libris ( 5 omno ^ Ferdinand Meuer -77?',-'s,' -EZWWM H. Heines sämmtliche Werke Heinrich Heine's sämmtliche Werke. vierzehnter Land. Vermischte Schriften. Zweiter Theil. Hamburg. Hosfinann und Eampe. 1868 . Vermischte Schriften von Heinrich Keine. Zweiter Chris. Hamburg. tzofsmann und Campe. 1868 . I n k !t l 1. Vermischte Schriften. Seite Einleitung zu „Kahldorf über den Adel".3 Vorrede zum ersten Bande des „Salon".31 Ueber den Denuncianten.49 Der Schwabenspiegel.61 Einleitung zur Prachtausgabe des „Don Quixote" . . 109 Vorwort zu A. Weill's „Sittengemälden aus dem elsäs- stschen Volksleben".147 Thomas Reynolds.155 Ludwig Marcus. Denkworte.179 Geständnisse.207 Vermischte Schriften. Heine'S Werke. Bd. XIV. Einleitung zu ,Kahldorf über den Adel, in Briefen an den Grafen M. von Moltke." ( 1831 .) 1 * Der gallische Hahn hat jetzt zum zweiten Male gekräht, und auch in Deutschland wird es Tag. In entlegene Klöster, Schlösser, Hansestädte und dergleichen letzte Schlupfwinkel des Mittelalters flüchten sich die unheimlichen Schatten und Gespenster, die Sonnenstrahlen blitzen, wir reiben uns die Augen, das holde Licht dringt uns ins Herz, das wache Leben umrauscht uns, wir sind erstaunt, wir befragen einander: — Was thaten wir in der vergangenen Nacht? Nun ja, wir träumten in unserer deutschen Weise, d. h. wir philosophierten. Zwar nicht über die Dinge, die uns zunächst betrafen oder zunächst passierten, sondern wir philosophierten über die Realität der Dinge an und für sich, über die letzten Gründe der Dinge und ähnliche metaphysische 6 und transcendentale Träume, wobei uns der Mordspektakel der westlichen Nachbarschaft zuweilen recht störsam wurde, ja sogar recht verdrießlich, da nicht selten die französischen Flintenkugeln in unsere philosophischen Systeme hineinpfiffen und ganze Fetzen davon fortfegten. Seltsam ist es, dass das praktische Treiben unserer Nachbarcn jenseits des Rheins dennoch eine eigene Wahlverwandtschaft hatte mit unserem philosophischen Träumen im geruhsamen Deutschland. Man vergleiche nur die Geschichte der französischen Revolution mit der Geschichte der deutschen Philosophie, und man sollte glauben: die Franzosen, denen so viel' wirkliche Geschäfte oblagen, wobei sie durchaus wach bleiben mussten, hätten uns Deutsche ersucht, unterdessen für sie zu schlafen und zu träumen, und unsere deutsche Philosophie sei nichts Anders, als der Traum der französischen Revolution. So hatten wir den Bruch mit dem Bestehenden und der Überlieferung im Reiche des Gedankens, eben so wie die Franzosen im Gebiete der Gesellschaft, um die Kritik der reinen Vernunft sammelten sich unsere philosophischen Jakobiner, die Nichts gelten ließen, als was jener Kritik Stand hielt, Kant war unser Robespicrre. — Nachher kam Fichte mit seinem Ich, der Napol'eon der Philosophie, die höchste 7 Liebe und der höchste Egoismus, die Alleinherrschaft des Gedankens, der souveräne Wille, der ein schnelles Universalreich improvisierte, das eben so schnell wieder verschwand, der despotische, schauerlich einsame Idealismus. — Unter seinem konsequenten Tritte erseufzten die geheimen Blumen, die von der Kantischen Guillotine noch verschont geblieben oder seitdem unbemerkt hervorgeblüht waren, die unterdrückten Erdgeister regten sich, der Boden zitterte, die Kontrerevolution brach aus, und unter Schelling erhielt die Vergangenheit mit ihren traditionellen Interessen wieder Anerkenntnis, sogar Entschädigung, und in der neuen Restauration, in der Naturphilosophie, wirthschafteten wieder die grauen Emigranten, die gegen die Herrschaft der Vernunft und der Idee beständig intriguiert, der Mysticismus, der Pietismus, der Jesuitismus, die Legitimität, die Romantik, die Deutschtümelei, die Gemüthlichkeit — bis Hegel, der Orleans der Philosophie, ein neues Regiment begründete oder vielmehr ordnete, ein eklektisches Regiment, worin er freilich selber wenig bedeutet, dem er aber an die Spitze gestellt ist, und worin er den alten Kantischen Jakobinern, den Fichte'schen Bonapartisten, den Schelling'schen Pairs und seinen eignen Kreaturen eine feste, verfassungsmäßige Stellung anweist. 8 In der Philosophie hatten wir also den großen Kreislauf glücklich beschlossen, und es ist natürlich, dass wir jetzt zur Politik übergehen. Werden wir hier dieselbe Methode beobachten? Werden wir mit dem System des Ooruitö clo salut ^ulllirzuc, oder mit dem System des Oräro IsKal den Kursus eröffnen?*) Diese Fragen durchzittern alle Herzen, und wer etwas Liebes zu verlieren hat, und sei es auch nur den eigenen Kopf, flüstert bedenklich: Wird die deutsche Revolution eine trockne sein oder eine nassrothe-? Aristokraten und Pfaffen drohen beständig mit den Schreckbildern .aus den Zeiten des Terrorismus, Liberale und Humanisten versprechen uns dagegen die schönen Scenen der großen Woche und ihrer friedlichen Nachfeier; — beide Parteien täuschen sich oder wollen Andere täuschen. Denn nicht weil die französische Revolution in den neunziger Jahren so blutig und entsetzlich, vorigen Juli aber so menschlich und schonend war, lässt sich folgern, dass eine Revolution in Deutschland eben so den einen oder den andern Charakter annehmen müsse. *) Bis hieher ist diese Vorrede in dem »Lvsrtisss- msnt äs I'öäitsur" zur ältesten Auflage des Buches „vo In I?r»nes" abgedruckt. Der Herausgeber. 9 Nur wenn dieselben Bedingnisse vorhanden sind, lassen sich dieselben Erscheinungen erwarten. Der Charakter der französischen Revolution war aber zu jeder Zeit bedingt von dem moralischen Zustande des Volks, und besonders von seiner politischen Bildung. Vor dem ersten Ausbrnch der Revolution in Frankreich gab es dort zwar eine schon fertige Civilisation, aber doch nur in den höheren Ständen und hie und da im Mittelstand; die unteren Klassen waren geistig verwahrlost, und durch den engherzigsten Despotismus von jedem edlen Emporstreben abgehalten. Was aber gar politische Bildung betrifft, so fehlte sie nicht nur jenen unteren, sondern auch den oberen Klassen. Alan wusste damals nur von kleinlichen Manövers zwischen rivalisierenden Korporationen, von wechselseitigem Schwüchungssystcme, von Traditionen der Routine, von doppeldeutigen Formelkünsten, von Maitresseneinfluss und dergleichen Staatsmi- svre. Montesquieu hatte nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl Geister geweckt. Da er immer von einem historischen Standpunkte ausgeht, gewann er wenig Einfluss auf die Massen eines enthusiastischen Volks, das am empfänglichsten ist für Gedanken, die ursprünglich und frisch aus dem Herzen quellen, wie in den Schriften Ronsseau's. Als aber Dieser, 10 der Hamlet von Frankreich, der den zürnenden Geist erblickt und die argen Gemüther der gekrönter Giftmischer, die gleißende Leerheit der Schranzen, die läppische Lüge der Hofetikette und die gemeinsame Fäulnis durchschaute und schmerzhaft ausrief: „Die Welt ist aus ihren Fugen getreten, weh' mir, dass ich sie wieder einrichten soll!" als Jean Jacques Rousseau halb mit verstelltem, halb mit wirklichem Verzweiflungswahnsinn seine große Klage und Anklage erhob; — als Voltaire, der Lucian des Christenthums, den römischen Priestcrtrug und das darauf gebaute göttliche Recht des Despotismus zu Grunde lächelte; — als Lafahettc, der Held zweier Welten und zweier Jahrhunderte, mit den Argonauten der Freiheit aus Amerika zurückkehrte und die Idee einer freien Konstitution, das goldene Fließ, mitbrachte; — als Necker rechnete und Sicyes definierte und Mirabcau redete, und die Donner der konstituierenden Versammlung über die welke Monarchie und ihr blühendes Deficit da- hinrollten, und neue ökonomische und staatsrechtliche Gedanken, wie plötzliche Blitze, emporschössen: — da mussten die Franzosen die große Wissenschaft der Freiheit, die Politik, erst erlernen, und die ersten Anfangsgründc kamen ihnen theuer zu stehen, und es kostete ihnen ihr bestes Blut. 11 Dass aber die Franzosen so theures Schulgeld bezahlen mussten, Das war die Schuld jener blödsinnig lichtscheuen Despotie, die, wie gesagt, das Volk in geistiger Unmündigkeit zu erhalten gesucht, alle staatswissenschaftliche Belehrung hintertrieben, den Jesuiten und Obskuranten der Sorbonne die Büchercensur übertragen, und gar die periodische Presse, das mächtigste Beförderungsmittel der Volksintelligenz, aufs lächerlichste unterdrückt hatte. Man lese nur in Mercier's NaUisan cis Unris den Artikel über die Censur vor der Revolution, und man wundert sich nicht mehr über jene krasse politische Unwissenheit der Franzosen, die nachher zur Folge hatte, dass sie von den neuen politischen Ideen mehr geblendet als erleuchtet, mehr erhitzt als erwärmt wurden, dass sie jedem Pamphle- tisten und Journalisten aufs Wort glaubten, und dass sie von jedem Schwärmer, der sich selbst betrog, und jedem Intriganten, den Pitt besoldete, zu den ausschweifendsten Handlungen verleitet werden konnten. Das ist ja eben der Segen der Press- freihcit, sie raubt der kühnen Sprache des Demagogen allen Zauber der Neuheit, das leidenschaftlichste Wort neutralisiert sie durch eben so leidenschaftliche Gegenrede, und sie erstickt in der Geburt schon die Lügengerüchtc, die, von Zufall oder Bos- 12 heit gesäct, so tödlich frech emporwuchern im Ber- borgencn, gleich jenen Giftpflanzen, die mir in dunklen Waldsümpfen und in Schatten alter Burgund Kirchentrümmer gedeihen, im hellen Sonnenlichte aber elendig und jämmerlich verdorren. Freilich, das helle Sonnenlicht der Pressfreiheit ist für den Sklaven, der lieber im Dunkeln die allerhöchsten Fußtritte hinnimmt, eben so fatal wie für den Despoten, der seine einsame Ohnmacht nicht gern beleuchtet sieht. Es ist wahr, dass die Censur solchen Leuten sehr angenehm ist. Aber es ist nicht weniger wahr, dass die Censur, indem sie einige Zeit dem Despotismus Borschub leistet, ihn am Ende mitsammt dem Despoten zu Grunde richtet, dass dort, wo die Jdcengnillotine gcwirthschaftet, auch bald die Menschcnccnsur eingeführt wird, dass derselbe Sklave, der die Gedanken hinrichtet, späterhin mit derselben Gelassenheit^) seinen eigenen Herr» ausstrcicht aus dem Buche des Lebens. *) Hier folgt im Originalmanuscript die häufig bis zur Unlescrlichkeit durchstricheue Stelle: „das Heulers»» auch an Mensche» verrichten werde, und dass Monsieur Sanson, als er Se. allerchristlichste Majestät, den König von Frankreich, aus dem Buche des Lebens ausstrich, nur als natürlicher Nachfolger den Censor von Paris im Handwerk ablöste. 13 Ach! diese Gcisteshenker machen uns selbst zu Verbrechern, und der Schriftsteller, der wie eine Gebärerin während des Schreibens gar bedenklich aufgeregt ist, begeht in diesem Zustande sehr oft einen Gcdankenkindcrmord, eben aus wahnsinniger Dieser Wahrheit bin ich jüngst in der grauenhaftesten Weise bewusst geun eben, als die Unruhen, die Europa bewegen, auch bis in die Statt meines zufälligen Aufenthalts gedrungen waren und ich die heidnische Wildheit entzügelter Volksmasseu in der Nähe betrachtete. Es blieb, Gotftob! nur bei Steinwürfen und Fenstergellirre, und des andern Tags war schon Alles wieder beschwichtigt durch die- -unter dem: „Ein' feste Burg ist unser Gott"- -gefunden hatten. Ich aber verbrachte sehr schlecht die Nacht, als jene Unruhen vorfielen, ich konnte nicht einschlafen vor lauter Re< volutionsg/enelgedanken, und dachte beständig an Ludwig XVl., und dann auch an Karl I., und grübelte nach, wer wohl der vcrlarvte Scharfrichter gewesen sei, der ihn geköpft hat, und als ich einschlief, träumte mir, ich stände unter einer brausenden Volksmenge, die nach einem großen Hause emporgaffte, das ungefähr wie Whitehall aussah, und vor dessen Fenstern sich ein schu arzes Gerüste erhob, wo auf einer schwarzen-ein weißes-Haupt lag, und siehe! als der verlarvte Scharfrichter zu einem Streiche auslangen wollte, entfiel ihm die Maske, und zum Vorschein kam eines wohlbekannten-7 — wohlbekanntes --Gesicht." 14 Angst vor dem Richtschwertc des Censors. Ich selbst unterdrücke in diesem Augenblick einige neugeborene unschuldige Betrachtungen über die Geduld und Seelenruhe, womit meine lieben Landsleute schon seit so vielen Jahren ein Geistcrmordgcsetz ertragen, das Polignac in Frankreich nur zu promulgieren brauchte, um eine Revolution hervorzubringen. Ich spreche von den berühmten Ordonnanzen, deren bedenklichste eine strenge Censur der Tagesblättcr anordnete und alle edle Herzen in Paris mit Entsetzen erfüllte — die friedlichsten Bürger griffen zu den Waffen, man barrikadierte die Gassen, man focht, man stürmte, es donnerten die Kanonen, es heulten die Glocken, es pfiffen die bleiernen Nachtigallen, die junge Brüt des todten Adlers, die Looks xol^- tsokiniHns, flatterte aus dem Neste mit Blitzen in den Krallen, alte Pelikane der Freiheit stürzten in die Bajonette und nährten mit ihrem Blute die Begeisterung der Jungen, zu Pferde stieg Lafayette, der Unvergleichliche, dessen Gleichen die Natur nicht mehr als einmal erschaffen könnte, und den sie dcsshalb in ihrer ökonomischen Weise für zwei Welten und für zwei Jahrhunderte zu benutzen sucht — und nach drei heldenmüthigen Tagen lag die Knechtschaft zu Boden mit ihren rothen Schergen und ihren weißen Liljen; und die heilige Drei-- 15 farbigkeit, umstrahlt von dcr Glorie des Sieges, wehte über dem Kirchthurm Unserer lieben Frauen von Paris! Da geschahen keine Greuel, da gab'S kein muthwilliges Morden, da erhob sich keine allcr- christlichste Guillotine, da trieb man keine grässlichen Späße, wie z. B. bei jener famosen Rückkehr von Versailles, als man, gleich Standarten, die blutigen Köpfe der Herren von Deshuttes und von Varicourt voraustrug und in Sevres still hielt, um sie dort von einem Citoyen-Perruquier abwaschen und hübsch frisieren zu lassen. — Nein, seit jener Zeit, schaurigen Angedenkens, hatte die französische Presse das Volk von Paris für bessere Gefühle und minder blutige Witze empfänglich gemacht, sie hatte die Ignoranz ausgejätet aus den Herzen und Intelligenz hineingesäet, die Frucht eines solchen Samens war die edle, legendenartige Mäßigung und rührende Menschlichkeit des Pariser Volks in der großen Woche — und, in der That! wenn Polignac späterhin nicht auch Physisch den Kopf verlor, so verdankt er.es einzig und allein den milden Nachwirkungen derselben Pressfreiheit, die er thörichterweise unterdrücken wollte. So erquickt der Sandelbaum mit seinen lieblichsten Düften eben jenen Feind, dcr frevelhaft seine Rinde verletzt hat. 16 Ich glaube mit diesen flüchtigen Bemerkungen genugsam angedeutet zu haben, wie jede Frage über den Charakter, den die Revolution in Deutschland annehmen möchte, sich in eine Frage über den Zustand der Civilisation und der politischen Bildung des deutschen Volks verwandeln muss, wie diese Bildung ganz abhängig ist von der Pressfreiheit, und wie es unser ängstlichster Wunsch sein muss, dass durch letztere bald recht viel Licht verbreitet werde, ehe die Stunde kommt, wo die Dunkelheit mehr Unheil stiftet als die Leidenschaft, und Ansichten und Meinungen, je weniger sie vorher erörtert und besprochen worden, um so grauenhaft stürmischer auf die blinde Menge wirken und von den Parteien als Losungsworte benutzt werden. „Die bürgerliche Gleichheit" könnte jetzt in Deutschland, eben so wie einst in Frankreich, das erste Losungswort der Revolution werden, und der Freund des Vaterlandes darf wohl keine Zeit versäumen, wenn er dazu beitragen will, dass die Streitfrage „über den Adel" durch eine ruhige Erörterung geschlichtet oder ausgeglichen werde, ehe sich ungefüge Disputanten einmischen mit allzu- schlagcnden Beweisthümern, wogegen weder die Ket- tenschlüsse der Polizei, noch die schärfsten Argumente der Infanterie und Kavallerie, nicht einmal die 17 DItima ratio rsZis, die sich leicht in eine Ultimi ratio rs§is verwandeln könnte, Etwas auszurichten vermöchten. In dieser trüben Hinsicht erachte ich die Herausgabe gegenwärtiger Schrift für ein verdienstliches Werk. Ich glaube, der Ton der Mäßigung, der darin herrscht, entspricht dem angedeuteten Zwecke. Der Verfasser bekämpft mit indischer Geduld eine Broschüre, betitelt: „Über den Adel und dessen Verhältnis zum Bürgerstandc. Von dem Grafen M. v. Moltke, königl. dänischem Kammerherrn und Mitgliede des Obergcrichts zu Gottorsf. Hamburg, bei Perthes und Besser. 1830." Doch wie in dieser Broschüre, so ist auch in der Entgegnung das Thema keineswegs erschöpft, und die Hin- und Widerrede betrifft nur den allgemeinen, so zu sagen dogmatischen Theil der Streitfrage. Der hochgeborene Kämpe sitzt auf seinem Turnierross und behauptet keck die mittelalterliche Zote, dass durch adlige Zeugung ein besseres Blut entstehe als durch gemein bürgerliche Zeugung, er vertheidigt die Gebnrtsprivilegien, das Vorzugsrecht bei einträglichen Hof-, Gesandtschafts- und Waffenämtern, womit man den Adligen dafür belohnen soll, dass er sich die große Mühe gegeben hat, geboren zu werden, und so weiter; — dagegen Heine'S A>e:!c. Bd. XIV >2 18 erhebt sich ein Streiter, der Stück vor Stück jene bestialischen und aberwitzigen Behauptungen und die übrigen noblen Ansichten herunterschlägt, und die Wahlstätte wird bedeckt mit den glänzenden Fetzen des Borurtheils und den Wappentrümmern altadliger Insolenz. Dieser bürgerliche Ritter kämpft gleichsam mit geschlossenem Visier, das Titelblatt dieser Schrift bezeichnet ihn nur mit erborgtem Namen, der vielleicht späterhin ein braver Nom äs xusrrs wird. Ich weiß selbst Wenig mehr von ihm zu sagen, als dass sein Vater ein Schwertfeger war und gute Klingen machte. Dass ich selbst nicht der Verfasser dieser Schrift bin, sondern sie nur zum Druck befördere, brauche ich wohl nicht erst ausführlich zu betheuern. Ich hätte nimmermehr mit solcher Mäßigung die adeligen Prätensioncn und Erblügen diskutieren können. Wie heftig wurde ich einst, als ein niedliches Gräf- chcn, mein bester Freund, während wir auf der Terrasse eines Schlosses spazieren gingen, die Bes- serblütigkeit des Adels zu beweisen suchte! Indem wir noch disputierten, beging sein Bedienter ein kleines Versehen, und der hochgeborene Herr schlug dem nicdriggeborcncn Knechte ins Gesicht, dass das unedle Blut hervorschoss, und stieß ihn noch obendrein die Terrasse hinab. Ich war damals zehn 19 Jahr' jünger, und warf den edlen Grafen sogleich ebenfalls die Terrasse hinab — es war mein bester Freund, und er brach ein Bein. Als ich ihn nach seiner Genesung wiedersah — er hinkte nur noch ein bisschen — war er doch noch immer von seinem Adelstölze nicht kuriert und behauptete frischweg: der Adel sei als Vermittler zwischen Volk und König eingesetzt, nach dem Beispiele Gottes, der zwischen sich und den Menschen die Engel gesetzt hat, die seinem Throne zunächst stehen, gleichsam ein Adel des Himmels. Holder Engel, antwortete ich, gehe mal einige Schritte auf und ab — Er that es — und der Vergleich hinkte. Eben so hinkend ist ein Vergleich, den der Graf Moltke in derselben Beziehung mittheilt. Um seine Weise durch ein Beispiel zu zeigen, will ich seine eignen Worte hersetzen: „Der Versuch, den Adel aufzuheben, in welchem sich die flüchtige Achtung zu einer dauernden Gestalt verkörpert, würde den Menschen isolieren, würde ihn auf eine unsichere Höhe erheben, der es an den nöthigen Bindungsmitteln an die untergeordnete Menge fehlt, würde ihn mit Werkzeugen seiner Willkür umgeben wodurch, wie sich Dieses im Oriente so oft gezeigt, die Existenz des Herrschers in eine gefahrvolle Lage geräth. Burke nennt den Adel das korinthische Ka- 20 Pital wohlgeordneter Staaten, und dass hierin nicht bloß eine rednerische Figur zu suchen, dafür bürgt der erhabene Geist dieses außerordentlichen Mannes, dessen ganzes Leben dem Dienste einer vernünftigen Freiheit gewidmet war." Durch dasselbe Beispiel ließe sich zeigen, wie der edle Graf durch Halbkenntnisse getäuscht wird. Burken nämlich gebührt keineswegs das Lob, das er ihm spendet; denn ihm fehlt jene Oonsistsnv^, welche die Engländer für die erste Tugend eines Staatsmannes halten. Burke besaß nur rhetorische Talente, womit er in der zweiten Hälfte seines Lebens die liberalen Grundsätze bekämpfte, denen er in der ersten Hälfte gehuldigt hatte. Ob er durch diesen Gesinnungswechsel die Gunst der Großen er- kriechen wollte, ob Sheridan's liberale Triumphe in St. Stephan aus Depit und Eifersucht ihn bestimmten, als Dessen Gegner jene mittelalterliche Vergangenheit zu verfechten, die ein ergiebigeres Feld für romantische Schilderungen und rednerische Figuren darbot, ob er ein Schurke oder ein Narr war, Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass es immer verdächtig ist, wenn man zu Gunsten der regierenden Gewalt seine Ansichten wechselt, und dass man dann immer ein schlechter Gewährsmann bleibt. Ein Mann, der nicht in diesem Falle ist, 21 sagte einst: „Die Adligen sind nicht die Stützen, sondern die Karyatiden des Thrones." Ich denke, dieser Vergleich ist richtiger, als der von dem Kapital einer korinthischen Säule. Überhaupt, wir wollen letzteren so viel als möglich abweisen; es könnten sonst einige wohlbekannte Kapitalisten den kapitalen Einfall bekommen, sich anstatt des Adels als korinthisches Kapital der Staatssäulcn zu erheben. Und Das wäre gar der allerwiderwärtigstc Anblick. Doch ich berühre hier einen Punkt, der erst in einer späteren Schrift beleuchtet werden soll; der besondere, praktische Theil der Streitfrage über den Adel mag alsdann ebenfalls seine gehörige Erörterung finden. Denn, wie ich schon oben angedeutet, gegenwärtige Schrift befasst sich nur mit dem Grundsätzlichen, sie bestreitet Rechtsansprüche, und sie zeigt nur, wie der Adel im Widerspruch ist mit der Vernunft, der Zeit und mit sich selbst. Der besondere, praktische Theil betrifft aber jene siegreichen Anmaßungen und faktischen Usurpationen des Adels, wodurch er das Heil der Völker so sehr bedroht und täglich mehr und mehr untergräbt Ja, es scheint mir, als glaube der Adel selbst nicht an seine eignen Prätcnsionen, und schwatze sie bloß hin als Köder für bürgerliche Polemik, die sich 22 damit beschäftigen möge, damit ihre Aufmerksamkeit und Kraft abgeleitet werde von der Hauptsache. Diese besteht nicht in der Institution des Adels als solchen, nicht in bestimmten Privilegien, nicht in Frohn-, Handdienst-, Gerichts- und anderen Gerechtigkeiten und allerlei herkömmlichen Realbe- freiungen; die Hauptsache besteht vielmehr in dem unsichtbaren Bündnisse aller Derjenigen, die so und so viel' Ahnen auszuweisen haben, und die stillschweigend die Übereinkunft getroffen haben, sich aller leitenden Macht der Staaten zu bemächtigen, indem sie, gemeinschaftlich die bürgerlichen Rotü- riers zurückdrängend, fast alle höhere Officierstellen und durchaus alle Gesandtschaftsposten an sich bringen. Solchermaßen können sie die Völker durch ihre untergebenen Soldaten in Respekt halten und durch diplomatische Verhetzungskünste zwingen, gegen einander zu fechten, wenn sie die Fessel der Aristokratie abschütteln oder zu diesem Zwecke fraternisierend sich verbünden möchten. Seit dem Beginn der französischen Revolution steht solcherweise der Adel auf Kriegsfuß gegen die Völker, und kämpfte öffentlich oder geheim gegen das Princip der Freiheit und Gleichheit und dessen Vertreter, die Franzosen. Der englische Adel, der durch Rechte und Besitzthümer der mächtigste war, 23 wurde Bannerführer der europäischen Aristokratie, , und John Bull bezahlte dieses Ehrenamt mit seinen besten Guineen und siegte sich bankerott. Während des Friedens, der nach jenem kläglichen Sieg erfolgte, führte Östreich das noble Banner, und besorgte die Adelsinteressen, und auf jedem feigen Verträglein, das gegen den Liberalismus geschlossen wurde, prangt obenan das wohlbekannte Siegellack, und, wie ihr unglücklicher Anführer, wurden auch die Völker selber in strengem Gewahrsam gehalten, ganz Europa wurde ein Sankt Helena, und Met- ternich war dessen Hudson Löwe. Aber nur an dem sterblichen Leib der Revolution konnte man sich rächen, nur jene menschgewordene Revolution, die mit Stiefel und Sporen und bespritzt mit Schlachtfeldblut zu einer kaiserlichen Blondine ins Bett gestiegen und die weißen Laken von Habsburg befleckt hatte, nur jene Revolution konnte man an einem Diagenkrebse sterben lassen; der Geist der Revolution ist jedoch unsterblich und liegt nicht unter den Trauerweiden von Longwood, und in dem großen Wochenbette des Ende Juli wurde die Revolution wiedergeboren, nicht als einzelner Mensch, sondern als ganzes Volk, und in dieser Vvlkwerdung spottet sie des Kerkermeisters, der vor Schrecken das Schlüsselbund aus den Händen sal- 24 len lässt. Welche Verlegenheit für den Adel! Er hat sich freilich in der langen Fricdenszeit etwas erholt von den früheren Anstrengungen, und er hat seitdem als stärkende Kur täglich Eselsmilch getrunken, und zwar von der Eselin des Papstes; doch fehlt es ihm immer noch an hinlänglichen Kräften zu einem neuen Kampfe. Der englische Bull kann jetzt am wenigsten den Feinden die Spitze bieten, wie früherhin; denn Der ist am meisten erschöpft, und durch das beständige Ministerwechselfieber fühlt er sich matt in allen Gliedern, und es ist ihm eine Radikalkur, wo nicht gar die Hungerkur, verordnet, und das injicierte Irland soll ihm noch obendrein amputiert werden. Östreich fühlt sich ebenfalls nicht heroisch aufgelegt, den Aga- memnon des Adels gegen Frankreich zu spielen; Staberle zieht nicht gern die Kriegsuniform an und weiß sehr gut, dass seine Parapluies nicht gegen Kugelregen schützen, und dabei schrecken ihn auch jetzt die Ungarn mit ihren grimmigen Schnurr- bärten, und in Italien muss er vor jedem enthusiastischen Citronenbaum eine Schildwache stellen, und zu Hause muss er Erzherzoginnen zeugen, um im Nothfall das Nngethüm der Revolution damit abzuspeisen — „Das bringt ein Viech um/' sagt Staberle. 25 Aber in Frankreich flammt immer mächtiger die Sonne der Freiheit und überlcuchtet die ganze Welt mit ihren Strahlen — Aber sie dringt täglich weiter, die Idee eines Bürgerkönigs ohne Hof- , etikctte, ohne Edelknechte, ohne Kourtisanen, ohne Kuppler, ohne diamantnc Trinkgelder und sonstige Herrlichkeit — Aber die Pairskammer betrachtet man schon als ein Lazareth für die Inkurablen des alten Regimes, die man nur noch aus Mitleiden toleriert und mit der Zeit ebenfalls fortschafft — Seltsame Umwandlung! in dieser Noth wendet sich der Adel an denjenigen Staat, den er in der letzten Zeit als den ärgsten Feind seiner Interessen betrachtet und gehasst, er wendet sich an Rnssland. Der große Zar, der noch jüngst der Gonfalonicrc der Liberalen war, indem er der feudalistischen Aristokratie feindseligst gegenüberstand und gezwungen schien, sie nächstens zu befehden, eben dieser Zar wird jetzt von eben jener Aristokratie zum Banncrführer erwählt, und er ist genöthigt, ihr Vorkämpfer zu werden. Denn ruht auch der russische Staat auf dem antifeudalistischen Princip einer Gleichheit aller Staatsbürger, denen nicht die Geburt, sondern das erworbene Staatsamt einen Rang ertheilt, so ist doch auf der andern Seite das absolute Zarenthum unverträglich mit den Ideen 26 einer konstitutionellen Freiheit, die den geringsten Unterthan selbst gegen eine wohlthätige fürstliche Willkür schützen kann; — und wenn Kaiser Niko- las I. wegen jenes Princips der bürgerlichen Gleichheit von den Feudalisten gehasst wurde, und obendrein, als offner Feind Englands und heimlicher Feind Östreichs, mit all seiner Macht der faktische Vertreter der Liberalen war, so wurde doch er seit dem Ende Juli der größte Gegner derselben, nachdem deren siegende Ideen von konstitutioneller Freiheit seinen Absolutismus bedrohen, und eben in seiner Eigenschaft als Autokrat weiß ihn die europäische Aristokratie zum Kampfe gegen das frank und freie Frankreich aufzureizen. Der englische Bulk hat sich in einem solchen Kampfe die Hörner abgelaufen, und nun soll der russische Wolf seine Rolle übernehmen. Die hohe Noblesse von Europa weiß schlau genug das Schrecken der moskowitischen Wälder für ihre Zwecke zu benutzen und gehörig abzurichten; und den rauhen Gast schmeichelt es nicht wenig, dass er die Würde des alten, von Gottes Gcnade eingesetzten Königthums verfechten soll gegen Fürstcnlästrer und Adelsleugner, mit Wohlgefallen lässt er sich den mEigen Purpur mantel mit allem Goldflitterkram aus der byzantinischen Verlassenschaft um die Schulter hängen, und er lässt sich vom ehemaligen deutschen Kaiser die abgetragenen heiligen römischen Reichshosen verehren, und er setzt sich aufs Haupt die altfränkische Diamantenmützc Oaroli LIuKiü. — Ach! der Wolf hat die Garderobe der alten Großmutter angezogen, und zerreißt euch, arme Rothkäppchen der Freiheit! Ist es mir doch, während ich Dieses schreibe, als spritzte das Blut von Warschau bis auf mein Papier, und als hörte ich den Freudejubel der Berliner Osficiere und Diplomaten. Jubeln sie etwa zu früh? Ich weiß nicht; aber mir und uns Allen ist so bang vor dem russischen Wolf, und ich fürchte, auch wir deutschen Rothköpfchen fühlen bald Groß- mutters närrisch lange Hände und großes Maul. Dabei sollen wir uns noch obendrein marschfertig halten, um gegen Frankreich zu fechten. Heiliger Gott! Gegen Frankreich? Ja, hurrah! Es geht gegen die Franzosen, und die Berliner Ukasuisten und Knutologen behaupten, dass wir noch dieselben Gott-, König- und Baterlandsretter sind wie Anno 1813, und Körner's „Leier und Schwert" soll wieder neu ausgelegt werden, Fouqus will noch einige Schlachtlieder hinzudichten, der Görres wird den Jesuiten wieder abgekauft, um den „Rheinischen Mer- kur" fortzusetzen, und wer freiwillig den heiligen Kampf mitmacht, kriegt Eichenlaub auf die Mütze und wird „Sie" tituliert und erhält nachher frei Theater oder soll wenigstens als Kind betrachtet werden und nur die Hälfte bezahlen, — und für patriotische Extrabemühungen soll dem ganzen Volke noch extra eine Konstitution versprochen werden. Frei Theater ist immerhin eine schöne Sache, aber eine Konstitution wäre auch so übel nicht. Ja, wir könnten zu Zeiten ordentlich ein Gelüste danach bekommen. Nicht als ob wir der absoluten Güte oder dem guten Absolutismus unserer Monarchen misstrauten; im Gegentheil, wir wissen, es sind lauter charmante Leute, und ist auch mal Einer unter ihnen, der dem Stande Nnehre macht, wie z. B. Se. Majestät der König Don Miguel, so bildet er doch nur eine Ausnahme, und wenn die allerhöchsten Kollegen nicht seinem blutigen Skandal ein Ende machen, wie sie doch leicht könnten, so geschieht es nur, um durch den Kontrast mit solchem gekrönten Wichte noch menschenfreundlich edler dazustehen und von ihren Unterthanen noch mehr geliebt zu werden. Aber eine gute Konstitution hat doch ihr Gutes, und es ist den Völkern gar nicht zu verdenken, wenn sie sogar von den 29 besten Monarchen sich etwas Schriftliches auskitten, wegen Leben und Sterben. Auch handelt ein vernünftiger Vater sehr vernünftig, wenn er einige heilsame Schranken baut vor den Abgründen der souveränen Macht, damit seinen Kindern nicht einst ein Unglück begegne, wenn sie auf dem hohen Pferde des Stolzes und mit prahlendem Junkergefolge allzukeck galoppieren. Ich weiß ein Königskind, das in einer schlechten adligen Reitschule schon iin Voraus die größten Sprünge zu wagen lernt. Für solche Königskinder muss man doppelt hohe Schranken errichten, und man muss ihnen die gold- nen Sporen umwickeln, und es muss ihnen ein zahmeres Ross und eine bürgerlich bescheidnere Genossenschaft zugetheilt werden. Ich weiß eine Jagd- geschichte — bei Sankt Hubert! Und ich weiß auch Jemand, der tausend Thaler Preußisch Courant darum gäbe, wenn sie gelogen wäre. Ach! die ganze Zeitgeschichte ist jetzt nur eine Jagdgeschichte. Es ist jetzt die Zeit der hohen Jagd gegen die liberalen Ideen, und die hohen Herrschaften sind eifriger als je, und ihre uniformierten Jäger schießen auf jedes ehrliche Herz, worein sich die liberalen Ideen geflüchtet, und es fehlt nicht an gelehrten Hunden, die das blutende Wort als 30 gute Beute heranschleppen. Berlin füttert die beste Koppel, und ich höre schon, wie die Meute losbellr gegen dieses Buch. Geschrieben den 8. März 1831. Heinrich Heine. Vorrede zum sten Bande des „Salon/ ( 1833 .) „Ich rathe Euch, Gevatter, lasst mich auf Euer Schild keinen goldenen Engel, sondern einen rothen Löwen malen; ich bin mal dran gewöhnt, und Ihr werdet sehen, wenn ich Euch auch einen goldenen Engel male, so wird er doch wie ein rother Löwe aussehn." Diese Worte eines ehrsamen Kunstgenossen soll gegenwärtiges Buch an der Stirne tragen, da sie jedem Vorwurf, der sich dagegen auffinden ließe, im Voraus und ganz eingeständig begegnen. Damit Alles gesagt sei, erwähne ich zugleich, dass dieses Buch, mit geringen Ausnahmen, im Sommer und Herbst 1831 geschrieben worden, zu einer Zeit, wo ich mich meistens mit den Kartons zu künftigen rothen Löwen beschäftigte. Um mich her war damals viel Gebrülle und Störnis jeder Art. Heine's Wcrle. Bd. X IV. 3 34 Bin ich nicht heute sehr bescheiden? Ihr könnt euch darauf verlassen, die Bescheidenheit der Leute hat immer ihre guten Gründe. Der liebe Gott hat gewöhnlich die Ausübung der Bescheidenheit und ähnlicher Tugenden den Seinen sehr erleichtert. Es ist z. B. leicht, dass man seinen Feinden verzeiht, wenn man zufällig nicht so viel Geist besitzt, um ihnen schaden zu können, so wie es auch leicht ist, keine Weiber zu verführen, wenn man mit einer allzuschäbigeu Nase gesegnet ist. Die Scheinheiligen von allen Farben werden über manches Gedicht in diesem Buche wieder sehr tief seufzen — aber es kann ihnen Nichts mehr helfen. Ein zweites, „nachwachsendes Geschlecht" hat eingesehen, dass all mein Wort und Lied aus einer großen, gottfreudigen Frühlingsidee emporblühte, die, wo nicht besser, doch wenigstens eben so respektabel ist, wie jene triste, modrige Aschermittwochsidee, die unser schönes Europa trübselig ent- blumt und mit Gespenstern und Tartüffen bevölkert hat. Wogegen ich einst mit leichten Waffen frankierte, wird jetzt ein offener ernster Krieg geführt — ich stehe sogar nicht mehr in den ersten Reihen. Gottlob! die Revolution des Zulius hat die Zungen gelöst, die so lange stumm geschienen; ja, da die plötzlich Erweckten Alles, was sie bis dahin 85 verschwiegen, auf einmal offenbaren wollten, so entstand viel Geschrei, welches mir mitunter gar unerfreulich die Ohren betäubte. Ich hatte manchmal nicht übel Lust, das ganze Sprechamt aufzugeben; doch Das ist nicht so leicht thulich wie etwa das Aufgeben einer geheimen StaatSrathstellc, obgleich letztere mehr einbringt, als das beste öffentliche Tribunal. Die Leute glauben, unser Thun und Schaffen sei eitel Wahl, aus dein Borrath der neuen Ideen griffen wir eine heraus, für die wir sprechen und wirken, streiten und leiden wollten, wie etwa sonst ein Philolog sich seinen Klassiker auswählte, mit dessen Kommentierung er sich sein ganzes Leben hindurch beschäftigte — nein, wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns, und knechtet uns, und peitscht uns in die Arena hinein, dass wir, wie gezwungene Gladiatoren, für sie kämpfen. So ist es mit jedem echten Tribunal oder Apostolat. Es war ein wehmüthiges Geständnis, wenn Amos sprach zu König Amazia: „Ich bin kein Prophet, noch keines Propheten Sohn, sondern ich bin ein Kuhhirt, der Maulbeeren abliefet; aber der Herr nahm mich von der Schafherde und sprach zu mir: Gehe hin und weissage!" Es war ein wehmüthiges Geständnis, wenn der arme Mönch, der vor Kaiser und Reich zu Worms angeklagt stand ob seiner Lehre, dennoch, trotz aller Demuth seines Herzens, jeden Widerruf für unmöglich erklärte und mit den Worten schloß: „Hier stehe ich, ich kann nicht am ders, Gott helfe mir, Amen!" Wenn ihr diese heilige Zwingnis kenntet, ihr würdet uns nicht mehr schelten, nicht mehr schmähen, nicht mehr verleumden — wahrlich, wir sind nicht die Herren, sondern die Diener des Wortes. Es war ein wehmüthiges Geständnis, wenn MaxinW lian Robespicrrc sprach: „Ich bin ein Sklave der Freiheit." Und auch ich will jetzt Geständnisse machen. Es war nicht eitel Lust meines Herzens, dass ick Alles verließ, was mir Theures im Vaterland blühte und lächelte — Mancher liebte mich dort, z. B. meine Mutter -— aber ich ging, ohne zu wissen warum; ich ging, weil ich musste. Nachher ward mir sehr müde zu Muthe; so lange vor den Jnliustagcn hatte ich das Prophctenamt getrieben, dass das innere Feuer mich schier verzehrt, dass mein Herz von den gewaltigen Worten, die daraus hervorgebrochen, so matt geworden wie der Leib einer Gebärerin . . . Ich dachte: — Habt meiner nicht mehr nöthig, will auch einmal für mich selber leben, und schöne Gedichte schreiben, Komödien und Novellen, zärt- 37 liehe und heitere Gedankcnspielc, die sich in meinem Hirnkasten angesammelt, und will mich wieder ruhig zurückschleichen in das Land der Poesie, wo ich als Knabe so glücklich gelebt. Und keinen Ort hätte ich wählen können, wo ich besser im Stande war, diesen Vorsatz in Ausführung zu bringen. Es war auf einer kleinen Villa dicht am Meer, nahe bei Havre-de-GrLce in der Normandie. Wunderbar schöne Aussicht auf die große Nordsee, ein ewig wechselnder und doch einfacher Anblick; heute grimmer Sturm, morgen schmeichelnde Stille; und drüberhin die weißen Wolkenzüge, riesenhaft und abenteuerlich, als wären es die spukenden Schatten jener Normannen, die einst aus diesen Gewässern ihr wildes Wesen getrieben. Unter meinem Fenster aber blühten die lieblichsten Blumen und Pflanzen: Rosen, die liebcsüchtig mich anblickten, rothe Nelken mit verschämt bittenden Düften, und Vorderen, die an die Mauer zu mir hcrausrankten, fast bis in mein Zimmer herein- wuchsen, wie jener Ruhm, der mich verfolgt. Ja, einst lief ich schmachtend hinter Daphnc einher, jetzt läuft Daphnc nach mir, wie eine Metze, und drängt sich in mein Schlafgemach. Was ich einst begehrte, ist mir jetzt unbequem, ich möchte Ruhe haben, und wünschte, dass kein Mensch von mir — 88 — spräche, wenigstens in Deutschland*), lind stille Lieder wollte ich dichten, und nur für mich, oder allenfalls um sie irgend einer verborgenen Nachtigall vorzulesen. Es ging auch im Anfang; mein Gemüth ward wieder umfriedet von dem Geist der Dichtkunst, wohlbekannte edle Gestalten und goldne Bilder dämmerten wieder empor in meinem Gedächtnisse, ich ward wieder so tranmselig, so märchen- trunkcn, so verzaubert wie ehemals, und ich brauchte nur mit ruhiger Feder Alles aufzuschreiben, was ich eben fühlte und dachte - ich begann. Nun aber weiß Jeder, dass man bei solcher Stimmung nicht immer ruhig im Zimmer sitzen bleibt, und manchmal mit begeistertem Herzen und glühenden Wangen ins freie Feld läuft, ohne auf Weg und Steg zu achten. So erging's auch mir, und, ohne zu wissen wie, befand ich mich plötzlich auf der Landstraße von Havre, und vor mir her zogen hoch und langsam mehre große Banerwagen, bepackt mit allerlei ärmlichen Kisten und Kasten, altfränkischem Hansgeräthc, Weibern und Kindern. Nebenher gingen die Männer, und nicht gering war meine Überraschung, als ich sie sprechen hörte — *) Die Worte: „wenigstens.in Deutschland." fehlen in den französischen Ausgaben. Der Herausgeber. 39 sie sprachen Deutsch, in schwäbischer Mundart. Leicht begriff ich, dass diese Leute Auswanderet' waren, und als ich sie näher betrachtete, durchzuckte mich ein jähes Gefühl, wie ich es noch nie in meinem Leben empfunden; alles Blut stieg mir plötzlich in die Herzkammern und klopfte gegen die Rippen, als müsse es heraus aus der Brust, als müsse es so schnell als möglich heraus, und der Athem stockte mir in der Kehle. Ja, es war das Vaterland selbst, das mir begegnete, auf jenen Wagen saß das blonde Deutschland, mit seinen ernstblauen Augen, seinen traulichen, allzu bedächtigen Gesichtern, in den Mundwinkeln noch jene kümmerliche Beschränktheit, über die ich mich einst so sehr gelangweilt und geärgert, die mich aber jetzt gar wehmüthig rührte — denn hatte ich einst, in der blühenden Lust der Jugend, gar oft die heimatlichen Verkehrtheiten und Philistereien verdrießlich durchgehechelt, hatte ich einst mit dem glücklichen, bürger- meisterlich gehäbigcn, schneckenhaft trägen Vaterlande manchmal einen kleinen Haushader zu bestehen, wie er in großen Familien wohl vorfallen kann: so war doch all dergleichen Erinnerung in meiner Seele erloschen, als ich das Vaterland in Elend erblickte, in der Fremde, im Elend; selbst seine Gebrechen wurden mir Plötzlich theuer und werth, selbst mit 40 seinen Krähwinkeleien war ich ausgesöhnt, und ich drückte ihm die Hand, ich drückte die Hand jener deutschen Auswanderer, als gäbe ich dem Vaterland selber den Handschlag eines erneuten Bündnisses der Liebe, und wir sprachen Deutsch. Die Menschen waren ebenfalls sehr froh, auf einer fremden Landstraße diese Laute zu vernehmen; die bcsorg- lichen Schatten schwanden von ihren Gesichtern, und sie lächelten beinahe. Auch die Frauen, worunter manche recht hübsch, riefen mir ihr gemüthliches „Griesch di Gott!" vorn Wagen herab, und die jungen Bübli grüßten crröthend höflich, und die ganz kleinen Kinder jauchzten mich an mit ihren zahnlosen lieben Mündchen. Und warum habt ihr denn Deutschland verlassen? fragte ich diese armen Leute. „Das Land ist gut und wären gern dageblieben," antworteten sie, „aber wir kvnnten's nicht länger aushalten" — Nein, ich gehöre nicht zu den Demagogen, die nur die Leidenschaft aufregen wollen, und ich will nicht Alles wiedererzählen, was ich auf jener Landstraße bei Havre unter freien: Himmel gehört habe über den Unfug der hochnobeln und allerhöchst nabeln Sippschaften in der Heimat — auch lag die größere Klage nicht im Wort selbst, sondern im Ton, womit es schlicht und grad gesprochen, oder 41 vielmehr geseufzt wurde. Auch jene armen Leute waren keine Demagogen; die Schlussrede ihrer Klage war immer: „Was sollten wir thun? Sollten wir eine Revolution anfangen?" Ich schwöre es bei allen Göttern des Himmels und der Erde, der zehnte Theil von Dem, was jene Leute in Deutschland erduldet haben, hätte in Frankreich sechsunddreißig Revolutionen hervorgebracht und sechsnnddrcißig Königen die Krone mitsammt dem Kopf geksstct. „Und wir hätten es doch noch ausgehalten und wären nicht fortgegangen," bemerkte ein achtzigjähriger, also doppelt vernünftiger Schwabe, „aber wir thaten es wegen der Kinder. Die sind noch nicht so stark, wie wir, au Deutschland gewöhnt, und können vielleicht in der Fremde glücklich werden; freilich, in Afrika werden sie auch Manches ausstehen müssen." Diese Leute gingen nämlich nach Algier, wo man ihnen unter günstigen Bedingungen eine Strecke Landes zur Kolonisierung versprochen hatte. „Das Land soll gut sein," sagten sie, „aber, wie wir hören, giebt es dort viel' giftige Schlangen, die sehr gefährlich, und man hat dort Viel auszustehen von den Affen, die die Früchte vom Felde naschen oder gar die Kinder stehlen und mit sich in die Wälder 42 schleppen. Das ist grausam. Aber zu Hause ist der Amtmann auch giftig, wenn man die Steuer nicht bezahlt, und das Feld wird Einem von Wildschaden und Jagd noch weit mehr ruiniert, und unsere Kinder wurden unter die Soldaten gesteckt — Was sollten wir thun? Sollten wir eine Revolution anfangen?" Zur Ehre der Menschheit muss ich hier des Mitgefühls erwähnen, das, nach der Aussage jener Auswanderer, ihnen auf ihren Lcidensstatiouen durch ganz Frankreich zu Theil wurde. Die Franzosen sind nicht bloß das geistreichste, sondern auch das barmherzigste Volk. Sogar die Ärmsten suchten diesen unglücklichen Fremden irgend eine Liebe zu erzeigen, gingen ihnen thätig zur Hand beim Aufpacken und Abladen, liehen ihnen ihre kupfernen Kessel zum Kochen, halfen ihnen Holz spalten, Wasser tragen und waschen. Habe mit eigenen Augen gesehen, wie ein französisch Bettelwcib einem armen kleinen Schwäbchen ein Stück von ihrem Brot gab, wofür ich mich auch herzlich bei ihr bedankte. Dabei ist noch zu bemerken, dass die Franzosen nur das materielle Elend dieser Leute kennen; Jene können eigentlich gar nicht begreifen, warum diese Deutschen ihr Vaterland verlassen. Denn wenn den Franzosen die landesherrlichen Placke- 43 reien so ganz unerträglich werden, oder auch nur etwas allzu stark beschwerlich fallen, dann kommt ihnen doch nie in den Sinn, die Flucht zu ergreifen, sondern sie geben vielmehr ihren Drängern den Lauf- pass, sie werfen sie zum Lande hinaus und bleiben hübsch selber im Lande, mit einem Wort: sie fangen eine Revolution an. Was mich betrifft, so blieb mir durch jene Begegnung ein tiefer Kummer, eine schwarze Traurigkeit, eine bleierne Verzagnis im Herzen, dergleichen ich nimmermehr niit Worten zu beschreiben vermag. Ich, der eben noch so übermüthig wie ein Sieger taumelte, ich ging jetzt so matt und krank einher wie ein gebrochener Mensch. Es war Dieses wahrhaftig nicht die Wirkung eines Plötzlich aufgeregten Patriotismus. Ich fühlte, es war etwas Edleres, etwas Besseres. Dazu ist mir seit langer Zeit Alles fatal, was den Namen Patriotismus trägt. Ja, es konnte mir einst sogar die Sache selber einigermaßen verleidet werden, als ich den Mummenschanz jenrr schwarzen Narren erblickte, die aus dem Patriotismus ordentlich ihr Handwerk gemacht, und sich auch eine angemessene Handwerkstracht zugelegt und sich wirklich in Meister, Gesellen und Lehrlinge eingetheilt, und ihre Zunft- grüße hatten, womit sie im Lande fechten gingen. 44 Ich sage „Fechten" im schmutzigsten Knotensinne; denn das eigentliche Fechten mit dem Schwerte gehörte nicht zu ihren Handwerksbräuchen. Vater Iahn, der Herbergvatcr Zahn, war im Kriege, wie män- niglich bekannt, eben so feige wie albern. Gleich dem Meister, waren auch die meisten Gesellen nur gemeine Naturen, schmierige Heuchler, deren Grobheit nicht einmal echt war. Sie wussten sehr gut, dass deutsche Einfalt noch immer die Grobheit für ein Kennzeichen des Muthes und der Ehrlichkeit ansieht, obgleich ein Blick in unsere Zuchthäuser hinlänglich belehrt, dass es auch grobe Schurken und grobe Memmen giebt. In Frankreich ist der Muth höflich und gesittet, und die Ehrlichkeit trägt Handschuh' und zieht den Hut ab. In Frankreich besteht auch der Patriotismus in der Liebe für ein Geburtsland, welches auch zugleich die Heimat der Civilisation und des humanen Fortschritts. Ob- gedachtcr deutscher Patriotismus hingegen bestand in einem Hasse gegen die Franzosen, in einem Hasse gegen Civilisation und Liberalismus. Nicht wahr, ich bin kein Patriot, denn ich lobe Frankreich ? Es ist eine eigene Sache mit dem Patriotismus, mit der wirklichen Vaterlandsliebe. Man kann sein Vaterland lieben und achtzig Jahr' dabei alt werden, und es nie gewusst haben; aber man muss dann auch zu Hause geblieben sein. Das Wesen des Frühlings erkennt man erst im Winter, und hinter dem Ofen dichtet man die besten Mailicder. Die Freiheitsliebe ist eine Kerkerblume, und erst im Gefängnisse fühlt man den Werth der Freiheit. So beginnt die deutsche Vaterlandsliebe erst an verdeutschen Grenze, vornehmlich aber beim Anblick deutschen Unglücks in der Fremde. In einem Buche, welches mir eben zur Hand liegt und die Briefe einer verstorbenen Freundin enthält, erschütterte mich gestern die Stelle, wo sie in der Fremde den Eindruck beschreibt, den der Anblick ihrer Landslente im Kriege 1813 in ihr hervorbrachte. Ich will die lieben Worte hierhersetzen: „Den ganzen Morgen hab' ich häufige, bittere Thränen der Rührung und Kränkung geweint! O, ich habe es nie gewusst, dass ich mein Land so liebe! Wie Einer, der durch Physik den Werth des Blutes etwa nicht kennt; — wenn man's ihm abzieht, wird er doch hinstürzen." Das ist es. Deutschland, Das sind wir selber. Und darum wurde ich plötzlich so matt und krank beim Anblick jener Auswanderer, jener großen Blutströme, die aus den Wunden des Vaterlandes rinnen und sich in den afrikanischen Sand verlieren. 46 Das ist es; es war wie ein leiblicher Verlust, und ich fühlte in der Seele einen fast physischen Schmerz. Vergebens beschwichtigte ich mich mit vernünftigen Gründen: Afrika ist auch ein gutes Land, und die Schlangen dort züngeln nicht Viel von christlicher Liebe, und die Affen dort sind nicht so widerwärtig wie die deutschen Affen — und znr Zerstreuung summte ich mir ein Lied vor. Zufällig aber Wales das alte Lied von Schnbart: Wir sollen über Land und Meer Ins heiße Afrika. An Deutschlands Grenzen füllen wir Mit Erde noch die Hand, Und küssen sie — Das sei dein Dank Für Schirmuug, Pflege, Speis' und Trank, Du liebes Vaterland!" Nur diese Worte des Liedes, das ich in meiner Kindheit gehört, blieben immer in meinem Gedächtnis, und sie traten mir jedesmal in den Sinn, wenn ich an Deutschlands Grenze kam. Von dem Verfasser weiß ich auch nur wenig, außer dass er ein armer deutscher Dichter war, und den größten 47 Theil seines Lebens auf der Festung saß und die Freiheit liebte. Er ist nun todt und längst vermodert, aber sein Lied lebt noch; denn das Wort kann man nicht auf die Festung setzen und vermodern lassen. Ich versichere euch, ich bin kein Patriot, und wenn ich an jenem Tage geweint habe, so geschah es wegen des kleinen Mädchens. Es war schon gegen Abend, und ein kleines deutsches Mädchen, welches ich vorher schon unter den Auswanderern bemerkt, stand allein am Strande, wie versunken in Gedanken, und schaute hinaus ins weite Meer. Die Kleine mochte wohl acht Jahr' alt sein, trug zwei niedlich geflochtene Haarzöpfchen, ein schwäbisch kurzes Röckchen von wohlgestreiftem Flanell, hatte ein bleich kränkelndes Gesichtchen, groß ernsthafte Augen, und mit weich besorgter, jedoch zugleich neugieriger Stimme frug sie mich, ob Das das Weltmeer sei.- Bis tief in die Nacht stand ich am Meere und weinte. Ich schäme mich nicht dieser Thränen. Auch Achilles weinte am Meer, und die silbcrfüßige Mutter musste aus den Wellen emporsteigen, um ihn zu tzröstcn. Auch ich hörte eine Stimme im Wasser, aber minder trostreich, vielmehr aufweckend, gebietend, und doch grundweise. Denn das Meer 48 weiß Alles, die Sterne vertrauen ihm des Nachts die verborgensten Räthsel des Himmels, in seiner Tiefe liegen mit den fabelhaft versunkenen Reichen auch die uralten, längst verschollenen Sagen der Erde, an allen Küsten lauscht es mit tausend neugierigen Wellenohrcn, und die Flüsse, die zu ihm hinabströmen, bringen ihm alle Nachrichten, die sie in den entferntesten Binnenlanden erkundet oder gar aus dem Geschwätze der kleinen Bäche und Bcrgqucllen erhorcht haben — Wenn Einem aber das Meer seine Geheimnisse offenbart und Einem das große Weltcrlösungswort ins Herz geflüstert dann ade, Ruhe! Ade, stille Träume! Ade, Novellen und Komödien, die ich schon so hübsch begonnen, und die nun schwerlich so bald fortgesetzt werden! Die goldenen Engclsfarbcn sind seitdem auf meiner Palette fast eingetrocknet, und flüssig blieb darauf nur ein schreiendes Roth, das wie Blut aussieht, und womit man nur rothe Löwen malt. Ja, mein nächstes Buch wird wohl ganz und gar ein rother Löwe werden, welches ein vcrchrnngs- würdigcs Publikum nach obigem Geständnisse gefälligst entschuldigen möge. — Baris, den 17. Oktober 1833. Heinrich Heine. Aber den Denuncianten. Vorwort zum dritten Theile des „Salon." ( 1837 .) Heine'S Werke. Bd. XIV. 4 Ich habe diesem Buche einige sehr unerfreuliche Bemerkungen voranzuschicken, und vielmehr über Das, was es nicht enthält, als über den Inhalt selbst mich anzusprechen. Was letzteren betrifft, so steht zu berichten, dass ich von den „Florentiuischen Nächten" die Fortsetzung, worin mancherlei Tagesinteressen ihr Echo fanden, nicht mittheilen konnte. Die „Elementargeister" sind nur die deutsche Bearbeitung eines Kapitels aus meinem Buche I'INomLAns;" Alles, was ins Gebiet der Politik und der Staatsreligion hinüberspicltc, ward gewissenhaft ausgemerzt, und Nichts blieb übrig, als eine Reihe harmloser Märchen, die, gleich den Novellen des Decamerone, dazu dienen könnten, jene pestilenzielle Wirklichkeit, die uns dermalen umgiebt, für einige Stunden zu vergessen. 4 - 52 Das Gedicht, welches am Schlüsse des Buches*), habe ich selber verfasst, und ich denke, es wird meinen Feinden viel Vergnügen machen; ich habe kein besseres geben können. Die Zeit der Gedichte ist überhaupt bei mir zu Ende, ich kann wahrhaftig kein gutes Gedicht mehr zu Tage fördern, und die Kleindichter in Schwaben, statt mir zu grollen, sollten sie mich vielmehr brüderlichst in ihre Schule aufnehmen . . . Das wird auch wohl'das Ende des Spaßes sein, dass ich in der schwäbischen Dichterschule, mit Fallhütcheu auf dem Kopf, neben den Andern auf das kleine Bänkchen zu sitzen komme und das schöne Wetter besinge, die Frühlingssonne, die Maienwonne, die Gelbveiglein und die Quet- schenbäume. Ich hatte längst eingesehen, dass es mit den Versen nicht mehr recht vorwärts ging, und desshalb verlegte ich mich auf gute Prosa. Da man aber in der Prosa nicht ausreicht mit dem schönen Wetter, Frühlingssonne, Maienwonne, Gelbveiglein und Quetschenbäumen, so musste ich auch für die neue Form einen neuen Stoff suchen; dadurch gerieth ich auf die unglückliche Idee, mich mit Ideen zu beschäftigen, und ich dachte nach über *) Das Tannhäuserlied, abgedruckt in Band VII, S. 243 ff. Der Herausgeber. 53 dic innere Bedeutung der Erscheinungen, über die letzten Gründe der Dinge, über die Bestimmung des Menschengeschlechts, über die Mittel, wie man die Leute besser und glücklicher machen kann, u. s. w. Die Begeisterung, dic ich von Natur für diese Stoffe empfand, erleichterte mir ihre Behandlung, und ich konnte bald in einer äußerst schönen, vortrefflichen Prosa meine Gedanken darstellen . . . Aber ach! Als ich es endlich im Schreiben so weit gebracht hatte, da ward mir das Schreiben selber verboten. Ihr kennt den Bundestagsbeschluss vom December 1835, wodurch meine ganze Schriftstellerei mit dem Interdikte belegt ward. Ich weinte wie ein Kind! Ich hatte mir so viel Mühe gegeben mit der deutschen Sprache, mit dem Accusativ und Dativ, ich wusste die Worte so schön an einander zu reihen, wie Perl au Perl, ich fand schon Vergnügen au dieser Beschäftigung, sie verkürzte mir die langen Winterabende des Exils, ja, wenn ich deutsch schrieb, so konnte ich mir einbilden, ich sei in der Heimat, bei der Mutter . . . Und nun ward mir das Schreiben verboten! Ich war sehr weich gestimmt, als ich an den Bundestag jene Bittschrift schrieb, die ihr ebenfalls kennt, und die von Manchem unter euch als gar zu untcrthänig getadelt worden. Meine Konsulcntcn, deren Responsa 54 ich bei diesem Ereignisse einholte, waren alle der Meinung, ich müsse ein groß Spektakel erheben, große Memoiren anfertigen, darin beweisen: „dass hier ein Eingriff in Eigenthumsrechte statt fände, dass man mir nur durch richterlichen Urtheilssprnch die Ausbeutung meiner Besitzthümer, meiner schriftstellerischen Fähigkeiten, untersagen könne, dass der Bundestag kein Gerichtshof und zu richterlichen Erkenntnissen nicht befugt sei, dass ich protestieren, künftigen Schadenersatz verlangen, kurz Spektakel machen müsse." Zu Dergleichen fühlte ich mich aber keineswegs aufgelegt, ich hege die größte Abneigung gegen alle deklamatorische Rechthaberei, und ich kannte zu gut den Grund der Dinge, um durch die Dinge selbst aufgebracht zu sein. Ich wusste im Herzen, dass es durchaus nicht darauf abgesehen war, durch jenes Interdikt mich persönlich zu kränken; ich wusste, dass der Bundestag, nur die Beruhigung Deutschlands beabsichtigend, aus bester Borsorge für das Gesammtwohl gegen den Einzelnen mit Härte verfuhr; ich wusste, dass es der schnödesten Angeberei gelungen war, einige Mitglieder der erlauchten Versammlung, handelnde Staatsmänner, die sich mit der Lektüre meiner neueren Schriften gewiss wenig beschäftigen konnten, über den Inhalt derselben irre zu leiten und 55 ihnen glauben zu machen, ich sei das Haupt einer Schule, welche sich zum Sturze aller bürgerlichen und moralischen Institutionen verschworen habe... Und in diesem Bewusstsein schrieb ich, nicht eine Protestation, sondern eine Bittschrift an den Bundestag, worin ich, weit entfernt, seine oberrichterlichen Befugnisse in Abrede zu stellen, den bctrübsamcu Beschluss als ein Kontumacialurtheil betrachtete, und, auf alten Präcedcnzicn fußend, demüthigst bat, mich gegen die im Beschlusse angeführten Beschuldigungen vor den Schranken der erlauchten Versammlung vertheidigen zu dürfen. Bon der Gefährdung meiner pekuniären Interessen that ich keine Erwähnung. Eine gewisse Scham hielt mich davon ab. Nichtsdestoweniger haben viele edle Menschen iu Deutschland, wie ich aus manchen crröthendcn Stellen ihrer Trostbricfe ersah, aufs tiefste gefühlt, was ich verschwieg. Und in der That, wenn es schon hinlänglich betrübsam ist, dass ich, ein Dichter Deutschlands, fern vorn Vatcrlande, im Exile leben muss, so wird es gewiss jeden fühlenden Menschen doppelt schmerzen, dass ich jetzt noch obendrein meines literarischcn Vermögens beraubt werde, meines geringen Poetenvermögens, das mich in der Fremde wenigstens gegen physisches Elend schützen konnte. 56 — Ich sage Dieses mit Kummer, aber nicht mit Unmuth. Denn wen sollte ich anklagen? Nicht die Fürsten; denn, ein Anhänger des monarchischen Princips, ein Bckcnncr der Heiligkeit des Königthums, wie ich mich seit der Juliusrevolution, trotz dem bedenklichsten Gedrillte meiner Umgebung, gezeigt habe, möchte ich wahrlich nicht mit meinen besonderen Bcklagnisscn dem verwerflichen Jakobi- nismus einigen Vorschub leisten. Auch nicht die Räthe der Fürsten kaun ich anklagen; denn, wie ich aus den sichersten Quellen erfahren, haben viele der höchsten Staatsmänner den exceptionellen Zustand, worin man mich versetzt, mit würdiger Theilnahme bedauert und baldigste Abhilfe versprochen; ja, ich weiß es, nur wegen der Langsamkeit des Geschäftsgangs ist diese Abhilfe noch nicht gesetzlich an den Tag getreten, und vielleicht, während ich diese Zeilen schreibe, wird Dergleichen in Deutschland zu meinen Gunsten promulgiert. Selbst entschiedenste Gegner unter den deutschen Staatsmännern haben mir wissen lassen, dass die Strenge des erwähnten Bnndestagsbeschlusscs nicht den ganzen Schriftsteller treffen sollte, sondern nur den politischen und religiösen Theil desselben, der poetische Theil desselben dürfe sich »»verhindert aussprechen in Gedichten, Dramen, Novellen, in jenen schönen Spielen der Phan- 57 tasie, für welche ich so viel Genie besitze ... Ich könnte fast auf den Gedanken gerathen, man wolle mir einen Dienst leisten und mich zwingen, meine Talente nicht für undankbare Themata zu vergeuden ... In der That, sie waren sehr undankbar, haben mir nichts als Verdruss und Verfolgung zugezogen . . . Gottlob! ich werde mit Gendarmen auf den besseren Weg geleitet, und bald werde ich bei euch sein, ihr Kinder der schwäbischen Schule, und wenn ich nicht auf der Reise den Schnupfe» bekomme, so sollt ihr euch freuen, wie fein meine Stimme, wenn ich mit euch das schöne Wetter besinge, die Frnhlingssonnc, die Maicnwonne, die Gelbveiglein, die Quetschenbäume. Dieses Buch diene schon als Beweis meines Fortschreitcns nach hinten. Auch hoffe ich, die Herausgabe desselben wird weder oben noch unten zu meinem Nachtheile missdeutet werden. Das Manuskript war zum größten Theile schon seit einem Jahre in den Händen meines Buchhändlers, ich hatte schon seit anderthalb Jahren mit demselben über die Herausgabe stipuliert, und es war mir nicht möglich, diese zu unterlassen. Ich werde zu einer andern Zeit mich ausführlicher über diesen Umstand aussprechen, er steht nämlich in einiger Verbindung mit jenen Gegenständen, 58 die meine Feder nicht berühren soll. Dieselbe Rücksicht verhindert mich, mit klaren Worten das Gc- spinnste von Verleumdungen zu beleuchten, womit es einer in den Annalen deutscher Literatur unerhörten Angeberei gelungen ist, meine Meinungen als staatSgefährlich zu denuncieren und das erwähnte Interdikt gegen mich zu veranlassen. Wie und in welcher Weise Dieses geschehen, ist notorisch, auch ist der Denunciant, der litterarische Mon- chard, schon längst her öffentlichen Verachtung verfallen; es ist purer Luxus, wenn nach so viel' edlen Stimmen des Unwillens auch ich noch hinzutrete, um über das klägliche Haupt des Herrn Wolfgaug Menzel in Stuttgart die Ehrlosigkeit, die Jnfamia, auszusprechcn. Nie hat deutsche Jugend einen ärmeren Sünder mit witzigeren Ruthen gestrichen und mit glühenderem Höhne gebrandmarkt! Er dauert mich wahrlich, der Unglückliche, dem die Natur ein kleines Talent und Cotta ein großes Blatt anvertraut hatten, und der Beides so schmutzig, so miserabel missbrauchte! Ich lasse es dahingestellt sein, ob es das Talent oder das ZHlatt war, wodurch die Stimme des Herrn Menzel so weitreichend gewesen, dass seine Denunciation so betriebsam wirken konnte, dass beschäftigte Staatsmänner, die eher Literatur- 59 blätter als Bücher lesen, ihm aufs Wort glaubten. So Viel weiß ich, sein Wort musste um so lauter erschallen, je ängstlichere Stille damals in Deutschland herrschte . . . Die Stimmftthrer der Bcwe- gungspartei hielten sich in einem klugen Schweigen versteckt, oder saßen in wohlvergittertem Gewahrsam und harrten ihres Urtheils, vielleicht des Todcsurtheils . . . Höchstens hörte man manchmal das Schluchzen einer Mutter, deren Kind in Frankfurt die Konstablerwache mit dem Bajonette eingenommen hatte und nicht mehr hinauskonnte, ein Staatsverbrechen, welches gewiss eben so unbesonnen wie strafwürdig war und den feinöhrigstcn Argwohn der Regierungen überall rechtfertigte. . . Herr Mcnzel hatte sehr gut seine Zeit gewählt zur Denunciation jener großen Berschwörung, die unter dem Namen: „Das junge Deutschland/' gegen Thron und Altar gerichtet ist und in dem Schreiber dieser Blätter ihr gefährlichstes Oberhaupt verehrt. Sonderbar! Und immer ist es die Religion, und immer die Moral, und immer der Patriotismus, womit alle schlechten Subjekte ihre Angriffe beschönigen! Sie greifen uns an, nicht aus schäbigen Privatinteressen, nicht aus Schriftstellcrneid, nicht aus angebornem Knechtsinn, sondern um den 60 lieben Gott, um die guten Sitten und das Vaterland zu retten. Herr Menzel, welcher jahrelang, während er mit Herrn Gutzkow befreundet war, mit kummervollem Stillschweigen zugesehen, wie die Religion in Lebensgefahr schwebte, gelangt plötzlich zur Erkenntnis, dass das Christenthum rettungslos verloren sei, wenn er nicht schleunigst das Schwert ergreift und dem Gutzkow von hinten ins Herz stößt. Um das Christenthum selber zu retten, muss er freilich ein bisschen unchristlich handeln; doch die Engel im Himmel und die Frommen auf der Erde werden ihm die kleinen Verleumdungen und sonstigen Hausmittelchen, die der Zweck heiligt, gern zu Gute halten. Wenn einst das Christenthum wirklich zu Grunde ginge (vor welchem Unglück uns die ewigen Götter bewahren wollen!), so würden es wahrlich nicht seine Gegner sein, denen man die Schuld davon zuschreiben müsste. Auf jeden Fall hat sich unser Herr und Heiland, Jesus Christus, nicht bei Herrn Menzel und dessen bairischen Kreuzbrüderu zu bedanken, wenn seine Kirche auf ihrem Felsen stehen bleibt! Und ist Herr Menzel wirklich ein guter Christ, ein besserer Christ als Gutzkow und das sonstige junge Deutschland? Glaubt er Alles, was in der Bibel steht? Hat er immer die Lehren 61 des Bergpredigers strenge befolgt? Hat er immer seinen Feinden verziehen, nämlich allen Denen, die in der Literatur eine glänzendere Rolle spielten, als er? Hat Herr Menzel seine linke Wange sanst- müthig hingehalten, als ihm der Buchhändler Frankh auf die rechte Wange eine Ohrfeige oder schwäbisch zu sprechen, eine Maulschelle gegeben? Hat Herr Menzel Wittwen und Waisen immer gut recensiert? War er jemals ehrlich, war sein Wort immer Ja oder Nein? Wahrlich nein, nächst einer geladenen Pistole hat Herr Menzel nie Etwas mehr gescheut als die Ehrlichkeit der Rede, er war immer ein zweideutiger Duckmäuser, halb Hase, halb Wetterfahne, grob und windig zu gleicher Zeit, wie ein Polizeidiener. Hätte er in jenen ersten Jahrhunderten gelebt, wo ein Christ mit seinem Blute Zeugnis geben musste für die Wahrheit des Evangeliums, da wäre er wahrlich nicht als Vertheidiger desselben aufgetreten, sondern vielmehr als der Ankläger Derer, die sich zum Ehristenthume bekannten, und die man damals des Atheismus und der Jmmoralität beschuldigte. Wohnte Herr Menzel in Peking statt in Stuttgart, so schriebe er jetzt vielleicht lange delatorische Artikel gegen „das junge China," welches, wie aus den jüngsten Dekreten der chinesischen Regierung hervorgeht, eine Rotte 62 von Bösewichtern zu sein scheint, die durch Schrift und Wort das Christenthum verbreiten, und deshalb von den Mandarinen des himmlischen Reiches für die gefährlichsten Feinde der bürgerlichen Ordnung und der Moral erklärt werden. Ja, nächst der Religion ist es die Moral, für deren Untergang Herr Menzcl zittert. Ist er vielleicht wirklich so tugendhaft, der unerbittliche Sitten- wart von Stuttgart? Eine gewisse physische Moralität will ich Herrn Menzcl keineswegs absprechen. Es ist schwer, in Stuttgart nicht moralisch zu sein. In Paris ist es schon leichter, Das weiß Gott! Es ist eine eigne Sache mit dem Laster. Die Tugend kann Zeder allein üben, er hat Niemand dazu nöthig als sich selber; zu dem Laster aber gehören immer Zwei. Auch wird Herr Menzcl von seinem Acnßern aufs glänzendste unterstützt, wenn er das Laster fliehen will. Ich habe eine zu vortheilhaftc Meinung von dem guten Geschmacke des Lasters, als dass ich glauben dürfte, es würde jemals einem Menzcl nachlaufen. Der arme Goethe war nicht so glücklich begabt, und es war ihm nicht vergönnt, immer tugendhaft zu bleiben. Die schwäbische Schule sollte ihrem nächsten Musenalmanach das Bildnis des Herrn Menzel voransetzen; es wäre sehr be- lehrsam. Das Publikum würde gleich bemerken: er 63 sieht gar nicht aus wie Goethe. Und mit noch größerer Verwunderung würde man bemerken: dieser Held des Deutschthums, dieser Vorkämpe des Germanismus, sieht gar nicht aus wie ein Deutscher, sondern wie ein Mongole . . . jeder Backenknochen ein Kalmuck! Dieses ist nun freilich verdrießlich für einen Mann, der beständig auf Nationalität pocht, gegen alles Fremdländische unaufhörlich loszieht und unter lauter Teutomanen lebt, die ihn nur als einen nützlichen Verbündeten, jedoch keineswegs als einen reinen Stammgenossen betrachten. Wir aber sind keine altdeutsche Racenmäkler, wir betrachten die ganze Menschheit als eine große Familie, deren Mitglieder ihren Werth nicht durch Hautfarbe und Knochenbau, sondern durch die Triebe ihrer Seele, durch ihre Handlungen offenbaren. Ich würde gern, wenn es Herrn Wenzel Vergnügen machte, ihm zugestehen, dass er ein makelloser Abkömmling Tcut's, wo nicht gar ein legitimer Enkel Hermann's und Thusneldens sei, wenn nur sein Inneres, sein Charakter, seine Handlungen eine solche Annahme rechtfertigen könnten; aber diese widersprechen seinen: Ger- manenthume noch weit bedenklicher, als sein Gesicht. Die erste Tugend der Germanen ist eine gewisse Treue, eine gewisse schwerfällige, aber rührend 64 großmüthige Treue. Der Deutsche schlägt sich selbst für die schlechteste Sache, wenn er einmal Handgeld empfangen, oder auch nur im Rausche seinen Beistand versprochen; er schlägt sich alsdann mit seufzendem Herzen, aber er schlägt sich; wie auch die bessere Überzeugung in seiner Brust murre, er kann sich doch nicht entschließen, die Fahne zu verlassen, und er verlässt sie am allerwenigsten, wenn seine Partei in Gefahr oder vielleicht gar von feindlicher Übermacht umzingelt ist . . . Dass er alsdann zu den Gegnern überliefe, ist weder dem deutschen Charakter angemessen, noch dem Charakter irgend eines anderen Volkes . . . Aber in diesem Falle noch gar als Denunciant zu agieren, Das kann nur ein Schurke. Und auch eine gewisse Scham Liegt im Wesen der Germanen; gegen den Schwächeren oder Wehrlosen wird er nimmermehr das Schwert ziehen, und den Feind, der gebunden und geknebelt zu Boden liegt, wird er nicht antasten, bis derselbe seiner Bande entledigt und wieder auf freien Füßen steht. Herr Menzel aber schwang seinen Flamberg am liebsten gegen Weiber, er hat sie zu Dutzenden niedergesäbelt, die deutschen Schriftstellerinnen, arme Wesen, die, um Brot für ihre Kinder zu erwerben, zur Feder gegriffen und der rohen öffentlichen Wer- 65 spottung Nichts als heimliche Thränen entgegensetzen konnten! Er hat gewiss uns Männern einen wichtigen Dienst geleistet, indem er uns von der Konkurrenz der weiblichen Schriftsteller befreite, er hat vielleicht auch der Literatur dadurch genützt, aber ich möchte in einem solchen Feldzuge meine Sporen nimmermehr erworben haben. Auch gegen Herrn Gutzkow, und wäre Gutzkow ein Vatermörder gewesen, hätte ich nicht meine Philippika donnern mögen, während er im Kerker lag oder gar vor Gericht stand. Und ich bin weit davon entfernt, auf alle germanischen Tugenden Anspruch zu machen, vielleicht am wenigsten auf eine gewisse Ehrlichkeit, die ebenfalls als ein besonderes Kennzeichen des Germanenthums zu betrachten ist. Ich habe manchem Thoren ins Gesicht gesagt, er sei ein Weiser, aber ich that es aus Höflichkeit. Ich habe manchen Verständigen einen Esel gescholten, aber ich that es aus Hass. Niemals habe ich mich der Zweideutigkeit beflissen, ängstlich die Ereignisse abwartend, in der Politik wie im Privatleben, und gar niemals lag meinen Worten ein erbärmlicher Eigennutz zum Grunde. Von der Menzel'schen Politik in der Politik darf ich hier nicht reden, wegen der Politik. Übrigens ist das öffentliche Leben des Herrn Menzcl sattsam bekannt, und Jeder weiß, dass sein Betra- Heines Werk. Bd. XIV. 5 66 gen als würtembergischer Deputierter eben so heuchlerisch wie lächerlich. Über sein Privatschelmenleben kann ich, schon wegen Mangel an Raum, ebenfalls nicht reden. Auch seiner literarischen Gaunerstreiche will ich hier nicht erwähnen; es wäre zu langweilig, wenn ich ausführlich zeigen musste, wie Herr Menzel, der ehrliche Mann, von den Autoren, die er kritisiert, ganz andere Dinge citiert, als in ihren Büchern stehen, wie er, statt der Originalworte, lauter sinnvcrfälfcheude Synonyme liefert u. f. w. Nur die kleine humoristische Anekdote, wie nämlich Herr Menzel dem alten Baron Cotta seine „Deutsche Literatur" zum Verlag anbot, kann ich des Spaßes wegen nicht unerwähnt lassen. Das Manuskript dieses Buches enthielt am Schlüsse die großartigsten Lobsprüche auf Cotta, die jedoch keineswegs Denselben verleiteten, das geforderte Honorar dafür zu bewilligen. Es schmeichelte aber immerhin den seligen Baron, sich mal recht tüchtig gelobt zu sehen, und als bald darauf das Buch bei Gebrüder Frankh herauskam, sprach er freudig zu seinem Sohne: „Georg, lies das Buch, darin wird mein Verdienst anerkannt, darin werde ich mal nach Gebühr gelobt!" Georg aber fand, dass in dem Buche alle Lobsprüche ausgestrichen und im Gegentheil die derbsten Seitenhiebe auf seinen Vater eingeschaltet worden. 