Einleitung. 11
stand der Litteratur, die allgemeine Trivialität und Ver-wirrung des Geschmacks zu Tage getreten wäre.
Die Entwicklung der deutschen Litteratur des achtzehntenJahrhunderts war bekanntlich eine rasch vordringende, vonJahrzehend zu Jahrzehend resultatreichere gewesen. Der An-fang des achtzehnten Jahrhunderts sah diese Litteratur ineinem tiefen, hoffnungslosen Verfall, zu dem die Roheit undVerkommenheit des deutschen Lebens nach dem dreißigjährigenKriege und der Dünkel und Pedantismus des zünftigen Ge-lehrtentums, das sich ihrer fast ausschließlich bemächtigthatte, gleichmäßig beitrugen. Wenn neuerlich hier und dader Versuch gemacht wird, einer besseren Meinung Wer diedeutsche Dichtung im Wendepunkt des siebzehnten und acht-zehnten Jahrhunderts, Eingang zu schaffen, so mag das inBezug auf einzelne Erscheinungen, aus jene Ausnahmen wahl-berechtigt sein, an denen es auch beim tiefsten Verfall einerLitteratur nicht fehlt, weil der schöpferische Geist, das poe-tische Talent, ebensowenig völlig ersterben können, als inMißwachsjahren die Natur alle Früchte versagt. Aber an derGesamtüberzeugung, daß keine andere neuere Litteratur einetrostlosere und unerquicklichere Zeit gesehen habe, wird diesnichts ändern. Auch die ersten Neforrnversuche, wie sie nach-einander vom wackern Zittauer Schulrektor Weise, von Gott-sched und selbst noch von dem Kreise ausgehen, dem Geliertund Rabener angehörten, hinterlassen einen mehr peinlichen,als erquicklichen Eindruck. Gegenüber dem unzweifelhaftenTalent, dem ernsten Willen und der redlich aufgewendetenLebensarbeit zahlreicher Schriftsteller bringt uns die Dürftig-keit der Resultate erst ganz zum Bewußtsein, wie hart derDruck eines nüchternen und armseligen Lebens auf denenlag, die sich emporrangen, wie spärlich die Freude sein konnte,die dem deutschen Dichter von damals die Welt bot und wieunüberwindlich die Nachwirkungen eines langen Ungeschmacksund einer konsequentenVerbildung zunächst erschienen! GellertsFabeln sind in Wahrheit die höchste und beste Leistung des