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hoffst du auf ihn? was betest du? Er hört dich nicht, wie in Erz ge-gossen, ist taub der Himmel und dir verschlossen. Oh komm in dieTiefe, da lebt sich's frei, da bricht das drückende Joch entzwei!" —Ach höre nicht, glaube nicht, was da verheißt der lockende, gleißendeLügengeist! Und siehst du auch vom Himmel kaum noch einen schmalenblauen Saum, verzage nicht! er bleibt dir treu, bald leuchtet dir dieSonne neu. „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der
„allertreusten Pflege Deß, der den Himmel lenkt; der Wolken, Luft und
„Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, wo„dein Fuß wandeln kann." — Sieh nur! wie drunten im engstenRiß, durch schwarze, schaurige Finsterniß, der kämpfende Rhein hindurchzum Licht so ritterlich die Bahn sich bricht. Sein muthiges Brausen
ruft dir zu: Hindurch, hindurch! bald siegst auch du. — Und
kommt es auch zur äußersten Enge, Gott hilft hindurch aus allem Ge-dränge; und schwindet dem Fuß der feste Weg, so baut dir Gott einenBrückensteg, und trägt dich über den Abgrund weg. Nur fest in Gott,nur unerschrocken! so kannst du lobsingen und frohlocken: Und ob ichschon wandre im finstern Thal, mir schwindet doch nimmer der HoffnungStrahl: denn du bist bei mir, dein Hirtenstab führt mich zum Leben,auch aus dem Grab.
2 Ja sieh, wie schon das Dunkel endet, wie sich der Weg zumLichte wendet! Die Via mala voll Nacht und Graus, sie mündet inLicht und Leben aus. Da öffnet sich mit einem Mal das lieblichheitre Schamserthal mit seinen grünen, blumigen Auen, bestrahltvom Himmel, dem sonnig blauen. Und nun: Hallelujah! lobe denHerrn! er führt so treulich, erlöst so gern. Und wird der Weg auchdunkel mir, Herr, dennoch bleib ich stets an dir; du führst mich ja aufrechter Bahn und nimmst mich endlich mit Ehren an.
223. Die Begrüßung des Meeres.
* Unermeßlich und unendlich,
Glänzend, ruhig, ahnungsschwer,
Liegst du vor mir ausgebreitet,
Altes, heil'ges, ew'ges Meer!
* Soll ich dich mit Thränen grüßen, wie die Wehmuth sie vergießt,wenn sie trauernd auf dem Friedhof manch' ein theures Grab begrüßt?
3 Denn ein großer, stiller Friedhof, eine weite Gruft bist du; man-ches Leben, manche Hoffnung deckst du kalt und fühllos zu.
^ Keinen Grabstein wahrst du ihnen, nicht ein Kreuzlein schlicht undschmal, nur am Strande wandelt weinend manch' ein lebend Trauermal.
5 Soll ich dich mit Jubel grüßen, Jubel, wie ihn Freude zollt,wenn ein weiter reicher Garten ihrem Blick sich aufgerollt?