6 ? Der Alte war zum Küssen liebenswürdig, wenn er diese Anekdote erzählte. Und noch eine Tugend giebt es bei den Germanen, die wir bei Herrn Menzel vermissen: die Tapferkeit. Herr Menzel ist feige. Ich sage Dieses bei Leibe nicht, um ihn als Mensch herabzuwürdigen; man kann ein guter Bürger sein, und doch den Tabacksrauch mehr lieben als den Pulverdampf, und gegen bleierne Kugeln eine größere Abneigung empfinden als gegen schwäbische Mehlklöße; denn letztere können zwar schwer im Magen lasten, sind aber lange nicht so unverdaulich. Auch ist Morden eine Sünde, und gar das Duell! wird es nicht auss bestimmteste verboten durch die Religion, durch die Moral und durch die Philosophie? Aber will man beständig mit deutscher Nationalität bramarbasieren, will man für einen Helden des Deutschtums gelten, so muss man tapfer sein, so muss man sich schlagen, sobald ein beleidigter Ehrenmann Genugthuung fordert, so muss man mit dem Leben einstehen für das Wort, das man gesprochen. Das tapferste Volk sind die Deutschen. Auch andere Völker schlagen sich gut, aber ihre Schlachtlust wird immer unterstützt durch allerlei Nebengründe. Der Franzose schlägt sich gut, wenn sehr viele Zuschauer dabei sind, oder irgend eine seiner Lieblingsmarottcn, s* 68 z. B. Freiheit und Gleichheit, Ruhm und Dergleichen mehr auf dem Spiele steht. Die Russen haben sich gegen die Franzosen sehr gut geschlagen, weil ihre Generäle ihnen versicherten, dass Diejenigen unter ihnen, welche auf deutschem oder französischem Boden fielen, unverzüglich hinten in Russland wieder auferstünden; und um geschwind wieder nach Hause zu kommen, nach Juchtenhcim, stürzten sie sich muthig in die französischen Bajonette; es ist nicht wahr, dass damals bloß der Stock und der Branntewein sie begeistert habe. Die Deutschen aber sind tapfer ohne Nebengedanken, sie schlagen sich, um sich zu schlagen, wie sie trinken, um zu trinken. Der deutsche Soldat wird weder durch Eitelkeit, noch durch Ruhmsucht, noch durch Unkenntnis der Gefahr in die Schlacht getrieben, er stellt sich ruhig in Reih' und Glied und thut seine Pflicht,—kalt, unerschrocken, zuverlässig. Ich spreche hier von der rohen Masse, nicht von der Elite der Nation, die auf den Universitäten, jenen hohen Schulen der Ehre, wenn auch selten in der Wissenschaft, doch desto öfter in den Gefühlen der Manneswürde die feinste Ausbildung erlangt hat. Ich habe fast sieben Jahre studierenshalber auf deutschen Universitäten zugebracht, und deutsche Schlaglust wurde für mich ein so gewöhnliches Schauspiel, dass ich an Feigheit 69 kaum mehr glaubte. Diese Schlaglust fand ich besonders bei meinen speciellen Landsleuten, den Westfalen, die von Herzen die gutmüthigsten Kinder, aber bei vorfallenden Missverständnissen, den langen Wortwechsel nicht liebend, gewöhnlich geneigt sind, den Streit auf einem natürlichen, so zu sagen freundschaftlichen Wege, nämlich durch die Entscheidung des Schwertes, schleunigst zu beendigen. Desshalb haben die Westfalen auf den Universitäten immer die meisten Duelle. Herr Menzel aber ist kein Westfale, ist kein Deutscher, Herr Menzel ist eine Memme. Als er mit den frechsten Worten die bürgerliche Ehre des Herrn Gutzkow angetastet, die persönlichsten Verleumdungen gegen Denselben losgegeifert, und der Beleidigte nach Sitte und Brauch deutscher Jugend die geziemende Genugthuung forderte: da griff der germanische Held zu der kläglichen Ausflucht, dass dem Herrn Gutzkow ja die Feder zu Gebote stände, dass er ja ebenfalls gegen ihn drucken lassen könne, was ihm beliebe, dass er ihm nicht im stillen Wald mit materiellen Waffen, sondern öffentlich, auf dem Streit- platze der Journalistik, mit geistigen Waffen die geforderte Genugthuung geben werde. . . Und der germanische Held zog es vor, in seinem Klatschblatte wie ein altes Weib zu keifen, statt auf 70 der Wahlstätte der Ehre wie ein Mann sich zu schlagen. Es ist betrübsam, es ist jammervoll, aber dennoch wahr, Herr Menzel ist feige. Ich sage es mit Wehmuth, aber es ist für höhere Interessen nothwendig, dass ich es öffentlich ausspreche: Herr Menzel ist feige. Ich bin davon überzeugt. Will Herr Menzel mich vorn Gegentheile überzeugen, so will ich ihm gerne auf halbem Wege entgegenkommen. Oder wird er auch mir anbieten, mittelst der Druckerpresse, durch Journale und Broschüren, mich gegen die Insinuationen zu vertheidigen, die er seiner ersten Denunciation zum Grunde gelegt, die er seitdem noch fortgesetzt, und die er jetzt gewiss noch verdoppeln wird? Diese Ausflucht konnte damals gegen Herrn Gutzkow angewendet werden; denn damals war das bekannte Dekret des Bundestags noch nicht erschienen, und Herr Gutzkow ward auch seitdem von der Schwere desselben nicht so sehr niedergehalten wie ich. Auch waren in der Polemik Desselben, da er Privatverleumdungen, Angriffe auf die Person, abzuwehren hatte, die Persönlichkeiten vorherrschend. Ich aber hätte mehr die Verleumdung meines Geistes, meiner Gefühl- und Denkweise zu besprechen, und ich könnte mich nicht vertheidigen, ohne meine Ansichten von Reli- gion und Moral unumwunden darzustellen; nur durch positive Bekenntnisse kann ich mich von den angeschuldigten Negationen, Atheismus und Jm- Moralität, vollständigst reinigen. Und ihr wisst, wie beschränkt das Feld ist, das jetzt meine Feder beackern darf. Wie gesagt, Herr Menzel hat mich nicht persönlich angegriffen und ich habe wahrlich gegen ihn keinen persönlichen Groll. Wir waren sogar ehemals gute Freunde, und er hat mich oft genug wissen lassen, wie sehr er mich liebe. Er hat mir nie vorgeworfen, dass ich ein schlechter Dichter sei, und auch ich habe ihn gelobt. Ich hatte meine Freude an ihm, und ich lobte ihn in einem Journale, welches dieses Lob nicht lange überlebte*). Ich war damals ein kleiner Junge, und mein größter Spaß bestand darin, dass ich Flöhe unter ein Mikroskop setzte und die Größe derselben den Leuten demonstrierte. Herr Menzel hingegen setzte damals den Goethe unter ein Verkleinerungsglas, und Das machte mir ebenfalls ein kindisches Vergnügen. Die Späße des Herrn Menzel missficlen mir nicht; er war damals witzig, und ohne just einen Hauptgedanken zu haben, eine Synthese, konnte er *) Vgl. den Aufsatz über W. Menzel's „Deutsche Literatur" im vorhergehenden Bande. Der Herausgeber. 72 seine Einfälle sehr Pfiffig kombinieren und gruppieren, dass es manchmal aussah, als habe er keine losen Streckverse, sondern ein Buch geschrieben. Er hatte auch einige wirkliche Verdienste um die deutsche Literatur; er stand vom Morgen bis Abend im Kothe, mit dem Besen in der Hand, und fegte den Unrath, der sich in der deutschen Literatur angesammelt hatte. Durch dieses unreinliche Tagwerk aber ist er selber so schmierig und anrüchig geworden, dass man am Ende seine Nähe nicht mehr ertragen konnte; wie man den Latrinenfeger zur Thüre hinausweist, wenn sein Geschäft vollbracht, so wird Herr Menzel jetzt selber zur Literatur hinausgewiesen. Zum Unglück für ihn hat das mistduftige Geschäft so völlig seine Zeit verschlungen, dass er unterdessen gar nichts Neues gelernt hat. Was soll er jetzt beginnen? Sein früheres Wissen war kaum hinreichend für den litterarischen Hausbedarf; seine Unwissenheit war immer eine Zielscheibe der Moquerie für seine näheren Bekannten; nur seine Frau hatte eine große Meinung von seiner Gelehrsamkeit. Auch imponierte er ihr nicht wenig! Der Mangel an Kenntnissen und das Bedürfnis, diesen Mangel zu verbergen, hat vielleicht die meisten Irrthümer oder Schelmereien des Herrn Menzel hervorgebracht. Hätte er Griechisch verstanden, so würde es ihm 73 nie in den Sinn gekommen sein, gegen Goethe aufzutreten. Zum Unglück war auch das Lateinische nicht seine Sache, und er musste sich mehr ans Germanische halten, und täglich stieg seine Neigung für die Dichter des deutschen Mittelaltecs, für die edle Turnkunst und für Jacob Böhm, dessen deutscher Stil sehr schwer zu verstehen ist, und den er auch in wissenschaftlicher Form herausgeben wollte. Ich sage Dieses nur, um die Keime und Ursprünge seiner Teutomanie nachzuweisen, nicht um ihn zu kränken; wie ich denn überhaupt, was ich wiederholen muss, nicht aus Groll oder Böswilligkeit ihn bespreche. Sind meine Worte hart, so ist es nicht meine Schuld. Es gilt dem Publikum zu zeigen, welche Bewandtnis es hat mit jenem bramarbasierenden Helden der Nationalität, jenem Wächter des Deutschthums, der beständig auf die Franzosen schimpft und uns arme Schriftsteller des jungen Deutschlands für lauter Franzosen und Juden erklärt hat. Für Juden, Das hätte Nichts zu bedeuten; wir suchen nicht die Alliance des gemeinen Pöbels, und der Höhergebildetc weiß wohl, dass Leute, die man als Gegner des Deismus anklagte, keine Sympathie für die Synagoge hegen konnten; man wendet sich nicht an die überwelken Reize der Mutter, wenn Einem die alternde Tochter nicht mehr behagt. Dass 74 man uns aber als die Feinde Deutschlands, die das Vaterland an Frankreich verriethen, darstellen wollte, Das war wieder ein eben so feiges wie hinterlistiges Bubenstück. Es sind vielleicht einige ehrliche Franzosenhasser unter dieser Meute, die uns ob unserer Sympathie für Frankreich so erbärmlich verkennen und so aberwitzig anklagen. Andere sind alte Rüden, die noch immer bellen wie Anno 1813, und deren Gekläffe eben von unserem Fortschritte zeugt. „Der Hund bellt, die Karawane marschiert," sagt der Beduine. Sie bellen weniger aus Bosheit denn aus Gewohnheit, wie der alte räudige Hofhund, der ebenfalls jeden Fremden wüthend anbelfert, gleichviel, ob Dieser Böses oder Gutes im Sinne führt. Die arme Bestie benutzt vielleicht diese Gelegenheit, um an ihrer Kette zu zerren und damit bedrohlich zu klirren, ohne dass es ihr der Hausherr übel nehmen darf. Die meisten aber unter jenen Franzosenhassern sind Schelme, die sich diesen Hass absichtlich angelogen, ungetreue, schamlose, unehrliche, feige Schelme, die, entblößt von allen Tugenden des deutschen Volkes, sich mit den Fehlern desselben bekleiden, um sich den Anschein des Patriotismus zu geben und in diesem Gewände die wahren Freunde des Vaterlandes gefahrlos schmähen zu dürfen. Es ist ein doppelt falsches Spiel. Die Erinnerungen der napoleonischen Kaiserzeit sind noch nicht ganz erloschen in unserer Heimat, man hat es dort noch nicht ganz vergessen, wie derb unsere Männer und wie zärtlich unsere Weiber von den Franzosen behandelt worden, und bei der großen Menge ist der Franzosenhass noch immer gleichbedeutend mit Vaterlandsliebe; durch ein geschicktes Ausbeuten dieses Hasses hat man also wenigstens den Pöbel auf seiner Seite, wenn man gegen junge Schriftsteller zu Felde zieht, die eine Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland zu vermitteln suchen. Freilich, dieser Hass war einst staatsnützlich, als es galt, die Fremdherrschaft zurückzudrängen; jetzt aber ist die Gefahr nicht im Westen, Frankreich bedroht nicht mehr unsere Selbständigkeit, die Franzosen von heute sind nicht mehr die Franzosen von gestern, sogar ihr Charakter ist verändert, an die Stelle der leichtsinnigen Eroberungslust trat ein schwermüthiger, beinahe deutscher Ernst, sie verbrüdern sich mit uns im Reiche des Geistes, während im Reiche der Materie ihre Interessen mit den mistigen sich täglich inniger verzweigen — Frankreich ist jetzt unser natürlicher Bundesgenosse. Wer Dieses nicht einsieht, ist ein Dummkopf; wer Dieses einsieht und dagegen handelt, ist ein Verräther. 76 Aber was hatte ein Herr Menzel zu verlieren bei dem Untergänge Deutschlands? Ein geliebtes Vaterland? Wo ein Stock ist, da ist des Sklaven Vaterland. Seinen unsterblichen Ruhm? Dieser erlischt in derselben Stunde, wo der Kontrakt abläuft, der ihm die Redaktion des Stuttgarter „Literaturblattes" zusichert. Ja, will der Baron Cotta eine kleine Geldsumme als stipulierte Entschädigung springen lassen, so hat die Menzel'sche Unsterblichkeit schon heute ein Ende. Oder hätte er Etwas für seine Person zu fürchten? Lieber Himmel! wenn die mongolischen Horden nach Stuttgart kommen, lässt Herr Menzel sich aus der Theater- garderobe ein Amorkostüm holen, bewaffnet sich mit Pfeil und Bogen, und die Baschkiren, sobald sie nur sein Gesicht sehen, rufen freudig: „Das ist unser geliebter Bruder!" Ich habe gesagt, dass bei unseren Teutomanen der affichierte Franzosenhass ein doppelt falsches Spiel ist. Sie bezwecken dadurch zunächst eine Popularität, die sehr wohlfeil zu erwerben ist, da man dabei weder Verlust des Amtes noch der Freiheit zu befürchten hat. Das Losdonnern gegen heimische Gewalten ist schon weit bedenklicher. Aber um für Volkstribunen zu gelten, müssen unsere Teutomanen manchmal ein freiheitliches Wort gegen die deut- 7 ? scheu Regierungen riskieren, und in der frechen Zag- heit ihres Herzens bilden sie sich ein, die Regierungen würden ihnen gern gelegentlich ein bisschen Dcmagogismus verzeihen, wenn sie dafür desto unablässiger den Franzosenhass predigten. Sie ahnen nicht, dass unsere Fürsten jetzt Frankreich nicht mehr fürchten, des Nationalhasses nicht mehr als Vertheidigungsmittel bedürfen, und den König der Franzosen als die sicherste Stütze des monarchischen Princips betrachten. Wer je seine Tage im Exil verbracht hat, die feuchtkalten Tage und schwarzen langen Nächte, wer die harten Treppen der Fremde jemals auf und ab gestiegen, Der wird begreifen, wesshalb ich die Verdächtigung in Betreff des Patriotismus mit wortreicherem Unwillen von mir abweise, als alle andern Verleumdungen, die seit vielen Jahren in so reichlicher Fülle gegen mich zum Vorschein gekommen, und die ich mit Geduld und Stolz ertrage. Ich sage: mit Stolz; denn ich konnte dadurch auf den hochmüthigen Gedanken gerathen, dass ich zu der Schar jener Auserwählten des Ruhmes gehörte, deren Andenken im Menschengeschlechte fortlebt, und die überall neben den geheiligten Lichtspuren ihrer Fußstapfen auch die langen, kothigen Schatten der Verleumdung auf Erden zurücklassen. 78 Auch gegen die Beschuldigung des Atheismus und der Jmmoralität möchte ich nicht mich, sondern meine Schriften vertheidigen. Aber Dieses ist nicht ausführbar, ohne dass es mir gestattet wäre, von der Höhe einer Synthese meine Ansichten über Religion und Moral zu entwickeln. Hoffentlich wird mir Dieses, wie ich bereits erwähnt habe, bald gestattet sein. Bis dahin erlaube ich mir nur eine Bemerkung zu meinen Gunsten. Die zwei Bücher, die eigentlich als Oorxoru äslioti wider mich zeugen sollten, und worin man die strafbaren Tendenzen finden will, deren man mich bezichtigt, sind nicht gedruckt, wie ich sie geschrieben habe, und sind von fremder Hand so verstümmelt worden, dass ich zu einer andern Zeit, wo keine Missdeutung zu befürchten gewesen wäre, ihre Autorschaft abgelehnt hätte. Ich spreche nämlich vom zweiten Theile des „Salon" und von der „Romantischen Schule." Durch die großen, unzähligen Ausscheidungen, die darin stattfanden, ist die ursprüngliche Tendenz beider Bücher ganz verloren gegangen, und eine ganz verschiedene Tendenz ließ sich später hineinlegen. Worin jene unsprüngliche Tendenz bestand, sage ich nicht; aber so Viel darf ich behaupten, dass es keine unpatriotische war. Namentlich im zweiten Theile des „Salon" enthielten die ausgeschiedenen 79 Stellen eine glänzendere Anerkennung deutscher Bolks- größe, als jemals der forcierte Patriotismus unserer Teutomanen zu Markte gebracht hat; in der französischen Ausgabe, im Buche „Oa I'^UeinaAua," findet Jeder die Bestätigung des Gesagten. Die französische Ausgabe der inkulpierten Bücher wird auch Jeden überzeugen, dass die Tendenzen derselben nicht im Gebiete der Religion und der Moral lagen. Ja, manche Zungen beschuldigen mich der Indifferenz in Betreff aller Religions- und Moralsysteme, und glauben, dass mir jede Doktrin willkommen sei, wenn sie sich nur geeignet zeige, das Völkerglück Europa's zu befördern, oder wenigstens bei der Erkämpfung desselben als Waffe zu dienen. Man thut mir aber Unrecht. Ich würde nie mit der Lüge für die Wahrheit kämpfen. Was ist Wahrheit? „Holt mir das Waschbecken," würde Pontius Pilatus sagen. Ich habe diese Vorblätter in einer sonderbaren Stimmung geschrieben. Ich dachte während dem Schreiben mehr an Deutschland, als an das deutsche Publikum, meine Gedanken schwebten um liebere Gegenstände, als die sind, womit sich meine Feder so eben beschäftigte ... ja, ich verlor am Ende ganz und gar die Schreiblust, trat ans Fenster, und betrachtete die weißen Wolken, die eben, wie 80 ein Leichenzug, am nächtlichen Himmel dahinziehen. Eine dieser melancholischen Wolken scheint mir so bekannt und reizt mich unaufhörlich zum Nachsinnen, wann und wo ich dergleichen Luftbildung schon früher einmal gesehen. Ich glaube endlich, es worin Norddeutschland, vor sechs Jahren, kurz nach der Juliusrevolution, an jenem schmerzlichen Abend, wo ich auf immer Abschied nahm von dem treuesten Waffenbruder, von dem uneigennützigsten Freunde der Menschheit. Wohl kannte er das trübe Verhängnis, dem Jeder von uns entgegenging. Als er mir zum letzten Male die Hand drückte, hub er die Augen gen Himmel, betrachtete lange jene Wolke, deren kummervolles Ebenbild mich jetzt so trübe stimmt, und wehmüthigen Tones sprach er: „Nur die schlechten und die ordinären Naturen finden ihren Gewinn bei einer Revolution. Schlimmsten Falles, wenn sie etwa missglückt, wissen sie doch immer noch zeitig den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Aber möge die Revolution gelingen oder scheitern, Männer von großem Herzen werden immer ihre Opfer sein." Denen, die da leiden im Vaterlande, meinen Gruß! Geschrieben zu Paris, den 24. Januar 1837. Heinrich Heine. Schwabenspiegel. Heine's Werle. Bd LlV. Vorbemerkung. Die hier mitgetheilten Blätter wurden im Beginn des Frühlings als Nachrede zum zweiten Theil des „Buchs der Lieder" und mit der Bitte um schleunigsten Abdruck nach Deutschland gesendet. Ich dachte nun, das Buch sei dort längst erschienen, als mir vor ein paar Wochen mein Verleger meldete, in einem süddeutschen Staate, wo er das Manuskript zur Censur gegeben, habe man ihn während der ganzen Zeit mit dem Imprimatur hingehalten, und er schlüge mir vor, die Nachrede als besonderen Artikel in einer periodischen Publikation vorweg abdrucken zu lassen. Indem ich sie also in solcher Weise dem verehruugswürdigen Leser mittheile, glaube ich, dass er ohne große Anstrengung seines Scharfsinns errathen wird, warum ich seit zweiundeinhalb Jahren so vielen Schlichen 84 und Ränken begegne, wenn ich jene Denunciatoren besprechen will, die ihrerseits ganz ohne alle Censur- und Redaktionsbeschränkung den größten Theil der deutschen Pressen missbrauchen dürfen. — Paris, im Spätherbst 1838. Heinrich Heine. ^ach Brauch und Sitte deutscher Dichterschaft sollte ich meiner Gedichtsammlung, die den Titel „Buch der Lieder" führt und jüngst in erneutem Abdruck erschienen ist, auch die nachfolgenden Blätter einverleiben. Aber es wollte mich bedüuken, als klänge in dem „Buch der Lieder" ein Grundton, der durch Beimischung späterer Erzeugnisse seine schöne Reinheit einbüßen möchte. Diese späteren Produktionen übergebe ich daher dem Publikum als besonderen Nachtrag, und indem ich bescheidentlich fühle, dass an dem Grundton dieser zweiten Sammlung Wenig zu stören ist, füge ich ein dramatisches Gedicht- hinzu, welches, in einer frühesten Periode entstanden, zu einer Reihe von Dichtungen gehört, die seitdem durch betrübsames Missgeschick unwiederbringlich verloren gegangen sind. Dieses dramatische 86 Gedicht (Ratcliff) kann vielleicht in der Sammlung meiner poetischen Werke eine Lakune füllen und Zeugnis geben von Gefühlen, die in jenen verlorenen Dichtungen flammten oder wenigstens knisterten. Etwas Ähnliches möchte ich in Beziehung auf das Lied vom Tannhäuser andeuten. Es gehört einer Periode meines Lebens, wovon ich ebenfalls wenige schriftliche Urkunden dem Publikum mittheilen kann, oder vielmehr mittheilen darf. Der Einfall, dieses Buch mit einem Konterfei meines Antlitzes zu schmücken, ist nicht von mir ausgegangen. Das Porträt des Verfassers vor den Büchern erinnert mich unwillkürlich an Genua, wo vor dem Narrenhospital die Bildsäule des Stifters aufgestellt ist. Es war mein Verleger, welcher auf die Idee gerathen ist, dem Nachtrag zum „Buch der Lieder," diesem gedruckten Narrenhause, worin meine verrückten Gedanken eingesperrt sind, mein Bildnis voranzuklcben. Mein Freund Julius Campe ist ein Schalk, und wollte gewiss den lieben Kleinen von der schwäbischen Dichterschule, die sich gegen mein Gesicht verschworen haben, einen Schabernack spielen . . . Wenn sie jetzt an meinen Liedern klauben und knuspern, und die Thränen zählen, die darin vorkommen, so können sie nicht umhin, 87 manchmal meine Züge zu betrachten. Aber warum grollt ihr mir so unversöhnbar, ihr guten Leutchen? Warum zieht ihr gegen mich los in weitschweifigen Artikeln, woran ich mich zu Tode langweilen könnte? Was habt ihr gegen mein Gesicht? Beiläufig will ich hier bemerken, dass das Porträt im Musenalmanach gar nicht getroffen ist. Das Bild, welches ihr heute schaut, ist weit besser, besonders der Obertheil des Gesichtes; der untere Theil ist viel zu schmächtig. Ich bin nämlich seit einiger Zeit sehr dick und wohlbeleibt geworden, und ich fürchte, ich werde bald wie ein Bürgermeister aussehen; — ach, die schwäbische Schule macht mir so viel Kummer! Ich sehe, wie der geneigte Leser mit verwunderten Augen um Erklärung bittet: was ich unter dem Namen „schwäbische Schule" eigentlich verstehe. Was ist Das, die schwäbische Schule? Es ist noch nicht lange her, dass ich selber an mehre reisende Schwaben diese Frage richtete und um Auskunft bat. Sie wollten lange nicht mit der Sprache heraus und lächelten sehr sonderbar, etwa wie die Apotheker lächeln, wenn frühmorgens am ersten April eine leichtgläubige Magd zu ihnen in den Laden kömmt und für zwei Kreuzer Mückenhonig verlangt. In meiner Einfalt glaubte ich Anfangs, 88 unter dem Namen schwäbische Schule verstünde man jenen blühenden Wald großer Männer, der dem Boden Schwabens entsprossen, jene Rieseneichen, die bis in den Mittelpunkt der Erde wurzeln, und deren Wipfel hinausragt bis an die Sterne . . . Und ich frug: Nicht wahr, Schiller gehört dazu, der wilde Schöpfer, der „Die Räuber" schuf? .. . „Nein," lautete die Antwort, „mit Dem haben wir Nichts zu schassen, solche Räuberdichter gehören nicht zur schwäbischen Schule; bei uns geht's hübsch ordentlich zu, und der Schiller hat auch früh aus dem Land hinaus müssen." Gehört denn Schelling zur schwäbischen Schule, Schelling, der irrende Weltweise, der König Artus der Philosophie, welcher vergeblich das absolute Montsalvatsch aufsucht und verschmachten muss in der mystischen Wildnis? „Wir verstehen Das nicht," antwortete man mir, „aber so Viel können wir Ihnen versichern, der Schelling gehört nicht zur schwäbischen Schule." Gehört Hegel dazu, der Geistcsweltumsegler, der unerschrocken vorgedrungen bis zum Nordpol des Gedankens, wo Einem das Gehirn cinfriert im abstrakten Eis? .Den kennen wir gar nicht." Gehört denn David Strauß dazu, der David mit der tödlichen Schleuder? . . . „Gott bewahre uns vor Dem, Den exkommuniciert, und wollte Der 89 sich in die schwäbische Schule aufnehmen lassen, so bekäme er gewiss lauter schwarze Kugeln." Aber, um des Himmels willen — rief ich aus, nachdem ich fast alle großen Namen Schwabens aufgezählt hatte und bis auf alte Zeiten zurückgegangen war, bis auf Keppler, den großen Stern, der den ganzen Himmel verstanden, ja, bis auf die Hohen- staufen, die so herrlich aus Erden leuchteten, irdische Sonnen im deutschen Kaisermantel — Wer gehört denn eigentlich zur schwäbischen Schule? „Wohlan," antwortete man mir, „wir wollen Ihnen die Wahrheit sagen: die Renommee«, die Sie eben aufgezählt, sind viel mehr europäisch als schwäbisch, sie sind gleichsam ausgewandert und haben sich dem Auslande aufgedrungen, statt dass die Renommeen der schwäbischen Schule jenen Kos- mopolitismus verachten und hübsch patriotisch und gemüthlich zu Hause bleiben bei den Gelbveiglein und Metzelsuppen des theuren Schwabenlandcs." — Und nun kam ich endlich dahinter, von welcher bescheidenen Größe jene Berühmtheiten sind, die sich seitdem als schwäbische Schule aufgethan, in demselben Gedankenkreise umherhüpfen, sich mit denselben Gefühlen schmücken und auch Pfeifen- quästc von derselben Farbe tragen. 90 Der Bedeutendste von ihnen ist der evangelische Pastor Gustav Schwab. Er ist ein Hering in Ver- gleichung mit den Anderen, die nur Sardellen sind; versteht sich, Sardellen ohne Salz. Er hat einige schöne Lieder gedichtet, auch etwelche hübsche Balladen; freilich, mit einem Schiller, mit einem großen Walfisch, muss man ihn nicht vergleichen. Nach ihm kommt der Doktor Zufiinus Kcrner, welcher Geister und vergiftete Blutwürste sieht, und einmal dem.Publikum aufs ernsthafteste erzählt hat, dass ein paar Schuhe, ganz allein, ohne menschliche Hilfe, langsam durch das Zimmer gegangen sind bis zum Bette der Seherin von Prevorst. Das fehlt noch, dass man seine Stiefel des Abends festbinden muss, damit sie Einem nicht des Nachts, trapp! trapp! vors Bett kommen und mit lederner Gcspensterstimme die Gedichte des Herrn Zu- stinus Kerncr vordcklamicren! Letztere sind nicht ganz und gar schlecht, der Mann ist überhaupt nicht ohne Verdienst, und von ihm möchte ich Dasselbe sagen, was Napoleon von Murat gesagt hat, nämlich: „Er ist ein großer Narr, aber der beste General der Kavallerie." Ich sehe schon, wie sämmtliche Insassen von Wcinsberg über dieses Urtheil den Kopf schütteln und mit Befremden mir entgegnen : „Unser theurer Landsmann, Herr Zustinus, 91 ist freilich ein großer Narr, aber keineswegs der beste General der Kavallerie!" Nun, wie ihr wollt, ich will euch gern einräumen, dass er kein vorzüglicher Kavalleriegeneral ist. Herr Karl Mayer, welcher auf Latein 6a.ro- lu« NaAnu8 heißt, ist ein anderer Dichter der schwäbischen Schule, und man versichert, dass er den Geist und den Charakter derselben am treuc- sten offenbare; er ist eine matte Fliege und besingt Maikäfer. Er soll sehr berühmt sein in der ganzen Umgegend von Waiblingen, vor dessen Thoren man ihm eine Statue setzen will, und zwar eine Statue von Holz und in Lebensgröße. Dieses hölzerne Ebenbild des Sängers soll alle Jahr' mit Ölfarbe neu angestrichen werden, alle Jahr' im Frühling, wenn die Gelbveiglein düften und die Maikäfer summen. Auf dem Piödestal wird die Inschrift zu lesen sein: „Dieser Ort darf nicht verunreinigt werden!" Ein ganz ausgezeichneter Dichter der schwäbischen Schule, versichert man mir, ist Herr — er sei erst kürzlich zum Bewusstsein, aber noch nicht zur Erscheinung gekommen; er habe nämlich seine Gedichte noch nicht drucken lassen. Man sagt mir, er besinge nicht bloß Maikäfer, sondern sogar Lerchen und Wachteln, was gewiss sehr löblich ist. 92 Lerchen und Wachteln sind wahrhaftig Werth, dass man sie besinge, nämlich wenn sie gebraten sind. Über den Charakter und respektive» Werth der "Äschen Dichtungen kann ich, so lange sie noch nicht zur äußeren Erscheinung gekommen sind, gar kein Urtheil fällen, eben so wenig wie über die Meisterwerke so vieler anderen großen Unbekannten der schwäbischen Schule. Die schwäbische Schule hat Wohl gefühlt, dass es ihrem Ansehen nicht schaden würde, wenn sie neben ihren großen Unbekannten, die uns nur vermittelst eines Hydro-Gasmikroskops sichtbar werden, auch einige kleine Bekannte, einige Renommee», die nicht bloß in der umfriedeten Heimlichkeit schwäbischer Gauen, sondern auch im übrigen Deutschland einige Geltung erworben, zu den Ihrigen zählen könnte. Sie schrieben daher an den König Ludwig von Baicrn, den gekrönten Sänger, welcher aber absagen ließ. Übrigens ließ er sie freundlich grüßen und schickte ihnen ein Prachtexemplar seiner Poesien mit Goldschnitt und Einband von rothem Maroquin-Papier. Hierauf wandten sich die Schwaben an den Hofrath Winkler, welcher unter dem Namen Theodor Hell seinen Dichterruhm verbreitet hat; Dieser aber antwortete, seine Stellung als Herausgeber der „Abendzeitung" erlaube ihm nicht, 93 sich in die schwäbische Schule aufnehmen zu lassen, dazu komme, dass er selber eine sächsische Schule stiften wolle, wozu er bereits eine bedeutende Anzahl poetischer Landsleute engagiert habe. In ähnlicher Weise haben auch einige berühmte Oberlau- sitzer und Hinterpommern die Anträge der schwäbischen Schule abgewiesen. In dieser Noth begingen die Schwaben einen wahren Schwabenstreich, sie nahmen nämlich zu Mitgliedern ihrer schwäbischen Schule einen Ungar und einen Kaschuben. Ersterer, der Ungar, nennt sich Nikolaus Lena», und ist seit der Juliusrevolution durch seine liberalen Bestrebungen, auch durch den anpreisenden Eifer meines Freundes Laube, zu einer Renommee gekommen, die er bis zu einem gewissen Grade verdient. Die Ungarn haben jedenfalls Viel dadurch verloren, dass ihr Landsmann Lenau unter die Schwaben gegangen ist; indessen, so lange sie ihren Tokayer behalten, können sie sich über diesen Verlust trösten. Die andere Acquisition der schwäbischen Schule ist minder brillant; sie besteht nämlich in der Person des gefeierten Wolfgang Menzcl, welcher unter den Kaschuben das Licht erblickt, an den Marken Polens und Deutschlands, an jener Grenze, wo der germanische Flegel den slavischen Flegel versteht, wie 94 der alte Voß sagen würde, der alte Johann Heinrich Voß, der ungeschlachte, aber ehrliche sächsische Bauer, der, wie in seiner Gesichtsbildung, so auch in seinem Gemüthe die Merkmale des Deutschthums trug. Dass Dieses bei Herrn Wolfgang Menzel nicht der Fall ist, dass er weder dem Äußeren noch dem Inneren nach ein Deutscher ist, habe ich in der kleinen allerliebsten Schrift „Über den Denuncianten" gehörig bewiesen. Ich hätte, beiläufig gestanden, diese kleine Schrift nicht herausgegeben, wenn mir die Abhandlungen über denselben Gegenstand, die großen Bomben von Ludwig Borne und David Strauß, vorher zu Gesicht gekommen wären. Aber dieser kleinen Schrift,, welche die Vorrede zum dritten Theile des „Salons" bilden sollte, ward von dem Censor dieses Buches das Imprimatur verweigert — „aus Pietät gegen Wolfgang. Menzel," — und das arme Ding, obgleich in politischer und religiöser Beziehung zahm genug abgefasst, musste während sieben Monaten von einem Censor zum andern wandern, bis es endlich nothdürftig unter die Haube kam. Wenn du, geneigter Leser, das Büchlein in der Buchhandlung von Hoffmann und Campe zu Hamburg selber holst, so wird dir dort mein Freund Julius Campe bereitwillig erzählen, wie schwer es war, den „Denuncianten" in dir Presse zu bringen, 95 wie das Ansehen Desselben durch gewisse Autoritäten geschützt werden sollte, und wie endlich durch unab- leugbare Urkunden, durch ein Autograph des Denuncianten, der sich in den Händen von Theodor Mundt befindet, der Titel meiner Schrift aufs glänzendste gerechtfertigt wird. Was der Gefeierte dagegen vorgebracht hat, ist dir vielleicht bekannt, mein theurer Leser. Als ich ihm Stück vor Stück die Fetzen des falschen Patriotismus und der erlogenen Moral vom Leibe riss, — da erhub er wieder ein ungeheures Geschrei: die Religion sei in Gefahr, die Pfeiler der Kirche brächen zusammen, Heinrich Heine richte das Christenthum zu Grunde! Ich habe herzlich lachen müssen, denn dieses Zetergeschrei erinnerte mich an einen andern armen Sünder, der auf dem Marktplatz zu Lübeck mit Staupenschlag und Brandmark abgestraft wurde, und plötzlich, als das rothe Eisen seinen Rücken berührte, ein entsetzliches Mordio erhob und beständig schrie: „Feuer! Feuer! Es brennt, es brennt, die Kirche steht in Flammen!" Die alten Weiber erschraken auch diesmal über solchen Feuerlärm, vernünftige Leute aber lachten und sprachen: „Der arme Schelm! nur sein eigner Rücken ist entzündet, die Kirche steht sicher auf ihrem alten Platze, auch hat dort die Polizei, aus Furcht vor Brandstiftung, noch einige Spritzen aus- 96 gestellt, und aus frommer Vorsorge darf jetzt in der Nähe der Religion nicht einmal eine Cigarre geraucht werden!" Wahrlich, das Christenthum ward nie ängstlicher geschützt, als eben jetzt. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, dem Gerüchte zu widersprechen, als habe Herr Wolfgang Wenzel, auf Andrang seiner Kollegen, sich endlich entschlossen, jene Großmuth zu benutzen, womit ich ihm gestattete, sich wenigstens von dem Vorwarf der persönlichen Feigheit zu reinigen. Ehrlich gestanden, ich war immer darauf gefasst, dass mir Ort und Zeit anberaumt würde, wo der Ritter der Vaterlandsliebe, des Glaubens und der Tugend sich bewähren wolle in all seiner Mannhaftigkeit. Aber leider bis auf diese Stunde wartete ich vergebens, und die Witzlinge in deutschen Blättern moquierteu sich obendrein über meine Leichtgläubigkeit. Spottvögel haben sich sogar den Spaß erlaubt, mir im Namen der unglücklichen Gattin des Denuncianten einen Brief zu schreiben, worin die arme Frau sich über die häuslichen Nöthen, die sie seit dem Erscheinen meiner kleinen Schrift zu erdulden habe, schmerzlich beklagt. Jetzt sei gar kein Auskommen mehr mit ihrem Manne, der zu Hause zeigen wolle, dass er ein Held sei. Die geringste Anspielung auf Feigheit brächte ihn zur Wuth. 97 Eines Abends habe er das kleine Kind geprügelt, weil es „Häschen an der Wand" spielte. Jüngst sei er wie rasend aus der Ständekammer gekommen und habe wie ein Ajax getobt, weil dort alle Blicke auf ihn gerichtet gewesen, als die Gcsetzfrage „ob man Jemanden ungestraft dem öffentlichen Gelächter preisgeben dürfe?" diskutiert wurde. Ein andermal habe er bitterlich geweint, als einer von den undankbaren Juden, die er emancipieren wolle, ihm ins Gesicht gemauschelt: „Sie sind doch kein Patriot, Sie thun Nichts fürs Volk, Sie sind nicht der Ätte, sondern die Memme des Vaterlandes." Aber gar des Nachts beginne der rechte Jammer, und dann seufze er und wimmere und stöhne, dass sich ein Stein drob erbarmen könnte. Das sei nicht länger zum Aushalten, schloss der angebliche Brief der armen Frau, sie wolle lieber sterben, als diesen Zustand länger ertragen, und um der Sache ein Ende zu machen, sei sie erbötig, statt ihres furchtsamen Gemahls, sich selber mit mir zu schlagen. Gehorsame Dienerin. Als ich diesen Brief las, und in meiner Einfalt die offenbare Mystifikation nicht gleich merkte, rief ich mit Begeisterung: Edles Weib! würdige Schwäbin! würdig deiner Mütter, die einst zu Weinsberg ihre Männer huckepack trugen! Heine's Werke. Bd. XIV. 7 98 Die Weiber im Schwabenlande scheinen überhaupt mehr Energie zu besitzen als ihre Männer, die nicht selten nur auf Geheiß ihrer Ehehälften zum Schwerte greifen. Weiß ich doch eine schöne Schwäbin, die mir seit Jahren wüthender als zwanzig Teufel den Krieg macht und mich mit unversöhnlicher Feindschaft verfolgt. Ein Naturforscher hat ganz richtig die Bemerkung gemacht, dass im Sommer, besonders in den Hundstagen, weit mehr gegen mich geschrieben wird, als im Winter. Dass es nicht die altpoetische Vornehmigkeit ist, welche mich davon abhält, dergleichen Angriffe zu besprechen, habe ich bereits an einem anderen Orte erwähnt. Eines Theils liegt mir ein gewisser Knebel im Munde, sobald ich mich gegen Anschuldigung von Jmmoralität oder irreligiöser Frivolität, oder gar politischer Inkonsequenz, durch Erörterung der letzten Gründe von all meinem Lichten und Trachten, vertheidigen wollte. Anderen Theils befinde ich mich meinen Widersachern gegenüber in derselben Lage, die Freund Semilasso irgendwo in seiner afrikanischen Reisebeschreibung mit der richtigen Empfindung erwähnt. Er erzählt uns nämlich, dass, als er in einem Beduinenlagcr übernachtete, rings um sein Zelt eine große Menge 99 Hunde unaufhörlich bellten und heulten und winselten, was ihn aber am Schlafen gar nicht gehindert habe; „wär' es nur ein einziger Kläffer gewesen," setzt er hinzu, „so hätte ich die ganze Nacht kein Auge zuthun können." Das ist es: weil der Kläffer so viele sind, und weil der Mops den Spitz, dieser wieder den gemüthlichen Dachs, letzterer das edle Windspiel oder die fromme Dogge überbellt, und die.schnöden Laute der verschiedenen Bestien im Gesammtgeheul verloren gehen, kann mir ein ganzer Hundelärm wenig anhaben. Nein, Herr Gustav Pfizer eben so wenig wie die Anderen hat mir jemals den Schlaf gekostet, und man darf es mir aufs Wort glauben, dass bei Erwähnung dieses Dichterlings auch nicht die mindeste Bitterkeit in meiner Seele waltet. Aber ich kann ihn, der Vollständigkeit wegen, nicht unerwähnt lassen; die schwäbische Schule zählt ihn nämlich zu den Ihrigen, was mir sonderbar genug dünkt, da er im Gegensatze zu dieser Genossenschaft mehr als reflektierende Fledermaus, denn als gemüthlicher Maikäfer umherflattert, und vielmehr nach der Schubart'schen Todtengruft als nach Gelb- veiglein riecht. Mir wurden mal seine Gedichte aus Stuttgart zugeschickt, und die freundlichen Begleitungszeilen veranlassten mich, einen flüchtigen Blick 100 hineinzuwerfen; ich fand sie herzlich schlecht. Dasselbe kann ich auch von seiner Prosa sagen; sie ist herzlich schlecht. Ich gestehe freilich, dass ich nichts Anderes von ihm gelesen habe, als eine Abhandlung, die er gegen mich geschrieben. Sie ist geistlos und unbeholfen und miserabel stilisiert; Letzteres ist um so unverzeihlicher, da die ganze Schule die Materialien dazu kotisiert. Das Beste in der ganzen Abhandlung ist der wohlbekannte Kniff, womit man verstümmelte Sätze aus den heterogensten Schriften eines Autors zusammenstellt, um Demselben jede beliebige Gesinnung oder Gesinnungslosigkeit aufzubürden. Freilich, der Kniff ist nicht neu, doch bleibt er immer probat, da von Seiten des angefochtenen Autors keine Widerlegung möglich ist, wenn er nicht etwa ganze Folianten schreiben wollte, um zu beweisen, dass der eine von den angeführten Sätzen humoristisch gemeint, der andere zwar ernst gemeint sei, aber sich auf einen Vordersatz beziehe, der ihm eben seine richtige Bedeutung verleiht; dass'ferner die aneinander gereihten Sätze nicht bloß aus ihrem logischen, sondern auch aus ihrem chronologischen Zusammenhang gerissen worden, um einige scheinbare Widersprüche hervor- zuklaubcn; dass aber eben diese Widersprüche von der höchsten Konsequenz zeugen würden, wenn man 101 Zcitfolge, Zcitumständc, Zcitbedingungen bedächte — ach! wenn man bedächte, wie die Strategie eines Autors, der für die Sache der europäischen Freiheit kämpft, wunderlich verwickelt ist, wie seine Taktik allen möglichen Veränderungen unterworfen, wie er heute Etwas als äußerst wichtig verfechten muss, was ihm morgen ganz gleichgültig sein kann, wie er heute diesen Punkt, morgen einen andern zu beschützen oder anzugreifen hat, je nachdem es die Stellung der Gegenpartei, die wechselnden Al- liancen, die Siege oder die Niederlagen des Tages erfordern! Das einzige Neue und Eigenthümliche, was ich in der oben erwähnten Abhandlung des Herrn Gustav Pfizer gefunden habe, war hie und da nicht bloß eine listige Vorkehrung des Wortsinnes meiner Schriften, sondern sogar die Fälschung meiner Worte selbst — Dieses ist neu, ist eigenthümlich, wenigstens bis jetzt hat man in Deutschland noch nicht einen Autor mit verfälschten Worten citiert. Doch Herr Gustav Pfizer scheint noch ein junger Anfänger zu sein, es juckt ihm zwar die Begabnis des Fälschend in seinen Fingern, doch merkt man an ihm noch eine gewisse Befangenheit in der Ausübung, und wenn er z. B. „Hostien" citiert, statt der gewöhnlichen „Oblaten" des Originaltextes, oder mehr- 102 mals „göttlich" citiert, statt des ursprünglichen „vortrefflich," — so weiß er doch noch nicht recht, welchen Gebrauch er von solcher Fälschung machen kann. Er ist ein junger Anfänger. Aber sein Talent ist unleugbar, er hat es hinlänglich offenbart, die geziemendste Anerkennung darf ihm nicht verweigert werden, er verdient, dass ihm Wolsgang Menzel mit der tapferen Hand seinen schäbigsten Lorber- kranz aufs Haupt drückt. Indessen, ehrlich gestanden, ich rathe ihm, sein Talent nicht bedeutender auszubilden. Es könnte ihn einst das Gelüste anwandeln, jenes edle Talent auch auf außerliterärische Gegenstände anzuwenden. Es giebt Länder, wo Dergleichen mit einem Halsband von Hanf belohnt wird. Ich sah zu Old- Baileh in London Jemanden hängen, der ein falsches Citat unter einen Wechsel geschrieben hatte — und der arme Schelm mochte es wohl aus Hunger gethan haben, nicht aus Büberei oder aus eitel Neid, oder gar um eine kleine Lobspende im „Stuttgarter Literaturblatt," ein literärisches Trinkgeld, zu verdienen. Ich hatte desshalb Mitleid mit dem armen Schelm, bei dessen Exekution sehr viele Zögerungen vorfielen. Es ist ein Irrthum, wenn man glaubt, dass das Hängen in England so schnell von Statten gehe. Die Zubereitungen dauerten fast 103 eine Viertelstunde. Ich ärgere mich noch heute, wenn ich daran denke, mit welcher Langsamkeit dem armen Menschen die Schlirkge um den Hals gelegt und die weiße Nachtmütze über die Augen gezogen wurde. Neben ihm standen seine Freunde, vielleicht die Genossen der Schule, wozu er gehörte, und harrten des Augenblicks, wo sie ihm den Liebesdienst erweisen konnten; dieser Liebesdienst besteht darin, dass sie den gehenkten Freund, um seine zuckende Todesqual abzukürzen, so stark als möglich an den Beinen ziehen. Ich habe von Herrn Gustav Pfizer geredet, weil ich ihn bei Besprechung der schwäbischen Schule nicht füglich übergehen konnte. So Viel darf ich versichern, dass ich in der Heiterkeit meines Herzens nicht den mindesten Anmuth wider Herrn Pfizer empfinde. Im Gegentheil, sollte ich je im Stande sein, ihm einen Liebesdienst zu erweisen, so werde ich ihn gewiss nicht lange zappeln lassen. -Und nun lass uns ernsthaft reden, lieber Leser; was ich dir jetzt noch zu sagen habe, verträgt sich nicht mit dem scherzenden Tone, mit der leichtsinnig guten Laune, die mich beseelte, während ich diese Blätter schrieb. Es liegt mir drückend Etwas im Sinne, was ich nicht mit ganz freier 104 Zunge zu erörtern vermag, und worüber dennoch das unzweideutigste Geständnis nöthig wäre. Ich hege nämlich eine wahre Scheu, bei Gelegenheit — der schwäbischen Schule auch von Ludwig Uh- land zu sprechen, von dem großen Dichter, den ich schier zu beleidigen fürchte, wenn ich seiner in so kläglicher Gesellschaft gedenke. Und dennoch, da die erwähnten Dichterlinge den Ludwig Uhland zu den Ihrigen zählen oder gar für ein Haupt ihrer Genossen ausgeben, so könnte man hier jedes Verschweigen seines Namens als eine Unredlichkeit betrachten. Weit entfernt, an seinem Werthe zu mäkeln, möchte ich vielmehr die Verehrung, die ich seinen Dichtungen zolle, mit den volltönendsten Worten an den Tag geben. Es wird sich mir bald dazu eine passendere Gelegenheit bieten. Ich werde alsdann zur Genüge zeigen, dass sich in meiner früheren Beurtheilung des trefflichen Sängers^) zwar einige grämliche Töne, einige zeitliche Verstimmungen einschleichen konnten, dass ich aber nie die Absicht hegte, an seinem inneren Werthe, an seinem Talente selbst, eine Ungerechtigkeit zu begehen. Nur über die litcrärhistorischen Beziehungen, über die äußeren Verhältnisse seiner Muse, habe ich unum- *) Band VI, S. 254 ff. Der Herausgeber. 105 wunden eine Ansicht, die vielleicht seinen Freunden missfällig, aber darum dennoch nicht minder wahr ist, aussprechen müssen. Als ich nämlich Ludwig Uhland im Zusammenhang mit der „Romantischen Schule" in dem Buche, welches eben diesen Namen führt, flüchtig beurtheilte, habe ich deutlich genug nachgewiesen, dass der vortreffliche Sänger nicht eine neue, eigenthümliche Sangcsart aufgebracht hat, sondern nur die Töne der romantischen Schule gelehrig nachsprach; dass, seitdem die Lieder seiner Schülgenoffen verschollen sind, Uhland's Gedichtesammlung als das einzig überlebende lyrische Denkmal jener Töne der romantischen Schule zu betrachten ist; dass aber der Dichter selbst, eben so gut wie die ganze Schule, längst todt ist. Eben so gut wie Schlegel, Tieck, wie Fouqu6, ist auch Uhland längst verstorben, und hat vor jenen edlen Leichen nur das größere Verdienst, dass er seinen Tod wohl begriffen und seit zwanzig Jahren Nichts mehr geschrieben hat. Es ist wahrlich ein eben so widerwärtiges wie lächerliches Schauspiel, wenn jetzt meine schwäbischen Dichterlinge den Uhland zu den Ihrigen zählen, wenn sie den großen Todten aus seinem Grabmal hervorholen, ihm ein Fallhütchen aufs Haupt stülpen und ihn in ihr niedriges Schulstübchen hereinzerren, — oder wenn sie 106 gar den erblichenen Helden wohlgeharnischt aufs hohe Pferd packen, wie einst die Spanier ihren Cid, und solchermaßen gegen die Ungläubigen', gegen die Verächter der schwäbischen Schule, losrennen lassen! Das fehlt mir noch, dass ich auch im Gebiete der Kunst mit Todten zu kämpfen hätte! Leider muss ich es oft genug in anderen Gebieten, und ich versichere euch bei allen Schmerzen meiner Seele, solcher Kampf ist der fatalste und verdrießlichste. Da ist keine glühende Ungeduld, die da hetzt Hieb auf Hieb, bis die Kämpfer wie trunken hinsinken und verbluten. Ach, die Todten ermüden uns mehr als sie uns verwunden, und der Streit verwandelt sich am Ende in eine fechtende Langeweile. Kennst du die Geschichte von dem jungen Ritter, der in den Zauberwald zog? Sein Haar war goldig, auf seinem Helm wehten die kecken Federn, unter dem Gitter des Visiers glühten die rothen Wangen, und unter dem blanken Harnisch pochte der frischeste Muth. In dem Walde aber flüsterten die Winde sehr sonderbar. Gar unheimlich schüttelten sich die Bäume, die manchmal, häfllich verwachsen, an menschliche Missbildungcn erinnerten. Aus dem Laubwerk guckte hie und da ein gespenstisch weißer Vogel, der fast verhöhnend kicherte und lachte. Allerlei 107 Fabelgcthier huschle schattenhaft durch die Büsche. Mitunter freilich zwitscherte auch mancher harmlose Zeisig, und nickte aus den breitblättrigen Schlingpflanzen manch stille schöne Blume. Der junge Fant aber, immer weiter vordringend, rief endlich mit Übertrotz: „Wann erscheint denn der Kämpe, der mich besiegen kann?" Da kam, nicht eben rüstig, aber doch nicht allzu schlotterig, herangezogen ein langer, magerer Ritter mit geschlossenem Visier, und stellte sich zum Kampfe. Sein Helmbusch war geknickt, sein Harnisch war eher verwittert als schlecht, sein Schwert war schartig, aber vom besten Stahl, und sein Arm war stark. Ich weiß nicht, wie lange die Beiden mit einander fochten, doch es mag wohl geraume Zeit gedauert haben, denn die Blätter fielen unterdessen von den Bäumen, und diese standen lange kahl und frierend, und dann knospeten sie wieder aufs Neue und grünten im Sonnenschein, und so wechselten die Zahrzeiten — ohne dass sie es merkten, die beiden Kämpfer, die beständig aus einander loshieben, Anfangs unbarmherzig wild, später minder heftig, dann sogar etwas phlegmatisch, bis sie endlich ganz und gar die Schwerter sinken ließen und erschöpft ihre Helmgitter ausschlössen — Das gewährte einen betrübenden Anblick! Der eine Ritter, der herausgeforderte Kämpe, war ein 108 Todter, und aus dem geöffneten Visier grinste ein fleischloser Schädel. Der andere Ritter, der als junger Fant in den Wald gezogen, trug jetzt ein verfallen fahles Greisenantlitz und sein Haar war schneeweiß. — Von den hohen Bäumen herab, wie verhöhnend, kicherte und lachte das gespenstisch weiße Gevögel. Geschrieben zu Paris, im Wonnemond 1838. Einleitung zur Prachtausgabe des .,D o n Q u i x o t e." ( 1837 .) „Leben und Thaten des scharfsinnigen Junkers Don Quixote von der Mancha, beschrieben von Miguel Cervantes de Saavedra," war das erste Buch, das ich gelesen habe, nachdem ich schon in ein verständiges Kindesalter getreten und des Buchstabenwesens einigermaßen kundig war. Ich erinnere mich noch ganz genau jener kleinen Zeit, wo ich mich eines frühen Morgens von Hause wegstahl und nach dem Hofgarten eilte, um dort ungestört den Don Quixote zu lesen. Es war ein schöner Maitag, lauschend im stillen Morgenlichte lag der blühende Frühling und ließ sich loben von der Nachtigall, seiner süßen Schmeichlerin, und diese sang ihr Loblied so karessierend weich, so schmelzend enthusiastisch, dass die verschämtesten Knospen aufsprangen, und die lüsternen Gräser und die dusti- 112 gen Sonnenstrahlen sich hastiger küssten, und Bäume und Blumen schauerten vor eitel Entzücken. Ich aber setzte mich auf eine alte moosige Steinbank in der sogenannten Seufzcrallee, unfern des Wasser- falls, und ergötzte mein kleines Herz an den großen Abenteuern des kühnen Ritters. In meiner kindischen Ehrlichkeit nahm ich Alles für baren Ernst; so lächerlich auch dem armen Helden von dem Geschicke mitgespielt wurde, so meinte ich doch, Das müsse so sein, Das gehöre nun mal zum Heldcn- thum, das Ausgelachtwerden eben so gut wie die Wunden des Leibes, und jenes verdross mich eben so sehr, wie ich diese in meiner Seele mitfühlte. — Ich war ein Kind und kannte nicht die Ironie, die Gott in die Welt hineingcschafsen, und die der große Dichter in seiner gedruckten Kleinwelt nachgeahmt hatte, und ich konnte die bittersten Thränen vergießen, wenn der edle Ritter für all seinen Edcl- muth nur Undank und Prügel genoss. Da ich, noch ungeübt im Lesen, jedes Wort laut aussprach, so konnten Vögel und Bäume, Bach und Blume Alles mit anhören, und da solche unschuldige Naturwesen, eben so wie die Kinder, von der Wcltironie Nichts wissen, so hielten sie gleichfalls Alles für baren Ernst und weinten mit mir über die Leiden des armen Ritters; sogar eine alte ausgediente Eiche 113 schluchzte, und der Wasserfall schüttelte heftiger seinen weißen Bart und schien zu schelten auf die Schlechtigkeit der Welt. Wir fühlten, dass der Hcldcnsinn des Ritters darum nicht mindere Bewunderung verdient, wenn ihm der Löwe ohne Kampflust den Rücken kehrte, und dass seine Thaten um so prcisenswerther, je schwächer und ausgedörrter sein Leib, je morscher die Rüstung, die ihn schützte, und je armseliger der Klepper, der ihn trug. Wir verachteten den niedrigen Pöbel, der, geschmückt mit buntseidenen Mänteln, vornehmen Redensarten und Herzogstiteln, einen Mann verhöhnte, der ihm an Geisteskraft und Edelsinn so weit überlegen war. Dulcinca's Ritter stieg immer höher in meiner Achtung und gewann immer mehr meine Liebe, je länger ich in dem wundersamen Buche las, was in demselben Garten täglich geschah, so dass ich schon im Herbste das Ende der Geschichte erreichte, — und nie werde ich den Tag vergessen, wo ich von dem kummervollen Zwei- kampfe las, worin der Ritter so schmählich unterliegen musste! Es war ein trüber Tag, hässliche Ncbclwolkcn zogen den grauen Himmel entlang, die gelben Blätter sielen schmerzlich von den Bäumen, schwere Thrä- nentropfen hingen an den letzten Blumen, die gar Hein-'S Werke. Bd. XIV. g 114 traurig welk die sterbenden Köpfchen senkten, die Nachtigallen waren längst verschollen, von allen Seiten starrte mich an das Bild der Vergänglichkeit, — und mein Herz wollte schier brechen, als ich las, wie der edle Ritter betäubt und zermalmt am Boden lag und, ohne das Visier zu heben, als wenn er aus dem Grabe gesprochen hätte, mit schwacher, kranker Stimme zu dem Sieger hinauf- rief: „Dulcinea ist das schönste Weib der Welt, und ich der unglücklichste Ritter aus Erden, aber es ziemt sich nicht, dass meine Schwäche diese Wahrheit verleugne, — stoßt zu mit der Lanze, Ritter!" Ach, dieser leuchtende Ritter vom silbernen Monde, der den wüthigsten und edelsten Mann der Welt besiegte, war ein verkappter Barbier! Es sind nun acht Jahre, dass ich für den vierten Theil der „Reisebildcr" diese Zeilen geschrieben, worin ich den Eindruck schilderte, den die Lektüre des Don Quixote vor weit längerer Zeit in meinem Geiste hervorbrachte. Lieber Himmel, wie doch die Jahre schnell dahinschwinden! Es ist mir, als habe ich erst gestern in der Seufzerallee des Düsseldorfer Hosgartens das Buch zu Ende gelesen, und mein Herz sei noch erschüttert von Bewunderung für die Thaten und Leiden des 115 großen Ritters. Ist mein Herz die ganze Zeit über stabil geblieben, oder ist es nach einem wunderbaren Kreislauf zu den Gefühlen der Kindheit zurückgekehrt? Das Letztere mag wohl der Fall sein, denn ich erinnere mich, dass ich in jedem Lustrum meines Lebens den Don Ouixote mit abwechselnd verschiedenartigen Empfindungen gelesen habe. Als ich ins Jünglingsalter emporblühete und mit unerfahrenen Händen in die Rosenbüsche des Lebens hincingriff und auf die höchsten Felsen klomm, um der Sonne näher zu sein, und des Nachts von Nichts träumte als von Adlern und reinen Jungfrauen, da war mir der Don Ouixote ein sehr unerquickliches Buch, und lag es in meinem Wege, so schob ich es unwillig zur Seite. Späterhin, als ich zum Manne heranreifte, versöhnte ich mich schon einigermaßen mit Dulcinea's unglücklichem Kämpen und ich fing schon an, über ihn zu lachen. Der Kerl ist ein Narr, sagte ich. Doch, sonderbarer Weise, auf allen meinen Lebensfahrten verfolgten mich die Schattenbilder des dürren Ritters und seines fetten Knappen, namentlich wenn ich an einen bedenklichen Scheideweg gelangte. So erinnere ich mich, als ich nach Frankreich reiste und eines Morgens im Wagen aus einem fieberhaften Halbschlum- mer erwachte, sah ich im Frühnebel zwei wohlbe- 8 * 116 kannte Gestalten neben mir einherreiten, und die eine, an meiner rechten Seite, war Don Quixote von der Mancha auf seiner abstrakten Rosinante, und die andere, zu meiner Linken, war Sancho Pansa auf seinem positiven Grauchen. Wir hatten eben die französische Grenze erreicht. Der edle Man- chaner beugte ehrfurchtsvoll das Haupt vor der dreifarbigen Fahne, die uns vorn hohen Grenz- pfahl entgegenflatterte, der gute Sancho grüßte mit etwas kühlerem Kopfnicken die ersten französischen Gendarmen, die unfern zum Vorschein kamen; endlich aber jagten beide Freunde mir voran, ich verlor sie aus dem Gesichte, und nur noch zuweilen hörte ich Rosinante's begeistertes Gewieher und die bejahenden Töne des Esels. Ich war damals der Meinung, die Lächerlichkeit des Donquixotismus bestehe darin, dass der edle Ritter eine längst abgelebte Vergangenheit ins Leben zurückrufen wollte, und seine armen Glieder, namentlich sein Rücken, mit den Thatsachen der Gegenwart in schmerzliche Reibungen geriethen. Ach, ich habe seitdem erfahren, dass es eine eben so undankbare Tollheit ist, wenn man die Zukunft allzu frühzeitig in die Gegenwart einführen will, und bei solchem Ankampf gegen die schweren Interessen des Tages nur einen sehr mageren Klcp- 117 per, eine sehr morsche Rüstung und einen eben so gebrechlichen Körper besitzt! Wie über jenen, so auch über diesen Donquixotismus schüttelt der Weise sein vernünftiges Haupt. — Aber Dulcinea von Toboso ist dennoch das schönste Weib der Welt; obgleich ich elend zu Boden liege, nehme ich dennoch diese Behauptung nimmermehr zurück, ich kann nicht anders, — stoßt zu mit euren Lanzen, ihr silbernen Mondritter, ihr verkappten Barbierge- scllen! Welcher Grundgedanke leitete den großen Cervantes, als er sein großes Buch schrieb? Beabsichtigte er nur den Ruin der Ritterromane, deren Lektüre zu seiner Zeit in Spanien so stark grassierte, dass geistliche und weltliche Verordnungen dagegen uumächtig waren? Oder wollte er alle Erscheinungen der menschlichen Begeisterung überhaupt, und zunächst das Heldenthum der Schwertführer ins Lächerliche ziehen? Offenbar bezweckte er nur eine Satire gegen die erwähnten Romane, die er durch Beleuchtung ihrer Absurditäten dem allgemeinen Gespötte und also dem Untergänge überliefern wollte. Dieses gelang ihm auch aufs glänzendste; denn was weder die Ermahnungen der Kanzel, noch die Drohungen der Kanzelei bewerkstelligen konnten, Das erwirkte ein armer Schrift- 118 steller mit seiner Feder; er richtete die Ritterromanc so gründlich zu Grunde, dass bald nach dem Erscheinen des Don Quixote der Geschmack für jene Bücher in ganz Spanien erlosch, und auch keins derselben mehr gedruckt ward. Aber die Feder des Genius ist immer größer als er selber, sie reicht immer weit hinaus über seine zeitlichen Absichten, und ohne dass er sich Dessen klar bewusst wurde, schrieb Cervantes die größte Satire gegen die menschliche Begeisterung. Nimmermehr ahnte er Dieses, er selber, der Held, welcher den größten Theil seines Lebens in ritterlichen Kämpfen zugebracht hatte und im späten Alter sich noch oft darüber freute, dass er in der Schlacht bei Lepanto mitgefochten, obgleich er diesen Ruhm mit dem Verluste seiner linken Hand bezahlt hatte. Über Person und Lebensverhältnisse des Dichters, der den Don Quixote geschrieben, weiß der Biograph nur Weniges zu melden. Wir verlieren nicht Viel durch solchen Mangel an Notizen, die gewöhnlich bei den Frau Basen der Nachbarschaft aufgegabelt werden. Diese sehen ja nur die Hülle; wir aber sehen den Mann selbst, seine wahre, treue, »»verleumdete Gestalt. Er war ein schöner, kräftiger Mann, Don Miguel Cervantes de Saavedra. Seine Stirn war 119 hoch und sein Herz war weit. Wundersam war die Zauberkraft seines Auges. Wie es. Leute giebt, welche durch die Erde schauen und die darin begrabenen Schätze oder Leichen sehen können, so drang das Auge des großen Dichters durch die Brust der Menschen, und er sah deutlich, was dort vergraben. Den Guten war sein Blick ein Sonnenstrahl, der ihr Inneres freudig erhellte; den Bösen war sein Blick ein Schwert, das ihre Gefühle grausam zerschnitt. Sein Blick drang forschend in die Seele eines Menschen und sprach mit ihr, und wenn sie nicht antworten wollte, folterte er sie, und die Seele lag blutend auf der Folter, während vielleicht ihre leibliche Hülle sich herablassend vornehm gebärdete. Was Wunder, dass ihm dadurch sehr viele Leute abhold wurden, und ihn auf seiner irdischen Laufbahn nur saumselig beförderten! Auch gelangte er niemals zu Rang und Wohlstand, und von all' seinen mühseligen Pilgerfahrten brachte er keine Perlen, sondern nur leere Muscheln nach Hause. Man sagt, er habe den Werth des Geldes nicht zu schätzen gemusst; aber ich versichere euch, er wusste den Werth des Geldes sehr zu schätzen, sobald er keins mehr hatte. Nie aber schätzte er es so hoch, wie seine Ehre. Er hatte Schulden, und in einer von ihm verfassten Charte, die Apollo den Dichtern octroyiert, bestimmt der erste Paragraph: wenn ein Dichter versichert, kein Geld zu haben, so solle man ihm anfs Wort glauben und keinen Eid von ihm verlangen. Er liebte Musik, Blumen und Weiber. Doch auch in der Liebe für Letztere ging es ihm manchmal herzlich schlecht, namentlich als er noch jung war. Konnte das Bewusstsein künftiger Größe ihn genugsam trösten in seiner Jugend, wenn schnippische Rosen ihn mit ihren Dornen verletzten? — Einst an einem hellen Sommcrnachmittag ging er, ein junger Fant, am Tajo spazieren mit einer sechzehnjährigen Schönen, die sich beständig über seine Zärtlichkeit moquicrte. Die Sonne war noch nicht untergegangen, sie glühte noch in ihrer goldigsten Pracht; aber oben am Himmel stand schon der Mond, winzig und blass, wie ein weißes Wölkchen. „Siehst du," sprach der junge Dichter zu seiner Geliebten, „siehst du dort oben jene kleine bleiche Scheibe? Der Fluss hier neben uns, worin sie sich abspiegelt, scheint nur aus Mitleiden ihr ärmliches Abbild auf seinen stolzen Fluthcn zu tragen, und die gekräuselten Wellen werfen es zuweilen spottend aus Ufer. Aber lass nur den alten Tag verdämmern! Sobald die Dunkelheit anbricht, erglüht droben jene blasse Scheibe immer herrlicher und herrlicher, der 121 ganze Fluss wird überstrahlt von ihrem Lichte, und die Wellen, die vorhin so wegwerfend