Buch 
Generalbericht / herausgegeben von der Ausstellungsdirektion [der] VII. Schweiz. Ausstellung für Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Gartenbau vom 18.-27. September 1903 in Frauenfeld
Entstehung
Seite
173
JPEG-Download
 

173

In dem früher nur Landwirtschaft treibenden Kanton, welch letztere,,mit den Anforderungen der Zeit stets Schritt haltend, heute in der nationalenAusstellung den “vollgütigen Beweis ihrer Leistungsfähigkeit abgelegt hat,gelangte im Laufe der Jahre eine vielseitige gewerbliche Tätigkeit undeine reich entwickelte Industrie zur Geltung.

Heben einer tadellosen Rechtspflege ermöglichte eine solide, muster-hafte Verwaltung dem jungen Kanton, ohne zu starke Steuerbelastung derBürger, den Anforderungen eines modernen Staates auf allen materiellenund ideellen Gebieten gerecht zu werden, und so namentlich auch aufdemjenigen der Erziehung und Volksbildung, der Grundlage des demo-kratischen Freistaates, jene Opfer zu bringen, die nötig sind, um einallseitig tüchtiges, charaktervolles junges Geschlecht heranzubilden.

Aber nicht nur im engen Rahmen kantonalen Lebens, auch auf demweitern und wichtigen Gebiete der Pflege und Entwicklung des Gesamt-vaterlandes trat der Thurgau von Anfang an in den Vordergrund nationalenStrebens. Wesentlich betätigt an der Schöpfung und Ausgestaltung desneuen Bundes, unentwegt einstehend für jeden gesunden Fortschritt, immerbereit, die Macht und die Kraft und die Ehre des Bundes zu wahren,bekundete das Thurgauer Volk stets ein warmes Herz und treue Liebezum gemeinsamen Vaterland.

Eine Tat des eidgenössischen Sinnes war auch die Übernahme derSchweizerischen landwirtschaftlichen Ausstellung durch den Thurgauischen landwirtschaftlichen Verein. Es war das keine kleine Aufgabe, und esbrauchte Mut, dieselbe zu übernehmen. Aber einmal gewagt, trat nichtnur die thurgauische Bauersame, sondern die gesamte Bevölkerung, Kantonund Gemeinden, dafür ein, das große Werk mit Ehren durchzuführenund dem schweizerischen Bauernvolk und den Erzeugnissen seiner Arbeitund seines Fleißes eine würdige Stätte zu bereiten. Das Werk ist ge-lungen, und ich freue mich, meinem Heimatkanton auch hiefür einenbesondern Ehrenkranz winden zu dürfen.

Wenn sonach der Kanton mit Befriedigung, ja mit gerechtem Stolz,auf die vergangenen hundert Jahre zurückblicken kann, so verdankt erdies dem Charakter, der Tüchtigkeit, dem praktischen Sinn und der Freiheits-liebe seines Volkes, der Arbeit und der Gewissenhaftigkeit seiner Behörden,und dem Umstande, daß es ihm nie an geistig hochstehenden Männernfehlte, die in der Hebung des Volkswohles und der Volksveredlung diewahre Befriedigung ihres Lebens fanden.

Nach diesem Rückblick in die Vergangenheit dürfen wir als Thur-gauer und als Eidgenossen des Ausblickes in die Zukunft nicht vergessen;gilt doch für uns alle, mehr als je, das Wort der Stauffacherin: „Siehvorwärts, Werner, und nicht hinter dich!“

Es ist hier nicht der Ort, aller Aufgaben zu gedenken, die ihrerLösung harren; aber einigen Gedanken, die sich dem Patrioten aufdrängen,möchte ich heute Ausdruck geben: Die neue Zeit tritt mit ungeheuer er-höhten Ansprüchen an alle Staaten, seien sie groß oder klein, heran, undwer wohl bestehen will in dem gewaltigen Wettlauf der Nationen, der