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Geschichte des Elsasses / von Rudolf Wackernagel
Entstehung
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hungen jetzt die Hinneigung zum französischen Hof- und Heer-wesen.

Die Vorbereitung hiezu reicht freilich weit zurück. Schonfrühe ist dieser Adel daran gewöhnt gewesen, im Westen diehohe Schule des Lebens zu suchen. Seit der Annexion des Elsas-ses durch Frankreich ist diese modische Anschauung zur Not-wendigkeit geworden. Gesellschaftliche Beziehungen, Erlebnisseund Vorteile tun sodann das Uebrige, um das französische Wesenals selbstverständlich erscheinen zu lassen.

Vom stärksten Einflüsse auf Haltung und Denkweise ist da-bei der Dienst im französischen Heere. Vor allem im Royal Al-sace. Aber auch sonst in der Armee. Die Regierung selbst er-kennt in solchem Dienste das wirksamste Mittel zur Gewinnungdes Standes. Daher der Intendant dAngervilliers im Jahre 1717der Krone dringend rät, den elsässischen Adel in das Heer zuziehen, autant que faire se peut, da diese Herren par rapport ä laconformite de la langue et des moeurs immer noch geneigt seien,Dienste im Reich anzunehmen.

Dieser Adel des Elsasses ist im Durchschnitte wenig begü-tert. Aber soweit es ihm die Mittel gestatten, lebt er nach fran-zösischem Muster, gefällt er sich in grandes manieres. Er hatParis gesehen, vielleicht auch den König und die grosse Galeriein Versailles oder Chantilly; im Gefühl erprobter Gesellschafts-bildung mustert er dann bei Gelegenheit spöttisch das unbehol-fene Benehmen von Krautjunkern überm Rheine , die nie ausihrem Kastell herausgekommen sind. So gut die Rappoltsteiner,die Hanauer, die Birkenfelder ihre Residenzen zu kleinen Ver­ sailles zu machen suchen, so gut haben auch Einzelne unterdem Adel ihren seigneurialen Bau- und Prachtgeist. Da lässt imJahre 1743 Carl von Montjoie sich ein pompöses Schloss in Hir-singen errichten; es ist gross, inmitten eines weiten Parkes ge-legen, aufs reichste ausgestattet, wobei neben dem Luxus desMobiliars und der Geräte weder ein Raritätenkabinet fehlt nocheine kostbare vielbändige Bibliothek. Aehnliches findet sich imSchlosse Ollweiler, das der Marschall Waldner im Jahre 1748gebaut hat; er führt grand train mit offener Tafel, herrlichenPferden und Equipagen; er ist Einer von Denen, die ihren Winterin Paris verleben müssen und nur im Sommer Elsässer sind. In