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und, im Fall man den Eingang forciren wollte, auf die Eindring-linge Feuer zu geben. Die nämliche „betrübte aber sichere Nach-richt“ übermittelt das kaiserlich-königliche Oberamt der Landvogteiin Nieder- und Ober-Schwaben an das Oberamt Bregentz mit demBeifügen, die Krankheit sei durch einen Betteljuden zu Veilheimcingeschleppt worden, welche die Leute sehr schnell, doch höchstensinnert zwei Tagen dahin raffe, so dass hieran wirklich schon 8 Fa-milien ausgestorben seien. Damit diese gefährliche Seuche, diegleich einer Pest auch durch den blossen Hauch fortgepflanzt wird,nicht ferner verbreitet werde, sei der Ort Veilheim ganz gesperrtworden. Nun kamen Anfragen von allen Orten der Eidgenossen schaft , von Frankreich , Deutschland und das Entsetzen über denAusbruch einer Seuche, von welcher man sich in Europa fast fürimmer befreit glaubte, war allgemein. Die Sperren mit allem wasdrum und dran hängt, sollten wieder ins Leben gerufen werden,bis Bürgermeister und Rath der Reichsstadt Memmingen , welchenur 2 Stunden von Vellheim entfernt ist, öffentlich erklärten, „eshandle sich nur um ein Faulfieber (Typhus I ), das 8 schon an sichunsaubere Juden ergriffen.“ Das Gerücht wurde durch den Guts-herrn von Vellheim, dem eine furchtbare Angst vor der Pest dasUriheil getrübt hatte, verbreitet und gewann durch seine Autoritätund bekannten adeligen Namen jene kolossale Ausdehnung. Aehn-liche Fälle ereigneten sich in Parma und anderswo und man musssich über den Schrecken, den solche Gerüchte verursachten, nichtwundern, wenn man bedenkt, welche unsäglichen, unzählbarenOpfer die Pestepidemien seit dem schwarzen Tode bis zu Endedes 18. Jahrhunderts der Welt gekostet, tausendfach mörderischerals die blutigsten Kriege. Die Pest war ein Krieg in Permanenz,geführt von einem unsichtbaren, fürchterlichen Gotte mit unbe-kannten Waffen gegen eine Menschheit, die sich dagegen nichtwafl'nen konnte!
Nachdem wir bis jetzt einen kurzen geschichtlichen Ueberblicküber die bekannten Pestepidemien in den verschiedenen Jahrhun-derten gegeben, ferner dargestellt haben, welche Vorsichtsmass-regeln gegen die schreckliche Seuche ergriffen wurden, bleibt unsnur noch die Besprechung der Frage übrig: was ist eigentlich diePest und wie wurde sie von den Aerzlen behandelt? So einfachdie Frage, so schwierig ist deren Beantwortung und nach Jahr-