Jahrgang 
10 (1889)
Seite
214
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Abhandlungen.

den Prometheus erwartete, so wollte Tieck mit den Schlegelin einer antikisirenden Tragödie »Niobe« wetteifern . 1 DiesenStoff, welcher dann später Wilhelm Schütz verfallen ist,,haben die Romantiker aus Goethes Händen aufgegriffen.Er hatte, gewissermaßen als Seitenstück zu seinem Aufsatz,über die "Laokoongruppe, eine ähnliche Behandlung derNiobiden in den Propyläen versprochen : jedoch der Aufsatz»Niobe mit ihren Kindern« im zweiten Band der Propyläen 2 'rührt von dem Kunstmeyer her. Wilhelm Schlegel abersieht in ihm offenbar ein Produkt Goethes, den er inseiner Elegie »Die Kunst der Griechen« 3 anredet:

»Du indessen enthüllst, der Hellenischen Muse Geweihter,

Mit still deutendem Sinn, Goethe, manch Wundergebild,Wie es emporstieg einst in dem Geist prometheischer Männer ;

Ruhig beschwörend den Wahn, welcher nur gafft und verkennt.Dir entringein die Schlangen um Ilions Held und die KnabenIhre Gewinde; wir sehn, wie die bewaffnete KunstZögernd der Götter Gerichte vollführt; die schonende Hand goss-Linde der Anmuth Oel über den duldenden Stein.

So hebt Niobe dort die verstummenden Blicke zum HimmelGross gewendet, ihr haucht um den geöffneten MundHeilige Charis, die zürnet und fleht; ach, wenn sie erstarrt nochSah Latona so schön, musste, zu spät, sie verzeihn!

Leih den Gestalten dein bildendes Wort; aus verbrüdertem GeisteFreundlich zurückstrahlt, spiegle sich Kunst in der Kunst«.

Zur besonderen Freude Wilhelm Schlegels 4 bedient sichTieck anspielungsweise des Bildes von der Niobe in seinemGedichte »Einsamkeit«, welches im Schlegel-TieckschenMusenalmanach 5 zuerst gedruckt ist:

»Versteinert sieht es starr mir in die Blicke,

Was geistersüss die Seele quillend stillte.

In Steinen liegt umher mein kindlich Glücke,

Was sonst in schnellen Blitzen sich enthüllte ;

Die liebsten Kinder können nicht zurücke,

Das Mutterherz verstummt, und an dem BildeErstarrt es selbst und wird zu ödem Stein,

Die tiefe Traur sinkt in sich selbst hinein!«

1 Köpke, Tiecks Leben I, 296.

2 S. 48 ff.

5 Athenäum II 2, 181 f.

4 Holtei, Briefe an Tieck, III, 252.

s S. 168. Auch in Schlegels »Jon« ist das Bild der Niobebeliebt (Böcking II, 76 u. 121).