Autographenschicksale.
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Einbände verwendeten. Die neuere Zeit geht mit den Kulturdenk-mälern handschriftlicher Art glücklicherweise sorgsamer um, wennauch hier und da der Unverstand von Makulaturkäufern kaiserlicheUrkunden und # Handschriften aus den Archiven aufgelöster Re-gimenter dem Einwickeln von Nahrungsmitteln widmet. Daß abereinmal eine ganze Sammlung kostbarster Musikautographen diesemZweck dienen mußte, wird der Sammler von heute mit einem Ge-fühl des Ingrimms und des — Neides lesen.
Altmeister Fischer von Röslerstamm berichtet:
Der Autographenfreund Radesey in Wien befand sich einmalim Geschäftslokal eines dortigen Antiquarbuchhändlers, als diesemsein Hausdiener das Frühstück, bestehend aus Brot und einemStück Wurst, überbrachte. Die Wurst war in altes, beschriebenesNotenpapier eingewickelt. Ein Blick auf die Blätter und Radeseylegte ein besonderes Interesse für die — Wurst an den Tag.
„Wo haben Sie diese appetitlich aussehende Wurst gekauft?“Der Hausdiener gibt die Adresse an. Eilig entfernt sich Radesey,unter Verzicht auf den beabsichtigten Bücherankauf. In demGreislerladen verlangt er gleichfalls ein Stück Wurst und schieltwährend des Abwägens auf den großen Papiervorrat, welchem derHändler ein neues Blatt entnimmt.
„Jammerschade, daß Sie so schönes Notenpapier zum Ein-packen verwenden — “
„O bitte sehr, ganz wertloses Zeug — “
„Aber nein, sehen Sie hier“ — und dabei ließ Radesey eine ganzeAnzahl von Bogen durch die Finger gleiten — „noch so viele weißeSeiten und leere Notenblätter dazwischen!“
Bevor noch die Wurst eingewickelt war, war Radesey schon mitdem Händler einig, daß er die Makulatur für das Doppelte des ge-wöhnlich für Makulatur gezahlten Preises erhielt. Als Rasedey mitfünf Pfund „Makulatur“ freudestrahlend den Laden verließ, äußerteer unter der Türe noch: „Meine Kinder werden sich über das schöneNotenpapier sehr freuen!“
Die Wurst schenkte er einem Straßenjungen, im nächsten Tor-weg aber überzeugte sich der glückliche Käufer, ob er recht gelesen