36
Erstes Kapitel.
beschäftigen. Es liegt ihnen daran, von diesen Persönlichkeitenoder von den Trägern der politischen Ereignisse jener EpocheHandschriften zusammenzubringen. Ein Arzt, der die Korrespon-denz Alexander von Humboldts herausgibt, pirscht hinterHumboldt-Autographen her wie der Jäger auf seinen Rehbock ;ein Raupach-Forscher erwirbt jede Zeile von der Hand diesesVielschreibers; ein Photograph, der Anzengruber verehrt, hatalle auffindbaren Anzengruber-Autographen in seinen Besitzgebracht und somit dem Handel entzogen.
Erste Entwürfe von bedeutenden Erzeugnissen der Literaturbilden für viele Forscher den einzigen Gegenstand ihrer Sammel-betätigung. Wertvolle Ausbeute psychologischer Art bieten solchehandschriftlichen Entwürfe, in denen der Verfasser seinem Unmutüber eine Person oder ein Ereignis den ersten starken Ausdruckverleiht: erst wenn das Manuskript zum Druck befördert und ihmals Korrekturbogen zurückgereicht wird, bemerkt der Verfasserseine Übereilung und nimmt jetzt — oft einschneidende — Ände-rungen vor. Die Auffindung des ersten Entwurfs und sein Ver-gleich mit der zahmen endgültigen Fassung bietet das beste Mittel,die Wahrheit zu erforschen. Im Manuskript findet der GelehrteAndeutungen, Hinweise und Aufklärungen, die er in Memoiren,Chroniken und Biographien vergebens sucht: ein einziger intimerBrief enthüllt das Wesen eines Menschen oft deutlicher als dieausführlichste Charakteristik von fremder Hand. Hierzu kommt,daß beispielsweise die Denkwürdigkeiten der mittelalterlichenEdelleute ein Gemisch von gesprochenem und geschriebenem Stildarstellen und somit nicht mehr von jener „saveur primitive“ wieihre Briefe durchwürzt sind.
Sammlern und Nichtsammlern, die gern in Archiven stöbern,verdankt die Wissenschaft wertvolle Aufschlüsse über das intimeLeben derer, die „auf der Menschheit Höhen “ wandeln. Auch ge-schichtliche Ereignisse werden durch Autographen zweifelsfrei klar-gestellt. Dem Dichter Alphonse de Lamartine fiel eine Anzahlvon Briefen aus dem Zeitalter der französischen Revolution in dieHände. Während bis dahin die Frage offen blieb, ob Robespierre