196
Abhandlungen.
Ach der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite —
Hiob 16 , 19: »der mich kennt, ist in der Höhe«. Aus derspätem Prosa wollen wir nur aus Dichtung und Wahrheit,Buch 15, die eine bildliche Redensart anführen: »ich tretödie Kelter allein«, die dem Propheten Jesaias 63, 3 ange-hört. Noch am Schlüsse des Lebens brachte der Dichterim vierten Akt des Faust die drei Gewaltigen: Raubebold,Habebald, Haltefest, und die Eilebeute aus dem Alten Testa-ment hervor — indem er Jes. 8 und 2 Sam. 23 combinirte.
Näher und reichlicher, als aus den Werken des Mannesund des reifen, gemäßigten, mehr antiken Stiles, sprichtdie biblische Rede- und Vorstellungsweise aus Vers undProsa der Jugendzeit. In manchen Strassburger und Frank-furter Briefen scheint der werdende Dichter sich gar nichtanders als in Bildern und Worten des Alten und NeuenTestamentes ausdrücken zu können. So wenn er an Herderschreibt: »ist uns köstlicher denn Myrrhen, thut wohl wieStriegel und hären Tuch dem aus dem Bade Steigenden«,— an denselben: »ich sah den gepeitschten Heliodor ander Erde und der himmlische Grimm der rächenden Geistersäuselte um mich herum« (nach 2 Maccab. 3), —an Kestner:»ich wandere in Wüsten, da kein Wasser ist; meine Haäresind mir Schatten und mein Blut mein Brunnen«, — andenselben: »dass ich ihm wünsche, er möge den Halsbrechen, wie Eli« (1 Sam. 4, 18), — an Schönborn: »aberich höre das Philistervolk schon rufen: er ist voll süssenWeines! und der Landpfleger wiegt sich auf seinem Stuhleund spricht: du rasest« (Act. Ap. 26, 24).
Eben so in den Dichtwerken jener Jahre. Götz vonBerlichingen: gleich in der ersten Scene der Wirth: »inmeiner Stube solls ehrlich und ordentlich zugehen« (1 Kor.14, 40: lasst Alles ehrlich und ordentlich zugehen); BruderMartin: »der Wein erfreut des Menschen Herz« (nachPs. 104, 15); derselbe: »wohl dem der ein tugendsam Weibhat, dess lebt er noch eins so lange« (wörtlich aus Sir. 26,1);