Hafer sich Von lauter Luft. Sein Nam’ ist Rabikan. Astolf gelangt, stets seinen Weg verfolgend, Hin wo der Nil gedachten Fluls empfängt, Und sieht, bevor er an den Ausflufs kömmt, Ein Boot daher mit schnellem Ruder fahren.;
42.
Zu hinten sizt ein alter Eremit,
Mit weissem Bart bis an die Brust hinunter,
Der zu sich in den Kahn den Paladin Einladet und von fern ihm ruft: „ mein Sohn,
Ist dir dein eignes Leben nicht verbalst, ‘
Willst du an diesem Tag nicht schmählich dich Getödtet sehn, so komm zum andern Ufer ; Denn da gehst du dem Tod gerad in Rachen.
5öo
Orlando.
43 .
„ Du bist drei Meilen kaum da fortgeritten, So findest du ein blutiges Quartier ,
In dem ein fürchterlicher Riese haust,
Der über alles Mals acht Fuss hinaus reicht. Kein Menschenkind gedenke dem Barbaren Lebendig zu entgehn! Er schlachtet diesen, Und schindet den erbärmlich, viertelt manchen, Und manchen jagt er gar lebendig durch die
Gurgel.
44 -
„ Bei solcher Grausamkeit belustiget Ersieh mit einem Nez, mit höchster Kunst gemacht. Er stellt es nah an seinem Dach, und zwar Im klaren Sand so wohl versteht, dass niemand, Der’s nicht vorher schon Wulste, es bemerkt; So fein ist es und so geschiklich angelegt.
Dann schreit er den, der kömmt, soschreklich an, Dals ergänz ausser sich ihm in die Schlingen rennt;
45 .
„Und schleppt mit grossem Hohngelach vorn
Nez
Umwikelt ihn hinweg in sein Gehäus.
Er sieht nicht Ritter an noch Dame, seyen sie
Fünfzehnte«. Gesano. 58i
Viel oder wenig werth, das gilt ihm gleich ; Und nach geirelsnem Fleisch und ausgesognem
Hirn
Und Blut, streut er die Knochen in die Wüste, Und hat mit Menschenhäuten rundherum Sich seinen Fallast grässlich austapzieret.
46 ,
„Nimm diesen Weg, nimm ihn, mein Sohn ! Er wird ganz sicher dich zum Meere bringen. " — „ Ich danke, Vater, für den Rath, " versezt Der Ritter ohne Furcht; ,, doch Unser einer Fragt nach Gefahren nichts, der Ehre halb.
Die mir viel lieber als mein Leben ist.
Dein Reden ist umsonst; ich komme nicht,
ich gehe
Vielmehr gerades Wegs zur Mördergrube.
47-
„Durch Flieht! kann ich mit Schimpf mich heil erhalten ;
Doch so ein Heil ist mir verbalster als der Tod. Reit’ ich dagegen hin, so ist'sim schlimmsten Fall Mitmeinem Leben aus, wie mit viel andern schon. Allein wenn Gott mir so die Waffen richtet, Dass Jener stirbt und ich lebendig bleibe,
38a
Orlando,
*
So sicher’ ich für Tausende den Weg, So dass dabei mehr Nuz als Schaden ist.
48.
„ Denn gegen unzählbarer Leute Heil Sez’ ich den Tod von einem Einzigen. “ — „So gell in Frieden, Sohn! (versezt der Vater) Gott sclnke zu Bewahrung deines Lebens Erzengel MicJuiein vorn höchsten Thron herab Drauf segnet ihn einfältiglich der Greis,
Und Prinz Astolfo reifst am Nile fort,
Mehr auf das Iiorn als auf den Degen hoffend.
49-
Nun lief, v on tiefem Fluss und Sumpf begrenzt, Ein schmaler Pfad im sandigen Gestade Bis zur einsamen Wohnung hin, aus welcher Umgang und Menschlichkeit verbannet sind. Ringsum sind nahte Schädel aufgestekt Von Unglükseligen, die sich dahin verliefen; Kein Fenster ist zu sehn und kein Gesims, Woran zum wenigsten nicht Einer hinge.
5p.
Gleichwie in Waldstadt oder Jägerschloss Der Weidmann, nach bestandenen Gefahren,
38\
O tt i, a n i* o.
Das da im Sand vergraben lag, zu jagen,
Wie er so manchem Fremdling schon gethan, Den ztt ihm-bin sein böser Stern verführte.
53 .
Sobald Astolf von England ihn gewahrt,
So macht er Halt mit nicht geringer Furcht,
In die heillosen Schlingen sich zu fangen,
Vor welchen ihn der Eremit gewarnt.
