Ist Autographensammeln Luxus ?
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Über die Grenzen seines Spezialgebietes hinaus richtete sich derBlick dieses gelehrten Jugendbildners auf das politische Leben,in dessen Gedankenkreis Uhland stand — Paulskirche. Es ist ihmgelungen, auch die Männer von 1848 im Autograph zu vereinigen.Allmählich wächst sich diese neue Gruppe zu einem Spezialgebiet„Deutsche Geschichte im 19- Jahrhundert“ aus. Freilich, literarischfruchtbar hat er die Autographen dieser Domäne noch nicht ge-macht: die waren zwar wertvoll, aber teils bereits veröffentlicht,teils für die Publikation nicht geeignet.
Im Falle „Uhland“ ließ sich der „vorwiegend wissenschaftlicheZweck“ durch die gedruckten Aufsätze leicht nachweisen. Bei denfolgenden Gruppen freilich nicht. Der Wert des ganzen Autographen-schatzes war in den 30 Jahren eifrigen — entsagungsvollen — Sam-melns auf ein paar hunderttausend Mark gestiegen. Bedeutetedemnach seine Sammlung einen Luxus??
Luxusgegenstände sind nur Äußerlichkeiten, mit denen wohl-habende Leute sich und andere blenden. Das Autograph verkriechtsich scheu vor der Öffentlichkeit; in seiner Truhe will es nicht ge-stört werden, aber eindringlich und unterhaltlich spricht es, wennder Blick eines kundigen Betrachters auf ihm ruht. Das soll Luxussein?
Nein, das Autograph ist kein Luxus.
Wenn es zur Zeit staatlicher Besteuerung unterliegt, so ist mitSicherheit anzunehmen, daß eine — hoffentlich nahe — Zukunftdie Luxussteuerpflicht für Autographen restlos aufhebt. Geschiehtdies nicht, dann werden nur noch Bibliotheken, Archive und Museen,die der Besteuerung nicht unterliegen, Autographen erwerben.Privatsammlungen, die fast allesamt für Gelehrte und Forscherunentbehrlich sind, verschwinden nach dem Tode ihres jetzigenBesitzers hinter den Schränken genannter Institute, anstatt in dieHände anderer Privatsammler überzugehen und — zu neuen Samm-lungen erweitert — Hunderte von Privatleuten zu belehren und zuerfreuen. Daß das Ausland nur darauf wartet, den unter lästigemSteuerzwange schmachtenden Autographenbestand Deutschlands aufzukaufen, sei nur nebenbei bemerkt.