Jahrgang 
9 (1888)
Seite
117
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Zwei Briefe von Cornelie Schlosser. I i 7

sagen kann, dass sie der Herderin nahe gestanden habenmuss. Die Bekanntschaft zwischen Cornelie und der BrautHerders hatte Goethe, der »Wanderer«, vermittelt. Auf derReise nach Bückeburg, Anfang Mai, waren, wie Haym mitRecht aus Goethes Brief an Kestner (Weim. Goethe-Ausg. IV,2 N. 149) schliesst, die Neuvermählten in Goethes Vaterhauseeingekehrt. Am 1. November fand Corneliens Vermählung mitSchlosser statt, am 14. verliess das junge Paar Frankfurt undtrat die Reise nach Carlsruhe an. (Düntzer, Frauenbilder ausGoethes Jugendzeit, 1852 S. 181.)

Von der »verliebten Zärtlichkeit«, die der Schwager Hie-ronymus Peter Schlosser, der Poet bei den »Aktenstöcken«,in dem Hochzeitscarmen besungen hatte, ist in dem erstenBriefe der jungen Frau doch wenigstens einiges zu spüren.Mit Worten aus dem Götz, die sich ihr unwillkürlich zudrängen,wünscht sie jedem Mädchen, die Gott lieb hat, einen Mannwie den, dessen Besitz ihr doch nicht einmal in diesen erstenWochen für die Trennung von dem geliebten Bruder Ersatzbietet. Mit Carolines Schicksal konnte sich das ihrige nichtvergleichen. »Der Abschied von meinen guten Geschwisternwar mir schmerzlich; aber Er ersetzte mir mehr als Alles,gab mir tausendfältig mehr, als ich je verdient, je hätte ahnenkönnen«, so schreibt Caroline noch als Greisin, da sie sichihres »Freudenfestes« erinnert. Cornelie beklagt die Trennungvon ihrer Gespielin und Jugendfreundin Antoinette (Gerock),die ihr denn auch später in ihrer Einsamkeit wieder zur Seitewar, sie wünscht sich eine Mutter, wie Herders sie in derFremde zu finden das Glück gehabt. In den »Erinnerungenaus dem Leben Herders« (1, 236) finden wir die erklärendeStelle. »Die erste Freundin, die wir in Bückeburg sahen, warFrau von Bescheffer. An dieser seltenen, rastlos thätigen,durch manche Leiden geprüften frommen Seele fand ich einezweite Mutter und Freundin. Vom ersten Augenblick an warich wie ihr Kind, und sie meine, unsere Mutter.«

Nicht sofort nach der Ankunft in Carlsruhe so darfman doch wohl aus dem Schweigen Corneliens über diesenPunkt schliessen hat es sich entschieden, dass dort ihresBleibens nicht war. Der zweite Brief, aus Emmendingen, demneuen Wohnorte, der ihr nie zur Heimath wurde, ist offenbarin gedrückter Stimmung geschrieben. Von dem Bruder istdarin namentlich nicht die Rede; aber der Laokoonskopf,um den sich Cornelie, nächst ihrem Flügel, die meiste Sorgemacht, war doch wohl ein Geschenk von ihm aus seinerSammlung. Ein ominöses Geschenk, das Symbol eines helden-haft verwundenen entseelenden Schmerzes.