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Handbuch für Autographensammler / Eugen Wolbe
Entstehung
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Philologisch prähistorischer Vorspruch.

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Wir werden uns mit unseremSchillerautograph freuen,nach einemZietenautogramm trachten; Autographen vonHölderlin staunend betrachten, aber Filmkünstlerautogramme denunserer Wissenschaft fernstehenden Backfischen überlassen.

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Wer die Geschichte des gesamten Handschriftenwesens erschöp-fend behandeln will, kann mangels gesicherter Unterlagen erst mitdem Jahrhundert beginnen, in welchem zuerst nachweisbare Ur-kunden vorliegen. Zeitalter zu durchforschen, aus denen nicht eineeinzige eigenhändige Zeile von den Helden des Schwertes und derFeder überliefert ist, wäre ein müßiges Unterfangen.

Dennoch darf sich der gewissenhafte Chronist nicht der Pflichtentziehen, die Äußerungen der klassischen Schriftsteller über dasVorhandensein und die Wertung von Autographen in unsermSinne zu buchen.

Die Könige des jüdischen Altertums verliehen den in ihremNamen ausgestellten Urkunden durch eigenhändige Untersiegelunggesetzliche Kraft. Daß die Psalmen und die Reden eines Jesajasund Jeremias nicht in den Urschriften ihrer Verfasser aufbewahrtwurden, ist leicht erklärlich: das Judentum verbot jeden Kultusder Persönlichkeit. Leicht hätte die Aufbewahrung jener gewaltigenUrkunden zu religiöser Verehrung geführt 1 ).

1 ) Kein Volk der Erde bringt dem Autographen eine solche Ehrfurchtentgegen wie die Chinesen. Jedes Stückchen Papier mit den Schrift-zügen eines Kaisers wird im Tempel aufbewahrt, in denen 2000 Jahrealte Blätter nicht zu den Seltenheiten gehören. Autographen andererberühmter Persönlichkeiten prangen unter Glas und Rahmen in denWohnungen der Wohlhabenden. Minderbemittelte begnügen sich mitNachbildungen, welche die geschickten Hände der Chinesen täuschendähnlich anfertigen. Originalhandschriften fürstlicher und gelehrter Per-sönlichkeiten werden in China hoch bezahlt. 1000 Fr. kostete einBriefchen von der Hand des Kaisers Kang-Hi, eines Zeitgenossen Lud-wigs XIV., enthaltend die kurze Mitteilung:Ich befinde mich wohl.Zweimal im Monat ließ nämlich der Sohn des Himmels seinen HöflingenBlätter entsprechenden Inhalts zustellen, wenn sie sich nach seinemBefinden erkundigten.

Wölbe, Autographen. 2