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Erstes Kapitel.
Ebensowenig wie die nicht Unterzeichnete Vervielfältigungeines Gemäldes oder einer Zeichnung ist auch die nicht von derHand des Autors herrührende Abschrift eines Literaturdenkmals— also die Handschrift schlechthin — dem Bereich des Auto-graphen zuzurechnen. Demgemäß bleibt die gewaltigste Kultur-leistung der mittelalterlichen Kirche — die Bewahrung der klassi-schen Literaturerzeugnisse und die handschriftliche Vervielfälti-gung der zeitgenössischen religiösen und weltlichen Dichtungen —für das vorliegende Handbuch außer Betracht.-
Durch das Dornengestrüpp mühseliger Erfahrung führt derWeg von der abgeschnittenen Unterschrift zur durchkorrigiertenUrhandschrift. Die eine ist wertlos, die andere unerschwinglichwertvoll; die Mitte zwischen beiden Extremen stellt der inhalt-reiche eigenhändige Brief dar. Je bedeutender der Urheber, jegrößer der Zeitabstand seit seinem Tode, desto seltener, destowertvoller ist sein Autograph. Man kann erfahrungsgemäß be-haupten: die Zahl der von einer berühmten Persönlichkeit be-kannten Briefe steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Be-rühmtheit.
Eine Reihe von Sammlern beschränkt sich — wie ausgeführt —auf Stammbuchblätter. Gewiß, auf diesem Spezialgebiet läßt sicheine gewisse Vollkommenheit erzielen; denn von den ältesten Zeitenbis auf die jüngste Gegenwart haben selbst die größten Dichter, diemächtigsten Fürsten und die erfolgreichsten Feldherren sich nichtungern in Stammbüchern verewigt. Wer aber nur Briefe sammelt,der wird die Reihe seiner Kostbarkeiten gern durch eigenhändigeGedichte und Albumblätter unterbrechen. Eine solche Mischungbringt in das Einerlei der prosaischen Darstellung — und sei sienoch so interessant — angenehmste Abwechselung. Mögen dieliebevoll zusammengetragenen Blätter noch so ergreifende Seelen-zustände widerspiegeln, noch so bedeutsame geschichtliche Vor-gänge enthüllen, noch so tiefe Einblicke in die Werkstatt künst-lerischen Schaffens gestatten — Wert und Bedeutung gewinnendiese schriftlichen Äußerungen erst durch den Namenszug, der siezum Autographen im eigentlichen Sinne stempelt.