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Geneviève, oder, Die Kinder von Port Royal : eine Geschichte aus dem Frankreich vergangener Tage / von D. Alcock ; übersetzt von Elisabeth Klee
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Das war hart," gestand Gcncvwve zu.

Hart? Lieber hatte sie's gesehen, man hätte sie gleich insGrab gelegt. Dazu war es Gotteslästerung; denn man nahmdamit vom Altar des Herrn, was ihm bereits dargebracht wordenwar. Und so wurde sie, man möchte sagen, dicht von der Pfortedes Himmels hinweg, in die Welt zurückgeschleppt; in die Welt,ja, aber nimmer wird sie je von der Welt sein. Von einem Kreiselustiger, oberflächlicher Menschen umgeben, führt sie dennoch ein sozurückgezogenes, sich selbst verleugnendes Leben wie nur irgendmöglich, bemüht, in ihrem Herzen die Flamme der Frömmigkeithellbrennend zu erhalten, die alle um sie her auszulöschen trachten.Jetzt gerade sind sie, wie ich gehört, darauf aus, sie zu einer vor-nehmen Verbindung zu drängen; hier aber setzt sie festen Wider-stand entgegen, weil es nicht nur ein Herabsteigen aus höherenRegionen in niedrige sein würde, sondern geradezu eine schwereSünde, ein Meineid. Hat sie doch gelobt, die Braut Christi zusein! Sie spricht es offen aus, sie wolle lieber eine arme Gicht-kranke in Port Rohal sein, als das größte Glück, das die Weltihr zu geben vermöchte, zu genießen. Urteile selbst, mein Kind,ob es nicht eine segensreiche Aufgabe für Dich sein wird, dieKümmernisse dieser viel verfolgten Heiligen durch Deine treuenDienste zu lindern!"

Jawohl, Sie haben recht!" erwiderte Geneviöve mit einemAufleuchten von Sympathie und Begeisterung.Es soll fortanmir eine Freude sein, Fräulein von Roannez zu dienen. Hoffent-lich bin ich bald kräftig genug dazu und werde ich auch von ihrgern gesehen. Ich möchte so gern mein Heil versuchen und ihrTrost gewähren."

Die beiden Frauen die ältere so wenig wie das jungeMädchen vermochten den unter diesem Gewände von Lauterkeitund Schönheit sich bergenden gefährlichen Irrtum zu erkennen, derdas edle Herz einer Charlotte Gonffier von Roannez, wie das somancher gleich ihr frommen Seele, brechen sollte. Für den, derChristo nachfolgt, giebt es keinen Berns als den,heilig zu sein inallem unserm Wandel," und derselbe gilt jedem Gliede SeinerGemeinde, jedem insonderheit, Ihm mit den ihm verliehenen Gaben

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