Jahrgang 
10 (1889)
Seite
216
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Abhandlungen.

und Taschenbücher auf 1796« Zweitens aber ist Schlegelwie Goethe und Schiller von dem alleinigen und unbedingtenWerth der Form in der Kunst überzeugt: jede moralisirendeTendenz, jeden Anspruch auf directen Nutzen weisst er alseine blos stoffliche Wirkung zurück. »Gibt es denn wirk-lich kein andres Mittel die Menschen zu bessern als ihrenGeschmack zu verderben?« Mit den Xenien und TiecksMärchenkomödien in Reih und Glied kämpft er gegen dieIffland und Kotzebue, verlangt eine freie Komödie ohnelehrhaften Nebenzweck und verkündigt den Wallenstein,wenn er sagt: derZeitpunkt sei nicht mehr ferne, wo manauf dem Theater nur gewählte Natur durch das Mediumerhöhter Darstellung werde erkennen wollen und Poesieund Drama nicht für fremdartige, ja entgegengesetzte Dinge,sondern für unzertrennliche würden gehalten werden. Sowill auch Schiller 1 2 gerade mit Hinblick auf das Drama derKunst durch Verdrängung der gemeinen NaturnachahmungLuft und Licht geschaffen wissen. So nimmt Goethenoch 1802 für den Jon von Wilhelm und den Alarcos vonFriedrich Schlegel Partei, im Gegensätze zum naturalistischenProsadrama, blos »um diese obligaten Silbenmaße sprechenzu hören«. Derldealismus, die gemeinsameWurzel, hältClas-siker und Romantiker hier noch fest zusammen. Wenigstens,wie Schleiermacher wohl schon richtig erkannte, nach aussen:sie seien durch gemeinsame Gegner zusammengedrängt.

Der Briefwechsel Goethes und Schillers über epischeund dramatische Dichtung zeigt zugleich auch, wie dieClassiker in wichtigen Fragen trotz der Anhänglichkeit anLessings Kritik und trotz der Abneigung gegen die Persondes Kritikers durch Friedrich Schlegel beeinflusst wurden.Dieser verarbeitete damals die Wolfschen Prolegomenafür seine griechische Literaturgeschichte: den Abschnittüber die homerische Poesie hat er zuerst in Reichardts»Deutschland« veröffentlicht 3 und Wilhelm hat die Ideendesselben Ende 1797 seiner Recension von Hermann undDorothea zu Grunde gelegt. Beide Aufsätze hat Goethegelesen: den einen, als er eben über den Unterschied vonEpos und Drama auf Grundlage der Wolfschen Prolegomenanachzudenken begann; den andern als er eben im Begriffestand seine Gedanken in eine Skizze zusammenzufassen. 4Er gab, trotz allen Einwendungen, zu, dass Friedrich Schlegel

1 Kritische Schriften I, 74 ff.

2 An Goethe 29. 12. 1797.

3 s. Fr. Schlegels Jugendschriften I, 215 ff.

4 Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller I, 248 und 342.