'Autograph und Graphologie.
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Über die Jahre haltloser Leidenschaft im reinen Lieben undHassen war Bismarck hinaus (keine ungezwungene freie Hand-schrift, die schräg nach rechts verliefe, mit Bindung der Schleifennach rechts herum), als er in die Öffentlichkeit trat. Seine Leiden-schaftlichkeit knüpfte nicht mehr an Gefühlszustände an, sondernsie war jetzt mit dem Willen zur Verwirklichung einer Idee ver-bunden und hatte dabei noch an Tiefe und unbeugsamer Konzen-tration gewonnen. Dadurch erklärt sich u. a. seine unerträglicheund unversöhnliche Feindschaft gegen seine Widersacher (sehreckige Handschrift). Die konzentrierte Tiefe dieser Leidenschaftenmacht es begreiflich, wenn er jede Art von freier, impulsiver Äuße-rung vermied (selbst in Schriftstücken, die er unter dem Eindruckgrößter Erfolge abfaßte, findet sich keinerlei auffallende Steigungder Zeilenrichtung oder eine Zunahme der Schräge der Schrift).Die nüchterne Sachlichkeit seiner urteilsklaren praktischen Logik(die Buchstaben zweier Zeilen greifen niemals ineinander; die Schriftist einfach, klar und leserlich) konnte sich nicht um Äußerlichkeitenund Nebensächlichkeiten kümmern (Schnörkel und Hinzufügungenfehlen; die Schleifen im g, h, z usw. sind oft sehr zusammengezogen,ebenso die Hauptschleife im Namen; Menschen, die auf Äußerlich-keiten Wert legen, fügen Schnörkel und Schleifen hinzu oder schrei-ben in gezierter, eckiger, druckreicher Weise Steilschrift). OhneUmständlichkeiten ging er stets auf den Kern der Sache (nur dieHauptteile der Schrift sind sorgfältig ausgebildet, besonders dieunteren Haken im r und v). Trotz aller vorsichtig-überlegendenSelbstbeherrschung hatte er sich hierbei immer eine große geistigeBeweglichkeit erhalten (große, aber sehr schnelle Schrift; i-Punktesind kommaähnlich verlängert und oft nach rechts vorangesetzt),die vielfach einen genialen Scharfblick zeigte (zuweilen ist der An-fangsbuchstaben eines Wortes isoliert gesetzt, während die übrigenBuchstaben verbunden sind).
Freimütige Offenheit paarte sich mit einer oft beinahe ängstlich-vorsichtigen Verschlossenheit und undurchdringlichen Verschwie-genheit. Schlagfertig-geistreiche Schärfe der Kritik (gewandt ge-bogene, spitz auslaufende Endstriche von g, s, w, ebenso die u-
Wölbe, Autographen. 28