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Abhandlungen.
meist unvollkommenere Fassung; ebenso bietet sie nochdie ältere Eintheilung der Dichtung in sechs Gesänge, nebenwelcher die spätere von neun Gesängen erst durch Kor-rektur eingetragen ist.
Was die Handschrift besonders interessant macht, sinddie sehr zahlreichen Korrekturen, die sie enthält, zum Theilvon Goethes eigner Hand und zwar aus verschiedener Zeit,zum Theil von Heinrich Voss herstammend, mit welchemzusammen Goethe im Jahre 1805 eine tiefgreifende Um-arbeitung der Dichtung hauptsächlich zum Zweck metrischerVervollkommnung vornahm, üb Goethe das Gedicht indieser veränderten Gestalt zu veröffentlichen gedachte, istzweifelhaft; jedenfalls blieb die schon weit vorgeschritteneArbeit schliesslich liegen und ist bei den späteren Aus-gaben nicht zur Benutzung gekommen; sie beweist aber,wie ernst und nachhaltig sich der Dichter noch lange nachder so überraschend schnell geförderten ersten Niederschriftmit seinem Werke beschäftigte.
Woher Goethe den Stoff und die erste Anregung zu»Hermann und Dorothea« entnahm, ist schon längst fest-gestellt : Goethe selbst hat den Nachweis der Quelle im»Morgenblatt« vom Jahr 1809 (es ist bekanntlich dieGeschichte von der vertriebenen Salzburgerin und demSohn eines reichen Bürgers aus Altmühl) stillschweigendanerkannt, wenn gleich er, der das Forschen nach denQuellen und Anlässen seiner Dichtungen nicht liebte (vgl.Riemers Mittheilungen I, S. 207), eine ausdrückliche Be-stätigung der Vermuthung vermied. Jedenfalls scheint erden Stolf mehrere Jahre mit sich herumgetragen zu haben.K. A. Böttiger erzählt in seinen eingehenden Mittheilungenüber die Vorlesung der ersten grossem Hälfte von»Hermann und Dorothea«, die Goethe am 25. Dezember1796 veranstaltete (Literarische Zustände und Zeitgenossen,Leipzig, Brockhaus, 1838, S. 74), dass Goethe sich schonseit zw T ei Jahren mit dem Stoffe beschäftigte.
Mag nun auch Böttiger sich sonst nicht überall zuver-lässig erweisen, so hat er doch gerade in dieser Periodeviel mit Goethe verkehrt und konnte wohl unterrichtetsein; auch erw'eisen sich, wie wir nachher sehen werden,seine Angaben über »Hermann und Dorothea« fast durch-weg als zutreffend. Die Thatsache, dass Goethe denGegenstand schon länger im Auge hatte, wird auch bestätigtdurch seine eigne Bemerkung in Eckermanns Gesprächen(6. Aufl. von Düntzer I, S. 62). Hier schildert Goetheseine Art, alles still mit sich herumzutragen, ohne vonseinen poetischen Plänen zu reden, und nennt als Beispielgrade unsre Dichtung. Wenn er hierbei behauptet, dass