Er nimmt drum seine Zuflucht zu dem Horn, Und dieses thut ertönend seine Wirkung;
Der grobe Hall schlägt augenbliks den fliesen Mit solcher Furcht, dass er rechtsum davon läuft.
54 -
Astolfo bläst, und wartet immerfort;
Denn immer scheint das Nez ihm loszuschnappen. Kaligorant rennt blindlings hin und her, Indem er, wie das Herz, die Augen auch verlor. Er weiss vor lauter Angst nicht wohinaus,
So dass er nicht in seine Grube falle.
Er kömmt ins Nez, dies springt empor, und strekt Ihn ganz verknotet in den Sand danieder.
55 .
Astolfo spornt, als er die schwere Last Zußoden stürzen sieht, für sich nun ausser Sorgen,
Fünfzehnter Gesang. 3ö§
Ans Thor die zott'gen Fell und fürchterlich es
Taren
Und diken Köpf erlegter Baren hängt:
So wies der Riese da die Schädel derer,
Die ihm am wakersten begegnet waren.
Zahllose Knochen sind umher gesä’t,
Der Sand ist weit umher von Menschenblut
gepurptirt.
5i.
Kaligorant steht vor der Thür, (denn so Nennt sich der unbarmherzige Menschenfresser, Der seine Residenz mit Todten schmükt,
Wie mancher Herr mit Gold und rothen Tüchern) Und kann vor Freude kaum sich halten, als Der Paladin ihm in die Augen fällt;
Denn schon zwei Monden lang, wo nicht noch
länger ,
War dieses Wegs kein Rittersmann gekommen.
5z.
Er läuft in grosser Hast dem Sumpfe zu,
Der dunkel war und dicht voll grünem Rohre. Er wollte so auf einem krummen Weg Dem Prinzen unversehens in Rüken kommen ; *
Denn er versprach sich ganz gewiss, ihn in dasNez
Fünfzehnter Gesang. 385
Hinzu, und springt, den Degen in der Hand, Vorn Sattel ab, um Tausende zu rächen.
Allein ihm däucht’, es sey weit eher feig Als tapfer, einenManninFesseln todt zuschlagen. Der Riese nemlich war an allen Gliedern So fest geknüpft, dass er nicht einmahl zukea
konnte.
56.
Vulkan verfertigte vordem das Nez Von dünnen Faden St^hl, und zwar mit solcher
Kunst,
Dass alle Müh, die schwächste Masche auch Nur aufzuzwiken, ganz umsonst gewesen wäre. Mit diesem Fangwerk band er eines Tags Der Venus und dem Mars die Hand’ und Füsse; Der Eifersüchtige ! er wollte blos damit Im Bett die Liebenden zusammen sinken.
5 7-
Drauf stahld/erÄKT- dem Schmid das Nez hinweg, Als er damit die Kloris fangen wollte ;
Kloris, die Schone, die am frühen Morgen Auroren hinterdrein die Luft durchstiegt,
Und aus dem aufgehobnen Saum des Kleides Violen, Lilien und Rosen streut.
Orlando 11. B. 2 Ü
o8o
Orlando.
Er lauerte der GöLlin auf, bis er Sie eines Tages in der Luft erhäschte;
58.
Da wo der grosse Morenflnss ins Meer Sich giesset, scheint’s, erwischt' er sie iiti Flug Dann ward das Nez im Tempel des Anubis Zu Kanop manch Jahrhundert aufbewahrt. Dreitausend Jahr nachher entwandte es Kaligorant aus diesem Heiligthum,
Trug es mit sich hinweg, der Bösewicht,
Und legte obendrein die Stadt in Asche.
5p.
Hier stellt er’s nun im Sand so füglich auf, Dass alle, die vor ihm die Flucht ergriffen, Hinein geriethen. Kaum berührt man es,
So schlingt es Hals und Arm’ und Beine fest v zusammen.
Astolfo löset eine Kette ab,
Und fesselt hinterrüks ehern Schadenfroh Damit die Hand’, und knebelt Brust und Arm Ihm dergestalt, dass ihm das Athmen sauer wurde.
60.
Dann knüpft er übrigens ihn los, und stufst Ihn auf, der zahmer als ein Jüngferchen
F U K U E 11 S T I 11 G E S A N G. 387
Geworden war. Er will ihn mir sieh schleppest, Um weil und breit in Stadt und Dorf mit ihm Sich sehn zulassen. Auch drtsNez nimmt er hinweg, (Das schöner war als je ein Schund gemacht) Und wirft’s dein Itekpn auf, den er gekettet Zürn Siegsgepränge hintennach sich führt.
61.
