21
Der vornehme Aristokrat verstand es wie kein zweiter,den Beleidigten zu spielen. Die Autorität des Stadtrates ging ,ihm in diesen Tagen über alles, und wehe dem, der es wagte,sie auch nur um Haaresbreite zu untergraben. Was aus sei-ner Feder floß, gründete sich stets auf Recht und Gerechtigkeit.
Im Verkehr mit seinen Mitbürgern allerdings war er nichtder zugängliche Mann; der ziemlich stark ausgeprägte auto-kratische Geist, den nicht nur seine nähere Umgebung fühlte,trug ihm auch Gegner in der Bürgerschaft ein. Trotz die-ser Klippen änderte aber der Stadtamtmann seinen Kursnicht, sondern steuerte mit zielbewußter Hand das Gemeinde-schiff durch die Wirrsale und Nöten der Teuerung. Für dieAusführung des Schreibens an die Landesbehörde gebrach esihm für heute an der nötigen Zeit. Als Arzt hatte er doch auchseinem Berufe zu leben, und mancher Kranke erwartete ihnvielleicht bereits mit Sehnsucht. Darum schickte er den Ent-wurf an den Stadtschreiber Joh. Konrad Schlatter, damitdieser ihm beförderlichst die Reinschrift besorge. Als Dr.Scherb abends, müde von den anstrengenden Besuchen, seinHaus am Zeitglockenturm wieder aufsuchte, lag das Ge-wünschte aus seinem Pulte. In keckem Zuge fuhr die Federzur Unterschrift über das blaugraue Papier hin.
Alsdann kontrollierte er Satz für Satz auf seinen Inhalt,indem er laut zu lesen begann:
„Der Stadtrath von Bischoffzell an den Hochlöbl. Kleinen Rathdes Eantons Thurgau in Frauenfeld .
Hochgeachteter Herr Landaman!
Hochgeachtete Herren Regierungs-Räthe!
So wenig befremdend uns nach hierorts stattgefundenenBewegungen Hochdero Weisung war, über eine von meh-reren hiesigen Bürgeren gegen uns eingelegte Klagschrist Aus-kunft zu geben, so unerwartend u. tiefkränkend für uns mußteder Inhalt derselben seyn, da wir für hiesige Bürgerschaft ingegenwärtigen drillenden Aeitumständen, der Theürung undVerdienstlosigkeit nach unseren Kräften Vorsorge getrofen zuhaben u. solche falsche Angaben u. Beschuldigungen nicht ver-dient zu haben glaubten.
Um die Grundlosigkeit dieser Beschuldigungen darzutun,erlauben Sie uns, Hochgeehrteste Herren! Ihnen unumwun-den darzulegen, was hierorts für Unterstützung der ärmernKlaße u. der Bürgerschaft überhaupt getan worden.
Lezt verfloßenen Herbst, als der Preis aller Lebensmittelzu steigen angefangen u. wir daraus auf bevorstehende großeTheürung zu schließen berechtiget waren, beauftragten wir