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Handbuch für Autographensammler / bearbeitet von Dr. Joh. Günther und Otto Aug. Schulz ; mit Holzschnitten und einer colorierten Tabelle
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IV. Nutzen <ler Autographen.

und Kaufmannsschrift, sie haben in der Regel nur relative Schönheit.Diese Fractur, diese Schnörkel, diese überflüssigen, grotesken Wen-dungen und Züge sind etwas bloss Mechanisches, ohne Geist, ohneSeele. Ich kenne einen Krämer, der ungemein kaufmännisch - schönschreibt und ungemein geistlos, geschmacklos, kurz ein Dümmling vomersten Range ist.

Ueberhaupt lässt eine regelrechte und vorschriftmässig- schöneHandschrift nicht auf Geistund Geschmack zurückschliessen, wohl abereine zierlich - leicht - gratiöse.

Handschriften von Gebildeten sind pliysiognomischer als die Hand-schriften ungebildeter, roher Menschen. Dies gilt zumal in Hinsicht aufHandwerker. Bei jenen sind der Nüancen unendlich mehr; diese sindähnlicher, weil sie durchgängig das Gepräge des Mangels mechanischerKunstfertigkeit haben.

Plumpe Buchstaben sind auffallende Zeichen von Gröblichkeit undRohheit bei Ungebildeten, bei Gebildeten hingegen oft Zeichen vonGeradheit, Derbheit, Kraft. (Aber freilich ist hier die Plumpheit eineandere, sowie die genialische Grobheit eine andere wenn auch keinebessere ist, als die tölpische.) Einer unserer geistreichsten Dichtermacht Buchstaben, als schrieb er mit Besenreis; er ist aber auch einerder kraftvollsten, feurigsten und ein Biedermann, der seines Gleichennicht hat. Auch unseres Claudius Handschrift könnte hier als Beispieldienen.

Eine weibliche Hand ohne alle Zartheit, schwerfällig und unge-schickt, verräth grossen Mangel an eigentlicher Bildung, und eben hierist einer der Fälle, in welcher die Schrift selbst noch mehr offenbartals die mündliche Rede. Eine bekannte Schauspielerin, die als solcheallgemein geschätzt wird, die auf der Bühne wie ein idealisclies Wesenund auch im Umgänge als eine Frau von gebildetem Geiste erscheint,schreibt wie ein honettes Landmädchen, das dem Unterrichte des Dorf-küsters zu früh ist entnommen worden. Bei näherer Bekanntschaftfindet man wirklich an der ungemeinen Künstlerin eine gemeine Frau;ihre Kunst, findet man, ist bloss natürlicher Tact und vielfältige Rou-tine, sie kennt ihre Geheimnisse, ohne es zu wissen, denn sie weissvon ihrem eigentlichen Wesen auch nicht die mindeste Rechenschaftzu geben.

Weiber, heisst es in dem Schauspiele Dienstpflicht von Iff-land,schreiben wohl eine schöne, aber keine feste Hand. Wahr,