Er giebt dazu ihm Helm und Schild zu tragest, Wie seinem Knecht, und zieht dann seines Wegs. Ein hoher Jubel schallt ihm überall entgegen, Dass man forthin da sicher reisen könne. Astolfo gellt gemächlich fort, bis er Sich in der Nachbarschaft von Memfis findet, Vorn Mcinfis, so berühmt durch jene Pyramiden'. Drauf stellt sieh ihm Kairo vor die Augen.
62.
Kairo’s Volk lief allesammt zuhauf,
Den ungeschlachten Riesen anzugaffen.
„ O jemine! (rief mancher aus) wie konnte Der kleine Wicht den grossen Lümmel binden! rf Astolfo kann kaum vorwärts, so gewaltig War das Gedräng um ihn. Ein jeder staunt Den Prinzen an, und ehrt ihn ohne Massen, Als einen Kataster von grosser Tapferkeit.
Orlando.
L88
65 .
Kairo war zu dieser Zeit noch nicht So gross als, dem Gerächt nach, heut zu Tage { .Tezt, sagt man, sollen achtzehntausend grosse Stadtviertel alles Volk nicht fassen können. DreiStokwerk hat ein jedes Haus, und dennoch Giebt's Menschen ohne Zahl, die auf den Gassen
schlafen.
Und dann, der Pallast, wo der Sultan wohnt, Ist wundergrofs, und unbeschreiblich kostbar.
64 -
Da sieht man wenigstens an funfzehntausend Vasallen, lauter abgefallne Christen,
Mit Weibern und Familien und Pferden Bequemlich unter Einem Dach logiert.
Astolfo hatte Lust zu sehn, wie stark der Nil Sich in die salzigen Gewässer taucht,
Bei Damiatta, wo, wie er vemonnnen,
Kein Mensch lebendig oder frei passiert.
65 .
Denn auf dem Nil esstrand dicht an der Mündung Herb er gt in einem Thurm ein grimmer Dieb, Zum Schaden aller Heimischen und Fremden, Indem er weit umher bis nach Kairo raubt.
FusmiiäTS» G i s i i g. 38g
Kein Erdensohn kömmt mit ihm aus; umsonst Bemüht man sich den Garaus ihm zu machen. Schon mehr als tausendmahl ward er verwundet, Allein ihn todten konnte niemand noch.
66 .
Nun macht Astolf sich auf, um zu versuchen, Ob Er vielleicht die Parze nöthige,
Orriht den Lebenssaden abzuschneiden.
(Orrilo hiess der Dieb) Er kömmt nach Damiatt, Geht dann dahin, wo sich der Nil ins Meer Ergiesst , und sieht den grossen Thurm am Ufer, Wo die verwünschte Seele haust, erzeugt .Von einem Poltergeist und einer Fee.
67.
Der Räuber war so eben mit zwei Futtern In einem fürchterlichen Kampf begriffen.
Er sezt allein den Beiden also zu ,
Dass sie mit grosser Noth sich Vor ihm wehren; Und doch weiss alle Welt, wie trefiich sich Das Ritterpaar auf Schlacht versteht. Es Waren Die Söhne des Marquis Olivier ,
Griff o/i der Weiss’ und Aquilant, der Schwarze.
Sjyo Orlando.
68 .
• Zwar,ist es .wahr, Orrilo hatte sich Mit grossem Vortheil aas Gefecht gemacht; Denn er erschien im Feld mit einem wilden Thier, Das sich allein in diesem Lande findet, lind theils am Ufer lebt und theils im Fluss, Wo es mit Menschenleibern sich ernährt, Indem es die unglükhcheu Personen Von Fisch ein und von Reisenden verschlingt.
siy.
Allein die Pieslie lag schon am Gestade, Von den Gebrüdern todt daliingestrekt.
Doch dem Orril verschlägt dies nichts, wie heftig Ihn Heide auch zugleich ihr Schwert empfinden
lassen.
Sie hau’n ihm fast in jedem Augenblik Die Glieder ab ; allein er stirbt drum nicht.
Er rafft geschwind den Arm, den Schenkelauf, Und dvükisie.wieder an, als wären sie von Wachs.
70.
^ Jezi; spaltet Griß'on ihm bis zu den Zähnen Den Kopf, bis in die Brust jezt Aquilant.
Der Unhold lacht beständig ihrer Streiche,
FusniHnua Gesang, 5g t
Und sie erbosten sieb, dass alles nichts verfängt. Wer mahl das Silber von den Scheidekifnstlern Merkurius genant, hinunter fallen ,
Und sich zerstreuen und wieder sammeln sah , Der denke sich, wie’s mit Orrilen war.
