Miscellen.
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nicht herausgelesen werden, Dschemil und Boteinah habendurch solchen Zeichenwechsel ein Liebeseinverständniss er-reicht und ebenso die Romanfiguren; es ist kein glücklicherAusgang der Liebe im Roman damit oder mit der Stelle im Ein-gang 125,13 »Doch wie wir uns verständiget« angedeutet,sondern es wird lediglich die Möglichkeit eines Liebesverkehrsdurch solche Zeichen behauptet; »sich verständigen«, »sichverstehen« heisst hier nicht »ein inneres Einverständniss«erreichen, sondern nur äusserlich erfassen, was der anderemeint. Wir sind also nicht gebunden, einen Roman mitglücklichem Ausgang nach der Umrahmung zu erwarten.
Und in der That verläuft die Correspondenz der Roman-personen übel; die drei letzten Zeilen 127,8-10 »Du falschGemüthe. Bist ein Schalk. Mag der *** dich holen« sinddeutlich genug. Ebenso klar wie das Ende ist der Anfangdes Romanes 125,25 ff. : der unbekannte Liebende führt sichbei der Geliebten ein. Er schickt ihr »Amarante«; sie ver-steht: »Ich sah und brannte«. Sie sendet als Antwort »Raute«,er liest daraus ihre Frage: »Wer schaute ?« d. h. wer bistdu? Und so läuft der Correspondenzroman zunächst Zeilefür Zeile die Schreiber wechselnd fort. Es muss für die Aus-legung vorausgesetzt werden, dass der Empfänger allzeit denAbsender richtig verstand, so dass also das, was der Empfängeraus der Sendung herausliest, immer so anzusehen ist, als ob esder Absender selbst gesprochen habe. Es ist ferner für dieAuslegung ein regelmäßiger Wechsel der Correspondenzprincipiell anzunehmen (vgl. 125,23 »Ich schickte dir, duschicktest mir«). Darnach lautet also die Exposition: Er: Ichsah dich und entbrannte von Liebe zu dir. (125,25) Sie: Werbist du? (28) Er: Ein kühner Krieger. (27. Das Epithetonornans stört nicht, da ja in Wirklichkeit die Geliebte eswählt.) Sie: Wo schautest du mich? (28) Er: Du sollst’serfahren (29). Sie (abwehrend): Ich will dich nicht sprechen,meide mich! (30) Er : Aber ich brenne lichterloh von Liebezu dir, kann dich nicht meiden (126,1). Sie: So will ichserlauben, dass du mirs sagst, mich sprichst (2). Er: So kannstdu mir gefallen (3). Sie (schnippisch) : Sehr gern gefall ich (4).Er : Du willst mich betrüben. (5) Sie : Und du willst meinerja doch nur spotten. ( 6 ) Er (ärgerlich): W'as willst Du meinenWorten nachgrübeln. (7) Sie: W T as soll das heissen? darf ichdich ernst nehmen? (s) Er: Soll ich dir vertrauen? willst dunicht mehr grübeln, mich nicht mehr betrüben? (9) Sie (immernoch zögernd): Du willst mich doch nur necken. (10) Er: Alsosoll ich verwelken vor Liebe? (11) Sie (spöttisch ungläubig):Das musst du wissen. (12) Er : Wart’ ein Weilchen. (13) — —
Diese Fortsetzung passt nicht. Die Worte sind unmöglichim Munde des Liebenden, die Geliebte muss sie sprechen,
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