Jahrgang 
10 (1889)
Seite
231
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Classiker und Romantiker.

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auf der Scene ein Wunder und zerbricht ihre Fesseln. Dieletzte Rede der sterbenden Genovefa 1 , wiederum in Stanzen,in welcher ihr die heilige Mutter mit dem Sohne und um-geben von Heerschaaren entgegenkommt, vergleicht sichdem Tode der Johanna, welcher die Jungfrau mit demewigen Sohn an der Brust die Arme lächelnd entgegen-streckt. Dem schwarzen Ritter bei Schiller entspricht beiTieck der Shakespearesche Typus eines Unbekannten,welcher dem Karl Marteil in Terzinen die Zukunft voraus-sagt, nicht ohne die Warnung:

»Nur von der Gottheit muss er niemals weichen,

Sonst sinkt er aus der Kunst in irdisch BangenUnd Satans Kraft mag ihn alsdann erreichen«.

Auch etliche wörtliche Anklänge fallen ins Ohr: »Dochmich trieb nie ein eiteles Verlangen« heisst es bei Geno-vefa 2 ; »mich treibt nicht eitles irdisches Verlangen«, sagtJohanna. Die »Seraphim« werden 3 genannt und der fol-gende. Monolog Grimoalds erinnert deutlich an JohannensAbschied:

»Leb wohl, du Land, das du mich auferzogen,

Ihr Berge, Bäume, denen ich gewogen,

Ihr Linden, hohe Eichen, helle Buchen:

Ich muss mir eine andre Heimath suchen«. . .

Die »Jungfrau von Orleans« heisst also in mehr alseinem Sinne mit Recht ein romantisches Drama. Es istnicht ohne Grund, dass Friedrich Schlegel 1802 ihre Ge-schichte nach altfranzösischen Quellen und G. Görres 1839ihre Prozessakten herausgegeben hat. Mit diesem Dramahat Schiller sogar vor den Augen Friedrich Schlegels Gnadegefunden, der, nachdem er den Namen Schillers langeauszusprechen verlernt hatte, in der »Europa« (1803) 4 seinerzuerst wieder mit den doppelsinnigen Worten gedenkt:»Die Wirkung, welche Schillers Jungfrau von Orleanshervorgebracht hat, ist erfreulich, insofern sie die Fähigkeitbeweist, die göttliche Schönheit dieses Sujets zu fühlen.Es ist ein Verdienst, es gefunden und gewählt zu haben,denn es war Kühnheit nöthig es auszuführen. Die Ver-

1 a. a. O. 315 f.

2 a. a. O. 158, 72.

3 160, 23.

4 I, 58 f.