Jahrgang 
10 (1889)
Seite
273
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Bibliographie.

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Für den Divan, welchen der 6. Band der Weimarer Aus-gabe enthält, liegt die Geschichte der Überlieferung ziemlichklar vor. Eine grosse Anzahl von Gedichten haben wir ineigenhändigen Entwürfen und die meisten in des Dichterseigenhändiger Reinschrift, der ich um ihrer hervorragendenkritischen Bedeutung willen eine besondere Sigle: R gegebenhabe. Nach einer Abschrift von R wird die erste Ausgabevon 1819 (E) hergestellt sein, und dieser Abschrift fällt gewissein Theil der Fehler zur Last, die E gegen R enthält. Siesind nur theilweise später verbessert worden. InteressanteBeispiele bieten die Verse 41,8. 101,32 nach meiner Ausgabe,die auch bei der Herstellung der Ausgabe letzter Hand un-corrigirt blieben. Und dieser folgen auch die neueren Editionenan der zweiten Stelle sämmtlich, an der ersten bis auf diev. Loepers, der die Korruptel richtig emendirt hat. Es mussteauffallen, dass hier die Wiener Ausgabe von 1820, die imAllgemeinen nur E reproducirt, die echte und allein sinn-gemäße Lesart von R bringt. Nur Goethe selbst oder einvon ihm dazu Angewiesener , konnte hier die Hand im Spielehaben. Nach der freilich nicht ganz klaren Angabe inGoethes Brief an Frommann vom 14. November 1818 (Goethe-Jahrbuch VIII, 152) hat Goethe ohne Zweifel die Absicht gehabt,für die Correctheit des Wiener Divan-Druckes selbst Sorgezu tragen durch Verbesserung bemerkter Druckfehler. Obbei dieser Gelegenheit auch die aus dem Besitz der Arm-brusterschen Buchhandlung stammenden Blätter von R, welchedie Wiener Hofbibliothek verwahrt (s. S. 336 meiner Ausgabe),nach Wien gekommen sind, bleibt mir dunkel. Für dieHerausgeber der Weimarischen Goethe-Ausgabe erwächst aberhieraus die Pflicht, der Wiener Ausgabe überhaupt grössereAufmerksamkeit zu schenken. Wenn sie, wie im Divan,so wohl auch sonst keinen selbständigen Werth für die Ge-schichte der Überlieferung hat, sondern eine keineswegssorgfältige und correcte Wiederholung früherer Drucke ent-hält, so scheint mir doch geboten, überall zu untersuchen,ob nicht einzelne Verbesserungen des Textes, die sich in ihrfinden, auf Goethe selbst zurückgehn.

Den reichsten Ertrag liefert meine Ausgabe für dieChronologie des Divan. Schwerlich wird man über einanderes Werk Goethes nach dieser Richtung genauere Kennt-niss gewinnen. Ein eigenhändiges datirtes Register über denDivan, datirte und nummerirte Autographe der einzelnenGedichte, Angaben der Tagebücher und Briefe, Zeugnisse derGoethe während der Divanjahre nahestehenden Personengewähren eine Fülle von Aufklärung. Ausserdem lassen sichaus genauer Erwägung der benutzten orientalischen Quellenund Controle der Lecture zahlreiche feste Daten gewinnen.

Gokthe-Jahrbuch X. iS