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Dr. Elias Haffter : ein Lebensbild : aus Briefen und Erinnerungen / zusammengestellt von Anna Roth
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74
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71 Prag.

j den 'Abend die Präger Familien der bessern und besten Ständezusammenkommen; in einem großen Pavillon spielt dann bisnachts 10 Uhr eine Negimentsmusik, aber immer mit schlechtemProgramm. Prag habe ich mir unterdessen auch ein bißchenangesehen; gestern und heute hatten wir prachtvolle Tage,so benutzte ich denn auch den Sonntagvormittag, um denLaurcnzienberg zu erklettern. Die Aussicht da oben ist wunder-voll: unmittelbar vor und unter sich hat man die Moldau, diein mächtigem Bogen die Großstadt unizieht; die beiden Userverbinden vier große Brücken, wovon die Karlsbrücke die ältesteund außerdem durch den heiligen Nepomuk berühmt ist, derseinerzeit auf Befehl des Königs Wenzel von hier aus inSWasser gestürzt wurde. Ein Denkmal bezeichnet die genaueStelle dieses Märtyrertodes. Zur Linken hat man den Hradschin,das kaiserliche Schloß, noch vom Exkaiser Ferdinand bewohnt.Der in gotischem Stil erbaute schöne Dom ist leider teilweisezerstört worden; der eine Turm ist vollständig dem Boden gleich-gemacht, die Höhe des andern um die Hälfte reduziert. Prag selbst nimmt sich wohl vom Laurenzienberg am imposantestenaus; die Unmasse von Türmen und Kuppeln, die in allen Farbenglänzen, erinnert an eine Zauberstadt aus1001 Nacht." Umso enttäuschter ist man, wenn man das Innere der Stadt betritt;Paläste und mit Gold überladene Kirchen findet man freilichin Menge, ebenso lange Reihen großartiger Läden, namentlichGold- und Kristallwaren; aber daneben einen Schmutz, derschlecht harmoniert mit den Toiletten der Präger Noblesse.Vergangenen Freitag war ein Feiertag; da besuchte ich ein Hoch-amt, daS vom Erzbischof zelebriert wurde, und wobei unterMitwirkung der vorzüglichsten Kräfte eine böhmische Messe mitViolinsolo usw. aufgeführt werden sollte. Die Musik hat michaber wenig erbaut und ebensowenig die Andacht der ringsumknieenden Weiber und Männer, die ihren Rosenkranz herunter-leierten, sich bekreuzten, und dabei nach allen Seiten herum-gasften. Dagegen rührte mich eine ärmlich in Trauer gekleideteFrau, die mit einem Kind auf dem Arme vor einem Marien-bild kniete und, man sah es ihr an, so recht von Herzen betete.