7i-
Schlägt man den Kopf ihm ab , so springt sein Rumpf
Vorn Pferd, und tappt herum, bis er ihn wieder findet,
Fasst bei der Nas'ihn bald, und bald beim Haar, Und schlief-! ihn auf den Hals, Gott weiss mit welchen Nageln.
Oft greift ihn Griff on auf, höhlt mit dem Arme aus, Und schmeilst ihn in den Fluss; auch dieses hilft
zu nichts.
Orril taucht in die Fluth, gleich einem Fisch, Und kommt am Ufer heil mit seinem Kopf heraus.
72.
Zwei schöne Damen in ehrbarer Tracht,
Die eine weiss, die andre schwarz gekleidet, Die das Gefecht verursacht hatten, standen Von fern und sahn dem seltnen Treffen zu.
Es war ein holdes Feenpaar, von welchen
0>R L A N D O. '
3gz
Grijson and Aquilant erzogen wurden, Nachdem sie einst als kleine Jungen sie Zwei grossen Vögeln aus den Klauen gerissen,
7 3 .
■Die ihrer Mutter sie geraubt, und fern Von ihrer Heimath weggetragen hatten.
Was soll ich dies umständlich hier erzählen,
Da jeder die Geschichte weiss? wiewohl Der Autor sich im Vater irrt, und, seltsam Genug ! den einen für den andern nimmt.
Die beiden Jungen also schlagen sich Allhier, den beiden Damen zu gefallen.
74 *
Schon war in diesem Himmelsstrich der Tag Versunken (hoch noch auf Fortunens Inseln); Die braune Nacht verhüllte rings das Land, Vorn ungewissen Mondlicht überdämmert.
Izt ging Orril in seinen Thurm zurük, Nachdem der Vp'eissen und der Schwarzen es Gefiel, das Treffen aufzuschieben, bis Dem Horizont die neue Sonn' entsteige.
75 .
Astolfo, der die Söhn' Oliviers Am Wappen und noch mehr am wakernSchlagen
Fünfzehnter Gesang. 3g3
Sogleich beim ersten Blik erkannte, war Nicht langsam und nicht spröd sie zu begrüßen; Und diese, als sie sahn, der Ritter, der den Riesen Gefesselt führt, sey der Baron von Pardel , (Denn also ward der Prinz bei Hof genannt) Begrüßten ihn mit nicht geringrer Freude.
? 6 .
Die Feen führen drauf die Herr’n zu einem
Schloß,
Nicht weit von da, um dort sie zu erquiken. Und sieh! ein Schwärm von Mädchen und von
Dienern
Kömmt, Fakelu in der Hand, auf halbem Weg
entgegen.
Man nimmt den Rittern ihre Pferde ab, Entwaffnet sie, und geht sodann mit ihnen In einen schönen Park, wo sie an einem Bach Ein köstlich Abendbrod bereitet finden.
77 -
Sie lassen drauf im Grünen den Orril Mit einer anderen viel dikern Kette fesseln An einen Eichbaum, hart von vielen Jahren Der sich auf einen Ruk nicht brechen ließ,
391
O K L A N I> O.
Und geben ihn zehn Knechten zu bewachen, Damit er in der Nacht nicht los sich reiße, Und, während sie in guter Ruhe schlafen,
Sie Überfall’ und ihnen Schaden thue.
78.
Beim reichen, ausgesuchten Mahl, wo Speise Und Trank, das mindere Vergnügen war, Beschäftigt grolsentheils sich das Gespräch Mit dem Orril und mit dem grossen Wunder, Das man für einen Traum fast halten möchte, Wenn man bedenkt, wie sich der Gaudieb Kopf Und Arm, die er verliert, gleich wieder ansezt, , Und'stets gewaltiger zur Schlacht zuriikkehrt.
79 -
Aitolfo hatte schon in seinem Buch gelesen, (In dem, das Zauberei’11 vernichten lehrt)
Dass man Orriln die Seele nicht benimmt, Solang ein Zauberhaar auf seinen Kopfsich findet; Allein sobald man es entwurzelt oder kürzt, Muss sie, gern, oder ungern, ihn verlassen.
So sagt das Buch, jedoch es meldet nicht, Wie man das Uaar im Haarbusch unterscheidet.
1
Fünfzehnter Gesang. 5q5 So.
Der Prinz ffohlokt hierüber minder nicht, Ab hätt’ er schon die Palm’ in seiner Hand; Nur ein paar Hiebe, glaubt er, und dem Kobold Ist Haar und Seele gleich herausgerissen.
Er nimmt daher die Last der Unternehmung Alsbald auf seine Schultern, und verspricht Orriln zu todten, falls den beiden Brudern Gefällig sey, den Kampf ihm zu verstatten.
81.