übermüthig, erschauern jetzt bei dem Anblick dieses glänzenden Gestirns und schwellen ihm entgegen mit Wollust." In den Werken der Dichter muss man ihre Geschichte suchen, und hier findet man ihre geheimsten Bekenntnisse. Überall, mehr noch in seinen Dramen als im Don Quixote, sehen wir, was ich bereits erwähnt habe, dass Cervantes lange Zeit Soldat war. In der That, das römische Wort: „Leben heißt Krieg führen!" findet auf ihn seine doppelte Anwendung. Als gemeiner Soldat kämpfte er in den meisten jener wilden Waffenspiele, die König Philipp II. zur Ehre Gottes und seiner eigenen Lust in allen Landen aufführte. Dieser Umstand, dass Cervantes dem größten Kämpen des Katholicismus seine ganze Jugend gewidmet, dass er für die katholischen Interessen persönlich gekämpft, lässt vermuthen, dass diese Interessen ihm auch theuer am Herzen lagen, und widerlegt wird dadurch jene viel verbreitete Meinung, dass nur die Furcht vor der Inquisition ihn abgehalten habe, die protestantischen Zcitgedanken im Don Quixote zu besprechen. Nein, Cervantes war ein getreuer Sohn der römischen Kirche, und nicht bloß blutete sein Leib im ritterlichen Kampfe für ihre gebcne- 122 deite Fahne, sondern er litt für sie auch mit seiner ganzen Seele das peinlichste Märtyrthmn während seiner langjährigen Gefangenschaft unter den Ungläubigen. Dem Zufall verdanken wir mehr Details über das Treiben des Cervantes zu Algier, und hier erkennen wir in dem großen Dichter einen eben so großen Helden. Die Gefangenschaftsgcschichte widerspricht aufs glänzendste der melodischen Lüge jenes glatten Lebemannes, der dem Augustus und allen deutschen Schulfüchsen weiß gemacht hat, er sei ein Dichter, und Dichter seien feige. Nein, der wahre Dichter ist auch ein wahrer Held, und in seiner Brust wohnt die Geduld, die, wie der Spanier sagt, ein zweiter Muth ist. Es giebt kein erhabeneres Schauspiel, als den Anblick jenes edlen Kasti- lianers, der dem Dei zu Algier als Sklave dient, beständig auf Befreiung sinnt, seine kühnen Plane unermüdlich vorbereitet, allen Gefahren ruhig entgegen blickt und, wenn das Unternehmen scheitert, lieber Tod und Folter ertrüge, als dass er nur mit einer Silbe die Mitschuldigen verriethe. Der blutgierige Herr seines Leibes wird entwaffnet von so viel Großmuth und Tugend, der Tiger schont den gefesselten Löwen und zittert vor dem schrecklichen Einarm, den er doch mit einem Worte in 123 den Tod schicken könnte. Unter dem Namen „der Einarm" ist Cervantes in ganz Algier bekannt, und der Dei gesteht, dass er ruhig schlafen könne und der Ruhe seiner Stadt, seiner Armee und seiner Sklaven versichert sei, wenn er nur den einhändigen Spanier in festem Gewahrsam wisse. Ich habe erwähnt, dass Cervantes beständig gemeiner Soldat war; aber da er sogar in so untergeordneter Stellung sich auszeichnen und namentlich seinem großen Feldherrn Don Juan d'Au- ftria bemerkbar machen konnte, so erhielt er, als er aus Italien nach Spanien zurückkehren wollte, die rühmlichsten Zeugnisbriefc für den König, dem seine Beförderung darin nachdrücklich empfohlen ward. Als nun die algierischen Korsaren, die ihn auf dem mittelländischen Meere gefangen nahmen, diese Briefe sahen, hielten sie ihn für eine Person von äußerst bedeutendem Stande, und forderten deßhalb ein so erhöhtes Lösegcld, dass seine Familie, trotz aller Mühen und Opfer, ihn nicht loszukaufen vermochte, und der arme Dichter dadurch desto länger und qnalsamer in der Gefangenschaft gehalten wurde. So ward sogar die Anerkennung seiner Vortrefftichkeit für ihn nur eine neue Quelle des Unglücks, und so bis aus Ende seiner Tage spottete seiner jenes grausame Weib, die Göttin 124 Fortuna, die es dem Genius nie verzeiht, dass er auch ohne ihre Gönnerschaft zu Ruhm und Ehre gelangen kann. Aber ist das Unglück des Genius immer nur das Werk eines blinden Zufalls, oder entspringt es als Nothwendigkeit aus seiner innern Natur und der Natur seiner Umgebung? Tritt seine Seele in Kampf mit der Wirklichkeit, oder beginnt die rohe Wirklichkeit einen ungleichen Kampf mit seiner edlen Seele? Die Gesellschaft ist eine Republik. Wenn der Einzelne emporstrebt, drängt ihn die Gesammtheit zurück durch Ridikül und Verlästerung. Keiner soll tugendhafter und geistreicher sein, als die Übrigen. Wer aber durch die unbeugsame Gewalt des Genius hinausragt über das banale Gcmeindemaß, Diesen trifft der Ostracismus der Gesellschaft, sie verfolgt ihn mit so gnadenloser Verspottung und Verleumdung, dass er sich endlich zurückziehen muss in die Einsamkeit seiner Gedanken. Ja, die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach republikanisch. Jede Fürstlichkeit ist ihr verhasst, die geistige eben so sehr wie die materielle. Letztere stützt nicht selten auch die erstere mehr, als man gewöhnlich ahnt. Gelangten wir doch selber zu dieser Einsicht bald nach der Juliusrcvolution, als 125 der Geist des Rcpublikanismus in allen gesellschaftlichen Verhältnissen sich kund gab. Der Lorbcr eines großen Dichters war unsern Republikanern eben so vcrhasst, wie der Purpur eines großen Königs. Auch die geistigen Unterschiede der Menschen wollten sie vertilgen, und indem sie alle Gedanken, die auf dem Territorium des Staates entsprossen, als bürgerliches Gemeingut betrachteten, blieb ihnen Nichts mehr übrig, als auch die Gleichheit des Stils zu dekretieren. Und in der That, ein guter Stil wurde als etwas Aristokratisches verschrieen, und vielfach hörten wir die Behauptung: „Der echte Demokrat schreibt wie das Volk, herzlich, schlicht und schlecht." Den meisten Männern der Bewegung gelang Dieses sehr leicht; aber nicht Jedem ist es gegeben, schlecht zu schreiben, zumal wenn man sich zuvor das Schönschreiben angewöhnt hatte, und da hieß es gleich: „Das ist ein Aristokrat, ein Liebhaber der Form, ein Freund der Kunst, ein Feind des Volks." Sie meinten es gewiss ehrlich, wie der heilige Hie- ronymus, der seinen guten Stil für eine Sünde hielt und sich weidlich dafür geißelte. Eben so wenig, wie antikatholische, finden wir auch antiabsolutistische Klänge im Don Quixotc. Kritiker, welche Dergleichen darin wittern, sind offenbar im Irrthum. Cervantes war der Sohn 126 einer Schule, welche den unbedingten Gehorsam für den Oberherrn sogar poetisch idealisiert hatte. Und dieser Oberherr war König von Spanien, zu einer Zeit, wo die Majestät desselben die ganze Welt überstrahlte. Der gemeine Soldat fühlte sich im Lichtstrahl jener Majestät und opferte gern seine individuelle Freiheit für solche Befriedigung des kastilianischen Nationalstolzes. Die politische Größe Spaniens zu jener Zeit mochte nicht wenig das Gemüth seiner Schriftsteller erhöhen und erweitern. Auch im Geiste eines spanischen Dichters ging die Sonne nicht unter, wie im Reiche Karl's V. Die wilden Kämpfe mit den Morisken waren beendigt, und wie nach einem Gewitter die Blumen am stärksten duften, so erblüht die Poesie immer am herrlichsten nach einem Bürgerkrieg. Dieselbe Erscheinung sehen wir in England zur Zeit der Elisabeth, und gleichzeitig mit Spanien entsprang dort eine Dichterschule, die zu merkwürdigen Vergleichungen auffordert. Dort sehen wir Shakspeare, hier Cervantes als die Blüthe der Schule. Wie die spanischen Dichter unter den drei Philippen, so haben auch die englischen unter der Elisabeth eine gewisse Familienähnlichkeit, und weder Shakspeare noch Cervantes können auf Originalität 127 in unserem Sinne Anspruch machen. Sie unterscheiden sich von ihren Zeitgenossen keineswegs durch besonderes Fühlen und Denken oder besondere Dar- stellnngsart, sondern nur durch bedeutendere Tiefe, Innigkeit, Zarte und Kraft; ihre Dichtungen sind mehr durchdrungen und umflossen vom Äther der Poesie. Aber beide Dichter sind nicht bloß die Blüthe ihrer Zeit, sondern sie waren auch die Wurzel der Zukunft. Wie Shakspeare durch den Einfluss seiner Werke, namentlich auf Deutschland und das heutige Frankreich, als der Stifter der späteren dramatischen Kunst zu betrachten ist, so müssen wir in Cervantes den Stifter des modernen Romans verehren. Hierüber erlaube ich mir einige flüchtige Bemerkungen. Der ältere Roman, der sogenannte Ritter- roman, entsprang aus der Poesie des Mittelalters; er war zuerst eine prosaische Bearbeitung jener epischen Gedichte, deren Helden zum Sagenkreise Karl's des Großen und des heiligen Grals gehörten; immer bestand der Stoff aus ritterlichen Abenteuern. Es war der Roman des Adels, und die Personen, die darin agierten, waren entweder fabelhafte Phantasiegebilde, oder Reiter mit goldenen Sporen; nirgends eine Spur von Volk. Diese 128 Rittcrromane, die in der absurdesten Weise ausarteten, stürzte Cervantes durch seinen Don Qui- xote. Aber indem er eine Satire schrieb, die den älteren Roman zu Grunde richtete, lieferte er selber wieder das Vorbild zu einer neuen Dichtungsart, die wir den modernen Roman nennen. So Pflegen immer große Poeten zu verfahren; sie begründen zugleich etwas Neues, indem sie das Alte zerstören; sie negieren nie, ohne Etwas zu bejahen. Cervantes stiftete den modernen Roman, indem er in den Rittcrroman die getreue Schilderung der niederen Klassen einführte, indem er ihm das Volksleben beimischte. Die Neigung, das Treiben des gemeinsten Pöbels, des verworfensten Lumpenpacks zu beschreiben, gehört nicht bloß dem Cervantes, sondern der ganzen litcrarischen Zeitgcnosscuschaft, und sie findet sich, wie bei den Poeten, so auch bei den Malern des damaligen Spanien; ein Mnrillo, der dem Himmel die heiligsten Farben stahl, womit er seine schönen Madonnen malte, konterfeite mit derselben Liebe auch die schmutzigsten Erscheinungen dieser Erde. Es war vielleicht die Begeisterung für die Kunst selber, wenn diese cdeln Spanier manchmal an der treuen Abbildung eines Bcttcljnngcn, der sich laust, dasselbe Vergnügen empfanden, wie an der Darstellung der hochgebenedcitcn Jungfrau. 129 Oder es war der Reiz des Kontrastes, welcher eben die vornehmsten Edelleute, einen geschniegelten Hofmann wie Quevedo oder einen mächtigen Minister wie Mendoza, antrieb, ihre zerlumpten Bettler- und Gaunerromane zu schreiben; sie wollten sich vielleicht aus der Eintönigkeit ihrer Standesumgebung durch die Phantasie in eine entgegengesetzte Lebenssphäre versetzen, wie wir dasselbe Bedürfnis bei manchen deutschen Schriftstellern finden, die ihre Romane nur mit Schilderungen der vornehmen Welt füllen und ihre Helden immer zu Grafen und Baronen machen. Bei Cervantes finden wir noch nicht diese einseitige Richtung, das Unedle ganz abgesondert darzustellen; er vermischt nur das Ideale mit dem Gemeinen, das Eine dient dem Andern zur Abschaltung oder zur Beleuchtung, und das adelthümliche Element ist darin noch eben so mächtig wie das volksthümliche. Dieses adelthümliche, chevalereske, aristokratische Element verschwindet aber ganz in dem Roman der Engländer, die den Cervantes zuerst nachgeahmt und ihn bis auf den heutigen Tag immer als Vorbild vor Augen habe». Es sind prosaische Naturen, diese englischen Romandichter seit Richardson's Regierung, der prüde Geist ihrer Zeit widerstrebt sogar aller kernigen Schilderung des gemeinen Volkslebens, und wir Heiue's Werke Ed. XIV. 9 130 sehen jenseit des Kanals jene bürgerlichen Romane entstehen, worin das nüchterne Kleinleben der Bourgeoisie sich abspiegelt. Diese klägliche Lektüre überwässerte das englische Publikum bis auf die letzte Zeit, wo der große Schotte auftrat, der im Roman eine Revolution oder eigentlich eine Restauration bewirkte. Wie nämlich Cervantes das demokratische Element in den Roman hineinbrachte, als darin nur das einseitig ritterthümliche herrschend war, so brachte Walter Scott in den Roman wieder das aristokratische Element zurück, als dieses gänzlich darin erloschen war, und nur prosaische Spießbürgerlichkeit dort ihr Wesen trieb. Durch ein entgegengesetztes Verfahren hat Walter Scott dem Roman jenes schöne Ebenmaß wiedergegeben, welches wir im Don Qnixotc des Cervantes bewundern. Ich glaube, in dieser Beziehung ist das Verdienst des zweiten großen Dichters Englands noch nie anerkannt worden. Seine torh'schen Neigungen, seine Vorliebe für die Vergangenheit waren heilsam für die Literatur, für jene Meisterwerke seines Genius, die überall sowohl Anklang als Nachahmung fanden und die aschgrauen Schemen des bürgerlichen Romans in die dunkleren Winkel der Leihbibliotheken verdrängte». Es ist ein Irrthum, wenn 131 man Walter Scott nicht als den Begründer des sogenannten historischen Romans ansehen will und letztem von deutschen Anregungen herleitet. Man verkennt, dass das Charakteristische der historischen Romane eben in der Harmonie des aristokratischen und demokratischen Elements besteht, dass Walter- Scott diese Harmonie, welche während der Alleinherrschaft des demokratischen Elements gestört war, durch die Wiedereinsetzung des aristokratischen Elements auss schönste herstellte, statt dass unsere deutschen Romantiker das demokratische Element in ihren Romanen gänzlich verleugneten und wieder in das aberwitzige Gleise des Ritterromans, der vor Cervantes blühte, zurückkehrten. Unser de la Motte Fouqus ist Nichts als ein Nachzügler jener Dichter, die den „Amadis von Gallien" und ähnliche Abenteuerlichkeiten zur Welt gebracht, und ich bewundere nicht bloß das Talent, sondern auch den Muth, womit der edle Freiherr zweihundert Jahre nach dem Erscheinen des Don Quixote seine Ritterbücher geschrieben hat. Es war eine sonderbare Periode in Deutschland, als letztere erschienen und das Publikum daran Gefallen fand. Was bedeutete in der Literatur diese Vorliebe für das Ritterthum und die Bilder der alten Fcudalzeit? Ich glaube, das deutsche Volk wollte auf immer Abschied liehst 132 inen von dem Mittclalter; aber gerührt, wie wir es leicht sind, nahmen wir Abschied niit einem Knsse. Wir drückten zum letzten Male unsere Lippen auf die alten Leichensteine. Mancher von uns freilich gebärdete sich dabei höchst närrisch. Ludwig Tieck, der kleine Zunge der Schule, grub die todten Voreltern aus dem Grabe heraus, schaukelte ihren Sarg, als wär' es eine Wiege, und mit aberwitzig kindischem Lallen sang er dabei: „Schlaf, Grvß- väterchen, schlafe!" Ich habe Walter Scott den zweiten großen Dichter Englands und seine Romane Meisterwerke genannt. A^er nur seinem Genius wollte ich das höchste Lob ertheilen. Seine Romane selbst kann ich dem großen Roman des Cervantes keineswegs gleichstellen. Dieser übertrifft ihn an epischem Geist. Cervantes war, wie ich schon erwähnt habe, ein katholischer Dichter, und dieser Eigenschaft verdankt er vielleicht jene große epische Seelenruhe, die wie ein Krystallhimmel seine bunten Dichtungen überwölbt: nirgends eine Spalte des Zweifels. Dazu kömmt noch die Ruhe des spanischen Nationalcharak- tcrs. Walter Scott aber gehört einer Kirche, welche selbst die göttlichen Dinge einer scharfen Diskussion unterwirft; als Advokat und Schotte ist er gewöhnt an Handlung und Diskussion, und, wie in seinem 133 Geiste und Leben, so ist auch in seinen Romanen das Dramatische vorherrschend. Seine Werke können daher nimmermehr als reines Muster jener Dichtungsart, die wir Roman nennen, betrachtet werden. Den Spaniern gebührt der Ruhm, den besten Roman hervorgebracht zu haben, wie man den Engländern den Ruhm zusprechen muss, dass sie im Drama das Höchste geleistet. Und den Deutschen, welche Palme bleibt ihnen übrig? Nun, wir sind die besten Liederdichter dieser Erde. Kein Volk besitzt so schöne Lieder, wie die Deutschen. Jetzt haben die Völker allzu viele politische Geschäfte; wenn aber diese einmal abgethan sind, wollen wir Deutsche, Britten, Spanier, Franzosen, Jtaliäncr, wir wollen Alle hinausgehen in den grünen Wald und singen, und die Nachtigall soll SchicdSrichterin sein. Ich bin überzeugt, bei diesem Wcttgesangc wird das Lied von Wolfgang Goethe den Preis gewinnen. Cervantes, Shakspeare und Goethe bilden das Dichter-Triumvirat, das in den drei Gattungen poetischer Darstellung, im Epischen, Dramatischen und Lyrischen, das Höchste hervorgebracht. Vielleicht ist der Schreiber dieser Blätter besonders befugt, unsern großen Landsmann als den vollendetsten Liederdichter zu preisen. Goethe steht in der 134 Mitte zwischen den beiden Ausartungen des Liedes, jenen zwei Schulen, wovon die eine leider mit meinem eigenen Namen, die andere mit dem Namen Schwabens bezeichnet wird. Beide freilich haben ihre Verdienste: sie förderten indirekter Weise das Gedeihen der deutschen Poesie. Die erstere bewirkte eine heilsame Reaktion gegen den einseitigen Idealismus im deutschen Liede, sie führte den Geist zurück znr starken Realität und entwurzelte jenen sentimentalen Petrarchismus, der uns immer als eine lyrische Donquixoterie erschienen ist. Die schwäbische Schule wirkte ebenfalls indirekt zum Heile der deutschen Poesie. Wenn in Norddeutschland kräftig gesunde Dichtungen zum Vorschein kommen konnten, so verdankt man Dieses vielleicht der schwäbischen Schule, die alle kränkliche, bleichsüchtige, fromm gemüthliche Feuchtigkeiten der deutschen Muse an sich zog. Stuttgart war gleichsam die Fontanelle der deutschen Muse. Indem ich die höchsten Leistungen im Drama, im Roman und im Liede dem erwähnten großen Triumvirate zuschreibe, bin ich weit davon entfernt, an dem poetischen Werthe anderer großer Dichter zu mäkeln. Nichts ist thörichter, als die Frage: welcher Dichter größer sei, als der andere? Flamme ist Flamme, und ihr Gewicht lässt sich nicht be- 135 stimmen nach Pfund und Unze. Nur platter Krämersinn kommt mit seiner schäbigen Käsewage und will den Genius wägen. Nicht bloß die Alten, sondern auch manche Neuere haben Dichtungen geliefert, worin die Flamme der Poesie eben so prachtvoll lodert, wie in den Meisterwerken von Shak- speare, Cervantes und Goethe. Jedoch diese Namen halten zusammen, wie durch ein geheimes Band. Es strahlt ein verwandter Geist aus ihren Schöpfungen; es weht darin eine ewige Milde, wie der Athem Gottes; es blüht darin die Bescheidenheit der Natur. Wie au Shakspcare, erinnert Goethe auch beständig au Cervantes, und Diesem ähnelt er bis in die Einzelnhciten des Stils, in jener behaglichen Prosa, die von der süßesten und harmlosesten Ironie gefärbt ist. Cervantes und Goethe gleichen sich sogar in ihren Untugenden, in der Weitschweifigkeit der Rede, in jenen langen Perioden, die wir zuweilen bei ihnen finden, und die einem Aufzug königlicher Equipagen vergleichbar. Nicht selten sitzt nur ein einziger Gedanke in so einer breitausgedehntcn Periode, die wie eine große vergoldete Hoskutsche mit sechs panachierten Pferden gravitätisch dahinfährt. Aber dieser einzige Gedanke ist immer etwas Hohes, wo nicht gar der Souverän. 136 Über den Geist des Cervantes und den Einfluss seines Buches habe ich nur mit wenigen Andeutungen reden können. Über den eigentlichen Kunstwerth seines Romans kann ich mich hier noch weniger verbreiten, indem Erörterungen zur Sprache kämen, die allzu weit ins Gebiet der Ästhetik hinabführen würden. Ich darf hier aus die Form seines Romans und die zwei Figuren, die den Mittelpunkt desselben bilden, nur im Allgemeinen aufmerksam machen. Die Form ist nämlich die der Reisebcschreibung, wie Solches von jeher die natürlichste Form für diese Dichtungsart. Ich erinnere hier nur an den goldenen Esel des Apulejus, den ersten Roman des Alterthums. Der Einförmigkeit dieser Form haben die späteren Dichter durch Das, was wir heute die Fabel des Romans nennen, abzuhelfen gesucht. Aber wegen Armuth an Erfindung haben jetzt die meisten Romanschreiber ihre Fabeln von einander geborgt, wenigstens haben die Einen mit wenig Modifikationen immer die Fabeln der Andern benutzt, und durch die dadurch entstehende Wiederkehr derselben Charaktere, Situationen und Verwicklungen ward dem Publikum am Ende die Romanlektüre einigermaßen verleidet. Um sich vor der Langweiligkeit abgedroschener Romanfabeln zu retten, flüchtete man sich für einige Zeit in die 137 uralte, ursprüngliche Form der Reisebeschreibung. Diese wird aber wieder ganz verdrängt, sobald ein Originaldichter mit neuen, frischen Romanfabeln auftritt. In der Literatur, wie in der Politik, bewegt sich Alles nach dem Gesetz der Aktion und Reaktion. Was nun jene zwei Gestalten betrifft, die sich Don Quixote und Sancho Pansa nennen, sich beständig parodieren und doch so wunderbar ergänzen, dass sie den eigentlichen Helden des Romans bilden, so zeugen sie im gleichen Maße von dem Kunstsinn, wie von der Geistesticfe des Dichters. Wenn andere Schriftsteller, in deren Roman der Held nur als einzelne Person durch die Welt zieht, zu Monologen, Briefen oder Tagebüchern ihre Zuflucht nehmen müssen, um die Gedanken und Empfindungen des Helden kund zu geben, so kann Cervantes überall einen natürlichen Dialog hervortreten lassen; und indem die eine Figur immer die Rede der andern parodiert, tritt die Intention des Dichters um so sichtbarer hervor. Vielfach nachgeahmt ward seitdem die Doppelfigur, die dem Roman des Cervantes eine so kunstvolle Natürlichkeit verleiht, und aus deren Charakter, wie aus einem einzigen Kern, der ganze Roman mit all seinem wilden Laubwerk, seinen duftigen Blüthen, strahlenden Früchten und 138 Affen und Wnndervögeln, die sich auf den Zweigen wiegen, gleich einem indischen Riesenbaum sich entfaltet. Aber es wäre ungerecht, hier Alles auf Rechnung sklavischer Nachahmung zu setzen; sie lag so nahe, die Einführung solcher zwei Figuren, wie Don Quixote und Sancho Pansa, wovon die eine, die poetische, auf Abenteuer zieht, und die andere, halb aus Anhänglichkeit, halb aus Eigennutz, hinterdrein läuft durch Sonnenschein und Regen, wie wir selber sie oft im Leben begegnet haben. Um dieses Paar unter den verschiedenartigsten Ver- mummungen überall wieder zu erkennen, in der Kamst wie im Leben, muss man freilich nur das Wesentliche, die geistige Signatur, nicht das Zufällige ihrer äußern Erscheinung ins Auge fassen. Der Beispiele könnte ich unzählige anführen. Finden wir Don Quixote und Sancho Pansa nicht eben so gut in den Gestalten Don Juan's und Lepo- rello's, wie etwa in der Person Lord Byron's und seines Bedienten Fletchcr? Erkennen wir dieselben zwei Typen und ihr Wechselverhältnis nicht in der Gestalt des Ritters von Waldscc und seines Kaspar Larifari eben so gut, wie in der Gestalt von so manchem Schriftsteller und seinem Buchhändler, welcher Letztere die Narrheiten seines Autors wohl 139 einsieht, aber dennoch, um reellen Vortheil daraus zu ziehen, ihn getreusam auf allen seinen idealen Irrfahrten begleitet. Und der Herr Verleger Sancho, wenn er auch manchmal nur Püffe bei diesem Geschäfte gewinnt, bleibt doch immer fett, während der edle Ritter täglich immer mehr und mehr abmagert. Aber nicht bloß unter Männern, sondern auch unter Frauenzimmern habe ich öfters die Typen Don Quixvte's und seines Schildknappen wiedergefunden. Namentlich erinnere ich mich einer schönen Engländerin, einer schwärmerischen Blondine, die mit ihrer Freundin aus einer Londoner Mädchenpension entsprungen war und die ganze Welt durchziehen wollte, um ein so edles Männerhcrz zu suchen, wie sie es in sanften Mondscheinnächtcn geträumt hatte. Die Freundin, eine untersetzte Brünette, hoffte bei dieser Gelegenheit, wenn auch nicht etwas ganz apartes Ideale, doch wenigstens einen Mann von gutem Aussehen zu erbeuten. Ich sehe sie noch, mit ihren liebesüchtigen blauen Augen, die schlanke Gestalt, wie sie am Strande von Brigh- ton weit über das sluthende Meer nach der französischen Küste hinüber schmachtete . . . Ihre Freundin knackte unterdessen Haselnüsse, freute sich des süßen Kerns und warf die Schalen ins Wasser. >40 Jedoch weder in den Meisterwerken anderer Künstler, noch in der Natur selber finden wir die erwähnten beiden Typen in ihrem Wechselverhält- nissc so genau ausgeführt, wie bei Cervantes. Jeder Zug im Charakter und der Erscheinung des Einen entspricht hier einem entgegengesetzten und doch verwandten Zuge bei dem Andern. Hier hat jede Ein- zclnheit eine parodistische Bedeutung. Ja, sogar zwischen Rosinanten und Sancho's Grauchen herrscht derselbe ironische Parallelismus, wie zwischen dem Knappen und seinem Ritter, und auch die beiden Thiere sind gewissermaßen die symbolischen Träger derselben Ideen. Wie in ihrer Dcnkungsart, so offenbaren Herr und Diener auch in ihrer Sprache die merkwürdigsten Gegensätze, und hier kann ich nicht umhin, der Schwierigkeiten zu erwähnen, welche der Übersetzer zu überwinden hatte, der die hausbackene, knorrige, niedrige Sprechart des guten Sancho ins Deutsche übertrug. Durch seine gehackte, nicht selten unsaubere Sprichwörtlichkeit mahnt der gute Sancho ganz an den Narren des Königs Salomon, an Markulf, der ebenfalls einem pathetischen Idealismus gegenüber das Erfahrungswissen des gemeinen Volkes in kurzen Sprüchen vortrügt. Don Quixote hingegen redet die Sprache der Bildung, des höheren Standes, und auch in der Gran- 141 dezza des wohlgeründcten Pcriodcnbaues repräsen- tiert er den vornehmen Hidalgo. Zuweilen ist dieser Periodenbau allzuweit ausgesponnen, und die Sprache des Ritters gleicht einer stolzen Hofdame in aufgebauschtem Seidenkleid, mit langer rauschender Schleppe. Aber die Grazien, als Pagen verkleidet, tragen lächelnd einen Zipfel dieser Schleppe; die langen Perioden schließen mit den anmuthigsten Wendungen. Den Charakter der Sprache Don Quixote's und Sancho Pansa's resümieren wir in den Worten: der Erstere, wenn er redet, scheint immer aus seinem hohen Pferde zu sitzen, der Andere spricht, als säße er auf seinem niedrigen Esel. Mir bliebe noch übrig, von den Illustrationen zu sprechen, womit die Berlagshandlung diese neue Übersetzung des Don Quixote, die ich hier bevor- wortc, ausgeschmückt hat. Diese Ausgabe ist das erste der schönen Literatur angehörige Buch, das in Deutschland auf diese Weise verziert aus Licht tritt. In England, und namentlich in Frankreich sind dergleichen Illustrationen an der Tagesordnung und finden einen fast enthusiastischen Beifall. Deutsche Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit wird aber gewiss die Frage auswerfen: Sind den Interessen wahrer Kunst dergleichen Illustrationen für- 142 derlich? Ich glaube nicht. Zwar zeigen sie, wie die geistreich und leicht schaffende Hand eines Malers die Gestalten des Dichters auffasst und wiedergiebt; sie bieten auch für die etwaige Ermüdung durch die Lektüre eine angenehme Unterbrechung; aber sie sind ein Zeichen mehr, wie die Kunst, herab- gezerrt von dem Piedestale ihrer Selbständigkeit, zur Dienerin des Luxus entwürdigt wird. Und dann ist hier für den Künstler nicht bloß die Gelegenheit und Verführung, sondern sogar die Verpflichtung, seinen Gegenstand nur flüchtig zu berühren, ihn bei Leibe nicht zu erschöpfen. Die Holzschnitte in alten Büchern dienten anderen Zwecken und können mit diesen Illustrationen nicht verglichen werden. Die Illustrationen der vorliegenden Ausgabe sind nach Zeichnungen von Tony Aohannot von den ersten Holzschneidern Englands und Frankreichs geschnitten. Sie sind, wie es schon Tony Johannot's Name verbürgt, eben so elegant als charakteristisch aufgefasst und gezeichnet; trotz der Flüchtigkeit der Behandlung sieht man, wie der Künstler in den Geist des Dichters eingedrungen ist. Sehr geistreich und phantastisch sind die Initialen und Culs- de-Lampe erfunden, und gewiss mit tiefsinnig poetischer Intention hat der Künstler zu den Bcrzic- 143 rmigen meistens moreske Dessins gewählt. Sehen wir ja doch die Erinnerung an die heitere Maurenzeit wie einen schönen fernen Hintergrund überall im Don Quixote hervorschimmern. — Tony Johannot, einer der vortrefflichsten und bedeutendsten Künstler in Paris, ist ein Deutscher von Geburt. Auffallend ist es, dass ein Buch, welches so reich an pittoreskem Stoff, wie der Don Quixote, noch keinen Maler gefunden hat, der daraus Sujets zu einer Reihe selbständiger Kunstwerke entnommen hätte. Ist der Geist des Buches etwa zu leicht und phantastisch, als dass nicht unter der Hand des Künstlers der bunte Farbcnstaub entflöhe? Ich glaube nicht. Denn der Don Quixote, so leicht und phantastisch er ist, fußt auf derber, irdischer Wirklichkeit, wie Das ja sein musste, um ihn zu einem Volksbuche zu machen. Ist es etwa, weil hinter den Gestalten, die uns der Dichter vorführt, tiefere Ideen liegen, die der bildende Künstler nicht wiedergeben kann, so dass er nur die äußere Erscheinung, wie saillant sie auch vielleicht sei, nicht aber den tieferen Sinn festhalten und reproducieren könnte? Das ist wahrscheinlich der Grund. —- Versucht haben sich übrigens viele Künstler an Zeichnungen zum Don Quixote. Was ich von englischen, spanischen und früheren französischen Arbeiten dieser 144 Art gesehen habe, war abscheulich. Was deutsche Künstler betrifft, so muss ich hier an unseren großen Daniel Chodowiecki erinnern. Er hat eine Reihe Darstellungen zum Don Quixote gezeichnet, die, von Bcrger in Chodowiecki's Sinn radiert, die Bcrtuch'sche Übersetzung begleiteten. Es sind vortreffliche Sachen darunter. Der falsche theatralisch- konventionelle Begriff, den der Künstler, wie seine übrigen Zeitgenossen, vom spanischen Kostüme hatte, hat ihm sehr geschadet. Man sieht aber überall, dass Chodowiecki den Don Quixote vollkommen verstanden hat. Das hat mich grade bei diesem Künstler gefreut und war mir um seinetwillen wie des Cervantes wegen lieb. Denn es ist mir immer angenehm, wenn zwei meiner Freunde sich lieben, wie es mich auch stets freut, wenn zwei meiner Feinde auf einander losschlagen. Chodowiecki's Zeit, als Periode einer sich erst bildenden Literatur, die der Begeisterung noch bedurfte und Satire ablehnen musste, war dem Verständnisse des Don Quixote eben nicht günstig, und da zeugt es denn für Cervantes, dass seine Gestalten damals dennoch verstanden wurden und Anklang fanden, wie es für Chodowiecki zeugt, dass er Gestalten wie Don Quixote und Sancho Pansa begriff, er, welcher mehr als vielleicht je ein anderer Künstler das Kind 145 seiner Zeit war, in ihr wurzelte, nur ihr angehörte, von ihr getragen, verstanden und anerkannt wurde. Von neuesten Darstellungen zum Don Quixotc erwähne ich mit Vergnügen einige Skizzen von Dccamps, dem originellsten aller lebenden französischen Maler. — Aber nur ein Deutscher kann den Don Quixote ganz verstehen, und Das fühlte ich dieser Tage in erfreutester Seele, als ich an den Fenstern eines Bilderladens auf dem Boulevard Montmartre ein Blatt sah, welches den edlen Manchaner in seinem Studierzimmer darstellt und nach Adolf Schröter, einem großen Meister, gezeichnet ist. Geschrieben zu Paris, im Karneval 1837. Heinrich Heine. Heine'S Werke. Bd. XIV. 10 Vorwort zu A. Weill's „Sitte ngemälden aus dem clsässischcu Bolksleden.'^ ( 1847 .) 10* Herr A. Weilt, der Verfasser der elsässischcn Idyllen, denen wir einige Geleitzeilen widmen, behauptet, dass er der Erste gewesen, der dieses Genre auf den deutschen Büchermarkt gebracht. Es hat mit dieser Behauptung vollkommen seine Richtigkeit, wie uns Freunde versichern, die sich zugleich dahin aussprechen, als habe der erwähnte Autor nicht bloß die ersten, sondern auch die besten Dorf- novellen geschrieben. Unbekanntschaft mit den Meisterwerken der Tagesschriftstellerei jenseits des Vater Rheins hindert uns, hierüber ein selbständig eignes Urtheil zu fällen. Dem Genre selbst, der Dorfnovellistik, möchten wir übrigens keine bedeutende Stellung in der Literatur anweisen, und was die Priorität der Hervorbringung betrifft, so überschätzen wir eben- 150 falls nicht dieses Verdienst. Die Hauptsache ist und bleibt, dass die Arbeit, die uns vorliegt, in ihrer Art gut und gelungen ist, und in dieser Beziehung zollen wir ihr das ehrlichste Lob und die freundlichste Anerkennung. Herr Weill ist freilich keiner jener Dichter, die mit angeborener Begabnis für plastische Gestaltung ihre stillsinnig harmonische Kunstgebilde schaffen, aber er besitzt dagegen in übersprudelnder Fülle eine seltene Ursprünglichkeit des Fühlens und Denkens, ein leicht erregbares, enthusiastisches Gemüth und eine Lebhaftigkeit des Geistes, die ihm im Erzählen und Schildern ganz wunderbar zu Statten kommt und seinen literarischen Erzeugnissen den Charakter eines Naturprodukts verleiht. Er ergreift das Leben in jeder momentanen Äußerung, er ertappt es auf der That, und er selbst ist, so zu sagen, ein passioniertes Daguerreotyp, das die Erscheinungswelt mehr oder minder glücklich und manchmal, nach den Launen des Zufalls, poetisch abspiegelt. Dieses merkwürdige Talent, oder, besser gesagt, dieses Naturell bekundet sich auch in den übrigen Schriften des Herrn Weill, namentlich in seinem jüngsten Geschichtsbuche über den Bauernkrieg und in seinen sehr interessanten, sehr pikanten und sehr tumultuarischen Aufsätzen, wo er für die 151 große Sache unserer Gegenwart aufs löblich tollste Partei ergreift. Hier zeigt sich unser Autor mit allen seinen socialen Tugenden und ästhetischen Gebrechen; hier sehen wir ihn in seiner vollen agitatorischen Pracht und Lückenhaftigkeit. Hier ist er ganz der zerrissene, europamüde Sohn der Bewegung, der die Unbehagnisse und Ekelthümer unserer heutigen Weltordnung nicht mehr zu ertragen weiß, und hinausgaloppicrt in die Zukunft, auf dem Rücken einer Idee . . . Ja, solche Menschen sind nicht allein die Träger einer Idee, sondern sie werden selbst davon getragen, und zwar als gezwungene Reiter ohne Sattel und Zügel: sie sind gleichsam mit ihrem nackten Leibe festgebunden an die Idee, wie Ma- zeppa an seinem wilden Rosse auf den bekannten Bildern des Horace Vernet — sie werden davon fortgeschleift, durch alle fürchterliche Konsequenzen, durch alle Steppen und Einöden, über Stock und Stein — das Dornengcstrüppe zerfleischt ihre Glieder — die Waldesbestien schnappen nach ihnen im Vorüberjagen — ihre Wunden bluten — Wo werden sie zuletzt anlangen? Unter dänischen Kosaken, wie auf dem Vernet'schcn Bilde? Oder an dem Goldgittcr der glückseligen Gärten, wo da wandeln jene Götter . . 152 Wer sind jene Götter? Ich weiß nicht, wie sie heißen, jedoch die großen Dichter und Weisen aller Jahrhunderte haben sie längst verkündigt. Sie sind jetzt noch geheimnisvoll verhüllt; aber in ahnenden Träumen wage ich es zuweilen, ihren Schleier zu lüften, und alsdann erblicke ich . . . Ich kann es nicht ausspre- chen, denn bei diesem Anblick durchzuckt mich immer ein stolzer Schreck, und er lahmt meine Zunge. Ach! ich bin ja noch ein Kind der Vergangenheit, ich bin noch nicht geheilt von jener knechtischen Demuth, jener knirschenden Selbstverachtung, woran das Menschengeschlecht seit anderthalb Jahrtausenden siechte, und die wir mit der abergläubischen Muttermilch eingesogen ... Ich darf es nicht aussagen, was ich geschaut.. . Aber unsere gesünderen Nachkommen werden in freudigster Ruhe ihre Göttlichkeit betrachten, bekennen und behaupten. Sie werden die Krankheit ihrer Väter kaum begreifen können. Es wird ihnen wie ein Märchen klingen, wenn sie hören, dass weiland die Menschen sich alle Genüsse dieser Erde versagten, ihren Leib kasteiten und ihren Geist verdampften, Mädchenblüthen und Jünglingsstolz abschlachteten, beständig logen und greinten, das abgeschmackteste Elend duldeten . . . ich brauche wohl nicht zu sagen, wem zu Gefallen. 153 In der That, unsere Enkel werden ein Ammenmärchen zu vernehmen meinen, wenn man ihnen erzählt, was wir geglaubt und gelitten! Und sie werden uns sehr bemitleiden! Wenn sie einst, eine freudige Götterversammlung, in ihren Tempelpalästen sitzen, um den Altar, den sie sich selber geweiht haben, und sich von alten Menschheitsgeschichten unterhalten, die schönen Enkel, dann erzählt vielleicht einer der Greise, dass es ein Zeitalter gab, in welchem ein Todter als Gott angebetet und durch ein schauerliches Leichenmahl gefeiert ward, wo man sich einbildete, das Brot, welches man esse, sei sein Fleisch, und der Wein, den man trinke, sei sein Blut. Bei dieser Erzählung werden die Wangen der Frauen erbleichen und die Blumenkränze sichtbar erbeben aus ihren schönlockichten Häuptern. Die Männer aber werden neuen Weihrauch auf den Herd-Altar streuen, um durch Wohlduft die düsteren, unheimlichen Erinnerungen zu verscheuchen. Geschrieben zu Paris, am Lharfreilage 1847. Heinrich Heine. TKoMNS ILFnoläs. (November 1841.) dÄaverley von Walter Scott ist männiglich bekannt, und während dieser Roman die rohe Menge durch stoffartiges Interesse unterhält, entzückt er den gebildeten Leser durch die Behandlung, durch eine Form, welche an Einfachheit unvergleichbar ist, und dennoch den größten Reichthum an Entfaltungen darbietet. An diese unübertreffliche, ergiebige Form erinnerte uns das Buch, das unserer heutigen Besprechung vorliegt und von den hier lebenden Landsleuten des Verfassers so verschiedenartig beurtheilt wird. Es ist voriges Jahr zugleich in London bei Longman und hier in Paris in der englischen Buchhandlung der Rue neuve St. Augustin erschienen und führt den Titel: lifg ok Ttioiwas lis^uoläo, Lscz., b/ Iris sou TRoiuas ks/noläo." Sonderbar! die oberwähnte Form, welche Scott 158 dem feinsten Kalkül seines künstlerischen Talents verdankte, findet sich auch in diesem Buche, aber als ein Produkt der Natur, als ein ganz unmittelbares Ergebnis des Stoffes. Letzterer ist hier, ganz wie in dem Scott'schen Roman, eine verunglückte Empörung, und wie bei dem Schilderheben der schottischen Hochländer, sehen wir auch hier in dem irischen Aufstand einen etwas schwachmüthigen Helden, der fast passiv von den Ereignissen hin und her geschleudert wird; nur dass der große Dichter seinem Waverley durch die liebenswürdigsten Ausschmückungen die Sympathie der Leserwelt aufs reichlichste zuwandte, was leider der Biograph des Thomas Reynolds für Diesen nicht thun konnte, eben weil er keinen Roman, sondern eine wahre Geschichte schrieb. Ja, er beschrieb das Leben seines Helden mit einer so unerquicksamen Wahrheitsliebe, er berichtete die peinlichsten Thatsachen in einer so grellen Nacktheit, dass den Leser dabei manchmal eine fast schauerliche Missstimmung anwandelt. Es ist der Sohn, welcher hier das treue Bild seines Vaters zeichnet, aber selbst die unschönen Züge desselben so sehr liebt, dass er sie durch keine erlogene Zuthat idealisieren und somit dem ganzen Porträt seine theure Ähnlichkeit rauben will. Er besitzt eine so hohe Meinung von dem Charakter 159 seines Vaters, dass er es verschmäht, selbst die unrühmlichsten Handlungen einigermaßen zu ver- blümen; diese sind für ihn nur betrübsame Konsequenzen einer falschen Position, nicht des Willens. Es herrscht ein schrecklicher Stolz in diesem Buche, Nichts soll verheimlicht, Nichts soll bemäntelt werden; aber die Umstände, die seinen Vater in die verhängnisvollste Lage hineintrieben, die Motive seines Thuns und Lassens, die Verleumdungen des Parteigrolls will der Sohn beleuchten; und nach solcher Beleuchtung kaun man in der That nicht mehr ein hartes Verdammnisurtheil fällen über den Mann, welcher der revolutionären Sippschaft in Irland gegenüber eine gar gehässige Rolle spielte, aber jedenfalls, wir müssen es gestehen, seinem Vaterland einen großen Dienst leistete; denn die Häupter der Verschwörung hatten nichts Geringeres im Sinne, als mit Hilfe einer französischen Invasion Irland ganz loszureißen von dem großbritannischen Staats- verbande, der zwar damals, in den neunziger Jahren, wie noch jetzt, sehr drückend und jammervoll auf dem irländischen Volk lastete, ihm aber einst die unberechenbarsten Vortheile bieten wird, sobald die kleinen mittelalterlichen Zwiste geschlichtet, und Irland, Schottland und England auch geistig zu einem organischen Ganzen verschmolzen sein werden. Ohne — 160 — solche Verschmelzung würden die Jrländer eine sehr klägliche Rolle spielen in dem nächsten europäischen Völkcrturnicr; denn in allen Ländern, nach dem Beispiel Frankreichs, suchen die nachbarlichen und sprachvcrwandten Stämme sich zu vereinigen. Es bilden sich große, kompakte Staatenmassen, und wenn einst diese kolossalen Kämpen mit einander in die Schranken treten, streitend um die Welthegemonie, dann wird der beste Patriot in Dublin keinen Augenblick daran zweifeln, dass Thomas Reynolds seinem Lande einen großen Dienst leistete, als er die Plane der Verschwörung, die Irland von England trennen wollten, verrieth und mit seinem Zeugnis gegen sie auftrat. Zu dieser Stunde aber ist solche tolerante Beurtheilung noch unmöglich in dem grünen Erin, wo die zwei feindlichen Parteien, die protestantisch brittische und die katholisch nationale, noch immer so grimmig und trotzig sich gegenüber stehen wie in den neunziger Jahren, ja wie seit Wilhelm von Oranien, der den sogenannten Orange-Men seinen Namen hinterließ und von den Gegnern noch heute unerbittlich gehasst wird; während Erstere bei ihren Festmahlen dem Andenken König Wilhelm's die freudigsten Toaste bringen, trinken Letztere auf die Gesundheit der 161 stetigen Stute, durch welche König Wilhelm den Hals brach. Müssen wir aber auf die Zukunft verweisen, um Das, was Thomas Reynolds that, nothdürftig zu beschönigen, müssen wir, um sein Thun zu entschuldigen, unsere wärmsten Gefühle zurückdrängen, so können wir doch schon jetzt und mit freiem Herzen den schlimmsten Anklagen widersprechen, und wir sind davon überzeugt, dass die Motive seiner That keineswegs so hässlich waren, wie seine Feinde glaubten, dass er zwar die Verschwörung aufdeckte, keineswegs aber an den Personen der Verschwörer einen Verrath übte, am allerwenigsten an der Person des vortrefflichen Lord Edward Fitzgerald, wie Thomas Moore in der Biographie Desselben unredlicherweise behauptete. Der Sohn hat bis zur Augenscheinlichkeit bewiesen, dass kein Geldvortheil seinen Vater veranlasst haben konnte, die Partei der Regierung zu ergreifen, die im Gegentheil Wenig für ihn that und ihn für die Verluste nur kärglich entschädigte. In dieser Beziehung schirmt ihn auch das Zeugnis der vornehmsten Staatsmänner Englands, namentlich des Carl of Chiche- ster, des Marquis Cambden und des Lord Castle- reagh, welche damals an der Spitze der irischen Regierung standen. Diese rühmen ihn wegen seiner Heine's Werke. Bt>, XIV. 162 Uneigcimützigkeit, erklären sein Betragen für ehrcn- werth, versichern ihn ihrer Hochachtung — und wie wenig ich auch diese brittischen Tories liebe, so zweifle ich doch nicht an ihrem Wort, denn ich weiß, sie sind viel zu hochmüthig, als dass sie für einen bezahlten Verräther öffentlich lügen würden. Sie verachten alle Menschen, und doppelt verachten sie Diejenigen, denen sie Geld gegeben, und gegen Solche sind sie noch wortkarger. Aber nicht bloß die Höchstgestcllten, sondern auch viele Landslcute geringeren Ranges sprachen Thomas Reynolds unbedingt frei von der Beschuldigung, als habe Gewinnsucht ihn geleitet. Die Kaufmannsgilde von Dublin erließ an ihn eine Adresse, welche voll ehrender Anerkennung und mit den Schmähungen seiner Feinde einen fast komischen Gegensatz bildet. Wie Reynolds, der Sohn, durch die genauesten Details und die sinnreichsten Schlussfolgen bis zur Evidenz bewiesen, dass sein Vater nicht aus Eigennutz die Verschwörung verrieth, so beweist er ebenfalls bis zur Evidenz, dass er keineswegs an der Person der Verschwörer irgend einen argen Verrath übte, und dass er, weit entfernt, die Gefangennahme des Lord Fitzgerald veranlasst zu haben, im Gegentheil für die Rettung Desselben die größte Sorge an den Tag legte und ihn auch mit Geld 163 aufs redlichste unterstützte. Die Lebensbeschreibung Fitzgerald's, die wir der buntfarbigen Feder des Thomas Moore verdanken, scheint mehr Dichtung als Wahrheit zu enthalten, un^ mit Recht muss der Poet den Unwillen eines Sohnes ertragen, der die Verunglimpfung seines Vaters mit den schärfsten Stachelreden züchtigt. Thomas Little (wie man Thomas Moore ob seiner winzigen Gestalt zu nennen Pflegt) bekommt hier sehr nachdrücklich die Ruthe' und es ist nicht zu verwundern, dass das Männchen, das auf die ganze Londoner Presse den größten Einfluss übt, alle seine Mittel in Bewegung setzte, um das Rcynolds'sche Werk in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen. Sein Held Fitzgcrald wird zwar hier von allem romantischen Nimbus entkleidet, aber er erscheint desshalb nicht minder heroisch, besonders bei seiner Gefangennahme, und ich will die darauf bezügliche Stelle hier mittheilen. „Die folgende Erzählung von der Gefangennahme des Lord Edward Fitzgerald erhielt mein Vater von dem Herrn Sirr und dem Herrn Swann; Ersterer ist noch am Leben und kann berichtigen, wo ich etwa irre. Es war am 18. Mai, als Herr Edward Cooke, damaliger Unterstaatssekretär, den Herrn Charles Sirr, Bürgermeister (tovn-iva^or), einen wackern, thätigen und verständigen Beamten, 11» 164 zu sich rufen ließ und ihm den Auftrag gab, den andern Tag zwischen 5 und 6 Uhr Abends nach dem Hanse eines gewissen Nikolas Murphy zu gehen, welcher Fe?er- und Bauholzhändler in Tho- masstreet; dort fände er den Lord Edward Fitzgerald, den er arretieren solle laut dem Verhaftbe- fehl, den er ihm einhändigte. Herr Sirr traf schon denselben Abend hierzu die nothwendigen Anstalten, und den nächsten Morgen besprach er sich über seinen Auftrag mit dem Herrn Swann und einem gewissen Herrn Rhan, zwei Magistratspersonen, denen er das höchste Vertrauen schenkte, und deren Mithilfe er in Anspruch nahm. Herr Rhan war damals Herausgeber einer Zeitung, worin einige sehr schmähsüchtige Ausfälle gegen Lord Edward abgedruckt worden, welche Letzten: mit großem Hass gegen Herrn Rhan erfüllten. Herr Sirr besorgte neun Mann von der Londonderry-Miliz, sämmtlich wohluniformiert. Herr Stirling, jetzt Konsul zu Genua, und Dr. Bankhead, Beide Officiere jenes Regiments, begleiteten sie, ebenfalls in Uniform. „Es ist eine merkwürdige Thatsache, dass Lord Edward erst in der Nacht am 18. Mai nach dem Hause des Murphy ging, und dass der Staatssekretär, noch ehe er hinging, von seiner Absicht, 165 dorthin zu gehen, so sicher unterrichtet war, dass er schon des Nachmittags dem Herrn Sirr die Instruktion und den Verhaftsbefehl geben konnte, also acht bis zehn Stunden vor Lord Edward's Ankunft. „Die Herren Sirr, Swann und Ryau nebst ihren Genossen begaben sich in zwei Miethkutschen nach dem Hause des Murphy; Herr Sirr sorgte auch dafür, dass eine starke Kompagnie Militär, gleichzeitig aus der Kaserne abmarschierend, unmittelbar nach der Ankunft der Kutschen vor dem Hause des Murphy anlangen konnte, um ihn und seine Leute gegen den Pöbel zu schützen, der sich in jenem Viertel von Dublin sehr leicht zu einem bedeutenden Auflauf versammelt. Sobald er ankam, wusste Herr Sirr feine neun Mann so auszustellen, dass sie alle Eingänge besetzten, sowohl Seiten- als Hinterthüren. Während er diese Vorrichtung traf, eilten Herr Swann und Herr Ryan die Treppe hinauf, da im Erdgcschoss nur Komp- toirstuben und Waarenlager befindlich. Im ersten Gemach sahen sie Niemand, aber den Speisesaal schien man eben verlassen zu haben, da sich auf der Tafel noch Überbleibsel von Dessert und Weinen befanden. Sie erreichten hastig das zweite Gemach, ohne jedoch irgend eines Menschen ansichtig zu werden; sie öffneten dort die Thür eines Schlaf- 166 zimmers, welche weder verschlossen noch verriegelt war; in diesem Zimmer endlich stand Murphy am Fenster der Straße zu, ein Papier in der Hand haltend, welches er eben zu lesen schien, und auf dem Bette lag Lord Edward Fitzgerald, halb entkleidet. Auf einem Stuhle neben dem Bette lag ein Kästchen mit Taschenpistolen; Herr Swann eilte gleich darauf zu, und, sich zwischen den Stuhl und das Bett drängend, rief er: „Lord Edward Fitzgcrald, Ihr seid mein Gefangener, denn wir kommen mit starkem Geleit, und jeder Widerstand ist nutzlos!" Lord Edward sprang empor, und mit einem zweischneidigen Dolch, welchen er irgend neben sich verborgen gehalten, stach er nach der Brust des Herrn Swann; Dieser wollte mit der Hand den Stich abwehren, mid sie ward durchstochen am Knöchel des Zeigefingers, dergestalt, dass die Hand im buchstäblichen Sinn einen Augenblick an seiner Brust festgeheftet blieb. Der Dolch drang nämlich in eine Seite seiner Brust, und die Rippen hindurch kam er hinten am Schulterblatt wieder zum Vorschein. Herr Ryan stürzte jetzt herbei, feuerte ein Pistol auf Lord Edward ab, und schoss fehl. Lord Edward, welcher ihn kannte, rief: „Ryan, du Elender!" ^ou viilaiu!) und indem er den Dolch, dessen Griff er noch immer in Händen 167 hielt, aus Herrn Swann's Brust herausriss, stach er damit Herrn Ryan in die Herzgrube, und, die Waffe wieder zurückziehend, schlitzte er ihm mit der Schneide den Bauch auf bis am Nabel. Die Herren Swaun und Ryan hatten Beide Lord Edward um den Leib gefasst, und da Derselbe noch unver- wnndet, suchte er durch die Thüre zu entkommen, wo Herr Ryan ihn endlich losließ, indem er mit den heraushängenden Gedärmen zu Boden stürzte, aber Herr Swann hielt ihn noch fest. Im Vorzimmer neben der Thür war eine Leiter, welche nach dem Söller führte und einen Ausgang nach dem Dache bot. Diese Vorkehrung war getroffen, um im Fall der Noth die Flucht zu fördern, und auf diesem Wege wollte Lord Edward entfliehen; jedoch Herr Swann, welcher sich mit seinem ganzen Gewicht an ihm fcsthing, hinderte ihn, die Leiter zu ersteigen, und, um sich von dieser Last zu befreien, erhub er eben seinen Arm und wollte ihn mit dem Dolche, den er noch in Händen, aufs Neue durchstoßen. Alles Dies ereignete sich in weniger als einer Minute. Mittlerweile aber war das Militär aus der Kaserne angelangt, und nachdem Herr Sirr dasselbe gehörig postiert, eilte er ins Haus und die Treppe hinauf, wo er schießen hörte, und mit einem Pistol in der Hand erreichte 168 er das Zimmer eben in dem Augenblick, wo Lord Edward seinen Arm erhoben, um Herrn Swann den Gnadenstoß zu geben; er schoss also, ohne sich lange zu bedenken, und traf Lord Edward am Arm, nahe bei der Schulter. Der Arm sank ihm machtlos, und Lord Edward war gefangen. „Es bietet sich hier die ganz natürliche Frage: was that unterdessen Murphy, der Hauswirth, ein Mann in der Blüthe seines Alters und seiner Kraft, und dessen Schutz sich Lord Edward anvertraut hatte? Er blieb ein schweigender Zuschauer des ganzen Auftritts, obgleich Jedem einleuchten muss, dass er durch die geringste Hilfeleistung seinen Gast von Herrn Swann befreien und seine Flucht über das Dach ganz leicht bewirken konnte. Das Fenster, wo Murphy stand, ging nach der Straße, es war keine dreißig Fuß vom Boden entfernt, und die Kutschen konnten bis vierzehn Fuß der Mauer des Hauses sich nahen. Es ist unbegreiflich, dass zwei Miethkutschen mit vierzehn Menschen solchermaßen haltend seine Aufmerksamkeit nicht erregten. Es ist auch unbegreiflich, dass in dem Hause, welches solchen Gast beherbergte, Thür und Thor von oben bis unten unverschlossen und unbewacht geblieben, und keine Seele sich dort befand außer dem Eigenthümer. Der geringste Wink konnte 169 die Flucht sichern, ehe Herr Swann die Treppe erstiegen, eben so die geringste Hilfeleistung, nachdem schon der Angriff stattfand. Vielleicht war alles Dies Zufall. Ich. berichte bloß die Begebenheiten, wie sie meinem Vater erzählt worden von den Herren Sirr und Swann; Erster» sprach erscholl den andern Morgen, den 20., Letztern erst nach seiner Genesung. Murphy ward verhaftet, aber nicht verhört. Nachdem Lord Edward's Wunde verbunden, ward er sorgfältig fortgebracht; aber da die Kugel oben in die Brust gedrungen und der Brand erfolgte, starb er am 4. Junius. Herrn Ryan's Wunde ließ keinen Augenblick seine Erhaltung hoffen; der Tod erfolgte nach einigen Tagen." Wie über Fitzgerald, enthält das vorliegende Buch auch die interessantesten Mittheilungen über Theobald Wolfe Tone, der in der irischen Verschwörung gleichfalls eine bedeutende Rolle spielte und ein eben so unglückliches Ende nahm. Er war ein edler Mensch, durchglüht vom Feuer der Frei- heitsliebc, und agierte einige Zeit als bevollmächtigter Gesandte der Verschworenen bei den französischen Republikanern. Sein Tagebuch, welches sein Sohn herausgegeben, enthält merkwürdige Notizen über seinen Aufenthalt zu Paris während der Sturm- und Drangperiode der französischen Revolution. Nach 170 Irland kehrte er zurück mit der Expedition, die das Direktorium etwas zu spät dorthin unternahm. Die Erzählung von dieser Expedition, wie sie im vorliegenden Buche umständlich zu lesen, ist höchst bedeutungsvoll und zeigt, welchen schwachen Widerstand eine Landung in England finden würde, wenn sie besser organisiert wäre, als damals. Man glaubt, der Schauplatz sei China, wenn man liest, wie einige hundert Franzosen, kommandiert von General Humbert, mit Übermnth das ganze Land durchstreifen und Tausende von Engländern zu Paaren treiben. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, folgende Stelle mitzutheilen: „Als der Marquis von Cornwallis am 24. August die Nachricht erhielt von der Landung der Franzosen, gab er dem Gcncrallieutenant Lake Befehl, sich nach Galway zu begeben, um das Kommando der sich in Connaught versammelnden Truppen zu übernehmen. Dieser General begab sich nun mit den Truppen, die er zusammenbringen konnte, nach Castlebar, wo er am 26. anlangte und den Generalmajor Hutchinson fand, der dort am Vorabend eingetroffen. Die solchermaßen zu Castlebar versammelten Truppen bestanden aus 4000 Mann regulärer Soldaten, Aromen und Landmiliz, begleitet von einem starken Park Artillerie. Der Ge- 171 ncral Humbcrt (welcher die Franzosen kommandierte,) verließ Ballina den 26. mit 800 Mann und zwei Feldschlangen, aber statt der gewöhnlichen Heerstraße durch. Foxford, wo der General Taylor mit einem starken Korps stationierte, schlug er den Bcrgweg ein bei Barnagcehy, wo nur ein geringer Posten aufgestellt war, und um 7 Uhr Morgens den 27. gelangte er bis auf zwei Meilen in die Nähe von Castlebar, und fand dort vor der Stadt die königlich englischen Truppen postiert in der vor- theilhaftesten Position. Alles war vereinigt, was diesen Letzter« einen leichten Sieg zu versprechen schien. Sie waren in großer Anzahl, 3 bis 4000 Mann, wohlversorgt mit Artillerie und Munition, sie waren frisch und wohlerquickt, während der Feind nur aus 800 Mann bestand, nur zwei Feldschlangen besaß, und durch einen mühsamen und höchst beschwerlichen Bcrgmarsch von etwa 24 Stunden ganz ermüdet und abgemattet war. Die königliche Artillerie, vortrefflich dirigiert durch Kapitän Shortall, that im Anfang den Franzosen sehr viel Schaden und hielt sie einige Zeit zurück; aber Diese, als sie sahen, dass sie nicht lange widerstehen könnten, wenn sie dem wohlgeleitetcn Kanonenfcuer der Engländer zu viel Fronte böten, theilten sich in kleine Kolonnen und drangen mit so ungestümem Muthe 172 vorwärts, dass in wenigen Minuten die königlichen Truppen zurückwichen und, ergriffen von panischem Schrecken, nach allen Richtungen Reißaus nahmen; in äußerster Verwirrung flohen sie durch die Stadt und nahmen den Weg nach Tuam, einem Ort, der 30 Meilen von Castlebar entfernt liegt. Aber auch hier, wo sie in der Nacht anlangten, glaubten sie sich noch nicht hinlänglich geborgen, sie verweilten nur so lange, als nothwendig war, um einige Erfrischungen zu sich zu nehmen, und setzten ihre schmähliche Flucht fort nach Athlone, welches 33 Meilen weiter liegt, und wo der Bortrab am Dienstag den 29. um 1 Uhr anlangte. So groß war ihr Schrecken, dass sie 36 Meilen weit in 27 Stunden gelaufen! Der Verlust der königlichen Armee bestand in 53 Todten, 35 Verwundeten und 279 Gefangenen. Sie verlor gleichfalls zehn Stücke schweren Geschützes und 4 Feldschlangen. Wie Viel die Franzosen verloren, ist nicht bekannt. Die französischen Truppen zogen ein in Castlebar, wo sie ungestört bis zum 4. September blieben." Da aber die erwarteten Hilfstruppcn nicht anlangten und überhaupt die ganze Expedition nach einem schlechten Plane eingeleitet worden, musste sie am Ende erfolglos scheitern. Wolfe Tone, welcher bei dieser Gelegenheit den Engländern in die Hände 173 fiel, ward vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Strange verurtheilt. Der arme Schelm, er fürchtete den Tod nicht, auf dem Gröveplatz zu Paris hatte er genug Hinrichtungen mit angesehen, aber er war nur an Guillotiniertwerden gewöhnt und hegte eine unüberwindliche Antipathie gegen das hängende Verfahren. Vergebens bat er, dass man ihn wenigstens erschießen möge, welche Todesart ihm mit größerem Recht gebühre, da er ein französisches Officierspatcnt besäße und als Kriegsgefangener zu betrachten sei. Nein, man gab seiner Bitte kein Gehör, und aus Abscheu vor dem Hängen schnitt sich der Unglückliche im Gefängnis die Kehle ab. Von Milde war bei der englischen Regierung keine Rede zur Zeit der irischen Rebellion. Ich bin kein Freund der Guillotine und hege eben kein besonderes Vorurtheil gegen das Hängen, aber ich muss bekennen, in der ganzen französischen Revolution sind kaum solche Greuel verübt worden, wie sich deren das englische Militär in Irland zu Schulden kommen ließ. Obgleich ein Anhänger der Regierung, hat doch unser Verfasser diese schändliche Soldatenwirthschaft mit den treuesten Farben geschildert oder vielmehr gebrandmarkt. Gott bewahre uns vor solcher Einquartierung, wie sie aus dem Kastell Kilkea ihren Unfug trieb! Am meisten rührte 174 mich das Schicksal einer schönen Harfe, welche die Engländer mit besonderm Grimm in Stücke schlugen, weil ja die Harfe das Sinnbild Irlands. Auch die blutige Roheit der Aufrührer schildert der Verfasser mit Unparteilichkeit, und folgende Beschreibung ihrer Kriegswcise trägt das Gepräge der abscheulichsten Wahrheit. „Die Art der Heerführung bei den Insurgenten charakterisierte ganz diese Leute. Sie postierten sich immer auf Anhöhen, die besonders emporragten, und Das nannten sie ihr Lager. Ein oder zwei Zelte oder sonstiges Gehäuse diente als Obdach für die Anführer; die Übrigen blieben unter freiem Himmel, Männer und Weiber neben einander ohne Unterschied, gehüllt in Lumpen oder Bett-Tücher, die Meisten ohne andere Nachtbedeckung als Das, was sie am Tage auf dem Leibe trugen. Diese Lebensart ward begünstigt von einem ununterbrochen schönen Wetter, wie es in Irland ganz ungewöhnlich ist. Auch betrachteten sie diesen Umstand als eine besondere Gunst der Vorsehung, und man hatte ihnen den Glauben beigebracht, es würde kein Tropfen Regen herabfallen, ehe sie Meister geworden von ganz Irland. In diesen Lagern, wie man sich leicht denken kann, unter solchen Haufen von rohen, aufruhrsüchtigeu Menschen, herrschte die schrecklichste 175 Wirrnis und Unfug jeder Art. Wenn ein Mann des Nachts im gesundesten Schlaf lag, stahl man ihm seine Flinte oder sonstigen Effekten. Um sich gegen diesen Missstand zu sichern, ward es gebräuchlich, dass man, um zu schlafen, sich immer Platt aus den Bauch legte und Hut, Schuhe und Dergleichen sich unter der Brust festband. Die Küche war roh über alle Begriffe; das Vieh wurde niedergeworfen und erschlagen, Zeder riss dann nach Herzenslust ein Stück Fleisch davon ab, ohne es zu häuten, und röstete oder vielmehr brannte es am Lagerfeuer, ganz mit dem Fetzen Fell, das daran hängen geblieben. Den Kopf, die Füße und den Überrest des Gerippes ließ man liegen, und es verfaulte auf demselben Platze, wo man das Thier getödtet. Wenn die Insurgenten kein Leder hatten, nahmen sie Bücher und bedienten sich derselben als Sättel, indem sie das Buch, in der Mitte aufgeschlagen, auf den Rücken des Pferdes legten, und Stricke ersetzten Gurt und Steigbügel. Die großen Foliobände, welche man bei Plünderungen erbeutete, -rschicnen zu diesem Gebrauch ganz besonders schätzbar. Da man sehr kärglich mit Munition versehen war, nahm man die Zuflucht zu Kieselsteinen oder auch zu Kugeln von gehärtetem Lehm. Die Anführer vermieden es immer, den Feind in der Nacht anzu- 176 greifen, wenn einiger Widerstand zu erwarten war, und zwar weil ihre Leute nie ordentlich ihren Befehlen Folge leisteten, sondern vielmehr dem eignen Ungestüm und den Eingebungen des Momentes gehorchten. In der Schlacht bewachten sie sich nämlich wechselseitig, da Zeder fürchtete, dass ihn die Andern im Stich lassen möchten im Fall eines Rückzuges, der gewöhnlich sehr schnell und unversehens stattfand; desshalb schlugen sie sich nicht gern des Nachts, wo Keiner auf den Stand seiner Genossen. genau Acht haben konnte und immer besorgen musste, dass sie plötzlich, ehe er sich Dessen versehen, Reißaus nähmen (was mau rualrs tlls ruu nennt) und ihn alsdann in den Händen Derer zurück ließen, die nie Pardon gaben; Keiner traute dem Andern. Es lässt sich behaupten, dass diese Aufrührer sich nie eine rohe Handlung oder Unziemlichkeit gegen Weiber oder Kinder zu Schulden kommen ließen; nur der Brand von Scullabogue und die Behandlung Mackee's und seiner Familie in der Grafschaft Down macht eine Ausnahme; ausgenommen diese wüthende Metzelei, wo auf Geschlecht und Alter nicht mehr geachtet wurde, kenne ich kein Beispiel, dass irgendwo ein Weib von den Rebellen misshandelt worden wäre. Ich fürchte, 177 wir können ihren Gegnern kein eben so rühmliches Zeugnis ertheilen." Diese Schilderung der Kriegsführung bei den irischen Insurgenten leitete mich auf zwei Bemerkungen, die ich hier in der Kürze mittheilen will. Zunächst bemerke ich, dass Bücher bei einem Volksaufstand sehr brauchbar sein können, nämlich als Pferdesättel, woran unsere revolutionären Thatmänner gewiss noch nicht dachten, denn sie würden sonst auf alles Büchcrschreiben nicht so ungehalten sein. Und dann bemerke ich, dass Paddy in einem Kampf mit John Bull immer den Kürzern ziehen und Dieser seine Herrschaft über Irland nicht so leicht einbüßen wird. Ist etwa der Jrländer minder tapfer, als der Engländer? Nein, vielleicht hat er sogar noch mehr persönlichen Muth. Aber bei Jenem ist das Gefühl des Individualismus so vorherrschend, dass er, der einzeln so tapfer, dennoch gar zaghaft und unzuverlässig ist in jeder Association, wo er seinem Nebenmann vertrauen und sich einem Gesammtwillcn unterordnen soll. Solcher Geist des Individualismus ist vielleicht ein Charakterzug jenes keltischen Stammes, der den Kern des irischen Volkes bildet. Bei den Bewohnern der Bretagne in Frankreich gewahren wir dieselbe Erscheinung, und nicht mit Unrecht hat der geniale Michelet in seiner Heiiie's Werle. Bd. LIV. 12 178 französischen Geschichte überall darauf hingewiesen, wie jener Charakterzug des Individualismus im Leben und Streben der berühmten Bretonen so bedeutungsvoll hervortritt. Sie zeichneten sich aus durch ein fast abenteuerliches Ringen des individuellen Geistes mit einer konstituierten Autorität, durch das Geltendmachen der Persönlichkeit. Der germanische Stamm ist disciplinicrbarer und ficht und denkt besser in Reih' und Glied, aber er ist auch empfänglicher für Dienstbarkeit, als der celtische Stamm. Die Verschmelzung beider Elemente, des germanischen und des keltischen, wird immer etwas Vortreffliches zu Tage fördern, und England wie Irland werden nicht bloß politisch, sondern auch moralisch gewinnen, sobald sie einst ein einiges, organisches Ganze bilden. Ludwig Marcus. Denkworte. (Geschrieben zu Paris, den 22. April 1844.) ist der Grund, warum von den Deutschen, die nach Frankreich herüber gekommen, so Viele in Wahnsinn verfallen? Die Meisten hat der Tod aus der Geistesnacht erlöst; Andere sind in Irren- anstalten gleichsam lebendig begraben; Viele auch, denen ein Funken von Bewusstsein geblieben, suchen ihren Zustand zu verbergen, und gebärden sich halb- wcg vernünftig, um nicht eingesperrt zu werden. Dies sind die Pfiffigen; die Dummen können sich nicht lange verstellen. Die Anzahl Derer, die mit mehr oder minder lichten Momenten an dem finstern Übel leiden, ist sehr groß, und man möchte fast behaupten, der Wahnsinn sei die Nationalkrankheit der Deutschen in Frankreich. Wahrscheinlich bringen wir den Keim des Gebrestens mit über den Rhein, und auf denr hitzigen Boden, dem glühenden As- 182 phaltpflaster der hiesigen Gesellschaft, gedeiht rasch znr blühendsten Verrücktheit, was in Deutschland lebenslang nur eine närrische Krüppelpflanze gebacken wäre. Oder zeugt es schon von einem hohen Grade des Wahnwitzes, dass man das Vaterland verließ, um in der Fremde „die harten Treppen" auf und ab zu steigen, und das noch Mrtere Brot des Exils mit seinen. Thränen zu feuchten? Man muss jedoch bei Leibe nicht glauben, als seien es excentrische Sturm- und Drangnatnren, oder gar Freunde des Müßiggangs und der entfesselten Sinnlichkeit, die sich hier in die Abgründe des Irrsinns verlieren — nein, dieses Unglück betraf immer vorzugsweise die honorabelsten Gemüther, die fleißigsten und enthaltsamsten Geschöpfe. Zu den beklagenswerthesten Opfern, die jener Krankheit erlagen, gehört auch unser armer Landsmann Ludwig Marcus. Dieser deutsche Gelehrte, der sich durch Fülle des Wissens eben so rühmlich auszeichnete, wie durch hohe Sittlichkeit, verdient in dieser Beziehung, dass wir sein Andenken durch einige Worte ehren. Seine Familienverhältnisse und das ganze Detail seiner Lebensumstände sind uns nie genau bekannt gewesen. Soviel ich weiß, ist er geboren zu Dessau im Jahre 1798, von unbemittelten Eltern, 183 die dem gottesfürchtigen Kultus des Judcnthums anhingen. Er kam Anno 1820 nach Berlin, um Medicin zu studieren, verließ aber bald diese Wissenschaft. Dort zu Berlin sah ich ihn zuerst, und zwar im Kollegium von Hegel, wo er oft neben mir saß und die Worte des Meisters gehörig nachschrieb. Er war damals zweiundzwanzig Jahre alt, doch seine äußere Erscheinung war nichts weniger als jugendlich. Ein kleiner schmächtiger Leib, wie der eines Jungen von acht Jahren, und im Antlitz eine Greisenhaftigkeit, die wir gewöhnlich mit einem verbogenen Rückgrat gepaart finden. Eine solche Missförmlichkeit aber war nicht an ihm zu bemerken, und eben über diesen Mangel wunderte man sich. Diejenigen, welche den verstorbenen Moses Mendelssohn persönlich gekannt, bemerkten mit Erstaunen die Ähnlichkeit, welche die Gesichtszüge des Marcus mit denen jenes berühmten Weltweisen darboten, der sonderbarerweise ebenfalls aus Dessau gebürtig war. Hätten sich die Chronologie und die Tugend nicht allzubcstimmt für den ehrwürdigen Moses verbürgt, so könnten wir auf einen sehr frivolen Gedanken gerathen. Aber dem Geiste nach war Marcus wirklich ein ganz naher Verwandter jenes großen Reformators der deutschen Juden, und in seiner Seele 184 wohnte ebenfalls die größte Uneigennützigkeit, der duldende Stillmuth, der bescheidene Rechtsinn, lächelnde Verachtung des Schlechten, und eine unbeugsame, eiserne Liebe für die unterdrückten Glaubensgenossen. Das Schicksal derselben war, wie bei jenem Moses^ auch bei Marcus der schmerzlich glühende Mittelpunkt aller seiner Gedanken, das Herz seines Lebens. Schon damals in Berlin war Marcus ein Polyhistor, er stöberte in allen Bereichen des Wissens, er verschlang ganze Bibliotheken, er verwühlte sich in allen Sprachschätzen des Alterthums und der Neuzeit, und die Geographie, im generellsten wie im partikularsten Sinne, war am Ende sein Lieblingsstudium geworden; es gab auf diesem Erdball kein Faktum, keine Ruine, kein Idiom, keine Narrheit, keine Blume, die er nicht kannte — aber von allen seinen Geistesexkursionen kam er immer gleichsam nach Hause zurück zu der Leidensgeschichte Jsrael's, zu der Schädelstätte Jc- rusalem's und zu dem kleinen Väterdialekt Palä- stina's, um dessentwillcn er vielleicht die semitischen Sprachen mit größerer Vorliebe als die andern betrieb. Dieser Zug war Wohl der hervorstechend wichtigste im Charakter des Ludwig Marcus, und er giebt ihm seine Bedeutung und sein Verdienst; denn nicht bloß das Thun, nicht bloß die Thatsache 185 der hinterlassenen Leistung giebt uns ein Recht auf ehrende Anerkennung nach dem Tode, sondern auch das Streben selbst, und gar besonders das unglückliche Streben, das gescheiterte, fruchtlose, aber großmüthige Wollen. Andere werden vielleicht das erstaunliche Wissen, das der Verstorbene in seinem Gedächtnis aufgestapelt hatte, ganz besonders rühmen und preisen; für uns hat dasselbe keinen sonderlichen Werth. Wir konnten überhaupt diesem Wissen, ehrlich gestanden, niemals Geschmack abgewinnen. Alles, was Mar- cus wusste, wusste er nicht lebendig organisch, sondern als todte Geschichtlichkeit, die ganze Natur versteinerte sich ihm, und er kannte im Grunde nur Fossilien und Mumien. Dazu gesellte sich eine Ohnmacht der künstlerischen Gestaltung, und wenn er Etwas schrieb, war es ein Mitleid, anzusehen, wie er sich vergebens abmühte, für das Darzustellende die notdürftigste Form zu finden. Ungenießbar, unverdaulich, abstrus waren daher die Artikel und gar die Bücher, die er geschrieben. Außer einigen linguistischen, astronomischen und botanischen Schriften, hat Marcus eine Geschichte der Vandalen in Afrika, und in Verbindung mit dem Professor Duisberg eine nordafrikanische Geographie herausgegeben. Er hinterlässt in Manuskript 186 ein ungeheuer großes Werk über Abhssinien, welches seine eigentliche Lebensarbeit zu sein scheint, da er sich schon zu Berlin mit Abhssinien beschäftigt hatte. Nach diesem Lande zogen ihn wohl zunächst die Untersuchungen über die Falaschas, einen jüdischen Stamm, der lange in den abyssinischeu Gebirgen seine Unabhängigkeit bewahrt hat. Ja, obgleich sein Wissen sich über alle Weltgcgenden verbreitete, so wusste Marcus doch am besten Bescheid hinter den Mondgcbirgen Äthiopiens, an den verborgenen Quellen des Nil's, und seine größte Freude war, den Bruce oder gar den Hassclquist auf Irrthümern zu ertappen. Ich machte ihn einst glücklich, als ich ihn bat, mir aus arabischen und talmudischen Schriften Alles zu kompilieren, was auf die Königin von Saba Bezug hat. Dieser Arbeit, die sich vielleicht noch unter meinen Papieren befindet, verdanke ich es, dass ich noch zu heutiger Stunde weiß, wesshalb die Könige von Abhssinien sich rühmen, aus dem Stamme David entsprossen zu sein: sie leiten diese Abstammung von dem Besuch her, den ihre Ältcrmuttcr, die besagte Königin von Saba, dem weisen Salomon zu Jerusalem abgestattet. Wie ich aus besagter Kompilation ersah, ist diese Dame gewiss eben so schön gewesen wie die Helena von Sparta. Jedenfalls hat sie ein 187 ähnliches Schicksal nach dem Tode, da es verliebte Rabbiner giebt, die sie durch kabbalistische Zauberkunst aus dem Grabe zu beschwören wissen; nur sind sie manchmal übel daran mit der beschworenen Schönen, die den großen Fehler hat, dass sie, wo sie sich einmal hingesetzt, gar zu lange sitzen bleibt. Man kann sie nicht los werden. Ich habe bereits angedeutet, dass irgend ein Interesse der jüdischen Geschichte immer letzter Grund und Antrieb war bei den gelehrten Arbeiten des seligen Marcus; in wie weit Dergleichen auch bei seinen abyssinischen Studien der Fall war, und wie auch diese ihn ganz frühzeitig in Anspruch genommen, crgiebt sich unabweisbar aus einem Artikel, den er schon damals zu Berlin in der „Zeitschrift für Kultur und Wissenschaft des Judenthums" abdrucken ließ. Er behandelte nämlich darin die Be schneidung bei den Abyssinierinnen. Wie herzlich lachte der verstorbene Gans, als er mir in jenem Aufsätze die Stelle zeigte, wo der Verfasser den Wunsch aussprach, es möchte Jemand diesen Gegenstand bearbeiten, der demselben besser gewachsen sei. Die äußere Erscheinung des kleinen Mannes, die nicht selten zum Lachen reizte, verhinderte ihn jedoch keineswegs, zu den ehrenwerthesten Mitgliedern jener Gesellschaft zu zählen, welche die oben 188 erwähnte Zeitschrift herausgab, und eben unter dem Namen: „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judenthums" eine hochfliegend große, aber unausführbare Idee verfolgte. Geistbegabtc und tiefherzige Männer versuchten hier die Rettung einer längst Verlornen Sache, und es gelang ihnen höchstens, auf den Wahlstätten der Vergangenheit die Gebeine der ältern Kämpfer aufzufinden. Die ganze Ausbeute jenes Vereins besteht in einigen historischen Arbeiten, in Geschichtsforschungen, worunter namentlich die Abhandlungen des Dr. Zunz über die spanischen Juden im Mittelalter zu den Merkwürdigkeiten der höhern Kritik gezählt werden müssen. Wie dürfte ich von jenem Vereine reden, ohne dieses vortrefflichen Zunz zu erwähnen, der in einer schwankenden Übergangsperiode immer die unerschütterlichste Unwandelbarkeit offenbarte, und trotz seinem Scharfsinn, seiner Skepsis, seiner Gelehrsamkeit, dennoch treu blieb dem selbst gegebenen Worte, der großmüthigen Grille seiner Seele. Mann der Rede und der That, hat er geschaffen und gewirkt, wo Andere träumten und muthlos hinsanken. Ich kann nicht umhin, auch hier meinen lieben Bendavid zu erwähnen, der mit Geist und Charakterstärke eine großartig urbaue Bildung vereinigte und, obgleich schon hochbejahrt, an den jugendlichsten 189 Jrrgedcmken des Bercins Theil nahm. Er war ein Weiser nach antikem Zuschnitt, umflossen vom Sonnenlicht griechischer Heiterkeit, ein Standbild der wahrsten Tugend, und pflichtgehärtet wie der Marmor des kategorischen Imperativs seines Meisters Immanuel Kant. Bendavid war Zeit seines Lebens der eifrigste Anhänger der Kantischen Philosophie, für diese litt er in seiner Jugend die größten Verfolgungen, und dennoch wollte er sich nie trennen von der alten Gemeinde des mosaischen Bekenntnisses, er wollte nie die äußere Glaubenskokardc ändern. Schon der Schein einer solchen Verleugnung erfüllte ihn mit Widerwillen und Ekel. Lazarus Bendavid war, wie gesagt, ein eingefleischter Kantianer, und ich habe damit auch die Schranken seines Geistes angedeutet. Wenn wir von Hegcl'- scher Philosophie sprachen, schüttelte er sein kahles Haupt und sagte, Das sei Aberglaube. Er schrieb ziemlich gut, sprach aber viel besser. Für die Zeitschrift des Vereins lieferte er einen merkwürdigen Aufsatz über den Messiasglauben bei den Juden, worin er mit kritischem Scharfsinn zu beweisen suchte, dass iwr Glaube an einen Messias durchaus nicht zu den Fundamentalartikeln der jüdischen Religion gehöre, und nur als zufälliges Beiwerk zu betrachten sei. 190 Das thätigste Mitglied des Vereins, die eigentliche Seele desselben, war M. Maser, der vor einigen Jahren starb, aber schon im jugendlichsten Alter nicht bloß die gründlichsten-Kenntnisse besaß, sondern auch durchglüht war von dem großen Mitleid für die Menschheit, von der Sehnsucht, das Wissen zu verwirklichen in heilsamer That. Er war unermüd lich in philanthropischen Bestrebungen, er war sehr praktisch, und hat in scheinloser Stille an allen Liebeswerken gearbeitet. Das große Publikum hat von seinem Thun und Schaffen Nichts erfahren, er focht und blutete inkognito, sein Name ist ganz unbekannt geblieben, und steht nicht eingezeichnet in dem Adresskalender der Selbstaufopferung. Unsere Zeit ist nicht so ärmlich, wie man glaubt; sie hat erstaunlich viele solcher anonymen Märtyrer hervorgebracht. Der Nekrolog des verstorbenen Marcus leitete mich unwillkürlich zu dem Nekrolog des Vereins, zu dessen ehrenwerthestcn Mitgliedern er gehörte, und als dessen Präsident der schon erwähnte, jetzt ebenfalls verstorbene Eduard Gans sich geltend machte. Dieser hochbegabte Mann kann am wenigsten in Bezug auf bescheidene Selbstaufopferung, auf anonymes Märtyrerthum gerühmt werden. Ja, wenn auch seine Seele sich rasch und weit erschloss — 191 für alle Heilsfragen der Menschheit, so ließ er doch selbst im Rausche der Begeisterung niemals die Personalintcressen außer Acht. Eine witzige Dame, zu welcher Gans oft des Abends zum Thee kam, machte die richtige Bemerkung, dass er während der eifrigsten Diskussion und trotz seiner großen Zerstreutheit dennoch, nach dem Teller der Butterbrote hinlangend, immer diejenigen Buttcrbrötc ergreife, welche nicht mit gewöhnlichem Käse, sondern mit frischem Lachs bedeckt waren. Die Verdienste des verstorbenen Gans um deutsche Wissenschaft sind allgemein bekannt. Er war einer der rührigsten Apostel der Hegel'schen Philosophie, und in der Rechtsgelahrtheit kämpfte er zermalmend gegen jene Lakaien des altrömischen Rechts, welche, ohne Ahnung von dem Geiste, der in der alten Gesetzgebung einst lebte, nur damit beschäftigt sind, die hinterlassene Garderobe derselben auszustäubcn, von Motten zu säubern, oder gar zu modernem Gebrauche zurecht zu flicken. Gans fuchtelte solchen Servilismus selbst in seiner elegantesten Livree. Wie wimmert unter seinen Fußtritten die arme Seele des Herrn von Savignh! Mehr noch durch Wort als durch Schrift förderte Gans die Entwickelung des deutschen Freiheitsinnes, er ' entfesselte die gebundensten Gedanken und riss der 192 Lüge die Larve ab. Er war ein beweglicher Feuergeist, dessen Witzfunken vortrefflich zündeten, oder wenigstens herrlich leuchteten. Aber den trübsinnigen Ansspruch des Dichters (im zweiten Theile des „Faust"): „Alt ist das Wort, doch bleibet hoch und wahr der Sinn, - Dass Scham und Schönheit nie zusammen, Hand in Hand, Den Weg verfolgen über der Erde grünen Pfad. Tief eingewurzelt wohnt in beiden alter Hass, Dass, wo sie immer auch des Weges sich Begegnen, jede der Gegnerin den Rücken kehrt" — dieses fatale Wort müssen wir auch auf das Verhältnis der Genialität zur Tugend anwenden, diese beiden leben ebenfalls in beständigem Hader, und kehren sich manchmal verdrießlich den Rücken. Mit Bekümmernis muss ich hier erwähnen, dass Gans in Bezug auf den erwähnten Verein für Kultur und Wissenschaft des Judenthums Nichts weniger als tugendhaft handelte, und sich die unverzeihlichste Felonie zu Schulden kommen ließ. Sein Abfall - war um so widerwärtiger, da er die Rolle eines Agitators gespielt und bestimmte Präsidialpflichten 193 übernommen hatte. Es ist hergebrachte Pflicht, dass der Kapitän immer der Letzte sei, der das Schiff verlässt, wenn dasselbe scheitert — Gans aber rettete sich selbst zuerst. Wahrlich, in moralischer Beziehung hat der kleine Marcus den großen Gans überragt, und er könnte hier ebenfalls beklagen, dass Gans seiner Aufgabe nicht besser gewachsen war. Wir haben die Theilnahme des Marcus an dem Verein für Kultur und Wissenschaft des Zuden- thums als einen Umstand bezeichnet, der uns wichtiger und denkwürdiger erschien, als all sein stutzendes Wissen und seine sämmtlichen gelehrten Arbeiten. Ihm selber mag ebenfalls die Zeit, wo er den Bestrebungen und Illusionen jenes Vereins sich hingab, als die sonnigste Blüthenstunde seines kümmerlichen Lebens erschienen sein. Desshalb musste hier jenes Vereines ganz besonders Erwähnung geschehen, und eine nähere Erörterung seines Gedankens wäre wohl nicht überflüssig. Aber der Raum und die Zeit und ihre Hüter gestatten in diesen Blättern keine solche ausgeführte Darstellung, da letztere nicht bloß die religiösen und bürgerlichen Verhältnisse der Juden, sondern auch die aller deisti- schen Sekten auf diesem Erdball umfassen müsstc. Nur so Viel will ich hier aussprechen, dass der esoterische Zweck jenes Vereins nichts Anderes war,- Heine'S Werle. Bd. XIV. 13 194 als eine Vermittlung des historischen Judenthums mit der modernen Wissenschaft, von welcher man annahm, dass sie im Laufe der Zeit zur Weltherr schast gelangen würde. Unter ähnlichen Umständen zur Zeit des Philo, als die griechische Philosophie allen alten Dogmen den Krieg erklärte, ward in Alexandrien Ähnliches versucht, mit mehr oder minderem Missgeschick. Von schismatischer Aufklärcrei war hier nicht die Rede, und noch weniger von jener Emancipation, die in unsern Tagen manchmal so ekelhaft geistlos durchgeträtscht wird, dass man das Interesse dafür verlieren könnte. Namentlich haben es die israelitischen Freunde dieser Frage verstanden, sie in eine wässerig graue Wolke von Langweiligkeit zu hüllen, die ihr schädlicher ist, als das blödsinnige Gift der Gegner. Da giebt es gemüthliche Pharisäer, die noch besonders damit prahlen, dass sie kein Talent zum Schreiben besitzen und dem Apollo zum Trotz für Jehovah die Feder ergriffen haben. Mögen die deutschen Regierungen doch recht bald ein ästhetisches Erbarmen mit dem Publikum haben, und jenen Salbadereien ein Ende machen durch Beschleunigung der Emancipation, die doch früh oder spät bewilligt werden muss. Ja, die Emancipation wird früh oder spät bewilligt werden müssen, aus Gerechtigkeitsgefühl, 195 aus Klugheit, aus Nothwendigkeit. Die Antipathie gegen die Juden hat bei den obern Klassen keine religiöse Wurzel mehr, und bei den untern Klassen transformiert sie sich täglich mehr und mehr in den socialen Groll gegen die überwuchernde Macht des Kapitals, gegen die Ausbeutung der Armen durch die Reichen. Der Judenhass hat jetzt einen andern Namen, sogar beim Pöbel. Was aber die Regierungen betrifft, so sind sie endlich zur hochweisen Ansicht gelangt, dass der Staat ein organischer Körper ist, und dass derselbe nicht zu einer vollkommenen Gesundheit gelangen kann, so lange ein einziges seiner Glieder, und sei es auch nur der kleine Zeh, an einem Ge^reste leidet. Ja, der Staat mag noch so keck sein Haupt tragen und mit breiter Brust allen Stürmen trotzen, das Herz in der Brust, und sogar das stolze Haupt wird dennoch den Schmerz mitempfinden müssen, wenn der kleine Zeh an den Hühneraugen leidet — die Judenbeschränkungen sind solche Hühneraugen an den deutschen Staatsfüßen. Und bedächten gar die Regierungen, wie entsetzlich der Grundpfeiler aller positiven Religionen, die Idee des Deismus selbst, von neuen Doktrinen bedroht ist, wie die Fehde zwischen dem Wissen und dem Glauben überhaupt nicht mehr ein zahmes 13 * 196 Scharmützel, sondern bald eine wilde Tvdcsschlacht sein wird — bedächten die Regierungen diese verhüllten Nöthen, sie müssten froh sein, dass es noch Juden auf der Welt giebt, dass die Schweizergardc des Deismus, wie der Dichter sie genannt hat, noch auf den Beinen steht, dass es noch ein Volk Gottes giebt. Statt sie von ihrem Glauben durch gesetzliche Beschränkungen abtrünnig zumachen, sollte man sie noch durch Prämien darin zu stärken suchen, man sollte ihnen auf Staatskosten ihre Synagogen bauen, damit sie nur hineingehen, und das Volk draußen sich einbilden mag, es werde in der Welt noch Etwas geglaubt. Hütet euch, die Taufe unter den Juden zu befördern. Das ist eitel Wasser und trocknet leicht. Befördert vielmehr die Be- schneidung, Das ist der Glauben, eingcschnitten ins Fleisch; in den Geist lässt er sich nicht mehr cin- schneiden. Befördert die Ceremonie der Dcnkriemcn, womit der Glaube festgebunden wird auf den Arm; der Staat sollte den Juden gratis das Leder dazu liefern, sowie auch das Mehl zu Matzekuchen, woran das gläubige Israel schon drei Jahrtausende knuspert. Fördert, beschleunigt die Emancipation, damit sie nicht zu spät komme und überhaupt noch Juden in der Welt antrifft, die den Glauben ihrer Väter dem Heil ihrer Kinder vorziehen. Es giebt 197 ein Sprichwort: „Während der Weise sich besinnt, besinnt sich auch der Narr." Die vorstehenden Betrachtungen knüpften sich natürlich an die Person, die ich hier zu besprechen hatte, und die, wie ich schon bemerkt, weniger durch individuelle Bedeutung, als vielmehr durch historische m d moralische Bezüge, unser Interesse in Anspruch nimmt. Ich kann auch aus eigner Anschauung nur Geringfügiges berichten über das äußere Leben unseres Marcus, den ich zu Berlin bald aus den Augen verlor. Wie ich hörte, war er nach Frankreich gewandert, da er, trotz seines außerordentlichen Wissens und seiner hohen Sittlichkeit, dennoch in den Überbleibseln mittelalterlicher Gesetze ein Hindernis der Beförderung im Vaterlande fand. Seine Eltern waren gestorben, und aus Großmuth hatte er zum Besten seiner hilfsbedürftiger» Geschwister auf die Verlassenschaft verzichtet. Etwa fünfzehn Jahre vergingen, und ich hatte lange Nichts mehr gehört, weder von Ludwig Marcus, noch von der Königin von Saba, weder von Hasselquist, noch von den beschnittenen Abyssinierinnen, da trat mir eines Tages der kleine Mann hier zu Paris wieder entgegen und erzählte mir, dass er unterdessen Professor in Dijon gewesen, jetzt aber einer ministeriellen Unbill wegen die Professur aufgegeben habe 198 und hier bleiben wolle, um die Hilfsquellen der Bibliothek für sein großes Werk zu benutzen. Wie ich von Andern hörte, war ein bisschen Eigensinn im Spiel, und das Ministerium hatte ihm sogar vorgeschlagen, wie in Frankreich gebräuchlich, seine Stelle durch einen wohlfeiler besoldeten Supplcan- ten zu besetzen und ihm selber den größten Theil seines Gehalts zu lassen. Dagegen sträubte sich die große Seele des Kleinen, er wollte nicht fremde Arbeit ausbeuten, und er ließ seinem Nachfolger die ganze Besoldung. Seine Uneigennützigkeit ist hier um so Merkwürdiger, da er damals blutarm in rührender Dürftigkeit sein Leben fristete. Es ging ihm sogar sehr schlecht, und ohne die Engelhilfe einer schönen Frau wäre er gewiss im darbenden Elend verkommen. Ja, es war eine sehr schöne und große Dame von Paris, eine der glänzendsten Erscheinungen des hiesigen Weltlebens, die, als sie von dem wunderlichen Kauz hörte, in die Dunkelheit seines kümmerlichen Lebens hinabstieg und mit unmuthiger Zartsinnigkeit ihn dahin zu bringen wusste, einen bedeutenden Jahrgehalt von ihr anzunehmen. Ich glaube, seinen Stolz zähmte hier ganz besonders die Aussicht, dass seine Gön- nerin, die Gattin des reichsten Bankiers dieses Erdballs, späterhin sein großes Werk auf ihre Kosten 199 drucken lassen werde. Einer Dame, dachte er, die wegen ihres Geistes und ihrer Bildung so viel gerühmt wird, müsse doch sehr viel daran gelegen sein, dass endlich eine gründliche Geschichte von Abyssinien geschrieben werde, und er fand es ganz natürlich, dass sie dem Autor durch einen Jahrgchalt seine große Mühe und Arbeit zu vergüten suchte. Die Zeit, während welcher ich den guten Mar- cus nicht gesehen, etwa fünfzehn Jahre, hatte auf sein Äußeres eben nicht verschönernd gewirkt. Seine Erscheinung, die früher aus Possierliche streifte, war jetzt eine entschiedene Karikatur geworden, aber eine angenehme, liebliche, ich möchte fast sagen: erquickende Karikatur. Ein spaßhaft wehmüthiges Ansehen gab ihm sein von Leiden durchfurchtes Greisengesicht, worin die kleinen pechschwarzen Äuglein vergnüglich lebhaft glänzten, und gar sein abenteuerlicher, fabelhafter Haarwuchs! Die Haare nämlich, welche früher pechschwarz und anliegend gewesen, waren jetzt ergraut, und umgaben in krauser aufgesträubter Fülle das schon außerdem unverhältnismäßig große Haupt. Er glich so ziemlich jenen breit- köpfigcn Figuren mit dünnem Leibchen und kurzen Beinchen, die wir auf den Glasscheiben eines chinesischen Schattenspiels sehen. Besonders wenn mir 200 die zwerghaftc Gestalt in Gesellschaft seines Kollaborators, des ungeheuer großen und stattlichen Professors Duisberg auf den Boulevards begegnete, jauchzte müder Humor in der Brust. Einem meiner Bekannten, der mich frug, wer der Kleine wäre, sagte ich, es sei der König von Abyssinien, und dieser Name ist ihm bis an sein Ende geblieben. Hast du mir desshalb gezürnt, theurer, guter Marcus? Für deine schöne Seele hätte der Schöpfer wirklich eine bessere Enveloppe erschaffen können. Der liebe Gott ist aber zu sehr beschäftigt; manchmal, wenn er eben im Begriff ist, der edlen Perle eine prächtig cise- lierte Goldfassung zu verleihen, wird er Plötzlich gestört, und er wickelt das Juwel geschwind in das erste, beste Stück Fließpapier oder Läppchen —> anders kann ich mir die Sache nicht erklären. Ungefähr fünf Jahre lebte Marcus im weisesten Seelenfrieden zu Paris; es ging ihm gut, ja sogar einer seiner Lieblingswünsche war in Erfüllung gegangen; er besaß eine kleine Wohnung mit eignen Möbeln, und zwar in der Nähe der Bibliothek! Ein Verwandter, ein Schwestersohn, besucht ihn hier eines Abends, und kann sich nicht genug darüber Wundern, dass der Oheim sich plötzlich auf die Erde setzt und mit wilder, trotziger Stimme die scheußlichsten Gassenlicder zu singen 201 beginnt. Er, der nie gesungen, und in Wort und Ton immer die Keuschheit selbst war! Aber die Sache ward noch grauenhaft befremdlicher, als der Oheim zornig emporsprang, das Fenster aufstieß und erst seine Uhr zur Straße hinabschmiss, dann seine Manuskripte, Tintenfass, Federn, seine Geldbörse. Als der Neffe sah, dass der Oheim das Geld zum Fenster hinauswarf, konnte er nicht länger an seinem Wahnsinn zweifeln. Der Unglückliche ward in die Heilanstalt des Dr. Pinncl zu .Ehaillot gebracht, wo er nach vierzehn Tagen unter schauderhaften Leiden den Geist aufgab. Er starb ani 15. Julius, und ward am 17. auf dem Kirchhof Montmartre begraben. Ich habe leider seinen Tod zu spät erfahren, als dass ich ihm die letzte Ehre erweisen konnte. Indem ich heute diese Blätter seinem Andenken widme, wollte ich das Versäumte nachholen und gleichsam im Geist an seinem Leichenbegängnis Theil nehmen. Jetzt aber öffnet mir noch einmal den Sarg, damit ich nach altem Brauch den Todten um Verzeihung bitte für den Fall, dass ich ihn etwa im Leben beleidigt. — Wie ruhig der kleine Marcus jetzt aussieht! Er scheint darüber zu lächeln, dass ich seine gelehrten Arbeiten nicht besser gewürdigt habe. Daran mag ihm Wenig gelegen sein, denn 202 hier bin ich ja doch kein so kompetenter Richter wie etwa sein Freund S> Munk, der Orientalist, der mit einer umfassenden Biographie des Verstorbenen und mit der Herausgabe seiner hinterlassenen Werke beschäftigt sein soll. 203 Spätere Note. (Im März 1854.) Da ich mich immer einer guten Gesinnung und eines eben so guten Stiles beflissen, so genieße ich die Genugthuung, dass ich es wagen darf, unter dem anspruchvollen Namen „Denkworte" die vorstehenden Blätter hier mitzutheilen, obgleich sie anonym für das Tagesbedürfnis der Augsburger „Allgemeinen Zeitung" bereits vor zehn Jahren geschrieben worden. Seit jener Zeit hat sich Vieles in Deutschland verändert, und auch die Frage von der bürgerlichen Gleichstellung der Bekenner des mosaischen Glaubens, die gelegentlich in obigen Blättern besprochen ward, hat seitdem sonderbare Schicksale erlitten. Im Frühling des Jahres 1848 schien sie auf immer erledigt, aber, wie mit so vielen andern Errungenschaften aus jener Blüthezeit 204 deutscher Hoffnung, mag es jetzt in unsrer Heimat auch mit besagter Frage sehr rückgängig aussehen, und an manchen Orten soll sie sich wieder, wie man mir sagt, im schmachvollsten statu c^no befinden. Die Juden dürften endlich zur Einsicht gelangen, dass sie erst dann wahrhaft emancipiert werden können, wenn auch die Emancipation der Christen vollständig erkämpft und sichergestellt worden. Ihre Sache ist identisch mit der des deutschen Volks, und sie dürfen nicht als Juden begehren, was ihnen als Deutschen längst gebührte. Ich habe in obigen Blättern angedeutet, dass sich der Gelehrte S. Munk mit einer Herausgabe der hinterlassenen Schriften des seligen Marcus beschäftigen werde. Leider ist Dieses jetzt unmöglich, da jener große Orientalist an einem Übel leidet, das ihm nicht erlaubt, sich einer solchen Arbeit zu unterziehen; er ist nämlich seit zwei Jahren gänzlich erblindet. Ich vernahm erst kürzlich dieses betrüb- same Ereignis, und erinnere mich jetzt, dass der vortreffliche Mann trotz bedenklicher Symptome sein leidendes Gesicht nie schonen wollte. Als ich das letzte Mal die Ehre hatte, ihn auf der königlichen Bibliothek zu sehen, saß er vergraben in einem Wust von arabischen Manuskripten, und es war schmerzlich anzusehen, wie er seine kranken, blassen — 205 — Augen mit der Entzifferung des phantastisch ge- schnörkelten Abrakadabra anstrengte. Er war Kustos in besagter Bibliothek, und er ist jetzt nicht mehr im Stande, dieses kleine Amt zu verwalten. Hauptsächlich mit dem Ertrag seiner literarischen Arbeiten bcstritt er den Unterhalt einer zahlreichen Familie. Blindheit ist wohl die härteste Heimsuchung, die einen deutschen Gelehrten treffen kann. Sie trifft diesmal die bravste Seele, die gefunden werden mag; Munk ist uneigennützig bis zum Hochmuth, und bei all seinem reichen Wissen von einer rührenden Bescheidenheit. Er trägt gewiss sein Schicksal mit stoischer Fassung und religiöser Ergebung in den Willen des Herrn. Aber warum muss der Gerechte so Viel leiden auf Erden? Warum muss Talent und Ehrlichkeit zu Grunde gehen, während der schwadronierende Hanswurst, der gewiss seine Augen niemals durch arabische Manuskripte trüben mochte, sich räkelt auf den Pfühlen des Glücks und fast stinkt vor Wohlbehagen? Das Buch Hiob löst nicht diese böse Fr^ge. Im Gegentheil, dieses Buch ist das Hohelied der Skepsis, und es zischen und pfeifen darin die entsetzlichen Schlangen ihr ewiges: Warum? Wie kommt es, dass bei der Rückkehr aus Babylon die fromme Tempelarchiv-Kommission, deren Präsi- » V . - ^ — 206 — l deut Esra war, jenes Buch in den Kanon der heiligen Schriften aufgenommen? Ich habe mir oft diese Frage gestellt. Nach meinem Vermuthen ' thaten Solches jene gotterleuchtetcn Männer nicht aus Unverstand, sondern weil sie in ihrer hohen Weisheit wohl wussten, dass der Zweifel in der menschlichen Natur tief begründet und berechtigt ist, und dass man ihn also nicht täppisch ganz unterdrücken, sondern nur heilen muss. Sie verfuhren bei dieser Kur ganz homöopathisch, durch das Gleiche auf das Gleiche wirkend, aber sie gaben keine homöopathisch kleine Dosis, sie steigerten vielmehr dieselbe aufs ungeheuerste, und eine solche überstarke Dosis von Zweifel ist das Buch Hiob; dieses Gift durfte nicht fehlen in der Bibel, in der großen Hausapotheke der Menschheit. Ja, wie der Mensch, wenn er leidet, sich ausweinen muss, so muss er sich auch auszweifeln, wenn er sich grausam gekränkt fühlt in seinen Ansprüchen auf Lebensglück; und wie durch das heftigste Weinen, so entsteht auch durch den höchsten Grad des Zweifels, den die Deutschen so richtig die Verzweiflung neu- > nen, die Krisis der moralischen Heilung. — Aber wohl Demjenigen, der gesund ist und keiner Medicin bedarf! Geständnisse. (Geschrieben im Winter 1853—54.) Vorwort. Die nachfolgenden Blätter schrieb ich, um sie einer neuen Ausgabe meines Buches „Os inaAns" einzuverleiben. Voraussetzend, dass ihr Inhalt auch die Aufmerksamkeit des heimischen Publikums in Anspruch nehmen dürfte, veröffentliche ich diese Geständnisse ebenfalls in deutscher Sprache, und zwar noch vor dem Erscheinen der französischen Version. Zu dieser Vorsicht zwingt mich die Fingerfertigkeit sogenannter Übersetzer, die, obgleich ich jüngst in deutschen Blättern die Original-Ausgabe eines Opus ankündigte, dennoch sich nicht entblödeten, aus einer Pariser Zeitschrift den bereits in französischer Sprache erschienenen Anfang meines Werks aufzuschnappen und als besondere Broschüre verdeutscht herauszugeben*), solchermaßen nicht bloß *) „Die verbannten Götter" von Heinrich Heine. Aus dem Französischen. Nebst Mittheilungen über den kranken Dichter. Berlin. Gustav Hempcl. 1853. Heine's Werke. Bd. XIV. 14 210 — die litterarische Reputation, sondern auch die Eigenthumsinteressen des Autors beeinträchtigend. Dergleichen Schnapphähne sind weit verächtlicher, als der Straßenränder, der sich muthig der Gefahr des Gehenktwerdcns aussetzt, während Jene, mit feigster Sicherheit die Lücken unsrer Prcssgesetzgebung ausbeutend, ganz straflos den armen Schriftsteller um seinen eben so mühsamen wie kümmerlichen Erwerb bestehlen können. Ich will den besondern Fall, von welchem ich rede, hier nicht weitläuftig erörtern; überrascht, ich gestehe es, hat die Büberei mich nicht. Ich habe mancherlei bittere Erfahrungen gemacht, und der alte Glaube oder Aberglaube an deutsche Ehrlichkeit ist bei mir sehr in die Krümpc gegangen. Ich kann es nicht verhehlen, dass ich zumal während meines Aufenthalts in Frankreich sehr oft das Opfer jenes Aberglaubens ward. Sonderbar genug! unter den Gaunern, die ich leider zu meinem Schaden kennen lernte, befand sich nur ein einziger Franzose, und dieser Gauner war gebürtig aus einem jener deutschen Gauen, die, einst dem deutschen Reich entrissen, jetzt von unsern Patrioten zurückverlangt werden. Sollte ich in der ethnographischen Weise des Leporello eine illustrierte Liste von den respektiven Spitzbuben anfertigen, die mir die Tasche geleert, so würden freilich alle civili- 211 sierten Länder darin zahlreich genug repräsentiert wetten, aber die Palme bliebe doch dem Vaterlandc, welches das Unglaublichste geleistet, und ich könnte davon ein Leid singen mit dem Refrain: „Aber in Deutschland tausend und drei!" Charakteristisch ist es, dass unsern deutschen Schelmen immer eine gewisse Sentimentalität anklebt. Sie sind keine kalten Verstandcsspitzbuben, sondern Schufte von Gefühl. Sie haben Gemüth, sie nehmen den wärmsten Antheil an dem Schicksal Derer, die sie bestohlen, und man kann sie nicht los werden. Sogar unsere vornehmen Industrie- ritter sind nicht bloße Egoisten, die nur für sich stehlen, sondern sie wollen den schnöden Mammon erwerben, um Gutes zu thun; in den Freistunden, wo sie nicht von ihren Bcrufsgeschäftcn, z. B. von der Direktion einer Gasbeleuchtung der böhmischen Wälder, in Anspruch genommen werden, beschützen sie Pianisten und Journalisten, und unter der buntgestickten, in allen Farben der Iris schillernden Weste trägt Mancher auch ein Herz, und in dem Herzen den nagenden Bandwurm des Weltschmerzes. Der Industrielle, der mein obenerwähntes Opus in sogenannter Übersetzung als Broschüre herausgegeben, begleitete dieselbe mit einer Notiz über meine Per- 14* 212 son, worin er wehmüthig meinen traurigen Gesundheitszustand bejammert, und durch eine Zusammenstellung von allerlei Zeitungsartikeln über mein jetziges klägliches Aussehen die rührendsten Nachrichten mittheilt, so dass ich hier von Kops bis zu Fuß beschrieben bin, und ein witziger Freund bei dieser Lektüre lachend ausrufen konnte: „Wir leben wirklich in einer verkehrten Welt, und es ist jetzt der Dieb, welcher den Steckbrief des ehrlichen Mannes, den er bestohlcn hat, zur öffentlichen Kunde bringt." — Geschriebn, zu Paris, im März 1854. Ein geistreicher Franzose — vor einigen Zähren hätten diese Worte einen Pleonasmus gebildet — nannte mich einst einen liomanti^ns äolrognö. Ich hege eine Schwäche für Alles, was Geist ist, und so boshaft die Benennung war, hat sie mich dennoch höchlich ergötzt. Sie ist treffend. Trotz meiner cxterminatorischen Feldzüge gegen die Romantik, blieb ich doch selbst immer ein Romantiker, und ich war es in einem höher» Grade, als ich selbst ahnte. Nachdem ich dem Sinne für romantische Poesie in Deutschland die tödlichsten Schläge beigebracht, beschlich mich selbst wieder eine unendliche Sehnsucht nach der blauen Blume im Traumlande der Romantik, und ich ergriff die bezauberte Laute und sang ein Lied, worin ich mich allen holdseligen Übertreibungen, aller Mondscheintrunkcnheit, 214 allem blühenden Nachtigallen-Wahnsinn der einst so geliebten Weise hingab. Ich weiß, es war das „letzte freie Waldlied der Romantik," und ich bin ihr letzter Dichter; mit mir ist die alte lyrische Schule der Deutschen geschlossen, während zugleich die neue Schule, die moderne deutsche Lyrik, von mir eröffnet ward. Diese Doppelbedeutung wird mir von den deutschen Literarhistorikern zugeschrieben. Es ziemt mir nicht, mich hierüber weitläuftig auszu- lassen, aber ich darf mit gutem Fuge sagen, dass ich in der Geschichte der deutschen Romantik eine große Erwähnung verdiene. Aus diesem Grunde hätte ich in meinen Buche „Os I'-MoinaKns," wo ich jene Geschichte der romantischen Schule so vollständig als möglich darznstellcn suchte, eine Besprechung meiner eignen Person liefern müssen. Indem ich Dieses unterließ, entstand eine Lakune, welcher ich nicht leicht abzuhelfen weiß. Die Abfassung einer Selbstcharakteristik wäre nicht bloß eine sehr verfängliche, sondern sogar eine unmögliche Arbeit. Ich wäre ein eitler Geck, wenn ich hier das Gute, das ich von mir zu sagen wusste, drall hervorhöbe, und ich wäre ein großer Narr, wenn ich die Gebrechen, deren ich mich vielleicht ebenfalls bewusst bin, vor aller Welt zur Schau stellte — Und dann, mit dem besten Willen der Treuherzigkeit kann kein 215 Mensch über sich selbst die Wahrheit sagen. Auch ist Dies Niemanden bis jetzt gelungen, weder dem heiligen Augustin, dem frommen Bischof von Hippo, noch dem Genfer Jean Jacques Rousseau, und am allerwenigsten diesem Letztem, der sich den Mann der Wahrheit und der Natur nannte, während er doch im Grunde viel verlogener und unnatürlicher war, als seine Zeitgenossen. Er ist freilich zu stolz, als dass er sich gute Eigenschaften oder schöne Handlungen fälschlich zuschriebe, er erfindet vielmehr die abscheulichsten Dinge zu seiner eignen Verunglimpfung. Verleumdete er sich etwa selbst, um mit desto größerm Schein von Wahrhaftigkeit auch Andere, z. B. meinen armen Landsmann Grimm, verleumden zu können? Oder macht er unwahre Bekenntnisse, um wirkliche Vergehen darunter zu verbergen, da, wie männiglich bekannt ist, die Schmachgcschichten, die über uns in Umlauf sind, uns nur dann sehr schmerzhaft zu berühren pflegen, wenn sie Wahrheit enthalten, während unser Gemüth minder verdrießlich davon verletzt wird, wenn sie nur eitel Erfindnisse sind. So bin ich überzeugt, Jean Jacques hat das Band nicht gestohlen, das einer unschuldig angeklagten und fortgejagten Kam merjungfer Ehre und Dienst kostete; er hatte gewiss kein Talent zum Stehlen, er war viel zu 216 blöde und täppisch, er, der künftige Bär der Eremitage. Er hat vielleicht eines anderen Vergehens sich schuldig gemacht, aber es war kein Diebstahl. Auch hat er seine Kinder nicht ins Findelhaus geschickt, sondern nur die Kinder von Mademoiselle Therese Levasseur. Schon vor dreißig Jahren machte mich einer der größten deutschen Psychologen auf eine Stelle der Konfessionen aufmerksam, woraus bestimmt zu deducieren war, dass Rousseau nicht der Vater jener Kinder sein konnte; der eitle Brummbär wollte sich lieber für einen barbarischen Vater ausgeben, als dass er den Verdacht ertrüge, aller Vaterschaft unfähig gewesen zu sein. Aber der Mann, der in seiner eigenen Person auch die menschliche Natur verleumdete, er blieb ihr doch treu in Bezug aus unsere Erb- schwäche, die darin besteht, dass wir in den Augen der Welt immer anders erscheinen wollen, als wir wirklich sind. Sein Sclbstporträt ist eine Lüge, bewundernswürdig ausgeführt, aber eine brillante Lüge. Da war der König der Aschantis, von welchem ich jüngst in einer afrikanischen Reiscbe- schreibung viel Ergötzliches las, viel ehrlicher, und das naive Wort dieses Negerfürsten, welches die oben angedeutete menschliche Schwäche so spaßhaft resümiert, will ich hier mittheilen. Als nämlich der 2k7 Major Bowditsch in der Eigenschaft eines Minister- residenten von dem englischen Gouverneur des Kaps der guten Hoffnung an den Hos jenes mächtigsten Monarchen Südafrikas geschickt ward, suchte er sich die Gunst der Höflinge und zumal der Hofdamen, die trotz ihrer schwarzen Haut mitunter außerordentlich schön waren, dadurch zu erwerben, dass er sie porträtierte. Der König, welcher die frappante Ähnlichkeit bewunderte, verlangte ebenfalls konterfeit zu werden und hatte dem Maler bereits einige Sitzungen gewidmet, als Dieser zu bemerken glaubte, dass der König, der oft aufgesprungen war, um die Fortschritte des Porträts zu beobachten, in seinem Antlitze einige Unruhe und die grimassierende Verlegenheit eines Mannes verrieth, der einen Wunsch auf der Zunge hat, aber doch keine Worte dafür finden kann — der Maler drang jedoch so lange in Seine Majestät, ihm ihr allerhöchstes Begehr kund zu geben, bis der arme Negerkönig endlich kleinlaut ihn fragte: ob es nicht anginge, dass er ihn weiß malte? Das ist es. Der schwarze Negerkönig will weiß gemalt sein. Aber lacht nicht über den armen Afrikaner — jeder Mensch ist ein solcher Negerkönig, und Jeder von uns möchte dem Publikum in einer andern Farbe erscheinen, als die ist, womit 218 uns die Fatalität angestrichen hat. Gottlob, dass ich Dieses begreife, und ich werde mich daher hüten, hier in diesem Buche mich selbst abzukonterfeien. Doch der Lakune, welche dieses mangelnde Porträt verursacht, werde ich in den folgenden Blättern einigermaßen abzuhelfen suchen, indem ich hier genugsam Gelegenheit finde, meine Persönlichkeit so bedenklich als möglich hervortreten zu lassen. Ich habe mir nämlich die Aufgabe gestellt, hier nachträglich die Entstehung dieses Buches und die phi losophischen und religiösen Variationen, die seit seiner Abfassung im Geiste des Autors vorgefallen, zu beschreiben, zu Nutz und Frommen des Lesers dieser neuen Ausgabe meines Buches „vo I'^Iia- Seid ohne Sorge, ich werde mich nicht zu weiß malen, und meine Nebenmenschen nicht zu sehr anschwärzen. Ich werde immer meine Farbe ganz getreu angeben, damit man wisse, wie weit man meinem Urtheil trauen darf, wenn ich Leute von andrer Farbe bespreche. Ich ertheilte meinem Buche denselben Titel, unter welchem Frau von Stael ihr berühmtes Werk, das denselben Gegenstand behandelt, herausgegeben hat, und zwar that ich es aus polemischer Absicht. Dass eine solche mich leitete, verleugne ich keines- 219 Wegs; doch indem ich von vornherein erkläre, eine Parteischrift geliefert zu haben, leiste ich dem Forscher der Wahrheit vielleicht bessere Dienste, als wenn ich eine gewisse laue Unparteilichkeit erheuchelte, die immer eine Lüge und dem befehdeten Autor verderblicher ist, als die entschiedenste Feindschaft. Da Frau von Stasi ein Autor von Genie ist und einst die Meinung aussprach, dass das Genie kein Geschlecht habe, so kann ich mich bei dieser Schriftstellerin auch jener galanten Schonung überheben, die wir gewöhnlich den Damen angedeihen lassen, und die im Grunde doch nur ein mitleidiges Certifikat ihrer Schwäche ist. Ist die banale Anekdote wahr, welche man in Bezug auf obige Äußerung von Frau von Sta8l erzählt, und die ich bereits in meinen Knabenjahren unter andern Bonmots des Empires vernahm? Es heißt nämlich, zur Zeit wo Napoleon noch erster Konsul war, sei einst Frau von Sta8l nach der Behausung Desselben gekommen, um ihm einen Bestich abzustatten; doch trotzdem, dass der dienstthuende Huissier ihr versicherte, nach strenger Weisung Niemanden vorlassen zu dürfen, habe sie dennoch unerschütterlich darauf bestanden, seinem ruhmreichen Hausherrn unverzüglich angekündigt zu werden. Als dieser Letztere ihr hierauf sein Bedauern vermelden 220 ließ, dass er die verehrte Dame nicht empfangen könne, sintemalen er sich eben im Bade befände, soll Dieselbe ihm die famose Antwort zurückgeschickt haben, dass Solches kein Hindernis wäre, denn das Genie habe kein Geschlecht. Ich verbürge nicht die Wahrheit dieser Ge- schichte; aber sollte sie auch unwahr sein, so bleibt sie doch gut erfunden. Sie schildert die Zudringlichkeit, womit die hitzige Person den Kaiser verfolgte. Er hatte nirgends Ruhe vor ihrer Anbetung. Sie hatte sich einmal in den Kopf gesetzt, dass der größte Mann des Jahrhunderts auch mit der größten Zeitgenossin mehr oder minder idealisch gepaart werden müsse. Aber als sie einst, in Erwartung eines Kompliments, an den Kaiser die Frage richtete, welche Frau er für die größte seiner Zeit halte, antwortete Jener: „Die Frau, welche die meisten Kinder zur Welt gebracht." Das war nicht galant, wie denn nicht zu läugnen ist, dass der Kaiser den Frauen gegenüber nicht jene zarten Zuvorkommenheiten und Aufmerksamkeiten ausübte, welche die Französinnen so sehr lieben. Aber diese Letztem werden nie durch taktloses Benehmen irgend eine Unartigkcit selbst hervorrufen, wie es die berühmte Gcnferin gethan, die bei dieser Gelegenheit bewies, dass sie, trotz ihrer physischen Beweglichkeit, von einer 221 gewissen heimatlichen Unbeholfenheit nicht frei geblieben. Als die gute Frau merkte, dass sie mit all ihrer Andringlichkeit Nichts ausrichtete, that sie, was die Frauen in solche» Fällen zu thun Pflegen, sie erklärte sich gegen den Kaiser, räsonnierte gegen seine brutale und ungalante Herrschaft, und räsonnierte so lange, bis ihr die Polizei den Laufpass gab. Sie flüchtete nun zu uns nach Deutschland, wo sie Materialien sammelte zu dem berühmten Buche, das den deutschen Spiritualismus als das Ideal aller Herrlichkeit feiern sollte, im Gegensatze zu dem Materialismus des imperialcn Frankreichs. Hier bei uns machte sie gleich einen großen Fund. Sie begegnete nämlich einem Gelehrten, Namens August Wilhelm Schlegel. Das war ein Genie ohne Geschlecht. Er wurde ihr getreuer Cicerone und begleitete sie auf ihrer Reise durch alle Dachstuben der deutschen Literatur. Sie hatte einen unbändig großen Turban aufgestülpt, und war setzt die Sultanin des Gedankens. Sie ließ unsre Litera- ten gleichsam geistig die Revue passieren, und parodierte dabei den großen Sultan der Materie. Wie Dieser die Leute mit einem: „Wie alt sind Sie? wie viel' Kinder haben Sie? wie viel' Dienstjahre?" u. s. w. anging, so frug Jene unsre Gelehrten: 222 „Wie alt sind Sie? was haben Sie geschrieben? sind Sie Kantianer oder Fichteaner?" und der- gleichen Dinge, worauf die Dame kaum die Antwort abwartete, die der getreue Mameluck August Wilhelm Schlegel, ihr Rustan, hastig in sein No- tizcnbuch einzeichnete. Wie Napoleon diejenige Frau für die größte erklärte, welche die meisten Kinder zur Welt gebracht, so erklärte die Staöl denjenigen Mann für den größten, der die meisten Bücher geschrieben. Man hat keinen Begriff davon, welchen Spektakel sie bei uns machte, und Schriften, die erst unlängst erschienen, 'z. B. die Memoiren der Karoline Pichler, die Briefe der Varnhagen und der Bettina Arnim, auch die Zeugnisse von Eckermann*), schildern ergötzlich die Noth, welche uns die Sultanin des Gedankens bereitete, zu einer Zeit, wo der Sultan der Materie uns schon genug Tribulationen verursachte. Es war geistige Einquartierung, die zunächst auf die Gelehrten siel**). *) „von Schiller und Eckermaun," steht in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber. **) Dieser Satz lautet in der französischen Ausgabe, wie folgt: „Dieser Blaustrumpf war eine schlimmere Geißel, als der Krieg. Sie verfolgte unsre Gelehrten bis in das Allerheiligste ihrer Gedanken, und mehr als Einer, 223 Diejenigen Literatoren, womit die vortreffliche Frau ganz besonders zufrieden war, und die ihr persönlich durch den Schnitt ihres Gesichtes oder die Farbe ihrer Augen gefielen, konnten eine ehrenhafte Erwähnung, gleichsam das Kreuz dcrDöKion ä'llou- neur, in ihrem Buche „Vs erwarten. Dieses Buch macht auf mich immer einen eben so komischen wie ärgerlichen Eindruck. Hier sehe ich die passionierte Frau mit all ihrer Turbulenz, ich sehe, wie dieser Sturmwind in Weibskleidern durch unser ruhiges Deutschland fegte, wie sie überall entzückt ausruft: „Welche labende Stille weht mich hier an!" Sie hatte sich in Frankreich echauffiert und kam nach Deutschland, uni sich bei uns abzukühlen. Der keusche Hauch unsrer Dichter that ihrem heißen, sonnigen Busen so wohl! Sie betrachtete unsre Philosophen wie verschiedene Eissortcn, und verschluckte Kant als Sorbet von Vanille, Fichte als Pistache, Schelling als Arlequin!*) — „O, wie hübsch kühl ist es in euren Wäldern!" — rief sie beständig — „welcher erquickende Veilchengeruch! der dem Napoleon Stand gehalten, ergriff das Hasenpanier vor der furchtbaren Reisenden." Der Herausgeber. *) Die Worte: „Schelling als Arlegnin" fehlen in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber, 224 wie zwitschern die Zeisige so friedlich in ihrem deutschen Nestchen! Ihr seid ein gutes, tugendhaftes Volk, und habt noch keinen Begriff von dem Sit- tenverderbnis, das bei uns herrscht, in der Rns äu Rao.« Die gute Dame sah bei uns nur, was sie sehen wollte; ein nebelhaftes Geisterland, wo die Menschen ohne Leiber, ganz Tugend, über Schnee- gefilde wandeln, und sich nur von Moral und Metaphysik unterhalten! Sie sah bei uns überall nur, was sie sehen wollte, und hörte nur, was sie hören und wiedererzählen wollte — und dabei hörte sie doch nur Wenig, und nie das Wahre, cinestheils weil sie immer selber sprach, und dann weil sie mit ihren barschen Fragen unsre bescheidenen Gelehrten verwirrte und verblüffte, wenn sie mit ihnen diskurierte. — „Was ist Geist?" sagte sie zu dem blöden Professor Bouterwek, indem sie ihr dickfleischigcs Bein auf seine dünnen, zitternden Lenden legte. „Ach," schrieb sie dann, „wie interessant ist dieser Bouterwek! Wie der Mann die Augen niederschlägt! Das ist mir nie passiert mit meinen Herren zu Paris, in der Rus äu Lae!"*) Sie *) In der französischen Ausgabe ist hier die Stelle über den Eindruck der Frau von Stael auf Schiller (S. 827) eingeschaltet. Der Herausgeber. 225 sieht überall deutschen Spiritualismus, sie preist unsre Ehrlichkeit, unsre Tugend, unsre Geistesbildung — sie sieht nicht unsre Zuchthäuser, unsre Bordelle, unsre Kasernen — man sollte glauben, dass jeder Deutsche den krix Llontll^oii verdiente — Und das Alles, um den Kaiser zu nergeln, dessen Feinde wir damals waren. Der Hass gegen den Kaiser ist die Seele dieses Buches „Oe und obgleich sein Name nirgends darin genannt wird, sieht man doch, wie die Verfasserin bei jeder. Zeile nach den Tui- lerien schielt. Ich zweifle nicht, dass das Buch den Kaiser weit empfindlicher verdrossen hat, als der direkteste Angriff, denn Nichts verwundet einen Mann so sehr, wie kleine weibliche Nadelstiche. Wir sind auf große Schwertstreiche gefasst, und man kitzelt uns an den kitzlichsten Stellen. O die Weiber! Wir müssen ihnen Viel verzeihen, denn sie lieben Viel, und sogar Viele. Ihr Hass ist eigentlich nur eine Liebe, welche umgesattelt hat. Zuweilen suchen sie auch uns Böses zuzufügen, weil sie dadurch einem andern Manne etwas Liebes zu erweisen denken. Wenn sie schreiben, haben sie ein Auge auf das Papier und das andre auf einen Mann gerichtet, und Dieses gilt von allen Schriftstellerinnen, mit Ausnahme der Hxine's Werke. Bd. XIV. 15 226 Gräfin Hahn-Hahn, die nur ein Auge hat. Wir männlichen Schriftsteller haben ebenfalls unsre vor- gefassten Sympathien, und wir schreiben für oder gegen eine Sache, für oder gegen eine Idee, für oder gegen eine Partei; die Frauen jedoch schreiben immer für oder gegen einen einzigen Mann, oder, besser gesagt, wegen eines einzigen Mannes. Charakteristisch ist bei ihnen ein gewisser Kankan, der Klüngel, den sie auch in die Literatur herüberbringen, und der mir weit fataler ist, als die ro- hcste Verleumdnngswuth der Männer. Wir Männer lügen zuweilen. Die Weiber, wie alle passive Naturen, können selten erfinden, wissen jedoch das Vorgefundene dergestalt zu entstellen, dass sie uns dadurch noch weit sicherer schaden, als durch entschiedene Lügen. Ich glaube wahrhaftig, mein Freund Balzac hatte Recht, als er mir einst in einem sehr seufzenden Tone sagte: „Da, ksinmo sst un tztrs Ja, die Weiber sind gefährlich; aber ich muss doch die Bemerkung hinzufügen, dass die schönen nicht so gefährlich sind, als Die, welche mehr geistige als körperliche Vorzüge besitzen. Denn Jene sind gewohnt, dass ihnen die Männer den Hos machen, während die Andern der Eigenliebe der Männer entgegenkommen und durch den Köder der 227 Schmeichelei einen größer» Anhang gewinnen, als die Schönen. Ich will damit bei Leibe nicht andeuten, als ob Fran von Staöl hässlich gewesen sei*); aber eine Schönheit ist ganz etwas Anderes. Sie hatte angenehme Einzelheiten, welche aber ein sehr unangenehmes Ganze bildeten; besonders unerträglich für nervöse Personen, wie es der selige Schiller gewesen, war ihre Manie, beständig einen kleinen Stengel oder eine Papierdüte zwischen den Fingern wirbelnd herumzudrehen — dieses Manöver machte den armen Schiller schwindlicht, und er ergriff in Verzweiflung alsdann ihre schöne Hand, um sie festzuhalten, und Frau von Stallt glaubte, der gefühlvolle Dichter sei hingerissen von dem Zauber ihrer Persönlichkeit**). Sie hatte in der *) Hier folgt in der französischen Ausgabe die Schluss- periode dieses Absatzes: „leine Fran ist hässlich rc." Der Herausgeber. **) In der französischen Ausgabe schließen sich dieser Stelle (auf S. 224) noch die Bemerkungen au: „Auch war sie entzückt von Schiller, dessen warmes Herz sie zu schätzen verstand, während ihr die Kälte Goethe's misssiel. In derselben Art hatten alle Urtheile, welche Frau von Staöl über uns fällte, ihre Quelle in ihren persönlichen Eindrücken, wenn sie nicht durch eine vorgefasste Meinung, durch den Oppositionsgeist, diktiert wurden. Wie schon bemerkt, sie sah tü* 228 That sehr schöne Hände, wie man mir sagt, und auch die schönsten Arme, die sie immer nackt sehen ließ; gewiss, die Venus von Milo hätte keine so schönen Arme auszuweisen. Ihre Zähne überstrahlten an Weiße das Gebiss der kostbarsten Rosse Arabiens. Sie hatte sehr große schöne Augen, ein Dutzend Amoretten würden Platz gefunden haben auf ihren Lippen, und ihr Lächeln soll sehr holdselig gewesen sein. Hässlich war sie also nicht — keine Frau ist hässlich — so Viel lässt sich aber mit Fug behaupten: Wenn die schöne Helena von Sparta so ausgesehen hätte, so wäre der ganze trojanische Krieg nicht entstanden, die Burg des Priamus wäre nicht verbrannt worden, und Homer hätte nimmermehr besungen den Zorn des Peliden Achilles. Frau von Staöl hatte sich, wie oben gesagt, gegen den großen Kaiser erklärt, und machte ihm den Krieg. Aber sie beschränkte sich nicht darauf, Bücher gegen ihn zu schreiben; sie suchte ihn auch durch nicht-literarische Waffen zu befehden: sie war einige Zeit die Seele aller jener aristokratischen und jesuitischen Jntrigen, die der Koalition gegen in Deutschland nur Das, was sie in einer polemischen Absicht ;n sehen beliebte." Der Herausgeber. 229 Napoleon vorangingen, und wie eine wahre Hexe kauerte sie an dem brodelnden Topfe, worin alle diplomatischen Giftmischer, ihre Freunde Talleyrand, Metternich, Pozzo di Borgo, Castlereagh u. s. w., dem großen Kaiser sein Verderben eingebrockt hatten. Mit dem Kochlöffel des Hasses rührte das Weib herum in dem fatalen Topfe, worin zugleich das Unglück der ganzen Welt gekocht wurde. Als der Kaiser unterlag, zog Frau von Statzl siegreich ein in Paris mit ihrem Buche „Oo I'^IIsrnuArrs^ und in Begleitung von einigen hunderttausend Deutschen, die sie gleichsam als eine pompöse Illustration ihres Buches mitbrachte. Solchermaßen illustriert durch lebendige Figuren, musste das Werk sehr an Authenticität gewinnen, und man konnte sich hier durch den Augenschein überzeugen, dass der Autor uns Deutsche und unsre vaterländischen Tugenden sehr treu geschildert hatte. Welches köstliche Titelkupfer war jener Vater Blücher, diese alte Spielratte, dieser ordinäre Knaster, welcher einst einen Tagesbefehl ertheilt hatte, worin er sich vermaß, wenn er den Kaiser lebendig finge, denselben ausharren zu lassen. Auch unsern A. W. v. Schlegel^) brachte ") „der sich gleichfalls als gewaltiger Eisenfresser geeierte und MoliLre und Racine die Ruthe geben wollte," steht in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber. 230 Frau von Staöl mit nach Paris, und Das war ein Musterbild deutscher Naivetät und Heldenkraft. Es folgte ihr ebenfalls Zacharias Werner, dieses Modell deutscher Reinlichkeit, hinter welchem die entblößten Schönen des Palais-Royal lachend ein- herliefen. Zu den interessanten Figuren, welche sich damals in ihrem deutschen Kostüme den Parisern vorstellten, gehörten auch die Herren Görres, Iah» und Ernst Moritz Arndt, die drei berühmtesten Franzosenfresser, eine drollige Gattung Bluthunde, denen der berühmte Patriot Börne in seinem Buche „Men zel, der Franzosenfresser" diesen Namen ertheilt hat. Besagter Menzel ist keineswegs, wie Einige glan ben, eine fingierte Pcrsonnage, sondern er hat wirklich in Stuttgart existiert oder vielmehr ein Blatl herausgegeben, worin er täglich ein halb Dutzend Franzosen abschlachtete und mit Haut und Haar auffraß; wenn er seine sechs Franzosen verzehrt hatte, pflegte er manchmal noch obendrein einen Juden zu fressen, um im Munde einen guten Geschmack zu behalten, pour ss kairs In Konus Koncils. Jetzt hat er längst ausgebellt, und zahnlos, räudig, verlungert er im Makulaturwinkcl irgend eines schwäbischen Buchladens. Unter den Muster- Deutschen, welche zu Paris im Gefolge der Frau von Stasi zu sehen waren, befand sich auch Fried- 231 rich von Schlegel, welcher gcwift die gastronomische Ascetik oder den Spiritualismus des gebratenen Hühuerthums repräsentierte*); ihn begleitete seine würdige Gattin Dorothea, geborne Mendelssohn**) und entlanfenc Veit. Ich darf hier ebenfalls eine andre Illustration dieser Gattung, einen merkwürdigen Akoluthen der Schlegel, nicht mit Stillschweigen übergehen. Dieses ist ein deutscher Baron, welcher, von den Schlegeln besonders rekommandiert, die germanische Wissenschaft in Paris repräsentieren sollte. Er war gebürtig aus Alton«, wo er einer der angesehensten israelitischen Familien angehörte. Sein Stammbaum, welcher bis zu Abraham, dem Sohne Thaer's und Ahnherrn Da- vid's, des Königs über Juda und Israel, hinaufreichte, berechtigte ihn hinlänglich, sich einen Edelmann zu nennen, und da er, wie der Synagoge, *) Der Zwischensatz: „welcher — repräsentierte;" fehlt in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber. „diese Helena der Hästlichkeit, welche der dicke Paris dem armen Dr. Veit entfuhrt hatte; der betrogene Gatte zeigte sich nachsichtiger, als der König Menelaos, von dem uns Homer nicht erzählt, dass er seiner entlaufenen Gemahlin eine lebenslängliche Pension bezahlt habe." schließt dieser Satz in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber. 232 auch späterhin dem Protestantismus entsagte, und, letzter» förmlich abschwörend, sich in den Schoß der römisch-katholischen, allein seligmachenden Kirche begeben hatte, durfte er auch mit gutem Fug auf den Titel eines katholischen Barons Anspruch machen. In dieser Eigenschaft, und um die feudalistischen und klerikalischen Interessen zu vertreten, stiftete er zu Paris ein Journal, betitelt: aa- rlloliHns.^ Nicht bloß in diesem Blatte, sondern auch in den Salons einiger frommen Douairiören des edlen Faubourgs, sprach der gelehrte Edelmann beständig von Buddha und wieder von Buddha, und weitläuftig gründlich bewies er, dass es zwei Buddha gegeben, was ihm die Franzosen auf sein bloßes Ehrenwort als Edelmann geglaubt hätten, und er wies nach, wie sich das Dogma der Tri- nität schon in den indischen Trimurtis befunden, und er citierte den Ramayana, den Mahabarata, die Upnekats, die Kuh Sabala und den König Wis- wamitra, die snorrische Edda und noch. viele uu- entdeckte Fossilien und Mammuthsknochen, und er war dabei ganz antediluvianisch trocken und sehr langweilig, was immer die Franzosen blendet. Da er beständig zurückkam auf Buddha und dieses Wort vielleicht komisch aussprach, haben ihn die frivolen Franzosen zuletzt den Baron Buddha ge- 233 nannt. Unter diesem Namen fand ich ihn im Jahre 1831 zu Paris, und als ich ihn mit einer saccr- dotalen und fast synagogikalen Gravität seine Gelehrsamkeit ableiern hörte, erinnerte ich mich an einen komischen Kauz im „Bicar os Wakefield" von Goldsmith, welcher, wie ich glaube, Mr. Jcnkinson hieß und jedesmal, wenn er einen Gelehrten antraf, den er prellen wollte, einige Stellen aus Ma- netho, Berosus und Sanchuniathon citierte; das Sanskrit war damals noch nicht erfunden. — Ein deutscher Baron idealer» Schlages war mein armer Freund Friedrich de la Motte Fouqnö, welcher damals, der Kollektion der Frau von Staöl angehörend, auf seiner hohen Rosinante in Paris ein- ritt. Er war ein Don Quixotc vom Wirbel bis zur Zehe; las man seine Werke, so bewunderte man — Cervantes. Aber unter den französischen Paladinen der Frau von Staöl war mancher gallische Don Qui- xote, der unsern germanischen Rittern in der Narr- heit nicht nachzustehen brauchte, z. B. ihr Freund, der Bicomte Chateaubriand, der Narr mit der schwarzen Schellenkappe, der zu jener Zeit der siegenden Romantik von seiner frommen Pilgerfahrt zurückkehrte. Er brachte eine ungeheuer große Flasche Wasser aus dem Jordan mit nach Paris, und 234 seine im Laufe der Revolution wieder heidnisch gewordenen Landsleute taufte er aufs Neue mit diesem heiligen Wasser, und die begossenen Franzosen wurden jetzt wahre Christen und entsagten dem Satan und seinen Herrlichkeiten, bekamen ini Reiche des Himmels Ersatz für die Eroberungen, die sie auf Erden einbüßten, worunter z. B. die Rheinlande, und bei dieser Gelegenheit wurde ich ein Preuße. Ich weiß nicht, ob die Geschichte begründet ist, dass Frau von Staöl während der hundert Tage dem Kaiser den Antrag machen ließ, ihm den Beistand ihrer Feder zu leihen, wenn er zwei Millionen, die Frankreich ihrem Vater schuldig geblieben sei, ihr auszahlen wolle. Der Kaiser, der mit dem Gelde der Franzosen, die er genau kannte, immer sparsamer war, als mit ihrem Blute, soll sich auf diesen Handel nicht eingelassen haben, und die Tochter der Alpen bewährte das Volkswort: „koint ä'ar- ASlit, xoint äo Luissss." Der Beistand der talentvollen Dame hätte übrigens damals dem Kaiser wenig gefruchtet, denn bald darauf ereignete sich die Schlacht bei Waterloo. Ich habe oben erwähnt, bei welcher traurigen Gelegenheit ich ein Preuße wurde. Ich war geboren im letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts zu Düs- seldorf, der Hauptstadt des Hcrzogthums Berg, welches damals dem Kurfürsten von der Pfalz gehörte. Als die Pfalz dem Hause Baiern anheimfiel und der bairische Fürst Maximilian Joseph vom Kaiser zum König von Baiern erhoben und sein Reich durch einen Theil von Tyrol und andern angrenzenden Ländern vergrößert wurde, hat der König von Baiern das Hcrzogthum Berg zu Gunsten Joachim Murat's, Schwagers des Kaisers, abgetreten; diesem Letztem ward nun, nachdem seinem Hcrzogthum noch angrenzende Provinzen hinzugefügt worden, als Großherzog von Berg gehuldigt. Aber zu jener Zeit ging das Avancement sehr schnell, und es dauerte nicht lange, so machte der Kaiser den Schwager Murat zum König von Neapel, und Derselbe entsagte der Souveränem des Großherzogthnms Berg zu Gunsten des Prinzen Frantzvis, welcher ein Neffe dcS Kaisers und ältester Sohn des Königs Ludwig von Holland und der schönen Königin Hortcnse war. Da Derselbe nie abdicierte, und sein Fürstenthum, das von den Preußen occupiert ward, nach seinem Ableben dem Sohne des Königs von Holland, dem Prinzen Louis Napoleon Bonaparte äo juro zufiel, so ist Letzterer, welcher jetzt auch Kaiser der Franzosen ist, mein legitimer Souverän. 236 An einem andern Orte, in meinen Memoiren, erzähle ich wcitläuftiger, als es hier geschehen dürfte, wie ich nach der Zuliusrevolution nach Paris übersiedelte, wo ich seitdem ruhig und zufrieden lebe*). Was ich während der Restauration gethan und gelitten, wird ebenfalls zu einer Zeit mitgetheilt werden, wo die uneigennützige Absicht solcher Mittheilungen keinem Zweifel und keiner Verdächtigung begegnen kann.-Ich hatte Viel gethan und gelitten, und als die Sonne der Zuliusrevolution in Frankreich aufging, war ich nachgerade sehr müde geworden und bedurfte einiger Erholung. Auch ward mir die heimatliche Luft täglich ungesunder, und ich musste ernstlich an eine Veränderung des Klimas denken. Ich hatte Visionen; die Wolkenzüge ängstigten mich und schnitten mir allerlei fatale Fratzen. Es kam mir manchmal vor, als sei die Sonne eine preußische Kokarde; des Nachts träumte ich von einem hässlichen schwarzen Geier, der mir die Leber fraß, und ich ward sehr melancholisch. Dazu hatte ich einen alten Berliner Zustizrath *) „wie ich nach der Juliusrevolution meinen Bann brach und nach Paris übersiedelte, wo ich seitdem als?rus- sien libärä ruhig und zufrieden lebe." heißt es in der französischen Ausgabe und stand ursprünglich auch im deutschen Originalmanuskript. Der Herausgeber. 237 kennen gelernt, der viele Jahre auf der Festung Spandau zugebracht und mir erzählte, wie es unangenehm sei, wenn man im Winter die Eisen tragen müsse. Ich fand es in der That sehr un- christlich, dass man den Menschen die Eisen nicht ein bisschen wärme. Wenn man uns die Ketten ein wenig wärmte, würden sie keinen so unangenehmen Eindruck machen, und selbst fröstelnde Naturen könnten sie dann gut ertragen; man sollte auch die Vorsicht anwenden, die Ketten mit Essenzen von Rosen und Lorbcrn zu parfümieren, wie es hier zu Lande geschieht. Ich frug meinen Justizrath, ob er Zu Spandau oft Austern zu essen bekommen. Er sagte Nein, Spandau sei zu weit vom Meere entfernt. Auch das Fleisch, sagte er, sei dort rar, und es gebe dort kein anderes Geflügel, als die Fliegen, die Einem in die Suppe fielen. Zu gleicher Zeit lernte ich einen französischen eoinrnis vo/nAtznr kennen, der für eine Weinhandlung reiste und mir nicht genug zu rühmen wusste, wie lustig man jetzt in Paris lebe, wie der Himmel dort voller Geigen hänge, wie man dort von Morgens bis Abends die Marseillaise und „bin avnnt, rnnr- ellons!" und »Imkn^ette nnx okevsnx Kinnes" singe, und Freiheit, Gleichheit und Brüderschaft an allen Straßenecken geschrieben stehe; dabei lobte 238 er auch den Champagner seines Hauses, von dessen Adresse er mir eine große Anzahl Exemplare gab, und er versprach mir Empfehlungsbriefe für die besten Pariser Restaurants, im Fall ich die Hauptstadt zu meiner Erheiterung besuchen wollte. Da ich nun wirklich einer Aufheiterung bedurfte, und Spandau zu weit vom Meere entfernt ist, um dort Austern zu essen, und mich die Spandauer Geflügel- suppen nicht sehr lockten, und auch obendrein die preußischen Ketten im Winter sehr kalt sind und meiner Gesundheit nicht zuträglich sein konnten, so entschloss ich mich, nach Paris zu reisen und im Vaterland des Champagners und der Marseillaise jenen zu trinken und diese letztere, nebst nvaut inurokous!" und ^Dalu^stts aux olisvsux Kinnes," singen zu hören. Den 1. Mai 1831 fuhr ich über den Rhein. Den alten Flussgott, den Vater Rhein, sah ich nicht, und ich begnügte mich, ihm meine Visitenkarte ins Wasser zu werfen. Er saß, wie man mir sagte, in der Tiefe und studierte wieder die französische Grammatik von Meidinger, weil er nämlich während der preußischen Herrschaft große Rückschritte im Französischen gemacht hatte, und sich jetzt eventualiter aufs Neue einüben wollte. Ich glaubte ihn unten konjugieren zn hören: „ck'airns, tu küiuss, il nime, U0U8 iüiuons^ — Was liebt er aber? In keinem Fall die Preußen. Den Straß- bürger Münster sah ich nur von fern; er wackelte mit dem Kopfe, wie der alte getreue Eckart, wenn er einen jungen Fant erblickt, der nach dem Venus- berge zieht. Zu Saint-Denis erwachte ich aus einem süßen Morgcnschlafc, und hörte zum ersten Male den Ruf der Coucouführer: „Paris! Paris!" so wie auch das Schcllengeklingel der Coco-Vcrkänfcr. Hier athmet man schon die Luft der Hauptstadt, die am Horizonte bereits sichtbar. Ein alter Schelm von Lohnbedicnter wollte mich bereden, die Königsgräber zu besuchen, aber ich war nicht nach Frankreich gekommen, um todte Könige zu sehen; ich begnügte mich damit, mir von jenem Cicerone die Legende des Ortes erzählen zu lassen, wie nämlich der böse Heidenkönig dem heiligen Denis den Kopf abschlagen ließ, und Dieser mit dem Kopf in der Hand von Paris nach Saint-Denis lief, um sich dort begraben und den Ort nach seinem Namen nennen zu lassen. Wenn man die Entfernung bedenke, sagte mein Erzähler, müsse man über das Wunder staunen, dass Jemand so weit zu Fuß ohne Kopf gehen konnte — doch setzte er mit einem sonderbaren Lächeln hinzu: „Daus ckvs cms parsils il 240 3, czns Is prsinisr pas c;ui eollto." Das war zwei Franken Werth, und ich gab sie ihm, xour I'amonr äs Voltaire, dessen Spottlächeln ich hier schon begegnete. In zwanzig Minuten war ich in Paris, und zog ein durch die Triumphpforte des Boulevard Saint-Denis, die ursprünglich zu Ehren Ludwig's XIV. errichtet worden, jetzt aber zur Verherrlichung meines Einzugs in Paris diente. Wahrhaft überraschte mich die Menge von geputzten Leuten, die sehr geschmackvoll gekleidet waren, wie Bilder eines Modejournals. Dann imponierte mir, dass sie Alle Französisch sprachen, was bei uns ein Kennzeichen der vornehmen Welt; hier ist also das ganze Volk so vornehm, wie bei uns der Adel. Die Männer waren alle so höflich, und die schönen Frauen so lächelnd. Gab mir Jemand unversehens einen Stoß, ohne gleich um Verzeihung zu bitten, so konnte ich darauf wetten, dass es ein Landsmann war; und wenn irgend eine Schöne- etwas allzu säuerlich aussah, so hatte sie entweder Sauerkraut gegessen, oder sie konnte Klopstock im Original lesen. Ich fand Alles so amüsant, und der Himmel war so blau und die Luft so liebenswürdig, so generös, und dabei flimmerten noch hie und da die Lichter der Julisonne; die Wangen der schönen Lutetia waren noch roth von den Flammcnküssen 241 dieser Sonne, und an ihrer Brust war noch nicht ganz verwelkt der bräutlichc Blumenstrauß. An den Straßenecken waren freilich hie und da die „Inksi'ts, sAalits, ii-utornits^ schon wieder abgewischt. Die Flitterwochcn vergehen so schnell! Ich besuchte sogleich die Restaurants, denen ich empfohlen war; diese Speisewirthe versicherten mir, dass sie mich auch ohne Empfehlungsschreiben gut aufgenommen hätten, da ich ein so honettes und distingirtes Äußere besäße, das sich von selbst empfehle. Nie hat mir ein deutscher Garkoch Dergleichen gesagt, wenn er auch eben so dachte; so ein Flegel meint, er müsse uns das Angenehme verschweigen, und seine deutsche Offenheit verpflichte ihn, nur widerwärtige Dinge uns ins Gesicht zu sagen. In den Sitten und sogar in der Sprache der Franzosen ist so viel köstliche Schmeichelei, die so Wenig kostet, und doch so wohlthätig und erquickend. Meine Seele, die arme Sensitive, welche die Scheu vor vaterländischer Grobheit so sehr zusammengezogen hatte, erschloss sich wieder jenen schmeichlerischen Lauten der französischen Urbanität*). Gott hat uns die Zunge gegeben, da- *) Dieser Satz fehlt iu der französischen Ausgabe. Der Herausgeber. - 16 He ine's Werke. Bd. XL V. 242 mit wir unsern Mitmenschen etwas Angenehmes sa- gen*). Mit dem Französischen haperte es etwas bei meiner Ankunft; aber nach einer halbstündigen Unterredung mit einer kleinen Blumenhändlerin im Passage de l'Opera ward mein Französisch, das seit der Schlacht bei Waterloo eingerostet war, wieder flüssig, ich stotterte mich wieder hinein in die galantesten Konjugationen und erklärte der Kleinen sehr verständlich das Linnöische System, wo man die Blumen nach ihren Staubfäden eintheilt; die Kleine folgte einer andern Methode und theilte die Blumen ein in solche, die gut röchen, und in solche, welche stänken. Ich glaube, auch bei den Männern beobachtete sie dieselbe Klassifikation. Sie war erstaunt, dass ich trotz meiner Jugend so gelehrt sei, und posaunte meinen gelehrten Ruf im ganzen Passage de l'Opera. Ich sog auch hier die Wohl- düfte der Schmeichelei mit Wonne ein, und amüsierte mich sehr. Ich wandelte auf Blumen, und manche gebratene Taube flog mir ins offne, gaffende Maul. Wie viel Amüsantes sah ich hier bei meiner Ankunft! Alle Notabilitäten des öffentlichen *) „damit wir unsern Freunden etwas Angenehmes und unsern Feinden bittere Wahrheiten sagen." steht in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber. 243 Ergötzens und der officiellen Lächerlichkeit. Die ernsthaften Franzosen waren die amüsantesten. Ick sah Arnal, Bouffs, D^jazet, Debureau, Odry, Mademoiselle Georges und die große Marmitc im Jnvalidenpallaste. Ich sah die Morgue, die ^oa- ä^rnia trantzaiss *), wo ebenfalls viele unbekannte Leichen ausgestellt, und endlich die Nekropolis deo Luxcmbourg, worin alle Mumien des Meineids, mit den einbalsamierten falschen Eiden, die sie allen Dynastien der französischen Pharaonen gcickworen. In der französischen Ausgabe folgt hier die ausführlichere Stelle: „Letztere, die Akademie, ist eine Krippe für alte, wieder kindisch gewordene Schriftsteller, eine wahr haft philanthropische Anstalt. Ähnliches finden wir der Idee nach bei den HindnS, welche Hospitäler für alte und abgelebte Affen errichten. Das Dach des Gebäudes, welches die ehrwürdigen Häupter der Mitglieder jener Anstalt be schützt (ich spreche von der ^osäemis trsn-siss, und nicht von einem indischen Hospitale), ist eine große Kuppel, die einer ungeheuren Marmorperücke gleicht. Ich kann die arme alte Perücke nicht ansehen, ohne an die Witzworte so vieler geistreichen Männer zu denken, die sich aus Kosten dieser Akademie lustig gemacht, welche trotzdem noch immer am Leben blieb. Man sagt mit Unrecht, dass in Frankreich die Lächerlichkeit rödte. Es versteht sich von selbst, dass ich auch die Nekropolis des Luxcmbourg besuchte, worin re." Der Herausgeber. 16 ' 244 Ich sah im Jardin-des-Plantes*) die Giraffe, den Bock mit drei Beinen und die Kängurus, die mich ganz besonders amüsierten. Ich sah auch Herrn von Lafayctte und seine weißen Haare, letztere aber sah ich apart, da solche in einem Medaillon befindlich waren, welches einer schönen Dame am Halse hing, während er selbst, der Held beider Welten, eine braune Perücke trug, wie alle alten Franzosen**). Ich besuchte die königliche Bibliothek, und sah hier den Konservateur der Medaillen, die eben gestohlen worden; ich sah dort auch in einem obskuren Korridor den Zodiakus von Denderah, der einst so viel Aufsehen erregt hatte, und am selben Tage sah ich Madame Recamicr, die berühmteste Schönheit zur Zeit der Merowinger, sowie auch Herrn Ballanche, der zu den kiöoss Hustitrcativas ihrer Tugend gehörte, und den sie seit undenklicher Zeit überall mit sich herumschleppte. Der gute und treffliche Ballanche, den Jedermann lobt und Niemand liest, war mit einem Gesicht ohne linke Backe auf die Welt gekommen, und später verlor er die *) Hier finden sich in der französischen Ausgabe noch die Worte: „das wirkliche Affenpalais," Der Herausgeber. **) Dieser Satz fehlt in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber. 245 rechte Backe durch eine Amputation. Leider sah ich nicht Herrn von Chateaubriand, der mich gewiss amüsiert hätte *). Eben so wenig sah ich Herrn Villemain; seine Haushälterin sagte mir, er lasse sich nicht sehen, weil es ein Donnerstag sei, der Tag, wo er sich wäscht. Die Treppe hinabsteigend, sah ich unten eine Tafel mit der Inschrift: „l^ar- Isii au oouoiorKS,^ und ich beeilte mich, ein paar artige Worte an den wackeren Mann zu richten; ich machte ihm mein Kompliment über die Reinlichkeit seines berühmten Miethsmannes, der sich jeden Donnerstag wasche. Sehen Sie, bemerkte ich ihm, die Reinlichkeit ist ein gar seltnes Ding bei den Gelehrten, und z. B. der berühmte Casaubo- In der früheren deutschen Ausgabe folgt hier, statt obiger Stelle, nur der Satz: „Dafür sah ich aber in der Grande-Chanmidre den Pore La Hire, in einem Momente, wo er bouAremeot en eokäro war; er hatte eben zwei junge Robespierre mit weit aufgeklappten weißen Tugend- westen bei den Krägen ersasst und vor die Thür gesetzt; einen kleinen Saint-Just, der sich mausig machte, schmifi er ihnen nach, und einige hübsche Citoyennes des Quartier Latin, welche über Verletzung der Menschheitsrechte klagten, hätte schier dasselbe Schicksal betroffen. In einem andern, ähnlichen Lokal sah ich den berühmten Chicard, den berühmten Lederhändler und Kankanlänzer rc." Der Herausgeber. 246 nus wusch sich nur einmal im Zahre, zur Fast- nachtzeit, vielleicht um sich zu vermummen. Der Thürschließer machte mir eine tiefe Verbeugung und erwiderte mit seufzender Stimme: „Sie sind ein gar treuherziger Mensch, mein Herr, ich muss Sie enttäuschen: Das erlauchte Individuum, welches ich zu meinen Miethslcutcn zähle, verbraucht eben nicht allzu viel Seiucwasser, die Auvergnaten werden durch ihn nicht reich, und in Betreff der Reinlichkeit ist er so ein kleiner Casanbonus." Bei diesen Worten schlug er ein Gelächter auf, und ich entfernte mich, gleichfalls lachend, ohne zu wissen warum. Um mir ein französisches Aussehen zu geben, schlenderte ich kokett fürbass und trällerte die Melodie vor mich hin: Oll rrllvL-vous, rnonsisur l ubbll? Vous sIIeL vous onsssr I« N62, als ich ein großes Gebäude vor mir auftauchen sah, das man mir als das Pantheon bezeichnete. Dasselbe trug gleichfalls eine Inschrift, aber in Marmor, und, statt eines ^kariös M xortisr/ las man dort: „Den großen Männern das dankbare Vaterland." Beim Eintreten erblickte ich nur ein riesiges Gebäude voller Leere, eine Art Stein- ballou, in dessen Mitte ganz allein ein langer, dürrer Engländer spazierte, der seinen Ouicks cko knris im Maule und die Daumen seiner gekrümmten Hände in den Armlöchern seiner Weste trug. Ich näherte mich ihm überaus höflich und sagte ihm: .4, V6r^ lins Lxiübition! Ich fügte sogar hinzu: Voiz- tino inäseä! denn ich hoffte, er werde bei der Antwort seinen Omiäs aus dem Maule fallen lassen, wie der Rabe in der Fabel den Käse aus seinem Schnabel fallen lässt. Aber der Ouiäs, dessen ich mich bemächtigen wollte, um Etwas darin nachzusehen, fiel nicht; der englische Rabe hielt seine Zähne zusammengeklemmt, und ohne mich im mindesten zu beachten, ging er fort. Ich that Dasselbe, und folgte ihm dicht auf den Hacken bis zum Portikus. Dort, vor der Säulenreihe der Fayade, bemerkte ich die bausbäckige Gestalt einer dicken Person, einer Frau mit großen Brüsten, wie man damals die Göttin der Freiheit abbildete. Vermuthlich war sie die Pförtnerin des Pantheons. Es schien mir, als habe der Anblick des Sohnes von Albiou sie in eine treffliche Laune versetzt. Mir ein Zeichen des Verständnisses mit ihren Äuglein zublinzelnd, die wie Glühwürmchen in dem seiften Gesicht funkelten, machte sie sich über den armen Engländer lustig, und ich hörte zuni ersten Mal 248 jenes laute gallische Lachen, das man bei uns nicht kennt, und das so gutmüthig und moquant zugleich ist, wie der lieblich edle französische Wein oder ein Kapitel von Rabelais. Nichts ist ansteckender als solch eine Lustigkeit, und ich selbst begann aus Herzensgründe zu lachen, wie ich niemals daheim gelacht habe. Um ein Gespräch mit der schalkhaften und amüsanten Person anzuknüpfen, siel es mir ein, sie zu fragen, wo die großen Männer seien, von denen die Inschrift dieses Hauses der Nationaldankbarkeit rede. Bei dieser Frage erhob die biedere Lacherin ein noch schallenderes Gelächter, die Thränen kamen ihr in die Augen, sie musste sich den Bauch halten, um nicht zu ersticken, und bei jedem Wort Athem holend, antwortete sie: „Ach, Sie kommen zu einer schlechten Stunde hie- hcr. Gegenwärtig sind die großen Männer sehr rar bei uns — die letzte Ernte hat keinen Ertrag geliefert, aber wir hoffen, dass die nächste wohl besser ausfallen wird; unsere großen Männer in 8p6 wachsen vortrefflich und versprechen Viel. Wollen Sie diese großen Männer der Zukunft sehen, welche jetzt noch sehr winzig sind, so brauchen Sie sich nur nach einem Etablissement zu begeben, das hier ganz in der Nähe auf dem Boulevard Mont- Parnasse liegt, und das man die Grande-Chau- 249 miöre heißt. Dort ist die Pflanz- und Tanzschule jener kleinen großen Männer, jener Knirpse des Ruhmes, die eines Tages der Stolz Frankreichs und die Freude des Menschengeschlechts sein werden; Sie treffen es gut, denn es ist heute ein Donnerstag . .Die tolle Lacherin konnte nicht weiter reden, und als ich von ihr Abschied nahm, um mich nach dem angedeuteten Ort zu verfügen, hörte ich noch lange das Echo ihrer Lustigkeit. In wenigen Minuten erreichte ich das provisorische Pantheon der künftigen großen Männer Frankreichs, welches man die Grande-Chaumiöre nennt. Es ist ein Name, mit welchem der republikanische Gedanke wahrscheinlich eine geheime Bedeutung verknüpft, denn Is ollanins (das Stroh)- ist das Sinnbild des frugalen und arbeitsamen Lebens, und es wird das Symbol jener Proletarier, welche die stolzen Pallästc des aristokratischen Hochmuths und Lasters zerstören werden, um an ihrer Stelle den Herd guter Sitten und der Tugend, die „große Strohhütte des Volkes," zu errichten. Ich trat in das Allerheiligste des Etablissements, welches diesen symbolischen Namen führt, lind es thut mir fürwahr nicht leid um die zehn sous, welche ich am Eingang bezahlen musste. Ich sah dort in der That die künftigen großen Man- ner Frankreichs, die kleinen großen Männer, auf deren Stirn schon das Morgenroth ihres Ruhmes einen Abglanz warf, ich sah jene Helden der Zukunft, deren Leben und mehr oder minder herrliche Großthaten ein Plutarch beschreiben wird, der noch geboren werden soll, oder der zur Stunde an der Mutterbrust saugt, wenn er nicht vielleicht mit der Flasche genährt wird. All' diese Leute hingen der republikanischen Sache an und trugen das Kostüm einer unerschütterlichen Überzeugung, d. h. einen großen Filzhut und eine Tugendweste a la Robespierre, weit aufgeklappt und so weiß wie das Gewissen des Unbestechlichen! Ollaonn war dort mit seiner LRaeuno, und die jungen Jakobiner tanzten mit ihren jungen Jakobinerinnen. Es gab dort Catone des Rechts und Brutusse der Medicin; es gab dort Sempronias von der Nadel und Wams- oder HosemPortias, kurz, die Blüthe des Ouartier-des-Ecoles. Diese Citoyenues Grisetten waren sehr vergnügt und so tugendhaft, wie das Klima des lalln es gestattet. Alle ohne Ausnahme waren enragierte Republikanerinnen; man sagt, dass sie oft ihre Liebhaber wechseln, aber niemals ihre Ansichten. Ich traf es gut, denn an jenem Tage war der Psre La Hire, der Leiter des Etablissements, so zu sagen der Feldhüter dieser gro- 251 ßen Strohhütte, bouKrvmsnt en oolere, wie man zur Zeit des Pöre Duchsne sagte. Dies Individuum, von athletischer Kraft und ein geborner Wü- thcrich, amüsierte mich sehr durch die naive Brutalität, mit welcher er den Anstand seines Publikums überwachte. Eine arme Kleine, deren Halstuch sich in der Hitze eines Kontretanzes ein bisschen verschoben, schlich zitternd von bannen, als er ihr einen einzigen Drohblick zuwarf. Eine andere kleine Bürgerin, die er gleichfalls ein wenig zu dekolletiert fand, jagte er schimpflich fort. Dies Ungeheuer wusste nicht, dass in Sparta die jungen Mädchen mit den jungen lacedämvnischen Burschen splitternackt tanzten, ohne dass je die Keuschheit in der Stadt stykurg's große Gefahr gelaufen. Die Scham- haftigkeit eines Weibes ist ein Wall für ihre Tugend, sicherer als alle Kleider der Welt, wie wenig ausgeschnitten dieselben auch über dem Halse. Der Pöre La Hire ist der personificierte Schrecken für die Tänzer, welche die Schranken eines anständigen Kankans überschreiten. Er packte zwei junge Robespierre bei den Krägen und, Beide mit seinen langen Händen vom Boden emporhebend, wie es einst Herkules mit Antäus gethan, setzte er sie vor die Thür; einen kleinen Saint-Just, der sich beim Anblick dieses tyrannischen Aktes mausig gemacht, 252 schmiss er ihnen nach. Letzterer stand auf, bürstete seinen langen Rock ab, zupfte seine hohe Kravatte zurecht, und protestierte gegen diese Verletzung der Menschheitsrechte, indem er den Psre La Hire einen Polignac schalt*). Das Orchester spielte in diesem Augenblick die Marseillaise. Ich verdankte diesem Zwischcnfalle die Bekanntschaft einer jungen Person, die in meiner Nähe stand, und die ich gegen den neugierigen Haufen in Schutz nahm. Sie war sehr zierlich und klein, ihr Mund bildete ein Herz, ihre schwarzen Augen waren fast zu groß, und es lag etwas Trotziges in dem Schnitt ihrer Stulpnase, deren feingcformtc Nüstern sich bei jedem Geschmetter der Musik vor Lust aufblähten. Mau nannte sie Mademoiselle Josephine, oder Josephine, oder gar kurzweg Fifine. Als sie erfuhr, dass ich ein Deutscher sei, war sie hoch erfreut, und sie bat mich, ihr eine Bärenhaut zu schenken, denn seit Jahren, sagte sie, sei es ihr Wunsch, eine Bärenhaut zu besitzen, um dieselbe vor ihr Bett zu legen; es sei ihr beständiger Traum! Sie hielt mich mehr für einen Nordländer, als ich es wirklich war, und vermuthlich glauben diese Da- *) Vgl. die Anmerkung auf S. 245 des vorliegenden Bandes. Der Herausgeber. 253 men, dass man in meinem Baterlande mir die Hand auszustrecken braucht, um einen Bären am Kragen zu erfassen und ihm seine Haut abzuziehn. Die Kleine war so harmlos, ihr Lächeln war so schmcich- lerisch, ihre Redeweise so süß, ihr zwitscherndes Geplander hallte in meinem Herzen so lieblich wieder, dass ich mit Freuden, ein so guter Patriot ich auch bin, der französischen Hexe zu Gefallen die Häute sämmtlicher Bären Deutschlands geopfert hätte. Ich schrieb sofort ihr Begehren in mein Notizbuch, und, ihre Adresse aufzeichnend, versprach ich ihr, dass ich mich bald mit meiner deutschen Bärenhaut bei ihr einstellen würde. Inzwischen bat ich sie, mir die Ehre zu erweisen, eine südlichere Frucht von mir anzunehmen, nämlich eine Apfelsine. Sie nahm dieselbe ohne weitere Ceremonie mit der Bemerkung au, dass sie, nächst Schweinsfüßen n In smnto Nansüoulä, just Apfelsinen am liebsten äße. „Was aber jene, die Schweinsfüßc, betrifft," fügte sie hinzu, „so verehre ich dieselben bis zur Abgötterei, und für dies Gericht könnte ich eine Nichtswürdigkeit begehen." Während Mademoiselle Josc- phine langsam und mit Behagen ihre Apfelsine verspeiste, oder, um mich ihres eigenen Ausdrucks zu bedienen, sich mit derselben identificierte, suchte ich sie in eben so angenehmer wie belehrender Art S54 zu unterhalten. Von den Bärenhäuten kam ich auf die Zoologie, ja selbst auf die häklichste Frage der vergleichenden Anatomie, auf die Schwanzfrage, ob nämlich der erste Mensch mit einem Schwänze, wie die Affen, begabt gewesen, und ob die menschliche Race diese antediluvianischc Zierat später durch eine mehr oder minder rühmliche Krankheit verloren? Mademoiselle Zoscphinc war erstaunt über meine große Gelehrsamkeit, und sagte mir mehrmals: „Sie werden es weit bringen, mein Herr!" Ich bezweifle nicht, dass sie mir recht hilfreich unter die Arme gegriffen, indem sie meine Talente im ganzen Faubourg Saint-Jacques und den angrenzende» Straßen herumposaunte. Durch die Weiber wird man berühmt in Paris. Wie groß auch meine Dankbarkeit gegen sie sei, muss ich doch ehrlich bekennen, dass ich in meiner Unterhaltung mit Mademoiselle Joscphine bemerkte, wie das arme Kind sehr unwissend war und nicht einmal die ethnographischen Elementarbegriffe kannte. Sie wusste zum Beispiel nicht, dass die Stadt Hamburg eine Republik, wie einstmals Athen, und dass sie bei Alton« gelegen, wo sich Klopstock's Grab befindet. Eben so unbekannt war ihr der Unterschied zwischen den Preußen und den Russen, zwischen der Fuchtel und der Knute. Sie glaubte, 255 die Astronomie sei eine Erfindung des Herrn Arago. und als ich sie belehrte, dass die Erde, der Ball, den wir bewohnen, sich beständig um die Sonne dreht, rief sie aus: „Wie entsetzlich! die bloße Vorstellung solch einer Dreherei macht mich schwindlig!" Ihren feinen und zarten Körper durchflog ein Zittern, und sie frug: „Wer hat Ihnen denn gesagt, dass die Erde sich um die Sonne dreht?" Als ich antwortete: Ein Pole, Namens Kopernikus, zuckte ' sie die Achseln und rief: „Ein Pole? dann glaube ich kein Wort davon. Man darf niemals Dem trauen, was die Polen Einem sagen; sie haben nicht die Wahrheit erfunden. Ihr Deutsche seid, bei all eurem tiefen Wissen, zu leichtgläubig. Glauben denn bei euch die Frauen auch an dies alberne Geschwätz von einem Umdrehen der Erde, das Einem zugleich das Herz verdreht? Dann sind sie wohl nicht so nervös, wie wir Französinnen, und sie können dcsshalb auch ernstere Studien vertragen; man hat mir gesagt, die deutschen Frauen wären tausendmal gebildeter, als wir, und sie wussten alle Mumien Ägyptens auswendig. In der That, wir jungen Mädchen in Frankreich sind schlecht erzogen, wir lernen gar Nichts, und ich, die mit Ihnen redet, denken Sie sich, ich habe gar keinen Unter- 256 richt genossen; Alles, was ich von der Naturgeschichte, weiß, habe ich von mir selbst gelernt." Als galanter Schmeichler hielt ich diese Geständnisse nationalcr'Unwissenheit für Übertreibung, und ich ging selbst so weit, die Bildung der deutschen Damen etwas über Gebühr herabzusetzen. Ich behauptete, dieselbe sei nicht so vollkommen, wie man sich's im Auslande vorstellt, sie sei sogar " recht mangelhaft, und ich hätte zum Beispiel in meiner Heimat sogenannte wohlerzogene junge Mädchen gesehen, welche die schalkhaften Lieder Bcran- ger's nicht zu singen verständen. „Ach, unmöglich!" rief Mademoiselle Josephinc. Mir fallen heute bei der Erinnerung an diese treffliche Person die Worte ein, welche Mephisto- feles spricht, indem er Faust den Hexentrank überreicht : „Du siehst, mit dieseni Trank im Leibe, Bald Helcnen in jedem Weibe." Die Neuheit des Genres ist der Hexentrank, welcher auf jeden Deutschen, der zum ersten Mal nach Paris kommt, denselben Zauber übt. Er vergafft sich in das hübsche Gesicht der ersten, besten Grisette, wie er von der Küche des schlechtesten Sudelkoches im Palais-Royal entzückt ist, wo man für zwei Franken per Kopf zu Mittag speist. Aber es sind für ihn neue Gerichte mit fremder Sauce. Später wird Einem schlimm zu Muth, wenn man daran denkt, dass man dies verdächtige, allzu stark gewürzte Mischimaschi verschluckt hat; denn wir haben später in Restaurants der guten Gesellschaft mit Damen der guten Gesellschaft diniert, und wir haben dort gelernt, jene zugleich pikanten und einfachen Gerichte zu schätzen, welche gar gekocht und kunstgerecht arrangiert sind, manchmal etwas Hautgout haben, aber stets vortrefflich schmecken. Am Abend desselben Tages, an dem ich die Grande-Chanmikre besucht hatte, wo ich die großen Männer Frankreichs noch in embryonischem Zustande sah, führte mich einer meiner Landsleute, der schon in der Welt bekannt war, in ein anderes Lokal, das einige Ähnlichkeit mit dem eben besprochenen hatte. Das weibliche Geschlecht befand sich dort in überwiegender Majorität. Ich machte daselbst die Bekanntschaft eines großen Mannes, welcher damals auf dem Gipfel seiner Größe stand. Seitdem ist sein Ruhm gesunken, aber in Frankreich hat Nichts Bestand, und die großen Männer treten schnell wieder ins Dunkel; sie erscheinen nur, um zu verschwinden. Der große Mann, von dem ich spreche, Heine's Werke. Bd. XI V. 17 258 war der berühmte Chicard*), der berühmte Leder- händler und Kankantänzcr, eine vierschrötige Figur, deren roth aufgedunsenes Gesicht gegen die blendend weiße Kravatte vortrefflich abstach; steif und ernsthaft, glich er einem Mairie-Adjunkten, der sich eben anschickt, eine Rosiörc zu bekränzen. Ich bewunderte seinen Tanz, und ich sagte ihm, dass derselbe große Ähnlichkeit habe mit dem antiken Silcnostanz, den man bei den Dionysicn tanzte, und der von dem würdigen Erzieher des Bacchus, dem Silcuos, seinen Namen empfangen. Auch Herr Chicard sagte mir viel Schmeichelhaftes über meine Gelehrsamkeit und präsentierte mich einigen Damen seiner Bekanntschaft, die ebenfalls nicht ermangelten, mein gründliches Wissen hcrumzurühmen, so dass sich bald mein Ruf in ganz Paris verbreitete, und die Direktoren von Zeitschriften mich aufsuchten, um meine Kollaboration zu gewinnen. Zu den Personen, die ach bald nach meiner Ankunft in Paris sah, gehört auch Victor Bohain, und ich erinnere nüch mit Freude dieser jovialen, geistreichen Figur, die durch liebenswürdige Anregungen Viel dazu beitrug, die Stirne des deutschen *) Vgl. die Anmerkung a»s S. 245 dieses Bandes. Der Herausgeber. 259 Träumers zu entwölken") und sein vergrämtes Herz in die Heiterkeit des französischen Lebens einzuweihen. Er hatte damals die „Lnroxs littsrnircr" gestiftet, und als Direktor derselben kam er zu mir mit dem Ansuchen, einige Artikel über Deutschland in dem Genre der Frau von Stadt für seine Zeitschrift zu schreiben. Ich versprach, die Artikel zu liefern, jedoch ausdrücklich bemerkend, dass ich sie in einem ganz entgegengesetzten Genre schreiben würde. „Das ist mir gleich," — war die lachende Antwort — „außer dem Clenrs ennn^sux gestatte ich, wie Voltaire, jedes Genre." Damit ich armer Deutscher nicht in das Osnre srrnn^sux verfiele, lud Freund Bohain mich oft zu Tische und begoss meinen Geist mit Champagner. Niemand wusste besser, wie er, ein Diner anzuordnen, wo man nicht bloß die beste Küche, sondern auch die köstlichste Unterhaltung genoss; Niemand wusste so gut, wie er, als Wirth die Honneurs zu machen, Niemand so gut zu repräsentieren, wie Victor Bohain — auch hat er gewiss mit Recht seinen Aktionären der „Lurope littsrairv" hunderttausend Franken Repräscntationskosten angerechnet. Seine Frau war *) Der Schluß dieses Satzes fehlt i» der französischen Ausgabe. Der Herausgeber. 17 * 260 sehr hübsch und besaß ein niedliches Windspiel, welches Zi-Zi hieß. Zu dem Humor des Mannes trug sogar sein hölzernes Bein Etwas bei, und wenn er, allerliebst um den Tisch hcrumhumpelnd, seinen Gästen Champagner einschenkte, glich er dem Bulkan, als Derselbe das Amt Hebe's verrichtete in der jauchzenden Göttcrversammlung. Wo ist er jetzt? Ich habe lange Nichts von ihm gehört. Zuletzt, vor etwa zehn Zähren, sah ich ihn in einem Wirthshause zu Granville; er war von England, wo er sich aufhielt, um die kolossale englische Nationalschuld zu studieren und bei dieser Gelegenheit seine kleinen Privatschulden zu vergessen, nach jenem Hafenstädtchen der Basse-Normandie aus einen Tag herübergekommen, und hier fand ich ihn an einem Tischchen sitzend neben einer Boutcillc Champagner und einem vierschrötigen Spießbürger mit kurzer Stirn und aufgesperrtem Maule, dem er das Projekt eines Geschäftes auseinandersetzte, woran, wie Bohain mit beredsamen Zahlen bewies, eine Million zu gewinnen war. Bohain's spekulativer Geist war immer sehr groß, und wenn er ein Geschäft erdachte, stand immer eine Million Gewinn in Aussicht, nie weniger als eine Million. Die Freunde nannten ihn daher auch Messer Millione, wie einst Marco Paolo in Venedig genannt wurde, als Der- selbe nach seiner Rückkehr aus dem Morgenlande den maulaufsperrenden Landsleuten unter den Arkaden des Sankt Marco-Platzes von den hundert Millionen und wieder hundert Millionen Einwohnern erzählte, welche er in den Ländern, die er bereist, in China, der Tartarei, Indien u. s. w., gesehen habe. Die neuere Geographie hat den berühmten Venetianer, den man lange für einen Aufschneider hielt, wieder zu Ehren gebracht, und auch von unserm Pariser Messer Millione dürfen wir behaupten, dass seine industriellen Projekte immer großartig richtig ersonnen waren, und nur durch Zufälligkeiten in der Ausführung misslangcn; manche brachten große Gewinne, als sie in die Hände von Personen kamen, die nicht so gut die Honneurs eines Geschäftes zu machen, die nicht so prachtvoll zu repräsentieren wussten, wie Victor Bohain. Auch die „Dnrops littsraire" war eine vortreffliche Konccption, ihr Erfolg schien gesichert, und ich habe ihren Untergang nie begriffen. Noch den Vorabend des Tages, wo die Stockung begann, gab Victor Bohain in den Redaktionssälcn des Journals einen glänzenden Ball, wo er mit seinen dreihundert Aktionären tanzte, ganz so wie einst Leonidas mit seinen dreihundert Spartanern den Tag vor der Schlacht bei den Thermopylen. Jedes- 262 mal, wenn ich in der Galerie des Louvre das Gemälde von David sehe, welches diese antik heroische Scene darstellt, denke ich an den erwähnten letzten Tanz des Victor Bohain; ganz ebenso, wie der todesmuthige König des David'schen Bildes, stand er auf einem Beine; es war dieselbe klassische Stellung. — Wanderer! wenn du in Paris die Chaussee d'Antin nach den Boulevards herabwandelst, und dich am Ende bei einem schmutzigen Thal, das die lins Kasse äu rernpart geheißen, befindest, wisse! du stehst hier vor den Thcrmophlcn der Europa littsraire," wo Victor Bohain helden- kühn fiel mit seinen dreihundert Aktionären. Die Aufsätze, die ich, wie gesagt, für jene ephemere Zeitschrift zu verfassen hatte und darin abdrucken ließ, gaben mir Veranlassung, in weiterer Ausführung über Deutschland mich auszusprcchen, und mit Freuden begrüßte ich die Aufforderung des Direktors der „lisvue äss äaux mouckss^ für sein Journal eine Reihe von Aufsätzen über die geistige Entwickelung meines Vaterlandes zu schreiben. Dieser Direktor war Nichts weniger als ein lustiger Kumpan, wie Messer Millione; sein Fehler war vielmehr ein übermäßiger Ernst. Es ist ihm seitdem durch gewissenhafte und ehrenwerthe Arbeit gelungen, seine Zeitschrift zu einer wahren 263 Revue beider Welten zu machen, d. h. zu einer Revue, die in allen civilisierten Ländern verbreitet ist, wo sie den Geist und die Größe der französischen Literatur repräsentiert. In dieser Revue also veröffentlichte ich meine neuen Arbeiten über die intellektuelle und sociale Geschichte meines Vaterlandes; Mademoiselle Josephine hatte wohl Recht, zu prophezeien, dass ich es weit bringen würde. Der große Wiederholt, den diese Aufsätze fanden, gab mir den Muth, sie zu sammeln, sie zu vervollständigen, und es entstand dadurch das Buch, das du, theurer Leser! jetzt in Händen hast. Ich wollte nicht bloß seinen Zweck, seine Tendenz, seine geheimste Absicht, sondern auch die Genesis des Buches hier offenbaren, damit Jeder um so sicherer ermitteln könne, wie viel Glauben und Zutrauen meine Mittheilungen verdienen. Ich schrieb nicht im Genre der Frau von Sta8l, und wenn ich mich auch bestrebte, so wenig ennuyant wie möglich zu sein, so verzichtete ich doch im Voraus auf alle Effekte des Stiles und der Phrase, die man bei Frau von Stasl, dem größten Autor- Frankreichs während- dem Empire, in so hohem Grade antrifft. Ja, die Verfasserin der „Eorinuc" überragt nach meinem Bedrucken alle ihre Zeitgenossen, und ich kann das sprühende Feuerwerk ihrer Darstellung nicht genug bewundern; aber dieses Feuerwerk lässt leider eine übelriechende Dunkelheit zurück, und wir müssen eingestehcn"), ihr Genie ist nicht so geschlechtlos, wie nach der früheren Behauptung der Frau von Staöl das Genie sein soll; ihr Genie ist ein Weib, besitzt alle Gebrechen und Launen des Weibes, und es war meine Pflicht als Mann, dem glänzenden Kankan dieses Genies zu widersprechen. Es war um so nothwendiger, da die Mittheilungen in ihrem Buch „1)s sich auf Gegenstände bezogen, die den Franzosen unbekannt waren und den Reiz der Neuheit besaßen, z. B. Alles, was Bezug hat auf deutsche Philosophie und romantische Schule. Ich glaube, in meinem Buche absonderlich über erstere die ehrlichste Auskunft ertheilt zu haben, und die Zeit hat bestätigt, was damals, als ich es vorbrachte, unerhört und unbegreiflich schien. Za, was die deutsche Philosophie betrifft, so hatte ich unumwunden das Schulgeheimnis ausge- *) Im Originalmanuskript lautete die nachfolgende Stelle ursprünglich etwas ausführlicher: „ihr Genie, obschon es die Hosen ihres schweizerischen Landsmanns Rousseau angezogen hat, ist doch ein weibliches Genie. Ach, es ist nicht so geschlechtlos, wie nach der rc." Der Herausgeber. 265 plaudert, das, eingewickelt in scholastischen Formeln, nur den Eingeweihten der ersten Klasse bekannt war. Meine Offenbarungen erregten hier zu Lande die größte Verwunderung, und ich erinnere mich, dass sehr bedeutende französische Denker mir naiv gestanden, sie hätten immer geglaubt, die deutsche Philosophie sei ein gewisser mystischer Nebel, worin sich die Gottheit wie in einer heiligen Wolkenburg verborgen halte, und die deutschen Philosophen seien ekstatische Scher, die nur Frömmigkeit ünd Gottesfurcht athmeten. Es ist nicht meine Schuld, dass Dieses nie der Fall gewesen, dass die deutsche Philosophie just das Gegentheil ist von Dem, was wir bisher Frömmigkeit und Gottesfurcht nannten, und dass unsre modernsten Philosophen den vollständigsten Atheismus als das letzte Wort unsrer deutschen Philosophie proklamierten. Sie rissen schonungslos und mit bacchantischer Lebenslust den blauen Vorhang voin deutschen Himmel, und riefen: „Sehet, alle Gottheiten sind entflohen, und dort oben sitzt nur noch eine alte Jungfer mit bleiernen Händen und traurigem Herzen: die Nothwendigkeit." Ach! was damals so befremdlich klang, wird jetzt jenseits des Rheins auf allen Dächern gepredigt, und der fanatische Eifer mancher dieser Prä- dikantcn ist entsetzlich! Wir haben jetzt fanatische 266 Mönche deö Atheismus, Großinquisitoren des Unglaubens, die den Herrn von Voltaire verbrennen lassen würden, weil er doch im Herzen ein verstockter Deist gewesen. So lange solche Doktrinen noch Geheimgut einer Aristokratie von Geistreichen blieben und in einer vornehmen Koterie-Sprache besprochen wurden, welche den Bedienten, die aufwartend hinter uns standen, während wir bei unsern philosophischen Petits-Svupers blasphcmicrten, unverständlich war — so lange gehörte auch ich zu den leichtsinnigen Lsxrits korts, wovon die Meisten jenen liberalen Grands-Seigneurs glichen, die kurz vor der Revolution mit den neuen Umsturz- ideen die Langeweile ihres müßigen Hoflebens zu verscheuchen suchten. Als ich aber merkte, dass die rohe Plebs, der Jan Hagel, ebenfalls dieselben Themata zu diskutieren begann in seinen schmutzigen Symposien, wo statt der Wachskerzen und Girandolen nur Talglichter und Thranlampen leuchteten, als ich sah, dass Schmierlappen von Schuster- und Schneidergesellen in ihrer plumpen Herbergsprache die Existenz Gottes zu leugnen sich unterfingen — als der Atheismus anfing, sehr stark nach Käse, Branntwein und Taback zu stinken: da gingen mir plötzlich die Augen aus, und was ich nicht durch meinen Verstand begriffen hatte, Das begriff ich 267 jetzt durch den Geruchssinn, durch das Missbehagm des Ekels, und mit meinem Atheismus hatte es, Gottlob! ein Ende. Um die Wahrheit zu sagen, es mochte nicht bloß der Ekel sein, was mir die Grundsätze der Gottlosen verleidete und meinen Rücktritt veranlasste. Es war hier auch eine gewisse weltliche Besorgnis im Spiel, die ich nicht überwinden konnte; ich sah nämlich, dass der Atheismus ein mehr oder minder geheimes Bündnis geschlossen mit dem schauderhaft nacktesten, ganz feigenblattlosen, kommunen Kommunismus. Meine Scheu vor dem letztem hat wahrlich Nichts gemein mit der Furcht des Glückspilzes, der für seine Kapitalien zittert, oder mit dem Verdruss der wohlhabenden GewcrbSleute, die in ihren Ausbentnngsgeschäftcn gehemmt zu werden fürchten; nein, mich beklemmtmielmehr die geheime Angst des Künstlers und des Gelehrten, die wir unsre ganze moderne Civilisation, die mühselige Errungenschaft so vieler Jahrhunderte, die Frucht der edelsten Arbeiten unsrer Vorgänger, durch den Sieg des Kommunismus bedroht sehen*). Fortgerissen von der Strömung großmüthiger Gesinnung, *) Die folgenden drei Sätze sind in der französischen Ausgabe der Form nach etwas kürzer ausgedrückt. Der Herausgeber. 268 mögen wir immerhin die Interessen der Kunst und Wissenschaft, ja alle unsre Partikularinteresscn dem Gesammtinteresse des leidenden und unterdrückten Volkes aufopfern; aber wir können uns nimmermehr verhehlen, wessen wir uns zu gewärtigen haben, sobald die große rohe Masse, welche die Einen das Volk, die Andern den Pöbel nennen, und deren legitime Souveränetät bereits längst proklamiert worden, zur wirklichen Herrschaft käme. Ganz besonders empfindet der Dichter ein unheimliches Grauen vor dein Regierungsantritte dieses täppischen Souveräns. Wir wollen gern für das Volk uns opfern, denn Selbstaufopferung gehört zu unsern raffiniertesten Genüssen — die Emancipation des Volkes war die große Aufgabe unseres Lebens, und wir haben dafür gerungen und namenloses Elend ertragen, in der Heimath wie im Exil — aber die reinliche, sensitive Natur des Dichters sträubt sich gegen jede persönlich nahe Berührung mit dem Volke, und noch mehr schrecken wir zusammen bei dem Gedanken an seine Liebkosungen, vor denen uns Gott bewahre! Ein großer Demokrat sagte einst: er würde, hätte ein König ihm die Hand gedrückt, sogleich seine Hand ins Feuer halten, um sie zu reinigen. Ich möchte in derselben Weise sagen: Ich würde meine Hand waschen, wenn 269 mich das souveräne Volk mit seinem Händedruck beehrt hätte. O das Volk, dieser arme König in Lumpen, hat Schmeichler gefunden, die viel schamloser, als die Höflinge von Byzanz und Versailles, ihm ihren Weihrauchkessel an den Kopf schlugen. Diese Hoflakaien des Volkes rühmen beständig seine Vor- trefflichkeiten und Tugenden, und rufen begeistert: „Wie schön ist das Volk! wie gut ist das Volk! wie intelligent ist das Volk!" — Nein, ihr lügt. Das arme Volk ist nicht schon; im Gegentheil, es ist sehr hässlich. Aber diese Hässlichkeit entstand durch den Schmutz und wird mit demselben schwinden, sobald wir öffentliche Bäder erbauen, wo Seine Majestät das Volk sich unentgeltlich baden kann. Ein Stückchen Seife könnte dabei nicht schaden, nnd wir werden dann ein Volk sehen, das hübsch propre ist, ein Volk, das sich gewaschen hat*). Das Volk, dessen Güte so sehr gepriesen wird, ist gar nicht gut; es ist manchmal so böse, wie einige andere Potentaten. Aber seine Bosheit kommt vom Hunger; wir müssen sorgen, dass das souveräne Volk immer zu essen habe; sobald allcr- *) Dieser Satz fehlt in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber. 270 höchst dasselbe gehörig gefüttert und gesättigt sein mag, wird es euch mich huldvoll und gnädig anlächeln, ganz wie die Andern. Seine Majestät das Volk ist ebenfalls nicht sehr intelligent^); es ist vielleicht dümmer, als die Andern, es ist fast so bestialisch dumm, wie seine Günstlinge. Liebe und Vertrauen schenkt es nur Denjenigen, die den Jargon seiner Leidenschaft reden oder heulen, während es jeden braven Mann hasst, der die Sprache der Vernunft mit ihm spricht, um es zu erleuchten und zu veredeln. ist es in Paris, so war es in Jerusalem. Lasst dem Volk die Wahl zwischen dem Gerechtesten der Gerechten und dem scheußlichsten Straßenränder, seid sicher, es ruft: „Wir wollen den Barnabas! Es lebe der Barnabas!" — Der Grund dieser Verkehrtheit ist die Unwissenheit; dieses Nationalübel müssen wir zu tilgen suchen durch öffentliche Schulen für das Volk, wo ihm der Unterricht auch mit den dazu gehörigen Butterbröteu und sonstigen Nahrungsmitteln unentgeltlich cr- *) „es ist so stupid, wie ei» Monarch eben sein darf; es ist manchmal so dumm wie jene Brutusse, die es zu seinen Mandatarien macht, wenn es sich sür eine^ Augenblick der absoluten Gewalt bemächtigt." lautet der Schluss dieses Satzes in der französischen Ausgabe. Doir Herausgeber. 271 theilt werde. — Und wenn Jeder im Bolle in den Stand gesetzt ist, sich alle beliebigen Kenntnisse zu erwerben, werdet ihr bald auch ein intelligentes Volk sehen — Vielleicht wird dasselbe am Ende noch so gebildet, so geistreich, so witzig sein, wie wir es sind, nämlich wie ich und du, mein theurer Leser, und wir bekommen bald noch andre gelehrte Friseure, welche Verse machen wie Monsieur Jasmin zu Toulouse, und noch viele andre philosophische Flickschneider, welche ernsthafte Bücher schreiben, wie unser Landsmann, der famose Weitling. Bei dem Namen dieses famosen Weitling taucht mir plötzlich mit all ihrem komischen Ernste die Scene meines ersten und letzten Zusammentreffens mit dem damaligen Tageshclden wieder im Gedächtnis herauf. Der liebe Gott, der von der Höhe seiner Himmelsburg Alles sieht, lachte Wohl herzlich über die saure Miene, die ich geschnitten haben muss, als mir in dem Buchladen meines Freundes Campe zu Hamburg der berühmte Schneidcrgcscll entgegentrat und sich als einen Kollegen ankündigte, der sich zu denselben revolutionären und atheistischen Doktrinen bekenne. Ich hätte wirklich in diesem Augenblick gewünscht, dass der liebe Gott gar nicht existiert haben möchte, damit er nur nicht die Verlegenheit und Beschämung sähe, worin mich 272 eine solche saubre Genossenschaft versetzte! Der liebe Gott hat mir gewiss alle meine alten Frevel von Herzen verziehen, wenn er die Demüthigung in Anschlag brachte, die ich bei jenem Handwcrksgruß des ungläubigen Knotenthums, bei jenem kollegia- lischen Zusammentreffen mit Weitliug empfand. Was meinen Stolz am meisten verletzte, war der gänzliche Mangel an Respekt, den der Bursche an den Tag legte, während er mit mir sprach. Er behielt die Mütze auf dem Kopf, und während ich vor ihm stand, saß er auf einer kleinen Holzbank, mit der einen Hand sein zusammengezogenes rechtes Bein in die Höhe haltend, so dass er mit dem Knie fast sein Kinn berührte; mit der andern Hand rieb er beständig dieses Bein oberhalb der Fußknöchel. Diese nnehrerbietige Positur hatte ich anfangs den kauernden Handwerksgewöhnungen des Mannes zugeschrieben, doch er belehrte mich eines Bessern, als ich ihn befrug, warum er beständig in erwähnter Weise sein Bein riebe? Er sagte mir nämlich im unbefangen gleichgültigsten Tone, als handle es sich von einer Sache, die ganz natürlich, dass er in den verschiedenen deutschen Gefängnissen, worin er gesessen, gewöhnlich mit Ketten belastet worden sei; und da manchmal der eiserne Ring, welcher das Bein umschloss, etwas zu eng gewesen, 2/3 habe er an jener Stelle eine jückcnde Empfindung bewahrt, die ihn zuweilen veranlasse, sich dort zu reiben. Bei diesem naiven Geständnis muss der Schreiber dieser Blätter ungefähr so ausgesehen haben, wie der Wolf in der äsopischen Fabel, als er seinen Freund den Hund befragt hatte, warum das Fell an seinem Halse so abgescheuert sei, und dieser zur Antwort gab: „Des Nachts legt man mich an die Kette." — Ja, ich gestehe, ich wich einige Schritte zurück, als der Schneider solchermaßen mit seiner widerwärtigen Familiarität von den Ketten sprach, womit ihn die deutschen Schließer zuweilen belästigten, wenn er im Loch saß — ^Loch! Schließer! Ketten!" lauter fatale Koterie- worte einer geschlossenen Gesellschaft, womit man mir eine schreckliche Vertrautheit zumuthete. Und cS war hier nicht die Rede von jenen metaphorischen Ketten, die jetzt die ganze Welt trägt, die man mit dem größten Anstand tragen kann, und die sogar bei Leuten von gutem Ton in die Mode gekommen — nein, bei den Mitgliedern jener geschlossenen Gesellschaft sind Ketten gemeint in ihrer eisernsten Bedeutung, Ketten, die man mit einem eisernen Ring aus Bein befestigt — und ich wich einige Schritte zurück, als der Schneider Weitling von solchen Ketten sprach. Nicht etwa die Furcht Heine'S Werke. Bd. XIV. ' 18 — 274 vor dem Sprichwort: „Mitgefangcn, mitgehangcn!" nein, mich schreckte vielmehr das Nebencinandergc- hcnktwerden. Seltsame Widersprüche in den Gefühlen des menschlichen Herzens! Ich, der eines Tages zu Münster mit inbrünstigen Lippen die Reliquien des Schneiders Jan von Leyden geküsst hatte, nebst den Ketten, die er getragen, und den Zangen, mit denen man ihn gezwickt und die man noch heut zu Tage in einer Nische vor dem Rathhausc zu Münster aufbewahrt — ich, der dem todten Schneider einen enthusiastischen Kultus gewidmet: ich empfand eine unüberwindliche Aversion vor der Annäherung des lebendigen Schneiders, des Mannes, welcher doch ein Apostel und Märtyrer derselben Sache war, für die Jan von Leiden, der König von Zion, glorreichen Andenkens, gelitten. Ich vermag dies Phänomen, diese Verirrung des menschlichen Geistes, nicht zu erklären, und ich beschränke mich darauf, die Thatsache hier zu konstatieren, eine wie ungünstige und harte Deutung ein solches Geständnis auch erfahren mag. Dieser Weitling, der jetzt verschollen, war übrigens ein Mensch von Talent; es fehlte ihm nicht an Gedanken, und sein Buch, betitelt: „Die Garantien der Gesellschaft," war lange Zeit der Ka- 275 — techismus der deutschen Kommunisten. Die Anzahl dieser Letzter« hat sich in Deutschland während der letzten Jahre ungeheuer vermehrt, und diese Partei ist zu dieser Stunde unstreitig eine der mächtigsten jenseits des Rheines. Die Handwerker bilden den Kern einer Unglaubensarmee, die vielleicht nicht sonderlich discipliniert, aber in doktrineller Beziehung ^ganz vorzüglich cinexerciert ist. Diese deutschen Handwerker bekennen sich größtentheils zum krassesten Atheismus, und sie sind gleichsam verdammt, dieser trostlosen Negation zu huldigen, wenn sie nicht in einen Widerspruch mit ihrem Princip, und somit in völlige Ohnmacht verfallen wollen. Diese Kohorten der Zerstörung, diese Sapeure, deren Axt das ganze gesellschaftliche Gebäude bedroht, sind den Chartisten Englands und den Gleichmachen: und Umwälzen: in andern Ländern unendlich überlegen, wegen der schrecklichen Konsequenz ihrer Doktrin; denn in dem Wahnsinn, der sie antreibt, ist, wie Polonius sagen würde, Methode. Die englischen Chartisten werden nur durch den Hunger, und nicht durch eine Idee, getrieben, und sobald sie ihren Hunger mit Roastbeef nnd Plumpudding und ihren Durst mit gutem Ale gestillt haben, werden sie nicht mehr gefährlich sein; gesättigt, fallen sie wie Blutegel zur Erde. Die mehr oder minder geheimen Führer der id» 276 deutschen Kommunisten sind große Logiker, von denen die stärksten aus der Hegel'schen Schule hervorgegangen, und sie sind ohne Zweifel die fähigsten Köpfe und die energievollsten Charaktere Deutschlands. Diese Doktoren der Revolution und ihre mitleidslos entschlossenen Jünger sind die einzigen Männer in Deutschland, denen Leben inncwohnt, und ihnen gehört die Zukunft. Alle andern Parteien und ihre linkischen Vertreter sind todt, mause- todt und wohl eingesargt unter der Kuppel der St. Paulskirche zu Frankfurt. Ich spreche hier weder Wünsche noch Beklagnisse aus; ich berichte Thatsachen, und ich rede die Wahrheit. Das Verdienst, jene grauenhaften Erscheinungen, welche erst später eintrafen, in meinem Buche »Dv I'MlLinaKQa" lange vorausgesagt zu haben, ist nicht von großem Belange. Ich konnte leicht prophezeien, welche Lieder einst in Deutschland gepfiffen und gezwitschert werden dürften, denn ich sah die Vögel ausbrüten, welche später die neuen Sangeswcisen anstimmten. Ich sah, wie Hegel mit seinem fast komisch ernsthaften Gesichte als Bruthenne auf den fatalen Eiern saß, und ich hörte sein Gackern. Ehrlich gesagt, selten verstand ich ihn, und erst durch späteres Nachdenken gelangte ich zum Verständnis seiner Worte. Ich glaube, er 277 wollte gar nicht verstanden sein, und daher sein verklausulierter Vortrug, daher vielleicht auch seine Vorliebe für Personen, von denen er wusste, dass sie ihn nicht verständen, und denen er um so bereitwilliger die Ehre seines nähern Umgangs gönnte. So wunderte sich Jeder in Berlin über den intimen Verkehr des tiefsinnigen Hegel mit dem verstorbenen Heinrich Beer, einem Bruder des durch seinen Ruhm allgemein bekannten und von den geistreichsten Journalisten gefeierten Giacomo Meyer- beer *). Jener Beer, nämlich der Heinrich, war ein schier unkluger Gesell,- der auch wirklich späterhin von seiner Familie für blödsinnig erklärt und unter Kuratel gesetzt wurde, weil er, anstatt sich durch sein großes Vermögen einen Namen zu machen in der Kunst oder Wissenschaft, vielmehr für läppische Schnurrpfeisereien seinen Reichthum vergeudete und z. B. eines Tags für sechstausend Thaler Spazier- stöcke gekauft hatte. Dieser arme Mensch, der weder für einen großen Tragödiendichter, noch für einen großen Sterngucker, oder für ein lorberbekränztes musikalisches Genie, einen Nebenbuhler von Mozart und Rossini, gelten wollte und lieber sein Geld *) Die zwei folgenden Sätze fehlen in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber. 278 für Spazierstöcke ausgab — dieser aus der Art geschlagene Beer genoss den vertrautesten Umgang Hegel's, er war der Intimus des Philosophen, sein Pyladcs, und begleitete ihn überall wie sein Schatten. Der eben so witzige wie talentbegabte Felix Mendelssohn suchte einst dieses Phänomen zu erklären, indem er behauptete: Hegel verstände den Heinrich Beer nicht. Ich glaube aber jetzt, der wirkliche Grund jenes intimen Umgangs bestand darin, dass Hegel überzeugt war, Heinrich Beer verstände Nichts von Allem, was er ihn reden höre, und er konnte daher in seiner Gegenwart sich ungeniert allen Gei- stcscrgießungen des Moments überlassen. Überhaupt war das Gespräch von Hegel immer eine Art von Monolog, stoßweis hervorgeseufzt mit klangloser Stimme; das Barocke der Ausdrücke frappierte mich oft, und von letzten: blieben mir viele im Gedächtnis. Eines schönen, hellgestirnten Abends standen wir Beide neben einander am Fenster, und ich, ein zweiundzwanzigjährigcr junger Mensch, ich hatte eben gut gegessen und Kasse getrunken, und ich sprach mit Schwärmerei von den Sternen und nannte sie den Aufenthalt der Seligen. Der Meister aber brümmelte vor sich hin: „Die Sterne, hum! hnm! die Sterne sind nur ein leuchtender Aussatz am Himmel." Um Gotteswillen, rief ich, 279 es giebt also droben kein glückliches Lokal, um dort die Tugend nach dem Tode zu belohnen? Jener aber, indem er mich mit seinen bleichen Augen stier ansah, sagte schneidend: „Sie wollen also noch ein Trinkgeld dafür haben, dass Sie Ihre kranke Mutter gepflegt und Ihren Herrn Bruder nicht vergiftet haben?" — Bei diesen Worten sah er sich ängstlich um, doch er schien gleich wieder beruhigt, als er bemerkte, dass nur Heinrich Beer herangetreten war, um ihn zu einer Partie Whist einzuladen. Wie schwer das Verständnis der Hcgel'schcn Schriften ist. wie leicht man sich hier täuschen kann, und zu verstehen glaubt, während man nur dialektische Formeln nachzukonstruieren gelernt, Das merkte ich erst viele Jahre später hier in Paris, als ich mich damit beschäftigte, aus dem abstrakten Schul- Jdiom jene Formeln in die Muttersprache des gesunden Verstandes und der allgemeinen Verständlichkeit, ins Französische, zu übersetzen. Hier muss der Dolmetsch bestimmt wissen, was er zu sagen hat, und der verschämteste Begriff ist gezwungen, die mystischen Gewänder fallen zu lassen und sich in seiner Nacktheit zu zeigen. Ich hatte nämlich den Vorsatz gefasst, eine allgemein verständliche Darstellung der ganzen Hcgel'schcn Philosophie zu 280 verfassen, um sie einer neuern Ausgabe meines Buches „Da als Ergänzung desselben einzuverleiben. Ich beschäftigte mich während zwei Zähren mit dieser Arbeit, und es gelang mir nur mit Noth und Anstrengung, den spröden Stoff zu bewältigen und die abstraktesten Partien so populär als möglich vorzutragen. Doch als das Werk endlich fertig war, erfasste mich bei seinem Anblick ein unheimliches Grauen, und es kam mir vor, als ob das Manuskript mich mit fremden, ironischen, ja boshaften Augen ansähe. Ich war in eine sonderbare Verlegenheit gerathen; Autor und Schrift passten nicht mehr zusammen. Es hatte sich nämlich um jene Zeit der obenerwähnte Widerwille gegen den Atheismus schon meines Gemüthes bemcistcrt, und da ich mir gestehen musste, dass allen diesen Gottlosigkeiten die Hegcl'schc Philosophie den furchtbarsten Vorschub geleistet, ward sie mir äußerst unbehaglich und fatal. Ich empfand überhaupt nie eine allzugroße Begeisterung für diese Philosophie, und von Überzeugung konnte in Bezug auf dieselbe gar nicht die Rede sein. Ich war nie abstrakter Denker *), und ich nahm die Synthese der Hcgcl'- *) „Ich war nie Selbstdenker," steht im Originalma- uuskript. Der Ausdruck ward von Heine erst bei Revision der Korrekturbogen geändert. Der Herausgeber. 281 schcn Doktrin ungcprüft an, da ihre Folgerungen meiner Eitelkeit schmeichelten. Ich war jung und stolz, und es that meinen: Hochmuth wohl, als ich von Hegel erfuhr, dass nicht, wie meine Großmutter meinte, der liebe Gott, der im Himmel residiert, sondern ich selbst hier auf Erden der liebe Gott sei*). Dieser thörichte Stolz übte keineswegs einen verderblichen Einfluss auf meine Gefühle, die er vielmehr bis zum Heroismus steigerte; und ich machte damals einen solchen Aufwand von Großmut!) und Selbstaufopferung, dass ich dadurch die brillantesten Hochthatcn jener guten Spießbürger der Tugend, die nur aus Pflichtgefühl handelten und nur den Gesetzen der Moral gehorchten, gewiss außerordentlich verdunkelte. War ich doch selber jetzt das lebende Gesetz der Moral und der Quell alles Rechtes und aller Befugnis. Ich war die Ursittlichkcit, ich war unsündbar, ich war die inkar- *) Hier findet sich in der französischen Ausgabe der Zwischensatz: „Ich halte niemals glanbcn wollen, dass Gott Mensch geworden, ich hielt dies erhabene Dogma für Aber- glanbcn, und später glaubte ich Hegel aufs Work, als ich ihn sagen hörte, dass der Mensch Gott sei. Diese Vorstellung behagte mir, ich »ahm sie alles Ernstes an, und ich führte meine göttliche Rolle mit so viel Anstand, wie möglich, durch." Der Herausgeber. 282 nierte Reinheit; die anrüchigsten Magdalenen wurden puriftciert durch die läuternde und sühnende Macht meiner Liebesflammen, und fleckenlos wie Lilien und erröthend wie keusche Rosen, mit einer ganz neuen Jungfräulichkeit, gingen sie hervor aus den Umarmungen des Gottes. Diese Restaurationen beschädigter Magdthümer, ich gestehe es, erschöpften zuweilen meine Kräfte. Aber ich gab, ohne zu feilschen, und unerschöpflich war der Born meiner Barmherzigkeit. Ich war ganz Liebe und war ganz frei von Hass. Ich rächte mich auch nicht mehr an meinen Feinden, da ich im Grunde keinen Feind mehr hatte, oder vielmehr Niemand als solchen anerkannte; für mich gab es jetzt nur noch Ungläubige, die an meiner Göttlichkeit zweifelten — Jede Unbill, die sie mir anthaten, war ein Sakrilegium, und ihre Schmähungen waren Blasphemien. Solche Gottlosigkeiten konnte ich freilich nicht immer ungeahndet lassen, aber alsdann war es nicht eine menschliche Rache, sondern die Strafe Gottes, die den Sünder traf. Bei dieser höhcrn Gcrcchtigkcits- pflcgc unterdrückte ich zuweilen mit mehr oder weniger Mühe alles gemeine Mitleid*). Wie ich *) Dieser Satz fehlt in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber. 283 keine Feinde besaß, so gab es für mich auch keine Freunde, sondern nur Gläubige, die an meine Herrlichkeit glaubten, die mich anbeteten, auch meine Werke lobten, sowohl die verfificierten, wie die, welche ich in Prosa geschaffen, und dieser Gemeinde von wahrhaft Frommen und Andächtigen that ich sehr viel Gutes, zumal den jungen Devotinnen. Aber die Rcpräsentationskostcn eines Gottes, der sich nicht lumpen lassen will und weder Leib noch Börse schont, sind ungeheuer; um eine solche Rolle mit Anstand zu spielen, sind besonders zwei Dinge unentbehrlich: viel Geld und viel Gesundheit. Leider geschah es, dass eines Tages — im Februar 1848 — diese beiden Requisiten mir abhanden kamen, und meine Göttlichkeit gerieth dadurch sehr ins Stocken. Zum Glück war das vcr- ehrungöwürdigc Publikum in jener Zeit mit so großen, unerhörten, fabelhaften Schauspielen beschäftigt, dass dasselbe die Veränderung, die damals mit meiner kleinen Person vorging, nicht besonders bemerken mochte. Aa, sie waren unerhört und fabelhaft, die Ereignisse in jenen tollen Februartagen, wo die Weisheit der Klügsten zu Schanden gemacht und die Auserwählten des Blödsinns aufs Schild gehoben wurden. Die Letzten wurden die Ersten, das Unterste kam zu oberst, sowohl die Dinge wie die 284 Gedanken waren umgestürzt, es war wirklich die verkehrte Welt. — Wäre ich in dieser unsinnigen, auf den Kopf gestellten Zeit ein vernünftiger Mensch gewesen, so hätte ich gewiss durch jene Ereignisse meinen Verstand verloren, aber verrückt, wie ich damals war, musste das Gegentheil geschehen, und sonderbar! just in den Tagen des allgemeinen Wahnsinns kam ich selber wieder zur Vernunft! Gleich vielen andren heruntergekommenen Göttem jener Umsturzpcriode, musste auch ich kümmerlich abdanken und in den menschlichen Privatstand wieder zurücktreten. Das' war auch das Gescheiteste, das ich thun konnte. Ich kehrte zurück in die niedre Hürde der Gottcsgcschöpfe, und ich huldigte wieder der Allmacht eines höchsten Wesens, das den Geschicken dieser Welt vorsteht, und das auch hinfüro meine eignen irdischen Angelegenheiten leiten sollte. Letztere waren während der Zeit, wo ich meine eigne Vorsehung war, in bedenkliche Verwirrung gerathen, und ich war froh, sie gleichsam einem himmlischen Intendanten zu übertragen, der sie mit seiner Allwissenheit wirklich viel besser besorgt. Die Existenz eines Gottes war seitdem für mich nicht bloß ein Quell des Heils, sondern sie überhob mich auch aller jener quälerischen Rcchnungsgcschäfte, die mir so verhasst, und ich verdanke ihr die größten 285 Ersparnisse. Wie für mich, brauche ich jetzt auch nicht mehr für Andre zu sorgen, und seit ich zu den Frommen gehöre, gebe ich fast gar Nichts mehr aus für Unterstützung von Hilfsbedürftigen; — ich bin zu bescheiden, als dass ich der göttlichen Für- sehung, wie ehemals, ins Handwerk pfuschen sollte, ich bin kein Gcmeindevcrsorgcr mehr, kein Nachäffcr Gottes, und meinen ehemaligen Klienten habe ich mit frommer Demuth angezeigt, dass ich nur ein armseliges Mcnschcngcschöpf bin, eine seufzende Kreatur, die mit der Weltrcgicrung Nichts mehr zu schaffen hat, und dass sie sich hinfüro in Noth und Trübsal an den Herrgott wenden müsstcn, der im Himmel wohnt, und dessen Budget eben so unermeßlich wie seine Güte ist, während ich armer Exgott sogar in meinen göttlichsten Tagen, um meinen Wohlthätigkcitsgclüstcn zu genüge», sehr oft den Teufel an dem Schwanz ziehen musste. Mrsr 1s ckiabls xar la Mein süßes Lieb, wenn du im Grab . . . . . ^ Ein Fichtenbaum steht einsam. Ach, wenn ich nur der Schemel wär'. Seit die Liebste war entfernt. Aus meinen großen Schmerzen. Philister in Sonntagsröcklein. Manch Bild vergessener Zeiten. Ein Jüngling liebt ein Mädchen. Hör' ich das Liebchen klingen. Mir träumte von einem Königskind. Mein Liebchen, wir saßen beisammen. Aus alten Märchen winkt es. Ich hab' dich geliebet nnd liebe dich noch. . . 91 92 93 94 -/ 95 - 96 97 98 -/ 99 100 10t 102 103 104 105 Z' 106 107 108 109 110 111 vrn Am leuchtenden Sommermorgen.112 ES leuchtet meine Liebe. — Sie haben mich gequälet...113 ES liegt der heiße Sommer .. — Wenn Zwei von einander scheiden.N4 Sie saßen und tranken am Theetisch.. — Vergiftet sind meine Lieder.115 Mir träumte wieder der alte Traum. — Ich steh' auf des Berges Spitze.. . ..116 Mein Wagen rollet langsam. — Ich hab' im Traum geweinet.117 Allnächtlich im Traume seh' ich dich .. — DaS ist ein Brausen und Heulen.118 Der Herbstwind rüttelt die Bäume. — ES fällt ein Stern herunter.IIS Der Tranmgott bracht' mich in ein Riesenschloss.ISO Die Mitternacht war kalt und stumm.121 Am Kreuzweg wird begraben. — Wo ich bin, mich rings nmdunkelt. — stacht lag auf meinen Augen.122 Die alten, bösen Lieder. 123 Die Heimkehr. 1823—1824. In mein gar zu dunkles Leben.129 Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Mein Herz, mein Herz ist traurig.130 Im Walde wandl' ich und weine.. . 131 Die Nacht ist feucht und stürmisch.132 Als ich aus der Reise zufällig. — '' Wir saßen am Fischerhause.134 ' Du schönes Fischermadchen.135 Der Mond ist aufgegangen.. -r- * Anf den Wolken ruht der Mond ..136 * Eingehüllt in graue Wolken.. — Der Wind zieht seine Hosen an.' 137 Der Sturm spielt auf zum Tanze .. — Der Abend kommt gezogen.-.138 Wenn ich an deinem Hause.139 DaS Meer erglänzte weit hinaus.140 Da droben auf jenem Berge.141 Am fernen Horizonte. — Sei mir gegrüßt, du große..142 — IX — So wandl' ich wieder den alten Weg.142 Ich trat in jene Hallen ..143 Still ist die Nacht, eS ruhen die Gassen. — Wie kannst du ruhig schlafen.144 Die Jungfrau schläft in der Kammer. — Ich stand in dunkeln Träumen .145 Ich unglücksel'ger Atlas!.-. — Die Jahre kommen und gehen.146 Mir träumte: traurig schaute der Mond. — Was will die einsame Thräne.147 Der bleiche, herbstliche Halbmond. — DaS ist ein schlechtes Wetter.149 Man glaubt, dass ich mich gräme. — Deine weißen Liljenfinger.160 Hat sie sich denn nie geäußert. — Sie liebten sich Beide, doch Keiner ..151 Und als ich euch meine Schmerzen geklagt. — Ich rief den Teufel und er kam. — Mensch, verspotte nicht den Teufel.152 Die heil'gen drei Kön'ge aus Morgenland. — Mein Kind, wir waren Kinder.153 DaS Herz ist mir bedrückt, und sehnlich.1.54 Wie der Mond sich leuchtend dränget.155 Im Traum sah ich die Geliebte.. 156 Theurer Freund! was soll es nützen . ..157 Werdet nur nicht ungeduldig... -. — Nun ist es Zeit, dass ich mit Verstand. — Den König Wiswamitra.158 Herz, mein Herz, sei nicht beklommen. — Du bist wie eine Blume.159 Kind! eS wäre dein Verderben. — Wenn ich auf dem Lager liege.160 Mädchen mit dem rothen Mündchen. — Mag da drallsten Schnee sich thürmen .. 161 Andre beten zur Madonne. — Verrieth mein blasses Angesicht. — Theurer Freund, du bist verliebt.- . 162 Ich wollte bei dir weilen.* — Saphire sind die Augen dein.163 Habe mich mit Liebesredcn. — - Zu fragmentarisch ist Welt und Leben.-.164 Ich hab' mir lang' den Kopf zerbrochen. — Sie haben heut Abend Gesellschaft. — — X — / Ich wollt', meine Schmerzen ergossen.185 Du hast Diamanten und P-rlen. — Wer zum ersten Male liebt. 186 Gaben mir Rath und gute Lehren. — Diesen liebenswiird'gen Jüngling.167 Mir träumt: ich bin der liebe Gott. — Ich hab' euch im besten Juli verlassen.183 Von schönen Lippen fortgedrängt, getrieben.- . 170 Wir fuhren allein im dunieln. — Das weiß Gott, wo sich die tolle.171 Wie dunkle Träume stehen. — Und bist du erst mein chlich Weib.172 An deine schneeweiße Schulter. — ES blasen die blaue» Husaren.17S Habe auch, in jungen Jahren. — Bist du wirklich mir so feindlich. 17-1 Ach, die Augen sind eS wieder. — Selten habt ihr mich verstanden.175 Doch die Kastraten klag'cn. — Auf den Wällen Salamanka's. — Neben mir wohnt Don Henriguez.178 Kaum sahen wir uns, und an Augen und Stimme.177 Über die Berge steigt schon die Sonne. — Zu Halle aus dem Markt.178 Dämmernd liegt der Hommerabend. — Nacht liegt auf den fremden Wegen.17S Der Tod, Das ist die kühle Nacht. — Sag, wo ist dein schönes Liebchen. — Götterdämmerung. 180 Ratcliff.183 Donna Clara. 18 « Almansor. 1—3. 18 !) Die Wallfahrt nach Kevlaar. 1—S., 9 ! Aus der Harzreise. 1824. . Prolog. 201 " Auf dem Hardcnberge.202 Berg-Idylle. 1-3.203 Der Hirtenknabe. 211 Auf dem Brocken. 212 Die 2If-.21» XI Die Nordsee. 18 SS— 1826 . Erster Cyklus. s»,, Krönung.210 Abenddämmerung.L2t> Sonnenuntergang.221 Die Nacht am Strande. 223 Poseidon.226 Erklärung . 227 Nachts in der Kajüte. 22 S Sturm. 232 Meeresstille. 2 SS Seegespenst. 234 / Reinigung. 23 «, Frieden. 237 / Zweiter Cyklus. Meergruß. . -.216 Gewitter.. Der Schiffbrüchige.. Untergang der Sonne.245 Der Gesang der Okeaniden . 247 Die Götter Griechenlands.250 Fragen.. Der Phönix.254 * Seekrankheit . 2 SS Im Hafen. 257 Epilog.-.25g Anhang älterer Gedichte. 1816 - 1824 . Zu den Traumbildern. * Deutschland, ein Traum. 263 Zu den Liedern. ' Die du bist so schön und rein.267 * Einsam klag' ich meine Leiden.268 * Jedweder Geselle, sein Mädel am Arm.26g " Wenn ich bei meiner Liebsten bin.270 * Ich wollte, meine Lieder. . * In Vaters Garten heimlich steht.271 * Oben, wo die Sterne glühen.272 — XII — Zu den Romanzen. S-a- * Die Weihe.276 * Ständchen eines Mauren.27S * Die Lehre.276 * Traum und Leben. — Zu den Sonetten. * An den Hosrath Georg S(artoriuS).278 » An 3. B. Rousseau). - " An Franz von Z.279 * DaS projektierte Denkmal Goethe's zu Frankfurt am Main . . 280 " Bamberg und Wiirzburg. — * „Das Bild," Trauerspiel von Houwald. 28 l * „Aucassin und Nicolette." An 3. F. Loreff. — * Die Nacht auf dem Drachenfels. 282 * An Fritz St(einmann). — * An Sie. 28 S Zum Lyrischen Intermezzo. * Schone, helle, gsldne Sterne..284 * Du sollst mich liebend umschließen. — * Ich glaub' nicht an den Himmel. 28 ö * Ich kann es nicht vergessen. -- * Freundschaft, Liebe, Stein der Weisen. 286 / * Es schauen die Blumen alle. — Zur Heimkehr. * Du Lilje meiner Liebe. .287 * In den Küssen welche Lüge. — * Zu der Lauheit und der Flauheit. . ..288 * O, mein gnädiges Fräulein, erlaubt.. — " Hast du die Lippen mir wund geküsst. * Als sie mich umschlang mit zärtlichem Pressen .289 * Ja, Freund, hier unter den Linden.. * Schöne, wirthschaftliche Dame. — " Blamier mich nicht, mein schönes Kind.290 * Himmlisch war'S, wenn ich bezwäng. — * An Edom!.291 * Mit einem Exemplar des „Rabbi von Bacharach". Übersetzungen aus Lord Dyron's Werken. 1820. * Vorbemerkung.294 " Manfred. Erster Aufzug. 2 SS "Lebewohl.. 606 " An Jnez.608 " Gut' Nacht.Sio Auch der Lieder. Heine's Werke Dd. XV. Vorrede zur zweiten Auflage. Diese neue Ausgabe des. „Buchs der Lieder" kann ich dem überrheinischcn Publikum nicht zuschicken, ohne sie mit freundlichen Grüßen in ehrlichster Prosa zu begleiten. Ich weiß nicht, welches wunderliche Gefühl mich davon abhält, dergleichen Vorworte, wie es bei Gcdichtesammlnngen üblich ist, in schönen Rhythmen zu versificieren. Seit einiger Zeit sträubt sich Etwas in mir gegen alle gebundene Rede, und, wie ich höre, regt sich bei manchen Zeitgenossen eine ähnliche Abneigung. Es will mich bedünken, als sei in schönen Versen allzu viel gelogen worden und die Wahrheit scheue sich, in metrischen Gewänden zu erscheinen. Nicht ohne Befangenheit übergebe ich der Lesewelt den erneuerten Abdruck dieses Buches. Es hat mir die größte Überwindung gekostet, ich habe fast 4 ein ganzes Jahr gezaudert, ehe ich mich zur fluch- tigen Durchsicht desselben entschließen konnte. Bei seinem Anblick erwachte in mir all jenes Unbehagen, das mir einst vor zehn Jahren, bei der ersten Publikation, die Seele beklemmte. Verstehen wird diese Empfindung nur der Dichter oder Dichterling, der seine ersten Gedichte gedruckt sah. Erste Gedichte! Sie müssen auf nachlässigen, verblichenen Blättern geschrieben sein, dazwischen hie und da müssen welke Blumen liegen, oder eine blonde Locke, oder ein verfärbtes Stückchen Band, und an mancher Stelle muss noch die Spur einer Thräne sichtbar sein . . . Erste Gedichte aber, die gedruckt sind, grell schwarz gedruckt auf entsetzlich glattem Papier, diese haben ihren süßesten, jungfräulichsten Reiz verloren, und erregen bei dem Verfasser einen schauerlichen Missmuth. Ja, es sind nun zehn Jahre, seitdem diese Gedichte zuerst erschienen, und ich gebe sie, wie damals, in chronologischer Folge, und ganz voran ziehen wieder Lieder, die in jenen früheren Jahren gedichtet worden, als die ersten Küsse der deutschen Muse in meiner Seele brannten. Ach, die Küsse dieser guten Dirne verloren seitdem sehr Viel von ihrer Gluth und Frische! Bei so langjährigem Verhältnis musste die Inbrunst der Flitterwochen all- 5 mählich verrauchen; aber die Zärtlichkeit wurde manchmal um so herzlicher, besonders in schlechten Tagen, und da bewährte sie mir ihre ganze Liebe und Treue, die deutsche Muse! Sie tröstete mich in heimischen Drangsalen, folgte mir ins Exil, erheiterte mich in bösen Stunden des Verzagens, ließ mich nie in Stich, sogar in Geldnoth wusste sie mir zu helfen, die deutsche Muse, die gute Dirne! Eben so wenig, wie an der Zeitfolge, änderte ich an den Gedichten selbst. Nur hie und da in »der ersten Abtheilung wurden einige Verse verbessert. Der Raumersparnis wegen habe ich die Dedikationen der ersten Auflage weggelassen*). Doch kann ich nicht umhin zu erwähnen, dass das lyrische Intermezzo einem Buche entlehnt ist, welches unter dem Titel „Tragödien" im Jahr 1823 erschien und meinem Oheim Salomon Heine zugeeignet worden. Die hohe Achtung, die ich diesem großartigen Manne zollte, so wie auch meine Dankbarkeit für die Liebe, die er mir damals bewiesen, wollte ich durch jene Widmung beurkunden. „Die Heimkehr", welche zuerst in den „Reisebildcrn" er- *) Dieselben sind der vorliegenden Ausgabe wieder beigefügt. Der Herausgeber. 6 schien, ist der seligen Friederike Varnhagen von Ense gewidmet, und ich darf mich rühmen, der Erste gewesen zu sein, der diese große Frau mit öffentlicher Huldigung verehrte. Es war eine große That von August Varnhagen, dass er, alles kleinliche Bedenken abweisend, jene Briefe veröffentlichte, worin sich Rahel mit ihrer ganzen Persönlichkeit offenbart. Dieses Buch kam zur rechten Zeit, .wo es eben am besten wirken, stärken und trösten konnte. Das Buch kam zur trostbedürftig rechten Zeit. Es ist, als ob die Rahel wusste, welche post^ hume Sendung ihr beschicken war. Sie glaubte freilich, es würde besser werden, und wartete; doch als das Warten kein Ende nahm, schüttelte sie ungeduldig den Kopf, sah Varnhagen an, und starb schnell — um desto schneller auferstehen zu können. Sie mahnt mich an die Sage jener anderen Rahel, die aus dem Grabe hervorstieg und an der Landstraße stand und weinte, als ihre Kinder in die Gefangenschaft zogen. Ich kann ihrer nicht ohne Wehmuth gedenken, der liebreichen Freundin, die mir immer die unermüdlichste Theilnahme widmete und sich oft nicht wenig für mich ängstigte in jener Zeit meiner jugendlichen Übermüthcn, in jener Zeit, als die Flamme der Wahrheit mich mehr erhitzte, als erleuchtete. . . 7 Diese Zeit ist vorbei! Ich bin jetzt mehr erleuchtet, als erhitzt. Solche kühle Erleuchtung kommt aber immer zu spät bei den Menschen. Ich sehe jetzt im klarsten Lichte die Steine, über welche ich gestolpert. Ich hätte ihnen so leicht ausweichen können, ohne darum einen unrechten Weg zu wandeln. Jetzt weiß ich auch, dass man in der Welt sich mit Allem besassen kann, wenn man nur die dazu nöthigen Handschuhe anzieht. Und dann sollten wir nur Das thun, was thunlich ist und wozu wir am meisten Geschick haben, im Leben wie in der Kunst. Ach! zu den unseligsten Missgriffen des Menschen gehört, dass er den Werth der Geschenke, die ihm die Natur am bequemsten entgegen trägt, kindisch verkennt, und dagegen die Güter, die ihm am schwersten zugänglich sind, für die kostbarsten ansieht. Den Edelstein, der im Schoße der Erde festgewachsen, die Perle, die in den Untiefen des Meeres verborgen, hält der Mensch für die besten Schätze; er würde sie gering achten, wenn die Natur sie gleich Kieseln und Muscheln zu seinen Füßen legte. Gegen unsere Vorzüge sind wir gleichgültig; über unsere Gebrechen suchen wir uns so lange zu täuschen, bis wir sie endlich für Vortrefflichkeiten halten. Als ich einst nach einem Koncerte von Paga- nini diesem Meister mit leidenschaftlichen Lobsprü- 8 chen über sein Violinspiel entgegentrat, unterbrach er mich mit den Worten: „Aber wie gefielen Ihnen heute meine Komplimente, meine Verbeugungen ?" ; Bescheidenen Sinnes und um Nachsicht bittend übergebe ich dem Publikum das „Buch der Lieder"; für die Schwäche dieser Gedichte mögen vielleicht meine politischen, theologischen und philosophischen Schriften einigen Ersatz bieten. Bemerken muss ich jedoch, dass meine poetischen, eben so gut wie meine politischen, theologischen und philosophischen Schriften, einem und demselben Gedanken entsprossen sind, und dass man die einen nicht verdammen darf, ohne den andern allen Beifall zu entziehen. Zugleich erlaube ich mir auch die Bemerkung, dass das Gerücht, als hätte jener Gedanke eine bedenkliche Umwandlung in meiner Seele erlitten, auf Angaben beruhet, die ich eben so verachten wie bedauern muss. Nur gewissen bornierten Geistern konnte die Milderung meiner Rede, oder gar mein erzwungenes Schweigen, als ein Abfall von mir selber erscheinen. Sie mißdeuteten meine Mäßigung, und Das war um so liebloser, da ich doch nie ihre Überwuth mißdeutet habe. Höchstens dürste man mich einer Ermüdung beschuldigen. Aber ich habe ein Recht, müde zu sein . . . Und dann muss Jeder dem Gesetze der Zeit gehorchen, er mag wollen oder nicht . . . Und scheint die Sonne noch so schön, Am Ende muss sie untergehn! Die Melodie dieser Verse summt mir schon den ganzen Morgen im Kopfe und klingt vielleicht wieder aus Allem, was ich so eben geschrieben. In einem Stücke von Raimund, dem wackern Komiker, der sich unlängst aus Melancholie todtgeschossen, erscheinen Jugend und Alter als allegorische Personen, und das Lied, welches die Jugend singt, wenn sie von dem Helden Abschied nimmt, beginnt mit den erwähnten Versen. Vor vielen Jahren, in München, sah ich dieses Stück; ich glaube, es heißt: „Der Bauer als Millionär." Sobald die Jugend abgeht, sieht man, wie die Person des Helden, der allein auf der Scene zurückbleibt, eine sonderbare Veränderung erleidet. Sein braunes Haar wird allmählich grau und endlich schneeweiß; sein Rücken krümmt sich, seine Kniee schlottern; an die Stelle des vorigen Ungestüms tritt eine weinerliche Weichheit ... das Alter erscheint. Naht diese winterliche Gestalt auch schon dem Verfasser dieser Blätter? Gewahrst du schon, theurer Leser, eine ähnliche Umwandlung an dem Schrift- 10 steiler, der immer jugendlich, fast allzu jugendlich, in der Literatur sich bewegte? Es ist ein betrübender Anblick, wenn ein Schriftsteller vor unseren Augen, Angesichts des ganzen Publikums, allmählich alt wird. Wir haben's gesehen, nicht bei Wolfgang Goethe, dem ewigen Jüngling, aber bei August Wilhelm von Schlegel, dem bejahrten Gecken; wir haben's gesehen, nicht bei Adalbert Chamisso, der mit jedem Jahre sich blüthenreicher verjüngt, aber wir sahen es bei Herrn Ludwig Tieck, dem ehemaligen romantischen Strohmian, der jetzt ein alter räudiger Muntsche geworden. . . O, ihr Göt-, ter, ich bitte euch nicht, mir die Jugend zu lassen, aber lasst mir die Tugenden der Jugend, den uneigennützigen Groll, die uneigennützige Thräne! Lasst mich nicht ein alter Polterer werden, der aus Neid die jüngeren Geister ankläfft, oder ein matter Zammermensch, der über die gute alte Zeit beständig flennt . . . Lasst mich ein Greis werden, der die Jugend liebt und trotz der Alterschwächc noch immer Theil nimmt an ihren Spielen und Gefahren! Mag immerhin meine Stimme zittern und beben, wenn nur der Sinn meiner Worte unerschrocken und frisch bleibt! Sie lächelte gestern so sonderbar, halb mitleidig, halb boshaft, die schöne Freundin, als sie 11 mit ihren rosigen Fingern meine Locken glättete... Nicht wahr, du hast auf meinem Haupte einige weiße Haare bemerkt? „Und scheint die Sonne noch so schön. Am Ende muss sie untergehn!" Geschrieben zu Paris, im Frühjahr 1837. Heinrich Heine. Vorrede zur dritten Auflage. 'Das ist der alte Märchenwald! Es duftet die Lindenblüthe! Der wunderbare Mondenglanz Bezaubert mein Gemüthe. Ich ging fürbass, und wie ich ging, Erklang es in der Höhe. Das ist die Nachtigall, sie singt Von Lieb' und Liebeswehe. Sie singt von Lieb' und Liebesweh', Von Thränen und von Lachen, Sie jubelt so traurig, sie schluchzet so froh, Vergessene Träume erwachen. — Ich ging fürbass, und wie ich ging, Da sah ich vor mir liegen Auf freiem Platz ein großes Schloss, Die Giebel hoch aufstiegen. 13 Verschlossene Fenster, überall Ein Schweigen und ein Trauern; Es schien, als wohne der stille Tod In diesen öden Mauern. Dort vor dem Thor lag eine Sphinx, Ein Zwitter von Schrecken und Lüsten, Der Leib und die Tatzen wie ein Löw', Ein Weib an Haupt und Brüsten. Ein schönes Weib! Der weiße Blick, Er sprach von wildem Begehren; Die stummen Lippen wölbten sich Und lächelten stilles Gewähren. Die Nachtigall, sie sang so süß, Ich konnt' nicht widerstehen — Und als ich küsste das holde Gesicht, Da war's um mich geschehen. Lebendig ward das Marmorbild, Der Stein begann zu ächzen — Sie trank meiner Küsse lodernde Gluth Mit Dürsten und mit Lechzen. Sie trank mir fast den Odem aus — Und endlich, wollustheischend, Umschlang sie mich, meinen armen Leib Mit dey Löwentatzen zerfleischend. 14 Entzückende Marter und wonniges Weh! Der Schmerz wie die Lust unermeßlich! Derweilen des Mundes Kuß mich beglückt, Verwunden die Tatzen mich gräßlich. Die Nachtigall sang: „O schöne Sphinx!" O Liebe! was soll es bedeuten, Daß du vermischest mit Todesqual All' deine Seligkeiten? „O schöne Sphinx! O löse mir Das Räthsel, das wunderbare! Ich hab' darüber nachgedacht Schon manche tausend Jahre." — Das hätte ich Alles sehr gut in guter Prosa sagen können . . . Wenn man aber die alten Gedichte wieder durchlieft, um ihnen, Behufs eines erneuerten Abdrucks, einige Nachfeile zu ertheilen, dann überrascht Einen unversehens die klingelnde Gewohnheit des Reims und Silbenfalls, und siehe! es sind Verse, womit ich diese dritte Auflage des „Buchs der Lieder" eröffne. O Phöbus Apollo! sind diese Verse schlecht, so wirst du mir gem verzeihen . . . Denn du bist ein allwissender Gott, und du weißt sehr gut, warum ich mich seit 15 so vielen Jahren nicht mehr vorzugsweise mit Maß und Glcichklang der Wörter beschäftigen konnte.. . Du weißt, warum die Flamme, die einst in brillanten Feuerwerksspielen die Welt ergötzte, plötzlich zu weit ernsteren Bränden verwendet werden musste . . . Du weißt, warum sie jetzt in schweigender Gluth mein Herz verzehrt ... Du verstehst mich, großer schöner Gott, der du ebenfalls die goldene Leier zuweilen vertauschtest mit dem starken Bogen und den tödlichen Pfeilen ... Erinnerst du dich auch noch des Marsyas, den du lebendig geschunden? Es ist schon lange her, und ein ähnliches Beispiel thät' wieder noth ... Du lächelst, o mein ewiger Vater! Geschrieben zu Paris, den 20. Februar 1839. Heinrich Heine. Vorrede zur dritten Uuffage der „Neiseöilder." Einige Gedichte, die in der ersten Auflage dieses Buches den Schluss der „Heimkehr" bildeten, durften dieser dritten Auflage um so eher entzogen werden, da sie den Einklang des Buches mehr störten als förderten, und außerdem in einer neueren Gesammtausgabe meiner Gedichte zu finden sind. In letzterer — „Buch der Lieder von Heinrich Heine. Dritte Auflage. Hamburg, bei Hoffmann und Campe. 1839." — erlaubte ich mir weder eine spätere Nachfeile, noch irgend eine Abweichung von der chronologischen Ordnung, so dass darin die frühesten Anfänge und letzten Ausbildungen jener Gedichte, die seitdem als eine Art Volkslieder der neueren Gesellschaft so mannigfach nachgeklungen, bequem und belehrsam zu überschauen sind. Paris, den 24. Juni 1839. Heinrich Heine. Vorrede zur fünften Auflage des „Buchs der Lieder." Der vierten Auflage dieses Buches konnte ich leider keine besondere Sorgfalt widmen, und sie wurde ohne vorhergehende Durchsicht abgedruckt. Eine Versäumnis solcher Art wiederholte sich glücklicherweise nicht bei dieser fünften Auflage, indem ich zufällig in dem Druckortc verweilte und die Korrektur selber besorgen konnte. Hier in demselben Druckorte, bei Hoffmann und Campe in Hamburg, publiciere ich gleichzeitig unter dem Titel „Neue Gedichte" eine Sammlung poetischer Erzeugnisse, die wohl als der zweite Theil des „Buchs der Lieder" zu betrachten ist. — Den Freunden im Baterlande meine heitersten Scheidegrüße! Geschrieben zu Hamburg, den 21. August 1844. Heinrich Heine. Hcine'S Werke'. Bd. LV. Junge Leiden. Traumbilder. i. Mir träumte einst von wildem Liebesglühn, Von hübschen Locken, Myrten und Ncsede, Bon süßen Lippen und von bittrer Rede, Von düstrer Lieder düstern Melodien. Verblichen und verweht sind längst die Träume, Verweht ist gar mein liebstes Traumgebild! Geblieben ist mir nur, was gluthenwild Ich einst gegossen hab' in weiche Reime. Du bliebst, verwaistes Lied! Verweh jetzt auch, Und such das Traumbild, das mir längst entschwunden, Und grüß es mir, wenn du es aufgefunden — Dem lnft'gen Schatten send' ich luft'gen Hauch. 2 . Ein Traum, gar scltfani schauerlich, Ergötzte und erschreckte mich. Noch schwebt mir vor manch grausig Bild, Und in dem Herzen wogt es wild. 22 Das war ein Garten, wunderschön, Da wollt' ich lustig mich ergehn; Viel' schöne Blumen sahn mich an, Ich hatte meine Freude dran. Es zwitscherten die Vögelein Viel' muntre Liebesmelodein; Die Sonne roth, von Gold umstrahlt, Die Blumen lustig bunt bemalt. Viel Balsamduft aus Kräutern rinnt, Die Lüfte wehen lieb und lind; Und Alles schimmert, Alles lacht, Und zeigt mir freundlich seine Pracht. Inmitten in dem Blumenland Ein klarer Marmorbrunnen stand; Da schaut' ich eine schöne Maid, Die emsig wusch ein weißes Kleid. Die Wänglein süß, die Äuglein mild, Ein blondgelocktes Heil'genbild; Und wie ich schau', die Maid ich fand So fremd und doch so wohlbekannt. Die schöne Maid, die sputet sich, Sie summt ein Lied gar wunderlich: „Rinne, rinne Wässerlein, Wasche mir das Linnen rein!" Ich ging und nahete mich ihr, Und flüsterte: O sage mir, Du wunderschöne, süße Maid, Für wen ist dieses weiße Kleid? 23 Da sprach sie schnell: „Sei bald bereit, Ich wasche dir dein Todtenkleid!" Und als sie Dies gesprochen kaum, Zerfloss das ganze Bild wie Schaum. — Und fortgczaubert stand ich bald In einem düstern, wilden Wald. Die Bäume ragten himmelan; Ich stand erstaunt und sann und sann. Und horch! welch dumpser Wicderhall! Wie ferner Äptenschläge Schall; Ich eil' durch Busch und Wildnis sort, Und komm' an einen freien Ort. Inmitten in dem grünen Raum, Da stand ein großer Eichenbaum; Und sieh! mein Mägdlein wundersam Haut mit dem Beil den Eichenstamm. Und Schlag aus Schlag, und sonder Weil' Summt sie ein Lied und schwingt das Beil: „Eisen blink, Eisen blank, Zimmre hurtig Eichenschrauk!" Ich ging und nahete mich ihr, Und flüsterte: O sage mir, Du wundersüßes Mägdelein, Wem zimmerst du den Eichenschrein? Da sprach sie schnell: „Die Zeit ist karg, Ich zimmre deinen Todtensarg!" Und als sie Dies gesprochen kaum, Zerfloss das ganze Bild wie Schaum. — Es lag so bleich, es lag so weit Ringsum nur kahle, kahle Heid'; Ich wusste nicht, wie mir geschah, Und heimlich schaudernd stand ich da. Und nun ich eben fürder schweif', Gewahr' ich einen weißen Streif; Ich eilt' drauf zu, und eilt' und stand, Und sieh! die schöne Maid ich fand. Auf weiter Heid' stand Weiße Maid, Grub tief die Erd' mit Grabescheit. Kaum wagt' ich noch sie anzuschaun, Sie war so schön und doch ein Graun. Die schöne Maid, die sputet sich, Sie summt ein Lied gar wunderlich: „Spaten, Spaten, scharf und breit, Schaufle Grube tief und weit! Ich ging und nahete mich ihr, Und flüsterte: O sage mir, Du wunderschöne, süße Maid, Was diese Grnbe hier bedeut't? Da sprach sie schnell: „Sei still, ich hab' Geschaufelt dir ein kühles Grab." Und als so sprach die schöne Maid, Da öffnet sich die Grube weit. Und als ich in die Grube schaut', Ein kalter Schauer mich durchgraut; Und in die dunkle Grabesnacht Stürzt' ich hinein, — und bin erwacht. 25 3 . 2m nächt'gen Traum hab' ich mich selbst geschauk, In schwarzem Galafrack und seidner Weste, Manschetten an der Hand, als ging'S zum Feste, Und vor mir stand mein Liebchen, süß und traut. Ich beugte mich und sagte: „Sind Sie Braut? Ei! ei! so gratulier' ich, meine Beste!" Doch fast die Kehle mir zusammenpresstc Der langgezogne, vornehm kalte Laut. Und bittre Thränen Plötzlich sich ergossen Aus Liebchens Augen, und in Thränenwogen Ist mir das holde Bildnis fast zerflossen. O süße Augen, fromme Liebessterne, Obschon ihr mir im Wachen oft gelogen, Und auch im Traum, glaub' ich euch dennoch gerne! 4 . Im Traum sah ich ein Männchen, klein und putzig, Das ging auf Stelzen, Schritte ellenweit, Trug weiße Wäsche und ein feines Kleid, Inwendig aber war es grob und schmutzig. Inwendig war es jämmerlich, nichtsnutzig, Jedoch von außen voller Würdigkeit; Bon der Kourage sprach es lang und breit, Und that sogar recht trutzig und recht stutzig. „Und weißt du, wer Das ist? Komm her und schau!" So sprach der Traumgott, und er zeigt mir schlau Die Bilderfluth in eines Spiegels Rahmen. Bor einem Altar stand das Männchen da, Mein Lieb daneben, Beide sprachen: „Ja!" Und tausend Teufel riefen lachend: „Amen!" 26 Was treibt und tobt mein tolles Blut? Was flammt mein Herz in wilder Gluth? Es kocht mein Blut und schäumt und gährt, Und grimme Gluth mein Herz verzehrt. Das Blut ist toll, und gährt und schäumt, Weil ich den bösen Traum geträumt: Es kam der finstre Sohn der Nacht, Und hat mich keuchend fortgebracht. Er bracht' mich in ein Helles Haus, Wo Harfenklang und Saus und Braus, Und Fackelglanz und Ketzerischem; Ich kam zum Saal, ich trat hinein. Das war ein lustig Hochzeitfest; Zu Tafel saßen froh die Gäst'. Und wie ich nach dem Brautpaar schaut', — O weh! mein Liebchen war die Braut. Das war mein Liebchen wunnesam, Ein fremder Mann war Bräutigam; Dicht hinterm Ehrenstuhl der Braut, Da blieb ich stehn, gab keinen Laut. Es rauscht Musik, — gar still stand ich; Der Freudcnlärm betrübte mich. Die Braut, sie blickt so hochbeglückt, Der Bräut'ganr ihre Hände drückt. 27 Der Bräut'gam füllt den Becher sein Und trinkt daraus, und reicht gar fein Der Braut ihn hin; sie lächelt Dank, — O weh l mein rothes Blut sie trank. Die Braut ein hübsches Äpflein nahm, Und reicht es hin dem Bräutigam. Der nahm sein Messer, schnitt hinein, — O weh! Das war das Herze mein. Sie äugeln süß, sie äugeln lang, Der Bräut'gam kühn die Braut umschlang, Und küsst sie auf die Wangen roth, O weh! mich küsst der kalte Tod. Wie Blei lag meine Zung' im Mund, DasZ ich kein Wörtlein sprechen kunnt'. Da rauscht' es auf, der Tanz begann; Das schmucke Brautpaar tanzt voran. Und wie ich stand so leichenstumm, Die Tänzer schweben flink herum; — Ein leises Wort der Bräut'gam spricht, Die Braut wird roth, doch zürnt sie nicht. 6 . Im süßen Traum, bei stiller Nacht, Da kam zu mir mit Zaubermacht, Mit Zaubermacht, die Liebste mein, Sie kam zu mir ins Kämmerlein. 28 Ich schau' sie an, das holde Bild! Ich schau' sie an, sie lächelt mild, Und lächelt, bis das Herz mir schwoll, Und stürmisch kühn das Wort entquoll: „Nimm hin, nimm Alles, was ich hab', Mein Liebstes tret' ich gern dir ab, Dürft' ich dafür dein Buhle sein, Von Mitternacht bis Hahnenschrein." Da staunt mich an gar seltsamlich, So lieb, so weh und inniglich, Und sprach zu mir die schöne Maid: „O, gieb mir deine Seligkeit!" „Mein Leben süß, mein junges Blut, Gab' ich mit Freud' und wohlgemnth Für dich, o Mädchen, engelgleich, — Doch nimmermehr das Himmelreich." Wohl braust hervor mein rasches Wort, Doch blühet schöner immerfort, Und immer spricht die schöne Maid: „O, gieb mir deine Seligkeit!" Dumpf dröhnt dies Wort mir ins Gehör, Und schlendert mir ein Gluthenmeer Wohl in der Äeele tiefsten Raum; Ich athme schwer, ich athme kaum. — Das waren weiße Engelein, Umglänzt von goldnem Glorienschein; Nun aber stürmte wild herauf Ein gräulich schwar'zer Koboldhauf. Die rangen mit den Engelein, Und drängten fort die Engelein; Und endlich auch die schwarze Schar In Nebelduft zerronnen war. — Ich aber wollt' in Lust vergeh«, Ich hielt im Arm mein Liebchen schön; Sie schmiegt sich an mich wie ein Reh, Doch weint sie auch mit bitterm Weh. Feins Liebchen weint; ich weiß waruni, Und kiiss' ihr Rosenmündlein stumm — „O still', feins Lieb, die Thräncnfluth, Ergieb dich meiner Liebesgluth! „Ergieb dich meiner Liebesgluth —" Da Plötzlich starrt zu Eis mein Blut; Laut bebet auf der Erde Grund, Und öffnet gähnend sich ein Schlund. Und aus dem schwarzen Schlunde steigt Die schwarze Schar; — feins Lieb erbleicht! Aus meinen Armen schwand feins Lieb; Ich ganz alleine stehen blieb. Da tanzt im Kreise wunderbar Um mich herum die schwarze Schar, Und drängt heran, erfasst mich bald, Und gellend Hohngelächter schallt. Und immer enger wird der Kreis, Und immer summt die Schauerweis': „Du gäbest hin die Seligkeit, Gehörst uns nun in Ewigkeit!" 30 7 . Nun hast du das Kaufgeld, nun zögerst du doch? Blutfinstrer Gesell, was zögerst du noch? Schon sitze ich harrend im Kcimmerlein traut, Und Mitternacht naht schon, — es fehlt nur die Braut. Viel' schauernde Lüftchen vom Kirchhofe wehn; — Ihr Lüftchen! habt ihr mein Bräutchen gesehn? Viel' blasse Larven gestalten sich da, Umknixen mich grinsend und nicken: „O ja!" Pack aus, was bringst du für Botschaftern, Du schwarzer Schlingel in Feuerlivrei? „Die gnädige Herrschaft meldet sich an, Gleich kommt sie gefahren im Drachengespann." Du lieb grau Männchen, was ist dein Begehr? Mein todter Magister, was treibt dich her? Er schaut mich mit schweigend trübseligem Blick, Und schüttelt das Haupt und wandelt zurück. Was winselt und wedelt der zott'ge Gesell? Was glimmert Schwarz-Katers Auge so hell? Was heulen die Weiber mit fliegendem Haar? Was lullt mir Frau Amme mein Wiegenlied gar? Frau Amme, bleib heut mit dem Singsang zu Haus, Das Eiapopeia ist lange schon aus; Ich feire ja heute mein Hochzeitfest, — Da schau nial, dort kommen schon zierliche Gast'. 31 Da schau mal! Ihr Herren, Das nenn' ich galant! Ihr tragt, statt der Hüte, die Köpf in der Hand! Ihr Zappelbein-Leutchen im Galgen-Ornat, Der Wind ist still, was kommt ihr so spat? Da kommt auch alt Besenstielmütterchen schon, Ach, segne mich, Mütterchen, bin ja dein Sohn. Da zittert der Mund im weißen Gesicht; „In Ewigkeit, Amen!" das Mütterchen spricht. Zwölf Winddürre Musiker schlendern herein; Blind Fiedelweib holpert wohl hinterdrein. Da schleppt der Hanswurst, in buntscheckiger Zack, Den Todtengräber huckepack. Es tanzen zwölf Klosterjungsraun herein; Die schielende Kupplerin führet den Reihn. Es folgen zwölf lüsterne Pfäsfelein schon, Und pfeifen ein Schandlied im Kirchenton. Herr Trödler, v schrei dir nicht blau das Gesicht. Im Fegfeuer nützt mir dein Pelzröckel nicht; Dort heizet man gratis jahraus, jahrein, Statt mit Holz, mit Fürsten- und Bettlergebein. ' Die Blumenmädchen, sind bucklicht und krumm, Und purzeln kopfüber im Zimmer herum. Ihr Enlengesichter und Henschreckenbein, Hei! lasst mir das Rippengeklapper nur sein! Die sämmtliche Hüll' ist los fürwahr, Und lärmet und schwärmet in wachsender Schar; Sogar der Verdammnis-Walzer erschallt, — Still, still! nun kommt mein Feinsliebchen auch bald. 32 Gesinde!, sei still, oder trolle dich fort! Ich höre kaum selber mein leibliches Wort, — Ei, rasselt nicht eben ein Wagen vor? Frau Köchin! wo bist du? schnell öffne das Thor! Willkommen, Feinsliebchen, wie geht's dir, mein Schatz? Willkommen, Herr Pastor, ach, nehmen Sie Platz! Herr Pastor mit Pferdefuß und Schwanz, Ich bin Eur Ehrwnrden Diensteigener ganz! Lieb Bräutchen, was stehst du so stumm und so bleich? Der Herr Pastor schreitet zur Trauung sogleich; Wohl zahl' ich ihm theure, bluttheure Gebühr, Doch, dich zu besitzen, gilt's Kinderspiel mir. Knie nieder, süß Bräutchen, knie hin mir zur Seit'! — Da kniet sie, da sinkt sie, — o selige Freud'! Sie sinkt mir aus Herz, an die schwellende Brust, Ich halt' sie umschlungen mit schauernder Lust. Die Goldlockenwellen umspielen uns Beid': An'mein Herze pochte das Herze der Maid. Sie pochen wohl beide vor Lust und vor Weh, Und schweben hinauf in die Himmelshöh. Die Herzlein schwimmen im Freudensce, Dort oben in Gottes heil'ger Höh; Doch aus den Häuptern, wie Grausen und Brand, Da hat die Hölle gelegt die Hand. Das ist der finstre Sohn der Nacht, Der hier den segnenden Priester macht;. Er murmelt die Formel aus blutigem Buch, Sein Beten ist Lästern, sein Segen ist Fluch. 33 Und es krächzet und zischet und Heuler toll, Wie Wogengcbrause, wie Donncrgeroll; Da blitzet auf einmal ein bläuliches Licht, — „In Ewigkeit, Amen!" das Mütterchen spricht. 8 . Ich kam von meiner Herrin Haus, Und wandelt' in Wahnsinn und Mitternachtgrans. Und wie ich am Kirchhof vorübergchn will, Da winken die Gräber ernst und still. Da winkt'S von des Spielmanns Leichenstein, Das war der flimmernde MondcSschein. Da lispelt'S: „Lieb Bruder, ich komme gleich!" Da steigt's aus dem Grabe ncbelbleich. Der Spiclmann war's, der entstiegen jetzt, Und hoch auf den Leichenstein sich setzt. Und die Saiten der Zither greift er schnell, Und singt dabei recht hohl und grell: „Eil kennt ihr noch das alte Lied, Das einst so wild die Brust durchglüht, Ihr Saiten, dumpf und trübe? Die Engel, Die nennen es Himmelsfreud', Die Teufel, Die nennen es Höllenleid, Die Menschen, Die nennen es — Liebe!" Kaum tönte des letzten Wortes Schall, Da thaten sich auf die Gräber all'; Viel' Luftgestalten dringen hervor, Umschweben den Spielmann und schrillen im Chor: H-in-'S Werk-. Bd. XV. 3 34 „Liebe! Liebe! deine Macht Hat uns hier zu Bett gebracht, Und die Augen zugemacht, — Ei, was rufst du in der Nacht?" So heult es verworren, und ächzet und girrt, Und brauset und sauset, und krächzet und klirrt; Und der tolle Schwärm den Spielmaun umschweift, Und der Spielmann wild in die Saiten greift: „Bravo! Bravo! immer toll! Seid willkommen! Habt vernommen Dass mein Zauberwort erscholl! Liegt man doch jahraus, jahrein, Mäuschenstill im Kämmerlein; Lasst uns heute lustig sein! Mit Bergunst, — Seht erst zu, find wir allein? — Narren waren wir im Leben, Und mit toller Wuth ergeben Einer tollen Liebesbrunst. Kurzweil kann uns heut nicht fehlen, Jeder soll hier treu erzählen, Was ihn weiland hergebracht, Wie gehetzt, Wie zersetzt Ihn die tolle Liebesjagd." Da hüpft aus dem Kreise, so leicht wie der Wind, Ein mageres Wesen, das summend beginnt: „Ich war ein Schneidergeselle Mit Nadel und mit Scher'; 35 — Ich war so flink und schnelle Mit Nadel und mit Scher'; Da kam die Meisterstochter Mit Nadel und mit Scher'; Und hat mir ins Herz gestochen Mit Nadel und mit Scher'." Da lachten die Geister im lustigen Chor; Ein Zweiter trat still und ernst hervor: „Den Rinaldo Rinaldini, Schinderhanno, Orlandini, Und besonders Carlo Moor Nahm ich mir als Muster vor. „Auch verliebt — mit Ehr' zu melden — Hab' ich mich wie jene Helden, Und das schönste Frauenbild Spukte mir im Kopfe wild. „Und ich seufzte auch und girrte; Und wenn Liebe mich verwirrte, Steckt' ich meine Finger rasch In des reichen Nachbars Tasch'. „Doch der Gassenvogt mir grollte, Dass ich Sehnsuchtsthräueu wollte Trocknen mit dem Taschentuch, Das mein Nachbar bei sich trug. „Und nach frommer Häschersitte Nahm man still mich in die Mitte, Und das Zuchthaus, heilig groß, Schloss mir auf den Mutterschoß. 3 * 36 „Schwelgend süß in Liebessinnen, Saß ich dort beim Wollespinnen, Bis Ninaldo's Schatten kam Und die Seele mit sich nahm." Da lachten die Geister im lustigen Chor; Geschminkt und geputzt trat ein Dritter hervor; „Ich war ein König der Bretter, Und spielte das Liebhaberfach, Ich brüllte manch wildes: „Ihr Götter!" Ich seufzte manch zärtliches: „Ach!" „Den Mortimer spielt' ich am besten, Maria war immer so schön! Doch trotz der natürlichsten Gesten, Sie wollte mich nimmer verstehn. — „Einst, als ich verzweifelnd am Ende: „Maria, du Heilige!" rief, Da nahm ich den Dolch behende Und stach mich ein bischen zu tief." Da lachten die Geister im lustigen Chvr; Im weißen Flausch trat ein Vierter hervor: „Bom Katheder schwatzte herab der Professor, Er schwatzte, und ich schlief gut dabei ein; Doch hätt' mir's behagt viel tausendmal besser Bei seinem holdseligen Töchterlein. „Sie hat mir oft zärtlich am Fenster genicket, Die Blume der Blumen, mein Lebenslicht! Doch die Blume der Blumen ward endlich gcpflücket Vom dürren Philister, dem reichen Wicht. - 37 » „Da flucht' ich den Weibern und reichen Halunken, Und mischte mir Tenfelskrant in den Wein, Und hab' mit dem Tode Schmollis getrunken, Der sprach: „Fiducit, ich heiße Freund Hein!"" Da lachten die Geister im lustigen Chor; Einen Strick um den Hals, trat ein Fünfter hervor: „Es prunkte und prahlte der Graf beim Wein Mit dem Töchterchen sein und dem Edelgestein. Was schert mich, du Gräflein, dein Edelgestein? Mir mundet weit besser dein Töchterlein. „Sie lagen wohl Bcid' unter Riegel und Schloss, Und der Graf besoldte viel Dienertross. Was scheren 'mich Diener und Riegel und Schloss? — Ich stieg getrost auf die Leiterspross'. „An Liebchens Fensterlein klettr' ich getrost. Da hör' ich es unten fluchen erbost: „Fein sachte, mein Bübchen, muss auch dabei sein, Ich liebe ja auch das Edelgestein." „So spöttelt der Graf und erfasst mich gar, Und jauchzend umringt mich die Dienerschar. „Zum Teufel, Gesinde!! ich bin ja kein Dieb; Ich wollte nur stehlen mein trautes Lieb!" „Da half kein Gerede, da half kein Rath, Da machte mau hurtig die Stricke parat; Wie die Sonne kam, da wundert' sie sich- Am hellen Galgen fand sie mich. Da lachten die Geister im lustigen Chor; Den Kopf in der Hand, trat ein Sechster hervor: 38 „Zum Weidwerk trieb mich Liebesharm; Ich schlich umher, die Buchs' im Arm. Da schnarret's hohl vorn Baum herab, Der Rabe rief: „Kops — ab! Kopf — ab! „O, spürt' ich doch eiu Täubchen aus, Ich brächt' es meinem Lieb nach Haus! So dacht' ich, und in Busch und Strauch Späht rings umher mein Zägeraug'. „Was koset dort? was schnäbelt sein? Zwei Turteltäubchen mögen's sein. Ich schleich' herbei, — den Hahn gespannt, — Sieh da! mein eignes Lieb ich fand. „Das war mein Täubchen, meine Braut, Ein fremder Mann umarmt sie traut, — Nun, alter Schütze, treffe gut! Da lag der fremde Mann im Blut. „Bald draus ein Zug mit Henkersfrohn — Ich selbst dabei als Hauptperson — Den Wald durchzog. Vom Baum herab Der Rabe rief: „Kopf — ab! Kopf — ab!"" Da lachten die Geister im lustigen Chor; Da trat der Spielmann selber hervor: „Ich hab' mal ein Liedchen gesungen, Das schöne Lied ist aus; Wenn das Herz im Leibe zersprungen, Dann gehen die Lieder nach Haus!" Und das tolle Gelächter sich doppelt erhebt, Und die bleiche Schar im Kreise schwebt; Da scholl vom Kirchthnrm „Eins" herab, Da stürzten die Geister sich heulend ins Grab. 39 9 . Ich lag und schlief, und schlief recht mild, Verscheucht war Gram und Leid; Da kam zu mir ein Traumgebild, Die allerschönste Maid. Sie war wie Marmelstein so bleich, Und heimlich wunderbar; Im Auge schwamm es perlengleich, Gar seltsam wallt' ihr Haar. Und leise, leise sich bewegt Die marmorblasse Maid, Und an mein Herz sich niederlegt Die marmorblasse Maid. Wie bebt und pocht vor Weh und Lust Mein Herz und brennet heiß! Nicht bebt, nicht pocht der Schönen B»ust, Die ist so kalt wie Eis. „Nicht bebt, nicht pocht wohl meine Brust, Die ist wie Eis so kalt; Doch kenn' auch ich der Liebe Lust, Der Liebe Allgewalt. „Mir blüht kein Roth auf Mund und Waug', Mein Herz durchströmt kein Blut; Doch sträube dich nicht schaudernd bang, Ich bin dir hold und gut." 40 Und wilder noch umschlang sie mich, Und that mir fast ein Leid; Da kräht der Hahn — und stumm entwich Die marmorblasse Maid. 10 . Da hab' ich viel' blaffe Leichen Beschworen mit Wortesmacht; Sie wollen nun nicht mehr weichen Zurück in die alte Stacht. Das zähmende Sprüchlein vom Meister Vergaß ich vor Schauer und Graus; Nun ziehn die eignen Geister Mich .selber ins neblichtc Haus. Lasst ab, ihr finstern Dämonen! Lasst ab, und drängt mich nicht! Noch manche Freude mag wohnen Hier oben im Noscnlicht. Ich mnfl ja immer streben Nach der Blume, wunderhold; Was bedeutet' mein ganzes Leben, Wenn ich sie nicht lieben sollt'? Ich möcht' sie nur einmal umfangen Und pressen aus glühende Herz! Nur einmal auf Lippen und Wangen Küssen den seligsten Schmerz! Nur einmal aus ihrem Munde Möcht' ich hören ein liebendes Wort, Alsdann wollt' ich folge» zur Stunde Euch, Geister, zum finsteren Ort. Die Geister haben'« vernommen, Und nicken schauerlich. Feinsliebchen, nun bin ich gekommen; Feinsliebchen, liebst du mich? Lieder, i. Morgens steh' ich auf und frage: Kommt Feinsliebchen heut? Abends sink' ich hin und klage: Ausblieb sie anch heut. In der Nacht mit meinem Kummer Lieg' ich schlaflos, wach; Träumend, wie im halben Schlummer, Wandle ich bei Tag. 2 . Es treibt mich hin, es treibt mich her! Noch wenige Stunden, dann soll ich sie schauen, Sie selber, die schönste der schönen Jungfrauen; Du treues Herz, was pochst du so schwer! Die Stunden sind aber ein faules Volk! Schleppen sich behaglich träge, Schleichen gähnend ihre Wege; Tummle dich, du faules Volk! 43 Tobende Eile mich treibend erfasst! Aber wohl niemals liebten die Hören; — Heimlich im grausamen Bunde verschworen. Spotten sie tückisch der Liebenden Hast. 3 . Ich wandelte unter den Bäumen Mit meinem Gram allein; Da kam das alte Träumen, - Und schlich mir ins Herz hinein. Wer hat euch dies Wörtlein gelehret, Ihr Vöglein in luftiger Höh? Schweigt still! wenn mein Herz es höret, Dann thut es noch einmal so weh. „Es kam ein Jungfräulein gegangen, Die sang es immerfort, Da haben wir Vöglein gefangen Das hübsche, goldene Wort." Das sollt ihr mir nicht mehr erzählen, Ihr Vöglein wnnderschlan; Ihr wollt meinen Kummer mir stehlen, Ich aber Niemanden trau'. 44 4 . Lieb Liebchen, leg's Händchen aufs Herze mein; — Ach, hörst dn, wie'« pochet im Kämmcrlcin? Da hauset ein Zimmermann schlimm und arg, Der zimmert mir einen Todtensarg. Es hämmert und klopfet bei Tag und bei Nacht. Es hat mich schon längst um den Schlaf gebracht. Ach, sputet euch, Mcister'Zimmermann, Damit ich balde schlafen kann! 5 . Schöne Wiege meiner Leiden, Schönes Grabmal meiner Ruh, Schöne Stadt, mir müssen scheiden, — Lebe wohl! ruf' ich dir zu. Lebe wohl, du heilige Schwelle, Wo da wandelt Liebchen traut; Lebe wohl, du heil'ge Stelle, Wo ich sie zuerst geschaut. Hätt' ich dich doch nie gesehen, Schöne Hcrzcnskönigin! Nimmer wär' es dann geschehen, Dass ich jetzt so elend bin. 45 » Nie wollt' ich dein Herze rühren, Liebe hab' ich nie ersieht; Nur ein stilles Leben führen Wollt' ich, wo dein Odem wehr. Doch du drängst mich selbst von hinnen, Bittre Worte spricht dein Mund; Wahnsinn wühlt in meinen Sinnen, Und mein Herz ist krank und wund. Und die Glieder matt und träge Schlepp' ich fort am Wanderftab, Bis mein müdes Haupt ich lege Ferne in ein kühles Grab. 6 . Warte, warte, wilder Schiffrmann, Gleich folg' ich zum Hafen dir; Von zwei Jungfrau» nehm' ich Abschied, V«n Europa und von ihr. Blutqucll, rinn aus meinen Augen, Blutquell, brich aus meinem Leib, Dass ich mit dem heißen Blute Meine Schmerzen niedcrschreib'. Ei, mein Lieb, warum just heute Schauderst du, mein Blut zu sehn? Sahst mich bleich und herzeblutend Lange Jahre vor dir stehn! - - 46 — Kennst du noch das alte Liebchen Von der Schlang' im Paradies, Die durch schlimme Apfelgabe Unsern Ahn ins Elend stieß? Alles Unheil brachten Äpfell Eva bracht' damit den Tod, Eris brachte Troja's Flammen, Du brachtst Beides, Flamm' und Tod. 7 .' Berg' und Burgen schaun herunter In den spiegelhellen Rhein, Und mein Schiffchen segelt munter, Rings nmglänzt von Sonnenschein. Ruhig seh' ich zu dem Spiele Goldner Wellen, kraus bewegt; Süll erwachen die Gefühle, Die ich üef im Busen hegt'. Freundlich grüßend und verheißend Lockt hinab des Stromes Pracht; Doch ich kenn' ihn, — oben gleißend, Birgt sein Innres Tod und Nacht. Oben Lust, im Busen Tücken, Strom, dn bist der Liebsten Bild! Die kann auch so freundlich nicken, Lächelt'auch so fromm und mild. 47 8 . Anfangs wollt' ich fast verzagen, Und ich glaubt', ich trüg' es nie; Und ich hab' es doch getragen, — Aber fragt mich nnr nicht: wie? 9 . Mt Rosen, Chpressen nnd Flittergold Mmht' ich verzieren lieblich und hold Dies Buch wie einen Todtenschrein, Und sargen meine Lieder hinein. O, könnt' ich die Liebe sargen hinzu! Am Grabe der Liebe wächst Blümlein der Ruh, Da blüht es hervor, da pflückt man es ab, — Doch mir blüht'« nur, wenn ich selber im Grab. Hier sind nun die Lieder, die einst so wild, Wie ein Lavastrom, der dem Ätna entquillt, Hervorgestürzt aus dem tiefsten Gemüth, Und rings viel blitzende Funken versprüht! Nun liegen sie stumm und todtengleich, Nun starren sie kalt und nebelbleich. Doch aufs Neu' die alte Gluth sie belebt, Wenn der Liebe Geist einst über sie schwebt. Und es wird im Herzen viel Ahnnng laut: Der Liebe Geist einst über sie thaut; Einst kommt dies Buch in deine Hand, Du süßes Lieb im fernen Land. Dann löst sich des Liedes Zauberbaun, Die blassen Buchstaben schaun dich an, Sie schauen dir stehend ins schöne Aug', Und flüstern mit Wehmuth und Liebeshauch. 49 Romanzen. i. Der Traurige. Allen thut es weh im Herzen, Die den bleichen Knaben sehn, Dem die Leiden, dem die Schmerzen Aufs Gesicht geschrieben stehn. Mitleidvolle Lüfte fächeln Kühlung seiner heißen Stirn; Labung möcht' ins Herz ihm lächeln Manche sonst so spröde Dirn'. Aus dem wilden Lärm der Städter Flüchtet er sich nach dem Wald. Lustig rauschen dort die Blätter, Lust'ger Vogelfang erschallt. Doch der Sang verstummet balde Traurig rauschet Baum und Blatt, Wenn der Traurige dem Walde Langsam sich genähert hat. Heine'S Werke. Bd. XV. 50 2 . Bcrgstimme. ' Ein Reiter durch das Bergthal zieht Im traurig stillen Trab: „Ach! zieh' ich jetzt wohl in Liebchens Arm, Oder zieh' ich ins dunkle Grab?" Die Bergstimm' Antwort gab: „Ins dunkle Grab!" Und weiter reitet der Reitersmann, Und seufzet schwer dazu: „So zieh' ich denn hin ins Grab so früh, — Wohlan, im Grab ist Ruh!" Die Stimme sprach dazu: „Im Grab ist Ruh!" Dem Reitersmann eine Thräne rollt Von der Wange kummervoll: „Und ist nur im Grabe die Ruhe für mich, So jst mir im Grabe wohl." Die Stimm' erwidert hohl: „Im Grabe wohl!" 3 . Zwei Bruder. Oben aus der Bergesspitze Liegt das Schloss in Nacht gehüllt; Doch im Thale leuchten Blitze, Helle Schwerter klirren wild. 51 Das sind Bruder, die dort fechten Grimmen Zweikampf, Wuth entbrannt. Sprich, warum die Bruder rechten Mit dem Schwerte in der Hand? Gräfin Laura's Augenfunken Zündeten den Brüderstreit; Beide glühen liebestrunken Für die adlig holde Maid. Welchem aber von den Beiden Wendet sich ihr Herze zu? Kein Ergrübeln kann's entscheiden, — Schwert heraus, entscheide du! Und sie fechten kühn verwegen, Hieb' auf Hiebe niederkracht's. Hütet euch, ihr wilden Degen Böses Blendwerk schleicht des Nachts. Wehe! Wehe! blut'ge Brüder! Wehe! Wehe! blusiges Thal! - Beide Kämpfer stürzen nieder, Einer in des andern Stahl. — Viel' Jahrhunderte verwehen, Viel' Geschlechter deckt das Grab; Traurig von des Berges Höhen Schaut das öde Schloss herab. Aber Nachts, im Thalesgrunde, Wandelt'« heimlich, wunderbar; Wenn da kommt die zwölfte Stunde, Kämpfet dort das Brüderpaar. 4 ' — 52 — 4 . Der arme Peter. i. Der Hans und die Grete tanzen herum, Und jauchzen vor lauter Freude. Der Peter steht so still und stumm, Und ist so bloss wie Kreide. Der Hans und die Grete sind Bränt'gam und Braut, Und blitzen im Hochzeitgeschmeide. Der arme Peter die Nagel kaut Und steht im Werkeltagskleide. Der Peter spricht leise vor sich her, Und schaut betrübt aus Beide: „Ach! wenn ich nicht gar zu vernünftig wär', Ich that' mir was zu Leide." II. „In meiner Brust, da fitzt ein Weh, Das will die Brust zersprengen; Und wo ich steh', und wo ich geh', Will's mich von hinnen drangen. „Es treibt mich nach der Liebsten Näh', Als könnt'» die Grete heilen; Doch wenn ich Der ins Auge seh', Biuss ich von hinnen eilen. 53 „Ich steig' hinaus des Berges Höh', Dort ist man doch alleine; Und wenn ich still dort oben steh', Dann steh' ich still und weine." III. Der arme Peter wankt vorbei, Gar langsam, leichenblaß und scheu. Es bleiben fast, wenn'fie ihn sehn, Die Leute auf der Straße stehn. Die Mädchen flüstern sich ins Ohr: „Der stieg wohl aus dem Grab hervor?" Ach nein, ihr lieben Jungfräulein, Der legt sich erst ins Grab hinein. Er hat verloren seinen Schatz, Drum ist das Grab der beste iAatz, Wo er am besten liegen mag Und schlafen bis zum jüngsten Tag. 5 . Lied des Gefangenen. 'Als meine Großmutter die Liese behext, Da wollten die Leut' sie verbrennen. Schon hatte der Amtmann viel Dinte verklext, Doch wollte sie nicht bekennen. 54 Und als man sie in den Kessel schad, Da schrie sie Mord und Wehe; Und als sich der schwarze Qualm erhob, Da flog sie als Rab' in die Höhe. Mein schwarzes, gefiedertes Großmütterlein! O komm mich im Thurme besuchen! Komm, fliege geschwind durchs Gitter herein, Und bringe mir Käse und Kuchen. Mein schwarzes, gefiedertes Großmütterlein! O möchtest du nur sorgen, Das? die Muhme nicht auspickt die Augen mein, Wenn ich luftig schwebe morgen. 6 . Die Grenadiere. Nach Frankreich zogen zwei Grenadier', Die waren in Rußland gefangen. Und als sie kamen ins deutsche Quartier, Sie ließen die Köpfe hangen. Da hörten sie Beide die traurige Mähr: Dass Frankreich verloren gegangen, Besiegt und zerschlagen das große Heer, — Und der Kaiser, d>er Kaiser gefangen. Da weinten zusammen die Grenadier' Wohl ob der kläglichen Kunde. Der Eine sprach: „Wie weh wird mir, Wie brennt meine alte Wunde!" Der Andre sprach: „„Das Lied ist aus, Auch ich möcht' mit dir sterben, Doch hab' ich Weib und Kind zn Hans, Die ohne mich verderben."" „Was schert mich Weib, was schert mich Kind, Ich trage weit bessres Verlangen; Lass sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind, — Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen! „Gewähr mir, Bruder, eine Bitt': Wenn ich jetzt sterben werde, So nimm meine Leiche nach Frankreich mit, Begrab mich in Frankreichs Erde. „Das Ehekreuz am rothen Band Sollst du aufs Herz mir legen; Die Flinte gieb mir in die Hand, Und gürt mir um den Degen. „So will ich liegen und horchen still, Wie eine Schildwach, im Grabe, Bis einst ich höre Kanonengebrüll Und wiehernder Rosse Getrabe. „Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab, Viel' Schwerter klirren und blitzen; Dann steig' ich gewaffnet hervor aus dem Grab, — Den Kaiser, den Kaiser zn schützen!" 56 7 . Die Botschaft. Mein Knecht! steh auf und sattle schnell. Und wirf dich auf dein Roß. Und jage rasch durch Wald und Feld Nach König Duncan's Schloss. Dort schleiche in den Stall, und wart, Bis dich der Stallbub' schaut. Den forsch mir aus: „Sprich, welche ist Von Duncan's Töchtern Braut?" Und spricht der Bub': „Die Braune ifi's," So bring mir schnell die Mähr. » Doch spricht der Bub': „Die Blonde ist's," So eilt Das nicht so sehr. Dann geh zum Meister Seiler hin, Und kauf mir einen Strick, Und reite langsam, sprich kein Wort, Und bring mir den zurück. 8 . Die Heimführung. Ich geh' nicht allein, mein feines Lieb, Du mufft mit mir wandern Nach der lieben alten schaurigen Klause, In dem trüben, kalten, traurigen Hause, Wo nieine Mutter am Eingang kau'rt, Und auf des Sohnes Heimkehr lau'rt. „Lass ab von mir, du finstrer Mann! Wer hat dich gernsen? Dein Odem glüht, deine Hand ist Eis, Dein Auge sprüht, deine Wang' ist weiß; Ich aber will mich lustig freun An Rosenduft und Sonnenschein." Lass duften die Rosen, lass scheinen die Sonn', Mein süßes Liebchen! Wirf um den weiten weißwallenden Schleier, Und greif in die Saiten der schallenden Leier, Und singe ein Hochzeitlied dabei; Der Nachtwind pfeift die Melodei. 9 . Don Raums. „Donna Clara! Donna Clara! Heißgeliebte langer Fahre! Hast beschlossen mein Verderben, Und beschlossen ohn' Erbarmen. „Donna Clara! Donna Clara! Ist doch süß die Lebensgabe! Aber unten ist es grausig, In dem dunkeln, kalten Grabe. „Donna Clara! Freu dich, morgen Wird Fernando am Altare Dich als Ehgemahl begrüßen, — Wirst du mich zur Hochzeit laden?" 58 „„Don Ramiro! Don Ramiro! Deine Worte treffen bitter, Bittrer als der Spruch der Sterne, Die da spotten meines Willens. „„Don Ramiro! Don Ramiro! Rüttle ab den dumpfen Trübsinn; Mädchen giebt es viel auf Erden, Wer uns hat Gott geschieden. „„Don Ramiro, der du muthig So viel' Mohren überwunden, Überwinde nun dich selber, — Komm auf meine Hochzeit morgen."" „Donna Clara! Donna Clara! Ja, ich schwör' es, ja, ich komme! Will mit dir den Reihen tanzen; Gute Nacht, ich komme morgen." „„Gute Nacht!"" — Das Fenster klirrte. Seufzend stand Ramiro unten, Stand noch lange wie versteinert; Endlich schwand er fort im Dunkeln. — Endlich auch nach langem Ringen, Muss die Nacht dem Tage weichen; Wie ein bunter Blumengarten Liegt Toledo ausgebreitet. Prachtgebäude und Paläste Schimmern hell im Glanz der Sonne; Und der Kirchen hohe Kuppeln Leuchten stattlich, wie vergoldet. 59 Summend, wie ein Schwärm von Bienen, Klingt der Glocken Festgeläute, Lieblich steigen Betgesänge Aus den frommen Gotteshäusern. Aber dorten, siehe! siehe! Dorten aus der Marktkapelle, Im Gewimmel und Gewoge, Strömt des Volkes bunte Menge. Blanke Ritter, schmucke Frauen, Hofgesinde, festlich blinkend, Und die hellen Glocken läuten, Und die Orgel rauscht dazwischen. Doch, mit Ehrfurcht ausgewichen, In des Volkes Mitte wandelt Das geschmückte junge Ehpaar, Donna Clara, Don Fernando. Bis an Bräutigams Palastthor Wälzet sich das Volksgewühle; Dort beginnt die Hochzeitfeier, Prunkhaft und nach alter Sitte. Ritterspiel und frohe Tafel Wechseln unter lautem Jubel; Rauschend schnell entfliehn die Stunden, Bis die Nacht herabgcsunkcn. Und zum Tanze sich versammeln In dem Saal die Hochzeitgäste; In dem Glanz der Lichter funkeln Ihre bunten Prachtgewänder. 60 Auf erhabne Stühle ließen Braut und Bräutigam sich nieder, Donna Clara, Don Fernando, Und sie tauschen süße Reden. Und im Saale wogen heiter Die geschmückten Menschenwellen, Und die lauten Pauken wirbeln, Und es schmettern die Drommeten. „Doch warum, o schöne Herrin, Sind gerichtet deine Blicke Dorthin nach der Saalesecke?" So verwundert sprach der Ritter. „„Siehst du denn nicht, Don Fernando, Dort den Mann im schwarzen Mantel?"" Und der Ritter lächelt freundlich: „Ach, Das ist ja nur ein Schatten." Doch es nähert sich der Schatten, Und es war ein Mann im Mantel; Und Ramiro schnell erkennend, Grüßt ihn Clara, glnthbefangen. Und der Tanz hat schon begonnen, Munter drehen sich die Tänzer In des Walzars wilden Kreisen, Und der Boden dröhnt und bebet. „„Wahrlich gerne, Don Ramiro, Will ich dir zum Tanze folgen, Doch im nächtlich schwarzen Mantel Hättest du nicht kommen sollen."" Mt durchbohrend stieren Augen Schaut Ramiro auf die Holde, Sie'umschlingend spricht er düster: „Sprachest ja, ich sollte kommen!" Und ins wirre Lanzgetümmel Drängen sich die beiden Tänzer; Und die lauten Pauken wirbeln, Und es schmettern die Drommeten. „„Sind ja schneeweiß deine Wangen!"" Flüstert Clara, heimlich zitternd. „Sprachest ja, ich sollte kommen!" Schallet dumpf Ramiro's Stimme. Und im Saal die Kerzen blinzeln Durch das fluchende Gedränge; Und die lauten Pauken wirbeln, Und es schmettern die Drommeten. „„Sind ja eiskalt deine Hände!"" Flüstert Clara, schauerzuckend. „Sprachest ja, ich sollte kommen!" Und sie treiben fort im Strudel. „„Lass mich, lass mich! Don Ramiro! Leichenduft ist ja dein Odem!"" Wiederum die dunkeln Worte: „Sprachest ja, ich sollte kommen!" Und der Boden raucht und glühet, Lustig tönet Geig' und Bratsche; Wie ein tolles Zauberweben Schwindelt Alles in dem Saale, 62 „„Lass mich, lass mich! Don Ramiro!"" Wimmert's immer im Gewoge. Don Ramiro stets erwidert: „Sprachest ja, ich sollte kommen!" „„Nun, so geh, in Gottes Namen!"" Clara ries's mit sester Stimme, Und dies Wort war kaum gesprochen, Und verschwunden war Ramiro. Clara starret, Tod im Antlitz, Kaltumslirret, nachtumwoben; Ohnmacht hat das lichte Bildnis In ihr dunkles Reich gezogen. Endlich weicht der Nebelschlummer, Endlich schlägt sie auf die Wimper; Aber Staunen will aufs Neue Ihre holden Augen schließen. Denn derweil der Tanz begonnen, War sie nicht vom Sitz gewichen, Und sie sitzt noch bei dem Bräut'gam: Und der Ritter sorgsam bittet: „Sprich, was bleichet deine Wangen? Warum wird dein Aug so dunkel? —" „„Und Ramiro?-"" stottert Clara, Und Entsetzen lähmt die Zunge. Doch mit tiefen, ernsten Falten Furcht sich jetzt des Bräut'gams Stirne: „Herrin, forsch nicht blut'ge Knnde, — Heute Mittag starb Ramiro." 63 10 . Belsazer. Die Mitternacht zog näher schon; In stnmmer Ruh lag Babylon. Nur oben in' des Königs Schloss, Da slackert's, da lärmt des Königs Trost. Dort oben in dem Königssaal, Belsazer hielt sein Königsmahl. Die Knechte saßen in schimmernden Reihn, Und leerten die Becher mit funkelndem Wein. Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht'; So klang es dem störrigen Könige recht. Des Königs Wangen leuchten Gluth; Im Wein erwuchs ihm kecker Muth. Und blindlings reißt der Muth ihn fort; Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort. Und er brüstet sich frech, und lästert wild! Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt. Der König rief mit stolzem Blick; Der Diener eilt und kehrt zurück. Er trug viel gülden Geräth aus dem Haupt; Das war aus dem Tempel Jehovah's geraubt. Und der König ergriff mit frevler Hand - Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand. 64 Und er leert ihn hastig bis aus den Grund. Und rufet laut mit schäumendem Mund: „gehovah! dir künd' ich auf ewig Hohn, — Ich bin der König von Babylon!" Doch kaum das grause Wort verklang, Dem König ward's heimlich im Busen bang Das gellende Lachen verstummte zumal; Es wurde leichcnstill im Saal. Und sieh! und sieh! an weißer Wand, Da kam's hervor, wie Menschenhand; Und schrieb, und schrieb au weißer Wand Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand. Der König stieren Blicks da saß, Mit schlotternden Knien und todtenblafl. Die Knechteuschar saß kalt durchgraut, Und saß gar still, gab keinen Laut. Die Magier kamen, doch Keiner verstand Zu deuten die Flammenschrift an der Wand. Belsazer ward aber in selbiger Nacht Von seinen Knechten umgebracht. 65 u. Die Minnesänger. Zu dem Wcttgesange schreiten Minnesänger jetzt herbei; Ei, Das giebt ein seltsam Streiten, Ein gar seltsames Turneil Phantasie, die schäumend wilde, Ist des Minnesängers Pferd, Und die Kunst dient ihm zum Schilde, Und das Wort, das ist sein Schwert. Hübsche Damen schauen munter Vom beteppichten Balkon, Doch die Rechte ist nicht drunter Mit der rechten Lorberkron'. Andre Leute, wenn sie springen In die Schranken, sind gesund; Doch wir Minnesänger bringen Dort schon mit die Todeswund'. Und wem dort am besten dringet Licderblnt aus Herzensgrund, Der ist Sieger, Der erringet Bestes Lob aus schönstem Mund. S Heine'- Werke. Bd. XV. 66 12 . Die Fcnsterschau. Der bleiche Heinrich ging vorbei, Schön Hedwig lag am Fenster. Sie sprach halblaut: „Gott steh' mir bei, Der unten schaut bleich wie Gespenster!" Der unten erhob sein Aug' in die Höh', Hinschmachtend nach Hedewig's Fenster. Schön Hedwig ergriff es wie Liebesweh, Auch sie ward bleich wie Gespenster. Schön Hedwig stand nun mit Licbesharm Tagtäglich lauernd am Fenster. Bald aber lag sie in Heinrich's Arm, Allnächtlich zur Zeit der Gespenster. 13 . Der wmide Ritter. ' Ich weiß eine alte Kunde, Die hallet dumpf und trüb: Ein Ritter liegt liebeswunde, Doch treulos ist sein Lieb. Als treulos muss er verachten Die eigne Herzliebste sein, Als schimpflich muss er betrachten Die eigne Liebespein. 67 Er möcht' in die Schranken reiten Und rufen die Ritter zum Streit: „Der mag sich-zum Kampf bereiten, Wer mein Lieb eines Makels zeiht!" Da würden wohl Alle schweigen. Nur nicht sein eigener Schmerz; Da musst' er die Lanze neigen Widers eigne klagende Herz. 14 . Wasserfahrt. Ich stand zeichnet an den Mast, Und zählte jede Welle. Ade, mein schönes Vaterland! Mein Schiff, das segelt schnelle! Ich kam schön Liebchens Haus vorbei, Die Fensterscheiben blinken; Ich guck' mir fast die Augen aus, Doch will mir Niemand winken. Ihr Thränen, bleibt mir aus dem Aug', Dass ich nicht dunkel sehe. Mein krankes Herze, brich mir nicht Vor allzu großem Wehe! b* 68 15 . Das Liebchen von der Rene. Herr Ulrich reitet im grünen Wald, Die Blätter lustig rauschen, Er sieht eine holde Mädchengestalt Durch Baumeszweige lauschen. Der Junker spricht: „Wohl kenne ich Dies blühende, glühende Bildnis, Verlockend stets umschwebt es mich In Volksgewühl und Wildnis. « „Zwei Röslein sind die Lippen dort, Die lieblichen, die frischen; Doch manches hässlich bittre Wort Schleicht tückisch oft dazwischen. „Drum gleicht dies Mündlein gar genau Den hübschen Rosenbüschen, Wo gift'ge Schlangen wunderschlau Im dunkeln Laube zischen. „Dort jenes Grübchen wunderlieb In Wunderlieben Wangen, Das ist die Grube, worein mich trieb Wahnsinniges Verlangen. „Dort seh' ich ein schönes Lockenhaar Vom schönsten Köpfchen hangen. Das sind die Netze wunderbar/ Womit mich der Böse gefangen. 69 „Und jenes blaue Auge dort, So klar wie stille Welle, Das hielt ich für des Himmels Pfort', Doch war's die Pforte der Hölle." — Herr Ulrich reitet weiter im Wald, Die Blätter rauschen schaurig. Da sieht er fern eine zweite Gestalt, Die ist so bleich, so traurig. Der Junker spricht: „O Mutter dort, Die mich so mütterlich liebte, Der ich mit bösem Thun und Wort Dar Leben bitterlich trübte! „O, könnt' ich dir trocknen die Augen nast, Mit der Gluth von meinen Schmerzen! O, könnt' ich dir röchen die Wangen blast, Mit dem Blut aus meinem Herzen!" Und weiter reitet Herr Ulerich, Im Wald beginnt es zu düstern, Viel' seltsame Stimmen regen sich, Die Abendwinde flüstern. Der Junker hört die Worte sein Gar vielfach wiederklingen. Das thaten die lustigen Waldvöglein, Die zwitschern laut und singen: „Herr Ulrich singt ein hübsches Lied, Das Liedchen von der Reue, Und hat er zu Ende gesungen das Lied, So singt er es wieder aufs Neue." 70 16. An eine Sängerin. Ich denke noch der Zaubervollen, Wie sie zuerst mein Auge sah! Wie ihre Töne lieblich klangen Und heimlich süß ins Herze drangen, Entrollten Thränen meinen Wangen — Ich Muffte nicht, wie mir geschah. Ein Traum war über mich gekommen; Mir war, als sei ich noch ein Kind, Und säße still beim Lämchenscheine In Mutters frommem Kämmerleine, Und läse Märchen, wunderfeine, Derweilen draußen Nacht und Wind. Die Märchen fangen an zu leben, Die Ritter steigen aus der Gruft; Bei Ronzisval, da giebt's ein Streiten, Da kommt Herr Roland herzureiten, Viel' kühne Degen ihn begleiten, Auch leider Ganelon, der Schuft. Durch Den wird Roland schlimm gebettet, Er schwimmt in Blut, und athmet kaum; Kaum mochte fern sein Jagdhornzeichen Das Ohr des großen Karl's erreichen, Da muss der Ritter schon erbleichen — Und mit ihm stirbt zugleich mein Traum. 71 Das war ein lautverworrnes Schallen, Das mich aus meinen Träumen rief. Verklungen war jetzt die Legende, Die Leute schlugen in die Hände Und riefen „Bravo!" ohne Ende; Die Sängerin verneigt sich tief. 17 . Das Lied von den Dukaten. Meine güldenen Dukaten, Sagt, wo seid ihr hingerathen? Seid ihr bei den güldnen Fischlein, Die im Bache froh und munter Tauchen auf und tauchen unter? Seid ihr bei den güldnen Blümlein, Die auf lieblich grüner Aue Funkeln hell im Morgenthaue? Seid ihr bei den güldnen Böglein, Die da schweifen glanzumwoben In den blauen Lüften oben? Seid ihr bei den güldnen Stcrnlein, Die im leuchtenden Gewimmel Lächeln jede Nacht am Himmel? Ach! ihr güldenen Dukaten Schwimmt nicht in des Baches Well', Funkelt nicht auf grüner Au, Schwebet nicht in Lüften blau, 72 Lächelt nicht am Himmel hell — Meine Manichäer, traun! Halten euch in ihren Klaun. 18 . Gespräch auf der Paderborner Heide. Hörst dn nicht die fernen Töne, Wie von Brnmmbass und von Geigen? Dorten tanzt wohl manche Schöne Den geflügelt leichten Reigen. „Ei, mein Freund, Das nenn' ich irren, Bon den Geigen hör' ich keine, Nur die Ferklcin hör' ich quirren, Grunzen nur hör' ich die Schweine." Hörst dn nicht das Waldhorn blasen? Jäger sich des Waidwcrks freuen; Fromme Lämmer seh' ich grasen, Schäfer spielen auf Schalmeien. „Ei, mein Freund, was du vernommen, Ist kein Waldhorn, noch Schalmeie; Nur den Sanhirt seh' ich kommen, Heimwärts treibt er seine Säue." Hörst dn nicht das ferne Singen, Wie von süßen Wettgesängen? Englein schlagen mit den Schwingen Lauten Beifall solchen Klangen. 73 „Ei, was dort so hübsch geklungen, Ist kein Wettgesang, mein Lieber I Singend treiben Gänsejungen Ihre Gänselein vorüber." Hörst dn nicht die Glocken läuten, Wunderlieblich, wunderhelle? Fromme Kirchengänger schreiten Andachtsvoll zur Dorfkapelle. „Ei, mein Freund, Das sind die Schellen Bon den Ochsen, von den Kühen, Die nach ihren dunkeln Ställen Mit gesenktem Kopse ziehen." Siehst du nicht den Schleier wehen? Siehst dn nicht das leise Nicken? Dort seh' ich die Liebste stehen, Feuchte Wehmuth in den Blicken. „Ei, mein Freund, dort seh' ich nicken Nur das Waldweib, nur die Liese; Blast und hager an den Krücken Hinkt sie weiter nach der Wiese." Nun, mein Freund, so magst du lachen Über des Phantasten Frage! Wirst du auch zur Täuschung machen, Was ich fest im Busen trage? 74 19 . Lebeiisgruß. Eine große Landstraß ist unsre Erd', Wir Menschen sind Passagiere; Man rennet und jaget, zu Fuß und zu Pferd, Wie Läufer oder Kouriere. Man fährt sich vorüber, man nicket, man grüßt Mit dem Taschentuch aus der Karosse; Man hätte sich gerne geherzt und geküsst, Doch jagen von hinnen die Rosse. Kaum trafen wir uns auf derselben Station, Herzlichster Prinz Alexander, Da bläst schon zur Abfahrt der Postillon, Und bläst uns schon auseinander. 20 . Wahrhaftig. Wenn der Frühling kommt mit dem Sonnenschein, Dann knospen und blühen die Blümleiu auf; Wenn der Mond beginnt seinen Strahlenlauf, Dann schwimmen die Sternlein hinterdrein; Wenn der Sänger zwei süße Äuglein sieht, Dann quellen ihm Lieder aus tiefern Gemüth; — Doch Lieder und Sterne und Blümelcin, Und Äuglein und Mondglanz und Sonnenschein, Wie sehr das Zeug auch gefällt, So macht's doch noch lang' keine Welt. 75 Sonette. Sonettenkranz an A. W. von Schlegel.* 1 . Der schlimmste Wurm: des Zweifels Dolchgedanken, Das schlimmste Gift: an eigner Kraft verzagen, Das wollt' mir fast des Lebens Mark zernagen; Ich war ein Reis, dem seine Stützen sanken. Da mochtest du das arme Reis beklagen, An deinem güt'gen Wort lässt du es ranken, Und dir, mein hoher Meister, soll ich's danken, Wird einst das schwache Reislein Blüthen tragen. *1 Zuerst abgedrucht im „Bemerler," Nr. 1<1, Beilage zum 77. Blatte des ^Gesell« lchafrers.- vom 14. Mai 1821, mit soi« gendem „Nachwort. ein auf ihren großen Schiffen die Schatze Indiens nach Hause geschleppt; wir Deut» sche hatten immer das Zusehen. Aber die geistigen Schatze Indiens sollen uns nicht entgehen. Schlegel, Bopp, Hum» boldl, b * a " * u.^s. w. find Ere ntzi- 76 O wögst du's ferner noch so sorgsam warten, Dass es als Baum einst zieren kann den Garten Der schönen Fee, die dich zum Liebling wählte. Von jenem Garten meine Amm' erzählte: Dort lebt ein heimlich wundersüßes Klingen, Die Blumen sprechen und die Bäume singen. 2. Im Rcifrockpntz, mit Vlnmen reich verzieret, Schönpflästerchen auf den geschminkten Wangen, Mit Schnabelschuhn, mit Stickerei» behängen, Mit Thurmfrisur, und wespcngleich geschnurrt: So war die Aftcrmuse ausstaffieret, Als sie einst kam, dich liebend zu umfangen. Du bist ihr aber aus dem Weg gegangen, Und irrtest fort, von dunklen: Trieb gefiihret. Da fandest du ein Schloss in alter Wildnis, Und drinnen lag, wie'n holdes Marmorbildnis, - Die schönste Maid in Zanberschlaf versunken. Doch wich der Zauber bald bei deine:«' Gruße, Aufwachte lächelnd Deutschlands echte Muse, Und sank in deine Arme liebertrunken. 3 . Zufrieden nicht mit deinem Eigenthume, Sollt' noch des Rheines Niblungshort dich laben, Nahmst du vom Themsestrand die Wundergaben, Und pflücktest kühn des Tago-Ufers Blume. 77 Der Tiber hast du manch Kleinod entgraben, Die Seine musste zollen deinem Ruhme, — Du drängest gar zu Brahma's Heiligthume, Und wolllst auch Perlen aus dem Ganges haben. Du geiz'ger Mann, ich rath' dir, sei zufrieden Mit Dem, was selten Menschen ward beschicken, Denk ans Verschwenden jetzt, statt ans Erwerben. Und mit den Schätzen, die du ohn' Ermüden Zusammen hast geschleppt aus Nord und Süden, Mach reich den Schüler jetzt, den.lnst'gen Erben. An meine Mutter B. Heine, 1 . Ich bin'S gewohnt, den Kopf recht hoch zu tragen, Mein Sinn ist auch ein bischen starr und zähe; Wenn selbst der König mir ins Antlitz sähe, Ich würde nicht die Augen niederschlagen. Doch, liebe Mutter, offen will ich's sagen: Wie mächtig auch mein stolzer Muth sich blähe, In deiner selig süßen, trauten Nähe Ergreift mich oft ein demnthtiollcs Zagen. Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget, Dein hoher Geist, der Alles kühn dnrchdringet, Und blitzend sich zum Himmclslichte schwinget? Quält mich Erinnerung, dass ich verübet So manche That, die dir das Herz betrübet, Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet! 78 2 . Im tollen Wahn hatt' ich dich einst verlassen, Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende, Und wollte sehn, ob ich die Liebe fände, Um liebevoll die Liebe zu umfassen. Die Liebe suchte ich auf allen Gassen, Vor jeder Thüre streckt' ich aus die Hände, Und bettelte um gringe Liebesspende, — Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen. Und immer irrte ich nach Liebe, immer Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer, Und kehrte um nach Hause, krank und trübe. Doch da bist du entgegen mir gekommen, Und ach! was da in deinem Aug' geschwommen, Das war die süße, langgesuchte Liebe. An H. Str. Nachdem ich seine Zeitschrift für Erweckung altdeutscher Kunst gelesen. Wie ich dein Büchlein hastig aufgeschlagen, Da grüßen mir entgegen viel' vertraute, Viel' goldne Bilder, die ich weiland schaute Im Knabentranm und in den Kindertagen. Ich sehe wieder stolz gen Himmel ragen Den frommen Dom, den deutscher Glaube baute, Ich hör' der Glocken und der Orgel Laute, Dazwischen klingt's wie süße Liebesklagen. Wohl seh' ich auch, wie sie den Dom nmklettern, Die flinken Zwerglein, die sich dort erfrechen, Das hübsche Blum- und Schnitzwerk abzubrechen. Doch mag man immerhin die Eich' entblättern Und sie des grünem Schmuckes rings berauben — Kommt neuer Lenz, wird sie sich neu belauben. 79 Fresko-Sonette an Christian S(ethe). 1 . Ich tanz' nicht mit, ich räuchre nicht den Klötzen, Die außen goldig sind, inwendig Sand; Ich schlag' nicht ein, reicht mir ein Bub' die Hand, Der heimlich mir den Namen will zerfetzen. Ich beng' mich nicht vor jenen hübschen Metzen, Die schamlos prunken mit der eignen Schand'; Ich zieh nicht mit, wenn sich der Pöbel spannt Vor Siegeswagen seiner eiteln Götzen. Ich weiß es wohl, die Eiche muss erliegen, Derweil das Rohr am Bach durch schwankes Biegen In Wind und Wetter stehn bleibt, nach wie vor. Doch sprich, wie weit bringt's wohl am End solch' Rohr? Welch Glück! als ein Spazierstock dient's dem Stutzer, Als Kleiderklopfer dient's dem Stiefelputzer. 2 . Gieb her die Larv', ich will mich jetzt maskieren In einen Lumpenkerl, damit Halunken, Die prächtig in Charaktermasken prunken, Nicht wähnen, ich sei Einer von den Ihren. Gieb her gemeine Worte und Manieren, Ich zeige mich in Pöbelart versunken, Verleugne all' die schönen Geistesfunken, Womit jetzt fade Schlingel kokettieren. So tanz' ich auf dem großen Maskenbälle, Umschwärmt von deutschen Rittern, Mönchen, Kön'gen, Von Harlekin gegrüßt, erkannt von Wen'gen. Mit ihrem Holzschwert prügeln sie mich Alle. Das ist der Spaß. Denn wollt' ich mich entmnmmen, So musste all das Galgenpack verstummen. 80 3 . 'Ich lache ob den abgeschmackten Lassen, Die mich anglotzen mit den Bocksgesichtern; Ich lache ob den Füchsen, die so nüchtern Und hämisch mich beschnüffeln und begaffen. Ich lache ob den hochgelahrten Affen, Die sich aufblähn zu stolzen Geistesrichtern; Ich lache ob den feigen Bösewichtern, Die mich bedrohn mit giftgetränkten Waffen. Denn wenn des Glückes hübsche Siebensachen Uns von des Schicksals Händen sind zerbrochen, Und so zu unsern Füßen hingeschmissen; Und wenn das Herz im Leibe ist zerrissen, Zerrissen, und zerschnitten, und zerstochen, — Dann bleibt uns doch das schöne gelle Lachen. 4 . Im Hirn spukt mir ein Märchen wunderfein, Und in dem Märchen klingt ein feines Lied, Und in dem Liede lebt und webt und blüht Ein wunderschönes zartes Mägdelein. Und iü dem Mägdlein wohnt ein Herzchen klein, Doch in dem Herzchen keine Liebe glüht; In dieses lieblos frostige Gemüth Kam Hochmuth nur und Übermuth hinein. Hörst du, wie mir im Kops das Märchen klinget? Und wie das Liedchen summet ernst und schaurig? Und wie das Mägdlein kichert, leise, leise? Ich fürchte nur, dass mir der Kopf zerspringet, — Und ach! da wär's doch gar entsetzlich traurig, Käm' der Verstand mir aus dem alten Gleise. 81 5 . 2n stiller, wehmuthweicher Abendstunde Uniklingen mich die längst verschollnen Lieder, Und Thränen fließen von der Wange nieder, Und Blut entquillt der alten Herzenswunde. Und wie in eines Zanderspiegels Grunde Seh' ich das Bildnis meiner Liebsten wieder; Sie sitzt am Arbeitstisch, im rothen Mieder, Und Sülle herrscht in ihrer sel'gen Runde. Da Plötzlich springt sie auf vom Stuhl, und schneidet Bon ihrem Haupt die schönste aller Locken, Und giebt sie mir, — vor Freud' bin ich erschrocken. ' Mephisto hat die Freude mir verleidet, Er spann ein festes Seil von jenen Haaren, Und schleift mich dran herum seit vielen Jahren. 6 . „Als ich vor einem Jahr dich wiederblickte, Küsstest du mich nicht in der Willkommstund'." So sprach ich, und der Liebsten rother Mund Den schönsten Kuft auf meine Lippen drückte. Und lächelnd süß ein Myrtenreis sie pflückte Bom Mvrlenstrauche, der am Fenster stund: „Nimm hin und Pflanz dies Reis in frischen Gründ, Und stell' ein Glas darauf," sprach sie und nickte. — Schon lang ist's her. Es starb das Reis im Topf. Sie selbst hab' ich seit Jahren nicht gesehn; Doch brennt der Kuss mir iinmer noch im Kopf. Und aus der Ferne trieb's mich jüngst zum Ort, Wo Liebchen wohnt. Vorm Hause blieb ich stehn Die ganze Nacht, ging erst am Morgen fort. Heine's Werke. Bd. XV. 6 Hüt dich, mein Freund, vor grimmen Tenfelsfratzen, Doch schlimmer sind die sanften Engelsfrätzchen. Ein solches bot mir einst ein süßes Schwätzchen, Doch wie ich kam, da fühlt' ich scharfe Tatzen. Hüt dich, mein Freund, vor schwarzen alten Katzen, Doch schlimmer sind die weißen jungen Kätzchen; Ein solches macht' ich einst zu meinem Schätzchen, Doch thät mein Schätzchen mir das Herz zerkratzen. O süßes Frätzchen, wundersüßes Mädchen! Wie konnte mich dein klares Äuglein täuschen? Wie konnt' dein Pfötchen mir das Herz zerfleischen? O meines Kätzchens wunderzartes Pfötchen! Könnt' ich dich an die glühnden Lippen Pressen, Und könnt' mein Herz verbluten unterdessen! 8 . Wie nahm' die Armuth bald bei mir ein Ende, Wüsst' ich den Pinsel kunstgerecht zu führen Und hübsch mit bunten Bildern zu verzieren Der Kirchen und der Schlösser stolze Wände. Wie flösse bald mir zu des Goldes Spende, Wüsst' ich aus Flöten, Geigen und Klavieren So rührend und so fein zu musicieren, Dass Herrn und Damen klatschten in die Hände. Doch, ach! mir Armen lächelt Mammon nie; Denn leider, leider! trieb ich dich allcine, Brotloseste der Künste, Poesie! Und ach! wenn Andre sich mit vollen Humpen Zum Gotte trinken im Champagnerweine, Dann muss ich dürsten, oder ich muss — pumpen. 83 9 . Die Welt war mir nur'eine Marterkammer, Wo man mich bei den Füßen aufgehangen Und mir gezwickt den Leib mit glühnden Zangen Und eingeklemmt in enger Eisenklammer. Wild schrie ich auf vor namenlosem Jammer, Blutströme mir aus Mund und Augen sprangen, — Da gab ein Mägdlein, das vorbeigegangen; Mir schnell den Gnadenstoß mit goldnem Hammer. Neugierig sieht sie zu, wie mir im Krampfe Die Glieder zucken, wie im Todeskampfe Die Zung' aus blusigem Munde hängt und lechzet. Neugierig horcht sie, wie mein Herz noch ächzet, Musik ist ihr mein letztes Todesröcheln, Und spottend steht sie da mit kaltem Lächeln. 10 . Du sahst mich oft im Kamps mir jenen Schlingeln, Geschminkten Katzen und bebrillten Pudeln, Die mir den blanken Namen gern besudeln, Und mich so gerne ins Verderben züngeln. Du sahest oft, wie mich Pedanten hudeln, Wie Schellenkappenträger mich nmklingeln, Wie gift'ge Schlangen um mein Herz sich ringeln; Du sahst mein Blut aus tausend Wunden sprudeln. Du aber standest fest gleich einem Thurme; Ein Leuchtthurm war dein Kopf mir in dem Sturme, Dein treues Herz war mir ein guter Hafen. Wohl wogt um jenen Hafen wilde Brandung, Nur wen'ge Schiff' erringen dort die Landung, Doch ist man dort, so kann man sicher schlafen. —-. S* 84 11 . Ich möchte weinen, doch ich kann es nicht; Ich möcht' mich rüstig in die Höhe heben, Doch kann ich's nicht; am Boden muss ich kleben, Umkrächzt, nmzischt von eklem Wnrmgezücht. Ich möchte gern mein heitres Lebenslicht, Mein schönes Lieb, allüberall umschweben, In ihrem selig süßen Hauche leben, — Doch kann ich's nicht, mein krankes Herze bricht. Aus dem gebrochnen Herzen fühl' ich fließen Mein heißes Blnt, ich fühle mich ermatten, Und vor den Angen wird's mir trüb und trüber. Und heimlich schauernd sehn' ich mich hinüber Nach jenem Nebelreich, wo stille Schatten Mit weichen Armen liebend mich umschließen. Lyrisches Intermezzo. Salomon Heine empfange diese Blätter aufs Neue Zeichen der Verehrung und Zuneigung des Verfassers. Meine Gual und meine Hingen Lad' ich in dies Buch gegossen, And wenn du es aufgeschlagen, Lal sich dir mein Herz erschlossen. Prolog. Er war mal ein Ritter, trübselig und stumm, Mit hohlen, schneeweißen Wangen; Er wankte und schlenderte schlotternd herum, In dumpfen Träumen befangen. Er war so hölzern, so täppisch, so links, Die Blümlein und Mägdlein, die kicherten rings, Wenn er stolpernd vorbeigegangen. Ost saß er im finstersten Winkel zu Haus; Er hatt' sich vor Menschen verkrochen. Da streckte er sehnend die Arme aus, Doch hat er kein Wörtlein gesprochen. Kam aber die Mitternachtstunde heran, Ein seltsames Singen und Klingen begann — An die Thüre da hört' er es pochen. Da kommt seine Liebste geschlichen herein Im rauschenden Wellenschamnkleide, Sie blüht und glüht wie ein Röselein, Ihr Schleier ist eitel Geschmeide. Goldlocken umspielen die schlanke Gestalt, Die Äuglein grüßen mit süßer Gewalt — In die Arme sinken sich Beide. 90 Der Ritter umschlingt sie mit Licbesmacht, Der Hölzerne steht jetzt in Feuer, Der Blasse errathet, der Träumer erwacht, Der Blöde wird freier und freier. Sie aber, sie hat ihn gar schalkhaft geneckt, Sie hat ihm ganz leise den Kopf bedeckt Mit dem weißen, demantenen Schleier. In einen krystallenen Wasserpalast Ist Plötzlich gezaubert der Ritter. Er staunt, und die Augen erblinden ihm fast Vor alle dem Glanz und Geflitter. Doch hält ihn die Nixe umarmet gar traut, Der Ritter ist Bränt'gam, die Nixe ist Braut, Ihre Jnngfrann spielen die Zither. Sie spielen und singen, und singen so schön, Und heben zum Tanze die Füße; Dem Ritter, Dem wollen die Sinne vergehn, Und fester umschließt er die Süße — Da löschen auf einmal die Lichter aus, Der Ritter sitzt wieder ganz einsam zu Hans, An dem düstern Poetenstiibchen. 1 . Im wunderschönen Monat Mai, Als alle Knospen sprangen, Da ist in meinem Herzen Die Liebe aufgegangen. — 91 Im wunderschönen Monat Mai, Als alle Bögel sangen, Da hab' ich ihr gestanden Mein Sehnen und Verlangen. 2 . Aus meinen Thränen sprießen Viel' blühende Blumen hervor, Und meine Seufzer werden Ein Nachtigallenchor. Und wenn du mich lieb hast, Kindchen. Schenk' ich dir die Blumen all', Und vor deinem Fenster soll klingen Das Lied der Nachtigall. 3 . Die Rose, die Lilje, die Taube, die Sonne Die liebt' ich einst alle in Liebeswonne. Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine Die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine; Sie selber, aller. Liebe Bronne, Ist Rose und Lilje und Taube und Sonne. 4 . Wenn ich in deine Augen seh', So schwindet all mein Leid und Weh; Doch wenn ich küsse deinen Mund, So werd' ich ganz und gar gesund. 92 Wenn ich mich lehn' an deine Brust, Kommt's über mich wie Himmelslust; Doch wenn du sprichst: „Ich liebe dich!" So muls ich weinen bitterlich. 5 . Dein Angesicht, so lieb und schön, Das hab' ich jüngst im Traum gesehn, Es ist so mild und engclgleich, Und doch so bleich, so schmerzenbleich. Und nur die Lippen, die sind roth; Bald aber küsst sie bleich der Tod. Erlöschen wird das Himmelslicht, Das aus den frommen Augen bricht. 6 . Lehn deine Wang' an meine Wang', Dann fließen die Thränen zusammen! Und an mein Herz drück fest dein Herz, Dann schlagen zusammen die Flammen! Und wenn in die große Flamme fließt Der Strom von unsern Thränen, Und wenn dich mein Arm gewaltig umschließt Sterb' ich vor LiebcSsehnen! Ich will meine Seele tauchen In den Kelch der Lilje hinein; Die Lilje soll klingend hauchen Ein Lied von der Liebsten mein. Das Lied soll schauern und beben Wie der Kuss von ihrem Mund, Den sie mir einst gegeben In wunderbar süßer Stund'. 8 . Es stehen unbeweglich Die Sterne in der Höh' Viel' tausend Jahr', und schauen Sich an mit Liebesweh. Sie sprechen eine Sprache, Die ist so reich, so schön; Doch keiner der Philologen Kann diese Sprache verstehn. Ich aber hab' sie gelernet, Und ich vergesse sie nicht; Mir diente als Grammatik Der Herzallerliebsten Gesicht. 94 9 . Auf Flügeln des Gesanges, Herzliebchen, trag' ich dich fort, Fort nach den Fluren des Ganges, Dort weiß ich den schönsten Ort. Dort liegt ein rothblühender Garten Im stillen Mondenschein; Die Lotosblumen erwarten Ihr trautes Schwesterlein. Die Veilchen kichern und kosen, Und schaun nach den Sternen empor; Heimlich erzählen die Rosen Sich duftende Märchen ins Ohr. Es hüpfen herbei und lauschen Die frommen, klugen Gazelln; Und in der Ferne rauschen Des heiligen Stromes Welln. Dort wollen wir niedersinken Unter dem Palmenbaum, Und Lieb' und Ruhe trinken Und träumen seligen Traum. 10 . Die Lotosblume ängstigt Sich vor der Sonne Pracht, Und mit gesenktem Haupte Erwartet sie träumend die Nacht. 95 Der Mond, Der ist ihr Buhle, Er weckt sie mit seinem Licht, Und ihm entschleiert sie freundlich Ihr frommes Blumengcsicht. Sie blüht und glüht und leuchtet, Und starret stumm in die Höh'; Sie duftet und weinet und zittert Vor Liebe und Liebesweh. 11 . Im Rhein, im schönen Strome, Da spiegelt sich in den Weiln, Mit seinem großen Dome, Das große, heilige Köln. Im Dom, da steht ein Bildnis, Auf goldenem Leder gemalt; In meines Lebens Wildnis Hat's freundlich hineingestrahlt. Es schweben Blumen und Englein Um unsere liebe Frau; Die Augen, die Lippen, die Wänglein, Die gleichen der Liebsten genau. 12 . Du liebst mich nicht, du liebst mich nicht, Das kümmert mich gar wenig; Schau' ich dir nur ins Angesicht, So bin ich froh wie'n König. 96 Du hastest, hastest mich sogar, So spricht dein rothes Mündchen; Reich mir es nur zum Küssen dar, So tröst' ich mich, mein Kindchen. 13 . O schwöre nicht und küsse nur, Ich glaube keinem Weiberschwur! Dein Wort ist süß, doch süßer ist Der Kuft, den ich dir abgeküsst! Den hab' ich, und dran glaub' ich auch, Das Wort ist eitel Dunst und Hauch. * * O schwöre, Liebchen, immerfort, Ich glaube dir aufs bloße Wort! An deinen Busen sink' ich hin, Und glaube, dass ich selig bin; Ich glaube, Liebchen, ewiglich Und noch viel länger liebst du mich. 14 . Auf meiner Herzliebsten Äugele!» Mach' ich die schönsten Kanzonen. Auf meiner Herzliebsten Mündlein klein Mach' ich die besten Terzinen. Auf meiner Herzliebsten Wängelein Mach' ich die herrlichsten Stanzen. Und wenn meine Liebste ein Herzchen hätt', Ich machte daraus ein hübsches Sonett. 97 15 . Die Welt ist dumm, die Welt ist blind. Wird täglich abgeschmackter! Sie spricht von dir, mein schönes Kind: Du hast keinen guten Charakter. Die Welt ist dumm, die Welt ist blind, Und dich wird sie immer verkennen; Sie weiß nicht, wie süß deine Küsse find, Und wie sie beseligend brennen. 16 . Liebste, sollst mir heute sagen: Bist du nicht ein Traumgebild, Wie's in schwülen Sommertagen Ans dem Hirn der Dichters quillt? Aber nein, ein solches Mündchen, Solcher Augen Zauberlicht, Solch ein liebes, süßes Kindchen, Das erschafft der Dichter nicht. Basilisken und Vampyre, LindenwürnU und Üngeheu'r, Solche schlimme Fabelthiere, Die erschafft des Dichters Fen'r. Aber dich und deine Tücke, Und dein holdes Angesicht, Und die falschen frommen Blicke — Das erschafft der Dichter nicht. Heine's Werke. Bd. XV. 7 98 17 . Wie die Wellcnschaumgeborene Strahlt mein Lieb in Schönheitsglanz, Denn sie ist das auserkorene Bräntchen eines fremden Manns Herz, mein Herz, du viclgednldiges, Grolle nicht ob dem Verrath; Trag es, trag es, und entschuldig es Was die holde Thörin that. 18 . Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht, Ewig Verlornes Lieb! ich grolle nicht. Wie du auch strahlst in Diamantenpracbt, Es fällt kein Strahl in deines Herzens Nacht. Das weiß ich längst. Ich sah dich ja im Traum, Und sah die Nacht in deines Herzens Raum, Und sah die Schlang', die dir am Herzen srisst, Ich sah, mein Lieb, wie sehr du elend bist. 19 . Ja, du bist elend, und ich grolle nicht; — Mein Lieb, wir sollen Beide elend sein! Bis uns der Tod das kranke Herze bricht, Mein Lieb, wir sollen Beide elend sein. — 99 Wohl seh' ich Spott, der deinen Mund nmschwebt, Und seh' dein Auge'blitzen trotziglich, Und seh' den Stolz, der deinen Busen hebt, — Und elend bist du doch, elend wie ich. Unsichtbar zuckt auch Schmerz um deinen Mund, Verborgne Thräne trübt des Auges Schein, Der stolze Busen hegt geheime Wund', — Mein Lieb, wir sollen Beide elend sein. 20 . Das ist ein Flöten und Geigen, Trompeten schmettern drein; Da tanzt den Hochzeitreigen Die Herzallerliebste mein. Das ist ein Klingen und Dröhnen Bon Pauken und Schallmein; Dazwischen schluchzen und stöhnen Die guten Engelein. 21 . So hast du ganz und gar vergessen, Dasd ich so lang dein Her; besessen, Dein Herzchen, so süß und so falsch und so klein, Es kann nirgend was Süßres und Falscheres sein. So hast du die Lieb' und das Leid vergessen, Die das Herz mir thäten zusammenpressen. Ich weiß nicht, war Liebe größer, als Leid? Ich weiß nur, sie waren groß alle beid'! 100 22 . Und wüssten's die Blumen, die klemm, Wie tief verwundet mein Herz, Sie würden mit mir weinen, Zu heilen meinen Schmerz. Und wüssten's die Nachtigallen, Wie ich so traurig und krank, Sie ließen fröhlich erschallen Erquickenden Gesang. Und wüßten sie mein Wehe, Die goldnen Sternelein, Sie kämen aus ihrer Höhe, Und sprächen Trost mir ein. Die alle können's nicht wissen, Nur Eine kennt meinen Schmerz: Sie hat ja selbst zerrissen, Zerrissen mir das Herz. 23 . Warum sind denn die Rosen so blast, O sprich, mein Lieb, warum? Warum sind denn im grünen Gras Die blauen Veilchen so stumm? Warum singt denn mit so kläglichem Laut Die Lerche in der Luft? Warum steigt denn aus dem Balsamkraut Hervor ein Leichenduft? 101 Warum schein! denn die Sonn' auf die An So kalt und verdrießlich herab? Warum ist denn die Erde so grau Und öde wie ein Grab? Warum bin ich selbst so krank und so trüb, Mein liebes Liebchen? sprich! O sprich, mein herzallerliebstes Lieb, Warum verließest du mich? 24 . Sie haben dir Viel erzählet Und haben Viel geklagt; Doch was meine Seele gequälet, Das haben sie nicht gesagt. Sie machten ein großes Wesen Und schüttelten kläglich das Haupt; Sie nannten mich den Bösen^ Und du hast Alles geglaubt. Jedoch das Allerschlimmste, Das haben sie nicht gemusst; Das Schlimmste nnd das Dümmste, Das trug ich geheim in der Brust. 25 . Die Linde blühte, die Nachtigall sang, Die Sonne lachte mit freundlicher Lust; Da küsstest du mich, und dein Arui mich umschlang, Da presstest du mich an die schwellende Brust. 102 Die Blätter fielen, der Rabe schrie hohl, Die Sonne grüßte verdrossenen Blicks; Da sagten wir frostig einander: „Lebwohl!" Da knixtest du höflich den höflichsten Knix. 26 . Wir haben Viel für einander gefühlt, Und dennoch uns gar vortrefflich vertragen. Wir haben oft „Mann und Frau" gespielt, Und dennoch uns nicht gerauft und geschlagen. Wir haben zusammen gejauchzt und gescherzt, Und zärtlich uns geküsst und geherzt. Wir haben am Ende aus kindischer Lust „Verstecken" gespielt in Wäldern und Gründen, Und haben uns so zu verstecken gewufst, Dass wir uns nimmermehr wiederfinden. 27 . Du bliebest mir treu am längsten, Und hast dich für mich verwendet, Und hast mir Trost gespendet In meinen Nöthen und Ängsten. Du gäbest mir Trank und Speise, Und hast mir Geld geborget, Und hast mich mit Wäsche versorget, Und mit dem Pass für die Reise. Mein Liebchen, dass Gott dich behüte Noch lange vor Hitz' und vor Kälte, Und dass er dir nimmer vergelte Die mir erwiesene Güte! — 103 28 . Die Erde war so lange geizig, Da kain der Mai, und sie ward spendabel, Und Alles lacht und jauchzt und sreut sich, Ich aber bin nicht zu lachen kapabel. Die Blumen sprießen^ die Glöcklein schallen, Die Bögel sprechen wie in der Fabel; Mir aber will das Gespräch nicht gefallen, Ich finde Alles miserabel. Das Menschenvolk mich ennuyieret, Sogar der Freund, der sonst Passabel; — -Das kömmt, weil man „Madam" titulieret Mein süßes Liebchen, so süß und aimabel. 29 . Und als ich so lange, so lange gesäumt, In fremden Landen geschwärmt und geträumt: Da ward meiner Liebsten zu lang die Zeit, lind sie nähete sich ein Hochzeitkleid, Und hat mit zärtlichen Armen umschlungen Als Bräut'gam den'dümmsten der dummen Zungen. Mein Liebchen ist so schön und mild, Noch schwebt vor mir ihr süßes Bild; Die Veilchcnaugen, die Rosenwänglcin, Die glühen und blühen, jahraus, jahrein. ' Dass ich von solchem Lieb' konnt' weichen, War der dümmste von meinen dummen Streichen. 104 30 . Die blauen Veilchen der Äugelest:, Die rothen Rosen der Wängelein, Die weißen Liljen der Händchen klein, Die blühen und blühen noch immerfort, Und nur das Herzchen ist verdorrt. 31 . Die Welt ist so schön und der Himmel so blau, Und die Lüste wehen so lind und so lau, Und die Blumen winken auf blühender Au, Und funkeln und glitzern im Morgenthau, Und die Menschen jubeln, wohin ich schau' — Und doch möcht' ich im Grabe liegen, Und mich an ein todtes Liebchen schmiegen. 32 . Mein süßes Lieb, wenn du im Grab, Im dunkeln Grab wirst liegen, Dann will ich steigen zn dir hinab, Und will mich an dich schmiegen. Ich küsse, umschlinge und presse dich wild, Du Sülle, du Kalte, du Bleiche! Ich jauchze, ich zittre, ich weine mild, Ich werde selber zur Leiche. Die Todten stehn auf, die Mitternacht ruft, Sie tanzen im luftigen Schwärme: Wir Beide bleiben in der Grust, Ich liege in deinem Arme. 105 Die Todten stehn eins, der Tag des Gerichts Ruft sie zu Qual nnd Vergnügen; Wir Beide bekümmern uns um Nichts, Und bleiben ruhig liegen. 33. Ein Fichtenbaum steht einsam Im Norden auf kahler Höh'. Ihn schläfert; mit weißer Decke Umhüllen ihn Eis und Schnee. Er träumt von einer Palme, Die fern im Morgenland Einsam und schweigend trauert Auf brennender Felsenwand. 34. Und das Alles sah ich glänzen In dem Aug' der schönen Frau. 156 43 . Im Traum sah ich die Geliebte, Ein banges, bekümmertes Weib, Verwelkt und abgefallen Der sonst so blühende Leib. Ein Kind trug sie auf dem Arme, Ein andres'führt sie an der Hand, Und sichtbar ist Armuth und Trübsal Am Gang und Blick und Gewand. Sie schwankte über den Marktplatz, Und da begegnet sie mir, Und sieht mich an, und ruhig Und schmerzlich sag' ich zu ihr: „Komm mit nach meinem Hause, Denn du bist blass und krank; Ich will durch Fleiß und Arbeit Dir schaffen Speis' und Trank. „Ich will auch Pflegen und warten Die Kinder, die bei dir sind, Bor Allem aber dich selber, Du armes, unglückliches Kind. „Ich will dir nie erzählen, Dass ich dich geliebet hab', Und wenn du stirbst, so will ich Weinen auf deinem Grab." 157 44 . „Theurer Freund! Was soll es nützen, Stets das alte Lied zu leiern? Willst du ewig brütend sitzen Aus den alten Liebes-Eiern? „Ach! Das ist ein ewig Gattern, Aus den Schalen kriechen Küchlein, Und sie piepsen und sie flattern, Und du sperrst sie in ein Büchlein." 45 . Werdet nur nicht ungeduldig, Wenn von alten Leidensklängen Manche noch vernehmlich tönen In den neuesten Gesängen. Wartet nur, es wird verhallen Dieses Echo meiner Schmerzen, Und ein neuer Liederfrühling Sprießt aus dem geheilten Herzen. 46 . Nun ist es Zeit, dass ich mit Verstand Mich aller Thorheit entled'ge, Ich hab' so lang als Komödiant Mit dir gespielt die Komödie. 158 Die prächt'gen Koulissen, sie waren bemalt Im hochromantischen Stile, Mein Nittcrmantel hat goldig gestrahlt, Ich fühlte die feinsten Gefühle. Und nun ich mich gar säuberlich Des tollen Tands entled'ge: Noch immer elend fühl' ich mich, Als spielt' ich'noch immer Komödie. Ach Gott! inr Scherz und unbewusst Sprach ich, was ich gefühlet; Ich hab' mit dem Tod in der eignen Brust Den sterbenden Fechter gespielet. 47 . Den König Wiswamitra, Den treibt's ohne Rast und Ruh, Er will durch Kampf und Büßung Erwerben Wasischta's Kuh. O, König Wiswamitra, O, welch ein Ochs bist du, DaK du so viel kämpfest und büßest, Und Alles für eine Kuh! 48 . Herz, mein Herz, sei nicht beklommen, Und ertrage dein Geschick. Neuer Frühling giebt zurück, Was der Winter dir genommen. 159 Und wie Viel ist dir geblieben! Und wie schön ist noch die Welt! Und mein Herz, was dir gefällt, Aller, Alles darfst du lieben! 49 . Du bist wie eine Blume So hold und schön und rein; Ich schau' dich an, und Wehmuth Schleicht mir ins Herz hinein. Mir ist, als ob ich die Hände Aufs Haupt dir legen sollt', Betend, dass Gott dich erhalte So rein und schön und hold. 50 . Kind! es wäre dein Verderben, Und ich geb' mir selber Mähe, Dass dein liebes Herz in Liebe Nimmermehr für mich erglühe. Nur dass mir's so leicht gelinget, Will mich dennoch fast betrüben, Und ich denke manchmal dennoch: Möchtest du mich dennoch lieben! 160 51 . Wenn ich auf dem Lager liege, In Nacht und Kissen gehüllt, So schwebt mir vor ein süßes, Unmuthig liebes Bild. Wenn mir der stille Schlummer Geschlossen die Augen kaum, So schleicht das Bild sich leise Hinein in meinen Traum. Doch mit dem Traum des Morgens Zerrinnt es nimmermehr; Dann trag' ich es im Herzen Den ganzen Tag umher. 52 . Mädchen mir dem rothen Mündchen, Mit den Äuglein süß und klar, Du mein liebes, kleines Mädchen, Deiner denk' ich immerdar. Lang ist heut der Winterabend, Und ich möchte bei dir sein, Bei dir sitzen, mit dir schwatzen Im vertrauten Kämmerlein. An die Lippen wollt' ich pressen Deine kleine weiße Hand, Und mit Thränen sie benetzen, Deine kleine weiße Hand. 161 53 . Mag da draußen Schnee sich Ihürmen, Mag es hageln, mag es stürmen, Klirrend mir aus Fenster schlagen: Nimmer will ich mich beklagen, Denn ich trage in der Brust Liebchens Bild und Frühlingslust. 54 . Andre beten zur Madonne, Andre auch zu Paul und Peter; Ich jedoch, ich will nur beten, Nur zu dir, du schöne Sonne. Gieb mir Küsse, gieb mir Wonne, Sei mir gütig, sei mir gnädig, Schönste Sonne unter den Mädchen, Schönstes Mädchen unter der Sonne! 55 . Verrieth mein blasses Angesicht Dir nicht mein Liebeswehe? Und willst du, dass der stolze Mund Das Bettelwort gestehe? O, dieser Mund ist viel zu stolz Und kann nur küssen und scherzen; Er spräche vielleicht ein höhnisches Wort, Während ich sterbe vor Schmerzen. Heine's Werke. Bd. XV. 11 162 56 . „Theurer Freund, du bist verliebt, Und dich quälen neue Schmerzen; Dunkler wird es dir im Kopf, Heller wird es dir im Herzen. „Theurer Freund, du bist verliebt, Und du willst es nicht bekennen, Und ich seh' des Herzens Muth Schon durch deine Weste brennen." 57 . Ich wollte bei dir weilen Und an deiner Seite ruhn; Du musstest von mir eilen, Du hattest Viel zu thun. Ich sagte, dass meine Seele Dir gänzlich ergeben sei; Du lachtest aus voller Kehle, Und machtest 'neu Knix dabei. Du hast noch mehr gesteigert Mir meinen Liebesverdruss, Und hast mir sogar verweigert Am Ende den Abschiedskuss. Glaub' nicht, dass ich mich erschieße, Wie schlimm auch die Sachen stehn! Das Alles, meine Süße, Ist mir schon einmal geschehn. 163 58 . Saphire sind die Augen dein, Die lieblichen, die süßen. O, dreimal glücklich ist der Mann, Den sie mit Liebe grüßen. Dein Herz, es ist ein Diamant, Der edle Lichter sprühet. O, dreimal glücklich ist der Mann, Für den es liebend glühet. Rubinen sind die Lippen dein, Man kann nicht schönre sehen. O, dreimal glücklich ist der Mann, Dem Liebe sie gestehen. O, kennt' ich nur den glücklichen Mann, O, dass ich ihn nur fände, So recht allein im grünen Wald — Sein Glück hätt' bald ein Ende. 59 . Habe mich mit Liebesreden Festgclogen an dein Herz, Und, verstrickt in eignen Fäden, Wird zum Ernste mir mein Scherz. Wenn du dich mit vollem Rechte Scherzend nun von mir entfernst, Nahn sich mir die Höllenmächte, Und ich schieß' mich todt im Ernst. « 164 60 . Zu fragmentarisch ist Welt und Leben — Ich will mich zum deutschen Professor begeben. Der weiß das Leben zusammen zu setzen, Und er macht ein verständlich System daraus; Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen Stopft er die Lücken des Weltenbaus. 61 . Ich hab' mir lang den Kopf zerbrochen Mit Denken und Sinnen, Tag und Nacht, Doch deine liebenswürdigen Augen, Sie haben mich znm Entschluss gebracht. Jetzt bleib' ich, wo deine Augen leuchten, In ihrer süßen, klugen Pracht — Dass ich noch einmal würde lieben, Ich hätt' es nimmermehr gedacht. 62 . Sie haben heut Abend Gesellschaft, Und das Hans ist lichtersüllt. Dort oben am hellen Fenster Bewegt sich ein Schattenbild. Du schaust mich nicht, im Dunkeln Steh' ich hier unten allein; Noch wen'ger kannst du schallen In mein dunkles Herz hinein. 165 Mein dunkles Herze liebt dich, Es liebt dich und es bricht, Und bricht und znckt und verblutet, Aber du siehst es nicht. 63. Ich wollt', meine Schmerzen ergössen Sich all' in ein einziges Wort, Das gab' ich den lustigen Winden, Die trügen es lustig fort. Sie tragen zu dir, Geliebte, Das schmerzerfüllte Wort; Du hörst es zu jeder Stunde, Du hörst es an jedem Ort. Und hast du zum nächtlichen Schlummer Geschlossen die Augen kaum, So wird dich mein Wort verfolgen Bis in den tiefsten Traum. 64. Du hast Diamanten und Perlen, Hast Alles, was Menschenbegehr, Und hast die schönsten Augen — Mein Liebchen, was willst du mehr? Aus deine schönen Augen Hab' ich ein ganzes Heer Bon ewigen Liedern gedichtet — Mein Liebchen, was willst du mehr? 166 Mit deinen schönen Angen Hast du mich gequält so sehr, Und hast mich zu Grunde gerichtet — Mein Liebchen, was willst du mehr? 65 . Wer zum ersten Male liebt, Sei's auch glücklos, ist ein Gott; Aber wer zum zweiten Male Glücklos liebt, Der ist ein Narr. Ich, ein solcher Narr, ich liebe Wieder ohne Gegenliebe; Sonne, Mond und Sterne lachen, Und ich lache mit — und sterbe. 66 . Gaben mir Rath nnd gute Lehren, Überschütteten mich mit Ehren, Sagten, dass ich nur warten sollt', Haben mich protegieren gewollt. Aber bei all ihrem Protegieren, Hätte ich können vor Hunger krepieren, Wär' nicht gekommen ein braver Mann, Wacker nahm er sich meiner an. Braver Mann! er schafft mir zu essen! Will es ihm nie und nimmer vergessen! Schade, dass ich ihn nicht küssen kann! Denn ich bin selbst dieser brave Mann. 167 67 . Diesen liebcnswürd'gen Jimgling Kann man nicht genug verehren; Oft traktiert er mich mit Austern Und mit Rheinwein und Likören. Zierlich fitzt ihm Rock und Höschen, Doch noch zierlicher die Binde, Und so kommt er jeden Morgen, Fragt, ob ich mich wohl befinde; Spricht von meinem weiten Ruhme, Meiner Anmuth, meinen Witzen' Eifrig und geschäftig ist er, Mir zu dienen, mir zu nützen. Und des Abends in Gesellschaft, Mit begeistertem Gesichte, Deklamiert er vor den Damen Meine göttlichen Gedichte. O, wie ist es hoch erfreulich, Solchen Jüngling noch zu finden, Jetzt in unsrer Zeit, wo täglich Mehr und mehr die Bessern schwinden. 68 . Mir träumt: ich bin der liebe Gott, Und sitz' im Himmel droben, Und Englcin sitzen um mich her, Die meine Verse loben. 168 — Und Kuchen ess' ich und Konfekt Für manchen lieben Gulden, Und Kardinal trink' ich dabei, Und habe keine Schulden. Doch Langeweile Plagt mich sehr, Ich wollt', ich wär' auf Erden, Und wär' ich nicht der liebe Gott, Ich könnt' des Teufels werden. „Du langer Engel Gabriel, Geh, mach dich auf die Sohlen, Und meinen theuern Freund Eugen Sollst du herauf mir holen. „Such ihn nicht im Kollegium, Such ihn beim Glas Tokaier; Such ihn nicht in der Hedwigskirch', Such ihn bei Mamsell Meyer." Da breitet aus sein Flügelpaar Und fliegt herab der Engel, Und packt ihn auf, und bringt herauf Den Freund, den lieben Bengel. „Ja, Jung', ich bin der liebe Gott, Und ich regier' die Erde! Ich hab's ja immer dir gesagt, Dass ich was Rechts noch werde. „Und Wunder thu' ich alle Tag', Die sollen dich entzücken! Und dir zum Spaße will ich heut Die Stadt Berlin beglücken. 169 — „Die Pflastersteine auf der Straß', Die sollen jetzt sich spalten, Und eine Auster, frisch und klar, Soll jeder Stein enthalten. „Ein Regen von Litronensaft Soll thauig sie beziehen, Und in den Straßengössen soll Der beste Rheinwein fließen." Wie freuen die Berliner sich, Sie gehen schon aus Fressen; Die Herren von dem Landgericht, Die saufen aus den Gössen. Wie freuen die Poeten sich Bei solchem Götterfraße! Die Lieutnants und die Fähnderichs, Die lecken ab die Straße. Die Lieutnants und die Fähnderichs, Das sind die klügsten Leute, Sie denken: alle Tag' geschieht Kein Wunder so wie heute. 69 . Ich hab' euch im besten Juli verlassen, lind find' euch wieder im Januar; Ihr saßet damals so recht in der Hitze, Jetzt seid ihr gekühlt und kalt sogar. 170 Bald scheid' ich nochmals, und komm' ich einst wieder, Dann seid ihr weder warm noch kalt, Und über eure Gräber schreit' ich, Und das eigne Herz ist arm und alt. 70 . Von schönen Lippen fortgedrängt, getrieben Aus schönen Armen, die uns fest umschlossen! Ich wäre gern noch einen Tag geblieben, Da kam der Schwager schon mit seinen Rossen. Das ist das Leben, Kind! ein ewig Jammern, Ein ewig Abschiednehnien, ew'ges Trennen! Konnt' denn dein Herz das mein'ge nicht umklammern? Hat selbst dein Auge mich nicht halten können? 71 . Wir fuhren allein im dunkeln Postwagen die ganze Nacht; Wir ruhten einander am Herzen, Wir haben gescherzt und gelacht. Doch als es Morgens tagte, Mein Kind, wie staunten wir! Denn zwischen uns saß Amor, Der blinde Passagier. 171 72 . Das weiß Gott, wo sich die'tolle Dirne einquartieret hat; Fluchend in dem Regenwetter Lauf ich durch die ganze Stadt. Bin ich doch von einem Gasthof Nach dem andern hingerannt, Und an jeden groben Kellner Hab' ich mich umsonst gewandt. Da erblick' ich sie am Fenster, Und sie winkt und kichert hell. Konnt' ich wissen, du bewohntest, Mädchen, solches Pracht-Hotel! 73 . Wie dunkle Träume stehen Die Häuser in langer Reih'; Tief eingehüllt im Mantel, Schreite ich schweigend vorbei. Der Thurm- der Kathedrale Verkündet die zwölfte Stund'; Mit ihren Reizen und Küssen Erwartet mich Liebchen jetzund. Der Mond ist mein Begleiter, Er leuchtet mir freundlich vor; Da bin ich an ihrem Hause, Und freudig ruf ich empor: 172 „Ich danke dir, alter Vertrauter, Dass du meinen Weg erhellt; Jetzt will ich dich entlassen, Jetzt leuchte der übrigen Welt! „Und findest du einen Verliebten, Der einsam klagt sein Leid, So tröst' ihn, wie du mich selber Getröstet in alter Zeit." 74 . Und bist du erst mein ehlich Weib, Dann bist du zu beneiden, Dann lebst dn in lauter Zeitvertreib, In lauter Plaisir und Freuden. Und wenn dn schiltst und wenn du tobst, Ich werd' es geduldig leiden; Doch wenn dn meine Verse nicht lobst, Lass' ich mich von dir scheiden. 75 . An deine schneeweiße Schulter Hab' ich mein Haupt gelehnt, Und heimlich kann ich behorchen, Wonach dein Herz sich sehnt. Es blasen die blauen Husaren, Und reiten zmn Thor herein, Und morgen will mich verkästen Die Herzallerliebste mein. 173 Und willst du mich morgen verlassen, So bist dn doch heute noch mein, Und in deinen schönen Armen " Will ich doppelt selig sein. 76 . Es blasen die blauen Husaren, Und reiten zum Thor hinaus; Da komm' ich, Geliebte, und bringe Dir einen Rosenstrauß. Das war eine wilde Wirthschaft! Kriegsvolk und Landesplag'! » Sogar in deinem Herzchen Viel Einquartierung lag. 77 . Habe auch in jungen Jahren Manches bittre Leid erfahren Von der Liebe Gluth. Doch das Holz ist gar zu theuer, Und erlöschen will das Feuer, >Ia toi! und Das ist gut. Das bedenke, junge Schöne, Schicke fort die dumme Thräne Und den dummen Licbesharm. Ist das Leben dir geblieben, So vergiss das alte Lieben, Lla koil in meinem Arm. 174 78 . Bist du wirklich mir so feindlich, Bist du wirklich ganz verwandelt? Aller Welt will ich es klagen, Dast du mich so schlecht behandelt. O ihr undankbaren Lippen, Sagt, wie könnt ihr Schlimmes sagen Bon dem Manne, der so liebend Euch geküsst in jenen Tagen? 79 . Ach, die Augen sind es wieder, Die mich einst so lieblich grüßten, Und es sind die Lippen wieder, Die das Leben mir versüßten! Auch die Stimme ist es wieder, Die ich einst so gerat gehöret! Nur ich selber bin's nicht wieder, Bin verändert heimgekehrt. Von den weißen, schönen Armen Fest und liebevoll umschlossen, Lieg' ich jetzt an ihrem Herzen Dumpfen Sinnes und verdrossen. 175 80 . Selten habt ihr mich verstanden, Selten auch verstand ich euch; Nur wenn wir im Koth uns fanden, So verstanden wir uns gleich. 81 . Doch die Kastraten klagten, Als ich meine Stimm' erhob; Sie klagten und sie sagten: Ich sänge viel zu grob. Und lieblich erhoben sie Alle Die kleinen Stimmelein, Die Trillerchen, wie Krystalle, Sie klangen so fein und rein. Sie sangen von Liebessehnen, Von Liebe und Liebeserguß; Die Damen schwammen in Thränen Bei solchem Kunstgenuß. 82 . Auf den Wällen Salamanka's Sind die Lüfte lind und labend; Dort mit meiner holden Donna Wandle ich am Sommerabend. 176 Um den schlanken Leib der Schönen Hab' ich meinen Arm gebogen, Und mit sel'gem Finger fühl' ich Ihres Busens stolzes Wogen. Doch ein ängstliches Geflüster Zieht sich durch die Lindenbäume, Und der dunkle Mühlbach unten Murmelt böse, bange Träume. „Ach, Sennora, Ahnung sagt mir: Einst wird man mich relegieren, Und auf Salamanka's Wällen Gehn wir nimmermehr spazieren." 83 . Neben mir wohnt Don Henriqnez, Den man auch den Schönen nennet; Nachbarlich sind unsre Zimmer, Nur von dünner Wand getrennet. Salamanka's Damen glühen, Wenn er durch die Straßen schreitet, Sporenklirrend, schnurrbartkräuselnd, Und von Hunden stets begleitet. Doch in stiller Abendstunde Sitzt er ganz allein daheime, In den Händen die Guitarre, In der Seele süße Träume. In die Saiten greift er bebend Und beginnt zu phantasieren — Ach! wie Katzenjammer quält mich Sein Geschnarr und Ouinquilieren. 84 . Kaum sahen wir uns, und an Augen und Stimme Merkt' ich, daß du mir gewogen bist; Stand nicht dabei die Mutter, die schlimme, Ich glaube, wir hätten uns gleich geküsst. Und morgen verlasse ich wieder das Städtchen, Und eile fort im alten Lauf; Dann lauert am Fenster mein blondes Mädchen, Und freundliche Grüße werf' ich hinauf. 85 . Über die Berge steigt schon die Sonne, Die Lämmerherde läutet fern; Mein Liebchen, mein Lamm, meine Sonne und Wonne, Noch einmal säh' ich dich gar zu gern! Ich schaue hinauf mit spähender Miene — Leb wohl, mein Kind, ich wandle von hier! Vergebens! Es regt sich keine Gardine; Sie liegt noch und schläft — und träumt von mir? Hcine's Werk?. Bd. XV. 12 178 86 . Zu Halle auf dem Markt, Da stehn zwei große Löwen. Ei, du höllischer Löwentrotz, Wie hat man dich gezähmet! Zu Halle ans dem Markt, Da steht ein großer Riese. Er hat ein Schwert und regt sich nicht, Er ist vor Schreck versteinert. Zu Halle auf dem Markt, Da steht eine große Kirche. Die Burschenschaft und die Landsmannschaft, Die haben dort Platz zum Beten. 87 . Dämmernd liegt der Sommerabend Über Wald und grünen Wiesen; Goldner Mond im blauen Himmel Strahlt herunter, duftig labend. An dem Bache zirpt die Grille, Und es regt sich in dem Wasser, Und der Wandrer hört ein Plätschern Und ein Athmen in der Sülle. Dorten, an dem Bach alleine, Badet sich die schöne Elfe; Arm und Nacken, weiß und lieblich, Schimmern in dem Mondenscheinc. 179 88 . Nacht liegt aus den fremden Wegen, — Krankes Herz nnd müde Glieder; — Ach, da fließt, wie stiller Segen, Süßer Mond, dein Licht hernieder. Süßer Mond, mit deinen Strahlen Scheuchest du das nächt'ge Granen; Es zerrinnen meine Qualen, Und die Augen überthauen. 89 . Der Tod, Das ist die kühle. Nacht, Das Leben ist der schwüle Tag. Es dunkelt schon, mich schläfert, Der Tag hat mich müd gemacht. Über mein Bett erhebt sich ein Baum, Drin singt die junge Nachtigall; Sie singt von lauter Liebe, Ich hör' es sogar im Traum. 90 . „Sag, wo ist dein schönes Liebchen, Das du einst so schön besungen, Als die zaubermächt'gen Flammen Wunderbar dein Herz durchdrungen?" Jene Flammen sind erloschen, Und mein Herz ist kalt und trübe, Und dies Büchlein ist die Urne Mit der Asche meiner Liebe. - , 2 * 180 Götterdämmerung. Der Mai ist da mit seinen goldnen Lichtern Und seidne» Lüften und gewürzten Düften, Und freundlich lockt er mit den weißen Blüthen, Und grüßt aus tausend blauen Veilchenaugen, Und breitet ans den blumrcich grünen Teppich, Durchwetzt mit Sonnenschein und Morgenthan, Und ruft herbei die lieben Menschenkinder. Das blöde Volk gehorcht dem ersten Ruf; Die Männer ziehn die Nankinghosen an Und Sonntagsröck' mit goldnen Spicgelknöpfen; Die Frauen kleiden sich in Unschuldweiß; Jünglinge kräuseln sich den Frühlingsschnurrbart; Jungfrauen lassen ihre Busen wallen; Die Stadtpoeten stecken in die Tasche Papier und Bleistift und Lorgnett', — und jubelnd Zieht nach dem Thor die krausbewegte Schar, Und lagert draußen sich auf grünem Rasen, Bewundert, wie die Bäume fleißig wachsen, Spielt mit den bunten, zarten Blümelein, Horcht aus den Sang der lnst'gen Vögelein, Und jauchzt hinauf zum bläuen Himmelszelt. Zu mir kam auch der Mai. Er klopfte dreimal An meine Thür und rief: „Ich bin der Mai, Du bleicher Träumer, komm, ich will dich küssen!" 181 Ich hielt verriegelt meine Thür, und rief: Vergebens lockst du mich, du schlimmer Gast. Ich habe dich durchschaut, ich hab' durchschaut Den Bau der Welt, und hab' zu Viel geschaut, Und viel zu tief, und hin ist alle Freude, Und ew'ge Qualen zogen in mein Herz. Ich schaue durch die steinern harten Rinden Der Menschenhäuser und der Mcnschenherzen, Und schau' in beiden Lug und Trug und Elend. Auf den Gesichtern les' ich die Gedanken, Viel schlimme. In der Jungfrau Schamcrröthen Seh' ich geheime Lust begehrlich zittern; Auf dem begeistert stolzen Jünglingshaupt Seh' ich die lachend bunte Schellenkappe; Und Fratzenbilder nur und sieche Schatten Seh' ich auf dieser Erde, und ich weiß nicht, Ist sie ein Tollhaus oder Krankenhaus. Ich sehe durch den Grund der alten Erde, Als sei sie von Krystall, und seh' das Grause», Das mit dem frcud'gcn Grüne zu bedecken Der Mai vergeblich strebt. Ich seh' die Todten; Sie liegen nuten in den schmalen Särgen, Die Händ' gefaltet und die Augen offen, Weiß das Gewand und weiß das Angesicht, Und durch die Lippen kriechen gelbe Würmer. Ich seh', der Sohn fetzt sich mit seiner Buhle Zur. Kurzweil nieder auf des Vaters Grab; Spottlieder singen rings die Nachtigallen, Die sanften Wiesenblumen lachen hämisch, Der todte Vater regt sich in dem Grab — Und schmerzhaft zuckt die alte Mutter Erde. Du arme Erde, deine Schmerzen kenn' ich Ich seh' die Gluth in deinem Busen wühlen, 182 Und deine tausend Adern seh' ich bluten, Und seh', wie deine Wunde klaffend aufreißt, Und wild hervorströmt Flamm' und Rauch und Blut. Ich sehe deine trotz'gen Niesensöhne, Uralte Brüt, aus dunkeln Sckilündcn steigend Und rothe Fackeln in den Händen schwingend; Sie legen ihre Eisenleiter an Und stürmen wild hinauf zur Himmelsfeste; — Und schwarze Zwerge klettern nach, und knisternd Zerstieben droben alle goldnen Sterne. Mit frecher Hand reißt man den goldnen Vorhang Bom Zelte Gottes, heulend stürzen nieder Aufs Angesicht die frommen Engelscharen. Auf seinem Throne sitzt der bleiche Gott, Reißt sich vom Haupt die Krön', zerrauft sein Haar — Und näher dringt heran die wilde Rotte. Die Riesen werfen ihre rothen Fackeln Ins weite Himmelreich, die Zwerge schlagen Mit Flammengeißeln auf der Englein Rücken — Die winden sich und krümmen sich vor Qualen, Und werden bei den Haaren fortgeschleudert. — Und meinen eignen Engel seh' ich dort, Mit seinen blonden Locken, süßen Zügen, Und mit der ew'gen Liebe um den Mund, Und mit der Seligkeit im blauen Auge — Und ein entsetzlich hässlich schwarzer Kobold Reißt ihn vom Boden, meinen bleichen Engel, Beäugest grinsend seine edlen Glieder, Umschlingt ihn fest mit zärtlicher Umschlingung — Und gellend dröhnt ein Schrei durchs ganze Weltall, Die Säulen brechen, Erd' und Himmel stürzen Zusammen, und es herrscht die alte Nacht. 183 Ratcliff. Der Traumgott brachte mich in eine Landschaft, Wo Trauerweiden mir „Willkommen" winkten Mit ihren langen, grünen Armen, wo die Blumen Mit klugen Schwesteraugcn still mich ansahn, Wo mir vertraulich klang der Vogel Zwitschern, Wo gar der Hunde Bellen mir bekannt schien, Und Stimmen und Gestalten mich begrüßten Wie einen alten Freund, und wo doch Alles So fremd mir schien, so wunderseltsam fremd. Vor einem ländlich schmucken Hause stand ich; In meiner Brust bewegte sich's, im Kopfe War's ruhig, ruhig schüttelte ich ab Den Staub von meinen Reisekleidern, Grell klang die Klingel und die Thür ging auf. Da waren Männer, Frauen, viel' bekannte Gesichter. Stiller Kummer lag auf allen Und heimlich scheue Angst. Seltsam verstört, Mit Beileidsmienen fast, sahn sie mich an, Daß es mir selber durch die Seele schauert', Wie Ahnuug eines unbekannten Unheils. Die alte Margreth hab' ich gleich erkannt; Ich sah sie forschend an, jedoch sie sprach nicht. „Wo ist Maria?" fragt' ich, doch sie sprach nicht, Griff leise meine Hand, und führte mich Durch viele lange, leuchtende Gemächer, Wo Prunk und Pracht und Todtenstille herrschte, Und führt' mich endlich in ein dämmernd Zimmer, Und zeigt' mit abgewandtem Angesicht Nach der Gestalt, die auf dem Sopha saß. „Sind Aie Maria?" fragt' ich. Innerlich Erstaunt' ich selber ob der Festigkeit, 184 Womit ich sprach. Und steinern und metalllos Scholl eine Stimm': „So nennen mich die Leute." Ein schneidend Weh dnrchfröstelte mich da, Denn jener hohle, kalte Ton war doch Die einst so süße Stimme von Maria! Und jenes Weib im fahlen Lilakleid, Nachlässig angezogen, Busen schlotternd, Die Augen gläsern starr, die Wangcnmuskclu Des weißen Angesichtes lcderschlaff — Ach, jenes Weib war doch die einst so schone, Die blühend holde, liebliche Maria! „Sie waren lang' auf Reisen!" sprach sie laut, Mit kalt unheimlicher Vertraulichkeit, „Sie schaun nicht mehr so schmachtend, liebster Freund, Sie sind gesund, und pralle Lend' und Wade Bezeugt Solidität." Ein süßlich Lächeln Umzitterte den gelblich blassen Mund. In der Verwirrung sprach's aus mir hervor: „Man sagte mir, Sie haben sich vermählt?" „Ach ja!" sprach sie gleichgültig laut und lachend, „Hab' einen Stock von Holz, der überzogen Mit Leder ist, Gemahl sich nennt; doch Holz Ist Holz!" Und klanglos widrig lachte sie, Dass kalte Angst durch meine Seele rann, Und Zweifel mich ergriff: — sind Das die keuschen, Die bluincnkeuschen Lippen von Maria? Sie aber hob sich in die Höh', nahm rasch Bom Stuhl den Kaschemir, warf ihn Um ihren Hals, hing sich an meinen Arni, Zog mich von hinnen durch die offne Hausthür, Und zog mich fort durch Feld nnd Busch und Au. Die glühend rothe Sonnenschcibe schwebte Schon niedrig, und ihr Purpur überstrahlte Die Bäume und die Blumen und den Strom, Der in der Ferne majestätisch floss. „Sehn Sie das große goldne Auge schwimmen Im blauen Wasser?" rief Maria hastig. „Süll, armes Wesen!" sprach ich, und ich schaute Im Dämmerlicht ein märchenhaftes Weben. Es stiegen Nebelbildcr aus den Feldern, Umschlangen sich mit weißen, weichen Armen. Die Veilchen sahn sich zärtlich an, sehnsüchtig Zusammenbeugten sich die Liljcnkelche; Auf allen Rosen glühten Wollustgluthen; Die Nelken wollten, sich im Hauch entzünden; In sel'gen Düften schwelgten alle Blumen, Und alle weinten stille Wonnethräncn, Und Alle jauchzten: „Liebe! Liebe! Liebe!" Die Schmetterlinge flatterten, die hellen Goldkäfer summten feine Elfenliedchcn, Die Abendwinde flüsterten, es rauschten Die Eichen, schmelzend sang die Nachtigall — Und zwischen all dem Flüstern, Rauschen, Singen Schwatzte mit blechern klanglos kalter Stimme Das welke Weib, das nur am Arme hing: „Ich kenn' ihr nächtlich Treiben aus dem Schloss Der lange Schatten ist ein guter Tropf, Er nickt und winkt zu Allem, was man will; Der Blaurock ist ein Engel; doch der Nöthe Mit blankem Schwert ist Ihnen spinnefeind." Und noch viel buntrc, wunderliche Reden Schwatzt' sie in Einem fort, und setzte sich Ermüdet mit mir nieder aus die Moosbank, Die unterm alten Eichenbaume steht.. Da saßen wir beisammen, still und traurig, Und sahn uns an, und wurden immer traur'ger. 186 — Die Eiche säuselte wie Sterbeseufzer, Tiefschmerzlich sang die Nachtigall herab. Doch rothe Lichter drangen durch die Blätter, Umflimmerten Maria's weißes Antlitz, Und lockten Gluth aus ihren starren Augen, Und mit der alten, süßen Stimme sprach sie: „Wie wusstest du, dass ich so elend bin? Ich las es jüngst in deinen wilden Liedern." Eiskalt durchzog's mir da die Brust, mir grauste Ob meinem eignen Wahnsinn, der die Zukunft Geschaut, es zuckte dunkel durch mein Hirn, Und vor Entsetzen bin ich aufgewacht. Donna Clara. In dem abendlichen Garten Wandelt des Alkaden Tochter; Pauken und Drommetenjubel Klingt herunter von dem Schlosse. „Lästig werden mir die Tänze Und die süßen Schmcichelworte, Und die Ritter, die so zierlich Mich vergleichen mit der Sonne. „Überlästig wird mir Alles, Seit ich sah beim Strahl des Mondes Jenen Ritter, dessen Laute Nächtens mich ans Fenster lockte. 187 „Wie er stand so schlank und muthig, Und die Augen leuchtend schössen Aus dem edelblassen Antlitz, Glich er wahrlich Sankt Georgen." Also dachte Donna Clara, Und sie schaute auf den Boden; Wie sie ausblickt, steht der schöne, Unbekannte Ritter vor ihr. Händedrückend, liebeflüsternd Wandeln sie umher im Mondschein, Und der Zephyr schmeichelt freundlich, Märchenartig grüßen Rosen. Märchenartig grüßen Rosen, Und sie glühn wie Liebesboten. — Aber sage mir, Geliebte, Warum du so plötzlich roth wirst? „Mücken stachen mich, Geliebter, Und die Mücken sind im Sommer Mir so tief verhasst, als wären'« Langenas'ge Judenrotten." Last die Mücken und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend. Von den Mandelbäumen fallen Tausend weiße Blüthenflockcn. Tausend weiße Blüthenflocken Haben ihren Duft ergossen. — Aber sage mir, Geliebte, Ist dein Herz mir ganz gewogen? 188 „Ja, ich liebe dich, Geliebter, Bei dem Heiland sei's geschworen, Den die gottverfluchten Juden Boshaft tückisch einst ermordet." Last den Heiland und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend. In der Ferne schwanken traumhaft Weiße Liljen, lichtumflossen. Weiße Liljen, lichtumflossen, Blicken nach den Sternen droben. — Aber sage mir, Geliebte, Hast du auch nicht falsch geschworen? „Falsch ist nicht in mir, Geliebter, Wie in meiner Brust kein Tropfen Blut ist von dem Blut der Mohren Und des schmntz'gen Zndenvolkes." Lass die Mohren und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend; Und nach einer Myrtenlaube Führt er die Alkadentochtcr. Mit den weichen Liebesnetzen Hat er heimlich sie umflochten! Kurze Worte, lange Küsse, Und die Herzen überflössen. Wie ein schmelzend süßes Brautlied Singt die Nachtigall, die holde; Wie zum Fackeltanze hüpfen Fenerwürmchen auf dem Boden. 189 In der Laube wird er stiller, Und man hört nur, wie verstohlen, Das Geflüster kluger Myrten Und der Blumen Athemholen. Aber Pauken und Drommeten Schallen Plötzlich aus dem Schlosse, Und erwachend hat sich Clara Aus des Ritters Arm gezogen. „Horch! da ruft es mich, Geliebter, Doch, bevor wir scheiden, sollst du Nennen deinen lieben Namen, Den du mir so lang' verborgen." Und der Ritter, heiter lächelnd, Küsst die Finger seiner Donna, Küsst die Lippen nnd die Stirne, Und er spricht zuletzt die Worte: Ich, Sennora, Eur Geliebter, Bin der Sohn des vielbelobtcn, Großen, schriftgelehrten Rabbi Israel von Saragossa. Mmansor. 1 . In dem Dome zu Cordova Stehen Säulen, dreizehnhundert, Dreizehnhundert Riesensäulen Tragen die gewalt'ge Kuppel. 190 Und auf Säulen, Kuppel, Wänden Ziehn von oben sich bis unten Des Korans arab'sche Sprüche, Klug und bluincnhaft verschlungen. Mohrenkön'ge bauten weiland Dieses Hans zu Allah's Ruhme, Doch hat Vieles sich verwandelt In der Zeiten dunkelin Strudel. Auf dem Thurme, wo der Thürmcr Zum Gebete aufgerufen, Tönet jetzt der Christenglocken Melancholisches Gesumme. Auf den Stusen, wo die Glänb'gen Das Prophetenwort gesungen, Zeigen jetzt die Glatzenpfäfflein Ihrer Messe fades Wunder. Und Das ist ein Drehn und Winden Vor den buntbemalten Puppen, Und Das blökt und dampft und klingelt. Und die dummen Kerzen funkeln. In dem Dome zu Lordova Steht Almansor beu Abdullah, All' die Säulen still betrachtend, Und die stillen Worte murmelnd: „O, ihr Säulen, stark und riesig, Einst geschmückt zu Allah's Ruhme, Jetzo müsst ihr dienend hnld'gen Dem verhassten Lhristenthume! 191 „Ihr bequemt euch in die Zeiten, Und ihr tragt die Last geduldig; Ei, da muss ja wohl der Schwächre Noch viel leichter sich beruh'gen." Und sein Haupt, mit heiterm Antlitz, Beugt Almansor ben Abdullah Über den gezierten Taufstein, In dem Dome zu Cordova. 2 . Hastig schritt er aus dem Dome, Jagte fort auf wildem Rappen, Dass im Wind die feuchten Locken Und des Hutes Federn wallen. Aus dem Weg nach Alkolea, Dem Guadalqnivir entlange, Wo die weißen Mandeln blühen, Und die dnft'gen Gold-Orangen; Dorten jagt der lnst'ge Ritter, Pfeift und singt, und lacht behaglich, Und es stimmen ein die Vogel Und des Stromes laute Wasser. In dem Schloss zu Alkolea Wohnet Clara de Alvares, In Navarra kämpft ihr Vater, Und sie freut sich mindern Zwanges. 192 — Und Almansor hört schon ferne Pauken und Drommeten schallen, Und er sieht des Schlosses Lichter Blitzen durch der Bäume Schatten. In dem Schloss zu Alkolea Tanzen zwölf geschmückte Damen, Tanzen zwölf geschmückte Ritter, Doch am schönsten tanzt Almansor. Wie beschwingt von muntrer Laune Flattert er herum im Saale, Und er weiß den Damen allen Süße Schmeichelei« zu sagen. Jsabellens schöne Hände Küsst er rasch, nnd springt von dannen, Und er setzt sich vor Elvircn, Und er schaut ihr froh ins Antlitz. Lachend fragt er Leonoreu: Ob er heute ihr gefalle? Und er zeigt die goldnen Kreuze, Eingestickt in seinen Mantel. Er versichert jeder Dame, Dass er sie im Herzen trage; Und „so wahr ich Christ bin!" schwört er Dreißig Mal an jenem Abend. 193 3 . In dem Schlost zu Alkolca Ist verschollen Lust und Klingen, Herrn und Damen sind verschwunden, Und erloschen sind die Lichter. Donna Clara und Almansor Sind allein im Saal geblieben; Einsam streut die letzte Lampe Über Beide ihren Schimmer. Aus dem Sessel sitzt die Dame, Auf dem Schemel sitzt der Ritter, Und sein Haupt, das schlummermüde, Ruht auf den geliebten Knieen. Rosenöl aus goldnem Fläschchen Gießt die Dame, sorgsam sinnend, Auf Almansor's-braune Locken — Und er seufzt'aus Herzenstiefe. Süßen Kuss, mit sanftem Munde, Drückt die Dame, sorgsam sinnend, Auf Almansor's braune Locken — Und es wölkt sich seine Stirne. Thränenfluth aus lichten Augen Weint die Dame, sorgsam sinnend, Auf Almansor's braune Locken — Und es zuckt um seine Lippen, Hcine's Werke. Bd. XV. 13 194 Und er träumt: er stehe wieder, Tief das Haupt gebeugt und triefend, In dem Dome zu Cordova, find er hört viel' dunkle Stimmen. All' die hohen Riesensäulen Hört er murmeln nnmuthgrimmig, Länger wollen sie's nicht tragen, Und sie wanken und sie zittern; — Und sie brechen wild zusammen, Es erbleichen Volk und Priester, Krachend stürzt herab die Kuppel, Uud die Lhristengötter wimmern. Die Wallfahrt nach Kevlaar.* - 1 . Am Fenster stand die Mutter, Im Bette lag der Sohn. „Willst du nicht ausstehn, Wilhelm, Zu schaun die Procession?" Bei dem ältesten Abdruck war dirs „De/Stoff dieses Gedichtes ist nicht Eige^ldum. cMand^ durch 195 „Ich bin so krank, o Mutter, Dass ich nicht hör' und seh'; Ich denk' an das todte Gretchen, Da thut das Herz mir weh." — „Steh' auf, wir wollen nach Kcvlaar, Nimm Buch und Rosenkranz; Die Mutter-Gottes heilt dir Dein krankes Herze ganz." Es flattern die Kirchenfahnen, Es singt im Kirchenton; Das ist zu Köln am Rheine, Da geht die Procession. Die Mutter folgt der Menge, Den Sohn, Den führet sie, Sie singen Beide im Chöre: „Gelobt seist du, Marie!" Mull«. Diese führte ihn. Er aber sah Berlin, den 16. des Maimonds 1822. H. Heine." 13 ' 196 2 . Die Muttcr-GotteS zu Kevlaar Trägt heut ihr bestes Kleid; Heut hat sie Biel zu schaffen, Es kommen viel' kranke Leut'. Die kranken Leute bringen Ihr dar als Opfcrspcnd' Äns Wachs gebildete Glieder, Niet' wächserne Füß' und Hand'. Und wer eine Wachshand opfert, Dem heilt an der Hand die Wund'; Und wer einen Wachsfuß opfert, Dem wird der Fuß gesund. Nach Kevlaar ging Mancher auf Krücken, Der jetzo tanzt auf dem Seil, Gar Mancher spielt jetzt die Bratsche, Dem dort kein Finger war heil. Die Mutter nahm ein Wachslicht, Und bildete draus ein Herz. „Bring das der Mutter-Gottes, Dann heilt sie deinen Schmerz." Der Sohn nahm seufzend das Wachsherz, Ging seufzend zum Heiligenbild; Die Thräne quillt aus dem Auge, Das Wort aus dem Herzen quillt: 197 „Du Hochgcbcncdcite, Du reine Gottesmagd, Du Königin des Himmels, Dir sei mein Leid geklagt! „Ich wohnte mit meiner Mutter, Zu Köllcn in der Stadt, Der Stadt, die viele hundert Kapellen und Kirchen hat. „lind neben uns wohnte Gretchcn, Doch Die ist todt jctznnd — Marie, dir bring' ich ein Wachsherz, Heil du meine HerzenSwund'. „Heil du mein krankes Herze — Ich will auch spät und früh Jnbrünstiglich beten und singen: Gelobt seist du, Marie!" 3 . Der kranke Sohn und die Mutter, Die schliefen im Kämmerlein; Da kam die Mutter-Gottes Ganz leise geschritten herein. Sie beugte sich über den Kranken, Und legte ihre Hand Ganz leise aus sein Herze, Und lächelte mild und schwand. 198 — Die Mutter schaut Alles im Traume, Und hat noch Mehr geschaut; Sie erwachte aus dem Schlummer, Die Hunde bellten so laut.' Da lag dahingestrecket Ihr Sohn, und Der war todt; ES spielt' auf den bleichen Wangen Das lichte Morgenroth. Die Mutter faltet' die Hände, Ihr war, sie wusste nicht wie; Andächtig sang sie leise: „Gelobt seist du, Marie!" Aus der Har-reise. (1824.) Prolog. Schwarze Röcke, seidne Strümpfe, Weiße, höfliche Manschetten, . Sanfte Reden, Enibrassicren — Ach, wenn sie mir Herzen hätten! Herzen in der Brnst, nnd Liebe, Warme Liebe in dem Herzen — Ach, mich tödtet ihr Gesinge Von erlognen Licbesschmerzen. Auf die Berge will ich steigen, Wo die frommen Hütten stehen, Wo die Brust sich frei erschließet, Und die freien Lüfte wehen. Aus die Berge will ich steigen, Wo die dunkeln Tannen ragen, Bäche rauschen, Vogel singen, Und die stolzen Wolken jagen. Lebet wohl, ihr glatten Säle, Glatte Herren, glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, Lachend auf euch niederschauen. 202 Auf dem Hardenbcrge. Steiget auf, ihr alten Träume! Öffne dich, du Herzeusthor! Liederwonne, Wehmuthsthräneu Strömen wunderbar hervor. Durch die Tannen will ich schweifen, Wo die muntre Quelle springt, Wo die stolzen Hirsche wandeln, Wo die liebe Drossel singt. Auf die Berge will ich steigen, Auf die schroffen Felsenhöhn, Wo die grauen Schlossruinen In dem Morgenlichte stehn. Dorten setz' ich still mich nieder Und gedenke alter Zeit, Alter blühender Geschlechter Und versnnkner Herrlichkeit. Gras bedeckt jetzt den Turnierplatz, Wo gekämpst der stolze Mann, Der die Besten überwunden Und des Kampfes Preis gewann. Epheu rankt an dem Balköne, Wo die schöne Dame stand, Die den stolzen Überwindet- Mit den Augen überwand. 203 Ach! den Sieger und die Siegrin Hat besiegt des Todes Hand — Jener dürre Sensenritter «Streckt uns Alle in den Sand. Berg-Idylle. 1 . Auf dem Berge steht die Hütte, Wo der alte Bergmann wohnt; Dorten rauscht die grüne Tanne, Und erglänzt der goldne Mond. I» der Hütte steht ein Lehnstuhl, Ausgeschnitzclt wunderlich; Der darauf sitzt, Der ist glücklich, Und der Glückliche bin ich! Auf dem Schemel sitzt die Kleine, Stützt den Arm auf meinen Schoß; Äuglein wie zwei blaue Sterne, Mündlein wie die Purpurros'. Und die lieben blauen Sterne Schaun mich an so himmelgroß; Und sie legt den Liljenfinger Schalkhaft auf die Purpurros'. Nein, es sieht uns nicht die Mutter, Denn sie spinnt mit großem Fleiß, Und der Vater spielt die Zither, Und er singt die alte Weis'. 204 Und die Kleine flüstert leise, Leise, mit gedämpftem Lant; Manches wichtige Geheimnis Hat sie mir schon anvertraut. „Aber seit die Muhme todt ist, Können wir ja nicht mehr gehn Nach dem Schützcnhof zu Goslar, Dorten ist es gar zu schön. „Hier dagegen ist es einsam, Auf der kalten Bergeshöh', Und des Winters sind wir gänzlich Wie begraben in dem Schnee. „Und ich bin ein banges Mädchen, Und ich fürcht' mich wie ein Kind Vor den bösen Bergesgeistern, Die des Nachts geschäftig sind." Plötzlich schweigt die liebe Kleine, Wie vom eignen Wort erschreckt, Und sie hat mit beiden Händchen Ihre Äugelein bedeckt. Lauter rauscht die Tanne draußen, Und das Spinnrad schnurrt und brummt, Und die Zither klingt dazwischen, Und die alte Weise summt: „Fürcht dich nicht, du liebes Kindchen, Bor der bösen Geister Macht! Tag und Nacht, du liebes Kindchen, Halten Euglein bei dir Wacht!" 205 2 . Tannenbaum, mit grünen Fingern, Pocht aus niedre Fenstcrlcin, Und der Mond, der stille Lauscher, Wirft sein goldncs Licht herein. Vater, Mutter schnarchen leise In dem nahen Schlafgemach; Doch wir Beide, selig schwatzend, Halten uns einander wach. „Dass du gar zu oft gebetet, Das zu glauben wird mir schwer, genes Zucken deiner Lippen Kommt wohl nicht vorn Beten her. „Jenes böse, kalte Zucken, Das erschreckt mich jedesmal, Doch die dunkle Angst beschwichtigt Deiner Augen frommer Strahl. „Auch bezweisl' ich, dass du glaubest, Was so rechter Glaube heißt, — Glaubst wohl nicht an Gott den Vater, Anoden Sohn und hcil'gen Geist?" Ach, mein Kindchen, schon als Knabe, Als ich saß auf Mntters Schoß, Glaubte ich au Gott den Vater, Der da waltet gut und groß! 20 « Der die schöne Erd' erschaffen, Und die schönen Menschen drauf, Der den Sonnen, Monden, Sternen Borgezeichnet ihren Lauf. Als ich größer wurde, Kindchen, Noch Viel mehr begriff ich schon, Ich begriff und ward vernünftig, Und ich glaubt' auch an den Sohn; An den lieben Sohn, der liebend Uns die Liebe offenbart, Und znm Lohne, wie gebräuchlich, Von dem Volk gekreuzigt ward. Jetzo, da ich ausgewachsen, Viel gelesen, viel gereist, Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen Glaub' ich an den heil'gen Geist. Dieser that die'größten Wunder, Und viel größre thut er noch; Er zerbrach die Zwinghcrrnbnrgen, Und zerbrach des Knechtes Joch. Alte Todeswnnden heilt er, Und erneut das alte Recht; Alle Menschen, glcichgeboren, Sind ein adliges Geschlecht. Er verscheucht die bösen Nebel Und das dunkle Hirngespinst, Das uns Lieb' und Lust verleidet, Tag und Nacht nns angegrinst. 207 Tausend Ritter, wohlgewappnet, Hat der heil'ge Geist erwählt, Seinen Willen zu erfüllen; Und er hat sie muthbeseelt. Ihre theuren Schwerter blitzen, Ihre guten Banner wehn! Ei, du möchtest wohl, mein Kindchen, Solche stolze Ritter sehn? Nun, so schau mich an, mein Kindchen, Küsse mich, und schaue dreist; Denn ich selber bin ein solcher Ritter von dem heil'gen Geist. 3 . Still versteckt der Mond sich draußen Hinterm grünen Tannenbaum, Und im Zimmer unsre Lampe Flackert matt und leuchtet kaum. Aber rneine blauen Sterne Strahlen auf in hcllerm Licht, Und es glühn die Purpnrröslein, Und das liebe Mädchen spricht: „Kleines Völkchen, Wichtelmännchen, Stehlen unser Brot und Speck, Abends liegt es noch im Kasten, Und des Morgens ist es weg. 208 » „Kleines Völkchen, unsre Sahne Naschl es von der Milch, und lässt Unbedeckt die Schussel stehen, Und die Katze säuft den Nest. „Und die Katz' ist eine Hexe, Denn sie schleich! bei Nacht und Sturm Drüben nach dem Gcistcrbcrge, Nach dem alivcrsallncn Thurm. ,',Dort hat einst ein Schloss gestanden, Voller Lust und Waffenglanz; Blanke Ritter, Fraun und Knappen Schwangen sich im Fackeltanz. „Da verwünschte Schloss und Leute Eine böse Zauberin; Nur die Trümmer blieben stehen, Und die Eulen nisten drin. „Doch die sel'ge Muhme sagte: Wenn man spricht das rechte Wort, Nächtlich zu der rechten Stunde, Drüben an dem rechten Ort, „So verwandeln sich die Trümmer Wieder in ein Helles Schloss, Und es tanzen wieder lustig Ritter, Fraun und Knapp entrost; „Und wer jenes Wort gesprochen, Dem gehören Schloss und Leut', Pauken und Trompeten huld'gen Seiner jungen Herrlichkeit." 209 Also blühe» Märchenbilder Aus des Mundes Röselein, Und die Augen gießen drüber Ihren blauen Sternenschein. Ihre golducn Haare wickelt Mir die Kleine um die Hand', Giebt den Fingern hübsche Namen, Lacht und küsst, und schweigt am End'. Und im stillen Zimmer Alles Blickt mich an so wohlvertraut; Tisch und Schrank, mir ist, als hätt' ich Sie schon früher mal geschaut. Freundlich ernsthast schwatzt die Wanduhr, Und die Zither, hörbar kaum, Fängt von selber an zu klingen, Und ich sitze wie im Traum. Zetzo ist die rechte Stunde, Und es ist der rechte Ort; Ja, ich glaube, von den Lippen Gleitet mir das rechte Wort. Siehst du, Kindchen, wie schon dämmert Und erbebt die Mitternacht! Bach und Tannen brausen lauter, Und der alte Berg erwacht. Zitherklang und Zwergenlieder Tonen aus des Berges Spalt, Und es sprießt, wie'n toller Frühling, Draus hervor ein Blumenwald; — Heine's Werke. Bd. XV. 14 210 Blumen, kühne Wunderblumen, Blätter, breit und fabelhaft, Duftig bunt und hastig regsam, Wie gedrängt von Leidenschaft. Rosen, wild wie rothe Flammen, Sprühn aus dem Gewühl hervor; Liljen, wie krystallne Pfeiler, Schießen himmelhoch empor. Und die Sterne, groß wie Sonnen, Scham: herab mit Sehnsnchtgluth; In der Liljen Riescnkelche Strömet ihre Strahlenflnth. Doch wir selber, liebes Kindchen, Sind verwandelt noch viel mehr; Fackelglanz und Gold und Seide Schimmern lustig um uns her. Dn, du wurdest zur Prinzessin, Diese Hütte ward zum Schloss, Und da jubeln und da tanzen Ritter, Frann nnd Knappentrost. Aber ich, ich hab' erworben Dich nnd Alles, Schlost nnd Leut'; Pauken und Trompeten hnld'gen Meiner jnngen Herrlichkeit! — 211 — Der Hirtenknabe. König ist der Hirtenknabe, Grüner Hügel ist sein Thron; Über seinem Haupt die Sonne Ist die große, goldne Krön'. Ihm zu Füßen liegen Schafe, Weiche Schmeichler, rothbekreuzt; Kavaliere sind die Kälber, Und sie wandeln stolzgespreizt. Hosschauspieler sind die Böcklein; Und die Vogel und die Küh', Mit den Flöten, mit den Glöcklein, Sind die Kammermusici. Und Das klingt und singt so lieblich, Und so lieblich rauschen drein Wasserfall und Tannenbäume, Und der König schlummert ein. Unterdessen muss regieren Der Minister, jener Hund, Dessen knurriges Gebelle Wiederhattet in der Rund'. Schläfrig lallt der junge König: „Das Negieren ist so schwer; Ach, ich wollt', dass ich zu Hause Schon bei meiner Kön'gin wär'! 14 " „In den Armen meiner Kön'gin Ruht mein Königshaupt so weich, Und in ihren schönen Augen Liegt mein unermesstich Reich!" Auf dem Brolle». Heller wird es schon im Osten Durch der Sonne kleines Glimmen, Weit und breit die Bergesgipfel In dem Nebelmeere schwimmen. Hätt' ich Siebenmeilenstieseln, Lief ich mit der Hast des Windes Über jene Bergesgipfel Nach dem Haus des lieben Kindes. Von dem Bettchen, wo sie schlummert, Zög' ich leise die Gardinen, Leise küsst' ich ihre Stirne, Leise ihres Munds Rubinen. Und noch leiser wollt' ich flüstern In die kleinen Liljenohren: Denk im Traum, dass wir uns lieben, Und dass wir uns nie verloren. 213 Die Ilse. Ich bin die Prinzessin Ilse, Und wohne im Jlsenstein; Komm mit nach meinem Schlosse, Wir wollen selig sein. Dein Haupt will ich benetzen Mit meiner klaren Well', Du sollst deine Schmerzen vergessen, Du sorgenkranker Gesell! In meinen weißen Armen, An meiner weißen Brust, Da sollst du liegen und träumen Bon alter Märchenlust. Ich will dich küssen und herzen, Wie ich geherzt und geküsst Den lieben Kaiser Heinrich, Der nun gestorben ist. Es bleiben todt die Todten, Und nur der Lebendige lebt; Und ich bin schön und blühend, Mein lachendes Herze bebt. Komm in mein Schloss herunter, In mein krystallenes Schloss, Dort tanzen die Fräulein und Ritter, Es jubelt der KnappentrosS. 