220
Fünftes Kapitel.
um ihn — nach nahezu fünf Jahren — mit zwei kleinen Gedichtchenvon Herder zu erfreuen: „Der gequälte Prometheus im Bilde“(Vierzeiler) und „Das Eigentum“ (Distichon). Beide sind auf einemQuartblättchen aufgezogen und tragen den eigenhändigen Vermerk:
Herders Handschriftbezeugt von
Diese Herderautographen verdankte Goethe dem Schwiegersohndes Dichters, Geheimrat von Stichling, an den er genau ein Jahrvorher das folgende Schreiben gerichtet hatte:
Ew. Hochwohlgeb.
erlauben, in einer kleinen Angelegenheit mich an Dieselben zu wendenund um eine Gefälligkeit zu bitten, deren Gewährung, je nachdem dieUmstände es erlauben, wohl geziemend hoffen darf.
Ich werde nämlich von einigen auswärtigen sehr werthen Freun-den um handschriftliche Denkmale von Herder und Wieland drin-gend ersucht; nun ist Alles, was mir von diesen genannten theurenMännern übrig geblieben, vertraulich und bedeutend, dessen ich michnicht entäußern darf.
Sollte unter den Papieren, an denen es in Ihrer hochgeschätztenFamilie nicht fehlen kann, irgend etwas prosaisch weniger Bedeuten-des oder poetisch Erfreuliches (sich) vorfinden, so würde dessen Mit-theilung dankbarlichst erkennen und von meiner Seite gern etwasGefälliges dagegen erwidern.
Verzeihung der Zudringlichkeit! Aber eben in diesen Tagenerhalt’ ich einen Mahnbrief in dieser schon einige Jahre verschobenenAngelegenheit. Haben Sie die Güte, diesen frommen Wunsch IhrerFrau Gemahlin so wie mich selbst allerbestens zu empfehlen.
Ergebenst
J. W. Goethe.
In Goethes Leben ereignete sich der seltene Fall, daß ein Auto-graphensammler seine eigenen Handschriften kauft.
Der Buchhändler C. Ackermann in Dessau hatte den Nachlaßvon Goethes Leipziger Studienfreunde Ernst Wolfgang Beh-risch erworben und in diesem eine ganze Reihe Goethescher Briefeund Manuskripte vorgefunden. Da eine unterm 9 . September 1817