Gern lassen diese ihm den ärgerlichen Kampf, Gewiss, dass er umsonst sich abarbeiten werde. Schon glüht das andre Morgenroth am Himmel; Orrilo steigt hinunter in die Ebne.
Entzündet ist die Schlacht. Astolso schwingt Den Degen in der Hand, Orril die Keule. Astölfo passt, mit Einem Streich nach tausend Den Geist ihm ab von seinem Eibisch zuschneiden.
82.
Jezt schlägt er die bekeulte Faust ihm ab, Jezt diesen Arm, jezt jenen mit der Hand. Bald schneidet er ihm quer den Harnisch durch, Und haut dann Fez auf Fez von ihm hinunter.
ZZü Orlando. ->
Allein Orril liest seine Glieder stets Vorn Boden auf und macht sich wieder heil. Astolfo konnte ihn in hundert Stüke haken, Er sezt’ im Augenbliksich wieder ganz zusammen.
L!Z.
Nach tausend Hieben fährt zu guter lezt Ihm einer durch die Schultern nach dem Kinn. Ihm fällt der Kopf mit sammt dem Helm herunter. Astolfo springt so hurtig als Orril VomPferde, greift das Haupt beim blut’gen Haar, Schwingt sich im selben Nu zurük in Sattel, Und jagt hinweg dem Nile zu , damit Orrilo s Rumpf den Kopf nicht wieder linde.
S/ f .
Der Narr, der des Geschebnen nicht gewahrt, Sucht seinen Kopf im Staube rundherum;
Und als er endlich merkt, der Renner mache Mit selbigem sich auf und fort zum Walde,
So tummelt er sich hin zu seinem Gaul,
Sezt sich hinauf, und spornt Astolfen nach.
Er wollte schrei’n: Halt an ! kehr um, kehr um ! Allein der Herzog hatt’ ihm schon das Maul
genommen.
Fünfzehnter Gesang. £97
85 . ,
Er tröstet sich jedoch, dass er die Fersen ihm Nicht nahm, und folgt ihm mit verhängtem Zügel. Schon hatte Rabikan , der wunderschnell Zu Fusse war, viel Land zurük gelassen. Asto/fo sucht indess geschwinde vorn Genik Bis zu den Augenbrau’n den Kopf hinüber,
Ob das gefeyle Haar, das den verruchten Dieb Unsterblich macht, sich nicht erkennen lasse.
86 .
Allein von den unendlich vielen Haaren Rekt oder krümmt sich keins hervor. Wie soll Mithin Astolfo das heraus sich wählen,
Mit dem man dem Orril hinweg das Leben
schneidet ?
„Am besten isds, sie alle abzupuzen !" Spricht er; und da ihm Scheer’ und Messer fehlt, So nimmt er straks sein Schwert, das so vortrefflich schneidet,
Dass man mit Fug wohl sagen kann: es scheert.
87.
Er hält demnach den Kopf beim Nasenbein- Und haaret vorn und hinten rein ihn ab.
U 14 I. X M U V.
jyö
So traf von ungefähr er auch das Zauberhaar. Sogleich erbleicht das Angesicht, die Augen Verdrehen sich ; mit Einem Wort, man sah Ganz offenbar, dass es mit ihm zu Ende ging. Der Rumpf, der mit gekürztem Halse ritt, I’lump t ab vorn Pferd und zukt zum lezten-Mahle.
88 -
Aslolfo kehrt hierauf zum Siz der Damen Und Herrn zurük, den Kopf in seiner Hand, Der alle Todeszeichen an sich trug,
Und weist den fernen Stumpf, wie er daniederlag. Ich kann nicht eben sagen, ob man gern Ihn sah , wiewohl man ihn mit freundlichem
Gesicht
Empfing. Ich denke, der binweggenonunene Sieg Biss der Gebrüder Herz mit -Neid ein wenig.
89.
Auch, glaub’ ich, war denDamenso einAusgang Der Schlacht nicht sehr erwünscht. Sie hatten
nemlich,
Um von dem Brüderpaar das traurige Geschik, Das ihnen, wie es scheint > in kurzer Frist In Frankreich droht, wo möglich, abzuwenden,
Fünfzehnter G e s a n u. 399
Sie mit Orrilelv dort in Kampf gesezt ;
In Hoffnung, sie solang da aufzuhalten >
Bis dass der böse Einfluss sich verzogen.
90.
Sobald der Kastellan von Damiatt Orrilo’s Mord vernahm , liess er sogleich Die Taube los, die unter ihrem Flügel Den Brief am Faden trug. Sie fliegt Kairo zu'; "Von hier wird eine andre weiterhin Entlassen, wie'es da zu Land gebräuchlich ist; So dass in wenig Stunden ganz Egypten Vorn Tod des Räubers unterrichtet war.
9 1 -
Der Prinz von Engefland ermähnt hierauf Die edlen Jünglinge mit vielen Worten, — Wiewohl sie schon von selbst danach verlangten Und Sporn und Stachel nicht benöthigt waren, — Der.Christenheit zu Lieb' und um die Rechte Des röm’schen Reiches zu vertheidigen,
Die Kämpf’ im Morgenland dahinten doch zu
lassen,
Und Ehre sich bei ihrem Volk zu suchen.
Orlando.
400
92 .
So nahmen Aquilant und Griffon dann Ein jeglicher von seiner Dame Urlaub,
Die, ob ihr Abzug ihnen gleich verdrüsslich Und schmerzlich war, dem doch nicht wehren
konnten.
Astolfo wendet sich mit seinen Spiessgesellen Zur Flechten ; denn sie wollten, ehe sie Gen Frankreich kehrten, die heil’gen Örter, Wo ehmahls Gott im Fleisch gelebt, verehren.
9 3 .
Sie konnten auch den linken Weg erwählen, Der ebener und angenehmer war Und immerfort am Meergestade lief;
Allein sie nahmen rechts den fremderen und
wilden ,
Indem auf ihm die hochgelobte Stadt Sechs Tagereisen nur entlegen ist.
Man findet Wasser da und Gras, allein An allem andern Gut ist grosse Theurung;
94 -
So dass, bevor sie auf den Weg sich machten, Sie sich mit dem Nothwendigen versahn,
Fünfzehnter Gesang. 4 01
Und es dem Riesen auf die Schultern pakten, Der einen Thurm dazu)getragen hätte.
Am Ende ihrer sauern Pilgerschaft Begegnet ihrem Biik vorn hohen Berg Die heil'ge Stätte , wo die höchste Liebe Mit eignem Blut der Menschen Schuld hin-
wegwusch.
SS-
Sie stiessen vor dem Eingang in die Stadt Auf einen trefflichen Gesellen , ihren Freund, Den Sansonett von Mekka, zwar von Alter Noch grün, allein sehr reif schon von Verstand; Durch hohe Ritterschaft und Adelsinn In aller Welt berühmt und hoch verehrt. Orlando halte ihn zu unserm Glauben Bekehrt und selbst die Taufe ihm gegeben.
96.
Sie fanden eben ihn mit einer Festung , Dem Sultan von Egypten gegenüber, Beschäftiget;. er will den Berg Kalvar Mit einer Mau'r, zwei Meilen lang, umfassen. Die Ritter werden mit sehr heiterem Gesicht
Orlando II. B.
26
402
Orlando.
Und inn'ger Liebe von ihm ausgenommen; Zur Stadt hineingeführt, und sehr bequem In seinem königlichen Schloss beherbergt.
97 -
Er war dort Yicekönig und regierte Im Namen Karls das Land mit vieler Weisheit. Der Paladin Astolf beschenkt den Sansonett Von Mekka mit dem ungeschlachten Bengel, Der ihm zum wenigsten so viel als zehn Lastthiere tragen kann, so stark war er gegliedert; Er gab den Riesen ihm, und obendrein Das Nez, in dem er sich gefangen hatte.
98.
Astotfen gab dagegen Sansonett Ein schönes, reichbeseztes Wehrgehenk,
Wie auch ein Sporenpaar, für beide Füsse, Geziert mit goidner Schnall’ und goldnen
Rädchen.
Es waren eben die, die Sansonett '
Dem Ritter, der einmahl die Jungfrau von dem Drachen Errettete, mit anderm Zeuge mehr In Jaffa nahm, woselbst er ihn gefangen.
FtTNFZT. HHTBR G E S A N G. choo
99 -
Von. ihrer Sündenschuld erlöst in einem
Kloster,
Das im Geruch besondrer Gnaden stand , Besahen sie ein jechliches Geheimniss Vorn Beiden Christi rings in allen Tempeln, Die jezt, zu evv’gem Hohn und Schimpf der
Christen,
Die Morenbrut entweiht. Europa ist in Waffen, Und löste* jedes Land mit Krieg zu Aberziehn, JNTur das nicht, wo’s so nugensch einlief IVoth ist.
roo,
Derweil sie ihr gottseliges Gemüth Da auf Vergebungen und Heiligungen Gerichtet hielten, bringt ein Knapp aus Griechenland
Dem Griff-on schlimme Neuigkeit, die ihm, Von seinem frommen Werk und längeren Gelübd Zu unterschieden und zu weit entfernt, Sogleich den Busen lichterloh entzündet,
Und Andacht und Gebet von hinnen scheucht.
ioi.
Der gute Ritter war, zu seinem,Unglük,
In eine Dame, Origill genannt,
4°4
Orlando.
