der Kessel so lange nicht voll? Wer hat dich gestern heißenantworten, als der Amtmann den Vater etwas fragte?
Lise. Es ist mir leid, Mutter.
Mutter. Sieh', wir haben dir schon duhendmal ver-boten, so viel zu reden, und es half bis jetzt so wenig. Ichermähne dich heute wieder, nicht alles so im Dorfe hin undher zu berichten, unsere eigenen Tisch- und Familiengesprächenicht an die große Glocke zu hängen. Was einen nicht brennt,das soll man nicht blasen. Wie leicht hätte gestern deine vor-lante, unbesonnene Rede dem Vater schaden oder doch Unan-genehmes bereiten können!
Lise. Es würde mir sehr leid sein; aber, liebe Mutter,bisher hat mir ja niemand gesagt, wozu ich schweigen und wasich weiter sagen dürfe.
Mutter. Ei, ei, das muß jetzt doch der Vater wissen,wenn er heimkommt. Du meinst also, wir sollten zu jedemWorte, das wir in deiner Gegenwart reden, immer beifügen:„Das darf jetzt die Lise sagen beim Brunnen und über alleGartenhäge, — aber das nicht, — aber das wieder." Soweißt du dann immer, wovon du plappern darfst.
Lise. Verzeih' mir doch, Mutter; ich habe es ja nichtso gemeint.
Mutter. Man hat es dir schon für ein- und allemalgesagt, daß du nichts und in nichts plaudern sollst, was dichnicht angeht; aber es ist vergeblich. Der Fehler ist dir nichtanders als mit dem strengsten Ernste abzugewöhnen. Merkedir's: „Das erste Mal, daß ich dich wieder ob solchem Ge-schwätz ertappe, werde ich dich mit der Rute züchtigen!" Wieviel Lug, Haß, Streit, Verleumdung und Unglück entstehennicht aus unvorsichtigem Geschwätz! Dir hoff' ich diesen Fehlernoch auszutreiben.