Lesstng.
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Ein schweres Gewitter begann über die deutschenLande zu fegen, mit spärlichen Sonnenblicken zwischenwechselndem Gewölk. In der Schlacht bei Roßbach jagteder große König die prahlerischen Franzosen und diebuntscheckige Reichsarmce am frühen Morgen in wildeFlucht. Das war nach dunkeln Tagen nationalerOhnmacht gleichsam die Morgenröte einer bessernZukunft.
Und wie frische Gebirgsluft fuhren die „Literatur-briefe" Lessings, der trotz vereitelter Hoffnungen mutigwieder zur Feder griff, in die damaligen dumpfen undungesunden Literaturzustände, bei denen das Hohle ge-priesen und das Treffliche verkannt wurde. An einenkranken Offizier waren sie angeblich gerichtet, um ihnüber die neuesten Werke zu belehren. Die Deutschen sollten von der sklavischen Bewunderung des Auslandesbefreit und im Vertrauen auf eigene Denkart befestigtwerden. Bei seiner leidenschaftlichen Wahrheitsliebe undgewissenhaften Strenge in der Kritik befolgte der Brief-schreiber den Grundsatz: „Einen elenden Dichter tadeltman gar nicht; mit einem mittelmäßigen verfährt mangelinde; gegen einen großen ist man unerbittlich."
Während die Anhänger Gottscheds in Leipzig dieäußere Form und die Zürcher den innern Gehalt derDichtung zum Maßstab ihrer Beurteilung machten, er-klärte Lesstng, daß sich Inhalt und Form harmonischdurchgingen müssen, daß also die Sprache dem Ge-danken angepaßt werde, oder wie ein späterer Dichter(Geibel) darlegte: