Briefe Oehlenschlägers an Goethe.
17
kühlte, so wird ein herrlicher Herbfiwald mit seinen vollendunkelgrünen gelbgefleckten Lauben sich jezt eröffnenund mich einladen. Da werden die reifften Früchte röth-lieh auf den Zweigen hangen, die Walnüsse eben aus derSchaale gesprungen braun vor mir im Grase liegen, derAbendpurpur in seinem erhabenflen Glanz lebendig durchdas dunkle Gehölz ftrahlen. Die Vögel werden nicht vielzwitschern, und nicht viele Blumen duften (wie sie eszum Eckel thun in den neueften Wasserwiesen, wo eigent-lich nur Kühe grasen sollten) aber Mädchenwangen werdenschöner als Rosen glühen; und besser als Nachtigalle wer-den Mädchen wehmuthsvoll- und liebevoll in der Laubebey der Guitarre singen; der Vater Homer geht im langenGewände mit der Harfe auf den Rücken durch den Wald,mit ewigen Rosen der ewigen Jugend um das Haupt;und als Lilie schlingt die silberne Locke sich ein, währenddie schwarten Locken die mächtiger daneben sitzen, dievorige Kraft beweisen, und ein langes, heiteres Leben ver-kündigen.
Ich hätte auch Luft (sans comparaison) einen Romanzu schreiben; ich darf es aber nicht man kriegt immerLuft sein eigenes Leben zu schreiben; wenigftens geht esmir so, und da muß man sich hundert mahl in Acht neh-men, und darf es nicht ein mahl so gut machen wie eswirklich in der That war. Kein Gefühl ift närrischer alswenn man das, was im wirklichen Leben geschieht überdie Poesie setzen muß; welches doch eigentlich das idealezusammengedrängte Schöne und Bedeutungsvolle des Lebensdarftellen sollte. Nie ift dieses Gefühl fterker in meinerSeele gewesen, als da ich in Weimar Peregrine Pickle vonSmolett las, während die Franzosen die Schlacht bey Jenagewannen und die Stadt einnahmen.
Darf ich wohl von Ihrer Güte hoffen daß Sie mireinige Emphelungsschreiben nach Italien (eigentlich nachRom) zuschicken wollen? An Humbold zum Beyspiel?Es würde mir äusserft nützlich seyn. Es wollte mir auch
Goethe-Jahrbuch VIII. 2