Buch 
Geschichte des Elsasses / von Rudolf Wackernagel
Entstehung
JPEG-Download
 

Das Recht und die Macht, deren Verteilung, Abmessung undBegrenzung waren in einer für alle Beteiligten gemeinsamen Ent-wickelung entstanden. Das Eisass hatte bei aller Eigenart undSonderexistenz doch Teil genommen am Leben des Reiches, alsdessen Glied und Land, gleichen Rechtes mit den übrigen Glie-dern und Ländern. Dabei war es dauernd genötigt gewesen, mitder Möglichkeit eines Einfalles von Westen her zu rechnen; zu-letzt war es ein Jahrhundert lang vom Krieg überwältigt gewesen.

Jetzt hat dieses Eisass Frieden, es geniesst der Ruhe. Aber eshat keinen Teil an dem Gesamtleben des Staates, dem es nun-mehr angehört; es ist seine, für sich politisch einheitliche, aberabseits stehende Provinz. Wie es selbst sich dergestalt in einerneuen Lage befindet, so auch ihm gegenüber sein Herrscher,das in ganz andern Verhältnissen gross und stark gewordenefranzösische Königtum. Es bringt zu dieser Herrschaft einenBegriff vom Staate mit, der von den Zuständen des Elsasses weitabsteht.

Aus dem Konflikte dieser verschiedenen Vergangenheitenund Erlebnisse und Anschauungen, aus einer Kombination derInteressen beider Teile, der Macht, der klugen Rücksicht, dererworbenen Rechte, der erteilten Zusagen, des Bedürfnissesmuss sich nun das neue öffentliche Wesen im Eisass bilden.

Aber es ist zunächst und auf lange hinaus ein fremdes Land,mit dem sich Frankreich befassen soll. Fremd durch alle Teileund Organe, fremd in der Herkunft der Bevölkerung, in derSprache, in Gesinnung, in öffentlichen und privaten Lebens-formen. Der offizielle französische Berichterstatter selbst nenntdas Land: Allemagne .

In dieses fremde Wesen hinein tritt nun und wirkt das ge-bietende Frankreich .

Dieses Eintreten ist ein Ereignis, dessen Tatsächlichkeit undtausendfältige Aeusserung im Leben selbst wir uns immer wiederzu vergegenwärtigen haben gegenüber der Doktrin und demSchema der Verhandlungen, Verträge und Rapporte.

Das Eisass war durch die furchtbaren Leiden der langenKriegszeit heruntergebracht, an Leib und Seele erschöpft. Durchdas Bewusstsein, sich selbst überlassen und «vom Reiche abamdonnieret» zu sein, geradezu demoralisiert. Was an Resignation

301