Miscellen.
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erster und letzter Stelle. Durch dieses Auseinanderreissender einzelnen Abschnitte, ja einzelner Sätze, hat der Übersetzerseinem Autor doch manchmal grossen Zwang angethan. Einbezeichnendes Beispiel ist das folgende. Der kleine Abschnitt:»Ich zweifle — versteht« (S. 80) bildet im Original nur denSchluss der unter der Rubrik — alle diese Rubriken, obwohlin Anführungszeichen eingeschlossen, stammen nicht etwa vonDiderot, sondern von Goethe — »Fundament der Harmonie«(S. 82) mitgetheilten Stelle.
Goethes Übersetzung erstrebt nicht unbedingte Wörtlich-keit. Sie weiss mit grosser Geschicklichkeit den adäquatendeutschen Ausdruck zu finden und bei aller dem Sinne desOriginals gegenüber beobachteten Treue jeden sklavischenAnschluss an französische Constructionen und Wendungen zuvermeiden. Dieses Verfahren hat den prägnanten deutschenAusdruck gefördert und die Richtigkeit der Wiedergabe seltenbeeinträchtigt. Ein Beispiel dieser Beeinträchtigung ist dasFolgende. Das Original hat (Diderot Oeuvres ed. Assezat,Paris 1876, X, 472) S’il (der schlechte Farbengeber, der s. g.Protocollist) a donnS teile ou teile couleur ä un objet, onpeut etresür que l’objet voisin sera de teile ou teile couleur«. Goethe(S. 83) übersetzt frei und mindestens undeutlich , wenn nichtunrichtig: »Wenn ein Gegenstand diese oder jene Farbe hat,so kann man gewiss sein, diese oder jene Farbe ganz nahedaran zu finden«.
Wirkliche Fehler finden sich selten. Ein SchreibfehlerGoethes oder Lesefehler des Setzers ist offenbar (S. 87,7. 16)»Lage« für »Laune« ; im Französischen (X, S. 469) steht humeur.Auf einem Lesefehler Goethes mag »Stolen« (S. 66, Z. 8) be-ruhen; das Wort ist sehr auffällig, da unmittelbar nachherdas gleichbedeutende »gleiche Bekleidung« folgt; im Fran-zösischen (X, S. 466) steht Stalles = Chorstuhle. Oder hatGoethe eine andre Lesart vor sich gehabt ? Denn an zweianderen Stellen ist dies wirklich der Fall. Der AssezatscheText liest (X, 464) Marcel ou Dupre; Goethe (S. 63, Z. 21)»Vestris oder Gardel«, gibt also die Namen zweier andrerTanzmeister ; bei Diderot heisst es (X, 465): Qu’une femmelaisse tomber sa Ute en devant — als Gegensatz folgt nachher,dass sie den Kopf wieder hebt — Goethe übersetzt (S. 64,Z. 3, 4): »Wenn eine Frau nachdenklich den Kopf sinken lässt«,was keinen rechten Sinn gibt, er wird also revant statt devantgelesen haben. S. 79, Z. 6fg. muss es heissen: »Ist er (derZorn) auf dem höchsten Grad und verengt er das Herz; dann«statt »so verengt er«, nach dem französischen (X, 473): Si eile(la colere) est extrime et qu’elle scrre le cceur. Ein Fehler istes wohl auch, wenn Goethe (S. 90, Z. 1, 2) übersetzt: »Indieses Chaos taucht er seinen Pinsel und zieht das Werk seiner