Wenn bis dahin fast nur von Knaben die Rede war, sohat es nicht die Meinung, als ob die Talente unter den Mädchenseltener und geringer wären; sie sind in gleichem Masse beimzarten wie beim starken Geschlechts vorhanden, nur mit den Mo-difikationen, welche eben die Natur in der Ausrüstung beider zuschaffen pflegt. Nach den Grundsätzen der neuen Erziehungslehresind talentvolle Mädchen in gleicher Weise wie die Knaben aufdie höheren Berufsarten vorzubereiten, im reiferen Alter so vielals möglich in besonderen Schulen. In jedem Kanton sollte eineTöchter-Sekundarschule so ausgebaut werden, dass sie auch dieGrundlagen der Vorbildung für einige wissenschaftliche Berufsarten,welche dem weibl. Geschlechte zugänglich sind, darbieten könnte.
Im allgemeinen sollen die Talente nicht zu früh in einerbestimmten Richtung beschäftigt werden, sondern in allen Fächernauf der Volksschulstufe tüchtig mitarbeiten, um so eine breite,solide und möglichst lückenlose Grundlage für ihre höhere Aus-bildung zu legen. Eine spezielle Beschäftigung in bescheidenemUmfang darf man erst etwa mit dem 9. Schuljahr ein treten lassen.Je weiter nach oben, desto mehr darf dann das Bedürfnis deskünftigen Berufes zur Geltung kommen. Die eigentlichen Berufs-wissenschaften, wie z. B. die Medizin, sind heutzutage so um-fangreich geworden, dass es nicht mehr angeht, die Zöglinge inden Mittelschulen so zu beschäftigen und zu bilden, als ob siealle dem gleichen Ziele zustrebten.
Es ist nützlich, die reiferen Schüler darauf aufmerksam zumachen, dass zu einer glücklichen Berufswahl drei Dinge vor-zugsweise notwendig sind: geistige Befähigung, wirkliche Neigungund körperliche Eignung. Das vierte wären die ökonomischenMittel, welche die Erlernung des Berufes erfordert. Sind jedochdie drei ersten reichlich vorhanden, so sollte es möglich sein,aus öffentlichen und privaten Hülfsquellen auch das letztere zubeschaffen. Wo ein recht gutes Talent in einer Volksschule sichfindet, das in ganz ärmlichen Verhältnissen aufwächst und vonHause aus wenig oder gar keine Hülfe zu erwarten hat, da solltedie Schulvorsteherscbaft mit Rat und Tat sich seiner annehmenund nötigen Falls ein Privatstipendium aus freiwilligen Beiträgenwohlhabender Mitbürger aufzubringen suchen. Aber es muss mithervorragender Begabung ein sittlich guter und fester Charakterverbunden sein, um die Unterstützung dauernd zu rechtfertigen.Für mittelmässige Talente und schwache Charaktere möchte ichnicht raten, grosse Opfer zu ihrer Ausbildung zu bringen. Sie