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Die Förderung der Talente auf der Stufe der Volks- und Mittelschule : Vortrag, gehalten in der thurg. Schulsynode zu Frauenfeld den 29. Juni 1896 / von Jac. Christinger, Pfarrer und Sekundarschulinspektor
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| begabten Kinder angemessen hoch zu schätzen und vor ihnenDinge zu reden, die sie nicht hören sollten. Wenn dann nochdie Schule mit Lob und Auszeichnung allzu freigebig ist und nichtweise Mass zu halten versteht, so wird auch der gut angelegteCharakter verdorben. Ein stolzer und dünkelhafter Geist ent-wickelt sich in dem jungen Menschen, der sich bald genug aufallerlei unliebsame Weise kundgibt und sogar die Züge des An-gesichts unschön verändert. Er kann sich zum brennenden Ehr-geiz entwickeln, der zu viel will, zu viel von sich selbst und demSchicksal fordert und der später im Leben meist unheilvolle Früchteträgt. Oder er kann sich mehr passiv verhalten und zu jenerSelbstgenügsamkeit (Süffisance) auswachsen, welcher nichts mehrimponiert und welche alles ausser sich selbst mit kalter Gering-schätzung behandelt. In beiden Fällen liegt eine Missbildung desCharakters vor, welche der gedeihlichen Entwicklung und Be-tätigung des Talentes zum Schaden gereicheu wird. Wenn derEhrgeiz zur Ueberanstrengung und zu falschen Zielen führt, soverleitet der Dünkel zum Unfleiss und durch diesen zur Genuss-sucht, später wohl auch zu verkehrten Unternehmungen und Wag-nissen; denn es ist ja, wie der weise Dichter sagt: »AllgemeineBegriffe und grosser Dünkel sind immer auf dem Wege, schweresUnheil anzurichten«.

Es ist eine der schönsten Wirkungen der lieligions- undSittenlehre des Christentums, dass sie den Menschen in der Demuterhält, wenn er sich von ihrem Geiste erziehen und bilden lässt.Denn ihr Menschen-Ideal ist hoch und rein und ihre Vorbildersind alle von dem Geiste der Demut erfüllt. Die meisten be-kennen, dass sie das Vollkommene noch nicht ergriffen haben,sondern ihm nachjagen, ob sie es ergreifen mögen. Gerade indieser Richtung fällt dem Religions-Unterricht an der Bildungdes Charakters eine bedeutsame Aufgabe zu, die er auch durchalle Stufen der Mittelschule hindurch fortsetzen sollte.

Daneben hat die Schule aber auch in den weltlichen Fächernder Sprache und Geschichte vielfach Gelegenheit, dem Stolz undEigendünkel heilsam entgegenzuwirken, indem sie zeigt, wiedie Demut allen Gaben des Menschen nicht einen geringem,sondern grossem Wert verleiht und dazu mithilft, dass er sichnicht von den wahren Lebensgütern zu den glänzenden, abereiteln Dingen abziehen lässt.

) Göthe in den Sprüchen: Maximen und Reflexionen.