Verliebt, die zwar von Angesicht und Wuchs Unsäglich schön und reizend war, allein- Dabei so schelmisch und verrucht, dass man In Städten und in Flehen überall Durchs feste Land, auf allen Meeresinseln,
JN ach ihres gleichen ganz vergebens suchen würde.
102.
Er hatte sie in Konstantine» s Stadt Am Scharlachsieber schwer erkrankt verlassen. Nun, da er sie auf seiner Rükkehr schöner Als je zu finden hofft und ihrer froh zu werden, Vernimmt der arme Mann, sie sey mit einem Fant Nach Antiochien ihm durchgegangen;
Indem es ihr nicht länger leidlich sey ,
Im frischen Alter so allein zu schlafen.
103.
Von Stund an seufzte Griffon Tag und Nacht Ohn'’ Unterlass/^ - Ein jegliches Vergnügen,
Das Andere belustigt und ergezt,
Scheint ihm die Seele nur noch mehr zu
schmelzen.
Bedenkt es selber, Ihr, an denen Amor Versucht, ob sein Gcschols die rechte Schärfe
hat ! —
) s
FÜNFZEHNTER G 1i s A N Cr. 4° ; *
Und mehr als alles sonst beängsteYs ihn ,
Dass er sich schämt sein Uebel zu gestehen.
io/ v .
- Und dieses zwar, weil mehr als tausendmahl Sein weisrer Bruder Aquilante schon Ihn dieser Liebe halb gescholten hatte,
Und sich bemüht, aus seinem Herzen Die Zu ziehen, so von allen bösen Weibern Auf dieser Welt er für die ärgste hielt.
Griffon entschuldigt sie, wenn jener sie
verdammt ;
Denn selten urtheilt der Verliebte recht. io5.
Deshalb entschloss sich Griffen, ganz geheim Und ohne Knappen sich hinweg zu machen , Nach Anliochien ; um Die dort aufzufangen , Die ihm das Herz aus seiner Brust entwandt, Und am Entführer so entsezlich sich zu rächen Dass man beständig davon reden sollte.
Wie dies geschah, und was sich drauf begab, Will ich im anderen Gesang erzählen.
4 ° 6 .
ANMERKUNGEN.
Stanze 3.
D„er Sieg des Kardinals Hippolito über die Venezianer, von dem im ersten Theil S. i 54 geredet worden ist. ^
Stande 13.
Die Anmerkungen über Ariosts Geograsie spare ich bis gegen Ende dieses Werks auf.
Stanze i 5 .
Da laut der alten Romane und Legenden , fast alle Merkwürdigkeiten der Vorzeit, z. B. Nimrods W äffen , Simsons Eselskinnbaken , Stüke von dem Brod , womit Raben den Profeten Elia fütterten , u. s. w. bis auf die Zeiten der Ritterschaft, und noch späterhin, gekommen sind, so könnte das Horn, welches L ogistilla Astolfen schenkt, leicht eins von den sieben Hörnern seyn , von deren Schall die Mauern von Jericho niederstürzten.
Stanze 21. V. 2.
Das Original sagt neue Argonauten und neue Tifysse.
Alter tum Tiphys et altera quae vehat Argo Delectos heroas —
Virg. Eclog. IV, 34 seq.
Vers 5. Die Einen , die Portugiesen unter VCisco de Gama.
Stanze 22.
Die Andern , die Spanier unter Christoph. Kolon und Vespucci Amerigo.
Stanze 25 .
Karl der 5 te> Sohn Filipps von Oesterreich und Johanna’s , Ferdinands des Katholischen Tochter ; geboren in Gent i5oo.
Stanze 26. V. 5 — 6.
— — jacet extra sidera tellus Extra anni solisque vias, caet.
Virg. Aen. VI. 796 seq.
Stanze 28.
Markese von Peskara, Francesco Ferrante Davolo. Junger Yasto, Alfonso Davolo,
Stanze 34. V. 7.
Das Fürstenthum Amalfo.
Stanze 4°. V. 3 — 8 .
Wie die Amazone Kamilla beim Virgil.
--- cursuque pedum prevertere ventos :
Illa-vel intactae segctis per summa volaret
Gramina , nee teneras ctirsu laesissct aristas;
Vel mare per medium , fluctu suspensa tumenti, Ferret iter, celeris nec tingueret aequore plantas.
Aen. VII. 807. seqq.
Stanze 49-
Man vergl. mit Kaiigor anten. Virgils Cacus , Aen. VIII. 19Z seqq.
— — — semperque recenti
Caede tepebat humus; foribusque adfixa superbis
Ora virütn tristi pendebant pallida tabo.