214 ES rauschen die seidenen Schleppen, ES klirren die Eisensporn, Die Zwerge trompeten und pauken, Und fiedeln und blasen das Horn. Doch dich soll mein Arm umschlingen, Wie er Kaiser Heinrich umschlang; — Ich hielt ihm zu die Ohren, Wenn die Trompet' erklang. Die Nordsee. Friedrich Mercke sind die Bilder der Nordsee freundschaftlichst zugeeignet vom Verfasser. Erster Cyklus. 1 . Krönung. Ihr Lieder! Ihr meine guten Lieder! Auf, auf! und wappnet euch! Lasst die Trompeten klingen, Und hebt mir auf den Schild Dies junge Mädchen, Das jetzt mein. ganzes Herz Beherrschen soll, als Königin. Heil dir! du junge Königin! Von der Sonne droben Reiß' ich das strahlend rothe Gold, Und webe draus ein Diadem Für dein geweihtes Haupt. — 220 Von der flatternd blauseidnen Himmelsdecke, Worin die Nachtdiamanten blitzen, Schneid' ich ein kostbar Stück, Und häng' es dir als Krönungsmantel Um deine königliche Schulter. Ich gebe dir einen Hofstaat Bon steifgeputzten Sonetten, Stolzen Terzinen und höflichen Stanzen; Als Läufer diene dir mein Witz, Als Hofnarr meine Phantasie, Als Herold, die lachende Thräne im Wappen, Diene dir mein Humor. Aber ich selber, Königin, Ich kniee vor dir nieder, Und huld'gend, auf rothem Sammetkissen, Überreiche ich dir Das bischen Verstand, Das mir aus Mitleid noch gelassen hat Deine Vorgängerin im Reich. 2 . Abenddämmerung. Am blassen Mccresstrandc Saß ich gedankenbcknmmert und einsam. Die Sonne neigte sich tiefer, und warf Glührothe Streifen auf das Wasser, Und die weißen, weiten Wellen, Von der Fluth gedrängt, Schäumten und rauschten näher und näher — Ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen, 221 Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen, Dazwischen ein wiegenlicdheimliches Singen — Mir war, als hört' ich verschollue Sagen, Uralte, liebliche Märchen, Die ich einst als Knabe Von Nachbarskindern vernahm, Wenn wir am Sommerabend Aus den Treppensteinen der Hausthür Zum stillen Erzählen niederkaucrten Mit kleinen, horchenden Herzen Und ncngierklugcn Augen; Während die großen Mädchen Neben duftenden Blumentöpfen Gegenüber am Fenster saßen, Nosengesichtcr, Lächelnd und mondbeglänzt. 3 . Sonnenuntergang. Die glühend rothe Sonne steigt Hinab ins weit ausschanernde, Silbergraue Weltmeer; Lustgebilde, rosig angehaucht, Wallen ihr nach; und gegenüber, Aus herbstlich dämmernden Wolkenschleier», Ein traurig todblasses Antlitz, Bricht hervor der Mond, Und hinter ihm, Lichtfünkchcn, Nebelwcit, schimmern die Sterne. 222 Einst am Himmel glänzten, Ehlich vereint, Luna, die Göttin, und Sol, der Gott, Und es wimmelten um sie her die Sterne, Die kleinen, unschuldigen Kinder. Doch böse Zungen zischelten Zwiespalt, Und es trennte sich feindlich Das hohe, leuchtende Ehpaar. Jetzt am Tage, in einsamer Pracht, Ergeht sich dorr oben der Sonnengott, Ob seiner Herrlichkeit Angebetet und vielbesungen Von stolzen, glückgehärteten Menschen. Aber des Nachts Am Himmel wandelt Luna, Die arme Mutter, Mit ihren verwaisten Sternenkindern, Und sie glänzt in stiller Wehmnth, Und liebende Mädchen und sanfte Dichter Weihen ihr Thränen und Lieder. Die weiche Luna! Weiblich gesinnt, Liebt sie noch immer den schönen Gemahl. Gegen Abend, zitternd und bleich, Lauscht sie hervor aus leichtem Gewölk, Und schaut nach dem Scheidenden schmerzlich, Und möchte ihm ängstlich rufen: „Komm! Komm! die Kinder verlangen nach dir—" Aber der trotzige Sonnengott, Bei dem Anblick der Gattin erglüht er In doppeltem Purpur, Vor Zorn und Schmerz, 223 Und unerbittlich eilt er hinab In sein fluthenkaltes Wittwerbett. Böse, zischelnde Zungen Brachten also Schmerz und Verderben Selbst über ewige Götter. Und die armen Götter, oben am Himmel Wandeln sie, qualvoll, Trostlos unendliche Bahnen, Und können nicht sterben, Und schleppen mit sich Ihr strahlendes Elend. Ich aber, der Mensch, Der Niedrig-gepflanzte, der Tod-beglückte, Ich klage nicht länger. 4 . Die Nacht am Strande. Sternlos und kalt ist die Nacht, Es gähnt das Meer; Und über dem Meer, Platt aus dem Bauch, Liegt der ungestaltete Nordwind, Und heimlich, mit ächzend gedämpfter Stimme, Wie'» störriger Griesgram, der gut gelaunt wird, Schwatzt er ins Wasser hinein, Und erzählt viel' tolle Geschichte», 224 Riesenmärchen, todschlaglaunig, Uralte Sagen aus Norweg, Und dazwischen, weitschallend, lacht er und heult er Beschwörungslieder der Edda, Auch Rnnensprüche, So dunkcltrotzig und zaubcrgewaltig, Dass die weißen Meerkinder Hoch aufspringen und jauchzen, Übermuth-beranscht. Derweilen, mn flachen Gestade, Über den fluthbesenchtetcn Sand Schreitet ein Fremdling, mit einem Herzen, Das wilder noch als Wind und Wellen. Wo er hintritr, Sprühen Funken, und knistern die Muscheln; Und er hüllt sich fest in den grauen Mantel, Und schreitet rasch durch die wehende Nacht; Sicher geleitet vom kleinen Lichte, Das lockend und lieblich schimmert Aus einsamer Fischerhüttc. Vater und Bruder sind auf der See, Und mntterscelallcin blieb dort In der Hütte die Fischcrtochter, Die wunderschöne Fischertochter. Am Herde sitzt sie, Und horcht auf des Wasserkessels AhnnngsüßeL heimliches Summen, Und schüttet knisterndes Reisig ins Feuer, Und bläst hinein, Dass die flackernd rothen Lichter Zauberlieblich wiederstrahleu Auf das blühende Antlitz, 225 Auf die zarte, Weiße Schulter, Die rührend hervorlauscht Aus dem groben, grauen Hemde, Und aus die kleine, sorgsame Hand, Die das Unterröckchen fester bindet Um die feine Hüfte. Aber Plötzlich, die Thür springt auf, Und es tritt herein der nächtige Fremdling; Liebesicher ruht sein Auge Auf dem weißen, schlanken Mädchen, Das schauernd vor ihm steht, Gleich einer erschrockenen Lilje; Und er wirft den Mantel zur Erde, Und lacht und spricht: „Siehst du, mein Kind, ich halte Wort, Und ich komme, und mit mir kommt Die alte Zeit, wo die Götter des Himmels Niederstiegen zu Töchtern der Menschen, Und die Töchter der Menschen umarmten, Und mit ihnen zeugten Sceptertragende Königsgeschlechter Und Helden, Wunder der Welt. Doch staune, mein Kind, nicht länger Ob meiner Göttlichkeit, Und ich bitte dich, koche mir Thee mit Rum, Denn draußen war's kalt, Und bei solcher Nachtluft Frieren auch wir, wir ewigen Götter, Und kriegen wir leicht den göttlichsten Schnupfen Und einen unsterblichen Husten." Heine'S Werke. Bd. XV. 15 226 5 . Poseidon. Die Sonnenlichter spielten Über das weithinrolleude Meer; Fern aus der Rhede glänzte das Schiff, Das mich zur Heimat tragen sollte; Aber es fehlte an gutem Fahrwind, lind ich saß noch ruhig auf weißer Düue Am einsamen Strand. Und ich las das Lied vom Odysscn«, Das alte, das ewig junge Lied, Aus dessen meerdurchrauschten Blättern Mir freudig entgegenstieg Der Athem der Götter, Und der leuchtende Menscheufrühling, Und der blühende Himmel von Hellas. -Mein edles Herz begleitete treulich Den Sohn des Laertes, in Irrfahrt und Drangsal, Setzt' sich mit ihm, seelenbekümmert, An gastliche Herde, Wo Königinnen Purpur spinnen, Und half ihm lügen und glücklich entrinnen Aus Niesenhöhlen und Nymphenarmcn, Folgte ihm nach in kimmerische Nacht, Und in Sturm und Schifsbrnch, Und duldete mit ihm unsägliches Elend. SÄlfzcnd sprach ich: Du böser Poseidon, Dein Zorn ist furchtbar, Und mir selber bangt Ob der eignen Heimkehr. 227 Kaum sprach ich dic Worte, Da schäumte das Meer, Und aus den weißen Wellen stieg Das schilfbekränzte Haupt des Meergotts, Und höhnisch rief er: „Fürchte dich nicht, Poetlein! Ich will nicht im geringsten gefährden Dein armes Schiffchen, Und nicht dein liebes Leben beängst'gen Mit allzu bedenklichem Schaukeln. Denn du, Poetleiu, hast nie mich erzürnt, Du hast mir kein einziges Thürmchen verletzt An Priamos' heiliger Feste, Kein einziges Härchen hast dn versengt Am Aug' meines Sohns Polyphemos, Und dich hat niemals rathend beschützt Dic Göttin der Klugheit, Pallas Athene." Also rief Poseidon Und tauchte zurück ins Meer; Und über den groben Seemannswitz Lachten unter dem Wasser Amphitrite, das plumpe Fischwcib, Und die dummen Töchter des Nercus. 6 . Erklärung. Herangedämmert kam der Abend, Wilder toste die Fluth, Und ich saß am Strand, und schaute zu Dem weißen Tanz der Wellen, 15 " 228 Und meine Brust schwoll auf wie das Meer, Und sehnend ergriff mich ein tiefes Heimweh Nach dir, du holdes Bild, Das überall mich umschwebt, Und überall mich ruft, Überall, überall, Im Sausen des Windes, im Brausen des Meers, Und im Seufzen der eigenen Brust. Mit leichtem Rohr schrieb ich in den Sand: „Agnes, ich liebe dich!" Doch böse Wellen ergossen sich Über das süße Bekenntnis, Und löschten es aus. Zerbrechliches Rohr, zerstiebender Sand, Zerfließende Wellen, euch trau'ich nicht mehr! Der Himmel wird dunkler, mein Herz wird wilder, Und mit starker Hand, aus Norweg's Wäldern, Reiß' ich die höchste Tanne, Und tauche sie ein In des Ätna's glühenden Schlnnd, und mit solcher Fenergetränkten Riesenfcder Schreib' ich an die dunkle Himmelsdccke: „Agnes, ich liebe dich!" Jedwede Nacht lodert alsdann Dort oben die ewige Flammenschrift, Und alle nachwachsenden Enkelgeschlechter Lesen jauchzend die Himmelsworte: „Agnes, ich liebe dich!" 229 7 . Nachts in der Kajüte. Das Meer hat seine Perlen, Der Himmel seine Sterne, Aber mein Herz, mein Herz, Mein Herz hat seine Liebe. Groß ist das Meer und der Himmel, Doch größer ist mein Herz, Und schöner als Perlen und Sterne Leuchtet und strahlt meine Liebe. Du kleines, junges Mädchen, Komm an mein großes Herz; Mein Herz und das Meer und der Himmel Vergehn vor lauter Liebe. * » * An die blaue Himmelsdecke, Wo die schönen Sterne blinken, Möcht' ich pressen meine Lippen, Pressen wild und stürmisch weinen. Jene Sterne sind die Augen Meiner Liebsten, tausendfältig Schimmern sie und grüßen sreundlich Aus der blauen Himmelsdecke. Nach der blauen Himmelsdccke, Nach den Augen der Geliebten, Heb' ich andachtsvoll die Arme, Und ich bitte und ich flehe: 230 Holde Augen, Gnadcnlichter, O, beseligt meine Seele, Lasst mich sterben und erwerben Euch und euren ganzen Himmel! Aus den Himmelsaugen droben Fallen zitternd goldne Funken Durch die Nacht, und meine Seele Dehnt sich liebeweit und weiter. O, ihr Himmclsaugen droben! Weint euch aus in meine Seele, Dass von lichten Stcrncnthräncn Überfließet meine Seele. Eingewiegt von Mecreswellen Und von träumenden Gedanken, Lieg' ich still in der Kasüte, In dem dunkeln Winkelbette. Durch die offne Luke schau' ich Droben hoch die hellen Sterne, Die geliebten, süßen Augen Meiner süßen Vielgeliebten. Die geliebten, süßen Augen Wachen über meinem Haupte, Und sie blinkm nnd sie winken Aus der blauen HimmelSdeckc. — 231 Nach der blauen Himmelsdecke Schau' ich selig lange Stunden, Bis ein weißer Nebelschleier Mir verhüllt die lieben Augen. An die bretterne Schiffswand, Wo mein träumendes Haupt liegt, Branden die Wellen, die wilden Wellen; Sie rauschen und murmeln Mir heimlich ins Ohr: „Bethörter Geselle! Dein Arm ist kurz, und der Himmel ist weit, Und die Sterne droben sind festgenagelt Mit goldnen Nageln, — Vergebliches Sehnen, vergebliches Seufzen, Das Beste wäre, du schliefest ein." Es träumte mir von einer weiten Heide, Weit überdeckt von stillem, weißein Schnee, Und unterm weißen Schnee lag ich begraben Und schlief den einsam kalten Todesschlaf. Doch droben aus dem dunkeln Himmel schauten Herunter auf mein Grab die Sternenangen, Die süßen Augen! und sie glänzten sieghaft Und ruhig heiter, aber voller Liebe. 232 8 . Sturm. Es wüthet der Sturm, Und er peitscht die Wellen, Und die Weitn, wukhschänmend und bäumend, Thürmen sich auf, und es wogen lebendig Die weißen Wasserberge, Und das Schifflein erklimmt sie, Hastig mühsam, Und plötzlich stürzt es hinab In schwarze, weitgähnende Flnthabgründe — O Meer! Mutter der Schönheit, der Schaumentstiegenen! Großmutter der Liebe! schone meiner! Schon flattert, leichenwittcrnd, Die weiße, gespenstische Möwe, Und wetzt an dem Mastbaum den Schnabel, Und lechzt voll Fraßbcgier nach dem Herzen, Das vom Ruhm deiner Tochter ertönt, Und das dein Enkel, der kleine Schalk, Zum Spielzeug erwählt. Vergebens mein Bitten und Flehn! Mein Rufen verhallt im tosenden Sturm, Im Schlachtlärm der Winde. Es braust und Pfeift und Prasselt und heult, Wie ein Tollhaus von Tönen! Und zwischendurch hör' ich vernehmbar Lockende Harfenlaute, Sehnsuchtwilden Gesang, Seelenschmelzend und seelcnzerreißend, Und ich erkenne die Stimme. 233 Fern an schottischer Felsenküste, Wo das graue Schlösslein hinausragt Über die brandende See, Dort, am hochgewölbten Fenster, Steht eine schöne, kranke Frau, Zartdurchsichtig und marmorblass, Und sie spielt die Harfe und singt, Und der Wind durchwühlt ihre langen Locken, Und trägt ihr dunkles Lied Über das weite, stürmende Meer. 9 . -Meeresstille. Meeresstille! Ihre Strahlen Wirst die Sonne auf das Wasser, Und im wogenden Geschmeide Zieht das Schiff die grünen Furchen. Bei dem Steuer liegt der Bootsmann Auf dem Bauch, und schnarchet leise. Bei dem Mastbamn, segelflickend, Kauert der betheerte Schiffsjung'. Hinterm Schmutze seiner Wangen Sprüht es roth, wehmüthig zuckt es Um das breite Maul, und schmerzlich Schaun die großen, schönen Augen. Denn der Kapitän steht vor ihm, Tobt und flucht und schilt ihn: „Spitzbub', Spitzbub'! einen Hering hast du Aus der Tonne mir gestohlen!" 234 Meeresstille! Aus den Wellen Taucht hervor ein kluges Fischsein, Wärmt das Köpfchen an der Sonne, Plätschert lustig mit dem Schwänzchen. Doch die Möwe, aus den Lüften, Schießt herunter aus das Fischlein, Und den raschen Raub im Schnabel Schwingt sie sich hinauf ins Blaue. 10 . S e e g e s p e»st. Ich aber lag am Rande des Schiffes, Und schaute, träumenden Auges, Hinab in das spiegelklarc Wasser, Und schaute tiefer und tiefer — Bis tief im Meeresgrunde, Anfangs wie dämmernde Nebel, - Jedoch allmählich farbenbestimmter, Kirchcnkuppel und Thürme sich zeigten, Und endlich, sonnenklar, eine ganze StadI, Alterthümlich niederländisch, Und menschenbelcbt. Bedächtige Männer, schwarzbemäntelt, Mit weißen Halskrausen und Ehrenketten, Und langen Degen und langen Gesichtern, Schreiten über den wimmelnden Marktplatz Nach dem treppenhohen Rathhans, Wo steinerne Kaiserbilder Wacht halten mit Scepter und Schwert. Unferne, vor langen Hänserreihn, Wo spiegelblanke Fenster 235 Und pyramidisch beschnittene Linden, Wandeln scidcnranschende Jungfern, Schlanke Leibchen, die Bluniengesichter Sittsam umschlossen von schwarzen Mätzchen Und hervorquellendem Goldhaar. Bunte Gesellen, in spanischer Tracht, Stolzieren vorüber und nicken. Bejahrte Frauen, In braunen, verschollnen Gewändern, Gesangbuch und Rosenkranz in der Hand, Eilen, trippelnden Schritts, Nach dem großen Dome, Getrieben von Glockengeläute Und rauschendem Orgelton. Mich selbst ergreift des fernen Klangs Geheimnisvoller Schauer! Unendliches Sehnen, tiefe Wehmnth Beschleicht mein Herz, Mein kaum geheiltes Herz; Mir ist, als würden seine Wunden Bon lieben Lippen aufgcküsst, Und thäten wieder bluten, — Heiße, rothe Tropfen, Die lang und langsam niederfalln Auf ein altes Hans, dort nntcn In der tiefen Mecrstadt, Auf ein altes hochgegiebeltcs Hans, Das melancholisch menschenleer ist, Nur dass am untern Fenster Ein Mädchen sitzt, Den Kopf auf den Arm gestützt, Wie ein armes, vergessenes Kind — Und ich kenne dich, armes, vergessenes Kind! 236 So tief, meertief also Verstecktest du dich vor mir Aus kindischer Laune, Und konntest nicht mehr heraus, Und saßest fremd unter fremden Leuten, Jahrhunderte lang, Derweilen ich, die Seele voll Gram, Auf der ganzen Erde dich suchte, Und immer dich suchte, Du Jmmergeliebte, Du Längstverlorene, Du Endlichgefnndene — Ich hab' dich gesunden und schaue wieder Dein süßes Gesicht, Die klugen, treuen Augen, Das liebe Lächeln — Und nimmer will ich dich wieder verlassen, Und ich komme hinab zu dir, Und mit ausgebreiteten Armen Stürz' ich hinab an dein Herz — Aber zur rechten Zeit noch Ergriff mich beim Fuß der Kapitän, Und zog mich vorn Schiffsrand, Und rief, ärgerlich lachend: „Doktor, sind Sie des Teufels?" 11 . Reinigung. Bleib du in'deiner Meerestiefc, Wahnsinniger Traum, 237 Der du einst so manche Nacht Mein Herz mit falschem Glück gequält hast, Und jetzt als Seegespenst Sogar am hellen Tag mich bedrohest — Bleib du dort unten in Ewigkeit, Und ich werfe noch zu dir hinab All' meine Schmerzen und Sünden, Und die Schellenkappe der Thorheit, Die so lange mein Haupt umklingelt, Und die kalte, gleißende Schlangenhaut Der Heuchelei, Die mir so lang' die Seele umwunden, Die kranke Seele, Die gottverleugnende, engelverleugnende, Unselige Seele — Hoiho! Hoiho! Da kommt der Wind! Die Segel auf! Sie flattern und schwelln! Über die stillverderbliche Fläche Eilet das Schiff, Und es jauchzt die befreite Seele. 12 . Frieden. Hoch am Himmel stand die Sonne, » Von weißen Wolken umwogt; Das Meer war still, « Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes, Träumerisch sinnend, — und, halb im Wachen Und halb im Schlummer, schaute ich Christus, Den Heiland der Welt. Im wallend weißen. Gewände Wandelt' er riesengroß Über Land nnd Meer; Es ragte sein Haupt in den Himmel, Die Hände streckte er segnend Über Land und Meer; Und als ein Herz in der Brust Trug er die Sonne, Die rothe, flammende Sonne; Und das rothe, flammende Sonnenherz Goss seine Gnadenstrahlen Und sein holdes, liebseüges Licht, Erleuchtend und wärmend, Über Land und Meer. Glockenklänge zogen feierlich Hin und her, zogen wie Schwäne, An Nosenbändern, das gleitende Schiff, Und zogen es spielend ans grüne Ufer, Wo Menschen wohnen, in hochgethürmter, Ragender Stadt. O Friedenswunder! Wie still die Stadt Es ruhte das dumpfe Geräusch Der schwatzenden, schwülen Gewerbe, Und durch die reinen, hallenden Straßen Wandelten Menschen, weißgekleidete, Palmzpeig-tragende, Und wo sich Zwei begegneten, Sahn sie sich an, verständnisinnig, Und schauernd, in Liebe und süßer Entsagung, Küssten sie sich auf die Stirne, Und schauten hinauf Nach des Heilands Sonncnherzen, Das freudig versöhnend sein rothes Blut 239 Hinunterstrahlte, Und dreimalselig sprachen sie: „Gelobt sei Jesus Christ!" Hättest du doch dies Traumbild ersonnen, Was gäbest du drum, Geliebtester! Der du in Kopf und Lenden so schwach, Und im Glauben so stark bist, Und die Dreifaltigkeit ehrest in Einfalt, Und den Mops und das Kreuz und die Pfote Der hohen Gönnen» täglich küssest, Und dich hinaufgefrömmelt hast Zum Hosrath und dann zum Justizrath, Und endlich zum Rathe bei der Regierung, In der frommen Stadt, Wo der Sand und der Glauben blüht, Und der heiligen Sprea geduldiges Wasser Die Seelen wäscht und den Thee verdünnt — Hättest du doch dies Traumbild ersonnen, Geliebtester! Du trügest es höheren Ortes zu Markt, Dein weiches, blinzelndes Antlitz Verschwamme ganz in Andacht und Demuth, Und die Hocherlauchte, Verzückt und wonnebebend, Sänke betend mit dir aufs Knie, Und ihr Auge, selig strahlend, Verhieße dir eine Gehaltznlage Bon hundert Thalern Preußisch Konrant, Und du stammeltest hiindefaltend: „Gelobt sei Jesus Christi" 240 Zweiter Cyklus. Motto: Lmopbon'S Bnabafis, IV, 7. 1 . Meergruß. Thalatta! Thalatta! Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer! Sei mir gegrüßt zehntausendmal Aus jauchzendem Herzen, Wie einst dich begrüßten Zehntausend Griechenherzcn, Unglückbekämpfende, heimatverlangende, Weltberühmte Griechenherzcn. Es wogten die Fluthen, Sie wogten nnd brausten, Die Sonne goss eilig herunter Die spielenden Roscnlichter, Die aufgescheuchten Möwenzüge Flatterten fort, lautschreiend, Es stampften die Rosse, es klirrten die Schilde, Und weithin erscholl es wie Siegesruf: „Thalatta! Thalatta!" 241 Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer, Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser, Wie Träume der Kindheit seh' ich es flimmern Auf deinem wogenden Welleugebiet, Und alte Eriunrung erzählt mir aufs Neue Bon all dem lieben, herrlichen Spielzeug, Von all' den blinkenden Weihnachtsgaben, Von all' den rothen Korallenbäumen, Goldfischchen, Perlen und bunten Muscheln, Die du geheimnisvoll bewahrst, Dort unten im klaren Krystallhaus. O, wie hab' ich geschmachtet in öder Fremde! Gleich einer welken Blume In des Botanikers blecherner Kapsel, Lag mir das Herz in der Brust. Mir ist, als saß ich winterlange, Ein Kranker, in dunkler Krankenstube, Und nun verlast' ich sie plötzlich, Und blendend strahlt mir entgegen Der smaragdene Frühling, der sonnengewcckte, Und es rauschen die weißen Blüthenbäume, Und die jungen Blumen schauen mich an Mt bunten, duftenden Augen, Und es duftet und summt und athmet und lacht, Und im blauen Himmel singen die Vöglein — Thalatta! Thalatta! Dn tapferes Rückzugherz! Wie oft, wie bitteroft Bedrängten dich des Nordens Barbarinnen! Aus großen, siegenden Augen Schossen sie brennende Pfeile; Mit krummgeschliffenen Worten ' Heine'» Werke. Bd> XV. 16 242 Drohten sie mir die Brust zu spalten; Mit Keilschriftbilletts zerschlugen sie mir Das arme, betäubte Gehirn — Vergebens hielt ich den Schild entgegen, Die Pseile zischten, die Hiebe krachten, Und von des Nordens Barbarinnen Ward ich gedrängt bis ans Meer — Und frei aufathmend begrüß' ich das Meer, Das liebe, rettende Meer, Thalatta! Thalatta! 2 . Gewitter. Dumpf liegt aus dem Meer das Gewitter, Und durch die schwarze Wolkenwand Zuckt der zackige Wetterstrahl, Rasch aufleuchtend und rasch verschwindend, Wie ein Witz aus dem Haupte Kronion'S. Über das wüste, wogende Wasser Weithin rollen die Donner, Und springen die weißen Wellenrosse, Die Boreas selber gezeugt Mit des Erichthon's reizenden Stuten, Und es flattert ängstlich das Seegevögel, Wie Schattenleichen am Styx, Die Lharon abwies vom nächtlichen Kahn. Armes, lustiges Schifflein, Das dort dahintanzt den schlimmsten Tanz! 243 ÄoluS schickt ihm die flinksten Gesellen, Die wild aufspielen znm fröhlichen Reigen; Der Eine Pfeift, der Andre bläst, Der Dritte streicht den dumpfen Brummbass — Und der schwankende Seemann steht am Steuer Und schaut beständig nach der Boussole, Der zitternden Seele des Schiffes, Und hebt die Hände flehend zum Himmel: „O rette mich, Kastor, reisiger Held, Und du, Kämpfer der Faust, Polydeuker!" 3. Der Schiffbrüchige. Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert! Und ich selber, gleich einer Leiche, Die grollend ausgeworfen das Meer, Lieg' ich am Strande, Am öden, kahlen Strande. Vor mir woget die Wasserwüste, Hinter mir liegt nur Kummer und Elend, Und über mich hin ziehen die Wolken, Die formlos grauen Töchter der Luft, Die aus dem Meer, in Nebeleimern, Das Wasser schöpfen, Und es mühsam schleppen und schleppen, Und es wieder verschütten ins Meer, Ein trübes, langweil'ges Geschäft, Und nutzlos, wie mein eignes Leben. 18 * 244 Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen, Alte Erinnrungen wehen mich an, Vergessene Träume, erloschene Bilder, Qualvoll süße, tauchen hervor. Es lebt ein Weib im Norden, Ein schönes Weib, königlich schön. Die schlanke Cypressengestalt Umschließt ein lüstern weißes Gewand; Die dunkle Lockenfülle, Wie eine selige Nacht Bon dem flechtengekröuten Haupt sich ergießend, Ringelt sich träumerisch süß Um das süße, blasse Antlitz; Und aus dem süßen, blaffen Antlitz, Groß und gewaltig, strahlt ein Auge, Wie eine schwarze Sonne. O, du schwarze Sonne, wie oft, Entzückend oft, trank ich aus dir Die wilden Begeistrungsflammen, Und stand, und taumelte, seuerberauscht — Dann schwebte ein taubenmildes Lächeln Um die hochgeschürzten, stolzen Lippen, Und die hochgeschürzten, stolzen Lippen Hauchten Worte, süß wie Mondlicht Und zart wie der Duft der Rose — Und meine Seele erhob sich Und flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmel! Schweigt, ihr Wogen und Möwen! Vorüber ist Alles, Glück und Hoffnung, 245 Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden, Ein öder, schiffbrüchiger Mann, Und drücke mein glühendes Antlitz In den feuchten Sand. 4 . Untergang der Sonne. Die schöne Sonne Ist ruhig hinabgestiegen ins Meer; Die wogenden Wasser sind schon gefärbt Von der dunkeln Nacht, Nur noch die Abendröthe Überstreut sie mit goldnen Lichtern, Und die rauschende Fluthgewalt Drängt ans Ufer die weißen Wellen, Die lustig und hastig hüpfen, Wie wollige Lämmerherden, Die Abends der singende Hirtenjunge Nach Hause treibt. „Wie schön ist die Sonne!" So sprach nach langem Schweigen der Freund, Der mit mir am Strande wandelte, Und scherzend halb und halb wehmüthig Versichert' er mir: die Sonne sei Eine schöne Frau, die den alten Meergott Aus Konvenienz geheirathet; Des Tages über wandle sie freudig Am hohen Himmel, purpurgeputzt Und diamantenblitzend, Und allgeliebt und allbewnndert 246 Von allen Weltkreaturen, Und alle Weltkreaturen erfreuend Mit ihres Blickes Licht und Wärme; Aber des Abends, trostlos gezwungen, Kehre sie wieder zurück In das nasse'Haus, in die öden Arme Des greisen Gemahls. „Glaub mir's," — setzte hinzu der Freund, Und lachte und seufzte und lachte wieder — „Die führen dort unten die zärtlichste Ehe! Entweder sie schlafen, oder sie zanken sich, Daß hoch aufbraust hier oben das Meer Und der Schiffer im Wellengeräusch es hört, Wie der Alte fein Weib ansschilt: „Runde Metze des Weltalls! Strahlenbuhlende! Den ganzen Tag glühst du für Andre, Und Nachts, für mich, bist du frostig und müde!" Nach solcher Gardinenpredigt, Versteht sich! bricht dann aus in Thränen Die stolze Sonne und klagt ihr Elend, Und klagt so jammerlang, dass der Meergott Plötzlich verzweiflungsvoll aus dem Bett springt, Und schnell nach der Meeresfläche heraufschwimmt, Um Luft und Besinnung zu schöpfen. „So sah ich ihn selbst verflossene Nacht Bis an die Brust dem Meer enttauchen. Er trug eine Jacke von gelbem Flanell, Und eine lilienweiße Schlafmütz', Und ein abgewelkes Gesicht." 247 5 . Der Gesang der Okeauide«. Abendlich blasser wird es am Meer, Und einsam, mit seiner einsamen Seele, Sitzt dort ein Mann auf dem kahlen Strand, Und schaut todtkalten Blickes hinauf Nach der weiten, todtkalten Himmelswölbung, Und schaut aus das weite, wogende Meer — Und über das weite, wogende Meer, Lüstesegler, ziehn seine Seufzer, Und kehren zurück, trübselig, Und hatten verschlossen gefunden das Herz, Worin sie ankern wollten — Und er stöhnt so laut, dass die weißen Möwen, Aufgescheucht aus den sandigen Nestern, Ihn herdenweis umflattern, Und er spricht zu ihnen die lachenden Worte: „Schwarzbeinigte Bögel, Mit weißen Flügeln, Meer-überflatternde, Mit krummen Schnäbeln Seewasser-saufende, Und thranigtes Robbenfleisch-fressende, Enr Leben ist bitter wie eure Nahrung! Ich aber, der Glückliche, koste nur Süßes! »Ich koste den süßen Duft der Rose, Der Mondschein-gesütterten Nachtigallbrant! Ich koste noch süßeres Znckerbackwerk, Gefüllt mit geschlagener Sahne; Und das Allersüßeste kost' ich, Süße Liebe und süßes Geliebtsein. 248 „Sie liebt mich! sie liebt mich, die holde Jungfrau! Jetzt steht sie daheim am Erker des Hauses, Und schaut in die Dämmrung hinaus auf die Landstraß', Und horcht und sehnt sich nach mir — wahrhaftig! Vergebens späht sie umher und sie seufzet, Und seufzend steigt sie hinab in den Garten, Und wandelt in Duft und Mondschein, Und spricht mit den Blumen, erzählet ihnen, Wie ich, der Geliebte, so lieblich bin Und so liebenswürdig — wahrhaftig! Nachher im Bette, im Schlafe, im Traum, Umgaukelt sie selig mein theures Bild, Sogar des Morgens, beim Frühstück, Auf dem glänzenden Butterbrote, Sieht sie mein lächelndes Antlitz, Und sie frisst es auf vor Liebe — wahrhaftig!" Also Prahlt er und prahlt er, Und zwischendrein schrillen die Möwen, Wie kaltes, ironisches Kichern. Die Dämmrungsnebel steigen herauf; Aus violettem Gewölk, unheimlich, Schaut hervor der grasgelbe Mond! Hoch aufrauschen die Meereswogen, Und tief aus hoch aufrauschendem Meer, Wehmüthig wie flüsternder Windzug, Tönt der Gesang der Okeaniden, Der schönen, mitleidigen Wasserfraun, Vor allem vernehmbar die liebliche Stimme » Der silberfüßigen Peleus-Gattin, Und sie seufzen und singen: „O Thor, du Thor, du prahlender Thor! Du kummergequälter! 249 Dahingemordet sind all' deine Hoffnungen, Die tändelnden Kinder des Herzens, Und, ach! dein Herz, Maden gleich, Versteinert vor Gram! In deinem Haupte tvird's Nacht, Und es zucken hindurch die Blitze des Wahnsinns, Und du Prahlst vor Schmerzen! O Thor, du Thor, du prahlender Thor! Halsstarrig tust du wie dein Ahnherr, Der hohe Titane, der himmlisches Feuer Deil Göttern stahl und den Menschen gab, Und Geier-gequälet, Felsen-gefesselt, Olymp-auf trotzte und trotzte und stöhnte, Dass wir es hörten im tiefen Meer, Und zu ihm kamen mit Trostgesang. O Thor, du Thor, du prahlender Thor! Du aber bist ohnmächtiger noch, Und es wäre vernünftig, du ehrtest die Götter, Und trügest geduldig die Last des Elends, Und trügest geduldig so.lange, so lange, Bis Atlas selbst die Geduld verliert, Und die schwere Welt von den Schultern abwirft In die ewige Nacht." So scholl der Gesang der Okeaniden, ' Der schönen, mitleidigen Wasserstau», Bis lautere Wogen ihn überrauschten — Hinter die Wolken zog sich der Mond, Es gähnte die Nacht, Und ich saß noch lange im Dunkeln und weinte. 250 6 . Die Götter Griechenlands. Vollblühender Mond! In deinem Licht. Wie fließendes Gold, erglänzt das Meer; Wie Tagesklarheit, doch dämmrig verzaubert, Liegt'« über der weiten Strandesfläche; Und am hellblaun, sternlosen Himmel Schweben die weißen Wolken, Wie kolossale Götterbilder Bon leuchtendem Marmor. Nein, nimmermehr, Das sind keine Wolken! Das sind sie selber, die Götter von Hellas, Die einst so freudig die Welt beherrschten, Doch jetzt, verdrängt und verstorben, Als ungeheure Gespenster dahinzieht! Am mitternächtlichen Himmel. Staunend und seltsam geblendet, betracht' ich Das luftige Pantheon, Die*fcierlich stummen, grannhaft bewegten Riesengestalten. Der dort ist Kronion, der Himmelskönig, Schneeweiß sind die Locken des Haupts, Die berühmten, Olympos-erschütternden Locken; Er hält in der Hand den erloschenen Blitz, In seinem Antlitz liegt Unglück und Gram, Und doch noch immer der alte Stolz. Das waren bessere Zeiten, o Zeus, Als du dich himmlisch ergötztest 251 An Knaben und Nymphen und Hekatomben! Doch auch die Götter regieren nicht ewig, Die jungen verdrängen die alten, Wie du einst selber den greisen Vater Und deine Titanen-Öhme verdrängt hast, Jupiter Parricidal Auch dich erkenn' ich, stolze Juno! Trotz all deiner eifersüchtigen Angst, . - Hat doch eine Andre das Scepter gewonnen, Und du bist nicht mehr die Himmelskön'gin, Und dein großes Aug' ist erstarrt, Und deine Liljenarme sind kraftlos, Und nimmermehr trifft deine Rache Die gottbefruchtete Jungfrau Und den wunderthätigen Gottessohn. Auch dich erkenn' ich, Pallas Athene! Mit Schild und Weisheit konntest du nicht Abwehren das Götterverderben? Auch dich erkenn' ich, auch dich, Aphrodite, Einst die goldene! jetzt die silberne! Zwar schmückt dich noch immer des Gürtels Liebreiz, Doch graut mir heimlich vor deiner Schönheit, Und wollt' mich beglücken dein gütiger Leib, Wie andre Helden, ich stürbe vor Angst — Als Leichengöttin erscheinst du mir, Venus Libitina! Nicht mehr mit Liebe blickt nach dir, Dort, der schreckliche Ares. Es schaut so traurig Phöbus Apollo, Der Jüngling. Es schweigt seine Lei'r, Die so freudig erklungen beim Göttermahl. Roch trauriger schaut Hephaistos, Und wahrlich! der Hinkende, nimmerniehr Fällt er Heben ins Amt, 252 Und schenkt geschäftig in der Versammlung Den lieblichen Nektar. — Und längst ist erloschen Das unauslöschliche Göttergelächter. Ich hab' euch niemals geliebt, ihr Götter! Denn widerwärtig sind mir die Griechen, Und gar die Römer sind mir verhasst. Doch hcil'ges Erbarmen und schauriges Mitleid Durchströmt mein Herz, Wenn ich euch jetzt da droben schaue, Verlassene Götter, Todte, nachtwandelnde Schatten, Nebclschwache, die der Wind verscheucht — Und wenn ich bedenke, wie feig und windig Die Götter sind, die euch besiegten, Die neuen, herrschenden, tristen Götter, Die Schadenfrohen im Schafspelz der Demuth — O, da fasst mich ein düsterer Groll, Und brechen möcht' ich die neuen Tempel, Und kämpfen für euch, ihr alten Götter, Für euch und eur gutes ambrosisches Recht, Und vor euren hohen Altären, Den wiedergekäuten, den opferdampfendcn, Möcht' ich selber knieen und beten, Und flehend die Arme erheben — Denn immerhin, ihr alten Götter, Habt ihr's auch ehmals in Kämpfen der Menschen Stets mit der Partei der Sieger gehalten, So ist doch der Mensch großmüth'ger als ihr, Und in Götterkämpfen halt' ich es jetzt Mit der Pattei der besiegten Götter. * * * 253 Also sprach ich, und sichtbar errötheten Droben die blassen Wolkengestaltcn, Und schauten mich an wie Sterbende, Schmerzenverklärt, und schwanden plötzlich; Der Mond verbarg sich eben Hinter Gewölk, das dunkler heranzog; Hoch aufrauschte das Meer, Und siegreich traten hervor am Himmel Die ewigen Sterne. l. Frage». Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer Steht ein Jüngling-Mann, Die Brust voll Wehmuth, das Haupt voll Zweifel, Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen: „O löst mir das Räthsel des Lebens, Das qualvoll uralte Räthsel, Worüber schon manche Häupter gegrübelt, Häupter in Hieroglyphenmützen, Häupter in Turban und schwarzem Barett, Perückenhäupter und tausend andre Arme, schwitzende Menschenhäupter — Sagt mir, was bedeutet der Mensch? Woher ist er kommen? Wo geht er hin? Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen? Es murmeln die Wogen ihr ew'ges Gemurmel, Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken, Es blinken die Sterne gleichgültig und kalt, Und ein Narr wartet auf Antwort. 254 8 . Der Phönix. Es kommt ein Vogel geflogen aus Westen, Er fliegt gen Osten, Nach der östlichen Gartenheimat, Wo Spezereien duften und wachsen, Und Palmen rauschen iwd Brunnen kühlen — Und fliegend singt der Wandervogel: „Sie liebt ihn! sie liebt ihn! Sie trägt sein Bildnis im kleinen Herzen, Und trägt es süß und heimlich verborgen, Und weiß es selbst nicht! Aber im Traume steht er vor ihr, Sie bittet und weint und küsst seine Hände, Und ruft seinen Namen, Und rufend erwacht sie und liegt erschrocken, Und reibt sich verwundert die schönen Augen — Sie liebt ihn, sie liebt ihn!" An den Mastbaum gelehnt, auf dem hohen Berdeck, Stand ich und hört' ich des Vogels Gesang. Wie schwarzgrüne Rosse mit silbernen Mähnen, Sprangen die weißgekräuselten Wellen; Wie Schwanenzllge schifften vorüber Mit schimmernden Segeln die Helgolander, Die kecken Nomaden der Nordsee! Über mir, in dem ewigen Blau, Flatterte weißes Gewölk Und prangte die ewige Sonne, 255 Die Rose des Himmels, die feuerblühende, Die freudvoll im Meer sich bespiegelte; — Und Himmel und Meer und mein eigenes Herz Ertönten im Nachhall: „Sie liebt ihn! sie liebt ihn!" » 9 . Seekrankheit. Die'grauen Nachmittagswotken Senken sich tiefer hinab auf das Meer, Das ihnen dunkel entgegensteigt, Und zwischendurch jagt das Schiff. Seekrank sitz' ich noch immer am Mastbaum, Und mache Betrachtungen über mich selber, Uralte, aschgraue Betrachtungen, Die schon der Vater Loth gemacht, Als er des Guten zu Viel genossen, Und sich nachher so übel befand. Mitunter denk' ich auch alter Geschichten: Wie kreuzbezeichnete Pilger der Vorzeit Aus stürmischer Meersahrt das trostreiche Bildnis Der heiligen Jungfrau gläubig küssten; Wie kranke Ritter, in solcher Scenoth, Den lieben Handschuh ihrer Dame An die Lippen pressten, gleich getröstet — Ich aber sitze und kaue verdrießlich Einen alten Hering, den salzigen Tröster In Katzenjammer und Hundetrübsal! Unterdessen kämpft das Schiff Mt der wilden, wogenden Fluth; 256 Wie'n bäumendes Schlachtrost, stellt es sich jetzt Auf das Hintertheil, dast das Steuer kracht, Jetzt stürzt es kopfüber wieder hinab In den heulenden Wasserschlund, Dann wieder, wie sorglos liebematt, Denkt es sich hinzulegen An den schwarzen'Busen der Riesenwelle, Die mächtig heranbranst, Und plötzlich, ein wüster Mecrwasserfall, In weißem Gekräusel zusammenstürzt Und mich selbst mit Schaum bedeckt. Dieses Schwanken und Schweben und Schaukeln Ist unerträglich! Vergebens späht mein Auge und sucht Die deutsche Küste. Doch, ach! nur Wasser, Und abermals Wasser, bewegtes Wasser! Wie der Winterwandrer des Abends sich sehnt Nach einer warmen, innigen Tasse Thee, So sehnt sich jetzt mein Herz nach dir, Mein deutsches Vaterland! Mag immerhin dein süßer Boden bedeckt sein Mit Wahnsinn, Husaren, schlechten Versen Und laulig dünnen Traktütchen; Mögen immerhin deine Zebras Mit Rosen sich mästen, statt mit Disteln; Mögen immerhin deine noblen Affen In müßigem Putz sich vornehm spreizen, Und sich besser dünken, als all das andre Banausisch schwerhinwandelnde Hornvieh; Mag immerhin deine Schneckenversammlnng Sich für unsterblich halten, Weil sie so langsam dahinkriccht, 257 Und mag sie täglich Stimmen sammeln, Ob den Maden des Käses der Käse gehört? Und noch lange Zeit in Berathung ziehu, Wie man die ägyptischen Schafe veredle, Damit ihre Wolle sich bessre Und der Hirt sie scheren könne wie Andre, Ohn' Unterschied — Immerhin, mag Thorheit und Unrecht Dich ganz bedecken, o Deutschland! Ich sehne mich dennoch nach dir: Denn wenigstens bist du doch festes Land. 10 . Im Hafen. Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat, Und hinter sich ließ das Meer und die Stürme, Und jetzo warm und ruhig sitzt Im guten Rathskeller zu Bremen. Wie doch die Welt so traulich und lieblich Im Römerglas sich wicderspiegelt, Und wie der wogende Mikrokosmus Sonnig hinabfließt ins durstige Herz! Alles erblick' ich im Glas, Alte und neue Völkergeschichte, Türken und Griechen, Hegel und Gans, Citronenwälder und Wachtparadcn, Berlin und Schild« und Tunis und Hamburg, Vor Allem aber das Bild der Geliebten, Das Engelköpfchen auf Rheinweingoldgrund. Heine'S Werke. Bd. XV. 17 258 O, wie schön! wie schön bist du, Geliebte! Du bist wie eine Rose! Nicht wie die Rose von Schiras, Die Hafis-besungene Nachtigallbraut; Nicht wie die Rose von Saron, Die heiligrothe, Prophetengefeierte; — Du bist wie die Ros' im Rathskeller zu Bremen! Das ist die Rose der Rosen, Je älter sie wird, je lieblicher blüht sie, Und ihr himmlischer Duft, er hat mich beseligt, Er hat mich begeistert, er hat mich berauscht, Und hielt mich nicht fest, am Schöpfe fest, Der Rathskellermeister von Bremen, Ich wäre gepurzelt! Der brave Mann! wir saßen beisammen Und tranken wie Bruder, Wir sprachen von hohen heimlichen Dingen, Wir seufzten und sanken uns in die Arme, Und er hat mich bekehrt zum Glauben der Liebe, Ich trank auf das Wohl meiner bittersten Feinde, Und allen schlechten Poeten vergab ich, Wie einst mir selber vergeben soll werden, Ich weinte vor Andacht, und endlich Erschlossen sich mir die Pforten des Heils, Wo die zwölf Apostel, die heil'gen Stückfässer, Schweigend Pred'gen, und doch so verständlich Für alle Völker. Das sind Männer! Unscheinbar von außen, in hölzernen Röcklein, Sind sie von innen schöner und leuchtender Denn all die stolzen Leviten des Tempels Und des Herodes Trabanten und Höflinge, — 259 — Die goldgeschmückten, die purpurgekleideten — Hab' ich doch immer gesagt, Nicht unter ganz gemeinen Leuten, Nein, in der allerbesten Gesellschaft - Lebte beständig der König des Himmels! Hallelujah! Wie lieblich umwehn mich Die Palmen von Beth-El! .Wie duften die Myrrhen von Hebron! Wie rauscht der Jordan und taumelt vor Freude! Auch meine unsterbliche Seele taumelt, Und ich taumle mit ihr, und taumelnd Bringt mich die Treppe hinauf, aus Fagslicht, Der brave Rathskellermeister von Bremen. Du braver Rathskellermeister von Bremen! Siehst du, auf den Dächern der Häuser sitzen Die Engel und sind betrunken und singen; Die glühende Sonne dort oben ' . Ist nur eine rothe, betrunkene Nase, Die Nase des Weltgeists; Und um die rothe Weltgeistnase Dreht sich die ganze, betrunkene Welt. 11 . Epilog. Wie auf dem Felde die Weizenhalmen, So wachsen nud wogen im Menschengeist Die Gedanken. - Aber die zarten Gedanken der Liebe 17» 260 Sind wie lustig dazwischenblühende Roth' und blaue Blumen. Roth' und blaue Blumen! Der mürrische Schnitter verwirft euch als nutzlos, Hölzerne Flegel zerdreschen euch höhnend, Sogar der Hablose Wandrer, Den enr Anblick ergötzt und erquickt, Schüttelt das Haupt, Und nennt euch schönes Unlrant. Aber die ländliche Jungfrau, Die Kränzewinderin, Verehrt euch und pflückt euch, Und schmückt mit euch die schönen Locken, Und also geziert eilt sie znm Tanzplatz, Wo Pfeifen und Geigen lieblich ertönen, Oder zur stillen Buche, Wo die Stimme des Liebsten noch lieblicher tönt, Als Pfeifen "und Geigen. Anhang älterer Gedichte. (1816 — 1824 ). Zu den „Traumbildern." Deutschlrild. Ein Traum. ( 1816 ). Sohn der Thorheit! träume immer, Wenn dir's Herz im Busen schwillt; Doch im Leben suche nimmer Deines Traumes Ebenbild! Einst stand ich in schönen Tagen Auf dem höchsten Berg am Rhein; Deutschlands Gauen vor mir lagen, Blühend hell im Sonnenschein. Unten murmelten die Wogen Milde Zanbcrmelodein; Süße Ahnungsschauer zogen Schmeichelnd in mein Herz hinein. Lausch' ich setzt beim Sang der Wogen, Klingt viel andre Melodei: Schöner Traum ist längst verflogen, Schöner Wahn brach längst entzwei. 264 Schau' ich jetzt von meinem Berge In das deutsche Land hinab, Seh' ich nur ein Völklein Zwerge Kriechend auf der Riesen Grab. Muttersöhnchen gehn in Seide, Nennen sich des Volkes Kern, Schurken tragen Ehrgeschmeide, Söldner brüsten sich als Herrn. Nur ein Spottbild auf die Ahnen Ist das Volk im deutschen Kleid; Denn die alten Röcke mahnen Schmerzlich an die alte Zeit, Wo die Sitte und die Tugend Prunklos gingen Hand in Hand, Wo mit Ehrfnrchtscheu die Jugend Vor dem Greisenalter stand; Wo kein Jüngling seinem Mädchen Modeseufzer vorgeltigt; Wo kein witziges Despötcheu Meineid in System gefügt; Wo ein Handschlag mehr als Eide Und Notarienakte war, Wo ein Mann im Eisenkleide, Und ein Herz im Manne war. — Unsre Gartenbeete hegen Tausend Blumen wunderfein, Schwelgend in des Bodens Segen, Lind umspielt vom Sonnenschein. Doch die allcrschönste Blume Blühet unsren Beeten nie, Sie, die einst im Alterthume Selbst auf starrem Fels gedieh; Die auf kalter Bergesfeste Männer mit der Eisenhand Pflegten als der Blumen beste — Gastlichkeit wird sie genannt. Müder Wandrer, steige nimmer Nach der hohe» Burg hiuan; Statt der gastlich warmen Zimmer, Kalte Wände dich empfahn. Von dem Warlthurm bläst kein Wächter, Keine Fallbrück' rollt herab; Denn der Burgherr und der Wächter Schlummern längst im kühlen Grab. In den dunkeln Särge» ruhen Auch die Frauen ruinnchold; Wahrlich hegen solche Truhen Reichern Schatz denn Perl' und Gold. Heimlich schauern da die Lüfte Wie von Miuncsängerhauch; Denn in diese heil'gen Grüfte Stieg die fromme Minne- auch. Zwar auch unsre Damen preis' ich, Denn sie blühen wie der Mai, Lieben auch, und üben fleißig Tanzen, Sticken, Malerei. 266 » Singen auch in süßen Reimen Von der alten Lieb' und Treu, Freilich zweifelnd im Geheimen, Ob das Märchen möglich sei. Unsre Mütter einst erkannten, Sinnig, wie die Einfalt Pflegt, Dass den schönsten der Demanten Nur der Mensch im Busen trägt. Ganz nicht aus der Art geschlagen Sind die klugen Töchterlein; Denn die Frann in unsern Tagen Lieben auch die Edelstein'I Aberglauben, Trug und Lüge Herrschen — Leben ohne Reiz; Und die schöne Jordansperle Hat verfälscht des Römers Geiz. — Fort, ihr Bilder schwerer Tage, Weicht zurück in eure Nacht! Weckt nicht mehr die eitle Klage Um die Zeit, die uns versagt! Zu den „Liedern." i. Die du bist so schön und rein, Wunnevolles Magedein, Deinem Dienste ganz allein Möcht' ich wohl mein Leben weihn. Deine süßen Äugelein Glänzen mild wie Moudesschein; Helle Rosenlichter streun Deine rothen Wcstrgelein. Und aus deinen! MLndchen klein Blinkt's hervor wie Perlenreihn; Doch den schönsten Edelstein Hegt dein stiller Busenschrein. Fromme Minne mag es sein, Was mir drang ins Herz hinein, Als ich weiland schaute dein, Wunnevolles Magedein! 268 2 . Einsam klag' ich meine Leiden Im vertrauten Schoß der Nacht; Frohe Menschen mufl ich meiden, Fliehen scheu, wo Freude lacht. Einsam fließen meine Thränen, Fließen immer, fließen still; Doch des Herzens brennend Sehnen Keine Thräne löschen will. Einst, ein lachend muntrer Knabe, Spielt' ich manches schöne Spiel, Freute mich der Lebensgabe, Wusste nie von.Schmerzgefühl. Denn die Welt war nur ein Garten, Wo viel' bunte Blumen blühn, Wo meiii Tagwerk Blumen-warten, Rosen, Veilchen und Jasmin. Träumend'süß aus grüner Aue Sah ich Büchlein fließen mild; Wenn ich jetzt in Büchlein schaue, Zeigt sich mir ein bleiches Bild. Bin ein bleicher Mann geworden. Seit mein Auge sie gesehn; Heimlich weh ist mir geworden, Wundersam ist mir geschehn. 269 Tief im Herzen hegt' ich> lange Englein stiller Friedensruh; Diese flohen zitternd, bange, ' Ihrer Stcrnenheimat zu. Schwarze Nacht mein Aug' umdüstert, Schatten drohen feindlich grimm; Und im Busen heimlich flüstert Eine eigen fremde Stimm'. Fremde Schmerzen, fremde Leiden Steigen auf mit wilder Wuth, Und in meinen Eingeweiden Zehret eine fremde Gluth. Aber dass in meinem Herzen Flammen wühlen sonder Ruh, ° Dass ich sterbe hin vor Schmerzen — Minne, sieh! Das thatest du! 3. Jedweder Geselle, sein Mädel am Arm, Durchwandelt die Lindcnreihn; Ich aber, ich wandle, dass Gott erbarm'! Ganz mntterscel-allein. Mein Herz wird beengt, mein Auge wird trüb, Wenn ein Andrer mit Liebchen sich freut. Denn ich habe auch ein süßes Lieb, Doch wohnt sie gar ferne und weit. 270 So manches Jahr getragen ich hab', Ich trage nicht länger die Pein, Ich schnüre mein Bündlein und greise den Skab, Und wandr' in die Welt hinein. Und wandre fort manch hundert Stund', Bis ich komm' an die große Stadt; Sie prangt an eines Stromes Mund, Drei keckliche Thürme sie hat. Da schwindet bald mein Liebesharm, Da harret Freude mein; Da kann ich wandeln, Feinsliebchen am Arm, Durch die duftigen Lindenreihn. 4. Wenn ich bei meiner Liebsten bin, Dann geht das Herz mir auf; Dann bin ich reich in meinem Sinn Und biet' die Welt zu Kauf. Doch wenn ich wieder scheiden muss Aus ihrem Schwancnarm, Dann schwindet all mein Überfluft, Und ich bin bettelarm. o. Ich wollte, meine Lieder Das wären Blümlein: Ich schicke sie zu riechen Der Herzallerliebsten mein. 271 Ich wollte, meine Lieder Das wären Küsse sein: Ich schickt' sie heimlich alle Nach Liebchens Wängelein. Ich wollte, meine Lieder Das wären Erbsen klein: Ich kocht' eine Erbsensuppe, Die sollte köstlich sein. 6 . In Vaters Garten heimlich steht Ein Blümchen, traurig und bleich; Der Winter zieht fort, der Früling weht, Bleich Blümchen bleibt immer so bleich. Die bleiche Blume schaut Wie eine kranke Braut. , Zu mir bleich Blümchen leise spricht: „Lieb Brüderchen, pflücke mich!" Zu Blümchen sprech' ich: Das thu' ich nicht, Ich pflücke nimmermehr dich. Ich such' mit Müh' und Noth Die Blume purpurroth. Bleich Blümchen spricht: „Such hin, such her Bis an deinen kühlen Tod, Du suchst umsonst, sinkst nimmermehr Die Blume pnrpurroth. Mich aber Pflücken thu, Ich bin so krank wie du." 272 So lispelt bleich Blümchen und bittet sehr Da zag' ich und pflück' ich es schnell. Und Plötzlich blutet mein Herze nicht mehr, Mein inneres Auge wird hell. In meine wunde Brust Kommt stille Engellust. 7 . Oben, wo die Sterne glühen, Müssen uns die Freuden blühen, Die uns unten sind versagt; In des Todes kalten Armen Kann das Leben erst erwärmen, .Und das Licht der Nacht enttagt. 273 In den „komanM". i. Die Weihe. Einsam in der Waldkapelle, Vor dem Bild der Himmelsjungfran, Lag ein frommer bleicher Knabe Demuth »voll dahingesnnken. „O Madonna! last mich ewig Hier anf dieser Schwelle knieen, Wollest nimmer mich verstoßen In die Welt, so kalt nnd sündig. „O Madonna! sonnig wallen Deines Haupte» Strahlenlocken; Süßes Lächeln mild umspielet Deines Mundes heil'ge Rosen. „O Madonna! deine Augen Leuchten mir wie Sternenlichtcr; Lebensschifslein treibet irre, Sternlein leiten ewig sicher. Heire'S Werte. Bd. XV. 18 274 „O Madonna! sonder Wanken Trng ich deine Schmerzenprüfung, Frommer Minne blind vertrauend, Nur in deinen Gluthen glühend. „O Madonna! hör mich heute, Gnadenvolle, wunderreiche, Spende mir ein Huldeszeichen, Nur ein leises Huldeszeichen!" Da that sich ein schauerlich Wunder bekunden, Wald und Kapell' sind auf einmal verschwunden, Knabe nicht wusste, wie ihm geschehn, Hat Alles auf einmal umwandelt gesehn. Und staunend stand er im schmucken Saale, Da saß Madonna, doch ohne Strahlen; Sie hat sich verwandelt in liebliche Maid, Und grüßet und lächelt mit kindlicher Freud'. Und sich! vorn blonden Lockenhaupte, Sie selber sich eine Locke raubte, Und sprach zum Knaben mit himmlischem Ton: „Nimm hin deinen besten Erdenlohn!" Sprich nun, wer bezeugt die Weihe? Sahst du nicht die Farben wogen Flammig an der Himmelsbläue? Menschen nenncn's Regenbogen. Englein steigen auf und nieder, Schlagen rauschend mit den Schwingen, Flüstern wundersame Lieder, Süßer Harmoniern Klingen. 275 Knabe hat es wohl verstanden, Was mit Sehnsuchtsgluth ihn ziehet Fort und fort nach jenen Landen, Wo die Myrte ewig blühet. 2 . Ständchen eines Mauren.* Meiner schlafenden Zuleima Rinnt aufs Herz, ihr Thränentropfen; Dann wird ja das süße Herzchen Sehnsuchtsvoll nach Abdul klopfen. Meiner schlafenden Zuleima Spielt ums Ohr, ihr Seufzer trübe; Dann träumt ja das blonde Köpfchen Heimlich süß von Abdul's Liebe. Meiner schlafenden Zuleima Ström aufs Händchen, Herzblntquelle; Dann trägt ja ihr süßes Händchen Abdul's Herzblut, roth und helle. Ach! der Schmerz ist stumm geboren, Ohne Zunge in dem Munde, Hat nur Thränen, hat nur Seufzer, Und nur Blut aus Herzenswnnde. dcS Gcdickics fintci Ach' in Nr. 38 der lembrr 1847: ^ ^ Der sterbende Almansor. 18 ' 276 3 . Die Lehre. Mutter zum Bienelein: „Hüt dich vor Kerzenschcin!" Doch was die Mutter spricht, Bienelein achtet nicht; Schwirret ums Licht herum, Schwirret mit Sum-sum-sum, Hört nicht die Mutter schrein: „Bienelein! Bienelein!" Junges Blut, tolles Blut, Treibt in die Flammengluth, Treibt in die Flamm' hinein, — „Bienelein! Bienelein!" 'S flackert nun lichterroth, Flamme gab Flammentod. — „Hut dich vor Mägdelein, Sohnelein! Söhnelein!" 4 . Traum und Leben. Es glühte der Tag, es glühte mein Herz, Süll trug ich mit mir herum den Schmerz. Und als die Nacht kam, schlich ich fort Zur blühenden Rose am stillen Ort. 277 Ich nahte mich leise und stumm wie das Grab, Nur Thränen rollten die Wangen hinab; Ich schaut' in den Kelch der Nose hinein, Da glomm's hervor, wie ein glühender Schein. Und freudig entschlief ich beim Nosenbanm; Da trieb sein Spiel ein neckender Traum: Ich sah ein rosiges Mädchenbild, Den Busen ein rosiges Mieder umhüllt. Sie gab mir was Hübsches, recht goldig und weich Ich trug's in ein goldenes Häuschen sogleich. Im Häuschen da geht es gar wunderlich bunt, Da dreht sich ein Völkchen in zierlicher Rund'. Da tanzen zwölf Tänzer, ohn' Ruh' und Rast, Sie haben sich fest bei den Händen gefasst; Und wenn ein Tanz zu enden begann, So sängt ein andrer von vorne an. Und es summt mir ins Ohr die Tanzmusik: „Die schönste der Stunden kehrt nimmer zurück; Dein ganzes Leben war nur An Traum, Und diese Stunde ein Traum im Traum." — Der Traum war aus, der Morgen graut, Mein Auge schnell nach der Rose schaut, — O weh! statt des glühenden Fünkleins steckt Im Kelche der Nose ein kaltes Insekt. In den „Sonetten". An den Hofrath Georg S(artorius) in Göttingen. Stolz und gebietend ist des Leiber Haltung, Doch Sanftmnth sieht man um die Lippen schweben, Das Auge blitzt, nnd alle Muskeln beben, Doch bleibt im Reden ruhige Entfaltung. So stehst du auf dem Lehrstuhl, von Verwaltung Der Staaten sprechend, nnd vorn klugen Streben Der Kabinette, und vom Völkerleben, Und von Germaniens Spaltung und Gestaltung. AnS dem Gedächtnis lischt mir nie dein Bild! In unsrer Zeit der Selbstsucht und der Roheit Erquickt ein solches BiH> von edler Hoheit. Doch was du mir, recht väterlich und mild, Zum Herzen sprachst in stiller, trauter Stunde, Das trag' ich treu im tiefen Herzensgründe. An I. B. R(onsseau). Dein Freundesgruß konnt' mir die Brust erschließen, Die dunkle Hcrzenskammer mir entriegeln; Ich bin umfächelt wie von Zanberflügeln, Und heimatliche Bilder mich begrüßen. 279 Den alten Nheinstrom seh' ich wieder stießen, In seinem Blau sich Berg und Burgen spiegeln, Goldtrauben winken von den Nebenhügeln, Die Winzer klettern und die Blumen sprießen. O, könnt' ich hin zu dir, zu dir, Getreuer, Der du noch an mir hängst, so wie sich schlingt Der grüne Epheu um ein morsch Gemäuer. O, könnt' ich hin zu dir, und leise lauschen Bei deinem Lied, derweil Rothkehlchen singt Und still des Rheines Wogen mich umrauschen. An Franz von Z. Es zieht mich nach Nordland ein goldner Stern Ade, mein Bruder! denk mein in der Fern'! Bleib treu, bleib treu der Poesie, Verlast das süße Bräutchen nie! Bewahr in der Brust, wie einen Hort, Das liebe, schöne deutsche Wort! —, Und kommst du mal nach dem Norderstrand, So lausche nur am Norderstrand; ' Und lausche, bis fern sich ein Klingen erhebt Und über die feiernden Fluchen schwebt. Dann mag's wohl sein, dast entgegen dir zieht Des wohlbekannten Sängers Lied. Dann greif auch du in dein Saitenspiel Und gieb mir süßer Kunden viel: Wie's dir, mein trauter Sänger, ergeht, Und wie's meinen Lieben all^n ergeht, Und wie's ergeht der schönen Maid, Die so manches Zünglingsherz erfreut, Und in manches gesendet viel Gluth hinein, Die blühende Rose am blühenden Rhein! 280 Und auch vom Vaterland Kunde gieb: Ob's noch das Land der treuen Lieb', Ob der alte Gott noch in Deuschland wohnt, Und Niemand mehr dem Bösen frohnt. Und wie dein süßes Lied erklingt Und heitere Märchen hinüber bringt, Wohl über die Wogen zum fernen Strand, So freut sich der Sänger im Norderland. Das projektierte Denkmal Goethe s Hört zu, ihr deutschen Männer, Mädchen, Frauen, Und sammelt Subskribenten unverdrossen! Frankfurts Bewohner haben jetzt beschlossen, Ein Ehrendenkmal Goethen zu erbauen. „Zur Messzeit wird der fremde Krämer schauen," So Anken sie, — „dass wir des Manns Genossen, Dass unserm Boden solche Blum' entsprossen, Und blindlings wird man nns im Handel trauen." O, lasst dem Dichter seine Lorberreiser, Ihr Handelsherrn! Behaltet euer Geld. Ein Denkmal hat sich Goethe selbst gesetzt. In Windeln war er einst euch nah; doch jetzt Trennt euch von Goethe eine ganze Welt, Euch, die ein Flüsslein trennt vom Sachsenhauser. Bamberg ^und Wiirzbnrg. In beider Weichbild fließt der Gnaden Quelle, Und tausend Wunder täglich dort geschehen. Umlagert sieht man dort von Kranken stehen Den Fürsten, der da heilet auf der Stelle. 281 Er spricht: „Steht auf und geht!" Und flink und schnelle Sieht man die Lahmen selbst von hinnen gehen. Er spricht: „Schaut auf und sehet!" Und es sehen Sogar die Bliudgebornen klar und helle. Ein Jüngling naht, von Wassersucht getrieben, Und fleht: Wunderthäter, meinem Leibe!"" Und segnend spricht der Fürst: „Geh hin und schreibe!" In Bamberg und in Würzburg macht's Spektakel, Die Handlung Gebhardt's rufet laut: „Mirakel!" — Neun Dramen hat der Jüngling schon geschrieben. „Das Bild," „Lesfing-Da Binci's Nathan und Galotü, Schiller-Raphael's Wallenstein und Posa, Egmont und Faust von Goethe-Buonarotti, Die nimm zum Muster, Houwald-Spinarosa! „Ancassin und Nicolette," „Die Liebe aus der gute» alten Zeit." «» s. a. »-r-ff. Hast einen bunten Teppich ausgebreitet, Worauf gestickt sind leuchtende Figuren. Es ist der Kampf feindseliger Naturen, Der halbe Mond, der mit dem Kreuze streitet. Trompetcntusch! Die Schlacht wird vorbereitet; Jui Kerker schmachten, die sich Treue schwuren; Schalmeien klingen aus Provencer Fluren; Auf dem Bazar Karthago's Sultan schreitet. 282 Freundlich ergötzt die bunte Herrlichkeit: Wir irren wie in märchenhafter Wildnis, Bis Lieb' und Licht besiegen Hass und Nacht. Du, Meister, kanntest der Kontraste Macht, Und gabst in schlechter neuer Zeit das Bildnis Von Liebe aus der guten alten Zeit! Die Nacht auf dem Drachenfels. Um Mitternacht war schon die Burg erstiegen, Der Holzstoß flammte auf am Fuß der Mauern, Und wie die Burschen lustig niederkaucrn, Erscholl das Lied von Deutschlands heil'gen Siegen. Wir tranken Deutschlands Wohl aus Rheinweinkrügcn, Wir sahn den Burggeist aus dem Thurme lauern, Viel' dunkle Nitterschatten uns umschauern, Viel' Nebelfraun bei uns vorübrrfliegen. Und aus den Thürmen steigt ein tiefes Ächzen, Es klirrt und rasselt, und die Eulen krächzen; Dazwischen heult des Nordsturms Wuthgebrause. — Sieh nun, mein Freund! so eine Nacht durchwacht' ich Auf hohem Drachenfels, doch leider bracht' ich Den Schnupfen und den Husten mit nach Hause. An Fritz St(einmaiill). Die Schlechten siegen, untergehn die Wackern, Statt Myrten lobt man nur die dürren Pappeln, Worin die Abcndwinde tüchtig rappeln, Statt stiller Gluth lobt man nur Helles Flackern. 283 Vergebens wirst du den Parnass beackern, Und Bild auf Bild und Blum' auf Blume stapeln, Vergebens wirst du dich zu Tode zappeln, Verstehst du's nicht, noch vor dem Ei zu gackern. Auch musst du wie ein Kampfstier dich behörnen, Und Schutz- und Trutz-Kritiken schreiben lernen, Und kräftig oft in die Posaune schmettern. Auch schreibe nicht für Nachwelt, schreib für Pöbel, Der Knalleffekt sei deiner Dichtung Hebel, — Und bald wird dich die Galerie vergöttern. An Sie. Die rothen Blumen hier und auch die bleichen, Die einst geblüht aus blut'gen Herzenswunden, Die hab' ich nun zum schmucken Strauß verbunden, Und will ihn dir, du schöne Herrin, reichen. Nimm huldreich hin die treuen Sangeskunden; Ich kann ja nicht aus diesem Leben weichen, Ohn' rückzulassen dir ein Liebeszcichcn — Gedenke'mein, wenn ich den Tod gesunden! Doch nie, o Herrin, sollst du mich beklagen; Beneidenswerth war selbst mein Schmerzenleben —. Denn liebend durft' ich dich im Herzen tragen. Und größreS Heil noch soll mir bald geschehen: Mit Geisterschutz darf ich dein Haupt umschweben Und Friedensgrüße in dein Herze wehen. 284 Zum „Lyrischen Intermezzo." i. Schöne, helle, goldne Sterne, Grüßt die Liebste in der Ferne, Sagt, dass ich noch immer sei Herzekrank nnd bleich und treu. 2 . Du sollst mich liebend umschließen, Geliebtes, schönes Weib! Umschling mich mit Armen und Füßen Und mit dem geschmeidigen Leib. Gewaltig hat umfangen, Umwunden, umschlungen schon Die allerschönste der Schlangen Den glücklichsten Laokoon. 285 Ich glaub' nicht an den Himmel, * Wovon das Pfäfflein spricht; Ich glaub' nur an dein Auge, Das ist mein Himmelslicht. Ich glaub' nicht an den Herrgott, Wovon das Pfäfflein spricht; Ich glaub' nur an dein Herze, 'Nen andern Gott hab' ich nicht. Ich glaub' nicht an den Bösen, - An Höll' und Höllenschmerz; Ich glaub' nur an dein Auge, Und an dein böses Herz. 4 . Ich kann es nicht vergessen, Gelobtes, holdes Weib, Dass ich dich einst besessen, Die Seele und den Leib. Den Leib möcht' ich noch haben, Den Leib, so zart und jung; Die Seele könnt ihr begraben, Hab' selber Seele genung. Ich will meine Seele zerschneiden, Und hauchen die Hälfte dir ein, Und will dich umschlingen, wir müssen Ganz Leib und Seele sein. 286 5 . Freundschaft, Liebe, Stein der Weisen, * Diese Dreie hört' ich preisen, Und ich pries und suchte sie, Aber, ach! ich fand sie nie. 6 . Es schauen die Blumen alle Zur leuchtenden Sonne hinauf; Es nehmen die Ströme alle Zum leuchtenden Meere den Laus. Es flattern die Lieder alle Zu meinem leuchtenden Lieb — Nehmt mit meine Thränen und Seufzer, Ihr Lieder, wehmüthig und trüb! 287 Zur „Heimkehr." i. Du Lilje meiner Liebe, Du stehst so träumend am Bach, Und schaust hinein so trübe, Und flüsterst „Weh" und „Ach!" „Geh fort mit deinem Gekose! Ich weiß es, du falscher Mann, Dast meine Kousine, die Rose, Dein falsches Herz gewann." 2 . In den Küssen welche Lüge! Welche Wonne in dem Schein! Ach, wie süß ist das Betrügen, Süßer das Betrogensein I Liebchen, wie du dich auch wehrest, Weiß ich doch, was du erlaubst! Glauben will ich, was du schwörest, Schwören will ich, was du glaubst. 288 3 . Zu der Lauheit und der Flauheit Deiner Seele paffte nicht Meiner Liebe wilde Rauheit, Die sich Bahn durch Felsen bricht. Du, du liebtest die Chausseen In der Liebe, und ich schau' Dich am Arm des Gatten gehen, Eine brave, schwangre Frau. 4 . O, mein gnädiges Fräulein, erlaubt Mir kranken Sohn der Musen, Dast schlummernd ruhe mein Sängerhaupt Auf Eurem Schwaneubusen! „Mein Herr! wie können Sie es wagen, Mir so was in Gesellschaft zu sagen?" 5 . Hast du die Lippen mir wund geküsst, So küsse sie wieder heil, Und wenn du bis Abend nicht fertig bist, So hat es auch keine Eil'. Du hast ja noch die ganze N.HVs Du Herzallerliebste mein! Man kann in solch einer ganzen Nacht Viel küssen und selig sein. 289 6 . Als sie mich umschlang mit zärtlichem Pressen, Da ist meine Seele gen Himmel geflogen! Ich ließ sie fliegen, und hab' unterdessen Den Nektar von ihren Lippen gesogen. 7 . Ja, Freund, hier unter den Linden Kannst du dein Herz erbaun, Hier kannst du beisammen finden Die allerschönsten Fraun. Sie blühn so hold und minuig Im farbigen Seidengewand! Ein Dichter hat sie sinnig Wandelnde Blumen genannt. Welch schöne Federhüte! Welch schöne Türkenshawls! Welch schöne Wangenblüthe! Welch schöner Schwanenhals! 8 . Schön , wirthschaftliche Dame, Haus und Hos ist wohlbestellt, Wohlversorgt ist Stall und Keller, Wohlbeackert ist das Feld. Heiiie's Werke. Bd. XV. 19 Jeder Winkel in dem Garte» Ist gerentet und geputzt, Und das Stroh, das ansgedroschen, Wird für Betten noch benutzt. Doch dein Herz und deine Lippen, Schöne Dame, liegen brach, lind zur Hälfte nur benutzet Ist dein trautes Schlafgemach. 9 . Blamier mich micht, mein schönes Kind, Und grüß mich nicht unter den Linden; Wenn wir nachher zu Hanse sind, Wird sich schon Alles finden. 10 . Himmlisch war's, wenn ich bezwäng Meine sündige Begier; Aber wenn's mir nicht gelang, Hatt' ich doch ein groß Plaisir. 291 An Edom! Ein Jahrtausend schon und länger Dulden wir uns brüderlich; Du, du duldest, dass ich athme, Dass du rasest, dulde ich. Manchmal nur, in dunkeln Zeiten, Ward dir wunderlich zu Muth, Und die liebefrommen Tätzcheu Färbtest du mit meinem Blut. Jetzt wird unsre Freundschaft fester, Und noch täglich nimmt sie zu; Denn ich selbst begann zu rasen, Und ich werde fast wie du! Mit einem Exemplar des „Rabbi von Bacharach." Brich aus in lauten Klagen, Du düstrer Martyrerlied, Das ich so lang getragen Im flammenstilleu Gemüth! Es dringt in alle Ohren, Und durch die Ohren ins Herz; Ich habe gewaltig beschworen Den tausendjährigen Schmerz. 19 * 292 Es weinen die Großen und Kleinen, Sogar die kalten Herrn, Die Frauen und Blumen weinen, Es weinen am Himmel die Stern'. Und alle die Thränen fließen Nach Süden im stillen Verein, Sie fließen und ergießen Sich all' in den Jordan hinein. Übersetzungen Jorä H^ron's Werken. ( 1820 .) Vorbemerkung. Die Übersetzung der ersten Scene aus „Manfred" und des „Gut' Nacht" aus „Childe Harald" entstand erst voriges Jahr und möge als Probe dienen, wie ich einige englische Dichter ins Deutsche zu übertragen gedenke. Die Lieder „Lebewohl" und „An Jnez" sind weit früher — und zwar in unreifer, fehlerhafter Form — übersetzt, und wurden aus bloß zufälligen Gründen hier abgedruckt. Berlin, den 20. November 1821. H. Heine. Manfred. Erster Auszug. Erster Austritt. Eine gothische Halle. — Mitternacht. — Manfred allein. Manfred. Ich muss die Ampel wieder füllen, dennoch Brennt sie so lange nicht, als ich muss wachen. Mein Schlaf — wenn ich auch schlaf — ist doch kein Schlaf Nur ein fortdauernd Brüten in Gedanken, Die ich nicht bannen kann. Im Herzen pocht mir's Gleich wie ein Wecker, nnd mein Aug' erschließt Sich nur, einwärts zu schaun. Und dennoch leb' ich, Und trage Menschensorm und Menschenantlitz. Doch Kummer sollt' des Weisen Lehrer sein; Der Schmerz macht weise, nnd wer's Meiste weiß, Den schmerzt am meisten auch die bittre Wahrheit: Dass der Erkenntnisbaum kein Baum des Lebens! Nun hab' ich jede Wissenschaft durchgrübelt, Auch Weltweisheit, die Kräfte der Natur Erforscht, und fühl' im Herzen die Gewalt, Die solche dienstbar machen könnt' mir selber. 296 Doch frommt es nicht. — Den Menschen that ich Gutes, Und mir geschah auch Gutes, selbst von Menschen. Doch frommt Das nicht. — Ich hatte meine Feinde,' Ich sank vor Keinem, Mancher sank vor mir. Doch frommt es nicht. — Denn Gutes, Böses, Leben, Macht, Leidenschaft, wie ich's bei Andern sehe, Das war bei mir wie Regen auf den Sand, Seit jener grausen Stund'. Ich fürchte Nichts, Mich quält der Fluch, dass ich Nichts fürchten kann, Kein stärkrcs Pochen fühl', von Hoffnung, Wünschen, Sehnsucht nach einem Wesen dieser Erde. Mein Werk beginn'! Geheimnisvolle Mächte! Ihr Geister dieses unbegrenzten Weltalls! Ihr, die ich stets gesucht in Licht und Dunkel! Ihr, die den Erdball rings umwebt, und luftig Im Hauche wohnt; ihr, die als Lieblingsplätze Euch ausgesucht die steilsten Bergesgipfel; Ihr, die in Erd- und Meerabgründen hauset, — Euch ruf' ich her kraft des geschricbnen Zaubers, Der euch mir unterjocht. Steigt auf! Erscheint!