Stanze 56.
Venus liebte , wegen der Häßlichkeit ihres Mannes Vulkan, den Kriegsgott Mars , und schlief sehr oft bei ihm. Nun geschah es eines Tages, dass die Sonne sie beisammen sah , indem sie mit ihren Strahlen ins Fenster hinein gukte. Sie verrieth den Handel dem Vulkan, und dieser machte, als ein für Ire flieh er Künstler , ein feines Stahlnez, legte es unsichtbar um das Bett, und fing die Liebenden; worauf er alle Götter herbei rief, und ihnen die Gefangnen zeigte. Die Götter lachten tüchtig über denAnblik, und baten dann den Vulkan, die Liebenden wieder los zu machen, welches er auch that. — Von dem Tag an konnte Venus die Sonne nicht mehr leiden.
Niccolo Eugenico.
)
4°9
Stanze 47-
■J,
Kloris, eine Nymse, in die sich der Wind Zefyr verliebte, und die er so lange verfolgte, bis er sie erhäschte und umarmte ; worauf er sie zu seiner Gemahlin und zur Bliunengöttin machte, als welche sie unter dem Namen Flora verehrt wird. — Von dem was Ariost von ihr erzählt, wussten die alten Mythologen nichts.
Stanze 5g. V. 5.
In der 56s ten Stanze hiess es, dass es unmöglich gewesen wäre, von Vulkans Nez eine Masche aufzuzwiken, und nun löst Astolfo eine Kette davon ab. — Ruscelli meint, der Riese habe gewisse Ketten zum Nez hinzugefügt, so wie man an Garnneze Ziehstrike bindet. — Ich überlasse es den Lesern, dem Ruscelli zu glauben, oder dem Ariost einen von, den Widersprüchen zu verzeihen, die er mit allen romantischen Dichtern vor ihm gemein hat, und die sein Gedicht nicht weniger unterhaltend machen.
Stanze 74 . V. 3 — 4-
Ariost sagt :
L’ombre avtan tolt o ogni vedere attorno Lotto l’incerta, e mal compresa Luna — nach den Versen Virgils :
Ouale per ineertam Lunam, sub luce maligna, Est iter in sylvis, u’oi coelum coudidit utnbra.
Stanze 7g.
Bei den Alten finden sich mehrere solche hezauberte Haare, z. B. beim Nisos , König von Megara, der aber durch Abschneidung seines magischen Haars nur sein Reich verlor ( Ovid Metam. VI11 im Anfang); bei der Dido, der es Iris abschnitt ( Virg. Aen. IV am Ende). Eine ähnliche Bewandtnis hatte es schon mit Simsons Haarlohen.
Simon Fornari meldet , dass Jlriost unter dem Orrilo , einen berühmten Alchymisten, so wie unter dem Kaligorant einen Kezer und Sofisten seiner Zeit verstehe, welcher leztere, zur grossen Freude der geistlichen Fabrik der Kirche Christi (di grau giova- mento alla fabrica spiritual della Ghiesa di Christo), endlich bekehrt worden sey. — Ich weils nicht, woher Fornari diese Nachrichten hat ; aber von einer gesunden Kritik gewiss nicht.
Stanze 98. V. 5 — 8 .
Der Ritter, von dem diese Verse reden, ist der berühmte Patron der Ritterschaft, der heilige Jürgen. Dieser kam eines Tages nach JLibyen in Afrika, wo an einem See ein ent- sezlicher Drachen oder Lindwurm war. Der See lag nahe bei einer Stadt, Silena genannt. Alle Tage wurden dem Lindwurm zwei Schafe gebracht, die er frais. Da er nun fast alle
Schafe gefressen hatte, so sahn die Bürger von Silena sich genöthigt, ihm alle Tage ein Schaf nnd eins von ihren Kindern zu bringen. Die Kinder wurden durchs Loos gewählt; und als auch fast alle ihre Kinder , Sühne und Töchter verzehrt waren , so kam die Reihe an die einzige Tochter des Königs. Sie ward dem Drachen vorgesezt. Aber da kam Sankt Jürgen. an den See, sah die Prinzessin, und rannte seinen Spiess auf den Lindwurm. Er stach ihn in den Leib, und gab ihn dann gebunden der Prinzessin, die ihn hinter sich drein in die Stadt führte. Sankt Jürgen ritt neben ihr her, und bekehrte und taufte alles Volk von Silena, jung und alt. Als er hierauf weiter reiste, fiel er dem Dacian , dem Statthalter Kaiser Dio- klezians, in die Hände, der ihm die Märtyrerkrone aufsezte.
r- N r»
Zentralbibliothek Zürich
ZM01653534
$*- 9
>*/•**''
€
'L